Mai 122013
 

Eines der spannendsten Gebiete der heutigen Wissenschaften befasst sich mit dem Geist, unter dem englischen Begriff einer Theory of Mind. Das Spannende ist, dass es bei der Frage nach dem menschlichen Geist nicht um das Spezialgebiet einer einzelnen Wissenschaft geht, sondern um eine Frage, die nur interdisziplinär angegangen werden kann. Neurowissenschaften, Kognitionswissenschaft, Psychologie und Philosophie, um die wichtigsten Disziplinen zu nennen, können offenbar nur miteinander unter jeweils eigenen, aber auf einander bezogenen Fragestellungen denjenigen “Gegenstand” untersuchen, den man herkömmlich den “Geist” nennt, darunter das Bewusstsein als einem Spezialbereich, die Frage nach dem Ich, nach dem Selbst, nach dem “computationalen” Denkvermögen und vor allem nach der Physiologie und Funktionalität des Gehirns, das offenbar mit allen geistigen Prozessen unlösbar verbunden ist. Aber wie? (Einige frühere Beiträge in diesem Blog zeigen, dass mich diese Frage nicht los lässt.)

Und da ist sie auch schon, die Frage aller Fragen, an der sich die Geister (metaphorisch) scheiden. Weitgehend unbestritten ist es, von einer Korrelation zwischen neuralen Funktionen und geistigen Fähigkeiten zu sprechen. Aber was genau bedeutet diese Korrelation? Oder ist da mehr, nicht nur Korrelation, sondern Kausalität? Bedingen also physiologisch-neurale Prozesse alle Erscheinungen und Fähigkeiten des Geistes, des Bewusstseins? Neurologen formulieren meist, dass geistige Vermögen einschließlich des Bewusstseins auf neuralen Substraten “beruhen”. Aber was genau heißt dieses “beruhen”? Werden ausgelöst, verursacht, bedingt, beeinflusst? Oder “nur” begleitet, ermöglicht, basal fundiert im Sinne von “kein Geist ohne Gehirn”?

Auf Seiten der analytischen Philosophie hat sich die Fragestellung lange Zeit auf die “Qualia” konzentriert, also auf das sogenannte “phänomenale Bewusstsein”, das als “Gefühl von etwas” beschrieben werden kann. Was die Wahrnehmung der Farbe “rot” verursacht, wissen wir, aber können wir damit auch erklären, wie es sich anfühlt, “rot” zu sehen, also diesen (oder jeden anderen) sensorischen Eindruck zu haben? Die Verneinung der Frage argumentiert mit der berühmten “Erklärungslücke” (explanatory gap), die zwischen Bewusstsein und physiologischer Erklärung bestehe. Aber sind diese “sekundären Qualitäten” wirklich Gegenstände, also objektivierbare Gegebenheiten unseres psycho-physischen Erlebens oder sind es eher sprachliche Zuschreibungen, also kein introspektives “Was”, sondern eben ein “Wie”, in dem sich unser Erleben ausdrückt? Neurokognitionswissenschaft und philosophischer, d.h. epistemischer und / oder ontologischer Reduktionismus sehen hier allenfalls ein Scheinproblem. Vielleicht ist die Zuspitzung auf die Qualia auch nur ein in der Diskussion immer stärker isolierter Aspekt, der inzwischen das eigentliche Problem verdeckt: Können wir das Bewusstsein in all seinen Funktionen und Phänomenen naturwissenschaftlich erklären?

Neuronen (Wikipedia)

Neuronen (Wikipedia)

Immerhin ist es auch in der Hirnforschung unbestritten, dass trotzt gewaltiger Fortschritte in den letzten Jahren noch sehr Vieles wenn nicht das Meiste der Arbeitsweise des Gehirns terra incognita ist. Wir stehen da erst ganz am Anfang. Dies betont auch immer wieder der analytische Philosoph und Vertreter der “Selbstmodell-Theorie der Subjektivität”, insbesondere des “phänomenalen Selbst-Modells”, Thomas Metzinger. Seine genial klingende Theorie der mehrfach gestuften Selbstmodellierung als der repräsentationalen Arbeitsweise des Geistes bzw. des Bewusstseins fragt immer wieder nach den neuralen Korrelaten dieser Theorie, die es erst noch zu finden gilt. So forderte der finnische Neuro-Kognitionswissenschaftler Antti Revonsuo Ende der neunziger Jahre eine “multidisziplinäre Bewusstseinswissenschaft” (in “Grundkurs” Bd. 1, siehe unten). Allein die “systematische Beschreibung des Bewusstsein”, also der phänomenologischen Ebene, sei “vielleicht die größte Herausforderung”. Ohne Zweifel ist man damit inzwischen schon etwas weiter, aber offenbar keineswegs am Ziel. Und das ist ja nur der erste Schritt.

Zu leicht macht es sich auf jeden Fall die populäre Rezeption der Bücher von Antonio Damasio, dass halt “alles” im Denken und Empfinden “nur” Prozesse auf der Basis von neuronalen Substraten seien. Der Geist wird rasch durch das elektrische Funken und biochemische Prozesse des Gehirns ersetzt. Das ist dann nichts anderes als die recht vereinfachende These der Reduktionisten. Wie schon vor einhundert Jahren hat der (damals verbreitete) “biologische Mechanismus” den betörenden Vorteil eines einheitlichen und einfachen Weltmodells, nämlich des materialistischen. Wir werden um die relative Wahrheit dieses Ansatzes nicht herum kommen, aber man sollte den materialistischen Grundsatz auch nicht zum Glaubensbekenntnis der Wissenschaftstheorie hoch stilisieren. Oder ist er etwa nur ein Glaubenssatz, also ein weltanschauliches Axiom?

Abgesehen von der vor einigen Jahren in verschiedenen Feuilletons, Vorträgen und öffentlichkeitswirksamen Disputen behandelten Frage nach dem “freien Willen” – Wirklichkeit oder Illusion – ist das Interesse an den Theorien und Ergebnissen der Neurowissenschaften und der analytischen Kognitionswissenschaften öffentlich kaum vorhanden. Die Aufmerksamkeits-Karawane ist heute woanders hin gezogen. Wen es dennoch interessiert und wer sich über den aktuellen Stand der Wissenschaft informieren will, der kann zu “Der Ego-Tunnel” von Thomas Metzinger greifen (Taschenbuch 2009; 5. Auflage 2012): “Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik”. Diesem für das menschliche Selbstverständnis zentralen Thema, was denn “der Geist” ist und wie das “Selbst” zustande kommt, ist mehr Aufmerksamkeit zu wünschen. Denn die Wissenschaft vom Bewusstsein hat heute mindestens die Explanationsstufe “3.0″ erreicht.

[Die ausführliche Beschäftigung mit der analytisch-philosophischen Fragestellung anhand von zahlreichen klassischen Texten zu unterschiedlichen Positionen, jeweils kurz eingeleitet, ermöglicht  der dreibändige "Grundkurs Philosophie des Geistes" von Thomas Metzinger, 2006 - 2009.]

 12. Mai 2013  Veröffentlicht von am 13:15  Bewusstsein, Geist, Wissenschaft Tagged with: , , ,  Keine Antworten »
Feb 042013
 

Wieder einmal fiel mir auf, wie leicht man – absichtlich oder unabsichtlich – sprachlich die Ebenen verwechselt. Beide Male waren es religiös-kirchliche Kurzbeiträge im Radio. Es könnte einem so ähnlich aber auch in anderem Zusammenhang begegnen.

Da hieß es einleitend, der Mensch bestehe ja nicht nur aus Körper, sondern auch aus Seele und Geist. Damit wird an das herkömmliche allgemeine Vorverständnis appelliert, so als habe sich nie etwas geändert, als gäbe es keine Hirnforschung und keine aktuelle Diskussion dazu. Wie immer man dazu steht, dürfte man nicht mehr selbstverständlich und kommentarlos von der tatsächlichen Gegebenheit von drei – ja was denn?  Wesenheiten? Dingen? Gegenständen? reden, die da heißen Körper, Geist und Seele. Der menschliche Körper ist, anatomisch gesehen, ein klar definierter Gegenstand, eine tatsächliche Gegebenheit, ein “Ding”. Ebenso klar ist auch, dass der Mensch als Person nicht ohne Körper denkbar ist. Der tote Körper, der Leichnam, ist keine Person mehr. Er wird nicht nur begrifflich vom lebendigen Köper unterschieden, sondern auch rechtlich. Der tote Körper ist kein Rechtssubjekt mehr. Er ist etwas anderes als “Mensch”, eben die Leiche. Aber auch diese bleibt gegenständlich, tatsächlich, nur in einem anderen Zustand als der belebte Körper.

Seele und Geist sind dagegen Interpretamente der Belebtheit des Menschen, Aspekte der menschlichen Person. Es sind keine Gegenstände oder Dinge, so wie ein Arm oder Bein beispielsweise ein Objekt medizinischen Handelns ist. Ob dem Geist und der Seele des Menschen eine eigenständige, vom Körper unabhängige Existenz zukommt, ist gerade umstritten. Die Hirnforschung, speziell die Neuropsychologie haben zumindest dies erbracht, dass geistige und seelische (“mentale”) Fähigkeiten des Menschen nicht ohne seinen Körper, nicht ohne das Organ Gehirn wissenschaftlich betrachtet werden können. Wie man diese Fähigkeiten bewertet, einordnet, welche besondere Bedeutung man ihnen für die Persönlichkeit des Menschen zumisst, ist dann Sache einer ganz anderen Betrachtung. Sie “interpretiert” gewissermaßen das Menschsein unter den Aspekten seiner geistigen oder seelischen Vermögen. Die Reduktion aller mentaler Fähigkeiten auf physiologische Prozesse wird zwar ebenfalls wissenschaftlich vertreten, ist aber nicht die einzige und auch nicht die plausibelste wissenschaftlich gestützte Position. Darüber hinaus spielt natürlich auch die jeweilige weltanschaulich-religiöse Grundeinstellung eine Rolle, die unsere Sicht auf “Leib, Seele und Geist” bestimmt.

Klar ist nur so viel, dass sich “Körper” einerseits und “Seele” und “Geist” auf der anderen Seite auf unterschiedlichen Ebenen möglicher Gegenstände rationaler Betrachtung befinden. Diese sollten nicht verwechselt werden, auch nicht mehr in der Alltagssprache. Seele und Geist können nur in einem anderen, uneigentlichen Sinne als “Objekte” der Untersuchung gelten, sie sind besser als spezifische personale Aspekte des Menschseins zu bezeichnen, die sich als Fähigkeiten, als Vermögen fassen und beschreiben lassen. Jedenfalls sollte man nicht den Eindruck erwecken, der Mensch sei ein “Mischwesen” aus drei verschiedenen Wesenheiten. Diese Redeweise verharrt in einem Weltbild, das unserem Wissen und unserer Sicht auf den Menschen nicht mehr entspricht.

Creation

Giovanni di Paolo – Creation (Wikipedia)

Ein wenig anders verhält es sich mit der Bemerkung, religiöse Überlieferungen und Geschichten würden uns etwas “berichten”. Konkret gesagt: Biblische Geschichten – ebenso wenig wie Koranische Verse – sind keine “Berichte”, das heißt Auskünfte über historisch positive Tatsachen (“news”), und wollen es auch gar nicht sein. Es sind von bestimmten religiösen Überzeugungen geprägte Erzählungen, “Geschichten”, die ihre Wahrheit nicht im Tatsachen-Geschehen haben, sondern in der von und in ihnen intendierten Aussage bezüglich einer religiösen “Wahrheit”. Die moderne kritische Bibelwissenschaft spricht daher davon, dass biblische Geschichten immer zu allererst “Verkündigung” sind, Predigten, die auf Überzeugung und Vergewisserung der Gläubigen zielen. Was sich über Jesus oder Mohammed historisch als tatsächlich heraus finden lässt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Religionsgemeinschaften neigen allerdings dazu, die narrative Ebene mit der Ebene historischer Faktizität zu verwechseln, zu vermischen oder gar die Historizität von religiöser Narration zu behaupten. Dies hilft weder der Religion als Sinn- und Symbolsystem noch dem heutigen Menschen, der bei “Berichten” gleich an Tatsächlichkeit denkt. Die Wahrheit der Religionen stützt sich nur zum geringsten Teil auf historische Tatsächlichkeit, sondern viel mehr auf die Bedeutung eines Geschehens, das seinen Wert und seine Wahrheit aus dem religiösen Verweiszusammenhang erhält. Die möglicherweise dahinter stehende historische Tatsächlichkeit kann oft kaum mehr erhoben werden. Historie ist da die falsche Kategorie, die falsche Ebene, die nur zu einem ideologischen Fundamentalismus führt. Dieser nämlich macht aus religiösen Erzählungen von Bedeutung eine tatsächliche Gegebenheit, historische Faktizität. Da wird dann auf einmal die Schöpfungserzählung aus der Bibel zum naturwissenschaftlichen Tatsachenbericht. Das aber geht am religiösen Text – und am Menschen vorbei.

Es ließen sich noch mehr Beispiele solcher implizit-tatsächlichen Redeweisen nennen, die auf einer absichtlichen oder unabsichtlichen Verwechslung von Aussage- und Bedeutungsebene beruht. Hier besser zu unterscheiden schafft eine Klarheit, an der auch die sich historisch begründenden Religionen interessiert sein sollten, und sei es auch nur, um Anschluss an heutiges Weltverstehen zu halten. Es wäre zudem ein Gebot der Redlichkeit.

 4. Februar 2013  Veröffentlicht von am 13:31  Religion, Wissenschaft Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Okt 162012
 

Die Entwicklung der modernen Welt ist an einem Punkt angelangt, an dem die Dimension der quantitativen Veränderung diverser Parameter der Sozioökonomie einen qualitativen Sprung, umgangssprachlich einen “Quantensprung”, anzuzeigen scheint. Angesichts der globalen Bedeutung und Auswirkungen der gegenwärtig stattfindenden Prozesse kann von einer Art Paradigmenwechsel gesprochen werden. Das Ende der “Westzentrierung” ist eingeläutet. Dies jedenfalls ist die zentrale These von Volker Schmidt, derzeit als Professor für Soziologie in Singapur tätig.

Die Größenordnung und Tragweite des sozialen und technologischen Wandels, der sich in den letzten ca. zwei bis drei Jahrzehnten zugetragen hat, übersteigt in mehreren Dimensionen diejenige aller vergleichbaren Phasen früheren Wandels, in manchen den kumulativen Effekt bzw. Entwicklungsertrag der voranliegenden 150 Jahre. - Der globale Durchbruch moderner Lebensverhältnisse … ist ein Novum von welthistorischer Bedeutung, das wissenschaftlich noch kaum verarbeitet ist. Er markiert die Heraufkunft einer „anderen Welt“, einer Welt, die uns in vielerlei Hinsicht vertraut ist, sich jedoch zugleich radikal von ihren Vorläufern unterscheidet. … Dabei spricht einiges dafür, dass er in der Summe seiner Einzelerscheinungen, womöglich auch in seinen Konsequenzen, alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

In mehreren Beiträgen des SOZBLOGs beleuchtet Volker Schmidt, ausgehend von der thematischen Eröffnung unter der Überschrift “Durchbruch der globalen Moderne” (12. September 2012), verschiedene Aspekte dieses epochalen Wandels. Insbesondere beziehe ich mich dabei noch auf den Beitrag vom 10. Oktober 2012, “We ain‘t seen nothing yet” (siehe Bachman Turner Overdrive 1974), frei übersetzt: Das hat die Welt noch nie gesehen.

Schon die Transformationen des 19. und 20. Jahrhunderts haben zeitgenössische Beobachter immer wieder in ungläubiges Staunen versetzt. Aber nicht nur mit dem Übergang zum modernen Zeitalter, auch innerhalb desselben nimmt die Intensität und Extensität des Wandels von Phase zu Phase zu. Es steht zu erwarten, das auch die gegenwärtige Phase, die Phase der globalen, polyzentrischen Moderne das Wandlungsgeschehen nochmals beträchtlich dynamisiert. Die Transformationskraft und das Transformationspotential der globalen Moderne sind nämlich ungleich größer als diejenigen früherer Phasen der Modernität.

In Anlehnung an Parsons’ Unterscheidung von Gesellschaft, Kultur, Person und Verhaltensorganismus (“heuristisch fruchtbar”)  und unter Zuhilfenahme systemtheoretischer Konzepte Luhmanns (“Expansionismus der Funktionssysteme”) skizziert Schmidt das exponentielle Wachstum in den Bereichen Produktion, Wohlstand, Bildung, Forschung, Rationalisierung, Individualisierung, Alphabetisierung, Frauenrechte usw. Er zitiert in beeindruckender Weise verfügbare globale Datensätze und Veröffentlichungen der UNO / UNESCO, Statistischer Ämter und Einzeluntersuchungen. Dabei kommt ihm sein “asiatischer” Blickwinkel zugute, der ihn manche Entwicklungen und Bewertungen bei uns als Sichtweisen “westlicher” Dominanz erkennen lassen. Diese aber gehe seit der Jahrtausendwende offensichtlich zu Ende.

Nimmt man eine globale Perspektive ein und orientiert man sich an den im 20. Jahrhundert geläufigen Indikatoren für Modernität, dann scheint es nämlich nur wenig übertrieben zu sagen, die Transition zur Moderne befinde sich in gewisser Weise noch am Anfang, weil moderne Strukturmuster in großen Teilen der Welt erst jetzt auf breiter Front Wurzeln zu schlagen beginnen. Vor diesem Hintergrund erscheinen die genannten Begriffe als Ausdruck einer bemerkenswert parochialen Sichtweise. Denn abgesehen von ihrem analytisch ohnehin zweifelhaften Wert konnte man, wenn überhaupt, dann nur in Europa und Nordamerika auf die Idee kommen, man befände sich inmitten einer Phase des Übergangs zu einem neuen, nachmodernen Zeitalter. Wer so denkt, denkt die gesamte Welt vom Westen her, behandelt den Westen als Nabel der Welt und den „Rest“ als sozialtheoretisch vernachlässigbare Größe.

Schon die Vergleiche und Entwicklungslinien seit 1900 und dann erst recht ihre Dynamisierung seit 2000 (+/- 20 Jahre, wie er eingrenzt) sind beachtlich. Zwar beschleicht mich ein etwas ungutes Gefühl, wenn Schmidt als Grundlage seiner Analyse rein quantitative Größen verwendet, andererseits kann man bei Daten nichts anderes erwarten als Quantifizierbarkeit. Die dieser Datenlage entsprechende Qualität ist dann Sache der Interpretation bzw. des analytischen Modells sei es der vier Dimensionen gesellschaftlicher Entwicklung nach Parsons, sei es der Zunahme funktionaler Systeme nach Luhmann – oder eines anderen brauchbaren Modells. Und gewiss richtig, wenn auch nicht mehr neu ist es, den Fokus der Betrachtung auf Asien zu setzen.

Pepsi in Indonesien – Wikipedia

In jedem Falle sind Schmidts Überlegungen äußerst anregend, zumal er erstaunlicherweise und gegen den Trend nicht aufs globale “Netz” und soziale Netzwerke Bezug nimmt, ansonsten die “üblichen Verdächtigen” als “Marker” des Modernisierungsprozesses. Zu fragen wäre allerdings, ob dieses Modell nicht zu optimistisch ist (nach dem “zu optimistisch” fragt Schmidt nur bezogen auf die zukünftige Entwicklung der Datenreihen), zu fortschrittsgläubig. Den vielen deutlichen Steigerungen des Wohlstands und von Bildung und Wissenschaft stehen doch entsprechende Zunahmen der “Opfer” gegenüber: Zurückgelassene der Modernisierung, Verslumung der Metropolen, Plünderung der natürlichen Ressourcen, Beschädigung der Umweltsysteme (Asien!), wachsende Armut-Reichtum-Drift, Renationalisierung, Fundamenalisierung, “failed states”, Klimaveränderung, um nur die wesentlichen Problembereiche und negativen Themen zu nennen. (Auch hierbei darf der Fokus durchaus auch auf Asien liegen.) “Das hat die Welt noch nicht gesehen” – das trifft eben auch auf die weltweite Armut, die Gewaltanwendung gegenüber der Landbevölkerung (China), den Menschenhandel und den Drogenkonsum zu. Die italienische Mafia des 19. und 20. Jahrhunderts ist doch Killefit gegenüber der mächtigen, wachsenden organisierten Kriminalität ganzer Staaten und “Eliten” heutzutage.

Kurz: Ich vermag diesen Optimismus hinsichtlich des “Durchbruchs der globalen Moderne” nicht zu teilen. Ich halte schon die enthusiastische Beurteilungen des Siegeszuges egalitärer und freiheitlicher Strukturen allein durch die globale Vernetzung und den Gebrauch sozialer Medien für vermessen, wenn nicht realitätsfremd. Das Ausrufen des Zeitalters der “Globalen Moderne”, die uns um ein “Vielfaches reicher [... macht] als das … vor 150 Jahren” der Fall war, erscheint mir recht einseitig aus der Sicht der Gewinner geurteilt. Und die Behauptung, letztendlich seien ja alle auf der Gewinnerseite, stellt Schmidt ausdrücklich nicht auf, wenngleich sie mit schwingt und immer wieder zu hören und zu lesen ist. Auch den Ärmsten der Welt gehe es besser als früher. Das mag sein, nur werden sie weiterhin immer stärker abgehängt. Weder das “Netz” noch der globale “Fortschritt” werden das Paradies auf Erden bringen. Wir sollten uns vielmehr anstrengen zu verhindern, dass die zukünftige Welt die Hölle wird.

 16. Oktober 2012  Veröffentlicht von am 10:28  Bildung, Moderne, Wissenschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Okt 072012
 

Die Debatte um “Geist & Gehirn” ist derzeit wieder etwas aus dem Fokus geraten. Die “alten Matadore” (wie zum Beispiel Gerhard Roth, Wolf Singer und Peter Janich) haben die Standpunkte hinreichend geklärt, um sich darin einig zu sein, nicht einig zu sein. Manfred Spitzer, Neuropsychiater und “führend”, wenn man “Geist & Gehirn” als Suchbegriffe bei Google eingibt, erklärt dem Fernsehpublikum des Bayrischen Rundfunks auf dem Kulturprogramm BR alpha seit Jahren in 15 Minuten – Häppchen die Welt aus Sicht des Hirnforschers. Inzwischen gibt es 12 Staffeln oder 9 DVDs. Eine solche Welterklärung und neurophysiologische Aufhellung unseres Alltags (wie war eigentlich das Leben vor Spitzer?) bleibt nur medienbedingt unwidersprochen. Einer Studiosendung oder DVD lässt sich schlecht antworten. Guru-Level. Widersprochen wurde darum seiner ‘wissenschaftlichen’ These, Internet verblöde, umso heftiger. Vielleicht hat ihn sein Kult-Status im BR zu sehr verwöhnt. Anyway.

Raffael, Schule von Athen (Wikipedia)

Die Diskussion um Hirnforschung und Geisteswissenschaft, um “mind & brain”, um eine mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitenden Psychologie und Neurologie einerseits und der ‘geisteswissenschaftlichen’ Philosophie und Theologie andererseits hat aber inzwischen doch einen gemeinsamen Nenner gefunden, der kaum mehr bestritten und unterschritten werden kann. Natürlich gibt es weiterhin Hirnforscher, die einen naturwissenschaftlichen Determinismus vertreten, so wie es weiterhin Philosophen gibt, die die Ergebnisse der Hirnforschung fröhlich ignorieren. Interessanter und weiter führender ist aber eine jüngere Generation Wissenschaftler, die bei Anerkennung unterschiedlicher wissenschaftlicher Methoden an der Einheitlichkeit unseres Begriffes von Wirklichkeit festhalten, also jenseits der “alten Kampfbegriffe” von Dualismus und Monismus argumentieren. Der Bonner Neuropsychologe und (kath.) Theologe Christian Hoppe ist einer von ihnen. Aus seiner medizinisch-ethischen Praxis heraus (Klinik für Epileptologie) fasst er die wissenschaftliche “Leitidee” der Hirnforschung wie folgt zusammen:

Die Leitidee der modernen Hirnforschung ist, dass sämtliche psychischen Vermögen und Phänomene, soweit wir diese kennen und überhaupt als solche identifizieren können, von Hirnfunktionen (bzw. den Funktionen eines Nervensystems) und letztlich vom intakten Organismus abhängen. Was Ihr Auge für das Sehen ist, ist Ihr Gehirn für die Gesamtheit Ihrer psychischen Vermögen, das heißt für Wahrnehmung, Gefühle, Erinnerungen, Denken usw. Anders formuliert lautet die These: Es gibt keine psychischen Phänomene ohne Hirnfunktion.

Er ordnet seine ebenso klar wie knapp formulierte Leitidee gleich selber ein und grenzt sie damit gegen Missverständnisse ab:

Die Leitidee fasst den aktuellen Stand nach sagen wir 150 Jahren Hirnforschung zusammen und definiert die Forschungsagenda für die nächsten Jahrzehnte. Sie ist eine naturwissenschaftliche, keine philosophische These. Wir bewegen uns jetzt auf der konzeptuellen Ebene und lassen die Details abertausender von Hirnforschungsstudien weiter hinter uns. Die Leitidee ist eine sehr minimale These, ohne große Spekulationen, der daher wohl die meisten Neurowissenschaftler zustimmen würden. Da nicht über mögliche Mechanismen spekuliert wird, macht sich die Leitidee in dieser Hinsicht auch nicht angreifbar. Sie beharrt lediglich auf einer Feststellung: nicht ohne Gehirn. (vgl. sein Buch “Ohne Hirn ist alles nichts“.)

In seinem Beitrag für den Blog WIRKLICHKEIT – Hirnforschung & Theologie (SciLogs) führt er dies umfassend und äußerst erhellend aus. Die Lektüre sei jedem Interessierten empfohlen. Ich kann mir diese Position gut zu eigen machen. Dahinter sollte man in der heutigen und künftigen Diskussion eben auch in der Philosophie (und Theologie) nicht mehr zurück fallen. Zwar betont Hoppe, dass es sich dabei um eine eher minimalistische Beschreibung handele, die gewissermaßen den ‘state of art’ der Neurowissenschaften festschreibt, dabei hält er an dem Anspruch fest, dass die Wirklichkeit eine sei und nicht in zwei ‘Wirklichkeiten’ zerfalle. Daraus folgt dann schon ein Ausgehen von den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, aber genau deswegen, weil wir andere Erkenntnisse nicht zur Verfügung haben.

Die existenziell bedeutsame Frage nach dem Zusammenhang von Gehirn und Geist kann offensichtlich nur mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden bearbeitet werden. Erst seit wenigen Jahrzehnten sind wir überhaupt in der Lage, auf ungefährliche Weise hinter die Stirn bzw. unter die Schädeldecke eines Menschen zu schauen und sein Gehirn zu Lebzeiten zu beobachten; diese erstaunliche Möglichkeit macht die „moderne Hirnforschung“ erst modern. Ihre persönliche Meinung zu diesem Thema ist daher, mit Verlaub, irrelevant, da Ihnen ein beobachtender Zugriff auf die zugrunde liegenden Hirnprozesse ohne entsprechende Gerätschaften prinzipiell verwehrt ist. Niemand fragt Sie, ob Sie der Meinung sind, dass das Herz das Blut durch den Körper pumpt; hierbei handelt es sich um physiologische Fakten, die wir lediglich zur Kenntnis nehmen können, und es gibt hier keinen Bedarf für einen Dialog zwischen Kardiologie und Theologie.

Bevor es hier nun wieder gleich zum Widerspruch und Protest kommt über die “moderne” Dominanz naturwissenschaftlicher Sichtweisen und Methoden, möchte ich an einen recht alten Schriftsteller und Dichter erinnern, der eigentlich etwas Ähnliches sagt. Natürlich kannte er die moderne Hirnforschung nicht, wie er überhaupt kein Mensch der Moderne, sondern des “klassischen” Altertums war. Seine Auffassung von Mensch und Welt, von der Wirklichkeit der Natur und des Lebens ist aber erstaunlich modern. Er folgte bereits einem berühmten Lehrer, den zu unterdrücken sich die gesamte weitere christliche Kirchengeschichte über 2000 Jahre emsig bemüht hat. Der große Lehrer ist der griechische Philosoph Epikur, den man als “Lustmolch” verunglimpft hat, und sein größter lateinischer Schüler ist Lucretius Caro, genannt Lukrez ( †~ 50 vuZ) in seiner berühmt-berüchtigten Schrift De rerum natura. Einen hervorragenden Zugang gewinnt man durch das aktuelle Buch von Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann, München 2011 (engl: The Swerve. How the World Became Modern, 2011).

Ich stelle hier nur die Überschriften aus der zusammenfassenden Inhaltsangabe von Lukrez’ De rerum natura nach Greenblatt zusammen (vgl. dort das Kap. 8):

Alles Seiende ist aus unsichtbaren Teilchen zusammengesetzt. Diese elementaren Teilchen der Materie – die »Keime der Dinge« – sind ewig. Die elementaren Teilchen sind unendlich in ihrer Zahl, aber begrenzt in Gestalt und Größe. Alle Teilchen bewegen sich in einer unendlichen Leere. Das Universum hat keinen Schöpfer oder Designer. Alle Dinge entstehen infolge geringer Abweichungen (clinamen, swerve). Die zufällige Abweichung, der kleine Ruck ist Ursprung auch des freien Willens. Die Natur experimentiert unaufhörlich. Das Universum wurde weder wegen noch für die Menschen erschaffen. Nicht das Schicksal der Gattung (geschweige denn das des Einzelnen) ist der Pol, um den sich alles dreht. Menschen sind nicht einzigartig. Die menschliche Gesellschaft hat nicht mit einem Goldenen Zeitalter der Ruhe und der Fülle begonnen, sondern als urtümlicher Kampf ums Überleben. Die Seele ist sterblich. Es gibt kein Leben nach dem Tod. Der Tod berührt uns nicht. Alle organisierten Religionen sind abergläubische Täuschungen, Religionen sind allesamt grausam. Es gibt keine Engel, keine Dämonen und Geister. Das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist Steigerung des Genusses und Verringerung des Leidens. Nicht Leid ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Lust, sondern Täuschung. Der Versuch, Leid zu vermeiden, ist vollkommen vernünftig: Das Verstehen der Dinge und ihrer Natur weckt großes Staunen.

Statt “Lust” und “Genuss” würden wir heute eher “Glück” sagen, oder Wohlstand. Dem Ziel möglichst “glücklich” zu leben stimmt jedermann zu und bekräftigt es bei jedem Geburtstags-’Glück’wunsch. Das Glück des Menschen sogar als politisches Ziel verfolgt die US-amerikanische Verfassung, wenn dort vom Grundrecht auf “life, liberty and the pursuit of happiness” die Rede ist. Kein Wunder – Thomas Jefferson kannte und schätzte “seinen” Lukrez. Man wundert sich bei dieser knappen Zusammenfassung des Lukrez auch nicht, wenn er ebenso wie sein geistiger Vater Epikur von der katholischen Kirche verfolgt bzw. unterdrückt und verdammt wurde. “Epikureismus” war einer der beliebtesten Vorwürfe der Inquisition. Dabei wurde weniger an ausschweifenden Lebensstil gedacht (den pflegten die Bischöfe ja selber zu gerne), sondern an den Atomismus, der die “Wandlung” des Altarsakraments bestritt, und an die Lehre von der Sterblichkeit der Seele, denn sie entzog dem Bußsakrament jegliche Legitimation. Die Kirche erkannte sehr schnell , das ihr damit die Axt an die Wurzel gelegt wurde. Dadurch gerät ihre Macht und somit ihre Existenzberechtigung ins Wanken. Ist Lukrez darum auch heute noch so wenig bekannt im “christlichen Abendland”? Jedenfalls ist das, was er sozusagen aus der Perspektive des natürlichen “gesunden Menschenverstandes” dichterisch verfasst hat, eine Basis, die ganz nahe bei dem liegt, was heute “Leitidee” der Hirnforschung und des Wissens vom Menschen überhaupt ist.

Nein, Geschichte wiederholt sich nicht, aber bisweilen entdeckt man Berührungen über einen Abstand von 2000 Jahren, die doch verblüffend sind. Jedenfalls stelle ich mir Lukrez als fröhlichen Mitdiskutanten vor auf dem Podium derer, die sich bis heute den Kopf darüber zerbrechen, was wir, – was der Mensch denn wissen kann und hoffen darf.

 7. Oktober 2012  Veröffentlicht von am 16:51  Hirnforschung, Wissenschaft Tagged with:  Kommentare deaktiviert
Jul 012012
 

Veränderungen in der intellektuellen Arbeitsweise sind schleichend gekommen, aber unübersehbar und unverzichtbar geworden. Es hat dabei eine Vielzahl “kleiner Revolutionen” gegeben. Ein persönlicher Rückblick.

Letztens fiel mir fast beiläufig auf, wie sehr sich meine Arbeitsweise in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Das ist wohl allen intellektuellen Schreibtisch-Schaffenden meiner Generation so ergangen. Es scheinen Welten zwischen den Anfängen wissenschaftlichen Arbeitens und der heute üblichen Arbeitsweise zu liegen. Ich finde diesen Wandels bemerkenswert und zeichne den Weg einmal nach.

Während des Studiums in den sechziger Jahren waren die Bücher in den Bibliotheken bzw. den “PräBi’s” (Präsenzbibliothek ohne Ausleihe) mit ihren jeweils aktuellen “Apparaten” (=Literatur-Zusammenstellungen) für Seminararbeiten die Arbeitsbasis, die jeweilige Seminarbibliothek der wichtigste Arbeitsraum. Gut, wenn man dort als “HiWi” einen reservierten Platz beanspruchen konnte. Sich Bücher selber zu kaufen, war fast immer viel zu teuer. Das änderte sich erst mit den “Raubdrucken” (nicht lizensierte Nachdrucke mittels Xero-Kopien) der linken “Klassiker”, vor allem der Frankfurter Schule, die auf Büchertischen vor und in den Mensen reichlich und ungehindert angeboten wurden. Dadurch wurde das Angebot wissenschaftlicher Basis-Literatur in der Form preiswerter Taschenbücher beschleunigt, vor allem natürlich durch den Studenten-Boom nach den universitären Neugründungen, die so erst einen relevanten Markt hervor riefen. – Arbeitsmittel waren der Bleistift, Kugelschreiber, Schreibblock und (neueste Mode damals) Karteikarten. Man exzerpierte, notierte wichtige Gedanken aus dem Gelesenen, schrieb Zitate und Fundstellen ab. Auch die eigenen schriftlichen Arbeiten wurden zunächst noch handschriftlich erstellt; meine erste Proseminar-Arbeit in einem exegetischen Fach (Theologie)  habe ich tatsächlich handschriftlich verfasst und abgeliefert.

Dann ersetzte die Schreibmaschine (“Tippa”) die handschriftliche Fassung, was allerdings immer noch hieß, dass man seine eigene Arbeit handschriftlich zumindest skizzierte, wenn nicht gar als ganzen Entwurf verfasste, um diesen dann maschinell abzuschreiben. Das konnte man gut zu Hause machen, wie sich überhaupt mit den Verbesserungen der Bibliotheks-Ausleihe, mit der wachsenden Zahl eigener Bücher und eben den selber angelegten “Zettelkästen” der Arbeitsplatz stärker ins eigene Studierzimmer verlagerte. Der Arbeitsvorgang selber blieb aber ziemlich unverändert: Lesen, exzerpieren, diskutieren (im Seminar, mit Kommilitonen, privat), Ideen skizzieren, Gliederung entwerfen, Zitate sammeln und zuordnen, erste (hand-) schriftliche Fassung einer wissenschaftlichen Arbeit. (Man erkennt schnell: Auch plagiieren blieb mühselig…)

Das änderte sich mit dem allmählichen Aufkommen von Personal Computern. Mein erster IBM-286 in den achtziger Jahren war zwar ein technischer, zumal teurer Luxus mit damals atemberaubenden Fähigkeiten, aber das Schreibprogramm “Textomat” ersetze doch bestenfalls die Schreibmaschine. Nur der Ausdruck der Nadeldrucker ließ mit ihren Pünktchen-Buchstaben gegenüber einer guten Schreibmaschine noch sehr zu wünschen übrig. Das Tollste an dem Computer-Schreibprogramm war dreierlei: die Möglichkeit des “Formatierens” des Textes unmittelbar beim Schreiben (wenngleich mit eigens zu erlernenden “Steuerzeichen”), die unglaublich bequeme eigenhändige Text-Korrektur (die einfache “backspace” – Taste im Vergleich zum “TippEx”-Verfahren an der mechanischen Schreibmaschine) und endlich das bequeme Speichern auf Floppy-Disk, von der man dann den Text beim nächsten Mal einfach laden konnte. Das war schon alles genial, aber doch noch recht verspielt, wie überhaupt die neuartige Computertechnik damals noch kräftig zum Schrauben und Löten einlud. Ein Effektivitätsgewinn machte sich erst allmählich bemerkbar. Denn beachte: Ich habe die Funktion “Copy&Paste” noch nicht erwähnt, sie konnte ihr wahrhaft revolutionäres Potential noch nicht richtig entfalten, denn was und woher hätte man kopieren sollen? Die Funktion diente anfangs allenfalls für das eigene Umsortieren von Textteilen innerhalb des Gesamttextes – auch schon eine weiterführende Möglichkeit. Dies war in etwa der technische Stand, als ich meine Doktorarbeit schrieb: Die wissenschaftliche Arbeitsweise war immer noch dieselbe wie 10 Jahre vorher, aber der PC bot sich doch als eine neue Technik an. Meine Diss Anfang der achtziger Jahre ist allerdings noch komplett auf der Schreibmaschine entstanden. Doch sehr bald wurden Arbeitspapiere für Oberseminare und Kolloquien am PC verfasst und ausgedruckt: Der PC diente nun als “intelligente” Schreibmaschine (und Spielzeug natürlich: Knowy, Sokoban!).

Die größte Veränderung in der tatsächlichen Arbeitsweise ist erst in den vergangenen 10 Jahren mit der rasanten Ausbreitung des Internet eingetreten. Was war “dazwischen”? Nun, es passierte eine Menge: Der Mac war da mit grafischer Oberfläche, wow, daraufhin Windows 95 mit Word und DBase (ich kenne beides noch als DOS-Programme), die nun “im Fenster” liefen, das waren schon deutliche Verbesserungen, die aber immer noch sehr viel Puzzelei und Fisselarbeit erforderten und dadurch für den eigenen Arbeitsplatz am Schreibtisch kaum Effizienzgewinne brachten. Auch erste online “Communities” verbreiteten sich, allerdings noch nicht über das Internet, sondern, wie die Newsgroups, zuerst im Newsnet oder im hierarchisch strukturierten Fido-Net. Als “Node” konnte man dort erste Erfahrungen mit demjenigen Phänomen sammeln, das man Jahre später in breiter Form als social media kennen lernte.

Der Internet-Browser (erst Mosaic, dann Netscape und die “Schlacht” um den Internet Explorer) öffnete dann tatsächlich die Tür zu neuen Welten. Email war bis dahin in meiner Erinnerung weniger wichtig, weil wer hatte schon eine Email-Adresse und konnte damit auch umgehen? Auch das “Surfen” zu interessanten Webseiten war schon doll, aber es blieb mühselig, sich all die wichtigen Webadressen zu notieren, denn Bookmarks waren beim allfälligen Computer-Absturz verschwunden. Das, was dann aus meiner Sicht zu einer völlig veränderten intellektuellen Arbeitsweise, ja zu einer praktischen Revolution am Schreibtisch (jetzt mit unverzichtbaren PC) führte, war – Google. Diese Suchmaschine war der Hammer. Sie machte die bis dahin so wichtigen Linksammlungen und thematischen Linkverzeichnisse, auch Themenportale wie Yahoo Schritt für Schritt immer überflüssiger. Google machte das WWW überhaupt erst zugänglich und benutzbar: man konnte und lernte “googeln”. – Der zweite Name, der zu dieser Mini-Revolution gehört, lautet für mich Wikipedia: eine freie, sehr schnell wachsende Enzyklopädie des weltweiten Wissens. Das waren wirklich ungeahnte Möglichkeiten, die sich nun auftaten! Der Rest ist nun bekannt. Das Web, online Communities, Social Media wie Twitter, Facebook und Google+ sind nicht mehr wegzudenken.

Heute sieht meine Arbeitsweise so aus, dass ich ständig zwischen Büchern, Texten im Netz, eigenen Skizzen und Entwürfen am Computer, zum wachsenden Teil ebenfalls “im Netz”, hin und her wechsle. Solange wissenschaftliche Bücher und Fachliteratur noch nicht als eBooks zu haben sind (Fachaufsätze teilweise schon), wird das auch so bleiben. Ich empfinde das auch nicht als Hindernis, sondern als sinnvolle und unverzichtbarte Ergänzung. Die Arbeitsweise mit Büchern für sich genommen hat sich bei mir kaum verändert, gelernt ist halt gelernt: lesen, exzerpieren, Notizen sammeln usw. Immer öfter tritt allerdings, ich bekenne es, der Scanner hinzu, um Textschnipsel und Zitate digital verfügbar zu haben. Denn das “Produkt” entsteht nun vollständig digital. Entscheidend kommt hinzu, dass nun die aktuelle Diskussion aus Zeitungen, Zeitschriften, Diskussionsforen und online Medien sowie Darstellungen von einschlägigen Webseiten einen wesentlichen Bestandteil des Jetztzeit- und Umwelt-Horizontes darstellen, also die tägliche “Referenz” geworden sind, von der her und auf die hin sich die intellektuelle Arbeit bezieht und auf die sie auch immer stärker orientiert ist. Bücher alleine reichen mir für meine heutige Arbeitsweise schon längst nicht mehr, aber auf das im Buch (gerne dann auch digital) geronnene, konzentrierte und strukturierte Wissen verzichten könnte ich dennoch nicht. Das ist vielleicht eine generationsbedingte Gewohnheit, vielleicht aber auch mehr. Denn es geht doch darum, bei allen aktuellen Verknüpfungen, bei allem Fließen der Meinungen und Argumente, bei der “Verflüssigung” des Wissens selber auch einmal inne halten zu können und ein Problem, eine Sache, eine Fragestellung sozusagen “eingefroren” auf den gerade zufälligen Ist-Stand fest zu schreiben, darzulegen und zu beschreiben. Oft werden erst durch dieses temporäre Innehalten, durch dieses objektivierende Zurücktreten und durch eine methodisch erzwungene Sachlichkeit und Nüchternheit Konturen und Strukturen sichtbar, die im oft schrillen Getümmel der Meinungen und Äußerungen überlagert und verdeckt werden. Insofern bleibt meine, ich möchte vermuten “die” intellektuelle Arbeitsweise weiterhin auf den eigenen Platz, das Studierzimmer und den Schreibtisch mit Büchern und Computer bezogen.

Das Schöne ist: Ich kann mich zeitweise vom Netz ausklinken, kann den Computer und das Smartphone abschalten. Ist manchmal nötig. Aber das Netz reicht bis zu mir an den Schreibtisch; die “fließende Welt” ist unglaublich nah und direkt und intensiv geworden. Dies ist vielleicht die größte Veränderung bei aller intellektuellen Tätigkeit. Das “stille Kämmerlein” gibt es nur noch sehr begrenzt. Vielleicht ist das gut so.

 1. Juli 2012  Veröffentlicht von am 13:02  Computer, Geschichte, Google, Internet, Wissenschaft, WWW Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Jun 292012
 

Drei Bemerkungen und eine Anregung zur weitergehenden Diskussion über das Kölner Beschneidungsurteil.

Die teilweise heftigen Reaktionen und Diskussionen auf die Berichterstattung zu dem Beschneidungs-Urteil der Kölner Richter (siehe vorigen Beitrag hier im Blog) offenbaren die erwartbaren Positionen. Da sind auf der einen Seite die Vertreter der Religionsgemeinschaften, insbesondere der betroffenen Juden und Muslime, die wie Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, oder Sprecher islamischer Verbände nach einem religiösen Ausnahmerecht rufen um der “Religionsfreiheit” willen, übrigens in letzthin öfter gesehener Allianz mit der Katholischen Bischofskonferenz. Da sind auf der anderen Seite die zahlreichen Verteidiger des Urteils, überwiegend unter Berufung auf die allgemeine Verbindlichkeit und Gültigkeit der Menschenrechte, in diesem Falle des Rechts auf körperliche Unversehrtheit, und / oder auf die Grenzen, die auch der Religionsfreiheit gesetzt sind, die ja eine Freiheit des selbstbestimmten Einzelnen sei und nicht die vermeintliche Freiheit von Religionsgemeinschaften gegenüber dem Gesetz.

Drei Bemerkungen dazu:

1) Die Rufe nach einem Sonderrecht für Religionsgemeinschaften (Scharia?) sind schon etwas abenteuerlich, denn wodurch sollte ein solches Sonderrecht begründet werden? Allein die bestehenden Sonderrechte (Kirchen als Körperschaften Öffentlichen Rechts, Kirchensteuereinzug durch den Staat, Sonderrolle der Kirchen beim Arbeitsrecht, Eigenständigkeit eines Kirchenrechts “nach innen”) sind schon problematisch genug. Ihre Aufrechterhaltung nach 1945 ist nur aus der besonderen geschichtlichen Situation nach dem Ende des Nationalsozialismus zu erklären. Hier sind aber aufgrund der völlig veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen heute eher Veränderungen im Sinne der weiteren Begrenzung dieser Sonderrechte (vor allem im Arbeitsrecht) zu erwarten und zu wünschen, und keinesfalls eine Ausweitung.

2) Sowohl der Strafrechtler Putzke (siehe voriger Beitrag) als auch der ihn unterstützende Beitrag von Markus C. Schulte von Drach in der SZ (Gegenposition zu M. Drobinski) heben stark auf den “archaisch rituellen” Charakter der Beschneidung ab. Hier gehe es um ein blutiges “Gottes-Opfer” aus dem Kontext einer Gesellschaft vor über 4000 Jahren, das eine nicht rückgängig zu machende “Bevormundung” der unmündigen Kinder darstelle und der aufgeklärten “Freiheit der mündigen Bürger” widerspricht. Abgesehen davon, dass die Beschneidung religionsgeschichtlich weniger ein Gottesopfer als vielmehr ein Initiationsritus ist, dessen Schmerzhaftigkeit und prägender Erinnerungscharakter (Trauma) gerade ursprünglicher Sinn der Handlung ist, zeigt die sich in diesen Voten ausdrückende Haltung eine gewisse rationalistische Überheblichkeit gegenüber den Religionen. Wer einem religiösen Glauben anhängen möchte, darf das eigentlich nur als voll eigenverantwortlicher Erwachsener -, als sei religiöse Verbindlichkeit ein etwas antiquierter Makel, den man vernünftigen Menschen und kleinen Kindern schon gar nicht zumuten dürfe. Die Vertreter dieser Position sollten sich vielleicht etwas ernsthafter mit dem Phänomen der Religion und dem Sinn der Riten der Religionen beschäftigen. Die Tatsache, dass die Kirchen Mitglieder verlieren, bedeutet noch keineswegs, dass unsere Gesellschaft religionsloser würde: Im Gegenteil, die bunte Vielfalt religiöser Gruppen und Gemeinden und die Verbreitung esoterischer Interessen widerlegt den angeblichen areligiösen “Rationalismus” unserer Gesellschaft augenscheinlich. Inwiefern diese Lebenswirklichkeit der Religionen mit der zu fordernden “weltanschaulichen Neutralität” des Staates immer wieder kollidiert und die Grenzlinie zwischen Staat und Religion / Weltanschauung demnach immer wieder neu bestimmt werden muss, steht auf einem anderen Blatt. Es ist eine offenbar nie erledigte Aufgabe.

3) Unbehagen bereitet mir das Insistieren auf der “körperlichen Unversehrtheit”. Kein Missverständnis: das ist ein absolut wichtiges Grundrecht, dessen Beachtung und ggfls. strafrechtliche Durchsetzung für unsere Gesellschaft wesentlich ist. Aber die unbestrittene Rechtsnorm ist das eine, die faktische Erzwingung das andere. Warum sehen Rechtswissenschaftler und Richter jetzt den Zeitpunkt für gekommen, das, was “bisher [unter] einem gewissen Schutz … relativ ungestört vollzogen werden konnte” (Putzke), nun vor den Schranken des Gerichts auszutragen? Die Feststellung, dass die Beschneidung “medizinisch sinnlos und unnötig sei”, kann allein der Grund kaum sein, denn das ist früher auch schon vertreten worden, oder ist man erst heute so weit, einer sehr eng geführten rein somatischen Konzeption von Gesundheit und Unversehrtheit entsprechen en zu können? Was ist mit der seelischen  Gesundheit und Unversehrtheit? Gehört die nicht zum “Körperlichen”? Bleibt ein umfassenderes psycho-somatisches Verständnis von Gesundheit und Unversehrtheit der Person nunmehr ausgeschlossen? Das wäre allerdings eine ganz erhebliche Gewichtsverlagerung, vielleicht sogar ein Paradigmenwechsel. Spielt da die weltanschauliche Dominanz des “physikalischen Realismus” und die durch die Hirnforschung ausgelöste Debatte um “Geist und Gehirn” eine Rolle? Welche durch diese juristische Neubestimmung damit zugunsten einer einseitigen Körper-Hirn-Ausschließlichkeit entschieden wäre?  Sicher ist jedenfalls, dass ein Verständnis von “körperlicher Unversehrtheit”, das auch die seelische, also psychische Gesundheit mit einbezieht, sehr viel schwieriger zu fassen und wahrscheinlich überhaupt nicht justitiabel wäre. Wie sollte man “Geborgenheit”, “Akzeptanz”, “Liebe”, “Zuwendung” denn juristisch in der fälligen Beweisaufnahme fassen und bewerten? Oder ist der jetzt eingeschlagene Weg des Gerichts nur der Weg des geringsten Widerstands, der meint, dem “wissenschaftlichen Fortschritt” entsprechen zu müssen?

Fazit: Vielleicht wäre das Kölner Gericht doch gut beraten gewesen, so weise zu entscheiden wie die Bundesrichter beim Verfassungs- und Verwaltungsgericht in der Frage des Schächtens (siehe voriger Beitrag). Denn hier wurde die Norm zwar behauptet, aber dennoch der Weg zu einer praktikablen und auflagenbewehrten Ausnahmeregelung für Religionsgemeinschaften beschritten. Könnte dieser Weg nicht auch in der Frage der Beschneidung gangbar sein? Wir werden sehen. Möglicherweise wird demnächst das Bundesverfassungsgericht zu entscheiden haben. Der gesellschaftliche Diskurs zu diesem Thema “Sinn und Grenzen der Religionen” sollte weitergehen.

UPDATE 30.06.

Erstaunlich, auch in Israel gibt es eine kleine Bewegung gegen die Beschneidung, und das, wo das Judentum Staatsreligion und die Beschneidung gesetzliche Pflicht ist. Hier der FAZ-Artikel dazu.

UPDATE 01.07.

Ein differenziert argumentierender Beitrag von Marina Weisband mit einer recht typischen wenig ergiebigen Internet-Diskussion.

 29. Juni 2012  Veröffentlicht von am 13:38  Freiheit, Geist, Gesellschaft, Hirnforschung, Kirchen, Kultur, Menschenrechte, Religion, Vernunft, Wissenschaft Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Jun 062012
 

Bedeutung von Geschichte ist Deutung von etwas, das sich deuten lässt, das aber auch auf Deutung angewiesen ist. Ein kleiner Nachtrag zu den einleitenden Bemerkungen des vorigen Blogbeitrages.

Eine sehr schöne Übersicht über den Stand der geschichtswissenschaftlichen Diskussion um ihr “Erkenntnisproblem” in Auseinandersetzung mit dem “linguistic turn” und der  ”postmodernen” Befindlichkeit gibt Hans-Jürgen Goertz, inzwischen emeritierter Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Hamburg. In dem Reclam-Bändchen “Unsichere Geschichte. Zur Theorie historischer Referentialität” (2001)  setzt er sich sehr eingehend, konzentriert und umsichtig mit dem Streit in der historischen Wissenschaft der letzten Jahrzehnte auseinander. Um den “linguistic turn” geht es natürlich, um “postmodernen” Konstruktivismus der Wirklichkeit als “Text” oder Textur, um den Charakter der “Narrativität”, der der historischen Wissenschaft als Geschichtsschreibung wesentlich zukommt, kurz gesagt um das Problem “historischer Referentialität”: Wie erkennt der Historiker seinen Gegenstand, was ist überhaupt sein Gegenstand, wie ist er zugänglich und welcher Methoden kann er sich dabei bedienen? Löst sich alles in Textualität, nicht nur in Kontextualität, auf? Welche Bedeutung hat der Zusammenhang von “Geschichte” und der Erzählung von “Geschichten”, was also ist die “narrative Grundbefindlichkeit” des Historikers? Kann er anders denn durch eine “Erzählung” und damit mittels einer sprachlichen Konstruktion (Literatur) einen geschichtlichen Gegenstand in seiner Bedeutung erkunden? Was überhaupt ist der Gegenstand, ein “brutum factum” oder bereits ein “historisches Factum” mit eigener Verweisstruktur? Inwiefern kann die “Tropologie”, d.h. der Gebrauch einer allgemein als sinnvoll erkannten Redeweise und Begrifflichkeit (“Rede-Wendung”, z.B. Reformation,  Holocaust) Bedeutung enthalten und aufschließenden Charakter für das Verständnis geschichtlicher Ereignisse haben? Welches ist dabei letztlich die Rolle des Historikers, des “Referenten” vergangener Geschichte, in seiner eigenen Gegenwart?

Letztlich hat diese teilweise sehr heftige und engagiert geführte Diskussion – natürlich auch immer wieder auf dem Hintergrund grundsätzlicher ideologischer Differenzen – unter den Historikern doch so viel erbracht:

1. von Rankes gleichsam “außergeschichtliche” Aufgabenstellung für den Historiker, einfach “festzustellen, was war”, muss scheitern. Der Historismus war eine Errungenschaft der Aufklärung, musste selber aber wiederum “entmythologisiert” werden. Bloße bruta facta, “Daten”, sind noch keine Geschichte, und Geschichte ist mehr als die chaotische Ansammlung von Daten aus der Vergangenheit. Dieses “mehr” aber gilt es bewusst zu machen, sachlich wie methodisch.

2. Das Referenzverhältnis besteht zwischen heutigem Historiker und dem, worauf die bloßen Daten verweisen: ihre gleichsam innewohnenden Referenzen, Zusammenhänge, die aufgrund der historischen Fragestellung des Referenten sowohl aufgespürt als auch an die Daten herangetragen werden. So besteht ein Wechselverhältnis zwischen der den Fakten möglicherweise eigenen Verweisstrukturen und der Referentialität, die der Forschende aus seiner Fragestellung heraus (“Wie kam es zum Ersten Weltkrieg?”) an die Geschehnisse der Vergangenheit heran trägt.

3. Hinzu kommt die unhintergehbare Vermittlungsfunktion der Sprache, sofern Geschichte immer schon als “Text” begegnet und in einem neuen Text erzählt werden will. Nur so kann sich Zusammenhang und Bedeutung erschließen und “Geschichte” aus der Vergangenheit als Konstruktion der Gegenwart (mit ihren Fragen und Leitideen) ‘vermittelt’ werden. Das berühmte “Aha-Erlebnis” beim Lesen eines Geschichtsbuches ist immer begründet in einer bestimmten Bedeutung, die etwas für die Jetztzeit gewinnt (“Aha, darum ist das also heute so.”)

Ich lasse hier einmal Hans-Jürgen Goertz selber zu Wort kommen, dem im Hinblick auf die Grundsätzlichkeit der Diskussion um Aufgabe und Methodik des Historikers vollkommen zuzustimmen ist, wenn er in Auseinandersetzung mit Chris Lorenz schreibt:

Doch hier gilt nur ein Entweder-Oder: Wer sowohl von Konstruktion als auch von Rekonstruktion spricht, hat sich noch nicht auf die Radikalität dieses neuen Geschichtsverständnisses eingelassen. Im übrigen wird nicht die Vergangenheit konstruiert, als ob es sie sonst nicht gäbe, konstruiert wird die Geschichte. Nicht alles, was vergangen ist, ist Geschichte. Aus dem Amorphen des Vergangenen wird zur Geschichte nur das, was eine Gestalt, und das heißt, eine Sprache erhält. Um den Gedanken wieder aufzunehmen: Der konstruktivistische Ansatz ist als die äußerste Anstrengung zu verstehen, der »historischen Realität« abzutrotzen, was von ihr zu erkennen möglich ist. [a.a.O. S. 37]

Denn darum geht es ja: Aus dem “Amorphen” des Vergangenen etwas zu gewinnen, was des Erzählens wert ist, weil es als Äußerungen und Verhalten von Menschen eine Bedeutung hatte und eine Bedeutung für uns gewinnen kann. Das, ‘was ist’ als solches, ist nichts, – und darum auch nichts, was uns interessieren könnte. Nur die erzählte Geschichte, die Zusammenhänge und “Bedeutungen”, die wir konstruieren, machen aus Geschehenem “etwas” und können für uns als “Geschichte” interessant werden.

 6. Juni 2012  Veröffentlicht von am 18:00  Geschichte, Kultur, Wissenschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Mai 312012
 
 Reicht “wissenschaftlich” als Kriterium der Wirklichkeit? In welcher Perspektive wird geforscht und gedacht? Welches sind unsere speziellen kulturellen Bedingtheiten? Keine neuen Fragen, aber stets wichtige. Und aktuell besonders notwendige.

Wir neigen oft dazu (und ich kann mich selbstverständlich nicht davon frei sprechen), die Ereignisse um uns herum aus einer sehr einseitigen Perspektive wahrzunehmen. Zusätzlich zu unseren subjektiven Bedingtheiten und zu unseren individuellen Vorlieben setzen wir unsere geistigen Auseinandersetzungen, Diskussionen und Diskurse in Buch, Zeitschrift oder im Netz auf eine Perspektive auf, die durch unser Herkunftsland und -sprache bestimmt ist. Es ist deswegen normalerweise die deutsche Perspektive. Manchmal gelingt uns auch schon eine europäische Perspektive, allerdings selten genug, wie sich gerade in der sehr nationalstaatlich geführten Politik-Debatte über die Euro-Schulden-Sonstwas-Krise zeigt. Geschichtsbetrachtungen freilich, seien es mehr belletristisch-feuilletonistische Essays oder historische Rekonstruktionen auf der derzeit gültigen wissenschaftlichen Basis, lassen sich schwerlich auf eine nationale Perspektive begrenzen, ist die nationale Idee und die Praxis der Nationalstaaten doch eine recht junge Erscheinung in Europa. Litereraturgeschichte, Kunstgeschichte, Musikgeschichte, Philosophiegeschichte, Wissenschaftsgeschichte usw. sprengen den nationalstaatlich begrenzten Rahmen. Kultur ist international, sagen wir dann leichthin, meinen damit aber im Allgemeinen nur, dass sie nicht nur rein “deutsch” verständlich zu machen ist. Meist unbedacht bleibt dabei aber die Voraussetzung, dass es selbstverständlich eine europäische Betrachtungsweise ist. Denn Kultur- und “Geistesgeschichte” gibt es nur in Europa, oder etwa nicht?

Dumme Frage, natürlich nicht, klar. “Natürlich” gibt es anderswo auch Kultur und Geist und Geschichte, aber eben halt eine “andere”, und die hat mit “unserer” europäischen wenig zu tun, hat es den Anschein, – zumindest sehr wenig zu tun mit der Perspektive, aus wir tagtäglich lesen – schreiben – denken – reden – diskutieren. Die “andere” Kultur kommt allenfalls als etwas Exotisches, Touristisches in den Blick, in der großstädtischen Nachbarschaft allenfalls als “Multi-Kulti”, aber “normalerweise” sind wir eben nur “bei uns” daheim. “Bei uns” ist dann die spezifisch deutsche – europäische – westliche – abendländische (womöglich noch christlich geprägte) Umgebung. Sie prägt uns in alltäglicher Handlung wie im alltäglichen Denken viel mehr und stärker, als es uns bewusst ist. Für den Alltag reicht das doch auch, meinen wir.

Ich bin da nicht mehr so sicher.  Schaut man nämlich genauer hin, dann wird es auch bei heute aktuellen Diskussionsthemen (z.B. Urheberrecht bzw. Einstellung zur “Kopie”, oder Energiepolitik oder ‘digitaler Revolution’) zu unterschiedlichen Beurteilungen führen je nach dem, welchen Standpunkt ich “global” einnehme und welche Perspektive ich wähle. Ich möchte das an einem Punkt verdeutlichen, der zum allgemeinen Konsens in unserer Kultur zählt, dass nämlich die wissenschaftlich-technisch-industrielle Revolution auf den spezifisch abendländischen Tugenden und Voraussetzungen beruht. Dies aber kann begründet bezweifelt werden. Lesen wir dazu einmal bei dem US-Historiker Robert B. Marks nach, was der über den oft hergestellten Zusammenhang zwischen abendländischer Wissenschaft und industrieller Revolution schreibt:

Es gibt jedoch kaum Anhaltspunkte dafür, die europäische Wissenschaft in Verbindung mit den Anfängen der Industriellen Revolution oder mit ihren revolutionären technischen Neuerungen zu bringen. Dies hat vielerlei Gründe….

So lange man glaubte, die Industrielle Revolution sei von der Suche nach Arbeit sparenden Maschinen in Gang gesetzt worden, mag es sinnvoll gewesen sein, den technologischen Fortschritt als entscheidendes Merkmal anzusehen. Woran es aber tatsächlich mangelte, war – wie oben gezeigt – Boden, nicht Arbeit: Folglich waren es Kohle und Kolonien, die diesen Mangel behoben und es England ermöglichten, sich als erstes Land zu industrialisieren. Grundsätzlich waren die Prinzipien der in der Industriellen Revolution verwendeten Technologien in China bereits bekannt. Was ihre Entwicklung in England statt in China möglich machte, waren – wie zuvor angedeutet – die besonderen Umstände in England, die den Brennstoff [Kohle] für die ersten, außergewöhnlich ineffizienten Dampfmaschinen praktisch frei verfügbar machten. China hatte dieses Glück nicht.

Selbst wenn wir den neuen Technologien – besonders Dampfmaschinen, der Eisen- und später Stahlproduktion – eine namhafte Rolle in der Industriellen Revolution beimessen wollen, gibt es kaum Belege dafür, dass die Mechaniker und Tüftler, die solche Maschinen erfanden, „Wissenschaftler” waren oder dass sie überhaupt wissenschaftliche Kenntnisse besaßen….Industrialisierung in England war also durch eine Unmenge Faktoren bedingt, zu denen freilich die wissenschaftliche Revolution nicht gehörte. [Robert B. Marks, Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte, 2006 (US: 2002), S. 133f.]

Vielmehr lagen die “besonderen Umstände” unter anderem im Silberbedarf des frühneuzeitlichen Chinas begründet, den man mit dem südamerikanischen Silber, also aus kolonialer Ausbeutung der Erze, befriedigen und damit Handelsströme umlenken und Machtgewichte neu bestimmen konnte. Sind “Kohle und Kolonien” (und Sklaven) dann also nur die historischen “Zufälle”, die zum überraschenden Überholen und dann Vorsprung des Westens gegenüber Indien und China führten? So liest es sich bei Marks. Der “ideengeschichtliche” und durch wissenschaftliche Forschung getriebene “Fortschritt” erweist sich dann als Mythos, gewissermaßen als Gründungsmythos der Überlegenheitsepoche der abendländischen Zivilisation. Ganz kurz auf die Gegenwart geschlossen: Die heutige (Wirtschafts-) Politik Chinas und Indiens holt also nur einen Entwicklungsschub nach, natürlich heute unter ganz anderen globalen Bedingungen, den die westliche Welt im 18. / 19. Jahrhundert begründete und durch mehrere “Weltkriege” (auch der Krimkrieg war ein solcher) zu einseitigem Vorteil zu zementieren suchte. Aus chinesischer Perspektive muss allein um der eigenen kulturellen Tradition und Selbstbehauptung willen sowohl die Debatte um die in der abendländischen Aufklärung begründeten “Menschenrechte” als auch um das Eigentumsrecht an “Originalen” und die Verteufelung und letztlich Kriminalisierung von “Kopien” ganz anders geführt und mit sehr anders gelagerten Begründungen und Selbstverständnissen unterfüttert werden, als “uns” das westlich selbstverständlich und aufgeklärt-humanitär gerechtfertigt zu sein scheint. Auch “Wissenschaft” hilft da nicht so einfach weiter, weil das Verständnis von dem, was als “wissenschaftlich” zu gelten hat, ebenfalls kulturell und damit perspektivisch bedingt ist.

Was hilft, ist zu aller erst die Augen über den Tellerrand der abendländischen Perspektive zu erheben. Es ist darum sehr hilfreich, wenn auch einmal “Weltgeschichte” nicht aus europäisch-abendländischer” Perspektive geschrieben wird, sondern aus einer globalen Perspektive heraus (siehe das zitierte lesenswerte Buch von Robert Marks), die sich natürlich nie vollständig von der eigenen Herkunft lösen kann. Und das muss ja auch nicht sein. Nur bewusst sollte es sein, aus welcher Perspektive man denkt, liest, redet, schreibt, diskutiert. Der seitens mancher “Netizens” oft etwas verbissenen ideologischen Diskussion um das Ausmaß und die inhaltliche Tragweite (“Paradigmenwechsel”) dessen, was zunächst einmal mit dem Arbeitstitel “digitale Revolution” versehen werden kann, täte es auch sehr gut, sich ihrer eigenen westlich-wissenschaftlichen “Borniertheit” bewusst zu werden und das, was jetzt aus “unserer” Sicht selbstverständlich “dran” ist, in den weiteren Horizont einer globalen, wirklich interkulturellen Diskussion und Perspektive zu stellen. Den Diskurs dazu muss man allerdings erst erfinden. Das “Weltwirtschaftforum” in Davos allein (Vorsicht, Ironie) kann es ja wohl kaum sein.

 31. Mai 2012  Veröffentlicht von am 13:29  Europa, Geschichte, Kolonialismus, Kultur, Neuzeit, Wissenschaft Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert