Mai 172013
 

Netzfreiheit ist kein Netzthema. Es ist auch kein Thema der ‘Netzgemeinde’. Wie vieles andere auch, zum Beispiel das Urheberrecht, die Privatsphäre, die Forderung nach Transparenz und demokratisch-kultureller Teilhabe, das Marktverhalten mächtiger Konzerne wie Google oder Amazon, die Lage der Zeitungen und des “klassischen” Journalismus, – all diese vermeintlich eigenen Themen der Internet-Aktivisten, der Piraten, der Netzgemeinde oder der ‘Netzelite’, sind überhaupt keine spezifischen Netzthemen. Es sind politische Themen, vielleicht besonders aktuelle und brisante, aber eben Themen im politischen Raum, die sich die Aufmerksamkeit mit anderen Themen im politischen Raum teilen müssen. Netzfreiheit als Forderung / Slogan / Mobilisierungsthema ist nur dann ein gesellschaftliches Thema, wenn es auch als solches verstanden und in die politische Diskussion eingebunden wird. Es ist nur dann ein Thema, wenn es ein öffentlich relevantes politisches Thema wird. Nur als Gegenstand von irgendwelchen Netzdebatten einer Gruppe von Internet-Enthusiasten oder als Lieblingsthema der “Bloggosphäre” ist es völlig irrelevant.

re:publica 13

re:publica 13

Es greift zu kurz, nur die Abgehobenheit der Netzdiskussion oder die Selbstbezogenheit der Netzaktivisten zu kritisieren und jetzt “Handeln” zu fordern. Vor dem Handeln sollte schon das Denken kommen, möglichst das kritische. Das würde dann auch die eigene Borniertheit und Selbstverliebtheit der Netzsphäre aufdecken können. Mir geht es um eine wirklich gut begründete Kritik der netztypischen Illusionen und Verklärungen. Die gestellte Aufgabe ist also eine grundlegende Kritik der ideologischen Wurzeln des Technizismus bzw. der Technikkultur, des Reduktionismus der Wissenschaften auf science (Naturwissenschaften), der ungebrochenen Fortschrittsgläubigkeit und des diesem Fortschrittsglauben zu Grunde liegenden Menschenbildes der Machbarkeit, Formbarkeit, Erziehbarkeit durch – ja wen oder was denn? die Gattung? die Elite der Wissenden? einen sozial-evolutionären Paternalismus? Wer hier und heute noch von der schranken- und ‘klassenlosen’ Netzfreiheit träumt, hat sich schon im Wolkenkuckuksheim eines romantischen Cyberspace verloren. Die Netzwelt ist längst real world geworden. It’s ecnomy, stupid!

Diese zugegeben etwas polemischen Bemerkungen müssen theoretisch fundiert und in den öffentlichen Diskurs eingebracht werden: als politischen Beitrag. Nur “Handelt endlich!” reicht nicht, überhaupt nicht. Wenn sich aus den Veränderungen der technisch-sozialen Welt neben öknonomisch-medialen Prozessen der Generierung von Mehrwert auch noch neue Chancen des Politischen, des Demokratischen, der Beteiligung und der Teilhabe möglichst Vieler ergeben sollen, dann ist ein enormer politischer Prozess erforderlich, ein politischer Wille zum Disput der Ideen, zu einer Ziel- und Mitteldiskussion, zu einer Rückbindung dieser Diskussion auf bestehende Interessen und Machtverhältnisse. Also kurz: eine eminent politische Diskussion ist dran um Themen wie Freiheitsrechte des Individuums, Eigentumsrechte im Verhältnis zu den neuen digitalen Gütern, Mitwirkungsmöglichkeiten (Partizipation) über die vorhandenen politischen Parteien, Gruppen und Gremien hinaus. Aber nicht ohne sie, sonst verläuft sich alles wieder im unpolitischen Raum. Auch die ‘subversive’ Kraft des Kulturellen, speziell der Kunst, ist nur dann wirklich subversiv, wenn sie – politisch wird. Denn Kultur braucht Freiheit wie die Luft zum Atmen.

 17. Mai 2013  Veröffentlicht von am 16:54  Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Keine Antworten »
Apr 212013
 

Es ist schwierig, die gegenwärtige Zeit in Gedanken zu fassen. Das liegt weniger daran, dass die Gegenwart so schwierig wäre, sondern verweist auf ein grundsätzliches Problem. Die unmittelbare Nähe und Distanzlosigkeit des Erlebens der jeweils aktuellen Zeit macht es nahezu unmöglich, in der Gegenwart etwas “objektiv” zu sehen, denn das hieße ja: aus der Distanz, mit Abstand. “Mit Abstand von einigen Jahren” sieht bekanntlich alles ganz anders aus. Der subjektive Gesichtswinkel, aus dem heraus man jeweils seine Zeit wahr nimmt und beurteilt, ist ebenfalls unvermeidbar, solange die unmittelbare Mitbetroffenheit im Verlauf gegenwärtiger Ereignisse und Erscheinungen die neutrale Position aus der Perspektive eines Dritten unmöglich macht. Es ist das oft zitierte Problem, den Vogel aktuell im Fluge zu zeichnen. Ohne die Richtung und das Ziel zu kennen, ist das ein schier unmögliches Unterfangen. Völlig anders ist die Situation, wenn man die mediale Aufzeichnung desselben Vogelfluges betrachtet. Da ist dann jegliche Beschreibung und Analyse sehr leicht möglich, weil der Gesamtverlauf bekannt ist.

Wiewohl die Beurteilungen von Zeiterscheinungen also stets und prinzipiell schwierig sind, gibt es doch Dinge und Erscheinungen, deren “Gegenwart” sich bereits eine Zeit lang hin dehnt, die also rückblickend einen Verlauf aufweisen. Hier ist es schon leichter, zu Beurteilungen zu gelangen, da ihre jeweilige Gegenwart bereits einen Teil (naher) Vergangenheit und somit Distanz enthält. Offensichtlicher sind daneben solche Phänomene der Gegenwart, die sich leicht als Modeerscheinung, als ‘Hype’, erkennen lassen, weil sie vielfach medial verstärkt gleichsam von allen Dächern zugleich herab tönen und in vielen gesellschaftlichen Bereichen zugleich auftreten. Ihre mediale Verstärkung macht sie nur scheinbar übermächtig. Zwischen noch unklaren Ereignissen der Gegenwart mit ungewissem Ausgang und unsicherer Bedeutung einerseits und klar erkennbaren Modeerscheinungen der Alltagsöffentlichkeit andererseits liegen Trends. Trends können eine tatsächliche Richtung, ein wirkliches Gefälle (‘bias’) der Entwicklung anzeigen, sie können aber auch ganz in die Irre gehen oder in eine Sackgasse führen. Da ist man erst hinterher schlauer. Wer einen ‘richtigen’ Trend erkennt (zum Beispiel an den Börsen, in der kulturellen oder auch technologischen Entwicklung), gilt dann im Nachhinein als ein besonders schlauer oder genau analysierender Zeitgenosse, – dabei hat er wahrscheinlich in einem konkreten Fall nur Glück gehabt. Über erfolgreiche Trends wird berichtet, – falsch erkannte Trends werden schnell vergessen.

Mit dieser vorsichtigen Annäherung und durch Hinweis auf die möglichen inkludierten Schwierigkeiten einer Zeitbeschreibung möchte ich nun doch ein paar Beobachtungen über die Gegenwart aus versuchter Distanz heraus mitteilen. Es gibt eine Reihe von Dingen und Zuschreibungen, die zwar wieder und wieder geschrieben und verbreitet werden, die also so etwas wie eine öffentliche Übereinkunft über den Zustand der Gegenwart darstellen, die aber nichts desto weniger fragwürdig und bezweifelbar und also keineswegs selbstverständlich sind.

Ein Beispiel ist die Aussage, die gegenwärtige Zeit sei besonders “beschleunigt”. Das bezieht sich dann auf gesellschaftliche Veränderungen einerseits und auf technologische  Entwicklungen andererseits. Oft wird die Feststellung einer Beschleunigung auch mit dem Hinweis auf die Hektik des Alltags begründet. Das aus meiner Sicht einzig konkret fassbare Datum (=Gegebene) aber ist die zunehmende Verdichtung von mancherlei Arbeits- und Produktionsprozessen. Hier ist die Aussage einer Beschleunigung sicher zutreffend. Ob das aber im Blick auf das Leben insgesamt gilt, ist für mich eher zweifelhaft. Konkrete Alltagsbeobachtungen sprechen eher dagegen. Ob man sich gerne in jeden Trubel stürzt und möglichst viel mit bekommen will oder ob man bedächtiger und behutsamer Schritt für Schritt an Dinge und Entscheidungen heran geht, ist eine Frage der persönlichen Einstellung, der Mentalität. Die angeblich so verbreitete Beschleunigung der Lebensverhältnisse und ihrer Veränderungen besteht zum einen aus der Verwechslung von Beschleunigung mit selbst induzierter Hektik (man macht sich Stress) vermittels übersteigerter Ansprüche, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erleben, zum anderen darin, dass der erlebnishafte Vergleich mit der Vergangenheit fehlt. Liest man zeitgenössische Berichte zum Beispiel aus den “goldenen Zwanzigern” des vorigen Jahrhunderts in Berlin, so ist die Klage oder Freude über eine übergroße Hektik (“Jubel, Trubel, Heiterkeit”) kaum zu übersehen. So neu scheint das Phänomen der Beschleunigung also gar nicht zu sein. Dass die jeweilige Zeit hektisch und überstürzt sei, wurde eigentlich zu vielen Zeiten gesagt (vgl. Renaissance). Darüber hinaus zeigt uns die Sozialforschung, dass sich Einstellungen und Mentalitäten nur sehr allmählich, im Grunde nur von Generation zu Generation wirklich ändern und verschieben. Was also ist heute so “beschleunigt”?

Times Square NY

Times Square NYC

Am ehesten scheint das auf die technologischen Entwicklungen zuzutreffen. Die Taktzahl der allfälligen Neuerscheinungen hat sich gewaltig erhöht; alle halbe Jahr gibt es neue technische Geräte, insbesondere im Bereich von Medien und Kommunikation (Handys!). Doch marktgetriebene Neuerungen sind selten eine wirkliche Beschleunigung, entpuppen sich doch die meisten Neuheiten als nur geringfügig verbesserte Altversionen. Auch technologische Entwicklungsschübe bleiben weitaus seltener, als es die medialen promotions (PR!) glauben machen. Wie das Automobil in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die künftige Entwicklungen verändernde und bestimmende Neuerung war, so dürfte wohl die Verbreitung des Mediums Internet zu den wegweisenden Neuerungen dieses Jahrhunderts gehören. Ein neues iPhone allerdings macht wie eine Schwalbe noch längst keinen ‘beschleunigten’ Sommer. In diesem Sinne sind konsumorientierte Neuheiten eigentlich nichts, was eine Beschleunigung des Lebens des Einzelnen bewirken könnte. Auch hier zeigt sich beim näheren Hinsehen, dass sich Verbraucherverhalten nur sehr allmählich ändert und auf neue Verhältnisse einstellt. Hier muss man manche “Internetfuzzis” bei aller Begeisterung einfach mal auf den Boden der Tatsachen zurück holen.

Ein anderes Phänomen ist der Burn-Out. Unter Medizinern ist es nach wie vor umstritten, ob es sich dabei um ein eigenes Krankheitsbild handelt, und wenn ja, um welches, oder ob es sich um eine unscharfe Bezeichnung für ein Art von Depressionen oder depressivem Verhalten handelt. Schaut man in die Medien, bekommt man allerdings den Eindruck, es handele sich um eine neue Volksseuche. Nun ja, vor einhundertfünfzig Jahren gehörte es in der Damenwelt zum guten Ton, regelmäßig in Ohnmacht zu fallen. Mir scheint das, was man mit Burn-out-Syndrom bezeichnet, eher ein symptomatischer Ausdruck für ein Gefühl der Selbstüberforderung zu sein. Die kann natürlich auch handfeste klinische Befunde verursachen. Die Leidenserfahrung Betroffener will ich weder klein reden noch ignorieren. Nur könnten die Ursachen und Zusammenhänge von anderer Art sein, als es die “Modekrankheit” Burn-Out anzeigt. Das Ausgebranntsein hat zwar auch etwas mit Selbstüberschätzung bzw. Selbstüberforderung zu tun, vor allem aber verweist es auf eine Desorientierung und vielleicht sogar Desillusionierung innerhalb der umgebenden Lebenswelt.

Damit kommen wir zu einem dritten Bereich, der als letztes Beispiel dienen soll. Es handelt sich um die viel beschworene zunehmende Komplexität unserer Gesellschaft und Lebensverhältnisse. Dabei ist es zunächst einmal gleichgültig, ob diese Zunahme der Komplexität real abbildbar ist, oder ob sie als solche lediglich erlebt wird. Letzteres ist offenkundig der Fall, bei Ersterem bin ich mir nicht so sicher. Meine These ist dabei, dass es weniger die objektiven Verhältnisse unseres Lebens sind, die so viel ‘komplexer’ geworden sind, als vielmehr die Art und Weise, wie wir mit den Gegebenheiten und Zufälligkeiten der Ereignisse des Lebens umgehen. Leben ist immer und an sich von großen Zufälligkeiten und überraschenden Veränderungen geprägt, eine Allerweltsweisheit. Dem sollten in früheren, zum Beispiel eher ständisch organisierten Gesellschaften, klare Orientierungsrahmen entgegenwirken, die als Lebensordnungen bestimmten Werten folgten und einigermaßen klare Verhaltensweisen in den Unfällen des Lebens ermöglichten. Der Aufbruch in eine offene Gesellschaft der individuellen Freiheit, der Auswahl eigener Werte ohne vorgegebenes Wertesystem, die zunehmende Eigenverantwortlichkeit für die Gestaltung des eigenen Lebensverlaufs, sind große neuzeitliche Errungenschaften für die Selbstwerdung als freie Person, werden aber mit einem Verlust an selbstverständlicher Stabilität und Systemorientierung  erkauft. Ein guter Teil dessen, was heute als Zunahme objektiver Komplexität beschrieben wird, ist viel mehr der subjektiven Seite des Umgangs mit stets unsicheren und wechselhaften Lebensverhältnissen zuzuschreiben. Wenn es keine oder kaum selbstverständliche Verhaltensweisen im Umgang mit den Zufälligkeiten und Wechselfällen des Lebens gibt, muss sich jeder einzelne stets aufs Neue damit für sich auseinandersetzen und einen Ausweg finden. Das ist der Preis der Freiheit, der Offenheit und der Individualisierung unserer Lebensverhältnisse. Wer sie nicht missen möchte (ich gehöre jedenfalls dazu), muss damit leben, dass die Verhältnisse und Gegebenheiten jeweils eine eigene Entscheidung erfordern, dass eigene Werte und Verbindlichkeiten gesucht und freiwillig befolgt werden wollen und dass diese Freiheit und Offenheit in unserer modernen Gesellschaft der Individuen eben auch anstregend sein kann. Sich Übersicht zu verschaffen über die eigenen Lebensumstände und Ziele und hierbei eigene Prioritäten zu setzen fernab von gesellschaftlich verbindlichen Konventionen muss erlernt und geübt werden. Was Wunder, wenn sich da bisweilen das Gefühl der Überforderung und der “Überkomplexität” der Lebensverhältnisse breit macht. Die offene Gesellschaft freier Individuen in der modernen Zeit (“everything goes”) gibt es tatsächlich nicht zum Nulltarif.

Dies sind nur einige Aspekte der Betrachtung unserer Gegenwart. Vor allem was den Blick auf die Entwicklung der modernen Gesellschaft betrifft,  ist hier nur ein einziger, wenngleich grundsätzlicher Aspekt genannt worden. Selbstverständlich sind die politischen Verhältnisse, Machtstrukturen, kulturelle Bindungen und Verflechtungen, globalisierte Entwicklungen usw. usw. in eine genauere Analyse einzubeziehen. Hier geht es nur um einige Beobachtungen und Anregungen, die gegenwärtige Zeit und einige ihrer Entwicklungen ruhig in den Blick zu nehmen. Das Bild ließe sich um viele Aspekte ergänzen, erweitern, korrigieren. Nur der Versuch der vorsichtigen Distanzierung (Abstand gewinnen) kann hierbei weiter helfen.

 21. April 2013  Veröffentlicht von am 11:04  Gesellschaft, Moderne Tagged with: , , ,  Keine Antworten »
Apr 172013
 

In einem Vortrag des Forums Offene Wissenschaft der Uni Bielefeld sprach der linke Altmeister der deutschen Politologen Arno Klönne zum Thema “Christliche Fundamentalisten in Deutschland – Konsequenzen des Abschieds von der Volkskirche”. Er legte dar, wie die wachsende Zahl “fundamentalistischer” Gruppierungen innerhalb und außerhalb der christlichen Großorganisationen (evangelische und katholische “Volkskirchen”) als eine Reaktion auf die Moderne, nämlich als deren Ablehnung und Abwendung von ihr, verstanden werden kann. Dabei unterstrich Klönne, dass der Begriff “Fundamentalismus” recht unscharf gebraucht und oftmals mit Terrorismus verbunden werde und darum näher bestimmt werden müsse. Er markierte vier Kennzeichen christlich-fundamentalistischer Gruppen und Strömungen:

  1. Enthistorisierung des eigenen Weltbildes
  2. Abkehr vom pluralistischen Wertesystem
  3. Unfähigkeit zum Dialog
  4. Aggressiver Hang zur “Missionierung”

1. Enthistorisierung meint, dass die eigenen Glaubensinhalte und Wertvorstellungen, die das jeweilige religiöse Weltbild prägen, als unverrückbar und dem historischen Wandel entzogen gelten. Die eigenen Glaubensaussagen werden entweltlicht und haben quasi Ewigkeitscharakter. Dementsprechend sind auch die Wertvorstellungen unhinterfragbar vorgegeben, zum Beispiel in der Familienethik oder Sexualmoral.

2. Dieser Herauslösung der eigenen Glaubensinhalte und Wertvorstellungen aus dem Fluss des geschichtlichen Wandels hypostasiert diese zu über- oder ungeschichtlichen Größen. Sie sind damit auch der gemeinschaftlichen Diskussion oder auch der gesellschaftlichen Kommunikation entzogen. Es geht allenfalls um die zeit- und situationsgerechte Anwendung dieser unverrückbaren Wahrheiten. Gleichrangige andere Glaubens- und Wertsysteme sind damit undenkbar geworden. Die eigenen Glaubensinhalte und Wertsysteme werden zur ewigen Wahrheit erklärt, die aus pluralistischen Denk- und Lebensweisen heraus fallen.

3. Aus dieser hochgradigen Selbstbezogenheit und Selbstgewissheit, im Besitz der allein richtigen und unwandelbaren Wahrheit zu sein, ergibt sich die Unfähigkeit zum Dialog. Ein Gespräch mit Andersgläubigen (auch ‘andersgläubigen’ Christen und Mitgliedern der eigenen Kirchen) kann nur nach taktischen Gesichtspunkten erfolgen, um den “Dialogpartner” für sich zu gewinnen. Der eigene Standpunkt steht dabei niemals ernsthaft zur Disposition. So wird das Gespräch letztlich nur monologisch geführt unter der taktischen Hülle eines “Dialogs”.

4. Glaubt man sich selber im Besitz letztgültiger Wahrheiten, eingeschlossen in vorgegebenen Glaubensgrundlagen und Grundsätzen (Fundamenten), dann kann sich mit der eigenen Haltung ein massiver Drang zur Missionierung verbinden, um “die Welt” vom “falschen” Weg zu retten und die Anerkennung der Wahrheit und der Wirklichkeit der als allmächtig verehrten eigenen Gottheit zu erzwingen. Spätestens hier werden fundamentalistische Glaubensgruppen politisch bedeutsam.

5. Zusammenfassend kann man diese so bestimmten “fundamentalistischen” Gruppierungen innerhalb und außerhalb der christlichen Großorganisationen als eine Reaktion auf den pluralistischen Wertewandel der Moderne begreifen und sie als antimodernistische Reaktion verstehen. Durch die Enthistorisierung allgemein gültiger Wahrheiten sieht man sich dem nivellierenden Wandel der Zeiten entzogen.

Klönne wies darauf hin, dass solche christlichen Gruppierungen dann und dadurch eine besondere Problematik begründen, dass sie sich immer öfter mit spezifisch “rechtem” politischen Gedankengut verbänden (Rettung des christlichen Abendlandes) und ihrerseits von rechten Gruppen und ihren Organen (“Junge Freiheit“) für sich vereinnahmt würden (Rettung vor Islamisierung und Überfremdung). Gerade die sich bürgerlich gerierende Wochenzeitung “Junge Freiheit” spielt hierbei eine bedeutende Rolle als intellektueller Türöffner. Von den Piusbrüdern bis zu bestimmten evangelikalen Kreisen eröffnet sich in Deutschland ein Feld christlich-fundamentalistischer und zugleich rechts-reaktionärer Strömungen, die besonders dann gefährlich verführerisch werden können, wenn soziale Verwerfungen in unserer Gesellschaft zunehmen. Klönne nannte die wachsende Schere zwischen Arm und Reich und ging davon aus, dass sich Deutschland mittelfristig kaum von den wirtschaftlichen und sozialen Problemen der übrigen Europäischen Union abkoppeln könne. Genau hier erkannte er die gesellschaftliche und politische Gefahr, die von christlichen Fundamentalisten und ihren rechten Gesinnungsgenossen ausgehen können, wenn sie mehr und mehr in die Mitte der Gesellschaft drängen.

Pfingstler

Pfingstler

Man kann der Meinung sein, dass dieses gezeichnete Bild aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich und zu negativ akzentuiert sei, – ganz von der Hand zu weisen ist diese Perspektive allerdings nicht. Gerade dem bürgerlichen und biederen Deckmäntelchen der “christlichen Rechten” kommt einige Bedeutung zu, auch wenn die Verhältnisse bei uns in Deutschland noch meilenweit von der politischen Aggressivität der christlichen Rechten in den USA verschieden sind. Zumindest scheint mir die Aufforderung Klönnes gut begründet zu sein, diesen Gruppierungen in unserer Gesellschaft mehr kritische Aufmerksamkeit zu schenken.

Auch der Hinweis darauf, dass sich manche “fundamentalistischen”, insbesondere evangelikalen Gruppen völlig unpolitisch begreifen und sich und die Ihren “nur” von den verderblichen Einflüssen des modernen Wertepluralismus fernhalten und abschotten wollen, macht deren Einfluss nicht weniger brisant. Zum einen betonte Klönne, dass sich gerade auch rechte Gruppen im kommunalen Umfeld bewusst scheinbar “unpolitisch” verhielten, zum anderen zeigen die Konfliktfelder der evangelikalen Abgrenzung (Schulausflüge, Klassenfahrten, koedukativer Sportunterricht, Verweigerung der Teilnahme am Sexualkundeunterricht, Kreationismus) durchaus gesellschaftspolitische Sprengkraft. Werden hier um des lieben (Schul-) Friedens willen vorschnell und übereifrig Kompromisse im Sinne von Zugeständnissen gemacht, gibt man diesen antimodernistischen Strömungen de facto mehr und mehr Raum mitten in der Gesellschaft. Allein diese Auswirkung sollte von all denen, denen Pluralismus, Individualismus und Liberalität als Kennzeichen der Moderne lebenswichtig sind, genauestens beobachtet werden, um dem fundamentalistischen Anspruch angemessen begegnen zu können.

Leider fehlten in dem klaren und anregenden Vortrag Arno Klönnes (ich habe ihn aus meiner eigenen Sicht paraphrasiert) Zahlen: Wie groß sind diese fundamentalistisch genannten Gruppen, gibt es belegte Zahlen des Wachstums oder nachprüfbare Untersuchungen über ihren gesellschaftlichen Einfluss? Eine erste Übersicht über christliche Gruppen (“Kirchen” und “Sekten”) verschaffen die Aufstellungen des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes. Will man hier aber weder einem selbst gebastelten Feindbild noch der Euphorie eines interreligiösen / interkulturellen Dialogs aufsitzen, sind belastbare Zahlen und wissenschaftlich gesicherte Ergebnisse vonnöten. Das von Klönne skizzierte Szenario möglicher christlich-fundamentalistischer Gefährdungen reicht für sich genommen noch nicht zur Beurteilung der Tragweite dieser Phänomene aus, wenngleich von ihm wertvolle und weiter zu verfolgende Analysen und Hinweise gegeben wurden.

Ferner ist nach Parallelen und Übereinstimmungen mit den Fundamentalismen anderer Religionen zu fragen. Vieles oben Skizzierte ließe sich sicher auch über den islamischen Fundamentalismus aussagen. Dem steht aber zum Beispiel die Interpretation von Olivier Roy entgegen, der den fundamentalistischen Islamismus als eine spezifisch moderne Erscheinung analysiert, nämlich als eine besondere Form der postkolonialen Aneignung der Moderne. Das lässt eine spannende Ambivalenz des Phänomens “neuzeitlicher Fundamentalismus” erkennen und regt zu weiteren Überlegungen und Forschungen an.

Insgesamt war es ein erfrischend klarer und anregender Vortrag dieses zweiundachtzig jährigen Großmeisters der deutschen Politologie.

Apr 062013
 

Mit der Öffentlichkeit ist das so eine Sache, zumindest mit der Öffentlichkeit in den Medien. Würde man sie als realistischen Spiegel der gegebenen Verhältnisse ansehen, dann entstünde ein merkwürdiger Eindruck. Etwas Verwirrung und Unschlüssigkeit ist da zu erkennen über das, was derzeit “wirklich” Sache ist, ein Rauschen, das kaum markante Spitzen aufweist. Die “Netzgemeinde” ist schnell abgehandelt, denn spätestens seit Sascha Lobos kritischem Beitrag ist diese hart auf dem Boden der Tatsachen gelandet und mit Selbstbetrachtungen beschäftigt. Typisch dafür ist auch die Selbstzerlegung der Piraten, die gerade in NRW mit einem neuen Akt in diesem kleinlichen Drama aufwarten. Aber das betrifft inzwischen nur noch einen minimalen Bereich öffentlicher Beachtung und Wahrnehmung.

Dass der Wahlkampf angeblich begonnen hat, merkt man kaum, seit Steinbrück keine unterhaltsamen Beiträge mehr liefert. Von der Regierung hört man eh nichts mehr. Zypern-Krise? Irgendwie kein Aufreger, oder nur ein sehr kurzer wegen der Sparer, aber dass beim Geld nichts mehr undenkbar ist, hatte man auch vorher schon geahnt. Euro-Krise? “Überstanden”, heißt es beruhigend aus Brüssel, auch wenn sich eigentlich nichts wesentlich geändert hat. Die Rezession und damit verbunden Arbeitslosigkeit und Lethargie wachsen in den Ländern Südeuropas. Ob das mit der Lethargie stimmt, weiß ich nicht, das ist nur mein Eindruck aus der “öffentlichen Meinung”, seit in Athen, Nikosia, Lissabon oder Madrid keine Massenproteste mehr vermeldet werden. Aber es würde schon passen, denn in der Not denkt jeder an sich selbst zuerst.

Bei uns im Land scheint die Wirtschaftsentwicklung stabil zu sein mit weiterhin positiven Aussichten. Gute Lohnabschlüsse sorgen in großen Teilen der Bevölkerung für das nötige Kleingeld zur Belebung von Konsum und Reisen. Wenn des Handels größte Sorge der verspätete Frühling ist mit wenig Lust auf Gartenpflanzen, Neuwagen und Sommerklamotten, dann scheint es uns so schlecht nicht zu gehen. Miese Nachrichten findet man wenige, abgesehen von der nicht neuen Klage über steigende Mieten in den attraktiven Ballungsräumen. Selbst die Strompreise treiben niemanden auf die Straße. Über “Armut” bei uns klagt es sich auch nicht mehr so leicht, seit man sieht, was Armut zum Beispiel in Griechenland aktuell wirklich bedeutet. Also was solls? Ach ja, Korea, irgenwie ein Irrer, leider sehr ernst zu nehmen. – Ansonsten alles gut.

Satellitenantenne (Google)

Satellitenantenne (Google)

Dabei gäbe es genug Dinge, die eines “öffentlichen Diskurses” bedürften, oder sagen wir es einfacher: über die geredet, diskutiert, gestritten werden sollte. Da sind die Ursachen der gegenwärtigen Finanzkrisen. Wenn die heiße Phase hektischer Nachtsitzungen erst einmal vorbei zu sein scheint, wäre es doch an der Zeit, sehr ernsthaft nach den Ursachen zu forschen. Viele der schnell geäußerten Gründe sind eher Schuldzuweisungen denn genaues Fragen nach den komplexen Zusammenhängen. Auf Ungleichgewichte der Wirtschaftsräume, auf die Folgen der ‘neoliberalen’ Marktideologie, auf eine aggressive Exportpolitik (ja, damit ist Deutschland gemeint) ist mancherorts schon hingewiesen worden. Dem wäre noch viel genauer nach zu gehen. – Dann ist da das weite Feld der Energieversorgung und der Energiepolitik, die bei uns kaum sachdienlich, sonder sehr ideologisch (“öko” ist per se gut) “veröffentlicht” wird, – “diskutiert” kann man das ja kaum nennen. Hier wäre eine wirklich streitige Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit angesagt. Der Strompreis ist nur der eine Aspekt, die Folgen des Klimawandels sind ein anderer. Auch wenn die Prognosen auf prinzipiell unsicheren Modellen beruhen (es können nur Annäherungen sein aufgrund bekannter Daten), ist das Nachdenken und die Diskussion darüber keine Angelegenheit, die man als Modethema mal aufbauschen und dann wieder in der Versenkung verschwinden lassen darf.

Eigentlich geht es bei all diesen Themen um die grundsätzliche Frage, wie wir denn künftig leben wollen, welche Welt wir unseren Kindern bauen und hinterlassen wollen. Einig sind sich eigentlich alle öffentlichen Äußerungen darin, dass wir uns in Zeiten eines rasanten Umbruchs befinden. Es ist ein Umbruch in Wirtschaft, Gesellschaft und Familie, ein Wandel des Verhaltens in Kultur und gegenüber der Um-Welt, ein “Paradigmenwechsel” der technischen und medizinischen Möglichkeiten, deren Ausmaß noch kaum abzuschätzen ist. Wie wollen wir leben? Wie soll die Welt aussehen, in der wir und unsere Kinder leben wollen und können? Welche Werte können da weiterhin gelten, welche Werte gilt es als verändert zu akzeptieren? Wie gehen wir mit der Tatsache weiträumiger Migration um? Was bedeutet das dichte, spannungsreiche Zusammenleben ganz unterschiedlicher Kulturen (weltweit!) für den Alltag? Wenn es keine Grenzen des technisch Machbaren gibt, wie gehen wir mit den Perspektiven künftiger Entwicklungen zum Beispiel der Veränderung des menschlichen Erbguts um? Es ist keine Frage mehr des Ob, sondern nur noch des Wie. Wissen und Fakten kann man nicht annullieren.

Die Öffentlichkeit scheint das nicht zu interessieren, zumindest die mediale Öffentlichkeit nicht. Aufklärungs- und Informationsbedarf ist genug da. Anschauungsmaterial ebenso; an kundigen und verständlichen Beiträgen aus Wissenschaft und Forschung mangelt es nicht. Ich erlebe es so: Da, wo derartige Themen und Perspektiven artikuliert werden, da sagen die Menschen: “Das ist ja wahnsinnig interessant, da müsste man doch viel mehr drüber erfahren und viel intensiver diskutieren.” Genau dafür ist die Öffentlichkeit doch da. Die “Wissensgesellschaft” hat eine einzige Voraussetzung: dass man sie auch am Wissen teil haben lässt, nicht nur in Nischen und elitären Zirkeln. Volker Gerhardt hat mit seinem Vertrauen in die rein “an sich” gegebene aufklärerische Struktur der Öffentlichkeit eine doch etwas reichlich abgehobene These vertreten. Da ist mehr “Fleisch” nötig, denn es geht immer auch und zuerst um Interessen und um Macht. Ob die “Netzgemeinde” ohnmächtig ist oder sich selbst beweint, ist ziemlich gleichgültig. Ganz und gar nicht gleichgültig ist es aber, dass die öffentliche Diskussion der uns und unsere heutige und künftige Welt bewegenden Themen eingefordert wird. Das geht nur, indem immer wieder Fragen gestellt werden, dass zum Beispiel Konzepte der TV-Talks durch Querfragen durchbrochen werden, dass die Möglichkeiten der Kommunikation im Netz weit mehr und besser genutzt werden. Bislang lässt dort oft nur ein neues iPad oder Samsung Galaxy den Erregungspegel steigen. DAS ist entschieden zu wenig, wozu das Netz bisher taugt.

Die Öffentlichkeit hat eine eigene Struktur, die ständig im Wandel ist. Richtig. Die öffentliche Diskussion aber braucht ebenso sehr Sachhaltigkeit und Interesse an gegenseitiger Orientierung. Daran fehlts. Darum klingt das öffentliche Getöse so wirr. Wie wollen wir morgen leben? Darum gehts.

 6. April 2013  Veröffentlicht von am 10:08  Gesellschaft, Kultur Tagged with: , , , ,  1 Antwort »
Apr 012013
 

Volker Gerhard hat uns mit seinem jüngsten Werk einiges zu lesen und zu denken aufgegeben. Das umfangreiche und im wahrsten Sinne vielseitige Werk trägt sein Programm zwar im Titel, nämlich „Öffentlichkeit als politische Form des Bewusstseins” darzustellen, aber was dies für Gerhardt bedeutet, weiß man natürlich erst nach der Lektüre. Vermuten darf man bei diesem Titel eine Auseinandersetzung mit dem neuzeitlichen Phänomen Öffentlichkeit, erwarten kann man eine begriffliche Bestimmung dessen, was heute sinnvoll unter Öffentlichkeit zu verstehen ist im Zusam­menhang von individuellem Bewusstsein und allgemeiner Politik. Gleich auf den ersten Seiten formuliert darum Gerhardt sein Programm: eine neue, alles auf den Kopf stellende Lösung „eines der ältesten Rätsel“: „Das uns Nächste des individuellen Bewusstseins soll das Allgemeine der Gegenstände und Begriffe sein, während das scheinbar Erste der subjektiven Empfindungen und Gefühle sich als relativ später Eintrag einer individuellen Distanzierung erweist.“ Er möchte „das scheinbar Privateste, nämlich das Selbstbewusstsein des einzelnen Menschen, als ein[en] Spezialfall des Öffentlichen [verstehen], in dem alle verständigen Wesen verbunden sind.“ (13) Das klingt provokativ und ist auch so gemeint. Wie das genauer zu verstehen ist, skizziert Gerhardt in seiner Einleitung über die „Weltöffentlichkeit des Bewusstseins“.

*

Dies ist die Einleitung eines Textes, in dem ich mich ausführlicher mit Volker Gerhardts Buch “Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins” (2012) auseinander setze. Ich gebe einen Überblick über den Aufbau und die einzelnen Kapitel des Werkes und gehe dann näher auf drei Problemkreise ein: auf den Gebrauch des Begriffs Öffentlichkeit; auf den Komplex Bewusstsein – Geist – Seele; auf die explizit aufklärerische Zielrichtung; auf die Ontologie des Naturalismus, die seiner Theoriebildung zugrunde liegt. Dabei stelle ich Anfragen nach dem rechten Verständnis, nach der Schlüssigkeit und nach den Voraussetzungen Gerhardts bei der Behandlung dieses großartigen Themas “Öffentlichkeit”.

Mein Text ist mit einigen Anmerkungen versehen, die auf die Hintergründe meiner Kritik verweisen. Die in runde Klammern gesetzten Zahlen sind stets Seitenangaben aus dem besprochenen Buch Gerhardts. Ich habe mich auf diese letzte und bislang umfassendste Darlegung Volker Gerhardts beschränkt; frühere Werke über Selbstbestimmung (1999), Individualität (2000) und Partizipation (2007) finden breiten und zum Teil veränderten Eingang in das vorliegende Buch. Einen guten Überblick über Gerhardts Wirken gibt der Wikipedia-Artikel. Meine Auseinandersetzung mit Gerhardt ist trotz der zehn Seiten recht komprimiert und vielleicht nicht immer klar  und  leicht genug zu verstehen. Zumindest habe ich versucht, die Voraussetzungen meines eigenen Denkens anzudeuten. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin mögen sich ihr eigenes Bild davon machen. Hier ist der Link zum Text (PDF):

Reinhart Gruhn, Bemerkungen zu Volker Gerhardt, Öffentlichkeit.
Die politische Form des Bewusstseins, München 2012

Öffentlichkeit

Öffentlichkeit (in Kempten)

UPDATE, am 4.4. gefunden:

“Mit ihrer Hilfe entwickeln sich jene Gesellschaften, denen wir schon im außermenschlichen organischen Leben begegnen, zu höheren Stufen gesellschaftlichen Lebens und schließlich zur Bildung eines sozialen Bewußtseins im Menschen… Sein Selbstbewußtsein gewinnt der Mensch durch das Medium gesellschaftlichen Lebens.”

Ernst Cassirer, 1944

 1. April 2013  Veröffentlicht von am 09:25  Öffentlichkeit, Philosophie Tagged with: , , , , , ,  1 Antwort »
Mrz 192013
 

Ist das die Frühjahrsmüdigkeit? Oder die Kältestarre des langen Winters? Es ist erstaunlich ruhig an der “digitalen Front”: keine aktuellen Aufreger, keine Neuheiten, die einen vom Hocker reißen – business as usual. Der Bundestrojaner ist medial eingeschlummert, das LSR ist in einer rudimentären Form verabschiedet, der Streit ums Urheberrecht köchelt auf niedriger Flamme vor sich hin, und auch die Piraten haben kaum mehr Nachrichtenwert. Facebook, Twitter und andere social media Dienste haben an Neuigkeitswert verloren. Der Neugier-Effekt ist weg, es wird halt genutzt, mehr oder weniger. Bei den Online-Kritikern müssen wieder einmal die ‘gefährlichen’ Internetspiele herhalten, also nichts Neues, nichts von Nachrichtenwert. Auf der Leipziger Buchmesse versuchten Verleger recht gequält, aus der Kritik an Amazon – Beschäftigungsverhältnissen Wasser auf die Mühlen des stationären Buchhandels zu leiten. Wird wohl nicht viel fruchten, darf man vermuten. Machte man die Amazon-Kritik zum Maßstab, dürften schon gar kein iPhone oder Smartphone, keine T-Shirts und Jeans und auch viele Lebensmittel (Fleisch!) nicht mehr gekauft werden. Übrig bleibt ein General-Vorbehalt gegenüber der modernen technisierten Welt. Der kann berechtigt sein, ohne Zweifel. Aber dann müsste er auch  grundsätzlich diskutiert werden. Auch das geschieht ja bei einigen, doch so recht will keine große Diskussion in Gang kommen, ein ‘Diskurs’ schon gar nicht. Die Spät-, Nach- Postmoderne plätschert so vor sich hin.

Schaut man näher hin, so tut sich allerdings doch einiges. Man kann das an der Reaktion der Schwergewichte der digitalen Technik bzw. der Internetwelt sehen: Apple, Google, Amazon merken offenbar, dass auch sie nur mit Wasser kochen und versuchen, die ‘Hoheit’ über ihren Geschäftsbereich und ihr Geschäftsmodell zu behalten, doch der Niedergang von Größen wie Microsoft und Nokia, Yahoo und Dell steht ihnen jederzeit vor Augen. Klar, Microsoft verdient immer noch eine Masse Geld, aber das Geschäft mit dem PC-Betriebssystem und der Office-Software ist ein Auslaufmodell. So schnell kann das gehen. Wenn Google jetzt beliebte Dienste zusammen streicht und alles unter das Dach Google+ zwingt, muss das auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein und kann eher als Zeichen gewertet werden, dass man mit notwendigen Veränderungen den künftigen Entwicklungen vorbeugen will. Obs nützt oder in die Hose geht, wird sich zeigen. Die digitale Entwicklung war bisher so rasant, dass auch sehr schnell aus Siegern Verlierer werden können. Das wiederum ist auch gar nicht so schlecht. Eine neue Technik und ein neues Geschäftsmodell pustet jederzeit Altes von der Bildfläche. Derzeit ist da allerdings noch nichts Konkretes in Sicht. Google hofft zwar, dass es die “glasses” sind, aber, aber…

DigitalTechnikAlt-640

(Ur-) Alte Technik

Diese Verschnaufpause könnte dazu genutzt werden, bei der digitalen Entwicklung im Alltag etwas aufzuholen. Da liegt nämlich einiges im Argen. Der schnelle Mobilfunk (LTE) kommt eher langsam voran, auch die G3-Mobilfunktechnik ist keineswegs flächendeckend und befriedigend verfügbar. Verlässt man die Ballungszentren, ist man bald auf EDGE-Niveau. Einheitliche Online-Zahlungssysteme: Fehlanzeige. Ein weiterhin bestehendes Ärgernis ist die Beschränkung, welche die Verbreitung und Nutzung von WLAN im öffentlich Raum durch die rechtsunsichere Störerhaftung erfährt. Nicht der Gesetzgeber, sondern der Richter soll hieran etwas ändern – ein Schulterzucken der Politik also, recht armselig und wenig innovativ. – In deutschen Hotels wird man immer noch fürs WLAN extra zur Kasse gebeten, sofern denn überhaupt Internet in den Zimmern verfügbar ist. Strom für die Nachttischlampe muss man ja auch nicht extra bezahlen. Es zeigt nur, wie wenig die Verfügbarkeit des Netzes schon als grundlegendes Allgemeingut gilt – wie Wasser, Strom und TV. Genau an dieser Einstellung gilt es zu arbeiten. Hier hinken Deutschland und große Teile Europas gegenüber anderen Hightech-Ländern deutlich hinter her. Wie groß der Unterschied ist, merkt man bei Reisen in die USA, nach Kanada, Hongkong oder Australien sehr schnell. Zurück in Deutschland fühlt man sich in der digitalen Provinz.

Dabei ist digitales Knowhow nun wirklich bei uns vorhanden. Klar, deutsche Firmen können dem Silicon Valley vom Volumen her (Ideen, Patente, Kapital) nicht das Wasser reichen, aber unser Maschinenbau besonders im Bereich von Spezialtechniken dürfte zu den weltweit führenden Branchen in der Umsetzung digitaler Techniken gehören. Dies verdient viel mehr Beachtung, denn  hier ist entsprechend ausgebildeter und kreativer Nachwuchs gefragt, und der fällt nicht vom Himmel. Das haben auch manche Berichte von der CeBIT deutlich gemacht. Da gilt wieder einmal, dass “der Mittelstand” unsere Stärke ist. Stärken gilt es auszubauen, und das sollte auch im Schul- und Bildungssystem seinen deutlichen Niederschlag finden. Auch hier geht vieles zu zögerlich voran: Ein Laptop im Klassenzimmer macht noch keinen digitalen Frühling.

Aber vielleicht wird es ja besser, wenn erst einmal der echte Frühling die Lebensgeister aus der Kältestarre weckt…

 

 19. März 2013  Veröffentlicht von am 11:49  Gesellschaft, Internet, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 152013
 

Das Verhältnis zu Nahem und Fernem ist in unserem Leben ein recht eigentümliches. Es zeigt sich als besonders spannungsreich, seit das Nahe nicht mehr selbstverständlich nah und das Ferne nicht mehr selbstverständlich fern ist. Das gilt sowohl räumlich als auch zeitlich, sowohl in Bezug auf andere Menschen als auch in Bezug auf das eigene Leben.

Der Raum der Erfahrungswelt ist in gewisser Weise geschrumpft. Für die Generation derer, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, war der Raum rund um Deutschland Feindesland; dorthin verreiste man nicht, man fuhr allenfalls an die Front. Oder man musste in die Ferne auswandern. Später kam man aus der Ferne der Kriegsgefangenschaft zurück, wenn  man überlebt hatte. Andere hatten alles Nahe und Vertraute, die Heimat, verloren. Die Kriegsgeneration musste – neben vielem anderen – auch das Verhältnis von dem, was nah, und dem, was fern war, neu buchstabieren. Für viele waren die Flüchtlinge Fremde, Ferne, mit denen man in Notzeiten im Nah-Kampf ums Überleben konkurrieren musste. Wirklich nah war nur das eigene Leben und das der engsten Angehörigen, der “Nächsten”, alles andere war doch sehr weit weg.

Das änderte sich eine Generation später völlig. Man entdeckte die Nachbarländer als Urlaubsziele, Holland, Italien, Österreich, und erlebte neue Fremde aus Italien, oft aus dem ländlichen Sizilien, ganz in der Nähe. Man nannte sie zur Unterscheidung von Einheimischen und Flüchtlingen “Gastarbeiter”. Gäste bedeutete natürlich, dass sie nur vorübergehend da sein sollten, aber sie blieben und wurden zu Nachbarn, Arbeitskollegen, Mitbürgern. Das Fernsehen brachte die weite Welt ins Wohnzimmer, so konnte man sich ein Bild machen und nicht mehr nur im Radio hören, was in der fernen Welt so alles passierte. Für die Nachkriegsgeneration (meine Generation) weitete sich die Welt enorm. Die Maßstäbe dessen, was nah und was fern war, änderten sich unaufhaltsam und immer wirkungsvoller. Nicht nur die Reiseziele wurden entfernter, überhaupt wurden Urlaubsreisen zu einer konkreten und beliebten Möglichkeit für große Teile der Bevölkerung, Stichwort ‘Massentourismus’, passend zu den ‘Massenmedien’. Das Verächtliche, das in diesen Begriffen mitschwingt, ist eine durch nichts gerechtfertigte Abwertung aufgrund des Dünkels derjenigen, die sich eines Erlebnisprivilegs beraubt sahen. Nun musste eben anderes als Statussymbol herhalten (“mein Haus, mein Auto, mein Boot”). Das, was vorher so fern war, rückte als Erlebnis ganz nah und ließ sich mit Urlaubsfotos ‘beweisen’. Anderes, was ganz nahe lag, wie die neu Zugezogenen im Wohnblock nebenan oder die eigene oder der Eltern Vergangenheit, rückte ganz weit weg aus dem Gesichtsfeld des gerade neu Erlebten.

Es brauchte eines heftigen Anstoßes, um sich der eigenen Vergangenheit im Nazideutschland zu stellen, als Volk ebenso wie als Familie oder Individuum. Wo warst du? Was hast du gemacht? Was hast du gewusst? Dass man die eigene Vergangenheit an sich heran ließ, das hat lange gedauert. Es wurde eine schmerzhafte Begegnung. In mancher Hinsicht wiederholte sich dieser Prozess noch einmal nach 1989, als mit der Vereinigung Deutschlands die Frage vieler ehemaliger DDR-Bürger an Nächste, Nachbarn und Freunde war: Wo hast du gestanden? Wie sehr hast du mitgemacht? Über wen hast du berichtet? Nähe und Ferne bestimmte sich auch im größer gewordenen Deutschland neu: Die “Brüder und Schwestern in der Zone”, die es vor einiger Zeit gewagt hatten, bei Olympia mit der “Spalterflagge” einzumarschieren, wurden die unbekannten, etwas merkwürdigen ‘Ossis’, denen man eigentlich den eigenen westlichen Lebensstil erst richtig nahe bringen musste – und die diese Art von Nähe oftmals als erdrückend und verletzend von sich wiesen. Wer und was war da nun fern, und wer war nah? Da gab es neue Bundesländer, also nahes Deutschland, die niemand kannte: die im Westen nicht den Osten, die im Osten nicht den Westen. Mallorca bzw. die Ostsee waren für viele näher als Weimar bzw. Köln.

Man sieht sehr schnell, dass die ursprünglich nur räumliche Nähe und Ferne zugleich eine Dimension menschlicher Beziehungen bekommt und nun zu einer Frage von Nähe und Ferne in menschlichen Beziehungen, am Arbeitsplatz (der Kollege aus dem ‘anderen’ Deutschland) und sogar in der Familie (die Tante, die man doch nur aus Briefen gekannt hatte, und die nun anreiste) wurde. Menschen aus dem Osten Deutschlands haben in diesen Jahren offenbar einen sehr viel deutlicheren Bruch im eigenen Leben erlebt als Westdeutsche. Nähe und Ferne im eigenen Land ordnete sich neu.

FremdeNähe-640

Zeitgleich begann sich ökonomisch die Globalisierung bemerkbar zu machen. Erst waren es japanische Produkte, die den europäischen Markt erreichten, heute sind es längst chinesische, koreanische, vietnamesische – kurz Produkte aus allen möglichen Ländern rund um den Globus, die wir nicht nur im Kaufhaus, sondern im Lebensmittelmarkt um die Ecke antreffen, die für uns alltäglich geworden sind. Die weltweite Kommunikation hatte sich durch Telefon, Telefax und dann erst recht durch das World Wide Web radikal verändert. Für die jetzt aktive Generation ist das Ferne ‘instant’ verfügbar, also völlig nah geworden. Online ist alles gleich nah oder fern. Selbst das Reisen hat sich durch den Flugverkehr in einem Maße verändert, wie es noch zwei Generationen vorher nicht vorstellbar war.

Heute haben sich die Verhältnisse von Nah und Fern bisweilen völlig umgekehrt. Die bulgarische Roma-Familie ist zwar (unangenehm, wie man meint) physisch sehr nahe gerückt, wohnt in der Nachbarschaft, ist einem aber vom kulturellen Lebensgefühl her um Welten entfernt, was tatsächlich so ist. An die Nähe anderer “Fremder” = eigentlich Ferner hat man sich mühsam gewöhnt, zumindest wird Pita und Pizza gerne konsumiert. Auch die billige Arbeitskraft einer osteuropäischen Altenpflegerin ist willkommen, neuerdings auch Ärztinnen und Ärzte, weil die Stellen in den Krankenhäusern sonst nicht zu besetzen wären. Merkwürdig disparate Gegebenheiten: Im Netz kann mir ein ganz Entfernter, erst recht wenn ich mich auf Englisch als Lingua franca einlasse, ein ganz alltäglicher ‘naher’ Facebook-Freund werden, wogegen ich ein bestimmtes Viertel meiner eigenen Stadt lieber nicht aufsuche, nicht aus Angst, sondern wegen erlebter Fremdheit. Wenn sich zur Befremdung die Angst vor dem Fremden gesellt, dann haben wir schnell die heftigste Fremdenfeindlichkeit. In der Kommunikation auf social media Plattformen kann es für viele dagegen gar nicht nahe genug zugehen, zumindest was die Bereitschaft angeht, Privates öffentlich zu machen und den Fernen in die eigene Nähe zu lassen.

Eine deutliche Reaktion auf diese Verunsicherung im Verhältnis von Ferne und Nähe ist die Wiederentdeckung und Betonung der eigenen Region mit ihren “Einheimischen” in Abgrenzung zu allem, was man nun als Fremdes von sich distanziert. Das Eigene wird als Besonderheit isoliert und gepflegt. Vieles davon ist eine leicht verständliche Reaktion, die sich am besten mit einem neuen Heimatgefühl bezeichnen lässt. Man kultiviert die eigene Mundart; man betont die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Region mit ihrem Brauchtum, man möchte möglichst viel ‘vor Ort’ entscheiden können. Man versteht sich in erster Linie als Bayer oder Franke oder Hannoveraner oder Rheinländer oder oder, und erst dann als Deutscher und eigentlich kaum als Europäer. Die Differenzierung und Distanzierung von nah und fern, von Eigenem und Fremden, geht übrigens im Nahbereich durchaus noch weiter und kann Nachbarorte und sogar Stadtviertel betreffen. Es ist auch kein deutsches Phänomen, denn in vielen Regionen Europas strebt man neuerdings nach Eigenständigkeit, wie im Baskenland, in Katalonien, Schottland, Norditalien (“Padanien”), Südtirol, von den Nachfolgestaaten Jugoslawiens einmal ganz zu schweigen. Selbst die Schweizer, zumindest die Deutschschweizer, wollen sich nicht mehr “deutsch”, sondern am liebsten “schwizerdütsch” verstehen und verständigen. Im Niederdeutschen (“Platt”) ist man noch nicht ganz so weit, dafür im “Katalanischen” umso mehr. Es sind nur Zeichen der Regionalisierung und Abgrenzung, aber sie verdeutlichen, dass in einer globalisierten Welt, wo so vieles Ferne ganz nah gerückt ist, die Frage nach der eigenen, vertrauten Nähe und Identität neu gestellt und beantwortet werden muss. Zumindest ist die Frage sehr virulent. Die Zeit der Hochstimmung auf alles Gemeinsame und Europäische scheint vorerst vorbei zu sein, politisch ebenso wie kulturell. Da hat merkwürdigerweise auch der Euro weder positiv noch negativ viel verändert. Nur die Bequemlichkeit des innereuropäischen Zahlungsverkehrs wird geschätzt, ebenso wie die fehlenden Passkontrollen dank Schengen. Aber auch dagegen gibt es zunehmende Widerstände, die das Eigene und Eigenständige betonen, nicht nur in Dänemark, England und Frankreich.

Eine letzte Beobachtung mehr existentieller Art. Beim Älterwerden fällt mir auf, wie manches dem Lebensalter nach sehr Ferne, Frühe, später wieder Bedeutung gewinnt und nahe rückt, während anderes, erst recht kurz Zurückliegendes, sehr weit entfernt scheint. Auch hier ordnet sich das, was einem nah oder fern liegt, mit der Zeit noch einmal neu, – eine interessante Erfahrung. Letztlich weist es darauf hin, dass Nähe und Ferne sehr relative Bestimmungen sind und stets etwas damit zu tun haben, was mir wichtig oder unwichtig ist, was eine Bedeutung hat oder was eine Überforderung ist, was in der eigenen Nähe ausgehalten oder was distanziert und abgestoßen wird. Unsicherheit und Angst spielen dabei immer eine Rolle, wo es um Nähe und Ferne geht, oder positiv gesagt: Vertrauen und Sicherheit, im Persönlichen Verständnis und Geborgenheit. Wie man sieht, sind diese Fragen nach der eigenen Identität sehr weit gehend Bestimmungen des Gefühls. Genau darum ist wohl auch das, was einem nah oder fern ist, etwas sehr Veränderliches, welches das je eigene Weltverhältnis ausmacht, und das darum auch zu jeder Zeit neu bestimmt und austariert werden muss. Nähe und Ferne sind offenbar existentielle, soziale und kulturelle Kategorien, die für einen einzelnen für sich oder in einer Gruppe von irgendwie ‘Gleichen’ zeitlich Geltung finden, Identität stiften und das jeweilige Verhältnis zur Welt wider spiegeln. Nah und fern ist ein sensibler Aspekt für das Verhältnis meiner selbst zum Verlauf einer sich rasant verändernden Welt.

NACHTRAG:

Als eine Konkretion fällt mir gerade Frank Schirrmachers Vorbericht des  ZDF-Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“ in die Hände.

 15. März 2013  Veröffentlicht von am 13:26  Gesellschaft, Individuum Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 102013
 

Die Eurokrise / Schuldenkrise / Finanzkrise hat sich (vordergründig) etwas beruhigt; es gab zumindest in den letzten Monaten keinen neuen “Rettungsschirm”. Die Entwicklung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes bewegt sich hierzulande auf einem verhaltenen, aber stabilen Niveau mit positiven Aussichten. Von Flughäfen und Bahnhöfen gibt es auch grad keine aufgeregten Neuigkeiten außer mal hier mal dort einen kleinen Streik. Die Energiewende geht mehr schlecht (Kosten) als recht (Steigerung von Ökostrom) voran, und von den Parteien sind derzeit überhaupt keine Impulse zu vernehmen abgesehen von ein wenig üblichem Gezänk. Selbst Steinbrück verpasst neuerdings die Aufreger. Es hat sich eine gleichgültige Ruhe ausgebreitet, die Dinge, die sich eher gut entwickeln, wie selbstverständlich zur Kenntnis zu nehmen, und Dinge, die sich eher schlecht entwickeln, als unabänderlich achselzuckend hinzunehmen.

Wahlen (KFM / pixelio.de)

Wahlen (KFM / pixelio.de)

Hallo, im Herbst sind Wahlen! Keine Spur von Bewegung, Aufbruch, Diskussion, Streit um den besseren Weg, oder auch nur Aufklärung und Erklärung der vielen Unklarheiten im politischen und wirtschaftlichen Alltag. Scheinbar ist die offizielle Politik in Regierung und Opposition schon froh, dass nichts passiert und alles eben nur irgendwie so läuft: Die oben sind oben, und die Unten bleiben unten. Erstaunlich. Erst überschlägt sich alles, der Untergang des Euro-Abendlandes wird dramatisch beschworen, dann gibt es ein paar Nachtsitzungen mit anschließenden Ringen unter den Augen, die Euro- und Nationalbanker zücken ihre Stifte, um jegliche Kreditbegrenzungen aufzuheben, eine Schwemme billigen Geldes flutet und versickert im Nirgendwo der roten Zahlenkolonnen. Alles klar? Alles gut?

Genau besehen ist gar nichts klar und gar nichts gut. Wir haben uns nur an den Nebel gewöhnt, der sich über die politische Landschaft gelegt hat wie das ewige Grau unseres diesjährigen Winterhimmels. Stellen wir doch einfach ein paar Fragen:

  • Was ist das überhaupt für eine “Krise”: des Euro? der Schulden? der Banken? der Ungleichgewichte in der Wirtschaft, im Export? Alles hängt irgendwie zusammen, aber wenn man für ein Problem eine Lösung finden will, muss man es zuerst klar eingrenzen und bestimmen. Dazu finde ich nur viele unterschiedliche, widersprüchliche, mehr oder weniger interessegeleitete Meinungen. Wahrscheinlich ist deswegen auch die Konfusion über mögliche Lösungen so groß. Einige scheinen aber von der Konfusion besonders zu profitieren.
  • Wo bleibt das ganz Geld, also die -zig Milliarden Euro, die von den EU-Regierungen über die die EZB “bereit gestellt” wurden: Wem wurde das Geld konkret “bereit gestellt”? Wurde da reales Geld bewegt oder wurden nur Buchungen vorgenommen, die sich bei diversen (National-) Banken im Euroraum in ihren Salden nieder schlugen? Wer also hat konkret etwas von diesem “Geld” gehabt? Waren es politisch gewollte Buchungstricks, indem Negativsalden einfach an einem anderen Ort (EZB) in beliebiger Höhe verbucht und mit “neuem” Geld schwarz gefärbt  wurden? Oder wird nur eine neue (Immobilien-) Blase befeuert?
  • Wer hat etwas davon, dass Regierungen “sparen”, das heißt, Sozialleistungen kürzen? Warum werden bei den einen die Schulden auf die EZB übertragen (die das ja deswegen “ab kann”, weil sie faktisch die Verfügungsmacht über alles Buchgeld hat), bei den anderen aber als Opfer eingefordert? Warum kehrt sich überhaupt ein Land an seinen “Schulden”, wenn sie doch letztendlich auf dem Verschiebebahnhof der internationalen Finanzinstitute geparkt werden können und so im Nirwana der virtuellen Geldschöpfung verschwinden? Oder anders herum: Welche Spekulation in wessen Interesse treibt die jeweiligen Schuldzinsen in die Höhe?
  • Warum müssen gerade diejenigen, die mit diesen Finanzmanipulationen in großem Stil zwischen Staaten, Nationalbanken, “systemrelevanten” Banken (= die gesamte private Finanzmacht) nun gar nichts zu tun hatten, haben und jemals zu tun haben werden, auf ihre Löhne, Gehälter, Renten, sozialen Dienstleistungen verzichten? Kurz: Warum müssen all die kleinen Leute in Spanien, Portugal, Italien, Griechenland usw. in ihrem Alltag, in Haus und Familie dafür “realwirtschaftlich” büßen, dass hier wahrscheinlich oligopole Finanzjongleure (alles im Nebel) ihre ganz speziellen Süppchen kochen? Warum sind so viele kleine Geschäfte Pleite, aber nie die großen Banken? Warum gilt das als “normal”?
  • Warum kann der gesellschaftliche Konsens und das politische Versprechen der “sozialen Marktwirtschaft”, der besagt, dass die Reichen zwar reicher werden dürfen, die Ärmeren aber ebenfalls deutlich besser gestellt werden müssen, dass also sozialer Aufstieg für alle konkret möglich wird, – warum kann dieser Konsens seit einigen Jahren faktisch außer Kraft gesetzt werden, ohne Widerstand, ohne Protest? Die lauen Stellungnahmen der bekannten Verbände zum Armuts- / Reichtumsbericht der Bundesregierung verdienen die Bezeichnung “Protest” wohl kaum, allenfalls Pflichtübung. Da hat ein “Politikwechsel” statt gefunden von grundsätzlicher Tragweite.
  • Warum gilt es fraglos als abgemacht, dass durch die Energiewende die normalen Endverbraucher massiv belastet werden, wohingegen die Großindustrie von Freistellungen und einem Verfall des Strompreises ebenso massiv profitiert? Wen interessieren noch die CO2-Emissionen, nachdem die Kosten der CO2-Zertifikate, eigentlich als Mittel zur Steuerung und Reduzierung des CO2-Ausstoßes gedacht, gegen Null gehen? Wie kommt es, dass sich die Öffentlichkeit in Politik und Medien zwar über Grillo in Italien aufregen, aber den Nebel über unserer eigenen politischen Wirklichkeit gar nicht mehr wahrzunehmen und aufdecken zu wollen scheinen?
  • Wie kann es sein, dass Gegenwehr von Bürgern in besonders betroffenen Ländern gegen diese als “alternativlos” deklarierte EU-Politik durch Massenproteste, Streiks, der Wahl von Parteien, die wenn schon keine Lösung, so doch wenigstens den deutlichen Protest gegen diese nebulöse Verzerrung der Wirklichkeit zugunsten des Triumphes der Finanzoligarchien (als deren Sachwalter die Rating-Agenturen auftreten*) formulieren wie Grillo, Syriza, – dass diese hilflos im Nebel stochernde Gegenwehr lächerlich gemacht und als “unvernünftig” abgetan wird? Wer definiert hier, was vernünftig ist? Vielleicht doch die Schweizer, die mit ihrer erfolgreichen Volksinitiative gegen die Abzocker (mit einer Rekordzustimmung unter allen jemals durchgeführten Volksinitiativen) zumindest ein deutliches Zeichen gesetzt haben: Bis hierher und nicht weiter?

Ich muss einhalten, die Liste wird zu lang. Wie dicht muss der Nebel von Desinformation, Ahnungslosigkeit und Phantasielosigkeit sein, wenn sich eine Politik immer wieder als “alternativlos” rühmt (und es zwischen Regierung und Opposition nur Unterschiede in den Nuancen gibt), wo  es doch gerade Aufgabe von Parteien und gesellschaftlich engagierten Gruppen sein sollte, Alternativen auszuarbeiten und aufzuzeigen? Alternativlosigkeit ist das Ende, der Bankrott der Politik. Nur Nebelwolken zu verbreiten und sich argumentativ (wenns denn überhaupt Argumente sind) zum verlängerten Arm der Finanzinteressen zu machen, ist der Bankrott der Medien, neue oder alte, völlig egal. Es wird Zeit, Klartext zu reden (aber anders als der unsägliche Steinbrück), die vielen Probleme anzusprechen, zu benennen, um Lösungen zu ringen, zu diskutieren, zu streiten, laut, offen, öffentlich, meinetwegen auch mal schrill, wenn man gehört werden will, den Mächtigen Grenzen aufzuzeigen, wie weit man mit dieser bisherigen Politik mitzugehen bereit ist und wo definitiv Schluss ist. Dieser Punkt, dass mit den einfallslosen, ewig gleichen Wegen und Begründungen Schluss sein muss, ist längst erreicht. Es wird Zeit, dass bei uns in der Öffentlichkeit Bewegung in die Bude kommt. Schon allein deswegen bin ich mittlerweile für “Volksinitiativen” nach Schweizer Muster auf Bundesebene: damit endlich diskutiert und endlich hart gestritten wird. Auch wenn einem das Ergebnis dann manchmal nicht passt.

Hallo! Es ist Wahlkampfzeit! Ran an die Diskussion! Wenn nicht jetzt, wann dann?

UPDATE 11.03.

*) siehe zu den Eigentumsverhältnissen bei den Rating-Agenturen die aktuelle Rezension des Buches von Werner Rügemer “Rating-Agenturen” in der FAZ.

 10. März 2013  Veröffentlicht von am 11:14  Europa, Gesellschaft, Politik Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert
Feb 012013
 

Zufällige Liste der Illusionen unserer Zeit.
(Erstellt aufgrund des Unterschieds von Anspruch und Wirklichkeit. Diese Liste lässt keine Rückschlüsse auf die von mir geteilten Ziele, Werte und Ideale zu. Sie dient einer nüchternen Bilanz dessen, was machbar und was allenfalls wünschbar ist.)

  • Internationale Konflikte sind nur politisch durch Verhandlungen lösbar.
    (was nicht heißt, dass sie nur militärisch mit Gewalt lösbar sind.)
  • Nationale Konflikte in failed states oder Bürgerkriegen sind friedlich lösbar.
    (allenfalls nach einer langen Phase der Erschöpfung.)
  • Die Globalisierung bringt uns alle näher zusammen.
    (Das Gegenteil scheint eher der Fall: die Lust auf Abgrenzung und Regionalisierung.)
  • Religion lässt sich rationalisieren oder demokratisieren, “zähmen”.
    (Vielleicht ‘einhegen’, denn das Irreale, Unbedingte, Unerhörte gehört zum Wesen der Religion.)

 

  • Der Mensch ist grenzenlos erziehbar und bildbar.
    (Epigenetik bedeutet Ausprägung der Genausstattung, nicht ihr Ersatz.)
  • Erziehung ist gewaltfrei.
    (Körperliche Gewalt wird nur durch psychische Gewalt (Druck) ersetzt.)
  • Männer und Frauen sind von Natur aus gleich, Unterschiede sind kulturell ‘anerzogen’ (gender mainstreaming).
    (Die Sexismus-Debatte ist überflüssig und verlogen.)
  • Männer und Frauen “passen” zueinander.
    (Loriot … Das Nicht-Passen macht den Reiz.)

 

  • Gerechtigkeit ist herstellbar.
    (Nie. Denn wer definiert,was “gerecht” ist? Der die Definitionsmacht hat.)
  • Gleichheit ist herstellbar.
    (Nie. Natur und Kultur beruhen auf Ungleichheit.)
  • Chancengleichheit ist machbar.
    (Kaum, klingt nur besser als “Gleichheit”. Schon die Geburt ist ungleich bezüglich Umständen und Chancen.)
  • Soziale Gerechtigkeit ist erreichbar.
    (Nur Knetgummi ist noch wandelbarer.)
  • Frieden und Freiheit sind vorrangige Handlungsziele.
    (Nie. Siehe zu Gerechtigkeit.)
Seifenblase

Seifenblase (Wikipedia)

 

  • Demokratie ist Volksherrschaft.
    (Das stimmte schon in der griechischen Polis nicht. Vielmehr geht es um rechtsstaatliche Verfahren zur Durchsetzung formaler Legitimität.)
  • Direkte Demokratie ist besser.
    (Kann sein, muss aber nicht. Hängt von der Bildung, Sachkunde und Fairness der Beteiligten ab.)
  • Parlamentarische Demokratie ist besser.
    (Kann sein, muss aber nicht. Hängt von der Bildung, Sachkunde und Fairness der Abgeordneten ab.)
  • Die Mehrheit hat immer Recht.
    (Sie bekommt Recht. Das ist etwas anderes, nämlich ein formales oder ein machtpolitisches Urteil.)
  • Der aufgeklärte Bürger ist am Gemeinwesen interessiert.
    (Zu allererst ist der Bürger an seinen eigenen Dingen interessiert.)
  • Solidarität ist ein normal erwartbares Verhalten.
    (Siehe vorige Punkte; spätestens das “Floriansprinzip” ist die Grenze.)

 

  • Diskussionen sind an einem rational begründbaren Ergebnis interessiert.
    (Diskussionen sind habituell an Siegern interessiert.)
  • Die gleiche oder ähnliche Meinung Vieler verbürgt einen Mehrwert an Erkenntnis.
    (“Schwarmintelligenz”. Der Erfolg ist nur scheinbar. Siehe Fliegen-Parabel.)
  • Es gibt Entwicklungen / Entdeckungen / Einrichtungen / Fortschritt ohne Kehrseite.
    (Es gibt nichts ohne Kehrseite. Es ist Verblendung, bestimmte Bereiche auszunehmen.)
  • Die technische Entwicklung ist evolutionär positiv und unumkehrbar.
    (“Technikkultur”; es sind schon ganz andere Kulturen an sich selber erstickt und untergegangen.)

 

  • Wirtschaftliches Wachstum ist grenzenlos zu steigern.
    (Das Glaubensbekenntnis unserer Wirtschaftsweise. In unserer Welt ist nur die Dummheit grenzenlos.)
  • Der Mensch wird immer besser / fortschrittlicher.
    (Das Glaubensbekenntnis der Moderne. Die Ausstattung des Menschen bleibt im Wesentlichen unverändert.)
  • Political correctness ist eine kulturelle Errungenschaft.
    (Das Glaubensbekenntnis der Öffentlichkeit. Es ist viel mehr eine Seuche der Unwahrhaftigkeit und Scheinheiligkeit.)

 

Das Problem dieser Liste ist: aufzuhören.

 1. Februar 2013  Veröffentlicht von am 19:24  Gesellschaft, Kultur Tagged with: ,  3 Antworten »
Jan 262013
 

Im politisch-feuilletonistischen Kontext stößt man heute oft auf die Redeweise von der „Komplexität der Gesellschaft“, der Zunahme „sozialer Ausdifferenzierung“ und des „Bedeutungsverlustes von Sinnsystemen“. Dass unsere moderne Gesellschaft durch ein neuartiges Maß von Komplexität gekennzeichnet ist, gehört zum Allgemeingut, fast schon zum selbstverständlichen Hintergrundwissen, wenn man mit einer Kurzformel direkt oder indirekt unsere heutige Gesellschaft im Gegensatz zu früheren Gesellschaften charakterisieren will. Die Beschreibung der Komplexität wird ergänzt oder präzisiert mit dem Hinweis auf die breite soziale Ausdifferenzierung, die frühere statische Hierarchien bzw. Klassen abgelöst hätten. Übergangsweise (zeitlich wie sachlich) spricht man auch gerne von mehreren in sich noch einmal strukturierten Schichten oder von einer breiter ausgefächerten, zur Nivellierung tendierenden „Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky). Hinzu kommt die Feststellung, dass fest abgegrenzte und allgemein anerkannte Sinn vermittelnde Institutionen an Bedeutung bzw. „Glaubwürdigkeit“ verloren haben („Krise der Institutionen“). Bisweilen wird auch eine zunehmende Entpolitisierung der Gesellschaft diagnostiziert, verbunden mit dem Rückzug ins Private, zu Freizeitvergnügen und Spaß. Damit sind Vorstellungen und Begriffe genannt, wie sie einem in Artikeln, Beiträgen und Diskussionen wie selbstverständlich begegnen. Ich stutze dabei freilich immer öfter.

Woher kommen diese gängigen Zuschreibungen zur Kennzeichnung unserer Gesellschaft? Es handelt sich dabei, wie auch kaum anders zu vermuten, um Popularisierungen bestimmter sozialwissenschaftlicher Theorien und Modelle (vgl. N. Luhmann). Es braucht allerdings schon eine hohe heuristische Qualität, wenn soziologische Theoriebildungen ihren Weg in die Alltagsdiskussion finden sollen, sprich: Diese Theorien müssen recht offenkundig etwas ansonsten Unverstandenes erklären und aufhellen können. Dann haben sie das Zeug, in das Bewusstsein der Allgemeinheit, in politische oder kulturelle Diskussionen einzudringen und sie als festes Hintergrundwissen prägen zu können. Dies ist für sich genommen ganz wertfrei ein normaler Prozess, wie „Weltbilder“ oder „Denkmodelle“ die jeweils erfahrbare Welt verstehen und begreifen helfen. Aber damit erhalten wissenschaftliche Erklärungsmodelle, die an sich immer nur partielle Beschreibungen und vorläufige Deutungen eines Aspekts der Wirklichkeit liefern können, universellen, bisweilen sogar „totalitären“ Charakter und werden zur Ideologie, zur vereinfachenden und verzerrenden, eindimensionalen und polarisierenden Darstellung einer an sich äußerst vielgestaltigen und vielschichtigen Wirklichkeit.

Ich habe den Eindruck, dass zumindest in Teilen der interessierten Öffentlichkeit heute die „Systemtheorie“ die wesentlichen soziologisch relevanten Deutungsmuster und Kategorien zum Verständnis unserer Gesellschaft liefert. Als populäre Derivate kann man jetzt auf die „Komplexität“ der gesellschaftlichen Systeme und auf den Verlust von „Sinnsystemen“ verweisen. Ja, Komplexität wird im Gefolge dieser soziologischen Theorien zum Ausweis einer modernen Gesellschaft überhaupt, die sich in vielfältigen Institutionen und Teil- und Subsystemen strukturiert und entsprechend differenziert kommuniziert. Eine inhaltliche Nähe zu den Strukturen digitaler Netzwerke scheint sich anzubieten, um auf diese Weise Kategorien und Begriffe aus der soziologischen Theorie bzw. der Technikwelt in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu übernehmen oder doch zu übersetzen. Gerade in der Netzdiskussion findet man häufig systemorientierte Interpretamente.

Struktur (Metall)

Struktur (Metall)

Die Komplexität unserer Gesellschaft in funktionalen Systemen gilt als das unterscheidende Merkmal der modernen Gesellschaften gegenüber „traditionellen“, hierarchisch strukturierten und in vertikalen Ständen oder horizontalen Verbänden gegliederten Gesellschaften. Vielleicht sollte man aber besser von einer Zunahme der Dynamisierung gesellschaftlicher Prozesse sprechen, beginnend mit der Industrialisierung – und mit der Allgewalt des Finanzkapitals noch lange nicht endend. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, inwiefern unsere heutigen (westlichen) Gesellschaften apriori komplexer sind und sich aller erst durch Komplexität konstituieren im Vergleich zu anderen (auch früheren) Gesellschaftsformen. Diese Sichtweise erscheint mir als zu eng.

Entsprechendes gilt für den allseits diagnostizierten Verlust von „Sinnsystemen“. Ohne Zweifel hat die Selbstverständlichkeit einiger „Sinn-Agenturen“ wie Kirchen und Gewerkschaften erheblich nachgelassen. Daraus wird man aber kaum einen Verlust an Sinn vermittelnden Instanzen ableiten können, allenfalls eine Verschiebung hin zu anderen Instanzen und Institutionen, denen sich der Einzelne selber verbunden fühlen kann. Der gesellschaftliche Zwang, bestimmten vorgegebenen Sinnagenturen zu folgen (der Kirche, der bürgerlichen Moral, dem Brauchtum), ist geschwunden. An deren Stelle ist die individuelle Suche und Wahl einer Verbindlichkeit getreten, die vielfältige plurale Angebote bereit stellen.

***

Ich möchte einmal einen anderen Blickwinkel vorschlagen: nicht den systemtheoretisch voreingestellten Blick ‘von oben’, sondern den Blick ausgehend vom Einzelnen, wie er sich in seiner Welt sieht. Der Einzelne steht stets in Beziehungen zu anderen, mit denen er interagiert. Die anderen sind für ihn jeweils Vermittlungsstellen („Knoten“) seines Weltbezuges, die ihrerseits wiederum mit weiteren verbunden sind. Entweder sind das fremde oder ihm ebenfalls bekannte Individuen / „Knoten“. Die Beziehungen sind sehr unterschiedlich strukturiert und regelgeleitet: Die Beziehung zum Partner ist eine andere als die Beziehung zum Chef; die Beziehungen in der Familie sind anders als die am Arbeitsplatz, die im Sportverein wieder anders als die in der Nachbarschaft usw. Dies lässt sich gut im Bild eines Netzwerks beschreiben, wobei die meisten Verbindungen reziprok sind. Von der Valenz her, also der Qualität nach sind sie aber jede für sich unterschiedlich gewichtet und unterliegen sehr unterschiedlichen Regeln und Normen. Zudem sind einige Beziehungen vorgegeben (Eltern-Kinder), andere selbst gewählt und präferiert, einige dauerhaft (Kind der Eltern; bester Freund), andere eher lösbar oder gar nur auf Zeit angelegt (Arbeitsverhältnis). Dies wäre noch weiter auszuführen und differenzierter zu bestimmen, ich belasse es bei dieser Skizze. Entscheidend ist, dass sich die Weltsicht für den Einzelnen praktisch aus seinen Beziehungen ergibt und sich zugleich in seinen Beziehungen spiegelt. Das alte Sprichwort „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist“ beschreibt einen Aspekt dieses Wechselverhältnisses von Leben-in-Beziehungen und Ich-Konstitution. Oder noch anders: Der Mensch als soziales Wesen konstituiert sich auch als Individuum nur in und durch Beziehungen zu anderen. Das durch andere vorgängig vermittelte Wissen und Leben-in-Beziehung schließt dem Menschenkind aller erst seine Welt auf.

Fragen wir also danach, wie sich die Wirklichkeit im Leben des Einzelnen zeigt, so geht es nicht um objektiv ermittelte Strukturen, also auch nicht um ein von außen oder ‘oben’ auferlegtes Raster, sondern um das, was sich konkret in lebendiger Vielfalt als Welt-in-Beziehung zeigt. Das, was sich da zeigt (Welt-in-Beziehung), kann nun als verständlich, übersichtlich und vertraut erfahren und gedeutet werden oder als unübersichtlich und verwirrend. Meist sind beide Komponenten gegeben, das Vertraute-Klare und das Unvertraute-Unsichere in jeweils unterschiedlichen ‘Mischungsverhältnissen’. Beständige Beziehungen werden eher dem Feld des Eindeutigen und Vertrauten und darum Sicherheit Gewährenden zuzuordnen sein, kurzfristige, instabile Beziehungen eher dem Bereich des Unklaren, Unsicheren. Je mehr sich das Leben des Einzelnen in solchen Beziehungen wieder findet, die Verständlichkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit geben, desto verständlicher, einfacher und gewisser wird ihm seine Welt erscheinen, und umgekehrt: Je unsicherer die Beziehungen, desto unübersichtlicher und unverständlicher wird ihm seine Welt.

Wir können nun heute feststellen, dass sich gerade in den Beziehungen des einzelnen Menschen innerhalb seines Lebens erhebliche Veränderungen abspielen, die eine Folge der Dynamik der gesellschaftlichen Anpassungen und der wirtschaftlichen Veränderungen sind. Bestimmte Erwartungen ‘sicherer’ Beziehungen etwa durch eine lebenslange Partnerschaft, ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis, eine Verwurzelung an einem bestimmten Wohnort (Heimat) weichen immer öfter flexiblen Lebensverhältnissen mit einem „Lebensabschnittspartner“, einer befristeten Arbeitsstelle und einem nur zeitweisen Wohnort. Dies nur als markante, gut belegte Beispiele. Aus der Sicht des Einzelnen ist seine Welt also nicht „komplexer“, sondern schlicht unübersichtlicher und unsicherer geworden. Selbst wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse („Systeme“) auf relativ einfachen Strukturen und Mechanismen beruhten – und ich glaube, dies ist tatsächlich der Fall – , wäre die Gesellschaft doch aus der Sicht und auf Grund der Erfahrung des Einzelnen ‘kompliziert’ im umgangssprachlichen Sinne, weil sie sich in seinen Beziehungen als unübersichtlich und unsicher darstellt, zum Teil auch deswegen, weil ökonomisch-politische Abläufe und Zwänge sowohl unverstanden als auch an sich unverständlich sind.

Es ist also die Unübersichtlichkeit und Unsicherheit, die dem Einzelnen in seiner Welterfahrung widerfährt. Dies ist als solches kein neues Phänomen, jede Epoche (zumal bei Jahrtausendwenden!) hatte ihre Krisen und Unübersichtlichkeiten und dementsprechend ihre „Neurosen“ beim Einzelnen wie in der Gesellschaft. Heute allerdings ist die Dynamisierung der Lebens- und Wirtschaftsvollzüge derart angewachsen (manche nennen es ‘beschleunigt’), dass die Weltsicht fast zwangsläufig fragwürdig, unübersichtlich und diffus wird. Was gilt noch? Was gibt Sicherheit? Wo finde ich Bestätigung? Wo Geborgenheit? Welchen Sinn macht es / alles? Sowohl die Irritationen in den menschlichen Interaktionen als auch die fast zwanghafte Suche nach Stabilisierung und persönlicher Vergewisserung (-> Neurotisierung) erklären sich durch diese veränderten Beziehungsverhältnisse. Mal sehr platt formuliert ist es die Frage, ob der geeignete Mensch für diese Dynamik globaler Veränderungen überhaupt schon geboren ist.

Wir sind von den Schlagworten wachsender Komplexität und sinkender Sinnvermittlung ausgegangen. Statt objektiv von wachsender Komplexität schlage ich darum vor, lieber subjektiv von einer faktischen Unübersichtlichkeit zu sprechen, die unsere Epoche kennzeichnet. Die Kategorien „komplexer Systeme“ verführen zu einer theoretischen Eindeutigkeit, die es so praktisch nicht gibt. Wir sind auf der Suche, unsere Welt zu verstehen, jeder für sich und „in Beziehung“. Nur in und durch seine wirklichen Lebensvollzüge in konkreten Lebensbeziehungen kann der Einzelne seine Welt bewältigen und begreifen. Die Suche nach Sinn spiegelt nur die Suche nach stabilen Beziehungen in den eigenen Weltverhältnissen wider. Die Gesellschaft als Ganzes ist ‘mehr’, vor allem anders als die Summe ihrer Individuen. Und doch macht erst der seiner selbst bewusste und gewisse Einzelne in seinen konkreten Beziehungen und den ihnen eigenen Normen und Strukturen den Kern unserer Gesellschaft aus. Ihre Dynamik hängt letztlich auch von ihm ab. Insofern ist es zutreffender, von „Individualität-in-Beziehung“ als Kennzeichen unserer Moderne zu sprechen.

[27.01.: Gekürzt. Die Langfassung findet sich hier.]

 26. Januar 2013  Veröffentlicht von am 18:46  Gesellschaft, Individuum, Moderne Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert