Mai 092013
 

Die Netzgemeinde ist verunsichert. Sascha Lobos viel beachteter Blogartikel hat das vor einigen Wochen nur offenkundig gemacht. Auf der gerade zu Ende gegangenen re:publica 13 setzte er noch einen drauf, indem er die Internetszene eine “Hobbylobby ohne politische Verbündete” nannte (z.B. im Tagesspiegel). Ein c’t Onlinetalk trug kürzlich den Titel “Netzpolitik zwischen Katzenjammer und Aufbruchstimmung”, und Christian Sickendieck fragte neulich auf Google+ provokant: “Wo ist eigentlich dieses freie und offene Internet, von dem alle reden?” und fasste seine Antwort so zusammen:

Wir haben in den letzten beiden Jahrzehnte den Traum des freien Internets gelebt. Es war eine tolle Zeit. Wenn man aktuell die Entwicklung sieht, muss man konstatieren, dass diese Zeit vorbei ist. Das freie Internet war eine tolle Idee, die positiven Auswirkungen auf unsere Gesellschaft sind noch nicht im Ansatz erfasst. Heute muss man aber sagen: Das freie Internet ist ebenso Geschichte, wie es das Schwarz-Weiß-Fernsehen ist.

Wer hoch steht, kann tief fallen; zu hohe Erwartungen werden umso leichter enttäuscht. Allzu oft wurden die Chancen des Internets, die Utopie der ‘klassenlosen Netzgesellschaft’ wie ein Evangelium verkündet. Dass dabei wenig Realismus an Board war, konnte dem wohlmeinenden, aber etwas distanzierteren Beobachter zu keiner Zeit verborgen bleiben. “Internetfuzzis” behalten selten einen kühlen, realpolitischen Kopf – Ausnahmen wie Christoph Kappes (“Code für Deutschland“) bestätigen die Regel. Die plötzliche Ernüchterung ist schon etwas überraschend, auch wenn sie an einigen Einzelereignissen als Kristallisationspunkten fest gemacht werden kann (Absturz der Piraten, politische Ohnmacht bei Netzthemen; “Drosselkom”). Das “Klassentreffen” (Sickendieck) re:publica versuchte dem zwar durch Aufbruchstimmung (z.B. 3D-Druck) entgegen zu wirken, aber wenn man sich das Abschlussvideo anschaut, dann ist es eigentlich absurd, wie in einem Beitrag von 6:40 Minuten null Information transportiert wird (alles war toll, klasse, neu, old school ist lame usw.)  - Was also ist da mit dem Internet passiert?

Das Internet ist erwachsen geworden. Die Spielwiese der Bastler und Tüftler, der Freaks und Nerds, hat sich in einen realen Bereich des Alltagslebens verwandelt. Genau so wie die alltägliche Lebenswelt von Ökonomie und Machtinteressen (und von beidem gemeinsam) beherrscht wird, ist auch das Netz mit seinen Möglichkeiten endgültig Teil der Realwirtschaft geworden: online ist real life. Der quantitativ dominierende Netzverkehr wird heute von professionellen News- und Lifestyle – Portalen, Videos, Sex- und Gaming-Angeboten bestimmt, und natürlich von der sozialen Plattform Facebook und der “Datenkrake” Google. Blogs, dieses kleine hier ebenso wie die viel bekannteren, viel besuchten, stellen nur eine Randerscheinung dar; an die Reichweite der altbekannten Medien mit ihren Online-Präsenzen (BILD, Spiegel) kommt auch das beste Blog nicht heran, von der Masse der Vielen ganz zu schweigen. Wo es um ökonomische Nutzung geht, gelten die Regeln der Ökonomie: Ein Angebot muss sich rechnen und Gewinn bringen. “Don’t be evil” war / ist ein wunderbarer Werbe-Slogan, mehr nicht.

Wo es um Macht geht, um Einfluss auf Menschen und Meinungen, da ist die Politik sogleich zur Stelle. Was Wunder, dass sich weltweit Regierungen aller Couleur inzwischen den vorbehaltlosen Zugriff auf die Netzarchitektur und damit auf die Inhalte und Nutzer sichern (in der schier endlosen Reihe der Meldungen dazu nur die letzte von gestern über Indien). Nicht Netzfreiheit, – Netzüberwachung ist das Thema der unmittelbaren Zukunft. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein mögliches Instrument der Freiheit in ein effektives Instrument der Herrschaft, der Unterdrückung und das Ausbeutung verwandelt, um es kurz und plakativ zu sagen. (Auch das US-amerikanische Recht auf Waffenbesitz jedes Bürgers war einmal ein Freiheitsrecht gegen obrigkeitliche Macht). Unter den Zielen Terrorismusbekämpfung, Sicherheit und Gefahrenabwehr lassen sich so gut wie alle nur erdenklichen Methoden fassen, mittels derer im Vergleich zu früher  viel umfassender (big data) und leichter (Zugriffsrecht direkt bei den Providern) Kontrolle ausgeübt und Macht durchgesetzt werden kann. Mit der Forderung nach Transparenz, Privatsphäre und Datenschutz, gewissermaßen nach ‘Bürgerrechten im Internet’, scheint man mir jetzt schon hoffnungslos auf der Verliererseite zu sein. Derzeit gilt eher: Erlaubt ist, was technisch möglich ist und der Durchsetzung von Macht nützt. Demgegenüber klingen die Versuche eines Netzdiskurses mit den Zielen eines positiven Leitbildes, der Intensivierung digitaler Informationsverarbeitung für mehr Wissen und Kultur (Code für Deutschland) zwar begrüßenswert, aber fast hoffnungslos utopisch.

Heidelberger Tiegeldruckpresse (Wikipedia)

Heidelberger Tiegeldruckpresse (Wikipedia)

Angesichts der aktuellen Entwicklungen des Netzes, nämlich der Zunahme effektiver staatlicher Kontrollmaßnahmen und der Optimierung der privat-ökonomischen Nutzung zur Gewinnmaximierung, ist es schwer, weiterhin an die Freiheit des Netzes zu glauben und auf die emanzipatorischen Möglichkeiten der Ausweitung von Kultur und Wissen zu setzen. Vielleicht gelingt das dennoch entgegen dem Trend, aber wenn, dann wohl nur als Nische, als eine Begleiterscheinung, so wie es der Kultur immer eigen war. Oftmals wird die “Revolution” der Entwicklung des Internets mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen. Ich hielt das schon immer für schief, und heute erst recht. Das Buch hat eine bleibende, unausrottbar emanzipative Funktion: Lesen können und ein Druckwerk ohne weitere Zugriffsmöglichkeit verteilen oder bei sich behalten zu können ist der eigentliche “Kontrollverlust” der Mächtigen. In Zeiten der Totalüberwachung des Internets dürfte die Drucktechnik erst recht ihren freiheitlichen, subversiven Charakter behalten. Nicht wenn das Internet kontrolliert wird, sondern wenn der Buchdruck verboten wird, erst dann ist es mit der Freiheit des Denkens und Redens vorbei. Internetseiten können gesperrt, eBooks zurück gezogen und Online-Zeitungen vom Netz genommen werden. Vielleicht werden wir uns noch einmal nach dem gedruckten Buch und nach der knisternden (Untergrund-) Zeitung sehnen.

Mein Plädoyer ist also weiterhin für Nüchternheit: Chancen nutzen, auch wenn sie klein sind, Gegenbewegungen (“Netzfreiheit” als heutige Form der “Redefreiheit”) fördern, Netz-Bildung und Bildung im Netz ermöglichen und Datenschutz nachdrücklich anmahnen. Aber zugleich auch: Sich der Totalüberwachung und der Allgegenwart der Netzkontrolle bewusst sein, sich dem entziehen lernen z.B. durch Abschalten (des Smartphones!), der anhaltenden Pflege “analoger” Strukturen des Wissens und des Meinungsaustausches, nämlich des persönlichen Gesprächs und des gedruckten Wortes. In diesem Wissen liegt Macht.

 9. Mai 2013  Veröffentlicht von am 11:32  Internet, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Keine Antworten »
Mrz 192013
 

Ist das die Frühjahrsmüdigkeit? Oder die Kältestarre des langen Winters? Es ist erstaunlich ruhig an der “digitalen Front”: keine aktuellen Aufreger, keine Neuheiten, die einen vom Hocker reißen – business as usual. Der Bundestrojaner ist medial eingeschlummert, das LSR ist in einer rudimentären Form verabschiedet, der Streit ums Urheberrecht köchelt auf niedriger Flamme vor sich hin, und auch die Piraten haben kaum mehr Nachrichtenwert. Facebook, Twitter und andere social media Dienste haben an Neuigkeitswert verloren. Der Neugier-Effekt ist weg, es wird halt genutzt, mehr oder weniger. Bei den Online-Kritikern müssen wieder einmal die ‘gefährlichen’ Internetspiele herhalten, also nichts Neues, nichts von Nachrichtenwert. Auf der Leipziger Buchmesse versuchten Verleger recht gequält, aus der Kritik an Amazon – Beschäftigungsverhältnissen Wasser auf die Mühlen des stationären Buchhandels zu leiten. Wird wohl nicht viel fruchten, darf man vermuten. Machte man die Amazon-Kritik zum Maßstab, dürften schon gar kein iPhone oder Smartphone, keine T-Shirts und Jeans und auch viele Lebensmittel (Fleisch!) nicht mehr gekauft werden. Übrig bleibt ein General-Vorbehalt gegenüber der modernen technisierten Welt. Der kann berechtigt sein, ohne Zweifel. Aber dann müsste er auch  grundsätzlich diskutiert werden. Auch das geschieht ja bei einigen, doch so recht will keine große Diskussion in Gang kommen, ein ‘Diskurs’ schon gar nicht. Die Spät-, Nach- Postmoderne plätschert so vor sich hin.

Schaut man näher hin, so tut sich allerdings doch einiges. Man kann das an der Reaktion der Schwergewichte der digitalen Technik bzw. der Internetwelt sehen: Apple, Google, Amazon merken offenbar, dass auch sie nur mit Wasser kochen und versuchen, die ‘Hoheit’ über ihren Geschäftsbereich und ihr Geschäftsmodell zu behalten, doch der Niedergang von Größen wie Microsoft und Nokia, Yahoo und Dell steht ihnen jederzeit vor Augen. Klar, Microsoft verdient immer noch eine Masse Geld, aber das Geschäft mit dem PC-Betriebssystem und der Office-Software ist ein Auslaufmodell. So schnell kann das gehen. Wenn Google jetzt beliebte Dienste zusammen streicht und alles unter das Dach Google+ zwingt, muss das auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein und kann eher als Zeichen gewertet werden, dass man mit notwendigen Veränderungen den künftigen Entwicklungen vorbeugen will. Obs nützt oder in die Hose geht, wird sich zeigen. Die digitale Entwicklung war bisher so rasant, dass auch sehr schnell aus Siegern Verlierer werden können. Das wiederum ist auch gar nicht so schlecht. Eine neue Technik und ein neues Geschäftsmodell pustet jederzeit Altes von der Bildfläche. Derzeit ist da allerdings noch nichts Konkretes in Sicht. Google hofft zwar, dass es die “glasses” sind, aber, aber…

DigitalTechnikAlt-640

(Ur-) Alte Technik

Diese Verschnaufpause könnte dazu genutzt werden, bei der digitalen Entwicklung im Alltag etwas aufzuholen. Da liegt nämlich einiges im Argen. Der schnelle Mobilfunk (LTE) kommt eher langsam voran, auch die G3-Mobilfunktechnik ist keineswegs flächendeckend und befriedigend verfügbar. Verlässt man die Ballungszentren, ist man bald auf EDGE-Niveau. Einheitliche Online-Zahlungssysteme: Fehlanzeige. Ein weiterhin bestehendes Ärgernis ist die Beschränkung, welche die Verbreitung und Nutzung von WLAN im öffentlich Raum durch die rechtsunsichere Störerhaftung erfährt. Nicht der Gesetzgeber, sondern der Richter soll hieran etwas ändern – ein Schulterzucken der Politik also, recht armselig und wenig innovativ. – In deutschen Hotels wird man immer noch fürs WLAN extra zur Kasse gebeten, sofern denn überhaupt Internet in den Zimmern verfügbar ist. Strom für die Nachttischlampe muss man ja auch nicht extra bezahlen. Es zeigt nur, wie wenig die Verfügbarkeit des Netzes schon als grundlegendes Allgemeingut gilt – wie Wasser, Strom und TV. Genau an dieser Einstellung gilt es zu arbeiten. Hier hinken Deutschland und große Teile Europas gegenüber anderen Hightech-Ländern deutlich hinter her. Wie groß der Unterschied ist, merkt man bei Reisen in die USA, nach Kanada, Hongkong oder Australien sehr schnell. Zurück in Deutschland fühlt man sich in der digitalen Provinz.

Dabei ist digitales Knowhow nun wirklich bei uns vorhanden. Klar, deutsche Firmen können dem Silicon Valley vom Volumen her (Ideen, Patente, Kapital) nicht das Wasser reichen, aber unser Maschinenbau besonders im Bereich von Spezialtechniken dürfte zu den weltweit führenden Branchen in der Umsetzung digitaler Techniken gehören. Dies verdient viel mehr Beachtung, denn  hier ist entsprechend ausgebildeter und kreativer Nachwuchs gefragt, und der fällt nicht vom Himmel. Das haben auch manche Berichte von der CeBIT deutlich gemacht. Da gilt wieder einmal, dass “der Mittelstand” unsere Stärke ist. Stärken gilt es auszubauen, und das sollte auch im Schul- und Bildungssystem seinen deutlichen Niederschlag finden. Auch hier geht vieles zu zögerlich voran: Ein Laptop im Klassenzimmer macht noch keinen digitalen Frühling.

Aber vielleicht wird es ja besser, wenn erst einmal der echte Frühling die Lebensgeister aus der Kältestarre weckt…

 

 19. März 2013  Veröffentlicht von am 11:49  Gesellschaft, Internet, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 282012
 

Auf einmal fiel es mir auf – es kam mir seltsam bekannt vor – es erklärte sich fast von selbst – eine Art “déjà vu” – nun ja, nicht ganz… Eine satirische Jahres-End-Betrachtung.

Zum Jahreswechsel wird man von Rückblicken überhäuft, egal ob in Printmedien, im Fernsehen oder online in Blogs und sozialen Netzwerken. Manchmal ist das sogar interessant und kann witzig sein, aber manchmal ist dieser rückwärts gewandte Zeitraffer auch etwas des Guten zu viel. Immerhin fiel auf diese Weise mein Blick auf das, was es im vergangenen Jahr im Netz, in der digitalen Sphäre, in der Online-Welt, oder wie immer man es nun nennen will, gegeben hat. Da dämmerte es mir. Man muss nur noch ein wenig weiter zurück blicken und den Zeitraum der letzten sagen wir 20 Monate betrachten. Es begann mit “Occupy wallstreet” im Juni 2011, setzte sich mit dem überraschenden Wahlerfolg der “Piraten” bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September desselben Jahres fort und füllte von diesem Zeitpunkt an die Nachrichten, Kolumnen und Blogs. Die bisher eher im Schatten der Experten verborgene Welt des “Web 2.0″ war zumindest medial - wie heißt es so schön? – ‘in der Mitte der Gesellschaft’ angekommen. Die allgemeine Aufmerksamkeit wurde auf die sozialen Plattformen gelenkt, die so etwas möglich gemacht hatten, Twitter und Facebook vor allen Dingen. War nicht schon der “Arabische Frühling” eine “Twitter – Revolution” gewesen? Und schon war der Hype geboren, der die Internet-Generation mit den immer wiederholten Kampfparolen “Transparenz”, “Teilhabe”, “Kontrollverlust”, “Liquid democracy” (=”neues Betriebssystem” des Politikbetriebs) auf einmal in vieler Munde brachte. Man goutierte als quasi exotisches Event die ersten Stellungnahmen der neu gewählten Berliner Piratenfraktion, lernte neue Gesichter kennen, erfreute sich an der unbedarften “Frische” der nachfolgenden Piraten-Parteitage. Inzwischen ist es wieder ruhiger geworden. Das liegt nicht zuletzt an den Akteuren selber - anscheinend wurde das Piratenschiff eigenhändig versenkt - und an den Prozenten.

Aber über das Phänomen der Piraten hinaus, die gewissermaßen eine mediale Türöffner-Funktion erfüllt hatten, öffnete sich die öffentliche Wahrnehmung, Berichterstattung und Meinungsbildung verstärkt gegenüber den Stimmen aus der bis dahin mehr in sich abgeschlossenen “Internet-Gemeinde”: Netzthemen wurden modern in allen klassischen Medien. Neben der Finanz- und Eurokrise, die natürlich politisch und ökonomisch als Problem alles beherrschend war (“Gipfeltreffen”), rückte das Thema “Internet” und “social media” als gleichsam “weiches”, also gesellschaftlich-kulturelles Thema in den Vordergrund. Viel lieber als technisch orientierte Informationen über Funktionsweise und Potentialität der neuen Netzdienste hörte man zugespitzte Thesen, sah die TV-Auftritte bunt schillernder Persönlichkeiten, die ihrerseits die klassischen medialen Plattformen (Zeitungen, TV) für ihre Anliegen, vor allem für die Darstellung ihrer neuen Weltsicht nutzten. Denn das wurde sehr rasch deutlich: Es ging nicht um irgendein technisches “Spielzeug”, es ging auch nicht um neue ökonomische Chancen, es ging um eine neue Weltanschauung, um die Weltanschauung der “digital natives”, gewissermaßen der Erstgeborenen der neuen Weltordnung der digitalen Kultur. Neben “Nerds”, “Spackos”, “Piraten” waren und sind auch vermehrt die intellektuellen Vordenker zu hören und zu lesen, denen sich online und auf politischen Foren die Möglichkeit bietet, ihre Vision einer “evolutionären” Technik-Zivilisation darzulegen und zu verbreiten. Und da ist sie dann, die Hoffnung auf eine neue, gerechte Welt der Teilhabe aller (sofern sie online leben), der völlig transparenten Demokratie, der gläsernen (?) Privatsphäre, der Robotik und der Realisierung künstlicher Intelligenz, kurz der Herrschaft der Algorithmen als Mittel zur ‘herrschaftsfreien Interaktion’, also der ersehnten Vervollkommnung des so mangelhaften Naturwesens Mensch. Mensch und Technik sollen verschmelzen zu neuer Einheit. Ein Herbert Marcuse würde vielleicht über diese visionären Ziele jubilieren, allerdings über die aktuellen Mittel der bloß “instrumentellen Vernunft” im Grab rotieren.

Che-Ponader

Und da war es dann, das Déjà vu: Ich habe das doch alles schon einmal gesehen und gehört, diese neue Wichtigkeit von Parolen, diese Art selbstgewiss-elitärer Avantgarde, die natürlich das “normal-elitäre” Fußvolk braucht wie der Fisch das Wasser, diese berauschende Stimmung des Gefühls, am Anfang einer neuen, besseren Welt zu stehen, diese ideologischen Versatzstücke, die wieder und wieder medial durchgekaut werden, – und dann die Vordenker, die intellektuellen Zuarbeiter, die dafür sorgen, dass hohle Phrasen auch ein überzeugendes Fundament bekommen, die denkerisch für den Background sorgen und die Visionen in umsetzbare Strategien umformen, die zuspitzen oder abmildern, je nach dem, und die dafür stehen, dass aus einer elitären sozialen Gruppierung eine Bewegung wird, die ein gemeinsames neues Weltbild eint, ein politisch-kulturelles Ziel, dem man sich nur unter Inkaufnahme der Kennzeichnung als verbohrter, altmodisch bürgerlicher /analoger Traditionalist entziehen kann. Damals, ’68 folgende, wurde ebenfalls die  wahre Demokratie propagiert, allerdings ging es dabei um Sozialismus, bei vielen um “lupenreinen” Marxismus, um Befreiung aus alten Zwängen, um das Brechen von Tabus und um ein “neues”, antiautoritäres Verständnis von Demokratie. Auch damals waren da die tonangebenden Intellektuellen, welche die jeweils gültige Melodie für die anzustimmende Musik vorgaben. Was damals die Neo- Sozialisten und -Marxisten waren, so scheint es mir, sind heute die “digital natives”, die sozialistische Bewegung ist nun die “Netzgemeinde”, statt “bürgerlich” heißt es “analog” oder “offline”, und der schlimmste Vorwurf, der einst “Faschisten” lautete, heißt heute “Technikfeind” oder “Verweigerer”: Kritisierten die Achtundsechziger die Gesellschaft als “faschistoid”, so gilt eben heute das beharrende Element als “technikfeindlich”. Aus dem Zauberwort “sozialistisch” ist das kürzere “digital” geworden. Beides aber wurde /wird mit dem erwünschten und gefeierten Fortschritt gleich gesetzt. Das Internet gebiert die neue “Leitkultur”.

Wer mag und sich altersbedingt auskennt, kann die Reihe der Parallelen einmal selber fortsetzen. Mir fällt vor allem die Selbstgewissheit auf, diese gewisse Selbstherrlichkeit (um nicht Arroganz zu sagen), mit der man sich auf der “richtigen” Seite der Entwicklung sieht (“Evolution” sagt man sogar, um eine Naturnotwendigkeit zu suggerieren), die etwas hochmütig wirkende Rechthaberei, wenn es um Themen und Kategorien geht, das elitäre Gehabe, dass die bisher “Dummen” schon zwangsläufig die Errungenschaften der digitalen Moderne übernehmen würden. “Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.” Jaja, damals. Man findet in Entsprechung zu ’68 wieder eine starke ideologische Fixierung, heutzutage auf analytisches Technik-Wissen, das sich nur dann “kritisch” verhält, wenn es um die Diffamierung der “Bedenkenträger” oder um die Zurückweisung (geschichts-) philosophischer  Technikkritik geht. Die neue “Wahrheit” manifestiert sich im “Netz”, genauer im “Schwarm”, dessen angebliche Intelligenz zum Sinnbild der Generation “X” der “digital natives” geworden ist. Nicht so sehr die “cloud”, die “crowd” wird’s richten.

Und ein letztes, nun ein wirkliches déjà vu: Da sieht man auf einmal auf den etwas chaotischen Massenversammlungen (Parteitagen) der “Piraten” doch tatsächlich jede Menge ergrauter “Revoluzzer” aus den 68ern! Spätestens hier schließt sich der Kreis. Das Déjà vu hat eine real-personale Komponente. Das ist allerdings nicht entscheidend. Es ist nur eine weitere verblüffende Kuriosität, Real-Satire.

Und wie geht es weiter? Keine Ahnung, die augenfälligen Parallelen hören sogleich auf, aussagekräftig zu sein, wenn man eine Prognose wagen wollte. Zu verschieden sind dann doch die beschriebenen Phänomene, und zu sehr gewandelt hat sich die Zeit. Alles verläuft heute sehr viel schneller, “instant” eben. Das Wort “Hype” kannte man ’68 noch nicht, es war auch kein solcher. Die Entwicklung der IT-Technologien, der digitalen Medien, der digitalen Vernetzung, Produktion, Konsumption usw. als einer erweiterten Ebene unseres alltäglichen Lebens geht natürlich weiter, mit und ohne “Nerds” und “Geeks”. Aber vielleicht geschieht genau dies: Dass unser Nutzen von digitalisierter Realität alltäglich wird. Dann könnten wir uns wieder mit Ernst darüber unterhalten, wie weit man die neuen Möglichkeiten der IT-Technologien samt digitaler Vernetzung zur Lösung der wirklich großen Probleme der Menschen nutzen könnte: zur Bekämpfung des Hungers, des Analphabetismus, der Armut, des Fundamentalismus jeglicher Spielart, der nach wie vor massiven Entrechtung der Frauen und Kinder, zur Förderung  des Respektes der Tierwelt, der Begrenzung der Klimaveränderung und so weiter und so weiter. Eigentlich gibt es genug “echte” Probleme, deren Lösung all unsere Kräfte und Intelligenz braucht, vor allem die Kraft, den maßlos destruktiven Kräften und Ideologien zu widerstehen. Wenn hierbei “Künstliche Intelligenz” helfen kann, ok  - aber die normale Vernunft würde schon reichen.

Oder ist alles noch ganz anders mit den Sozialen Medien? Ich lese heute: (Facebook Co-Gründer, Verleger und Eigentümer von “New Republic”) Chris Hughes unterhielt sich mit Arianna Huffington und Peter Thiel (Facebook-Investor):

„Macht Twitter die Demokratie unmöglich?“ So sollte die Frage des Abends lauten, die allerdings nicht zur Verhandlung kam. Die kulturkritische Prämisse, dass die sozialen Medien Zerstreuung und Kakophonie produzieren und dadurch der rationalen Debatte schaden, galt allen drei Helden der Kommunikationswirtschaft anscheinend als unstrittig. Im Stil der von Michel Foucault ausgegrabenen antiken Sexratgeber gaben sie Empfehlungen zur Dosierung des persönlichen Gebrauchs der neuesten Medien ab.

Brave new world!

 28. Dezember 2012  Veröffentlicht von am 13:12  Internet, Kultur Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 212012
 

Das Netz und die Nutzung des Netzes haben sich weiter entwickelt.  Das ist das Mindeste, was man im Rückblick auf die vergangenen Monate fest stellen kann. Um diesem ersten Satz etwas mehr Farbe und Aussage zu geben, müsste man schon bewerten, wie sich das Internet weiter entwickelt hat. Und da gehen dann die Meinungen schon auseinander.

Vieles, was auf den ersten Blick als eine durch das Netz und vor allem durch seine sozialen Plattformen induziert zu sein schien, entpuppte sich im Nachhinein entweder als Fehlurteil oder als wenig dauerhaft. Die “Arabellion”, gerne auch als “Twitter-Revolution” gekennzeichnet, war allenfalls vordergründig eine “Internet-Revolution”. Genauere Analysen haben gezeigt, dass die neuen Medien eine offenbar viel geringere Rolle gespielt haben, als es in der Presse und in eben diesen “neuen Medien” behauptet worden war (siehe zum Beispiel hier). Von einer anderen sozialen Bewegung, die fest mit den social media konnotiert wurde, nämlich der “Occupy-Bewegung”, ist in diesem Jahr gar nichts mehr zu hören und zu lesen gewesen, nichts, was auf Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit schließen ließe, also eher eine “klassische Eintagsfliege”. Von zahlreichen Aufrufen zu Protesten gegen befürchtete Beschränkungen der Freiheit des Netzes wie das Handelsabkommen ACTA (Stopp ACTA), vom Streit um das Urheberrecht, von den Protesten gegen den Gesetzentwurf zum Leistungsschutzrecht (LSR), von den viel leiser vernehmbaren Einsprüchen gegen die Einrichtung von INDECT, war nur der Anti-ACTA-Protest eine erfolgreiche Bewegung (Übersicht hier). Wie weit allerdings die Proteste im Internet und auf den Straßen tatsächlich zur Verhinderung dieses Anti-Piraterie-Abkommens geführt bzw. dazu beigetragen haben, wäre noch eigens zu untersuchen. Es gab dabei eine Menge recht divergierender Interessen, die letztlich eine Verhinderung des Abkommens und die Absetzung des ACTA-Verfahrens beim Europäischen Gerichtshof seitens der EU-Kommission zur Folge hatten. Weder der Streit ums Urheberrecht im digitalen Zeitalter noch der Streit ums LSR waren in irgend einer Weise “massentauglich”. Eher sind dies wenngleich wichtige, so doch spezielle juristische Fragen, die besonders die “Netz-Elite” interessieren. Doch die ist eine verschwindend kleine Minderheit. Ein Blick auf die aktiven Nutzerzahlen von Twitter in Deutschland zeigt, dass nur wenig mehr als 100.000 Nutzer häufig und regelmäßig tweeten (siehe hier).

Überhaupt die “Minderheit” der Netz-Aktivisten. Vielleicht am erstaunlichsten war in den vergangenen Wochen und Monaten der rasante Absturz der “Piraten” aus dem öffentlichen Interesse – und der entsprechende Rückgang der Unterstützer bei der berühmten “Sonntagsfrage”: Laut “Deutschlandtrend Dezember” (tagesschau.de) liegen sie bei 3% Wählerzustimmung. Der Höhenflug dieses “Themas” ist also vorläufig beendet. Auf der anderen Seite scheinen sich einige Voraussagen für das durch die sozialen Medien und Blogs beförderte Ende der traditionellen Print-Zeitungen erstmals zu materialisieren: Gleich zwei überregionale Tageszeitungen mussten ihre Einstellung ankündigen: Financial Times Deutschland (bereits eingestellt) und die Frankfurter Rundschau (wegen Insolvenz Galgenfrist noch bis Ende Januar 2013). Dabei ist allerdings zu fragen, wie weit hier das Internet “Schuld” war oder ob nicht viel mehr ganz andere wirtschaftliche Faktoren ursächlich sind. Immerhin hat die FTD während der dreizehn Jahre ihres Bestehens durchweg Verluste gemacht, und die FR ist seit mehreren Jahren wiederholt am Absturz vorbei geschrammt. Die großen überregionalen Zeitungen wie SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche, FAZ sind gerade dabei, bei recht konstanter Leserschaft ihr Geschäftsmodell zu ändern, nachdem die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft rasant weg gebrochen sind.

Viel wird da im Netz, in den einschlägigen Blogs und Plattformen, über die “hochnäsigen” Journalisten geschimpft oder sich überhaupt über den “guten Journalismus” lustig gemacht (Wolfgang Michal bei CARTA), der doch gegenüber der Schnelligkeit und “Schwarmintelligenz” (vielleicht das Modewort des Jahres) des Netzes hoffnungslos unterlegen und also von vorgestern sei – und außerdem nur noch zum Boulevard verkomme. Gleichzeitig, welch erstaunliche Wendung der Netz-”Elite”, ist eben dieser antiquierte Journalismus Schuld, wenn Deutschland beim Ranking der Sozialen Medien zu “schlecht” abschneidet. Laut der Wirtschaftswoche und dort dem Blog von Michael Kroker liegt DE bei der Nutzung sozialer Online-Netzwerke mit 34% nur im  unteren Drittel vergleichbarer Industrieländer und weist zudem 46% “Verweigerer von sozialen Netzwerken” auf. Schlimme Sache, wie Marcel Weiss bei CARTA meint. Denn darin drücke sich nicht nur “Skepsis der Deutschen gegenüber neuen Technologien” (Kroker) aus, sondern die “starke Risikoaversion unserer Gesellschaft” (Weiss). Die von ihm im selben Satz diagnostizierte deutsche “Vorliebe von geordneten vor chaotischen Verhältnissen” ist anscheinend etwas ganz Schlechtes und Verwerfliches. Dass dahinter ein durchaus rationales Kalkül stecken könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Und nun kommt’s: Schuld an dieser Misere sind – die so viel gescholtenen Print-Medien und das Fernsehen: “Sowohl Print als auch TV berichtet hierzulande seit Jahren fast ausschließlich negativ über das Internet und dabei natürlich besonders über das Trendthema der letzten Jahre, die Social Networks. Große Titelstories sind immer mit Skandalen oder Risiken verbunden.” Kein Wunder, dass darum Deutschland “erschreckend” digital-technologisch hinterher hinke. [Nebenbemerkung: Welches Bild ergäbe sich wohl, wenn man die Nutzung neuer Technologien zur nachhaltigen Energiegewinnung in Deutschland als Maßstab anlegen würde? Aber das hat ja mit "digital" und dem intelligenten "Netz" nichts zu tun.] Verquere Welt. Immer Ärger mit diesen Internet-”Verweigerern” und “Wohlfühljournalisten”!

Google Earth at Night

Google Earth at Night

Von einer ganz anderen, sehr nachdenkenswerten Seite nähert sich dem aktuellen Zustand der Internet-Kultur und der netz-obligaten Transparenzforderung  der Berliner Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han im SZ-Magazin. Er konstatiert im Blick besonders auf Facebook einen Prozess der “Glättung” durch das Netz, die “alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt”. “»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.” so Han. Und Sean fragt in einer Anmerkung zu meinem Blogbeitrag “Kultur und Fortschritt – und weiter?“: “Gibt es eine Entropie der Kultur?” Ein interessanter Gedanke. Mir fällt dazu der von +Jürgen Kuri wiederholt geäußerte Ausspruch von der “Langsamkeit des Internets” ein. Aus einer Fülle allzu schneller Information, basierend auf Gerüchten, Vermutungen, Vor-Urteilen, auf den sozialen Plattformen mit einem Klick in Windeseile weiter verbreitet, kristallisiert sich erst nach Abflauen des Erregungs- und Aufmerksamkeits-Hypes der tatsächliche Informationsgehalt heraus, oft genug durch genau recherchierende Journalisten.

Hinzu kommt eine der übelsten Seuchen des Internet, der “shitstorm”, also so etwas wie der digitale Schandpfahl, gegenüber dem man ohne nachzufragen und im Schutz der (anonymen) Öffentlichkeit schimpfen, beleidigen und verleumden kann nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Es ist eine sozialpsychologisch beschreibbare Blitzableiter-Funktion (eigener Frust?), die sich hier manifestiert. Erklärbar bedeutet aber nicht entschuldbar, erst recht nicht aus der Sicht der betroffenen Opfer.

Abgesehen von solchen Exzessen, abgesehen auch von gelegentlichen Aufmerksamkeits-Stürmen (als Stichworte reichen bisweilen Namen: Wulff, Ponader, Weisband) stellt sich die Allgegenwart des Netzes doch recht durchschnittlich und unaufgeregt dar. Millionen Menschen in Deutschland nutzen Email, Skype, WhatsApp, weiterhin SMS (!), kaufen und buchen online, lassen sich Bahnverbindungen anzeigen und kaufen Fahrkarten übers Web, lesen Nachrichten, spielen Internetspiele, kaufen und sehen Filme, informieren sich über alles, was sie gerade interessiert. Nicht zufällig gehört das Wort googeln seit langem zum deutschen Wortschatz. Trotz mancher überzogenen Warnungen nutzen ebenfalls Millionen Internet-Banking, mehr und mehr über mobile Geräte, Smartphones und auch mittels der sich erst allmählich verbreitenden Tablets. Da vollzieht sich eine langsame, aber unaufhörliche und ganz selbstverständliche Anpassung des Lebensstile an die Gegebenheiten, Möglichkeiten und den praktischen Nutzen des Netzes. Das hat wenig mit einer “digitalen Evolution” oder einem neuen technisch-kulturellen Menschsein zu tun. Internet und der Spaß an neuen Geräten (‘Spielzeugen’) ist auch bei uns Alltag geworden. Klar, dazu gesellt sich zu Recht manche Skepsis, manche Angst vor Überforderung, manche Unsicherheit und Zurückhaltung, auch im Blick auf die Privatsphäre. Warum auch nicht, sollen doch andere Mutigere erst einmal ausprobieren, was geht und was nicht geht, was etwas taugt und was nicht. Das ist eine sehr pragmatische Haltung. Ich finde sie verständlich und begrüßenswert.

 

Und vieles, was sich dann so an Diskussionen, Meinungen (@Christoph Kappes seufzt in einem Tweet: “Meinungen, alles voller Meinungen” – ja was denn sonst?), Äußerungen, “Statusmeldungen”, Gefühlsausbrüchen, Ansichten usw. –  oder auch an Spaß, Ulk und Nonsens im Netz, in den social media – Netzwerken kundtut, kommt mir vor wie ein weißes Rauschen, in dem wesentliche Unterschiede kaum auszumachen sind. Das Netz als das Hintergrundgeräusch unserer Gegenwart, mal lauter, mal leiser, immer mit Wispern und Zwitschern beschäftigt, selten mit inhaltlicher Klarheit und Bestimmtheit, dafür ein auf- und abschwellender Lärmpegel, der einfach heute dazu gehört. Man kann dieses ‘Hintergrundrauschen der Moderne’ kaum überhören, erst recht nicht abstellen (nur ganz privat von Zeit zu Zeit), aber man muss es auch nicht zu wichtig nehmen. Manchmal möchte man einfach rufen: “Stop making noise” – aber auch das Originalzitat “Stop making sense” gäbe durchaus einen Sinn. Aber Abschalten und Pause liegen ja in der Hand eines jeden. Man muss nur wollen.

 

 21. Dezember 2012  Veröffentlicht von am 18:20  Internet, Netzkultur, social media, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Nov 252012
 

Dieser Tage entdeckte ich mich in einer Art Blase gefangen. Der Filter waren aber keine Algorithmen, sondern das war ich selber. Ich hatte in meiner Wahrnehmung unbewusst eine Lupe benutzt: Teile der Wirklichkeit erschienen so sehr viel größer und bedeutender, als sie tatsächlich sind. Ich spreche vom Web 2.0.

Seit einigen Jahren organisiere ich Vortragsveranstaltungen in Kempten. Sie stehen jeweils unter einem Oberthema, zum Beispiel “Hirnforschung” oder “Schöpfung und Evolution”. Anerkannte Wissenschaftler berichten dann aus ihrem Fachgebiet. Die Resonanz beim Publikum war durchweg gut. In diesem Winterhalbjahr hatte ich das Thema “Web 2.0 – Welt 2.0″ ausgewählt. Ich war mir sicher, damit etwas ganz Aktuelles und allseits Interessantes getroffen zu haben. Engagierte und in der “Szene” bekannte Referenten aus München, Ulm, Freiburg konnten gewonnen werden. Nach zwei Veranstaltungen mit einer Publikumsresonanz knapp über Null haben wir (VHS als Trägerin) die Veranstaltungsreihe gestoppt und die weiteren Vorträge abgesagt. Das Thema des letzten Vortrages war die Entwicklung der Zeitungen im Zusammenhang des Internet; passte zufällig haargenau zu den gerade gemeldeten Schließungen der Frankfurter Rundschau und der Financial Times Deutschland. Null Erregung. Großes Erstaunen. Was ist passiert?

Filter Bubble by Eli Pariser

Natürlich fragt man sich zuerst danach, ob die Termine falsch lagen, ob es konkurrierende Veranstaltungen oder ob es Versäumnisse in der Werbung gab. All dies konnte man mehr oder weniger ausschließen, im Gegenteil, die Werbung für den letztgenannten Vortrag war auch überregional besonders intensiv, unterstützt von den Lokalzeitungen. Kempten ist zwar keine Großstadt, aber eine bedeutende Mittelstadt in einem ländlichen und touristischen Umfeld (Allgäu). Immerhin lebt die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands in solchen Mittelstädten, hier mit einer Hochschule und mit einem starken Mittelstand im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik. Die “anderen” Themen liefen ja auch, also nochmal: Was war passiert?

Offenbar lag eine Fehleinschätzung der Relevanz des Themas “Internet und Web 2.0″ in der interessierten Öffentlichkeit vor. Einen jüngeren Bekannten, studierend, den ich danach fragte, sagte mir: “Ich benutze zwar Facebook, aber das Internet als Thema interessiert mich nicht.” So denken und empfinden offenbar viele. Man nutzt die Angebote des Netzes, ohne dass einen die Frage nach der Bedeutung des Internets und der neuen Medien im Allgemeinen interessiert oder zum Nachdenken / Nachfragen bewegt. Wenn ich dagegen meine Twitter Timeline beobachte, in Google+ stöbere oder mich interessierende Blogs und Blog-Portale besuche, bekomme ich einen völlig anderen Eindruck. Dann denke ich: Das Thema Internet und Web 2.0 bewegt die Welt. Da sind doch die “Twitter-Revolution” in den arabischen Ländern, die Anti-ACTA-Proteste, die heißen Diskussionen über das Urheberrecht oder das Leistungsschutzrecht – und natürlich die Piraten. Da sind die zahllosen Beiträge in Zeitungen und Weblogs über die mediale Revolution durch das Internet, da sind hitzige Diskussionen und Shitstorms. All das bewegt doch offenbar die Öffentlichkeit. – Asche. Nichts davon stimmt so. Es ist nur die Lupe der eigenen Wahrnehmung und Interessen, die dieses Bild erzeugt und die Relevanz vergrößert. Auch abgesehen von dem Einzelfall meiner geschilderten Erfahrung mit den Vorträgen sieht die Wirklichkeit im Netz doch recht anders aus.

Zum Beispiel Twitter. Im April dieses Jahres wurde die Erfolgsmeldung von 4 Millionen Twitternutzern allein in Deutschland verbreitet. Man muss näher hinschauen, was Twitter-Nutzer sind. Von den 4 Mio. Accounts sind aktuell (November) nur 825.000 “aktive” Nutzer.

Ein Account wird als „aktiv deutsch” bezeichnet, wenn darüber pro Woche mindestens ein deutschsprachiger Tweet versendet wird. Dabei wird eine Liste mit 400 eindeutig deutschsprachigen Begriffen wie „bitte“, „danke” oder „gestern“ zu Grunde gelegt. Diese Untersuchung lässt nur schwer Rückschlüsse auf tatsächlichen Nutzerzahlen von Twitter zu: Zum einen werden stumme Accounts, also solche, die nicht selbst aktiv senden, nicht erfasst. Zum zweiten ist nicht ersichtlich, wie viele Accounts von ein und derselben Person genutzt werden. … 310.000 Accounts haben im letzten Monat mehr als zehn Tweets abgesetzt, 99.000 sogar mehr als 30, im Schnitt also mindestens einen Tweet täglich. (Webevangelisten)

Das heißt, 2,5 % der Twitter-Accounts werden zum regelmäßigen, täglichen Gebrauch genutzt. 300 000 Nutzer generieren damit ca. 95 % der Tweets. Tun wir also das, was die meisten Twitter-User machen, nämlich nur lesen, dann erfahren wir die Infos und Meinungen von einer winzigen Minderheit von deutschlandweit 100.000 sehr aktiven “Netzwerkern”. Die allerdings “machen Meinung” und Stimmung und prägen unsere Wahrnehmung. Das genau meine ich mit der Netz-Lupe: Eine kleine aktive Gruppe wird leicht für das Ganze des Webs genommen. Berücksichtigt man dann noch, dass mehr als die Hälfte der Zeitungs-Journalisten von sich sagen, regelmäßig Twitter zu beobachten und für ihre Artikel als bedeutende Nachrichtenquelle zu berücksichtigen, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch die traditionellen Medien die Relevanz und Verbreitung der neuen Medien des “Web 2.0″ (= sozial, interaktiv!) überbewerten. Eine Fehleinschätzung, die multipliziert wird.

Ähnliches gilt für Facebook, auch wenn dieses soziale Portal eine andere Zielrichtung als Twitter hat. Genauere Nutzerstatistiken rückt Facebook öffentlich nicht heraus. Nur die Gesamtzahl “aktiver” Facebook-Accounts wird kommuniziert:  Rund 25 Millionen Facebook-Nutzer gibt es in Deutschland. Andererseits weist t3n darauf hin, dass es im Juli erstmals einen deutlichen Knick im Zuwachs gegeben habe: es waren 200.000 Nutzer weniger. Wie dem auch sei, so muss auch hier nachgeschaut werden, was “aktive Facebook-Nutzer” sind. Dazu heißt es: “Aktive Nutzer sind in diesem Fall alle Besucher, die sich in den vergangenen 30 Tagen bei Facebook angemeldet und mit dem Netzwerk interagiert haben.” Was heißt “interagiert”? Kommentare hinterlassen oder einen Post liken. Also auch nur der eine Klick auf den Like-Button wird als Interaktion gezählt. Vermutlich ist also auch bei Facebook die Zahl derjenigen Nutzer, die regelmäßig eigene Statusmeldungen verfassen oder Fotos hochladen und mit anderen (“Freunden”) schriftlich kommunizieren, nur ein Bruchteil der Zahl der Facebook-Accounts. Auch hier entpuppt sich die gewaltige Zahl von 25 Millionen Nutzern als eine Lupe, die die Realität größer und erscheinen lässt, als sie ist. Millionen mögen Facebook anklicken und lesen, aber nur ein viel kleinerer Teil nutzt dieses Portal aktiv.

Ein letzter Hinweis auf eine oft verstellte Wahrnehmungs-Lupe. Liest man über das derzeitige “Zeitungssterben” zumal in einschlägigen Blogs und gut vernetzten Webbeiträgen , so gewinnt man den Eindruck, dass das Internet und die Sozialen Medien das allmähliche Ende der traditionellen Zeitung einläuten. Richtig an dieser Interpretation ist die wirtschaftliche Tatsache, dass die Tageszeitungen derzeit einen Rückgang ihrer Leserschaft (drastisch bei jüngeren Menschen) und den Zusammenbruch des Anzeigenmarktes und damit ihrer herkömmlichen Haupteinnahmequelle erleben. Das traditionelle Wirtschaftsmodell der Tages- und Wochenzeitungen ist am Ende. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bedeutung der Zeitungen als Gatekeeper des Zugangs zur den Geschehnissen in der Welt verloren gegangen wäre. Im Gegenteil. Zu der Gruppe der 10 meistbesuchten Websites in Deutschland gehören spiegel.de und bild.de, bald gefolgt von Focus online und Welt online. Die Online-Angebote der überregionalen (Tages-) Zeitungen haben einen enormen Zuspruch:

Online Verbreitung

“Im gleichen Zeitraum [Oktober 2012] ist die von der Prüfgemeinschaft für die Online-Medien festgestellte Gesamtnutzung deutlich angestiegen: So wurden im Oktober 2012 für 1156 der von der IVW gelisteten Internetangebote insgesamt rund 5,37 Mrd. Visits (Besuche, das heißt einzelne zusammenhängende Nutzungsvorgänge) und 40,27 Mrd. PageImpressions (einzelne Seitenaufrufe) festgestellt (September 2012: 1.162 gemeldete Angebote mit 4,93 Mrd. Visits und 37,67 Mrd. PageImpressions).” (Quelle: IVW)

Online erreichen die Zeitungsmedien ungleich mehr Besucher und Leser, als sie in ihren Print-Ausgaben jemals hatten. Man muss deswegen wohl genauer von einer existenzgefährdenden Krise des herkömmlichen Wirtschaftsmodells der Zeitungen sprechen – die Zeitungsangebote im Internet dagegen erfreuen sich größter Beliebtheit. Nicht die Zeitung als Gatekeeper der Nachrichtenwelt ist am Ende, wie es die Diskussionen unter der “Netz-Lupe” nahelegen, vielmehr steht das Wirtschaftsmodell der Tageszeitungen vor gravierenden Veränderungen und Anpassungen. Wer da den ‘turn’ nicht schafft, verschwindet vom Markt.

Was also “lernt” uns das? Mit der Lupe unserer Internet-Wahrnehmung bekommen wir hoch interessante Diskussionen, ja einen gesellschaftlichen Diskurs, zu Gesicht. Es ist aber wie eh und je der Diskurs einer kleinen Minderheit. Darum ist es gut, dann und wann diese Lupe beiseite zu legen und die Wirklichkeit der Gesellschaft zu betrachten, wie sie mit und ohne Netz ist. Fast jeder der Jüngeren nutzt das Netz, die meisten passiv als zusätzliches Medium, das konsumiert wird. Die wenigsten aber gehören zur Gruppe der aktiv sich beteiligenden Internet-Nutzer, die schreiben, diskutieren, bloggen usw. Man darf halt diesen Teil des “Web 2.0″ nicht für das Ganze nehmen. – Man sieht: Auch ein Flop kann lehrreich sein.

 25. November 2012  Veröffentlicht von am 12:34  Internet, Öffentlichkeit, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Sep 202012
 

Das Netz im Gegenwind. Der Internetgemeinde weht auf einmal ein eisiger Wind von vorne. Von “Pöbelkultur” im Netz spricht Richard David Precht und pointiert, soziale Netzwerke seien ein “Modephänomen”. Vor der Gefahr “digitaler Demenz” warnt Manfred Spitzer in seinem Buchtitel und im TV-Talk, und spitzt zu: Digitale Medien machen dick, dumm und aggressiv. Ein Aufschrei im Netz.

Die Piraten gar, Shooting-Star und Lieblinge der Medien im letzten Jahr, “versacken im Umfragetief”, wie es heißt, und “haben keinen Plan”. Schließlich wird sogar von einem eher liberal eingestellten Journalisten wie Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) die Rechtlosigkeit im Internet beklagt und “endlich” ein Rechtsrahmen für den Persönlichkeits- und Datenschutz im Internet gefordert. Man merkt: Der Wind hat sich gedreht.

Dann haben sich auf einmal die negativen Schlagzeilen gehäuft. Zuerst die Sache mit Ponader. Negatives Image in der Öffentlichkeit. “Sozialschmarotzer”? Lebenskünstler? Typischer Pirat oder Randfigur? – Feine Risse bei der sonst so positiven Presse über den “frischen Wind”, der dank der Piraten durch die Politiklandschaft wehe. Aber das war, so zeigt sich, nur der Auftakt. Marina Weisband, Liebling der Medien, zog sich zurück. Irgendwie nahm ihr das keiner ab, dass dafür nur private Gründe ausschlaggebend waren. Inzwischen meldet sie sich wieder zu Wort; das derzeitige Elend der Piraten scheint sie auf den Plan zu rufen.

Berichte von Parteitagen der Piraten, die außer technischem (!) Chaos und Personalquerelen nichts brachten. Hinterzimmer – Klüngel in Berlin. Offen ausgetragene Fehden. Shitstorm von Piraten gegen Piraten bei Twitter. Parteitage, die nicht der notwendigen Positionbestimmung, sondern personellen Grabenkämpfen dienen. Hahnenkämpfe. Bis zum Paukenschlag der Sache mit Julia Schramm. Man kann da durchaus von einer Affäre sprechen. Die personifizierte Unglaubwürdigkeit in Sachen Urheberrecht und Eigennutz. Das wäre alles kein Thema (wer hätte sich je über Tantiemen bei Buchveröffentlichung bekannter Politiker aufgeregt?), wenn da nicht dieser riesengroße Anspruch wäre: Wir machen das besser. Transparenz, Beteiligung, Offenheit, Demokratie. Inzwischen schlägt die “Offenheit” in Langeweile um, weil es keinen mehr interessiert, weil so viel kleinkarierter Dreck auftaucht, den man ohnehin zur Genüge kennt. So wie eigentlich niemanden die Seelenergüsse der Bettina Wulff interessieren. Renate Künast hat das nur auf den Punkt gebracht: “Ich will das gar nicht wissen.” Auch von den Piraten will man nicht mehr viel wissen. Noch wird ihnen 6 % gegeben in Umfragen.

Es ist der Prozess einer Entzauberung. Wer hoch steht, kann tief fallen. Wer hoch gejubelt wird, fällt meist noch tiefer. Zunächst ist es eine Entzauberung von einzelnen Personen, dann einer ganzen Gruppierung, die gerade erst Partei geworden ist – oder noch auf dem Wege dahin ist. So genau weiß man das nicht mehr. Der Boden der Tatsachen holt die Cyber-Stürmer ein; nicht einmal der Name “Liquid Democracy” bleibt, denn das Namensrecht für das Programm “Liquid Feedback” wird ihnen gerade entzogen: „Wir wollen nicht für die gesellschaftliche Etablierung von scheinbar demokratischen Verfahren stehen oder verantwortlich sein, die durch die Teilnehmer selbst nicht überprüft werden können“. So die Programmentwickler. “Solid Feedback” soll es nun heißen. Solidität. Wunschtraum. Entzaubert. Darüber hinaus: Transformation  der “Netzgemeinde” zum “Webmob”. So provokativ Ole Reißmann.

Entzaubert werden aber in dem Diskussionsprozess in der “alten” (analogen) und “neuen” (digitalen) Öffentlichkeit auch die himmelstürmenden Ideen. Internet = neue Kultur = neue Stufe menschlicher Evolution: Pustekuchen. Wirklich neu ist nur sehr wenig, und was davon anhält, wird sich erst noch zeigen. Da ist zunächst eine sich entwickelnde Technik. Man kann vieles damit und daraus machen, Gutes und Schlechtes. Anlass zum Jubel über neue Bewusstseinsformen und eine neue Qualität der Kommunikation, ja der Demokratie als verwirklichter Beteiligung aller besteht inzwischen keiner mehr.

Facebook ist ein Geschäftsmodell mit derzeit erheblichen Erfolg, wenngleich Übertreibungen (Börse) bereits korrigiert worden sind. Es ist weder das fleischgewordene Urbild menschlicher Kommunikation noch auch nur eine angemessene Abbildung sozialer Strukturen. “Freunde” heißen nur so, sind es in Wirklichkeit nicht. Facebook zeigt nur eine weitere Möglichkeit unverbindlicher Kommunikation auf. Da ist nichts Außergewöhnliches dran. Spaß kanns trotzdem machen.

Google ist nicht der “neutrale” Gatekeeper des Netzes, als der es sich gerne darstellt. “Don’t be evil” hat sich erledigt. “Neutrale Suchergebnisse sind eine Fiktion.” Und weiter Mayer-Schönberger: “Es gilt Kransberg’s Law: »Technology is neither good nor bad, nor is it neutral.« Bei Google geht es um Wertvorstellungen davon, wie Informationen sortiert werden, was relevant ist. Das bildet der Algorithmus ab. Und selbst wenn ein Algorithmus neutral sein könnte, ist er es im Falle von Google nicht, weil das Unternehmen einen Teil seiner Suchergebnisse manuell verändert.” So läuft professionelle Firmenpolitik.

Und zu Apple fällt mir schon gar nichts mehr ein, seit die Heiligsprechung von Steve Jobs als etwas peinlicher Nekrolog verklungen ist. Ein stinknormales, derzeit äußerst erfolgreiches Unternehmen. Nur harte Bandagen können es mit ihm aufnehmen. Siehe Hans-Jürgen Jakobs Kommentar heute in der “Süddeutschen”: “iGier”. Trotzdem kann man das iPhone 5 mögen.

Auch Wikipedia hat die Unschuld verloren, wenn es sie denn je hatte. Erneut sind Manipulationsvorwürfe aufgetaucht gegenüber “korrupten Autoren” und bezahlten Artikeln. Aber es ist ohnehin erkennbar, dass Wikipedia selbst zum Feld gesellschaftlicher und kulturpolitischer Auseinandersetzung geworden ist (Greenstein-Studie: 40 % der Artikel “tendenziös”)  - wie sollte es auch anders sein. Wikipedia = “crowd-qualitätsgesicherter Content“ ist darum noch längst kein Gütezeichen. Brauchbar ist es allemal.

Da ist zu viel “Evangelium” im Spiel gewesen, zu viel Enthusiasmus, zu viel quasireligiöse Hoffnung und Verheißung, zu viel Ideologie. Das Internet samt “Netizens” kann das niemals einlösen. Es ist eine Technik, eine Infrastruktur wie die Straßen. Was man draus macht, hängt von den Menschen ab, die es benutzen. Da gibt es keinerlei Anlass zur Glorifizierung, denn neben den Heiligen wohnen stets die Schurken. Allzu oft haben Verkünder eines neuen Heilsverheißung nur eine neue Form der “Hölle” gebracht. “CTRL-Verlust” kaschiert nur den Verlust des eigenen Denkens. Mehr Realismus und mehr kritische Distanz ist nötig. Das zu betonen ist das berechtigte Anliegen eines Spitzer oder Precht.

Ich nenn’s eine Entzauberung. Sie war / ist überfällig.

P.S.: Möchte nicht versäumen, auf den bitterbösen Kommentar von Rainer Meyer (Don Alphonso) im FAZ-Blog hinzuweisen. Thema Julia Schramm & Co.

 20. September 2012  Veröffentlicht von am 12:26  Demokratie, Internet, Netzkultur, Piraten Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert
Jul 012012
 

Veränderungen in der intellektuellen Arbeitsweise sind schleichend gekommen, aber unübersehbar und unverzichtbar geworden. Es hat dabei eine Vielzahl “kleiner Revolutionen” gegeben. Ein persönlicher Rückblick.

Letztens fiel mir fast beiläufig auf, wie sehr sich meine Arbeitsweise in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Das ist wohl allen intellektuellen Schreibtisch-Schaffenden meiner Generation so ergangen. Es scheinen Welten zwischen den Anfängen wissenschaftlichen Arbeitens und der heute üblichen Arbeitsweise zu liegen. Ich finde diesen Wandels bemerkenswert und zeichne den Weg einmal nach.

Während des Studiums in den sechziger Jahren waren die Bücher in den Bibliotheken bzw. den “PräBi’s” (Präsenzbibliothek ohne Ausleihe) mit ihren jeweils aktuellen “Apparaten” (=Literatur-Zusammenstellungen) für Seminararbeiten die Arbeitsbasis, die jeweilige Seminarbibliothek der wichtigste Arbeitsraum. Gut, wenn man dort als “HiWi” einen reservierten Platz beanspruchen konnte. Sich Bücher selber zu kaufen, war fast immer viel zu teuer. Das änderte sich erst mit den “Raubdrucken” (nicht lizensierte Nachdrucke mittels Xero-Kopien) der linken “Klassiker”, vor allem der Frankfurter Schule, die auf Büchertischen vor und in den Mensen reichlich und ungehindert angeboten wurden. Dadurch wurde das Angebot wissenschaftlicher Basis-Literatur in der Form preiswerter Taschenbücher beschleunigt, vor allem natürlich durch den Studenten-Boom nach den universitären Neugründungen, die so erst einen relevanten Markt hervor riefen. – Arbeitsmittel waren der Bleistift, Kugelschreiber, Schreibblock und (neueste Mode damals) Karteikarten. Man exzerpierte, notierte wichtige Gedanken aus dem Gelesenen, schrieb Zitate und Fundstellen ab. Auch die eigenen schriftlichen Arbeiten wurden zunächst noch handschriftlich erstellt; meine erste Proseminar-Arbeit in einem exegetischen Fach (Theologie)  habe ich tatsächlich handschriftlich verfasst und abgeliefert.

Dann ersetzte die Schreibmaschine (“Tippa”) die handschriftliche Fassung, was allerdings immer noch hieß, dass man seine eigene Arbeit handschriftlich zumindest skizzierte, wenn nicht gar als ganzen Entwurf verfasste, um diesen dann maschinell abzuschreiben. Das konnte man gut zu Hause machen, wie sich überhaupt mit den Verbesserungen der Bibliotheks-Ausleihe, mit der wachsenden Zahl eigener Bücher und eben den selber angelegten “Zettelkästen” der Arbeitsplatz stärker ins eigene Studierzimmer verlagerte. Der Arbeitsvorgang selber blieb aber ziemlich unverändert: Lesen, exzerpieren, diskutieren (im Seminar, mit Kommilitonen, privat), Ideen skizzieren, Gliederung entwerfen, Zitate sammeln und zuordnen, erste (hand-) schriftliche Fassung einer wissenschaftlichen Arbeit. (Man erkennt schnell: Auch plagiieren blieb mühselig…)

Das änderte sich mit dem allmählichen Aufkommen von Personal Computern. Mein erster IBM-286 in den achtziger Jahren war zwar ein technischer, zumal teurer Luxus mit damals atemberaubenden Fähigkeiten, aber das Schreibprogramm “Textomat” ersetze doch bestenfalls die Schreibmaschine. Nur der Ausdruck der Nadeldrucker ließ mit ihren Pünktchen-Buchstaben gegenüber einer guten Schreibmaschine noch sehr zu wünschen übrig. Das Tollste an dem Computer-Schreibprogramm war dreierlei: die Möglichkeit des “Formatierens” des Textes unmittelbar beim Schreiben (wenngleich mit eigens zu erlernenden “Steuerzeichen”), die unglaublich bequeme eigenhändige Text-Korrektur (die einfache “backspace” – Taste im Vergleich zum “TippEx”-Verfahren an der mechanischen Schreibmaschine) und endlich das bequeme Speichern auf Floppy-Disk, von der man dann den Text beim nächsten Mal einfach laden konnte. Das war schon alles genial, aber doch noch recht verspielt, wie überhaupt die neuartige Computertechnik damals noch kräftig zum Schrauben und Löten einlud. Ein Effektivitätsgewinn machte sich erst allmählich bemerkbar. Denn beachte: Ich habe die Funktion “Copy&Paste” noch nicht erwähnt, sie konnte ihr wahrhaft revolutionäres Potential noch nicht richtig entfalten, denn was und woher hätte man kopieren sollen? Die Funktion diente anfangs allenfalls für das eigene Umsortieren von Textteilen innerhalb des Gesamttextes – auch schon eine weiterführende Möglichkeit. Dies war in etwa der technische Stand, als ich meine Doktorarbeit schrieb: Die wissenschaftliche Arbeitsweise war immer noch dieselbe wie 10 Jahre vorher, aber der PC bot sich doch als eine neue Technik an. Meine Diss Anfang der achtziger Jahre ist allerdings noch komplett auf der Schreibmaschine entstanden. Doch sehr bald wurden Arbeitspapiere für Oberseminare und Kolloquien am PC verfasst und ausgedruckt: Der PC diente nun als “intelligente” Schreibmaschine (und Spielzeug natürlich: Knowy, Sokoban!).

Die größte Veränderung in der tatsächlichen Arbeitsweise ist erst in den vergangenen 10 Jahren mit der rasanten Ausbreitung des Internet eingetreten. Was war “dazwischen”? Nun, es passierte eine Menge: Der Mac war da mit grafischer Oberfläche, wow, daraufhin Windows 95 mit Word und DBase (ich kenne beides noch als DOS-Programme), die nun “im Fenster” liefen, das waren schon deutliche Verbesserungen, die aber immer noch sehr viel Puzzelei und Fisselarbeit erforderten und dadurch für den eigenen Arbeitsplatz am Schreibtisch kaum Effizienzgewinne brachten. Auch erste online “Communities” verbreiteten sich, allerdings noch nicht über das Internet, sondern, wie die Newsgroups, zuerst im Newsnet oder im hierarchisch strukturierten Fido-Net. Als “Node” konnte man dort erste Erfahrungen mit demjenigen Phänomen sammeln, das man Jahre später in breiter Form als social media kennen lernte.

Der Internet-Browser (erst Mosaic, dann Netscape und die “Schlacht” um den Internet Explorer) öffnete dann tatsächlich die Tür zu neuen Welten. Email war bis dahin in meiner Erinnerung weniger wichtig, weil wer hatte schon eine Email-Adresse und konnte damit auch umgehen? Auch das “Surfen” zu interessanten Webseiten war schon doll, aber es blieb mühselig, sich all die wichtigen Webadressen zu notieren, denn Bookmarks waren beim allfälligen Computer-Absturz verschwunden. Das, was dann aus meiner Sicht zu einer völlig veränderten intellektuellen Arbeitsweise, ja zu einer praktischen Revolution am Schreibtisch (jetzt mit unverzichtbaren PC) führte, war – Google. Diese Suchmaschine war der Hammer. Sie machte die bis dahin so wichtigen Linksammlungen und thematischen Linkverzeichnisse, auch Themenportale wie Yahoo Schritt für Schritt immer überflüssiger. Google machte das WWW überhaupt erst zugänglich und benutzbar: man konnte und lernte “googeln”. – Der zweite Name, der zu dieser Mini-Revolution gehört, lautet für mich Wikipedia: eine freie, sehr schnell wachsende Enzyklopädie des weltweiten Wissens. Das waren wirklich ungeahnte Möglichkeiten, die sich nun auftaten! Der Rest ist nun bekannt. Das Web, online Communities, Social Media wie Twitter, Facebook und Google+ sind nicht mehr wegzudenken.

Heute sieht meine Arbeitsweise so aus, dass ich ständig zwischen Büchern, Texten im Netz, eigenen Skizzen und Entwürfen am Computer, zum wachsenden Teil ebenfalls “im Netz”, hin und her wechsle. Solange wissenschaftliche Bücher und Fachliteratur noch nicht als eBooks zu haben sind (Fachaufsätze teilweise schon), wird das auch so bleiben. Ich empfinde das auch nicht als Hindernis, sondern als sinnvolle und unverzichtbarte Ergänzung. Die Arbeitsweise mit Büchern für sich genommen hat sich bei mir kaum verändert, gelernt ist halt gelernt: lesen, exzerpieren, Notizen sammeln usw. Immer öfter tritt allerdings, ich bekenne es, der Scanner hinzu, um Textschnipsel und Zitate digital verfügbar zu haben. Denn das “Produkt” entsteht nun vollständig digital. Entscheidend kommt hinzu, dass nun die aktuelle Diskussion aus Zeitungen, Zeitschriften, Diskussionsforen und online Medien sowie Darstellungen von einschlägigen Webseiten einen wesentlichen Bestandteil des Jetztzeit- und Umwelt-Horizontes darstellen, also die tägliche “Referenz” geworden sind, von der her und auf die hin sich die intellektuelle Arbeit bezieht und auf die sie auch immer stärker orientiert ist. Bücher alleine reichen mir für meine heutige Arbeitsweise schon längst nicht mehr, aber auf das im Buch (gerne dann auch digital) geronnene, konzentrierte und strukturierte Wissen verzichten könnte ich dennoch nicht. Das ist vielleicht eine generationsbedingte Gewohnheit, vielleicht aber auch mehr. Denn es geht doch darum, bei allen aktuellen Verknüpfungen, bei allem Fließen der Meinungen und Argumente, bei der “Verflüssigung” des Wissens selber auch einmal inne halten zu können und ein Problem, eine Sache, eine Fragestellung sozusagen “eingefroren” auf den gerade zufälligen Ist-Stand fest zu schreiben, darzulegen und zu beschreiben. Oft werden erst durch dieses temporäre Innehalten, durch dieses objektivierende Zurücktreten und durch eine methodisch erzwungene Sachlichkeit und Nüchternheit Konturen und Strukturen sichtbar, die im oft schrillen Getümmel der Meinungen und Äußerungen überlagert und verdeckt werden. Insofern bleibt meine, ich möchte vermuten “die” intellektuelle Arbeitsweise weiterhin auf den eigenen Platz, das Studierzimmer und den Schreibtisch mit Büchern und Computer bezogen.

Das Schöne ist: Ich kann mich zeitweise vom Netz ausklinken, kann den Computer und das Smartphone abschalten. Ist manchmal nötig. Aber das Netz reicht bis zu mir an den Schreibtisch; die “fließende Welt” ist unglaublich nah und direkt und intensiv geworden. Dies ist vielleicht die größte Veränderung bei aller intellektuellen Tätigkeit. Das “stille Kämmerlein” gibt es nur noch sehr begrenzt. Vielleicht ist das gut so.

 1. Juli 2012  Veröffentlicht von am 13:02  Computer, Geschichte, Google, Internet, Wissenschaft, WWW Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Jun 182012
 

Die wachsende Bedeutung von Online-Zeitungen, Blogs und Foren stellt die Frage nach der Zukunft der Zeitungswelt. Nicht “print” oder “online” ist da die Alternative, sondern ein flexibles, leicht zugängliches und nach Nutzerverhalten differenziertes Online-Angebot auch von Bezahlmodellen ist hier gefragt.

Das Ende der Printmedien wird immer wieder beschworen. Gedacht ist da in erster Linie an die Tages- und Wochenzeitungen. Magazine und Zeitschriften insbesondere zu speziellen Freizeit- oder Gruppenthemen (Lifestyle, Wellness, Outdoor, Computer, Motor, Sport) erfreuen sich offenbar uneingeschränkter Beliebtheit. Aber den Tageszeitungen wird der baldige online bedingte Garaus angekündigt. Journalisten würden von News-Aggregatoren und Newsrobots kannibalisiert, so zuletzt +Christian Sickendieck, aber man liest diese Meinung immer wieder, als wäre es in der Internet-Szene common sense. Einerseits wird der Bedarf an professionellem Journalismus wegen zahlreicher Blogs, Foren und Communities bestritten, andererseits wird das Fehlen eines “guten” Journalismus beklagt. Offen bleibt dabei bisweilen, ob dabei “gut” mit “meiner Meinung” gleich gesetzt wird. Zumindest werde sich das Printgeschäft wirtschaftlich bald nicht mehr tragen, da man alle Nachrichten auch anderswo online frei lesen könne. Ich kann dem so nicht folgen.

Zu bestimmen wäre zuerst die Funktion eines “guten” Journalismus, ich würde lieber von “qualitativ hochwertig” sprechen. Das bedeutet: fachlich fundiert, parteipolitisch unabhängig, wirtschaftlich nicht erpressbar, fähig zu eingehender Recherche, begründeter eigener Meinung, Übersicht über Zusammenhänge, mit möglichst “fachfremder” und internationaler Erfahrung, stilistisch sicher und versiert. Viele Journalistinnen und Journalisten, auf die diese Charakterisierung zutrifft, finde ich bei den überregionalen Tageszeitungen, aber sicher auch bei regionalen Zeitungen. Der Bedarf für diesen qualitativ hochwertigen Journalismus ist offenkundig, zumal Fernsehsendungen (z.B. Talkshows) und auch Online-Beiträge (Blogs, G+) oft eher plakativ, polarisierend und thematisch weniger differenziert sind. Die ziemlich stabile Auflagenstärke der großen Tageszeitungen belegt das. Problematisch ist bei den Tages- und Wochenzeitungen eher das stark einbrechende Anzeigengeschäft, das ehedem das redaktionelle Standbein wesentlich finanziert hat. Die Frage ist weniger,ob wir in Zeiten des Web 2.0 noch guten Journalismus brauchen (klar, eher mehr als weniger, der Bedarf ist aus dem “Erbe” der Printmedien da), sondern wie er sich organisiert und finanziert. Freizeitblogger, die ihren Job ernst nehmen, tendieren oft ebenfalls zur haupt- oder zumindest nebenerwerblichen Tätigkeit, und stehen dann vor dem selben Problem: der Finanzierung. Bisher, so liest man aus Verlagsnachrichten, hat die Online-Werbung das Volumen der früheren Print-Werbung noch lange nicht wett machen können.

Richtig ist, dass für eine längere Zeit “print” und “online” Zeitungen keine Alternative, sondern Ergänzungen sind. Kostenlose Online-Ausgaben der Zeitungen haben sich bei uns zunehmend etabliert und versuchen, ihren “Werbekuchen” zu vergrößern; gerade dafür bietet das Web 2.0 beste Voraussetzungen (zielgenau, local based etc.). Online-Ausgaben sind eher auf aktuelle Nachrichten orientiert und weniger auf Hintergrundinformationen und Analysen. Gerade diese redaktionelle Arbeit aber ist kostentreibend, personalintensiv und je nach Thema oft nur für eine kleine Zielgruppe relevant. Man kanns beklagen, aber de facto werden Berichterstattung und Analysen aus Regionen und Themen, die derzeit nicht im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit stehen, eher weniger nachgefragt. Gerade diese Berichte sind vielen Zeitungslesern aber nach wie vor wichtig.

Daher komme ich zu meinem letzten Gedanken: Ein wesentlicher Punkt bleibt die Alternative kostenfrei – kostenpflichtig. Viele sind wie ich gerne bereit, für einen ausführlichen redaktionellen Teil der Tageszeitungen zu bezahlen. Bisher sieht das so aus, dass die überregionalen Tages- und Wochenzeitungen ihre Printausgaben als “ePaper” anbieten, immer noch nicht alle (wie bedauerlicherweise die FAZ) als tägliche Einzelausgabe. Dies sollte zumindest von allen Zeitungen sowohl fürs Web als auch fürs mobile Lesen (Smartphone, Tablet, eBook) zur Verfügung stehen. Auch dies ist noch nicht überall gewährleistet, da besteht deutlicher Nachholbedarf. Dass Zeitungen hier die Wende zur Online-Welt bisher eher zögerlich angehen oder gar verschlafen haben, gehört nicht zum Ruhmesblatt der Verlage.

Es fehlt der Mut, neue Modelle des Vertriebs von “Premium-Inhalten” anzubieten. Warum sollte man sich da an den bisherigen Möglichkeiten der Printausgaben fest klammern? Artikel-Abos, thematische Abos, kostengünstiger und bequemer Einzelabruf von Artikeln (ein Artikelpreis von € 2 bei Kosten für die Einzelausgabe von € 2,20 ist unverhältnismäßig) bzw. Autoren, all dies ist denkbar, wird teilweise andernorts schon probiert. Es könnte auch hier den Zeitungsmarkt fit machen für die Online-Welt. Ob Verlage dazu gleich “future labs” benötigen, sei einmal dahin gestellt. Viel wichtiger wäre es, wenn die Zeitungsverlage die Online-Welt ernster nähmen und als Chance begriffen, statt sich abwehrend und ablehnend zu verhalten (siehe DRM oder das unsinnige Leistungsschutzgesetz) wie einst die Musikindustrie. Phantasie aber und Mut zu neuen Vertriebs- und Angebotswegen ist nötig und wäre wünschenswert. Wenn ich mich über Zeitungen ärgere, dann deswegen, weil es “die Großen” immer noch nicht für nötig halten, schneller und gezielter auf die sich vollziehenden Änderungen im Nutzerverhalten der Zeitungsleser zu reagieren. Ich möchte beispielsweise nicht täglich die Printausgabe (gerne als ePaper) immer derselben Tageszeitung lesen, sondern wechseln und auswählen können. Warum ist online zu kaufen immer noch nicht möglich, was ein gut sortierter Bahnhofskiosk an Printmedien bietet? Das wäre doch das Mindeste, was umzusetzen wäre, und wie gesagt: Da sind noch manche Alternativen, die eher auf die Online-Medien zugeschnitten sind, denkbar und machbar – und wünschenswert. Denn der Bedarf auch an kostenpflichtigen Inhalten ist da, wenn das Angebot preiswert und flexibel ist.

UPDATE [19. Juni]

Thomas Knüwer bestätigt zwar einerseits meinen Befund über das verbreitete (Vor-) Urteil der Netzwelt, es handele sich um “die sterbende Industrie der Zeitungsverlage” (“Tageszeitungen sterben, das ist sicher”), die mittels LSR eine Art “Kohlepfennig” erhalten solle, seine detaillierte Kritik am Leistungsschutzrecht halte ich ansonsten aber für informativ und richtig.

UPDATE [26. Juni]

Dagegen entlarvt CARTA-Autor Wolfgang Michal den “Mythos von den angeblich innovationsunfähigen Verlagen” – lesenswert. Die Antwort dazu von Thomas Knüwer ebenfalls – und die inzwischen ausgedehnte Diskussion unter dem CARTA-Artikel! Auch auf das Gespräch mit Constantin Seibt vom Tages-Anzeiger (CH) sei zur Sache hingewiesen.

 18. Juni 2012  Veröffentlicht von am 09:52  Internet, Medien, Presse Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert
Jun 092012
 

Das Netz hat Suchtcharakter. Seine Sitten sind wildwest. Es bietet religiöse Surrogate. Es muss endlich zivilisiert werden. Sage nicht ich. Schreibt der Religionswissenschaftler und Blogger Michael Blume.

Kürzlich bin ich auf einen Artikel von Michael Blume (Religionswissenschaftler [hier wurde eine frühere Angabe korrigiert, siehe Kommentare unten] und prämierter Blogger bei SciLogs) aufmerksam geworden, den er in der Mai-Nummer der Herder Korrespondenz veröffentlicht hat. Der Titel lautet “Gott in Wilden Netzen. Religion im Brennpunkt des Web 2.0″ und ist online verfügbar. Dieser Artikel richtet sich weniger an die “Internet-Gemeinde” als an die traditionellen katholischen Leser der Herder Korrespondenz. Weil Michael Blume auch im Netz präsent ist und sich als “Wissenschafts-Blogger” bei SciLogs um die Vermittlung religionswissenschaftlicher Themen in der interessierten (Netz-) Öffentlichkeit bemüht, ist sein Herder-Artikel über das “Web 2.0″ bedeutsam, meine ich, für die Wahrnehmung von Religion im Netz aus katholisch-theologischer Sicht und insofern vielleicht von  allgemeinerem Interesse.

Nach einem Kurzüberblick über die vatikanischen Aktivitäten im Verhältnis zu Bloggern und zur “Blogosphäre” gibt er eine Charakterisierung der Wirklichkeit im Netz:

Kommunikation im Netz findet meist ohne Stimme, Gesicht und Emotionen statt, oft mit anonymen Teilnehmern. Missverständnisse, Rüpeleien, ja Aggressivität schaukeln sich vor allem in den weitgehend unregulierten Welten der „Blogosphäre“, gewissermaßen der digitalen Pioniere, hoch. Hier überbieten sich vielerorts noch laute Männer mit extremen Ansichten – ausgewogene, differenziertere Stimmen werden gezielt abgeschreckt. So genannte „Basher“ mobben meist in Gruppen gegen Demokraten, Wissenschaftler, religiöse und ethnische Minderheiten, Kirchen und Frauen. Fundamentalistische und extremistische Gruppen nutzen das Netz, um auf sich aufmerksam zu machen, neue Mitglieder zu werben und zu radikalisieren. Anonyme „Stalker“ attackieren den Ruf ihrer Opfer. Und so genannte „Trolle“ versuchen Aufmerksamkeit zu erhaschen, indem sie Diskussionen oft unter verschiedenen Namen („Sockenpuppen“) gezielt stören und andere anpöbeln. Zwar setzen sich die konstruktiven Mehrheiten langsam kulturell durch und „zivilisieren“ immer weitere Bereiche des Netzes. Aber die Wildnis ist nie weit…

Daher also auch der Titel des Artikels. Die Beschreibung, dass “Kommunikation im Netz meist ohne Stimme, Gesicht und Emotionen” statt findet, widerspricht allerdings den “Rüpeleien” und der “Aggressivität”, die Blume unter den “digitalen Pionieren” fest stellt. Und ob ein gedankliches Evolutionsmodell (“konstruktive Mehrheiten” setzen sich ”langsam kulturell” durch und “zivilisieren” die “Wildnis” des Netzes) für die Beschreibung der Wirklichkeiten im Netz zutreffend und hilfreich ist, wage ich zu bezweifeln. Schnell wird der “Lynchmob vor einer norddeutschen Polizeistation” zum abschließenden Urteil über das Web 2.0: “Finsterer Wildwest, fürwahr.” Ich erlebe es etwas anders. Die Netzwirklichkeit ist doch nichts anderes als Teil der allgemeinen Öffentlichkeit und spiegelt natürlich die ganze Breite menschlichen Verhaltens wider, mit angemessenem und unangemessenem, gutem und schlechtem, emotionalem und rationalem Benehmen, Ton und Diskussionsstil. Dem Netz in besonderer Weise eine “Wildwest-Mentalität” zu attestieren, halte ich für wenig überzeugend. Es kommt immer darauf an, ‘wo man sich herum treibt’, sprich welche Erfahrungen man in welchen Teilen der Netzöffentlichkeit macht. Dass es Boshaftes gibt, dass manches Unbedachte einen “Klick” zu schnell geäußert wird, mag richtig sein, doch kann man desselbe auch bei politischen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen IRL erleben. Für vieles im Netz gibt es halt neue Anglizismen (“shitstorm”), aber dem Verhalten nach wenig Neues. Kurz, ich wehre mich allenthalben gegen eine einseitige Mystifikation des Netzes – für die einen unzivilisierter Wildwest (unterstellt: rechtsfreier Raum), für die anderen das Heilsversprechen wahrer Menschlichkeit. Das Netz ist aber weder ein solcher “rechtsfreier Raum” (siehe Konrad Lischka) noch die kommunikative Erfüllung einer Paradiesverheißung. Dies Letztere wäre dann die “quasireligiöse” Funktion des Netzes, über die neulich diskutiert wurde.

Genau darauf kommt nun auch Blume zu sprechen, wenn er die Attraktivität des Web 2.0 als Ersatzdroge kennzeichnet: “Die virtuelle Existenz euphorisiert und legt zugleich tiefste Bedürfnisse bloß”. Aber gegenüber echter Religion ist es eben nur eine Verirrung, ein verführerisches Surrogat, wenn sich nämlich zeigt,

… dass intensive Facebook-Nutzende sich immer wieder in buchstäblich rauschhaften „Flow-Erfahrungen“ verlieren. – Das viel diskutierte „Burn-Out“ ist maßgeblich auch ein Ergebnis der sozialen Medien … Der Schwarm verspricht alles, doch verzeiht er kaum Schwächen … Manch vermeintlich cooler Cowboy des Netzes erweist sich als einsam Suchender. Seelsorge für „Netizens“ würde dringend benötigt. Die meisten engagierten Bloggerinnen und Blogger hungern geradezu nach Wertschätzung für ihren oft intensiven und kreativen Einsatz, nach echter Begegnung mit Gleichgesinnten, nach gemeinsamen Essen, gemeinsamer Zeit. Wird ihnen das geboten, reisen sie auch bis nach Rom.

Auch hieran mag manches zutreffend beobachtet sein, und nicht nur aus der Perspektive des katholischen Seelsorgers. Problematisch ist vielmehr, wenn diese extremen Randphänomene (“Sucht”) als typische Kennzeichnungen des Netzes, der ‘Netizens’ und der social media insgesamt heran gezogen werden. Die meisten jungen Leute benutzen Facebook einfach so, um mit ihren Freunden in Kontakt zu sein, wie es heute eben üblich ist. Da sind geheimnisvolle “flow-Erfahrungen” doch weit entfernt. Aber Blume kommt es eigentlich auch auf etwas anderes an. Diesem üblen Missbrauch des Internets setzt er das Netz als neues Missionsfeld entgegen.

Zu den Überraschungen gehört, dass gerade auch religionsbezogene Themen in den Blogosphären überaus stark nachgefragt und diskutiert werden. Auch Bloggende ohne spezifische Fachkenntnisse in Theologien, Philosophien oder Religionswissenschaft äußern sich immer wieder zu religiösen Fragen – aus persönlichem Antrieb oder auch auf der Suche nach höheren Zugriffs- und Kommentarzahlen. Sie verweisen auf einen neuen Erfahrungszusammenhang von Wissenschaft und Religion…. Schon kursiert unter Bloggenden das Bonmot: „Das Nervige an den neuen Atheisten ist, dass sie ständig nur über Gott reden wollen.“

Die “überaus starke Nachfrage nach religionsbezogenen Themen” ruft geradezu nach einer höheren kulturellen Ebene. Denn “das Niveau populärer Online-Religionskritik lässt zu wünschen übrig.” Da sind „Religionsbasher“ am Werk. Hier sieht Blume nun Inhalte gefragt, die das leere, niveaulose Gerede über den “vermeintlichen Gotteswahn” endlich in eine “differenzierte Diskussion” überführt. Blume geißelt “das Niveau populärer Online-Religionskritik in gruppendynamischem „Bashing“” und den „neuen Atheismus“ der “emotionalen Reduktionisten”, welche “die katholische Kirche auf Missbrauchskandale reduzierten”. Hier wird Blumes apologetisches Interesse sichtbar: Es möchte der (katholischen) Theologie und Kirchlichkeit einen neuen Aufgabenraum im Netz zuweisen. Das Netz gerät so zum kirchlichen Missionsfeld, einerseits im Bereich “eingeforderter Wissenschaftlichkeit”, um eine neue “Debattenkultur” der “Glaubensüberzeugungen” in Auseinandersetzungen mit “erkenntnistheoretischen Debatten” zu etablieren, andererseits um durch konkrete Begegnungen den “Wissenssuchenden in der Netzwelt” menschliche Wärme und eine geistliche Heimat zu bieten (siehe der von Blume beschworene “Geist von Deidesheim”). Man merkt sehr deutlich, wie hier aus dem kirchlichen Bereich versucht wird, stärker im Internet Fuß zu fassen und zugleich das vermeintlich entdeckte heimliche Streben der ‘Nerds’ nach Wärme und Geborgenheit zur missionarischen Gelegenheit zu nutzen. Dies ist natürlich aus katholisch – kirchlicher Sicht durchaus legitim. Man sollte es dann aber auch so deutlich sagen und benennen – und sich nicht hinter einem objektivierenden wissenschaftlichen Anspruch als “Religionswissenschaftler” verstecken.

Tatsächlich geht es Blume letztlich um eine neue Versöhnung des kirchlich tradierten Glaubens mit der modernen Wissenschaft. Eben darum widmet er sich auch in seinem Arbeitsbereich den Themen “Religion und Hirnforschung” und “Evolutionsbiologie und Religiosität”. Am Ende seines Aufsatzes skizziert er knapp einen weiteren Themenschwerpunkt, die demografische Wirksamkeit der Religion. Hier zieht er nun eine recht kurze und überraschende Verbindungslinie von entdeckten statistischen Ergebnissen der Evolutionsbiologie zu einer triumphierenden Rechtfertigung religiösen Glaubens:

Längst liegen unzählige Studien vor, die übereinstimmend aufzeigen, dass
innerhalb von Gesellschaften religiös aktive Menschen durchschnittlich stabilere und größere Familien aufweisen als ihre nichtreligiösen Nachbarn – selbst nach Kontrolle von Faktoren wie Bildung, Einkommen und Wohnort… Obwohl atheistische Lehren seit der griechischen und indischen Antike belegt sind und politische Bewegungen  bisweilen versucht haben, sich anstelle gewachsener Religionen zu etablieren, hat sich nach bisherigem Kenntnisstand noch jede menschliche Population demografisch aufgelöst, die nicht auch sinn- und gemeinschaftsbildende Mythologien und Rituale samt familienfördernder Institutionen ausgeprägt hätte. Soweit, so trocken-evolutionär – schon Charles Darwin selbst (der immerhin Theologie studiert hatte) hatte ja angenommen, dass religiöse Überzeugungen an überempirische Wesenheiten der Stärkung von Kooperation und Vertrauen in Gemeinschaften evolutionär erfolgreich (adaptiv) diente – der Mensch zu „Homo religiosus“ wurde. Für „Religionsbasher“ sind solche evolutionär eigentlich nicht besonders überraschenden Befunde jedoch eine harte und immer wieder neu aufregende Nuss.

Fazit: Religion ist arterhaltend. Atheisten sterben aus. Das kann einem nun reichlich abstrus erscheinen. Es ist aber todernst gemeint, auf der Webseite von Michael Blume finden sich entsprechende Literaturhinweise. Man darf sich allerdings jetzt schon fragen, wie denn in den statistischen Erhebungen über die höhere Fertilität von “Religiösen” die Kategorie “religiös” definiert ist und ob sie nicht durch die Kategorie “traditionalistisch” oder “fundamentalistisch” substituiert werden kann. Auch der Hinweis auf Darwin ist in diesem Zusammenhang (Vereinnahmung als “Theologe”) ein wenig erschlichen, denn das Theologiestudium musste Darwin auf Druck des Vaters beginnen – und bei der erstbesten Gelegenheit entfloh er auf die “Beagle”… Aber sei dem, wie es sei, der Hinweis auf Darwin bedeutet schlicht gar nichts. Wieweit Blumes merkwürdige Aufnahme der “Evolutionstheorie” im Sinne einer Bestätigung des “survival of the fittest” als ‘survival of the religious’ überzeugt, mag jeder selber prüfen und entscheiden. Ich jedenfalls halte Blumes Versuch einer apologetischen Vereinnahmung des Internets (Web 2.0) und einer evolutionsbiologischen Vermittlung von kirchlicher Religiosität und ‘gottloser’ Wissenschaft für wenig einleuchtend. Auch ein klangvoller Schlusssatz macht es nicht besser:

Das Internet wird nicht das Paradies auf Erden bringen. Vielmehr bringt es Großes und Soziales, wie aber auch Aggressives und Niederträchtiges in uns Menschen hervor. Es schmiegt sich an unsere tiefsten, emotionalen Bedürfnisse und konfrontiert uns zugleich mit Orientierungs-, Sinn- und schließlich Wahrheitsfragen.

Mag ja sein. Aber auf dem Weg Michael Blumes gehts aus meiner Sicht – nicht.

 9. Juni 2012  Veröffentlicht von am 16:30  Internet, Netzkultur, Religion Tagged with:  4 Antworten »
Jun 072012
 

“Es gibt keinen Gott im Netz.” Na sowas! Das hat man doch immer so geglaubt, oder nicht? Über etwas Abseitiges in der Netzdiskussion. Über das Gewicht der Religion. Und über Wichtigeres für die politische Diskussion.

Ach ja, die Religion, noch immer treibt sie ihr Unwesen… (großer Seufzer) und wird noch immer nicht / immer weniger in ihrer Funktionsweise verstanden (noch größerer Seufzer). Wer offenkundig überhaupt nichts davon versteht, ist Sascha Lobo. In seiner jüngsten Spiegel-Online-Kolumne “Mensch – Maschine” legt er in breiten Ausführungen beredt davon Zeugnis ab, dass er in Sachen Religion ein völliger Ignorant ist. Es geht um die in den letzten Woche durchs Netz geisternde Diskussion um den “quasireligiösen” Charakter des Internet-Wunderglaubens mancher Nerds oder auch nur Technik-Freaks und ihrer politischen Ableger (Piraten). Andrian Kreye und Matthias Matussek hatten davon gesprochen und provokant, aber begründet darauf aufmerksam gemacht, dass manche Meinungen und Haltungen von Internet-”Anhängern” (eben nicht nur “usern”) das Netz als neues Heilsversprechen begreifen, das die Übelkeiten der jetzigen Welt (Kapitalismus, Intransparenz, Unwissen) schlagartig beseitigen könne. Die Technikgeschichte zeigt immer wieder, wie das säkulare Bewusstsein im Glauben an die Macht der Technik religiöse Elemente eines Heilsglaubens übernimmt und “säkularisiert”. Dies geschieht immer wieder, und übrigens nicht nur im Bereich der Technik. Religion als Überwältigtwerden von etwas Größerem / Höherem (Schleiermacher sprach vom “Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit”) und Glaube an eine Erlösung aus allen Übeln ist offenbar tief im Menschen verwurzelt. Sie kann die unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen annehmen, dabei selten den Charakter eines unvermittelten Glaubens (“ideologisch”) und eines tiefsitzenden Sendungsbewusstseins (“missionarisch”) verleugnen. Dies könnte man vielmehr als die Erkennungszeichen religiöser Mentalitäten benennen. Dazu hat die Religionswissenschaft mit all ihren Spezialisierungen (Religionspsychologie, Religionssoziologie, Religionsphilosophie, Religionsgeschichte usw.) klärend beigetragen. Es ist durchaus bedeutsam, dass heute oftmals eher von Kulturwissenschaft gesprochen wird, weil “Religionswissenschaft” zu unpräzise ist, um ein bestimmtes Gegenstands- und Aufgabenfeld zu beschreiben. Es ist vielmehr eine Querschnittsaufgabe anthropologischer Fundamentalwissenschaften, die Bedeutung der “Religion”, also religiöser Vorstellungen und Verhaltensweisen des Menschen, zu beschreiben, zu systematisieren und in ihren Formen und Wirkungen zu erkennen. Ins Blickfeld kommt dabei natürlich (!) Religion als ein mentales oder besser kulturelles Produkt des Menschen; etwas Übernatürliches ist im Bereich der Religions- und Kulturwissenschaften jedenfalls nicht zu finden.

Wenn nun Sascha Lobo den als Vorwurf verstandenen Aufweis religiöser Strukturen in Internet-Diskussionen und -Verheißungen mit dem Satz begegnen möchte “Im Internet gibt es keinen Gott”, dann ist das einfach dümmlich. Der Zusammenhang machts nicht besser:

Das gefährlich Religionsähnliche entsteht, wenn man vergisst, dass das Netz von Menschen absichtlich geschaffen ist und von Menschen gestaltbar. Jeder Pixel ist an seinem Platz, weil irgendjemand es so wollte (oder die Folgen nicht überblickte), irgendjemand ist verantwortlich, es gibt keinen Gott im Netz  und damit kein Schicksal, in das man sich klaglos fügen müsste. Es herrsche also der Zweifel, der Widerspruch: das Gegenteil des Glaubens. (Sascha Lobo, SpOn)

Nun, Glaube und Zweifel gehören immer zusammen, und “menschengemacht” ist eben überhaupt kein Argument gegen Religion, sondern die heutige Beschäftigung mit Religion geht gerade davon aus, dass sie zum Menschen gehört wie Neugier, Sex und Wissenschaft. Ob der Einzelne den Gegenstand der Religion dann für sich selbst hypostasiert und subjektiv zu etwas Übernatürlichem erhöht, ist eine Frage der eigenen Befindlichkeit oder (salopp gesagt) des persönlichen Geschmacks. “Es gibt keinen Gott im Netz” ist jedenfalls keine Aussage, die irgend etwas mit dem Nachweis religiöser Strukturen und Denkformen “im Netz” zu tun hat. Auch der Atheist, der sagt: “Es gibt keinen Gott.” kann zutiefst religiös sein; meist ist das religiöse “Objekt” nur verschoben. So vertrackt ist das mit der Religion. Abgesehen von der Vielzahl religiöser und religiös-fundamentalistischer Webseiten (Religiöses steht da an zweiter, manche behaupten sogar an erster Stelle der Anzahl und Verbreitung von Webseiten) hat das auch niemand behauptet. [Nebenbei: Vielleicht ist nur der absolute Skeptiker, der für sich jeden, aber auch wirklich jeden gewissen Erkenntnis- und Lebens- Wert ausschließt, wirklich areligiös; aber obs den wirklich gibt, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.] Sich mit religiösen Strukturen und Verhaltensweisen im Netz und seitens der Netizens zu beschäftigen, ist also eine durchaus sinnvolle Aufgabe; sie geht natürlich weit über die knappen Bemerkungen von Andrian Kreye und Matthias Matussek hinaus. Wenn sich dann ein angeblich nüchtern-gottloser Netzaktivist von der Diskussion genervt wie folgt äußert, dann zeigt das nur, dass man mit dem Thema offensichtlich ins Schwarze getroffen hat.

“Nach der großen Spirtualität, dem AllEinen und diversen Analogien, die schwefliger und hinkender kaum sein können, wäre es jetzt an der Zeit, wenn die Phärisäer und die Sadduzäer des Internet ihre Brotzeit einpacken und weiterziehen zur Nanotechnologie, synthetischen Biologie oder sonstwohin. Ich kriege langsam Plaque wegen all diesem Gebelle.” +Jörg Wittkewitz

Wie heftig Religionen unsere ach so säkularen Gesellschaften der Moderne (und meinetwegen auch der Postmoderne oder welcher Moderne auch immer) sogar im aufgeklärten Westeuropa gestalten, zeigt sich gerade heute wieder, an diesem merkwürdigen kirchlichen Feiertag Fronleichnam. Im Internet, zum Beispiel bei Wikipedia, aber auch an vielen anderen Stellen, kann man sich recht schnell darüber orientieren, dass dieses katholische Fest die Feier der Selbstermächtigung der römischen Kirche über Heil und Ewigkeit ist. Nach dem Anspruch der klerikalen Macht, durch den Priester das reale Brot in den ebenso realen “Leib Christi” zu verwandeln (dogmatisiert auf dem IV. Laterankonzil 1215), folgte die Proklamation des Festes des “heiligen Leichnams” auf dem Altar als allgemeiner Feiertag der katholischen Christenheit durch Papst Urban IV, 1264. Fronleichnam gehört damit seit Jahrhunderten zum Kernbestand katholischen Kirchen- und Heilsverständnisses. Während der Gegenreformation beim Trienter Konzil (1545 – 1563) wurde es nocheinmal betont als Abgrenzung gegen jeglichen “Protestantismus”. Fronleichnam gehört also zum “Markenkern” der katholischen Kirche und Frömmigkeit. Das sei nur betont, damit mit niemand so tue, als ginge es heute bei den Prozessionen nur um frommes Brauchtum oder irgendein frömmlerisches Allotria. Fronleichnam ist nach kirchlichem Selbstverständnis immer eine Machtdemontration der römisch-katholischen Kirche (die Orthodoxie kennt ein solches Fest nicht), eine antisäkulare Selbstdarstellung des christlichen Glaubens römischer Provenienz in einer säkularen Welt. Noch knapp die Hälfte der Bundesländer in (Süd-) Deutschland begeht dieses Fest als gesetzlichen Feiertag. Wenn sich also jemand über das religiös-kirchliche “Gebelle” (Wittkewitz) aufregen möchte, dann hätte er hier viel Gelegenheit dazu.

Aber dies ist nicht wirklich wichtig. Niemand will den katholisch-frommen Süddeutschen einen arbeitsfreien Tag madig machen. Irgendwann wird die teilweise immer noch “barocke” Mentalität vieler kirchlichen Süddeutschen von selber auf den Trichter kommen, was ihnen die Kirchen eigentlich heute noch zumuten. Viel wichtiger sind Nachrichten, nur so zufällig heute Morgen herausgegriffen, wie diese: Die SCHUFA will mit Facebook-Datensammlungen so richtig Kasse machen. Datenbeauftragte und Verbraucherschützer sind entsetzt über diese “Grenzüberschreitung”. Astrid Kasper, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Schufa, kann dagegen nichts Schlimmes an der Ausforschung finden. Es gehe lediglich “um die wissenschaftlichen Möglichkeiten der Einsichtnahme, aber auch der Bewertung von Informationen aus dem Netz”. (so in der Berliner Morgenpost). Das wäre doch ein Punkt zum Nachdenken und zu kritischem Engagement, Freunde! (siehe +Christoph Kappes’ besonnene Beurteilung dazu.) Oder auch diese Meldung hier: “Erde steht vor dem Kollaps.” Es gibt also wahrlich genug Sinnvolles zu tun. Weniger das Göttliche im Netz als das Menschliche auf der Erde steht an. Und wenn das Netz dabei als Technik und Werkzeug helfen kann, umso besser!

UPDATE: Diskussion dazu bei Google+.

 7. Juni 2012  Veröffentlicht von am 10:36  Internet, Kultur, Religion, Rom Katholisch Tagged with: , ,  1 Antwort »