Mai 122013
 

Eines der spannendsten Gebiete der heutigen Wissenschaften befasst sich mit dem Geist, unter dem englischen Begriff einer Theory of Mind. Das Spannende ist, dass es bei der Frage nach dem menschlichen Geist nicht um das Spezialgebiet einer einzelnen Wissenschaft geht, sondern um eine Frage, die nur interdisziplinär angegangen werden kann. Neurowissenschaften, Kognitionswissenschaft, Psychologie und Philosophie, um die wichtigsten Disziplinen zu nennen, können offenbar nur miteinander unter jeweils eigenen, aber auf einander bezogenen Fragestellungen denjenigen “Gegenstand” untersuchen, den man herkömmlich den “Geist” nennt, darunter das Bewusstsein als einem Spezialbereich, die Frage nach dem Ich, nach dem Selbst, nach dem “computationalen” Denkvermögen und vor allem nach der Physiologie und Funktionalität des Gehirns, das offenbar mit allen geistigen Prozessen unlösbar verbunden ist. Aber wie? (Einige frühere Beiträge in diesem Blog zeigen, dass mich diese Frage nicht los lässt.)

Und da ist sie auch schon, die Frage aller Fragen, an der sich die Geister (metaphorisch) scheiden. Weitgehend unbestritten ist es, von einer Korrelation zwischen neuralen Funktionen und geistigen Fähigkeiten zu sprechen. Aber was genau bedeutet diese Korrelation? Oder ist da mehr, nicht nur Korrelation, sondern Kausalität? Bedingen also physiologisch-neurale Prozesse alle Erscheinungen und Fähigkeiten des Geistes, des Bewusstseins? Neurologen formulieren meist, dass geistige Vermögen einschließlich des Bewusstseins auf neuralen Substraten “beruhen”. Aber was genau heißt dieses “beruhen”? Werden ausgelöst, verursacht, bedingt, beeinflusst? Oder “nur” begleitet, ermöglicht, basal fundiert im Sinne von “kein Geist ohne Gehirn”?

Auf Seiten der analytischen Philosophie hat sich die Fragestellung lange Zeit auf die “Qualia” konzentriert, also auf das sogenannte “phänomenale Bewusstsein”, das als “Gefühl von etwas” beschrieben werden kann. Was die Wahrnehmung der Farbe “rot” verursacht, wissen wir, aber können wir damit auch erklären, wie es sich anfühlt, “rot” zu sehen, also diesen (oder jeden anderen) sensorischen Eindruck zu haben? Die Verneinung der Frage argumentiert mit der berühmten “Erklärungslücke” (explanatory gap), die zwischen Bewusstsein und physiologischer Erklärung bestehe. Aber sind diese “sekundären Qualitäten” wirklich Gegenstände, also objektivierbare Gegebenheiten unseres psycho-physischen Erlebens oder sind es eher sprachliche Zuschreibungen, also kein introspektives “Was”, sondern eben ein “Wie”, in dem sich unser Erleben ausdrückt? Neurokognitionswissenschaft und philosophischer, d.h. epistemischer und / oder ontologischer Reduktionismus sehen hier allenfalls ein Scheinproblem. Vielleicht ist die Zuspitzung auf die Qualia auch nur ein in der Diskussion immer stärker isolierter Aspekt, der inzwischen das eigentliche Problem verdeckt: Können wir das Bewusstsein in all seinen Funktionen und Phänomenen naturwissenschaftlich erklären?

Neuronen (Wikipedia)

Neuronen (Wikipedia)

Immerhin ist es auch in der Hirnforschung unbestritten, dass trotzt gewaltiger Fortschritte in den letzten Jahren noch sehr Vieles wenn nicht das Meiste der Arbeitsweise des Gehirns terra incognita ist. Wir stehen da erst ganz am Anfang. Dies betont auch immer wieder der analytische Philosoph und Vertreter der “Selbstmodell-Theorie der Subjektivität”, insbesondere des “phänomenalen Selbst-Modells”, Thomas Metzinger. Seine genial klingende Theorie der mehrfach gestuften Selbstmodellierung als der repräsentationalen Arbeitsweise des Geistes bzw. des Bewusstseins fragt immer wieder nach den neuralen Korrelaten dieser Theorie, die es erst noch zu finden gilt. So forderte der finnische Neuro-Kognitionswissenschaftler Antti Revonsuo Ende der neunziger Jahre eine “multidisziplinäre Bewusstseinswissenschaft” (in “Grundkurs” Bd. 1, siehe unten). Allein die “systematische Beschreibung des Bewusstsein”, also der phänomenologischen Ebene, sei “vielleicht die größte Herausforderung”. Ohne Zweifel ist man damit inzwischen schon etwas weiter, aber offenbar keineswegs am Ziel. Und das ist ja nur der erste Schritt.

Zu leicht macht es sich auf jeden Fall die populäre Rezeption der Bücher von Antonio Damasio, dass halt “alles” im Denken und Empfinden “nur” Prozesse auf der Basis von neuronalen Substraten seien. Der Geist wird rasch durch das elektrische Funken und biochemische Prozesse des Gehirns ersetzt. Das ist dann nichts anderes als die recht vereinfachende These der Reduktionisten. Wie schon vor einhundert Jahren hat der (damals verbreitete) “biologische Mechanismus” den betörenden Vorteil eines einheitlichen und einfachen Weltmodells, nämlich des materialistischen. Wir werden um die relative Wahrheit dieses Ansatzes nicht herum kommen, aber man sollte den materialistischen Grundsatz auch nicht zum Glaubensbekenntnis der Wissenschaftstheorie hoch stilisieren. Oder ist er etwa nur ein Glaubenssatz, also ein weltanschauliches Axiom?

Abgesehen von der vor einigen Jahren in verschiedenen Feuilletons, Vorträgen und öffentlichkeitswirksamen Disputen behandelten Frage nach dem “freien Willen” – Wirklichkeit oder Illusion – ist das Interesse an den Theorien und Ergebnissen der Neurowissenschaften und der analytischen Kognitionswissenschaften öffentlich kaum vorhanden. Die Aufmerksamkeits-Karawane ist heute woanders hin gezogen. Wen es dennoch interessiert und wer sich über den aktuellen Stand der Wissenschaft informieren will, der kann zu “Der Ego-Tunnel” von Thomas Metzinger greifen (Taschenbuch 2009; 5. Auflage 2012): “Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik”. Diesem für das menschliche Selbstverständnis zentralen Thema, was denn “der Geist” ist und wie das “Selbst” zustande kommt, ist mehr Aufmerksamkeit zu wünschen. Denn die Wissenschaft vom Bewusstsein hat heute mindestens die Explanationsstufe “3.0″ erreicht.

[Die ausführliche Beschäftigung mit der analytisch-philosophischen Fragestellung anhand von zahlreichen klassischen Texten zu unterschiedlichen Positionen, jeweils kurz eingeleitet, ermöglicht  der dreibändige "Grundkurs Philosophie des Geistes" von Thomas Metzinger, 2006 - 2009.]

 12. Mai 2013  Veröffentlicht von am 13:15  Bewusstsein, Geist, Wissenschaft Tagged with: , , ,  Keine Antworten »
Apr 272013
 

Der Mensch sei “ein zweibeiniges, federloses Geschöpf”, so habe Platon gesagt. Diogenes habe ihm daraufhin einen gerupften Hahn vorgehalten, das sei also Platons Mensch. Dieser habe dann ergänzt, “mit platten Nägeln”, was aber auch nicht ganz überzeugte, zumal in dieser Ergänzung ein Wortspiel mit dem Namen Platons enthalten war. Also wurde korrigierend noch einmal erweitert “der Vernunft und Wissenschaft teilhaftig” – und damit haben wir den Salat. Auch wenn dieser aus kynischer Tradition überlieferte Wortwechsel zwischen Platon und Diogenes wohl nur legendarischen Charakter hat (eine entsprechende ‘Definition’ findet sich nirgendwo in den Werken Platons, 1), so ist sie zumindest gut erfunden, macht sie doch genau das Problem deutlich: Was zeichnet den Menschen gegenüber den übrigen Lebewesen, insbesondere den Tieren, aus?

“Was ist der Mensch?” Diese Grundfrage hat insbesondere die Philosophie zu allen Zeiten beschäftigt. Sie liegt aber auch aller Wissenschaft unausgesprochen zugrunde, wenn man durch Forschung und Wissen Aufschluss zu erhalten sucht über das, was einen selbst und die gesamte “Welt im Innersten zusammen hält”. Nun gut, könnte man meinen, da haben doch Biologie, Chemie, Physik, Medizin, aber auch Metaphysik, Anthropologie und nicht zuletzt die Überlieferung der Religionen einiges zusammengetragen. Besonders die neuzeitlichen Naturwissenschaften (science) haben inzwischen recht genau analysiert, wie sich der Mensch evolutionär entwickelt hat und wie er daraufhin physiologisch zu beschreiben ist. Die Neurowissenschaften bemächtigen sich derzeit mit erstaunlichen Fortschritten des menschlichen Gehirns, um seine basalen Zustände und Funktionsweisen zu erklären. Wenn auch längst noch nicht alles an und in unserem Gehirn verstanden ist, so kann man doch getrost davon ausgehen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die letzten Lücken geschlossen und neurophysiologisch und kognitionswissenschaftlich erkannt und verstanden sein werden. Die Frage ist nur: Hat man dann auch “automatisch” die Frage beantwortet, was der Mensch eigentlich als besonderes Wesen ist? Wie steht es mit dem erklärenden Zusatz “der Vernunft teilhaftig”? Kurz – was hat es mit dem Geist des Menschen auf sich?

Da haben wir den Salat deswegen, weil über die Beantwortung der Frage nach dem Geist, nach den mentalen Fähigkeiten und “mentalen Phänomenen”, unter den Wissenschaftlern und Philosophen allergrößte Uneinigkeit besteht. Und es kann hierbei auch keineswegs die Zuversicht geben, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis auch darüber Einvernehmen hergestellt ist. Das Problem beginnt schon bei der näheren Bestimmung des zu untersuchenden Gegenstandes “Geist”. Ist das Denkvermögen gemeint, der Verstand, die Vernunft, die Urteilskraft, die Logik? Ist das alles ein und dasselbe oder wodurch unterschieden? Ist es mehr die Fähigkeit, sich zu erinnern, sich etwas vorzustellen, zu planen, absichtsvoll zu handeln? Und wie verhält sich das Bewusstsein, zumal das “phänomenale Bewusstsein”, zum Bereich des Geistigen, insbesondere das Selbstbewusstsein? Oder ist es nur so etwas wie ein “Aggregatzustand” des Gehirns? Was ist mit Phantasie, Imagination, Intuition, und dann erst mit Empfindungen, Ahnungen, Gefühlen, die wir kennen und benennen? Was ist im Bereich des Geistigen das Objektive, was das Subjektive, oder ist schon diese Unterscheidung falsch? Was geschieht, wenn man die Frage “Was ist der Mensch” umformuliert zu der Frage “Wie fühlt es sich an, ein Mensch zu sein?”

Menschen - Bilder (Vancouver)

Menschen – Bilder (Vancouver)

Diese letzte Frage nimmt das etwas provokante Thema des US-amerikanischen Philosophen Thomas Nagel auf, der 1974 in einem berühmten Aufsatz fragte “What is it like to be a bat?”, was man übersetzen muss mit “Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?” Damit wurde mit einem Paukenschlag die bis heute andauernde Diskussion um die “Qualia” eröffnet, die, wie die einen meinen, sich jedem pysikalischen Reduktionismus entziehen, was die “Reduktionisten” oder “Emergentisten” energisch bestreiten – mit einer Vielzahl an differenzierenden Zwischenpositionen. Qualia (Plural, Singular: Quale, abgekürzt für “mentale Qualitäten” bzw. Qualitäten des phänomenalen Bewusstseins), scheinen sich einer biophysischen oder neurologischen Erklärung zu entziehen. Zwar kann man exakt angeben, was es elektrodynamisch und neurophysiologisch bedeutet, die Farbe Rot zu sehen, also zu beschreiben, welcher Vorgang beim Auftreffen des Lichtes auf die Zäpfchen in der Retina ausgelöst wird und schließlich an einer bestimmten Stelle optischer Wahrnehmung im Gehirn ankommt und “verarbeitet” wird, man kann also erklären, was passiert, wenn man Rot sieht, aber damit, so die entscheidende Zuspitzung, ist noch längst nicht gesagt, wie es sich im Innern des Sehenden anfühlt, rot zu sehen. Ebenso kann man alle Funktionen und Eigenschaften einer Fledermaus genauestens beschreiben bis hin zu einem denkbaren molekularen Nachbau (Kopie) eines solchen Tieres, ohne je zu wissen, wie es sich als Fledermaus anfühlt, eben eine Fledermaus und nicht ein Mensch oder sonst ein anderes Lebewesen zu sein. Wenn man sich in dieses Problem vertiefen will, tun sich einem Bücherschränke an Literatur aus den jüngst vergangenen Jahrzehnten auf. An der Charakterisierung dieser Qualia scheint so viel zu hängen, weil man darin einen irreduziblen “Rest” einer rein mentalen Fähigkeit erkennen will, die nicht von einem physikalischen Zustand verursacht ist. Hier scheinen also die hehren Retter der Unabhängigkeit des Geistes gegen die plumpen Naturwissenschaftler und Physikalisten zu stehen.

Ich betone “scheinen”, denn beim näheren Hinsehen sind auch die monistischen Positionen (im Gegensatz zu den Dualisten) weder plump noch geistesfremd. Es ist doch in der Tat die Frage, ob wir bei der Beschreibung dessen, was uns wissenschaftlich erkennbar ist, von einem einheitlichen, in sich kausal geschlossenen Weltbild ausgehen wollen, oder ob wir zwei verschiedene Ontologien, eine physikalische und eine geistige, meta-physische (darum Dualismus) behaupten wollen. Fragt man sich nun, warum der ganze Terz, ist das denn so wichtig? Kann man nicht einfach von zwei unterschiedlichen Wirklichkeiten (Ontologie = Seinslehre) ausgehen, wenn  einem eine einzige “rein” physikalische nicht auszureichen scheint? Das Problem ist dann nur anzugeben, wie sich diese beiden Seinsweisen denn aufeinander beziehen, da sie doch im Menschen offenkundig gemeinsam versammelt sind. Damit sind wir flugs bei Platon, Aristoteteles, und und und. Will man aber ein einheitliches “konsistentes” Weltbild zugrunde legen, wie es die naturwissenschaftliche Forschung de facto tut, dann bekommt man spätestens dann Schwierigkeiten, wenn  man die besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten beschreiben (um nicht zu sagen erklären) will, die für unverwechselbare Kennzeichen des Geistigen gehalten werden: Selbstbewusstsein, Erleben, Empfindung, Intuition, – von all dem, was man unter “Mystik” zusammen fasst, einmal ganz zu schweigen. Woher kommt “Neues” in die Welt? Was ist (nicht nur künstlerische) Kreativität? Wie verhält sich die Sprache zu unserer Erkenntnisfähigkeit? Wie soll man denjenigen Bereich des menschlichen Daseins verstehen, den Karl Popper so schön als “Welt 3″ kategorisiert, womit er die Welt geistiger “Gegenstände” (Gedanken, Ideen, Kultur) meint? Kann ich das alles im Ursprung “reduktionistisch” auf biophysische Vorgänge zurück führen, und wenn ja, was würde das genau bedeuten? Reduktion heißt ja nicht, verschwinden lassen, es bedeutet vielmehr eine Rückführung oder besser Verknüpfung der Erklärung und des Verstehens auf basale oder wenigstens vorgängige Strukturen und Funktionen, die unsere Welt, belebt und unbelebt, im Ganzen bestimmen und die wir unter anderem als Naturgesetze kennen. Dem unterliegt der Mensch doch auch sonst. Da kommen dann Begriffe wie Emergenz, Supervenienz und Epiphänomenalismus zur Geltung, die genau einen positiv gefüllten Begriff einer physikalistischen, monistischen Ontologie entfalten und erweitern wollen. Allein diese drei Begriffe zu erklären würde schon wieder einen längeren Aufsatz erfordern. Der Hinweis auf sie mag hier anzeigen, dass auch auf der Basis eines nicht-dualistischen Weltbildes die Dinge keineswegs einfacher liegen, als sie sich vermeintlich aus dualistischer Perspektive ergeben.

Eines allerdings, und darin sind sich fast alle Gegenwartsphilosophen einig, ist ‘verbotenes Land’, zumindest vermintes Gebiete: die Metaphysik, gerne mit dem Adjektiv “traditionell” versehen. Alle bisher beschriebenen Bemühungen sind in dem Bereich der Philosophie angesiedelt, den man als “analytisch” bezeichnet, mit oder ohne  ”linguistic turn”. Die analytische Philosophie wollte und will sich als Alternative zu metaphysischen Spekulationen anbieten, die man zum Beispiel im Deutschen Idealismus kulminieren und zu überwinden sieht. Ganz klar, zu Hegel & Co. gibt es kein zurück, und das ist auch gut so – aus meiner Sicht. Aber die Verheißungen der analytischen Philosophie, die Phänomene von Geist und ‘Sinn’ einfacher, klarer und konsistenter zu beschreiben und zu verstehen, haben sich definitiv nicht erfüllt, fast möchte man sagen: eher im Gegenteil. Aber wenn auch neben vielen sehr guten Ergebnissen (wie die genauere Bestimmung von Qualia, Emergenz, Supervenienz, epistemischer oder nomologischer Ontologie und vielem anderen mehr) auch Abwege und Sackgassen deutlich werden, so ist damit auch viel gewonnen. Mir scheint besonders die extensive Diskussion der Qualia inzwischen in einem unergiebigen Abseits gelandet zu sein. In der Verlagsbeschreibung eines neueren Buches von Michael Pauen zum Thema Qualia heißt es sehr schön:

Wie kann das phänomenale Bewusstsein in unser naturwissenschaftliches Weltbild integriert werden, wenn doch, wie viele Philosophen des Geistes heute glauben, auch seine Abwesenheit mit allen naturwissenschaftlichen Tatsachen logisch vereinbar ist? Hier haben sich in der jüngsten Diskussion zwei Strategien heraus kristallisiert: Erstens die Strategie der phänomenalen Begriffe, derzufolge die explanatorischen Rätsel des phänomenalen Bewusstseins nichts mit einer ontologischen Kluft zwischen dem Physischen und dem Phänomenalen zu tun haben, sondern sich allein aus den Besonderheiten unserer phänomenalen Begriffe ergeben. Zweitens die Strategie des verfehlten Erklärungsmodells, derzufolge die gegenwärtigen Schwierigkeiten mit reduktiven Erklärungen phänomenaler Eigenschaften nichts mit unerklärbaren Besonderheiten des Bewusstseins zu tun haben, sondern einfach mit falschen Vorstellungen darüber, wie reduktive Erklärungen funktionieren.

Ja, an “verfehlten Erklärungsmodellen” könnten viele der genannten Probleme wirklich liegen. Es geht also wieder einmal darum, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und dazu war in der Philosophie oft genug Anlass und ist immer eine besondere Anstrengung nötig.

Was also ist der Mensch, dieses “zweibeinig federlos Geschöpf, plattnägelig, der Vernunft und Wissenschaft teilhaftig”? Spannende Frage. Wir werden dran bleiben müssen.

___________

1) siehe in Margaret Billerbeck (Hrg.), Die Kyniker in der modernen Forschung, 1991, den Beitrag von C.W. Goettling, Diogenes der Kyniker, S. 43 (Google books)

 27. April 2013  Veröffentlicht von am 12:19  Anthropologie, Philosophie Tagged with: , , ,  Keine Antworten »
Apr 212013
 

Es ist schwierig, die gegenwärtige Zeit in Gedanken zu fassen. Das liegt weniger daran, dass die Gegenwart so schwierig wäre, sondern verweist auf ein grundsätzliches Problem. Die unmittelbare Nähe und Distanzlosigkeit des Erlebens der jeweils aktuellen Zeit macht es nahezu unmöglich, in der Gegenwart etwas “objektiv” zu sehen, denn das hieße ja: aus der Distanz, mit Abstand. “Mit Abstand von einigen Jahren” sieht bekanntlich alles ganz anders aus. Der subjektive Gesichtswinkel, aus dem heraus man jeweils seine Zeit wahr nimmt und beurteilt, ist ebenfalls unvermeidbar, solange die unmittelbare Mitbetroffenheit im Verlauf gegenwärtiger Ereignisse und Erscheinungen die neutrale Position aus der Perspektive eines Dritten unmöglich macht. Es ist das oft zitierte Problem, den Vogel aktuell im Fluge zu zeichnen. Ohne die Richtung und das Ziel zu kennen, ist das ein schier unmögliches Unterfangen. Völlig anders ist die Situation, wenn man die mediale Aufzeichnung desselben Vogelfluges betrachtet. Da ist dann jegliche Beschreibung und Analyse sehr leicht möglich, weil der Gesamtverlauf bekannt ist.

Wiewohl die Beurteilungen von Zeiterscheinungen also stets und prinzipiell schwierig sind, gibt es doch Dinge und Erscheinungen, deren “Gegenwart” sich bereits eine Zeit lang hin dehnt, die also rückblickend einen Verlauf aufweisen. Hier ist es schon leichter, zu Beurteilungen zu gelangen, da ihre jeweilige Gegenwart bereits einen Teil (naher) Vergangenheit und somit Distanz enthält. Offensichtlicher sind daneben solche Phänomene der Gegenwart, die sich leicht als Modeerscheinung, als ‘Hype’, erkennen lassen, weil sie vielfach medial verstärkt gleichsam von allen Dächern zugleich herab tönen und in vielen gesellschaftlichen Bereichen zugleich auftreten. Ihre mediale Verstärkung macht sie nur scheinbar übermächtig. Zwischen noch unklaren Ereignissen der Gegenwart mit ungewissem Ausgang und unsicherer Bedeutung einerseits und klar erkennbaren Modeerscheinungen der Alltagsöffentlichkeit andererseits liegen Trends. Trends können eine tatsächliche Richtung, ein wirkliches Gefälle (‘bias’) der Entwicklung anzeigen, sie können aber auch ganz in die Irre gehen oder in eine Sackgasse führen. Da ist man erst hinterher schlauer. Wer einen ‘richtigen’ Trend erkennt (zum Beispiel an den Börsen, in der kulturellen oder auch technologischen Entwicklung), gilt dann im Nachhinein als ein besonders schlauer oder genau analysierender Zeitgenosse, – dabei hat er wahrscheinlich in einem konkreten Fall nur Glück gehabt. Über erfolgreiche Trends wird berichtet, – falsch erkannte Trends werden schnell vergessen.

Mit dieser vorsichtigen Annäherung und durch Hinweis auf die möglichen inkludierten Schwierigkeiten einer Zeitbeschreibung möchte ich nun doch ein paar Beobachtungen über die Gegenwart aus versuchter Distanz heraus mitteilen. Es gibt eine Reihe von Dingen und Zuschreibungen, die zwar wieder und wieder geschrieben und verbreitet werden, die also so etwas wie eine öffentliche Übereinkunft über den Zustand der Gegenwart darstellen, die aber nichts desto weniger fragwürdig und bezweifelbar und also keineswegs selbstverständlich sind.

Ein Beispiel ist die Aussage, die gegenwärtige Zeit sei besonders “beschleunigt”. Das bezieht sich dann auf gesellschaftliche Veränderungen einerseits und auf technologische  Entwicklungen andererseits. Oft wird die Feststellung einer Beschleunigung auch mit dem Hinweis auf die Hektik des Alltags begründet. Das aus meiner Sicht einzig konkret fassbare Datum (=Gegebene) aber ist die zunehmende Verdichtung von mancherlei Arbeits- und Produktionsprozessen. Hier ist die Aussage einer Beschleunigung sicher zutreffend. Ob das aber im Blick auf das Leben insgesamt gilt, ist für mich eher zweifelhaft. Konkrete Alltagsbeobachtungen sprechen eher dagegen. Ob man sich gerne in jeden Trubel stürzt und möglichst viel mit bekommen will oder ob man bedächtiger und behutsamer Schritt für Schritt an Dinge und Entscheidungen heran geht, ist eine Frage der persönlichen Einstellung, der Mentalität. Die angeblich so verbreitete Beschleunigung der Lebensverhältnisse und ihrer Veränderungen besteht zum einen aus der Verwechslung von Beschleunigung mit selbst induzierter Hektik (man macht sich Stress) vermittels übersteigerter Ansprüche, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erleben, zum anderen darin, dass der erlebnishafte Vergleich mit der Vergangenheit fehlt. Liest man zeitgenössische Berichte zum Beispiel aus den “goldenen Zwanzigern” des vorigen Jahrhunderts in Berlin, so ist die Klage oder Freude über eine übergroße Hektik (“Jubel, Trubel, Heiterkeit”) kaum zu übersehen. So neu scheint das Phänomen der Beschleunigung also gar nicht zu sein. Dass die jeweilige Zeit hektisch und überstürzt sei, wurde eigentlich zu vielen Zeiten gesagt (vgl. Renaissance). Darüber hinaus zeigt uns die Sozialforschung, dass sich Einstellungen und Mentalitäten nur sehr allmählich, im Grunde nur von Generation zu Generation wirklich ändern und verschieben. Was also ist heute so “beschleunigt”?

Times Square NY

Times Square NYC

Am ehesten scheint das auf die technologischen Entwicklungen zuzutreffen. Die Taktzahl der allfälligen Neuerscheinungen hat sich gewaltig erhöht; alle halbe Jahr gibt es neue technische Geräte, insbesondere im Bereich von Medien und Kommunikation (Handys!). Doch marktgetriebene Neuerungen sind selten eine wirkliche Beschleunigung, entpuppen sich doch die meisten Neuheiten als nur geringfügig verbesserte Altversionen. Auch technologische Entwicklungsschübe bleiben weitaus seltener, als es die medialen promotions (PR!) glauben machen. Wie das Automobil in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die künftige Entwicklungen verändernde und bestimmende Neuerung war, so dürfte wohl die Verbreitung des Mediums Internet zu den wegweisenden Neuerungen dieses Jahrhunderts gehören. Ein neues iPhone allerdings macht wie eine Schwalbe noch längst keinen ‘beschleunigten’ Sommer. In diesem Sinne sind konsumorientierte Neuheiten eigentlich nichts, was eine Beschleunigung des Lebens des Einzelnen bewirken könnte. Auch hier zeigt sich beim näheren Hinsehen, dass sich Verbraucherverhalten nur sehr allmählich ändert und auf neue Verhältnisse einstellt. Hier muss man manche “Internetfuzzis” bei aller Begeisterung einfach mal auf den Boden der Tatsachen zurück holen.

Ein anderes Phänomen ist der Burn-Out. Unter Medizinern ist es nach wie vor umstritten, ob es sich dabei um ein eigenes Krankheitsbild handelt, und wenn ja, um welches, oder ob es sich um eine unscharfe Bezeichnung für ein Art von Depressionen oder depressivem Verhalten handelt. Schaut man in die Medien, bekommt man allerdings den Eindruck, es handele sich um eine neue Volksseuche. Nun ja, vor einhundertfünfzig Jahren gehörte es in der Damenwelt zum guten Ton, regelmäßig in Ohnmacht zu fallen. Mir scheint das, was man mit Burn-out-Syndrom bezeichnet, eher ein symptomatischer Ausdruck für ein Gefühl der Selbstüberforderung zu sein. Die kann natürlich auch handfeste klinische Befunde verursachen. Die Leidenserfahrung Betroffener will ich weder klein reden noch ignorieren. Nur könnten die Ursachen und Zusammenhänge von anderer Art sein, als es die “Modekrankheit” Burn-Out anzeigt. Das Ausgebranntsein hat zwar auch etwas mit Selbstüberschätzung bzw. Selbstüberforderung zu tun, vor allem aber verweist es auf eine Desorientierung und vielleicht sogar Desillusionierung innerhalb der umgebenden Lebenswelt.

Damit kommen wir zu einem dritten Bereich, der als letztes Beispiel dienen soll. Es handelt sich um die viel beschworene zunehmende Komplexität unserer Gesellschaft und Lebensverhältnisse. Dabei ist es zunächst einmal gleichgültig, ob diese Zunahme der Komplexität real abbildbar ist, oder ob sie als solche lediglich erlebt wird. Letzteres ist offenkundig der Fall, bei Ersterem bin ich mir nicht so sicher. Meine These ist dabei, dass es weniger die objektiven Verhältnisse unseres Lebens sind, die so viel ‘komplexer’ geworden sind, als vielmehr die Art und Weise, wie wir mit den Gegebenheiten und Zufälligkeiten der Ereignisse des Lebens umgehen. Leben ist immer und an sich von großen Zufälligkeiten und überraschenden Veränderungen geprägt, eine Allerweltsweisheit. Dem sollten in früheren, zum Beispiel eher ständisch organisierten Gesellschaften, klare Orientierungsrahmen entgegenwirken, die als Lebensordnungen bestimmten Werten folgten und einigermaßen klare Verhaltensweisen in den Unfällen des Lebens ermöglichten. Der Aufbruch in eine offene Gesellschaft der individuellen Freiheit, der Auswahl eigener Werte ohne vorgegebenes Wertesystem, die zunehmende Eigenverantwortlichkeit für die Gestaltung des eigenen Lebensverlaufs, sind große neuzeitliche Errungenschaften für die Selbstwerdung als freie Person, werden aber mit einem Verlust an selbstverständlicher Stabilität und Systemorientierung  erkauft. Ein guter Teil dessen, was heute als Zunahme objektiver Komplexität beschrieben wird, ist viel mehr der subjektiven Seite des Umgangs mit stets unsicheren und wechselhaften Lebensverhältnissen zuzuschreiben. Wenn es keine oder kaum selbstverständliche Verhaltensweisen im Umgang mit den Zufälligkeiten und Wechselfällen des Lebens gibt, muss sich jeder einzelne stets aufs Neue damit für sich auseinandersetzen und einen Ausweg finden. Das ist der Preis der Freiheit, der Offenheit und der Individualisierung unserer Lebensverhältnisse. Wer sie nicht missen möchte (ich gehöre jedenfalls dazu), muss damit leben, dass die Verhältnisse und Gegebenheiten jeweils eine eigene Entscheidung erfordern, dass eigene Werte und Verbindlichkeiten gesucht und freiwillig befolgt werden wollen und dass diese Freiheit und Offenheit in unserer modernen Gesellschaft der Individuen eben auch anstregend sein kann. Sich Übersicht zu verschaffen über die eigenen Lebensumstände und Ziele und hierbei eigene Prioritäten zu setzen fernab von gesellschaftlich verbindlichen Konventionen muss erlernt und geübt werden. Was Wunder, wenn sich da bisweilen das Gefühl der Überforderung und der “Überkomplexität” der Lebensverhältnisse breit macht. Die offene Gesellschaft freier Individuen in der modernen Zeit (“everything goes”) gibt es tatsächlich nicht zum Nulltarif.

Dies sind nur einige Aspekte der Betrachtung unserer Gegenwart. Vor allem was den Blick auf die Entwicklung der modernen Gesellschaft betrifft,  ist hier nur ein einziger, wenngleich grundsätzlicher Aspekt genannt worden. Selbstverständlich sind die politischen Verhältnisse, Machtstrukturen, kulturelle Bindungen und Verflechtungen, globalisierte Entwicklungen usw. usw. in eine genauere Analyse einzubeziehen. Hier geht es nur um einige Beobachtungen und Anregungen, die gegenwärtige Zeit und einige ihrer Entwicklungen ruhig in den Blick zu nehmen. Das Bild ließe sich um viele Aspekte ergänzen, erweitern, korrigieren. Nur der Versuch der vorsichtigen Distanzierung (Abstand gewinnen) kann hierbei weiter helfen.

 21. April 2013  Veröffentlicht von am 11:04  Gesellschaft, Moderne Tagged with: , , ,  Keine Antworten »
Apr 062013
 

Mit der Öffentlichkeit ist das so eine Sache, zumindest mit der Öffentlichkeit in den Medien. Würde man sie als realistischen Spiegel der gegebenen Verhältnisse ansehen, dann entstünde ein merkwürdiger Eindruck. Etwas Verwirrung und Unschlüssigkeit ist da zu erkennen über das, was derzeit “wirklich” Sache ist, ein Rauschen, das kaum markante Spitzen aufweist. Die “Netzgemeinde” ist schnell abgehandelt, denn spätestens seit Sascha Lobos kritischem Beitrag ist diese hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet und mit Selbstbetrachtungen beschäftigt. Typisch dafür ist auch die Selbstzerlegung der Piraten, die gerade in NRW mit einem neuen Akt in diesem kleinlichen Drama aufwarten. Aber das betrifft inzwischen nur noch einen minimalen Bereich öffentlicher Beachtung und Wahrnehmung.

Dass der Wahlkampf angeblich begonnen hat, merkt man kaum, seit Steinbrück keine unterhaltsamen Beiträge mehr liefert. Von der Regierung hört man eh nichts mehr. Zypern-Krise? Irgendwie kein Aufreger, oder nur ein sehr kurzer wegen der Sparer, aber dass beim Geld nichts mehr undenkbar ist, hatte man auch vorher schon geahnt. Euro-Krise? “Überstanden”, heißt es beruhigend aus Brüssel, auch wenn sich eigentlich nichts wesentlich geändert hat. Die Rezession und damit verbunden Arbeitslosigkeit und Lethargie wachsen in den Ländern Südeuropas. Ob das mit der Lethargie stimmt, weiß ich nicht, das ist nur mein Eindruck aus der “öffentlichen Meinung”, seit in Athen, Nikosia, Lissabon oder Madrid keine Massenproteste mehr vermeldet werden. Aber es würde schon passen, denn in der Not denkt jeder an sich selbst zuerst.

Bei uns im Land scheint die Wirtschaftsentwicklung stabil zu sein mit weiterhin positiven Aussichten. Gute Lohnabschlüsse sorgen in großen Teilen der Bevölkerung für das nötige Kleingeld zur Belebung von Konsum und Reisen. Wenn des Handels größte Sorge der verspätete Frühling ist mit wenig Lust auf Gartenpflanzen, Neuwagen und Sommerklamotten, dann scheint es uns so schlecht nicht zu gehen. Miese Nachrichten findet man wenige, abgesehen von der nicht neuen Klage über steigende Mieten in den attraktiven Ballungsräumen. Selbst die Strompreise treiben niemanden auf die Straße. Über “Armut” bei uns klagt es sich auch nicht mehr so leicht, seit man sieht, was Armut zum Beispiel in Griechenland aktuell wirklich bedeutet. Also was solls? Ach ja, Korea, irgenwie ein Irrer, leider sehr ernst zu nehmen. – Ansonsten alles gut.

Satellitenantenne (Google)

Satellitenantenne (Google)

Dabei gäbe es genug Dinge, die eines “öffentlichen Diskurses” bedürften, oder sagen wir es einfacher: über die geredet, diskutiert, gestritten werden sollte. Da sind die Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrisen. Wenn die heiße Phase hektischer Nachtsitzungen erst einmal vorbei zu sein scheint, wäre es doch an der Zeit, sehr ernsthaft nach den Ursachen zu forschen. Viele der schnell geäußerten Gründe sind eher Schuldzuweisungen denn genaues Fragen nach den komplexen Zusammenhängen. Auf Ungleichgewichte der Wirtschaftsräume, auf die Folgen der ‘neoliberalen’ Marktideologie, auf eine aggressive Exportpolitik (ja, damit ist Deutschland gemeint) ist mancherorts schon hingewiesen worden. Dem wäre noch viel genauer nach zu gehen. – Dann ist da das weite Feld der Energieversorgung und der Energiepolitik, die bei uns kaum sachdienlich, sonder sehr ideologisch (“öko” ist per se gut) “veröffentlicht” wird, – “diskutiert” kann man das ja kaum nennen. Hier wäre eine wirklich streitige Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit angesagt. Der Strompreis ist nur der eine Aspekt, die Folgen des Klimawandels sind ein anderer. Auch wenn die Prognosen auf prinzipiell unsicheren Modellen beruhen (es können nur Annäherungen sein aufgrund bekannter Daten), ist das Nachdenken und die Diskussion darüber keine Angelegenheit, die man als Modethema mal aufbauschen und dann wieder in der Versenkung verschwinden lassen darf.

Eigentlich geht es bei all diesen Themen um die grundsätzliche Frage, wie wir denn künftig leben wollen, welche Welt wir unseren Kindern bauen und hinterlassen wollen. Einig sind sich eigentlich alle öffentlichen Äußerungen darin, dass wir uns in Zeiten eines rasanten Umbruchs befinden. Es ist ein Umbruch in Wirtschaft, Gesellschaft und Familie, ein Wandel des Verhaltens in Kultur und gegenüber der Um-Welt, ein “Paradigmenwechsel” der technischen und medizinischen Möglichkeiten, deren Ausmaß noch kaum abzuschätzen ist. Wie wollen wir leben? Wie soll die Welt aussehen, in der wir und unsere Kinder leben wollen und können? Welche Werte können da weiterhin gelten, welche Werte gilt es als verändert zu akzeptieren? Wie gehen wir mit der Tatsache weiträumiger Migration um? Was bedeutet das dichte, spannungsreiche Zusammenleben ganz unterschiedlicher Kulturen (weltweit!) für den Alltag? Wenn es keine Grenzen des technisch Machbaren gibt, wie gehen wir mit den Perspektiven künftiger Entwicklungen zum Beispiel der Veränderung des menschlichen Erbguts um? Es ist keine Frage mehr des Ob, sondern nur noch des Wie. Wissen und Fakten kann man nicht annullieren.

Die Öffentlichkeit scheint das nicht zu interessieren, zumindest die mediale Öffentlichkeit nicht. Aufklärungs- und Informationsbedarf ist genug da. Anschauungsmaterial ebenso; an kundigen und verständlichen Beiträgen aus Wissenschaft und Forschung mangelt es nicht. Ich erlebe es so: Da, wo derartige Themen und Perspektiven artikuliert werden, da sagen die Menschen: “Das ist ja wahnsinnig interessant, da müsste man doch viel mehr drüber erfahren und viel intensiver diskutieren.” Genau dafür ist die Öffentlichkeit doch da. Die “Wissensgesellschaft” hat eine einzige Voraussetzung: dass man sie auch am Wissen teil haben lässt, nicht nur in Nischen und elitären Zirkeln. Volker Gerhardt hat mit seinem Vertrauen in die rein “an sich” gegebene aufklärerische Struktur der Öffentlichkeit eine doch etwas reichlich abgehobene These vertreten. Da ist mehr “Fleisch” nötig, denn es geht immer auch und zuerst um Interessen und um Macht. Ob die “Netzgemeinde” ohnmächtig ist oder sich selbst beweint, ist ziemlich gleichgültig. Ganz und gar nicht gleichgültig ist es aber, dass die öffentliche Diskussion der uns und unsere heutige und künftige Welt bewegenden Themen eingefordert wird. Das geht nur, indem immer wieder Fragen gestellt werden, dass zum Beispiel Konzepte der TV-Talks durch Querfragen durchbrochen werden, dass die Möglichkeiten der Kommunikation im Netz weit mehr und besser genutzt werden. Bislang lässt dort oft nur ein neues iPad oder Samsung Galaxy den Erregungspegel steigen. DAS ist entschieden zu wenig, wozu das Netz bisher taugt.

Die Öffentlichkeit hat eine eigene Struktur, die ständig im Wandel ist. Richtig. Die öffentliche Diskussion aber braucht ebenso sehr Sachhaltigkeit und Interesse an gegenseitiger Orientierung. Daran fehlts. Darum klingt das öffentliche Getöse so wirr. Wie wollen wir morgen leben? Darum gehts.

 6. April 2013  Veröffentlicht von am 10:08  Gesellschaft, Kultur Tagged with: , , , ,  1 Antwort »
Apr 012013
 

Volker Gerhard hat uns mit seinem jüngsten Werk einiges zu lesen und zu denken aufgegeben. Das umfangreiche und im wahrsten Sinne vielseitige Werk trägt sein Programm zwar im Titel, nämlich „Öffentlichkeit als politische Form des Bewusstseins” darzustellen, aber was dies für Gerhardt bedeutet, weiß man natürlich erst nach der Lektüre. Vermuten darf man bei diesem Titel eine Auseinandersetzung mit dem neuzeitlichen Phänomen Öffentlichkeit, erwarten kann man eine begriffliche Bestimmung dessen, was heute sinnvoll unter Öffentlichkeit zu verstehen ist im Zusam­menhang von individuellem Bewusstsein und allgemeiner Politik. Gleich auf den ersten Seiten formuliert darum Gerhardt sein Programm: eine neue, alles auf den Kopf stellende Lösung „eines der ältesten Rätsel“: „Das uns Nächste des individuellen Bewusstseins soll das Allgemeine der Gegenstände und Begriffe sein, während das scheinbar Erste der subjektiven Empfindungen und Gefühle sich als relativ später Eintrag einer individuellen Distanzierung erweist.“ Er möchte „das scheinbar Privateste, nämlich das Selbstbewusstsein des einzelnen Menschen, als ein[en] Spezialfall des Öffentlichen [verstehen], in dem alle verständigen Wesen verbunden sind.“ (13) Das klingt provokativ und ist auch so gemeint. Wie das genauer zu verstehen ist, skizziert Gerhardt in seiner Einleitung über die „Weltöffentlichkeit des Bewusstseins“.

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Dies ist die Einleitung eines Textes, in dem ich mich ausführlicher mit Volker Gerhardts Buch “Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins” (2012) auseinander setze. Ich gebe einen Überblick über den Aufbau und die einzelnen Kapitel des Werkes und gehe dann näher auf drei Problemkreise ein: auf den Gebrauch des Begriffs Öffentlichkeit; auf den Komplex Bewusstsein – Geist – Seele; auf die explizit aufklärerische Zielrichtung; auf die Ontologie des Naturalismus, die seiner Theoriebildung zugrunde liegt. Dabei stelle ich Anfragen nach dem rechten Verständnis, nach der Schlüssigkeit und nach den Voraussetzungen Gerhardts bei der Behandlung dieses großartigen Themas “Öffentlichkeit”.

Mein Text ist mit einigen Anmerkungen versehen, die auf die Hintergründe meiner Kritik verweisen. Die in runde Klammern gesetzten Zahlen sind stets Seitenangaben aus dem besprochenen Buch Gerhardts. Ich habe mich auf diese letzte und bislang umfassendste Darlegung Volker Gerhardts beschränkt; frühere Werke über Selbstbestimmung (1999), Individualität (2000) und Partizipation (2007) finden breiten und zum Teil veränderten Eingang in das vorliegende Buch. Einen guten Überblick über Gerhardts Wirken gibt der Wikipedia-Artikel. Meine Auseinandersetzung mit Gerhardt ist trotz der zehn Seiten recht komprimiert und vielleicht nicht immer klar  und  leicht genug zu verstehen. Zumindest habe ich versucht, die Voraussetzungen meines eigenen Denkens anzudeuten. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin mögen sich ihr eigenes Bild davon machen. Hier ist der Link zum Text (PDF):

Reinhart Gruhn, Bemerkungen zu Volker Gerhardt, Öffentlichkeit.
Die politische Form des Bewusstseins, München 2012

Öffentlichkeit

Öffentlichkeit (in Kempten)

UPDATE, am 4.4. gefunden:

“Mit ihrer Hilfe entwickeln sich jene Gesellschaften, denen wir schon im außermenschlichen organischen Leben begegnen, zu höheren Stufen gesellschaftlichen Lebens und schließlich zur Bildung eines sozialen Bewußtseins im Menschen… Sein Selbstbewußtsein gewinnt der Mensch durch das Medium gesellschaftlichen Lebens.”

Ernst Cassirer, 1944

 1. April 2013  Veröffentlicht von am 09:25  Öffentlichkeit, Philosophie Tagged with: , , , , , ,  1 Antwort »
Mrz 272013
 

Im vorigen Blogpost über die Ethik der Tiere ist ein Aspekt denn doch zu kurz gekommen. Bei der Frage nach einer “Würde aller Lebewesen” habe ich auf die “brutale” Distanzierung des Menschen vom Tier hingewiesen. Nicht als Objekt sollte das Tier behandelt werden, sondern als Subjekt, als “Mitgeschöpf”, als ‘beseeltes Lebewesen’ muss es in den Blick einer ethischen Betrachtung genommen werden. Dies gilt nicht nur nach der negativen Seite hin (Tierquälerei, Massentierhaltung), sondern auch nach der positiven Seite: Das Tier als ‘bester Freund des Menschen’.

Tiere hatten zu allen Zeiten eine ganz besondere Rolle in der Entwicklung und Ausgestaltung der menschlichen Kultur. In den verschiedensten Kulturen und religiösen Kulten spielen “heilige” Tiere eine ausgezeichnete Rolle. Bei Löwen und Stieren mag man das ja noch leicht verstehen als lebendige Symbole der Kraft, aber erstens ist das, schaut man näher hin, doch nicht so einfach mit der Deutung als simples Kraftsymbol, zweitens tauchen da noch ganz andere Tiere auf: die Schlange, der Affe, bestimmte Vögel, Kühe, Gänse, der Wolf, der Wal, der Reiher – die Reihe ließe sich noch lang fortsetzen. Gemeinsam sind nicht bestimmte, gleichartige Eigenschaften dieser Tiere, sondern ihre besondere Bedeutung. Sie sind Träger des Göttlichen; in ihrer Gleichartigkeit und Unterschiedenheit vom Menschlichen stehen sie für die geheimnisvolle Macht der Götter und Geister, die auf eigentümliche Weise in die Lebenswelt der Menschen hinein wirken und sich dem Menschen zugleich entziehen. Tiere gehören damit zu dem, was den Alltag und die eigene Natur des Menschen transzendiert; bestimmte “heilige” Tiere haben dafür eine besondere Symbolkraft gewonnen. Symbol ist mehr als bloßes Zeichen: Das Symbol wirkt, wofür es steht. Mir scheint, hier ist das Wissen kondensiert, dass Mensch und Tier zwar besonders zusammen gehören, aber ebenso eigentümlich von einander unterschieden sind, so wie es auch für das Göttliche, die Geister und Ahnen gilt.

Grotte Chauvet (Wikipedia)

Grotte Chauvet (Wikipedia)

In anderer Weise sind Tiere zu lebensnotwendigen Partnern geworden: bei der Jagd, als Wächter, als Last- und Zugtiere, als Hilfen zur Fortbewegung wie Pferde, Kamele, Huskies. Hier ergänzt das Tier mit seinen Fähigkeiten das, was der Mensch nicht so gut oder gar nicht kann. Eine Kulturgeschichte zu schreiben ist ohne eine Geschichte der “Kultivierung” der Tiere nicht möglich. Erst durch Mechanisierung und Technisierung haben die Tiere ihre wichtige Funktion als Helfer des Menschen weitgehend verloren. Der Mensch hat damit aber auch das lebendige Gegenüber verloren, das ihm seine Grenzen gezeigt und sich mit seinen ganz eigenen Fähigkeiten besondere Wertschätzung, ja Respekt, erworben hat. Heute sind viele Tierarten nur noch auf den “Nutzen” für die Ernährung des Menschen zusammen geschrumpft. Das ist kulturgeschichtlich eine recht neue Entwicklung, die mit der Industrialisierung zusammen hängt. Sie ist offenbar auch die Ursache für eine massive Veränderung des Verhaltens der Menschen gegenüber den Tieren.

Zu dieser Veränderung gehört auch das Phänomen der Haus- und Lieblingstiere. Tiere als des Menschen bester Freund gab es zu allen Zeiten (der treue Hund, das anhängliche Pferd). Nie zuvor allerdings hat das Tier als Haus-, besser Wohnungstier eine solche Rolle gespielt wie heute bei den Stadtmenschen. Es gibt in Deutschland Millionen von Hunden, Katzen (“Stubentiger”), Vögeln, die die Wohnungen bevölkern. Sie sind Teil der Familie und Begleiter im Alter und bei Einsamkeit. Sie sind der Mode unterworfen und gehören bisweilen zu den Statussymbolen. Sie werden geliebt, verhätschelt, – und immer wieder auch vernachlässigt und ausgesetzt. Die Hersteller und Verkäufer von (Haus-)  Tiernahrung und Tierartikeln sind eine wichtige Branche geworden, die Tiermedizin nicht zu vergessen. In den städtischen Parks laufen oft mehr Menschen mit Hunden als mit Kindern herum. Bei manchen mag tatsächlich der Hund als “Investition” besser zu kalkulieren sein als ein Kind. Dies alles zeigt, wie sehr der Mensch sich immer wieder zum Tier hingezogen fühlt, wie sehr er in ihm etwas Gleichartiges erkennen kann. Oft ist hier die Grenze der Vermenschlichung überschritten, und auch dies ist dann ein Fall von Missachtung der Würde des Tieres. Es gibt Beispiele von einseitigen Zucht-”erfolgen”, von Tier-Modenschauen und Wettbewerben, in denen nur scheinbar das Tier, in Wirklichkeit aber “sein” Mensch im Mittelpunkt steht, der es für sich zugerichtet und vereinnahmt hat.

Man kann also die Würde des Tieres nach beiden Seiten hin verletzen: durch Vergegenständlichung (Tier als Sache) und durch Vermenschlichung (Tier als Ersatzmensch). Die Würde des Tieres ist nur da gewahrt, wo es als Tier, in seiner eigentümlichen Subjektivität, mit seinem Eigensinn und Eigenwillen ernst genommen und respektiert wird. Dann aber kann ein Tier als ein beeindruckendes Mitgeschöpf wahrgenommen werden, das seinen Charakter und seine Sensibilität umso mehr zeigen kann, je mehr nicht nur der Mensch das jeweilige Tier, sondern ebenso sehr das Tier den jeweiligen Menschen als seinen “Partner” erwählt hat. Wenn dies gelingt, ist es immer wieder überraschend zu sehen, wie sehr das Tier zum besten Freund des Menschen werden kann.

Dies gilt auch in einem letzten Bereich, den ich nur noch erwähnen möchte: nämlich den Bereich der “wilden”, in freier Natur lebenden Tiere. Es ist eine ganz eigene Überlegung wert, inwiefern hier das Tier zum Spiegel für den Menschen wird: Wo kein Tier mehr leben kann, wird es auch mit dem Menschen nicht mehr weit her sein. Umgekehrt gilt aber: Wo kein Mensch mehr leben kann, da können Paradiese für Tiere sein! Die Bedeutung der Tiere für die Ökologie des Menschen wäre also noch einmal ein ganz neues Thema. Aber kehren wir zurück zu unserem Thema, der Würde der Tiere, der Würde aller Lebewesen. Sie gilt es, in einer “Ethik aller Lebewesen” zu beschreiben und in ihren Konsequenzen für den Alltag aufzuzeigen. Auch der Mensch als “Mitgeschöpf” kann dabei nur gewinnen.

 27. März 2013  Veröffentlicht von am 11:05  Ethik, Mensch, Tier Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 232013
 

Der Titel dieser Problemskizze formuliert das Thema, muss aber noch erklärt werden. Gemeint ist eine Ethik, die sich auf Tiere bezieht (im Titel also ein genetivus objectivus), näherhin  geht es um eine Ethik aller Lebewesen, also um eine Ethik gegenüber aller Kreatur. Wenn man dazu googeln möchte, sollte man als Suchworte “Würde der Tiere” verwenden. Zu “Ethik der Tiere” findet man wenig im deutschsprachigen Raum, zu “Würde der Tiere” schon sehr viel mehr, besonder aus der Schweiz. Das hat seinen Grund.

Bekannt ist die Formulierung Artikel 1 Abs. 1 des Grundgesetzes: “Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. ” Weniger bekannt ist, dass von Tieren im Grundgesetz erst seit 2002 im Artikel 20a  über die Schutzziele des Staates die Rede ist: “Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.” Damit hat der Tierschutz in Deutschland Verfassungsrang erlangt. “Allerdings ist die Staatszielbestimmung Tierschutz … eine verfassungsrechtliche Wertentscheidung, die von der Politik bei der Gesetzgebung und von den Verwaltungsbehörden und Gerichten bei der Auslegung und Anwendung des geltenden Rechts zu beachten ist. Aus einer Staatszielbestimmung können die Bürger allerdings keine individuellen Ansprüche herleiten.” (Erläuterung des BMELV) Von einer “Würde der Tiere” wird dagegen nirgendwo gesprochen, nicht einmal im Tierschutzgesetz (2006). Dort heißt es als erster Grundsatz: “Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.” Immerhin “Mitgeschöpf” wird das Tier genannt, das, wie im Folgenden ausgeführt wird, “artgerecht” oder “gemäß seiner Art” zu behandeln ist. Von “Würde ” zu sprechen hat man vermieden.

Geht es auch anders? Ja, in der Schweiz – darum in der Google-Suche auch die zahlreichen Links auf Schweizer Texte einer breiten gesellschaftliche Diskussion. In der schweizerischen Bundesverfassung heißt es seit 1992 (Volksabstimmung vom 17. Mai) in Art. 120 zum Thema Gentechnologie: “Der Bund erlässt Vorschriften über den Umgang mit Keim- und Erbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Er trägt dabei der Würde der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung…” Das Tierschutzgesetz der Schweiz (2008) formuliert als Gesetzeszweck, dass „die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen” sei. Das ist schon recht weit gehend, auch wenn Oliver Tolmein in der FAZ im Jahre 2010 resümmiert: “Was das heißt, inwieweit sich die Würde des Tieres von der des Menschen unterscheidet und warum, ist offenbar auch bei den Eidgenossen umstritten.” Inzwischen gibt es, angeregt durch die schweizerische Gesetzgebung und die dortige Diskussion und Stellungnahmen von Ethik-Kommissionen, auch bei uns eine wenig beachtete Debatte darüber, was “Würde aller Kreatur”, “Würde aller Lebewesen” und speziell die “Würde der Tiere” bedeuten soll. Tierschutzkreise wünschen sich, die Würde der Tiere bzw. der Kreatur insgesamt in den Grundwertekatalog des Grundgesetzes aufzunehmen. Eine Umsetzung ist bisher ohne Chance, im Gegenteil, die jüngste Novelle des Tierschutzgesetzes von 2012 kann auch als Verwässerung verstanden werden, siehe die Stellungsnahme der Albert-Schweitzer-Stiftung.

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Tierschutz Briefmarke 1981

Landwirtschaft und Industrie warnen regelmäßig vor einem “übertriebenen” Schutz der Tiere. In der Öffentlichkeit kommt es nur dann zu Diskussionen, wenn es aktuellen Anlass zu Berichten über Tierversuche gibt. Massentierhaltung dagegen wird mehr aus der Perspektive der Gefährdung unserer Nahrungsmittel, also des Menschen, wahrgenommen als aus der Perspektive der Tiere. Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen gelten oftmals als einseitig und romantisierend. Nur Aktionen gegen den Walfang und gegen die Robben-Erschlagung (Robin Wood) sind einigermaßen “populär”. Aber das ist weit weg von der eigenen Lebenswelt. Die neuere Literatur ist auch dünn, hingewiesen sei auf Peter Kunzmann sowie auf das Buch von Martin Liechti, Die Würde des Tieres, 2002. Erwähnenswert sind auch Eugen Drewermann und Julian Nida-Rümelin (siehe Wikipedia Tierethik). Symptomatisch ist allerdings die Webseite der “Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik“, die lapidar vermeldet: “Achtung! Die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Tierethik (IAT) der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ist derzeit leider inaktiv.” Die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Tieren ist völlig disparat: Für ein verirrtes Kätzchen rückt schon mal die Feuerwehr aus, worüber die Lokalpresse berichtet; Hundebesitzer haben Narrenfreiheit; lärmende und dreckende Krähen werden dagegen, obwohl unter Schutz stehend, vergrämt – und Kormorane, ebenfalls geschützt, sind der Angler liebster Feind. So weit zur Lage.

Ich möchte grundsätzlich fragen, was Menschen berechtigt, Tiere als “Sachen” anzusehen, die uns nach Belieben und zu unserem Nutzen zur Verfügung stehen. Tiere als Sachen zu betrachten wie es zum Beispiel konkret bei Versicherungen geschieht (Tierschäden gehören zu den Sachschäden), ist eine neuzeitliche Tradition und geht unter anderem auf René Descartes zurück. Für ihn sind Tiere mechanisch zu erklärende Wesen ohne ethische Relevanz. Das neuzeitliche Denken ist ihm darin weit gehend gefolgt, wobei die mechanische in eine naturwissenschaftliche Sichtweise übergegangen ist. Erst auf diesem Hintergrund wird es verständlich, dass man darüber diskutieren konnte, ob Tiere eine “Seele” haben. Seit der Seelenbegriff insgesamt obsolet geworden ist, wird eher danach gefragt, wie weit Tiere ein Bewusstsein oder gar ein Selbstbewusstsein haben (können). Generell wird allerdings von einem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier ausgegangen: Der Mensch hat als “Krone der Schöpfung” nach wie vor eine ethische Monopolstellung.

Die Naturwissenschaften (Biologie, Genetik, Evolutionsforschung) wissen aber längst, dass diese Grenzziehung recht willkürlich ist. Die Entwicklung des Menschen ist nur ein Fall, wenngleich ein besonderer, in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen, insbesondere der Säugetiere (mammals). Die genetische Gemeinsamkeit ist groß; der oft zitierte Hinweis, das Genom der Schimpansen stimme zu 98% mit dem des Menschen überein, ist allerdings wenig aussagekräftig, weil in den 2 % ja genau der wesentliche Unterschied liegen könnte. Immerhin weiß die Biologie und die Neurowissenschaften, dass die physische und mentale Ausstattung des Menschen in großen Teilen von den Tieren nicht zu unterscheiden ist, dass gerade im Bereich der unbewussten Steuerung menschlichen Verhaltens die Herkunft aus sehr “ursprünglichen” Verhaltensweisen nicht zu übersehen ist. Wie sollte es auch anders sein, wenn Tier und Mensch eine gemeinsame Entwicklungslinie haben. Natürlich gibt es in den geistigen Fähigkeiten, also in dem, was heute dem mentalen Bereich zugerechnet wird, erhebliche Unterschiede in den Fähigkeiten und Dispositionen. Aber ob diese Unterschiede nun qualitativ differierend oder eher graduell fließend zu beschreiben sind, ist wohl eher Interpretationssache. Die neuzeitliche Herabsetzung des Tieres hat, wie mir scheint, einige Gemeinsamkeit mit der Homophobie: Die geahnte Nähe zum Tierischen bringt den Menschen dazu, sich möglichst deutlich und brutal vom Tier abzusetzen.

Vielleicht hilft es, sich über den Sprachgebrauch Gedanken zu machen. “Tierisch” ist, wenn es nicht rein deskriptiv gebraucht wird, eher negativ konnotiert, gesteigert durch “viehisch” und bedeutet wild, dreckig, niedrig, hinterhältig. Als früheres Modewort konnte es dagegen eine reine Steigerung ausdrücken: ‘Ich hab tierisch Appetit auf Eis.’ – heute ungebräuchlich. Den Menschen als “Tier” zu bezeichnen, klingt immer noch provokativ und veranlasst Illustrierten-Schlagzeilen wie “Das Tier in uns” – und suggeriert dann einen Bericht über Wildes, Unmoralisches, Verbotenes. Das Tier in uns ist tabu. Als Menschen mit eigener Würde fühlen wir uns da meilenweit überlegen. Merkwürdig, dass dann dennoch das “Tierische” zugleich so verlockend ist.

Viel geeigneter ist das aus dem Lateinischen stammende Wort animal (engl. und franz.) für die tierischen Lebewesen. Es enthält noch den Stamm anima = Lebensatem, Seele. Tiere sind demnach beseelte Wesen, Lebewesen, denn für Griechen und Lateiner ist die Bedeutung von ‘beseelt’ und ‘belebt’ gleich: Die Seele ist genau das, was den Unterschied zwischen Lebendigem und Totem kennzeichnet. Diese weite Bedeutung ist unserem Tier-Begriff nicht eigen, am ehesten kommt dem der Begriff ‘Lebewesen’ nahe. “Animalisch” ist gleich wieder negativ besetzt ähnlich wie ‘tierisch’. ‘Lebewesen’ hat aber im Deutschen einen kaum mehr differenzierten Bedeutungsgehalt im Unterschied zu animal. Pflanzen sind auch Lebewesen, aber eben keine ‘animals’. Die Schweizer Bundesverfassung hat sich mit dem Wort “Kreatur” aus der begrifflichen Affäre gezogen, obwohl oder gerade weil dieses Wort einen religiösen Hintergrund hat: “Geschöpf” (Gottes) zu sein. Von da aus liegt dann auch die Frage nach der aller Kreatur eigenen Würde nahe, also eine nicht unüberlegte Wortwahl. Jedenfalls kommen die Begriffe ‘Kreatur’ und ‘animal‘ dem Anliegen sehr viel näher, den Zusammenhang von Mensch und Tier, von kreatürlichem Mensch und kreatürlichem Tier als ‘beseelten Lebewesen’ (ein Pleonasmus) auszudrücken. Der Begriff “Mitgeschöpfe” aus dem deutschen Tierschutzgesetz nimmt erstaunlicherweise diesen Gedanken auf. In ihm steckt viel Potential.

Wir neuzeitlichen Menschen sollten (wieder) lernen, was in vielen Kulturen und ihren Erzählungen und Gebräuchen bewahrt wird: das Wissen von der Gemeinschaft von Menschen und Tieren als lebendigen Wesen, ‘Geschöpfen’ auf dieser Erde, mit gemeinsamer Herkunftsgeschichte und wohl auch gemeinsamer Zukunftsperspektive. Nach wie vor höchst aktuell erscheinen mir Sätze von Albert Schweitzer, sein Konzept der „Ehrfurcht vor dem Leben“: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Dies gilt es allerdings, in unserer heutigen Zeit und auf dem Hintergrund heutiger Wissenschaft und dem damit verbundenem Problembewusstsein neu auszubuchstabieren.

  • Was bedeutet es, wenn wir biologisch keinen Anlass haben, Tieren Bewusstsein, ja sogar in einzelnen Fällen Selbstbewusstsein abzusprechen? Ist die mentale Ähnlichkeit mancher hoch entwickelter Lebewesen nicht Grund genug, Tiere als individuelle Subjekte und eben nicht nur als Objekte (Sachen) anzusehen.?
  • Was bedeutet es, dass wir uns als Menschen aufgrund unserer gattungsgemäßen Gleichartigkeit zwar vorstellen können, wie ein anderer Mensch ‘tickt’, also denkt und fühlt, ja dass wir uns sogar in einen anderen Menschen partiell hinein versetzen können (Empathie), dass es uns aber völlig unmöglich ist, uns vorzustellen, wie es ist, ein Tier zu sein, ein Hund, eine Krähe, ein Affe? Der grundsätzliche Unterschied der Gattungen macht hier Empathie nur in einem analogen Denkmodell sinnvoll. Aber könnte diese Analogie nicht ausreichen, das Gefühl vom Schmerz, Freude, Vertrauen, Angst, Zuneigung, Todesnähe usw. beim Tier als Ausdruck seiner (nicht menschlichen, aber) geschöpflichen Gleichartigkeit (‘Seelenwesen’) anzusehen?
  • Müssten wir dann nicht konsequenterweise auch die dem Tier wie jedem Lebewesen eigene Würde anerkennen und darüber nachdenken, was diese Würde des Tieres in ihrer Besonderheit, d.h. in Gleichheit und Unterschied zur Würde des Menschen, konkret bedeutet?
  • Könnte es sein, dass wir uns so dagegen wehren, weil wir ahnen, dass diese Überlegungen weit reichende Konsequenzen für unser alltägliches Leben haben könnten, wenn wir Menschen uns nur als “Mitgeschöpfe” mit eingeschränkten Rechten begreifen würden, um die den Tieren eigene Würde zu achten und ihre Rechte zu respektieren?
  • Was hieße es also konkret, von Tieren als “Mitgeschöpfen” zu sprechen, wenn es mehr sein soll als ein ungefüllter Begriff, der letztlich auf die Praxis im sogenannten “Tierschutz” kaum Auswirkungen hat und allenfalls das Schlimmste verhütet (nämlich “ohne vernünftigen Grund” zu quälen)?
  • Müsste eine Besinnung auf das gemeinsame Erbe und die Bestimmung als ‘Seelenwesen’ (ich gebrauche einmal dieses alt-neue Wort), also als Teilhaber an der wunderbaren Entfaltung und Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten, nicht auch das Selbstverständnis des Menschen und seine Rolle innerhalb all dessen, was lebt, verändern?

Man muss nicht gleich zu Vegetariern werden, aber zumindest sollte auch beim Fleischkonsum das bedacht und beachtet werden, was noch in den alten Vorstellungen von Tieropfern lebendig ist: Dass es etwas besonders Wertvolles ist, wenn ein Tier geopfert und vom Menschen verzehrt wird. Man wird dadurch zwar nicht zum “Menschenfresser”, aber doch zum ‘Verbraucher’ eines Lebewesens. Wir werden insgesamt nicht umhin können, auch den Verbrauch von Lebewesen als unserer Gattung gemäß anzusehen. Denn wo sollte die Grenze zwischen unterschiedlichen Lebensformen gezogen werden? Nur bei Mücken, wenn sie uns stechen wollen?

Es ginge also darum, über die Würde aller Lebewesen nachzudenken und diese Würde jeweils konkret und differenziert zu bestimmen, was unseren Umgang und unser Verhalten gegenüber Tieren und darüber hinaus allen Lebewesen angeht. Auch Extrem-Züchtungen und Verhätschelungen können die Würde von Lebewesen verletzen. Das Gespräch über die Würde aller Lebewesen ist deswegen so notwendig und so hilfreich, weil es auch uns Menschen zu einem neuen Selbstverständnis verhilft und uns ein Stück weit auf den”Teppich” der natürlichen Gegebenheiten bringen kann, also unseren geschöpflichen Dünkel nivelliert. Man wird dadurch nicht gleich ein besserer Mensch, und pessimistisch kann man schon fragen, wie man erwarten kann, dass Menschen sich in ihrer Gier nach Reichtum und Macht gegenüber Tieren ‘anständig’ verhalten sollen, wenn sie das ja nicht einmal gegenüber ihren Mitmenschen tun. Dies ist aber eine Anfrage an alle Ethik und Moral. Es wird nur Zeit, dass wir gegenüber den Tieren dasjenige Niveau der Diskussion über Würde herstellen, das wir bisher für den Menschen exklusiv gepachtet haben. Es gibt keinen “vernünftigen Grund”, diese Diskussion nicht ernsthaft und konsequent zu führen.

 23. März 2013  Veröffentlicht von am 12:04  Ethik, Mensch, Tier Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 192013
 

Ist das die Frühjahrsmüdigkeit? Oder die Kältestarre des langen Winters? Es ist erstaunlich ruhig an der “digitalen Front”: keine aktuellen Aufreger, keine Neuheiten, die einen vom Hocker reißen – business as usual. Der Bundestrojaner ist medial eingeschlummert, das LSR ist in einer rudimentären Form verabschiedet, der Streit ums Urheberrecht köchelt auf niedriger Flamme vor sich hin, und auch die Piraten haben kaum mehr Nachrichtenwert. Facebook, Twitter und andere social media Dienste haben an Neuigkeitswert verloren. Der Neugier-Effekt ist weg, es wird halt genutzt, mehr oder weniger. Bei den Online-Kritikern müssen wieder einmal die ‘gefährlichen’ Internetspiele herhalten, also nichts Neues, nichts von Nachrichtenwert. Auf der Leipziger Buchmesse versuchten Verleger recht gequält, aus der Kritik an Amazon – Beschäftigungsverhältnissen Wasser auf die Mühlen des stationären Buchhandels zu leiten. Wird wohl nicht viel fruchten, darf man vermuten. Machte man die Amazon-Kritik zum Maßstab, dürften schon gar kein iPhone oder Smartphone, keine T-Shirts und Jeans und auch viele Lebensmittel (Fleisch!) nicht mehr gekauft werden. Übrig bleibt ein General-Vorbehalt gegenüber der modernen technisierten Welt. Der kann berechtigt sein, ohne Zweifel. Aber dann müsste er auch  grundsätzlich diskutiert werden. Auch das geschieht ja bei einigen, doch so recht will keine große Diskussion in Gang kommen, ein ‘Diskurs’ schon gar nicht. Die Spät-, Nach- Postmoderne plätschert so vor sich hin.

Schaut man näher hin, so tut sich allerdings doch einiges. Man kann das an der Reaktion der Schwergewichte der digitalen Technik bzw. der Internetwelt sehen: Apple, Google, Amazon merken offenbar, dass auch sie nur mit Wasser kochen und versuchen, die ‘Hoheit’ über ihren Geschäftsbereich und ihr Geschäftsmodell zu behalten, doch der Niedergang von Größen wie Microsoft und Nokia, Yahoo und Dell steht ihnen jederzeit vor Augen. Klar, Microsoft verdient immer noch eine Masse Geld, aber das Geschäft mit dem PC-Betriebssystem und der Office-Software ist ein Auslaufmodell. So schnell kann das gehen. Wenn Google jetzt beliebte Dienste zusammen streicht und alles unter das Dach Google+ zwingt, muss das auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein und kann eher als Zeichen gewertet werden, dass man mit notwendigen Veränderungen den künftigen Entwicklungen vorbeugen will. Obs nützt oder in die Hose geht, wird sich zeigen. Die digitale Entwicklung war bisher so rasant, dass auch sehr schnell aus Siegern Verlierer werden können. Das wiederum ist auch gar nicht so schlecht. Eine neue Technik und ein neues Geschäftsmodell pustet jederzeit Altes von der Bildfläche. Derzeit ist da allerdings noch nichts Konkretes in Sicht. Google hofft zwar, dass es die “glasses” sind, aber, aber…

DigitalTechnikAlt-640

(Ur-) Alte Technik

Diese Verschnaufpause könnte dazu genutzt werden, bei der digitalen Entwicklung im Alltag etwas aufzuholen. Da liegt nämlich einiges im Argen. Der schnelle Mobilfunk (LTE) kommt eher langsam voran, auch die G3-Mobilfunktechnik ist keineswegs flächendeckend und befriedigend verfügbar. Verlässt man die Ballungszentren, ist man bald auf EDGE-Niveau. Einheitliche Online-Zahlungssysteme: Fehlanzeige. Ein weiterhin bestehendes Ärgernis ist die Beschränkung, welche die Verbreitung und Nutzung von WLAN im öffentlich Raum durch die rechtsunsichere Störerhaftung erfährt. Nicht der Gesetzgeber, sondern der Richter soll hieran etwas ändern – ein Schulterzucken der Politik also, recht armselig und wenig innovativ. – In deutschen Hotels wird man immer noch fürs WLAN extra zur Kasse gebeten, sofern denn überhaupt Internet in den Zimmern verfügbar ist. Strom für die Nachttischlampe muss man ja auch nicht extra bezahlen. Es zeigt nur, wie wenig die Verfügbarkeit des Netzes schon als grundlegendes Allgemeingut gilt – wie Wasser, Strom und TV. Genau an dieser Einstellung gilt es zu arbeiten. Hier hinken Deutschland und große Teile Europas gegenüber anderen Hightech-Ländern deutlich hinter her. Wie groß der Unterschied ist, merkt man bei Reisen in die USA, nach Kanada, Hongkong oder Australien sehr schnell. Zurück in Deutschland fühlt man sich in der digitalen Provinz.

Dabei ist digitales Knowhow nun wirklich bei uns vorhanden. Klar, deutsche Firmen können dem Silicon Valley vom Volumen her (Ideen, Patente, Kapital) nicht das Wasser reichen, aber unser Maschinenbau besonders im Bereich von Spezialtechniken dürfte zu den weltweit führenden Branchen in der Umsetzung digitaler Techniken gehören. Dies verdient viel mehr Beachtung, denn  hier ist entsprechend ausgebildeter und kreativer Nachwuchs gefragt, und der fällt nicht vom Himmel. Das haben auch manche Berichte von der CeBIT deutlich gemacht. Da gilt wieder einmal, dass “der Mittelstand” unsere Stärke ist. Stärken gilt es auszubauen, und das sollte auch im Schul- und Bildungssystem seinen deutlichen Niederschlag finden. Auch hier geht vieles zu zögerlich voran: Ein Laptop im Klassenzimmer macht noch keinen digitalen Frühling.

Aber vielleicht wird es ja besser, wenn erst einmal der echte Frühling die Lebensgeister aus der Kältestarre weckt…

 

 19. März 2013  Veröffentlicht von am 11:49  Gesellschaft, Internet, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 062013
 

Während sich das digital interessierte Deutschland monatelang über das Leistungsschutzrecht (LSR) zerriss und sich in einer typisch deutschen Art ideologisch hinter Verlegern oder Netzverteidigern verbarrikadierte (ein Nebenkriegsschauplatz des Schlachtfeldes “Urheberrecht”, auf dem schließlich ein Nonsens-Gesetz verabschiedet wurde), deuten sich weit reichende Veränderungen auf zwei ganz anderen Feldern an. Das, was sich da im Bereich “Digitale Fabrikation” und “Biotechnologie” tut und offenbar kurz vor dem entscheidenden “turn” steht, wird hierzulande öffentlich kaum wahrgenommen. Die sogenannte “Netzelite” tummelt sich lieber auf den quasimetaphysischen Höhen von “Mensch-Maschine”-Spekulationen.

Der eine Bereich ist der 3D-Druck. Ich habe das bisher eher als eine Spielerei nach Art des 3D-TV abgetan. Das ist es aber mitnichten. 3D-Drucker, die bisher nur aus einem einzigen Material (Kunststoff) aus digitalen Vorlagen schichtweise räumliche Gegenstände produzieren, sind allererst der Anfang einer völlig neuen Produktionsweise: der ubiquitären digitalen Fertigung, um “Daten in Dinge und Dinge in Daten zu verwandeln”. Sehr erhellend ist dazu ein Interview mit dem MIT-Wissenschaftler Neil Gershenfeld neulich in der FAZ. (Weiteres findet man bei Heise.) Ein “digital fabricator” wird in der Lage sein, komplexe Werkstücke herzustellen, weit mehr, als es bisher 3D-Drucker können. “Im MIT haben wir einen Prototyp entwickelt, den PopFab, einen tragbaren 3D-Drucker, der in einen Koffer passt und mit dem man schneiden, fräsen und bohren kann, wenn man ihn mit einem Computer verbindet.” Die Umwälzung liegt darin, dass langfristig die Herstellung von Gebrauchsgegenständen aller Art auf ein digitales Muster schrumpft, das an beliebigen Orten der Welt beliebig oft von einem “digital fabricator” materiell hergestellt werden kann – oder auch nur in einem einzigen Exemplar, wenn ich mein persönliches Design in die Produktionsdaten eingegeben habe. So wie sich das entwickelte und gedruckte Foto in eine digitale Vorlage verwandelt hat, deren Zahlencode keine Unterscheidung von Original und Kopie mehr zulässt, genau so wird auch die Herstellung von Möbeln, Fahrrädern, Gebrauchsgegenständen nur noch in der handgreiflichen Umsetzung aus einer digitalen Vorlage bestehen. Wie beim digitalen Foto, Buch oder MP3-Musikstück sinkt der Wert der einzelnen Reproduktion gegen Null, weil aller Wert im digitalen Muster selber enthalten ist. Dieses kann man nicht mehr eigentlich “haben”, sondern nur noch “nutzen”. Das, so kann man jetzt schon absehen, wirft Fragen des Urheberrechtes von ganz neuer Tragweite auf.

Digitale Fertigung scheint das Zeug zu haben, die Produktionsweise von Gütern aller Art über die bekannten CAD-Verfahren hinaus gründlich zu verändern. Was bisher allenfalls für die Herstellung von hoch spezialisierten Elektronikbauteilen galt (Displays, Chips: das “Original” ist beispielsweise das reine Prozessor-Design, das mit entsprechenden Fertigungsanlagen an beliebigen Orten beliebig oft “produziert” werden kann, siehe das Geschäftsmodell von ARM), könnte durch die weiter entwickelten 3D-Drucker zu “fabbern” die Herstellung von Gebrauchsgegenständen, Ersatzteilen, Einzelstücken aller Art völlig umwälzen. Jedenfalls weisen die 3D-Drucker den Weg in diese Richtung. Mit der Veränderung der Produktionsweise und der Produktionsmittel würden sich wohl auch die Produktionsverhältnisse tief greifend verändern können. Gershenfeld spricht von der Möglichkeit einer “Demokratisierung der Produktion”. Nun, das wird sich zeigen, denn diese Veränderung könnte auch ebenso sehr zu einer Kannibalisierung von Produktion und Produkten führen: Wer schafft und “verdient” dann noch welche Werte? Insofern ist offenbar das, was wir bisher als “Digitalisierung” kennen und feiern, der allererste Anfang einer sehr viel weiter gehenden Veränderung unseres Verhältnisses zu den “Dingen”: nämlich die konsequente Verwandlung der Dinge in Daten und der Daten in Dinge.

Stammzelle (Wikipedia)

Stammzelle (Wikipedia)

Ein anderes technologisches Feld, auf dem man ebenso vom Erreichen des “turns” spricht, ist die Biotechnologie: Hier werden in Bioreaktoren aus Stammzellen beliebige eigene Körperzellen gewonnen, zum Beispiel Herzzellen, die den biologischen Muskelzellen vollkommen gleichen und sich dem entsprechend selbständig rhythmisch zusammenziehen und so “arbeiten”. Der Stammzellenforscher George Kensah von den „Leibniz Forschungslaboratorien für Biotechnologie und Künstliche Organe“ in  Hannover, spricht hier davon, dass es bereits jetzt schon “ganz klar Richtung Massenproduktion” geht. Die Transplantations- und biotechnische Molekularmedizin steht vor einem gewaltigen Schritt zur Regeneration defekter Organe aus bestenfalls eigenem Gewebe. Man lese hierzu den eindrücklichen Artikel jüngst in der FAZ. Auch hier deutet sich eine Veränderung an, die zu bewältigen noch einiger ethischer Diskussion bedarf, die über die bisherige Stammzellendiskussion weit hinaus führt.

Es geht tatsächlich um die Fähigkeit, durch “bio-engineering” organisches Gewebe neu zu schaffen und medizinisch anzuwenden – keine Zukunftsmusik, denn es geschieht schon in der Forschungspraxis. An dieser Stelle schürzt sich übrigens der Knoten der beiden von mir vorgestellten Entwicklungsfelder: “In Schottland hat man unlängst embryonale Stammzellen mit einem schonenden 3D-Drucker „ausgedruckt“ und damit kleine definierte Kugelzellhaufen geschaffen.” Gerade diese Möglichkeit zur einfachen Vervielfältigung unterstreicht den Trend zur Massenproduktion. Es geht dabei schlicht um die Umprogrammierung körpereigener Zellen, um dann dort eingesetzt zu werden, wo krankes Gewebe ersetzt werden muss. Die Biotechnologie rund um die Stammzellenforschung ist offenbar das andere Standbein innerhalb der Molekularbiologie, dem neben der spektakulären Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor gut zehn Jahren kaum zu überschätzende Bedeutung zukommt. Überhaupt scheint mir die Biotechnologie durch erfolgreiche Zellprogrammierung ein in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Feld umwälzender Veränderungen zu sein. Vielleicht ist es auch gut so, dass hier nicht marktschreierische Schlagzeilen und Verkürzungen Verunsicherung schaffen.

Es geht in beiden Bereichen der Entwicklung neuer digitaler und biologischer Technologien in aller Ruhe Schritt für Schritt voran – bis jenseits des “turns” eine neue Realität da ist. Wir brauchen dann nur noch die Augen auf zu machen.

 6. März 2013  Veröffentlicht von am 11:16  Daten, Medizin, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 032013
 

Kaum ist man ein paar Tage weg, schon tritt der Papst zurück. Sollte ich öfter verreisen?- Anyway. Anlässlich des Machtwechsels in der katholischen Kirche gerät das Christentum für einen Moment in den medialen Fokus. Ein guter Zeitpunkt, einige immer wieder geäußerte Irrtümer über das Christentum aufzuklären. Manche dieser Irrtümer sind derart verbreitet, dass sie sogar von den Kritikern der Kirchen geteilt werden. Mit “Irrtümern” meine ich nicht die christlichen Glaubensinhalte, denn die sind eben eine Sache des Glaubens und nicht des Wissens. Ein Glaube kann darum nicht eigentlich “irren”. “Irrglaube” ist ein Widerspruch in sich, wird aber gerne als Begriff zur Denunziation von Gegnern der jeweiligen Glaubensrichtung benutzt. Mir geht es um die Dinge, die historisch gut belegt sind und deren Tatsächlichkeit aufklärbar ist.

Ein erster, sehr genereller Irrtum ist die Aussage, es gäbe “das Christentum”.  Es gibt dagegen sehr verschiedene Spielarten einer Glaubensrichtung, die sich mehr oder weniger ausdrücklich auf einen “Christus” beruft, an den sich bestimmte Glaubensinhalte heften. In den Hauptrichtungen des “Christentums” findet sich zwar eine recht große Schnittmenge von Gemeinsamkeiten, aber die Menge der Unterschiede ist von erheblicher Größe. Je nachdem man nur auf Glaubensformeln oder auch auf Traditionen, Lebensweisen und innerreligiöse Machtverhältnisse abhebt, können diese Unterschiede eher größer als die Menge der Gemeinsamkeiten sein. Dies gilt schon für die Hauptströmungen (siehe unten) der römisch-katholischen, der orthodoxen und der reformatorischen Glaubensrichtungen (“Kirchen”), erst recht für die viel zahlreicheren Nebenströmungen (siehe unten) der “erwecklichen”, “pfingstlerischen”, rigoristisch-ethischen oder neo-gnostischen bzw. dualistischen Ausprägungen des Christentums. Das, was wir im Allgemeinen “Christentum” nennen, war von Anfang an ein bunter Strauß sehr unterschiedlicher religiöser Glaubensformen mit einigen gemeinsamen Bezugspunkten (“Christus”, “Offenbarung”).

Die üblich gewordene Redeweise von “Kirchenspaltungen” ist eine sehr tendenziöse Ausdrucksweise jeweils aus der Sicht derer, die sich als die einzig richtige, darum “rechtgläubige” Hauptrichtung verstehen. Die von mir verwandten Begriffe “Haupt- bzw. Nebenströmung” beziehen sich ausschließlich auf die geschichtliche Ausprägung von quantitativ unterschiedlich zu gewichtenden Glaubensformen des Christlichen, unabhängig vom jeweiligen Selbstverständnis, die allein “rechtgläubige” und darum legitime Verkörperung des Christentum zu sein. Denn dieses Selbstverständnis haben alle Strömungen des Christentums, gerade auch ohne Berücksichtigung der zahlenmäßigen Größe: Auch die kleinsten Gruppen können sich zu den “einzig wahren” Christen radikalisieren. Die Unterscheidung “Haupt-” und “Neben-” trägt also nur der historischen Faktizität Rechnung, dass es zahlenmäßig besonders bedeutsame Gruppierungen gibt, die sich gegeneinander als “allumfassend” (=katholisch), als “rechtgläubig” (=orthodox) oder als “evangelisch” (= dem Evangelium gemäß) verstehen. “Reformatorisch” oder “protestantisch” sind dagegen Selbstbezeichnungen bestimmter abendländischer “Kirchen”, die auf die Interpretation ihrer Entstehungsgeschichte (“Reformbewegung”) oder auf bestimmte historische Fakten (Reichstags-Protest) abheben.

Dieser mainstream des Christentums hat sich aber keineswegs, wie stets behauptet, als die “wahre Kirche” aufgrund ihrer “Wahrheit” durchgesetzt, sondern vielmehr unter jeweils sehr unterschiedlichen geschichtlichen Bedingungen aufgrund von sehr konkreten Machtverhältnissen, Machtansprüchen oder Koalitionen mit den jeweils Mächtigen. Damit ist zugleich das weite Feld äußerst verwickelter Interessenkollisionen und / oder -koalitionen unter den jeweiligen kulturellen und politischen Machtverhältnissen angesprochen. Die Christen haben das auch oft genug offen zugegeben, diese Tatsachen aber religiös uminterpretiert durch die schon dem “Kirchenvater” Augustin zugeschriebene Formel “confusione hominum, Dei providentia”, das heißt “trotz Irrtümer der Menschen durch Gottes Vorsehung (geschehen)”. Die “Vorsehung” war dann stets auf der Seite der siegreichen Partei. Dass sich die genannten drei Hauptströmungen des Christentums durchgesetzt haben, hat also mit sehr konkreten “Verbandelungen” mit den Interessen der jeweils Mächtigen zu tun und zum geringsten Teil mit dem vermeintlichen “Wahrheitsanspruch”. Immerhin war der noch heute allgegenwärtige Augustin zu seiner Zeit ein recht umstrittener und als eigensinnig verschriener Bischof (siehe Kurt Flasch, Augustin). Die geschichtlichen Bedingungen der Durchsetzbarkeit der römisch-katholischen, der orthodoxen und der reformatorischen Glaubensrichtungen waren sehr unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen aber die Übereinstimmung mit den Herrschenden bzw. einer Gruppe von Herrschenden zu ihrer Zeit. Geschichtsmächtig wurde also das, was in der Geschichte die Macht auf seiner Seite hatte. Das gilt nicht nur für die Ausformungen der christlichen Religion(en), aber für diese ganz bestimmt.

Im Interessenkonflikt von Macht und Politik haben sich nicht nur organisatorische Strukturen (Cäsaropapismus, Vorrang des römischen Bischofs als “Papst”, der Sum-Episkopat der Fürsten) der heute verbreiteten christlichen “Kirchen” durchgesetzt, sondern de facto auch ihre Glaubenslehren. Das beginnt bei dem oft zitierten gemeinsamen “Glaubensbestand” der altkirchlichen “ökumenischen Konzilien” immerhin mit den zentralen Dogmen der Trinität und der “tatsächlichen” Gottessohnschaft des Christus, setzt sich in dem sich während des Mittelalters herausbildenden Machtprimat des römischen Papstes (nicht nur eines “Ehrenprimats”) fort und findet unter dem russisch-orthodoxen “revival” unter Jelzin – Putin noch lange nicht sein Ende. Die derzeit anstehende Papstwahl in Rom ist in erster Linie mitnichten ein “geistliches”, d.h. spirituelles Ereignis, sondern eines von extremer machtpolitischer Relevanz. Liest man dazu die derzeit einschlägigen Berichte, dann gibt es im Vatikan wieder einmal ein großes Hauen und Stechen, Tricksen und Treten. Genau dies hat über Jahrhunderte Tradition – und führte nicht zuletzt zu langjährigen Doppel- ja Dreifach-Päpsten. Der Vatikan setzt nur auf die Vergesslichkeit der Gläubigen – und auf eine perfekt inszenierte “Heiligkeit”. De facto verbirgt sich im römischen Katholizismus ein heute fast unglaublicher machismo , ein Kampf alter Männer um die Macht innerhalb und außerhalb der “Kirche” (Finanzwelt). Ähnliches ließe sich für die orthodoxen Gruppen zeigen, die stets einen Hang zu den Mächtigen hatten, ob es nun Russen, Serben oder Griechen während der Militärdiktatur waren bzw. sind.

Will man erkennen, was sich sonst noch alles unter dem Sammelbegriff “Christentum” an interessanten und kuriosen Blüten finden lässt, dann muss man sich denjenigen Gruppen zuwenden, die von den machtvollen Hauptvertretern des Christentums als “Sekten” oder “Ketzer” diffamiert und ausgegrenzt wurden. Auch dies begann gleich von Beginn dessen an, was wir Christentum nennen. Schon in der “Bibel”, dem energisch formierten Erfolgsbuch der Mehrheitschristen, lassen sich Spuren ernster Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Glaubensrichtungen (Pauliner, Petriner, Jakobus-Anhänger, Johannes-Christen) finden. Das setzt sich fort mit den Gnostikern, den Thomaschristen, den Apokalyptikern, den Arianern, den Marcioniten, den Manichäern, den Miaphysiten, den – springen wir über die Jahrhunderte, weil die Liste sonst zu lang würde – den Katharern (aus denen eben die “Ketzer” wurden), den Averroisten, den Armutschristen, – und wieder später den Mennoniten, den Adventisten, den Mormonen, den Waldensern, den vielen Alt-, Neu-, Frei-Kirchen. Ein Buch über das Christentum müsste all diese Bewegungen und Glaubensrichtungen mit im Blick haben, wenn man die religiöse Breite dessen darstellen will, was sich unter dem Dach “Christentum” finden lässt. Die Konzentration auf die “geschichtsmächtig” gewordenen Hauptströmungen ist durch nichts anderes als durch eine machtpolitische Perspektive der Kirchenhistoriker bedingte, interessegeleitete Verengung, Zuspitzung, Auswahl.

Es gehört zu den unausrottbaren Irrtümern der Zeitgenossen, das Christentum nur aus dem Blickwinkel der großen Kirchen zu betrachten. Diese legen es allerdings gerade darauf an und prägen auf diese Weise noch Blickwinkel und Zugangswege auch der Kritiker. Christentum ist weit mehr als seine Machtorganisationen und Hauptströmungen. Eigentlich ist die interessanteste Geschichte des “Christentums” seine “Ketzergeschichte”. Aber auch die sogenannten Ketzer sind keineswegs “die Guten”, sind ebenso selbstgerecht und unduldsam, eigensinnig und rechthaberisch (“wahre Kirche”) wie der mainstream. Aber oftmals finden sich bei ihnen verschüttete Gedanken und Impulse, die sich mit entsprechenden Erfahrungen anderer Religionsformen als der christlichen berühren, überschneiden, befruchten und so die Vielfalt religiöser Ausdrucks- und Lebensformen im Verlauf der menschlichen Kulturgeschichte zeigen.

Es gibt nicht die “wahre Religion”, auch nicht diejenige (humanistische) Religion aus Lessings “Ringparabel”. Der Wahrheitsanspruch ist schon der verkehrte Weg. Ob dieser exklusive und gewalttätige Wahrheitsanspruch erst durch die monotheistischen Religionen in die Welt gekommen ist, wie eine interessante These behauptet (Jan Assmann, Die mosaische Unterscheidung), oder ob das Rechthabenwollen (“Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.”) doch mehr zum Fundament des Menschlichen gehört, kann dahin gestellt bleiben. Religion als ein eigenständiger Bereich des Menschlichen kann das Leben des Einzelnen bereichern und erfüllen, kann auch Sinn und Hoffnung vermitteln, kann Impulse zu solidarischem Handeln geben, überhaupt Verantwortung und Gemeinschaft stiften. Darum sollte man Religionen, auch das “Christentum”, eben nicht nur kirchenhistorisch (dominante Sicht der Mehrheit) und auch nicht nur religionshistorisch, (verengt auf eine religiöse Geschichte ohne ihre Interessen an Macht, Geld und  Einfluss) betrachten, sondern allgemein kulturgeschichtlich, soziologisch, psychologisch, sozialgeschichtlich mit all den dort zur Verfügung stehenden Methoden und Modellen.

Bischöfe

Ein letzter Irrtum als aktuelle Zuspitzung. Wenn in Rom ein neuer Papst gewählt wird, so geht es um handfeste Machtpolitik, auch wenn viele Katholiken kindlich von einem neuen “heiligen Vater” träumen. Die Machtstrukturen der römischen Kirche erfordern deren Selbsterhalt, und sei es um des Selbsterhaltes willen: wegen der Privilegien, der Finanzströme, der Abhängigkeiten, der “Leichen” und Skandale, die unter Verschluss gehalten werden müssen. Damit steht diese “Weltkirche” tatsächlich repräsentativ für das offizielle “Christentum” da: Das Christentum ist die geschichtlich vielleicht wirkungsvollste religiöse Form politischer Macht – und die politische Form religiöser Macht überhaupt. Da ist der theokratische Islam im Iran oder in Saudi Arabien nur ein schwacher Abklatsch, wie überhaupt der Islam vom Christentum machtpolitisch viel gelernt hat. Mag einem manche Struktur überholt, “von gestern” und im Niedergang begriffen erscheinen, so sollte man die Virulenz der “alten Männer”, ihrer Dogmen und Herrschaft über die “Seelen” nicht unterschätzen. Christentum ist geschichtliche Gestalt gewordene institutionelle religiöse Macht in unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen. Sie teilt mit aller Macht und allen Mächtigen die Fähigkeit, sich in eigenem Interessen zu wandeln, zu transformieren, selbst unter dem Deckmantel der Tradition. Genau diese Fähigkeit hat den tatsächlichen Erfolg des Christentums begründet. In dieses Schema muss und wird auch der neue “Papst” passen.

 3. März 2013  Veröffentlicht von am 12:44  Geschichte, Kirchen, Kultur, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert