Jul 302015
 

[Geschichte, Gesellschaft]

Gehen wir davon aus, dass „Fortschritt“ eine Kategorie zur Deutung von Geschichte ist, die sich in der Moderne als Leitbegriff durchgesetzt hat. Dass darin eine bestimmte Weltanschauung mitgesetzt ist, haben wir im vorigen Beitrag erörtert. In Verbindung mit der Evolutionstheorie legt es sich nahe, auch den Gang der menschlichen Geschichte entsprechend dem Evolutionsgedanken zu verstehen. Die Menschheit entwickelt sich aus steinzeitlich-primitiven Formen zu immer höheren und besseren geistigen und technischen Fähigkeiten. Marxismus und Systemtheorie erklären je auf ihre Weise den Fortgang der Geschichte als dialektischen Prozess oder als Bewältigung immer komplexer werdender Gesellschaftsstrukturen. Beiden gemeinsam ist die Auffassung, dass der Fortgang der Geschichte ein Aufstieg zu immer besseren, vollkommeneren Formen gesellschaftlicher Existenz ist. Der Technizismus legt gewissermaßen noch einen drauf und versteht die kulturelle Entwicklung des Menschen im Wesentlichen als unterschiedliche Stadien technischer Fähigkeiten und Fertigkeiten. Zu Einschnitten werden dann besondere technische Fortschritte erklärt wie die küstenferne Navigation, mechanische Kriegsmaschinen, Schießpulver, Buchdruck, Dampfmaschine, Mondlandung, Computer usw. All dies sind dann Stationen auf dem Weg der Menschheit, sich von den Zwängen der Natur zu befreien und über die Kräfte der Natur die Oberhand zu gewinnen.

Eine mehr kulturgeschichtliche Betrachtung setzt die Markierungspunkte zwar etwas anders, verbleibt aber meist ebenso im Denkmodell des Aufstiegs bzw. der Entwicklung. Da sind dann die entscheidenden Wendepunkte der Übergang vom Jagen und Sammeln zum Ackerbau, die Erfindung der Schrift und des Buches, die Entdeckung der Metaphysik (Jaspers‘ „Achsenzeit“), der Aufbau strukturierter Sozial- und Herrschaftssysteme („Polis“, „Pax Romana“ usw.), der Übergang zur empirischen Naturforschung, die Aufklärung samt gesellschaftlicher Revolutionen und schließlich die „Neuzeit“ als bislang höchste Stufe der kulturellen Entwicklung – „Neu-Zeit“ als Programm. Man kann die Akzente und Wendepunkte gewiss noch anders setzen und anderes einbeziehen, aber es besteht doch das weithin geteilte Einvernehmen darüber, dass die „neue“ Zeit der Moderne nie da gewesene Möglichkeiten für den Menschen bietet und sich wissenschaftlich, technisch und reflexiv weit über die vergangenen Zeiten erhebt. Eigentlich ist in dieser Sichtweise nicht nur das berüchtigte „Mittelalter“ eine finstere Zeit, sondern alle Zeit vor den Segnungen der Neuzeit. Es ist vielleicht dies ein Kennzeichen des modernen Selbstverständnisses: Nicht nur in der „besten aller Welten“ (Leibniz), sondern vor allem in der besten aller Zeiten zu leben, mag auch noch so viel „noch“ mangelhaft und verbesserungswürdig sein.

Auf die Spitze getrieben ist dieser Fortschrittsglaube als grenzenloser Optimismus bei den Technizisten der Digitalisierung und der globalen Vernetzung. Ein Pionier dieser Internetwelt, die sich vor allem als eine Internet-Ökonomie darstellt, ist Jaron Lanier. Mit seiner Idee einer „humanistischen Internetökonomie“ (Jaron Lanier, Wem gehört die Zukunft? 2014) teilt er zwar den Optimismus des Silicon Valley, (alles ist machbar, alles ist möglich), zieht aber doch eine kritische Grenze ein: „humanistisch“ meint bei ihm „Menschen-zentriert“, das heißt, der Mensch als Urheber aller Werte soll auch in einer kybernetischen Welt im Zentrum bleiben und nicht überflüssig werden, immerhin. Die von ihm und vielen anderen entwickelten Ideen und Modelle für die digitale Welt sind faszinierend, man kann sich dem Spiel mit Utopien kaum entziehen. Und doch mehren sich die Zweifel, ob dies alles nicht doch mehr Wunsch und Verführung als wirkliche Welt oder erstrebenswerte Zukunft ist.

„Eugène Delacroix - Le 28 Juillet. La Liberté guidant le peuple“ von Eugène Delacroix - Wikimedia

„Eugène Delacroix – Le 28 Juillet. La Liberté guidant le peuple“ von Eugène Delacroix – Wikimedia

Man kann sowohl die vergangene als auch die gegenwärtige Zeit völlig anders sehen. Man muss dafür nicht in einen grundsätzlichen Pessimismus verfallen, sozusagen als das Spiegelbild des grenzenlosen Optimismus. Man muss die Welt um einen herum und die überlieferte Geschichte vor einem her nur von einer anderen Seite sehen, pragmatischer wahrnehmen. Auch dann bleiben da die unbestreitbaren technischen „Errungenschaften“ und die kulturellen Großtaten und Wandlungen, welche die nachfolgenden Generationen prägten, „nachhaltig“, gewiss. Manche erhalten vielleicht noch ein größeres Gewicht. Wird mit dem Begriff der „neolithischen Revolution“ der epochale Übergang zu Ackerbau und Viehzucht gekennzeichnet, der menschlichen Gruppen ein unvergleichlich besseres und zuverlässigeres Nahrungsangebot bereit stellte, so sind Schrift und Buch, wenngleich lange Zeit königliche und priesterliche Privilegien, mindestens ebenso grundlegend, weil Verpflichtungen nun nachprüfbar und wiederholbar dokumentiert wurden (Gesetze, Schulden) und Erfahrungen nicht mehr nur im mündlichen Gedächtnis tradiert, sondern in schriftlicher Form „festgehalten“ werden konnten. Dies ist dazu eine der Voraussetzungen für die Beschäftigung mit Metaphysik und die Bildung von Groß-Religionen. Vielleicht ist dann erst die Digitalisierung ein weiterer kultureller Einschnitt, an dessen Anfang wir gerade stehen – möglicherweise. Wie man sieht, sind die wirklich nachwirkenden Markierungen gar nicht so viele wie gemeinhin gedacht. Es ist letztlich sehr viel mehr Kontinuität und Wiederholung da als das Aufkommen von wirklich „Neuem“.

Dies bestätigt auch ein Blick auf das praktische Leben. Es ist nach wie vor vom Bemühen um Selbsterhaltung und Machtentfaltung, um Überleben und Nachkommenschaft gekennzeichnet. Jedenfalls steht das für den weitaus größten Teil der heute lebenden Menschen im Mittelpunkt. Selbst die modernsten Gesellschaften bzw. ihre Eliten spiegeln diese Anstrengung des Lebens nur auf einer anderen, scheinbar besseren, weil luxuriöseren Stufe wider. Die tatsächliche Welt ist von Liebe und Hass, Kriegen und Gewalt, Grausamkeiten und Willkür, Not und Krankheit und akuter Todesgefahr so durchgängig geprägt, dass es schwer fällt, hier von „Fortschritt“ zu sprechen. Es sind Grundkonstanten des kreatürlichen Lebens. Die „modernen“ Formen des Terrorismus sind ja gerade kein Rückfall ins Mittelalter, sondern mit aktuellsten technischen Mitteln inszenierter Schrecken. Für Folter gilt dasselbe. Die Erklärung der Menschenrechte (UN) hatte offenbar nur 1948 nach dem Ende eines weiteren schrecklichen Krieges eine Chance, wenigstens deklariert zu werden. Dass die Zivilisiertheit des Menschen nur ein hauchdünner Firnis ist, hat weit mehr Wahrheit als nur die eines zynischen Bonmots. Die gelebte Wirklichkeit ist für den größten Teil der Menschheit von größter Unsicherheit und einem alltäglichen „Kampf ums Überleben“, zumindest um bessere Chancen für sich und die eigenen Nachkommen bestimmt. Dass diese „Last“ der Menschheit kleiner wird, ist wohl eine illusionäre Hoffnung.

Ein noch einmal anderes Bild ergibt der Blick auf das, was man „Ideengeschichte“ nennen könnte. Man ist versucht zu sagen, so furchtbar viel Neues ist in den vergangenen 2500 Jahren nicht passiert, nicht gedacht worden. Grundlegende Ideen und Alternativen des Denkens wie Realismus und Idealismus, Materialismus oder Skeptizismus, kausalitäts-geschlossen oder teleologisch-offen, logisch-formal oder gegenständlich-substantiell usw. sind so alt wie das philosophische Denken überhaupt. Wenn Vertreter der analytischen Sprachphilosophie hervor heben, so begrifflich genau und logisch konsistent habe man nie zuvor gedacht, dann sollten sie einmal scholastische Abhandlungen und Erörterungen lesen. Da sind moderne Philosophen und Literaten wie Foucault, Derrida, Sloterdijk usw. mit ihren Themen wie Macht, Existenz, Sein und Nichts, Glück und Leiden sehr viel näher an ‚ewigen‘ Grundthemen menschlichen Nachdenkens und Bemühens. Gewisse Fragestellungen sind wie archetypisch gegeben: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ – „Was soll das alles?“ – „Wozu lebe ich?“ Es hilft nichts, jede Generation muss und wird darauf ihre eigenen Antworten finden. Und wie man das gesellschaftliche Zusammenleben am besten organisiert, ist heute so unklar und umstritten wie eh und je: mehr konservativ-hierarchisch oder mehr liberal-egalitär, mehr individualistisch oder mehr kollektiv, mehr national-begrenzt oder mehr elitär-ubiquitär usw. Wenn wir unsere heutige Form einer rechtsstaatlichen Demokratie und kapitalistischen  Ökonomie als den geschichtlichen Endpunkt und jeder Veränderung enthoben ansehen, dann wird das Erwachen aus diesem Irrtum umso überraschender sein.

Man könnte bisweilen verleitet sein, in den alten Satz „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ einzustimmen. Aber das ist falsch. Es gibt viel Neues, sehr viel Neues, Veränderung allenthalben, Brüche, Umbrüche, Aufbrüche, – die Geschichte ist voll davon. Es gibt nicht nur neue technische Erfindungen, sondern auch neue kulturelle Einsichten und Ausdrucksmöglichkeiten, sich neu gestaltende Bereiche in einer eng miteinander verzahnten Gesellschaft, die darin dennoch eine bestimmte Eigenständigkeit entwickeln, so dass die Rede von Systemen und Teilsystemen durchaus ihre Berechtigung hat. Die moderne Naturwissenschaft ist ja nicht dumm, und ebenso wenig die Biowissenschaften, Humanwissenschaften, Soziologie, Psychologie usw. Aber all der in der Neuzeit erlebte „explodierende“ Wissenszuwachs kann doch kaum darüber hinweg täuschen, dass mit jedem Schritt neuen Wissens das Meer des Nichtwissens größer zu werden scheint. Auf der anderen Seite zeigen die existentiellen Konstanten über Zeiten und Kulturen hinweg, dass da bei aller „gefühlten“ Neuheit und Veränderung doch viel mehr Konstanz und Beharrung, also viel mehr Gleichbleibendes und Unverändertes da ist, das uns ein Leben, wie es uns vertraut ist, als Einzelne und in der Gemeinschaft überhaupt erst ermöglicht. Letztlich möchte man ja auch bei Facebook und Instagram nur Aufmerksamkeit und Anerkennung finden. Es täte sicher gut, neben all dem Geschrei über Neuheiten, Errungenschaften, Revolutionen sich einfach dessen bewusst zu werden, was sehr beharrlich und unveränderlich und wenig verbesserlich da ist: Der Mensch mit Hoffnungen und Sehnsüchten, Liebe und Leidenschaft, Vorurteilen und Vorlieben, mit Verständnis und Einfühlungsvermögen, aber auch mit Gewalt, Verachtung und Grausamkeit. All dies hat weder die Neuzeit noch der Computer „abgeschafft“. Es steht nicht zu erwarten, dass sich das bei allem Wandel ändert.

Vielleicht sollte man auf die Rede vom „Fortschritt“ eine Weile verzichten.

Jul 232015
 

[Gesellschaft]

Sprechen wir zunächst vom Gedanken des Fortschritts. Es ist ein relativ neuer Gedanke, ein typisches Kind der Aufklärung und der Moderne. Für Hegel ist die „Weltgeschichte der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, Comte und Marx / Engels haben je auf ihre Weise die geschichtlichen Veränderungen ihrer Zeit als eine mehr oder weniger gesetzmäßig verlaufende Entwicklung verstanden. „Aus Chaos zur Ordnung“ war der Schlachtruf der Modernisten des 19. Jahrhunderts, die sich begeistert Darwins Evolutionslehre aneigneten und sie als „Sozialdarwinismus“ auf gesellschaftliche Verhältnisse zu übertragen versuchten. Der Fortschrittsgedanke verband sich mit den Umwälzungen der Industrialisierung zu einem gewaltigen Weltbild einer „kosmischen Evolution“ (Spencer), die Natur und Kultur in gleicher Weise einschloss und antrieb. Besonders in kulturgeschichtlichen Betrachtungen und Analysen (Elias, Durkheim, Levi-Strauss uva.) wurde der Gedanke einer aufwärts strebenden Entwicklung aus primitiven Schichten zu immer höher stehenden, kulturell entwickelteren Formen des Zusammenlebens, als ein Prozess der positiven Zivilisierung aufgefasst. Das 20. Jahrhundert brachte das typische „immer weiter – immer schneller – immer höher“ als ein Griff zu den Sternen ins Bewusstsein. Etwas abgewandelt findet sich der Gedanke noch heute als „Mooresches Gesetz“ (Verdopplung der IC-Komplexität alle 24 Monate) in der Chip-Industrie wider.

Die Literatur zum Thema Fortschritt und Entwicklung / Evolution ist uferlos. Sie schwankt zwischen grenzenlosem Optimismus und abgrundtiefem Pessimismus und deckt zwischen diesen Polen alle möglichen Schattierungen ab. Das 20. Jahrhundert hat mit zwei Weltkriegen und zahllosen postkolonialen Katastrophen die Fragwürdigkeit eines Progressismus vor Augen geführt, der nicht zugleich auch die Schrecken der Neuzeit und die Abgründe der Moderne (Verdun; Auschwitz; Hiroshima; My Lai) mit bedenkt. Auch 1989 fand nicht das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) statt, und Zweifel daran, dass die USA nach eigener Einschätzung die höchste Form menschlicher Zivilisation darstellen, sind nicht erst seit Abu Ghraib angebracht. Inzwischen sind auch die enthusiastischen Töne, dass die digitale Revolution mit Robotern und künstlicher Intelligenz die Menschheit auf eine höhere Kulturstufe katapultiere, leiser geworden. Im Grunde ist es aber dasselbe Spiel mit der Begeisterung für den „Fortschritt“, der nicht nur in der DDR in heute kaum glaublicher Naivität gefeiert wurde. Silicon Valley teilt von Grund auf diesen grenzenlosen Optimismus, dass sich mit Computern, Daten und ein paar guten Ideen (+ Dollar) alle Probleme der Menschheit lösen lassen („Schöne neue Welt“…) Natürlich gibt es auch die Gegenmeinung, „warum man das Silicon Valley hassen darf“ (Evgeny Morozov).

Es ist ein Kennzeichen der Debatte um Fortschritt und Entwicklung, sei es technologisch oder kulturell, politisch oder digital, dass sie zu Extremen verleitet, dass dem enthusiastischen Optimismus, dem alle Veränderung gar nicht schnell genug gehen kann, stets der warnende Pessimismus zur Seite steht, der bei Umwelt, Klima, Gentechnik usw. die jeweils nächsten Katastrophen-Szenarien ausbreitet. Die „heißen“ (progressiven) und „kalten“ (konservativen) Formen der Kultur (Levi-Strauss) finden sich also gar nicht so sehr in unterschiedlichen Ethnien und auf zeitlich oder räumlich verteilte „Kulturstufen“ wider als vielmehr nebeneinander als Ausdruck unterschiedlicher Weltanschauungen innerhalb der modernen globalisierten Welterfahrungen. Das Muster von „heiß“ und „kalt“ kann dabei durchaus als Spektrum dienen, in dem man die unterschiedlichen Ausprägungen des Weltgefühls verorten kann. Erkennt man es als ein brauchbares Deutungsmuster, so findet man Anwendungsbeispiele in vielen Bereichen des sozialen und politischen Alltags. Selbst die Debatte um Griechenland und Europa konnte zum Teil unter der Chiffre „Fortschritt“ (=mehr transnationales Europa, heiß) und „Beharrung“ (=mehr nationale Selbständigkeit, kalt) geführt werden, wobei die Anhänger des Fortschrittsgedanken diesen als den quasi natürlichen und darum selbstverständlich gerechtfertigten Gedanken behaupten konnten. Das hat mit einer Eigentümlichkeit des „Fortschritts“ in unserem gegenwärtigen Weltverständnis zu tun.

Der Fortschritt gilt nämlich im Allerweltsbewusstsein inzwischen gar nicht mehr als ein besonderer Gedanke, der erst noch begründet und gerechtfertigt werden müsste, sondern als eine selbstverständliche Gegebenheit, die man allenfalls begrüßen und befördern oder abmildern und „gemächlicher“ (P. Kafka) gestalten möchte. Aber die Progression ist als Tatsache gesetzt – „den Fortschritt hält in seinem Lauf weder Ochs noch Esel auf“, um Erich Honecker frei zu zitieren. Es gerät dabei fast völlig aus dem Blick, dass der Fortschrittsgedanke ein in der Tat begründungsbedürftiger Gedanke ist, dass er ansonsten zum Glaubensaxiom einer Weltanschauung mutiert. Dieser Wechsel von einer deutenden gedanklichen Kategorie zu einem quasi naturhaften Axiom ist, so meine Beobachtung, tatsächlich schon weit gediehen. Eine ähnliche Verschiebung eines Theorems der Deutung zu einer angeblich natürlichen Tatsache kann man beim Begriff der Evolution fest stellen. Eine Kritik des Evolutions-Gedankens muss aber genauso möglich sein wie eine Kritik des Fortschritts-Gedankens, ohne dass sogleich das Etikett des Ewiggestrigen oder des archaischen Kreationisten verteilt wird. Wie immer in solchen Kontroversen, wo es ums Eingemachte, also um die axiomatische Gewissheit bestimmter Weltanschauungen geht, wird ein Schwarz-Weiß-Gegensatz aufgemacht, wo es doch eigentlich in begrifflich denkerischer Arbeit um die unendlichen Schattierungen dazwischen gehen sollte, vielleicht zum Teil in Form einer Dialektik, vielleicht zum Teil in Form beständiger Ambiguitäten. „Fortschritt“ und „Entwicklung“ (Evolution) tragen nämlich ein gedankliches Problem, eine Frage in sich, die nur schwer zum Schweigen zu bringen ist: Wie verhält sich ein ständig aufwärts weisender Fortschritt mit dem Zufall? Was ist mit Anfang und Ende, mit Ursprung und Telos? Ist die Rede von Singularitäten, also von Wendepunkten wirklich erklärend? Also wohin entwickeln sich Natur und Kultur? Bisher weiß die Antwort nur der Wind oder ‚Kommissar Zufall‘, auch wenn dieser mehr abstrakt als „autopoietisches System“ bezeichnet wird. Und die andere Frage, „Cui bono“, wem nützt es bzw. er (der jeweilige Fortschritt), ist vielleicht noch abgründiger und hinterhältiger, weil sie hinter der Larve des Selbstverständlichen handfeste Interessen vermutet und aufdeckt.

Fortschrit - Patrizia Sollani https://www.flickr.com/photos/55524309@N05/

Fortschritt – Patrizia Sollani https://www.flickr.com/photos/55524309@N05/

Weltanschauungen brauchen wie alle Ideologien und Religionen ihre Grundannahmen, ihre Axiome. Dass man von ihnen dann ‚selbstverständlich‘ weiterhin ausgeht, ist ja gerade der Witz an solchen Glaubens-Axiomatiken. Man sollte aber dennoch nicht vergessen, dass auch so selbstverständliche Grundgedanken wie der des Fortschritts oder der Evolution zunächst einmal nicht mehr als heuristische Begriffe in einer bestimmten Theorie der Weltdeutung sind. Sie werden immer nur zum Teil erklären und sich nur zum Teil bewähren. Denn die Wirklichkeit in Politik und Gesellschaft, in Wissenschaft und Alltag, spottet jeder vereinfachenden Deutung. Man kann nur verschiedene Aspekte in den Blick nehmen und gegenwärtige Entwicklungen im Pro und Contra diskutieren. Jeder „Fortschritt“ hat bekanntlich seinen Kollateralschaden. Man muss darum schon wissen, was man eigentlich will, wohin man will, und das sollte man mit guten Gründen fundieren. Ein Fortschrittsglaube taugt dazu wenig. Denn unter der Hand – das lehrt die Religionsgeschichte – wird aus einem anfänglichen Glauben recht schnell ein System von Hypostasierungen (die Gene, die Natur, die Narrative usw.), die dann ein fröhliches Eigenleben führen. Um in der heutigen Welt, wie man sie erlebt und wahrnimmt, Orientierung zu geben oder zu finden, dafür ist der optimistische Glaube an Fortschritt und Notwendigkeit ebenso hilfreich wie weißer Kalk auf einer blutroten Wand. Etwas mehr Skepsis ist immer dann angebracht, wenn allzu laut und allzu oft Behauptungen als Selbstverständlichkeiten ausgegeben werden. Das hat zuletzt sogar die Griechenland-Debatte gezeigt. Der Fortschritt zeigt sein chimärenhaftes Wesen bisweilen erst dann, wenn man einen Schritt zurück tritt.

Jun 072015
 

[Gesellschaft]

Was neoliberal bedeutet, weiß man. Alles Schlechte: Raffgier, Egoismus, privat, unsozial; Freiheit nur für Kapital und Unternehmen. Bankenkrise, soziale Ungleichheit, teurer Wohnraum, Privatisierungen, zu wenig Geld für die Bildung – alles geht aufs Konto des Neoliberalismus. Natürlich auch Waffenexporte, Atomwirtschaft, Energieverteuerung und letztlich die Klimakatastrophe. Da ist es gut zu wissen, was richtig ist: Energiewende, Reichensteuern, Gesamtschulen, staatlicher Wohnungsbau, umfassende Daseinsfürsorge. Gut auch zu wissen, wogegen man sein muss: TTIP, VDS, Massentierhaltung, Krieg, austerity, Studiengebühren, Stromtrassen. Fleisch ist schlecht, vegan ist gut. Google ist schlecht, Katzenfotos auf Instagram sind gut. Kohlekraftwerke sind schlecht, Windmühlen und Solarpanels sind gut. Verspargelung der Landschaft ist schlecht, Elektrosmog ist schlecht, Handyfotos von der Party oder vom Mittagessen sind gut. Industrielle Landwirtschaft und Impfen sind schlecht, „BIO“ ist total gut. Wie soll man nun diese immer richtige Meinung und Haltung nennen? Neolinks? Linksökologisch? Linksalternativ? Ökobürgerlich? Ein so schön diffuses Etikett wie bei „neoliberal“ gibts dafür bisher nicht. Egal, es ist der öffentliche Mainstream, und der ist immer auf der Seite der Guten. Besonders richtig penetrant ist er als gender mainstreaming.

Proteste gegen Stromtrassen - Google-Suche

Dieser vorgebliche Mainstream der gesellschaftlichen Korrektheit hat einen  doppelten Charakter: Er ist ein bisschen die ersehnte Wiederkehr des Biedermeier, ein bisschen Spiel mit dem Fundamentalismus. Jedenfalls ist er so selbstbezogen und borniert, bisweilen chauvinistisch und idylleverliebt wie das Biedermeier, statt Nippes Sonnenblumen , – aber auch so fanatisch, rechthaberisch und unduldsam wie jeder Fundamentalismus. Abweichungen werden nicht geduldet. Eine kritische Diskussion, die auch Alternativen abwägt, auch nicht. Man weiß ja, dass man recht hat. Jede/r (!) darf eine Meinung haben, nämlich „meine“.

Wer meint, dies sei eine Karikatur, der schaue ins Netz, das ist voll davon, der lese Kommentare in Zeitungsforen, der achte auf die Laut-Sprecher und Reden bei Demos – und dabei denke ich nicht an Pegida. Oft genug kann man diesen Mainstream – ich nenne ihn einfach mal neo-linksbürgerlich, oft die „Gutmenschen“ genannt – auch in Zeitungen lesen oder im Radio hören. Die Ränder nach rechts zu den „Wutbürgern“ und nach links zu den sozialistischen Schwärmern sind fließend. Populismus ist zwar eine Attitüde, eine Versuchung, mit der man liebäugelt, aber alternativer Individualismus verträgt sich damit eher weniger, Waldorfschulen dagegen schon, man versteht sich doch irgendwie als Elite.

Diese selbstgewisse, selbstgerechte Haltung dominiert die öffentliche Meinung, hier und da ein „Aufschrei“ kann dafür nicht schaden. Aber zugleich macht der neo-linksbürgerliche Mainstream Diskussionen so ätzend steril und langweilig. Sitzen entsprechende Vertreter und Vertreterinnen in der Diskussionsrunde, meinetwegen auch bei Talkshows, dann geht das ab nach vorhersagbaren Stereotypen, wie ein Spiel mit verteilten Rollen. Man denkt nachher tatsächlich, das sei die öffentliche Meinung der Allgmeinheit. Das ist natürlich mitnichten so. Die Mehrheit sagt nämlich nichts und denkt sich nur ihr Teil.

Es könnte ja sein, dass ein Abkommen über die Handelsfreiheit von Waren und Dienstleistungen zwischen Europa und den USA beiden Seiten nützen würde, sprich dass damit auch bei uns Entwicklungschancen der Wirtschaft und damit zukunftsfähige Arbeitsplätze gesichert werden. Es kann auch durchaus sein, dass in dem Entwurf für das Abkommen einige Haken und Ösen verborgen sind, die verbessert werden können, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten. „Chlorhühnchen“ ist jedenfalls eines der dümmsten „Argumente“ , das je verbreitet wurde. Es könnte ja auch etwas dran sein, dass eine gewisse rechtlich abgesicherte Speicherung von Verbindungsdaten hilfreich sein könnte, wenn staatliche Organe der Strafverfolgung wirksamere Mittel suchen gegen OK in Zeiten von Smartphone und Internet. Zumindest ist der wilde Protest dagegen wenig glaubwürdig, wenn zugleich bereitwillig und freiwillig massenhaft private Daten und Inhalte (!) an international operierende Firmen wie Facebook und Google und andere preis gegeben werden. Die Schizophrenie zwischen dem Protest gegen „Datenmissbrauch“ und gleichzeitiger intensiver offener Handynutzung ist wohl den wenigsten bewusst. Es könnte auch etwas dran sein an der Vermutung, dass „vegan“ einfach nur hip ist, eine Mode des Zeitgeistes, dass mancher Feminismus einfach nur hysterisch ist, so hysterisch wie die meisten Impfgegner, und dass viele nur so lange für den Segen „erneuerbarer Energien“ eintreten, solange die Folgen nicht vor der Haustür zu greifen sind und die Stromkosten zu hoch werden. Es könnte etwas dran sein an dem hintergründigen Gefühl, dass die meisten Probleme, welche die öffentliche Diskussion so umtreibt und heraus posaunt, schiere Luxusprobleme sind, weil es einem nämlich ansonsten viel zu gut geht. Über Armut wird nur gesprochen, sofern damit allein erziehende Mütter (nach gender mainstreaming wird sogar sehr gelegentlich und sehr verschämt „und Väter“ hinzu gesetzt) gemeint sind, für die natürlich jeder Mitgefühl haben muss. Langzeitarbeitslosigkeit und ihre Ursachen bzw. dass die Hälfte der Hartz IV – Empfänger dies schon länger als 4 Jahre sind, ist dagegen kein Aufreger-Thema. Dass es international gelungen ist, den Hunger in der Welt, also die lebensbedrohende Armut, in den vergangenen 10 Jahren drastisch zu senken, ist ebenfalls kein Thema. Das Flüchtlingsproblem ist heikel, weil man eigentlich über die Ursachen entweder nichts weiß oder hilflos ist, aber eine dezidierte Meinung über Asylbewerberwohnungen in der Nachbarschaft hat. Asyl na klar, aber da muss der Staat was machen, dass die nicht stören.

 

Ich gebs zu – ich kann diese gesellschaftlichen Korrektheiten und diese wohlfeilen Rechthaber-Meinungen nicht mehr hören, nicht mehr lesen. Ich find sie entsetzlich simpel, selbstgerecht, dröge und verlogen. Ich weiß zwar nicht immer, wer alles und was genau mit „neoliberal“ beschimpft wird, aber was alles mit „neo-linksbürgerlich“ gemeint sein kann, das wird einem allenthalben und täglich vorgeführt bis zur Selbstkarikatur, bis zum Gehtnichtmehr. Vielleicht könnten all diese überkorrekten Besserwisser, Netzapostel und Aufschreierinnen einfach mal ein sabbatical einlegen – das könnte ein Sommermärchen werden!

 7. Juni 2015  Posted by at 19:28 Gesellschaft Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Sabbatical für den Mainstream
Mai 102015
 

[Netzkultur]

Es herrscht Ratlosigkeit, Katerstimmung. Das räumte auch Johnny Haeusler im Interview mit Scobel zum Abschluss der re:publica 2015 ein. Das ist eigentlich nicht neu, denn das hatte der deutsche Netzguru Sascha Lobo schon vor einem Jahr festgestellt. Es war offenbar nicht nur das diesjährige Thema, das mehr Schwierigkeiten machte als gedacht: „Finding Europe“ – was bedeuten kann: den Weg dahin finden oder Europa überhaupt erst (er)finden. Symptomatisch vielleicht auch die drei Diskutanten bei Scobel, die entweder grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Projekt Internet (ökonomisch, kulturell, demokratisch) äußerten oder es mit der Bändigung von mächtigen Konzernen assoziierten oder in der Lösung der Sicherheitsprobleme den Ausweg sahen. Diese unterschiedlichen Akzente sind zusammen genommen gewiss richtig. Sie weisen auf die Bruchstellen der gegenwärtigen Netzwelt und Netzpolitik. Wie lässt sich das Potential der Netzökonomie mit Demokratie, Freiraum und Privatheit verbinden?

re:publica, nowhere, Friedrichstadtpalast, re:10, republica10, konferenz, social media,

re:publica – wikimedia

Mir stellt sich die Frage, ob die historischen Vergleiche passen und ob überhaupt schon ein vorläufiger Konsens darüber besteht, wie die „Internet-Welt“ einzuordnen ist. Von „digitaler Revolution“ ist die Rede, und dieser Ausdruck kennzeichnet das Umwälzende der Digitalisierung, die dem Internet ebenso wie der globalen Ökonomie zugrunde liegt, nämlich alles und jedes in binären Daten ausdrücken und algorithmisch verarbeiten zu können. Von „Netzwelt“ ist die Rede, vom „Online-Bereich“ oder dem „Cyberspace“, als ob es sich um eine zusätzliche Welt oder zumindest um eine neue Dimension der „offline“ oder „real“ Welt handele, die sich da als Layer über alles andere lege. Beim Internet denkt man dann besonders an die neuartige Kommunikation, die quasi raum- und zeitlos instantan erfolgen kann und alle „sozial“ in Netzwerken verbindet und digital erfasst. Facebook hat es immerhin auf 1,44 Milliarden Mitglieder gebracht (März 2015), mit deren Daten die Firma arbeitet. Man könnte noch viel mehr aufzählen, um das Neue der digitalen Netzwelt zu adressieren. Aber was ist eigentlich das wirklich Neue, das all dem zugrunde liegt und so viel Veränderung („disruption“) zur Folge hat?

Da beginnt schon die Unsicherheit. Der Verweis auf ein einzelnes Faktum (der Mikrochip, die digitale Codierung) ist so richtig wie zu kurz gegriffen. Es hat nach den Maßstäben der heutigen Innovationszyklen sehr lange, nämlich einige Jahrzehnte gebraucht, bis der Mikrochip samt der zugehörigen Software und Netzstruktur den Siegeszug antreten konnten. Die technischen Voraussetzungen der Mikroelektronik wurden in den 50er Jahren gelegt. Daneben brauchte es offenbar auch die passenden wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen, die dann ab Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Netzrevolution auslösten. Selbst vom ARPA Netz zum WWW (CERN) hat es so lange gedauert, wie heute kein Smartphone hält. Was eigentlich dazu geführt hat, dass sich „das Internet“ nach sehr zögerlichen Anfängen (besonders auch hierzulande) dann sehr schnell massenhaft durchsetzen konnte, wäre noch ein interessantes Forschungsprojekt. Dafür mussten eine Reihe von Voraussetzungen stimmen. Die Verbreitung des Telefons und des Farbfernsehens je Haushalt hat jedenfalls sehr viel länger gedauert. Was konnte diese Beschleunigung auslösen?

Es ist zudem schwierig, zutreffende Vergleiche zu finden. Es handele sich um eine neue industrielle Revolution – man denkt vergleichsweise an Dampfmaschine und Elektrizität. Mit Blick auf die Revolution in der Kommunikation wird der Vergleich mit dem Buchdruck herangezogen – dem billigen Flugblatt entspricht dann das Weblog für jedermann, der Zeitung die Twitternews. Versteht man das Internet insbesondere mit seinen „Sozialen Netzwerken“ als grundlegend neue Kulturtechnik, dann legt sich der Vergleich mit der Erfindung der Schrift nahe. Die Verführung der Möglichkeiten des Netzes besteht auch darin, unüberbietbar groß zu denken. Dabei muss man heute schon bei dem Adjektiv „sozial“ vor Netzen ein Fragezeichen machen, weil erst zu klären ist, was darin sozial und was ausgesprochen a-sozial ist. Jedenfalls merkt man sehr bald, dass die historischen Vergleiche hinken und die zugewiesenen Namen (z.B. Cyberspace, Onlinewelt) mehr verdecken als erhellen.

Das erklärt, dass es sich tatsächlich um etwas sehr Neuartiges handelt. Zugrunde liegt zunächst eine neue Technik, die eine Explosion von Anwendungsmöglichkeiten freisetzt. Es handelt sich aber zugleich um eine komplett neue Darstellung, eine neue Repräsentanz der Welt, nämlich übersetzt in binäre Daten und darum berechenbar und mit Codes bearbeitbar. Text, Bild, Ton, sogar räumliche Gegenstände lassen sich in digitalisierter Form re-produzieren. Original und Kopie werden auf ein digitales Substrat zurück geführt. Ebenso sind personale Beziehungen und Kommunikation digital darstellbar und mit Algorithmen formbar und auswertbar. Das Neue besteht also darin, dass es eine neue Beschreibungssprache für die Wirklichkeit gibt in Form von Programmcodes für die mikroelektronische Verarbeitung. Die grundlegende Sprache dieser Repräsentation der Wirklichkeit ist die Mathematik. Sie liefert das Medium für die Welt als digitale Form. Diese neue Möglichkeit der Repräsentation der Wirklichkeit und ihrer Funktionen und Beziehungen macht es verständlich, dass die Netzwelt oder Onlinewelt wie eine zweite, eigene Welt erscheint. Es ist aber die eine, alte Welt mit all ihren Funktionsweisen, Mächten und Interessen, die sich in dieser digitalen Repräsentation neu erfindet, derer sich Kapital und Machtinteressen ebenso bedienen können wie Staaten, einzelne Personen und freie Vereinigungen.

Die Veränderungen durch diese funktionale digitale Repräsentation der Wirklichkeit sind sehr weitreichend, wir erleben das gerade in allen Facetten der digitalen Revolution – diesen Ausdruck halte ich für die angemessenste Beschreibung. Aber als neue Weise der Darstellung der Wirklichkeit, der Repräsentation und Codierung der Welt, bleiben die Tatsachen zunächst dieselben: Reden ist Reden, Schreiben ist Schreiben, Kaufen ist Kaufen, Kapital ist Kapital, Macht ist Macht, Staat bleibt Staat. Dass nationales Recht multinationalen Konzernen und global vernetzten Akteuren nicht beikommen kann, ist keine Eigentümlichkeit der Digitalisierung, sondern eher der ökonomischen Globalisierung. Digitalisierung verstärkt das nur. Was die digitale Verfügbarmachung von Welt und Wirklichkeit, von Beziehungen und Personen im Einzelnen bedeutet, welche Auswirkungen und Weiterungen das enthält, ist jeweils im Einzelfall zu diskutieren und zu bewerten. Moralische Normen müssen deswegen nicht neu erfunden werden. Beleidigungen im Netz sind ebenso inakzeptabel wie Beleidigungen im persönlichen Gegenüber – usw. Allerdings ist der rechte Gebrauch der digitalen Verfügbarmachung allererst neu zu bewerten und sind Regeln anzuwenden, die der Tragweite der digitalen Repräsentation angemessen sind. Rechtliche Normen sind in der Tat neu zu definieren (z.B. Urheberschaft, Kopie; Privatheit, Öffentlichkeit usw.). Da sind wir erst am Anfang eines Weges, bisweilen rat- und machtlos, aber am besten illusionslos und beharrlich – die re:publica ist eine Station, die dies dokumentiert, nicht nur im Blick auf Europa.

UPDATE 11.05.2015

Ich finde heute bei FAZ.NET einen Artikel von VALENTIN GROEBNER über die Vergänglichkeit von digitalen Speichern und die Flüchtigkeit digitaler Prozesse.

 10. Mai 2015  Posted by at 13:17 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Digitale Repräsentation
Mrz 312015
 

[Netzkultur]

Von einer Zeit der Reife kann man noch nicht sprechen, aber von einer Phase einer (ersten) Konsolidierung. Die digitale Welt ist im Alltag angekommen. Social media, also die Nutzung sozialer Kontakte über Facebook, Twitter, WhatsApp, Instagram, Pintrest usw. ist selbstverständlich geworden. Dies gilt in höchstem Maße für die Generation unter 40, aber zunehmend auch für die Generation über 40. Smartphones und Tablet-Computer haben in kurzer Zeit eine so hohe Reichweite erlangt, dass immer mehr Nutzer den Computer gar nicht anders kennen als über die smarten Geräte, und das Internet nicht anders erreichen als über die beliebten Apps. Der Messenger WhatsApp ist überhaupt nur über die Smartphone App zu nutzen (neuerdings auch über PC, aber nur als Anhängsel an die App). PC’s und Notebooks werden kaum verschwinden, aber es sind Arbeitsgeräte für den produktiven Einsatz zu Hause oder im Beruf. Für Infos und Kontakte, Dates und Pizzas reichen die Apps – die sind einfacher, schneller und bequemer. Las man vor einiger Zeit von einer Sättigung des Marktes für Notebooks, so findet man heute ähnliche Meldungen für den stagnierenden Verkauf von Tablets. Nur Smartphone haben noch eine eigene Faszination mit ihrer wachsenden technischen Perfektion – und weil sie halt so stylisch sind. – Der Kauf von eBooks wächst zwar nicht in gleichem Umfang, aber doch deutlich, demzufolge auch die Verbreitung von geeigneten Lesegeräten. – All das gilt in hohem Maße für die jüngere und in wachsendem Maße auch für die ältere Generation.

Es ist schon erstaunlich, in welch kurzer Zeit ein solcher Wandel bei der Nutzung digitaler Kommunikation und eine entsprechende Änderung des Verhaltens insbesondere der jüngsten Generation statt gefunden hat. Bei Jugendlichen haben soziale Medien, Gaming sowie netzbasierte Musik- und Videodienste das TV nahezu vollständig abgelöst. Aber auch bei der mittleren Generation verändert sich das Verhalten gegenüber dem Fernsehen und erst recht bezogen auf Zeitungen und Nachrichten-Konsum. Das Fernsehen ist dabei sich umzustellen. Mehr Live-Events und gleichzeitiges Streamen sowie Serien, die sogar vorab (ZDF) im Netz verfügbar sind und eventuell über YouTube verbreitet werden, sind erste Schritte einer Anpassung an neue Seh- und Nutzungsgewohnheiten. Dasselbe gilt für die Tageszeitungen. An Aktualität sind die Webseiten und Apps der Zeitungen den eigenen Print-Ausgaben weit überlegen. Print und Netz wachsen als unterschiedliche Vertriebsformen zusammen. Das zeigt zum Beispiel der neue Auftritt der Süddeutschen Zeitung. Aber als pure „Vertriebsform“ ist das Internet noch unterbewertet. Es fehlt die soziale Komponente, die sich kaum in bissigen Leserkommentaren erschöpfen dürfte. – „Featured content“ ist eine zunehmend attraktive Weise, eigene und fremde Inhalte ansprechend zu präsentieren, beispielsweise im großen Stil wie Buzzfeed (Unternehmen mit eigener Redaktion) oder als News-App wie Flipboard (Aggregator) – oder für jedermann mittels „featured content“ – Plugin für WordPress. Mit paper.li kann jeder selber seine eigene Zeitung bauen, aber das ist schon mehr etwas für Spezialisten. Bei den überregionalen Zeitungen zeigt sich die Entwicklung am deutlichsten: Aus dem Abwehrkampf der früheren Jahre (online kostet Abos und Druckauflage) wird zunehmend eine positive Gestaltung, ein Umdenken und eine neuartige Nutzung der Möglichkeiten des Netzes und der Mobilität. Gerade der professionelle Journalismus ist heraus gefordert und kann sich kaum mehr auf Altbewährtes verlassen (siehe den kaum überstandenen Streit in der Spiegel-Redaktion zwischen Druck und Online). Über allem steht hier natürlich die Notwendigkeit, unter veränderten Bedingungen verlässlich Einnahmen zu generieren. Die Übertragung des Abo-Modells einer Druck-Ausgabe auf das Online-Modell ist sicher noch nicht das letzte Wort. Die nervige und aufdringliche Werbung gerade bei kleinen Displays allerdings auch nicht. Wie die Welt des „distributed content“ aussehen könnte und müsste, darüber macht sich Joshua Bentons lesenswerter Beitrag Gedanken. Eine Denk- und Testphase täte hier gut.

share buttons

Share buttons – Symbole der Konnektivität

 

Und dann sind da noch die vielen einzelnen kleinen und in ihrer Summe riesigen Dinge, in denen die digitale Welt unseren Alltag erobert. Jedes moderne Auto steckt voller digitaler Steuerungen, die wir dann bestenfalls als Fahr-Assistenten und intelligente Displays direkt zu Gesicht bekommen. Haushaltsgeräte und erst recht die Visionen über „smart home“ oder „smart health“ zeigen die Richtung an, wie sich „Digitalien“weiter entwickeln könnte. Noch ist das Gesundheits-Armband etwas für die Avantgarde. Denn noch ist alles am Anfang, alles im Umbruch, vieles noch nicht ausgegoren, aber in der Tendenz unaufhaltsam. Die Möglichkeiten virtueller Realität (VR) und die jegliche Produktion erobernde „Industrie 4.0″ eröffnen allererst das Feld qualitativer Veränderungen. Es wird unterhaltsam, bisweilen auch erschreckend sein, diese umstürzenden Erfolge und Misserfolge („vision“ und „disruption“) alltäglich zu beobachten.

Auf einer noch anderen Seite stehen die Herausforderungen, die durch die globale Digitalisierung und Vernetzung für den Datenschutz, für den Schutz der Privatsphäre, für die Kontrolle der staatlichen Überwachungsorgane und für die notwendigen Anpassungen des rechtlichen Rahmens national und international bewältigt werden müssen. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Das bedeutet dann auch, dass den (rechts-) staatlichen Organen für die Strafverfolgung und Informationsbeschaffung geeignete moderne Mittel zur Verfügung stehen müssen. Wir hinken da den schnellen technischen Entwicklungen und ökonomischen Realisierungen gesellschaftlich, politisch und juristisch weit hinterher. Aber das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Neujustierung des gesetzlichen Rahmens im Blick auf Strafverfolgung einschließlich Prävention, Urheberrechte, Haftungsfragen, den berechtigten Schutz vor Überwachung und den Grenzen des data mining ist in letzter Zeit (auch dank Edward Snowden) gewachsen. Man kann allenfalls die Langsamkeit beklagen, in der hier die Dinge in Bewegung geraten, aber das muss wohl so sein, wenn man zu länderübergreifenden Lösungen kommen will.

Als Letztes noch ein Blick auf „das Netz“ und „die Netzgemeinde“, die „Nerds“, „storms“, „mobs“ usw. Auch in all diesen Dingen ist die anfängliche Euphorie („Piraten“) und die spätere Entrüstung über den miesen Stil vieler Beiträge einer Ernüchterung gewichen, die zu einer realistischen Einschätzung führt. Im Netz spiegelt sich nur ein bestimmter Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit wider mit allen guten und schlechten Seiten. Netz-Meinung und repräsentative Meinung in der Bevölkerung sind keineswegs deckungsgleich. Die Anmaßung vieler Äußerungen im Netz und die abstrusen Phantasien, was da angeblich wirklich oder verschworen passiere, sind vielfach nur noch skurril und lächerlich. Kanns und solls auch geben, muss man sich aber nicht antun. Man kann auf die „flames“ und „shit storms“ und Verschwörer-Seiten gut verzichten. Sie relativieren sich als öffentlich ausgetragenes soziales Gezänk oder als  Verschrobenheiten einzelner, deren Geltungssucht sich online nieder schlägt. Wo sie durch Stalken und Bedrohen einzelne schädigen, haben sie dieselbe Behandlung verdient wie alle anderen Resultate böswilliger oder krimineller Energien. Jedenfalls trennt sich auch hier die Spreu vom Weizen, und „das Netz“ ist eben nur ein weiterer Bereich öffentlicher Interaktionen, aber in keiner Weise von einer höhreren moralischen Dignität oder demokratischen Legitimität wie andere öffentliche Äußerungen auch. Die Anonymität verführt zum Ausrasten, „Netiquette“ ist von Gestern – cool bleiben!

Man sieht: Von Reife ist die digitale Welt noch weit entfernt. Sie ist ja auch noch sehr jung. Aber sie hat enormes Potential, weit über die rein technische Möglichkeiten hinaus. Was sich wissenschaftlich (KI, Bio-, Neuro-) und kulturell, individuell und politisch daraus noch entwickeln wird, vermag man heute noch nicht abzusehen. Aber eines ist sicher: Der Umbruch und Aufbruch der digitalen Welt ist gewaltig und einzigartig. Eine neue Phase in der kulturellen Entwicklung der Menschheit könnte dadurch angezeigt sein. Aber vor allzu viel Vollmundigkeit sollte man sich eben auch hüten. Man weiß noch zu wenig…

 31. März 2015  Posted by at 16:37 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Digital normal
Okt 122014
 

[Geschichte, Gesellschaft]

Das Schwierige an der Zukunft ist bekanntlich, dass man nicht weiß, was kommt. Nach Karl Valentin ist die Zukunft heute auch nicht mehr das, was sie mal war. Damit wird eine Verknüpfung mit der Vergangenheit hergestellt. Genau aus dieser Perspektive, nämlich der Vergangenheit, möchte ich in Anbetracht der Erfahrungen der Gegenwart auf die Zukunft blicken. Das scheint heute ganz besonders schwer zu sein.

Es ist nicht einfach die triviale Tatsache, dass man die Zukunft nicht kennt und es meist anders kommt, als man denkt. Insofern ist die Zukunft per definitionem das „unbekannte Land“. Man ist aber immer wieder versucht, zukünftiges Geschehen aus den Entwicklungen der Vergangenheit und den verschiedenen Faktoren der Gegenwart heraus abzuschätzen. Jede Wirtschaftsprognose funktioniert so, selbst die alljährliche Steuerschätzung trifft Aussagen über die zukünftige Entwicklung auf der Basis des gegenwärtig bekannten Datenmaterials. Wenn besonders gut geschätzt werden soll wie etwa bei der Börsenentwicklung, dann werden Hochrechnungen auf der Grundlage vergangener Entwicklungen einschließlich gegenwärtiger Bedingungen und ihrer Muster angestellt. Insbesondere die „technische Analyse“ der Börsenkurse verfährt so. Über einen späteren Abgleich mit der einstigen Voraussage wird seltener berichtet. Je näher der Prognosezeitraum rückt, desto stärker wird korrigiert und angepasst, bisweilen sogar erst aus politischen Gründen fast im Nachhinein (Beispiel Konjunkturentwicklung, wenn es wider Erwarten abwärts geht).

Dass Prognosen fehl gehen, ist bekannt. Später werden dann aus der Vielzahl der unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Prognosen diejenigen ausgewählt und zitiert, die richtig lagen. Meist ist solch ein Treffer aber weniger einer besonders ausgeklügelten Prognosetechnik zu verdanken als dem bloßen Zufall. Schon beim nächsten Mal wird der gefeierte Prognostiker wieder falsch liegen. Soweit es um zahlenmäßig darstellbare Entwicklungen geht, ist die Fehlermöglichkeit stets groß. Immerhin sind die Verhaltensprognosen bei Voraussagen von Wahlergebnissen erstaunlich genau, allerdings auch nur, wenn sie sehr dicht an dem Wahldatum liegen und eine wirklich gute repräsentative Basis haben. All dies ist bekannt und mit entsprechenden Methoden auf der breiten Basis von big data und digitaler Verarbeitung gewiss weiter zu verbessern und zu verfeinern.

Europa Bike www.TheEnvironmentalBlog.org

Europa Bike www.TheEnvironmentalBlog.org

Anders sieht es bei der Abschätzung künftiger gesellschaftlicher, kultureller und politischer Entwicklungen aus, zumindest bei der Prognose von wichtigen Trends. Da wird es, was die Zuverlässigkeit solcher Prognosen angeht, ausgesprochen ungemütlich. Es gibt nichts einigermaßen Verlässliches, und was Verlässlichkeit vorgibt, beruht doch nur auf Spekulation oder auf eigenen Hoffnungen und Befürchtungen. Man könnte einwenden, dass auch dies völlig normal sei. Stimmt. Mein Eindruck ist allerdings, dass es in manchen Zeiten noch ungewisser ist als in anderen. Sei es dass wir heute eine spezielle Zeit des Umbruchs erleben, sei es dass die Verhältnisse längerfristig insgesamt in einem ständig beschleunigten Wandel begriffen sind, jedenfalls scheinen wir heute noch weniger als noch vor einigen Jahrzehnten Grund zu haben, irgend etwas halbwegs Sicheres über die Entwicklungen der sagen wir nächsten dreißig Jahre im Voraus sagen zu können. Schon bei zehn Jahren wird es schwierig.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Weltpolitisch ist unter machtpolitischem Gesichtspunkt die künftige Entwicklung so unabsehbar wie kaum zuvor. Welche Rolle die einzelnen Kontinente und kontinentalen bzw. maritimen Großräume und ihre Vormächte spielen werden, wieweit mächtige bewaffnete Kleingruppen mit dezidierten Einzelinteressen die Grenzen, Ressourcen und Gewichte einzelner Staaten aufmischen und dadurch globalen Einfluss gewinnen können, welche Rolle „Nationalstaaten“ überhaupt spielen werden, welche Strategien und Institutionen der Krisenbewältigung und Konfliktlösung überhaupt noch zur Verfügung stehen werden – alles dies ist völlig offen und ungewiss. Soziokulturell sind die Auswirkungen der massiven weltweiten Wanderungsbewegungen (Flüchtlinge, Einwanderung usw.) unabsehbar, die Rolle der religiösen Traditionen und Sprachen und ihre Abgrenzung gegeneinander sowohl in größeren Räumen als auch auf dichtestem Raum unserer Metropolen kaum aktuell zu beschreiben (von „in den Griff zu bekommen“ gar nicht zu reden) geschweige denn vorauszusagen. Schließlich, um ein drittes herausragendes Beispiel zu nennen, sind die Folgen und Weiterungen durch die weltweite Vernetzung, durch Steuerung, Kontrolle und Beeinflussung der Informationsströme (Stichwort Snowden), die Anwendungsmöglichkeiten und gesellschaftlichen bis hin zu individuellen Auswirkungen von big data überhaupt annähernd zu fassen (→ Neurowissenschaften,→ social media, → smart home). Dazu beliebte Prognosen sind entweder von nahezu blindem Fortschrittsglauben oder von übergroßen Verlustängsten geprägt. Weder ist das Internet und seine Kommunikationsmöglichkeit die Rettung noch der Untergang der Kultur. Auf jeden Fall wird die Digitalisierung der Welt eine nachhaltige Veränderung des gesamten Lebens bedeuten, dessen Ausmaß wir uns heute nicht annähernd vorstellen können. Welche machtpolitischen Folgen sich aus einer Monopolisierung von Informations- (und Desinformations-) Strömen ergeben werden, kann man allerdings heute schon ahnen.

Wenn wir heute etwas über die Zukunftsaussichten unserer Kinder sagen wollen, mag das, zumal wenn man selber schon der älteren Generation angehört, noch einigermaßen zutreffend gelingen können. Bei den Enkelkindern ist das schon bedeutend unsicherer. Auf kleinem Raum und im privaten Umfeld verbreiten sich globale Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen nur allmählich und mit Verzögerung. Dabei seien plötzliche Katastrophen einmal außer Acht gelassen. Wir tun das in Europa recht leichtfertig, weil wir in den vergangenen sechzig Jahren kaum wirkliche Katastrophen erlebt haben, allenfalls Bedrohungen wie die Kubakrise und Tschernobyl. Ich halte das eher für eine glückliche Sondersituation. Es gibt keinerlei Verlässlichkeit, vielmehr einige Unwahrscheinlichkeit, dass dies so bleibt. Insofern können sich die europäischen Nachkriegsgenerationen bis heute mehr als glücklich schätzen, in einem derart offenen, friedlichen und prosperierenden Lebensraum bislang gelebt zu haben. Zumindest die Griechen (und in der Folge viele andere Europäer) werden diesen Zeitraum bereits mit dem Jahr 2008 als zu Ende gegangen ansehen.

Genau diese Erfahrung des Aufschwungs, des Fortschritts, des Friedens, der Öffnung von Grenzen aller Art (auch nationaler und staatlicher) verleitet zu der trügerischen Wahrnehmung, die Vergangenheit könne so etwas wie eine Blaupause für die Zukunft abgeben, wenn nicht der Welt, dann doch wenigstens Europas. Dies dürfte sich als Illusion erweisen. Schon die Ereignisse im Gefolge der Krise in der Ukraine, von der Fraktionierung des EU-Raumes mal ganz abgesehen, könnte einen da mehr Realismus lehren. Zum Frieden bewahren gehört auch, sich wehren zu können. Allein dies – neben vielem anderen – haben wir in trügerischer Sicherheit gewiegt verlernt. Derzeit scheinen auch die Wirtschaftsaussichten Deutschlands wieder Nüchternheit und Realismus zu lehren. „Uns kann keiner“ ist jedenfalls das falsche Rezept.

Gerade weil wir aus solch einer positiv erlebten Vergangenheit kommen, fällt es schwer, die Gegenwart anders als „aus den Fugen geraten“ zu erleben (siehe vorigen Beitrag) und die Zukunft als mehr als ungewiss und unsicher und mühsam zu erarbeiten zu begreifen. Auch eine realistische Einschätzung anstelle von Wünschen und Träumen ist „Arbeit“. Die vergangenen sechs Jahrzehnte können jedenfalls in keiner Weise die Grundlage dafür bieten, unbesorgt und optimistisch in die Zukunft zu blicken. Das Leben unter sich rasch verändernden Bedingungen wird mehr denn je zum Normalzustand gehören. Man wird sich wieder sehr viel stärker auf eigene Anstrengung, Mühe, Bescheidung und auf die Sicherheit eines vertrauten nahen Umfeldes besinnen müssen. Sich von Ängsten beherrschen zu lassen hat noch nie jemandem geholfen. Illusionen nachzuhängen hat allerdings schon manchen ins Unglück gestürzt. Mit etwas mehr nüchternem Sinn und der Bereitschaft, Neues zu lernen und für bestimmte als unverzichtbar erkannte Werte mit allem Einsatz einzutreten und, ja auch zu kämpfen, wird es kaum gehen. Der „Kampf“ muss nicht mit Waffen geführt werden, es können auch Arbeitsmittel, Worte und Informationen sein. Jedenfalls wird die Zukunft erarbeitet und erstritten werden zu müssen wie lange nicht mehr. Beim Streiten kommt es auch zu Trennungen, zum Abschied.

Um die Zukunft zu gewinnen, müssen wir von manch vertrauter Einstellung Abschied nehmen. Das ist schon fast wieder ein Allgemeinplatz. Heute gilt er aber wie lange nicht mehr. Unsere jüngste Geschichte lehrt uns für die bevorstehenden Aufgaben und Herausforderungen tatsächlich wenig. Sie könnte uns allenfalls ermutigen, die eigenen Kräfte, Interessen, Fähigkeiten und Möglichkeiten auch wirklich zu nutzen und sich auf Veränderung und schnellen Wandel einzulassen, statt nur immer „Nein“ zu rufen. Was als treffender Ausspruch Gorbatschow vor 25 Jahren zugeschrieben wird, gilt in der Tat auch heute ganz aktuell: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Update

Über eine sehr destruktive Weise, sich mit Zukunft zu beschäftigen, wird hier geschrieben: „Wie verhindert man, dass ziemlich verbiesterte Leute das Meinungsklima in diesem Land dominieren?“ (FAZ.NET)

 12. Oktober 2014  Posted by at 11:55 Geschichte, Gesellschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Zukunft ungewiss
Sep 282014
 

[Politik, Gesellschaft]

Man hört es jetzt häufiger. Jüngst hat es Außenminister Steinmeier auf der UN-Vollversammlung wiederholt: Die Welt sei aus den Fugen geraten. Eine merkwürdige Beschreibung der gegenwärtigen Situation. Es lohnt darüber nachzudenken. Es könnte mehr als die Metapher selbst etwas über die heutige Zeiterfahrung aussagen.

Dass eine Zeit als aus den Fugen geraten erlebt wurde, hat es öfter gegeben. Vor allem „Krieg und Pestilenz“ galten als außerordentliche, wenn auch als regelmäßig und unberechenbar wiederkehrende Ereignisse, die normales Leben an seine Grenzen brachten. Die Große Pest von 1445/46 in Zentraleuropa wurde als besonders verheerend und als „Geißel Gottes“ erlebt: Die böse Welt war aus den Fugen geraten. Erst recht brachte das 17. Jahrhundert mit dem für Mitteleuropa völlig desaströsen und jegliche Ordnung außer Kraft setzenden Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) auch die Pest wieder zurück (1632 – 1635), zum letzten Mal gewaltig und ungebremst dann 1678 – 1680 in Süd- und Osteuropa. Besonders Wien war betroffen, was 1683 mit der erneuten Belagerung durch die Türken unter Mehmed IV. zusammen fiel. Wo Leben in seinen einfachsten, erst recht in seinen zivilisierteren Formen kaum noch möglich war (Pest-Motto: Lasst uns singen und huren, lügen und betrügen, denn morgen sind wir tot), konnte man die Welt als aus den Fugen geraten erleben. Ähnlich war es bei einem ganz anderen, zumindest Europa erschütternden Ereignis: dem Erdbeben von Lissabon 1755. Entsprechende Äußerungen finden sich in den Zeitzeugnissen. J. W. von Goethe schreibt darüber in „Dichtung und Wahrheit“:

„Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im Tiefsten erschüttert. Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon, und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. Eine große prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird ungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen. Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien: denn überall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen mit einander zugrunde, und der glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist. Die Flammen wüten fort, und mit ihnen wütet eine Schar sonst verborgner, aber durch dieses Ereignis in Freiheit gesetzter Verbrecher. Die unglücklichen Übriggebliebenen sind dem Raube, dem Morde, allen Mißhandlungen bloßgestellt; und so behauptet von allen Seiten die Natur ihre schrankenlose Willkür. (zitiert nach Wikipedia)

Man könnte fortfahren mit der Aufzählung weiterer katastrophaler Ereignisse und Zeiträume, in denen die Welt aus den Fugen geriet,  wie die Zeit des Ersten Weltkriegs, besonders ab 1916, und die für Europa und weitere Weltteile materiell und kulturell verheerenden Abläufe des Zweiten Weltkrieges, insbesondere mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945. Auch die Kriegsverläufe in Russland mit Millionen Toten und die Entdeckung der deutschen Vernichtungslager ließen Zweifel am „Sinn des Lebens“ entstehen (Benjamin, Sartre, vam.). In diesem Zusammenhang erscheint allerdings eher eine reflektierte Kulturkritik als die Artikulation eines unmittelbaren Erlebens, das die Welt als aus den Fugen geraten erfuhr. Das dürften die Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen (nicht nur auf deutscher Seite) jedenfalls faktisch so erlebt haben. Übergroße Not jedoch macht stumm, und die Aufarbeitung der Nazi-Herrschaft und der Schrecken des 2. Weltkriegs geschahen mehr unter dem Stichwort Holocaust. Der eigene Begriff sollte die Unvergleichbarkeit des Verbrechens sichern. „Aus den Fugen geraten“ wäre dafür als zu gering bedeutend erschienen. Die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg wurde dann allerdings sehr wohl als eine Zeit erlebt, die allmählich wieder Ordnung und Sinn ins alltägliche Leben zurück brachte: Die „Fugen“ der Kriegszerstörungen wurden wieder ausgefüllt.

Umso erstaunlicher ist es, wenn heute (das schließt die letzten zwei Jahre ein) Bücher und Bestseller erscheinen, welche die gegenwärtige Welt als aus den Fugen geraten titulieren. Als Beispiele nenne ich den gerade verstorbenen Peter Scholl-Latour, Die Welt aus den Fugen: Betrachtungen zu den Wirren der Gegenwart, 2012 (Spiegel-Besteller), und die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assman, Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne, 2013 (bei Amazon als eBook). Beide Bücher sind sogar noch vor den Ereignissen erschienen, die heutige Politiker und Journalisten vermehrt zur Zustandsbeschreibung „aus den Fugen geraten“ motivieren: Dem Erfolg des Terrorregimes „Islamischer Staat“ und der kaum zu bewältigenden Ebola-Epidemie in Westafrika. Demgegenüber ist der Ukraine-Russland-Konflikt schon wieder etwas verblasst, gehört aber wegen seiner weltpolitischen und geostrategischen Auswirkungen durchaus in den Zusammenhang aktueller Zeiterfahrung. Massensterben und der Zusammenbruch der Alltagsordnung wird aber allenfalls in den Ebola-Krisenzentren gefunden. Der IS bewegt und erschreckt (das will er ja gerade = terror) durch seine kalte Brutalität, seine archaische Ideologie gepaart mit perfekter technischer Ausstattung, seine finanziellen Ressourcen und schnellen Erfolge und vor allem auch durch seine Faszination, die er auf Teile jüngerer Menschen in der westlichen Welt ausübt. Aber Massenphänomen, Welterschütterung, Untergangsstimmung? Fehlanzeige. Das könnte allenfalls für die Ereignisse in und um die Ukraine gelten, weil hier geopolitische Gewichte bewegt und verschoben werden mit befürchteten langfristig negativen Auswirkungen für uns in Deutschland. Ebola wird dagegen noch eher am Rande wahr genommen (vgl. das geringe Spendenaufkommen). Was also ist es dann, was gerade bei uns im deutschsprachigen Raum [ich vermute, dass im angelsächischen Raum die Zeiterfahrung unterschiedlich ist] die in Mode gekommene Rede von der aus den Fugen geratenen Welt zu einem so attraktiven Deutungsmuster werden lässt?

Biedermeiermoebel

Biedermeier Möbel (Wikimedia, I, Sailko)

Es hängt vielleicht mit dem zusammen, was man mehr spöttisch als analytisch das „neue Biedermeier“ oder das „Biedermeier des 21. Jahrhunderts“ genannt hat. Es lohnt sich, beide Begriffe zu googeln oder Biedermeier als Suchbegriff bei FAZ.Net einzugeben. Don Alphonso hat schon im Juli (noch vor dem verbalen Biedermeier-Hype der letzten Wochen) sehr erhellend darauf hingewiesen, dass das Biedermeier des 19. Jahrhunderts alles andere als eine Idylle war. Dennoch geistert der Begriff mit dieser Idyll-Konnotation durch die Medien, zuletzt sehr typisch von Carsten Knop so beschrieben:

In diesem Land fühlt man sich wohl. Es erfindet die Mütterrente. Man hält wenig vom störenden Ausbau der Infrastruktur, treibt die Energiepreise in phantasievolle Höhen – und im Zweifel wird das Unbequeme verboten. Gerne kauft man Sachen, die gut und alt aussehen. Nur auf dem immer neuen Smartphone von Apple oder Google tauscht man sich etwas schizophren über die Datensammelwut amerikanischer Internetkonzerne aus. Die Stimmung im Land wird von Vorstandschefs aus der Softwarebranche inzwischen „Biedermeier des 21. Jahrhunderts“ genannt. Und das ausgerechnet jetzt, wo die nächste industrielle Revolution schon begonnen hat und zur gesellschaftlichen Herausforderung wird. (FAZ.Net)

Der Begriff Biedermeier wird hier industriepolitisch und technikkulturell verwandt, soll aber eine gesellschaftliche Mentalität kennzeichnen, die unbeweglich, ängstlich und saturiert ist und im Bewusstsein ihres Wohlergehens das eigene weltentrückte Wolkenkuckucksheim bewahren möchte – nur keine Veränderung, nicht einmal zu besseren Chancen. Eigentlich taucht da wieder das Bild des deutschen Michel auf, der die wichtigsten Entwicklungen der Zeit verschläft und sich mit seinen eigenen Illusionen in den Schlaf singt – ganz im Gegensatz zu Heinrich Heine, der in dieser Situation dagegen dichtete: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, werd ich um den Schlaf gebracht.“ Trifft diese Beschreibung einer Mentalität des so verstandenen „Biedermeier“ auf unsere gegenwärtige Gesellschaft zu oder ist es nur eine weitere Metapher, die mehr verhüllt als erklärt und allenfalls eine Karikatur spiegelt? Ich denke, beides stimmt: Es ist eine durchaus zutreffende Beschreibung, und sie ist dennoch eine Karikatur. Die aus den Fugen geratene Welt bringt es auf den Punkt.

Es ist eine für unsere deutsche Situation sehr erklärliche Einstellung. Mehr als 40 Jahre existierten West- und Ostdeutschland an der Systemgrenze des Eisernen Vorhangs, was durchaus eine höchst gefährliche und tödliche Grenze war. Mögliche Krisen, die aus dem kalten zu einem heißen Krieg werden konnten, waren in den sechziger und auch noch in den siebziger Jahren sehr bewusst, und der Checkpoint Charlie weit entfernt davon, eine jahrmarktsähnliche Touristenattraktion zu sein. Nicht nur wurde der Mauerbau am 13. August 1961 als möglicher Auslöser des dritten Weltkriegs erlebt, sondern die Toten an der Berliner Mauer und an der innerdeutschen Grenze traten in jedem einzelnen Falle erneut ins Bewusstsein. Den letzten erschossenen Mauertoten gab es im Februar 1989 (Chris Gueffroy). Erst auf diesem Hintergrund gewinnt das Ende des Eisernen Vorhangs und der Fall der Berliner Mauer vom 9. November 1989, genau vor 25 Jahren, seine Bedeutung auch für den sich daraus entwickelnden Mentalitätswechsel. Was für die Menschen in der Prager Botschaft Genschers Mitteilung ihrer Ausreise in die Freiheit bedeutete, wiederholte sich in ähnlicher Weise auf westdeutscher und westberliner Seite beim Fall der Mauer bis hin zur staatlichen Vereinigung am 3. Oktober 1990. Die Anspannung durch die ständige Bedrohung ließ plötzlich nach, Moskau war mit dem verständnisvollen und nur in Deutschland beliebten Gorbatschow kein Feind mehr, überhaupt ging das langjährige Feindbild des roten Ostens mit dem Zusammenbruch der UdSSR und der Auflösung des Warschauer Paktes zu Bruch. Fast jubelnd wurde immer wieder erklärt, Deutschland sei jetzt nur noch von Freunden umgeben. Die Redeweise von der Friedensdividende machte die Runde, und der Umbau der Bundeswehr geschah ebenfalls auf dem Hintergrund einer als völlig verändert wahrgenommenen Bedrohungslage. Deutschland wurde nicht mehr an Elbe und Oder verteidigt, sondern im fernen Hindukusch. Das war wirklich weit weg.

Die Friedensdividende wurde durch einen wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Intermezzo der vereinigungsbedingten Stagnation eingefahren. Wie wandlungsfähig Deutschland war, konnte man in Schröders Agenda 2010 sehen, die zwar einen Kanzler das Amt kostete, insgesamt aber die deutsche Wirtschaft auf die Überholspur und der Gesellschaft einen Modernisierungsschub brachte („Leistung muss sich lohnen“, „Fördern und Fordern“ usw.) Erst mit dem Hereinbrechen der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 gewannen die Kritiker des nun als „neoliberal“ und also unsozial verschrieenen Modells medial in der Öffentlichkeit die Oberhand. Viele wollten nun politisch das Rad etwas zurück drehen, denn so viel Mut und Bewegung brachten gerade auch in der Sozialpolitik Unruhe, die zum Teil gewiss berechtigt war. In dieser Rückwendung zu den angeblich bewährten ehemaligen Sozialstandards und der geforderten und zum Teil umgesetzten stärkeren staatlichen Verantwortlichkeit für Wirtschaft und Industrie sehe ich den materiellen Hintergrund dessen, was heute als Biedermeier karikiert wird. Es ist die Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung, Wohlstand und sozialem Ausgleich, nach stetiger, aber behutsamer Fortentwicklung der bewährten Strukturen und Wirtschaftsmodelle, nach Veränderung, aber mit Augenmaß, nach einfacheren und näheren Lösungen, als es die kalte, als bürokratisches Monster empfundene EU bieten kann. Wenn all dies Aspekte einer Mentalität des Biedermeier sein sollten, that’s it. Und nun kommt es: Genau diese Sehnsucht und dieses Wohlgefühl funktionieren nicht, nicht mehr – oder vielleicht haben sie auch niemals wirklich gepasst. Die Welt hat sich rasant weiter gewandelt ohne Rücksicht auf deutsche Befindlichkeiten und passt nicht mehr zu dem so beschrieben Lebensgefühl des Wohlstands und der Sicherheit. Weil sich dies immer deutlicher als Illusion entlarvt, ist die Welt gefühlsmäßig aus den Fugen geraten.

Westerwelles Außenpolitik war vielleicht so etwas wie das Menetekel des deutschen Heraushaltens, Spiegelbild der Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, eben nach dem Genuss der „Friedensdividende“. Heute holt uns die Wirklichkeit (zum Beispiel auch des Zustandes der Bundeswehr, die uns aktuell nicht mehr schützen und verteidigen kann) recht brutal ein. Widerstand gegen den IS ist erforderlich, Deutschland liefert Waffen in den Irak bzw. nach Kurdistan. Im Ukraine-Konflikt saß man fast zwischen allen Stühlen (siehe der illusionären Steinmeier-Pakt einen Tag vor der Flucht Janukowitschs), ehe sich die Bundesregierung zu einer klareren Hinwendung zu gemeinsamen westlichen Positionen entschloss. Nach dem offensichtlichen Ende der Träume von einer neuen friedlichen Welt ohne West-Ost-Gegensatz, ohne heiße geopolitische Antagonismen, am liebsten multipolar nach französischer Façon, musste schnell, sehr schnell gelernt und umgeschaltet werden. Dies betrifft nun keineswegs nur Deutschland, sondern Europa insgesamt. Deshalb konnte schon 2012 das Peter Scholl-Latour-Buch diesen Zustand vermelden:

Die Weltpolitik gleicht derzeit einem aufziehenden Gewittersturm. Ob in Afrika oder Lateinamerika, in Arabien oder im Mittleren Osten – überall braut sich Unheilvolles zusammen. Und auch der Westen – Europa und die USA –, einst Hort der Stabilität, wird von Krisen heimgesucht wie seit langem nicht. Peter Scholl-Latour, Spezialist für turbulente Großwetterlagen, kennt die Welt wie kein Zweiter. Vor dem Hintergrund seiner sechzigjährigen Erfahrung als Chronist des Weltgeschehens beleuchtet er in seinem neuen Buch die Brennpunkte der aktuellen Weltpolitik. Der Abzug der USA aus dem Irak und Afghanistan hinterlässt zerrüttete Staaten, die in Bürgerkriegen versinken. Der Konflikt um Irans Atompolitik spitzt sich gefährlich zu. Pakistan ist ein Pulverfass. Die arabische Welt befindet sich in Aufruhr, mit ungewissem Ausgang. Die Zahl der „failed states“, Brutstätten des Terrorismus, nimmt beständig zu, vor allem in Afrika. Zu allem Überfluss stolpern Europa und Amerika von einer Finanzkrise in die nächste und erweisen sich international zunehmend als handlungsunfähig. Mit dem ihm eigenen Gespür für weltpolitische Umbrüche begibt sich Peter Scholl-Latour auf eine Tour d’Horizon rund um den Globus und schildert eine Welt aus den Fugen. (Klappentext)

Kurz gesagt: Die Welt wird deswegen aus mancherlei Sicht als aus den Fugen geraten beschrieben, weil man zuvor die Fugen und Brüche in einem harmonistischen Wunschbild überdeckt („arabischer Frühling“) und diese romantisierte Idylle für die Wirklichkeit genommen hat. Diese Wirklichkeit gab es so nie, weder in Tripolis noch in Kiew auf dem Majdan. Es gab dagegen vielerlei besorgniserregende Bruchlinien, divergierende Interessen und sehr unterschiedliche Wahrnehmungen. Darauf hat Scholl-Latour in seinem letzten Buch zurecht und nüchtern hingewiesen. Darauf weist auch Aleida Assmann hin, wenn sie in einem kulturgeschichtlichen Rundumblick die postmoderne Zeiterfahrung thematisiert. Für uns scheint die Welt heute deswegen aus den Fugen zu sein, weil wir die Fugen und Brüche lange Zeit nicht sehen und wahrhaben wollten. Dass gerade Steinmeier davon redet, zeigt, wieweit das illusionäre Denken in der Politik vorgeherrscht hat. Es wird allerhöchste Zeit, die Realitäten wieder ernst zu nehmen.

Es gibt gravierende geopolitische Interessenkonflikte. Es gibt eine neue Art hochbrisanter Energiepolitik, das meint nicht nur den politischen Gashahn, sondern ebenso eine utopische Politik der „Energiewende“ (siehe den weltweiten Erfolg von fracking). Es gibt machtvolle antiwestliche Interessengruppen und politische Akteure, die sich weder um Völkerrecht noch um Menschenrecht kümmern. Es gibt Terroristen, die eine Ideologie rücksichtsloser Machtausübung praktizieren. Es gibt eine religiös verbrämte Hinwendung zu angeblichen alten Werten (Salafismus; Tea Party), die den freiheitlichen und vernunftbasierten Tendenzen der Neuzeit strikt entgegen laufen. Es gibt in der Tat Feinde, nicht nur Gegner unserer Lebensweise (die natürlich selbstkritisch zu analysieren ständige Aufgabe bleibt). Es gibt einen Hang zu einem neuen Nationalismus, der wirklich gefährlich werden kann. Die Abstimmung in Schottland war nur ein harmloses und zumal demokratisch einzigartiges Vorspiel. Es gibt die begründete Vermutung, dass das derzeitige wirtschaftliche und industrielle Niveau in Deutschland auf tönernen Füßen steht. Nicht nur in der digitalen Wirtschaft kriegen wir kaum einen Fuß auf den Boden – und das gilt de facto für ganz Europa. Umso verdrießlicher und fast scherzhaft symbolisch ist es, wenn dann auch noch Adidas von Nike bei den Innovationen abgehängt wird. Die Welt ist nicht aus den Fugen. Sie ist so widersprüchlich und konfliktreich wie eh und je. Den Fortschritt gibt es offenbar nur darin, neue Konflikte noch raffinierter und noch brutaler zu inszenieren. Im Informationszeitalter wächst vor allem die Desinformation. Es wird  Zeit, die Biedermeierhaube abzunehmen und den Wandel zu einer nüchternen Real- und Interessenpolitik zu vollziehen, gewiss auch mit haushaltspolitischen und steuerlichen Konsequenzen, statt über eine „Welt aus den Fugen“ zu lamentieren.

 

 28. September 2014  Posted by at 13:42 Geschichte, Gesellschaft, Politik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Aus den Fugen
Aug 172014
 

[Islam]

Was derzeit in Syrien und im Irak vor sich geht, ist beunruhigend und schockierend. Der Bürgerkrieg in Syrien läuft ja schon seit Jahren, blutig, grausam, ohne dass ein Ende der Gewalt abzusehen wäre. Da nichts Neues geschieht, ist es kaum mehr eine Nachricht wert. Neu waren in den vergangenen Wochen und Monaten die raschen Erfolge der ISIS – Kämpfer vor allem im Irak. Auch hier sind sie schon länger als kämpfende Terrorgruppe unterwegs. In letzter Zeit waren die Nachrichten über die schnellen Erfolge, das nahezu ungehinderte Vorrücken und die ausgeübten Grausamkeiten in den Schlagzeilen. „IS“, Islamischer Staat, nennt diese Terrorgruppe ihr Herrschaftsgebiet und erhebt den Anspruch, ein Kalifat zu errichten. Terroristen ist als Bezeichnung wenn irgendwo dann bei dieser Gruppe richtig: Sie üben ihre Macht mit Gewalt und Terror aus, verbreiten ihre Gewalttaten propagandistisch über das Internet als gerechte Strafe für alle Ungläubigen und verbreiten dadurch Angst und Schrecken. Tausende fliehen vor den Todesdrohungen dieser islamistischen „Mörderbande“, um Außenminister Steinmeier zu zitieren. Die Not der Flüchtlinge, Yeziden, Christen, Schiiten, ging durch die Medien und veranlasste letztendlich sogar Obama zu gezielten Luftangriffen.

Ich denke, den meisten von uns hier in Europa, hier in Deutschland, ist es, wenn man auch nur einmal kurz inne hält und über die Nachrichten nachdenkt, völlig unbegreiflich, was da eigentlich abgeht.

„Wir verstehen das wirklich Böse, das organisierte Böse nicht gut genug“, sagte Crocker. Leute wie Abu Bakr al Bagdadi, der den Islamischen Staat anführt, „befinden sich seit einem Jahrzehnt im Kampf. Sie haben eine messianische Vision, und sie werden nicht aufhören.“ (der frühere US-Botschafter im Irak, Ryan Crocker, FAZ.NET)

Wie unter Drogen scheinen Menschen hier im Namen ihrer Religion einen Gefallen daran zu finden, andere Menschen, die sich ihnen nicht anschließen wollen, öffentlich und mit medialer Unterstützung abzuschlachten. Wie kann man das nur tun, was bringt Menschen dazu? Inwiefern hat das etwas mit Religion, mit dem Islam zu tun? Und – was kann man dagegen tun?

Klar, dagegen kann man nur ankämpfen, und zwar zu allererst ganz direkt, Waffe gegen Waffe, Mann gegen Mann. Alles Gerede über humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge, so richtig und wichtig es für die Betroffenen ist, hilft nicht darüber weg, dass die militärisch operierenden Terrorbanden der ISIS nur mit Gewalt gestoppt und zurück gedrängt werden können. Diejenigen, die gegen sie kämpfen wollen und müssen, also vor allem die Kurden in Syrien und im Irak, brauchen unsere Unterstützung. Sie brauchen all die modernen Waffen und Waffensysteme, die die ISIS aus den dank der USA modernsten Beständen der irakischen Armee erbeutet haben. Das haben nun offenbar auch die europäischen Regierungen und auch die Bundesregierung begriffen. Sie möge nur recht bald „an die äußersten Grenzen des politisch und rechtlich Möglichen“ gehen, wie Steinmeier sich ausdrückt, wenn er Waffenlieferungen meint. Es ist die äußerste Notlage, die die Terrorgruppen herbei geführt haben, die zur Gegengewalt zwingt und darum auch Waffenlieferungen in ein „Krisengebiet“ (wie schönfärberisch das klingt) sowie weitere logistisch-strategische Unterstützung (AWACS) legitimiert. Gewalt und Gegengewalt, so notwendig das derzeit ist, löst allerdings das eigentliche Problem nicht.

Zwei Dinge sind dazu nötig, wie jedermann weiß: eine politische Lösung unter Beteiligung der verfeindeten Gruppen und Parteien in Syrien und im Irak sowie ihrer Schutzmächte im Hintergrund – das ist das Fernziel, als Problem wahrlich ein gordischer Knoten – und vor allem ein Unterbinden des Nachschubs und der finanziellen Unterstützung der ISIS – das ist das Nahziel. Nur dazu möchte ich mich hier noch äußern.

Mohammed receiving the submission of the Banu Nadir - Wikimedia

Mohammed receiving the submission of the Banu Nadir – Wikimedia

Man konnte es begrüßen, dass der Sicherheitsrat der UNO in seltener Einmütigkeit eine Resolution gegen den Terror der ISIS im Irak und der Al-Nusra-Front in Syrien beschlossen und sechs ihrer Hintermänner mit Sanktionen belegt und Geschäfte mit den Extremisten verboten hat. Diese Hintermänner sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt, und die Verbote sind wohl kaum international zu kontrollieren. Wahrscheinlich haben deswegen auch alle zugestimmt. Denn es gibt Förderer und Unterstützer des Nährbodens für islamische Extremisten und Kalifatskämpfer, die allseits bekannt sind, an die aber niemand wirklich heran will. Das ist das Saudische Königshaus mit seiner Unterstützung des Wahhabismus weltweit, und der Emir von Katar, Hamad bin Khalifa al-Thani. Das Saudische Königshaus ist unantastbar als enger Bündnispartner des Westens und der USA, das Katarische Fürstenhaus wird mit einer Fußball-WM beglückt und darf sich internationaler Unterstützung durch Firmen und Einzelpersonen (Beckham) als Werbepartner sicher sein. Der Wahhabismus kann als Spielart des ultrakonservativen Salafismus gelten, der einen Gottesstaat nach (angeblich) altem Vorbild anstrebt. Katar unterstütz mit viel Geld mehr oder weniger offen die Muslimbrüder und die Hamas:

Dass Katar einerseits den Vermittler zwischen Israel und der arabischen Welt gibt, andererseits aber die radikalislamische Hamas-Organisation im Gazastreifen, die Muslimbrüder in Ägypten und die islamische Ennahda-Regierungspartei in Tunesien mit Geld und Sendezeit im Herrscher-TV von Al Jazeera unterstützt, ist in Paris allenfalls ein Nischenthema. Auf Hinweise, dass so genannte Hilfsorganisationen aus Katar eben jenen Islamisten in Mali logistische Hilfe andienten, gegen die Frankreichs Präsident François Hollande eigene Soldaten ins Feld schickte, reagiert Doha kühl: „Dafür soll man uns erst einmal Beweise liefern.“ (Zeit online)

Schließlich ist auch noch der Iran zu nennen, die Schutzmacht aller Schiiten und ihrer Kämpfer und Extremisten im Nahen Osten, vor allem in Syrien, im Irak und im Libanon (Hisbollah). Diese kapitalkräftigen Mächte mischen nicht nur im Kampf um Einflusszonen im Nahen Osten mit, sie tragen die Ideen des Islamismus auch unmittelbar nach Europa und in andere Teile der Welt (Indonesien). Der Kampf gegen die ISIS im Irak fängt also auch bei uns im eigenen Lande an. Es gilt viel entschlossener als bisher die islamistische Indoktrinierung und Werbung für den Dschihad in Deutschland zu bekämpfen, diesen Sumpf der Gewalt auszutrocknen: „Salafistische „Gebetsflashmobs“, massive Einschüchterungen: Von Hamburg bis Berlin gewinnen radikale Islamisten an Einfluss in den Schulen – vor allem an Brennpunkten. Die Politik muss jetzt entschlossen handeln.“ (Tagesspiegel im Juli 2014).

Und schon sind wir beim heikelsten Thema dieses ganzen Problemzusammenhangs: Was hat der Islamismus mit dem Islam zu tun? Manche möchten den Begriff Islamismus als reine propagandistische, antiislamische Erfindung des Westens am liebsten aus der Diskussion verbannen, für andere ist Islamismus der Inbegriff des Islam als einer vormodernen, gewalttätigen Religion. So zugespitzt ist beides falsch. Islam ist absolut nicht gleich Islamismus, und Islamismus als doktrinäre Ideologie zur Ausübung von politischer Macht und Herrschaft ist keine Erfindung des Westens. Die meisten Muslime in Deutschland und in der Welt wollen mit dem Islamismus als Ideologie nichts zu tun haben. Der Islam „an sich“ hat mit Gewalt ebenso viel zu tun wie jede Religion, auch wie die christliche. Dazu hat der Münchner emeritierte Theologie Friedrich Wilhelm Graf zuletzt in der FAZ unter dem Titel „Mord als Gottesdienst“ Erhellendes geschrieben. Überhaupt ist die Literatur zu diesem brisanten Thema uferlos, teilweise gut und sachlich, teilweise kämpferisch und agitatorisch im Stile eines Kulturkampfes. Doch genau darum sollte es nicht gehen; man wäre den Extremisten und Eiferern damit in die erste Falle gegangen. Man sollte sich allerdings kundig machen über den Islam und seine Geschichte, über die Vielgestaltigkeit seiner Lebensformen, gerade auch während seiner Blütezeit vom 8 . bis zum 12. Jahrhundert, seiner Fähigkeit zur Anpassung (wie beim Christentum auch) und insbesondere zu dem, was der Münsteraner Islam-Wissenschaftler Thomas Bauer als „Ambiguitätstoleranz“ bezeichnet. (Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islam, 2011).

Auf ihn weist zu Recht der Nahe-Osten-Korrespondent der FAZ, Rainer Herrmann, hin. Er hat neulich einen kleinen Artikel geschrieben, in welchem er sehr knapp und klar das Problem Islam – Islamismus benennt und erklärt: „Wer den Islam mit den Islamisten gleichsetzt, geht den Radikalen auf den Leim. Und verkennt, wie viele liberale Muslime es gibt, die ihren Glauben an die Erfordernisse der modernen Welt anpassen.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Man sollte hier nichts verharmlosen, aber auch nichts pauschal verurteilen, sondern differenziert beurteilen. Dazu gehört allerdings, dass gegenüber dem Terror der ISIS und seiner Gesinnungsgenossen nur Widerstand angebracht ist, massiv und entschlossen. Denn was immer sie mit Religion und Islam im Sinn zu haben vorgeben, es sind Mordgesellen und hoch gefährliche Terroristen. Da hilft kein Diskutieren. Da wünsche ich mir auch Eindeutigkeit und Entschlossenheit bei europäischen Regierungen und besonders auch bei der deutschen.

UPDATE 18.08.2014

Von Al Qaida redet niemand mehr. Denn eine viel größere Gefahr versetzt heute den Nahen Osten und die Welt in Angst und Schrecken: die Terrorgruppe des „Islamischen Staats“. Die arabische Welt befindet sich in der tiefsten Krise seit dem Mongolensturm des 13. Jahrhunderts und der Zerstörung von Bagdad im Jahr 1258. Das Vordringen des „Islamischen Staats“ steht für zwei Aspekte dieser Krise: für den Zerfall von Staaten und für die Konfessionalisierung der Konflikte. (Rainer Hermann in der FAZ – lesenswert.)

UPDATE 20.08.2014

Dutzende von dschihadistischen Videos liefern den Beweis für dieses brutale steinzeitliche Ritual. Die Umstehenden, die diesen entscheidenden, alle Grenzen überwindenden Moment miterleben, sind nervös, weil der Killer nicht immer sicher ist und seine Hand vielleicht noch zittert. Sie rufen „Allahu akbar“, um ihn darin zu bestärken, dass er den letzten Rest an Zweifeln, die vielleicht noch in ihm sind, endgültig über Bord wirft. Er führt das Messer und macht aus dem Gefangenen ein geschlachtetes Tier. Von nun an ist er durch nichts mehr an eine moralische Welt gebunden. Er kann jetzt töten und Befriedigung darin finden, und seine Gefährten respektieren ihn. Er hat die Fesseln der Zivilisation gesprengt. (Leon de Winter, Im Namen des Schwertes, FAZ.NET)

 

 17. August 2014  Posted by at 11:42 Gewalt, Islam, Terrorismus Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Islamismus ungleich Islam
Aug 032014
 

3. August 1914 – 2014

[Geschichte, Gegenwart]

Heute vor einhundert Jahren erklärte das Deutsche Reich Frankreich den Krieg und marschierte tags darauf in das neutrale Belgien ein. Am 2. August war bereits Luxemburg besetzt worden. Und so setzte sich dann die auf allen Seiten vorbereitete Kriegsmaschinerie in Gang: Der Erste Weltkrieg begann seine tödliche Phase. „Der Erste Weltkrieg forderte fast zehn Millionen Todesopfer und etwa 20 Millionen Verwundete unter den Soldaten. Die Anzahl der zivilen Opfer wird auf weitere sieben Millionen geschätzt.“ heißt es bei Wikipedia lapidar. Dabei dauerte er „nur“ vier Jahre. 25 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs begann der Zweite Weltkrieg. Seine Opferzahlen waren nach 6 Jahren ungleich höher, ca. 65 Millionen. Angesichts des runden Datums „100 Jahre Erster Weltkrieg“ gab und gibt es eine Vielzahl von Zeitungsartikeln, Büchern und Fernsehsendungen zum Thema. Die Wikipedia-Artikel zu beiden Weltkriegen sind umfangreich und bestens dargestellt, „L“ = lesenswert.

repro 113 zehn Wikimedia Commons

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Und was hilft uns das? Das Massenschlachten der beiden Weltkriege mit all den weiteren Folgen an Verwundeten und Gezeichneten hörte zwar in diesem Ausmaß auf – nur ein Atomkrieg, der Schrecken des Kalten Krieges („3. Weltkrieg“) könnte eine weitere Steigerung bringen. Aber all die Kriege und Gemetzel der vergangenen Jahrzehnte bringen in der Summe auch ganz „schön“ etwas zusammen: Koreakrieg, Vietnamkrieg, Irakkriege, Afghanistankrieg, Jugoslawienkriege, und die postkolonialen Kriege in Afrika sind wir aus unserer Perspektive gar nicht gewohnt, einzeln zu benennen und aufzuzählen, einzig der Kongo und der Sudan fallen einem dazu ein. In Ceylon und Indonesien gab es ebenfalls blutige Auseinandersetzungen, die teilweise Bürgerkriegen ähnelten. Immer stärker gerieten die sogenannten asymmetrischen Kriege ins Blickfeld, in denen sich „Terroristen“ und „Regierungstruppen“ gegenüber stehen. In anderer Lesart sind es Freiheitskäpfer und Unterdrücker. Jedenfalls fließt Blut, viel Blut, verbunden mit so viel Leid, dass man es sich hier zuhause im Alltag nicht vorstellen kann. Aus Syrien wird derzeit kaum mehr berichtet. Wie man das bei uns erlebt, dazu hat der Kommunikationswissenschaftler Thomas Hanitzsch im n-tv-Interview einiges erklärt: „Die Welt muss ein unangenehmer Ort sein.“

n-tv schreibt heute: „“Wir werden die Zerstörung der Tunnel beenden und unsere Politik gegenüber Gaza auf Abschreckung gründen und nicht auf Abmachungen mit der Hamas“, zitierten die „Haaretz“ und das israelische online-Portal „ynet.news“ einen hohen Regierungsbeamten.“ Das ist die Logik des Krieges: keine Abmachungen, keine Gefangenen, nur Gewalt, Zerstörung und Tod. Das gilt offenbar genau so für Donetzk und die Kriegssituation in der Ost-Ukraine. Ebenso für Syrien und die ISIS-Kämpfer im Irak. Von dort nichts zu lesen bedeutet nur, dass es dort derzeit keine außergewöhnlichen Schrecken gibt. Nur der gewöhnliche Krieg halt. In der Ukraine findet er nun nach dem Zerfall Jugoslawiens zum zweiten Mal nach 1945 direkt vor Europas Haustür statt. Hier ist Russland direkt involviert, keine guten Aussichten. Eine Niederlage der ostukrainischen „Selbstverteidigungskräfte“ bedeutet jetzt schon einen Gesichtsverlust für Moskau. Darum wird es diese Niederlage trotz aller markigen Worte des ukrainischen Präsidenten Poroschenko nicht geben. Im Zweifelsfall wird Russland direkt eingreifen. Das kann als ziemlich sicher gelten. So ist die Logik von Macht und Gewalt.

Man kann noch viel mehr aufzählen und beklagen, man kann den moralischen Zeigefinger heben und zurecht auf die europäische Friedens-Union (denn das ist die EU) verweisen. Noch ist sie es jedenfalls, zum Glück. Man mag die heutigen kriegerischen Konflikte beklagen oder analysieren, Gründe, Ursachen, Machtinteressen aufzeigen, Waffenproduktion verteufeln und Exporte verbieten (andererseits wurde noch kein Krieg durch Waffen verursacht), wirtschaftliche Sanktionen verhängen und „Drohpotential“ aufbauen. Es ist immer dieselbe Logik. Und diese ist es, die mich zunehmend verständnislos, ja fassungslos macht. Eigentlich droht sie mich auch stumm zu machen. Es scheint so sinnlos, dagegen anzuschreiben. Es geht alles so weiter, die Mühle dreht sich, an Verhandlungen und Einigungen, die Maximalpositionen immer ausschließen, also Kompromisse verlangen, ist nicht zu denken, weder in Syrien noch in Israel und Gaza und und und. Noch leben wir hier in der Mitte Europas so, als wären wir von dem allen nicht ernsthaft betroffen, es fragt sich nur wie lange noch.

Verstummen, resignieren, möchte ich dennoch nicht, wenn sich auch die Logik der Gewalt, der Macht, des Stärkeren, immer wieder durchsetzt. Sie scheint unabänderlich zu sein. Darum kann man auf das Jahrhundert-Datum zum Ersten Weltkrieg mit einiger Bitterkeit schauen. Die Menschen in Europa mögen tatsächlich einiges gelernt haben – bis auf weiteres, aber die Menschheit insgesamt hat offenbar fast nichts begriffen, nichts verändert, scheint es. Darum aber ist die Erinnerung so wichtig. Das Gedächtnis der vom Krieg nicht (mehr) betroffenen Generationen bedarf ihrer. Wenigstens die Erinnerung an die Grauen der Kriege in Europa bleibt als Mahnung, alles zu tun, um solch ein Szenario bei uns zu verhindern. Manchmal scheint es mir, als ginge auch dieser Kampf um die Erinnerung langsam verloren. Dann hoffe ich, das liegt am Alter und setze drauf: Die Jungen fechten’s besser aus! – Auch wenn der Augenschein bisweilen dagegen spricht.

 3. August 2014  Posted by at 13:32 Geschichte, Gewalt Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Gewalt und Erinnerung
Apr 272014
 

[Mensch]

Die Frage, warum der Mensch immer wieder bereit ist, gegeneinander Krieg zu führen, zu bedrohen, zu bekämpfen, zu töten, ist offenbar so alt wie die Menschheit. Der Homo sapiens ist stets auch der Homo bellicus. Eine endgültige Antwort auf diese Menschheitsfrage gibt es nicht, kann es nicht geben. Der Mensch ist ein sehr vielseitiges, zugleich widersprüchliches und konsequentes Wesen. Seine Lebensverhältnisse wandeln sich ständig und erfordern Anpassung sowohl des Einzelnen als auch einer menschlichen Gemeinschaft. Versuche einer Antwort gibt es aber viele.

Man könnte diese Versuche, die Frage nach dem kriegerischen Menschen zu beantworten, in drei Kategorien einteilen: Es werden metaphysische, gesellschaftliche oder individuelle Gründe angeführt. Wohlgemerkt, es geht um Voraussetzungen, Ursachen und Gründe der Bereitschaft und Fähigkeit des Homo bellicus, es geht hier nicht um die Ursachen und Gründe einzelner Kriege oder gewaltsamer Auseinandersetzungen. Das wäre ein anderes, eigenständiges Thema.

Metaphysische Voraussetzungen für die menschliche Kriegsfähigkeit nenne ich solche, die Streit und Krieg unter Menschen unabhängig von ihren konkreten Anlässen und Bedingungen auf einen Krieg auf höherer Ebene zurückführen. Das können Kriege unter Göttern sein, die sich in Kriegen von Königen und Priestern und ihrem Volk widerspiegeln (Babylon, Altes Ägypten, Israel). Es kann ein metaphysisches Prinzip als Ursache angeführt werden, zum Beispiel der Kampf zwischen den Mächten des Lichtes und den Mächten der Finsternis, aber auch der Zwiespalt zwischen gleichsam gegensätzlichen, dualistischen Weltprinzipien wie Ying und Yang, Himmel und Hölle, göttlichen Lichtfunken und finsterer Materie oder als Ausdruck dialektischer Geschichtsmetaphysik. Schließlich kann der Krieg als Ausfluss des Kampfes zwischen Gott und Seele interpretiert werden, dann geht es um den großen und kleinen Dschihad sozusagen, ein Gedanke, den auch schon der Kirchenlehrer Augustin vorgeprägt hat als Kampf und Krieg der reinen, wahren Gläubigen der Kirche gegen die gottfeindlichen Mächte des Antichrist. All diesen metaphysischen Begründungen des Krieges ist einiges gemeinsam: Der kriegerische Mensch ist nur Spiegelbild, Werkzeug gar eines viel größeren und umfassenderen Krieges der übernatürlichen Welt. Er kann letztlich „nichts dafür“, dass er in Kriege verwickelt wird. Es geht vielmehr um die Erkenntnis des gerechten Krieges und des notwendigen Kampfes, den der Mensch aufgrund seiner (vorausgesetzten) Bestimmung halt auch mit irdisch-gewaltsamen Mitteln auszufechten hat. Jahrhunderte lang wurden und werden in verschiedensten Kulturen die unterschiedlichsten Arten solcher metaphysischer Begründungs- und Rechtfertigungsstrategien für den Homo bellicus entwickelt. Mir scheinen es Versuche zu sein, das ebenso Unleugbare wie Unvermeidliche des Krieges ‚Mensch(en) gegen Mensch(en)‘ irgendwie zu entschärfen und in eine höhere Notwendigkeit einzubetten.

Der in der westeuropäischen Aufklärung gewählte Weg des Verzichtes auf eine jenseitige Welt und damit auf überweltliche Metaphysik musste auch zu anderen Begründungen für den Homo bellicus, also für das kriegerische Wesen des Menschen führen. An die Stelle der Metaphysik traten (meist in der Nachfolge Hegels) große Geschichtsentwürfe, die einmal das Bürgertum, ein andermal das Proletariat zu treibenden, auch Krieg treibenden Kräften der Entwicklung der menschlichen Geschichte auf dem Weg zu einem höheren Status erklärten. Die Idee des Fortschritts der Menschheit, der stetig aufwärts gerichteten Entwicklung der Geschichte als Geschichte der Selbstvervollkommnung des Menschen schloss und schließt notwendig auch Kampf und Krieg ein: gegen die beharrenden Kräfte des Alten, gegen Widerstände überholter Strukturen und ihrer Profiteure im Interesse des allgemeinen Fortschritts. Man denke nicht, die Zeit dieser großen alten, gewissermaßen klassischen Ideologien sei vorbei. Wir erleben sie heute nur in neuem Gewand. Die Idee der durch Kämpfe herzustellenden „großen Harmonie“ seitens der chinesischen Machtelite gehört ebenso hierher wie die notwendig und im Interesse des Fortschritts agierenden zerstörerischen Kräfte des Kapitalismus (Schumpeter) und seiner Erneuerung und Umgestaltung der Welt zu einem einzigen allumfassenden „freien Markt“, – und ebenso die heutige Silicon-Valley-Ideologie der andauernden „disruptiven Innovation“. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ – mit „uns“ ist damit die jeweils unterschiedlich akzentuierte Vorhut der fortschrittlichen Menschheit gemeint – ehemals in Moskau, heute mehr in San Francisco. Sie gilt als so unaufhaltsam, dass Krieg und Kampf (ökonomisch, kulturell und eben auch militärisch) nur der Preis für uferlos freie Märkte und schrankenlosen Gewinn ist. Allmählich werden die Petro-Kriege durch Daten-Kriege (verharmlosend Cyber-War genannt, als wäre es ein Spiel) (1) und ihre mächtigen globalen Akteure ersetzt. In jedem Falle geht es um Ressourcen, um die künftige Verfügungsmacht, um den unaufhaltsamen Fortschritt mit Glücksverheißung für alle: „Don’t be evil!“. Russlands derzeitige militärische Aggressivität scheint da auf verlorenem Posten zu stehen – irgendwie von gestern, was nicht weniger gefährlich sein kann (2). – Diesen geschichtsmetaphyischen, gesellschaftsideologischen Begründungs- und Rechtfertigungsmodellen des Homo bellicius ist das Bewusstsein gemeinsam, Teilnehmer an einer grandiosen Geschichte zu sein, die sich unaufhaltsam verwirklicht und einem Glückszustand entgegen strebt, der zwar allen verheißen, für den aber nur wenige auserwählt sind. Dieser Fortschrittsidee ist als Bewusstsein, auf der „richtigen“ Seite der Geschichte zu leben, nahezu jedes Mittel recht. Kriege, Vernichtung der Gegner und Beseitigung von Widerständen gehören unvermeidlich dazu. Bisweilen wirkt diese Strategie der Rechtfertigung wie ein Ansporn.

Krieg oder Frieden

Krieg oder Frieden (bykst, pixabay)

Bei der dritten Kategorie geht es um Begründungsmodelle des Homo bellicus, die im einzelnen Menschen selber fest gemacht werden. Es kann dabei auf die animalische Basis des Menschen verwiesen werden, auf seine evolutionäre Naturgeschichte, die für das Individuum den Kampf ums Überleben und Anpassung um jeden Preis notwendig und unausweichlich macht. Es kann die Triebstruktur des Menschen heran gezogen werden, seine unvermeidliche Aggressivität, die auf Konkurrenz oder Frustration reagiert; auf Neidkomplexe, Habgier, Egoismus, sexuelle Gewalt usw. Hier könnten all die Tugend- und als Umkehrung davon, die Lasterkataloge früherer Jahrhunderte beigezogen werden. Nach diesen individualistischen Erklärungsmodellen ist der Mensch ein zutiefst durch seine unbewusste Natur geprägtes gewalttätiges Lebewesen, das gefährlichste Raubtier auf der Erde. Gegenstrategien dienen dann der Aufdeckung und Umlenkung latenter Gewaltphantasien in produktive, selbstheilende und gemeinschaftsfördernde Verhaltensweisen. Das Übel des Krieges wird im unbewältigten Dunkel der eigenen Persönlichkeit gesehen, die es aufzuklären und zum Beispiel durch meditative Praktiken aufzulösen gilt. Findet der Einzelne seinen Frieden, wird auch die Menschheit friedlich und glücklich sein. Viele Religionen verfolgen diesen Weg.

Es gibt noch viel mehr Erklärungsversuche, warum der Krieg in die Welt kommt und der Mensch als Homo sapiens eben immer auch ein Homo bellicus ist. Ich bin einigen Haupttypen nachgegangen, die Liste ist natürlich nicht vollständig. Es sind Beispiele, die zeigen, wie die Tatsächlichkeit von Streit, Krieg, Tod und Vernichtung unter Menschen doch immer wieder als rätselhaft, als erklärungsbedürftig empfunden wird. Denn eigentlich wollen doch alle nur zufrieden sein, – wenn da nicht der böse Nachbar wäre… Alle diese Modelle der Ursachen und Gründe einer weithin kriegerischen Welt, in der gewaltsames Leiden und Tod täglich gegenwärtig sind, haben vielleicht jeweils etwas Richtiges im Blick. Auf jeden Fall ist es aber wahr, dass die Verwicklung des Menschen und der Menschen in Krieg, Gewalt, Foltern, Töten unüberschaubar vielfältig und insofern „multikausal“ verursacht ist. Es bleibt dennoch als etwas letztlich Unerklärliches, Unbewältigtes bestehen. Noch unerklärlicher erscheint dann besonders die Lust am Töten, der Rausch des Blutes, die exzessive Gewalt, die keine Grenzen kennt. Ebenso unbegreiflich ist es, dass es immer wieder gerade auch vormals friedliche „normale“ Menschen überkommt – wenn die Umstände danach sind. Jeder Völkermord hat Täter, die – auch nur Menschen sind. Das ist ein Erratum: ein unauflösliches Faktum.

Die Rätselhaftigkeit dieser Struktur des Menschen als Homo bellicus anzuerkennen erscheint mir jedenfalls angemessener als all die verschiedenen Erklärungsversuche für sich genommen. Andererseits ist die Suche nach Erklärungen unvermeidlich; sie drängt sich auf. Vielleicht kommt man dennoch zum Ergebnis, dass diese Frage nach der Möglichkeit und Fähigkeit des Menschen zum Krieg, zu Vernichtung und Töten anderer Menschen letztlich unbeantwortbar bleibt. Kriege werden von Menschen geführt, „gemacht“. Dass es sie gibt, scheint zu unserer conditio humana, zu unserem Dransein als Menschen zu gehören – eine Erkenntnis, die zu selbstkritischer Mäßigung und zu rationaler Bescheidenheit zwingt.

Anmerkungen

1) Wer wissen will, worum es geht, schaue The Netwars-Project.

2) Man lese Viktor Jerofejew, Russland in der Offensive, FAZ Dez 2013

 27. April 2014  Posted by at 11:47 Gesellschaft, Mensch Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Das Rätsel des Homo bellicus