Mai 052013
 

Die Fixierung der Gegenwart auf die Gegenwart ist oft erstaunlich. Die “Normativität des Faktischen” (Georg Jellinek) hat eine kaum hoch genug einzuschätzende Kraft. Allenfalls ein wenig in die Zukunft reicht der Blick, aber nur, soweit sie abzuschätzen ist. Und das ist nicht allzu weit. Karl Valentin wird bekanntlich die Äußerung zugeschrieben: “Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen”. Das Handeln im Alltag ist durchweg von recht kurzfristigen Überlegungen geleitet. Große Firmen denken sich gelegentlich langfristige Strategien aus, und die klappen allenfalls teilweise, siehe Valentin. Etwas anders liegt es bei Zielen, die man sich steckt, individuell wie generell. Über ihre Erreichbarkeit ist damit aber noch überhaupt nichts gesagt. Großer Elan im Blick auf die Zukunft ist stets von Wunschbildern geprägt. Dies alles gilt sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Letztere ist wahrscheinlich noch viel stärker auf Beharrung und Idealisierung fest gelegt.

Der Blick zurück in die Vergangenheit gilt als wenig verlockend, wenn es um gegenwärtiges Handeln geht. Selbst Erlebnisse von katastrophalen Ausmaßen verblassen spätestens in der nächstfolgenden Generation. Die politisch oft zitierte Aufforderung “Niemals vergessen!” ist durchweg von einem speziellen Bild einer bestimmten Vergangenheit geprägt und wird instrumentell im Blick auf gegenwärtige Ziele benutzt. Die Mahnung, nicht zu vergessen, sagt meist mehr über die Gegenwart dessen aus, der ein bestimmtes Bild der Vergangenheit beschwört, als über die Vergangenheit selbst. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass ‘der Mensch’ (sorry für diese Pauschalierung) so schrecklich wenig aus der Geschichte und so gar nichts aus der nahen Vergangenheit lernt. Der heutige Umgang mit dem Nationalsozialismus und den Weltkriegen ist davon nur vordergründig eine Ausnahme.

Ein Beispiel. Die gegenwärtigen globalen politischen Verhältnisse sind von Nationalstaaten geprägt. Die Basis stabiler (welt-) politischer Verhältnisse ist der geregelte Umgang der Staaten miteinander, und diese Staaten sind weitgehend national definiert. Die gesamte Idee der UNO beruht – nach dem gescheiterten Völkerbund – darauf, dass Nationalstaaten ihre Verhältnisse nach innen souverän (keine Einmischung) und nach außen gemäß dem Völkerrecht (also Nationenrecht) gestalten. Grenzen liegen ein für allemal fest. Ausnahmen (Kosovo) werden als solche deutlich gekennzeichnet und gerechtfertigt. Der Zusammenbruch der UdSSR verlief in weiten Teilen als eine verspätete Bildung von Nationalstaaten auf dem Territorium der UdSSR. In China wäre wohl Ähnliches zu erwarten, wenn es – aus welchen Gründen auch immer – zu seinem Zerfall der Zentralmacht käme, wie es schon so oft in der chinesischen Geschichte der Fall war. Im Grunde ist es die Globalisierung eines europäischen Modells: die Bildung von Staaten auf der Basis eines einheitlichen Staatsgebietes, Staatsvolkes und einer effektiven Staatsgewalt (dreifach Definition von Jellinek). Dieses Modell ist in Europa als Ergebnis Jahrhunderte langer Machtkämpfe und Revolutionen entstanden (vom dreißigjährigen Krieg ab 1618 über den Westfälischen Frieden 1648 und die Französische Revolution 1789 bis zum Wiener Kongress 1814/15). Die daraus erwachsenen Nationalstaaten wurden dann besonders auf dem Hintergrund der Erfahrungen zweier “Weltkriege” zu Blaupausen für die internationale Staatlichkeit, verfasst in der UNO, und der Ausbildung eines “Völkerrechts”, also eines Rechtes der Nationen. Das entsprach dem Bedürfnis nach internationaler und nationaler staatlicher Stabilität und ist bisher auch einigermaßen erfolgreich gewesen.

UN Building (wikiarchitectura)

UN Building (wikiarchitectura)

Das Problem steckt schon in der Definition des Begriffes “national”. Inwiefern sind die Deutschen (nur als Beispiel) eine Nation? Sprachlich würden auch die Österreicher dazu gehören und ein Teil der Schweizer – die alte Idee eines “Großdeutschland” wurde bekanntlich zuletzt von Nazi-Deutschland gewaltsam durchexerziert. Aber schon die Reichsgründung 1871 bezog sich auf eine nationalstaatliche Lösung, die unter der Dominanz Preußens einige Kleinstaaten (deutsche Fürstentümer) und sogar das Königreich Bayern integrierte. Das geschah also keineswegs auf der Grundlage eines klaren Nation-Begriffes, sondern aus machtpolitischen Zweckmäßigkeiten und ambivalenten Möglichkeiten. Die Zweistaatlichkeit (1949 – 1989) auf dem Boden des ehemaligen Deutschen Reiches entsprach viel eher früheren geschichtlichen Erfahrungen. Wie schwierig auch unter anderen europäischen Nationalstaaten die Definition des Staatsvolkes auf nationaler Basis ist, zeigen einerseits die nationalen Minderheiten (zum Beispiel die Basken) wie auch die nationalen Eigenständigkeiten selbst unter dem Dach einer konstitutionellen Monarchie (Great Britain aus England, Schottland, Wales und überseeischen Gebieten). Zuletzt hat auf mitteleuropäischem Boden der Zerfall Jugoslawiens in zerbröckelte Nationalstaaten zu Krieg und instabilen Verhältnissen geführt bis auf diesen Tag. Normal, ‘natürlich’, unveränderlich ist da gar nichts. Die Beispiele aus Indien (Trennung Bangladeschs 1971), Indochina (Vietnam) und erst recht Afrika (Somalia) lassen sich leicht ergänzen. Nationalstaatlichkeit ist offenbar keine allgemein gültige Gegebenheit mit Ewigkeitswert. Der Streit über Minderheiten, Sprachen, Kulturen inklusive unterschiedliche Religionen haben Nationalstaaten heutiger Prägung immer wieder zu einem Pulverfass gemacht. Es sind meist nicht mehr als momentan ‘eingefrorene’ Staatlichkeiten aufgrund konkreter veränderlicher Machtverhältnisse.  Aktuelles Beispiel: Syrien. Es gibt übrigens auch keinerlei Gewähr, dass es sich in Europa im Prinzip anders verhält. Nichts ist hier sicher und von Ewigkeitswert, ganz gewiss auch nicht durch den Euro.

Große Reiche waren in der Vergangenheit stets “Vielvölkerstaaten”, d.h. Staatsgebilde, deren konstitutives Element nicht eine Nation (nicht einmal den Begriff gab es), sondern die Machtausübung einer bestimmten aristokratischen Herrschaftsgruppe / Clan war. Das gilt noch bis zum Osmanischen Reich und ebenso für die habsburgische “Donaumonarchie” Maria Theresias. Die Probleme und das Ende dieses letzten Vielvölkerstaates auf europäischem Boden sind eng mit dem Entstehen des Nationalismus verbunden. Aber auch ganz andere Staatsgebilde wie die griechischen Poleis waren keineswegs auf einer Nation aufgebaut, sondern eben auf die Lebens- und Wirtschaftsform einer Stadtkultur. Nicht einmal das Recht musste in einem Staatsgebiet einheitlich sein. Für die Ostgoten (Theoderich) in Italien galt stets deren eigenes Recht nur für die eigenen Leute, während die eroberte Region ihr altes Recht behielt. Was hieß überhaupt ‘Eroberung’? Zunächst Plünderung und dann Tributpflicht als Anerkennung der neuen Oberherrschaft. So jedenfalls hielten es die ‘Römer’ in ihren Reichen. Interessant ist insbesondere bei den Römern, dass im Verlauf des Römischen Reiches die “Romanitas” immer stärker als Idee und viel weniger als Volks- oder Herkunftsbezeichnung verstanden wurde. Die meisten römischen Kaiser vor allem der Spätzeit waren mitnichten ‘Römer’ von Geburt. – Noch ein Hinweis auf die Vielfalt des Rechtes, die in einem Territorium gelten konnte: Im Mittelalter bis zur Neuzeit konnte in deutschen Ländern / Fürstentümern unterschiedliches Recht gelten: ein Hamburger, der in Köln vor Gericht stand, konnte nach hanseatischem Recht beurteilt zu werden beanspruchen. Erst unter Napoleon setzte sich ein einheitliches Recht für alle “Bürger” durch, der Code Napoleon (Bürgerliches Recht und Strafrecht + weitere). In summa: Das, was uns als selbstverständliche Gegebenheit staatlicher Organisation erscheint, der Nationalstaat (selbst innerhalb der EU), ist weder selbstverständlich noch vorgegeben. Unsere heutige ‘Normal-Staatlichkeit’ ist ebenso geschichtlich geworden und veränderlich wie alles Geschichtliche überhaupt. Insofern sind auch Nationalstaaten nur eine Episode.

Und was kommt danach? Multipolare, technokratische Großmacht-Staaten, wie in Ansätzen die USA, China und – mit Einschränkung – in Russland, Indien, Brasilien? Zerfall der bisherigen Nationalstaaten in kleinere quasi staatliche Verbände von Volksgruppen bzw. Machteliten (Afrika, aber auch Spanien, Balkan, Kaukasus, EU)? Neuartige Hypermacht-Kontrollorganisationen, die ein technisch geschlossenes System informeller Herrschaft etablieren (weit entwickelte Ansätze dazu im US-Einreiseverfahren und dem Datenaustausch mit ähnlichen Verfahren in Europa (geplant) und Australien; weltweites “Homeland Security Office”; ebenso die Totalüberwachung des Netzes und dadurch der Menschen in China)? Tendenzen zu einer neuen antagonistischen Dualität von “Cyber-Gov’s” in Washington und Peking, dem sich der Rest der Welt entweder unterordnet oder chaotisch-terroristisch entzieht? Nobody knows. Was immer sich entwickeln wird, welche neuen machtpolitischen Konstellationen Bedeutung erlangen, inwiefern neue Technologien zu neuen effektiveren Formen von Dominanz und Herrschaft führen werden, ist offen. Ob auch die freiheitliche Demokratie westlichen Zuschnitts nur eine weltgeschichtliche Episode bleibt, ist ebenfalls offen, aber nicht unwahrscheinlich. Demokratisch verfasste Nationalstaaten leiden an einer doppelten historischen Relativität: westlich-demokratisch und national zu sein. Soviel ist sicher: Die Welt der Staaten, so wie sie heute ist und Ewigkeitswert beansprucht, ist nur eine Übergangsform aufgrund der besonderen politischen Konstellationen nach 1945. Das ist lange her. Umso wahrscheinlicher, dass sich etwas Neues ankündigt.

 5. Mai 2013  Veröffentlicht von am 10:00  Geschichte, Nation Tagged with: , , ,  Keine Antworten »
Mrz 032013
 

Kaum ist man ein paar Tage weg, schon tritt der Papst zurück. Sollte ich öfter verreisen?- Anyway. Anlässlich des Machtwechsels in der katholischen Kirche gerät das Christentum für einen Moment in den medialen Fokus. Ein guter Zeitpunkt, einige immer wieder geäußerte Irrtümer über das Christentum aufzuklären. Manche dieser Irrtümer sind derart verbreitet, dass sie sogar von den Kritikern der Kirchen geteilt werden. Mit “Irrtümern” meine ich nicht die christlichen Glaubensinhalte, denn die sind eben eine Sache des Glaubens und nicht des Wissens. Ein Glaube kann darum nicht eigentlich “irren”. “Irrglaube” ist ein Widerspruch in sich, wird aber gerne als Begriff zur Denunziation von Gegnern der jeweiligen Glaubensrichtung benutzt. Mir geht es um die Dinge, die historisch gut belegt sind und deren Tatsächlichkeit aufklärbar ist.

Ein erster, sehr genereller Irrtum ist die Aussage, es gäbe “das Christentum”.  Es gibt dagegen sehr verschiedene Spielarten einer Glaubensrichtung, die sich mehr oder weniger ausdrücklich auf einen “Christus” beruft, an den sich bestimmte Glaubensinhalte heften. In den Hauptrichtungen des “Christentums” findet sich zwar eine recht große Schnittmenge von Gemeinsamkeiten, aber die Menge der Unterschiede ist von erheblicher Größe. Je nachdem man nur auf Glaubensformeln oder auch auf Traditionen, Lebensweisen und innerreligiöse Machtverhältnisse abhebt, können diese Unterschiede eher größer als die Menge der Gemeinsamkeiten sein. Dies gilt schon für die Hauptströmungen (siehe unten) der römisch-katholischen, der orthodoxen und der reformatorischen Glaubensrichtungen (“Kirchen”), erst recht für die viel zahlreicheren Nebenströmungen (siehe unten) der “erwecklichen”, “pfingstlerischen”, rigoristisch-ethischen oder neo-gnostischen bzw. dualistischen Ausprägungen des Christentums. Das, was wir im Allgemeinen “Christentum” nennen, war von Anfang an ein bunter Strauß sehr unterschiedlicher religiöser Glaubensformen mit einigen gemeinsamen Bezugspunkten (“Christus”, “Offenbarung”).

Die üblich gewordene Redeweise von “Kirchenspaltungen” ist eine sehr tendenziöse Ausdrucksweise jeweils aus der Sicht derer, die sich als die einzig richtige, darum “rechtgläubige” Hauptrichtung verstehen. Die von mir verwandten Begriffe “Haupt- bzw. Nebenströmung” beziehen sich ausschließlich auf die geschichtliche Ausprägung von quantitativ unterschiedlich zu gewichtenden Glaubensformen des Christlichen, unabhängig vom jeweiligen Selbstverständnis, die allein “rechtgläubige” und darum legitime Verkörperung des Christentum zu sein. Denn dieses Selbstverständnis haben alle Strömungen des Christentums, gerade auch ohne Berücksichtigung der zahlenmäßigen Größe: Auch die kleinsten Gruppen können sich zu den “einzig wahren” Christen radikalisieren. Die Unterscheidung “Haupt-” und “Neben-” trägt also nur der historischen Faktizität Rechnung, dass es zahlenmäßig besonders bedeutsame Gruppierungen gibt, die sich gegeneinander als “allumfassend” (=katholisch), als “rechtgläubig” (=orthodox) oder als “evangelisch” (= dem Evangelium gemäß) verstehen. “Reformatorisch” oder “protestantisch” sind dagegen Selbstbezeichnungen bestimmter abendländischer “Kirchen”, die auf die Interpretation ihrer Entstehungsgeschichte (“Reformbewegung”) oder auf bestimmte historische Fakten (Reichstags-Protest) abheben.

Dieser mainstream des Christentums hat sich aber keineswegs, wie stets behauptet, als die “wahre Kirche” aufgrund ihrer “Wahrheit” durchgesetzt, sondern vielmehr unter jeweils sehr unterschiedlichen geschichtlichen Bedingungen aufgrund von sehr konkreten Machtverhältnissen, Machtansprüchen oder Koalitionen mit den jeweils Mächtigen. Damit ist zugleich das weite Feld äußerst verwickelter Interessenkollisionen und / oder -koalitionen unter den jeweiligen kulturellen und politischen Machtverhältnissen angesprochen. Die Christen haben das auch oft genug offen zugegeben, diese Tatsachen aber religiös uminterpretiert durch die schon dem “Kirchenvater” Augustin zugeschriebene Formel “confusione hominum, Dei providentia”, das heißt “trotz Irrtümer der Menschen durch Gottes Vorsehung (geschehen)”. Die “Vorsehung” war dann stets auf der Seite der siegreichen Partei. Dass sich die genannten drei Hauptströmungen des Christentums durchgesetzt haben, hat also mit sehr konkreten “Verbandelungen” mit den Interessen der jeweils Mächtigen zu tun und zum geringsten Teil mit dem vermeintlichen “Wahrheitsanspruch”. Immerhin war der noch heute allgegenwärtige Augustin zu seiner Zeit ein recht umstrittener und als eigensinnig verschriener Bischof (siehe Kurt Flasch, Augustin). Die geschichtlichen Bedingungen der Durchsetzbarkeit der römisch-katholischen, der orthodoxen und der reformatorischen Glaubensrichtungen waren sehr unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen aber die Übereinstimmung mit den Herrschenden bzw. einer Gruppe von Herrschenden zu ihrer Zeit. Geschichtsmächtig wurde also das, was in der Geschichte die Macht auf seiner Seite hatte. Das gilt nicht nur für die Ausformungen der christlichen Religion(en), aber für diese ganz bestimmt.

Im Interessenkonflikt von Macht und Politik haben sich nicht nur organisatorische Strukturen (Cäsaropapismus, Vorrang des römischen Bischofs als “Papst”, der Sum-Episkopat der Fürsten) der heute verbreiteten christlichen “Kirchen” durchgesetzt, sondern de facto auch ihre Glaubenslehren. Das beginnt bei dem oft zitierten gemeinsamen “Glaubensbestand” der altkirchlichen “ökumenischen Konzilien” immerhin mit den zentralen Dogmen der Trinität und der “tatsächlichen” Gottessohnschaft des Christus, setzt sich in dem sich während des Mittelalters herausbildenden Machtprimat des römischen Papstes (nicht nur eines “Ehrenprimats”) fort und findet unter dem russisch-orthodoxen “revival” unter Jelzin – Putin noch lange nicht sein Ende. Die derzeit anstehende Papstwahl in Rom ist in erster Linie mitnichten ein “geistliches”, d.h. spirituelles Ereignis, sondern eines von extremer machtpolitischer Relevanz. Liest man dazu die derzeit einschlägigen Berichte, dann gibt es im Vatikan wieder einmal ein großes Hauen und Stechen, Tricksen und Treten. Genau dies hat über Jahrhunderte Tradition – und führte nicht zuletzt zu langjährigen Doppel- ja Dreifach-Päpsten. Der Vatikan setzt nur auf die Vergesslichkeit der Gläubigen – und auf eine perfekt inszenierte “Heiligkeit”. De facto verbirgt sich im römischen Katholizismus ein heute fast unglaublicher machismo , ein Kampf alter Männer um die Macht innerhalb und außerhalb der “Kirche” (Finanzwelt). Ähnliches ließe sich für die orthodoxen Gruppen zeigen, die stets einen Hang zu den Mächtigen hatten, ob es nun Russen, Serben oder Griechen während der Militärdiktatur waren bzw. sind.

Will man erkennen, was sich sonst noch alles unter dem Sammelbegriff “Christentum” an interessanten und kuriosen Blüten finden lässt, dann muss man sich denjenigen Gruppen zuwenden, die von den machtvollen Hauptvertretern des Christentums als “Sekten” oder “Ketzer” diffamiert und ausgegrenzt wurden. Auch dies begann gleich von Beginn dessen an, was wir Christentum nennen. Schon in der “Bibel”, dem energisch formierten Erfolgsbuch der Mehrheitschristen, lassen sich Spuren ernster Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Glaubensrichtungen (Pauliner, Petriner, Jakobus-Anhänger, Johannes-Christen) finden. Das setzt sich fort mit den Gnostikern, den Thomaschristen, den Apokalyptikern, den Arianern, den Marcioniten, den Manichäern, den Miaphysiten, den – springen wir über die Jahrhunderte, weil die Liste sonst zu lang würde – den Katharern (aus denen eben die “Ketzer” wurden), den Averroisten, den Armutschristen, – und wieder später den Mennoniten, den Adventisten, den Mormonen, den Waldensern, den vielen Alt-, Neu-, Frei-Kirchen. Ein Buch über das Christentum müsste all diese Bewegungen und Glaubensrichtungen mit im Blick haben, wenn man die religiöse Breite dessen darstellen will, was sich unter dem Dach “Christentum” finden lässt. Die Konzentration auf die “geschichtsmächtig” gewordenen Hauptströmungen ist durch nichts anderes als durch eine machtpolitische Perspektive der Kirchenhistoriker bedingte, interessegeleitete Verengung, Zuspitzung, Auswahl.

Es gehört zu den unausrottbaren Irrtümern der Zeitgenossen, das Christentum nur aus dem Blickwinkel der großen Kirchen zu betrachten. Diese legen es allerdings gerade darauf an und prägen auf diese Weise noch Blickwinkel und Zugangswege auch der Kritiker. Christentum ist weit mehr als seine Machtorganisationen und Hauptströmungen. Eigentlich ist die interessanteste Geschichte des “Christentums” seine “Ketzergeschichte”. Aber auch die sogenannten Ketzer sind keineswegs “die Guten”, sind ebenso selbstgerecht und unduldsam, eigensinnig und rechthaberisch (“wahre Kirche”) wie der mainstream. Aber oftmals finden sich bei ihnen verschüttete Gedanken und Impulse, die sich mit entsprechenden Erfahrungen anderer Religionsformen als der christlichen berühren, überschneiden, befruchten und so die Vielfalt religiöser Ausdrucks- und Lebensformen im Verlauf der menschlichen Kulturgeschichte zeigen.

Es gibt nicht die “wahre Religion”, auch nicht diejenige (humanistische) Religion aus Lessings “Ringparabel”. Der Wahrheitsanspruch ist schon der verkehrte Weg. Ob dieser exklusive und gewalttätige Wahrheitsanspruch erst durch die monotheistischen Religionen in die Welt gekommen ist, wie eine interessante These behauptet (Jan Assmann, Die mosaische Unterscheidung), oder ob das Rechthabenwollen (“Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.”) doch mehr zum Fundament des Menschlichen gehört, kann dahin gestellt bleiben. Religion als ein eigenständiger Bereich des Menschlichen kann das Leben des Einzelnen bereichern und erfüllen, kann auch Sinn und Hoffnung vermitteln, kann Impulse zu solidarischem Handeln geben, überhaupt Verantwortung und Gemeinschaft stiften. Darum sollte man Religionen, auch das “Christentum”, eben nicht nur kirchenhistorisch (dominante Sicht der Mehrheit) und auch nicht nur religionshistorisch, (verengt auf eine religiöse Geschichte ohne ihre Interessen an Macht, Geld und  Einfluss) betrachten, sondern allgemein kulturgeschichtlich, soziologisch, psychologisch, sozialgeschichtlich mit all den dort zur Verfügung stehenden Methoden und Modellen.

Bischöfe

Ein letzter Irrtum als aktuelle Zuspitzung. Wenn in Rom ein neuer Papst gewählt wird, so geht es um handfeste Machtpolitik, auch wenn viele Katholiken kindlich von einem neuen “heiligen Vater” träumen. Die Machtstrukturen der römischen Kirche erfordern deren Selbsterhalt, und sei es um des Selbsterhaltes willen: wegen der Privilegien, der Finanzströme, der Abhängigkeiten, der “Leichen” und Skandale, die unter Verschluss gehalten werden müssen. Damit steht diese “Weltkirche” tatsächlich repräsentativ für das offizielle “Christentum” da: Das Christentum ist die geschichtlich vielleicht wirkungsvollste religiöse Form politischer Macht – und die politische Form religiöser Macht überhaupt. Da ist der theokratische Islam im Iran oder in Saudi Arabien nur ein schwacher Abklatsch, wie überhaupt der Islam vom Christentum machtpolitisch viel gelernt hat. Mag einem manche Struktur überholt, “von gestern” und im Niedergang begriffen erscheinen, so sollte man die Virulenz der “alten Männer”, ihrer Dogmen und Herrschaft über die “Seelen” nicht unterschätzen. Christentum ist geschichtliche Gestalt gewordene institutionelle religiöse Macht in unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen. Sie teilt mit aller Macht und allen Mächtigen die Fähigkeit, sich in eigenem Interessen zu wandeln, zu transformieren, selbst unter dem Deckmantel der Tradition. Genau diese Fähigkeit hat den tatsächlichen Erfolg des Christentums begründet. In dieses Schema muss und wird auch der neue “Papst” passen.

 3. März 2013  Veröffentlicht von am 12:44  Geschichte, Kirchen, Kultur, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Feb 222013
 

Der Senat tritt im Capitol zusammen, um eine Gesetzesvorlage zu beraten. Senat? Capitol? Gesetze? Klar, Washington, US – Politik. Oder doch Rom, zum Beispiel im Jahr 79 v.u.Z.? Und der Regierungschef hieß nicht Obama, sondern Sulla? Allerdings hielt auch dieser eine Rede von der Art “State of the Union” und zog sich dann auf seinen Landsitz zurück. Sullas “Camp David” lag in Puteoli. Worin besteht die Gemeinsamkeit, oder sind es nur die zufällig gleichen Namen? Nein, zufällig ist hier nichts. Namen sind Programm. Und die Gemeinsamkeiten gehen weit über diese Namen hinaus. Wenn man in Washington auf die Architektur der Regierungsgebäude blickt, kommt einem fast zwangsläufig Rom in den Sinn, – anders natürlich, irgendwie “neo-klassizistisch”. Auch da wird ein Anspruch deutlich: Ein Imperium, das neue Rom. Das aber wollten schon viele sein: Byzanz, Alexandria, Moskau…

Bei aller Faszination, die solche Vergleiche ausüben und die darum immer wieder angestellt werden, ist doch große Vorsicht geboten. Über zweitausend Jahre Zeitunterschied sind kein Pappenstiel, der “garstige Graben der Geschichte” ist nicht einfach feuilletonistisch zu überfliegen. Dennoch kann man natürlich Linien aufzeigen, die sich über die Zeiten hinweg, wenn auch gebrochen, durchgehalten haben, Einflüsse, Auswirkungen, Fernwirkungen, Übereinstimmungen und Abgrenzungen, bewusst oder unbewusst. Umgekehrt gilt auch, dass immer wieder versucht wurde, an “Rom” anzuknüpfen und das “neue Rom” zu sein, und sei es auch nur religiös, “Rom” als Mittelpunkt einer Weltkirche. Das Römische Reich als Republik, als Kaiserreich, als Militärdiktatur, bis hin zu seinem Niedergang, hat immer wieder als (vermeintliche) Vorlage gedient, um jeweils aktuelle Interessen und Ansprüche “historisch” zu legitimieren. Und wenn US-Senatoren einen US-Präsidenten an der Leine des “Filibusters” zappeln lassen, so werden auch darin uralte Konfliktmechanismen zwischen einem gleichnamigen Kollegial- und dem Exekutivorgan sichtbar.

Maccari-Cicero-Senate

Römischer Senat (Maccari – Wikipedia)

Vom “Imperium Romanum” haben wir noch viel mehr geerbt als das Capitol, den Senat und den imperialen Anspruch “Roms”. Auch die “Republik” (res publica) kommt aus der römisch-lateinischen Tradition, wohingegen die Demokratie auf ihre Ursprünge in der griechischen Polis verweist. Die Unterscheidung von öffentlich und privat kommt aus dem römischen Recht, auch die Zivilgesellschaft ist ein Erbe der römischen “civitas”, des “civis romanus”. Der römische Bürger, welch Privileg, ist allein Teilhaber der römischen Civitas und lebt soziokulturell im Raum dessen, was man später mit “romanitas”, Romanität, bezeichnet hat. Beiläufig habe ich eben das römische Recht erwähnt, das noch in unserer Zeit eine wesentliche Rechtsquelle des Bürgerlichen Gesetzbuches darstellt. Nicht zufällig ist darin so viel von Eigentum, Besitz und der Unterscheidung dieser beiden Begriffe die Rede.

Sozialgeschichtliche Studien sind faszinierend, insbesondere zum Römischen Reich. Man lernt dabei nicht nur die Ursprünge des “Populismus” kennen, sondern auch des “Plebejers” und sogar des “Proleten”: Der “proles” hatte nämlich nichts an Besitz als nur seine Nachkommen, die Kinder. Marxistische Geschichtsschreibung hat darum immer wieder versucht, die Sozialgeschichte Roms als die Ursprünge einer Klassengesellschaft zu beschreiben. Das mag einen nicht unbedingt überzeugen, aber dieser Nachdruck, der in dieser weltanschaulichen Betrachtung auf die Sozialgeschichte gelegt wurde, hat doch sehr viel Erhellendes und Wichtiges angestoßen und zu Tage gebracht. Schaut man heute auf die durchaus aktuelle Literatur zur Sozialgeschichte des Römischen Reiches, so kann man damit bzw. mit den zahlreichen Einzelstudien Bibliotheken füllen. Wer die Mühe nicht scheut, das umfangreiche deutschsprachige Standardwerk von Géza Alföldy (G. Alföldy, Römische Sozialgeschichte, 4. Aufl. 2011) zu lesen, wird reich belohnt. Es erschließt sehr anschaulich einen großen Teil der sozialen Wirklichkeit des Römischen Reiches.

Die Verführung, Verbindungen zur Jetztzeit zu ziehen und entsprechende Vergleiche anzustellen, ist groß. Tut man dies mit der gebotenen Vorsicht, eben nicht vorschnell Ungleiches gleich zu setzen, so eröffnen sich vielfältige Perspektiven auf unsere politischen Wirklichkeiten, die zeigen, dass Vieles gar nicht so neu ist, dass es tatsächlich vergleichbare Strukturen und Verhaltensweisen gibt über die Jahrtausende hinweg. Vor allem im Blick auf den Umgang mit Macht lässt sich viel Erkenntnis gewinnen. Hier fällt das Gleichartige besonders in die Augen. Was zu Beginn der Renaissance Niccolò Macchiavelli in seinem “Il Principe” auf den Begriff gebracht hat, galt schon Jahrhunderte vorher – und gilt offenbar ebenso Jahrhunderte nach ihm. Es gibt offenbar so etwas wie Grundstrukturen des Umgangs der Menschen mit Macht und Gewalt, die sich trotz Humanismus und Aufklärung kaum geändert haben. Wen das erschreckt, der hat sich offenbar bisher über die Grundstrukturen des Menschlichen getäuscht. Jedenfalls gibt es keinen Anlass, erst das 20. Jahrhundert als das “Jahrhundert der Gewaltexzesse” zu kennzeichnen. Massive Gewalt zur Durchsetzung von Macht ist offenbar zu allen Zeiten erste Wahl derer, die herrschen (wollen).

Öffentlichkeit, Demokratie, bürgerschaftliche Diskurse, Zivilgesellschaft, Kommunikation durch neue Medien – auch dies ist als Gegengewicht gegen die Gewalt der Mächtigen stets in irgend einer Form da gewesen, heute hoffentlich kraftvoller als früher. “Hoffentlich”, schreibe ich, denn sicher bin ich mir da keineswegs. Die römische Gesellschaft baute auf Besitz, auf Grundbesitz, und schon damals floß Geld zu Geld. Auch heute noch ist “Grundbesitz” eine wesentliche Ressource des Reichtums, wenn auch nicht die einzige und auch nicht mehr in Form “preußischer Junker”, sondern als BHP, Exxon und Gazprom – und all derer, die sich daran teilhabend bereichern. Wie Reichtum entsteht und bewahrt, wie er geraubt und verteidigt wird, das zeigen sozialgeschichtliche Studien mit aller Deutlichkeit. Man müsste sich dazu mehr Gedanken machen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 22. Februar 2013  Veröffentlicht von am 12:09  Geschichte, Politik, Rom Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Feb 172013
 

“2012 DA14″ – So lautet die astronomische Kennzeichnung des Asteroiden, der Freitag Abend, am 15.02. gegen 20:30 h, in nur 27.500 km Entfernung an der Erde vorbei flog. Dieses Kürzel ”2012 DA14″ wird man schnell wieder vergessen haben. Die Aufregung über den über Russland am Ural nieder gegangenen Meteoriten war sogar größer, weil er sichtbaren Schaden angerichtet hat – und weil es so schöne Videos von dem Feuerball auf YouTube gab. Aber ansonsten ist nichts gewesen. Das durch den Maya-Kalender am 21. Dezember vergangenen Jahres angeblich vorausgesagte Weltende hat jedenfalls sehr viel mehr und anhaltender Aufmerksamkeit erregt. Die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit, die “Voreinstellung” unserer Psyche, ist schon sehr merkwürdig. Sie reagiert nur auf einzuordnende, also bekannte Gefahren, die man sieht. Ein mythologischer “Weltuntergang” à la Maya scheint jedenfalls vertrauter und darum begreifbarer zu sein als der wahrlich gefährliche Vorbeiflug (besser: Beinahe-Kollision) eines Asteroiden, den man sich ohnehin nicht vorstellen und dessen Gefahrenpotential man deswegen auch gar nicht einschätzen kann. Gut, es ist nichts passiert, nur ein paar Fensterscheiben am Ural kaputt, so what?

Wer etwas mehr wissen will, kann in den Medien auf den Wissens-Seiten einiges Informative über die Möglichkeiten der Beobachtung und Abwehr von Meteoriten und Asteroiden erfahren, gut aufgemacht mit allerlei Bildchen und erläuternden Grafiken. Das klingt alles sehr seriös mit Gewährsleuten von NASA und ESA. Ja, rechtzeitig muss man es nur wissen, ja und einigermaßen erkennbar müssen die Dinger sein, das sind dann ohnehin nur größere Objekte, also so ein Klecks wie der über dem Ural, den könne man glatt vergessen, ist vorher nicht zu erkennen, ja dann könne man etwas machen, wenn man so ca. 4 Jahre Vorlaufzeit hat, kein Problem, da tauschen sich die Wissenschaftler und Techniker jetzt international aus, da gibt es ja verschiedenen Szenarien, solch einen Himmelskörper abzulenken und aus der Bahn zu werfen, wie genau wisse man natürlich noch nicht, erprobt sei da gar nichts, manches könne man sich halt vorstellen, dass es funktionieren könnte, Testmöglichkeiten gäbe es dazu ja leider keine, jaja, gleich der Ernstfall, aber der wird schon nicht so schlimm sein, ist äußerst unwahrscheinlich, Wahrscheinlichkeit etwa so groß wie vom Haifisch gebissen zu werden – ach, das passiert oft? Naja, ist eben alles relativ, und manche Ideen mögen nicht viel mehr sein als die “blanke Verzweiflung” – uups? wie war das? Verzweiflung? Wieso das denn? Ach so, die Dinosaurier…

2012 - DA14

2012 – DA14 (NASA)

Denn das ist nirgendwo klar zu lesen, allenfalls rutscht mal am Ende eines Artikels so etwas raus wie hier im n-tv-Bericht die zitierte “blanke Verzweiflung”: Dass wir eigentlich überhaupt nicht wissen, was wir gegen eine Kollision mit einem Asteroiden machen können, – gegen Meteoriten ist absehbar schon gar nichts möglich: zu viele, zu schnell, zu klein. Wahrscheinlich muss man zugeben, derzeit über keinerlei sichere Mittel bzw. Technologie zu verfügen, um die Erde vor einem Aufprall durch einen Asteroiden von der Größe “2012 DA14″ (50 m Durchmesser) oder mehr bewahren zu können. Schwer zuzugeben: Da ist eine nicht unerhebliche Gefahr, und wir können wahrscheinlich nichts Erfolgversprechendes dagegen unternehmen. Eine solche Erkenntnis, ein solcher Satz ist für unser heutiges (Selbst-) Bewusstsein inakzeptabel, unbegreiflich, schlicht nicht nachzuvollziehen oder gar hinzunehmen. Das kanns nicht geben.

Genau das ist aber sehr problematisch. Menschliches Wissen und Können ist immer begrenzt, schon ganz besonders im Hinblick auf die universalen Kräfte in der Natur. Weil es uns seit der Neuzeit aber so gut gelungen ist, die Kräfte der Natur auf der Erde anscheinend in den Griff zu bekommen, hat sich das Bewusstsein breit gemacht, es gäbe prinzipiell nichts mehr, was nicht mit geeigneten Technologien zu bewältigen wäre. Unmöglich ist verboten. Nicht die Anerkenntnis von Grenzen und Unmöglichem, sondern Lösungen sind gefragt. Es gibt immer welche, sagt man. Dies nenne ich die Hybris der Neuzeit. Sie ist die vielleicht verderblichste Grundeinstellung des heutigen Menschen überhaupt. Verderblich ist wörtlich zu nehmen: weil sie ihn irreparabel ins Verderben führt. Dies gilt auf vielen Gebieten, der Beispiele sind Legion: Klimaveränderung, Umweltverschmutzung insbesondere der Ozeane, Vernichten der Biodiversität sind die Hauptthemen. Änderungswille ist kaum vorhanden, solange es noch irgendwie weiter geht. Typisch ist die vor allem in den USA verbreitete technizistische Auffassung zum Klima: Da wir den CO2-Ausstoß kaum vermindern können, lasst uns lieber höhere Deiche bauen.

Alles ist machbar? Es scheint nur so. Die Erfolge der technologischen Entwicklungen der vergangenen zweihundert Jahre sind so überwältigend, dass eine Grenze menschlicher Verfügungsmacht überhaupt nicht mehr in den Blick genommen wird. Es gibt sie einfach nicht. Was vom neuzeitlichen Bewusstsein nicht als real anerkannt wird, ist nicht. Natürliche Grenzen sind halt nicht “real”, denn alles ist möglich: Om – om – om. Man muss nicht ins Weltall schauen, um die Grenzen der menschlichen Fähigkeiten zu entdecken. Es reicht der Blick auf die Verhältnisse auf unserem Planeten. Sogar die viel gerühmten und oft beschworenen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters machen davor keinen Halt: Nach Aussagen einiger Fachleute haben wir zum Beispiel die Kontrolle über die selbständig in Hochgeschwindigkeit interagierenden Computersysteme an den Börsen längst verloren; selbst Insider verstehen nicht mehr, was da abläuft (siehe Schirrmacher, Mirowski).

Angesichts der möglichen Kollisionen mit größeren Himmelskörpern sind wir bis auf Weiteres völlig machtlos. Zwar hat die menschliche Kreativität bisher immer wieder Erstaunliches zu Wege gebracht, aber hier geht es um Dimensionen, gegenüber denen die Hiroshima-Bomben Kinderspielzeug waren. Schon 2029 nähert sich ein nächster Asteroid, 2040 ein noch größerer. “Auch nach der Kollision mit einem Asteroiden würde sich die Erde weiterdrehen, und es gäbe noch Leben auf dem Planeten. Doch die Zerstörungen wären mitunter großflächig.” (n-tv) Dieser Satz ist halbwegs realistisch, klingt aber noch schönfärberisch. Ein Asteroiden-Impact von der Größe und den Zerstörungsausmaßen von Flagstaff, Arizona, würde langfristige Veränderungen des Klimas bewirken – schon die Asche bei Vulkanausbrüchen beeinträchtigt unser modernes Leben erheblich, siehe Eyafjallayökull (2010). Ein Asteroidenaufprall würde mit Gewissheit unser Leben völlig verändern, ganz abgesehen von den unmittelbaren Schäden und Toten. Da bliebe nichts mehr, wie es war.

Alles ist möglich? Ja, – aber eben nicht dem Menschen. Der sollte sich seiner Begrenztheit, gerade auch der Grenzen seines Wissens, seiner Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten immer bewusst bleiben. Das macht nüchtern und trägt dazu bei, sich mehr auf das zu konzentrieren, was wir wirklich erreichen können im Blick auf unseren Planeten. Auch im Hinblick auf die Gefahren aus dem Weltall sind alle Anstrengungen nötig, klar. Aber auch da werden Grenzen bleiben, Grenzen, die wir anerkennen und aussprechen sollten. Das macht uns vielleicht ein bisschen realistischer und bescheidener. Der Rest erledigt sich von alleine.

 17. Februar 2013  Veröffentlicht von am 10:41  Mensch, Moderne, Natur, Neuzeit, Technizismus Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Jan 312013
 

Altes Denken – neues Denken, das ist doch keine Alternative. Altes Denken ist eben alt, vergangen, ‘out’; neues Denken ist modern, dran, ‘in’. Seit Francis Bacon (†1626)  ist “das Neue” Ausweis wirklichen Wissens und vorwärts treibende Kraft der Wissenschaft. “Wissen ist Macht” – dieses Diktum wird ihm zugeschrieben, es kennzeichnet durchaus das, was Bacon mit seiner “Neuen Methodenlehre der Wissenschaft” (1620) verband: den stetigen Fortschritt der Erkenntnis und eine wachsende Naturbeherrschung. Seine Gedanken haben das, was sich danach im neuzeitlichen Denken und Wissensbetrieb  abspielte, erstaunlich hellsichtig auf den Begriff gebracht. Bacon kennzeichnet damit die endgültige Abkehr vom mittelalterlichen Denken, dessen Gütesiegel eher darin bestanden hatte, wie die berühmten Alten zu denken und keine Neuerungen zu lehren. Denn das war ja gerade der Inbegriff der Ketzerei: Neues zu lehren und nicht mehr der Tradition zu folgen. Die Hinwendung zum fortschreitend Neuen kennzeichnet sehr präzise die Wende zur “Neu-Zeit”, nämlich zur ‘Zeit des Neuen’. Klaus Peter Fischer hat in einem kleinen Vortrag “Als das Neue noch neu war” sehr schön diesen Wandel der Perspektive des Denkens heraus gestellt.

Für uns heute ist diese Perspektive ganz vertraut, ganz selbstverständlich. Nur das Neue ist wirklich interessant. Nachrichten sind eo ipso “Neuigkeiten, “news”. ‘Altigkeiten’ gibts nicht. Neue Ideen, neue Modelle, neue Lösungen sind gefragt. Im Zeitalter des Internets leben wir in einer ständig Neues produzierenden Welt: Neue ‘gadgets’, neue ‘apps’, neue (Facebook-) Freunde und Kontakte, das Neuste jeweils als “Gezwitscher” im Netz, neue Bildung, neues Wissen usw. Manche sehen ja erst mit den Möglichkeiten des Internets die wirklich neue Neuzeit angebrochen. Im Denken zumindest gilt Älteres nur dann als interessant, wenn früher schon etwas Neues gedacht und eben nur nicht beachtet wurde. Das Alte als solches ist definitiv vorbei und uninteressant. Es wäre durchaus lohnend, einmal über das Zeitgefühl nachzudenken, das sich in dieser modernen Mentalität äußert. Der Hinweis, es sei eben zielgerichtetes Denken auf dem “Zeitpfeil” und nicht mehr Denken in Kreisläufen, gibt eine einfache, vielleicht sogar zutreffende Deutung, reicht aber zur näheren Kennzeichnung und Erfassung dessen, was unser neuzeitliches Zeitverständnis ausmacht, noch längst nicht aus.

Bacon

Bacon, Great Instauration – Titel (Wikipedia)

Vielleicht liegt das auch daran, dass viele nur noch Kurzes lesen (wenn denn gelesen wird),  mal eben den Anfang einer Nachricht, einer Geschichte, eines Blogbeitrags (“tl;dr”), – Lesen als literales Zappen gewissermaßen. Oft fehlt die Muße und die Mühe, ein größeres Werk in seinem Zusammenhang zu lesen, zu durchdenken, zur Kenntnis zu nehmen. Dies Verhalten ist natürlich nicht neu, wird aber durch die schnellen Medien und den Zwang zur Kürze (Twitter: 140 Zeichen) und durch die ständig einströmenden Meldungen der jeweiligen “timeline” erheblich gefördert. Dabei lässt sich komplexes Denken, also ein Denken, das sich als größeres System begreift und ein Denkgebäude darstellt, kaum im Vorbeigehen erfassen. Das braucht Zeit, um in alle Räume dieses Denkens einzutauchen. Nur dann wird sich das Spezifische, das Eigentümliche, das Faszinierende und das vielleicht sogar Wahre dieses jeweiligen Denkentwurfs erschließen. Hinzu kommt, dass manche denkerischen Gebäude schwer zugänglich sind, man sich einlesen und eindenken muss, die Begrifflichkeit des Denkens lernen und verstehen muss, um überhaupt erst die “Denkräume” begehen und erforschen zu können. Dies gilt übrigens nicht nur für Philosophen, die als “schwer” gelten (Leibniz, Kant, Wittgenstein), sondern oft viel mehr für die vermeintlichen “Leichtgewichte” im Verstehen, die sich so glatt weglesen (Platon, Jaspers), deren strenge und sehr präzisen Denkstruktur dann aber glatt übersehen oder gar nicht erfasst werden. Schon gar nicht gilt das für die “Modedenker”, zu denen ich hier einmal Niklas Luhmann, Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk rechne, wobei auf jeden Fall die beiden Erstgenannten in ihren eigenen Werken (weniger in den Popularisierungen) äußerst streng, präzise, vielschichtig und deswegen ‘schwierig’ sind. Sloterdijk legt es von vornherein, mit Sprache spielend, mehr aufs Feuilleton an, was die Gefahr der Fehleinschätzung als “oberflächlich” eher noch erhöht.

Wer es aber unternimmt, in das Gebäude eines Denkens hinein zu gehen und es auszuforschen, einem Denker auf seinen Denkwegen zu folgen und auch dem nur Angedeuteten, Ungesagten nachzuspüren, dem erschließt sich eine ganz andere Welt, ja auch eine ‘neue’ Welt, nämlich unterschieden von dem, was einem bisher zu denken und verstehen gewohnt und vertraut war. Und dann spielt es auch kaum eine Rolle, ob es sich um einen “alten” oder einen “modernen” Denker handelt. Ja, es kann einem dann so ergehen, dass ein recht altes Denksystem, gerade weil es uns in seinen Zusammenhängen so fremdartig und unvertraut ist, völlig faszinieren und neue Räume öffnen und Denkmöglichkeiten erschließen kann, als käme es aus einer anderen Welt. Mir ist das so bei dem schon literarisch-technisch in der Tat schwer zugänglichen Werk Plotins († 270) ergangen. “Faszinierend”, um es mit Spock zu sagen. Beginnt man dieses platonische (neuplatonisch genannte) Denken eines so großartigen Denkers wie Plotin ein wenig zu begreifen, erkennt man eine Schönheit und Wahrheit (“ja, das ist so”), die einen fast überwältigen kann. Klar, eine solche faszinierende Wirkung führt leicht dazu, über die Widersprüche und Fragwürdigkeiten hinweg zu sehen. Dennoch, es liegt ein besonderer Reiz in der Entdeckung solcher Denkwege und Denkmöglichkeiten. Beim genaueren Hinschauen ist dann zu merken, wie sehr doch viele Begriffe und Ideen eines Plotin und seines Schülers Porphyrios zum Beispiel Jahrhunderte später wieder kehren und in diesem Falle bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel fast in Reinform auftauchen. So nah liegt oft das Alte.

Ich komme darum immer mehr zu der Einsicht, dass es nur sehr wenig wirklich Neues im Denken und Verstehen gibt. Das Meiste, was uns neu erscheint, ist uns nur unbekannt gewesen, obwohl es schon längst da war und gedacht und beschrieben worden ist. Das trifft sich mit der Bemerkung des britischen Philosophen Alfred North Whiteheads († 1947), die abendländische Philosophiegeschichte bestehe aus “Fußnoten zu Plato”. Oft ist das jeweils Neue nur eine kleine Änderung der Perspektive, eine leichte Verschiebung des Gewichtes bestimmter Ansätze und Ausgangspunkt. So etwas kann man sehr schön bei Descartes im Vergleich zu seinen unmittelbaren Vorläufern und Zeitgenossen finden. Das Besondere und Geniale liegt dann, übrigens nicht nur im Denken, im rechten Zeitpunkt und im gefundenen Begriff. Auf die knappe Formulierung “cogito ergo sum” muss man erstmal kommen, auch wenn der Sache nach Ähnliches schon lange vorher gedacht und geschrieben war. Mich interessiert darum immer wieder und oftmals stärker als manches Neue, das sich in Kürze als Geschwätz erweist, das Alte: Denkmöglichkeiten, die schon einmal erprobt, formuliert, vielleicht nur angedeutet waren. Wenn ich oder ein beliebiger anderer dies heute tut, geschieht es ja in einem ganz anderen zeitlichen Zusammenhang, in einer anderen Welt als derjenigen, in welcher der ursprüngliche Denker gelebt und gearbeitet hat. Schon die ‘Verfremdung’ kann erhellend sein. Erneutes Nachdenken eines alten Gedankens ist dann eben doch auch zugleich ein erneutes Durchdenken und insofern ein ‘neues Denken’. Das Alte neu zu denken ist dann vielleicht das Spannendste, was es überhaupt zu denken gibt.

 31. Januar 2013  Veröffentlicht von am 11:33  Geschichte, Philosophie, Wissen Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Jan 062013
 

Es ist erstaunlich, wie langsam sich Dinge ändern. Schaut man in die Geschichte, dann findet man rasche Änderungen nur durch den Einsatz massiver Gewalt, im Krieg oder bei Umstürzen der Herrschaft (Revolution, Staatsstreich). Auch dann ist jeweils zu fragen, wie weit es dadurch wirklich zu einer nachhaltigen Veränderung konkreter Verhältnisse durch die Änderung der Herrschaftsverhältnisse gekommen ist oder ob es nur einen Wechsel der herrschenden Elite gegeben hat, sich also gewissermaßen nur das Etikett geändert hat.

Noch wissen wir zum Beispiel nicht, ob der Machtwechsel in Ägypten zu nachhaltig veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen führen wird oder ob sich dort eine neue Elite unter islamistischem Vorzeichen etabliert. Natürlich kann auch ein solcher Wechsel der Eliten weitere Änderungen nach sich ziehen, zumal wenn die herrschende Ideologie sich ändert. Entscheidend für die Beurteilung einer umfassenden Veränderung wird dann sein, ob und wie weit der Herrschaftswechsel zu einer Änderung gesellschaftlicher, sozialer und ökonomischer Beziehungen führt. Doch auch dies braucht wiederum viel Zeit.

Anderes Beispiel. Die “Novemberrevolution” in Deutschland 1918/19 hat zwar zu einem dramatischen Herrschaftswechsel geführt, aber die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in der Weimarer Zeit waren weitaus geringer, als es das Ende des Kaiserreiches vermuten ließe. Andererseits gab es 1945 zwar einen durch den Kriegsverlauf (= totale Niederlage Nazi-Deutschlands) verursachten Wechsel im Herrschaftssystem (Konstituierung einer föderalen Demokratie), aber die daraufhin folgenden sozialen, wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Veränderungen waren viel gravierender und nachhaltiger als während der Weimarer Republik. Allerdings, und damit zeigt auch dieses Beispiel, die dauerhaften Veränderungen brauchten wiederum Zeit, viel Zeit, ehe man den Umbruch im staatlichen und gesellschaftlichen System der Bundesrepublik Deutschland richtig absehen und beurteilen konnte. Im Grunde  erstreckte sich dieser Zeitraum fast auf das gesamte Bestehen der “alten” Bundesrepublik, denn die sechziger, siebziger und achtziger Jahre brachten jeweils eigene Impulse und Akzente, die zu einer gesellschaftlichen Transformation und erst nach und nach zu einer gefestigten neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland geführt haben.

Weit reichende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, in Ökonomie und Kultur, erst recht in Sitte und Moral erfordern viel größere Zeitspannen als nur ein paar Jahre oder gar ein bestimmtes, heraus ragendes Datum. Solche Daten werden meist im Nachhinein mit der ihnen eigentümlichen Symbolkraft versehen aufgrund der Art und Weise, wie man die betreffende Geschichte jeweils ‘erzählt’ und welchen Anfangspunkt man setzt. “Zeitdiagnosen”, die in immer schnellerer Folge Umbrüche zu konstatieren vorgeben, verraten meist mehr über die Brille des jeweiligen Autors als über das wirkliche Zeitgeschehen. Jürgen Kaube hat dazu in der FAZ gerade einen schönen Essay geschrieben.

Menschen

Menschen – Vancouver

Alles braucht seine Zeit, insbesondere die Veränderung von Mentalitäten. Da geht der Wandel zwar stetig vonstatten, aber im Schneckentempo. Es braucht für eine solche Veränderung in den Einstellungen (zur Arbeit, zur Freizeit, zur Umwelt, zur Familie, usw. – zum Leben insgesamt) meist mehrere Generationen. Erste Anzeichen von solchen Veränderungen sind erst in der nächst folgenden Generation erkennbar. Bis sich neue Einstellungen und ein neues Verhalten durchgesetzt hat, braucht es dennoch mehr als eine Generation. Erst die Enkelkinder wachsen in einer wirklich “anderen” Welt auf als ihre Großeltern. Dazwischen stehen die Eltern gewissermaßen als Bindeglied. Sie garantieren die Kontinuität in der Abfolge der Generationen, verknüpfen allein durch ihr Dasein die “alten” Verhältnisse der Großelternzeit mit den “neuen” Einstellungen und Verhalten der Enkelzeit. Da auch Eltern ihrerseits einmal Enkel waren und demnächst Großeltern sein werden, entsteht eine unablässige Folge von Stetigkeit, von Kontinuität und Beharrung. Nur so wird offenbar der ebenso fort währende Wandel (nichts ist bekanntlich gewisser als derselbe) ‘lebbar’, erträglich und in das alltägliche Leben hinein integriert.

Es ist darum müßig darüber zu streiten, ob es in einer bestimmten Zeit, beispielsweise jetzt in der Gegenwart, mehr Wandel oder mehr Kontinuität gäbe. Es gibt immer beides ineinander verwoben. Dann mag es schon einmal in bestimmten Bereichen gewisse “Schübe” der Veränderung geben (z.B. der Umgang mit Sexualität nach Einführung der Pille), die aber ebenso durch beharrende Einstellungen in bestimmtem Maße ‘neutralisiert’ werden: Bei Umfragen zu den Wertvorstellungen der jüngeren Erwachsenen hat “Treue” fast immer einen Spitzenwert. Noch einmal: Anders wäre es kaum lebbar. Denn das am stärksten beharrende Element in der Entwicklung einer Gesellschaft ist trotz aller ‘Globalisierung’ der einzelne Mensch selbst, wie er an einem konkreten, einzelnen Ort lebt und arbeitet. Bei aller Bereitschaft, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen, zu neuen Ufern aufzubrechen, die Realität zum Beispiel durch Technik umzugestalten, die Erfahrung auf Netzwelten auszudehnen, will der Einzelne immer wieder Vergewisserung im Vertrauten. Dieser Konservativismus (im wörtlichen Sinne) ist stets die Kehrseite der Bereitschaft zur Veränderung. Darum kann der engagierteste ‘Netizen’ oder Computertechniker gleichzeitig von einem idyllischen Leben auf dem Lande schwärmen. Das ist eben kein Gegensatz, das sind zwei Seiten einer Medaille. Nur die Langsamkeit ändert die Geschichte nachhaltig.

Ich finde das als älter werdender Mensch eigentlich sehr gut so, in gewisser Weise tröstlich.

 6. Januar 2013  Veröffentlicht von am 12:03  Geschichte, Gesellschaft, Individuum Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 232012
 

Wenn man sich intensiver mit einer Geschichtsepoche beschäftigt, so muss das keineswegs mit einem erwarteten oder erhofften Gegenwartsbezug verbunden sein. Wenn ich mich seit einiger Zeit genauer mit der Geschichte des Römischen Reiches befasse, insbesondere mit der Epoche seiner Transformation zur Spätantike und schließlich zu dem, was “Mittelalter” genannt wird, so geschieht das eben nicht, um Parallelen mit irgendwelchen Erscheinungen oder Mächten unserer Gegenwart herzustellen oder aufzudecken. Es gibt sie nämlich gar nicht.

Was immer man an vermeintlichen Ähnlichkeiten in der Geschichte des “Aufstiegs und Falles” großer Reiche / Mächte / Kulturen mit jüngeren oder gegenwärtigen Entwicklungen zu finden meint, ist weit mehr von Projektionen bestimmt, die wir aus den Fragen und Problemen unserer Gegenwart heraus in Ereignisse der Geschichte hinein verlegen, als von den geschichtlichen Gegebenheiten, Tatsachen und Ereignissen selbst. Tun wir das womöglich mit dem Ziel, aus der Geschichte Rückschlüsse auf die Gegenwart ziehen zu können, sei es um sie besser zu deuten, sei es gar um daraus Handlungsmöglichkeiten abzuleiten, so gehen wir doppelt fehl. Die Geschichte “lehrt” nichts. Sie ist kein Steinbruch von Direktiven und Handlungsanweisungen. Sie bietet uns noch nicht einmal eine Auswahl an Optionen, die wir für die Gegenwart fruchtbar machen könnten.

Was für die Militärs oft festgestellt wurde, dass nämlich die Generalität für den nächsten Krieg stets mit den Erfahrungen des letzten Krieges plant – und dann von der völligen Andersartigkeit des nächsten Krieges überrascht wird, genau dies gilt auch für geschichtliche und gegenwärtige Ereignisse und Entwicklungen insgesamt. Die Bedingungen und Zusammenhänge eines jeden Ereignisses in Geschichte und Gegenwart sind so einzigartig, multipel kausal, verflochten und ambivalent, dass allein schon die Feststellung dessen, was “Tatsache”, also was wirklich “der Fall ist”, nie unproblematisch ist. Die Erhebung nackter distinkter Daten allein sagt ja noch überhaupt nichts über das damit gemeinte Ereignis aus: über seinen Zusammenhang, die Genese, die Komplexität, die darin zum Ausdruck kommenden Absichten und Interessen, die tatsächlichen oder vermeintlichen Folgen und Auswirkungen, erst recht nicht über die jeweilige Bedeutung eines Ereignisses. All dies nämlich setzt schon eine Einbettung eines Ereignisses in einen Sachzusammenhang voraus, der vom Beobachter nie ohne einen zugehörigen Deutungs- und Verstehenszusammenhang zu haben ist. Nicht nur für Ereignisse der Geschichte, sondern ebenso auch für solche der Gegenwart (was ist überhaupt die “Gegenwart”? wie lange erstreckt sie sich?) gilt die methodische Klärung der Herangehensweise und des damit jeweils verbundenen vorausgesetzten Verstehensrahmens des Betrachters. Sogleich kommen dann die metahistorischen, gewissermaßen geschichtsphilosophischen Fragen auf, zum Beispiel nach “Historismus”, “Konstruktivismus” (in diversen Spielarten), dem “post-histoire” und anderen Geschichtsbildern. Bei Ereignissen der Gegenwart liefert uns unser Weltbild und unser vorgängiges Weltverstehen (“Vorurteil”) den Rahmen möglicher Deutungen, die allererst zur Bedeutung eines Ereignisses führen.

Forum Romanum (Wikipedia)

Forum Romanum (Wikipedia)

Man mag meinen, Ereignisse der Gegenwart seien doch viel leichter und besser zu erkennen und zu verstehen als solche der Geschichte, da wir doch viel “näher dran” sind und heute viel mehr Informationen zur Verfügung haben. Das hilft jedoch nicht allzu viel, da die Menge möglicher Informationen immer unabsehbar größer ist als die gegebene Menge vorhandener Informationen. Dies gilt natürlich auch für Ereignisse in der Geschichte, in vergangenen Zeiten, nur dass uns dort mit wachsendem Abstand eine immer größere Menge von Informationen über wesentliche Zusammenhänge für immer verborgen bleibt und eben nicht mehr verfügbar ist. Zwar bietet das Urteil aus dem zeitlichen Abstand heraus den Vorteil, bestimmte Verläufe inzwischen zu kennen. Jedoch ist es bleibend schwierig, hier Verläufe als Folgen und Auswirkungen zu verstehen. Allein dies setzt gleich wieder eine bestimmte “Konstruktion” unserer eigenen Wahrnehmung und Bewertung der früheren Ereignisse voraus. Damit ist dann die Erkenntnis und das Verstehen geschichtlicher Ereignisse gar nicht so verschieden von der Erkenntnis und dem Versuch, gegenwärtige Ereignisse und Entwicklungen zu verstehen.

Diese angedeutete Schwierigkeit mit vermeintlich “objektiven” Beschreibungen geschichtlicher Ereignisse (abgesehen von der reinen Tatsächlichkeit begrenzter Fakten und Daten), die sie mit gegenwärtigen Ereignissen durchaus teilen, macht es schwer, zu einem abschließenden Urteil der Bedeutung, der Auswirkungen und der “Lehren” zu kommen. Deutungen und Bewertungen, die sich möglichst genau und umfassend auf vorhandenes oder zugängliches Faktenmaterial stützen möchten, werden stets nur annäherungsweise und vorläufig möglich sein. Darum ist es auch vergebliche Mühe, aus Geschehenem außerhalb meines unmittelbaren Einflussbereiches und außerhalb meines unmittelbaren Wirkungszusammenhanges irgendwelche positiven Handlungsalternativen (und das wären “Lehren” ja) abzuleiten. Jedenfalls wäre eine intuitive Wahl unter verschiedenen gegenwärtigen Optionen mindestens genau so “vernünftig” wie eine vermeintlich rational begründete. Der von mir jeweils feststellbare Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bleibt in der Vergangenheit und in der Gegenwart eine Sache mit unendlich vielen Variablen.

Warum also sich überhaupt mit Geschichte beschäftigen? Um des Menschen willen, um zu sehen und zu erkennen, wie Menschen sich verhalten haben oder gerade verhalten, was ihnen möglich war oder eben nicht möglich ist. Der Mensch in der Geschichte ist das eigentlich spannende Thema. Je mehr man in geschichtliche Zusammenhänge eintaucht, Ereignisse und Gestalten zu erkennen sucht, desto mehr  wird man zu der Auffassung kommen, dass unserer Art nichts “Menschliches” fremd ist. Die mich leitende Frage ist also weniger: Was ist warum so und nicht anders passiert? sondern vielmehr die Frage: Wie haben sich Menschen verhalten? Wie weit sind ihre Motive, Wünsche und Absichten erkennbar? Wie haben sie tatsächlich gelebt und gedacht? Wenn man so will, sind dies einerseits sozialgeschichtliche, andererseits verhaltenspsychologische Fragestellungen.

Ich möchte sie aber nicht so eng und methodisch begrenzt verstanden wissen. Mich interessiert schlicht das “Humanum”, der homo sapiens als Kultur- und Geschichtswesen, als meist etwas erleidendes und seltener aktiv handelndes Subjekt seines Lebens. Mit dieser Fragestellung rückt mir ein konkreter Mensch von vor 2000 Jahren, sofern und so weit er fassbar ist, sehr nahe: Er ist dasselbe, was ich bin, nur unter sehr anderen Umständen und Bedingungen. Auch diese Frage will nicht quasi hinten herum nach “Lehren” fragen, eben nach den Lehren aus dem sogenannt Allzumenschlichen. Das wäre ziemlich platt und uninteressant. Natürlich haben Menschen zu allen Zeiten gelebt, geliebt, gelitten und sind erfüllt oder unerfüllt gestorben. Mein Nachfragen in die Geschichte hinein (genauso wie übrigens in andere Kulturkreise hinein) orientiert sich an den vielfältigen Facetten des Menschlichen, ihres Umgangs mit Glück und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, mit Macht und Reichtum, mit Gewalt und Stolz und und und. Und da gibt es dann in der Tat unendlich viele Unterschiede zu entdecken, Merkwürdiges, Beeindruckendes, Großartiges, Ernüchterndes, Kleinliches, Jämmerliches usw. in allen nur denkbaren Nuancierungen. Nein, eben nicht in nur “denkbaren” Nuancen, sondern in Weisen und Facetten der Lebensgestaltung, die immer wieder anders und neu und unerwartet, weil unableitbar sind. Nur dies macht für mich Geschichte so interessant, ja so wahnsinnig aufregend: Weil einem dadurch das, was Menschen möglich ist, so erhellend, aber auch so grausam vor Augen geführt wird. Geschichte ist darum auch so spannend – und desillusionierend. Und genau diese zu gewinnende Nüchternheit ist es, die dann auch für die Orientierung in der je eigenen Gegenwart hilft. Es ist nicht das geschichtliche Beispiel, es ist die Vielfalt des dem Menschen Möglichen. Wer das ein wenig erkennt und damit zu rechnen lernt, der gewinnt tatsächlich auch eher Orientierung und Perspektiven in der Gegenwart, sei es im Großen des politischen und gesellschaftlichen Lebens, sei es im Kleinen des mir eigenen Verantwortungsbereiches. Nur insofern kann Geschichte ‘Schule des Menschlichen’ sein.

Einer, der zu einer solch selten nüchternen und scharfsichtigen Urteilskraft über Dinge der Vergangenheit und Gegenwart im Verlaufe eines langen Lebens gefunden hat, ist Helmut Schmidt. Ich denke, das macht die eigentliche Faszination seiner Person aus.

 23. Dezember 2012  Veröffentlicht von am 12:34  Geschichte, Kultur, Mensch Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Nov 112012
 

Unsere westliche Kultur ist vom Fortschrittsgedanken geprägt. Spätestens seit Beginn der Neuzeit, im Grunde aber schon mit der Renaissance, gewinnt eine Anschauung der Welt an Bedeutung, die nicht mehr den „ewigen“, gottgegebenen Ordnungen verhaftet ist, sondern die Welt als durch den Menschen veränderbar und verbesserbar ansieht. Das ersehnte „Reich der Freiheit“ ist nicht mehr der jenseitige „Gottesstaat“ (Augustin) im qualitativen Unterschied zu allen menschlichen Reichen, vielmehr wird die Weiterentwicklung und Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens als Aufgabe des Menschen selbst erkannt. Niccolò Machiavelli war es, der in „Il principe“ und den „Discorsi“ (1531/32) ein neuzeitliches Programm der „good governance“ entworfen hat. Der gesellschaftliche Fortschritt ist planbar geworden. Die zur selben Zeit rasch zunehmende Fähigkeit zu technischen Entwicklungen und Erfindungen (Leonardo da Vinci) vergrößert den Handlungsspielraum menschlicher Gestaltungskraft. Mit dieser ersten technologischen „Revolution“ auf der Basis der Mechanik und erst recht mit jeder weiteren technologische Stufe erweitert sich der Freiheitsraum um ein Vielfaches; Freiheit wird erfahrbar als Steigerung der Handlungs- und Wahlmöglichkeiten zur Erreichung bestimmter Ziele. Auch gänzlich neue Ziele kommen dabei in den Blick; das Fliegenkönnen bleibt nicht mehr den Vögeln und dem mythologischen Traum (Dädalus und Ikarus) vorbehalten. Die Mondlandung 1969 wird nicht das letzte „neue Ziel“ der Menschheit sein. Die abendländische Kultur erschöpft sich nicht mehr im Urbild der gefeierten Antike oder im bloßen Sammeln von Wissen und Beschreiben von Einzelphänomenen (Enzyklopädien), sondern die Kultur im weiteren Sinne (Arbeit, Alltag, Recht usw.) transformiert sich zur expliziten Verwirklichung technischer Möglichkeiten, die den menschlichen Handlungsraum vergrößern und erweitern. Eine ehedem überwiegend literale Kultur (Handschriften, Bibliotheken) wird zur technisch-sozialen Kultur erweitert, wie sie unsere Neuzeit prägt. Damit vergrößert sich zugleich die Menge der Akteure, die an dieser Kultur teilhaben. Die neuzeitliche Kultur hat die Tendenz, die gesamte Gesellschaft zu erfassen und zu gestalten. Der Fortschrittsgedanke wird dabei zum entscheidenden Katalysator, denn er wird zum allgemein akzeptierten Kriterium dessen, was „vorwärtsweisend“ und darum gut und nützlich ist. Was sich dem entgegen stellt, ist „von Gestern“, veraltet und überholt und auf weitere Sicht ohne Existenzberechtigung.

Leonardo da Vinci, Automobile (Wikipedia)

Gegen diesen „Mythos der Neuzeit“ gibt es seit langem Einwände. Statt von der positiv besetzten Fortschrittsidee wird dann skeptisch vom „Fortschrittsglauben“ gesprochen, der anfechtbar und letztlich irrational sei. Nicht erst die Erfahrungen der zahllosen Kriege und Genozide mit immer exzessiverer Gewaltanwendung („totaler Krieg“) haben den neuzeitlichen Optimismus getrübt. Grundsätzliche Erwägungen bestreiten die quasi axiomatische Gewissheit des „Immer-weiter, Immer-höher, Immer-schneller, Immer-besser“. Zu Recht wird heute angesichts der Folgen nach dem Preis gefragt, den die westliche Zivilisation und ihre technologisch vermittelte Kultur kostet, ob sich die Menschheit diesen Preis, bestehend im Aufbrauchen endlicher Ressourcen und verschärfter Ungleichheit, überhaupt leisten könne. Einmal ist es der moralisch-philosophisch beschriebene „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler) bzw. die erreichten „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome), ein andermal wird auf die grundsätzliche Ambivalenz jeder geschichtlichen Entwicklung verwiesen; erst vom Ende her zeige sich, was wirklich geworden und für den Menschen gut ist. Bei der buchhalterischen Betrachtung stehe eben jeder gesellschaftlichen „Progression“ eine ebensolche „Regression“ gegenüber, welche den Saldo des „Fortschritts“ meist ins Minus bringe, bestenfalls auf Null stelle. Bei der Diskussion über Chancen oder Gefahren des Internets zum Beispiel erleben wir genau diese Argumentationsmuster: Positive Freiheitsverheißung kontra negativen Manipulationsverdacht (Kontrollverlust). Dahinter steht ein jeweils unterschiedliches Bild vom Menschen: Hier das Bild des letztlich zum Guten fähigen und bereiten Mensch, der aus Fehlern lernt und zu Kompromissen und Verzicht bereit ist (das Faustische „wer immer strebend sich bemüht“), dort die Skepsis des zu allem fähigen, eben auch zu jeder Bosheit und Brutalität bereiten Menschen, dessen unstillbarer Gier und Gewaltbereitschaft nur die passende Gelegenheit geboten werden müsse. Manche psychologischen Untersuchungen über das Stressverhalten von Soldaten scheinen dieses letzte Bild eher zu bestätigen. Dieser gegensätzliche Optimismus oder Pessimismus im Menschenbild, also hinsichtlich der Entwicklungs- und Verhaltensmöglichkeiten des Menschen, wird von einem naturalistischen „Realismus“ allenfalls gemildert. Wenn die Neurowissenschaften die recht urtümlichen Reiz-Reaktions-Schemata menschlichen Verhaltens beschreiben (“Jäger und Sammler“ – Mentalität), erklärt das zwar manches, hilft aber nicht dabei, diskursiv ein Urteil über Ziele und Werte menschlichen Verhaltens bzw. gesellschaftlicher Handlungen und Strukturen zu finden. „Kultur“ bleibt definitorisch im Bereich dessen, was der Mensch über seine Natur hinaus gehend anstrebt und verwirklicht. Damit bleibt auch der weite Raum der Kultur unserer technisch-sozialen Zivilisation nicht frei von Ambivalenzen; Kultur bleibt so ambivalent wie der Mensch selbst, der sie gestaltet und trägt.

Aus diesen Überlegungen heraus lässt sich festhalten:

  • Unsere Kultur ist von einem technisch-sozialen Fortschrittsgedanken geprägt. Er betrifft nahezu alle Bereiche unseres Lebens. Fortschrittskultur ist Alltagskultur geworden. Der Fortschrittsgedanke selber ist eine geschichtliche Idee der Neuzeit.
  • Fortschritt in diesem Sinne bietet Freiheit als erweiterte Wahlmöglichkeit an. Der Markt der Möglichkeit ist unüberschaubar groß geworden. Damit haben auch die Rollen und Verhaltensmodelle im individuellen Leben eine bisher nie da gewesene Flexibilisierung erfahren.
  • Die neuzeitliche westliche Kultur ist der Entfaltungsraum jedes Einzelnen geworden, der zugleich Individualität und Uniformität bereit hält, nämlich freie individuelle Auswahl gleicher allgemeiner Ziele und Werte.
  • Die Grenzen dieser Kultur des Fortschritts liegen nicht in den Möglichkeiten und Zielen, sondern in den Fähigkeiten und Ressourcen. Eine Ende des Fortschrittsprozesses ist nicht absehbar.
  • Die Kultur erfährt jeden Schub der Entwicklung als Anstoß zur Transformation. Die Ausbreitung und die Geschwindigkeit dieser Entwicklungsschübe lässt kulturelle Transformation zum Prozess permanenter Veränderung werden.

Als Frage stellt sich mir, welches Verständnis von Wirklichkeit dadurch impliziert ist. Jedenfalls ist es ein dynamisches Verständnis, weniger „Wirklichkeit“ als ständige „Verwirklichung“, aristotelisch gesprochen Entelechie. Neuzeitlich hinzu getreten ist der naturwissenschaftlich im 2. Hauptsatz der Wärmelehre verankerte Zeitpfeil der Entropie. Fortschritt bedeutet dann zugleich Zunahme von Entropie, bedeutet Zunahme von Information (Carl Friedrich von Weizsäcker), bedeutet wachsende Differenzierung des Einzelnen, bedeutet aber paradoxerweise auch zunehmende Nivellierung („Kältetod“) des Gesamtsystems. Lässt sich Leben als eine Form des Entropie-Aufschubs verstehen, so werden am Ende die ‘Kosten’ eingefordert: Im Tod wird die „geborgte“ Energie wieder abgegeben, das Individuum stirbt. Da aber das Leben insgesamt kein perpetuum mobile ist, tendiert auch das Gesamtsystem des Lebens und darin eben auch des Systems „Mensch & Kultur“ zur Informations-Implosion. Will sagen: Der Fortschritt hat eine systemimmanente Grenze, sofern die sich darin vollziehende Wirklichkeit (nicht nur die Ressourcen!) eine entropisch begrenzte ist. Unser Fortschrittsdenken blendet dies aber als aktuell irrelevant aus. Das mag eine Weile gehen. Grundsätzlich aber ist es eine Infragestellung durch die Wirklichkeit selbst.

Damit öffnet sich ein Blick auf die Befindlichkeit des Individuums. „Bin“ ich tatsächlich nur, sofern ich mich „verwirkliche“, also aus mir heraus gehe, „existiere“? Finde ich meinen Sinn nur dann und darin, wenn ich möglichst viele Türen unterschiedlicher Chancen öffnen und in ein Leben treten kann, in dem ich mich immer wieder „frei“ bestimme und selber schaffe? Liegt der Sinn (und damit die Ruhe und Zufriedenheit) meines Seins nur in meinem „Existieren“ = Heraustreten? Oder finde ich mich selbst eher in der Introversion, also der Rückwendung, Zuwendung zu mir selbst in meinem Inneren? Liegt also die Wahrheit meines Seins und damit meine wahrhafte Persönlichkeit in der Abwendung vom extrovertierten Fortschrittsleben und in der Hinwendung zur introvertierten Suche und Erkenntnis meiner selbst? Ist wirkliches Sein nur als tätige, instrumentelle Verwirklichung fassbar oder nicht vielmehr als Rücknahme, Rückkehr, Loslassen, Gelassenheit und Ruhe seiner selbst? Wird erst dann Sein als lebendige Fülle erlebbar? Ist dies „alternativ“ oder vielmehr „zugleich“? – Mystiker haben so gedacht, sagen wir, aber ebenso die Nachfolger des Parmenides, Platons und so vieler anderer. Sie weisen darauf hin: Die Fülle liegt innen, in mir, nicht außen im ‘Getriebe’. Dann wird auch der Tod nicht zur letzen Katastrophe des tätigen Menschen, sondern zur Hingabe, zur Rückgabe aller meiner individuellen Potentiale und Energien an das Sein, das Alles und Nichts ist: Entropie als Aufgehen im Einen. Dann hat mich die Wirklichkeit eingeholt – nicht der schlechteste Gedanke.

 11. November 2012  Veröffentlicht von am 13:43  Kultur, Neuzeit Tagged with: , , ,  2 Antworten »
Okt 022012
 

Wir haben uns daran gewöhnt, in einer “christlich – abendländischen” Tradition zu leben. Unsere europäische Welt ist aus dem “christlichen Abendland” hervor gegangen, heißt es. Manche bezeichnen auch die Gegenwart noch als geprägt durch die “christlich-abendländischen Werte”. Dies wird mit besonderer Emphase gegen den Satz ins Feld geführt, der Islam gehöre zu Deutschland. Ganz abgesehen davon, dass es ziemlich unklar bleibt, welches denn die christlich-abendländischen Werte eigentlich sind, denen man sich verpflichtet fühlt, dient der Begriff “christliches Abendland” eher als Parole in einem kulturpolitischen Abwehrkampf denn als klare Beschreibung einer geschichtlichen Wirklichkeit. Das so oft bemühte Bild vom “christlichen Abendland” bedarf einer grundlegenden Revision.

In einem Kommentar von Thomas Urban in der heutigen Süddeutschen Zeitung (02.10.12 S. 3) über das Streben einiger spanischer Regionen nach Unabhängigkeit lese ich folgendes:

Auch im heißen Andalusien, der bevölkerungsreichsten Region Spaniens, hat sich ein starkes kulturelles Bewusstsein entwickelt. Es schöpft seine Kraft aus der Rückbesinnung auf das maurische Erbe. Dieses wurde jahrhundertelang im katholischen Spanien zerstört und aus dem Gedächtnis gestrichen. Doch nimmt ein wachsender Teil der heutige Elite Andalusiens das Kalifat von Córdoba und das Sultanat von Granada als Hochkultur wahr, die von Kastilien brutal zerschlagen wurde.

Averroes, aus Wikipedia

Genauer gesagt: Vom katholischen Kastilien wurde im Namen der Päpste und wiederholt unter dem Titel eines “Kreuzzuges” das Unternehmen “reconquista” durchgeführt (Hauptphase im 11. Jhdt.) zur “Rückeroberung” Spaniens von den Mauren. Dies klingt nach einer Episode spanischer Geschichte in einem “Winkel” Europas. Das Gegenteil ist der Fall. Die “Mauren” in Spanien haben in einem kaum hoch genug zu schätzenden Ausmaß Wissenschaft, Denken und Kultur Europas insgesamt geprägt und beeinflusst, ja man kann zuspitzen: überhaupt erst ermöglicht.

Die Entwicklung des abendländischen Denkens ist ohne die Rezeption der arabisch-islamischen Kultur überhaupt nicht zu verstehen. Die Kenntnis der griechischen Philosophie, der indischen Mathematik, der morgenländischen Medizin und Astronomie gelangte ausschließlich über das maurische Spanien, also über Al-Andalus zu uns. Die Wiederentdeckung des Aristoteles war überhaupt erst möglich, seit man seine Schriften zuerst aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzte (Übersetzer-”Schule” von Toledo), ehe man Jahrhunderte später während der Renaissance nach den griechischen Originalen stöberte. Bis dahin waren von Aristoteles nur die Logik und Dialektik bekannt, “propädeutische” Schriften gewissermaßen. Insofern war dann auch die Wiederbelebung der Antike im 14. und 15. Jahrhundert (Renaissance) nur auf dem Hintergrund der spanisch-arabischen Vermittlung möglich.

Es ging nicht nur um die “alten” griechischen Philosophen. Es ging um  das gesamte griechisch-hellenistische Erbe und seine Weiterentwicklung im arabisch-islamischen Kulturraum. Nachdem der oströmische Kaiser Theodosius 391/392 der griechisch-”heidnischen” Tradition den Kampf angesagt und die griechische Philosophie unter Kaiser Justinian 590 verboten wurde (Schließung der “Akademie” Athen), war das griechisch-römische Erbe mehr oder weniger verwaist. Die (uns heute völlig unbekannt gewordenen) islamischen Philosophen waren es, die sich dieses Erbes annahmen, es pflegten und weiter entwickelten: Alkindi (†873), Alfarabi (†950), Avicenna (†1037), Avepacem (†1138), Averroës (†1198) u.a.m. waren bedeutende Denker und Wissenschaftler, zum Teil Ärzte, in Bagdad, Teheran, Cordoba, Malaga, Fez, welche die Grundlagen für das mittelalterliche Denken und Wissen im Abendland legten. Ihre Schriften, besonders die Aristoteles-Kommentare des Averroës, wurden “Standardliteratur” in dem geistesgeschichtlichen Aufholprozess des Abendlandes, der unter anderem in die sogenannte “Scholastik”, also “Schulphilosophie”, führte.

Das Denken und die Schriften der mittelalterlichen “Großen” wie Thomas von Aquin (Rom, Neapel), Duns Scotus (Paris), Albert dem Großen (Köln) und Meister Eckhart (Erfurt, Straßburg, Paris) gründete auf der arabisch-griechische Philosophie und / oder stand in steter Auseinandersetzung mit ihr. Noch ein Nikolaus Cusanus (†1464), der als Ausklang des Mittelalters und Wegbereiter der europäischen Neuzeit gilt, fußt auf den Traditionen Avicennas und Averroës’. Dies ist alles seit Jahrzehnten bekannt und wird entsprechend selbstverständlich seit langem in Philosophie und Geschichtswissenschaft diskutiert. Der “deutsche Mystiker” Eckhart ist längst als Phantasieprodukt einer nationalen Romantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts entlarvt. Das Mittelalter und seine “Aufklärung” im 13. Jahrhundert war sehr anders und viel lebendiger, als es uns heute meist im Gedächtnis ist (wenn überhaupt).

Die abendländische kulturelle Tradition speist sich also aus sehr unterschiedlichen Quellen und Strömen, das jüdische Erbe gehört dazu, das hellenistisch-römische, das islamisch-arabische, das christliche, um nur die Hauptlinien zu nennen. Darum ist es für das Verständnis und für die Kennzeichnung unserer abendländischen Tradition, ihrer Denkweisen und Werte, allererst abzuklären, welche Rolle das spezifisch Christliche dabei gespielt hat. Diese Rolle dürfte nüchtern betrachtet sehr viel negativer und ambivalenter ausfallen, als es der heutige Sprachgebrauch vermuten lässt. Die Spanier in Andalusien schicken sich an, ihr Geschichtsbild neu zu schreiben und das Erbe von Al-andalus wieder zu entdecken.

Dasselbe täte uns im Großen und Gesamt Europas not. Die abendländische Tradition ist ungemein vielfältig, widersprüchlich und verschlungen, viele uns heute selbstverständliche Denkweisen mussten oft erst gegen die “Mächte” (vor allem Roms) errungen werden. Das “christliche Abendland” ist ein apologetisches Zerr- oder Wunschbild (je nach Standpunkt) unserer Neuzeit. Zur Gewinnung einer sachlichen, nüchternen und religions-neutralen Betrachtung aber ist eine Revision unseres traditionellen Geschichtsbildes erforderlich. Es ist dran. Es täte uns  auch hinsichtlich der gegenwärtigen Diskussion um “Christentum” und “Islam” nur gut. Es wäre die Wiedergewinnung einer säkularen Geschichtsinterpretation.

 2. Oktober 2012  Veröffentlicht von am 18:03  Europa, Geschichte, Kultur, Moderne, Neuzeit, Philosophie, Religion, Rom Katholisch, Wissen Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert
Sep 282012
 

“Das Netz” ist inzwischen ein häufig benutztes Bild. “Vernetzung”, “Netzwerk” sind sehr beliebte Begriffe. Ursprünglich in der Fachsprache der Informationstechnologie angesiedelt, dienen sie heute oft als Metaphern zur Beschreibung aller möglichen sozialen und kommunikativen Strukturen. Ob solcherart Allerweltbegriffe dann noch analytisch taugen, mögen die Soziologen und Politologen unter sich entscheiden. Ich greife das Bild des Netzes einmal auf, um daraus einige Gedanken zum Thema “Europa” und “Geschichte” zu spinnen.

Unsichtbare Grenzen Ein Netz besteht aus Knoten und Verbindungen zwischen den Knotenpunkten. Im Prinzip sind alle Knoten gleichberechtigt. Das ist ja der Witz bei einem ‘Netzwerk’. Über verschiedene andere Knoten und Verbindungen sind alle Punkte, alle einzelnen Knoten eines Netzes miteinander und untereinander verbunden. Hier hängen tatsächlich alle mit allen anderen zusammen. So wird das Ganze zusammen gehalten. Wer es noch aus der Anschauung kennt: Ein Netz aus Baumwollfäden oder Garn bildet ein starkes Behältnis. Ist es ungefüllt ganz schlank, dann wird das Netz voll und schwer zu einer starken Angelegenheit. Es trägt viel, es bindet vieles ein, es hält alles beieinander. Ein solches Netz ist eine praktische Sache. Solange nichts reißt. Ein Knoten, eine Verbindung kann versagen. Dann reißt es schnell noch weiter ein, und alles fällt heraus. Das Netz ist zerrissen, die noch zusammen hängenden Knoten halten und tragen nichts mehr. Das Ganze zerfällt in seine Einzelteile. Wenn die Verbindungen brüchig geworden sind, ist auch eine Reparatur schwer, vielleicht unmöglich. Der nächste Riss würde sogleich folgen. Diese Eigenschaft teilt das Netz mit der Kette: Eine Kette ist so stark wie das schwächste seiner Glieder. Ein Netz hält so viel aus wie die schwächsten seiner Knoten, wie die schwächsten Verbindungen. Europa in Gestalt der Europäischen Union und darin speziell der Gruppe der Euro-Länder kann als ein solches “Netz” angesehen werden. Ein Netzwerk wurde geknüpft. Europa wurde unter vielen Mühen aus seinen Mitgliedsländern zusammen gefügt. Es wuchs, immer neue “Knoten” (Staaten) und “Verbindungen” (EU-Regelungen, “Acquis communautaire“) wurden in das Netz eingeflochten. Europa ist ein großes Netz geworden. Manchen ist es sogar schon zu feinmaschig, “überreguliert”. Aber ohne Zweifel hat sich Europa zu einem sehr starken Netz entwickelt. Das Netzwerk EU trägt 27 Mitgliedsländer aus ganz unterschiedlichen nationalen und kulturellen Traditionen, darunter die 17 Euro-Staaten mit gemeinsamer Währung. Ein Netzwerk fällt nicht vom Himmel. Es wird gemacht, geknüpft, gepflegt, ausgebessert, verstärkt, in Stand gehalten, erweitert. Europa hat viele Jahrhunderte hinter sich, in denen es nur sehr kurzfristige und interessegeleitete ‘Netze’ gab: Allianzen, ‘Verbindungen’ von Verbündeten, solange man einig war gegen Dritte, eben nur bis auf weiteres. In zwei furchtbaren Kriegen hat Europa im vergangenen Jahrhundert erfahren müssen, wohin man gerät, wenn ‘Netze’ nur Kriegskoalitionen und das vermeintliche nationale Eigeninteresse das Wichtigste war – vom ideologischen “Überbau” mal ganz abgesehen. Seit fünfzig Jahren erleben wir Europa als ein einziges Netz, als Montanunion zuerst, dann als Wirtschaftsgemeinschaft und schließlich als Europäische Union. Eine völlig neue, singuläre Erfahrung in Europa, wenn man die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte seit Kaiser Karl betrachtet. Es gibt sie nicht umsonst. Wenn der Euro zerbricht, zerbricht Europa, liest man, sagt man. Das hat einen falschen Zungenschlag. Da zerbricht nichts von alleine. Man lässt etwas zerreißen, man nimmt  in Kauf, dass das Netz kaputt geht. Menschen haben das Netz geknüpft, und Menschen können es wieder zerstören. Aus Nachlässigkeit, weil es einem zu teuer wird, weil einem das je Eigene wichtiger ist, weil, weil, weil. Weil man dumm daher schwatzt wie ein Dobrindt oder jüngst Berlusconi. Es zerreißt nicht von alleine. Man lässt die Risse im Netz zu, wenn die Fliehkräfte zu groß geworden sind. Wer die ‘Knoten’ zu sehr belastet, nimmt auch das Zerreißen willentlich hin. Da ist nichts Schicksalhaftes: Man handelt, man unterlässt – und schon ist ein Netzwerk nur noch in seinen Brüchen da. Das Netzwerk Europa besteht und erhält sich nicht aus sich selber. Es hat fantastische Entwicklungen erlebt: Die vielen jungen Länder des europäischen Ostens, die dazu gekommen sind. Grenzen, scheinbar unverrückbar (was natürlich geschichtlich gesehen Unsinn ist) wurden verändert, neu gezogen, meist friedlich (nicht zuletzt das, was wir nicht sehr zutreffend “Deutsche Wiedervereinigung nennen), anderswo, in Jugoslawien, sehr blutig. Nichts besteht aus sich heraus für immer, weder Staaten noch Nationen, weder Grenzen noch Verträge. Nur solange es Menschen gibt, die das so wollen – oder Menschen, die etwas anderes wollen. Da geht es um Macht und Politik, um die Gunst der Stunde. Manche “Separatisten” in verschiedenen Ländern Europas (besonders in Spanien, Italien) sehen in der wirtschaftlichen Schwäche ihrer ungeliebten Staaten eine Chance, Veränderungen einzuleiten. Wie immer man das politisch beurteilen mag, so etwas ist immer möglich und geschieht und wird wieder geschehen. Das ‘Netz’ Europa ist nie und nimmer etwas Statisches. Es ist auch mehr als nur Statistik. Das Netz Europa ist genau das, was es uns wert ist. Es sollte uns sehr viel wert sein nach all den mühseligen und unseligen Erfahrungen vergangener Jahrhunderte. Man muss etwas dafür tun, dass dieses Netz nicht reißt, dass Knoten stark gemacht werden, Nahtstellen besonders beachtet werden, dass Verständnis wächst für den Wert des Ganzen. Das Netz Europa – es liegt an uns, es weiter zu knüpfen und nach Möglichkeit zu erhalten. Nachgetragen: Siehe den Kommentar von Stefan Kornelius in der “Süddeutschen” vom Samstag, 29.09.2012: Gefährliche Vielfalt: “Europas Nationen wachsen nicht zusammen, Europa zerfällt in Zellen des nationalen Egoismus.”

 28. September 2012  Veröffentlicht von am 19:40  Europa, Geschichte Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert