Apr 272013
 

Der Mensch sei “ein zweibeiniges, federloses Geschöpf”, so habe Platon gesagt. Diogenes habe ihm daraufhin einen gerupften Hahn vorgehalten, das sei also Platons Mensch. Dieser habe dann ergänzt, “mit platten Nägeln”, was aber auch nicht ganz überzeugte, zumal in dieser Ergänzung ein Wortspiel mit dem Namen Platons enthalten war. Also wurde korrigierend noch einmal erweitert “der Vernunft und Wissenschaft teilhaftig” – und damit haben wir den Salat. Auch wenn dieser aus kynischer Tradition überlieferte Wortwechsel zwischen Platon und Diogenes wohl nur legendarischen Charakter hat (eine entsprechende ‘Definition’ findet sich nirgendwo in den Werken Platons, 1), so ist sie zumindest gut erfunden, macht sie doch genau das Problem deutlich: Was zeichnet den Menschen gegenüber den übrigen Lebewesen, insbesondere den Tieren, aus?

“Was ist der Mensch?” Diese Grundfrage hat insbesondere die Philosophie zu allen Zeiten beschäftigt. Sie liegt aber auch aller Wissenschaft unausgesprochen zugrunde, wenn man durch Forschung und Wissen Aufschluss zu erhalten sucht über das, was einen selbst und die gesamte “Welt im Innersten zusammen hält”. Nun gut, könnte man meinen, da haben doch Biologie, Chemie, Physik, Medizin, aber auch Metaphysik, Anthropologie und nicht zuletzt die Überlieferung der Religionen einiges zusammengetragen. Besonders die neuzeitlichen Naturwissenschaften (science) haben inzwischen recht genau analysiert, wie sich der Mensch evolutionär entwickelt hat und wie er daraufhin physiologisch zu beschreiben ist. Die Neurowissenschaften bemächtigen sich derzeit mit erstaunlichen Fortschritten des menschlichen Gehirns, um seine basalen Zustände und Funktionsweisen zu erklären. Wenn auch längst noch nicht alles an und in unserem Gehirn verstanden ist, so kann man doch getrost davon ausgehen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die letzten Lücken geschlossen und neurophysiologisch und kognitionswissenschaftlich erkannt und verstanden sein werden. Die Frage ist nur: Hat man dann auch “automatisch” die Frage beantwortet, was der Mensch eigentlich als besonderes Wesen ist? Wie steht es mit dem erklärenden Zusatz “der Vernunft teilhaftig”? Kurz – was hat es mit dem Geist des Menschen auf sich?

Da haben wir den Salat deswegen, weil über die Beantwortung der Frage nach dem Geist, nach den mentalen Fähigkeiten und “mentalen Phänomenen”, unter den Wissenschaftlern und Philosophen allergrößte Uneinigkeit besteht. Und es kann hierbei auch keineswegs die Zuversicht geben, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis auch darüber Einvernehmen hergestellt ist. Das Problem beginnt schon bei der näheren Bestimmung des zu untersuchenden Gegenstandes “Geist”. Ist das Denkvermögen gemeint, der Verstand, die Vernunft, die Urteilskraft, die Logik? Ist das alles ein und dasselbe oder wodurch unterschieden? Ist es mehr die Fähigkeit, sich zu erinnern, sich etwas vorzustellen, zu planen, absichtsvoll zu handeln? Und wie verhält sich das Bewusstsein, zumal das “phänomenale Bewusstsein”, zum Bereich des Geistigen, insbesondere das Selbstbewusstsein? Oder ist es nur so etwas wie ein “Aggregatzustand” des Gehirns? Was ist mit Phantasie, Imagination, Intuition, und dann erst mit Empfindungen, Ahnungen, Gefühlen, die wir kennen und benennen? Was ist im Bereich des Geistigen das Objektive, was das Subjektive, oder ist schon diese Unterscheidung falsch? Was geschieht, wenn man die Frage “Was ist der Mensch” umformuliert zu der Frage “Wie fühlt es sich an, ein Mensch zu sein?”

Menschen - Bilder (Vancouver)

Menschen – Bilder (Vancouver)

Diese letzte Frage nimmt das etwas provokante Thema des US-amerikanischen Philosophen Thomas Nagel auf, der 1974 in einem berühmten Aufsatz fragte “What is it like to be a bat?”, was man übersetzen muss mit “Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?” Damit wurde mit einem Paukenschlag die bis heute andauernde Diskussion um die “Qualia” eröffnet, die, wie die einen meinen, sich jedem pysikalischen Reduktionismus entziehen, was die “Reduktionisten” oder “Emergentisten” energisch bestreiten – mit einer Vielzahl an differenzierenden Zwischenpositionen. Qualia (Plural, Singular: Quale, abgekürzt für “mentale Qualitäten” bzw. Qualitäten des phänomenalen Bewusstseins), scheinen sich einer biophysischen oder neurologischen Erklärung zu entziehen. Zwar kann man exakt angeben, was es elektrodynamisch und neurophysiologisch bedeutet, die Farbe Rot zu sehen, also zu beschreiben, welcher Vorgang beim Auftreffen des Lichtes auf die Zäpfchen in der Retina ausgelöst wird und schließlich an einer bestimmten Stelle optischer Wahrnehmung im Gehirn ankommt und “verarbeitet” wird, man kann also erklären, was passiert, wenn man Rot sieht, aber damit, so die entscheidende Zuspitzung, ist noch längst nicht gesagt, wie es sich im Innern des Sehenden anfühlt, rot zu sehen. Ebenso kann man alle Funktionen und Eigenschaften einer Fledermaus genauestens beschreiben bis hin zu einem denkbaren molekularen Nachbau (Kopie) eines solchen Tieres, ohne je zu wissen, wie es sich als Fledermaus anfühlt, eben eine Fledermaus und nicht ein Mensch oder sonst ein anderes Lebewesen zu sein. Wenn man sich in dieses Problem vertiefen will, tun sich einem Bücherschränke an Literatur aus den jüngst vergangenen Jahrzehnten auf. An der Charakterisierung dieser Qualia scheint so viel zu hängen, weil man darin einen irreduziblen “Rest” einer rein mentalen Fähigkeit erkennen will, die nicht von einem physikalischen Zustand verursacht ist. Hier scheinen also die hehren Retter der Unabhängigkeit des Geistes gegen die plumpen Naturwissenschaftler und Physikalisten zu stehen.

Ich betone “scheinen”, denn beim näheren Hinsehen sind auch die monistischen Positionen (im Gegensatz zu den Dualisten) weder plump noch geistesfremd. Es ist doch in der Tat die Frage, ob wir bei der Beschreibung dessen, was uns wissenschaftlich erkennbar ist, von einem einheitlichen, in sich kausal geschlossenen Weltbild ausgehen wollen, oder ob wir zwei verschiedene Ontologien, eine physikalische und eine geistige, meta-physische (darum Dualismus) behaupten wollen. Fragt man sich nun, warum der ganze Terz, ist das denn so wichtig? Kann man nicht einfach von zwei unterschiedlichen Wirklichkeiten (Ontologie = Seinslehre) ausgehen, wenn  einem eine einzige “rein” physikalische nicht auszureichen scheint? Das Problem ist dann nur anzugeben, wie sich diese beiden Seinsweisen denn aufeinander beziehen, da sie doch im Menschen offenkundig gemeinsam versammelt sind. Damit sind wir flugs bei Platon, Aristoteteles, und und und. Will man aber ein einheitliches “konsistentes” Weltbild zugrunde legen, wie es die naturwissenschaftliche Forschung de facto tut, dann bekommt man spätestens dann Schwierigkeiten, wenn  man die besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten beschreiben (um nicht zu sagen erklären) will, die für unverwechselbare Kennzeichen des Geistigen gehalten werden: Selbstbewusstsein, Erleben, Empfindung, Intuition, – von all dem, was man unter “Mystik” zusammen fasst, einmal ganz zu schweigen. Woher kommt “Neues” in die Welt? Was ist (nicht nur künstlerische) Kreativität? Wie verhält sich die Sprache zu unserer Erkenntnisfähigkeit? Wie soll man denjenigen Bereich des menschlichen Daseins verstehen, den Karl Popper so schön als “Welt 3″ kategorisiert, womit er die Welt geistiger “Gegenstände” (Gedanken, Ideen, Kultur) meint? Kann ich das alles im Ursprung “reduktionistisch” auf biophysische Vorgänge zurück führen, und wenn ja, was würde das genau bedeuten? Reduktion heißt ja nicht, verschwinden lassen, es bedeutet vielmehr eine Rückführung oder besser Verknüpfung der Erklärung und des Verstehens auf basale oder wenigstens vorgängige Strukturen und Funktionen, die unsere Welt, belebt und unbelebt, im Ganzen bestimmen und die wir unter anderem als Naturgesetze kennen. Dem unterliegt der Mensch doch auch sonst. Da kommen dann Begriffe wie Emergenz, Supervenienz und Epiphänomenalismus zur Geltung, die genau einen positiv gefüllten Begriff einer physikalistischen, monistischen Ontologie entfalten und erweitern wollen. Allein diese drei Begriffe zu erklären würde schon wieder einen längeren Aufsatz erfordern. Der Hinweis auf sie mag hier anzeigen, dass auch auf der Basis eines nicht-dualistischen Weltbildes die Dinge keineswegs einfacher liegen, als sie sich vermeintlich aus dualistischer Perspektive ergeben.

Eines allerdings, und darin sind sich fast alle Gegenwartsphilosophen einig, ist ‘verbotenes Land’, zumindest vermintes Gebiete: die Metaphysik, gerne mit dem Adjektiv “traditionell” versehen. Alle bisher beschriebenen Bemühungen sind in dem Bereich der Philosophie angesiedelt, den man als “analytisch” bezeichnet, mit oder ohne  ”linguistic turn”. Die analytische Philosophie wollte und will sich als Alternative zu metaphysischen Spekulationen anbieten, die man zum Beispiel im Deutschen Idealismus kulminieren und zu überwinden sieht. Ganz klar, zu Hegel & Co. gibt es kein zurück, und das ist auch gut so – aus meiner Sicht. Aber die Verheißungen der analytischen Philosophie, die Phänomene von Geist und ‘Sinn’ einfacher, klarer und konsistenter zu beschreiben und zu verstehen, haben sich definitiv nicht erfüllt, fast möchte man sagen: eher im Gegenteil. Aber wenn auch neben vielen sehr guten Ergebnissen (wie die genauere Bestimmung von Qualia, Emergenz, Supervenienz, epistemischer oder nomologischer Ontologie und vielem anderen mehr) auch Abwege und Sackgassen deutlich werden, so ist damit auch viel gewonnen. Mir scheint besonders die extensive Diskussion der Qualia inzwischen in einem unergiebigen Abseits gelandet zu sein. In der Verlagsbeschreibung eines neueren Buches von Michael Pauen zum Thema Qualia heißt es sehr schön:

Wie kann das phänomenale Bewusstsein in unser naturwissenschaftliches Weltbild integriert werden, wenn doch, wie viele Philosophen des Geistes heute glauben, auch seine Abwesenheit mit allen naturwissenschaftlichen Tatsachen logisch vereinbar ist? Hier haben sich in der jüngsten Diskussion zwei Strategien heraus kristallisiert: Erstens die Strategie der phänomenalen Begriffe, derzufolge die explanatorischen Rätsel des phänomenalen Bewusstseins nichts mit einer ontologischen Kluft zwischen dem Physischen und dem Phänomenalen zu tun haben, sondern sich allein aus den Besonderheiten unserer phänomenalen Begriffe ergeben. Zweitens die Strategie des verfehlten Erklärungsmodells, derzufolge die gegenwärtigen Schwierigkeiten mit reduktiven Erklärungen phänomenaler Eigenschaften nichts mit unerklärbaren Besonderheiten des Bewusstseins zu tun haben, sondern einfach mit falschen Vorstellungen darüber, wie reduktive Erklärungen funktionieren.

Ja, an “verfehlten Erklärungsmodellen” könnten viele der genannten Probleme wirklich liegen. Es geht also wieder einmal darum, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und dazu war in der Philosophie oft genug Anlass und ist immer eine besondere Anstrengung nötig.

Was also ist der Mensch, dieses “zweibeinig federlos Geschöpf, plattnägelig, der Vernunft und Wissenschaft teilhaftig”? Spannende Frage. Wir werden dran bleiben müssen.

___________

1) siehe in Margaret Billerbeck (Hrg.), Die Kyniker in der modernen Forschung, 1991, den Beitrag von C.W. Goettling, Diogenes der Kyniker, S. 43 (Google books)

 27. April 2013  Veröffentlicht von am 12:19  Anthropologie, Philosophie Tagged with: , , ,  Keine Antworten »
Apr 012013
 

Volker Gerhard hat uns mit seinem jüngsten Werk einiges zu lesen und zu denken aufgegeben. Das umfangreiche und im wahrsten Sinne vielseitige Werk trägt sein Programm zwar im Titel, nämlich „Öffentlichkeit als politische Form des Bewusstseins” darzustellen, aber was dies für Gerhardt bedeutet, weiß man natürlich erst nach der Lektüre. Vermuten darf man bei diesem Titel eine Auseinandersetzung mit dem neuzeitlichen Phänomen Öffentlichkeit, erwarten kann man eine begriffliche Bestimmung dessen, was heute sinnvoll unter Öffentlichkeit zu verstehen ist im Zusam­menhang von individuellem Bewusstsein und allgemeiner Politik. Gleich auf den ersten Seiten formuliert darum Gerhardt sein Programm: eine neue, alles auf den Kopf stellende Lösung „eines der ältesten Rätsel“: „Das uns Nächste des individuellen Bewusstseins soll das Allgemeine der Gegenstände und Begriffe sein, während das scheinbar Erste der subjektiven Empfindungen und Gefühle sich als relativ später Eintrag einer individuellen Distanzierung erweist.“ Er möchte „das scheinbar Privateste, nämlich das Selbstbewusstsein des einzelnen Menschen, als ein[en] Spezialfall des Öffentlichen [verstehen], in dem alle verständigen Wesen verbunden sind.“ (13) Das klingt provokativ und ist auch so gemeint. Wie das genauer zu verstehen ist, skizziert Gerhardt in seiner Einleitung über die „Weltöffentlichkeit des Bewusstseins“.

*

Dies ist die Einleitung eines Textes, in dem ich mich ausführlicher mit Volker Gerhardts Buch “Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins” (2012) auseinander setze. Ich gebe einen Überblick über den Aufbau und die einzelnen Kapitel des Werkes und gehe dann näher auf drei Problemkreise ein: auf den Gebrauch des Begriffs Öffentlichkeit; auf den Komplex Bewusstsein – Geist – Seele; auf die explizit aufklärerische Zielrichtung; auf die Ontologie des Naturalismus, die seiner Theoriebildung zugrunde liegt. Dabei stelle ich Anfragen nach dem rechten Verständnis, nach der Schlüssigkeit und nach den Voraussetzungen Gerhardts bei der Behandlung dieses großartigen Themas “Öffentlichkeit”.

Mein Text ist mit einigen Anmerkungen versehen, die auf die Hintergründe meiner Kritik verweisen. Die in runde Klammern gesetzten Zahlen sind stets Seitenangaben aus dem besprochenen Buch Gerhardts. Ich habe mich auf diese letzte und bislang umfassendste Darlegung Volker Gerhardts beschränkt; frühere Werke über Selbstbestimmung (1999), Individualität (2000) und Partizipation (2007) finden breiten und zum Teil veränderten Eingang in das vorliegende Buch. Einen guten Überblick über Gerhardts Wirken gibt der Wikipedia-Artikel. Meine Auseinandersetzung mit Gerhardt ist trotz der zehn Seiten recht komprimiert und vielleicht nicht immer klar  und  leicht genug zu verstehen. Zumindest habe ich versucht, die Voraussetzungen meines eigenen Denkens anzudeuten. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin mögen sich ihr eigenes Bild davon machen. Hier ist der Link zum Text (PDF):

Reinhart Gruhn, Bemerkungen zu Volker Gerhardt, Öffentlichkeit.
Die politische Form des Bewusstseins, München 2012

Öffentlichkeit

Öffentlichkeit (in Kempten)

UPDATE, am 4.4. gefunden:

“Mit ihrer Hilfe entwickeln sich jene Gesellschaften, denen wir schon im außermenschlichen organischen Leben begegnen, zu höheren Stufen gesellschaftlichen Lebens und schließlich zur Bildung eines sozialen Bewußtseins im Menschen… Sein Selbstbewußtsein gewinnt der Mensch durch das Medium gesellschaftlichen Lebens.”

Ernst Cassirer, 1944

 1. April 2013  Veröffentlicht von am 09:25  Öffentlichkeit, Philosophie Tagged with: , , , , , ,  1 Antwort »
Jan 312013
 

Altes Denken – neues Denken, das ist doch keine Alternative. Altes Denken ist eben alt, vergangen, ‘out’; neues Denken ist modern, dran, ‘in’. Seit Francis Bacon (†1626)  ist “das Neue” Ausweis wirklichen Wissens und vorwärts treibende Kraft der Wissenschaft. “Wissen ist Macht” – dieses Diktum wird ihm zugeschrieben, es kennzeichnet durchaus das, was Bacon mit seiner “Neuen Methodenlehre der Wissenschaft” (1620) verband: den stetigen Fortschritt der Erkenntnis und eine wachsende Naturbeherrschung. Seine Gedanken haben das, was sich danach im neuzeitlichen Denken und Wissensbetrieb  abspielte, erstaunlich hellsichtig auf den Begriff gebracht. Bacon kennzeichnet damit die endgültige Abkehr vom mittelalterlichen Denken, dessen Gütesiegel eher darin bestanden hatte, wie die berühmten Alten zu denken und keine Neuerungen zu lehren. Denn das war ja gerade der Inbegriff der Ketzerei: Neues zu lehren und nicht mehr der Tradition zu folgen. Die Hinwendung zum fortschreitend Neuen kennzeichnet sehr präzise die Wende zur “Neu-Zeit”, nämlich zur ‘Zeit des Neuen’. Klaus Peter Fischer hat in einem kleinen Vortrag “Als das Neue noch neu war” sehr schön diesen Wandel der Perspektive des Denkens heraus gestellt.

Für uns heute ist diese Perspektive ganz vertraut, ganz selbstverständlich. Nur das Neue ist wirklich interessant. Nachrichten sind eo ipso “Neuigkeiten, “news”. ‘Altigkeiten’ gibts nicht. Neue Ideen, neue Modelle, neue Lösungen sind gefragt. Im Zeitalter des Internets leben wir in einer ständig Neues produzierenden Welt: Neue ‘gadgets’, neue ‘apps’, neue (Facebook-) Freunde und Kontakte, das Neuste jeweils als “Gezwitscher” im Netz, neue Bildung, neues Wissen usw. Manche sehen ja erst mit den Möglichkeiten des Internets die wirklich neue Neuzeit angebrochen. Im Denken zumindest gilt Älteres nur dann als interessant, wenn früher schon etwas Neues gedacht und eben nur nicht beachtet wurde. Das Alte als solches ist definitiv vorbei und uninteressant. Es wäre durchaus lohnend, einmal über das Zeitgefühl nachzudenken, das sich in dieser modernen Mentalität äußert. Der Hinweis, es sei eben zielgerichtetes Denken auf dem “Zeitpfeil” und nicht mehr Denken in Kreisläufen, gibt eine einfache, vielleicht sogar zutreffende Deutung, reicht aber zur näheren Kennzeichnung und Erfassung dessen, was unser neuzeitliches Zeitverständnis ausmacht, noch längst nicht aus.

Bacon

Bacon, Great Instauration – Titel (Wikipedia)

Vielleicht liegt das auch daran, dass viele nur noch Kurzes lesen (wenn denn gelesen wird),  mal eben den Anfang einer Nachricht, einer Geschichte, eines Blogbeitrags (“tl;dr”), – Lesen als literales Zappen gewissermaßen. Oft fehlt die Muße und die Mühe, ein größeres Werk in seinem Zusammenhang zu lesen, zu durchdenken, zur Kenntnis zu nehmen. Dies Verhalten ist natürlich nicht neu, wird aber durch die schnellen Medien und den Zwang zur Kürze (Twitter: 140 Zeichen) und durch die ständig einströmenden Meldungen der jeweiligen “timeline” erheblich gefördert. Dabei lässt sich komplexes Denken, also ein Denken, das sich als größeres System begreift und ein Denkgebäude darstellt, kaum im Vorbeigehen erfassen. Das braucht Zeit, um in alle Räume dieses Denkens einzutauchen. Nur dann wird sich das Spezifische, das Eigentümliche, das Faszinierende und das vielleicht sogar Wahre dieses jeweiligen Denkentwurfs erschließen. Hinzu kommt, dass manche denkerischen Gebäude schwer zugänglich sind, man sich einlesen und eindenken muss, die Begrifflichkeit des Denkens lernen und verstehen muss, um überhaupt erst die “Denkräume” begehen und erforschen zu können. Dies gilt übrigens nicht nur für Philosophen, die als “schwer” gelten (Leibniz, Kant, Wittgenstein), sondern oft viel mehr für die vermeintlichen “Leichtgewichte” im Verstehen, die sich so glatt weglesen (Platon, Jaspers), deren strenge und sehr präzisen Denkstruktur dann aber glatt übersehen oder gar nicht erfasst werden. Schon gar nicht gilt das für die “Modedenker”, zu denen ich hier einmal Niklas Luhmann, Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk rechne, wobei auf jeden Fall die beiden Erstgenannten in ihren eigenen Werken (weniger in den Popularisierungen) äußerst streng, präzise, vielschichtig und deswegen ‘schwierig’ sind. Sloterdijk legt es von vornherein, mit Sprache spielend, mehr aufs Feuilleton an, was die Gefahr der Fehleinschätzung als “oberflächlich” eher noch erhöht.

Wer es aber unternimmt, in das Gebäude eines Denkens hinein zu gehen und es auszuforschen, einem Denker auf seinen Denkwegen zu folgen und auch dem nur Angedeuteten, Ungesagten nachzuspüren, dem erschließt sich eine ganz andere Welt, ja auch eine ‘neue’ Welt, nämlich unterschieden von dem, was einem bisher zu denken und verstehen gewohnt und vertraut war. Und dann spielt es auch kaum eine Rolle, ob es sich um einen “alten” oder einen “modernen” Denker handelt. Ja, es kann einem dann so ergehen, dass ein recht altes Denksystem, gerade weil es uns in seinen Zusammenhängen so fremdartig und unvertraut ist, völlig faszinieren und neue Räume öffnen und Denkmöglichkeiten erschließen kann, als käme es aus einer anderen Welt. Mir ist das so bei dem schon literarisch-technisch in der Tat schwer zugänglichen Werk Plotins († 270) ergangen. “Faszinierend”, um es mit Spock zu sagen. Beginnt man dieses platonische (neuplatonisch genannte) Denken eines so großartigen Denkers wie Plotin ein wenig zu begreifen, erkennt man eine Schönheit und Wahrheit (“ja, das ist so”), die einen fast überwältigen kann. Klar, eine solche faszinierende Wirkung führt leicht dazu, über die Widersprüche und Fragwürdigkeiten hinweg zu sehen. Dennoch, es liegt ein besonderer Reiz in der Entdeckung solcher Denkwege und Denkmöglichkeiten. Beim genaueren Hinschauen ist dann zu merken, wie sehr doch viele Begriffe und Ideen eines Plotin und seines Schülers Porphyrios zum Beispiel Jahrhunderte später wieder kehren und in diesem Falle bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel fast in Reinform auftauchen. So nah liegt oft das Alte.

Ich komme darum immer mehr zu der Einsicht, dass es nur sehr wenig wirklich Neues im Denken und Verstehen gibt. Das Meiste, was uns neu erscheint, ist uns nur unbekannt gewesen, obwohl es schon längst da war und gedacht und beschrieben worden ist. Das trifft sich mit der Bemerkung des britischen Philosophen Alfred North Whiteheads († 1947), die abendländische Philosophiegeschichte bestehe aus “Fußnoten zu Plato”. Oft ist das jeweils Neue nur eine kleine Änderung der Perspektive, eine leichte Verschiebung des Gewichtes bestimmter Ansätze und Ausgangspunkt. So etwas kann man sehr schön bei Descartes im Vergleich zu seinen unmittelbaren Vorläufern und Zeitgenossen finden. Das Besondere und Geniale liegt dann, übrigens nicht nur im Denken, im rechten Zeitpunkt und im gefundenen Begriff. Auf die knappe Formulierung “cogito ergo sum” muss man erstmal kommen, auch wenn der Sache nach Ähnliches schon lange vorher gedacht und geschrieben war. Mich interessiert darum immer wieder und oftmals stärker als manches Neue, das sich in Kürze als Geschwätz erweist, das Alte: Denkmöglichkeiten, die schon einmal erprobt, formuliert, vielleicht nur angedeutet waren. Wenn ich oder ein beliebiger anderer dies heute tut, geschieht es ja in einem ganz anderen zeitlichen Zusammenhang, in einer anderen Welt als derjenigen, in welcher der ursprüngliche Denker gelebt und gearbeitet hat. Schon die ‘Verfremdung’ kann erhellend sein. Erneutes Nachdenken eines alten Gedankens ist dann eben doch auch zugleich ein erneutes Durchdenken und insofern ein ‘neues Denken’. Das Alte neu zu denken ist dann vielleicht das Spannendste, was es überhaupt zu denken gibt.

 31. Januar 2013  Veröffentlicht von am 11:33  Geschichte, Philosophie, Wissen Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Okt 112012
 

Die Gültigkeit der Aussage “Nichts ohne Gehirn” und die Eigenständigkeit des geistigen Bereiches (“Layer”) innerhalb der einen Wirklichkeit habe ich in den vorigen beiden Beiträgen zu umreißen versucht. Es fehlt noch eine recht entscheidende Überlegung. Es geht um die Frage nach der Verbindung, nach der Bindung oder “Teilhabe”, wie früher gesagt wurde, zwischen der “Welt” des Mentalen, Geistigen und der Wirklichkeit, wie sie “ist”, wie sie die Naturwissenschaften erfasst. Wie kommt man von dort nach hier und von hier nach dort? Was ist der vermittelnde “link”? Klingt auf dem ersten Blick vielleicht trivial, ist es aber ganz und gar nicht. Der heutige Begriff von Wissenschaft und Erkenntnis ist nicht gründlich genug bedacht, wenn diese Frage übergangen wird.

In einem TV-Beitrag zum Thema “Macht des Unbewussten” (WDR 09.10.2012) erklärte ein Hirnforscher, es gebe zwar “die Welt da draußen”, nur hätte “ich” sie noch nie gesehen, denn das einzige, was “ich” wissen könne, seien die Bilder der Außenwelt, die mir mein Gehirn präsentiere. Ich wisse und erführe also nur, was mir Sinne und Gehirn ‘vorgaukeln’. Vielleicht ist dieser Neurologe ja ein wenig philosophisch bewandert, dann weiß er auch, dass genau dies die These der klassischen griechischen Skepsis ist, mehr als 2000 Jahre alt. Eines ihrer Hauptargumente beruhte auf der Erfahrung, dass es subjektiv keine Möglichkeit gibt, zwischen einer “echten” Wahrnehmung und einer Sinnestäuschung zu unterscheiden: Ich bin in meinem Erkennen und Wissen abhängig von dem, was mir die Sinne und das Gedächtnis vermitteln. Was “wirklich” ist, vermag ich nicht zu erkennen (Pyrrhonische Skepsis). Heute ist es das Gehirn, das mir fast gänzlich unbewusst, aber im Lebensvollzug “transparent” die Wahrnehmung der Umwelt verarbeitet und aufbereitet. Aus dem Gehäuse meines Kopfes komme “ich” nicht heraus. Neurale Prozesse konstruieren “meine” Wirklichkeit.

Die radikale Skepsis hatte schon in der Antike wenige Anhänger, denn allzu offensichtlich spricht die Alltagserfahrung doch dagegen: “Irgendwie” orientiere ich mich eben doch ganz erfolgreich in der realen Außenwelt. In der Hirnforschung hat sich auch keineswegs Skepsis breit gemacht, sondern nur die Instanz verschoben, die den Kontakt zur Außenwelt vermittelt. Es ist nicht das wache Bewusstsein, sondern vielmehr die unbewusste Steuerung durch Sinneseindrücke und deren erfolgreiche Verarbeitung und Interpretation in den verschiedenen Arealen des Gehirns. Das Bewusstsein in der der Hirnrinde ist nur eines davon.

GPS Satellit im Orbit, Wikipedia

Die Frage ist also weniger, ob oder wie die Welt “draußen” in mir repräsentiert wird (das geschieht offenbar, und sehr erfolgreich), sondern wie und auf welche Weise es zu einer Übereinstimmung kommt zwischen den geistigen Tätigkeiten, Vermögen,  Konstruktionen und den Realitäten der natürlichen Welt. Denn ebenso offenbar sind die “idealen” Konstrukte  des Geistes keineswegs deckungsgleich mit ihren Entsprechungen in der tatsächlichen Welt. Den geometrischen Kreis kann ich zwar exakt berechnen, aber nie exakt zeichnen, und er kommt auch in der alltäglichen Welt nie exakt, sondern allenfalls annäherungsweise vor. So waren es gerade die geometrischen und mathematischen Erkenntnisse, die Welt der Zahlen und der Geometrie, die einen Platon zur Beschreibung der “Ideen” als der “wahren” Wirklichkeit hinter der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit führten. (Gunter Dueck sieht das etwas zu kurzschlüssig.) Sie schienen doch umso vieles genauer und wirklicher zu sein als alles, was wir sehen und messen  können. Und genau diese Erkenntnis ist dann Ausgangspunkt der enormen Leistungen unserer modernen Naturwissenschaft: die Welt mathematisch zu beschreiben und so zu verstehen und produktiv nutzen zu lernen.

Und jetzt können wir die offene Frage nach der “Verbindung” genauer stellen: Wie kommt es, dass die mathematischen Produkte unseres Geistes die Welt der Dinge so unglaublich exakt und genau beschreiben können? Ist die natürliche Welt also “zahlenhaft”? Was aber, wenn die Mathematik, wie ein Erwin Schrödinger es formulierte, nur eine hervorragend geeignete Sprache wäre, also ein menschliches Konstrukt, um Naturdinge angemessen zu beschreiben? Wie kommt es dann zu der Übereinstimmung von Denken (in Zahlen) und Wirklichkeit (in Dingen)? Und noch zugespitzter: Finden oder erfinden wir “Naturgesetze”? Sind es überhaupt “Gesetze” (wer hätte sie denn erlassen oder aufgestellt?) oder nur heuristische Prinzipien? Was ist aber mit der ungeheuren Exaktheit, mit der bestimmte Naturkonstanten (z. B. ‘h’, ‘c’, ‘G’, anders aber ähnlich π) in Zahlenwerten bestimmbar und immer wieder experimentell und mathematisch bestätigt werden? Sind die Formeln und Regeln der Logik (hm, welcher?) nur Operanden unseres Denkens oder sind es Strukturen der Wirklichkeit “da draußen”? Worin besteht der “link” zwischen den denkerisch erkannten, ‘geistigen’ Strukturen und der realen, dinglichen Wirklichkeit?

Oder ist die Wirklichkeit doch nur das, zu was unser Erkennen (mit Sinnen und Geist, Hirn und Verstand) sie bestenfalls “machen”, “schaffen” kann? Leuchtet da Platons Sonne tatsächlich von außen in die Höhle (das war ein Vorschlag für die Lösung des Problems des “missing link”) oder ist die “Sonne” nur in uns, in unserem mentalen, geistigen Vermögen, womit wir wieder in der gefährlichen Nähe der Skepsis wären? Oder zeigt die Hirnforschung insofern einen Lösungsweg auf, als wir diese Selbstbezüglichkeit anerkennen und nutzen sollten, weil wir aus der “Falle” der Selbstreferenz niemals heraus kommen können: Das Gehirn betrachtet und befragt das Gehirn, was es als Gehirn leistet und “denkt”? Schließlich sind auch die Erkenntnisse und Interpretationen der Hirnforscher selbst wiederum mentale Leistungen menschlicher Gehirne, – bauzperdauz.

Ich weiß die “Lösung”, sollte es eine geben, natürlich nicht. Ich lasse mich freilich auch nicht damit abspeisen, die Frage sei halt falsch gestellt, so what? Die Frage nach der adäquaten Verbindung, Entsprechung, Teilhabe, wie auch immer man es nennen mag, von “realen” und “geistigen” Inhalten bleibt ja bestehen, wenn man genauer hinsieht und weiter denkt. Vielleicht kann man das Problem tatsächlich nur “komplementär” lösen, dass es eben je nach Ausgangspunkt der Fragestellung unterschiedliche Antwortmodelle geben wird. Dann ist es wie in der Quantenphysik: Es gibt keine “vorstellbare” Beschreibung, nur eine exakte mathematische Lösung. Und das reicht immerhin, um die tollsten Computer und andere Sachen zu bauen…

 11. Oktober 2012  Veröffentlicht von am 10:10  Bewusstsein, Naturwissenschaft, Philosophie Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Okt 082012
 

Wenn denn gilt (wie im vorigen Beitrag dargestellt): kein psychisches Vermögen ohne Hirnfunktion, “nichts ohne Gehirn” (Hoppe), wo bleibt dann der “Geist”, die geistigen Kräfte, das geistige Vermögen, lateinisch mens, griechisch nous? Was hat ‘dann noch’ der Bereich des Mentalen, Noëtischen für eine Wirklichkeit? Strikte “Reduktionisten” reduzieren hier alles auf die neurale Ebene; es sind schlicht Hirnfunktionen. Wie bei der klassischen Religionskritik eines Feuerbach wird von “physikalistischen” Hirnforschern wie Wolf Singer oder Gerhard Roth gerne die Formulierung “nichts anderes als” gebraucht, als entlarve man einen schönen Schein. Die Wirklichkeit dahinter aber sei in unserem Falle materiale Biochemie und Bioelektrik. Der Geist ist dann “nichts anderes als” eine spezielle Hirnfunktion, zumindest “beruht” er auf ihr. Reicht das? Anders gefragt, wird das dem Phänomenen des Geistigen gerecht?

Der Denker – Le penseur, Auguste Rodin, Paris (Wikipedia)

Ich sehe das weniger monokausal und reduktionistisch, so als könne man eine Persönlichkeit und ihr Empfinden (“Qualia”) einfach messen und in bildgebenden Verfahren darstellen. “Nichts ohne Gehirn” meint zwar ganz klar und eindeutig, dass in unserer einen durch unsere menschliche Natur gegebenen Wirklichkeit alle psychischen und mentalen Vorgänge und Vermögen von Funktionen des Nervensystems abhängen, mit ihnen also bestehen und vergehen, aber damit ist über die “Welt” des Geistigen noch gar nichts gesagt. Karl Popper hat sehr schön von der “Welt 3″ gesprochen, was nicht die Denkakte (“Welt 2″ = psychische Phänomene) meint, sondern die Denkinhalte bezeichnet. Ob die Unterscheidung in drei “Welten” glücklich und heute noch brauchbar ist, sei dahin gestellt. Es geht aber um den Bereich der Denkinhalte, der geistigen “Gegenstände” des Denkens, der Kunst, der Poesie. Für den geistigen Bereich gibt es eigene “Gesetze”, Regeln des Denkens wie die Logik zum Beispiel, Regeln des Zählens und abstrakten Verknüpfens wie die Mathematik, Regeln der Räumlichkeit wie in der Geometrie, usw.. Geistige, künstlerische oder philosophische “Konstrukte” haben eine eigene Art der Wirklichkeit, zwar als Konstruktionen, d.h. Produkte unserer geistigen Tätigkeit, aber dann doch in gewisser Weise unabhängig von uns als einzelnen Personen, selbständig, mitteilbar, kommunizierbar und allgemein gültig. Man kann seine Gedanken nieder schreiben, fest halten und für andere aufbewahren, man kann die Gedanken und “Theorien” (“Anschauungen”) anderer Menschen, die Jahrhunderte früher gelebt und gedacht haben, lesen, aufnehmen und nach vollziehen, sich mit ihnen auseinander setzen, sie kritisieren oder weiterführen.

Der Bereich des Geistigen ist ein eigener, unabhängiger Bereich unserer Lebenswelt. Er gehört zu unserer Wirklichkeit, ist für uns wirklich, stellt aber keine zweite, andere Wirklichkeit dar, keine zweite “reale” Welt hinter, unter oder über unserer Welt, wie wir sie von Natur aus haben und erleben. Ich gebrauche statt des missverständlichen Bildes einer “eigenen Welt” oder “Wirklichkeit” des Geistigen lieber das Bild einer (grafischen) Ebene, eines Layers. Mit unseren mentalen Fähigkeiten und Vermögen sind wir Menschen tatsächlich in der Lage, unsere gegebene natürliche Welt, der wir ganz und gar angehören und der wir unsere Existenz verdanken, mit einer weiteren Ebene, mit einem geistigen Layer zu überziehen und auf diese Weise die natürliche Wirklichkeit noch einmal anders zu erleben, zu deuten, zu interpretieren, zu verstehen und zu gestalten. Diese Ebene des Geistigen ist wie ein eigenständiger Gegenstandsbereich zu betrachten, kommunikabel und mit anderen teilbar. Manches aus dem Bereich unserer geistigen Welt kann sogar uns selbst, wenn wir sterben und unsere Hirnfunktionen aufhören, unsere mentalen Tätigkeiten für immer enden, überdauern: Eine musikalische Komposition, ein Gemälde, ein Gedicht, ein (hoffentlich) kluges Buch. Nur insofern kann man bildhaft vom Geistigen als einer eigenen und eigenständigen Welt sprechen.

“Nichts ohne mein Gehirn.” Wie ich diesen minimalen Konsens mit der Hirnforschung verstehe, tut es der Bedeutung und der Kraft dessen, was ich als “geistige Welt”, als geistigen Layer der natürlichen Wirklichkeit beschrieben habe, keinerlei Abbruch. Im Gegenteil, es holt die Gegenstände des geistigen Tuns, Denkens, Schaffens aus dem fatalen “Reich” einer künstlichen Welt heraus, befreit sie vom falschen Schein ideologisch verstellter “Wirklichkeit” und macht sie menschlich: Das geistige Sein als eine ganz spezielle Seite und Fähigkeit des Menschen, als ein ungemein schönes und reiches Tun des Menschen, der mit seinen geistigen, mentalen Fähigkeiten sogar die Grenzen seiner Endlichkeit in der Vorstellung überwinden kann. In der Vorstellung und verankert in unserer natürlichen, endlichen Existenz als Homo sapiens. Die Philosophen vor und nach Platon haben es eigentlich immer schon gewusst und sich bemüht, die eine Wirklichkeit unserer geistigen und natürlichen Existenz angemessen zu beschreiben und “irgendwie” zutreffend auszusagen, also die Wirklichkeit des Denkens und Seins zu begreifen.

Wer daraus eine zweite, gleichsam doppelte Realität macht, verfällt dem Fehler der Religionen, wenn sie das Bild, das Symbol, die Allegorie und das Erleben bestimmter psychosozialer Erfahrungen zur “anderen”, zeitlich verdoppelten Wirklichkeit verklären, mit allen desaströsen Folgen des falschen Scheins, der Täuschung, des Betruges und der Gewalt. Auch die Religion kann nur gewinnen, wenn sie sich als Kraft des Symbolischen in der einen natürlichen Wirklichkeit des endlichen Menschen begreift. Auch hier kann ich in der Tendenz noch mit Christian Hoppe übereinstimmen, wenn er am Ende seines Vortrages schreibt:

Nun – ich bin ganz im Gegenteil der Meinung, dass das Einheitsdenken der Naturwissenschaftler in Bezug auf die Wirklichkeit und besonders der Antidualismus der Hirnforscher eine große Chance bietet, irrtümlich für christlich gehaltene weltanschauliche Überzeugungen nun endlich zur Seite zu räumen. Nur so bekommen wir wieder den Blick frei für das eigentliche Wesen des biblisch-christlichen Glaubens. Dieser Glaube hat mit einem dualistischen, weltabgewandten Platonismus nicht viel gemein.

 8. Oktober 2012  Veröffentlicht von am 10:21  Geist, Kultur, Philosophie Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert
Okt 022012
 

Wir haben uns daran gewöhnt, in einer “christlich – abendländischen” Tradition zu leben. Unsere europäische Welt ist aus dem “christlichen Abendland” hervor gegangen, heißt es. Manche bezeichnen auch die Gegenwart noch als geprägt durch die “christlich-abendländischen Werte”. Dies wird mit besonderer Emphase gegen den Satz ins Feld geführt, der Islam gehöre zu Deutschland. Ganz abgesehen davon, dass es ziemlich unklar bleibt, welches denn die christlich-abendländischen Werte eigentlich sind, denen man sich verpflichtet fühlt, dient der Begriff “christliches Abendland” eher als Parole in einem kulturpolitischen Abwehrkampf denn als klare Beschreibung einer geschichtlichen Wirklichkeit. Das so oft bemühte Bild vom “christlichen Abendland” bedarf einer grundlegenden Revision.

In einem Kommentar von Thomas Urban in der heutigen Süddeutschen Zeitung (02.10.12 S. 3) über das Streben einiger spanischer Regionen nach Unabhängigkeit lese ich folgendes:

Auch im heißen Andalusien, der bevölkerungsreichsten Region Spaniens, hat sich ein starkes kulturelles Bewusstsein entwickelt. Es schöpft seine Kraft aus der Rückbesinnung auf das maurische Erbe. Dieses wurde jahrhundertelang im katholischen Spanien zerstört und aus dem Gedächtnis gestrichen. Doch nimmt ein wachsender Teil der heutige Elite Andalusiens das Kalifat von Córdoba und das Sultanat von Granada als Hochkultur wahr, die von Kastilien brutal zerschlagen wurde.

Averroes, aus Wikipedia

Genauer gesagt: Vom katholischen Kastilien wurde im Namen der Päpste und wiederholt unter dem Titel eines “Kreuzzuges” das Unternehmen “reconquista” durchgeführt (Hauptphase im 11. Jhdt.) zur “Rückeroberung” Spaniens von den Mauren. Dies klingt nach einer Episode spanischer Geschichte in einem “Winkel” Europas. Das Gegenteil ist der Fall. Die “Mauren” in Spanien haben in einem kaum hoch genug zu schätzenden Ausmaß Wissenschaft, Denken und Kultur Europas insgesamt geprägt und beeinflusst, ja man kann zuspitzen: überhaupt erst ermöglicht.

Die Entwicklung des abendländischen Denkens ist ohne die Rezeption der arabisch-islamischen Kultur überhaupt nicht zu verstehen. Die Kenntnis der griechischen Philosophie, der indischen Mathematik, der morgenländischen Medizin und Astronomie gelangte ausschließlich über das maurische Spanien, also über Al-Andalus zu uns. Die Wiederentdeckung des Aristoteles war überhaupt erst möglich, seit man seine Schriften zuerst aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzte (Übersetzer-”Schule” von Toledo), ehe man Jahrhunderte später während der Renaissance nach den griechischen Originalen stöberte. Bis dahin waren von Aristoteles nur die Logik und Dialektik bekannt, “propädeutische” Schriften gewissermaßen. Insofern war dann auch die Wiederbelebung der Antike im 14. und 15. Jahrhundert (Renaissance) nur auf dem Hintergrund der spanisch-arabischen Vermittlung möglich.

Es ging nicht nur um die “alten” griechischen Philosophen. Es ging um  das gesamte griechisch-hellenistische Erbe und seine Weiterentwicklung im arabisch-islamischen Kulturraum. Nachdem der oströmische Kaiser Theodosius 391/392 der griechisch-”heidnischen” Tradition den Kampf angesagt und die griechische Philosophie unter Kaiser Justinian 590 verboten wurde (Schließung der “Akademie” Athen), war das griechisch-römische Erbe mehr oder weniger verwaist. Die (uns heute völlig unbekannt gewordenen) islamischen Philosophen waren es, die sich dieses Erbes annahmen, es pflegten und weiter entwickelten: Alkindi (†873), Alfarabi (†950), Avicenna (†1037), Avepacem (†1138), Averroës (†1198) u.a.m. waren bedeutende Denker und Wissenschaftler, zum Teil Ärzte, in Bagdad, Teheran, Cordoba, Malaga, Fez, welche die Grundlagen für das mittelalterliche Denken und Wissen im Abendland legten. Ihre Schriften, besonders die Aristoteles-Kommentare des Averroës, wurden “Standardliteratur” in dem geistesgeschichtlichen Aufholprozess des Abendlandes, der unter anderem in die sogenannte “Scholastik”, also “Schulphilosophie”, führte.

Das Denken und die Schriften der mittelalterlichen “Großen” wie Thomas von Aquin (Rom, Neapel), Duns Scotus (Paris), Albert dem Großen (Köln) und Meister Eckhart (Erfurt, Straßburg, Paris) gründete auf der arabisch-griechische Philosophie und / oder stand in steter Auseinandersetzung mit ihr. Noch ein Nikolaus Cusanus (†1464), der als Ausklang des Mittelalters und Wegbereiter der europäischen Neuzeit gilt, fußt auf den Traditionen Avicennas und Averroës’. Dies ist alles seit Jahrzehnten bekannt und wird entsprechend selbstverständlich seit langem in Philosophie und Geschichtswissenschaft diskutiert. Der “deutsche Mystiker” Eckhart ist längst als Phantasieprodukt einer nationalen Romantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts entlarvt. Das Mittelalter und seine “Aufklärung” im 13. Jahrhundert war sehr anders und viel lebendiger, als es uns heute meist im Gedächtnis ist (wenn überhaupt).

Die abendländische kulturelle Tradition speist sich also aus sehr unterschiedlichen Quellen und Strömen, das jüdische Erbe gehört dazu, das hellenistisch-römische, das islamisch-arabische, das christliche, um nur die Hauptlinien zu nennen. Darum ist es für das Verständnis und für die Kennzeichnung unserer abendländischen Tradition, ihrer Denkweisen und Werte, allererst abzuklären, welche Rolle das spezifisch Christliche dabei gespielt hat. Diese Rolle dürfte nüchtern betrachtet sehr viel negativer und ambivalenter ausfallen, als es der heutige Sprachgebrauch vermuten lässt. Die Spanier in Andalusien schicken sich an, ihr Geschichtsbild neu zu schreiben und das Erbe von Al-andalus wieder zu entdecken.

Dasselbe täte uns im Großen und Gesamt Europas not. Die abendländische Tradition ist ungemein vielfältig, widersprüchlich und verschlungen, viele uns heute selbstverständliche Denkweisen mussten oft erst gegen die “Mächte” (vor allem Roms) errungen werden. Das “christliche Abendland” ist ein apologetisches Zerr- oder Wunschbild (je nach Standpunkt) unserer Neuzeit. Zur Gewinnung einer sachlichen, nüchternen und religions-neutralen Betrachtung aber ist eine Revision unseres traditionellen Geschichtsbildes erforderlich. Es ist dran. Es täte uns  auch hinsichtlich der gegenwärtigen Diskussion um “Christentum” und “Islam” nur gut. Es wäre die Wiedergewinnung einer säkularen Geschichtsinterpretation.

 2. Oktober 2012  Veröffentlicht von am 18:03  Europa, Geschichte, Kultur, Moderne, Neuzeit, Philosophie, Religion, Rom Katholisch, Wissen Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert
Jun 132012
 

Die Aufregung über die Rede vom “intelligent design” hat sich hierzulande nach wenigen Jahren gelegt. Nicht so in manchen Bereichen der Religionswissenschaft und der (katholischen) Philosophie. Da sind Emergenz-Theorien sehr beliebt. Selbst der “heilige Thomas” wird gegen die Neurobiologen bemüht.

Der Zug für Gottesbeweise sollte seit Immanuel Kant eigentlich abgefahren sein. Zumindest dürfte es sich seit dem großen Kritiker nicht mehr so leicht über Metaphysik, Religion und Wahrheitsaussagen über Transzendenz spekulieren lassen. Transzendental, Kants erkenntnistheoretischer Leitbegriff, ist eben nicht die Erkenntnis des Jenseitigen, sondern die Klärung der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt. Die ist durch Zeit und Raum als “Formen der Anschauung” bestimmt und begrenzt. Nur zur Erinnerung. Man mag das heute anders und moderner formulieren, aber diese Einsicht bestimmt seitdem unseren Begriff von Wissenschaft und dem, was menschliche Erkenntnis an Wahrheitsgehalt leisten kann. Dass über diesen Bereich hinaus für den Einzelnen persönlich noch Weiteres für wahr und wirklich angesehen werden und gelten kann (Glauben, Religion, Metaphysik), bleibt unbestritten. Nur allgemein verständlich und allgemein verbindlich, also intersubjektiv kommunizierbar im Sinne wissenschaftlicher Klarheit und Bestimmtheit ist dieser Bereich subjektiver “Wahrheiten” nicht.

Für die kirchlichen Theologien eine unbefriedigende Situation. Kein Wunder, dass sie sich nach Phasen der Akzeptanz dieses neuzeitlichen Ausgangspunktes des Denkens (-> “existentiale Interpretation” im Protestantismus) immer wieder bemüht, dem Gegenstandsbereich religiöser Vorstellungen und theologischen Denkens doch wieder einen “objektiven” Charakter zu verleihen. Derzeit ist das wieder sehr in Mode. Gerne geschieht das unter dem Dach der “Religionswissenschaften” (der Begriff  Theologie scheint kirchlich vereinnahmt und insofern belastet), die dann mit dem Anspruch wissenschaftlicher Exaktheit gegen meist naturwissenschaftliche Kritiker antreten. Zwei Richtungen fallen mir da auf:  die Lehre (ja, man muss das wohl so nennen) vom “intelligent design” und die Emergenz-Theorien. Erstere finden sich vor allem in den evangelikalen Kreisen der USA (siehe die umfangreiche Sammlung von englisch sprachigen Webseiten zu dem Thema, z.B. http://www.intelligentdesign.org/, auch vom Wiener Kardinal Schönborn verteidigt), oft vertreten als die vermeintlich anspruchsvollere Variante des Kreationismus. – Letztere Emergenz-Theorien finden sich zwar auch im angelsächsischen Bereich, dort besonders innerhalb der Evolutionsforschung (vgl. Lewes und Morgan, siehe zur Übersicht den Wikipedia-Artikel zum Thema Emergenz), aber neuerdings wieder lebhaft im deutschsprachigen Bereich philosophischer Diskussion, vorwiegend katholischer Provenienz. Die Fragestellung wird dann als Kritik des (naturwissenschaftlichen, speziell neurobiologischen ) “Reduktionismus” im Themenzusammenhang des “Leib-Seele-Problems” verhandelt. Eine gute Übersicht gibt dazu der Sammelband “Die Aktualität des Seelenbegriffs”, herausgegeben von Georg Gasser und Josef Quitterer (Christlich-philosophisches Institut der Kath. Fakultät der Uni Innsbruck), 2010. In den darin enthaltenen Aufsätzen versuchen Dieter Sturma, Tobias Kläden und Josef Quitterer die “naturalistische Engführung” durch eine Neuaufnahme des aristotelischen Hylemorphismus bzw. einer Repristination der thomistischen Anima-forma-corporis – Lehre zu überwinden. Bei allen Genannten spielen die “Lücken” biologischer Erklärungsmodelle eine wesentliche Rolle. “Emergenz” wird dann zum Schlüsselbegriff (so bei Franz Mechsner) einer ontologischen Bestimmung der qualitativen evolutionären Sprünge, die in der Entwicklung vom Einzeller zum Menschen festgestellt werden. Diese theoretischen Versuche sind durchaus anregend zu lesen, weil sich die Autoren meist die Mühe machen, zumindest den naturwissenschaftlichen Gesprächspartner ernst zu nehmen. Ob sie wirklich genau genug zuhören, ist eine andere Frage.

Das Modell der “Emergenzen” ist aber nicht nur hier zum beliebten Schlüsselwort geworden. Es erscheint als elegant formulierter und erkenntnistheoretisch maskierter Ersatzbegriff für den traditionellen “Lückenbüßer”: Das, was naturwissenschaftlich-”reduktionistisch” nicht vollends erklärt werden kann (und welche naturwissenschaftliche Theorie wäre nicht vorläufig und stünde nicht ständig auf dem empirisch-experimentellen Prüfstand?), wird flugs zum Einfallstor neo-metaphysischer oder theologischer Theoriebildung. So jedenfalls klingt es, wenn in dem wissenschaftlichen (!) Internet-Portal SciLogs in einer Buchvorstellung fröhlich ausgeführt wird:

Dass hierbei immer wieder vermeintliche Grenzen überschritten und vermeintlich feste Gesetze in neue Dimensionen hinein erweitert wurden, lässt sich kaum mehr leugnen und durchaus als Transzendenzgeschehen (von lateinisch transcendere = überschreiten) beschreiben. Und schon weil wir überhaupt nicht vorhersagen können, welche weiteren Systeme sich bilden und welche Eigenschaften diese hervorbringen werden, ist erkenntnistheoretische Demut angemessen. Ob schließlich doch nur ein Nichts oder eine Gottesschau der sich selbst in immer weiteren Verbindungen verwirklichenden Materie im Sinne etwa Teilhard de Chardins steht, kann nur geglaubt, nicht aber abschließend geklärt werden. (Michael Blume auf SciLog)

So kommt man von der vorsichtigeren Formulierung der Problemstellung “Religion und Evolution” schnell zu der viel engeren Aussage “Evolution der Offenbarung” (so der Titel des besprochenen Buchers von von Ulrich Lüke und Georg Souvignier). Klar, Teilhard de Chardin lässt grüßen. Aber auch andere wie Patrick Spät propagieren einen “graduellen Panpsychismus”, ebenfalls bei SciLog vorgestellt. Wem das als Stichwort zu abenteuerlich erscheint, lese selber nach. Klar, es darf keine Denkverbote geben, aber den Anspruch klarer Distinktion und sauberer Argumentation muss man doch in jedem Falle stellen, wenn derartige Diskussionsbeiträge über den engeren kirchlichen Rahmen hinaus ernst genommen werden wollen. Sonst nämlich sind sie das, als was sie auf den ersten Blick stark aussehen: reine Apologien, also nur eine modernistisch verkleidete Verteidigung traditioneller Denkkonzepte (der heilige Aquinate!). Emergenz – das gibts in der Evolution – da schaut doch klar der Herrgott hervor!

Ernst genommen werden sollte ohne Wenn und Aber die sehr prägnante begriffliche Klärung, wie sie Ansgar Beckermann (Philosoph an der Uni Bielefeld) in seinem Studienbuch “Das Leib-Seele-Problem. Eine Einführung in die Philosophie des Geistes” (2011) zu den Bestimmungen “reduktionistisch”, “monistisch” und “dualistisch” vornimmt. Hinter diese Begriffsbestimmungen und Abgrenzungen sollte die heutige Diskussion nicht mehr zurück fallen. Wenn einzelne Definitionen zu eng oder voraussetzungsvoll befunden werden, dann sollte eine Kritik zumindest ebenso sachlich genau und definitorisch distinkt sein bei dem, was als Alternative vorgeschlagen wird. Dies muss man leider immer wieder vermissen.

Ein letzter Hinweis auf einen Artikel (ebenfalls bei SciLog), der eigentlich sehr gut und knapp formuliert, was Religionswissenschaft, Theologie, Philosophie und Psychologie nicht mehr ohne weiteres hintergehen können: nämlich den einfachen Satz “Ohne Hirn ist alles nichts”. Christian Hoppe erklärt im Anschluss an eine längeren Diskussion sehr schön, worauf es sachlich und begrifflich bei der Diskussion des Leib-Seele-Problems oder einer theory of mind bzw. dem Erklärungsanspruch der Neurowissenschaften ankommt. Es mag einem Geisteswissenschaftler nicht gefallen, aber daran vorbei sollte man sich nicht drücken. In jedem Falle sollte eine neue “Lückenbüßer-Theorie”, die Gott und das Transzendete in den Emergenzen sichtet oder gar zur Voraussetzung der Evolution erklärt, vermieden werden. Sie hat schon allzu oft versagt, weil sie stets nur bis zur nächsten naturwissenschaftlichen Entdeckung gilt. Die solcherart religionswissenschaftlich bemühte “Emergenz-Theorie” ist doch nur neuer Wein in alten Schläuchen – oder noch anders gesagt, eine intellektuell elegante Form der einfacheren Rede vom “intelligent design”.

 13. Juni 2012  Veröffentlicht von am 13:32  Bewusstsein, Emergenz, Fundamentalismus, Naturwissenschaft, Neurowissenschaften, Philosophie Tagged with:  Kommentare deaktiviert
Mai 172012
 
Was der eine “Kultur der Ambiguität” nennt, fasst ein anderer in die Forderung nach einer “Toleranzkultur” der “Mehrwertigkeiten”. Die zufällige Begegnung zweier Bücher, die sich nicht zu kennen scheinen.

Zufällig las ich nach dem Buch von Thomas Bauer (siehe voriger Beitrag) Peter Sloterdijks aktuelle knappe Kulturtheorie der Religionen: “Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“, 2007. Leider nimmt Bauer 2011 auf dieses Buch keinerlei Bezug, erwähnt es auch nicht im Literaturverzeichnis, obwohl es in demselben “Verlag der Weltreligionen” (Insel) erschienen ist. Vielleicht ordnet er Sloterdijk unter die traditionellen Interpreten eines von Haus aus gewaltsamen Islam ein und übergeht ihn darum. Dabei sind die Parallelen nicht zu übersehen. Nach einer umfassenden Durchsicht der drei Monotheismen und ihrer “polemogenen” Valenzen, die Sloterdijk wesentlich in ihrem Eifer für eine “einwertige” Wahrheit (also ohne die Möglichkeit der Falschheit und Kritik) begründet sieht, kommt er ausdrücklich auf die Thesen von Jan Assmann zu sprechen, der den Ursprung des Monotheismus in der polemischen Ausformung einer ausgrenzenden und ausschließlichen “Gegen-Religion” zu ägyptisch-orientalen Kulten sieht. In diesem Zusammenhang skizziert Sloterdijk die Aufgabe eines “Kulturvergleichs, in dem sich die Intoleranzkulturen des Nahen Ostens und Europas mit dem Wiederkehrrecht einer vergessenen und verdrängten Toleranzkultur ägyptischen (potentiell auch mittelmeerischen und indischen) Typs auseinanderzusetzen hätten” (a.a.O. S. 210) In einer sprachlich und gedanklich gelungenen Paraphrase und Interpretation von Lessings Ring-Parabel hatte Sloterdijk schon im Kapitel vorher auf die Notwendigkeit und Unabweisbarkeit “mehrwertigen” Denkens verwiesen, das sich des eifernden Reduktionismus auf die monotheistische “Einwertigkeit” des Wahrheitsanspruchs in all ihren religiösen und nachreligiösen Spielarten verweigert. Mit diesen Gedanken kommt Sloterdijk dem sehr nahe, was Thomas Bauer mit der “Kultur der Ambiguität”, also der ‘schwebenden’ Wahrheiten ausgedrückt hatte; jedenfalls drängen sich mir die Parallelen bei dieser zufällig aufeinander folgenden Lektüre beider Werke auf.

Einig sind sich beide Autoren darin, dass es an Stelle des ‘Dialogs’ oder ‘Trialogs’ von Theologen und Theologien und auch an Stelle der thematischen Blickverengung reiner Religionswissenschaften und metaphysisch spekulierender Philosophien einer umfassenden Kulturwissenschaft bedarf, die sich des kulturell-evolutiven Erbes der Menschheit explizit widmet. Sloterdijk ist zuzustimmen, wenn er am Ende seines Buches fast als Appell  formuliert:

In allen Formen des metaphysisch-religiösen Eiferertums meint der Diagnostiker einen  kryptosuizidalen Drang zu einer jenseitigen Welt nachweisen zu können, in der begreiflicherweise vor allem diejenigen reüssieren möchten, die an den diesseitigen Tatsachen scheitern. … Globalisierung heißt: Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig. Das Jüngste Gericht mündet in die alltägliche Arbeit. Die Offenbarung wird zum Umweltbericht und zum Protokoll über die Lage der Menschenrechte. Damit komme ich auf das Leitmotiv dieser Überlegungen zurück, das im Ethos der Allgemeinen Kulturwissenschaft gründet. Ich wiederhole es wie ein Credo und wünsche ihm die Kraft, sich mit Feuerzungen auszubreiten. Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen.” (a.a.O. S. 216 f.)

 17. Mai 2012  Veröffentlicht von am 09:29  Kultur, Moderne, Philosophie, Vernunft Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 312012
 

Ist Heidegger unvermeidlich? So fragt Hans Ulrich Gumbrecht in seinem aktuellen Beitrag im FAZ-Blog DIGTAL/PAUSEN.  Es sind sehr kluge und kritische Überlegungen, inwieweit man einen deutschen Philosophen, der dem Nationalsozialismus nahe stand und sich nie ausdrücklich von seinen völkischen Positionen distanziert hat, nicht nur Aktualität beimessen und Aufmerksamkeit schulden sollte, sondern ob es gar zum Schaden des eigenen Denkens und Wahrnehmens der Gegenwart wäre, wenn man Heidegger vermiede, ihm also auswiche.

Gumbrecht beschreibt seinen Weg gegen und mit Heidegger und stößt in der gegenwärtigen Situation einer vielfältigen Aporie erneut auf ihn als den Denker einer Gegenwart und Selbstmächtigkeit des Seins. ‘Wahrheit zeigt sich.’ Denn Subjektivismus und Konstruktivismus haben ebenso an Überzeugungskraft verloren wie der breite Strom der analytischen Philosophie der Moderne; der linguistic turn wirkt heute nur noch als nutzlose Spielerei. ‘Postmoderne’ heißt auch: Philosophie treiben angesichts und zum Trotz der Ideologien der Neo-Konservativen, der Neo-Liberalen, der Finanzjongleure und Sicherheitsfanatiker, angesichts von Fukushima und Klimawandel. Solls kein Glasperlenspiel sein, so müsste sich die Philosophie wieder der “breiten Gegenwart” (so ein Buchtitel Gumbrechts) zuwenden, um in der Zeit präsent zu sein.

So lautet sein vorläufiges Fazit: “Aber im Kontext der Herausforderung, zwischen dem abgewirtschafteten Konstruktivismus und den längst feststehenden Grenzen der Subjekt-Philosophie das Denken zu neuer Bewegung zu bringen und seine Lähmung zu überwinden, in diesem gegenwärtigen Kontext können wir es uns kaum leisten, Heidegger zu vermeiden.”

Wahrscheinlich hat Gumbrecht recht.

 31. März 2012  Veröffentlicht von am 11:33  Moderne, Philosophie Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert
Jan 212012
 

Was ist die Seele? Gibt es sie? Ist der Begriff “Seele” ein Konstrukt metaphysischer Vergangenheit? In den letzten Jahren sind erstaunlich viele Bücher erschienen, die der Frage nach der Seele als einer zentralen philosophischen Frage erneut nachgehen. Es geht also nicht um esoterische Literatur. Vielfach sind es Erörterungen, die an die Diskussionen über die bisherigen Ergebnisse der Hirnforschung anknüpfen. Offene Fragen wie die nach Willensfreiheit und Personalität werden in der aktuellen Philosophie des Geistes thematisiert. In diesem Zusammenhang ist ein geschichtlicher Rückblick auf die Entwicklung des Seelenbegriffs angebracht.

Unter dem Thema “Augustin oder: Die Reinigung der Seele” bin ich dem Verständnis von “Seele und Geist in Geschichte und Gegenwart” nachgegangen. Es ist dabei ein Beitrag zum Verhältnis von Religion und Psychologie entstanden, der aus dem Rückblick heraus die gegenwärtigen Aporien und festgefahrenen Antithesen des naturalistischen Reduktionismus und des ontologischen Dualismus in gleicher Weise vermeiden und überwinden helfen möchte. Kristallisationspunkt ist die Person Augustins geworden, weil sich in ihr das verdichtet, was das Verständnis der Seele in der abendländisch-christlichen Philosophie über Jahrhunderte geprägt hat. Gerade seine Verbindung psychologischer Selbstbetrachtung (in den Confessiones) mit der radikal negativen Anthropologie (Erbsünde) auf der Basis eines einseitigen Sexismus hat folgenschwere Konsequenzen gehabt bis in unsere Tage. Der Seelenbegriff ist nicht zuletzt durch Augustin geprägt und in gewisser Weise “vergiftet” worden. Die Neuzeit hat sich dieses Begriffes weitestgehend entledigt. Statt dessen wurde Bewusstseinsphilosophie oder eben eine Philosophie des Geistes entworfen, die ohne Umschweife zu den heutigen Fragestellungen der Kognitionswissenschaften hingeführt haben. “Gehirn & Geist”, “theory of mind” sind die heute aktuellen Stichworte einer Diskussion, die das Seelische als etwas Unwissenschaftliches der Esoterik überlassen hat – oder allenfalls als empirische Psychologie einzuholen trachtet.

Welchen Sinn hat es da, sich erneut mit dem Begriff “Seele” herum zu schlagen? Dies soll in dem hier vorgestellten Beitrag aufgezeigt werden. Es gibt von unterschiedlicher Seite spannende Versuche, Vorschläge und Entwürfe, den Begriff “Seele” als Katalysator in eine Diskussion einzubringen, die sich mit den Schwierigkeiten der sogenannten “Qualia” nicht zufrieden geben kann. Vielleicht kann dadurch ein Weg gefunden werden, aus der unglücklichen Sackgasse der Antithetik entweder empirischer Naturalismus oder ontologischer Dualismus heraus zu kommen.

Der Beitrag steht frei im Netz zur Verfügung als der erweiterte Text eines Vortrages (HTML ) oder als eBuch (PDF).

Augustin oder: Die Reinigung der Seele.
Seele und Geist in Geschichte und Gegenwart
Ein Beitrag zum Verhältnis von Religion und Psychologie

 

 21. Januar 2012  Veröffentlicht von am 17:27  Bewusstsein, Geist, Hirnforschung, Philosophie Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert