Feb 172013
 

“2012 DA14″ – So lautet die astronomische Kennzeichnung des Asteroiden, der Freitag Abend, am 15.02. gegen 20:30 h, in nur 27.500 km Entfernung an der Erde vorbei flog. Dieses Kürzel ”2012 DA14″ wird man schnell wieder vergessen haben. Die Aufregung über den über Russland am Ural nieder gegangenen Meteoriten war sogar größer, weil er sichtbaren Schaden angerichtet hat – und weil es so schöne Videos von dem Feuerball auf YouTube gab. Aber ansonsten ist nichts gewesen. Das durch den Maya-Kalender am 21. Dezember vergangenen Jahres angeblich vorausgesagte Weltende hat jedenfalls sehr viel mehr und anhaltender Aufmerksamkeit erregt. Die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit, die “Voreinstellung” unserer Psyche, ist schon sehr merkwürdig. Sie reagiert nur auf einzuordnende, also bekannte Gefahren, die man sieht. Ein mythologischer “Weltuntergang” à la Maya scheint jedenfalls vertrauter und darum begreifbarer zu sein als der wahrlich gefährliche Vorbeiflug (besser: Beinahe-Kollision) eines Asteroiden, den man sich ohnehin nicht vorstellen und dessen Gefahrenpotential man deswegen auch gar nicht einschätzen kann. Gut, es ist nichts passiert, nur ein paar Fensterscheiben am Ural kaputt, so what?

Wer etwas mehr wissen will, kann in den Medien auf den Wissens-Seiten einiges Informative über die Möglichkeiten der Beobachtung und Abwehr von Meteoriten und Asteroiden erfahren, gut aufgemacht mit allerlei Bildchen und erläuternden Grafiken. Das klingt alles sehr seriös mit Gewährsleuten von NASA und ESA. Ja, rechtzeitig muss man es nur wissen, ja und einigermaßen erkennbar müssen die Dinger sein, das sind dann ohnehin nur größere Objekte, also so ein Klecks wie der über dem Ural, den könne man glatt vergessen, ist vorher nicht zu erkennen, ja dann könne man etwas machen, wenn man so ca. 4 Jahre Vorlaufzeit hat, kein Problem, da tauschen sich die Wissenschaftler und Techniker jetzt international aus, da gibt es ja verschiedenen Szenarien, solch einen Himmelskörper abzulenken und aus der Bahn zu werfen, wie genau wisse man natürlich noch nicht, erprobt sei da gar nichts, manches könne man sich halt vorstellen, dass es funktionieren könnte, Testmöglichkeiten gäbe es dazu ja leider keine, jaja, gleich der Ernstfall, aber der wird schon nicht so schlimm sein, ist äußerst unwahrscheinlich, Wahrscheinlichkeit etwa so groß wie vom Haifisch gebissen zu werden – ach, das passiert oft? Naja, ist eben alles relativ, und manche Ideen mögen nicht viel mehr sein als die “blanke Verzweiflung” – uups? wie war das? Verzweiflung? Wieso das denn? Ach so, die Dinosaurier…

2012 - DA14

2012 – DA14 (NASA)

Denn das ist nirgendwo klar zu lesen, allenfalls rutscht mal am Ende eines Artikels so etwas raus wie hier im n-tv-Bericht die zitierte “blanke Verzweiflung”: Dass wir eigentlich überhaupt nicht wissen, was wir gegen eine Kollision mit einem Asteroiden machen können, – gegen Meteoriten ist absehbar schon gar nichts möglich: zu viele, zu schnell, zu klein. Wahrscheinlich muss man zugeben, derzeit über keinerlei sichere Mittel bzw. Technologie zu verfügen, um die Erde vor einem Aufprall durch einen Asteroiden von der Größe “2012 DA14″ (50 m Durchmesser) oder mehr bewahren zu können. Schwer zuzugeben: Da ist eine nicht unerhebliche Gefahr, und wir können wahrscheinlich nichts Erfolgversprechendes dagegen unternehmen. Eine solche Erkenntnis, ein solcher Satz ist für unser heutiges (Selbst-) Bewusstsein inakzeptabel, unbegreiflich, schlicht nicht nachzuvollziehen oder gar hinzunehmen. Das kanns nicht geben.

Genau das ist aber sehr problematisch. Menschliches Wissen und Können ist immer begrenzt, schon ganz besonders im Hinblick auf die universalen Kräfte in der Natur. Weil es uns seit der Neuzeit aber so gut gelungen ist, die Kräfte der Natur auf der Erde anscheinend in den Griff zu bekommen, hat sich das Bewusstsein breit gemacht, es gäbe prinzipiell nichts mehr, was nicht mit geeigneten Technologien zu bewältigen wäre. Unmöglich ist verboten. Nicht die Anerkenntnis von Grenzen und Unmöglichem, sondern Lösungen sind gefragt. Es gibt immer welche, sagt man. Dies nenne ich die Hybris der Neuzeit. Sie ist die vielleicht verderblichste Grundeinstellung des heutigen Menschen überhaupt. Verderblich ist wörtlich zu nehmen: weil sie ihn irreparabel ins Verderben führt. Dies gilt auf vielen Gebieten, der Beispiele sind Legion: Klimaveränderung, Umweltverschmutzung insbesondere der Ozeane, Vernichten der Biodiversität sind die Hauptthemen. Änderungswille ist kaum vorhanden, solange es noch irgendwie weiter geht. Typisch ist die vor allem in den USA verbreitete technizistische Auffassung zum Klima: Da wir den CO2-Ausstoß kaum vermindern können, lasst uns lieber höhere Deiche bauen.

Alles ist machbar? Es scheint nur so. Die Erfolge der technologischen Entwicklungen der vergangenen zweihundert Jahre sind so überwältigend, dass eine Grenze menschlicher Verfügungsmacht überhaupt nicht mehr in den Blick genommen wird. Es gibt sie einfach nicht. Was vom neuzeitlichen Bewusstsein nicht als real anerkannt wird, ist nicht. Natürliche Grenzen sind halt nicht “real”, denn alles ist möglich: Om – om – om. Man muss nicht ins Weltall schauen, um die Grenzen der menschlichen Fähigkeiten zu entdecken. Es reicht der Blick auf die Verhältnisse auf unserem Planeten. Sogar die viel gerühmten und oft beschworenen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters machen davor keinen Halt: Nach Aussagen einiger Fachleute haben wir zum Beispiel die Kontrolle über die selbständig in Hochgeschwindigkeit interagierenden Computersysteme an den Börsen längst verloren; selbst Insider verstehen nicht mehr, was da abläuft (siehe Schirrmacher, Mirowski).

Angesichts der möglichen Kollisionen mit größeren Himmelskörpern sind wir bis auf Weiteres völlig machtlos. Zwar hat die menschliche Kreativität bisher immer wieder Erstaunliches zu Wege gebracht, aber hier geht es um Dimensionen, gegenüber denen die Hiroshima-Bomben Kinderspielzeug waren. Schon 2029 nähert sich ein nächster Asteroid, 2040 ein noch größerer. “Auch nach der Kollision mit einem Asteroiden würde sich die Erde weiterdrehen, und es gäbe noch Leben auf dem Planeten. Doch die Zerstörungen wären mitunter großflächig.” (n-tv) Dieser Satz ist halbwegs realistisch, klingt aber noch schönfärberisch. Ein Asteroiden-Impact von der Größe und den Zerstörungsausmaßen von Flagstaff, Arizona, würde langfristige Veränderungen des Klimas bewirken – schon die Asche bei Vulkanausbrüchen beeinträchtigt unser modernes Leben erheblich, siehe Eyafjallayökull (2010). Ein Asteroidenaufprall würde mit Gewissheit unser Leben völlig verändern, ganz abgesehen von den unmittelbaren Schäden und Toten. Da bliebe nichts mehr, wie es war.

Alles ist möglich? Ja, – aber eben nicht dem Menschen. Der sollte sich seiner Begrenztheit, gerade auch der Grenzen seines Wissens, seiner Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten immer bewusst bleiben. Das macht nüchtern und trägt dazu bei, sich mehr auf das zu konzentrieren, was wir wirklich erreichen können im Blick auf unseren Planeten. Auch im Hinblick auf die Gefahren aus dem Weltall sind alle Anstrengungen nötig, klar. Aber auch da werden Grenzen bleiben, Grenzen, die wir anerkennen und aussprechen sollten. Das macht uns vielleicht ein bisschen realistischer und bescheidener. Der Rest erledigt sich von alleine.

 17. Februar 2013  Veröffentlicht von am 10:41  Mensch, Moderne, Natur, Neuzeit, Technizismus Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Nov 112012
 

Unsere westliche Kultur ist vom Fortschrittsgedanken geprägt. Spätestens seit Beginn der Neuzeit, im Grunde aber schon mit der Renaissance, gewinnt eine Anschauung der Welt an Bedeutung, die nicht mehr den „ewigen“, gottgegebenen Ordnungen verhaftet ist, sondern die Welt als durch den Menschen veränderbar und verbesserbar ansieht. Das ersehnte „Reich der Freiheit“ ist nicht mehr der jenseitige „Gottesstaat“ (Augustin) im qualitativen Unterschied zu allen menschlichen Reichen, vielmehr wird die Weiterentwicklung und Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens als Aufgabe des Menschen selbst erkannt. Niccolò Machiavelli war es, der in „Il principe“ und den „Discorsi“ (1531/32) ein neuzeitliches Programm der „good governance“ entworfen hat. Der gesellschaftliche Fortschritt ist planbar geworden. Die zur selben Zeit rasch zunehmende Fähigkeit zu technischen Entwicklungen und Erfindungen (Leonardo da Vinci) vergrößert den Handlungsspielraum menschlicher Gestaltungskraft. Mit dieser ersten technologischen „Revolution“ auf der Basis der Mechanik und erst recht mit jeder weiteren technologische Stufe erweitert sich der Freiheitsraum um ein Vielfaches; Freiheit wird erfahrbar als Steigerung der Handlungs- und Wahlmöglichkeiten zur Erreichung bestimmter Ziele. Auch gänzlich neue Ziele kommen dabei in den Blick; das Fliegenkönnen bleibt nicht mehr den Vögeln und dem mythologischen Traum (Dädalus und Ikarus) vorbehalten. Die Mondlandung 1969 wird nicht das letzte „neue Ziel“ der Menschheit sein. Die abendländische Kultur erschöpft sich nicht mehr im Urbild der gefeierten Antike oder im bloßen Sammeln von Wissen und Beschreiben von Einzelphänomenen (Enzyklopädien), sondern die Kultur im weiteren Sinne (Arbeit, Alltag, Recht usw.) transformiert sich zur expliziten Verwirklichung technischer Möglichkeiten, die den menschlichen Handlungsraum vergrößern und erweitern. Eine ehedem überwiegend literale Kultur (Handschriften, Bibliotheken) wird zur technisch-sozialen Kultur erweitert, wie sie unsere Neuzeit prägt. Damit vergrößert sich zugleich die Menge der Akteure, die an dieser Kultur teilhaben. Die neuzeitliche Kultur hat die Tendenz, die gesamte Gesellschaft zu erfassen und zu gestalten. Der Fortschrittsgedanke wird dabei zum entscheidenden Katalysator, denn er wird zum allgemein akzeptierten Kriterium dessen, was „vorwärtsweisend“ und darum gut und nützlich ist. Was sich dem entgegen stellt, ist „von Gestern“, veraltet und überholt und auf weitere Sicht ohne Existenzberechtigung.

Leonardo da Vinci, Automobile (Wikipedia)

Gegen diesen „Mythos der Neuzeit“ gibt es seit langem Einwände. Statt von der positiv besetzten Fortschrittsidee wird dann skeptisch vom „Fortschrittsglauben“ gesprochen, der anfechtbar und letztlich irrational sei. Nicht erst die Erfahrungen der zahllosen Kriege und Genozide mit immer exzessiverer Gewaltanwendung („totaler Krieg“) haben den neuzeitlichen Optimismus getrübt. Grundsätzliche Erwägungen bestreiten die quasi axiomatische Gewissheit des „Immer-weiter, Immer-höher, Immer-schneller, Immer-besser“. Zu Recht wird heute angesichts der Folgen nach dem Preis gefragt, den die westliche Zivilisation und ihre technologisch vermittelte Kultur kostet, ob sich die Menschheit diesen Preis, bestehend im Aufbrauchen endlicher Ressourcen und verschärfter Ungleichheit, überhaupt leisten könne. Einmal ist es der moralisch-philosophisch beschriebene „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler) bzw. die erreichten „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome), ein andermal wird auf die grundsätzliche Ambivalenz jeder geschichtlichen Entwicklung verwiesen; erst vom Ende her zeige sich, was wirklich geworden und für den Menschen gut ist. Bei der buchhalterischen Betrachtung stehe eben jeder gesellschaftlichen „Progression“ eine ebensolche „Regression“ gegenüber, welche den Saldo des „Fortschritts“ meist ins Minus bringe, bestenfalls auf Null stelle. Bei der Diskussion über Chancen oder Gefahren des Internets zum Beispiel erleben wir genau diese Argumentationsmuster: Positive Freiheitsverheißung kontra negativen Manipulationsverdacht (Kontrollverlust). Dahinter steht ein jeweils unterschiedliches Bild vom Menschen: Hier das Bild des letztlich zum Guten fähigen und bereiten Mensch, der aus Fehlern lernt und zu Kompromissen und Verzicht bereit ist (das Faustische „wer immer strebend sich bemüht“), dort die Skepsis des zu allem fähigen, eben auch zu jeder Bosheit und Brutalität bereiten Menschen, dessen unstillbarer Gier und Gewaltbereitschaft nur die passende Gelegenheit geboten werden müsse. Manche psychologischen Untersuchungen über das Stressverhalten von Soldaten scheinen dieses letzte Bild eher zu bestätigen. Dieser gegensätzliche Optimismus oder Pessimismus im Menschenbild, also hinsichtlich der Entwicklungs- und Verhaltensmöglichkeiten des Menschen, wird von einem naturalistischen „Realismus“ allenfalls gemildert. Wenn die Neurowissenschaften die recht urtümlichen Reiz-Reaktions-Schemata menschlichen Verhaltens beschreiben (“Jäger und Sammler“ – Mentalität), erklärt das zwar manches, hilft aber nicht dabei, diskursiv ein Urteil über Ziele und Werte menschlichen Verhaltens bzw. gesellschaftlicher Handlungen und Strukturen zu finden. „Kultur“ bleibt definitorisch im Bereich dessen, was der Mensch über seine Natur hinaus gehend anstrebt und verwirklicht. Damit bleibt auch der weite Raum der Kultur unserer technisch-sozialen Zivilisation nicht frei von Ambivalenzen; Kultur bleibt so ambivalent wie der Mensch selbst, der sie gestaltet und trägt.

Aus diesen Überlegungen heraus lässt sich festhalten:

  • Unsere Kultur ist von einem technisch-sozialen Fortschrittsgedanken geprägt. Er betrifft nahezu alle Bereiche unseres Lebens. Fortschrittskultur ist Alltagskultur geworden. Der Fortschrittsgedanke selber ist eine geschichtliche Idee der Neuzeit.
  • Fortschritt in diesem Sinne bietet Freiheit als erweiterte Wahlmöglichkeit an. Der Markt der Möglichkeit ist unüberschaubar groß geworden. Damit haben auch die Rollen und Verhaltensmodelle im individuellen Leben eine bisher nie da gewesene Flexibilisierung erfahren.
  • Die neuzeitliche westliche Kultur ist der Entfaltungsraum jedes Einzelnen geworden, der zugleich Individualität und Uniformität bereit hält, nämlich freie individuelle Auswahl gleicher allgemeiner Ziele und Werte.
  • Die Grenzen dieser Kultur des Fortschritts liegen nicht in den Möglichkeiten und Zielen, sondern in den Fähigkeiten und Ressourcen. Eine Ende des Fortschrittsprozesses ist nicht absehbar.
  • Die Kultur erfährt jeden Schub der Entwicklung als Anstoß zur Transformation. Die Ausbreitung und die Geschwindigkeit dieser Entwicklungsschübe lässt kulturelle Transformation zum Prozess permanenter Veränderung werden.

Als Frage stellt sich mir, welches Verständnis von Wirklichkeit dadurch impliziert ist. Jedenfalls ist es ein dynamisches Verständnis, weniger „Wirklichkeit“ als ständige „Verwirklichung“, aristotelisch gesprochen Entelechie. Neuzeitlich hinzu getreten ist der naturwissenschaftlich im 2. Hauptsatz der Wärmelehre verankerte Zeitpfeil der Entropie. Fortschritt bedeutet dann zugleich Zunahme von Entropie, bedeutet Zunahme von Information (Carl Friedrich von Weizsäcker), bedeutet wachsende Differenzierung des Einzelnen, bedeutet aber paradoxerweise auch zunehmende Nivellierung („Kältetod“) des Gesamtsystems. Lässt sich Leben als eine Form des Entropie-Aufschubs verstehen, so werden am Ende die ‘Kosten’ eingefordert: Im Tod wird die „geborgte“ Energie wieder abgegeben, das Individuum stirbt. Da aber das Leben insgesamt kein perpetuum mobile ist, tendiert auch das Gesamtsystem des Lebens und darin eben auch des Systems „Mensch & Kultur“ zur Informations-Implosion. Will sagen: Der Fortschritt hat eine systemimmanente Grenze, sofern die sich darin vollziehende Wirklichkeit (nicht nur die Ressourcen!) eine entropisch begrenzte ist. Unser Fortschrittsdenken blendet dies aber als aktuell irrelevant aus. Das mag eine Weile gehen. Grundsätzlich aber ist es eine Infragestellung durch die Wirklichkeit selbst.

Damit öffnet sich ein Blick auf die Befindlichkeit des Individuums. „Bin“ ich tatsächlich nur, sofern ich mich „verwirkliche“, also aus mir heraus gehe, „existiere“? Finde ich meinen Sinn nur dann und darin, wenn ich möglichst viele Türen unterschiedlicher Chancen öffnen und in ein Leben treten kann, in dem ich mich immer wieder „frei“ bestimme und selber schaffe? Liegt der Sinn (und damit die Ruhe und Zufriedenheit) meines Seins nur in meinem „Existieren“ = Heraustreten? Oder finde ich mich selbst eher in der Introversion, also der Rückwendung, Zuwendung zu mir selbst in meinem Inneren? Liegt also die Wahrheit meines Seins und damit meine wahrhafte Persönlichkeit in der Abwendung vom extrovertierten Fortschrittsleben und in der Hinwendung zur introvertierten Suche und Erkenntnis meiner selbst? Ist wirkliches Sein nur als tätige, instrumentelle Verwirklichung fassbar oder nicht vielmehr als Rücknahme, Rückkehr, Loslassen, Gelassenheit und Ruhe seiner selbst? Wird erst dann Sein als lebendige Fülle erlebbar? Ist dies „alternativ“ oder vielmehr „zugleich“? – Mystiker haben so gedacht, sagen wir, aber ebenso die Nachfolger des Parmenides, Platons und so vieler anderer. Sie weisen darauf hin: Die Fülle liegt innen, in mir, nicht außen im ‘Getriebe’. Dann wird auch der Tod nicht zur letzen Katastrophe des tätigen Menschen, sondern zur Hingabe, zur Rückgabe aller meiner individuellen Potentiale und Energien an das Sein, das Alles und Nichts ist: Entropie als Aufgehen im Einen. Dann hat mich die Wirklichkeit eingeholt – nicht der schlechteste Gedanke.

 11. November 2012  Veröffentlicht von am 13:43  Kultur, Neuzeit Tagged with: , , ,  2 Antworten »
Okt 022012
 

Wir haben uns daran gewöhnt, in einer “christlich – abendländischen” Tradition zu leben. Unsere europäische Welt ist aus dem “christlichen Abendland” hervor gegangen, heißt es. Manche bezeichnen auch die Gegenwart noch als geprägt durch die “christlich-abendländischen Werte”. Dies wird mit besonderer Emphase gegen den Satz ins Feld geführt, der Islam gehöre zu Deutschland. Ganz abgesehen davon, dass es ziemlich unklar bleibt, welches denn die christlich-abendländischen Werte eigentlich sind, denen man sich verpflichtet fühlt, dient der Begriff “christliches Abendland” eher als Parole in einem kulturpolitischen Abwehrkampf denn als klare Beschreibung einer geschichtlichen Wirklichkeit. Das so oft bemühte Bild vom “christlichen Abendland” bedarf einer grundlegenden Revision.

In einem Kommentar von Thomas Urban in der heutigen Süddeutschen Zeitung (02.10.12 S. 3) über das Streben einiger spanischer Regionen nach Unabhängigkeit lese ich folgendes:

Auch im heißen Andalusien, der bevölkerungsreichsten Region Spaniens, hat sich ein starkes kulturelles Bewusstsein entwickelt. Es schöpft seine Kraft aus der Rückbesinnung auf das maurische Erbe. Dieses wurde jahrhundertelang im katholischen Spanien zerstört und aus dem Gedächtnis gestrichen. Doch nimmt ein wachsender Teil der heutige Elite Andalusiens das Kalifat von Córdoba und das Sultanat von Granada als Hochkultur wahr, die von Kastilien brutal zerschlagen wurde.

Averroes, aus Wikipedia

Genauer gesagt: Vom katholischen Kastilien wurde im Namen der Päpste und wiederholt unter dem Titel eines “Kreuzzuges” das Unternehmen “reconquista” durchgeführt (Hauptphase im 11. Jhdt.) zur “Rückeroberung” Spaniens von den Mauren. Dies klingt nach einer Episode spanischer Geschichte in einem “Winkel” Europas. Das Gegenteil ist der Fall. Die “Mauren” in Spanien haben in einem kaum hoch genug zu schätzenden Ausmaß Wissenschaft, Denken und Kultur Europas insgesamt geprägt und beeinflusst, ja man kann zuspitzen: überhaupt erst ermöglicht.

Die Entwicklung des abendländischen Denkens ist ohne die Rezeption der arabisch-islamischen Kultur überhaupt nicht zu verstehen. Die Kenntnis der griechischen Philosophie, der indischen Mathematik, der morgenländischen Medizin und Astronomie gelangte ausschließlich über das maurische Spanien, also über Al-Andalus zu uns. Die Wiederentdeckung des Aristoteles war überhaupt erst möglich, seit man seine Schriften zuerst aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzte (Übersetzer-”Schule” von Toledo), ehe man Jahrhunderte später während der Renaissance nach den griechischen Originalen stöberte. Bis dahin waren von Aristoteles nur die Logik und Dialektik bekannt, “propädeutische” Schriften gewissermaßen. Insofern war dann auch die Wiederbelebung der Antike im 14. und 15. Jahrhundert (Renaissance) nur auf dem Hintergrund der spanisch-arabischen Vermittlung möglich.

Es ging nicht nur um die “alten” griechischen Philosophen. Es ging um  das gesamte griechisch-hellenistische Erbe und seine Weiterentwicklung im arabisch-islamischen Kulturraum. Nachdem der oströmische Kaiser Theodosius 391/392 der griechisch-”heidnischen” Tradition den Kampf angesagt und die griechische Philosophie unter Kaiser Justinian 590 verboten wurde (Schließung der “Akademie” Athen), war das griechisch-römische Erbe mehr oder weniger verwaist. Die (uns heute völlig unbekannt gewordenen) islamischen Philosophen waren es, die sich dieses Erbes annahmen, es pflegten und weiter entwickelten: Alkindi (†873), Alfarabi (†950), Avicenna (†1037), Avepacem (†1138), Averroës (†1198) u.a.m. waren bedeutende Denker und Wissenschaftler, zum Teil Ärzte, in Bagdad, Teheran, Cordoba, Malaga, Fez, welche die Grundlagen für das mittelalterliche Denken und Wissen im Abendland legten. Ihre Schriften, besonders die Aristoteles-Kommentare des Averroës, wurden “Standardliteratur” in dem geistesgeschichtlichen Aufholprozess des Abendlandes, der unter anderem in die sogenannte “Scholastik”, also “Schulphilosophie”, führte.

Das Denken und die Schriften der mittelalterlichen “Großen” wie Thomas von Aquin (Rom, Neapel), Duns Scotus (Paris), Albert dem Großen (Köln) und Meister Eckhart (Erfurt, Straßburg, Paris) gründete auf der arabisch-griechische Philosophie und / oder stand in steter Auseinandersetzung mit ihr. Noch ein Nikolaus Cusanus (†1464), der als Ausklang des Mittelalters und Wegbereiter der europäischen Neuzeit gilt, fußt auf den Traditionen Avicennas und Averroës’. Dies ist alles seit Jahrzehnten bekannt und wird entsprechend selbstverständlich seit langem in Philosophie und Geschichtswissenschaft diskutiert. Der “deutsche Mystiker” Eckhart ist längst als Phantasieprodukt einer nationalen Romantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts entlarvt. Das Mittelalter und seine “Aufklärung” im 13. Jahrhundert war sehr anders und viel lebendiger, als es uns heute meist im Gedächtnis ist (wenn überhaupt).

Die abendländische kulturelle Tradition speist sich also aus sehr unterschiedlichen Quellen und Strömen, das jüdische Erbe gehört dazu, das hellenistisch-römische, das islamisch-arabische, das christliche, um nur die Hauptlinien zu nennen. Darum ist es für das Verständnis und für die Kennzeichnung unserer abendländischen Tradition, ihrer Denkweisen und Werte, allererst abzuklären, welche Rolle das spezifisch Christliche dabei gespielt hat. Diese Rolle dürfte nüchtern betrachtet sehr viel negativer und ambivalenter ausfallen, als es der heutige Sprachgebrauch vermuten lässt. Die Spanier in Andalusien schicken sich an, ihr Geschichtsbild neu zu schreiben und das Erbe von Al-andalus wieder zu entdecken.

Dasselbe täte uns im Großen und Gesamt Europas not. Die abendländische Tradition ist ungemein vielfältig, widersprüchlich und verschlungen, viele uns heute selbstverständliche Denkweisen mussten oft erst gegen die “Mächte” (vor allem Roms) errungen werden. Das “christliche Abendland” ist ein apologetisches Zerr- oder Wunschbild (je nach Standpunkt) unserer Neuzeit. Zur Gewinnung einer sachlichen, nüchternen und religions-neutralen Betrachtung aber ist eine Revision unseres traditionellen Geschichtsbildes erforderlich. Es ist dran. Es täte uns  auch hinsichtlich der gegenwärtigen Diskussion um “Christentum” und “Islam” nur gut. Es wäre die Wiedergewinnung einer säkularen Geschichtsinterpretation.

 2. Oktober 2012  Veröffentlicht von am 18:03  Europa, Geschichte, Kultur, Moderne, Neuzeit, Philosophie, Religion, Rom Katholisch, Wissen Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert
Jul 282012
 

Geschichte erzählt mehr als nur Geschichten. Die eigene Geschichte zu vergessen macht leichtfertig und blind für die Gegenwart. Glaube an Geld und Fortschritt sind die Dogmen der Moderne. Obs für die Zukunft reicht, wird sich zeigen.

Sich mit “der Geschichte” zu befassen, hat Hochkonjunktur. So sieht es jedenfalls aus, wenn man die Vielzahl von TV-Sendungen zu historischen Themen in szenischen Darstellungen zum Maßstab nimmt oder die stetig anschwellende Menge populärer Literatur zu Geschichtsepochen und Größen der Geschichte. Offensichtlich kann der heutige Mensch nicht genug bekommen von “Ägypten”, “Rom”, “Friedrich Barbarossa” und überhaupt den Kaisern, Päpsten und Herrschern der Vergangenheit. Ein wenig im Schatten blüht aber auch die Literatur zur Sozialgeschichte, also sozusagen zur Geschichte des “kleinen Mannes”. Die ist allerdings nicht ganz so attraktiv. Nur in den beliebten touristischen Ritterspielen, in denen man das Mittelalter aufleben lassen möchte, kommen dann die “einfachen Leute” vor, schön pittoresque als Marketender oder Kräuterfrau in Szene gesetzt. So lieben wir das Mittelalter. Überhaupt, so als Spielfilm, als dramatische Inszenierung und als Turnierspektakel möglichst mit einer mittelalterlichen Burg als Kulisse, so mögen wir “Geschichte”, als “event” eben.

Daneben aber ist in der Entwicklung der Geschichtswissenschaft fast der entgegengesetzte Trend festzustellen. Nicht etwa fehlendes Interesse an Geschichte meine ich, sondern die zur bewussten Reflexion gewordene Problematisierung dessen, was Geschichtswissenschaft überhaupt leisten kann. Historiker, so heißt es kritisch, können Geschichte gar nicht anders darstellen als in einer großen “Erzählung”, also einem dichterischen Akt der Konstitution von Geschichte. Die “bruta facta” treten dann auf einmal völlig zurück hinter einem jeweils entworfenen Geschichtsbild, das viel eher die Fragen und Kategorien der Gegenwart wiedergibt als wirklich “das, was war”. Geschichtswissenschaft, so hören wir, sei entweder eine Sonderform von Literatur und Dichtung, also der Teilnahme an der Erzählung von “Geschichten”, gar nicht so weit entfernt vom Mythos, oder eben eine Konstruktion gegebener Fakten gemäß einer vorgefassten Sinn stiftenden Geschichtsphilosophie. In beiden Fällen scheint der erstrebte Gegenstand der Geschichte, die Tatsachen der Vergangenheit, also das Auffinden und Darstellen dessen, was früher einmal der Fall war, hinter unseren gegenwärtigen Denkschemata, Interessen und Fragestellungen zurück zu treten. Und weiter: Einerseits haben wir das Erbe des Historismus übernommen und sehen uns als durch Geschichte bedingte und in Geschichte verwickelte Menschen an, existieren also bewusst “geschichtlich”, auf der anderen Seite kann das “Ende der Geschichte” verkündet und als “Posthistoire” übertrumpft werden. Die Geschichte scheint so zur ewigen Gegenwart zu kondensieren, weil nur die Gegenwart wirklich ist und das Vergangene nicht mehr existiert. Geschichte als eigene Wissenschaft zeigt sich so als in sich selbst fragwürdig.

Es liegt auf der Hand, dass sich gegenüber solch radikalen Thesen Widerspruch geregt hat. Weiterhin forschen Generationen von Historikern akribisch an Quellen und Funden, lesen Texte, studieren Artefakte, orientieren sich an Dokumenten ebenso wie an Bauwerken und Symbolen. Offenbar ist da doch etwas an der Vergangenheit, was zwar so nicht mehr da ist, aber in vielerlei Hinsicht in die Gegenwart hinein reicht und uns in unserer Zeit beschäftigt und bewegt. Bisweilen ist es sogar so, dass nicht nur wir Heutigen Fragen an “die Geschichte” haben, sondern dass es aus geschichtlichen Ereignissen heraus zu Anfragen an unsere Gegenwart kommt. Die Historismusdebatte und der heftige Historikerstreit zum Ende des 20. Jahrhunderts haben zumindest dieses erbracht: Es hat nicht nur die historisch arbeitenden, sondern uns “moderne” Menschen überhaupt sensibilisiert für das Gewordensein, für die menschliche Verantwortung für “seine” Geschichte, für die “Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen”, für die Relativität und Bedingtheit von Kulturen (ja, Plural!), Wissenschaften, Staatsformen und Rechtsbestimmungen. So dämmert es uns eben doch recht allmählich, dass wir westlichen Menschen bei allen Erfolgen und Leistungen – und Misserfolgen und Katastrophen – nicht allein der Nabel der Welt sind.

Umso mehr sollten uns geschichtliche Themen und Fragestellungen interessieren, weil sie nämlich zugleich unsere Vergangenheit und  unsere Gegenwart in einer zutiefst verunsichernden Vorläufigkeit und Unabgeschlossenheit erkennbar werden lassen. Verunsicherung darüber, was aus dem, was war, geworden ist, und was daraus denn wohl entstehen könnte. Denn eines zeigen geschichtliche Studien und Betrachtungen auch: Dass es fast nichts gibt, was unmöglich ist, dass scheinbar sichere Entwicklungslinien abrupt abbrechen und etwas völlig Unerwartetes zur Verwirklichung kommt. Die prinzipielle Unabgeschlossenheit, Offenheit der Gegenwart macht jedes ‘abschließende’ Urteil über gegenwärtige Entwicklungen obsolet. Das ist tatsächlich die Tücke mit der Geschichte: Wir erkennen nur im Nachhinein, was damals in der damaligen Gegenwart wirklich war. Es ist nicht erst das Problem der Zukunft, dass wir nicht wissen, was kommt! Der daraus zu ziehende Schluss sollte also Bescheidenheit und Vorsicht im Urteil darüber sein, was gegenwärtig ist und welche Möglichkeiten und Perspektiven sich ergeben. Es sind allenfalls Wahrscheinlichkeiten, und nicht einmal die lassen sich angemessen bewerten.

Ich möchte noch einen weiteren Blickwinkel für die Betrachtung wählen. Die manifeste Realität der Gegenwart umgibt sich mit einem Charakter von Allmacht: So wie jetzt, war es noch nie; so weit wie heute, hat es noch kein Mensch je gebracht; so klug, erfinderisch und voller technischer Möglichkeiten ist noch kein anderes Zeitalter je gewesen. Wir sind einzigartig, und unsere Gegenwart ist einzigartig, darum muss doch auch unsere Zukunft einzigartig, voller Potentiale und ungeahnter neuer Möglichkeiten sein. Die Zukunft wird so zum absoluten Faszinosum, das schon die Gegenwart als Übergangszeit des “Noch nicht” bestimmt. Besonders die Entwicklung der Computertechnologie verführt zu solch atemlosen Vorwärtsdrängen, als könne man die nächste Stufe dieser herrlichen Entwicklung kaum erwarten. Das Reich der Freiheit, der unendlichen Möglichkeiten, des Endes von aller Entfremdung und Fremdbestimmung liegt zum Greifen nahe vor uns. So klingt es aus manchen enthusiatischen Beschreibungen der neuen Ära des Internets, die schon zu einer neuen Evolutionsstufe des Menschen verklärt wird. Gewiss ist allerdings nur eines: Dass es auch ganz anders kommen kann und dass hier eine verständliche, aber nichtsdestoweniger gedankenlose und geschichtsvergessene Verwechslung von Wunsch und Wirklichkeit vorliegt. Zunächst ist, nüchtern betrachtet, die Technologie der Elektronik eine Sache erstaunlicher Miniaturisierung. Erst seit integrierte Schaltkreise auf Bruchteilen eines Quadratmillimeters aufgebaut werden können, sind Smartphones überhaupt möglich geworden. Es liegt also zunächst eine besondere Skalierung vor, die es so vordem noch nicht gab. Welchen Geist wir aber aus der Nano-Flasche entlassen, wissen wir noch nicht. Gleichzeitig liegt eine besondere, so noch nicht da gewesene Skalierung zur anderen Seite hin vor: Noch nie zuvor haben Menschen ihre Welt, die heute global, d.h. zum überschaubaren Globus geworden ist, in einer solchen Größenordnung beeinflusst, verändert und über die bisherigen “natürlichen” Grenzen hinaus belastet wie heute. Es gab zwar auch schon zu Zeiten der Römer für immer gerodete Wälder, die dem Flottenbau zum Opfer fielen, aber das war nur “Fliegenschiss” im Vergleich zur Klimaveränderung, wie wir sie heute erleben. Und noch ein drittes Beispiel für ein Skalierungsproblem: Nie zuvor war die Geldwirtschaft in Form des Kapitalismus so allgegenwärtig und alles beherrschend und durchdringend wie heute. Bedenkt man, dass das Vertrauen in die Macht des Geldes (nicht allein des Euro, sondern des Geldes überhaupt) allein eine Glaubenssache ist, gewissermaßen das Grunddogma unserer kapitalbasierten und renditegetriebenen “Marktwirtschaft”, und Misstrauen jede Währung zerstört, so wird ahnungsweise deutlich, wie fragil der Boden ist, auf dem unser gegenwärtiges “normales” Leben beruht. Wahrscheinlich ist es eben überhaupt nicht “normal” so, wie es jetzt ist, also keine Norm für die Zukunft. Aber auch dies wissen wir nicht, es wird sich allererst zeigen.

Der Blick auf die Geschichte kann lehren, auch das, was uns selbstverständlichste Grundlage zu sein scheint, eben nicht als selbstverständlich und naturgegeben anzusehen. Schon die ideengeschichtliche Basis unseres heutigen Bewusstseins, der Fortschrittsgedanke, ist eine geschichtliche “Erfindung”, ein Produkt der frühen Neuzeit. Dies ist das eigentliche Dogma der Moderne. Der Glaube an die Sicherheit des Geldes und an die Gewissheit des Fortschritts machen eigentlich die Welt zu der, die sie gegenwärtig ist, im Guten wie im Schlechten. Es ist dies sozusagen die säkulare “Religion der Moderne”. Aber ein Glaube verliert seine Kraft, wenn der Zweifel wächst. Der Blick in die Geschichte kann vor einem allzu tiefen Fall bewahren. Ob allerdings überhaupt auf die “Geschichte” geachtet wird und ob so etwas wie Lehren daraus gezogen werden können, ist ebenfalls überaus zweifelhaft. Es gab geniale Geister, Erfinder und Entdecker lange vor uns; wir haben ihre Namen vergessen (zum Beispiel Lukrez, Alhazen, Zheng He). Die Zukunft jenseits der Dogmen der Moderne wird zeigen, ob man sich an uns einmal erinnern kann.

NACHTRAG:

Wenigstens noch zwei weitere Literaturhinweise:

Hans-Jürgen Görtz, Unsichere Geschichte, Stuttgart 2001 (Reclam)

Johannes Rohbeck, Technik – Kultur – Geschichte. Eine Rehabilitierung der Geschichtsphilosophie, Frankfurt 2000 (Suhrkamp TB)

 28. Juli 2012  Veröffentlicht von am 19:44  Geschichte, Kultur, Neuzeit Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Jun 052012
 

Geschichte als solche ist nicht “lehrreich”. Wir können sie allerdings dazu machen. Dann bekommen manche geschichtliche Ereignisse und Gestalten neue Leuchtkraft und erhellen die Gegenwart. Herfried Münklers Darstellungen gelingt das immer wieder.

 

Geschichte ist nicht einfach “interessant” oder “lehrreich”, denn für sich genommen ist das, was war, eben das, was vergangen ist, und insofern im wörtlichen Sinne die Voraussetzung für das, was heute ist, und mehr nicht. “Geschichte” wird das Vergangene erst durch den Akt intellektueller Aneignung, Wahrnehmung, Betrachtung, Analyse, Deutung, Bewertung usw. Geschichte in diesem Sinne ist also Konstruktion, aber natürlich keine willkürliche. Methodisches Herangehen und kritisches Sichten des “Materials” (Dokumente und Daten aller Art) sollen zumindest sicher stellen, dass eine historische Darstellung an ihre Quellen gebunden bleibt, wenn auch der Anspruch eines Ranke, einfach darzustellen, “was war”, nicht einlösbar ist. Es gibt eben keinen Zugang zu Vergangenem, der nicht mindestens ebenso vieldeutig und interessegeleitet ist wie die Wahrnehmung und Beurteilung der jeweiligen Gegenwart. Im Gegenteil, diese “Multivalenz” und Multiperspektivität” nimmt mit dem Abstand von der Gegenwart eher noch zu. So weit, so bekannt, so gut.

Dennoch aber kann die Betrachtung eines bestimmten Zeitraums oder konkreter geschichtlicher Gestalten insofern “interessant”, also unser Interesse weckend und befriedigend, sein, als man Linien sozialer, wirtschaftlicher, politischer, kultureller, meinetwegen auch ‘ideengeschichtlicher’ Art aus der Vergangenheit, aus einer bestimmten historischen Epoche, in die Gegenwart ziehen kann. Dabei sollte man sich dessen bewusst bleiben, dass epistemologisch die Blickrichtung ja entgegengesetzt verläuft, indem ich aus meiner heutigen Perspektive mit meinen jetzigen Erkenntnissen und Fragen an “die Geschichte” herantrete. Mit diesen metatheoretischen Erwägungen im Hinterkopf kann es dann nicht nur unterhaltsam, sondern sogar äußerst lehrreich werden, strukturelle Parallelen, typologische Ähnlichkeiten,  Muster menschlichen / politischen Verhaltens, ursächliche Bedingungen und Wirkungen zu erheben und auszuwerten. Oft gelingt auch erst aufgrund eines anders gelagerten Selbstverständnisses des jeweiligen Historikers in seiner Jetzt-Zeit, neue Motive, Charakterisierungen oder gar “Paradigmen” zu entdecken. Wir sagen dann, wenn eine solche Darstellung gut, also einleuchtend und überzeugend gelungen ist, dass sie uns einen historischen “Ort” (Topos) oder eine geschichtliche Person neu erschlossen hat, neue bemerkenswerte Facetten der Vergangenheit entdeckt hat, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte vielleicht hier und da wieder aufspüren lassen und die sogar ein neues Licht auf unsere Gegenwart werfen können. So schließt sich dann ein Kreis der geschichtlichen Reflexion, wenn sie bestenfalls zur erneuten, d.h. erneuerten Selbstreflexion unserer Zeit geführt hat. Insofern möchte ich Geschichte als “lehrreich” bezeichnen.

Dies kann man je nach eigener Meinung und eigenem Standpunkt nicht von allen, aber doch von vielen Werken der Historiker sagen. Insbesondere möchte ich diese interessierte und mich mit Interesse ansteckende Vorgehensweise der Beschäftigung Herfried Münklers mit Niccolò Machiavelli (Münklers Dissertationsschrift von 1982) attestieren. Dies Buch und seine sich darin gut erschließende Argumentation sollte eigentlich das leichtsinnige Reden vom “Machiavellismus” im Sinne von rücksichtslos egoistischer Machtpolitik unmöglich gemacht haben. Vielleicht ist das Buch zu dick, als dass Politiker/innen das lesen könnten. Die Gedanken und Analysen sind nach dreißig Jahren noch genauso wichtig und erkenntnisfördernd wie zum Zeitpunkt ihrer schriftlichen Niederlegung. Der äußerst niedrige Preis in den Antiquariaten und sein Erscheinen als Taschenbuch 2005 macht den Zugang zu diesem Werk und seiner Themenstellung eigentlich leicht. Zu lesen ist es aber durchaus anstrengend; darum habe ich den Eindruck, seine Wirkung sei verpufft. Dabei könnte es doch … nun ja. Schön für einen selber, wenn man dann ein hoch interessantes “Fündlein” entdeckt zu haben glaubt.

Ich möchte als ein Beispiel eine kleine Textpassage zitieren, die gar nicht auf Machiavelli gemünzt ist, sondern die sich mit Polybios beschäftigt, dem Geschichtsschreiber und “Staatsphilosophen” aus dem 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, der den Niedergang von Griechenland – Makedonien und den Aufstieg Roms zur größten imperialen Blüte nach dem letzten der drei Punischen Kriege mit der Zerstörung Karthagos 146 vuZ beschrieben hat. Zugleich hat  Polybios über den zyklischen Wechsel der Staatsformen nachgedacht und war insofern ein gewichtiger Vorläufer und Ideengeber für Machiavelli. Münkler kommt da zu einer Beschreibung des Polybios, die einem heute noch ganz anders in den Ohren klingen mag als vor dreißig Jahren:

Der griechische Intellektuelle, den politischen Abstieg seiner Heimat vor Augen, ist von der Wucht und dem Erfolg der expansionistischen römischen Außenpolitik seit dem 2. Punischen Krieg fasziniert, die er allein aus dem Charakter der römischen Verfassung heraus zu begreifen vermag. In Anlehnung an die Entwürfe der mittleren Stoa, insbesondere die des Panaitios, die den römischen Waffen die Aufgabe zuwiesen, das Licht der hellenistischen Zivilisation über die ganze Erde zu verbreiten, entwarf Polybios den Gedanken einer Vereinigung der Menschheit zu einer einzigen, die gesamte Erde (oikumene) umfassenden, universalen Polis, in der Rom die Exekutivgewalt zufallen werde. Damit rechtfertigte er die imperialistische Außenpolitik Roms in ihrer ganzen Breite. Ein letzter Rest der klassischen Verknüpfung von Ethik und Politik schimmert dennoch durch: Kriege dürfen nur, so legt Polybios fest, um eines moralischen Zwecks willen geführt werden. Gerade diesen moralischen Zweck aber besaßen die römischen Legionen, solange der zivilisatorische Fortschritt im Gefolge ihrer Waffen einherschritt. Dilthey hat geglaubt, aus dem Gedanken der römischen Weltherrschaft, wie er von Polybios erstmals literarisch erfaßt worden ist (der aber sicher in der mittleren Stoa weit verbreitet war), eine Geschichtsphilosophie des Fortschritts heraus lesen zu können. Er übersah dabei jedoch den zutiefst pessimistischen Zug, der das Denken des hellenistischen Historikers beherrschte… [a.a.O. S. 126]

Eigentlich bin ich versucht, an die Stelle von “Rom” im Text entweder “London” zur Zeit Victorias (am britischen Wesen sollte die Welt genesen) oder eben Washington (am american way of life und an der US hard power soll die Welt genesen) zu setzen. Die “Rechtfertigung imperialistischer Außenpolitik” und ihre moralische Unterfütterung verläuft wohl stets nach demselben Muster. Auch die These vom Aufstieg und Niedergang von Imperien (Münkler selbst hat dazu einen Klassiker geschrieben: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2005) leitet sich von derartigen Darstellungen und Beurteilungen ab. Das ist nicht allein deswegen interessant, weil man dann allzu schnell meint Parallelen ziehen zu können (“siehste, die Amis gehn unter”), sondern weil einem beim genaueren Hinschauen neben Strukturparallelen auch vergleichbare (oder eben unvergleichliche) Voraussetzungen und Bedingungen zu Gesicht kommen, die einen zum genaueren Hinsehen auf die Umstände und Bedingungen heute motivieren kann. Jedenfalls erscheint einiges an Machiavelli, so wie Münkler sein Leben und Denken heraus gearbeitet hat, durch aus “modern” und aktuell genug zu sein, um sich damit in den heutigen Krisensituation zu befassen. Denn “Krisen” sind offenbar immer wieder sehr produktiv. Erst dann entfalten sich neue Möglichkeiten; sie können erst Wirklichkeit werden, wenn manches Alte nicht mehr taugt. Machiavelli war in den Wirrungen seiner Florentinischen Stadtrepublik äußerst an Stabilität interessiert, ja die Frage nach “Beständigkeit” von Gesellschaft (sic!) und Herrschaft ist nach Münkler sein leitendes Motiv das gesamte Werk und die ganze Lebenszeit hindurch. Was hält noch, nachdem die mittelalterliche Versicherung der religiös-metaphysischen Garantiewelt dahin gegangen ist? Was kann heute Basis und Zielvorstellung politischen und gesellschaftlichen Handelns sein, wenn Machtpolitik de facto multi-polar und Finanzpolitik uni-global geworden sind? Machiavellis Losung “Beständigkeit” bei allem Schwanken von virtù (Mut, Entschlossenheit und Nüchternheit) und necessità (notwendige sachliche Gegebenheiten) sollte zumindest auch das Leitmotiv bei der gegenwärtigen Bewältigung der EU- und Eurokrise sein. Allerdings scheint da “Beständigkeit” oftmals mit starrköpfigem Festhalten an eigentlich unhaltbar gewordenen Positionen (Kanzlerin-Veto) verwechselt zu werden. Das ist nie gut. Machiavelli hat zumindest in seiner politischen Praxis sehr viel Flexibilität (contra Medici, pro Medici, contra Medici) gezeigt; geholfen hat es ihm persönlich allerdings wenig. Er landete auf dem politischen Abstellgleis als Schriftsteller. Florenz allerdings ging in der Folgezeit ebenfalls unter und verlor alle seine frühere Bedeutung…

 5. Juni 2012  Veröffentlicht von am 12:52  Geschichte, Gesellschaft, Imperien, Moderne, Neuzeit, Politik, Staat Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Mai 312012
 
 Reicht “wissenschaftlich” als Kriterium der Wirklichkeit? In welcher Perspektive wird geforscht und gedacht? Welches sind unsere speziellen kulturellen Bedingtheiten? Keine neuen Fragen, aber stets wichtige. Und aktuell besonders notwendige.

Wir neigen oft dazu (und ich kann mich selbstverständlich nicht davon frei sprechen), die Ereignisse um uns herum aus einer sehr einseitigen Perspektive wahrzunehmen. Zusätzlich zu unseren subjektiven Bedingtheiten und zu unseren individuellen Vorlieben setzen wir unsere geistigen Auseinandersetzungen, Diskussionen und Diskurse in Buch, Zeitschrift oder im Netz auf eine Perspektive auf, die durch unser Herkunftsland und -sprache bestimmt ist. Es ist deswegen normalerweise die deutsche Perspektive. Manchmal gelingt uns auch schon eine europäische Perspektive, allerdings selten genug, wie sich gerade in der sehr nationalstaatlich geführten Politik-Debatte über die Euro-Schulden-Sonstwas-Krise zeigt. Geschichtsbetrachtungen freilich, seien es mehr belletristisch-feuilletonistische Essays oder historische Rekonstruktionen auf der derzeit gültigen wissenschaftlichen Basis, lassen sich schwerlich auf eine nationale Perspektive begrenzen, ist die nationale Idee und die Praxis der Nationalstaaten doch eine recht junge Erscheinung in Europa. Litereraturgeschichte, Kunstgeschichte, Musikgeschichte, Philosophiegeschichte, Wissenschaftsgeschichte usw. sprengen den nationalstaatlich begrenzten Rahmen. Kultur ist international, sagen wir dann leichthin, meinen damit aber im Allgemeinen nur, dass sie nicht nur rein “deutsch” verständlich zu machen ist. Meist unbedacht bleibt dabei aber die Voraussetzung, dass es selbstverständlich eine europäische Betrachtungsweise ist. Denn Kultur- und “Geistesgeschichte” gibt es nur in Europa, oder etwa nicht?

Dumme Frage, natürlich nicht, klar. “Natürlich” gibt es anderswo auch Kultur und Geist und Geschichte, aber eben halt eine “andere”, und die hat mit “unserer” europäischen wenig zu tun, hat es den Anschein, – zumindest sehr wenig zu tun mit der Perspektive, aus wir tagtäglich lesen – schreiben – denken – reden – diskutieren. Die “andere” Kultur kommt allenfalls als etwas Exotisches, Touristisches in den Blick, in der großstädtischen Nachbarschaft allenfalls als “Multi-Kulti”, aber “normalerweise” sind wir eben nur “bei uns” daheim. “Bei uns” ist dann die spezifisch deutsche – europäische – westliche – abendländische (womöglich noch christlich geprägte) Umgebung. Sie prägt uns in alltäglicher Handlung wie im alltäglichen Denken viel mehr und stärker, als es uns bewusst ist. Für den Alltag reicht das doch auch, meinen wir.

Ich bin da nicht mehr so sicher.  Schaut man nämlich genauer hin, dann wird es auch bei heute aktuellen Diskussionsthemen (z.B. Urheberrecht bzw. Einstellung zur “Kopie”, oder Energiepolitik oder ‘digitaler Revolution’) zu unterschiedlichen Beurteilungen führen je nach dem, welchen Standpunkt ich “global” einnehme und welche Perspektive ich wähle. Ich möchte das an einem Punkt verdeutlichen, der zum allgemeinen Konsens in unserer Kultur zählt, dass nämlich die wissenschaftlich-technisch-industrielle Revolution auf den spezifisch abendländischen Tugenden und Voraussetzungen beruht. Dies aber kann begründet bezweifelt werden. Lesen wir dazu einmal bei dem US-Historiker Robert B. Marks nach, was der über den oft hergestellten Zusammenhang zwischen abendländischer Wissenschaft und industrieller Revolution schreibt:

Es gibt jedoch kaum Anhaltspunkte dafür, die europäische Wissenschaft in Verbindung mit den Anfängen der Industriellen Revolution oder mit ihren revolutionären technischen Neuerungen zu bringen. Dies hat vielerlei Gründe….

So lange man glaubte, die Industrielle Revolution sei von der Suche nach Arbeit sparenden Maschinen in Gang gesetzt worden, mag es sinnvoll gewesen sein, den technologischen Fortschritt als entscheidendes Merkmal anzusehen. Woran es aber tatsächlich mangelte, war – wie oben gezeigt – Boden, nicht Arbeit: Folglich waren es Kohle und Kolonien, die diesen Mangel behoben und es England ermöglichten, sich als erstes Land zu industrialisieren. Grundsätzlich waren die Prinzipien der in der Industriellen Revolution verwendeten Technologien in China bereits bekannt. Was ihre Entwicklung in England statt in China möglich machte, waren – wie zuvor angedeutet – die besonderen Umstände in England, die den Brennstoff [Kohle] für die ersten, außergewöhnlich ineffizienten Dampfmaschinen praktisch frei verfügbar machten. China hatte dieses Glück nicht.

Selbst wenn wir den neuen Technologien – besonders Dampfmaschinen, der Eisen- und später Stahlproduktion – eine namhafte Rolle in der Industriellen Revolution beimessen wollen, gibt es kaum Belege dafür, dass die Mechaniker und Tüftler, die solche Maschinen erfanden, „Wissenschaftler” waren oder dass sie überhaupt wissenschaftliche Kenntnisse besaßen….Industrialisierung in England war also durch eine Unmenge Faktoren bedingt, zu denen freilich die wissenschaftliche Revolution nicht gehörte. [Robert B. Marks, Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte, 2006 (US: 2002), S. 133f.]

Vielmehr lagen die “besonderen Umstände” unter anderem im Silberbedarf des frühneuzeitlichen Chinas begründet, den man mit dem südamerikanischen Silber, also aus kolonialer Ausbeutung der Erze, befriedigen und damit Handelsströme umlenken und Machtgewichte neu bestimmen konnte. Sind “Kohle und Kolonien” (und Sklaven) dann also nur die historischen “Zufälle”, die zum überraschenden Überholen und dann Vorsprung des Westens gegenüber Indien und China führten? So liest es sich bei Marks. Der “ideengeschichtliche” und durch wissenschaftliche Forschung getriebene “Fortschritt” erweist sich dann als Mythos, gewissermaßen als Gründungsmythos der Überlegenheitsepoche der abendländischen Zivilisation. Ganz kurz auf die Gegenwart geschlossen: Die heutige (Wirtschafts-) Politik Chinas und Indiens holt also nur einen Entwicklungsschub nach, natürlich heute unter ganz anderen globalen Bedingungen, den die westliche Welt im 18. / 19. Jahrhundert begründete und durch mehrere “Weltkriege” (auch der Krimkrieg war ein solcher) zu einseitigem Vorteil zu zementieren suchte. Aus chinesischer Perspektive muss allein um der eigenen kulturellen Tradition und Selbstbehauptung willen sowohl die Debatte um die in der abendländischen Aufklärung begründeten “Menschenrechte” als auch um das Eigentumsrecht an “Originalen” und die Verteufelung und letztlich Kriminalisierung von “Kopien” ganz anders geführt und mit sehr anders gelagerten Begründungen und Selbstverständnissen unterfüttert werden, als “uns” das westlich selbstverständlich und aufgeklärt-humanitär gerechtfertigt zu sein scheint. Auch “Wissenschaft” hilft da nicht so einfach weiter, weil das Verständnis von dem, was als “wissenschaftlich” zu gelten hat, ebenfalls kulturell und damit perspektivisch bedingt ist.

Was hilft, ist zu aller erst die Augen über den Tellerrand der abendländischen Perspektive zu erheben. Es ist darum sehr hilfreich, wenn auch einmal “Weltgeschichte” nicht aus europäisch-abendländischer” Perspektive geschrieben wird, sondern aus einer globalen Perspektive heraus (siehe das zitierte lesenswerte Buch von Robert Marks), die sich natürlich nie vollständig von der eigenen Herkunft lösen kann. Und das muss ja auch nicht sein. Nur bewusst sollte es sein, aus welcher Perspektive man denkt, liest, redet, schreibt, diskutiert. Der seitens mancher “Netizens” oft etwas verbissenen ideologischen Diskussion um das Ausmaß und die inhaltliche Tragweite (“Paradigmenwechsel”) dessen, was zunächst einmal mit dem Arbeitstitel “digitale Revolution” versehen werden kann, täte es auch sehr gut, sich ihrer eigenen westlich-wissenschaftlichen “Borniertheit” bewusst zu werden und das, was jetzt aus “unserer” Sicht selbstverständlich “dran” ist, in den weiteren Horizont einer globalen, wirklich interkulturellen Diskussion und Perspektive zu stellen. Den Diskurs dazu muss man allerdings erst erfinden. Das “Weltwirtschaftforum” in Davos allein (Vorsicht, Ironie) kann es ja wohl kaum sein.

 31. Mai 2012  Veröffentlicht von am 13:29  Europa, Geschichte, Kolonialismus, Kultur, Neuzeit, Wissenschaft Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Mai 142012
 
Die Kultur der Ambiguität neu zu entdecken schlägt ein Buch von Thomas Bauer über den Islam vor. Eigentlich ist es aber ein Plädoyer, die eigene Geschichte der westlichen Zivilisation neu zu denken und die Kunst der Ambiguität zu pflegen.

Bei aller Begeisterung und allem Interesse für die Chancen und Möglichkeiten der modernen Kommunikations-Technologien und Computer-Welten bleibt für mich doch die Frage nach den Bedingungen und Grenzen unserer gegenwärtigen technisch dominierten Zivilisation zentral. Allzu deutlich scheinen die Probleme auf, die zu beseitigen einst der wissenschaftlich-technische “Fortschritt” (seit David Hume) angetreten ist. Der moderne, genauer der westliche Mensch bemächtigt sich der Natur mit ihren “Gesetzen” und schafft sich seine eigene technisch-mathematische Welt der Produkte und Waren. Dabei zerstört er die ‘natürlichen’, eigenmächtigen Grundlagen menschlichen Daseins als Lebewesen unter vielen in einer begrenzten planetarischen ‘Biosphäre’. Bleibt also die Frage, wie es dazu kam, dass der westliche Mensch seit der Renaissance die Weltbühne betrat, um sie zu erobern, zu verbessern (Leiden zu verringern) und ‘seine’ Welt sich und seinen eigenen Ideen und Wahrheiten als den nunmehr absolut gültigen  zu unterwerfen, mit einem Wort: sie westlich zu zivilisieren begann. Dass viele Verheißungen sich dabei nicht erfüllt haben, wird nur denjenigen enttäuschen, der bisher alle geglaubt hat: Armut ist nicht beseitigt, Krankheiten wurden nicht endgültig ausgerottet, menschliches Unglück und Leid nicht verringert, nur verändert. Zudem hat der westliche Zivilisationsschub durch Kolonialismus und Nationalismus der Weltgeschichte zwei Geißeln beschert, die wie in kaum einem Zeitalter zuvor zu Kriegen und Massenausrottungen geführt haben. Wenn wir nun dank Wachstum und Industrieproduktion zwar einerseits ‘Wohlstand’ schaffen, andererseits die Ressourcen der Erde restlos und unwiederbringlich ausplündern, das Angesicht der Erde nachhaltig verändern und all diejenigen Kulturen durch Verdrängung oder Assimilierung beseitigen, die ein anderes Wissen und einen anderen Umgang mit Mensch, Tier und Natur insgesamt pflegen, dann hat man eher den Eindruck, die westliche Kultur sei das Krebsgeschwür geworden, an dem die Welt als Ganze leidet. Ob eine Heilung dieses selbstzerstörerischen Prozesses überhaupt noch möglich ist, selbst wenn es gewollt wäre, ist nicht einmal sicher. Was aber hat zu dieser Entwicklung geführt, die in ihren Ergebnissen auf den ersten Blick so zweischneidig, so ambivalent ist?

Auch hierzu gibt es natürlich schon lange vielfältige Überlegungen. Ich bin nun auf ein Buch gestoßen, das mir doch sehr viel ergiebiger zu sein scheint als vieles, das ich bisher zu diesem Thema an Kritischem und Erhellendem gelesen habe. Das Buch und sein Autor sind auch deswegen so interessant, weil sie gar nicht eine “kritische Theorie” des Westens intendieren, sondern eine recht aufschlussreiche Darstellung der islamischen Kultur bieten. Es geht ausdrücklich um die Erzählung einer “anderen Geschichte des Islams”: Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011. Der Münsteraner Islamwissenschaftler und Professor der Arabistik unternimmt hier eine von großer Sachkenntnis der arabischen Literatur geprägte Gedankenreise in die Welt der unentschiedenen Wahrheiten, in die Kultur der Ambiguität. Er greift auf Überlegungen unter anderem von Zygmund Bauman, dem polnisch-britischen Philosophen der Post-Moderne, zurück (“Modernity and Ambivalence”, 1991) und definiert seinen erkenntnisleitenden Begriff Ambiguität so:

Ein Phänomen kultureller Ambiguität liegt vor, wenn über einen längeren Zeitraum hinweg einem Begriff, einer Handlungsweise oder einem Objekt gleichzeitig zwei gegensätzliche oder mindestens zwei konkurrierende, deutlich voneinander abweichende Bedeutungen zugeordnet sind, wenn eine soziale Gruppe Normen und Sinnzuweisungen für einzelne Lebensbereiche gleichzeitig aus gegensätzlichen oder stark voneinander abweichenden Diskursen bezieht oder wenn gleichzeitig innerhalb einer Gruppe unterschiedliche Deutungen eines Phänomens akzeptiert werden, wobei keine dieser Deutungen ausschließliche Geltung beanspruchen kann. (a.a.O. S. 27)

Es geht also nicht um Toleranz und auch nicht um Ambivalenz, denn beides setzt voraus, dass das Entgegengesetzte oder Widersprüchliche bekannt und definiert ist. Ambiguität verweigert sich gerade einer genauen Definition; sie hält zwei perspektivische Wahrheiten in der Schwebe. Nicht zufällig zitiert Bauer eingangs des zweiten Kapitels und später erneut Max Born, den Physiker der Quantentheorie, hat doch auch diese zur Anerkennung der Gleich-Gültigkeit zweier scheinbar widersprüchlicher Theoriemodelle im Bereich der Physik geführt. Was im Bereich der Quantenphysik die “Superposition” ist bzw. die quantenmechanische Verschränkung, das kommt in ähnlicher Weise im Bereich der Literatur- und insgesamt der Kulturwissenschaften als Ambiguität heraus. Bauer legt  in dem zitierten zweiten Kapitel seines Buches über den Begriff der “Kulturellen Ambiguität” ausführlich Rechenschaft ab. Überhaupt sei hier auf einige Rezensionen zur Anlage und zum Inhalt des Buches bei Amazon (siehe oben den Buch-Link) verwiesen.

Spannend ist, wie Bauers Blick auf die nachformative Phase des Islam und der arabischen Kultur  (“sunni revival”, 10. – 13. Jahrhundert) zum analytisch-kritischen Rück-Blick auf  die eigene westliche Kultur wird, die sich nun unter dem Stichwort der Ambiguitätsintoleranz kennzeichnen lässt. Seit Descartes’ berühmter methodischen Forderung des “clare et distincte” in Definition und Argumentation gehört es zum Grundbestand westlichen Denkens, Unsicherheit und Unschärfe auszumerzen; sie scheint das große Übel zu sein, das sich dem zugreifend – objektivierenden analytischen Verstand widersetzt. Also besteht nun alle geistige wie technisch-wissenschaftliche Anstrengung darin, Eindeutigkeiten in Natur und Kultur herzustellen, denn nur sie ermöglichen Beherrschung, Ausbeutung und Dienstbarmachung: Zivilisation und Kultivierung im westlichen Sinne. Bestenfalls – und das ist nach einigen weltzerstörerischen Kriegen schon eine positive Leistung – kann die Duldung, also die Toleranz von widerstreitenden Ideen gefordert werden in der Hoffnung, dass sich im demokratischen Diskurs schon das “Wahre” herausstellen, also Eindeutigkeit wieder hergestellt werde. Ambiguitätstolerantes Denken aber setzt anders an; es geht von dem Schwebezustand unterschiedlicher “perspektivischer Wahrheiten” aus, die eben nicht eindeutig entschieden werden können.

Bauers Kapitel über die Geschichte westlicher und orientalischer Sexualität gehört zu den großartigen Beispielen, die die Fruchtbarkeit seines ambiguitätsorientierten Ansatzes aufzeigt. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis verweist auf die thematisch breit gestreuten und profunden Kenntnisse Thomas Bauers. Hier findet man manches, was es erst noch zu entdecken gilt, will man diesem Denken, wie Bauer es vorschlägt, näher nachgehen. Verheißungsvoll ist es allemal, weil es auf eine Dimension hinweist, die eigentlich im Leben alltäglich, aber umso verdrängter ist: Dass es selten eindeutige Klarheit gibt bei Lebensumständen und -entscheidungen, kein eindeutiges Richtig oder Falsch, sondern vielmehr Unschärfen, Ambivalenzen und eben vielleicht auch Ambiguitäten. Wir müssten uns nur aus der Nische der Kunst entlassen, uns wieder neu auf sie einlassen und sie als Chancen eines offneren und nachhaltigeren Menschseins begreifen. Wir müssten die Kunst der Ambiguität erst wieder lernen, sollte auch aus der westlich-zerstörerischen Kultur einmal wieder eine duldsame und nachhaltige Kultur der Ambiguität werden.

 14. Mai 2012  Veröffentlicht von am 17:48  Geschichte, Islam, Kultur, Moderne, Neuzeit Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Apr 062012
 
Die  Kirchen sollten ihr Glaubensangebot etwas bescheidener als ein pluralistisches Sinnangebot unter vielen darstellen. Alles andere ist Dogmatismus oder schlimmer noch: christlicher Fundamentalismus. Ob nun evangelikal oder päpstlich: darin zeigt sich nur der arroganter Herrschaftsanspruch einer vormodernen Tradition. Dem sollte gerade zu Ostern widersprochen werden.

Es ist schon merkwürdig: Alle Jahre wieder zu den sogenannten “hohen” christlichen Feiertagen machen sich die klassischen Medien Zeitung, Radio, Fernsehen zum Diener des Christenglaubens.  Da werden auf einmal in den Nachrichten Glaubensinhalte als “news” verbreitet. Der Papst wäscht 12 Priestern die Füße, “so wie es der Überlieferung nach Jesus am Gründonnerstag beim Abendmahl getan hat”. So etwa wurden in der Tagesschau Bilder aus dem Petersdom kommentiert. Entsprechendes kann man dann zum Karfreitag und bei den Nachrichten über das Osterfest hören und sehen, wo Christen (immerhin, diese Einschränkung wird heute gemacht) “die Auferstehung Jesu feiern”. Das bedeutet die Vermischung von Glaubensaussagen mit Tatsachenbehauptungen. Und dies sollte es eigentlich in religiös neutralen Medien nicht mehr geben. Es ist nur Liebedienerei vor dem Universalanspruch des christlichen Weltbildes seitens der Kirchen und ihrer Amtsträger, insbesondere des Papstes.

Religiöse Weltbilder beruhen auf Glaubensinhalten, die sich entweder dem Bereich vernünftigen Weltzugangs entziehen und / oder im Bezug auf gegebene Wirklichkeit symbolischen Charakter haben, also Deutungsmuster der Wirklichkeit liefern. Glaubensinhalte haben es aber nie mit Tatsachen zu tun, die in Raum und Zeit eindeutig als Geschehen zuzuordnen sind. Wenn Religion dies tut, für ihre Glaubensgegenstände faktische Tatsächlichkeit im Sinne allgemein vernünftiger Zugänglichkeit und Verifizierbarkeit zu behaupten, dann begeht sie eine unzulässige Grenzüberschreitung. Religiöse Menschen und Funktionäre der Kirchen mögen das als legitim und ihrer “Sache des Glaubens” gemäß ansehen, aber dagegen muss sich die säkulare, historisch aufgeklärte Vernunft entschieden wehren. Glaubensinhalte und sogenannte “Glaubenstatsachen” können keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und vernünftige Anerkenntnis erheben. Was geglaubt wird, liegt im Bereich der Religionen und ihrer Anhänger. Die tatsächlichen Dinge, die eben als solche “der Fall sind”, gehören in den Bereich der menschlichen Ratio, des vernunftgeleiteten Weltzugangs und Weltwissens.

Beide Bereiche, in Stichworten “Glauben und Wissen”, eben gewissenhaft zu trennen und keine Übergriffe zu dulden, weder von Seiten des Glaubens in den Bereich z.B. der Naturwissenschaft noch von Seiten der Wissenschaft in den Bereich geglaubter Sinngehalte, gehört zu den Errungenschaften aufgeklärten Denkens und zu den Grundlagen der Neuzeit. Religion ist in Sachen des Glaubens so frei, wie es die Wissenschaft im Bereich der Vernunfterkenntnis und tatsächlicher Weltbewältigung ist. Ein Übergriff der säkularen Vernunft gegenüber dem religiösen Glauben welcher Provenienz auch immer wäre ein zu kritisierender rationalistisch-dogmatischer Säkularismus; ein Übergriff des Glaubens auf den Bereich vernünftiger Welterkenntnis und Weltbewältigung wäre ein ebenso zu kritisierender religiös-dogmatischer Fundamentalismus. Gerade die katholische Kirche tut unter ihren letzten Päpsten alles, um diesem religiösem Dogmatismus wieder zur Vorherrschaft zu verhelfen – denn um Herrschaft geht es dabei. Dem muss entschieden entgegengetreten werden.

Ebenso muss dem immer noch und immer wieder bemühten Eindruck begegnet werden, als handle es sich bei den “Osterereignissen” der christlichen Religion um historische Tatsachen. Die historisch-kritische Erforschung der Bibel seit dem 18. Jahrhundert und ihre durchaus kritische Aneignung in der wissenschaftlichen Theologie der Neuzeit bis in unsere Tage hinein hat erbracht, dass die Schriften der Bibel eben nicht als “Tatsachenberichte”, sondern als Glaubensverkündigung gelesen sein wollen. Einigen der in den neutestatemtlichen Schriften geschilderten “Ereignisse” mag jeweils ein historischer Kern oder besser Anlass zugrunde liegen, den herauszuarbeiten durchaus schwierig und oft strittig ist. Die Glaubensgeschichte selber aber hat und braucht keinerlei Anhalt an historischer Tatsächlichkeit, bestenfalls deutet und interpretiert sie “Geschichte”, d.h. bestimmte historische Geschehnisse.

Die Vermischung von Glaubensgeschichte und historischer Tatsächlichkeit führt zu solch merkwürdigen Nachrichten-Meldungen und Kommentaren, wie wir sie immer an den christlichen Feiertagen erleben. Unerlaubte Grenzüberschreitungen sind es, die nur eine Grunderkenntnis verwischen, dass nämlich Glaubensinhalte und historische Ereignisse zwei ganz verschiedene Dinge in zwei ganz unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit sind. Es sollte inzwischen auch in den Redaktionen von Zeitungen, Radio und Fernsehen zum Allgemeinwissen gehören, dass die christliche “Passionsgeschichte” nur eine besondere Art religiöser Legende ist. Über ihren Sinn mag man trefflich streiten und sich darüber austauschen. Tatsächlichkeit zu behaupten ist Unfug. Allenfalls das reine Dass des gewaltsamen Todes eines gewissen Jeshua kann als historisch einigermaßen gesichert gelten, alles weitere ist religiöse Deutung und dogmatisches Interpretament. In Sachen “Schöpfungslehre” und Evolution ist die missbräuchliche Grenzüberschreitung und Kategorienvermischung mindestens ebenso deutlich und verhängnisvoll; dies wird durch den Trick der Rede vom “intelligent design” nur bewusst verschleiert. Aber das ist ein anderes Thema.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man sich in den öffentlichen Medien zu Ostern einer klaren begrifflichen weil sachlichen Trennung bewusst wäre. Man würde dann nicht mehr so naiv einer Historisierung von Glaubensinhalten Vorschub leisten. Denn das ist nur Volksverdummung, die leider die Kirchen im Interesse der Vorherrschaft ihres Weltbildes immer wieder betreiben.

 6. April 2012  Veröffentlicht von am 12:25  Aufklärung, Dummheit, Fundamentalismus, Geschichte, Kirchen, Nachrichten, Neuzeit, Papst, Religionskritik, Vatikan Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 042012
 

Fortschritt ist eine zwiespältige Kategorie. “Online” zu sein scheint heute unvermeidlich. Aber den “Onlinern” stellen sich “Offliner” entgegen. Noch ist es zu früh, von einer Gegenbewegung zu sprechen. Aber was nicht ist, kann schnell werden. – Ein Plädoyer für mehr kritische Distanz.

Mit dem Fortschritt ist das so eine Sache.  Der Ausdruck unterstellt ein ‘Fort-Schreiten’, wobei das “fort” ja nur eine Distanzierung, ein ‘weg von’ ausdrückt. Einen Schritt tun zeigt eigentlich dasselbe an: sich von einer Stelle weg bewegen. Es wird weder etwas über die Geschwindigkeit noch über die Richtung ausgesagt, in die man sich bewegt. Auch ist damit noch nichts über die Qualität der Bewegung ausgesagt. ‘Fortschritt’ ist also von der reinen Wortbedeutung her ein wertneutraler Begriff.

Dem ist aber im Sprachgebrauch des Begriffes ‘Fortschritt’ mitnichten so. Umgangssprachlich wird Fortschritt meist mit ‘Innovation’ oder ‘Verbesserung’ konnotiert. Kulturphilosophisch geht dieser positive Gebrauch des Wortes auf den Fortschrittsgedanken der Aufklärung zurück. Der Mensch entwickele sich nach den aufklärerischen Ideen durch seinen Entschluss, sich aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien (Kant), stetig ‘nach oben’, also weiter ‘fort’ zu etwas Besserem, Höherem, womöglich ihm Zukommenden, ihm Bestimmten.  Die Geschichte wird danach als lineare Aufwärtsentwicklung gesehen, sei es nur ‘immer besser, immer schneller, immer weiter’ (optimistisch), sei es hin auf ein vermutetes oder gedachtes Ziel (teleologisch) oder naturhaft zwangsläufig (evolutionär).

Zwei Weltkriege und mancherlei andere Katastrophen haben den Fortschrittsoptimismus zwar desavouiert, aber nicht beseitigen können. Wir haben ihn heute im Wesentlichen technologisch übersetzt: Fortschritt ist dann gleich bessere Technik, mehr Fertigkeiten, neue technische Möglichkeiten. Über einen Fortschrittsoptimismus in kultureller oder moralischer Hinsicht besteht eher Zweifel. Wird vom Fortschritt im Zusammenhang des Prozesses der Globalisierung gesprochen, dann wird der Begriff erst recht ambivalent. Es stellt sich dann die Frage nach den Werten und Zielen, die man mit einem positiven ‘Fortschritt’ verbinden möchte. Da gibt es zwischen der Chefetage der Deutschen Bank und der Occupy-Bewegung naturgemäß Differenzen.

Das durch einen Tsunami verursachte Unglück im Kernkraftwerk Fukushima, aber viele Jahrzehnte früher schon das Giftunglück von Seveso (unbekannt? hier gibts Infos), die Müllverklappung in den Ozeanen, schließlich Schweinepest und Rinderwahn haben die Zweifel hinsichtlich der allumfassenden technischen Machbarkeit erheblich geweckt und bestärkt. Die Fragwürdigkeit von Großprojekten der Infratstruktur, seien es Bahnhöfe, Flughäfen oder Schnellstraßen, ja auch Stromtrassen und Schienenstrecken, wird vor allem von Anliegern und Betroffenen, aber eben nicht nur von diesen, betont. Statt einer ‘Fortschrittsgläubigkeit’ mit einer inkriminierten Gigantomanie wird dann der Langsamkeit, der Natürlichkeit, der ‘Nachhaltigkeit’ (das Modewort dieses beginnenden Jahrhunderts) das Wort geredet. BIO ist in jeder Hinsicht (und fast zu jedem Preis) positiv besetzt und attraktiv, “fleischlos” essen ist chic geworden, sogar Veganer erfreuen sich der Aufmerksamkeit einer trendbewussten Öffentlichkeit. Die Frage ist also unüberhörbar gestellt: Technologischer Fortschritt – wohin? wozu? zu welchem Preis? Nicht erst Rousseau hat ja den Schlachtruf “Zurück zur Natur” geprägt, sondern es ist altes stoisches Gedankengut, vom “Leben im Einklang mit der Natur” zu sprechen. Ob es sich dabei um die wirkliche Natur oder um ein idealisiertes Traumbild von Natur handelt, sei dahin gestellt.

Eine ähnliche Skepsis gegenüber einer umgebremsten Entwicklung, eines kapitalgetriebenen Fortschritts,  scheint sich mir heute gegenüber den digitalen Entwicklungen abzuzeichnen. Von den einen nahezu als Mittel auf dem Weg zum kommunikativen Paradies hoch gelobt, von den anderen als Vergewaltigung und Preisgabe der Privatsphäre verteufelt, ist das Internet fast zum Inbegriff des modernen Zwiespalts gegenüber dem ‘Fortschritt’ geworden. Den “Onlinern” stellen sich, man lese und staune, gezielt und bewusst “Offliner” entgegen, die auf Smartphones, Facebook und andere Segnungen medialer Technik bewusst verzichten. Wird bisweilen von der “technologischen Lücke” der 25 % bis 30 % gesprochen, die noch (!) nicht regelmäßig oder ständig online sind, so suggeriert dies sofort den Anspruch, dass diese Lücke so schnell wie möglich zu schließen sei. Rasche Umstellung auf Online-Shopping, Online-Banking, Online-Verwaltung in den Komunen, werde diesen Teil der Bevölkerung schon bald zu ihrem Glück zwingen. Oder ist es doch nur ein riesiger Marketing-Trick? Zumindest bleibt es ja mehr als fragwürdig, dass zum Beispiel einem eBook-Käufer sehr viel weniger Rechte ‘gewährt’ werden als dem Käufer eines gedruckten Buches. Und es gibt viele solcher Beispiele (CD gegen Download; Briefgeheimnis gegen Email u.v.a.m.)

In den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es die überzeugten Fernseh-Verweigerer. Sie sind im Laufe der Zeit zu einer marginalen Gruppe (von Anthroposophen) geschmolzen. Doch die Zeiten und Kommunikations- und Multiplikationsformen haben sich gewandelt. Es sollte mich nicht wundern, wenn die Offliner sich zu einer Bewegung formieren, die gegen die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung der Lebenswelt angehen durch Verweigerung. Zumindest könnte eine solche Bewegung zu recht die Frage nach dem Wohin, also nach dem Sinn und Zweck der Digitalisierung stellen. Dass eine Sache möglich ist und dass sie Schnelligkeit verspricht, ist ja noch kein inhaltliches Argument. Die Netz-Träumereien der “Piraten” sind eben nur die eine Seite der möglichen technischen Entwicklung. Man wird sehen, welche blinde Flecken sich in dieser enthusiastischen Internet-Bewegung noch zeigen werden. Etwas mehr kritische Reserve ist wünschenswert. Vor allem auch die Fragen: “Wem nützt es? Inwiefern brauche ich das?” sind immer angebracht. Kritische Distanz und ein sachkundiges Urteil sind vonnöten, wenn Entwicklungen ‘zu schnell’ fortschreiten und ‘alternativlos’ zu sein vorgeben. Es geht nicht nur um die Kultivierung der Langsamkeit, nicht nur um den medialen Graben (und entsprechende Grabenkämpfe) in der globalisierten Welt, nicht nur um Datenschutz und Urheberrecht. Um all diese wichtigen Dinge geht es in der Tat auch. Es geht aber vor allem um Weichenstellungen für eine Welt, in der künftige Generationen menschlich (!) leben möchten, eine Welt, die hoffentlich auch noch irgendwie funktioniert, wenn es einen größeren Stromausfall gibt (was zu erwarten ist).

Wenn  man nicht gerade im Fahrstuhl fest steckt, könnte man dann ja ein gutes Buch, gedruckt versteht sich, lesen…

 4. März 2012  Veröffentlicht von am 11:20  Aufklärung, Internet, Moral, Neuzeit Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 252011
 

Die Rückschau auf das, was an Bemerkenswertem und Nachhaltigem in diesem Jahr geschehen ist, und  daraus folgend eine Vorschau auf das, was zu erwarten, zu hoffen, zu wünschen ist, kann nur sehr subjektiv sein. Aber auch dies Subjektive ist doch ein Spiegel dessen, was in der Welt um mich herum geschehen ist und weiter geschieht. So lade ich ein zu einem Spaziergang in Gedanken, die auch die “List der Vernunft” nicht auslassen…

Rückblicke auf das zu Ende gehende Jahr gibt es in diesen Tagen zuhauf. Wie immer, wenn man das so liest, wundere ich mich, wie manche Dinge tatsächlich erst vor weniger als Jahresfrist geschehen sind, wo sie doch schon so “ewig” lange zurück liegen, und wie das, was sie vielleicht ausgelöst haben, längst zur Normalität gehört, –  die Landtagswahlen in Baden-Württemberg zum Beispiel. Viele Ereignisse mehr gibt es, die erst in den letzten zwölf Monaten passiert sind und die uns doch bereits zu einer fernen Vergangenheit gehörig scheinen. Dies zu verdeutlichen, dazu sind solche Jahresrückblicke gedruckt oder im Bild gar nicht schlecht.

Aber ich frage einmal anders: Was ist im vergangenen Jahr nicht voran gebracht worden, obwohl es sehr zu hoffen und zu wünschen gewesen, ja in manchen Fällen geradezu notwendig gewesen wäre? Was hat sich entgegen den früheren Erwartungen dennoch verändert, überraschende Ergebnisse gebracht oder neue Perspektiven eröffnet? Und schließlich die dritte Frage: Was bedeutet das für die Aussichten und Erwartungen für das neue Jahr?

Ich greife einfach etwas heraus aus der Menge dessen, was sozusagen unerledigt blieb.  Dazu gehört sicher die “Arabellion” und erst recht “Fukushima” – ein Fanal der hochsensiblen technologischen Zivilisation, die uns bestimmt: Erdbeben sind da nicht eingeplant. Etwas viel Gravierendes meine ich. Der Hunger, das heißt der lebensbedrohliche Mangel an Nahrung und grundlegenden Existenzmöglichkeiten (Wohnung, medizinische Versorgung, ganz zu schweigen von Arbeit und Bildung) in großen Gebieten unserer Erde ist nicht wirklich nachhaltig bekämpft oder gar verringert worden. In der Mitte des zurück liegenden Jahres richtete sich zwar einige Aufmerksamkeit auf Ostafrika, eine umfangreiche, durch Internet, Radio und TV begleitete Katastrophenhilfe rollte an und bewegte hierzulande Menschen, Medien und Hilfsorganisationen. Auch die von Menschen gemachten Ursachen wurden genannt. Aber inzwischen ist die Karawane zur nächsten Katastrophe weiter gezogen. Erdbeben, Überschwemmungen, Tsunamis, – irgend etwas ist immer los. Geben wir es auch ruhig zu: Dauernd nur mit ein und demselben nahezu unlösbar erscheinenden Problem konfrontiert zu werden, hält keiner aus; man macht “zu”. Das “Thema Hunger” kommt und geht bei uns, der “Hunger” selber bleibt. Diese Enttäuschung kann man übrigens trotz der wichtigen Milleniums-Ziele der UN alljährlich konstatieren.

Mit einer offeneren, toleranteren Gesellschaft sind wir offenkundig auch nicht entscheidend weiter gekommen. Nicht nur die Neonazi-Morde von verbohrten, letztlich nur verbrecherischen Gruppen, sondern der dadurch aufgedeckte erheblich virulente (wörtlich, wie ein tödlicher Virus) rechtsradikale und rechtsterroristische “Rand” ragt immer noch und gefährlicher als bisher mitten in unsere Gesellschaft. Auch die sich häufende Gewalt in U- und S-Bahnen, die zu erklären man mit herkömmlichen Mustern nicht weiter kommt, macht ratlos und beklommen. Ob es nun Migranten-Jugendliche sind, die im Hass willkürlich einem Passanten den Kopf zertreten, oder ob es deutschstämmige junge Leute sind, die einfach aus tödlicher Lust an einem Schwächeren einen Gewaltexzess verüben, man bleibt fassungslos und ohne wirkliche Erklärung zurück. Wie kommt es zu solch einer Verwahrlosung des Menschen und seines Verhaltens, ohne dass Krieg oder andere “Notstände” als Erklärung dienen können? Solidarität und Zivilcourage werden dann beschworen, und es gibt sie ja auch wirklich, aber welches sind die Fehler Einzelner und welches die Fehlstellen in der Gesellschaft, die gerade junge Menschen derart entgleisen lassen? Dass es anderswo auch geschieht, dass wir im Sommer die unfassliche Brutalität des Attentäters von Oslo erleben mussten, macht den Umgang mit diesen Phänomen der Gewalt und Enthemmung nicht leichter. Es bleibt erklärungsbedürftig; es macht uns in unserem zivilisatorischen Selbstverständnis – oder sollte ich sagen: Dünkel? –  ratlos, hilflos.

Sind wir weiter gekommen, was die Kultur des Aufeinander-Achtens, des pfleglichen Umgangs mit den endlichen Ressourcen, der gegenseitigen Aufmerksamkeit (um das totgeredete Wort Solidarität zu vermeiden) und des offenen, geduldigen, durchaus auch anstrengenden Diskurses in einer freien und pluralen  Bürgergesellschaft angeht? Ist unser Denken und unser Rechtsempfinden, sind unsere Wertvorstellungen und  Meinungsbildung dem gesellschaftlichen Wandel gerecht geworden? Was ist überhaupt “gerecht”, wenn “Gerechtigkeit” mehr sein soll als bloß ein Kampfbegriff zur Durchsetzung meiner vernachlässigt geglaubten Interessen? Der Verlauf und vorläufige Ausgang des Streites um “Stuttgart 21″ hat mir eher das Gegenteil deutlich gemacht: Verbohrte Interessenvertretung, Nicht-Aufeinanderhören, die gegnerische (!) Meinung verteufeln, Uneinsichtigkeit, Verlogenheit und sture Rechthaberei auf allen Seiten, dazu immer wieder das Spiel mit bestimmten machtpolitischen Kalkülen – ja, das war schon etwas, was es noch ausgiebig zu studieren und zu analysieren gilt. “Stuttgart 21″ hatte nicht nur symbolischen Charakter, sondern hat offenbar auch für unsere Zeit und das Selbstverständnis einer überforderten (oder nur saturierten?) Gesellschaft eine paradigmatische Bedeutung. Ob es wirklich eine “Politisierung” befördert hat, sei einmal dahin gestellt. Das gilt eher für den Ausgang der Landtagswahlen: Das war allerdings ein unübersehbares Zeichen, sozusagen ein heftiger Schlag an die Glocke der bisher Mächtigen im “Ländle”: Das Wahlvolk wollte ganz klar eine Veränderung, wenn nicht der politischen Verhältnisse (siehe Volksabstimmung), so doch der handelnden Personen auf der landespolitischen Bühne. Und das ist ja schon einmal etwas.

Insofern gehören diese zuletzt angeführten Ereignisse auch zu den überraschenden Bewegungen, die es im vergangenen Jahr gegeben hat und die so deutlich weitere 12 Monate vorher niemand auf der Rechnung hatte. Zu diesen bemerkenswerten Veränderungen, die wie ein leichtes, aber spürbares Zittern durch die Fundamente unserer Gesellschaft gelaufen sind, gehört ein anderes Wahlergebnis, und zwar das der PIRATEN bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus in Berlin – nur in Berlin, aber immerhin in Berlin, ein Hauptstadtereignis also. Was diese Gruppierung, gerade erst als Partei formiert, wirklich an neuen Impulsen bringen kann, muss sich erst noch zeigen, aber die Tatsache als solche, das Frische, scheinbar Unbekümmerte, jugendlich Unbedachte und Unfertige faszinierte, und das mit einem Wahlergebnis mit knapp 10 % aus dem Stand heraus, das war schon umwerfend. Da rede noch einer von gesellschaftlicher und politischer Verkrustung! Die Krusten haben ganz schön gebröckelt in diesem Jahr. Das allein ist positiv, meine ich. Was dann letztendlich an neuen Inhalten transportiert oder gar umgesetzt wird, muss sich erst noch zeigen. Ob es dann wirklich über die ureigensten Piraten-Themen der Netzfreiheit nachhaltig hinaus geht, ob die anderen flugs bundesweit beschlossenen Themen wie “BGE” (bedingungsloses Grundeinkommen, ja keine sehr neue und besonders originelle Idee) und Rauschmittelfreiheit (!?) als politische Grundaussagen ausreichen, darf bezweifelt werden. Auch allerlei Krudes im Blick auf den Umgang mit (Ex-) Nazis in den eigenen Reihen, über Esoterik und anderes Weltanschauliche von Funktionsträgern, das vorschnell zur Privatangelegenheit erklärt wird, kommt bei der medialen Aufmerksamkeit ans Licht, was bei einer so jungen und heterogenen Gruppierung kaum verwunderlich ist. Positiver Impuls: ja, aber ob inhaltlich von Bestand: zweifelhaft.

Das “soziale Netz” der Medien wird verstärkt öffentlich wahrgenommen und darüber, was sich durch Internet und Netzkommunikation schon verändert hat (das ist viel weniger als oft behauptet) oder sich noch mittelfristig ändern kann (das ist mehr als bisher zu sehen ist), wird zumindest auf kommerzieller Ebene, aber eben auch, und das ist bemerkenswert, auf der Ebene der Netz-Teilnehmer selbst eifrig und engagiert diskutiert. Auch hier muss man nicht jede Heilsverheißung für bare Münze nehmen und auch nicht jedes Überlegenheitsgehabe der ‘Netizens’, man habe gerade die ultimative Form menschlichen Zusammenlebens erfunden, als ernsthaft ansehen. Da spricht sich neben viel Utopischem auch manch Unausgegorenes, wenig Be- und Durchdachtes und schon gar nicht geschichtlich Verantwortetes aus. Die live zu verfolgenden Diskussionen auf dem Bundesparteitag der Piraten hatten zum Teil etwas erschreckend Ahnungsloses und Naives an sich, vorgebracht aber mit umso größerem Sendungsbewusstsein einer sich zu einer Welt-Beglückungs-Mission berufen fühlenden technisch-alternativen “Elite”. (So schnell ist “Öko” out!) Das gibt sich, das schleift sich ab. Zur Not müssen da auch einmal Grenzlinien gezogen werden – wenn nicht von selbst, dann durch den / die Wählerin.

Das wirkliche Leben ist zum allergrößten Teil von solchen teils ernsthaften Diskursen, teils offenkundigen Spinnereien weit entfernt. Es bleiben viele Dinge  aus dem Dezember 2010 auch ein Jahr später noch unerledigt auf der Tagesordnung. Die Frage nach einer verbesserten, an das Wohlergehen der Bevölkerungen gebundenen Wirtschaftsordnung, sowohl national als auch international, wird immer drängender. Dass Armut und Reichtum so eklatant auseinander laufen, ist auf die Dauer moralisch und politisch schlicht nicht erträglich – und der Weltökonomie auch keineswegs zuträglich. Die sogenannte Schuldenkrise ist dafür nur ein Symptom. Die Stillung der grundlegenden Bedürfnisse einer wachsenden Weltbevölkerung ist eine weitere unaufschiebbare Aufgabe. Und schließlich die Erhaltung unserer Welt als eines Planeten, auf dem auch unsere Nachkommen noch gut leben sollen innerhalb einer bewahrten und geschützten, unglaublich vielfältigen und formenreichen Pflanzen- und Tierwelt, dieser Gedanke einer Verpflichtung müsste ohne alle Katastrophen-Szenarien noch viel stärker in das Bewusstsein der Menschen gehoben werden. Ohne äußerste Anstrengung zur Aufklärung und Bewusstmachung wird es nur bei dem bleiben, was ohnehin schon “ist”: dass man nur an das jeweils Nächstliegende und für den konkreten Einzelnen Nützliche denkt. Hier ist etwas Neues erforderlich, das eine neue Dimension menschlichen Denkens und Handelns verlangt. “Globales Denken” nennt man das wohl. Mehr und entschlossenere Schritte dorthin, und zwar konkret und in kleiner Münze politisch, ökonomisch, ökologisch, sozial, sind mir für das neue Jahr das Wichtigste. Dafür lohnt es zu streiten, zu schreiben, seine Meinung kund zu tun. Vielleicht ist auch noch mehr nötig. Die “Occupy-Bewegung” hat da einiges vor gemacht.

So beschließe ich diesen Gedankengang weniger mit Skepsis und Befürchtung des “Weltuntergangs”, als vielmehr mit Hoffnung und Zuversicht, dass sich letztlich die Vernunft durchsetzen wird. Die Vernunft? “Träum weiter!” ruft man mir zu. Schon gut, schon gut, ich kenne wohl die Grenzen der Vernunft. Sie sind allzu deutlich. Aber ich kenne auch die “List der Vernunft” – und darauf setze ich.

 25. Dezember 2011  Veröffentlicht von am 09:08  Gesellschaft, Neuzeit, Vernunft Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert