Apr 172013
 

In einem Vortrag des Forums Offene Wissenschaft der Uni Bielefeld sprach der linke Altmeister der deutschen Politologen Arno Klönne zum Thema “Christliche Fundamentalisten in Deutschland – Konsequenzen des Abschieds von der Volkskirche”. Er legte dar, wie die wachsende Zahl “fundamentalistischer” Gruppierungen innerhalb und außerhalb der christlichen Großorganisationen (evangelische und katholische “Volkskirchen”) als eine Reaktion auf die Moderne, nämlich als deren Ablehnung und Abwendung von ihr, verstanden werden kann. Dabei unterstrich Klönne, dass der Begriff “Fundamentalismus” recht unscharf gebraucht und oftmals mit Terrorismus verbunden werde und darum näher bestimmt werden müsse. Er markierte vier Kennzeichen christlich-fundamentalistischer Gruppen und Strömungen:

  1. Enthistorisierung des eigenen Weltbildes
  2. Abkehr vom pluralistischen Wertesystem
  3. Unfähigkeit zum Dialog
  4. Aggressiver Hang zur “Missionierung”

1. Enthistorisierung meint, dass die eigenen Glaubensinhalte und Wertvorstellungen, die das jeweilige religiöse Weltbild prägen, als unverrückbar und dem historischen Wandel entzogen gelten. Die eigenen Glaubensaussagen werden entweltlicht und haben quasi Ewigkeitscharakter. Dementsprechend sind auch die Wertvorstellungen unhinterfragbar vorgegeben, zum Beispiel in der Familienethik oder Sexualmoral.

2. Dieser Herauslösung der eigenen Glaubensinhalte und Wertvorstellungen aus dem Fluss des geschichtlichen Wandels hypostasiert diese zu über- oder ungeschichtlichen Größen. Sie sind damit auch der gemeinschaftlichen Diskussion oder auch der gesellschaftlichen Kommunikation entzogen. Es geht allenfalls um die zeit- und situationsgerechte Anwendung dieser unverrückbaren Wahrheiten. Gleichrangige andere Glaubens- und Wertsysteme sind damit undenkbar geworden. Die eigenen Glaubensinhalte und Wertsysteme werden zur ewigen Wahrheit erklärt, die aus pluralistischen Denk- und Lebensweisen heraus fallen.

3. Aus dieser hochgradigen Selbstbezogenheit und Selbstgewissheit, im Besitz der allein richtigen und unwandelbaren Wahrheit zu sein, ergibt sich die Unfähigkeit zum Dialog. Ein Gespräch mit Andersgläubigen (auch ‘andersgläubigen’ Christen und Mitgliedern der eigenen Kirchen) kann nur nach taktischen Gesichtspunkten erfolgen, um den “Dialogpartner” für sich zu gewinnen. Der eigene Standpunkt steht dabei niemals ernsthaft zur Disposition. So wird das Gespräch letztlich nur monologisch geführt unter der taktischen Hülle eines “Dialogs”.

4. Glaubt man sich selber im Besitz letztgültiger Wahrheiten, eingeschlossen in vorgegebenen Glaubensgrundlagen und Grundsätzen (Fundamenten), dann kann sich mit der eigenen Haltung ein massiver Drang zur Missionierung verbinden, um “die Welt” vom “falschen” Weg zu retten und die Anerkennung der Wahrheit und der Wirklichkeit der als allmächtig verehrten eigenen Gottheit zu erzwingen. Spätestens hier werden fundamentalistische Glaubensgruppen politisch bedeutsam.

5. Zusammenfassend kann man diese so bestimmten “fundamentalistischen” Gruppierungen innerhalb und außerhalb der christlichen Großorganisationen als eine Reaktion auf den pluralistischen Wertewandel der Moderne begreifen und sie als antimodernistische Reaktion verstehen. Durch die Enthistorisierung allgemein gültiger Wahrheiten sieht man sich dem nivellierenden Wandel der Zeiten entzogen.

Klönne wies darauf hin, dass solche christlichen Gruppierungen dann und dadurch eine besondere Problematik begründen, dass sie sich immer öfter mit spezifisch “rechtem” politischen Gedankengut verbänden (Rettung des christlichen Abendlandes) und ihrerseits von rechten Gruppen und ihren Organen (“Junge Freiheit“) für sich vereinnahmt würden (Rettung vor Islamisierung und Überfremdung). Gerade die sich bürgerlich gerierende Wochenzeitung “Junge Freiheit” spielt hierbei eine bedeutende Rolle als intellektueller Türöffner. Von den Piusbrüdern bis zu bestimmten evangelikalen Kreisen eröffnet sich in Deutschland ein Feld christlich-fundamentalistischer und zugleich rechts-reaktionärer Strömungen, die besonders dann gefährlich verführerisch werden können, wenn soziale Verwerfungen in unserer Gesellschaft zunehmen. Klönne nannte die wachsende Schere zwischen Arm und Reich und ging davon aus, dass sich Deutschland mittelfristig kaum von den wirtschaftlichen und sozialen Problemen der übrigen Europäischen Union abkoppeln könne. Genau hier erkannte er die gesellschaftliche und politische Gefahr, die von christlichen Fundamentalisten und ihren rechten Gesinnungsgenossen ausgehen können, wenn sie mehr und mehr in die Mitte der Gesellschaft drängen.

Pfingstler

Pfingstler

Man kann der Meinung sein, dass dieses gezeichnete Bild aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich und zu negativ akzentuiert sei, – ganz von der Hand zu weisen ist diese Perspektive allerdings nicht. Gerade dem bürgerlichen und biederen Deckmäntelchen der “christlichen Rechten” kommt einige Bedeutung zu, auch wenn die Verhältnisse bei uns in Deutschland noch meilenweit von der politischen Aggressivität der christlichen Rechten in den USA verschieden sind. Zumindest scheint mir die Aufforderung Klönnes gut begründet zu sein, diesen Gruppierungen in unserer Gesellschaft mehr kritische Aufmerksamkeit zu schenken.

Auch der Hinweis darauf, dass sich manche “fundamentalistischen”, insbesondere evangelikalen Gruppen völlig unpolitisch begreifen und sich und die Ihren “nur” von den verderblichen Einflüssen des modernen Wertepluralismus fernhalten und abschotten wollen, macht deren Einfluss nicht weniger brisant. Zum einen betonte Klönne, dass sich gerade auch rechte Gruppen im kommunalen Umfeld bewusst scheinbar “unpolitisch” verhielten, zum anderen zeigen die Konfliktfelder der evangelikalen Abgrenzung (Schulausflüge, Klassenfahrten, koedukativer Sportunterricht, Verweigerung der Teilnahme am Sexualkundeunterricht, Kreationismus) durchaus gesellschaftspolitische Sprengkraft. Werden hier um des lieben (Schul-) Friedens willen vorschnell und übereifrig Kompromisse im Sinne von Zugeständnissen gemacht, gibt man diesen antimodernistischen Strömungen de facto mehr und mehr Raum mitten in der Gesellschaft. Allein diese Auswirkung sollte von all denen, denen Pluralismus, Individualismus und Liberalität als Kennzeichen der Moderne lebenswichtig sind, genauestens beobachtet werden, um dem fundamentalistischen Anspruch angemessen begegnen zu können.

Leider fehlten in dem klaren und anregenden Vortrag Arno Klönnes (ich habe ihn aus meiner eigenen Sicht paraphrasiert) Zahlen: Wie groß sind diese fundamentalistisch genannten Gruppen, gibt es belegte Zahlen des Wachstums oder nachprüfbare Untersuchungen über ihren gesellschaftlichen Einfluss? Eine erste Übersicht über christliche Gruppen (“Kirchen” und “Sekten”) verschaffen die Aufstellungen des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes. Will man hier aber weder einem selbst gebastelten Feindbild noch der Euphorie eines interreligiösen / interkulturellen Dialogs aufsitzen, sind belastbare Zahlen und wissenschaftlich gesicherte Ergebnisse vonnöten. Das von Klönne skizzierte Szenario möglicher christlich-fundamentalistischer Gefährdungen reicht für sich genommen noch nicht zur Beurteilung der Tragweite dieser Phänomene aus, wenngleich von ihm wertvolle und weiter zu verfolgende Analysen und Hinweise gegeben wurden.

Ferner ist nach Parallelen und Übereinstimmungen mit den Fundamentalismen anderer Religionen zu fragen. Vieles oben Skizzierte ließe sich sicher auch über den islamischen Fundamentalismus aussagen. Dem steht aber zum Beispiel die Interpretation von Olivier Roy entgegen, der den fundamentalistischen Islamismus als eine spezifisch moderne Erscheinung analysiert, nämlich als eine besondere Form der postkolonialen Aneignung der Moderne. Das lässt eine spannende Ambivalenz des Phänomens “neuzeitlicher Fundamentalismus” erkennen und regt zu weiteren Überlegungen und Forschungen an.

Insgesamt war es ein erfrischend klarer und anregender Vortrag dieses zweiundachtzig jährigen Großmeisters der deutschen Politologie.

Mrz 032013
 

Kaum ist man ein paar Tage weg, schon tritt der Papst zurück. Sollte ich öfter verreisen?- Anyway. Anlässlich des Machtwechsels in der katholischen Kirche gerät das Christentum für einen Moment in den medialen Fokus. Ein guter Zeitpunkt, einige immer wieder geäußerte Irrtümer über das Christentum aufzuklären. Manche dieser Irrtümer sind derart verbreitet, dass sie sogar von den Kritikern der Kirchen geteilt werden. Mit “Irrtümern” meine ich nicht die christlichen Glaubensinhalte, denn die sind eben eine Sache des Glaubens und nicht des Wissens. Ein Glaube kann darum nicht eigentlich “irren”. “Irrglaube” ist ein Widerspruch in sich, wird aber gerne als Begriff zur Denunziation von Gegnern der jeweiligen Glaubensrichtung benutzt. Mir geht es um die Dinge, die historisch gut belegt sind und deren Tatsächlichkeit aufklärbar ist.

Ein erster, sehr genereller Irrtum ist die Aussage, es gäbe “das Christentum”.  Es gibt dagegen sehr verschiedene Spielarten einer Glaubensrichtung, die sich mehr oder weniger ausdrücklich auf einen “Christus” beruft, an den sich bestimmte Glaubensinhalte heften. In den Hauptrichtungen des “Christentums” findet sich zwar eine recht große Schnittmenge von Gemeinsamkeiten, aber die Menge der Unterschiede ist von erheblicher Größe. Je nachdem man nur auf Glaubensformeln oder auch auf Traditionen, Lebensweisen und innerreligiöse Machtverhältnisse abhebt, können diese Unterschiede eher größer als die Menge der Gemeinsamkeiten sein. Dies gilt schon für die Hauptströmungen (siehe unten) der römisch-katholischen, der orthodoxen und der reformatorischen Glaubensrichtungen (“Kirchen”), erst recht für die viel zahlreicheren Nebenströmungen (siehe unten) der “erwecklichen”, “pfingstlerischen”, rigoristisch-ethischen oder neo-gnostischen bzw. dualistischen Ausprägungen des Christentums. Das, was wir im Allgemeinen “Christentum” nennen, war von Anfang an ein bunter Strauß sehr unterschiedlicher religiöser Glaubensformen mit einigen gemeinsamen Bezugspunkten (“Christus”, “Offenbarung”).

Die üblich gewordene Redeweise von “Kirchenspaltungen” ist eine sehr tendenziöse Ausdrucksweise jeweils aus der Sicht derer, die sich als die einzig richtige, darum “rechtgläubige” Hauptrichtung verstehen. Die von mir verwandten Begriffe “Haupt- bzw. Nebenströmung” beziehen sich ausschließlich auf die geschichtliche Ausprägung von quantitativ unterschiedlich zu gewichtenden Glaubensformen des Christlichen, unabhängig vom jeweiligen Selbstverständnis, die allein “rechtgläubige” und darum legitime Verkörperung des Christentum zu sein. Denn dieses Selbstverständnis haben alle Strömungen des Christentums, gerade auch ohne Berücksichtigung der zahlenmäßigen Größe: Auch die kleinsten Gruppen können sich zu den “einzig wahren” Christen radikalisieren. Die Unterscheidung “Haupt-” und “Neben-” trägt also nur der historischen Faktizität Rechnung, dass es zahlenmäßig besonders bedeutsame Gruppierungen gibt, die sich gegeneinander als “allumfassend” (=katholisch), als “rechtgläubig” (=orthodox) oder als “evangelisch” (= dem Evangelium gemäß) verstehen. “Reformatorisch” oder “protestantisch” sind dagegen Selbstbezeichnungen bestimmter abendländischer “Kirchen”, die auf die Interpretation ihrer Entstehungsgeschichte (“Reformbewegung”) oder auf bestimmte historische Fakten (Reichstags-Protest) abheben.

Dieser mainstream des Christentums hat sich aber keineswegs, wie stets behauptet, als die “wahre Kirche” aufgrund ihrer “Wahrheit” durchgesetzt, sondern vielmehr unter jeweils sehr unterschiedlichen geschichtlichen Bedingungen aufgrund von sehr konkreten Machtverhältnissen, Machtansprüchen oder Koalitionen mit den jeweils Mächtigen. Damit ist zugleich das weite Feld äußerst verwickelter Interessenkollisionen und / oder -koalitionen unter den jeweiligen kulturellen und politischen Machtverhältnissen angesprochen. Die Christen haben das auch oft genug offen zugegeben, diese Tatsachen aber religiös uminterpretiert durch die schon dem “Kirchenvater” Augustin zugeschriebene Formel “confusione hominum, Dei providentia”, das heißt “trotz Irrtümer der Menschen durch Gottes Vorsehung (geschehen)”. Die “Vorsehung” war dann stets auf der Seite der siegreichen Partei. Dass sich die genannten drei Hauptströmungen des Christentums durchgesetzt haben, hat also mit sehr konkreten “Verbandelungen” mit den Interessen der jeweils Mächtigen zu tun und zum geringsten Teil mit dem vermeintlichen “Wahrheitsanspruch”. Immerhin war der noch heute allgegenwärtige Augustin zu seiner Zeit ein recht umstrittener und als eigensinnig verschriener Bischof (siehe Kurt Flasch, Augustin). Die geschichtlichen Bedingungen der Durchsetzbarkeit der römisch-katholischen, der orthodoxen und der reformatorischen Glaubensrichtungen waren sehr unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen aber die Übereinstimmung mit den Herrschenden bzw. einer Gruppe von Herrschenden zu ihrer Zeit. Geschichtsmächtig wurde also das, was in der Geschichte die Macht auf seiner Seite hatte. Das gilt nicht nur für die Ausformungen der christlichen Religion(en), aber für diese ganz bestimmt.

Im Interessenkonflikt von Macht und Politik haben sich nicht nur organisatorische Strukturen (Cäsaropapismus, Vorrang des römischen Bischofs als “Papst”, der Sum-Episkopat der Fürsten) der heute verbreiteten christlichen “Kirchen” durchgesetzt, sondern de facto auch ihre Glaubenslehren. Das beginnt bei dem oft zitierten gemeinsamen “Glaubensbestand” der altkirchlichen “ökumenischen Konzilien” immerhin mit den zentralen Dogmen der Trinität und der “tatsächlichen” Gottessohnschaft des Christus, setzt sich in dem sich während des Mittelalters herausbildenden Machtprimat des römischen Papstes (nicht nur eines “Ehrenprimats”) fort und findet unter dem russisch-orthodoxen “revival” unter Jelzin – Putin noch lange nicht sein Ende. Die derzeit anstehende Papstwahl in Rom ist in erster Linie mitnichten ein “geistliches”, d.h. spirituelles Ereignis, sondern eines von extremer machtpolitischer Relevanz. Liest man dazu die derzeit einschlägigen Berichte, dann gibt es im Vatikan wieder einmal ein großes Hauen und Stechen, Tricksen und Treten. Genau dies hat über Jahrhunderte Tradition – und führte nicht zuletzt zu langjährigen Doppel- ja Dreifach-Päpsten. Der Vatikan setzt nur auf die Vergesslichkeit der Gläubigen – und auf eine perfekt inszenierte “Heiligkeit”. De facto verbirgt sich im römischen Katholizismus ein heute fast unglaublicher machismo , ein Kampf alter Männer um die Macht innerhalb und außerhalb der “Kirche” (Finanzwelt). Ähnliches ließe sich für die orthodoxen Gruppen zeigen, die stets einen Hang zu den Mächtigen hatten, ob es nun Russen, Serben oder Griechen während der Militärdiktatur waren bzw. sind.

Will man erkennen, was sich sonst noch alles unter dem Sammelbegriff “Christentum” an interessanten und kuriosen Blüten finden lässt, dann muss man sich denjenigen Gruppen zuwenden, die von den machtvollen Hauptvertretern des Christentums als “Sekten” oder “Ketzer” diffamiert und ausgegrenzt wurden. Auch dies begann gleich von Beginn dessen an, was wir Christentum nennen. Schon in der “Bibel”, dem energisch formierten Erfolgsbuch der Mehrheitschristen, lassen sich Spuren ernster Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Glaubensrichtungen (Pauliner, Petriner, Jakobus-Anhänger, Johannes-Christen) finden. Das setzt sich fort mit den Gnostikern, den Thomaschristen, den Apokalyptikern, den Arianern, den Marcioniten, den Manichäern, den Miaphysiten, den – springen wir über die Jahrhunderte, weil die Liste sonst zu lang würde – den Katharern (aus denen eben die “Ketzer” wurden), den Averroisten, den Armutschristen, – und wieder später den Mennoniten, den Adventisten, den Mormonen, den Waldensern, den vielen Alt-, Neu-, Frei-Kirchen. Ein Buch über das Christentum müsste all diese Bewegungen und Glaubensrichtungen mit im Blick haben, wenn man die religiöse Breite dessen darstellen will, was sich unter dem Dach “Christentum” finden lässt. Die Konzentration auf die “geschichtsmächtig” gewordenen Hauptströmungen ist durch nichts anderes als durch eine machtpolitische Perspektive der Kirchenhistoriker bedingte, interessegeleitete Verengung, Zuspitzung, Auswahl.

Es gehört zu den unausrottbaren Irrtümern der Zeitgenossen, das Christentum nur aus dem Blickwinkel der großen Kirchen zu betrachten. Diese legen es allerdings gerade darauf an und prägen auf diese Weise noch Blickwinkel und Zugangswege auch der Kritiker. Christentum ist weit mehr als seine Machtorganisationen und Hauptströmungen. Eigentlich ist die interessanteste Geschichte des “Christentums” seine “Ketzergeschichte”. Aber auch die sogenannten Ketzer sind keineswegs “die Guten”, sind ebenso selbstgerecht und unduldsam, eigensinnig und rechthaberisch (“wahre Kirche”) wie der mainstream. Aber oftmals finden sich bei ihnen verschüttete Gedanken und Impulse, die sich mit entsprechenden Erfahrungen anderer Religionsformen als der christlichen berühren, überschneiden, befruchten und so die Vielfalt religiöser Ausdrucks- und Lebensformen im Verlauf der menschlichen Kulturgeschichte zeigen.

Es gibt nicht die “wahre Religion”, auch nicht diejenige (humanistische) Religion aus Lessings “Ringparabel”. Der Wahrheitsanspruch ist schon der verkehrte Weg. Ob dieser exklusive und gewalttätige Wahrheitsanspruch erst durch die monotheistischen Religionen in die Welt gekommen ist, wie eine interessante These behauptet (Jan Assmann, Die mosaische Unterscheidung), oder ob das Rechthabenwollen (“Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.”) doch mehr zum Fundament des Menschlichen gehört, kann dahin gestellt bleiben. Religion als ein eigenständiger Bereich des Menschlichen kann das Leben des Einzelnen bereichern und erfüllen, kann auch Sinn und Hoffnung vermitteln, kann Impulse zu solidarischem Handeln geben, überhaupt Verantwortung und Gemeinschaft stiften. Darum sollte man Religionen, auch das “Christentum”, eben nicht nur kirchenhistorisch (dominante Sicht der Mehrheit) und auch nicht nur religionshistorisch, (verengt auf eine religiöse Geschichte ohne ihre Interessen an Macht, Geld und  Einfluss) betrachten, sondern allgemein kulturgeschichtlich, soziologisch, psychologisch, sozialgeschichtlich mit all den dort zur Verfügung stehenden Methoden und Modellen.

Bischöfe

Ein letzter Irrtum als aktuelle Zuspitzung. Wenn in Rom ein neuer Papst gewählt wird, so geht es um handfeste Machtpolitik, auch wenn viele Katholiken kindlich von einem neuen “heiligen Vater” träumen. Die Machtstrukturen der römischen Kirche erfordern deren Selbsterhalt, und sei es um des Selbsterhaltes willen: wegen der Privilegien, der Finanzströme, der Abhängigkeiten, der “Leichen” und Skandale, die unter Verschluss gehalten werden müssen. Damit steht diese “Weltkirche” tatsächlich repräsentativ für das offizielle “Christentum” da: Das Christentum ist die geschichtlich vielleicht wirkungsvollste religiöse Form politischer Macht – und die politische Form religiöser Macht überhaupt. Da ist der theokratische Islam im Iran oder in Saudi Arabien nur ein schwacher Abklatsch, wie überhaupt der Islam vom Christentum machtpolitisch viel gelernt hat. Mag einem manche Struktur überholt, “von gestern” und im Niedergang begriffen erscheinen, so sollte man die Virulenz der “alten Männer”, ihrer Dogmen und Herrschaft über die “Seelen” nicht unterschätzen. Christentum ist geschichtliche Gestalt gewordene institutionelle religiöse Macht in unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen. Sie teilt mit aller Macht und allen Mächtigen die Fähigkeit, sich in eigenem Interessen zu wandeln, zu transformieren, selbst unter dem Deckmantel der Tradition. Genau diese Fähigkeit hat den tatsächlichen Erfolg des Christentums begründet. In dieses Schema muss und wird auch der neue “Papst” passen.

 3. März 2013  Veröffentlicht von am 12:44  Geschichte, Kirchen, Kultur, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Feb 042013
 

Wieder einmal fiel mir auf, wie leicht man – absichtlich oder unabsichtlich – sprachlich die Ebenen verwechselt. Beide Male waren es religiös-kirchliche Kurzbeiträge im Radio. Es könnte einem so ähnlich aber auch in anderem Zusammenhang begegnen.

Da hieß es einleitend, der Mensch bestehe ja nicht nur aus Körper, sondern auch aus Seele und Geist. Damit wird an das herkömmliche allgemeine Vorverständnis appelliert, so als habe sich nie etwas geändert, als gäbe es keine Hirnforschung und keine aktuelle Diskussion dazu. Wie immer man dazu steht, dürfte man nicht mehr selbstverständlich und kommentarlos von der tatsächlichen Gegebenheit von drei – ja was denn?  Wesenheiten? Dingen? Gegenständen? reden, die da heißen Körper, Geist und Seele. Der menschliche Körper ist, anatomisch gesehen, ein klar definierter Gegenstand, eine tatsächliche Gegebenheit, ein “Ding”. Ebenso klar ist auch, dass der Mensch als Person nicht ohne Körper denkbar ist. Der tote Körper, der Leichnam, ist keine Person mehr. Er wird nicht nur begrifflich vom lebendigen Köper unterschieden, sondern auch rechtlich. Der tote Körper ist kein Rechtssubjekt mehr. Er ist etwas anderes als “Mensch”, eben die Leiche. Aber auch diese bleibt gegenständlich, tatsächlich, nur in einem anderen Zustand als der belebte Körper.

Seele und Geist sind dagegen Interpretamente der Belebtheit des Menschen, Aspekte der menschlichen Person. Es sind keine Gegenstände oder Dinge, so wie ein Arm oder Bein beispielsweise ein Objekt medizinischen Handelns ist. Ob dem Geist und der Seele des Menschen eine eigenständige, vom Körper unabhängige Existenz zukommt, ist gerade umstritten. Die Hirnforschung, speziell die Neuropsychologie haben zumindest dies erbracht, dass geistige und seelische (“mentale”) Fähigkeiten des Menschen nicht ohne seinen Körper, nicht ohne das Organ Gehirn wissenschaftlich betrachtet werden können. Wie man diese Fähigkeiten bewertet, einordnet, welche besondere Bedeutung man ihnen für die Persönlichkeit des Menschen zumisst, ist dann Sache einer ganz anderen Betrachtung. Sie “interpretiert” gewissermaßen das Menschsein unter den Aspekten seiner geistigen oder seelischen Vermögen. Die Reduktion aller mentaler Fähigkeiten auf physiologische Prozesse wird zwar ebenfalls wissenschaftlich vertreten, ist aber nicht die einzige und auch nicht die plausibelste wissenschaftlich gestützte Position. Darüber hinaus spielt natürlich auch die jeweilige weltanschaulich-religiöse Grundeinstellung eine Rolle, die unsere Sicht auf “Leib, Seele und Geist” bestimmt.

Klar ist nur so viel, dass sich “Körper” einerseits und “Seele” und “Geist” auf der anderen Seite auf unterschiedlichen Ebenen möglicher Gegenstände rationaler Betrachtung befinden. Diese sollten nicht verwechselt werden, auch nicht mehr in der Alltagssprache. Seele und Geist können nur in einem anderen, uneigentlichen Sinne als “Objekte” der Untersuchung gelten, sie sind besser als spezifische personale Aspekte des Menschseins zu bezeichnen, die sich als Fähigkeiten, als Vermögen fassen und beschreiben lassen. Jedenfalls sollte man nicht den Eindruck erwecken, der Mensch sei ein “Mischwesen” aus drei verschiedenen Wesenheiten. Diese Redeweise verharrt in einem Weltbild, das unserem Wissen und unserer Sicht auf den Menschen nicht mehr entspricht.

Creation

Giovanni di Paolo – Creation (Wikipedia)

Ein wenig anders verhält es sich mit der Bemerkung, religiöse Überlieferungen und Geschichten würden uns etwas “berichten”. Konkret gesagt: Biblische Geschichten – ebenso wenig wie Koranische Verse – sind keine “Berichte”, das heißt Auskünfte über historisch positive Tatsachen (“news”), und wollen es auch gar nicht sein. Es sind von bestimmten religiösen Überzeugungen geprägte Erzählungen, “Geschichten”, die ihre Wahrheit nicht im Tatsachen-Geschehen haben, sondern in der von und in ihnen intendierten Aussage bezüglich einer religiösen “Wahrheit”. Die moderne kritische Bibelwissenschaft spricht daher davon, dass biblische Geschichten immer zu allererst “Verkündigung” sind, Predigten, die auf Überzeugung und Vergewisserung der Gläubigen zielen. Was sich über Jesus oder Mohammed historisch als tatsächlich heraus finden lässt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Religionsgemeinschaften neigen allerdings dazu, die narrative Ebene mit der Ebene historischer Faktizität zu verwechseln, zu vermischen oder gar die Historizität von religiöser Narration zu behaupten. Dies hilft weder der Religion als Sinn- und Symbolsystem noch dem heutigen Menschen, der bei “Berichten” gleich an Tatsächlichkeit denkt. Die Wahrheit der Religionen stützt sich nur zum geringsten Teil auf historische Tatsächlichkeit, sondern viel mehr auf die Bedeutung eines Geschehens, das seinen Wert und seine Wahrheit aus dem religiösen Verweiszusammenhang erhält. Die möglicherweise dahinter stehende historische Tatsächlichkeit kann oft kaum mehr erhoben werden. Historie ist da die falsche Kategorie, die falsche Ebene, die nur zu einem ideologischen Fundamentalismus führt. Dieser nämlich macht aus religiösen Erzählungen von Bedeutung eine tatsächliche Gegebenheit, historische Faktizität. Da wird dann auf einmal die Schöpfungserzählung aus der Bibel zum naturwissenschaftlichen Tatsachenbericht. Das aber geht am religiösen Text – und am Menschen vorbei.

Es ließen sich noch mehr Beispiele solcher implizit-tatsächlichen Redeweisen nennen, die auf einer absichtlichen oder unabsichtlichen Verwechslung von Aussage- und Bedeutungsebene beruht. Hier besser zu unterscheiden schafft eine Klarheit, an der auch die sich historisch begründenden Religionen interessiert sein sollten, und sei es auch nur, um Anschluss an heutiges Weltverstehen zu halten. Es wäre zudem ein Gebot der Redlichkeit.

 4. Februar 2013  Veröffentlicht von am 13:31  Religion, Wissenschaft Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 162012
 

Hans Ulrich Gumbrecht hat in seinem FAZ-Blog Digital/Pausen einen bemerkenswerten Beitrag zum Thema Segen geschrieben. Er geht von seiner persönlichen Erfahrung als “durchschnittlicher Agnostiker” und Großvater aus. Am Ende eines Besuches bei seinen Enkelkindern möchte er ihnen beim Abschied etwas mitgeben. Er ertappt sich bei einem eigentümlichen Gefühl:

…  dann möchte ich immer gerne eine Geste haben, eine körperliche Geste und eine Formel aus Wörtern, welche die beiden bis zur nächsten Begegnung beschützen könnte – ganz so wie mir mein Vor-Bewusstsein einflüstert, dass ihnen nichts passieren kann, solange ich bei Ihnen bin … Problematisch zumindest erscheint der Glaube, es ließe sich in Abwesenheit irgendetwas ausrichten für die Sicherheit meiner Enkelkinder; wie eine Illusion fühlt sich der Gedanke an, dass dies durch eine kombinierte Form aus einer Geste und Worten bewirkt werden könnte; und peinlich vor allem ist mir, wie sehr diese Vorstellung an die religiöse Institution des Segnens erinnert.  So bleibt es dann, aus Gründen akkumulierter potentieller Peinlichkeit eben, stets bei einer – bis zum nächsten Mal – letzten Umarmung, die allerdings etwas enger und länger ausfällt als sonst, und von der ich auch tatsächlich möchte, dass sie als besonders intensiv wahrgenommen wird.

Und er fragt sich “Wie sollte ein Segen mir, dem Agnostiker, helfen, und wie könnte es meinen Enkelkindern nutzen, wenn ich Agnostiker sie segnete?” und fragt dies auch seine “Pastoren-Freundin Antje Lewitz-Danguillier”. Er gibt im Blog ihre ausführliche Antwort wieder. Man kann es an Ort und Stelle nachlesen. Es ist eine typische modern-evangelische Antwort, wie man sie so oder ähnlich auch hier bei uns von vielen jüngeren Pastorinnen (junge evangelische Pastoren gibt es kaum noch) zu hören bekommen könnte, sehr gefühlvoll, sehr “ganzheitlich”, manchmal etwas nach Yoga klingend, auf jeden Fall recht konservativ spirituell: Segen als “Erfahrungsform für Gottes lebendigen Geist im Leben”, als “spürbare Energie”, als “tieferes Berührtwerden”, als “körperliche Erfahrung” der Gegenwart und “besonderen Energie” (so mehrfach) Gottes und ihrer “Resonanz” in mir, usw. Man kann dem glaubend zustimmen oder auch nicht. Man könnte es auch anders beschreiben. Aber einen Satz aus der Antwort der Pastorin möchte ich noch festhalten, wenn sie über die Wirkung ihres Segnens schreibt: “Dabei geht es um tief empfundene, manchmal schon vergessen geglaubte Gefühle.”

Christus in Rio

Hier interessiert mich nun, wie Hans Ulrich Gumbrecht, der umfassend gebildete Literaturwissenschaftler, Literat und Philosoph, mit seinem Gefühl und mit dieser Antwort umgeht, soweit er uns davon in seinem Blog wissen lässt. Er wägt die erhaltene Antwort ab im Zusammenhang der katholischen Tradition, der er selber entstammt, und seiner eigenen Haltung der Agnostik: “Denn ich selbst habe keinen Gott, den ich verkörpern oder dessen Kraft ich wenigstens vermitteln könnte.” Die “Geste des Segnens” beeindruckt ihn, drängt sich ihm auch gegenüber seinen Enkeln auf, wiewohl sie “nichts mit Magie zu tun” hat, wie er betont, keine “unmittelbare Heraufbeschwörung” ist. Dennoch fühlt er sich positiv eingenommen gegenüber einer solchen Segenshandlung:

Einem so starken Gefühl nun eine von mehreren möglichen Formen, eine von mehreren möglichen rituellen Formen zu geben (nicht unbedingt „seine eigene” rituelle Form), das gelingt offenbar vor allem dann, wenn diese Formen eine ansonsten wenig konturierte Sequenz des Verhaltens sichtbar beschließen  (wie es der Segen am Ende des Gottesdienstes tut). Natürlich, ich habe kein Recht zu hoffen, dass ein säkularer Segen (mehr kann ich ja nicht beanspruchen) meine Enkel beschützen wird, während ich abwesend bin. Aber er würde meine Liebe und meine Sorge für sie vielleicht zu einem spürbaren Geschenk machen – und mich damit in einer Weise für sie gegenwärtig halten. So könnte ihnen tatsächlich der Segen ihres ungläubigen Großvaters nutzen.

Dies ist beeindruckend ehrlich und sensibel geurteilt. Aus meiner Sicht brauchte sich Gumbrecht aber keineswegs zu entschuldigen, wenn er sich nun seinerseits beinahe peinlich berührt wiederholt als “Agnostiker” bezeichnet, der mit der Realität Gottes hadert. Warum dies? Warum die entschiedene Abwehr des Gedankens, es könnte sich um eine magische Vorstellung handeln? Denn natürlich ist die Segenshandlung religionsgeschichtlich eine sublime Form der Magie, der Beschwörung. Warum sonst haben Priester aller Religionen immer auch gerne die in die Schlacht ziehenden Heere gesegnet? Ist es dem aufgeklärten Agnostiker Gumbrecht zuwider, bei sich selbst ein so archaisches Motiv zu entdecken, wie es die Spendung eines Segens, die Beschwörung guter Geister, eben auch ist?

Gott-los in theistischer oder in deistischer Form muss nun wirklich nicht gleichbedeutend sein mit religionslos. Betrachten wir an der Religion die subjektive Seite (nur über diese sind verlässliche Aussagen möglich), so finden wir Bedürfnisse, Gefühle und Handlungsebenen, die offenbar tief im Menschen verankert sind, also die Mentalität im vor- und unbewussten Bereich prägen. Das Gefühl der Abhängigkeit (Ohnmacht) gegenüber dem “Schicksal” gehört dazu, die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Trost und Vergebung, der Zuspruch von Güte und Heil (Segen). Ich habe das Wort “Zuspruch” absichtlich verwandt, denn vieles im Kultisch-Rituellen ist “Wortgeschehen”, ist “performative Rede”, die der “Zeichenhandlung” (symbolischer Realität) zur Seite steht. Performative Rede oder Akte sind unmittelbares Wirksamwerden des Gesagten bzw. Getanen. Der Richterspruch ist solch ein performativer Akt, der neue Wirklichkeit im Aussprechen setzt. Vergleichbar ist das Segnen mit der Segensformel ein performativer Sprechakt: Das Wort tut, was es sagt. So der Glaube.

Und genau dies ist der entscheidende Faktor in allem religiösem Tun und Reden: Der Glaube, dem das Tun gilt bzw. der das Wort hört und annimmt. Ihm wird dann das Wort zur Realität, der Segen erfahrbar, wirksam. “Glaubst du, so hast du.” ist einer der Kernsätze des Reformators Martin Luther, dem ich ansonsten in Wenigem, dafür in diesem Punkt gerne folge. Der Satz lässt sich auch umkehren: Glaubst du nicht, so hast du nichts. “So ist es nun der Glaube, der Gott und Abgott macht.” (Luther). Ein wahres Wort, weil man für Abgott auch Nicht-Gott setzen kann. Die Subjektivität, das glaubende Ich, ist im religösen, im kultischen und rituellen Vollzug der entscheidende Träger aller religiösen Wirklichkeit. Alles andere ist nur Folklore.

Darum stimme ich diesem einen Satz der befreundeten Pastorin Gumbrechts zu: Beim Segen “geht es um tief empfundene, manchmal schon vergessen geglaubte Gefühle.” Der religiöse Mensch ist in all den Formen des modernen Menschseins eben nicht so leicht tot zu schlagen. – Und der Schlussbemerkung Gumbrechts stimme ich zu, dass seine Segensworte zum Abschied “meine Liebe und meine Sorge für sie vielleicht zu einem spürbaren Geschenk machen”. Das allein ist wichtig, das allein ist entscheidend und aller Grund, es so zu tun, nämlich das, was seine Enkelkinder dabei empfinden, was sie als ihres Großvaters “Geschenk” spüren können: seine Hand, den Atem seiner Seele. So kann die performative Geste des Abschieds, sein Segenswort, der “Segen des ungläubigen Großvaters”, sehr wohl bei seinen Enkelkindern wirken, und insofern auch “tatsächlich nutzen”. Das ist dann keine “Illusion”.

 

Natürlich weiß dies alles auch Hans Ulrich Gumbrecht. Ich brauche den kundigen Literaturwissenschaftler nicht über “Sprechakte” zu belehren. Ich wollte es in diesem Zusammenhang nur in Erinnerung rufen. Es ist kein Umweg über den Theismus nötig, und Magie und “Wirk-Worte” sind uns im Alltag oft viel gegenwärtiger, als wir meinen.

Und außerdem “wirkt” natürlich immer eine ausgefeilte frühkindliche Imprägnierung, wie sie katholische Erziehung in Jahrhunderten erprobt und verfeinert hat. Das wirkt lebenslänglich, da hilft auch kein Bekenntnis als Agnostiker. Also doch auch ein Beispiel für “einmal katholisch, immer katholisch”?

 16. Dezember 2012  Veröffentlicht von am 12:12  Religion, Symbole Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 072012
 

In den letzten Jahren liest man im Blick auf das “alte” Europa viel vom Niedergang des Christentums im Allgemeinen und der Kirchen im Besonderen. Desinteresse und Skandale, ein verändertes Lebensgefühl und gewandelte Wertvorstellungen haben zu einem drastischen Schrumpfen der großen christlichen Kirchen beigetragen. Engagierte Mitglieder und Funktionäre der Kirchen merken das alljährlich deutlich an den schrumpfenden Budgets und der sinkenden Personaldecke. Deutschland – ein christliches Land? Diese Aussage scheint der Vergangenheit anzugehören. Nur noch 62% aller Bundesbürger gehören einer christlichen Konfession an, 59% einer der beiden großen Kirchen (katholisch bzw. evangelisch). [Hier und im Folgenden beziehe ich mich auf die bei Wikipedia zusammen gestellten Zahlen, Aktuelleres findet man unter dem Stichwort Statistik auf den Webseiten der Deutschen Bischofskonferenz, der EKD sowie des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes REMID.] In den östlichen Bundesländern im Bereich der ehemaligen DDR sind es gar nur noch um die 20%, Ausnahme Thüringen mir etwas über 30% Kirchenmitgliedern. Da alle übrigen Religionsgemeinschaften kaum 7% der Bevölkerung erreichen (davon allein 4 Mio. = 5% Muslime), sind inzwischen rund ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands “konfessionslos”. Die weiterhin sinkenden Mitgliederzahlen der Großkirchen, schubweise durch Skandale und kontinuierlich durch die demographische Entwicklung verursacht, scheinen den Trend der Entkirchlichung oder gar der Entchristlichung des Kontinents Europa unumkehrbar zu machen. Deutschland, das Land der Reformation, wird zum christlich-kirchlichen Problemfall, sogar zum Sonderfall, denn weltweit sieht die Bilanz der christlichen Konfessionen ganz anders aus, nämlich zahlenmäßig positiv wie in Nord- und Südamerika sowie in Asien. Da passt es denn, dass hierzulande alljährlich darüber geklagt wird, wie sinnentleert und “unchristlich” doch das Weihnachtsfest als reines “Konsumfest” geworden sei.

Man kann diese Zahlen und Fakten aber auch ganz anders sehen.

Die Katholische Kirche und die Evangelischen Kirchen haben derzeit jeweils rund 24 Millionen Mitglieder, das sind 59% der Bevölkerung. Weitere christliche Kirchen und Gemeinschaften machen ca. 2 Millionen aus, so dass man auf knapp 62% Mitglieder christlicher Kirchen und Gemeinschaften in Deutschland kommt. Regional ist das natürlich recht verschieden (Bayern: 76% Kirchenmitglieder, Sachsen-Anhalt 18% Kirchenmitglieder). Aber schauen wir einmal nur auf die Gesamtzahl in Deutschland. Mit jeweils 24 Millionen = zusammen 48 Millionen Mitgliedern sind die beiden traditionellen Kirchen die mit Abstand größten gesellschaftlichen Organisationen überhaupt. Die nächst größere Organisation dürfte der Deutsche Sportbund sein, der 27 Millionen Mitglieder vertritt (Wikipedia). Danach kommt der  ADAC mit über 18 Millionen Mitgliedern (Wikipedia). Dann kommt wieder lange gar nichts, und danach folgen die Gewerkschaften, die 6,2 Millionen Mitglieder (DGB) repräsentieren. Und noch einmal mit deutlichem Abstand folgen die politischen Parteien, die insgesamt ca. 1,2 Millionen Mitglieder vertreten. Das zeigt überdeutlich: Die christlichen Kirchen mit ihrem hohen Organisationsgrad haben in unserer Gesellschaft die mit großem Abstand meisten Mitglieder. Sie sind zudem der zweitgrößte Arbeitgeber nach dem Öffentlichen Dienst mit 1,3 Millionen Beschäftigten bei Kirchen und ihren Wohlfahrtsverbänden (Caritas, Diakonie). Insofern ist es keineswegs übertrieben zu sagen, dass die christlichen Kirchen in Deutschland mit Abstand die zahlenmäßig größten und gesellschaftlich bedeutendsten Organisationen sind. “Unchristliches” Deutschland?

Christentum

Christentum (Wikipedia)

Man mag einwenden, dass hier Äpfel und Birnen verglichen werden, dass die bloßen Zahlen wenig über die tatsächliche Bedeutung und gesellschaftliche Relevanz aussagen. Der Einwand ist nur zum Teil berechtigt, denn natürlich bewegen sich Kirchen, Sportler, Gewerkschaften und Parteien in recht verschiedenen Feldern der Gesellschaft. Zudem mag man erklären, dass die Parteien laut Grundgesetz an der “politischen Willensbildung” mitzuwirken haben und damit in gewisser Weise dem Gemeinwohl verpflichtet sind; das versuchen sie zumindest in ihrer Programmatik abzubilden. Doch Sportvereine sind ja nicht in erster Linie Produzenten von Leistungssport, sondern Aktionsfeld des Breitensports, der Freizeitgestaltung, der Gesundheitsvorsorge, der Geselligkeit und Freundschaften. All dies gehört wohl auch zum “Gemeinwohl”. Selbst eine Interessenvertretung wie der ADAC mit seiner enormen Mitgliederzahl repräsentiert eine große Gruppe in der Bevölkerung, für die autofahrende Mobilität beruflich und privat wichtig ist – und wer wollte bestreiten, dass Verkehr und Mobilität gesellschaftlich “relevante” Aufgabenbereiche sind? Ähnliches gilt ja für die Gewerkschaften, die zwar auch “nur” Partikularinteressen vertreten, aber eben die der in ihnen organisierten Arbeitnehmer, deren Interessen sich mit der noch viel größeren Zahl der Nichtorganisierten zumindest überschneiden. Die “Tarifautonomie” gehört unbestritten zu den Errungenschaften unserer freiheitlichen Demokratie, ergo gesellschaftlich relevant und insgesamt ebenfalls im Interesse des Gemeinwohls.

Und die Kirchen? Abgesehen davon, dass sie in den vielfältigen Aufgabenbereichen der sozialen Dienste in Caritas und Diakonie wichtige gesellschaftliche Funktionen wahrnehmen, dass sie im Bereich von Erziehung und Bildung insbesondere bei Kindergärten / Kindertagesstätten, aber auch im Bereich von Schulen und Hochschulen engagiert sind, scheinen sie zudem immerhin die religiösen Bedürfnisse des größten Teiles der Bevölkerung erfolgreich zu befriedigen – “erfolgreich” im Blick auf die Zahlen. Platt gesagt: Wenns nicht “erfolgreich” wäre und also keine Nachfrage befriedigte, würden noch mehr Menschen austreten. Tun sie nicht, also in diesem Sinne “erfolgreich” oder “positiv”. Alles Nörgeln und Kritisieren der angeblichen Rückständigkeit und Traditionsverhaftung der Kirchen führt nicht an der Erkenntnis vorbei, dass die Großkirchen nach wie vor eine gesellschaftliche Macht erster Ordnung darstellen. Sie klein oder schlecht zu reden offenbart nur einen erheblichen Mangel an Wahrnehmung und / oder in der Einschätzung der mit Zahlen belegten Fakten. Ich wende mich damit keineswegs gegen mögliche und nötige Kritik, im Gegenteil. Sie sollte aber fundiert sein und die nach wie vor gültige gesellschaftliche Kraft und Bedeutung der christlichen Kirchen und damit des Christentums bei uns sachgemäß einschätzen. Der Abgesang kommt jedenfalls zu früh.

Ein kleines Gedankenspiel zum Schluss: Was würde diese Erkenntnis der Relevanz der aufgeführten gesellschaftlichen Gruppen beispielsweise für die Besetzung der Rundfunkräte bedeuten? Derzeit sollen die politischen Vertreter verringert, aber die parteiangehörigen Vertreter beibehalten werden, dabei haben die Vertreter politischer Gremien wenigstens eine gesellschaftliche Legitimation, die Parteienvertreter dagegen kaum. Eigentlich müssten dort, wenn es nur um die größenmäßige gesellschaftliche Relevanz von Gruppen geht, viel mehr Vertreter von Kirchen, Sport und ADAC sitzen… Das ist gesellschaftlich aus gutem Grund so nicht gewollt. Das Beispiel soll nur zeigen, welche Relevanz gesellschaftliche Organisationen haben könnten, wenn wir auf ihre zahlenmäßig belegte Bedeutung schauen. Und es zeigt: Unsere Wahrnehmung ist da bisweilen etwas verzerrt, quantitativ unterbelichtet gewissermaßen.

 7. Dezember 2012  Veröffentlicht von am 13:51  Gesellschaft, Kirchen, Religion Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 022012
 

Man ist immer wieder erstaunt, wenn man Einzelheiten über das “Familienleben” bekannter historischer Größen, also Herrscher, erfährt. Ich beschränke mich dabei auf “christliche” Herrschergestalten, weil das Christentum die vielleicht rigideste Form sexueller Zähmung im Programm hat im Vergleich zum Judentum und Islam. Andere nichteuropäische Kulturen blende ich hier einmal aus. Die Ehe, zumal die Ein-Ehe, ist wahrhaftig nicht ‘vom Himmel gefallen’. Sie ist Ergebnis einer kulturellen Entwicklung in sozialgeschichtlich sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Aber zunächst einmal der Blick auf zwei historische Beispiele.

Karl der Große (*748 – †814), dieser allerchristlichste Kaiser und Schützer der Kirche, der sich unter anderem mit seiner (blutigen) Sachsenmission einen Namen gemacht hat, hatte vier oder fünf “legitime” eheliche Verbindungen nacheinander, jeweils nach dem Tod der Ehefrau im Kindbett, und parallel dazu eine unbekannte Zahl von Konkubinen, also ‘Nebenfrauen’ oder Geliebten. Die meisten waren den jeweiligen Ehefrauen und am Hofe bekannt. Seine letzte öffentlich bekannte “Königin” Liutgard wird nirgendwo als “Gattin” (uxor, coniux) bezeichnet; sie war wohl eher eine anerkannte Lebensgefährtin. Man weiß von 18 Kindern Karls, davon 11 ehelichen und darunter drei “legitimen” Söhnen (ein vierter starb innerhalb seines ersten Jahres), die für die Nachfolge in Frage kamen. Karl liebte besonders seine älteren Töchter, mit denen er engen Umgang pflegte, es wird sogar ein sexueller Kontakt vermutet (Janet Nelson, zum Ganzen siehe Wilfried Hartmann, Karl der Große, 2010, und Wikipedia). Jedenfalls war Karls “Frauenwirtschaft” am Hofe seiner Zeit berühmt – berüchtigt, sein Nachfolger Ludwig räumte damit als allererstes auf.

Friedrich II. (*1194-†1250), staufischer Kaiser des HRR, der in der Kutte eines christlichen Mönches starb, hatte nacheinander vier Ehefrauen und zahlreiche Konkubinen, bekannt sind acht als Mütter seiner Kinder. Insgesamt kam Friedrich so auf 15 Kinder, davon vier “legitime” Söhne für die eventuelle Nachfolge. Friedrich lag zwar ständig mit dem römischen Papst im Clinch, wurde auch mehrfach gebannt, aber keineswegs wegen seines Lebenswandels, sondern weil er im Kirchenstaat einmarschierte bzw. einen versprochenen Kreuzzug nicht (rechtzeitig) begann. Die zahlreichen ‘”Verbindungen” und Kinder haben übrigens beiden Kaisern nicht viel genützt: Die Regentschaft ging jeweils in den nächst folgenden Generationen verloren.

Nun sind die Reichen und Mächtigen zu keiner Zeit repräsentativ für das “normale” Leben, schließlich konnten nur sie sich so viele Frauen und Kinder leisten. Aber immerhin zeigt ihr Verhalten, was gesellschaftlich möglich war, und das unter dem Regime einer kirchlichen Morallehre, die hinsichtlich des Sexuellen immer restriktiver und ablehnender wurde. Paulus und Augustinus sind hier die geschichtswirksamen “Vorbilder” für die Leibfeindlichkeit des Christentums. Paulus konnte die Einehe gerade noch zur Not zulassen “wegen der Natur”. Das Sexuelle war für die kirchliche Theologie überwiegend Teufelswerk, das bekämpft und zumindest gezähmt werden musste – wie wir wissen mit sehr gemischtem Erfolg.

Eheringe

Die Ringe

Nun gehört die Bändigung und soziale Integration der Kraft des Sexuellen zur Aufgabe und Leistung jeder uns bekannten Kultur. Zu sehr sind Begierde, Neid und Eifersucht als sozial zerstörerische Kräfte genugsam bekannt. Nur sind die Formen der sozialen Verträglichkeit des Sexuellen sehr verschieden: Es gibt die zeitlich parallelen Ehen (Vielehe), die zeitlich sukzessiven Ehen (nach Scheidung oder Tod), die offiziellen und / oder inoffiziellen Konkubinate (‘Beischläferinnen’, ‘Gespielinnen’), hinzu kommen die uralten Formen der “käuflichen” Liebe (‘Dirnen’ und ‘Lustknaben’). Übrigens wurden auch die “Lustknaben” von Männern gebraucht; nur Frauen in einflussreicheren Stellungen konnten es sich zu Zeiten leisten, ihrerseits “Jungs” zu engagieren (“Gigolos”).

Das Problem des gesellschaftlichen Umgangs mit der Sexualität (und damit der Moral) waren zu allen Zeiten die aus den nicht “legitimen” Verbindungen hervorgehenden Kinder. Als “Bastarde” hatten sie ein schweres Los, gesellschaftlich kaum eine Chance. Da ging es den genannten Königskindern Karls und Friedrichs vergleichsweise gut, wurden sie doch allesamt mit guter Versorgung und beachtlichen ehelichen Verbindungen ausgestattet. Einige Kulturen, die die soziale Kraft des Sexuellen weniger tabuisierten oder positiver anerkannten, sorgten im Familienverband für eine gemeinsame Versorgung der Kinder (z. B. polynesische Clans und Großfamilien). Meines Wissens ist diese vergleichsweise humane Form des Umgangs mit Sexualität und Nachkommenschaft recht vereinzelt geblieben. Recht überheblich weisen wir diese soziale Form den “Naturvölkern” zu.

Judentum und Islam haben die Ehe als Form sexueller Gemeinschaft mit Regelung der Trennung und der Nachkommenschaft domestiziert und zivilisiert. “Lebenslang” war da immer die Ausnahme, bestenfalls ein biologisch kaum erreichbares Ideal. Erst das Christentum hat mit der Sakramentalisierung der lebenslangen Einehe für eine neue Stufe der Zähmung und Unterdrückung des Sexuellen gesorgt. Sozial positiv war daran gewiss, die Verantwortung der Ehepartner für die gemeinsame “Aufzucht” der Kinder zu betonen, damit verbunden auch das ethische Ideal eine lebenslangen gegenseitigen Verantwortung zweier erwachsener Menschen. Der Kampf von Schwulen und Lesben für die rechtliche Gleichstellung der eingetragenen Partnerschaft mit der Ehe zeigt, wie stark das exklusive Modell “Ehe” noch immer wirkt. Dabei haben sich in unserem Kulturraum die Verhältnisse seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts grundlegend verändert.

Der Gebrauch der “Pille” hat erstmals zuverlässig Sexualität und Nachkommenschaft entkoppelt. Die Auswirkungen dieser kulturellen Revolution sind noch gar nicht abzuschätzen, jedenfalls sind wir noch mitten drin im Umdenken und Umgestalten von Moral und Recht. Zunächst hat die Pille zum Rückgang der Kinderzahl geführt (“Pillenknick”), zugleich aber auch zu einem freieren Umgang mit Sexualität in der westlichen Gesellschaft. Beides sind kulturelle Veränderungen mit Langzeitwirkung. Erst allmählich wird es in der Lebenspraxis unserer Gesellschaft zur Normalität, dass Ehen de facto eine Einrichtung auf Zeit sind, dass es unterschiedliche Partnerschaften und verschiedene Arten von Partnern in unterschiedlichen Lebenssituationen geben kann. Der ironische Ausdruck “Lebensabschnittspartner” trifft die Sache recht gut. Faktisch ist das die Lösung der zeitlich sukzessiven Vielehe. Und nicht nur die “celebrities” leisten sich daneben Geliebte, sondern auch manche unserer Politiker (Seehofer). Andererseits nimmt auch der gesellschaftlich-moralische Druck zur Ehe überhaupt ab: Jedermann und jede Frau kann die eigenen Partnerschaften nach eigenem bzw. gemeinsamen Gutdünken gestalten. Ich halte das für einen gewaltigen Fortschritt gegenüber dem restriktiven Ideal der lebenslänglichen Einehe. Die Aufgabe eines verantwortlichen Umgangs zweier Partner miteinander, gerade auch am Ende einer Beziehung, bleibt allerdings ebenso bestehen wie die Fürsorge für die gemeinsamen Kinder.

Der kleine Rückblick und Rundumblick zeigt: Die Ehe ist keine Einrichtung, die vom Himmel gefallen ist. Sexualität, Partnerschaft und der Umgang mit den Kindern sind  sozial gestaltbare und veränderliche Größen. Weniger normative Moral bedeutet zugleich mehr individuelle Verantwortung, aber auch mehr Verantwortung der Gesellschaft für das, was in ihr kollektiv als wichtig erachtet wird: die Erziehung der Kinder, die Gewährleistung einer aussichtsreichen Zukunft für die Nachkommenschaft. Neben der individuellen Freiheit im sexuellen Umgang ist die verstärkte gesellschaftliche Verantwortung für die Kinder die zweite wichtige Auswirkung eines beispiellosen kulturellen Umbruchs. Auch dies halte ich für eine Entwicklung, die man begrüßen kann. Die Kleinfamilie ist keineswegs der naturgegebene beste Ort für das Aufwachsen und für die Bildung unserer Kinder. Wenn es auch ein eher wirtschaftlich verursachter Druck ist: Es ist gut, dass das staatliche Betreuungsangebot ausgebaut wird. Manche retardierende Elemente (Betreuungsgeld) werden den Trend kaum aufhalten. Wenn man so will, ist es die Kehrseite der “sexuellen Revolution”. All dies führt zu einer allmählich spürbaren Veränderung der Maßstäbe unserer Moralvorstellungen.

 2. Dezember 2012  Veröffentlicht von am 12:44  Gesellschaft, Moral Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Nov 282012
 

Ich glaube, dass das Leben unheimlich gut und schön ist.

Das ist ein Glaubenssatz, denn wissen kann ich es nicht. Es ist vielmehr eine Frage der Einstellung. Das Vertrauen auf die Güte des Lebens, auch meines Lebens, geht oftmals gegen den Augenschein. Es siegt nicht immer das Gute. Krebs ist nicht schön. Gewalt, Neid, Hass und Niedertracht gibt es genug  im Umgang miteinander, aber auch Hingabe, Hoffnung, Freundschaft, Mitgefühl. Im miteinander Leben, Denken, Arbeiten finde ich den Sinnzusammenhang, der über den Tod hinaus weist.

Die Natur ist, wie sie ist. Trotz aller Härte des “Kampfes ums Überleben” kommt sie mir wunderschön vor, faszinierend und stark, aber auch empfindlich und zerbrechlich. Die Kraft des Lebens ist bisweilen unheimlich. Dabei wissen wir noch nicht einmal, woher es kommt, wie es entstanden ist. Stoffwechsel und Fortpflanzung – das Geheimnis des Entropie-Aufschubs, der “geborgten Energie”, des Ursprungs der Zeit. Einzigartig im Universum – bislang.

Der Mensch ist, wie er ist, und macht sich zu dem, was er wird. Er koexistiert im Zusammenhang von Natur und Kultur. Gut und Böse fallen nicht vom Himmel, sondern sind soziale Kategorien. Böckenfördes berühmter Satz, der freiheitliche Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren könne, wird oft religiös verstanden, als würde damit auf einen transzendenten Hintergrund verwiesen. Dabei ist es der Mensch als soziales Wesen, sind es seine gesellschaftlich geprägten Werte und Grundsätze, die als kulturelle Voraussetzungen des Gemeinswesens “vorwissenschaftlich” und also nicht ableitbar oder garantierbar sind.

Ich glaube, für ein zufriedenes, gelingendes Leben brauche ich weder den Himmel noch die Ewigkeit, weder Gott noch Unsterblichkeit. Ich suche aber Symbole und Bilder, die mir jenseits der Ratio die Erfahrung des Urvertrauens vermitteln und mich darin immer wieder bestärken: Erzählungen, Rituale, kultische und kulturelle Gemeinschaft. Dies wäre die begrenzte und positiv “eingehegte” (Habermas) Bedeutung von Religion.

 

***

Was ich definitiv nicht brauche, was ich vielmehr für eine üble Weise der Okkupation und Monopolisierung des menschlichen Bedürfnisses nach Trost, Sicherheit und Jenseitigkeit halte, ist die Institution der Kirchen.

Die römisch-katholische Kirche hat aus ihrer Geschichte heraus derart mafiöse Strukturen entwickelt, dass man zwischen perfider Scheinheiligkeit, perfekt inszenierter Ideologie und realer Macht kaum mehr unterscheiden kann: ein fundamentalistischer religiös-industrieller Machtkomplex, anachronistisch und doch, was die eigenen Interessen betrifft, stets auf der Höhe der Zeit. –  Die protestantischen Kirchen leiden an organisatorischer und vor allem intellektueller Auszehrung und faktischer Bedeutungslosigkeit, stellen sich oft nur noch naiv, nett und dumm dar: “Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung” als trinitarischer Bekenntnisersatz der “Gutmenschen”. Wo Dummheit herrscht, kanns gefährlich werden, das sieht man am  evangelikalen Fundamentalismus. – Dabei gibt es überall in den christlichen Traditionen und Institutionen immer auch viele Menschen guten Willens, guter Absichten, guter Taten. Sonst wäre es mit dem Christentum überhaupt nicht auszuhalten.

Was fehlt, ist ein ehrliches Aufdecken der geschichtlichen Gewordenheit und der kulturellen Zeitbedingtheit der christlichen Dogmatik. Himmel, Hölle und Paradies, Trinität und Gottessohnschaft, Gericht und Strafe, die Hypostasierung einer “Heiligen Schrift” – alles von Menschen gemacht, relativ, fehlbar und absolut kritikbedürftig. Was also fehlt nach der gesellschaftlichen Säkularisierung ist eine “geistliche” Säkularisierung. Man wird darauf vergeblich hoffen, denn es bedeutete die Selbstabschaffung der Kirchen in ihrer heutigen Form. Dran wäre es. Dann könnte man vielleicht auch wieder Positives am Christentum entdecken.

 28. November 2012  Veröffentlicht von am 13:41  Christentum, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Okt 022012
 

Wir haben uns daran gewöhnt, in einer “christlich – abendländischen” Tradition zu leben. Unsere europäische Welt ist aus dem “christlichen Abendland” hervor gegangen, heißt es. Manche bezeichnen auch die Gegenwart noch als geprägt durch die “christlich-abendländischen Werte”. Dies wird mit besonderer Emphase gegen den Satz ins Feld geführt, der Islam gehöre zu Deutschland. Ganz abgesehen davon, dass es ziemlich unklar bleibt, welches denn die christlich-abendländischen Werte eigentlich sind, denen man sich verpflichtet fühlt, dient der Begriff “christliches Abendland” eher als Parole in einem kulturpolitischen Abwehrkampf denn als klare Beschreibung einer geschichtlichen Wirklichkeit. Das so oft bemühte Bild vom “christlichen Abendland” bedarf einer grundlegenden Revision.

In einem Kommentar von Thomas Urban in der heutigen Süddeutschen Zeitung (02.10.12 S. 3) über das Streben einiger spanischer Regionen nach Unabhängigkeit lese ich folgendes:

Auch im heißen Andalusien, der bevölkerungsreichsten Region Spaniens, hat sich ein starkes kulturelles Bewusstsein entwickelt. Es schöpft seine Kraft aus der Rückbesinnung auf das maurische Erbe. Dieses wurde jahrhundertelang im katholischen Spanien zerstört und aus dem Gedächtnis gestrichen. Doch nimmt ein wachsender Teil der heutige Elite Andalusiens das Kalifat von Córdoba und das Sultanat von Granada als Hochkultur wahr, die von Kastilien brutal zerschlagen wurde.

Averroes, aus Wikipedia

Genauer gesagt: Vom katholischen Kastilien wurde im Namen der Päpste und wiederholt unter dem Titel eines “Kreuzzuges” das Unternehmen “reconquista” durchgeführt (Hauptphase im 11. Jhdt.) zur “Rückeroberung” Spaniens von den Mauren. Dies klingt nach einer Episode spanischer Geschichte in einem “Winkel” Europas. Das Gegenteil ist der Fall. Die “Mauren” in Spanien haben in einem kaum hoch genug zu schätzenden Ausmaß Wissenschaft, Denken und Kultur Europas insgesamt geprägt und beeinflusst, ja man kann zuspitzen: überhaupt erst ermöglicht.

Die Entwicklung des abendländischen Denkens ist ohne die Rezeption der arabisch-islamischen Kultur überhaupt nicht zu verstehen. Die Kenntnis der griechischen Philosophie, der indischen Mathematik, der morgenländischen Medizin und Astronomie gelangte ausschließlich über das maurische Spanien, also über Al-Andalus zu uns. Die Wiederentdeckung des Aristoteles war überhaupt erst möglich, seit man seine Schriften zuerst aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzte (Übersetzer-”Schule” von Toledo), ehe man Jahrhunderte später während der Renaissance nach den griechischen Originalen stöberte. Bis dahin waren von Aristoteles nur die Logik und Dialektik bekannt, “propädeutische” Schriften gewissermaßen. Insofern war dann auch die Wiederbelebung der Antike im 14. und 15. Jahrhundert (Renaissance) nur auf dem Hintergrund der spanisch-arabischen Vermittlung möglich.

Es ging nicht nur um die “alten” griechischen Philosophen. Es ging um  das gesamte griechisch-hellenistische Erbe und seine Weiterentwicklung im arabisch-islamischen Kulturraum. Nachdem der oströmische Kaiser Theodosius 391/392 der griechisch-”heidnischen” Tradition den Kampf angesagt und die griechische Philosophie unter Kaiser Justinian 590 verboten wurde (Schließung der “Akademie” Athen), war das griechisch-römische Erbe mehr oder weniger verwaist. Die (uns heute völlig unbekannt gewordenen) islamischen Philosophen waren es, die sich dieses Erbes annahmen, es pflegten und weiter entwickelten: Alkindi (†873), Alfarabi (†950), Avicenna (†1037), Avepacem (†1138), Averroës (†1198) u.a.m. waren bedeutende Denker und Wissenschaftler, zum Teil Ärzte, in Bagdad, Teheran, Cordoba, Malaga, Fez, welche die Grundlagen für das mittelalterliche Denken und Wissen im Abendland legten. Ihre Schriften, besonders die Aristoteles-Kommentare des Averroës, wurden “Standardliteratur” in dem geistesgeschichtlichen Aufholprozess des Abendlandes, der unter anderem in die sogenannte “Scholastik”, also “Schulphilosophie”, führte.

Das Denken und die Schriften der mittelalterlichen “Großen” wie Thomas von Aquin (Rom, Neapel), Duns Scotus (Paris), Albert dem Großen (Köln) und Meister Eckhart (Erfurt, Straßburg, Paris) gründete auf der arabisch-griechische Philosophie und / oder stand in steter Auseinandersetzung mit ihr. Noch ein Nikolaus Cusanus (†1464), der als Ausklang des Mittelalters und Wegbereiter der europäischen Neuzeit gilt, fußt auf den Traditionen Avicennas und Averroës’. Dies ist alles seit Jahrzehnten bekannt und wird entsprechend selbstverständlich seit langem in Philosophie und Geschichtswissenschaft diskutiert. Der “deutsche Mystiker” Eckhart ist längst als Phantasieprodukt einer nationalen Romantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts entlarvt. Das Mittelalter und seine “Aufklärung” im 13. Jahrhundert war sehr anders und viel lebendiger, als es uns heute meist im Gedächtnis ist (wenn überhaupt).

Die abendländische kulturelle Tradition speist sich also aus sehr unterschiedlichen Quellen und Strömen, das jüdische Erbe gehört dazu, das hellenistisch-römische, das islamisch-arabische, das christliche, um nur die Hauptlinien zu nennen. Darum ist es für das Verständnis und für die Kennzeichnung unserer abendländischen Tradition, ihrer Denkweisen und Werte, allererst abzuklären, welche Rolle das spezifisch Christliche dabei gespielt hat. Diese Rolle dürfte nüchtern betrachtet sehr viel negativer und ambivalenter ausfallen, als es der heutige Sprachgebrauch vermuten lässt. Die Spanier in Andalusien schicken sich an, ihr Geschichtsbild neu zu schreiben und das Erbe von Al-andalus wieder zu entdecken.

Dasselbe täte uns im Großen und Gesamt Europas not. Die abendländische Tradition ist ungemein vielfältig, widersprüchlich und verschlungen, viele uns heute selbstverständliche Denkweisen mussten oft erst gegen die “Mächte” (vor allem Roms) errungen werden. Das “christliche Abendland” ist ein apologetisches Zerr- oder Wunschbild (je nach Standpunkt) unserer Neuzeit. Zur Gewinnung einer sachlichen, nüchternen und religions-neutralen Betrachtung aber ist eine Revision unseres traditionellen Geschichtsbildes erforderlich. Es ist dran. Es täte uns  auch hinsichtlich der gegenwärtigen Diskussion um “Christentum” und “Islam” nur gut. Es wäre die Wiedergewinnung einer säkularen Geschichtsinterpretation.

 2. Oktober 2012  Veröffentlicht von am 18:03  Europa, Geschichte, Kultur, Moderne, Neuzeit, Philosophie, Religion, Rom Katholisch, Wissen Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert
Jul 222012
 

Religion gehört zum Menschsein. Das ist mehr als nur eine “wilde These”, denn Religiosität ist anthropologisch verankert und bietet im positiven Fall Vergewisserung und Sinn. Von der Vergessenheit darüber, was Religion leisten kann.

Warum tun wir uns heute in Westeuropa so schwer mit der Religion? Was macht es inzwischen so schwierig, religiöse Phänomene überhaupt nachvollziehen und beurteilen zu können? Wie kommt es zu dieser fast unüberbrückbar gewordenen Distanz zwischen Religiösem und Säkularem? Die heftige Debatte um das religiöse Recht auf Beschneidung lässt jedenfalls Gräben aufbrechen, von denen man bisher kaum eine Ahnung hatte. Kirchentage und Papstbesuche erweckten den Anschein: Alles ist gut mit der Religion. Doch dann war da der islamische Fundamentalismus, dann kamen die unsäglichen Verbrechen der katholischen Kirche an ihr anvertrauten Kindern ans Tageslicht. Für sich genommen ist das als Erklärung  für den säkularistischen, antireligiösen “drain“, den man feststellen kann, zu wenig. Die Frage muss tiefer angesetzt und geklärt werden. Die Ursachen liegen gewiss in gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen, Brüchen und Umbrüchen des letzten Jahrhunderts, wenn nicht mehr. Dem wäre nachzugehen. Neuere Untersuchungen, die über die klassische und durchaus umstrittene “Säkularisierungsthese” hinaus gehen, gibt es erst ansatzweise, aber eine wiederbelebte “Säkularisierungsdebatte” zeichnet sich ab. Die Wahrnehmung von Religiosität in Europa ist äußerst vielschichtig. In Deutschland befinden wir uns dabei in einer Sondersituation, wie verschiedene Studien zur Religiosität unter Jugendlichen (z.B. Shell-Studien, Studien der Bertelsmann-Stiftung) ergeben haben. Dies benennt auch jüngst sehr pointiert Ulrich Willems (“Centrum für Religion und Moderne” in Münster):

Das religiöse Bewusstsein und die religiöse Praxis sind nirgendwo auf der Welt so gering wie in Europa. Europa ist mit Blick auf die Religion so etwas wie die säkulare Ausnahme in der Welt. - In Deutschland herrscht unterschwellig das Vorurteil, Religion habe viel mit Aberglauben zu tun. Religion sei nicht zeitgemäß, womöglich sogar gefährlich. Daraus leitet sich die Forderung ab, die Religionen müssten sich modernisieren. Sie sollten ihre vermeintlich obskuren Traditionen und Praktiken – wie die Beschneidung – überdenken und sich zudem weniger in das Leben ihrer Anhänger, aber auch weniger in die Politik einmischen. Dass die Säkularisierung in Europa so stark ist, hat wiederum verschiedene historische Ursachen.

So zeigt sich eine “stark antireligiöse Haltung der Gesellschaft”, die auf der anderen Seite kaum mehr weiß, was Religion eigentlich ist, was religiöses Leben ausmacht und was religiöse Systeme leisten. Genau diesem Defizit möchte ich etwas abhelfen, indem ich meine Überlegungen zum Thema “Was ist Religion?” weiter führe.

Religion ist ein eigenständiger Bereich menschlicher Weltbewältigung. Ich sehe religiöses Erleben als eine anthropologische Konstante an, die wesentlich zum Menschsein gehört. Ihre Formen der Äußerung können allerdings von sehr unterschiedlicher Art und Intensität sein. Es mag von Natur aus unmusikalische Menschen geben, unreligiöse allerdings nicht; das sage ich bewusst auch gegen den berühmten Ausspruch von Jürgen Habermas, er sei “religiös eher unmusikalisch”. “Religiös” muss nicht heißen “theistisch” und schon gar nicht “kirchlich”. Als eigenständiger Bereich ist religiöses Erleben etwas emotional-Habituelles im Unterschied zum Bereich des rational-pragmatischen Verhaltens. Das vernunftgeleitete Handeln geschieht auf der Basis der Zweck-Mittel-Relation entsprechend anerkannter Werte und Ziele und dient in großen Teilen unseres Lebens einer mehr oder weniger erfolgreichen Weltbewältigung. Religiöses Erleben vollzieht sich dagegen auf einer emotional-psychischen Ebene in rituell geprägten Vergewisserungen und im Transzendieren unserer jeweils unabgeschlossenen Lebenssituation auf ein umfassenderes Ganzes hin.

Dieses Ausgerichtetsein auf ein Jenseits des eigenen Subjekts bezieht sich zu allererst auf ein anderes Ich, ein “Du”. Soll dieser Andere aber nicht nur Spiegelbild meiner eigenen Defizite sein, imaginiert mein fühlendes Ich etwas Größeres, Umfassenderes, vielleicht auch Machtvolleres. Es kann die Nation oder die Gattung sein oder irgend etwas anderes, auf das hin bezogen ich mich selbst emphatisch einbringen und vergewissern kann. In der Regel greift dieses konkrete Andere aber zu kurz, weil es selber wieder nur begrenzt ist und scheitern kann. Denn das umfassende Ganze, das dem Einzelnen Vergewisserung, Bestätigung, Trost und Sinn verleihen kann, wird genau genommen als außerhalb meiner eigenen Begrenzung und jenseits meines Scheiterns intendiert. Es wird zum unbegrenzten Jenseits meiner Erfahrungs- und Erlebniswelt.

Ursprünglich begegnet dieses Jenseits meiner eigenen Selbstbezogenheit schon im allernächsten Gegenstand, der mir seinen Widerstand entgegen setzt. Die ursprüngliche, d.h. “urtümliche” ebenso wie erfahrungsmäßig primäre Gegenständlichkeit von etwas Anderem außerhalb meiner bringt mir die Erfahrung der Begrenzung, des Widerstandes, der Abhängigkeit. Dieses Andere kann durchaus eine Sache sein, keineswegs nur eine Person. Leben insgesamt bedeutet ja Überwindung von Widerstand, bedeutet einen Aufwand, um, thermodynamisch gesprochen, der Entropie entgegen zu wirken. Der Widerstand kann als machtvoll, gar als übermächtig erfahren werden. Dann begegnen wir der “Macht” des Zufalls, des Schicksals, des Glücks oder Unglücks, erfahren Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit. Die gemeinschaftliche kultische Ordnung dieser Empfindungen und Gefühle, ihre rituelle “Abholung” und “Aufhebung”, die Vermittlung von Gewissheit und Orientierung, den Aufweis von Sinn und die Anleitung zur Bescheidung und Ein-Ordnung in ein größeres Ganzes vermittel genau das umfassende kulturelle System zur Welt- und Lebensbewältigung, das wir Religion nennen.

Religion ist immer ganzheitlich ausgerichtet. Zwar kann man, wie von mir getan, das religiöse Erleben speziell dem emotionalen und seelischem Bereich (von Seele zu reden ist allerdings unmodern geworden, eher schon vom ‘Psychischen’) des Menschen zuordnen, weil es dem zweckrationalen, handlungsorientierten Vernunftbereich entgegen zu stehen scheint. Letztlich aber bezieht sich die Weltbewältigung der Religion auf alle Bereiche menschlichen Lebens, betrifft also Leib, Seele und Geist, mind & brain. Von einem “Bereich” zu sprechen ist missverständlich, weil es an etwas Sektorales, Abgeteiltes erinnert. Besser ist die Vorstellung eines layers, also einer besonderen Schicht oder Dimension unseres persönlichen Lebens, die unter oder über anderen Schichten liegt. Man kann diesen layer zwar versuchen auszublenden, das wird aber nur zum Schaden der ganzen Person und zum Verlust wesentlicher Dimensionen unseres Lebens führen, wenn es denn überhaupt möglich ist. Meist meldet sich verleugnete oder verdrängte Religiosität in ganz anderen, neuen Abhängigkeiten wieder. Auch der A- oder Antitheismus kann bekanntlich zum Dogma werden.

Einen letzten Hinweis möchte ich noch zur Orientierung der Religion auf Gegenständlichkeit geben. Oft wurde und wird Religion als ein kulturelles System von Symbolen, als symbolische Lebensäußerung interpretiert. Das mag man so tun, wenn man hier “Symbol” recht versteht. Natürlich ist die Welt aller Religion und aller konkreten religiösen Systeme voller Symbole in Handlungen, Redeweisen und Gegenständen. Letztere sind eigentlich das ursprünglichste “Symbol”, weil sich in den religiösen Gegenständen der oben genannte ursprüngliche Widerstand der äußeren Welt manifestiert. Das archaisch scheinende Götterbild (oder auch Heiligenbild) ist eben mehr als nur Bildnis und Zeichen. Benennt man es als Symbol, dann kommt es nicht auf die Differenz zwischen Zeichen und Bezeichnetem an, sondern gerade auf das Moment der Identität, der Realpräsenz des ungegenständlichen, umfassenden Bezeichneten im konkreten Gegenstand des Zeichens. Kein Mensch hat jemals eine Steinfigur angebetet, sondern vielmehr die im Bildnis als real  erlebte Gegenwart des Jenseitigen. Religionen wie die sogenannten Schriftreligionen haben das Götterbildnis (“Götzenbild”) durch das Buch ersetzt, die Thora oder den Koran. Im Christentum ist es zum einen Teil die Bibel (evangelisch), zum anderen die Hostie (katholisch). Die Repräsentanz der Gegenwart des grenzenlos Jenseitigen im begrenzten, diesseitigen Gegenstand gehört zur “Grundausstattung” jeder gelebten Religion (vgl. Opfer, Totem, Heiliges). Der Bezug aufs Körperliche ist ihr also wesentlich. Im religiösen Kult bringt sich daher der Mensch auch ganzheitlich ein: der Körper kniet, liegt, wird getauft, beschnitten, tätowiert usw., alles als Zeichen der Entsprechung, der Einordnung in das als machtvoll, sinnvoll und hilfreich empfundene System einer konkreten religiösen Lebensgemeinschaft, wie es die Religionen bieten. Innerhalb dieses Systems kann dann auch die Rede von Gott, Göttern, Göttlichem, Himmelsboten usw. seinen Ort finden, aber Religion ist nicht an theistische Vorstellungen und Reden gebunden.

Insofern ist die Leistungsfähigkeit der Religion eigentlich unglaublich groß. Sie bietet dem Menschen Halt, Vergewisserung, Rechtfertigung, Trost, Sinn und Ziel, die er als solche in den Widerständen des Lebens und seiner Welt per se nicht finden kann. Es ist ungewöhnlich und fragwürdig, wenn Menschen eines bestimmten Kulturraums meinen, gegen Religiosität, gegen Religionen und religiöse Weltanschauungen angehen zu müssen. Die institutionelle Form, die sich Religionen geben und die Vorrechte, die diese Institutionen beanspruchen zu müssen glauben, die unterliegen allerdings dem gesellschaftlichen Konsens. Da ist Kritik und Begrenzung, ja “Einhegung” (Jan Assmann) geboten. Unkontrollierte Religiosität ist tatsächlich eine gefährliche Sache, ein “gefährlicher mentaler Stoff” (Friedrich Wilhelm Graf), wie alle Religionskriege und religiösen Exzesse beweisen. Die emotionale Verankerung der Religion macht ihren Nutzen, aber auch ihren Schrecken aus. Doch diese Gewaltbereitschaft soll gesondert erörtert werden.

P.S.: Meine Reverenz erweisen möchte ich dem “Großmeister” der Erfassung und Beschreibung dessen, was  Religion ist: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Mit seiner Beschreibung  des “Gefühls schlechthinniger Abhängigkeit” mit dem Ziel der “Anschauung des Universums” (also nicht des Weltalls, sondern des “Ganzen”) hat er einen Religionsbegriff mit fortdauernden Potentialen etabliert.

 22. Juli 2012  Veröffentlicht von am 12:08  Kultur, Religion Tagged with: ,  1 Antwort »
Jul 192012
 

Über Politik und Religion soll man bekanntlich in der Familie nicht reden. Gerade bei der Religion kann das Anlass zu aller schönstem Streit sein. Den einen ist es wichtig wie Gretchen: “Wie hältst du’s mit der Religion?” Andere denken: Ach Gott, was für eine Frage!

Heute wurde eine Umfrag von YouGov veröffentlicht, nach der es heißt: “83 Prozent meinen, Religionen sollten mit der Zeit gehen und nicht um jeden Preis an alten Traditionen festhalten. Nur 9 Prozent meinen, eine Modernisierung religiöser Bräuche sei nicht nötig.” Gefragt wurde zwar im Zusammenhang der Diskussion um die Beschneidung, aber die Frage ist allgemeiner gestellt und darum von allgemeinerem Interesse. Vorausgesetzt, die Befragten spiegeln tatsächlich einen repräsentativen Querschnitt der religiösen und nichtreligiösen Bevölkerung (Kriterien sind bei YouGov nicht immer ganz durchsichtig), so müssten auch große Teile derjenigen, die einer Glaubensgemeinschaft angehören, diese Auffassung teilen. Das ist nur insofern plausibel, als zum Beispiel vielen Katholiken ihre eigene Kirche allzu starr an vergangenen Denk- und Verhaltensmustern z.B. in Fragen der Hierarchie und der Moral festhält. Auch viele säkulare Muslime distanzieren sich von den fundamentalistischen Eiferern ebenso wie liberale Juden von den Orthodoxen. Manchen Evangelikalen ist die Evangelische Kirche zu liberal, vielen anderen ist sie zu pietistisch-fromm. All diese Meinungen und Haltungen der Unzufriedenheit mit großen Teilen der öffentlich repräsentierten Religionsgemeinschaften fließen in solch eine allgemeine Frage ein, ob eine “Modernisierung religiöser Bräuche” nötig sei. Im Zusammenhang der Beschneidungsdikussion wäre allerdings eine Umfrage unter Muslimen und Juden in Deutschland viel aufschlussreicher: In diesem Kontext betrifft es nämlich nur sie “vollumfänglich”. Allerdings ist es schwierig bis unmöglich, über Religionsdinge abzustimmen. Übereinkünfte müssen freilich in der säkularen Gesellschaft getroffen werden, allerdings wohl eher durch Diskussion und Konsensbildung.

In der aktuellen Diskussion über Religion (Auslöser: Beschneidungsurteil *) wird viel Unverständnis darüber erkennbar, was Religion eigentlich ist, tut, soll.  Wenn man sich darüber Gedanken macht, muss man allerdings von dem Faktum ausgehen, dass es auch in der Religionswissenschaft keine eindeutige und allgemein akzeptierte Definition von “Religion” gibt. Bei Wikipedia gibt es einen eigenen Artikel zum Thema “Religionsdefinition“, und darin heißt es über die Versuche, das Phänomen “Religion” zu definieren, zu Recht: “Der Versuch gilt als problematisch, sofern mit der Definition alles, was gemeinhin unter Religion verstanden wird, abgedeckt werden soll. Das stellt sich als schwierig dar, weil die Komplexität und Unterschiedlichkeit der Religionen kaum eine einheitliche Definition zulässt.” Fasst man den Geltungsbereich des Begriffes noch weiter, lässt man ihn also über die “verfassten” Religionen im Sinne von Religionsgemeinschaften hinaus gehen und sich auf das Umfeld religiöser Einzelphänomene, Strukturen, Verhaltensweisen beziehen, dann wird ein einheitlicher Religionsbegriff erst recht nahezu unmöglich. Ich will es dennoch natürlich mit allen Kautelen der Vorläufigkeit versuchen:

Definition: Religion ist ein wesentlicher Bereich subjektiven Erlebens des Menschen, der sich mit seiner ganzen Person an etwas ihm Vorgängiges rückbindet und dieses kulturell gestaltet.

Erläuterung: Das Gegenüber der Religion (auch das “Göttliche” genannt) wird oft als überlegene Herrschaft erfahren, muss aber nicht zwangsläufig  so erlebt werden (Mystik, Nirwana). Wird aber das “Vorgängige” als prinzipiell überlegen erfahren (Macht, Grund, Ziel), dann bedeutet die Rückbindung eine Art Rückmeldung und / oder auch Rückversicherung (Totem, Gebet, Opfer). Es ist der Versuch, sich selbst zu dem Unerklärlichen und Unableitbaren (Kontingenten) in Natur und Lebenswelt auf einer non-rationalen Ebene in Beziehung zu setzen und existentiell Vergewisserung zu erhalten angesichts individuellen Schicksals (Kontingenzerfahrung, Zufall), persönlicher Verlusterfahrung, der Hinnahme von Leid, Tod und Ungerechtigkeit. Auch besondere Glückserlebnisse und ihre Verarbeitung (symbolische Danksagung , Anbetung, Kultus) können Teil des religiösen Lebens sein. Religion als kulturelles Gesamtphänomen nimmt die Frage nach dem “Sinn des Ganzen” auf, nach dem Vorher und Nachher jeder Existenz, und thematisiert damit Leben, Tod und Ewigkeit. Wenngleich auf Einzelerfahrungen beruhend und im Einzelnen verankert, ist Religion fast immer auf Gemeinschaft hin orientiert und durch sie intersubjektiv konstituiert. Religion bekommt dadurch wesentlich eine stabilisierende,  soziale und gesellschaftliche Funktion.

Den ersten, definierenden Satz möchte ich folgendermaßen verstanden wissen: a) Ich halte den unscharfen und bisweilen schillernden Begriff Religion für hinreichend klar und brauchbar. b) Das Phänomen Religion gehört wesentlich zum Menschen. c) Religion ist anthropologisch in der Subjektivität des Menschen verortet. e) Jedem Erlebnis entspricht eine Widerfahrnis. f) Religiöse Erfahrung betrifft stets den ganzen Menschen. g) Was erfahren wird, ist ein “Gegenstand” sui generis. h) “Vorgängig” gebrauche ich hilfsweise als Ausdruck zur Beschreibung von etwas, das als nicht bloß subjektiv (“eingebildet”) erlebt wird. i) Rückbindung nimmt die alte wörtliche Übersetzung des lateinischen Wortes religio auf. k) Religion gehört zum Gesamtbereich der Kultur.

So weit, so (un)klar, denn mir ist völlig bewusst, dass man gegen jede der hier von a) – k) aufgezählten Verständigungen ebenso Widerspruch erheben kann wie gegen die Aussagen in meinen ausgeführten Erläuterungen. Wer mitdenken möchte, den lade ich ein, dennoch zunächst einmal über diese Definition und ihre mögliche Brauchbarkeit nachzudenken. Dabei folge ich weithin den viel zu wenig beachteten Erkundungen der modernen Religiosität durch den evangelischen Theologen Friedrich Wilhelm Graf. In seinem Buch “Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur” (München 2007) heißt es am Schluß:

Diese spezifische Lebendigkeit des Religiösen zu erfassen, fällt vielen gelehrten Religionsdiagnostikern noch immer sehr schwer. Vermutlich bedarf es dazu einer neuen Aufmerksamkeit für ganz elementare Fragen, die im akademischen Religionsdiskurs kaum noch gestellt werden: Wie läßt sich die Offenheit religiöser Symbolsprachen für ganz unterschiedliche Interpretationsansätze deuten? … Worin gründet die außerordentlich hohe Mobilisierungskraft religiöser Rhetorik? Was stimuliert die vielgestaltige Renaissance apokalyptischen Denkens in aktuellen Debatten um Zukunftsperspektiven von Politik und Gesellschaft? Wie erklärt sich die ungebrochene Konjunktur von Funktionsgöttern und Milieuheiligen – religiösen Identifikationsgestalten, die einer bestimmten sozialen Gruppe, im distinkten Gegenüber zu anderen, starke Identität auszuleben erlauben? - Vielleicht liegt ein elementares Defizit gegenwärtiger Religionsforschung darin, daß die implizite Theologie in allem religiösen Bewußtsein, anders gesagt: die subjektive Sinnkonstruktion eines Frommen, zu stark marginalisiert wird. … Dann aber muß man diesen je individuellen Glauben ernster nehmen, als dies die meisten Religionswissenschaftler in ihren mehr oder minder funktionalistischen, jedenfalls abstrakt allgemeinen Sprachspielen und Modellkonstruktionen zu tun imstande sind. (a.a.O. S. 284 – 286)

Ich will dies im Anschluss an meinen Definitionsversuch jedenfalls weiter verfolgen, indem ich in weiteren Beiträgen hier im Blog in loser Folge nähere Beobachtungen benennen und Konsequenzen aufzeigen möchte, um gerade auch dem Erklärungspotential, der “heuristischen Funktion”, der aktuellen Frage nach Sinn, Bedeutung und Funktion von Religion in unserer heutigen Kultur und Gesellschaft genauer nachzugehen. Dabei lasse ich mich von der neuzeitlichen Erkenntnis aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts leiten, die F.W. Graf so formuliert:

Die besondere Leistungskraft der von den genannten Klassikern entwickelten Kulturtheorien liegt gerade darin, Religion und die in ihr erzeugten Weltbilder und Wertideen nicht als ein Epiphänomen des kulturellen Weltumgangs des Menschen oder als einen Sonderbezirk der Kultur zu deuten, sondern religiösen Glauben als eine elementare Sinnstruktur ernst zu nehmen, die alle Handlungsvollzüge des Menschen (mit-)bestimmt. (S. 103)

Es bleibt spannend, einen solchen religions-kulturellen Ansatz mit seinen Potentialen im Zeitalter der Postmoderne zu aktualisieren!

*) UPDATE: Einen Tag nach diesem Beitrag erscheint auf ZEIT online ein Interview mit Volker Beck (Grüne) zum Thema Religion, dem ich in seiner Beurteilung zustimme.

 19. Juli 2012  Veröffentlicht von am 12:08  Gesellschaft, Religion Tagged with:  Kommentare deaktiviert