Mai 172013
 

Netzfreiheit ist kein Netzthema. Es ist auch kein Thema der ‘Netzgemeinde’. Wie vieles andere auch, zum Beispiel das Urheberrecht, die Privatsphäre, die Forderung nach Transparenz und demokratisch-kultureller Teilhabe, das Marktverhalten mächtiger Konzerne wie Google oder Amazon, die Lage der Zeitungen und des “klassischen” Journalismus, – all diese vermeintlich eigenen Themen der Internet-Aktivisten, der Piraten, der Netzgemeinde oder der ‘Netzelite’, sind überhaupt keine spezifischen Netzthemen. Es sind politische Themen, vielleicht besonders aktuelle und brisante, aber eben Themen im politischen Raum, die sich die Aufmerksamkeit mit anderen Themen im politischen Raum teilen müssen. Netzfreiheit als Forderung / Slogan / Mobilisierungsthema ist nur dann ein gesellschaftliches Thema, wenn es auch als solches verstanden und in die politische Diskussion eingebunden wird. Es ist nur dann ein Thema, wenn es ein öffentlich relevantes politisches Thema wird. Nur als Gegenstand von irgendwelchen Netzdebatten einer Gruppe von Internet-Enthusiasten oder als Lieblingsthema der “Bloggosphäre” ist es völlig irrelevant.

re:publica 13

re:publica 13

Es greift zu kurz, nur die Abgehobenheit der Netzdiskussion oder die Selbstbezogenheit der Netzaktivisten zu kritisieren und jetzt “Handeln” zu fordern. Vor dem Handeln sollte schon das Denken kommen, möglichst das kritische. Das würde dann auch die eigene Borniertheit und Selbstverliebtheit der Netzsphäre aufdecken können. Mir geht es um eine wirklich gut begründete Kritik der netztypischen Illusionen und Verklärungen. Die gestellte Aufgabe ist also eine grundlegende Kritik der ideologischen Wurzeln des Technizismus bzw. der Technikkultur, des Reduktionismus der Wissenschaften auf science (Naturwissenschaften), der ungebrochenen Fortschrittsgläubigkeit und des diesem Fortschrittsglauben zu Grunde liegenden Menschenbildes der Machbarkeit, Formbarkeit, Erziehbarkeit durch – ja wen oder was denn? die Gattung? die Elite der Wissenden? einen sozial-evolutionären Paternalismus? Wer hier und heute noch von der schranken- und ‘klassenlosen’ Netzfreiheit träumt, hat sich schon im Wolkenkuckuksheim eines romantischen Cyberspace verloren. Die Netzwelt ist längst real world geworden. It’s ecnomy, stupid!

Diese zugegeben etwas polemischen Bemerkungen müssen theoretisch fundiert und in den öffentlichen Diskurs eingebracht werden: als politischen Beitrag. Nur “Handelt endlich!” reicht nicht, überhaupt nicht. Wenn sich aus den Veränderungen der technisch-sozialen Welt neben öknonomisch-medialen Prozessen der Generierung von Mehrwert auch noch neue Chancen des Politischen, des Demokratischen, der Beteiligung und der Teilhabe möglichst Vieler ergeben sollen, dann ist ein enormer politischer Prozess erforderlich, ein politischer Wille zum Disput der Ideen, zu einer Ziel- und Mitteldiskussion, zu einer Rückbindung dieser Diskussion auf bestehende Interessen und Machtverhältnisse. Also kurz: eine eminent politische Diskussion ist dran um Themen wie Freiheitsrechte des Individuums, Eigentumsrechte im Verhältnis zu den neuen digitalen Gütern, Mitwirkungsmöglichkeiten (Partizipation) über die vorhandenen politischen Parteien, Gruppen und Gremien hinaus. Aber nicht ohne sie, sonst verläuft sich alles wieder im unpolitischen Raum. Auch die ‘subversive’ Kraft des Kulturellen, speziell der Kunst, ist nur dann wirklich subversiv, wenn sie – politisch wird. Denn Kultur braucht Freiheit wie die Luft zum Atmen.

 17. Mai 2013  Veröffentlicht von am 16:54  Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Keine Antworten »
Mai 092013
 

Die Netzgemeinde ist verunsichert. Sascha Lobos viel beachteter Blogartikel hat das vor einigen Wochen nur offenkundig gemacht. Auf der gerade zu Ende gegangenen re:publica 13 setzte er noch einen drauf, indem er die Internetszene eine “Hobbylobby ohne politische Verbündete” nannte (z.B. im Tagesspiegel). Ein c’t Onlinetalk trug kürzlich den Titel “Netzpolitik zwischen Katzenjammer und Aufbruchstimmung”, und Christian Sickendieck fragte neulich auf Google+ provokant: “Wo ist eigentlich dieses freie und offene Internet, von dem alle reden?” und fasste seine Antwort so zusammen:

Wir haben in den letzten beiden Jahrzehnte den Traum des freien Internets gelebt. Es war eine tolle Zeit. Wenn man aktuell die Entwicklung sieht, muss man konstatieren, dass diese Zeit vorbei ist. Das freie Internet war eine tolle Idee, die positiven Auswirkungen auf unsere Gesellschaft sind noch nicht im Ansatz erfasst. Heute muss man aber sagen: Das freie Internet ist ebenso Geschichte, wie es das Schwarz-Weiß-Fernsehen ist.

Wer hoch steht, kann tief fallen; zu hohe Erwartungen werden umso leichter enttäuscht. Allzu oft wurden die Chancen des Internets, die Utopie der ‘klassenlosen Netzgesellschaft’ wie ein Evangelium verkündet. Dass dabei wenig Realismus an Board war, konnte dem wohlmeinenden, aber etwas distanzierteren Beobachter zu keiner Zeit verborgen bleiben. “Internetfuzzis” behalten selten einen kühlen, realpolitischen Kopf – Ausnahmen wie Christoph Kappes (“Code für Deutschland“) bestätigen die Regel. Die plötzliche Ernüchterung ist schon etwas überraschend, auch wenn sie an einigen Einzelereignissen als Kristallisationspunkten fest gemacht werden kann (Absturz der Piraten, politische Ohnmacht bei Netzthemen; “Drosselkom”). Das “Klassentreffen” (Sickendieck) re:publica versuchte dem zwar durch Aufbruchstimmung (z.B. 3D-Druck) entgegen zu wirken, aber wenn man sich das Abschlussvideo anschaut, dann ist es eigentlich absurd, wie in einem Beitrag von 6:40 Minuten null Information transportiert wird (alles war toll, klasse, neu, old school ist lame usw.)  - Was also ist da mit dem Internet passiert?

Das Internet ist erwachsen geworden. Die Spielwiese der Bastler und Tüftler, der Freaks und Nerds, hat sich in einen realen Bereich des Alltagslebens verwandelt. Genau so wie die alltägliche Lebenswelt von Ökonomie und Machtinteressen (und von beidem gemeinsam) beherrscht wird, ist auch das Netz mit seinen Möglichkeiten endgültig Teil der Realwirtschaft geworden: online ist real life. Der quantitativ dominierende Netzverkehr wird heute von professionellen News- und Lifestyle – Portalen, Videos, Sex- und Gaming-Angeboten bestimmt, und natürlich von der sozialen Plattform Facebook und der “Datenkrake” Google. Blogs, dieses kleine hier ebenso wie die viel bekannteren, viel besuchten, stellen nur eine Randerscheinung dar; an die Reichweite der altbekannten Medien mit ihren Online-Präsenzen (BILD, Spiegel) kommt auch das beste Blog nicht heran, von der Masse der Vielen ganz zu schweigen. Wo es um ökonomische Nutzung geht, gelten die Regeln der Ökonomie: Ein Angebot muss sich rechnen und Gewinn bringen. “Don’t be evil” war / ist ein wunderbarer Werbe-Slogan, mehr nicht.

Wo es um Macht geht, um Einfluss auf Menschen und Meinungen, da ist die Politik sogleich zur Stelle. Was Wunder, dass sich weltweit Regierungen aller Couleur inzwischen den vorbehaltlosen Zugriff auf die Netzarchitektur und damit auf die Inhalte und Nutzer sichern (in der schier endlosen Reihe der Meldungen dazu nur die letzte von gestern über Indien). Nicht Netzfreiheit, – Netzüberwachung ist das Thema der unmittelbaren Zukunft. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein mögliches Instrument der Freiheit in ein effektives Instrument der Herrschaft, der Unterdrückung und das Ausbeutung verwandelt, um es kurz und plakativ zu sagen. (Auch das US-amerikanische Recht auf Waffenbesitz jedes Bürgers war einmal ein Freiheitsrecht gegen obrigkeitliche Macht). Unter den Zielen Terrorismusbekämpfung, Sicherheit und Gefahrenabwehr lassen sich so gut wie alle nur erdenklichen Methoden fassen, mittels derer im Vergleich zu früher  viel umfassender (big data) und leichter (Zugriffsrecht direkt bei den Providern) Kontrolle ausgeübt und Macht durchgesetzt werden kann. Mit der Forderung nach Transparenz, Privatsphäre und Datenschutz, gewissermaßen nach ‘Bürgerrechten im Internet’, scheint man mir jetzt schon hoffnungslos auf der Verliererseite zu sein. Derzeit gilt eher: Erlaubt ist, was technisch möglich ist und der Durchsetzung von Macht nützt. Demgegenüber klingen die Versuche eines Netzdiskurses mit den Zielen eines positiven Leitbildes, der Intensivierung digitaler Informationsverarbeitung für mehr Wissen und Kultur (Code für Deutschland) zwar begrüßenswert, aber fast hoffnungslos utopisch.

Heidelberger Tiegeldruckpresse (Wikipedia)

Heidelberger Tiegeldruckpresse (Wikipedia)

Angesichts der aktuellen Entwicklungen des Netzes, nämlich der Zunahme effektiver staatlicher Kontrollmaßnahmen und der Optimierung der privat-ökonomischen Nutzung zur Gewinnmaximierung, ist es schwer, weiterhin an die Freiheit des Netzes zu glauben und auf die emanzipatorischen Möglichkeiten der Ausweitung von Kultur und Wissen zu setzen. Vielleicht gelingt das dennoch entgegen dem Trend, aber wenn, dann wohl nur als Nische, als eine Begleiterscheinung, so wie es der Kultur immer eigen war. Oftmals wird die “Revolution” der Entwicklung des Internets mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen. Ich hielt das schon immer für schief, und heute erst recht. Das Buch hat eine bleibende, unausrottbar emanzipative Funktion: Lesen können und ein Druckwerk ohne weitere Zugriffsmöglichkeit verteilen oder bei sich behalten zu können ist der eigentliche “Kontrollverlust” der Mächtigen. In Zeiten der Totalüberwachung des Internets dürfte die Drucktechnik erst recht ihren freiheitlichen, subversiven Charakter behalten. Nicht wenn das Internet kontrolliert wird, sondern wenn der Buchdruck verboten wird, erst dann ist es mit der Freiheit des Denkens und Redens vorbei. Internetseiten können gesperrt, eBooks zurück gezogen und Online-Zeitungen vom Netz genommen werden. Vielleicht werden wir uns noch einmal nach dem gedruckten Buch und nach der knisternden (Untergrund-) Zeitung sehnen.

Mein Plädoyer ist also weiterhin für Nüchternheit: Chancen nutzen, auch wenn sie klein sind, Gegenbewegungen (“Netzfreiheit” als heutige Form der “Redefreiheit”) fördern, Netz-Bildung und Bildung im Netz ermöglichen und Datenschutz nachdrücklich anmahnen. Aber zugleich auch: Sich der Totalüberwachung und der Allgegenwart der Netzkontrolle bewusst sein, sich dem entziehen lernen z.B. durch Abschalten (des Smartphones!), der anhaltenden Pflege “analoger” Strukturen des Wissens und des Meinungsaustausches, nämlich des persönlichen Gesprächs und des gedruckten Wortes. In diesem Wissen liegt Macht.

 9. Mai 2013  Veröffentlicht von am 11:32  Internet, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Keine Antworten »
Mrz 192013
 

Ist das die Frühjahrsmüdigkeit? Oder die Kältestarre des langen Winters? Es ist erstaunlich ruhig an der “digitalen Front”: keine aktuellen Aufreger, keine Neuheiten, die einen vom Hocker reißen – business as usual. Der Bundestrojaner ist medial eingeschlummert, das LSR ist in einer rudimentären Form verabschiedet, der Streit ums Urheberrecht köchelt auf niedriger Flamme vor sich hin, und auch die Piraten haben kaum mehr Nachrichtenwert. Facebook, Twitter und andere social media Dienste haben an Neuigkeitswert verloren. Der Neugier-Effekt ist weg, es wird halt genutzt, mehr oder weniger. Bei den Online-Kritikern müssen wieder einmal die ‘gefährlichen’ Internetspiele herhalten, also nichts Neues, nichts von Nachrichtenwert. Auf der Leipziger Buchmesse versuchten Verleger recht gequält, aus der Kritik an Amazon – Beschäftigungsverhältnissen Wasser auf die Mühlen des stationären Buchhandels zu leiten. Wird wohl nicht viel fruchten, darf man vermuten. Machte man die Amazon-Kritik zum Maßstab, dürften schon gar kein iPhone oder Smartphone, keine T-Shirts und Jeans und auch viele Lebensmittel (Fleisch!) nicht mehr gekauft werden. Übrig bleibt ein General-Vorbehalt gegenüber der modernen technisierten Welt. Der kann berechtigt sein, ohne Zweifel. Aber dann müsste er auch  grundsätzlich diskutiert werden. Auch das geschieht ja bei einigen, doch so recht will keine große Diskussion in Gang kommen, ein ‘Diskurs’ schon gar nicht. Die Spät-, Nach- Postmoderne plätschert so vor sich hin.

Schaut man näher hin, so tut sich allerdings doch einiges. Man kann das an der Reaktion der Schwergewichte der digitalen Technik bzw. der Internetwelt sehen: Apple, Google, Amazon merken offenbar, dass auch sie nur mit Wasser kochen und versuchen, die ‘Hoheit’ über ihren Geschäftsbereich und ihr Geschäftsmodell zu behalten, doch der Niedergang von Größen wie Microsoft und Nokia, Yahoo und Dell steht ihnen jederzeit vor Augen. Klar, Microsoft verdient immer noch eine Masse Geld, aber das Geschäft mit dem PC-Betriebssystem und der Office-Software ist ein Auslaufmodell. So schnell kann das gehen. Wenn Google jetzt beliebte Dienste zusammen streicht und alles unter das Dach Google+ zwingt, muss das auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein und kann eher als Zeichen gewertet werden, dass man mit notwendigen Veränderungen den künftigen Entwicklungen vorbeugen will. Obs nützt oder in die Hose geht, wird sich zeigen. Die digitale Entwicklung war bisher so rasant, dass auch sehr schnell aus Siegern Verlierer werden können. Das wiederum ist auch gar nicht so schlecht. Eine neue Technik und ein neues Geschäftsmodell pustet jederzeit Altes von der Bildfläche. Derzeit ist da allerdings noch nichts Konkretes in Sicht. Google hofft zwar, dass es die “glasses” sind, aber, aber…

DigitalTechnikAlt-640

(Ur-) Alte Technik

Diese Verschnaufpause könnte dazu genutzt werden, bei der digitalen Entwicklung im Alltag etwas aufzuholen. Da liegt nämlich einiges im Argen. Der schnelle Mobilfunk (LTE) kommt eher langsam voran, auch die G3-Mobilfunktechnik ist keineswegs flächendeckend und befriedigend verfügbar. Verlässt man die Ballungszentren, ist man bald auf EDGE-Niveau. Einheitliche Online-Zahlungssysteme: Fehlanzeige. Ein weiterhin bestehendes Ärgernis ist die Beschränkung, welche die Verbreitung und Nutzung von WLAN im öffentlich Raum durch die rechtsunsichere Störerhaftung erfährt. Nicht der Gesetzgeber, sondern der Richter soll hieran etwas ändern – ein Schulterzucken der Politik also, recht armselig und wenig innovativ. – In deutschen Hotels wird man immer noch fürs WLAN extra zur Kasse gebeten, sofern denn überhaupt Internet in den Zimmern verfügbar ist. Strom für die Nachttischlampe muss man ja auch nicht extra bezahlen. Es zeigt nur, wie wenig die Verfügbarkeit des Netzes schon als grundlegendes Allgemeingut gilt – wie Wasser, Strom und TV. Genau an dieser Einstellung gilt es zu arbeiten. Hier hinken Deutschland und große Teile Europas gegenüber anderen Hightech-Ländern deutlich hinter her. Wie groß der Unterschied ist, merkt man bei Reisen in die USA, nach Kanada, Hongkong oder Australien sehr schnell. Zurück in Deutschland fühlt man sich in der digitalen Provinz.

Dabei ist digitales Knowhow nun wirklich bei uns vorhanden. Klar, deutsche Firmen können dem Silicon Valley vom Volumen her (Ideen, Patente, Kapital) nicht das Wasser reichen, aber unser Maschinenbau besonders im Bereich von Spezialtechniken dürfte zu den weltweit führenden Branchen in der Umsetzung digitaler Techniken gehören. Dies verdient viel mehr Beachtung, denn  hier ist entsprechend ausgebildeter und kreativer Nachwuchs gefragt, und der fällt nicht vom Himmel. Das haben auch manche Berichte von der CeBIT deutlich gemacht. Da gilt wieder einmal, dass “der Mittelstand” unsere Stärke ist. Stärken gilt es auszubauen, und das sollte auch im Schul- und Bildungssystem seinen deutlichen Niederschlag finden. Auch hier geht vieles zu zögerlich voran: Ein Laptop im Klassenzimmer macht noch keinen digitalen Frühling.

Aber vielleicht wird es ja besser, wenn erst einmal der echte Frühling die Lebensgeister aus der Kältestarre weckt…

 

 19. März 2013  Veröffentlicht von am 11:49  Gesellschaft, Internet, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Feb 092013
 

Seit einiger Zeit “im Netz unterwegs” (was für eine Formulierung…) stelle ich fest, dass ich mich öfter als zuvor auf den sozialen Plattformen langweile. Facebook habe ich seit längerem links liegen lassen, bin dort inzwischen abgemeldet, in die Timeline bei Twitter und auf die Mitteilungen bei Google+ schaue ich seltener. Natürlich sinkt damit auch die Häufigkeit meiner aktiven Beteiligung, meiner eigenen Beiträge. Blogs mag ich, aber sehr genau ausgewählt. Die konsumiere ich eigentlich nicht anders als Zeitungen, nur mit der leichteren Möglichkeit direkt zu reagieren. Das tue ich aber auch nicht oft, allenfalls mal ein “1+”, und manchen angefangenen Kommentar habe ich nach der ersten Zeile wieder gelöscht und lasse es dabei. Wie kommts?

Zum einen ist es sicher ein gewisser Gewöhnungseffekt. Der Reiz des Neuen lässt nach. Da schaue ich eher danach, was es mir bringt. Denn eines ist auch klar: Sich im Netz zu bewegen ist zeitaufwändig. Lesen, weiterklicken, einen Diskussionsstrang verfolgen, nachschauen, überprüfen, sich eventuell anderweitig schlau machen – all das kostet viel Zeit. Ich bin nur noch dann bereit, diese Zeit aufzubringen, wenn ich einen Nutzen für mich erkenne: Wenn ich etwas Interessantes entdecke, auf einen neuen Gedanken aufmerksam gemacht werde, einen mir bisher unbekannten Zusammenhang entdecke oder gar ein ganz anderes Themenfeld finde, das mir so bisher noch nicht begegnet ist. Wenn es der Fall ist, interessiert mich der Beitrag und ich beschäftige mich damit, beteilige mich wohl auch gelegentlich an einer Diskussion. Insgesamt ist das Ergebnis aber äußerst dünn, besonders in den Diskussionsbeiträgen. Es geschieht doch sehr selten, dass man einen wirklich guten Gedanken findet, sei er nur kurz wie ein Aphorismus, sei er länger ausgeführt und begründet. Etwas Interessantes, Neues, Weiterführendes im Netz, in sozialen Medien, in Blogs zu finden ist etwa so selten, – ja eben wie ein wirklich gutes Buch selten ist, wie ein treffender und gelungener (Zeitungs-) Artikel selten ist. Es ist dabei ziemlich egal, obs Online oder Print ist. Diese Feststellung als solche ist nicht neu, das war eigentlich schon immer so.

Vuvuzela

Vuvuzela

Das hängt natürlich von den eigenen Erwartungen und Standards ab. Ich lasse mich bereitwillig von gekonnt formulierten Anstößen interessieren, folge gerne einer klaren, womöglich zwingenden Argumentation, möchte über den verhandelten Gegenstand etwas mir bisher Unbekanntes erfahren. Texte und Beiträge reizen mich also, wenn sie etwas Verschlossenes neu und anders erschließen, Dunkles aufdecken, Neuland skizzieren. Dann lasse ich mich auch gerne auf neue Begrifflichkeiten und Denkmuster ein, prüfe die neuen Kategorien und versuche für mich Klarheit darüber zu bekommen, was darin nun an wirklichem Erkenntniswert liegt, inwiefern eine neue Art zu denken auch neue Wirklichkeit erschließt, deutet, interpretiert, erklärt, welche Aspekte mir bisher so einfach nicht klar waren. Das klingt sehr hoch gestochen, ist aber ganz praktisch und pragmatisch gemeint. Es muss mich interessieren, es sollte stilistisch und formal ansprechend rüber kommen, und ich darf danach möglichst nicht bereuen, extra Zeit aufgewendet zu haben. Ich gebe zu: Zeit zu vergeuden ist für mich inzwischen ein schrecklicher Gedanke.

Es braucht niemand sonst diese Haltung zu teilen, es ist eben meine Haltung. Da ist mir zunächst einmal egal, was andere denken und meinen. Allerdings möchte ich irgendwann auch über bestimmte Gedanken und Erkenntnisse kommunizieren. Das geht in Diskussionen, Arbeitsgruppen, bei einer Tagung oder auch im freundschaftlichen Gespräch. Dabei ist es ziemlich egal, ob dieser Austausch direkt persönlich oder medial vermittelt geschieht. Natürlich macht eine persönliche Begegnung etwas anderes aus als eine medial vermittelte wie zum Beispiel bei einem Diskussionstrang in einem Forum. Das direkte persönliche Gegenüber schafft eine eigene Atmosphäre der (auch sensualen) Verständigungssmöglichkeiten, die indirekte mediale Kommunikation nicht bietet. Dennoch, es geht auch in der Distanz. Was mich dann stört und zunehmend nervt und langweilt, ist die Oberflächlichkeit der Argumentation, die Rechthaberei, das Nichtzuhören bzw. Lesen dessen, was gesagt, geschrieben und gemeint ist. Die Diskussionswirklichkeit im  Netz ist da eher sehr enttäuschend und dürftig, jedenfalls in dem Bereich und in den Fällen, wo ich es mit bekommen habe. Das betrifft eben nicht nur das lautstarke Tönen des SPON-Papstes. Der Eindruck bleibt natürlich immer subjektiv, siehe auch die Gefahr der Filter-Bubble. Trotzdem würde ich einfach behaupten, dass mein Eindruck nicht ganz einsam und verkehrt ist. Andere haben  Ähnliches beschrieben.

So finde ich “im Netz” eigentlich all das wieder, was ich sonst auch in öffentlichen Diskussionen antreffen kann: Die Vielredner, die Lauten und Rechthaber, die Eiferer und Verbohrten, die Ideologen, die einfach nur Oberflächlichen und Dummen (in dem was sie da sagen), die Nerver und Eitlen, Selbstgefälligen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es davon in den offenen Foren des Netzes mehr gibt, als mir in den letzten Jahren leibhaftig begegnet sind. Das liegt gewiss auch daran, dass ich solchen Leuten aus dem Weg zu gehen pflege. Ich fetze mich da nicht mehr, ist Zeitverschwendung, unnötig. Was ich nun als Effekt der Langeweile bei mir beobachte, hat vielleicht genau mit derselben Haltung zu tun. Ich mag nicht diese überheblichen Ideologen, die Evangelisten des Netzes, die nun in den social media eine wunderbare Plattform haben, ihre verqueren Ansichten öffentlich auszubreiten. Mögen sie es gerne tun, aber ich muss es ja nicht zur Kenntnis nehmen. Wenn darüber gestöhnt wird, dass das “Merkel-Deutschland” einer “neobürgerliche Post-Adenauer-Vergangenheit” verhaftet sei, wenn linker Eifer im Kielwasser der Achtundsechziger sich mit digital-technizistischen Netzphantasien paart, wenn der erkennbare Frust, es im akademischen Betrieb vielleicht zu nichts gebracht zu haben, sich umso hämischer über das Desaster “politischer Dissertationen” auslässt, wenn im schönsten Boulevardstil jede Woche eine neue Ismus-Sau durchs mediale Dorf getrieben wird, alte und neue Medien Hand in Hand, – aus oft nichtigem Anlass, nur aus dem Ungefähren, also aus dem Bauch raus, aber immer mit dem unüberhörbaren Anspruch, in jedem Falle Recht zu haben und es ja besser zu wissen, ja dann habe ich eigentlich genug. Dieser Öffentlichkeit des Netzes gehe ich dann umso lieber aus dem Weg, wie ich es IRL (in real life) und in TV-Talkshows längst tue. Das muss ich mir nicht antun, das ist pure Zeitvergeudung.

Darum schaue ich zwar seltener auf die Diskussionen in den (Netz-) Medien, aber umso öfter in gute Blogs und Zeitschriften und auf ausgezeichnete Beiträge, die mir heute dank Internet viel leichter auffindbar und zugänglich sind, als es beim Stöbern durch Buchläden, Bibliotheken und Literaturverzeichnisse ehedem möglich war. Ich bin darum wahrlich kein Verächter der vielfältigen Möglichkeiten des Netzes. Allerdings bin ich eher gelangweilt durch die atem- und gedankenlose Hektik im Netz, auf Twitter oder sonst wo. Nettes, harmloses Geplänkel ist mir dann allemal lieber als verbohrtes Sektierertum. Das gibts nämlich im Netz zu Hauf. “Nischenkultur” nennt man das wohlwollend. Meinetwegen, nur mich muss das nichts angehen. Denn gegen die Langeweile im Netz gibt es ein probates Mittel: Interessantes Lesen und selber denken.

UPDATE, 21:51 h

Lese eben bei Heise, was recht gut zu meiner Auffassung passt und sich auf Facebook bezieht. Das ließe sich durchaus als Symptom verallgemeinern:
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Studie-Viele-machen-Facebook-Ferien-1801186.html

 9. Februar 2013  Veröffentlicht von am 13:47  Netzkultur, social media Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Jan 202013
 

Wer hier seit einiger Zeit mit liest, wird mein Interesse an Technik und Kultur, auch an “Technikkultur” (welch merkwürdiger Ausdruck) mitbekommen haben, desgleichen auch meine Skepsis, die jüngsten Entwicklungen in der digitalen Welt nunmehr als Vorstufe zum Paradies zu feiern. Ich kann nicht umhin, hier immer wieder zu mehr Nüchternheit und Distanziertheit zu mahnen, denn immer wieder gibt es neue Hypes und neue Schlagworte, welche die ganz neue und bisher noch nie erreichte Qualität der Entwicklung der glorreichen Humanitas einschließlich ihrer phantastischen Aussichten unterbreiten und unterstreichen wollen.

Was haben wir nicht schon alles gehört und gelesen? Also erst einmal die Liste all der Dinge, Einrichtungen und Verhaltensweisen, die vom digitalen Fortschritt auf den Müllhaufen der Geschichte gekehrt werden, oder um es feiner auszudrücken, die “obsolet” geworden sind. Es mag sie noch geben, aber eigentlich sind sie schon von gestern, gänzlich überholt, also in Wahrheit schon gar nicht mehr richtig da, und wenn doch, dann nur in letzten Zuckungen.

Da ist das traditionelle Fernsehen als aller erstes zu nennen, bekanntlich ohne Rückkanal, nicht sozial vernetzt, also völlig unidirektional und damit eindimensional und in unserer multidimensionalen Medienwelt völlig out. Die zig Millionen, die noch immer sei es tagsüber nebenher, sei es allabendlich die Glotze laufen haben, befinden sich halt auf dem zukunftsunfähigen Abstellgleis. Dass sich das TV schon längst erheblich gewandelt hat, Filme auf Abruf bietet, Sendungen in Mediatheken (ÖRR) jederzeit auch im Internet verfügbar macht, dass dank Tablets der “second screen” zur realen und sozialen, also sozial-medialen Kategorie wird und praktisch mehr und mehr von Bedeutung ist, wird dabei geflissentlich übersehen.

Zeitungen sind das nächste Medium, das dem Fortschrittstod geweiht ist. Wird ein Blatt eingestellt (FTD), so ist das ein willkommenes Menetekel für diejenigen, die Blogs, Facebook und Twitter als die wahren Nachrichtenkanäle der Zukunft sehen. Dass auch früher schon mal Zeitungsverlage Pleite gingen, dass hier auch Missmanagement ursächlich sein könnte, wird gerne übersehen. Keine Frage, die Tageszeitungen, verächtlich “Holzmedien” genannt, müssen ihr Geschäftsmodell bezüglich der gedruckten Werbung und aufgrund veränderten Verhaltens hinsichtlich des Nachrichtenkonsums (Netz-News) ändern und anpassen. Lief die Cross-Finanzierung der aufwändigen Redaktionen bisher eben über Anzeigenwerbung, so sind heute neue Modelle der Crossfinanzierung gefragt – und die viel gescholtenen großen Zeitungsverlage sind alle schon recht fleißig dabei. Dass hier manches langsam und vielleicht zu wenig phantasievoll vonstatten geht – geschenkt. Das gilt aber in fast allen Wirtschaftsbereichen. Wirkliche Knall-Ideen gibt es immer nur wenige – und die müssen auch zur rechten Zeit kommen, wenn sie sich durchsetzen sollen. Ich behaupte mal, die regionalen wie überregionalen Zeitungen sind schon längst in der digitalen Welt angekommen, man merkt es nicht sogleich und übersieht die stetigen Veränderungen leicht.

Das nächste Feld, das als digital obsolet gebrandmarkt wird, sind – die Bibliotheken. Kaum dass sich eBooks richtig durchsetzen, wird bereits das Totenglöckchen der öffentlichen Bibliotheken geläutet, wie ich gelesen habe durchaus von solchen Nerds, die zugeben, nie eine Bibliothek von innen gesehen zu haben. Das ist ungefähr so, als wäre das Kino der Tod des Theaters gewesen. Wie wir sehen, gibt es beides noch in wachsender Lebendigkeit und zu allseitigem Nutzen und allseitiger Freude. Ich bin sicher, das wird auch für Bibliotheken künftig gelten.

Nun kommt die Pädagogik dran, das Lernen. Nein, nicht der PC im Klassenzimmer ist gemeint (welch digitale Steinzeit-Vorstellung) oder das Schulbuch oder Arbeitsblatt in elektronischer Form auf dem Notebook bzw. Tablet, sondern um das Lernen selbst geht es. Die Internetwelt voll von Wikis neben der einen großen Wikipedia (in diesem Wort selbst steckt ja schon ein pädagogisches Programm), voller Links zu eLearning, MicroLearning, MOOC (hier wirds erklärt), Bildung nicht nach Wissensgebieten aufgefächert, sondern, da Wissen ja “tot” sei bzw. stets im Netz abrufbar steht, als Prozess der Vermittlung von – ja was denn eigentlich? sozialen Dimensionen? Howto? technische Erweiterung der Kapazitäten unseres beschränkten “brains”? Prozess “massiver” Vernetzung, sprich Rückkopplung an die Erfahrungen, Einstellungen und Gefühle anderer Online-Teilnehmer/innen? Und was wird da gelernt? Wie man Probleme löst? also nicht das berühmte Was, sonder das ebenso berühmte Wie? Nur zu dumm, dass ich meist das Wie erst mittels der Möglichkeiten des Was heraus finden kann. Es scheint denn doch kaum eine Alternative zum eigenen Sach- und Fachverstand zu geben, der sich heute allerdings in ganz anderer, vieldimensionaler “digitaler” und sozialer Weise nutzen, erproben, bewähren und verändern = entwickeln kann. Das allein ist doch eine feine Sache. Ich schätze die Wissens- und Erkenntnismöglichkeiten durch das Netz und manchmal auch durch soziale Medien. Aber sie ersetzen in keiner Weise das eigene Denken, Beurteilen, die Fähigkeit (beruht auf Befähigung, also einem Lernprozess) zu Kritik und Weiterführung, zu “Genius” und Erfahrungspraxis. Vielleicht sollten einfach die Apostel der “neuen” Lernerfahrungen, am liebsten noch verschränkt und begründet mit Schlagwortwissen aus der Hirnforschung, den Mund ein bisschen weniger voll nehmen und ihre Beiträge in aller Bescheidenheit als Vorschläge zu einem effektiveren wie humaneren Wissenserwerb (“Fähigkeiten, Fähigkeiten, Fähigkeiten”…) vorbringen. Ich jedenfalls würde ihnen dann auch lieber zuhören.

Google Rechenzentren

Google Rechenzentren

Der digitale Mensch wird erfunden: nicht mehr Herr seiner selbst, also seiner Existenz in Form seiner Daten, öffentlich und gläsern – oder borniert und sich der digitalen Zukunft “verweigernd”; ständig vernetzt, multitasking, ohne Kontrolle dessen was um ihn herum abläuft, aber selber Teil der großen neuen Gemeinde derer, die im weltweiten Spinnennetz zappeln. Es gibt ihn, diesen neuen Menschen, als Phantasieprodukt oder auch als Horrorprojektion. Nur mit der Wirklichkeit hat er recht wenig zu tun. Nicht die “Freiheit des Netzes” steht auf der Agenda der Weltpolitik, nicht der neue, digital selbst bestimmte Mensch, frei, kritisch, sozial, morgens Handwerker, mittags Fischer, abends Dichter (frei nach Marx), nicht die Befreiung und Befriedung der Welt dank einer allseits verwirklichten Transparenz -, nein eher das Gegenteil. Zumindest lassen sich auch diametral andere Tendenzen erkennen: Die Netzfreiheit wird zur Freiheit, sich zu Tode zu amüsieren; das Netz selbst wird immer stärker politisch und staatlich kontrolliert und fragmentiert (die vergangene Tagung der ITU in Dubai war ja wohl erst der Auftakt, ein Vorgeschmack künftiger Interessenkämpfe), die Parole des “Kampfes gegen den Terrorismus” öffnet auch die letzten Schleusen zur Total-Erfassung und Total-Überwachung; die digitale Schere öffnet sich durchaus weiter, indem große Teile der Welt vom freien Zugang zum Netz abgeschnitten sind (nicht nur in China wird zensiert, auch in den USA, siehe die Zensur “unangemessener” Suchbegriffe und Buchtitel durch Google, Amazon usw.), so dass auf der anderen Seite auch die Haltung bewusster Verweigerung gegenüber der Allgegenwart des Netzes, der digitalen Erfassung und automatisierten Erkennung (“big data”), eine immer größere Plausibilität gewinnt. Zumindest sollte man darüber nachdenken dürfen.

Denn der Mensch, so meine Erfahrung, darum auch meine These, bleibt im Wesentlichen, wie er ist. Evolutionäre Anpassungen verlaufen aus der Sicht des individuellen Lebens im absoluten Schneckentempo. Im Grunde hat sich die psychische Struktur des Menschen seit der Steinzeit kaum verändert. Die jauchzenden Römer bei der Tier- und Menschenhatz in den Zirkussen des Reiches sind genau solche homines sapientes gewesen, wie wir es sind. Nur unsere Formen des Auslebens von Gewalt und Schmerz, von Leid und Mitleid, von heilsamem Schrecken und Angst vor der Leere sind andere geworden. Wir gehen dazu ins Kino oder reagieren uns beim Sport oder, wenns gut geht, an Computerspielen ab. So what, nicht viel Neues unter der Sonne. – Ich finde es viel spannender, diesen doch immer noch recht im Verborgenen wirkenden Strukturen des Menschlichen auf die Schliche zu kommen, also die Fragen der Anthropologie (psychisch, neurologisch, sozial, religiös, ethisch, meW kulturell) neu zu stellen und wieder und wieder zu beantworten suchen. Man kann sich daran abarbeiten, denn diese Aufgabe erledigt sich niemals. Und dafür können wir wunderbar die Möglichkeiten des Netzes, der “digitalen Welt” zur Hilfe nehmen. ZUR HILFE! Das ist das Beste, was menschliche Erfindungen und Entdeckungen sein können: eine praktische Hilfe zum Verstehen, zum besseren Leben für möglichst viele. Das Netz ist also kein Evangelium und braucht keine Missionare. Nüchterne Pragmatiker sind gefragt.

 20. Januar 2013  Veröffentlicht von am 13:00  Kultur, Medien, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 282012
 

Auf einmal fiel es mir auf – es kam mir seltsam bekannt vor – es erklärte sich fast von selbst – eine Art “déjà vu” – nun ja, nicht ganz… Eine satirische Jahres-End-Betrachtung.

Zum Jahreswechsel wird man von Rückblicken überhäuft, egal ob in Printmedien, im Fernsehen oder online in Blogs und sozialen Netzwerken. Manchmal ist das sogar interessant und kann witzig sein, aber manchmal ist dieser rückwärts gewandte Zeitraffer auch etwas des Guten zu viel. Immerhin fiel auf diese Weise mein Blick auf das, was es im vergangenen Jahr im Netz, in der digitalen Sphäre, in der Online-Welt, oder wie immer man es nun nennen will, gegeben hat. Da dämmerte es mir. Man muss nur noch ein wenig weiter zurück blicken und den Zeitraum der letzten sagen wir 20 Monate betrachten. Es begann mit “Occupy wallstreet” im Juni 2011, setzte sich mit dem überraschenden Wahlerfolg der “Piraten” bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September desselben Jahres fort und füllte von diesem Zeitpunkt an die Nachrichten, Kolumnen und Blogs. Die bisher eher im Schatten der Experten verborgene Welt des “Web 2.0″ war zumindest medial - wie heißt es so schön? – ‘in der Mitte der Gesellschaft’ angekommen. Die allgemeine Aufmerksamkeit wurde auf die sozialen Plattformen gelenkt, die so etwas möglich gemacht hatten, Twitter und Facebook vor allen Dingen. War nicht schon der “Arabische Frühling” eine “Twitter – Revolution” gewesen? Und schon war der Hype geboren, der die Internet-Generation mit den immer wiederholten Kampfparolen “Transparenz”, “Teilhabe”, “Kontrollverlust”, “Liquid democracy” (=”neues Betriebssystem” des Politikbetriebs) auf einmal in vieler Munde brachte. Man goutierte als quasi exotisches Event die ersten Stellungnahmen der neu gewählten Berliner Piratenfraktion, lernte neue Gesichter kennen, erfreute sich an der unbedarften “Frische” der nachfolgenden Piraten-Parteitage. Inzwischen ist es wieder ruhiger geworden. Das liegt nicht zuletzt an den Akteuren selber - anscheinend wurde das Piratenschiff eigenhändig versenkt - und an den Prozenten.

Aber über das Phänomen der Piraten hinaus, die gewissermaßen eine mediale Türöffner-Funktion erfüllt hatten, öffnete sich die öffentliche Wahrnehmung, Berichterstattung und Meinungsbildung verstärkt gegenüber den Stimmen aus der bis dahin mehr in sich abgeschlossenen “Internet-Gemeinde”: Netzthemen wurden modern in allen klassischen Medien. Neben der Finanz- und Eurokrise, die natürlich politisch und ökonomisch als Problem alles beherrschend war (“Gipfeltreffen”), rückte das Thema “Internet” und “social media” als gleichsam “weiches”, also gesellschaftlich-kulturelles Thema in den Vordergrund. Viel lieber als technisch orientierte Informationen über Funktionsweise und Potentialität der neuen Netzdienste hörte man zugespitzte Thesen, sah die TV-Auftritte bunt schillernder Persönlichkeiten, die ihrerseits die klassischen medialen Plattformen (Zeitungen, TV) für ihre Anliegen, vor allem für die Darstellung ihrer neuen Weltsicht nutzten. Denn das wurde sehr rasch deutlich: Es ging nicht um irgendein technisches “Spielzeug”, es ging auch nicht um neue ökonomische Chancen, es ging um eine neue Weltanschauung, um die Weltanschauung der “digital natives”, gewissermaßen der Erstgeborenen der neuen Weltordnung der digitalen Kultur. Neben “Nerds”, “Spackos”, “Piraten” waren und sind auch vermehrt die intellektuellen Vordenker zu hören und zu lesen, denen sich online und auf politischen Foren die Möglichkeit bietet, ihre Vision einer “evolutionären” Technik-Zivilisation darzulegen und zu verbreiten. Und da ist sie dann, die Hoffnung auf eine neue, gerechte Welt der Teilhabe aller (sofern sie online leben), der völlig transparenten Demokratie, der gläsernen (?) Privatsphäre, der Robotik und der Realisierung künstlicher Intelligenz, kurz der Herrschaft der Algorithmen als Mittel zur ‘herrschaftsfreien Interaktion’, also der ersehnten Vervollkommnung des so mangelhaften Naturwesens Mensch. Mensch und Technik sollen verschmelzen zu neuer Einheit. Ein Herbert Marcuse würde vielleicht über diese visionären Ziele jubilieren, allerdings über die aktuellen Mittel der bloß “instrumentellen Vernunft” im Grab rotieren.

Che-Ponader

Und da war es dann, das Déjà vu: Ich habe das doch alles schon einmal gesehen und gehört, diese neue Wichtigkeit von Parolen, diese Art selbstgewiss-elitärer Avantgarde, die natürlich das “normal-elitäre” Fußvolk braucht wie der Fisch das Wasser, diese berauschende Stimmung des Gefühls, am Anfang einer neuen, besseren Welt zu stehen, diese ideologischen Versatzstücke, die wieder und wieder medial durchgekaut werden, – und dann die Vordenker, die intellektuellen Zuarbeiter, die dafür sorgen, dass hohle Phrasen auch ein überzeugendes Fundament bekommen, die denkerisch für den Background sorgen und die Visionen in umsetzbare Strategien umformen, die zuspitzen oder abmildern, je nach dem, und die dafür stehen, dass aus einer elitären sozialen Gruppierung eine Bewegung wird, die ein gemeinsames neues Weltbild eint, ein politisch-kulturelles Ziel, dem man sich nur unter Inkaufnahme der Kennzeichnung als verbohrter, altmodisch bürgerlicher /analoger Traditionalist entziehen kann. Damals, ’68 folgende, wurde ebenfalls die  wahre Demokratie propagiert, allerdings ging es dabei um Sozialismus, bei vielen um “lupenreinen” Marxismus, um Befreiung aus alten Zwängen, um das Brechen von Tabus und um ein “neues”, antiautoritäres Verständnis von Demokratie. Auch damals waren da die tonangebenden Intellektuellen, welche die jeweils gültige Melodie für die anzustimmende Musik vorgaben. Was damals die Neo- Sozialisten und -Marxisten waren, so scheint es mir, sind heute die “digital natives”, die sozialistische Bewegung ist nun die “Netzgemeinde”, statt “bürgerlich” heißt es “analog” oder “offline”, und der schlimmste Vorwurf, der einst “Faschisten” lautete, heißt heute “Technikfeind” oder “Verweigerer”: Kritisierten die Achtundsechziger die Gesellschaft als “faschistoid”, so gilt eben heute das beharrende Element als “technikfeindlich”. Aus dem Zauberwort “sozialistisch” ist das kürzere “digital” geworden. Beides aber wurde /wird mit dem erwünschten und gefeierten Fortschritt gleich gesetzt. Das Internet gebiert die neue “Leitkultur”.

Wer mag und sich altersbedingt auskennt, kann die Reihe der Parallelen einmal selber fortsetzen. Mir fällt vor allem die Selbstgewissheit auf, diese gewisse Selbstherrlichkeit (um nicht Arroganz zu sagen), mit der man sich auf der “richtigen” Seite der Entwicklung sieht (“Evolution” sagt man sogar, um eine Naturnotwendigkeit zu suggerieren), die etwas hochmütig wirkende Rechthaberei, wenn es um Themen und Kategorien geht, das elitäre Gehabe, dass die bisher “Dummen” schon zwangsläufig die Errungenschaften der digitalen Moderne übernehmen würden. “Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.” Jaja, damals. Man findet in Entsprechung zu ’68 wieder eine starke ideologische Fixierung, heutzutage auf analytisches Technik-Wissen, das sich nur dann “kritisch” verhält, wenn es um die Diffamierung der “Bedenkenträger” oder um die Zurückweisung (geschichts-) philosophischer  Technikkritik geht. Die neue “Wahrheit” manifestiert sich im “Netz”, genauer im “Schwarm”, dessen angebliche Intelligenz zum Sinnbild der Generation “X” der “digital natives” geworden ist. Nicht so sehr die “cloud”, die “crowd” wird’s richten.

Und ein letztes, nun ein wirkliches déjà vu: Da sieht man auf einmal auf den etwas chaotischen Massenversammlungen (Parteitagen) der “Piraten” doch tatsächlich jede Menge ergrauter “Revoluzzer” aus den 68ern! Spätestens hier schließt sich der Kreis. Das Déjà vu hat eine real-personale Komponente. Das ist allerdings nicht entscheidend. Es ist nur eine weitere verblüffende Kuriosität, Real-Satire.

Und wie geht es weiter? Keine Ahnung, die augenfälligen Parallelen hören sogleich auf, aussagekräftig zu sein, wenn man eine Prognose wagen wollte. Zu verschieden sind dann doch die beschriebenen Phänomene, und zu sehr gewandelt hat sich die Zeit. Alles verläuft heute sehr viel schneller, “instant” eben. Das Wort “Hype” kannte man ’68 noch nicht, es war auch kein solcher. Die Entwicklung der IT-Technologien, der digitalen Medien, der digitalen Vernetzung, Produktion, Konsumption usw. als einer erweiterten Ebene unseres alltäglichen Lebens geht natürlich weiter, mit und ohne “Nerds” und “Geeks”. Aber vielleicht geschieht genau dies: Dass unser Nutzen von digitalisierter Realität alltäglich wird. Dann könnten wir uns wieder mit Ernst darüber unterhalten, wie weit man die neuen Möglichkeiten der IT-Technologien samt digitaler Vernetzung zur Lösung der wirklich großen Probleme der Menschen nutzen könnte: zur Bekämpfung des Hungers, des Analphabetismus, der Armut, des Fundamentalismus jeglicher Spielart, der nach wie vor massiven Entrechtung der Frauen und Kinder, zur Förderung  des Respektes der Tierwelt, der Begrenzung der Klimaveränderung und so weiter und so weiter. Eigentlich gibt es genug “echte” Probleme, deren Lösung all unsere Kräfte und Intelligenz braucht, vor allem die Kraft, den maßlos destruktiven Kräften und Ideologien zu widerstehen. Wenn hierbei “Künstliche Intelligenz” helfen kann, ok  - aber die normale Vernunft würde schon reichen.

Oder ist alles noch ganz anders mit den Sozialen Medien? Ich lese heute: (Facebook Co-Gründer, Verleger und Eigentümer von “New Republic”) Chris Hughes unterhielt sich mit Arianna Huffington und Peter Thiel (Facebook-Investor):

„Macht Twitter die Demokratie unmöglich?“ So sollte die Frage des Abends lauten, die allerdings nicht zur Verhandlung kam. Die kulturkritische Prämisse, dass die sozialen Medien Zerstreuung und Kakophonie produzieren und dadurch der rationalen Debatte schaden, galt allen drei Helden der Kommunikationswirtschaft anscheinend als unstrittig. Im Stil der von Michel Foucault ausgegrabenen antiken Sexratgeber gaben sie Empfehlungen zur Dosierung des persönlichen Gebrauchs der neuesten Medien ab.

Brave new world!

 28. Dezember 2012  Veröffentlicht von am 13:12  Internet, Kultur Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 212012
 

Das Netz und die Nutzung des Netzes haben sich weiter entwickelt.  Das ist das Mindeste, was man im Rückblick auf die vergangenen Monate fest stellen kann. Um diesem ersten Satz etwas mehr Farbe und Aussage zu geben, müsste man schon bewerten, wie sich das Internet weiter entwickelt hat. Und da gehen dann die Meinungen schon auseinander.

Vieles, was auf den ersten Blick als eine durch das Netz und vor allem durch seine sozialen Plattformen induziert zu sein schien, entpuppte sich im Nachhinein entweder als Fehlurteil oder als wenig dauerhaft. Die “Arabellion”, gerne auch als “Twitter-Revolution” gekennzeichnet, war allenfalls vordergründig eine “Internet-Revolution”. Genauere Analysen haben gezeigt, dass die neuen Medien eine offenbar viel geringere Rolle gespielt haben, als es in der Presse und in eben diesen “neuen Medien” behauptet worden war (siehe zum Beispiel hier). Von einer anderen sozialen Bewegung, die fest mit den social media konnotiert wurde, nämlich der “Occupy-Bewegung”, ist in diesem Jahr gar nichts mehr zu hören und zu lesen gewesen, nichts, was auf Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit schließen ließe, also eher eine “klassische Eintagsfliege”. Von zahlreichen Aufrufen zu Protesten gegen befürchtete Beschränkungen der Freiheit des Netzes wie das Handelsabkommen ACTA (Stopp ACTA), vom Streit um das Urheberrecht, von den Protesten gegen den Gesetzentwurf zum Leistungsschutzrecht (LSR), von den viel leiser vernehmbaren Einsprüchen gegen die Einrichtung von INDECT, war nur der Anti-ACTA-Protest eine erfolgreiche Bewegung (Übersicht hier). Wie weit allerdings die Proteste im Internet und auf den Straßen tatsächlich zur Verhinderung dieses Anti-Piraterie-Abkommens geführt bzw. dazu beigetragen haben, wäre noch eigens zu untersuchen. Es gab dabei eine Menge recht divergierender Interessen, die letztlich eine Verhinderung des Abkommens und die Absetzung des ACTA-Verfahrens beim Europäischen Gerichtshof seitens der EU-Kommission zur Folge hatten. Weder der Streit ums Urheberrecht im digitalen Zeitalter noch der Streit ums LSR waren in irgend einer Weise “massentauglich”. Eher sind dies wenngleich wichtige, so doch spezielle juristische Fragen, die besonders die “Netz-Elite” interessieren. Doch die ist eine verschwindend kleine Minderheit. Ein Blick auf die aktiven Nutzerzahlen von Twitter in Deutschland zeigt, dass nur wenig mehr als 100.000 Nutzer häufig und regelmäßig tweeten (siehe hier).

Überhaupt die “Minderheit” der Netz-Aktivisten. Vielleicht am erstaunlichsten war in den vergangenen Wochen und Monaten der rasante Absturz der “Piraten” aus dem öffentlichen Interesse – und der entsprechende Rückgang der Unterstützer bei der berühmten “Sonntagsfrage”: Laut “Deutschlandtrend Dezember” (tagesschau.de) liegen sie bei 3% Wählerzustimmung. Der Höhenflug dieses “Themas” ist also vorläufig beendet. Auf der anderen Seite scheinen sich einige Voraussagen für das durch die sozialen Medien und Blogs beförderte Ende der traditionellen Print-Zeitungen erstmals zu materialisieren: Gleich zwei überregionale Tageszeitungen mussten ihre Einstellung ankündigen: Financial Times Deutschland (bereits eingestellt) und die Frankfurter Rundschau (wegen Insolvenz Galgenfrist noch bis Ende Januar 2013). Dabei ist allerdings zu fragen, wie weit hier das Internet “Schuld” war oder ob nicht viel mehr ganz andere wirtschaftliche Faktoren ursächlich sind. Immerhin hat die FTD während der dreizehn Jahre ihres Bestehens durchweg Verluste gemacht, und die FR ist seit mehreren Jahren wiederholt am Absturz vorbei geschrammt. Die großen überregionalen Zeitungen wie SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche, FAZ sind gerade dabei, bei recht konstanter Leserschaft ihr Geschäftsmodell zu ändern, nachdem die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft rasant weg gebrochen sind.

Viel wird da im Netz, in den einschlägigen Blogs und Plattformen, über die “hochnäsigen” Journalisten geschimpft oder sich überhaupt über den “guten Journalismus” lustig gemacht (Wolfgang Michal bei CARTA), der doch gegenüber der Schnelligkeit und “Schwarmintelligenz” (vielleicht das Modewort des Jahres) des Netzes hoffnungslos unterlegen und also von vorgestern sei – und außerdem nur noch zum Boulevard verkomme. Gleichzeitig, welch erstaunliche Wendung der Netz-”Elite”, ist eben dieser antiquierte Journalismus Schuld, wenn Deutschland beim Ranking der Sozialen Medien zu “schlecht” abschneidet. Laut der Wirtschaftswoche und dort dem Blog von Michael Kroker liegt DE bei der Nutzung sozialer Online-Netzwerke mit 34% nur im  unteren Drittel vergleichbarer Industrieländer und weist zudem 46% “Verweigerer von sozialen Netzwerken” auf. Schlimme Sache, wie Marcel Weiss bei CARTA meint. Denn darin drücke sich nicht nur “Skepsis der Deutschen gegenüber neuen Technologien” (Kroker) aus, sondern die “starke Risikoaversion unserer Gesellschaft” (Weiss). Die von ihm im selben Satz diagnostizierte deutsche “Vorliebe von geordneten vor chaotischen Verhältnissen” ist anscheinend etwas ganz Schlechtes und Verwerfliches. Dass dahinter ein durchaus rationales Kalkül stecken könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Und nun kommt’s: Schuld an dieser Misere sind – die so viel gescholtenen Print-Medien und das Fernsehen: “Sowohl Print als auch TV berichtet hierzulande seit Jahren fast ausschließlich negativ über das Internet und dabei natürlich besonders über das Trendthema der letzten Jahre, die Social Networks. Große Titelstories sind immer mit Skandalen oder Risiken verbunden.” Kein Wunder, dass darum Deutschland “erschreckend” digital-technologisch hinterher hinke. [Nebenbemerkung: Welches Bild ergäbe sich wohl, wenn man die Nutzung neuer Technologien zur nachhaltigen Energiegewinnung in Deutschland als Maßstab anlegen würde? Aber das hat ja mit "digital" und dem intelligenten "Netz" nichts zu tun.] Verquere Welt. Immer Ärger mit diesen Internet-”Verweigerern” und “Wohlfühljournalisten”!

Google Earth at Night

Google Earth at Night

Von einer ganz anderen, sehr nachdenkenswerten Seite nähert sich dem aktuellen Zustand der Internet-Kultur und der netz-obligaten Transparenzforderung  der Berliner Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han im SZ-Magazin. Er konstatiert im Blick besonders auf Facebook einen Prozess der “Glättung” durch das Netz, die “alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt”. “»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.” so Han. Und Sean fragt in einer Anmerkung zu meinem Blogbeitrag “Kultur und Fortschritt – und weiter?“: “Gibt es eine Entropie der Kultur?” Ein interessanter Gedanke. Mir fällt dazu der von +Jürgen Kuri wiederholt geäußerte Ausspruch von der “Langsamkeit des Internets” ein. Aus einer Fülle allzu schneller Information, basierend auf Gerüchten, Vermutungen, Vor-Urteilen, auf den sozialen Plattformen mit einem Klick in Windeseile weiter verbreitet, kristallisiert sich erst nach Abflauen des Erregungs- und Aufmerksamkeits-Hypes der tatsächliche Informationsgehalt heraus, oft genug durch genau recherchierende Journalisten.

Hinzu kommt eine der übelsten Seuchen des Internet, der “shitstorm”, also so etwas wie der digitale Schandpfahl, gegenüber dem man ohne nachzufragen und im Schutz der (anonymen) Öffentlichkeit schimpfen, beleidigen und verleumden kann nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Es ist eine sozialpsychologisch beschreibbare Blitzableiter-Funktion (eigener Frust?), die sich hier manifestiert. Erklärbar bedeutet aber nicht entschuldbar, erst recht nicht aus der Sicht der betroffenen Opfer.

Abgesehen von solchen Exzessen, abgesehen auch von gelegentlichen Aufmerksamkeits-Stürmen (als Stichworte reichen bisweilen Namen: Wulff, Ponader, Weisband) stellt sich die Allgegenwart des Netzes doch recht durchschnittlich und unaufgeregt dar. Millionen Menschen in Deutschland nutzen Email, Skype, WhatsApp, weiterhin SMS (!), kaufen und buchen online, lassen sich Bahnverbindungen anzeigen und kaufen Fahrkarten übers Web, lesen Nachrichten, spielen Internetspiele, kaufen und sehen Filme, informieren sich über alles, was sie gerade interessiert. Nicht zufällig gehört das Wort googeln seit langem zum deutschen Wortschatz. Trotz mancher überzogenen Warnungen nutzen ebenfalls Millionen Internet-Banking, mehr und mehr über mobile Geräte, Smartphones und auch mittels der sich erst allmählich verbreitenden Tablets. Da vollzieht sich eine langsame, aber unaufhörliche und ganz selbstverständliche Anpassung des Lebensstile an die Gegebenheiten, Möglichkeiten und den praktischen Nutzen des Netzes. Das hat wenig mit einer “digitalen Evolution” oder einem neuen technisch-kulturellen Menschsein zu tun. Internet und der Spaß an neuen Geräten (‘Spielzeugen’) ist auch bei uns Alltag geworden. Klar, dazu gesellt sich zu Recht manche Skepsis, manche Angst vor Überforderung, manche Unsicherheit und Zurückhaltung, auch im Blick auf die Privatsphäre. Warum auch nicht, sollen doch andere Mutigere erst einmal ausprobieren, was geht und was nicht geht, was etwas taugt und was nicht. Das ist eine sehr pragmatische Haltung. Ich finde sie verständlich und begrüßenswert.

 

Und vieles, was sich dann so an Diskussionen, Meinungen (@Christoph Kappes seufzt in einem Tweet: “Meinungen, alles voller Meinungen” – ja was denn sonst?), Äußerungen, “Statusmeldungen”, Gefühlsausbrüchen, Ansichten usw. –  oder auch an Spaß, Ulk und Nonsens im Netz, in den social media – Netzwerken kundtut, kommt mir vor wie ein weißes Rauschen, in dem wesentliche Unterschiede kaum auszumachen sind. Das Netz als das Hintergrundgeräusch unserer Gegenwart, mal lauter, mal leiser, immer mit Wispern und Zwitschern beschäftigt, selten mit inhaltlicher Klarheit und Bestimmtheit, dafür ein auf- und abschwellender Lärmpegel, der einfach heute dazu gehört. Man kann dieses ‘Hintergrundrauschen der Moderne’ kaum überhören, erst recht nicht abstellen (nur ganz privat von Zeit zu Zeit), aber man muss es auch nicht zu wichtig nehmen. Manchmal möchte man einfach rufen: “Stop making noise” – aber auch das Originalzitat “Stop making sense” gäbe durchaus einen Sinn. Aber Abschalten und Pause liegen ja in der Hand eines jeden. Man muss nur wollen.

 

 21. Dezember 2012  Veröffentlicht von am 18:20  Internet, Netzkultur, social media, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 092012
 

Hoch oben über dem Norden in einer Cloud. Tim Apfelbutz, Eric Findetalles und Jeff Hatalles, die Glorreichen Drei, sitzen gemütlich zusammen und trinken heißen Cyberwein. Vor ihnen liegen Adventspäckchen. „Na mach schon auf“, drängt Eric Findetalles, und Tim Apfelbutz nestelt am Papier. „Ein kleiner Androide, wow!“ schnieft er, nicht ganz sicher, ob er sich darüber wirklich freuen soll. „Aber für dich habe ich auch etwas“, meint er, und schiebt Jeff Hatalles ein Päckchen rüber. Der: „Oh toll, ein oPid, wie schick das aussieht“, lügt er lachend, „aber hier kommt mein Knüller“, und damit reicht er sein Päckchen zu Eric. „Geil, ein Findle, wie weißpapier!“ – „Na dann Prost auf das erfolgreiche Jahr!“ – „War galaxtisch!“ – „Eher !fontastisch!“ – „Auf jeden Fall firelich.“ „Prost auf Digitalien!“

 

„Ja wenn doch alles so einfach wäre wie da unten rechts in akiremA. Die Leute sind einfach begeistert von all den Gadgets, kaufen unser Spielzeug wie wild und sind ganz schnell überzeugt, dass sie ohne das alles nicht mehr leben können. Unsere Fan-Shops brummen!“ Tim popelt in seinem Apfelloch. Aber die beiden anderen nicken. „Jedenfalls nicht so kompliziert wie dort links, in aporuE. Einerseits toll. Da gibts richtige Jünger-Gemeinden, die glauben an uns und feiern das Groosle-Reich.“ – „Stimmt, Eric, aber wo’s um Glauben geht und wo Jünger sind, da ist auch der Ketzer nicht fern. Da gibts welche, die glauben einfach nicht, dass du nie böse bist!“ – „Dabei wollen wir doch nur ihr Bestes, ihre niedlichen kleinen, für sie völlig unbedeutenden data!” fällt Jeff ein. “Und sie geben sie uns ja auch meist freiwillig gerne. Guck nur auf den Zauberberg!“ Andächtiges Nicken. – „Wenn da nicht die Grauen Männer aus der analogen Steinzeit wären“, seufzt Eric. „Faseln was von Persönlichkeit und Kontrolle, sogar DATENSCHUTZ“ – „Igitt – furchtbar – antigalaktisch – der analoge Billseibeiuns!“

Clouds

 

Eine Weile herrscht Stille. Nachdenken. Das Fire knistert, Eric summt vor sich hin: „Summ, sung sung, Bienchen sam herum.“ – „Das ist doch kein Weihnachtslied. Lieber dieses: Leise pieselt der Schnee…“ – „Nix da, gekokst wird hier nicht. Wir haben noch eine Aufgabe. Wir dürfen niemals so werden wie DIEDA.“ Alle zucken zusammen. Sie schauen sich vorsichtig um. Richtig, dort hinten, fern der großen Cloud, sitzen zwei Gestalten, ergraut, etwas zusammen gesunken, versuchen irgendwelche Fäden zusammen zu halten, schielen bisweilen hinüber zu den Glorreichen Drei. Ihr ahnt schon, wer es ist. Da hocken Steve Winzigweich und St. Paul, genannt Otello. „Seit ihr eherner Moor nichts mehr einbringt, sind die richtig verzweifelt geworden“, meint Jeff Hatalles mitleidig. „Jetzt hat Steve sogar seine Fenster zum Fenster raus geworfen.“ – „Bedauernswerte Gestalten“, grunzt Eric, „die kriegen keinen mehr hoch, keinen ARM meine ich.“ Tim Apfelbutz kichert. „Zu denen sollte mal Knecht Fuchscenn kommen mit Sack und Rute! Der bringt unartige Kinder erfolgreich zur Raison.“ Der Lacher bleibt aus. „Nicht gut fürs Image“, knurrt Jeff. „Pass du lieber auf Sina Copyconn auf.“ – „Hört auf euch anzugiften!“ geht Eric Findetalles dazwischen. „Wir haben Wichtigeres zu tun.“ Ein wenig ratloses Schweigen. „Crowd sourcing“, flüstert Eric, „WIR SIND doch die CROWD! Das NET! Die DATA!“

 

 

„Vielleicht sollten wir uns bei denen da drüben ein Beispiel nehmen. Die Dreieinigkeit dort.“ unterbricht Tim Apfelbutz die Stille. – „Wohl wahr, ein erfolgreiches Geschäftsmodell, hat schon über 2000 Jahre auf dem Buckel und funktioniert immer noch.“ – „Eine Gelddruckmaschine: GLAUBEN.“ – Wir müssen Glauben erzeugen.“ – „Glauben an uns. Vertrauen auf die Daten. Das Netz als Evangelium.“ – „Wir müssen es ihnen eintrichtern: Wir bringen die Freiheit. Allwissenheit. Fortschritt. Ewige Seligkeit. Amen.“ – „Nicht so dick, nicht so dick!“ – „Doch, mit der Hammermethode ‘Abhängigkeit’.“ – „Aber werden sie es schlucken, wenn wir so dick auftragen?“ – „Tun sie doch schon! Und merken es nicht einmal. Das Glaubensbekenntnis heißt: KAUFEN! Und sie kaufen, in kleinen oder großen Häppchen, sie nehmen alles, reißen es uns doch aus den Händen!“ – „Stimmt, das NETZ vermehrt sich wunderbar von selbst. Und wir halten bloß die Hände auf.“ – „Also was solls? Keine Probleme auf der Andrea Doria – weitermachen!“ – „Es wird ein glorreiches neues Jahr werden.“ – „Ja, Algo sei Dank – und Rithmo auch!“ – Die Glorreichen Drei prusten vor Lachen und prosten sich zu, der etwas schüchterne Tim Apfelbutz, der freundliche Eric Findetalles und der listige Jeff Hatalles: Stille Pracht, heilige Macht in der Cloud.

 

Unter der Cloud breitet sich eine herrliche neue Welt aus. DigItalien, DigItalien…

 9. Dezember 2012  Veröffentlicht von am 13:48  digital, Satire Tagged with:  Kommentare deaktiviert
Nov 252012
 

Dieser Tage entdeckte ich mich in einer Art Blase gefangen. Der Filter waren aber keine Algorithmen, sondern das war ich selber. Ich hatte in meiner Wahrnehmung unbewusst eine Lupe benutzt: Teile der Wirklichkeit erschienen so sehr viel größer und bedeutender, als sie tatsächlich sind. Ich spreche vom Web 2.0.

Seit einigen Jahren organisiere ich Vortragsveranstaltungen in Kempten. Sie stehen jeweils unter einem Oberthema, zum Beispiel “Hirnforschung” oder “Schöpfung und Evolution”. Anerkannte Wissenschaftler berichten dann aus ihrem Fachgebiet. Die Resonanz beim Publikum war durchweg gut. In diesem Winterhalbjahr hatte ich das Thema “Web 2.0 – Welt 2.0″ ausgewählt. Ich war mir sicher, damit etwas ganz Aktuelles und allseits Interessantes getroffen zu haben. Engagierte und in der “Szene” bekannte Referenten aus München, Ulm, Freiburg konnten gewonnen werden. Nach zwei Veranstaltungen mit einer Publikumsresonanz knapp über Null haben wir (VHS als Trägerin) die Veranstaltungsreihe gestoppt und die weiteren Vorträge abgesagt. Das Thema des letzten Vortrages war die Entwicklung der Zeitungen im Zusammenhang des Internet; passte zufällig haargenau zu den gerade gemeldeten Schließungen der Frankfurter Rundschau und der Financial Times Deutschland. Null Erregung. Großes Erstaunen. Was ist passiert?

Filter Bubble by Eli Pariser

Natürlich fragt man sich zuerst danach, ob die Termine falsch lagen, ob es konkurrierende Veranstaltungen oder ob es Versäumnisse in der Werbung gab. All dies konnte man mehr oder weniger ausschließen, im Gegenteil, die Werbung für den letztgenannten Vortrag war auch überregional besonders intensiv, unterstützt von den Lokalzeitungen. Kempten ist zwar keine Großstadt, aber eine bedeutende Mittelstadt in einem ländlichen und touristischen Umfeld (Allgäu). Immerhin lebt die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands in solchen Mittelstädten, hier mit einer Hochschule und mit einem starken Mittelstand im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik. Die “anderen” Themen liefen ja auch, also nochmal: Was war passiert?

Offenbar lag eine Fehleinschätzung der Relevanz des Themas “Internet und Web 2.0″ in der interessierten Öffentlichkeit vor. Einen jüngeren Bekannten, studierend, den ich danach fragte, sagte mir: “Ich benutze zwar Facebook, aber das Internet als Thema interessiert mich nicht.” So denken und empfinden offenbar viele. Man nutzt die Angebote des Netzes, ohne dass einen die Frage nach der Bedeutung des Internets und der neuen Medien im Allgemeinen interessiert oder zum Nachdenken / Nachfragen bewegt. Wenn ich dagegen meine Twitter Timeline beobachte, in Google+ stöbere oder mich interessierende Blogs und Blog-Portale besuche, bekomme ich einen völlig anderen Eindruck. Dann denke ich: Das Thema Internet und Web 2.0 bewegt die Welt. Da sind doch die “Twitter-Revolution” in den arabischen Ländern, die Anti-ACTA-Proteste, die heißen Diskussionen über das Urheberrecht oder das Leistungsschutzrecht – und natürlich die Piraten. Da sind die zahllosen Beiträge in Zeitungen und Weblogs über die mediale Revolution durch das Internet, da sind hitzige Diskussionen und Shitstorms. All das bewegt doch offenbar die Öffentlichkeit. – Asche. Nichts davon stimmt so. Es ist nur die Lupe der eigenen Wahrnehmung und Interessen, die dieses Bild erzeugt und die Relevanz vergrößert. Auch abgesehen von dem Einzelfall meiner geschilderten Erfahrung mit den Vorträgen sieht die Wirklichkeit im Netz doch recht anders aus.

Zum Beispiel Twitter. Im April dieses Jahres wurde die Erfolgsmeldung von 4 Millionen Twitternutzern allein in Deutschland verbreitet. Man muss näher hinschauen, was Twitter-Nutzer sind. Von den 4 Mio. Accounts sind aktuell (November) nur 825.000 “aktive” Nutzer.

Ein Account wird als „aktiv deutsch” bezeichnet, wenn darüber pro Woche mindestens ein deutschsprachiger Tweet versendet wird. Dabei wird eine Liste mit 400 eindeutig deutschsprachigen Begriffen wie „bitte“, „danke” oder „gestern“ zu Grunde gelegt. Diese Untersuchung lässt nur schwer Rückschlüsse auf tatsächlichen Nutzerzahlen von Twitter zu: Zum einen werden stumme Accounts, also solche, die nicht selbst aktiv senden, nicht erfasst. Zum zweiten ist nicht ersichtlich, wie viele Accounts von ein und derselben Person genutzt werden. … 310.000 Accounts haben im letzten Monat mehr als zehn Tweets abgesetzt, 99.000 sogar mehr als 30, im Schnitt also mindestens einen Tweet täglich. (Webevangelisten)

Das heißt, 2,5 % der Twitter-Accounts werden zum regelmäßigen, täglichen Gebrauch genutzt. 300 000 Nutzer generieren damit ca. 95 % der Tweets. Tun wir also das, was die meisten Twitter-User machen, nämlich nur lesen, dann erfahren wir die Infos und Meinungen von einer winzigen Minderheit von deutschlandweit 100.000 sehr aktiven “Netzwerkern”. Die allerdings “machen Meinung” und Stimmung und prägen unsere Wahrnehmung. Das genau meine ich mit der Netz-Lupe: Eine kleine aktive Gruppe wird leicht für das Ganze des Webs genommen. Berücksichtigt man dann noch, dass mehr als die Hälfte der Zeitungs-Journalisten von sich sagen, regelmäßig Twitter zu beobachten und für ihre Artikel als bedeutende Nachrichtenquelle zu berücksichtigen, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch die traditionellen Medien die Relevanz und Verbreitung der neuen Medien des “Web 2.0″ (= sozial, interaktiv!) überbewerten. Eine Fehleinschätzung, die multipliziert wird.

Ähnliches gilt für Facebook, auch wenn dieses soziale Portal eine andere Zielrichtung als Twitter hat. Genauere Nutzerstatistiken rückt Facebook öffentlich nicht heraus. Nur die Gesamtzahl “aktiver” Facebook-Accounts wird kommuniziert:  Rund 25 Millionen Facebook-Nutzer gibt es in Deutschland. Andererseits weist t3n darauf hin, dass es im Juli erstmals einen deutlichen Knick im Zuwachs gegeben habe: es waren 200.000 Nutzer weniger. Wie dem auch sei, so muss auch hier nachgeschaut werden, was “aktive Facebook-Nutzer” sind. Dazu heißt es: “Aktive Nutzer sind in diesem Fall alle Besucher, die sich in den vergangenen 30 Tagen bei Facebook angemeldet und mit dem Netzwerk interagiert haben.” Was heißt “interagiert”? Kommentare hinterlassen oder einen Post liken. Also auch nur der eine Klick auf den Like-Button wird als Interaktion gezählt. Vermutlich ist also auch bei Facebook die Zahl derjenigen Nutzer, die regelmäßig eigene Statusmeldungen verfassen oder Fotos hochladen und mit anderen (“Freunden”) schriftlich kommunizieren, nur ein Bruchteil der Zahl der Facebook-Accounts. Auch hier entpuppt sich die gewaltige Zahl von 25 Millionen Nutzern als eine Lupe, die die Realität größer und erscheinen lässt, als sie ist. Millionen mögen Facebook anklicken und lesen, aber nur ein viel kleinerer Teil nutzt dieses Portal aktiv.

Ein letzter Hinweis auf eine oft verstellte Wahrnehmungs-Lupe. Liest man über das derzeitige “Zeitungssterben” zumal in einschlägigen Blogs und gut vernetzten Webbeiträgen , so gewinnt man den Eindruck, dass das Internet und die Sozialen Medien das allmähliche Ende der traditionellen Zeitung einläuten. Richtig an dieser Interpretation ist die wirtschaftliche Tatsache, dass die Tageszeitungen derzeit einen Rückgang ihrer Leserschaft (drastisch bei jüngeren Menschen) und den Zusammenbruch des Anzeigenmarktes und damit ihrer herkömmlichen Haupteinnahmequelle erleben. Das traditionelle Wirtschaftsmodell der Tages- und Wochenzeitungen ist am Ende. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bedeutung der Zeitungen als Gatekeeper des Zugangs zur den Geschehnissen in der Welt verloren gegangen wäre. Im Gegenteil. Zu der Gruppe der 10 meistbesuchten Websites in Deutschland gehören spiegel.de und bild.de, bald gefolgt von Focus online und Welt online. Die Online-Angebote der überregionalen (Tages-) Zeitungen haben einen enormen Zuspruch:

Online Verbreitung

“Im gleichen Zeitraum [Oktober 2012] ist die von der Prüfgemeinschaft für die Online-Medien festgestellte Gesamtnutzung deutlich angestiegen: So wurden im Oktober 2012 für 1156 der von der IVW gelisteten Internetangebote insgesamt rund 5,37 Mrd. Visits (Besuche, das heißt einzelne zusammenhängende Nutzungsvorgänge) und 40,27 Mrd. PageImpressions (einzelne Seitenaufrufe) festgestellt (September 2012: 1.162 gemeldete Angebote mit 4,93 Mrd. Visits und 37,67 Mrd. PageImpressions).” (Quelle: IVW)

Online erreichen die Zeitungsmedien ungleich mehr Besucher und Leser, als sie in ihren Print-Ausgaben jemals hatten. Man muss deswegen wohl genauer von einer existenzgefährdenden Krise des herkömmlichen Wirtschaftsmodells der Zeitungen sprechen – die Zeitungsangebote im Internet dagegen erfreuen sich größter Beliebtheit. Nicht die Zeitung als Gatekeeper der Nachrichtenwelt ist am Ende, wie es die Diskussionen unter der “Netz-Lupe” nahelegen, vielmehr steht das Wirtschaftsmodell der Tageszeitungen vor gravierenden Veränderungen und Anpassungen. Wer da den ‘turn’ nicht schafft, verschwindet vom Markt.

Was also “lernt” uns das? Mit der Lupe unserer Internet-Wahrnehmung bekommen wir hoch interessante Diskussionen, ja einen gesellschaftlichen Diskurs, zu Gesicht. Es ist aber wie eh und je der Diskurs einer kleinen Minderheit. Darum ist es gut, dann und wann diese Lupe beiseite zu legen und die Wirklichkeit der Gesellschaft zu betrachten, wie sie mit und ohne Netz ist. Fast jeder der Jüngeren nutzt das Netz, die meisten passiv als zusätzliches Medium, das konsumiert wird. Die wenigsten aber gehören zur Gruppe der aktiv sich beteiligenden Internet-Nutzer, die schreiben, diskutieren, bloggen usw. Man darf halt diesen Teil des “Web 2.0″ nicht für das Ganze nehmen. – Man sieht: Auch ein Flop kann lehrreich sein.

 25. November 2012  Veröffentlicht von am 12:34  Internet, Öffentlichkeit, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Okt 202012
 

Eigentlich können wir so gut wie nie zuvor kommunizieren. Internet und Smartphones bieten die Möglichkeit, jederzeit mit jedermann in Kontakt zu treten, seien es Freunde, seien es Fremde. SMS hat den Anrufbeantworter verdrängt, und Email oder  Statusmeldungen bei Facebook oder die Timeline bei Twitter ergänzen oder ersetzen ihrerseits die klassische SMS. Whatsapp kommt mit rasantem Wachstum daher, allen Sicherheitslücken zum Trotz. Regierungsmitglieder einschließlich der Kanzlerin tippen bei Debatten im Bundestag fortwährend wie wild in ihr Handy oder Smartphone. Man kann sich fragen, wie denn die Kommunikation in der Zeit vor der ständigen Erreichbarkeit ausgesehen hat, wie “damals” das Regieren überhaupt vonstatten ging.

“Digital Natives”, wie die “Netzgemeinde” neudeutsch genannt wird, oder auch die “digitale Bohème” (Süddeutsche Zeitung), propagieren zwar unermüdlich die kommunikativen Segnungen des Netzes, aber bisher hat ihr politischer Arm, die Piraten, nur eine altbekannte Selbstgefälligkeit im Zurschaustellen von Arroganz und Inkompetenz öffentlich gemacht. Die viel gerühmte und vehement geforderte Transparenz erschöpfte sich bald in Personalquerelen und Shitstorms; Austritte auf Grund solcher persönlichen Verletzungen sind die Folge. Also nichts Neues, das übliche menschlich-bornierte Klein-Klein. Das dürfte einen kaum wundern, denn es wirken ja keine “neuen Menschen” im Netz der social media.

Google, Douglas County, Georgia, by Zhou

Erstaunlicher ist für mich allerdings, dass die ungleich größeren und intensiveren Kommunikationsmöglichkeiten gegenüber der Zeit sagen wir vor 50 Jahren (“rotes Telefon”) zwischen politischen und kulturellen Gruppen, Eliten wie Normalos, kaum zu mehr Verständigung und Hörbereitschaft geführt haben, von größerer Toleranz und von mehr Einfühlungsvermögen ganz zu schweigen. Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf erleben wir eine irritierende Verhärtung der politisch verfeindeten Lager, die US-Beobachter mit dem Riss vergleichen, der zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges Mitte des 19. Jahrhunderts durch die damalige US-Gesellschaft ging. In Europa lesen wir heute mitten in einer der tiefgreifendsten Krisen des Kontinents seit 1945 von einem EU-Gipfel der Sprachlosigkeit, des Nichtverstehens, von einer “Achse des Misstrauens” zwischen Deutschland und Frankreich. Beunruhigend. Während dessen schlittert die griechische Gesellschaft sehenden Auges (seitens der griechischen Bürger ebenso wie seitens der auswärtigen Beobachter) auf eine Katastrophe zu: es droht ein “failed state” mitten in Europa, und die politischen Konzepte zur “Rettung” klingen eher nach der Alternative zwischen Erhängen oder Erschießen.

Wie nie zuvor in der deutschen Gesellschaft ist die soziale Schere auseinander gegangen. Das zeigt sich in den Schulen (fehlende soziale Durchlässigkeit) ebenso wie beim Wohnen und Arbeiten. Während sich große Teile der Gesellschaft immer größeren Luxus leisten können, wird ein anderer größer werdender Teil der Gesellschaft (Geringverdiener, Rentner, Alleinstehende) von der Wohlstandsentwicklung zunehmend abgehängt. Es ist dabei erstaunlich, wie wenig diese wachsende Kluft hier im Lande zu Diskussionen oder gar zu Unruhe führt. Noch nicht zumindest. Statt dessen befleissigt man sich anderer  beliebter und trotz aller gegenteiligen Aufklärung unausrottbarer Vorurteile: dass die Hartz IV – Leute selber Schuld sind, dass Ausländer “uns” die Jobs wegnehmen, dass die Ossis maulen und dass mit der D-Mark alles besser war.

Neben der sozialen Kluft entdecke ich auch eine sich eher verstärkende digitale Kluft. Teile meiner Lebenswelt können und wollen die “Segnungen” des Internets nicht “genießen”. Es ist nach meiner Beobachtung keineswegs nur eine Frage der Generationen. Man passt sich dort an, wo es unumgänglich ist (Geldautomaten, Fahrkartenautomaten, Hotlines) – und macht ansonsten einen möglichst großen Bogen um die Glitzerwelt der Computertechnik. Andererseits weist das Internet ständig zunehmende Nutzerzahlen auf, sei es beim Online-Shopping, beim Buchen einer Reise oder bei der Möglichkeit sich zu informieren: Nachrichten, Kaufberatung, Preisvergleiche. Man nutzt also das, was einem einen praktischen Nutzen verspricht. Social media sind davon noch weit entfernt, sie sind eher eine Spielwiese der Jugend oder der – “digital Bohème” (?!).

Wo bitte gibt es angesichts der ständig präsenten “instant” Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren, wirklich mehr Verständigung, mehr Bereitschaft, aufeinander zu hören und dann auch auf einander zu zu gehen? Wo ist der “gesellschaftliche Diskurs” sichtbar und greifbar? Die Beschränkung auf das Eigene, Private fängt im Wohnviertel an und hört bei kulturellen oder politischen Fragen noch lange nicht auf. Bevorzugt wird allemal die Rückversicherung in der peer group, also in der eigenen Gruppe der Meinungs- und Interesse – Gleichen, Netzwerke hin, Netzwerke her, bzw. gerade in und mit den Netzwerken. Bisweilen habe ich den Eindruck, dass die zunehmende Globalisierung die Suche nach dem Tellerrand, den man nicht überschreiten möchte, eher noch begünstigt, fehlende “Nestwärme” also. So wächst ein kaum für möglich gehaltener Separatismus in Europas Regionen ebenso wie ein Fundamentalismus der Meinungen und Überzeugungen. Oft wird auf die “Hass-Seiten” radikaler Islamisten im Netz verwiesen, dabei vergisst man, dass neben den Websites zum Thema Sex das Thema Religion das zweitgrößte ist: religiöser Fundamentalismus feiert allerorten, gerade auch bei Christen, fröhliche Urständ. Immerhin weist das Christentum die größte fundamentalistische Institution auf: die römisch-katholische Kirche (vgl. Hans Küng). Wie soll es da zu mehr Verständigung untereinander kommen?

Kommunikationsmittel, Medien, Netze als solche schaffen noch keine wirkliche Kommunikation, die auf Verständigung und Ausgleich zielt. Demokratisches Verhalten wird in dem Maße obsolet, wie die Fähigkeit zum Kompromiss verlernt wird. Auf Verständigung aber kommt es an, auf das Zwischenmenschliche gerade mit dem, der anders ist / denkt / lebt als ich. Alles andere ist bestenfalls – Selbstbefriedigung im Netz. Hoffen wir, dass wenigstens die europäischen Regierungen noch einmal die Kurve kriegen - und sei es aus ökonomischem Eigennutz -, ehe alles auseinander fliegt.

 20. Oktober 2012  Veröffentlicht von am 10:59  Gesellschaft, Netzkultur, Politik Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert