Jan 062013
 

Es ist erstaunlich, wie langsam sich Dinge ändern. Schaut man in die Geschichte, dann findet man rasche Änderungen nur durch den Einsatz massiver Gewalt, im Krieg oder bei Umstürzen der Herrschaft (Revolution, Staatsstreich). Auch dann ist jeweils zu fragen, wie weit es dadurch wirklich zu einer nachhaltigen Veränderung konkreter Verhältnisse durch die Änderung der Herrschaftsverhältnisse gekommen ist oder ob es nur einen Wechsel der herrschenden Elite gegeben hat, sich also gewissermaßen nur das Etikett geändert hat.

Noch wissen wir zum Beispiel nicht, ob der Machtwechsel in Ägypten zu nachhaltig veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen führen wird oder ob sich dort eine neue Elite unter islamistischem Vorzeichen etabliert. Natürlich kann auch ein solcher Wechsel der Eliten weitere Änderungen nach sich ziehen, zumal wenn die herrschende Ideologie sich ändert. Entscheidend für die Beurteilung einer umfassenden Veränderung wird dann sein, ob und wie weit der Herrschaftswechsel zu einer Änderung gesellschaftlicher, sozialer und ökonomischer Beziehungen führt. Doch auch dies braucht wiederum viel Zeit.

Anderes Beispiel. Die “Novemberrevolution” in Deutschland 1918/19 hat zwar zu einem dramatischen Herrschaftswechsel geführt, aber die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in der Weimarer Zeit waren weitaus geringer, als es das Ende des Kaiserreiches vermuten ließe. Andererseits gab es 1945 zwar einen durch den Kriegsverlauf (= totale Niederlage Nazi-Deutschlands) verursachten Wechsel im Herrschaftssystem (Konstituierung einer föderalen Demokratie), aber die daraufhin folgenden sozialen, wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Veränderungen waren viel gravierender und nachhaltiger als während der Weimarer Republik. Allerdings, und damit zeigt auch dieses Beispiel, die dauerhaften Veränderungen brauchten wiederum Zeit, viel Zeit, ehe man den Umbruch im staatlichen und gesellschaftlichen System der Bundesrepublik Deutschland richtig absehen und beurteilen konnte. Im Grunde  erstreckte sich dieser Zeitraum fast auf das gesamte Bestehen der “alten” Bundesrepublik, denn die sechziger, siebziger und achtziger Jahre brachten jeweils eigene Impulse und Akzente, die zu einer gesellschaftlichen Transformation und erst nach und nach zu einer gefestigten neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland geführt haben.

Weit reichende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, in Ökonomie und Kultur, erst recht in Sitte und Moral erfordern viel größere Zeitspannen als nur ein paar Jahre oder gar ein bestimmtes, heraus ragendes Datum. Solche Daten werden meist im Nachhinein mit der ihnen eigentümlichen Symbolkraft versehen aufgrund der Art und Weise, wie man die betreffende Geschichte jeweils ‘erzählt’ und welchen Anfangspunkt man setzt. “Zeitdiagnosen”, die in immer schnellerer Folge Umbrüche zu konstatieren vorgeben, verraten meist mehr über die Brille des jeweiligen Autors als über das wirkliche Zeitgeschehen. Jürgen Kaube hat dazu in der FAZ gerade einen schönen Essay geschrieben.

Menschen

Menschen – Vancouver

Alles braucht seine Zeit, insbesondere die Veränderung von Mentalitäten. Da geht der Wandel zwar stetig vonstatten, aber im Schneckentempo. Es braucht für eine solche Veränderung in den Einstellungen (zur Arbeit, zur Freizeit, zur Umwelt, zur Familie, usw. – zum Leben insgesamt) meist mehrere Generationen. Erste Anzeichen von solchen Veränderungen sind erst in der nächst folgenden Generation erkennbar. Bis sich neue Einstellungen und ein neues Verhalten durchgesetzt hat, braucht es dennoch mehr als eine Generation. Erst die Enkelkinder wachsen in einer wirklich “anderen” Welt auf als ihre Großeltern. Dazwischen stehen die Eltern gewissermaßen als Bindeglied. Sie garantieren die Kontinuität in der Abfolge der Generationen, verknüpfen allein durch ihr Dasein die “alten” Verhältnisse der Großelternzeit mit den “neuen” Einstellungen und Verhalten der Enkelzeit. Da auch Eltern ihrerseits einmal Enkel waren und demnächst Großeltern sein werden, entsteht eine unablässige Folge von Stetigkeit, von Kontinuität und Beharrung. Nur so wird offenbar der ebenso fort währende Wandel (nichts ist bekanntlich gewisser als derselbe) ‘lebbar’, erträglich und in das alltägliche Leben hinein integriert.

Es ist darum müßig darüber zu streiten, ob es in einer bestimmten Zeit, beispielsweise jetzt in der Gegenwart, mehr Wandel oder mehr Kontinuität gäbe. Es gibt immer beides ineinander verwoben. Dann mag es schon einmal in bestimmten Bereichen gewisse “Schübe” der Veränderung geben (z.B. der Umgang mit Sexualität nach Einführung der Pille), die aber ebenso durch beharrende Einstellungen in bestimmtem Maße ‘neutralisiert’ werden: Bei Umfragen zu den Wertvorstellungen der jüngeren Erwachsenen hat “Treue” fast immer einen Spitzenwert. Noch einmal: Anders wäre es kaum lebbar. Denn das am stärksten beharrende Element in der Entwicklung einer Gesellschaft ist trotz aller ‘Globalisierung’ der einzelne Mensch selbst, wie er an einem konkreten, einzelnen Ort lebt und arbeitet. Bei aller Bereitschaft, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen, zu neuen Ufern aufzubrechen, die Realität zum Beispiel durch Technik umzugestalten, die Erfahrung auf Netzwelten auszudehnen, will der Einzelne immer wieder Vergewisserung im Vertrauten. Dieser Konservativismus (im wörtlichen Sinne) ist stets die Kehrseite der Bereitschaft zur Veränderung. Darum kann der engagierteste ‘Netizen’ oder Computertechniker gleichzeitig von einem idyllischen Leben auf dem Lande schwärmen. Das ist eben kein Gegensatz, das sind zwei Seiten einer Medaille. Nur die Langsamkeit ändert die Geschichte nachhaltig.

Ich finde das als älter werdender Mensch eigentlich sehr gut so, in gewisser Weise tröstlich.

 6. Januar 2013  Veröffentlicht von am 12:03  Geschichte, Gesellschaft, Individuum Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Jan 012013
 

Die aktuelle Titelgeschichte des SPIEGEL (Nr. 1/2013) “Männerdämmerung – Vom Niedergang des Mannes” (in Anlehnung an Hanna Rosin) ist gut geschrieben. Zwar ist der Titel selber und auch der Teaser etwas reißerisch formuliert, aber das gehört sich ja beim Spiegel so. Die Geschichte selber ist sehr viel besser und bedenkenswert. Statt also gleich darüber zu ätzen, hier werde im “Weihnachtsloch” nur ein neumodisches Klischee bedient, das man inzwischen in allen Gazetten lesen könne (Twitter, G+), sollte man vielleicht genauer in die Titelstory hinein schauen.

An US-amerikanischen Beispielen und Untersuchungen wird gezeigt, wo und inwiefern dort in einzelnen Regionen Frauen anpassungsfähiger sind und wirtschaftliche Umbrüche schneller realisieren und darauf reagieren. Männer halten eher am gewohnten Berufsbild fest, zeigen sich als weniger flexibel. Dies wird am Beispiel beschrieben und Daten aus Untersuchungen belegt. Hinzu kommt, was auch hierzulande Bildungsstudien offenbaren: Mädchen gehören eher zur leistungsmäßigen Spitzengruppe als Jungen, sie lesen und rechnen besser und kommen auf der Bildungsleiter schneller hinauf. In den USA bilden Frauen deutlich mehr als die Hälfte, nämlich 60%,  der Studierenden. Auch bei uns ist in den letzten Jahrzehnten der Frauenanteil an den Studierenden erheblich gewachsen auf nahe 50%, wenngleich ihr Anteil an den Professorenstellen noch stark unterrepräsentiert ist (siehe Übersicht). Der Spiegel fragt dann aber zu Recht: Wie kommt es, dass man in den USA diese Entwicklung auch in den Chefetagen wieder finden kann, dass auch Top-Konzerne dort immer öfter von Frauen geführt werden, dass dies bei uns aber schon ab der oberen Führungsebene der großen Firmen praktisch kaum vorkommt?

Diese Zahlen bestätigen: Deutschland ist auch im 21. Jahrhundert noch ein Land, das auf das Modell des männlichen Familienernährers ausgerichtet ist. Denn stärker als in den meisten anderen Industrienationen wird dieses Modell von den herrschenden Normen unterstützt: Mit enormen Steuersubventionen zementiert der deutsche Staat die traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter; Krankenkassen versichern Ehefrauen, die den Haushalt besorgen, kostenlos mit; das System der Halbtagsschulen setzt voraus, dass sich die Mütter nachmittags um ihre Kinder kümmern können: und auch vom Versprechen, flächendeckend Kita-Plätze anzubieten, ist die Wirklichkeit fast überall noch weit entfernt.

Besonders in den westlichen Bundesländern ist das traditionelle Familienbild vom männlichen Ernährer und der “zuverdienenden” Ehefrau geprägt, wobei letztere im Falle der Geburt von Kindern ihre Hauptaufgabe als Vollzeit-Mutter findet. Nur in den Bundesländern der ehemaligen DDR ist das Rollenverhältnis stärker aufgebrochen und die Berufstätigkeit der Frau bei gleichzeitig gutem Krippen- und Tagesstättenangebot eher der Normalfall. Aber auch im Westen holen, so die zentrale These des Spiegel, die Frauen auf:

Jenen 80 Prozent der Frauen, die eine Karriere möchten, stünden nur 40 Prozent der Männer gegenüber, die sich vorstellen können, das zu unterstützen. „Man kann es nicht anders sagen”, so [Klaus] Hurrelmann, „das passt nicht zusammen.” Der Forscher erwartet, dass viele Frauen nicht länger bereit sein werden, sich durch dieses Missverhältnis stoppen zu lassen. „Die sagen: Ich habe so viel in Beruf und Karriere investiert, das gebe ich jetzt nicht preis”, sagt Hurrelmann. „Die marschieren durch. Egal ob sie den Mann dazu finden oder nicht.”

Das erklärt zum Teil die niedrige Geburtenrate in Deutschland, aber nur zum Teil, denn auch in den östlichen Bundesländern liegt die Geburtenrate trotz etwas anderem Rollenverständnis nicht höher als im Westen. Dass auf die starke Fixierung der Deutschen, speziell der deutschen Männer, auf das traditionelle Familienbild des Haupternährers und der beruflichen Zweitrangigkeit der Frauen erst im Zusammenhang der demografischen Entwicklung hingewiesen wird, ist für sich schon bemerkenswert. Der Sachverhalt hätte aber auch unabhängig von der Geburtenrate aufmerksame Beachtung verdient. Umso besser, dass der Spiegel in einer seiner “Feiertagsausgaben” auf diese Probleme unseres sehr deutschen struktur-konservativen Familienbildes und eines traditionalistisch zu  nennenden Rollenverständnisses der Geschlechter hinweist. Da gibt es viel zu tun.

Hier wären Erklärungsmodelle gefragt als Voraussetzung für bessere Lösungsvorschläge. Der Hinweis auf die bislang stärker als in den USA industriell geprägte Wirtschaftsstruktur in unserem Land kann dafür wohl kaum herhalten. Mit diesem stark ideologisch durchsetzten Familienbild stehen wir auch innerhalb Europas ziemlich einzigartig da. Ich würde manche Gründe dafür eher in dem starken Einfluss der Kirchen in Deutschland hinsichtlich des Rollenverhaltens der Geschlechter und der Familienpolitik vermuten. Hier zeigt sich ein Mentalitätsgefälle, das mit dominanter Kirchlichkeit korrespondiert. Dass gerade im am stärksten katholisch geprägten Bundesland Bayern dessen “Staatspartei” CSU nachdrücklich das Betreuungsgeld (“Herdprämie”) gefordert hat, ist wohl kein Zufall. Genauere Untersuchungen dazu und belegbare Gründe dafür wären mir freilich lieber.

Es wird jedenfalls deutlich, dass wir im Blick auf das Rollenverständnis von Mann und Frau in Partnerschaft und Familie einen erheblichen Änderungsbedarf haben, und zwar nicht allein wegen der niedrigen Geburtenrate, sondern um der Chancengerechtigkeit von Männern und Frauen in Bildung, Beruf und Familie – und um der Kinder willen. Solange ein Kind bei uns fast zwangsläufig als Belastung und Risiko, als Verhinderung von Aufstieg und Karriere gesehen wird und samt Haushalt allein der Domäne der “Frau und Mutter” zugewiesen wird, kommen weder Eltern noch Kinder zu ihrem Recht. Dass es anders geht, zeigt nicht zuletzt unser Nachbar Frankreich. Es ist daher durchaus zu hoffen, dass gut ausgebildete und selbstbewusste Frauen “durch marschieren” und so ihr Rollenverständnis ändern. Sie zwingen dadurch auch die Männer dazu, an ihrem Rollenverhalten und Rollenverständnis zu arbeiten, um es, – um sich zu ändern. Wenn man den Spiegelartikel “Männerdämmerung” dafür als Aufhänger nimmt, kann er als ein guter Anstoß gesehen werden. Noch viel mehr ist allerdings vonnöten.

Frauen und Computer

Frauen und Computer: Google Bildsuche

Vielleicht ist manches, vieles (?) bei den Diskussionen in der Netz-Szene ja deswegen so verbohrt, so technizistisch einseitig und ideologisch aufgeladen (vgl. meinen vorher gehenden Blogbeitrag “Déjà vu ’68“), weil es der letzte nahezu unbestrittene Rückzugsraum der deutschen Männer ist. Dass die Piraten-Partei von männlichen Aktivisten dominiert wird (ehemals Marina Weisband als Ausnahme) und eine überwiegend männliche Mitgliedschaft hat, ist oft fest gestellt worden. Schaut man sich Bilder und Mitschnitte vom derzeit in Hamburg tagenden Kongress 29C3 des Chaos Computer Clubs an, so sind dort ebenfalls kaum Frauen zu sehen, aber, so habe ich irgendwo gelesen, immerhin schon mehr als die Jahre zuvor. Das ist bei dem Anstieg der Teilnehmerzahlen auch sehr erfreulich, ändert aber noch nichts am “männlichen” Gesamtbild. Internet, Nerds, Hacker, Netzaktivisten sind eo ipso männlich, auch hier mit der Ausnahme der medialen Präsenz von Constanze Kurz. Hier wäre deutlich mehr Engagement von Frauen wünschenswert, die ja auch zunehmend Informatik-Studiengänge wählen. Mögen zwar bisher die meisten Blogger Bloggerinnen sein, so sind bei den ureigensten Netzthemen doch nahezu ausschließlich männliche Blogger präsent. Ich sage mal platt: Wie die Thematik verhandelt wird, ist auch danach.

Aber seit selbst in der allerheiligsten Männerdomäne, dem Fußball, die Frauen auch in der Öffentlichkeit an sportlicher Aufmerksamkeit und gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen haben, so dass Frauenfußball ganz allmählich auch im TV etwas mehr Raum bekommt (hoffentlich nicht zur Frauen-E/WM), besteht Hoffnung. Ich würde mir fürs neue Jahr wünschen, dass auch in der Netzdiskussion, in der “Netzgemeinde”, in politischen Aktionen der Netzaktivisten sich endlich mehr Frauen einbringen und artikulieren. Thematik und Stil der Diskussionen dürften sich dann ändern, und die verbohrten Kindereien männlichen Imponier-Gehabes hoffentlich auch. Dann könnte vielleicht auch hier gelten, was der Spiegel in seiner Titelgeschichte so zusammen fasst:

Aufgescheuchte Manager suchen Hilfe bei Fachleuten. „Männer kommen zu uns und sagen, sie brauchten mehr sogenannte weibliche Tugenden”, berichtet der Führungskräfte-Trainer Bernhard Zimmermann, „Sozialkompetenz, Kommunikationsgabe, Empathie.” Vielleicht gäbe es für manchen dieser Männer einen anderen Weg, dieses Ziel zu erreichen: eine neue Form der Partnerschaft, die, ganz nebenbei, womöglich hilft, ein erfülltes Leben zu führen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein gutes neues Jahr!

NACHTRAG am 5. Januar:

Ich habe den erhellenden Beitrag von Vera Bunse über Frauen& Blogs zu spät gesehen – die Netzlandschaft verändert sich schon mehr als gedacht, was “Frauen im Netz” betrifft.

 1. Januar 2013  Veröffentlicht von am 11:13  Gender, Gesellschaft Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 072012
 

In den letzten Jahren liest man im Blick auf das “alte” Europa viel vom Niedergang des Christentums im Allgemeinen und der Kirchen im Besonderen. Desinteresse und Skandale, ein verändertes Lebensgefühl und gewandelte Wertvorstellungen haben zu einem drastischen Schrumpfen der großen christlichen Kirchen beigetragen. Engagierte Mitglieder und Funktionäre der Kirchen merken das alljährlich deutlich an den schrumpfenden Budgets und der sinkenden Personaldecke. Deutschland – ein christliches Land? Diese Aussage scheint der Vergangenheit anzugehören. Nur noch 62% aller Bundesbürger gehören einer christlichen Konfession an, 59% einer der beiden großen Kirchen (katholisch bzw. evangelisch). [Hier und im Folgenden beziehe ich mich auf die bei Wikipedia zusammen gestellten Zahlen, Aktuelleres findet man unter dem Stichwort Statistik auf den Webseiten der Deutschen Bischofskonferenz, der EKD sowie des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes REMID.] In den östlichen Bundesländern im Bereich der ehemaligen DDR sind es gar nur noch um die 20%, Ausnahme Thüringen mir etwas über 30% Kirchenmitgliedern. Da alle übrigen Religionsgemeinschaften kaum 7% der Bevölkerung erreichen (davon allein 4 Mio. = 5% Muslime), sind inzwischen rund ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands “konfessionslos”. Die weiterhin sinkenden Mitgliederzahlen der Großkirchen, schubweise durch Skandale und kontinuierlich durch die demographische Entwicklung verursacht, scheinen den Trend der Entkirchlichung oder gar der Entchristlichung des Kontinents Europa unumkehrbar zu machen. Deutschland, das Land der Reformation, wird zum christlich-kirchlichen Problemfall, sogar zum Sonderfall, denn weltweit sieht die Bilanz der christlichen Konfessionen ganz anders aus, nämlich zahlenmäßig positiv wie in Nord- und Südamerika sowie in Asien. Da passt es denn, dass hierzulande alljährlich darüber geklagt wird, wie sinnentleert und “unchristlich” doch das Weihnachtsfest als reines “Konsumfest” geworden sei.

Man kann diese Zahlen und Fakten aber auch ganz anders sehen.

Die Katholische Kirche und die Evangelischen Kirchen haben derzeit jeweils rund 24 Millionen Mitglieder, das sind 59% der Bevölkerung. Weitere christliche Kirchen und Gemeinschaften machen ca. 2 Millionen aus, so dass man auf knapp 62% Mitglieder christlicher Kirchen und Gemeinschaften in Deutschland kommt. Regional ist das natürlich recht verschieden (Bayern: 76% Kirchenmitglieder, Sachsen-Anhalt 18% Kirchenmitglieder). Aber schauen wir einmal nur auf die Gesamtzahl in Deutschland. Mit jeweils 24 Millionen = zusammen 48 Millionen Mitgliedern sind die beiden traditionellen Kirchen die mit Abstand größten gesellschaftlichen Organisationen überhaupt. Die nächst größere Organisation dürfte der Deutsche Sportbund sein, der 27 Millionen Mitglieder vertritt (Wikipedia). Danach kommt der  ADAC mit über 18 Millionen Mitgliedern (Wikipedia). Dann kommt wieder lange gar nichts, und danach folgen die Gewerkschaften, die 6,2 Millionen Mitglieder (DGB) repräsentieren. Und noch einmal mit deutlichem Abstand folgen die politischen Parteien, die insgesamt ca. 1,2 Millionen Mitglieder vertreten. Das zeigt überdeutlich: Die christlichen Kirchen mit ihrem hohen Organisationsgrad haben in unserer Gesellschaft die mit großem Abstand meisten Mitglieder. Sie sind zudem der zweitgrößte Arbeitgeber nach dem Öffentlichen Dienst mit 1,3 Millionen Beschäftigten bei Kirchen und ihren Wohlfahrtsverbänden (Caritas, Diakonie). Insofern ist es keineswegs übertrieben zu sagen, dass die christlichen Kirchen in Deutschland mit Abstand die zahlenmäßig größten und gesellschaftlich bedeutendsten Organisationen sind. “Unchristliches” Deutschland?

Christentum

Christentum (Wikipedia)

Man mag einwenden, dass hier Äpfel und Birnen verglichen werden, dass die bloßen Zahlen wenig über die tatsächliche Bedeutung und gesellschaftliche Relevanz aussagen. Der Einwand ist nur zum Teil berechtigt, denn natürlich bewegen sich Kirchen, Sportler, Gewerkschaften und Parteien in recht verschiedenen Feldern der Gesellschaft. Zudem mag man erklären, dass die Parteien laut Grundgesetz an der “politischen Willensbildung” mitzuwirken haben und damit in gewisser Weise dem Gemeinwohl verpflichtet sind; das versuchen sie zumindest in ihrer Programmatik abzubilden. Doch Sportvereine sind ja nicht in erster Linie Produzenten von Leistungssport, sondern Aktionsfeld des Breitensports, der Freizeitgestaltung, der Gesundheitsvorsorge, der Geselligkeit und Freundschaften. All dies gehört wohl auch zum “Gemeinwohl”. Selbst eine Interessenvertretung wie der ADAC mit seiner enormen Mitgliederzahl repräsentiert eine große Gruppe in der Bevölkerung, für die autofahrende Mobilität beruflich und privat wichtig ist – und wer wollte bestreiten, dass Verkehr und Mobilität gesellschaftlich “relevante” Aufgabenbereiche sind? Ähnliches gilt ja für die Gewerkschaften, die zwar auch “nur” Partikularinteressen vertreten, aber eben die der in ihnen organisierten Arbeitnehmer, deren Interessen sich mit der noch viel größeren Zahl der Nichtorganisierten zumindest überschneiden. Die “Tarifautonomie” gehört unbestritten zu den Errungenschaften unserer freiheitlichen Demokratie, ergo gesellschaftlich relevant und insgesamt ebenfalls im Interesse des Gemeinwohls.

Und die Kirchen? Abgesehen davon, dass sie in den vielfältigen Aufgabenbereichen der sozialen Dienste in Caritas und Diakonie wichtige gesellschaftliche Funktionen wahrnehmen, dass sie im Bereich von Erziehung und Bildung insbesondere bei Kindergärten / Kindertagesstätten, aber auch im Bereich von Schulen und Hochschulen engagiert sind, scheinen sie zudem immerhin die religiösen Bedürfnisse des größten Teiles der Bevölkerung erfolgreich zu befriedigen – “erfolgreich” im Blick auf die Zahlen. Platt gesagt: Wenns nicht “erfolgreich” wäre und also keine Nachfrage befriedigte, würden noch mehr Menschen austreten. Tun sie nicht, also in diesem Sinne “erfolgreich” oder “positiv”. Alles Nörgeln und Kritisieren der angeblichen Rückständigkeit und Traditionsverhaftung der Kirchen führt nicht an der Erkenntnis vorbei, dass die Großkirchen nach wie vor eine gesellschaftliche Macht erster Ordnung darstellen. Sie klein oder schlecht zu reden offenbart nur einen erheblichen Mangel an Wahrnehmung und / oder in der Einschätzung der mit Zahlen belegten Fakten. Ich wende mich damit keineswegs gegen mögliche und nötige Kritik, im Gegenteil. Sie sollte aber fundiert sein und die nach wie vor gültige gesellschaftliche Kraft und Bedeutung der christlichen Kirchen und damit des Christentums bei uns sachgemäß einschätzen. Der Abgesang kommt jedenfalls zu früh.

Ein kleines Gedankenspiel zum Schluss: Was würde diese Erkenntnis der Relevanz der aufgeführten gesellschaftlichen Gruppen beispielsweise für die Besetzung der Rundfunkräte bedeuten? Derzeit sollen die politischen Vertreter verringert, aber die parteiangehörigen Vertreter beibehalten werden, dabei haben die Vertreter politischer Gremien wenigstens eine gesellschaftliche Legitimation, die Parteienvertreter dagegen kaum. Eigentlich müssten dort, wenn es nur um die größenmäßige gesellschaftliche Relevanz von Gruppen geht, viel mehr Vertreter von Kirchen, Sport und ADAC sitzen… Das ist gesellschaftlich aus gutem Grund so nicht gewollt. Das Beispiel soll nur zeigen, welche Relevanz gesellschaftliche Organisationen haben könnten, wenn wir auf ihre zahlenmäßig belegte Bedeutung schauen. Und es zeigt: Unsere Wahrnehmung ist da bisweilen etwas verzerrt, quantitativ unterbelichtet gewissermaßen.

 7. Dezember 2012  Veröffentlicht von am 13:51  Gesellschaft, Kirchen, Religion Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 022012
 

Man ist immer wieder erstaunt, wenn man Einzelheiten über das “Familienleben” bekannter historischer Größen, also Herrscher, erfährt. Ich beschränke mich dabei auf “christliche” Herrschergestalten, weil das Christentum die vielleicht rigideste Form sexueller Zähmung im Programm hat im Vergleich zum Judentum und Islam. Andere nichteuropäische Kulturen blende ich hier einmal aus. Die Ehe, zumal die Ein-Ehe, ist wahrhaftig nicht ‘vom Himmel gefallen’. Sie ist Ergebnis einer kulturellen Entwicklung in sozialgeschichtlich sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Aber zunächst einmal der Blick auf zwei historische Beispiele.

Karl der Große (*748 – †814), dieser allerchristlichste Kaiser und Schützer der Kirche, der sich unter anderem mit seiner (blutigen) Sachsenmission einen Namen gemacht hat, hatte vier oder fünf “legitime” eheliche Verbindungen nacheinander, jeweils nach dem Tod der Ehefrau im Kindbett, und parallel dazu eine unbekannte Zahl von Konkubinen, also ‘Nebenfrauen’ oder Geliebten. Die meisten waren den jeweiligen Ehefrauen und am Hofe bekannt. Seine letzte öffentlich bekannte “Königin” Liutgard wird nirgendwo als “Gattin” (uxor, coniux) bezeichnet; sie war wohl eher eine anerkannte Lebensgefährtin. Man weiß von 18 Kindern Karls, davon 11 ehelichen und darunter drei “legitimen” Söhnen (ein vierter starb innerhalb seines ersten Jahres), die für die Nachfolge in Frage kamen. Karl liebte besonders seine älteren Töchter, mit denen er engen Umgang pflegte, es wird sogar ein sexueller Kontakt vermutet (Janet Nelson, zum Ganzen siehe Wilfried Hartmann, Karl der Große, 2010, und Wikipedia). Jedenfalls war Karls “Frauenwirtschaft” am Hofe seiner Zeit berühmt – berüchtigt, sein Nachfolger Ludwig räumte damit als allererstes auf.

Friedrich II. (*1194-†1250), staufischer Kaiser des HRR, der in der Kutte eines christlichen Mönches starb, hatte nacheinander vier Ehefrauen und zahlreiche Konkubinen, bekannt sind acht als Mütter seiner Kinder. Insgesamt kam Friedrich so auf 15 Kinder, davon vier “legitime” Söhne für die eventuelle Nachfolge. Friedrich lag zwar ständig mit dem römischen Papst im Clinch, wurde auch mehrfach gebannt, aber keineswegs wegen seines Lebenswandels, sondern weil er im Kirchenstaat einmarschierte bzw. einen versprochenen Kreuzzug nicht (rechtzeitig) begann. Die zahlreichen ‘”Verbindungen” und Kinder haben übrigens beiden Kaisern nicht viel genützt: Die Regentschaft ging jeweils in den nächst folgenden Generationen verloren.

Nun sind die Reichen und Mächtigen zu keiner Zeit repräsentativ für das “normale” Leben, schließlich konnten nur sie sich so viele Frauen und Kinder leisten. Aber immerhin zeigt ihr Verhalten, was gesellschaftlich möglich war, und das unter dem Regime einer kirchlichen Morallehre, die hinsichtlich des Sexuellen immer restriktiver und ablehnender wurde. Paulus und Augustinus sind hier die geschichtswirksamen “Vorbilder” für die Leibfeindlichkeit des Christentums. Paulus konnte die Einehe gerade noch zur Not zulassen “wegen der Natur”. Das Sexuelle war für die kirchliche Theologie überwiegend Teufelswerk, das bekämpft und zumindest gezähmt werden musste – wie wir wissen mit sehr gemischtem Erfolg.

Eheringe

Die Ringe

Nun gehört die Bändigung und soziale Integration der Kraft des Sexuellen zur Aufgabe und Leistung jeder uns bekannten Kultur. Zu sehr sind Begierde, Neid und Eifersucht als sozial zerstörerische Kräfte genugsam bekannt. Nur sind die Formen der sozialen Verträglichkeit des Sexuellen sehr verschieden: Es gibt die zeitlich parallelen Ehen (Vielehe), die zeitlich sukzessiven Ehen (nach Scheidung oder Tod), die offiziellen und / oder inoffiziellen Konkubinate (‘Beischläferinnen’, ‘Gespielinnen’), hinzu kommen die uralten Formen der “käuflichen” Liebe (‘Dirnen’ und ‘Lustknaben’). Übrigens wurden auch die “Lustknaben” von Männern gebraucht; nur Frauen in einflussreicheren Stellungen konnten es sich zu Zeiten leisten, ihrerseits “Jungs” zu engagieren (“Gigolos”).

Das Problem des gesellschaftlichen Umgangs mit der Sexualität (und damit der Moral) waren zu allen Zeiten die aus den nicht “legitimen” Verbindungen hervorgehenden Kinder. Als “Bastarde” hatten sie ein schweres Los, gesellschaftlich kaum eine Chance. Da ging es den genannten Königskindern Karls und Friedrichs vergleichsweise gut, wurden sie doch allesamt mit guter Versorgung und beachtlichen ehelichen Verbindungen ausgestattet. Einige Kulturen, die die soziale Kraft des Sexuellen weniger tabuisierten oder positiver anerkannten, sorgten im Familienverband für eine gemeinsame Versorgung der Kinder (z. B. polynesische Clans und Großfamilien). Meines Wissens ist diese vergleichsweise humane Form des Umgangs mit Sexualität und Nachkommenschaft recht vereinzelt geblieben. Recht überheblich weisen wir diese soziale Form den “Naturvölkern” zu.

Judentum und Islam haben die Ehe als Form sexueller Gemeinschaft mit Regelung der Trennung und der Nachkommenschaft domestiziert und zivilisiert. “Lebenslang” war da immer die Ausnahme, bestenfalls ein biologisch kaum erreichbares Ideal. Erst das Christentum hat mit der Sakramentalisierung der lebenslangen Einehe für eine neue Stufe der Zähmung und Unterdrückung des Sexuellen gesorgt. Sozial positiv war daran gewiss, die Verantwortung der Ehepartner für die gemeinsame “Aufzucht” der Kinder zu betonen, damit verbunden auch das ethische Ideal eine lebenslangen gegenseitigen Verantwortung zweier erwachsener Menschen. Der Kampf von Schwulen und Lesben für die rechtliche Gleichstellung der eingetragenen Partnerschaft mit der Ehe zeigt, wie stark das exklusive Modell “Ehe” noch immer wirkt. Dabei haben sich in unserem Kulturraum die Verhältnisse seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts grundlegend verändert.

Der Gebrauch der “Pille” hat erstmals zuverlässig Sexualität und Nachkommenschaft entkoppelt. Die Auswirkungen dieser kulturellen Revolution sind noch gar nicht abzuschätzen, jedenfalls sind wir noch mitten drin im Umdenken und Umgestalten von Moral und Recht. Zunächst hat die Pille zum Rückgang der Kinderzahl geführt (“Pillenknick”), zugleich aber auch zu einem freieren Umgang mit Sexualität in der westlichen Gesellschaft. Beides sind kulturelle Veränderungen mit Langzeitwirkung. Erst allmählich wird es in der Lebenspraxis unserer Gesellschaft zur Normalität, dass Ehen de facto eine Einrichtung auf Zeit sind, dass es unterschiedliche Partnerschaften und verschiedene Arten von Partnern in unterschiedlichen Lebenssituationen geben kann. Der ironische Ausdruck “Lebensabschnittspartner” trifft die Sache recht gut. Faktisch ist das die Lösung der zeitlich sukzessiven Vielehe. Und nicht nur die “celebrities” leisten sich daneben Geliebte, sondern auch manche unserer Politiker (Seehofer). Andererseits nimmt auch der gesellschaftlich-moralische Druck zur Ehe überhaupt ab: Jedermann und jede Frau kann die eigenen Partnerschaften nach eigenem bzw. gemeinsamen Gutdünken gestalten. Ich halte das für einen gewaltigen Fortschritt gegenüber dem restriktiven Ideal der lebenslänglichen Einehe. Die Aufgabe eines verantwortlichen Umgangs zweier Partner miteinander, gerade auch am Ende einer Beziehung, bleibt allerdings ebenso bestehen wie die Fürsorge für die gemeinsamen Kinder.

Der kleine Rückblick und Rundumblick zeigt: Die Ehe ist keine Einrichtung, die vom Himmel gefallen ist. Sexualität, Partnerschaft und der Umgang mit den Kindern sind  sozial gestaltbare und veränderliche Größen. Weniger normative Moral bedeutet zugleich mehr individuelle Verantwortung, aber auch mehr Verantwortung der Gesellschaft für das, was in ihr kollektiv als wichtig erachtet wird: die Erziehung der Kinder, die Gewährleistung einer aussichtsreichen Zukunft für die Nachkommenschaft. Neben der individuellen Freiheit im sexuellen Umgang ist die verstärkte gesellschaftliche Verantwortung für die Kinder die zweite wichtige Auswirkung eines beispiellosen kulturellen Umbruchs. Auch dies halte ich für eine Entwicklung, die man begrüßen kann. Die Kleinfamilie ist keineswegs der naturgegebene beste Ort für das Aufwachsen und für die Bildung unserer Kinder. Wenn es auch ein eher wirtschaftlich verursachter Druck ist: Es ist gut, dass das staatliche Betreuungsangebot ausgebaut wird. Manche retardierende Elemente (Betreuungsgeld) werden den Trend kaum aufhalten. Wenn man so will, ist es die Kehrseite der “sexuellen Revolution”. All dies führt zu einer allmählich spürbaren Veränderung der Maßstäbe unserer Moralvorstellungen.

 2. Dezember 2012  Veröffentlicht von am 12:44  Gesellschaft, Moral Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Nov 252012
 

Dieser Tage entdeckte ich mich in einer Art Blase gefangen. Der Filter waren aber keine Algorithmen, sondern das war ich selber. Ich hatte in meiner Wahrnehmung unbewusst eine Lupe benutzt: Teile der Wirklichkeit erschienen so sehr viel größer und bedeutender, als sie tatsächlich sind. Ich spreche vom Web 2.0.

Seit einigen Jahren organisiere ich Vortragsveranstaltungen in Kempten. Sie stehen jeweils unter einem Oberthema, zum Beispiel “Hirnforschung” oder “Schöpfung und Evolution”. Anerkannte Wissenschaftler berichten dann aus ihrem Fachgebiet. Die Resonanz beim Publikum war durchweg gut. In diesem Winterhalbjahr hatte ich das Thema “Web 2.0 – Welt 2.0″ ausgewählt. Ich war mir sicher, damit etwas ganz Aktuelles und allseits Interessantes getroffen zu haben. Engagierte und in der “Szene” bekannte Referenten aus München, Ulm, Freiburg konnten gewonnen werden. Nach zwei Veranstaltungen mit einer Publikumsresonanz knapp über Null haben wir (VHS als Trägerin) die Veranstaltungsreihe gestoppt und die weiteren Vorträge abgesagt. Das Thema des letzten Vortrages war die Entwicklung der Zeitungen im Zusammenhang des Internet; passte zufällig haargenau zu den gerade gemeldeten Schließungen der Frankfurter Rundschau und der Financial Times Deutschland. Null Erregung. Großes Erstaunen. Was ist passiert?

Filter Bubble by Eli Pariser

Natürlich fragt man sich zuerst danach, ob die Termine falsch lagen, ob es konkurrierende Veranstaltungen oder ob es Versäumnisse in der Werbung gab. All dies konnte man mehr oder weniger ausschließen, im Gegenteil, die Werbung für den letztgenannten Vortrag war auch überregional besonders intensiv, unterstützt von den Lokalzeitungen. Kempten ist zwar keine Großstadt, aber eine bedeutende Mittelstadt in einem ländlichen und touristischen Umfeld (Allgäu). Immerhin lebt die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands in solchen Mittelstädten, hier mit einer Hochschule und mit einem starken Mittelstand im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik. Die “anderen” Themen liefen ja auch, also nochmal: Was war passiert?

Offenbar lag eine Fehleinschätzung der Relevanz des Themas “Internet und Web 2.0″ in der interessierten Öffentlichkeit vor. Einen jüngeren Bekannten, studierend, den ich danach fragte, sagte mir: “Ich benutze zwar Facebook, aber das Internet als Thema interessiert mich nicht.” So denken und empfinden offenbar viele. Man nutzt die Angebote des Netzes, ohne dass einen die Frage nach der Bedeutung des Internets und der neuen Medien im Allgemeinen interessiert oder zum Nachdenken / Nachfragen bewegt. Wenn ich dagegen meine Twitter Timeline beobachte, in Google+ stöbere oder mich interessierende Blogs und Blog-Portale besuche, bekomme ich einen völlig anderen Eindruck. Dann denke ich: Das Thema Internet und Web 2.0 bewegt die Welt. Da sind doch die “Twitter-Revolution” in den arabischen Ländern, die Anti-ACTA-Proteste, die heißen Diskussionen über das Urheberrecht oder das Leistungsschutzrecht – und natürlich die Piraten. Da sind die zahllosen Beiträge in Zeitungen und Weblogs über die mediale Revolution durch das Internet, da sind hitzige Diskussionen und Shitstorms. All das bewegt doch offenbar die Öffentlichkeit. – Asche. Nichts davon stimmt so. Es ist nur die Lupe der eigenen Wahrnehmung und Interessen, die dieses Bild erzeugt und die Relevanz vergrößert. Auch abgesehen von dem Einzelfall meiner geschilderten Erfahrung mit den Vorträgen sieht die Wirklichkeit im Netz doch recht anders aus.

Zum Beispiel Twitter. Im April dieses Jahres wurde die Erfolgsmeldung von 4 Millionen Twitternutzern allein in Deutschland verbreitet. Man muss näher hinschauen, was Twitter-Nutzer sind. Von den 4 Mio. Accounts sind aktuell (November) nur 825.000 “aktive” Nutzer.

Ein Account wird als „aktiv deutsch” bezeichnet, wenn darüber pro Woche mindestens ein deutschsprachiger Tweet versendet wird. Dabei wird eine Liste mit 400 eindeutig deutschsprachigen Begriffen wie „bitte“, „danke” oder „gestern“ zu Grunde gelegt. Diese Untersuchung lässt nur schwer Rückschlüsse auf tatsächlichen Nutzerzahlen von Twitter zu: Zum einen werden stumme Accounts, also solche, die nicht selbst aktiv senden, nicht erfasst. Zum zweiten ist nicht ersichtlich, wie viele Accounts von ein und derselben Person genutzt werden. … 310.000 Accounts haben im letzten Monat mehr als zehn Tweets abgesetzt, 99.000 sogar mehr als 30, im Schnitt also mindestens einen Tweet täglich. (Webevangelisten)

Das heißt, 2,5 % der Twitter-Accounts werden zum regelmäßigen, täglichen Gebrauch genutzt. 300 000 Nutzer generieren damit ca. 95 % der Tweets. Tun wir also das, was die meisten Twitter-User machen, nämlich nur lesen, dann erfahren wir die Infos und Meinungen von einer winzigen Minderheit von deutschlandweit 100.000 sehr aktiven “Netzwerkern”. Die allerdings “machen Meinung” und Stimmung und prägen unsere Wahrnehmung. Das genau meine ich mit der Netz-Lupe: Eine kleine aktive Gruppe wird leicht für das Ganze des Webs genommen. Berücksichtigt man dann noch, dass mehr als die Hälfte der Zeitungs-Journalisten von sich sagen, regelmäßig Twitter zu beobachten und für ihre Artikel als bedeutende Nachrichtenquelle zu berücksichtigen, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch die traditionellen Medien die Relevanz und Verbreitung der neuen Medien des “Web 2.0″ (= sozial, interaktiv!) überbewerten. Eine Fehleinschätzung, die multipliziert wird.

Ähnliches gilt für Facebook, auch wenn dieses soziale Portal eine andere Zielrichtung als Twitter hat. Genauere Nutzerstatistiken rückt Facebook öffentlich nicht heraus. Nur die Gesamtzahl “aktiver” Facebook-Accounts wird kommuniziert:  Rund 25 Millionen Facebook-Nutzer gibt es in Deutschland. Andererseits weist t3n darauf hin, dass es im Juli erstmals einen deutlichen Knick im Zuwachs gegeben habe: es waren 200.000 Nutzer weniger. Wie dem auch sei, so muss auch hier nachgeschaut werden, was “aktive Facebook-Nutzer” sind. Dazu heißt es: “Aktive Nutzer sind in diesem Fall alle Besucher, die sich in den vergangenen 30 Tagen bei Facebook angemeldet und mit dem Netzwerk interagiert haben.” Was heißt “interagiert”? Kommentare hinterlassen oder einen Post liken. Also auch nur der eine Klick auf den Like-Button wird als Interaktion gezählt. Vermutlich ist also auch bei Facebook die Zahl derjenigen Nutzer, die regelmäßig eigene Statusmeldungen verfassen oder Fotos hochladen und mit anderen (“Freunden”) schriftlich kommunizieren, nur ein Bruchteil der Zahl der Facebook-Accounts. Auch hier entpuppt sich die gewaltige Zahl von 25 Millionen Nutzern als eine Lupe, die die Realität größer und erscheinen lässt, als sie ist. Millionen mögen Facebook anklicken und lesen, aber nur ein viel kleinerer Teil nutzt dieses Portal aktiv.

Ein letzter Hinweis auf eine oft verstellte Wahrnehmungs-Lupe. Liest man über das derzeitige “Zeitungssterben” zumal in einschlägigen Blogs und gut vernetzten Webbeiträgen , so gewinnt man den Eindruck, dass das Internet und die Sozialen Medien das allmähliche Ende der traditionellen Zeitung einläuten. Richtig an dieser Interpretation ist die wirtschaftliche Tatsache, dass die Tageszeitungen derzeit einen Rückgang ihrer Leserschaft (drastisch bei jüngeren Menschen) und den Zusammenbruch des Anzeigenmarktes und damit ihrer herkömmlichen Haupteinnahmequelle erleben. Das traditionelle Wirtschaftsmodell der Tages- und Wochenzeitungen ist am Ende. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bedeutung der Zeitungen als Gatekeeper des Zugangs zur den Geschehnissen in der Welt verloren gegangen wäre. Im Gegenteil. Zu der Gruppe der 10 meistbesuchten Websites in Deutschland gehören spiegel.de und bild.de, bald gefolgt von Focus online und Welt online. Die Online-Angebote der überregionalen (Tages-) Zeitungen haben einen enormen Zuspruch:

Online Verbreitung

“Im gleichen Zeitraum [Oktober 2012] ist die von der Prüfgemeinschaft für die Online-Medien festgestellte Gesamtnutzung deutlich angestiegen: So wurden im Oktober 2012 für 1156 der von der IVW gelisteten Internetangebote insgesamt rund 5,37 Mrd. Visits (Besuche, das heißt einzelne zusammenhängende Nutzungsvorgänge) und 40,27 Mrd. PageImpressions (einzelne Seitenaufrufe) festgestellt (September 2012: 1.162 gemeldete Angebote mit 4,93 Mrd. Visits und 37,67 Mrd. PageImpressions).” (Quelle: IVW)

Online erreichen die Zeitungsmedien ungleich mehr Besucher und Leser, als sie in ihren Print-Ausgaben jemals hatten. Man muss deswegen wohl genauer von einer existenzgefährdenden Krise des herkömmlichen Wirtschaftsmodells der Zeitungen sprechen – die Zeitungsangebote im Internet dagegen erfreuen sich größter Beliebtheit. Nicht die Zeitung als Gatekeeper der Nachrichtenwelt ist am Ende, wie es die Diskussionen unter der “Netz-Lupe” nahelegen, vielmehr steht das Wirtschaftsmodell der Tageszeitungen vor gravierenden Veränderungen und Anpassungen. Wer da den ‘turn’ nicht schafft, verschwindet vom Markt.

Was also “lernt” uns das? Mit der Lupe unserer Internet-Wahrnehmung bekommen wir hoch interessante Diskussionen, ja einen gesellschaftlichen Diskurs, zu Gesicht. Es ist aber wie eh und je der Diskurs einer kleinen Minderheit. Darum ist es gut, dann und wann diese Lupe beiseite zu legen und die Wirklichkeit der Gesellschaft zu betrachten, wie sie mit und ohne Netz ist. Fast jeder der Jüngeren nutzt das Netz, die meisten passiv als zusätzliches Medium, das konsumiert wird. Die wenigsten aber gehören zur Gruppe der aktiv sich beteiligenden Internet-Nutzer, die schreiben, diskutieren, bloggen usw. Man darf halt diesen Teil des “Web 2.0″ nicht für das Ganze nehmen. – Man sieht: Auch ein Flop kann lehrreich sein.

 25. November 2012  Veröffentlicht von am 12:34  Internet, Öffentlichkeit, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Nov 182012
 

Mich lässt das Thema “Freiheit und / oder Sicherheit” nicht los, das ein Interview von Heribert Prantl mit der bayerischen Justizministerin  Beate Merk vor einer Woche zugespitzt an den Tage gebracht hat. Anlass ist die Verabschiedung des neuen Gesetzes zur Sicherungsverwahrung im Bundestag (08.11.2012). Das Gesetz war notwendig geworden, nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (2009) und das Bundesverfassungsgericht (2011) die bisherige Praxis einer faktisch verlängerten Haft für rechtswidrig erklärt hatten. Das Gesetz regelt, dass Sicherungsverwahrte getrennt von Strafgefangenen untergebracht und mit einem nachhaltigen Therapieangebot begleitet werden müssen. Eine nachträgliche Sicherungsverwahrung sieht das neue Gesetz nicht mehr vor. Das Interview mit Merk in der Süddeutschen Zeitung vom 10. November 2012 (S. 5) steht unter der Überschrift: “Dieses Gesetz ist ein Unglück.” Das Interview ist online nicht verfügbar, darum auch durch Online-Recherche kaum zu finden. Es ist aus meiner Sicht symptomatisch für heutiges sicherheitspolitisches Denken, und die sich darin ausdrückende politische Mentalität zutiefst beunruhigend. Heribert Prantl hat durch seine Nachfragen dafür gesorgt, dass die Äußerungen Merks völlig unzweideutig sind. Hier einige Zitate:

Merk: Die Menschen glauben, dass die Justiz einen Straftäter, den man festgenommen hat und der gefährlich ist, so lange hinter Gittern halten kann, wie er gefährlich ist. Wir müssen den Menschen sagen, dass das nicht mehr möglich ist.
Prantl: Rechtsstaatliches Recht bestraft nie deswegen, weil einer gefährlich ist, sondern weil er eine Straftat begangen hat.
Merk: Wenn jemand wegen einer schweren, bestialischen Straftat im Gefängnis sitzt – dann kann man ihn doch nicht in die Freiheit lassen, wenn er nach wie vor gefährlich ist. Ich will nicht, dass wir Straftäter auf freien Fuß setzen müssen, von denen die Gutachter befürchten, dass sie schwere Straftaten begehen werden. Die müssen auch künftig nach derVollverbüßung der Strafhaft untergebracht bleiben, nämlich in Sicherungsverwahrung. Das ist keine Strafe, sondern eine Maßregel, also rechtsstaatlich.
Prantl.: Genau dafür gibt es doch das neue Gesetz, das Sie für ein Unglück halten.
Merk: Aber wenn erst in der Haft erkannt wird, wie gefährlich ein Täter ist, dann greift es nicht – weil es die sogenannte nachträgliche Sicherungsverwahrung nach dem neuen Gesetz nicht mehr gibt – auch wenn sie von den höchsten Gerichten nicht grundsätzlich verboten worden ist.
Prantl: Das lese ich anders: Eine nachträgliche Sicherungsverwahrung ist, so die höchsten Gerichte, nicht rechtsstaatlich. Das neue Gesetz sieht dafür aber vor, dass schon im Urteil die Möglichkeit einer Sicherungsverwahrung vorgesehen werden kann – sozusagen auf Vorrat, und vorsichtshalber. Reicht Ihnen das nicht?
Merk: Nein, weil da gravierende Sicherheitslücken bleiben. Vorbehalten kann man eine Sicherungsverwahrung nur dann, wenn schon im Zeitpunkt des Urteils die anhaltende Gefährlichkeit erkennbar war. Es wird aber immer Straftäter geben, bei denen das nicht der Fall ist.

Prantl: Sie wollen bei anhaltend gefährlichen Straftätern den klassischen Grundsatz ‘In dubio pro reo/im Zweifel für den Angeklagten’ umdrehen in ‘in dubio contra’, also im Zweifel gegen ihn.
Merk: Ich sehe das nicht so. Für den Fall der Sicherungsverwahrung gilt für mich der Satz: Im Zweifel für das Opfer…

Prantl: Sie wollen also ein Sonderrecht, ein Sonderpräventionsrecht bei Sexual- und Missbrauchstätern?
Merk: Wenn die Strafe, auch wenn sie bis zum letzten Tag abgesessen ist, nicht das gebracht hat, was man sich vorgestellt hat, was will man da anderes tun?

Prantl: Und das Recht des Menschen auf Freiheit, wenn er die Strafe abgesessen hat…
Merk: Steht unter dem Vorbehalt, dass er die Freiheit nicht zur Gewalttat missbraucht.
Prantl: Wo liegt denn Ihre Prognoseschwelle: Soll der Täter in Haft bleiben, wenn die Rückfallgefahr bei dreißig, bei zwanzig, bei zehn Prozent liegt?
Merk: Bei 25 Prozent werde ich nachdenklich. Wir haben da Menschen vor uns, die sind zum Teil so schwierig, dass wir sie nicht mit unseren Alltagsmaßstäben messen können. Es ist nicht so, dass jede Menschenseele, die im Gefängnis sitzt, repariert werden kann – auch wenn wir es uns noch so sehr wünschen. Therapien sind gut, sie sind wichtig, ich setzte mich dafür ein. Aber sie sind kein Allheilmittel.

Freiheit – gebunden

Demnach gilt bürgerliche Freiheit gemäß den Grundrechten nur noch unter generellem Vorbehalt, und zwar unter einem Vorbehalt, der auf einer forensischen Prognose von 25 % beruht. Nicht die Tat, sondern die mögliche Tat wird zum Grund für die Beschränkung der Freiheit. Wenn eine Justizministerin dies für rechtsstaatlich hält, ist das mehr als bedenklich. Mir geht es dabei um die sich darin ausdrückende Grundhaltung. Sie entspricht der Tendenz in vielen Staaten, die prediktive Prävention in der Verbrechensbekämpfung aufzuwerten und justiziabel zu machen. Die Prognose wird zur Quasi-Tatsache. Wer einmal nach den Begriffen “predictive prosecution” oder “predictive profiling” googelt, wird mit überraschend vielen Ergebnissen fündig. Insbesondere das US-amerikanische Department of Homeland Security (DHS) setzt auf technische Methoden des Profiling, der sicheren Verbrechensvorhersage, “that can predict when people might have a tendency to commit criminal behavior before it happens”. (Homeland Security Tests Crime Prediction Tech). Ziel ist natürlich die “rechtzeitige” Gefahrenabwehr, also vorausgehendes Handeln der Strafverfolgungsbehörden, “before it happens”. Der Bericht über diese Tests ist bereits ein Jahr alt, man darf darum davon ausgehen, dass man inzwischen ein ganzes Stück weiter ist. “Precrime department” und “precognition” aus dem Spielberg – Film “Minority Report” (2002) ist damit innerhalb von zehn Jahren praktisch Wirklichkeit geworden.

Ebenso ist aus jüngster Zeit (Oktober) erinnerlich, dass ein junger Sprengstoff-Attentäter in New York unmittelbar bei der Tat verhaftet wurde, ehe er den Sprengstoff zünden konnte. Allerdings wäre auch dann keine Katastrophe eingetreten, da der Sprengstoff eine Attrappe war, vom FBI selbst hergestellt. Das “predictive profiling” hatte einen möglichen Al-Kaida-Täter geliefert, dem man dann von Seiten der Bundespolizei alle Möglichkeiten zur Tat zur Verfügung stellte, entschärft natürlich, um ihn eben dieser Tat dann in flagranti zu überführen. Wer mag, lese dazu im Focus oder anderswo nach. Eigentlich war es ja ein FBI-Attentat und der verhaftete Terrorist nur das Werkzeug der Strafverfolgungsbehörde.

Das Gemeinsame bei diesem jüngsten Vorgehen des FBI und der im Interview zu Tage tretenden Auffassung der bayerischen Justizministerin ist, dass die Zuverlässigkeit einer psychologisch evaluierten Verhaltensprognose für so hoch angesehen wird, dass diese Prognose (selbst bei nur 25 % Wahrscheinlichkeit) gleichwertig mit einer Tatsache wird: Polizei und Justiz können, müssen nun entsprechend handeln. Man beachte: Es geht um die Prognose des Verhaltens eines konkreten, einzelnen Menschen in postulierten künftigen Situationen. Mir scheint, die technisch-methodische Objektivierbarkeit der Prognostik durch die Entwicklung und Evaluation mathematisch-psychologischer und psychometrisch statistischer Modelle ebenso wie Modelle einer Future Attribute Screening Technology (FAST) verleiten hier zu einer Sicherheit, die äußerst fragwürdig ist. Es geht um menschliches Verhalten, um individuelles Verhalten in einer konkreten Situation. Dass hier Aussagen zur Wahrscheinlichkeit eines möglicherweise erwartbaren Verhaltens gemacht werden können, steht außer Zweifel. Aber Wahrscheinlichkeit ist keine gewisse Einzelfall-Vorhersage und schon gar keine Tatsache. Ein interessanter Beitrag der Strafrechtlers Prof. Dr. Gerhard Wolf (Viadrina) zum Thema Prognose in der Jugendgerichtsbarkeit lässt durchaus Schlussfolgerungen für das allgemeine Strafrecht zu. Der Beitrag steht übrigens unter der Überschrift “Keine Prognose”. “Gründe für die Begehung von Straftaten und damit für den Entschluss, eine Straftat zu begehen, liegen notwendig in der Persönlichkeit des Täters.” Die jeweilige Persönlichkeit mag noch so genau untersucht und methodisch analysiert werden, der letzte Grund menschlicher Persönlichkeit bleibt dennoch unzugänglich. Der Einblick in die “Menschenseele” (Merk) bleibt mit Unsicherheit behaftet. Wer dann noch forensische Prognostik mit den Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz vermengt, kommt zu Gedankenspielen über eine Gesellschaft, in der Freiheit tatsächlich nur noch als Ausnahme “gewährt” werden kann: Sofern nämlich die zuverlässige Prognose ein sozial adäquates Verhalten gewiss sein lässt. Freiheit wird prognostisch bedingt. Eine Gesellschaft mit einer solchen “Freiheit unter Vorbehalt” mag ich mir weder wünschen noch in Alpträumen ausmalen.

 18. November 2012  Veröffentlicht von am 13:33  Freiheit, Individuum, Recht Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Nov 092012
 

Zweiundneunzig Prozent der befragten Deutschen wünschten sich Obama als Präsidenten. Das wären traumhafte Werte für einen Politiker hierzulande. Aber nur ein ferner Politiker ist ein guter Politiker, denn er tut einem nichts, kann keine Fehler machen  und hier niemanden enttäuschen. Im Gegenteil, solch eine ferne politische Führungsgestalt eignet sich bestens dazu, auf sie alle möglichen Wünsche und Sehnsüchte zu projizieren. Das gilt offenbar nicht nur für räumliche, sondern auch für zeitliche Ferne. Nicht anders lässt sich heute das hohe Ansehen von Helmut Schmidt (“Lichtgestalt”) erklären, das er zu Zeiten seiner Kanzlerschaft nie hatte. Immerhin war er nicht nur der Kanzler, der sich mit der RAF auseinander zu setzen hatte, sondern auch der Erfinder des NATO-Doppelbeschlusses. So hatte er im Bonner Hofgarten und in Mutlangen die militante “Straße” gegen sich – und verlor das Vertrauen der Mehrheit des Parlaments. Nach dem “Umfall” der FDP und dem bisher einzigen geglückten konstruktiven Misstrauensvotum wurde Helmut Kohl Kanzler. In der folgenden Bundestagswahl von 1983 wurde dieser mit großer Mehrheit bestätigt: Die CDU/CSU erreichte beinahe die absolute Mehrheit im Parlament. Das nur zur Erinnerung.

EU - USA - DE - CHIch las bei Twitter, solch eine Rede wie die von Obama in der Nacht seines Sieges wünschte man sich auch einmal von Angela Merkel. Dem kann ich ganz und gar nicht zustimmen. Ich wünsche mir eine solche Rede weder von der Bundeskanzlerin noch von irgend einem anderen deutschen Politiker. So viel Pathos, so viel nationales Sendungsbewusstsein und Glorifizierung der eigenen Mission, so viel rhetorische Emotionalität in einer bombastischen Siegesfeier ist offenbar typisch amerikanisch, aber passt so gar nicht zu den politischen Mentalitäten bei uns. Und das ist auch gut so.

Denn die Modelle von Demokratie und Politik in Amerika und Europa sind sehr unterschiedlich. Zwischen dem deutschen und dem US-amerikanischen Politikverständnis tun sich Welten auf. Es sind keine Unterschiede von “richtig” oder “falsch”, sondern Unterschiede der Mentalität, des Stils, des Selbstverständnisses und des Demokratiebegriffs. Im Vergleich wird deutlich, wie sehr wir in Deutschland und in manchen anderen Ländern Europas (keineswegs in allen) auf Konsens hin orientiert sind. Manche beklagen das als fehlende Unterscheidbarkeit, als fehlende Alternative im politischen Angebot. Das ist gewissermaßen die Kehrseite dieses Modells. Ein “Lagerwahlkampf” ist die Ausnahme, wobei “Lager” nur relativ fest verabredete Parteien-Koalitionen meint, weniger unterschiedliche Ideologien. An Ideologien hatte Europa offenbar genug. In dem Ziel eines sozialstaatlich verfassten und bürgerschaftlich orientierten Gesellschaftsmodells sind sich alle einig, nur die Akzente sind ein wenig verschieden bei dem, was “soziale Marktwirtschaft” heißt: mal wird mehr das Soziale, mal mehr der Markt betont. Groß sind die Differenzen nicht. Selbst Linke und Piraten finden sich in diesem Spektrum wieder.

Dem gegenüber ist das US-amerikanische Politikmodell sehr viel stärker auf unterschiedlichen Ideologien gegründet, also konfliktorientiert. Das war übrigens schon immer so, siehe den US – Bürgerkrieg, und hat sich nur in der Zeit des Kalten Krieges etwas nivelliert. Präsidentschaftswahlen sind Duelle nicht nur von Personen und Meinungen, sondern von Politikentwürfen und Ideologien. Die heute enorm gewachsene Ungleichheit des Wohlstandes hat die ideologischen Differenzen eher noch verschärft. Heute wird in den USA unverhohlen von Klassenkampf geredet und geschrieben. Dagegen war  Geislers “Rote-Socken-Kampagne” ein Kinderspiel.

Man mag das Streben nach Ausgleich, Kompromiss und Konsens bei uns als mangelnde Fähigkeit zur wirklichen Auseinandersetzung über Ideen und Handlungsmodelle  kritisieren, als fehlende “Streitkultur”. Doch nicht zuletzt “Stuttgart 21″ hat uns da eines Besseren belehrt: Es gibt sie auch bei uns, die Konfliktbereitschaft, die Streitkultur. Sie hat nur einen anderen Ort, nicht die “große Politik”, sondern die konkreten Dinge in der Stadt oder Region, also “vor Ort”. Da wo Bürger sich direkt betroffen sehen und Änderungspotential entdecken, da sind sie offenbar mehr als früher bereit, sich einzumischen und Konflikte durch zu stehen. Am konsensualen Politikmodell auf Bundeseben ändert das nichts. Ich denke, das ist auch sehr gut so. Jedenfalls sind wir damit trotz mancher ‘Langeweile’ erstaunlich gut und erfolgreich gefahren.

Damit ähneln wir im Politikverständnis immer mehr der Schweiz, die den Konsens in der Bundesregierung sogar weitgehend unabhängig von Wahlausgängen in einem festen Proporzmodell festgeschrieben hat. Das wurde nur bei wirklich relevanten Gewichtsveränderungen in der Parteienlandschaft (SVP!) verändert, und auch nur um einen Sitz. Das Ausfechten praktischer Konflikte wird auf die Ebene der Volksentscheide in den Kantonen verlagert, wie zum Beispiel die viel beachtete Minarett–Entscheidung zeigte. Beim näheren Hinsehen finde ich es schon erstaunlich und überraschend, wie sehr sich in der Praxis das Politikmodell in Deutschland dem schweizerischen Politikmodell angenähert hat, ohne dessen Strukturen und Rechtsrahmen zu übernehmen: Konsens auf der Bundesebene und in den großen Fragen (Rente, Bundeswehreinsatz, Euro) und Streit, wenn nötig, vor Ort in den Kommunen und Regionen um die am besten akzeptierte Regelung der Dinge im Nahbereich, die durchaus Fragen von grundsätzlicher Natur beinhalten können. Die unterschiedlichen politischen Ebenen folgen damit offenkundig verschiedenen Modellen der Konfliktbewältigung.

Es geht also gar nicht um den abstrakten Gegensatz von Konsens oder Konflikt, von Kompromiss oder Duell (“winner takes it all”), sondern um das unterschiedliche Agieren auf den verschiedenen politischen Ebenen. Vielleicht ist darum das politische Modell in Deutschland und anderen Ländern Europas (neben der Schweiz natürlich ebenso in Österreich, Frankreich, Niederlande, Skandinavien, um nur die wichtigsten zu nennen) in anderer Weise differenziert als die “checks & balances” im angelsächsischen Raum, aber nicht minder austariert und erfolgreich. Vielleicht entspricht auch unsere Weise des Politikmachens eher einem post-ideologischen Gesellschaftsmodell. Eine Rückkehr der Ideologien und Fundamentalismen, welcher auch immer, ist nicht wünschenswert. Auch das zeigen die USA (“tea party”, “bible belt”). Insofern reflektiert Europa im Umgang mit Konflikt und Konsens seine jüngste Geschichte. Ich hoffe sehr, dass sich dieses Modell auch weiterhin erhält, den sich wandelnden Anforderungen anpasst (z.B. durch Aufnahme von Elementen direkter Demokratie) und bewährt. Wir leben gut damit in Deutschland – und hoffentlich auch weiterhin in Europa.

 

P.S. Erst im Nachhinein las ich Gumbrechts genialen Blog-Beitrag im Faz-Blog; der gemeinsame “Aufhänger” im jeweils ersten Absatz legte sich wohl recht nahe.

 9. November 2012  Veröffentlicht von am 14:37  Europa, Gesellschaft, Politik, USA Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Okt 282012
 

Kultur ist in aller Munde: Unternehmenskultur, Spielkultur, Sprachkultur, Hochkultur – die heute möglichen und  gebräuchlichen Zusammensetzungen mit -kultur sind unüberschaubar geworden. Wo mit einem Begriff “alles mögliche” gemeint sein kann, besteht der Verdacht, dass gar nichts Bestimmtes mehr gemeint und gesagt ist. Vorsichtige Annäherung an die große Frage: Was ist denn überhaupt “Kultur”? Ist Kultur etwas spezifisch Menschliches?

Museum Folkwang, Wikipedia

Traditionell kann man “Natur” und “Kultur” einander gegenüber stellen. Dann ist Kultur dasjenige Vermögen des Menschen, das ihn “Natur” gestalten und sich über sie “erheben” lässt. Gerade das “Erhabene” hat man als Kennzeichen der Kultur, zumindest der “Hochkultur” angesehen. Diese Sichtweise ist uns aber inzwischen gänzlich fremd geworden. Kultur wird alltäglich – und doch will man, wenn man von einer “-kultur” spricht, noch etwas Auszeichnendes, Besonderes sagen. Man denkt dann an eine bestimmte Art und Weise des Tuns, an einen “Stil” vielleicht. Aber der Gedanke führt im Kreis, denn dann müsste erst geklärt werden, was denn “Stil” ist.

Andererseits ist Kultur auch immer sozial verankert, denn offenbar ist als Kultur nur erkennbar und bestimmbar, was eine Gruppe, eine Gemeinschaft oder gar eine Gesellschaft dafür hält. Ganze Lebensbereiche hat man zur Kultur gezählt, der entsprechende Wikipedia-Artikel zählt dazu auf:  Technik, Kunst, Recht, Moral, Religion, Wirtschaft und Wissenschaft. Mindestens. Die Medizin gehört auch dazu. Ja, was eigentlich nicht? Denn schon der Ackerbau ist ja eine Kulturleistung, und Kultivieren auch ein gärtnerischer Begriff. Wir sind wieder beim Allerweltswort gelandet. Scheinbar gibt es keine genaue Bestimmtheit.

Vielleicht kommt man weiter, wenn man probehalber einen weiteren und einen engeren Gebrauch des Begriffs Kultur unterscheidet. Weit gefasst bezeichnet “Kultur” mehr oder weniger alle Lebensäußerungen des Menschen, die über die unmittelbare natürliche Selbsterhaltung und Fortpflanzung als Einzelner und Gattung hinaus gehen. Kultur ist dann die Summe all unserer Handlungsweisen, sofern sie über das Lebensnotwendige hinaus weisen. Praktisch sind das aber die allermeisten unserer Handlungen und Auffassungen. Selbst das Lebensnotwendige kann auf eine Art und Weise bzw. in einem Gestaltungszusammenhang geschehen, dessen Charakter eben schon etwas über die reine Not hinaus Gehendes ist. Das macht dann zum Beispiel den Unterschied zwischen Essen als reiner Nahrungsaufnahme und gediegenem “Speisen” aus.

Von hier aus gelangt man zu einer engeren Bedeutung von “Kultur”, die sich wie von selbst zeigt. Es ist der Charakter eines Tuns, der etwas Nicht-Notwendiges, Spielerisches, Freies, Phantasievolles kennzeichnet. Kultur in diesem engeren Sinne meint dann die Art und Weise, die Ausgestaltung, den erweiterten Sinn, das Symbolische oder anderswie Zeichenhafte, das ein Tun umrahmt, prägt und eben aus dem Alltäglichen hervor hebt. Der angespitzte Pfeil des Jägers kann der puren Notwendigkeit eines zweckmäßigen Jagdgerätes entspringen. Der geschnitzte Schaft, der bunte Federbusch, jeglicher Zierrat fügt dem alltäglichen Gerät etwas Neues, Überschießendes hinzu, das es in einen neuen Sinnzusammenhang stellt, zum Beispiel einen sozialen und /oder kultisch-religiösen. Kultur in diesem engeren Sinne fügt eine als solche alltägliche Handlung in einen neuen, erweiterten Kontext, kombiniert den bloßen Zweck mit einem bestimmten Sinn oder mit einer besonderen Bedeutung. Die kulturelle Handlung oder Denkweise ist nun nicht mehr nur zweckrational auf Optimierung des Nutzens ausgerichtet, sondern stiftet über die erweiterte Bedeutung, die dem Tun beigelegt wird, einen neuen, sozial kommunizierbaren Sinn. Kultur führt auf diese Weise zu einer Sichtweise menschlichen Verhaltens, die sich erst einer hermeneutischen Reflexion erschließt oder die erst in einem sozialen Verbund ihre volle Tragweite und Verweisstruktur erhält. Kultur gewinnt so eine besondere Bedeutung als Trägerin von Kunst, Spiel, Freude, Grenzenlosigkeit, die dem naturnotwendigen Tun als solchem nicht inne wohnt. In der Kultur schafft sich der Mensch eine neue “Welt”: seine Welt.

Man kann nun von hier aus fragen, ob all die Verhaltensweisen, denen man oft den Begriff “-kultur” anhängt, berechtigterweise so genannt werden. Gibt es tatsächlich eine “Unternehmenskultur”, wenn doch jedes Unternehmen der strengen Zweck-Mittel-Relation unterliegt? Oder wird mit dieser Kennzeichnung nur eine gesellschaftliche Akzeptanz usurpiert, der Unternehmenszweck quasi als “gemeinnützig” deklariert – ” don’t be evil”? Kritische Anfragen – letztlich entscheidet die Sprache und ihr faktischer Gebrauch auch über das Wörtlein “Kultur”. Aber manches scheint doch allzu offensichtlich nur ein Etikettenschwindel zu sein. Denn – auch nur mal zum Test gefragt – könnte es je so etwas wie eine “Kultur des Tötens” geben? Oder ist “Kultur” doch stets irgendwie sozial positiv besetzt und dem “Humanum”, dem “Guten”, wie man früher sagte, also dem menschlich Positiven (Leben, Freiheit) verpflichtet?

Es gibt also Grund genug, über den Gebrauch und den Sinn des Wortes Kultur nachzudenken. Eine inflationäre Verwendung von aller möglichen “-kultur” muss nicht viel mehr heißen, als dass es sich gut macht, etwas mit dem Mäntelchen “Kultur” zu schmücken. Wir sollten schon wissen, was wir sagen und was wir meinen. Nur eine Handvoll Kultur ist zu wenig.

ERGÄNZUNG am 29.10.:

Eine Diskussion bei Google+ ergibt noch folgende Überlegung:

Die Frage, ob es eine “Kultur des Tötens” gibt, ist ja wirklich eine echte Frage. Die Beispiele Opferfest und Goldenes Kalb, +Anna Maria Zehentbauer , zeigen die Ambivalenz.

Ich denke auch an die bei vielen Völkern verbreitete Sitte, vor der Jagd oder dem Schlachten die Gottheit(en) und / oder das Tier (!) um Verzeihung zu bitten, dass man ihm das Leben nehmen müsse, um selber leben zu können. Da steht das “kultische” Töten in einem sozialen Sinnzusammenhang des gemeinschaftlichen Überlebens.

Der Unterschied zum Töten von Menschen zum Beispiel im Krieg scheint dann fast nur noch graduell zu sein, wenn vor den Schlachten Gott / Götter um Hilfe für den Sieg über die Feinde angefleht wurden und noch werden und man “Gott mit uns” brüllt.

Aber  ist es wirklich “Kultur” in der positiven Bedeutung des Begriffs (Stiftung eines sozialen  Sinnzusammenhangs), was man z. B. an “kultiviertem” Lebensstil der Offiziersklasse heraus gestellt hat (Musikliebhaber z.B.), wenn die Herren anderntags darüber beraten, wie sie den Feind am besten massakrieren können? Sind dann nicht heute Drohnen die “kultivierteste” Art zu töten, sauber und technisch perfekt? Oder die “Todesspritze” (USA)?

Es steckt also die Frage nach dem “gerechten” Töten dahinter, nach dem “gerechten Krieg”. Wird gemeinhin als Eindämmung blindwütigen Mordens und insofern als Kulturleistung angesehen. Ich frage mich allerdings, ob wir heute nicht einen Schritt weiter gehen müssten. Allzu sehr und allzu oft sind Mord und Bereicherung mit dem Mantel höheren Sinns versehen worden. Aus meiner Sicht wird da aus Kultur Scheinkultur, Un-Kultur, Kultur als Deckmantel eigener, brutaler Interessen. Weisen da nicht ein Gandhi oder Albert Schweitzer eher und besser in die Richtung kultureller Entwicklung: “Ehrfurcht vor dem Leben”?

 28. Oktober 2012  Veröffentlicht von am 21:56  Gesellschaft, Kultur Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Okt 202012
 

Eigentlich können wir so gut wie nie zuvor kommunizieren. Internet und Smartphones bieten die Möglichkeit, jederzeit mit jedermann in Kontakt zu treten, seien es Freunde, seien es Fremde. SMS hat den Anrufbeantworter verdrängt, und Email oder  Statusmeldungen bei Facebook oder die Timeline bei Twitter ergänzen oder ersetzen ihrerseits die klassische SMS. Whatsapp kommt mit rasantem Wachstum daher, allen Sicherheitslücken zum Trotz. Regierungsmitglieder einschließlich der Kanzlerin tippen bei Debatten im Bundestag fortwährend wie wild in ihr Handy oder Smartphone. Man kann sich fragen, wie denn die Kommunikation in der Zeit vor der ständigen Erreichbarkeit ausgesehen hat, wie “damals” das Regieren überhaupt vonstatten ging.

“Digital Natives”, wie die “Netzgemeinde” neudeutsch genannt wird, oder auch die “digitale Bohème” (Süddeutsche Zeitung), propagieren zwar unermüdlich die kommunikativen Segnungen des Netzes, aber bisher hat ihr politischer Arm, die Piraten, nur eine altbekannte Selbstgefälligkeit im Zurschaustellen von Arroganz und Inkompetenz öffentlich gemacht. Die viel gerühmte und vehement geforderte Transparenz erschöpfte sich bald in Personalquerelen und Shitstorms; Austritte auf Grund solcher persönlichen Verletzungen sind die Folge. Also nichts Neues, das übliche menschlich-bornierte Klein-Klein. Das dürfte einen kaum wundern, denn es wirken ja keine “neuen Menschen” im Netz der social media.

Google, Douglas County, Georgia, by Zhou

Erstaunlicher ist für mich allerdings, dass die ungleich größeren und intensiveren Kommunikationsmöglichkeiten gegenüber der Zeit sagen wir vor 50 Jahren (“rotes Telefon”) zwischen politischen und kulturellen Gruppen, Eliten wie Normalos, kaum zu mehr Verständigung und Hörbereitschaft geführt haben, von größerer Toleranz und von mehr Einfühlungsvermögen ganz zu schweigen. Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf erleben wir eine irritierende Verhärtung der politisch verfeindeten Lager, die US-Beobachter mit dem Riss vergleichen, der zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges Mitte des 19. Jahrhunderts durch die damalige US-Gesellschaft ging. In Europa lesen wir heute mitten in einer der tiefgreifendsten Krisen des Kontinents seit 1945 von einem EU-Gipfel der Sprachlosigkeit, des Nichtverstehens, von einer “Achse des Misstrauens” zwischen Deutschland und Frankreich. Beunruhigend. Während dessen schlittert die griechische Gesellschaft sehenden Auges (seitens der griechischen Bürger ebenso wie seitens der auswärtigen Beobachter) auf eine Katastrophe zu: es droht ein “failed state” mitten in Europa, und die politischen Konzepte zur “Rettung” klingen eher nach der Alternative zwischen Erhängen oder Erschießen.

Wie nie zuvor in der deutschen Gesellschaft ist die soziale Schere auseinander gegangen. Das zeigt sich in den Schulen (fehlende soziale Durchlässigkeit) ebenso wie beim Wohnen und Arbeiten. Während sich große Teile der Gesellschaft immer größeren Luxus leisten können, wird ein anderer größer werdender Teil der Gesellschaft (Geringverdiener, Rentner, Alleinstehende) von der Wohlstandsentwicklung zunehmend abgehängt. Es ist dabei erstaunlich, wie wenig diese wachsende Kluft hier im Lande zu Diskussionen oder gar zu Unruhe führt. Noch nicht zumindest. Statt dessen befleissigt man sich anderer  beliebter und trotz aller gegenteiligen Aufklärung unausrottbarer Vorurteile: dass die Hartz IV – Leute selber Schuld sind, dass Ausländer “uns” die Jobs wegnehmen, dass die Ossis maulen und dass mit der D-Mark alles besser war.

Neben der sozialen Kluft entdecke ich auch eine sich eher verstärkende digitale Kluft. Teile meiner Lebenswelt können und wollen die “Segnungen” des Internets nicht “genießen”. Es ist nach meiner Beobachtung keineswegs nur eine Frage der Generationen. Man passt sich dort an, wo es unumgänglich ist (Geldautomaten, Fahrkartenautomaten, Hotlines) – und macht ansonsten einen möglichst großen Bogen um die Glitzerwelt der Computertechnik. Andererseits weist das Internet ständig zunehmende Nutzerzahlen auf, sei es beim Online-Shopping, beim Buchen einer Reise oder bei der Möglichkeit sich zu informieren: Nachrichten, Kaufberatung, Preisvergleiche. Man nutzt also das, was einem einen praktischen Nutzen verspricht. Social media sind davon noch weit entfernt, sie sind eher eine Spielwiese der Jugend oder der – “digital Bohème” (?!).

Wo bitte gibt es angesichts der ständig präsenten “instant” Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren, wirklich mehr Verständigung, mehr Bereitschaft, aufeinander zu hören und dann auch auf einander zu zu gehen? Wo ist der “gesellschaftliche Diskurs” sichtbar und greifbar? Die Beschränkung auf das Eigene, Private fängt im Wohnviertel an und hört bei kulturellen oder politischen Fragen noch lange nicht auf. Bevorzugt wird allemal die Rückversicherung in der peer group, also in der eigenen Gruppe der Meinungs- und Interesse – Gleichen, Netzwerke hin, Netzwerke her, bzw. gerade in und mit den Netzwerken. Bisweilen habe ich den Eindruck, dass die zunehmende Globalisierung die Suche nach dem Tellerrand, den man nicht überschreiten möchte, eher noch begünstigt, fehlende “Nestwärme” also. So wächst ein kaum für möglich gehaltener Separatismus in Europas Regionen ebenso wie ein Fundamentalismus der Meinungen und Überzeugungen. Oft wird auf die “Hass-Seiten” radikaler Islamisten im Netz verwiesen, dabei vergisst man, dass neben den Websites zum Thema Sex das Thema Religion das zweitgrößte ist: religiöser Fundamentalismus feiert allerorten, gerade auch bei Christen, fröhliche Urständ. Immerhin weist das Christentum die größte fundamentalistische Institution auf: die römisch-katholische Kirche (vgl. Hans Küng). Wie soll es da zu mehr Verständigung untereinander kommen?

Kommunikationsmittel, Medien, Netze als solche schaffen noch keine wirkliche Kommunikation, die auf Verständigung und Ausgleich zielt. Demokratisches Verhalten wird in dem Maße obsolet, wie die Fähigkeit zum Kompromiss verlernt wird. Auf Verständigung aber kommt es an, auf das Zwischenmenschliche gerade mit dem, der anders ist / denkt / lebt als ich. Alles andere ist bestenfalls – Selbstbefriedigung im Netz. Hoffen wir, dass wenigstens die europäischen Regierungen noch einmal die Kurve kriegen - und sei es aus ökonomischem Eigennutz -, ehe alles auseinander fliegt.

 20. Oktober 2012  Veröffentlicht von am 10:59  Gesellschaft, Netzkultur, Politik Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Jul 192012
 

Über Politik und Religion soll man bekanntlich in der Familie nicht reden. Gerade bei der Religion kann das Anlass zu aller schönstem Streit sein. Den einen ist es wichtig wie Gretchen: “Wie hältst du’s mit der Religion?” Andere denken: Ach Gott, was für eine Frage!

Heute wurde eine Umfrag von YouGov veröffentlicht, nach der es heißt: “83 Prozent meinen, Religionen sollten mit der Zeit gehen und nicht um jeden Preis an alten Traditionen festhalten. Nur 9 Prozent meinen, eine Modernisierung religiöser Bräuche sei nicht nötig.” Gefragt wurde zwar im Zusammenhang der Diskussion um die Beschneidung, aber die Frage ist allgemeiner gestellt und darum von allgemeinerem Interesse. Vorausgesetzt, die Befragten spiegeln tatsächlich einen repräsentativen Querschnitt der religiösen und nichtreligiösen Bevölkerung (Kriterien sind bei YouGov nicht immer ganz durchsichtig), so müssten auch große Teile derjenigen, die einer Glaubensgemeinschaft angehören, diese Auffassung teilen. Das ist nur insofern plausibel, als zum Beispiel vielen Katholiken ihre eigene Kirche allzu starr an vergangenen Denk- und Verhaltensmustern z.B. in Fragen der Hierarchie und der Moral festhält. Auch viele säkulare Muslime distanzieren sich von den fundamentalistischen Eiferern ebenso wie liberale Juden von den Orthodoxen. Manchen Evangelikalen ist die Evangelische Kirche zu liberal, vielen anderen ist sie zu pietistisch-fromm. All diese Meinungen und Haltungen der Unzufriedenheit mit großen Teilen der öffentlich repräsentierten Religionsgemeinschaften fließen in solch eine allgemeine Frage ein, ob eine “Modernisierung religiöser Bräuche” nötig sei. Im Zusammenhang der Beschneidungsdikussion wäre allerdings eine Umfrage unter Muslimen und Juden in Deutschland viel aufschlussreicher: In diesem Kontext betrifft es nämlich nur sie “vollumfänglich”. Allerdings ist es schwierig bis unmöglich, über Religionsdinge abzustimmen. Übereinkünfte müssen freilich in der säkularen Gesellschaft getroffen werden, allerdings wohl eher durch Diskussion und Konsensbildung.

In der aktuellen Diskussion über Religion (Auslöser: Beschneidungsurteil *) wird viel Unverständnis darüber erkennbar, was Religion eigentlich ist, tut, soll.  Wenn man sich darüber Gedanken macht, muss man allerdings von dem Faktum ausgehen, dass es auch in der Religionswissenschaft keine eindeutige und allgemein akzeptierte Definition von “Religion” gibt. Bei Wikipedia gibt es einen eigenen Artikel zum Thema “Religionsdefinition“, und darin heißt es über die Versuche, das Phänomen “Religion” zu definieren, zu Recht: “Der Versuch gilt als problematisch, sofern mit der Definition alles, was gemeinhin unter Religion verstanden wird, abgedeckt werden soll. Das stellt sich als schwierig dar, weil die Komplexität und Unterschiedlichkeit der Religionen kaum eine einheitliche Definition zulässt.” Fasst man den Geltungsbereich des Begriffes noch weiter, lässt man ihn also über die “verfassten” Religionen im Sinne von Religionsgemeinschaften hinaus gehen und sich auf das Umfeld religiöser Einzelphänomene, Strukturen, Verhaltensweisen beziehen, dann wird ein einheitlicher Religionsbegriff erst recht nahezu unmöglich. Ich will es dennoch natürlich mit allen Kautelen der Vorläufigkeit versuchen:

Definition: Religion ist ein wesentlicher Bereich subjektiven Erlebens des Menschen, der sich mit seiner ganzen Person an etwas ihm Vorgängiges rückbindet und dieses kulturell gestaltet.

Erläuterung: Das Gegenüber der Religion (auch das “Göttliche” genannt) wird oft als überlegene Herrschaft erfahren, muss aber nicht zwangsläufig  so erlebt werden (Mystik, Nirwana). Wird aber das “Vorgängige” als prinzipiell überlegen erfahren (Macht, Grund, Ziel), dann bedeutet die Rückbindung eine Art Rückmeldung und / oder auch Rückversicherung (Totem, Gebet, Opfer). Es ist der Versuch, sich selbst zu dem Unerklärlichen und Unableitbaren (Kontingenten) in Natur und Lebenswelt auf einer non-rationalen Ebene in Beziehung zu setzen und existentiell Vergewisserung zu erhalten angesichts individuellen Schicksals (Kontingenzerfahrung, Zufall), persönlicher Verlusterfahrung, der Hinnahme von Leid, Tod und Ungerechtigkeit. Auch besondere Glückserlebnisse und ihre Verarbeitung (symbolische Danksagung , Anbetung, Kultus) können Teil des religiösen Lebens sein. Religion als kulturelles Gesamtphänomen nimmt die Frage nach dem “Sinn des Ganzen” auf, nach dem Vorher und Nachher jeder Existenz, und thematisiert damit Leben, Tod und Ewigkeit. Wenngleich auf Einzelerfahrungen beruhend und im Einzelnen verankert, ist Religion fast immer auf Gemeinschaft hin orientiert und durch sie intersubjektiv konstituiert. Religion bekommt dadurch wesentlich eine stabilisierende,  soziale und gesellschaftliche Funktion.

Den ersten, definierenden Satz möchte ich folgendermaßen verstanden wissen: a) Ich halte den unscharfen und bisweilen schillernden Begriff Religion für hinreichend klar und brauchbar. b) Das Phänomen Religion gehört wesentlich zum Menschen. c) Religion ist anthropologisch in der Subjektivität des Menschen verortet. e) Jedem Erlebnis entspricht eine Widerfahrnis. f) Religiöse Erfahrung betrifft stets den ganzen Menschen. g) Was erfahren wird, ist ein “Gegenstand” sui generis. h) “Vorgängig” gebrauche ich hilfsweise als Ausdruck zur Beschreibung von etwas, das als nicht bloß subjektiv (“eingebildet”) erlebt wird. i) Rückbindung nimmt die alte wörtliche Übersetzung des lateinischen Wortes religio auf. k) Religion gehört zum Gesamtbereich der Kultur.

So weit, so (un)klar, denn mir ist völlig bewusst, dass man gegen jede der hier von a) – k) aufgezählten Verständigungen ebenso Widerspruch erheben kann wie gegen die Aussagen in meinen ausgeführten Erläuterungen. Wer mitdenken möchte, den lade ich ein, dennoch zunächst einmal über diese Definition und ihre mögliche Brauchbarkeit nachzudenken. Dabei folge ich weithin den viel zu wenig beachteten Erkundungen der modernen Religiosität durch den evangelischen Theologen Friedrich Wilhelm Graf. In seinem Buch “Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur” (München 2007) heißt es am Schluß:

Diese spezifische Lebendigkeit des Religiösen zu erfassen, fällt vielen gelehrten Religionsdiagnostikern noch immer sehr schwer. Vermutlich bedarf es dazu einer neuen Aufmerksamkeit für ganz elementare Fragen, die im akademischen Religionsdiskurs kaum noch gestellt werden: Wie läßt sich die Offenheit religiöser Symbolsprachen für ganz unterschiedliche Interpretationsansätze deuten? … Worin gründet die außerordentlich hohe Mobilisierungskraft religiöser Rhetorik? Was stimuliert die vielgestaltige Renaissance apokalyptischen Denkens in aktuellen Debatten um Zukunftsperspektiven von Politik und Gesellschaft? Wie erklärt sich die ungebrochene Konjunktur von Funktionsgöttern und Milieuheiligen – religiösen Identifikationsgestalten, die einer bestimmten sozialen Gruppe, im distinkten Gegenüber zu anderen, starke Identität auszuleben erlauben? - Vielleicht liegt ein elementares Defizit gegenwärtiger Religionsforschung darin, daß die implizite Theologie in allem religiösen Bewußtsein, anders gesagt: die subjektive Sinnkonstruktion eines Frommen, zu stark marginalisiert wird. … Dann aber muß man diesen je individuellen Glauben ernster nehmen, als dies die meisten Religionswissenschaftler in ihren mehr oder minder funktionalistischen, jedenfalls abstrakt allgemeinen Sprachspielen und Modellkonstruktionen zu tun imstande sind. (a.a.O. S. 284 – 286)

Ich will dies im Anschluss an meinen Definitionsversuch jedenfalls weiter verfolgen, indem ich in weiteren Beiträgen hier im Blog in loser Folge nähere Beobachtungen benennen und Konsequenzen aufzeigen möchte, um gerade auch dem Erklärungspotential, der “heuristischen Funktion”, der aktuellen Frage nach Sinn, Bedeutung und Funktion von Religion in unserer heutigen Kultur und Gesellschaft genauer nachzugehen. Dabei lasse ich mich von der neuzeitlichen Erkenntnis aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts leiten, die F.W. Graf so formuliert:

Die besondere Leistungskraft der von den genannten Klassikern entwickelten Kulturtheorien liegt gerade darin, Religion und die in ihr erzeugten Weltbilder und Wertideen nicht als ein Epiphänomen des kulturellen Weltumgangs des Menschen oder als einen Sonderbezirk der Kultur zu deuten, sondern religiösen Glauben als eine elementare Sinnstruktur ernst zu nehmen, die alle Handlungsvollzüge des Menschen (mit-)bestimmt. (S. 103)

Es bleibt spannend, einen solchen religions-kulturellen Ansatz mit seinen Potentialen im Zeitalter der Postmoderne zu aktualisieren!

*) UPDATE: Einen Tag nach diesem Beitrag erscheint auf ZEIT online ein Interview mit Volker Beck (Grüne) zum Thema Religion, dem ich in seiner Beurteilung zustimme.

 19. Juli 2012  Veröffentlicht von am 12:08  Gesellschaft, Religion Tagged with:  Kommentare deaktiviert