Jun 032012
 
Nichts Neues unter der Sonne, zumindest nicht so viel, wie Nerds und manche Internet-Aktivisten gerne behaupten. Utopien, die Wirklichkeit verändern wollen, fangen am besten mit der nüchternen Betrachtung eben dieser Wirklichkeit an. Es gilt auch, über die “eschatologische” Ideologie und ihre technizistische Hybris zu streiten.

In die Nähe quasireligiösen Messiasglaubens rückt Andrian Kreye in einer kritischen Betrachtung den Hype um die “Digitale Revolution”.

Höhepunkt der digitalen Verzückung ist die Theorie der „Singularity“. Das ist eine Überlegung, die der amerikanische Informatiker Ray Kurzweil angestellt hat. Der prophezeit einen Zeitpunkt, an dem die Maschinen die Intelligenz des Menschen überflügeln und das Geschick der Welt übernehmen. Das erinnert an ein Leitmotiv des amerikanischen Protestantismus, der „Rapture“, des Erlösungsmoments mit der Rückkehr des Messias. Das klingt nicht nur nach Science Fiction. Das ist es auch.

Will man die digitalen Technologien nüchtern betrachten, sollte man die Rolle des Internets für die Volksbewegungen in Schwellen- und Entwicklungsländern sicher nicht unterschätzen. Doch in der westlichen Welt sind die großen Revolutionen schon zwei-, dreihundert Jahre her. Was sich in den Industrienationen durch digitale Technologien verändert hat, ist viel weniger glamourös – der Medienvertrieb, die Kulturvergütung, die Werbung und der Einzelhandel.
(Adrian Kreye, Süddeutsche Zeitung, Blog v. 02.06.2012)

Noch kräftiger haut Matthias Matussek im neuesten Spiegel unterm dem Titel “Der neue Mensch.  Über die alberne Hoffnung auf eine Jugendrevolte im Netz (Spiegel 23 vom 04.06.2012) in eine ähnliche Kerbe, wenngleich sehr viel gröber, undifferenzierter und deswegen an manchen Stellen einfach falsch (die Piraten sind keine Jugendbewegung, und die hoch gelobten Büchertische vor den Mensen der 68er bestanden zumeist aus “Raubdrucken”). Richtig aber scheint mir seine Beobachtung zu sein, die er so beschriebt:

In den albernen Trivialmythen der neuen Netznomaden fließen unübersehbare elemente der Science-Fiction-Literatur und der Comics zusammen. Die Kolumne des sicherlich amüsantesten Netzkolumnisten, des Irokesen Sascha Lobo, heißt: „Die Mensch-Maschine“. Darin steckt der Cybernautentraum von erlösungund ewigem Leben im Netz, natürlich eine kindische theologische travestie, die aber unendlich viele Phantasien befeuert. Der neue, der erlöste, der gerechtfertigte Mensch ist der verkabelte – erste exemplare lassen sich auf den Parteitagen der Piraten hinter dem Kabelsalat ihrer Rechner besichtigen. Die reale Welt, das ist der Grundverdacht vieler Piratenaktivisten, verdankt ihre Probleme Programmierfehlern, die zu beheben wären.

An den kritischen Beobachtungen und Beurteilungen beider Autoren ist viel Wahres dran. Der missionarische Eifer mancher Internet-Aktivisten wirkt schon recht naiv, und die Fixierung auf Technik und das nächste große “Ding” rückt diese “early-adopters” in die Nähe derer, die den Alltag mit science fiction verwechseln. Dies hat dann in der Tat mit den zitierten Autoren (Ray Kurzweil!) einen stark religiösen Charakter: Wir glauben nun an das heilsame Paradies des Internets. Das ist natürlich Quatsch. Auch das, was viele Blogs und Internet-Diskussionen in Foren und bei Google+ für das Wichtigste halten, nämlich den “freien Diskurs im Netz”, ist bei näherem Hinsehen nicht viel anderes als eine Spielwiese am Rande eines neuen Kaufhauses: Das Internet wird bestimmt und angetrieben vom Kommerz, wie Adrian Kreye sehr richtig zusammen fasst. An Google+ sind für Google auch weniger einige spannende Diskussionen wichtig als die neu herzustellenden Verknüpfungen mit Shopping- und Freizeit-Tipps – und Werbung natürlich. Darum heißen die ‘treibenden Kräfte’ des Internets auch Apple, Google, Amazon und es sind nicht irgendwelche Blogger. Hier gilt es sehr viel mehr Nüchternheit zu bewahren.

Das gilt auch gegenüber den dezidiert politischen Interpretationen der Internet-Szene, wie sie zum Beispiel +Jens Best  mit (bekannter) linker Polemik und ideologische Einseitigkeit vertritt. Sein verglichsweise sachlich gehaltener Kommentar zum Blog-Beitrag von Adrian Kreye führt als Grundmotiv ein recht unbestimmtes Konstrukt einer “Informations-Evolution” an, die von “vernetzter Empathie” begleitet ist. Diesem “Utopien-Wettstreit” keine reale Chance zu geben, hält er für “schandbar”. Eine recht krude und ebenso offensiv-missionarisch vertretene Position, wie man sie weniger eloquent vielfach in Netzdiskussionen finden kann. Das hilft wenig, dagegen ist Aufklärung, Nachdenken und vor allem Sachlichkeit und  Nüchternheit in der Beurteilung angezeigt.

Von langer beruflicher Kenntnis der Situation in den USA geprägt ermöglicht Adrian Kreyes Beitrag zugleich zu einer Art ‘Blick von außen’ auf die hiesige Netzdiskussion. Das gelingt ihm gut und ist besonders hilfreich und lesens- und bedenkenswert. Darüberhinaus aber wäre zu bedenken, wie sehr die heutige Begeisterung für die viel gerühmten emanzipatorischen, libertären und radikal-humanistischen (fast ist man geneigt zu sagen: eschatologischen) Möglichkeiten des Internets und seiner sozialen Netzkultur  am Fortschrittsgedanken, dem Grundaxiom der Neuzeit, teil hat und damit auch dessen Schattenseiten erbt. Denn der Fortschrittsgedanke seit Francis Bacon (“Wissen ist Macht”) enthält eine Heilsverheißung, ein  Versprechen: Dass es den Menschen reicher, freier und glücklicher macht durch nova scientia, neue Methoden, empirische Erkenntnisse, rationaler Beherrschung der Naturkräfte und sozialer Gestaltung der Gesellschaften hin auf ein endlich zu erreichenden Zustand der Vollkommenheit. Die Aufklärung, namentlich G.E. Lessing, hat in der Übernahme der Gedanken Voltairs für Deutschland das Programm wissenschaftlich-pädagogisch formuliert: Das Programm der Aufklärung bedeutet die Erziehung des Menschengeschlechts auf der Basis der Vernunft und der wissenschaftlichen Erkenntnis. Einhundert Jahre später hat die industrielle Revolution den materiellen Teil dieses Heilsversprechens scheinbar eingelöst. “Scheinbar” sagen wir heute, weil wir die Kehrseite kennen und auch wissen, welche äußeren Bedingungen und zufälligen Gegebenheiten (Kohle, Kolonien, Sklaverei) zum bisher beispiellosen Erfolg der westlichen, wissenschaftlich-technischen Zivilisation geführt haben. (Ich habe mich dazu schon im vorigen Blogbeitrag geäußert.) Heute sehen wir zudem die Zwiespältigkeit des technisch bedingten “Fortschritts” in den sozialen Folgen und Kosten ebenso wie in einer ökologischen Katastrophe bisher nicht gekannten Ausmaßes. Die “Logik des Immermehr” lässt zwar die technischen Entwicklungen immer neue Höhepunkte erreichen (5 nm Produktion, Moorsches Gesetz), führt aber gleichzeitig in eine Katastrophe der Energieversorgung, der Klimaveränderung und der Artenvernichtung, also des genetischen Substanz dessen, was es auf diesem Planeten an Leben gibt. Man muss nicht erst Adornos “Dialektik der Aufklärung” zitieren, um sich bewusst zu machen, dass der wissenschaftlich- technische Fortschritt nach Maßgabe äußerster Rationalität eine Chimäre ist, vielleicht gar eine Hydra, deren religiöser Eifer uns verwehrt, die Fratzen los zu werden, die uns “dank” Internet zu einem vollkommen manipulierbaren, “gläsernen Menschen” machen, hinter dem George Orwells Befürchtungen verblassen.

Die “Front” dieses Diskurses müsste also dort verlaufen, wo man die “Missionare” ihrer eschatologischen Ideologie überführt und sich ihrer technizistischen Hybris entgegenstellt.

 3. Juni 2012  Veröffentlicht von am 12:15  Internet, Netzkultur, Nüchternheit, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Mai 022012
 

Mmh, die Piraten. Man diskutiert hin und her, woher dies Phänomen kommt: von Null auf Hundert in einer (Berlin-) Wahl, und dann weiter in dem Takt. Was macht sie so attraktiv? Wo sie doch kaum handfeste Inhalte haben? Woher kommt die hohe Bereitschaft vieler Bürger, eine unbekannte Partei mit unbekannten Gesichtern und unbekanntem Programm zu wählen oder mit ihr zu sympathisieren? Zwar verlieren die Piraten mal wieder ein wenig in der Forsa-Umfrage, aber niemand zweifelt, dass sie in den nächsten Landtagen in Kiel und Düsseldorf und auch 2013 im Bundestag vertreten sein werden. 57% finden es gut, dass es eine weitere Gruppierung im Parteiensystem gibt, schreibt Forsa. Also viel Potential nach oben.

Ich denke, dass ist auch schon eine Erklärung für den fulminanten Aufstieg. Es ist eigentlich egal, was für eine “Gruppierung” da neu auftritt, Hauptsache, es ist etwas Neues, Frisches, nicht Abgestandenes und in Politikritualen Erstarrtes. Die Unzufriedenheit der Bürger bei Umfragen mit allen im Bundestag vertretenen Parteien angesichts der Herausforderungen in der EU und in der globalisierten Finanzwirtschaft hat fast jede Umfrage erneut bestätigt. Wenn dennoch die Werte der Parteien nicht in den Keller gingen, so nur wegen des Fehlens einer Alternative. Welches von den Instituten hat schon jemals den Sympathiewert von “Neue Partei” abgefragt? Na siehste.

Die “Neue” ist jetzt da: mit den PIRATEN. Zur rechten Zeit am richtigen Ort. Also – ganz beliebig ist es nicht, was für eine Art Partei sich für die Sehnsucht nach Wandel und Sicherheit anbietet. Sie muss schon eine “Botschaft” haben, nicht unbedingt ein Programm. Die Botschaft der Piraten lautet: Wir sind jung, wir sind anders, wir bringen frischen Wind in die politische Bude. Wir wollen mehr Demokratie. Und Internet klingt doch auch ziemlich modern, vor allem bei jungen Leuten, die das Gemeckere der Alten über die Gefahren und Verderbnis des Internets nicht mehr hören können. Der Erfolg ist die Mutter des Erfolges: Schon kommen Alt-Achtundechziger, Attacer, ‘Wutbürger’ hinzu, die schon immer von Basisdemokratie träumten. Flugs füllt sich ein großes Sammelbecken. Eigentlich können die Piraten gar nichts dafür, sie sind praktischerweise nur gerade da…

 2. Mai 2012  Veröffentlicht von am 09:41  Demokratie, Internet, Piraten Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert
Apr 262012
 
Die digitale Welt beruht auf einer mathematisch-technischen Rationalität. Als allein gültiges Denkmodell ist sie zur Ideologie der naturwissenschaftlichen Moderne geworden. Ihre digitale Radikalisierung eröffnet die Postmoderne. Mir ihr gilt es um eine umfassende Vernunft und um eine demokratische Praxis zu streiten, die der Kreativität und Unverrechenbarkeit menschlicher Persönlichkeit und Freiheit Raum gibt. Ein philosophischer Pamphlet.

Der Vernunftbegriff der digitalen Welt ist technikbestimmt. Es ist die instrumentelle Vernunft, die letztlich auf mathematischem Kalkül aufbaut. Auch die ihr innewohnende Logik ist mathematischnaturwissenschaftlich geprägt. Dass das Zeitalter der Technik von einer auf  Technik hin orientierten Vernunft geprägt ist, das ist weder etwas Neues und noch etwas Verwunderliches. Die Möglichkeiten der Technik leiten sich ab von dem neuzeitlichen  naturwissenschaftlichen Weltverständnis. Und eben dieses naturwissenschaftliche Denkmodell prägt die Welt nach ihrem Bilde, macht die Welt zum rein äußerlichen Objekt kausalbestimmten, zweckrationalen Handelns. Die Erfolge der naturwissenschaftlichen Welterklärung und der technischen Weltbewältigung scheinen dieser Methode Recht zu geben. Sie erhebt nun faktisch den Anspruch auf das Monopol der Rationalität überhaupt. Aus einem Denkmodell mit bestimmten erkenntnistheoretischen Grundannahmen und logischen Prämissen (Axiomen), das wie jedes andere Denkmodell eine durch den Ausgangspunkt und die Grenzbedingungen bestimmten und daher begrenzten Aussagewert hat, ist eine universalistische Weltanschauung auf der Basis des Technik-Paradigmas geworden: die Ideologie der naturwissenschaftlich-technischen Vernunft.

Auf den Punkt des neuzeitlichen Bewusstseins hat es Descartes gebracht durch seine strikte methodische wie ontologische Trennung von res cogitans und res extensa, von menschlichem Selbstbewusstsein (“Ich”) und der dinglichen Welt. Die dingliche, ausgedehnte Welt ist aber einfach der ganze ‘Rest’ dessen, was nicht zum unmittelbaren Bewusstsein des denkenden Ichs, der subjektiven Rationalität, gehört. Der gesamte Kosmos möglicher Welterfahrung wird so zum Objekt des denkenden und handelnden Ich, des menschlichen Subjekts. Es ist dies die neuzeitliche Version der “Gottebenbildlichkeit” des Menschen: reines seiner selbst bewusstes Subjekt zu sein, dem die ‘objektive’ Welt zu Füßen liegt: zum Bearbeiten, Umgestalten, In-den-Dienst-Nehmen, Ausbeuten. Wusste Descartes sich noch darin gegründet, dass Gott die Einheit von beiden res garantiert, so hat die folgende Zeit ihm diesen metaphysischen Rückbezug entschlagen und das denkende Subjekt auch an die Stelle der Einheit und Wahrheit stiftenden Universalität selber gesetzt. Die objektivierende Vernunft, die sich die Welt zum Gegen-Stande macht, bestimmt nun die Regeln, nach denen die Welt und der Mensch, sofern er als körperliches Lebewesen ebenfalls Teil dieser gegenständlichen Welt ist, gedacht, erkannt, definiert und pragmatisch behandelt wird. Eben dies nennen wir Technik: die vernunftgeleitete Bearbeitung und Verwandlung der dinglichen Welt nach dem Bilde, d.h. dem Wollen und Erkennen der menschlichen Ich und seiner objektivierenden Vernunft. Der naturalistischen Ratio wird alles unterworfen. Diese Vernunft ist per definitionem subjektivistisch begrenzt durch ihren Ausgangspunkt und objektivistisch begrenzt durch ihr vergegenständlichtes Ziel. Werden dieser Ausgangspunkt und dieses Ziel, werden also die der technischen Vernuft innewohnenden Voraussetzungen und Grenzen missachtet oder vergessen, verabsolutiert sie sich zur Vernunft schlechthin: Aus dem neuzeitlichen Denkmodell ist das Glaubensbekenntnis einer naturwissenschaftlch-technischen Weltanschauung  geworden. Die Selbstvergessenheit der eigenen relativen, bedingten Voraussetzungen  und methodischen Gültigkeitsgrenzen kennzeichnet eine Weltanschauung als ‘falsches Bewusstsein’, Ideologie.

Die Kritik der naturwissenschaftlich-technischen Vernunft, die Kennzeichnung des mit Totalitätsanspruch auftretenden Naturalismus und Szientismus als neuzeitliche Ideologie ist nicht neu und wurde hier nur zusammen gefasst, um dem folgenden Gedanken den Weg zu bereiten. Im Siegeszug des Digitalen hat sich die instrumentelle Vernunft noch einmal überboten. Die res extensa, die Welt der Dinge, wird nun mittels einer zweiwertigen “digitalen” Beschreibung erfasst mit dem Anspruch, die Wirklichkeit in der digitalen Abstraktionsform  komplett abzubilden, ja neu zu schaffen. Das Abbild auf der Fotoplatte kann digitalisiert wiedergegeben und mit jeder beliebigen Änderung versehen werden. Digital gibt es weder Original noch Kopie, denn die 0 und die 1 der digitalen Sprache sind in beiderlei Beschreibung absolut identische Zahlenwerte. Das Abbild wird so zum neuen Bild, das sich seine eigene Wirklichkeit schafft. Digital erzeugte Spielewelten schaffen die Annäherung an die noch naturgegebene Wirklichkeit schon täuschend gut, und es ist nur eine Frage der (kurzen) Zeit, bis die Bilder der digital erzeugten Realität von denen der ‘natürlichen’ Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden sind. Dies nur als ein Beispiel für die neue Qualität der digitalen Technik nicht nur zu Reproduktion, sondern nun zur Produktion von Wirklichkeit. Mit einem gewissen Recht wird die “digitale Revolution” mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen, um die qualitative Veränderung zu kennzeichnen. Uns interessiert hier aber weniger der technologische Aspekt als vielmehr der weltanschauliche. Die Digitalisierung, das weitere Vordringen von Algorithmen zur Beschreibung und Gestaltung von Wirklichkeit, von Lebenswelt, und zwar insbesondere von dynamischen Abläufen und Prozessen, lässt noch keinerlei Grenzen der Möglichkeiten digitaler Welterfassung und Weltgestaltung erkennen. Was Wunder, wenn die auf mathematischer Rationalität basierende digitale Technikwelt bzw. ihre Avantgarde ihrerseits den Anspruch erhebt, zweckrationale, formallogisch operierende Vernunft zum Maß aller Dinge zu machen: Was mit den Konstruktionsmitteln dieser Vernunft nicht erfassbar ist, ist nicht wirklich, ist zumindest nicht rational, kann also nur als emotional oder irrational oder als sonst etwas Beliebiges, bloß subjektiv Gültiges angesehen werden. Die sich in der zweiwertigen Logik digitaler Maschinensprache realisierende mathematische Vernunft dient nun nicht mehr bloß zur abstrakten Beschreibung der vorhandenen Wirklichkeit, sondern sie ist die neue Allvernunft einer einzig möglichen rationalen Wirklichkeit, bei der es auf den Unterschied zwischen “natürlich” oder “künstlich” gar nicht mehr ankommt: KI, künstliche Intelligenz, gilt als Intelligenz schlechthin. Der Anspruch dieser technischen Vernunft ist total.

Gegen diesen Anspruch auf absolute Allein- und Allgemeingültigkeit der mathematisch-digital-technischen Vernunft hilft nur Ideologiekritik. Auch diese Vernunft ist, wenn sie wirklich vernünftig, d.h. ihrer Grenzen und Bedingtheiten bewusst ist, nur eine partielle Vernunft, ihre Wirklichkeit ein Ausschnitt umfassenderer Wirklichkeit, ihre Rationalität eine auf den engen Raum der Technik begrenzte. Logik ist nicht gleich ‘Logos’, Verstand nicht gleich Vernunft. Auch hier kann man eine “Dialektik der Aufklärung” am Werke sehen, indem der Freiheitsimpuls der aufklärerischen Vernunft, sich eben des eigenen Verstandes jenseits vorgegebener Autoritäten zu bedienen, sich in einer szientistisch verkürzten und nun auch digital universalisierten instrumentellen Ratio gegen sich selber wendet. Eine solche gegenüber sich selbst und gegenüber ihren eigenen Bedingtheiten blinde Rationalität hat den Anspruch auf Freiheit und Emanzipation, auf das Überschießende und Schöpferische des freien, geistigen, aber eben auch ‘natürlich’ und personal sich entfaltenden Menschseins zugunsten der Herrschaft einer technisch-formalisierten Vernunft und ihrer digitalen Maschinensprache und mathematischen  ’Netzlogik’ aufgegeben. Das Welt- und Menschenbild dieser naturwissenschaftlich-technisch-digitalen Vernunft ist verkürzt und total zugleich. In Praxis umgesetzt kann sie totalitär werden.

Man nennt diese kulturelle Entwicklung auch Postmoderne. Die sogenannte “Netzgemeinde” und ihre Avantgardisten sind ihre Repräsentanten, die Piraten ihr sichtbarer Ausdruck des Anspruchs auf Weltgestaltung. Geschichtlich schiefe Vergleiche, Arroganz im eigenen Rationalitätsbezug, eine gewisse Geschichtsvergessenheit und einseitige Realitätsbemächtigung (neues “Betriebssystem” der Politik) kennzeichnen das Selbstbewusstsein dieser neuen Elite. Dass bei einzelnen Mitgliedern die digitale Rationalität mit dem Hang zur Esoterik oder eben auch zu individuellen ‘rechten’ Versatzstücken Hand in Hand gehen kann, passt da nicht zufällig ins Bild: Es ist die ‘List der Vernunft’, die sich eben nicht nur digital und mathematisch verkürzen und vereinnahmen lässt. Bedenklich bleibt der Totalitätsanspruch, zumindest das Totalitätsgehabe, das aus vielen Äußerungen dieser digitalen Netzelite spricht. Ein neues politisches “Betriebssystem” kann man ja nur mit einer anderen Verfassung gleichsetzen, Post-Privacy zumindest als eine Option, und Liquid Democracy als Vehikel sind nicht so harmlos ‘basisdemokratisch’, wie sie oft verkauft werden, sozusagen nur im Sinne von mehr Transparenz und Offenheit. Es ist ein anderes Weltbild, ein anderes Menschenbild und ein anderes, neues politisches System, was hier angestrebt wird mit dem Ziel der Überwindung der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie, zugleich mit dem Ziel der Ablösung eines Welt- und Menschenbildes, das nicht ausschließlich auf mathematisch-technischer Rationalität beruht. Man mag es (noch) als politisch naiv und wirtschaftlich nicht geerdet, also als wenig realistisch und subkulturell abtun (“postmoderne Chaostheorie”, Robert Habeck). Ich halte das für verkehrt, sogar für eine gefährliche Illusion, denn auf der anderen Seite stehen bereits die geballte Finanzmacht und Wirtschaftskraft weltweit operierender US-Konzerne, die uns ihre ‘brave new world’ der digitalen Vermarktung als Menschheitsbeglückung (Apple, Google: ‘don’t be evil’ – Marketing) verkaufen und sich dabei in einer Weise der persönlichen Sphäre eines jeden “users” bemächtigen, wie es die Algorithmen nur hergeben, mit jeder Hard- und Software-Version effektiver und tiefer: Daten erheben, vernetzen, Kategorien und Prognosen automatisieren, Verhalten erkennen und steuern, – günstigstenfalls die Integration von “brain” und “cloud”: Meshup! Da kann dann die Algorithmen-Rationalität ihr Elysium finden. [Auf den Zusammenhang von digitaler Beschleunigung, Marktlogik, zunehmender Quantifizierung der Welt und einem dadurch verkürzten Demokratieverständnis weist Thorsten Breustedt in seinem aktuellen Blogartikel hin.]

Dem Absolutheits- und Totalitätsanspruch der mathematisch-instrumentellen Vernunft als einzig möglicher und gültiger Verwirklichung von Rationalität ist darum entschieden zu widersprechen und entgegenzutreten. Es gilt Ideologiekritik zu leisten, nämlich die Kritik dieser sogenannten postmodernen Weltanschauung, dass das digital-technisch Machbare auch das Wünschbare und allein rational Wirkliche zu sein hat. Der Mensch kann auch anders, gottseidank. Er geht nicht in die logischen Kalküle der Algorithmen auf. Der schöpferische Geist des Menschen ist allemal unbändiger, subversiver, frischer als ein szientistisch verkrüppelter Verstand, mag er sich noch so ‘modern’ oder halt ‘postmodern’ definieren. Die vielen Spielarten der “Dialektik der Aufklärung” zeigen immer wieder, wie jede neue “Revolution” ihre eigenen Kinder frisst. Nichts lässt vermuten, dass es diesmal anders sein wird. Es dauert nur noch etwas. Wir sind ja gerade erst am Anfang. Darum gilt es auch, jetzt am Anfang dem totalitären Anspruch einer verkürzten Rationalität ebenso zu widerstehen wie den Sirenenklängen einer digitalen Avantgarde, die sich anschickt, die Welt zu erobern und nach ihrem Bild zu gestalten. Wenn aus dem technischen Mittel einer vom Menschen und seiner umfassend vielfältigen Vernunft gesteuerten und beherrschten Digitalisierung der Selbstzweck einer Weltbeglückungsideologie fließender Daten, fließender (entprivatisierter) Persönlichkeiten, fließender ‘Demokratie’ wird, dann läuft einiges falsch. Es ‘fließt’ dann in merkwürdige Kanäle, wo sich auf einmal Protestwähler aller Länder an den politisch radikalisierten Rändern der Parteiensysteme (Griechenland, Frankreich,  Niederlande, Deutschland?) zusammen finden.

Noch ist die Entwicklung offen. Noch sind auch die Interessen der großen Menge der Netznutzer und der Avantgarde der Netzeliten zu unterschiedlich, zu individualisiert, zu wenig organisiert; die “Piraten” decken ja nur zum Teil diese digital-revolutionäre Strömung ab. Es gilt durch das Faszinierende der digitalen Welt und ihrer technischen Möglichkeiten hindurch zu stoßen auf das, was an Potential bedrohlicher Totalisierung und ideologischer Verkürzung darin steckt, aber auch auf das, was an emanzipatorischen und partizipatorischen Chancen daraus entwickelt werden kann. Das muss nicht mit den Interessen der Netzgiganten Apple, Google usw. konform gehen, wahrscheinlich eher im Gegenteil. Aber man kann auch deren Dienste konstruktiv nutzen. Und man sollte mit der idealistischen Avantgarde der ‘Netzgemeinde’ und der “Piraten” den Dialog suchen, das Streitgespräch um das Erringen und Behaupten einer umfassenden menschlichen, emanzipatorischen und freiheitlichen Vernunft, welche die begrenzte und bedingte naturwissenschaftlich- technische Rationalität einschließt und überwindet.

 26. April 2012  Veröffentlicht von am 10:16  Aufklärung, Demokratie, Freiheit, Internet, Kultur, Mensch, Moderne, Netzkultur, Piraten, Revolution, Vernunft Tagged with:  Kommentare deaktiviert
Apr 162012
 
Seit Anfang März ein Entwurf der Regierungskoalition zum Leistungsschutzrecht bekannt wurde und es kurzzeitig einige mediale Resonanz dazu gab, ist es zu diesem Thema still geworden. Zu Unrecht, wie ich meine. Ohne öffentliche Diskussion droht eine “stillschweigende Verabschiedung”.

Über das Urheberrecht, seinen Sinn oder Unsinn, seine Abschaffung oder Veränderung, auf jeden Fall seine Anpassung an das Zeitalter des Internets wird nach wie vor heftig diskutiert. Das ist gut so, und ich verfolge die Diskussion im Netz, so gut es geht. Es sind ja fast täglich “neue” Beiträge zu lesen, allerdings nicht immer neue Argumente. Sehr schön finde ich die Positionsbestimmung von Johnny Haeusler im Spreeblick. Wenn man sich eine Übersicht über die Diskussionslage verschaffen will, findet man dort und auch hier bei Heike Rost eine Linksammlung zum Thema. Das Thema Urheberrecht ist zweifelsohne von erheblicher Bedeutung, weil es eben erhebliche Auswirkungen hat. Dazu gibt es zwar sehr unterschiedliche Positionen, aber meines Wissens von keiner Partei im Bundestag einen Vorschlag für einen Gesetzentwurf.

Ganz anders steht es mit dem Leistungsschutzrecht, gewissermaßen einem Unterthema des Urheberrechts. Hier liegt eine Koalitionsvereinbarung und ein erster Gesetzentwurf vor. Darüber wurde Anfang März ausführlich berichtet und auch bereits heftig gestritten. Auch das ist gut und richtig so, falls es sich bestätigen sollte, was Markus Beckedahl so formuliert. “Axel Springer kauft Leistungsschutzrecht bei Koalition”. Die Googlesuche zum Thema zeigt sehr schnell zweierlei: Dass auch dieses Thema sehr kontrovers beurteilt und diskutiert wird (Kritik: Kotau vor den Zeitungsverlagen), und dass die Diskussion darüber fast ebenso rasch wieder abgeflaut wie sie entstanden ist. Die Google-Einträge stammen alle aus der Zeit in der ersten Hälfte März.

Leistungsschutzrecht in der Googlesuche, zum Vergrößern ins Bild klicken

Es wäre aber aus meiner Sicht wichtig, an dieser Diskussion dran zu bleiben. Hierbei geht es um ein konkretes Gesetzesvorhaben der Regierungskoalition, das möglicherweise noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden soll; dagegen sei allerdings vor allem die FDP-Fraktion. Es bringt also nichts, auf Parteien oder Positionen zu warten, die allenfalls erst nach den nächsten Wahlen zum Bundestag im Herbst 2013 Wirkungen zeigen. Es sollte also schon im Vorfeld der Ausschuss-Beratungen im Bundestag Einfluss genommen werden. Das kann am besten durch eine weitergehende öffentliche Diskussion, vor allem auch im Netz, geschehen, aber auch durch direktes Ansprechen der Wahlkreisabgeordneten vor Ort. Emails an die jeweiligen Wahlkreisbüros funktionieren immer.

Es wäre nicht gut, wenn man das große Thema Urheberrecht intensiv weiter diskutiert und Fernziele  verfolgt, anstatt sich auch auf das gegenwärtige Gesetzgebungsverfahren zum begrenzten, aber ebenso wichtigen Thema Leistungsschutzrecht zu konzentrieren. Wenn digitale Medien und die Unmittelbarkeit der Netzkommunikation einen zusätzlichen politischen Sinn haben soll, dann sollte der doch darin liegen, dass nicht nur Lieblingsthemen bis zur Neige diskutiert werden, sondern auch konkrete Politik öffentlich begleitet wird. Man sollte nicht den Fehler der Printmedien machen, die jede Woche ein neues Thema als “Sau durchs Dorf” treiben zu müssen glauben.

 16. April 2012  Veröffentlicht von am 11:46  Internet, Netzkultur Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert
Apr 142012
 
Man hat oft den Eindruck, gleichzeitig in vielen Welten zu leben. Viele Welten bedeutet viele Weisen, die Welt in den Blick zu nehmen und sich auf möglichst breiter Basis eine Meinung zu bilden. Das Netz ist ein weiteres Medium dazu mit eigenen Kommunikationsweisen. Aber es ist zum Glück nicht das einzige. Die Welt wäre sonst wirklich zu eindimensional.

Immer wieder bekomme ich den Eindruck, ich lebte gleichzeitig in vielen Welten. Nun, sagen wir besser: in vielen sehr unterschiedlichen Ausschnitten der Wirklichkeit. Ich meine weniger die unterschiedlichen Rollen, die man selber in verschiedenen sozialen Umgebungen spielt, sondern mehr diejenige Sicht auf die Welt, wie sie sich mir aus den unterschiedlichsten Medien darstellt. Gerade auf die Schwerpunktthemen kommt es mir an. Die sind total unterschiedlich (geworden). Höre ich hier in Bayern Radio, dann ist heute die Verabschiedung von Magdalena Neuner immerhin eine Top-Meldung der Nachrichten, dazu weiteres meist Lokales / Regionales. Das Günther Grass – Gedicht neulich hat den Blätterwald der Zeitungen mächtig aufgemischt, und sogar die Tagesschau / Tagesthemen haben sich dem Thema gewidmet. In meinem mehr privaten Umfeld (ok, daran mags liegen!) hat das niemanden wirklich interessiert, mich selber eigentlich auch nicht, habe von Grass noch nie viel gehalten. Die Aufmacher der TV-Nachrichten in den letzten Tagen waren überwiegend dem Syrien-Konflikt gewidmet, allenfalls noch den Benzinpreisen zu Ostern. Mmh, war das wichtig, oder inwiefern ist das nun gerade wichtig? Schaue ich ins Web und lese bei Twitter, Google und in diversen Blogs, dann sind es ganz andere Themen, die vorherrschend sind, wie zum Beispiel das Urheberrecht (der Brief der 51 Tatort-Autoren machte viel Wirbel) oider die positiven Umfragewerte für die Piraten. Die regionalen Beiträge über NRW und SH sind natürlich oft vom Wahlkampf dort bestimmt, aber auf mein Display kommt da nicht so viel. Und als ein erstaunlicherweise viel diskutiertes “Aufmerksamkeits-Thema” war und ist die Neugestaltung des Layouts bei Google+. Letzteres zeigt allerdings sehr deutlich die enge Brille auf die eigene Welt, die Netzthemen oft haben.

Überhaupt scheinen mir die Themen des Netzes immer deutlicher unterschieden von den Themen – nein nicht der real world, sondern der Themen der Zeitungen (online) und TV-Nachrichten und Magazine. Sieht man einmal vom Thema ACTA ab, das ja ein europäisches, also kein nur nationales Thema ist, dann sind aus meiner Sicht die meisten Netzthemen doch sehr national begrenzt, eigentlich erstaunlich. Ob Urheberrecht oder Vorratsdatenspeicherung, ob Piraten oder “Netzpolitik” (was Internet-relevante Themen bedeutet), ob befürchtete Zensur oder seinerzeit eben der “Bundes-Trojaner”, stets sind es rein national begrenzte Themen. Das Thema Transparenz, immerhin aus interationalen Kampagnen gegen Korruption bekannt und bestimmt, findet sich in den sozialen Netzwerken wiederum als rein deutsches Netzthema wieder als die Forderung nach mehr Offenheit und Verständlichkeit mit dem Ziel der Mitwirkung bei der öffentlichen, also politischen Willensbildung. Und das Thema EURO oder Energiewende, mit allem, was dran hängt, ist im Sozialen Netz nicht nur bei den Piraten ein Non-Thema.

Nun sind die Themen bei Twitter und G+ ja stets davon abhängig, welche Auswahl im Following bzw. in den Kreisen man  getroffen hat, sind also von vornherein subjektiv eingegrenzt. Aber auch bei einer durchaus breiter gestreuten Auswahl kommen etwa durch Retweets und erneutes Teilen (Weitergabe von Infos) kaum wirklich neue Themen und Meinungen ans Licht. Ich will hier nicht über die Theorie der “Filter-Blase” spekulieren, aber mir drängt sich der Eindruck auf, dass internationale Themen kaum echte Netzthemen sind. Ausnahme: Occupy, aber der Hype ist auch wieder verflogen. Und wenn das richtig ist, wäre das mehr als erstaunlich: Web-Themen verengen den Horizont und begrenzen den Tellerrand, anstatt ihn zu erweitern.

Da bin ich dann froh, zum Beispiel im Auslandsjournal (ARD) oder bei 3SAT und sogar in den Tagesthemen oder im Heute-Journal und erst recht im politischen Teil der Presse über Themen des Auslands wirklich Informationen zu erhalten und über Entwicklungen wie zum Beispiel derzeit in Tunesien und Ägypten ‘aufgeklärt’ zu werden. Das “Netz” hilft mir da wenig. Insofern ist es gut, die Wirklichkeit aus unterschiedlichen Medien und Perspektiven wahrzunehmen. Viele Welten bedeutet viele Weisen, die Welt in den Blick zu nehmen und sich auf möglichst breiter Basis eine Meinung zu bilden. Das Netz ist ein weiteres Medium dazu mit eigenen Kommunikationsweisen. Aber es ist zum Glück nicht das einzige. Die Welt wäre sonst wirklich zu eindimensional.

 14. April 2012  Veröffentlicht von am 10:01  Internet, Medien, Nachrichten, Politik, social media Tagged with: ,  2 Antworten »
Mrz 302012
 
Die kulturelle Revolution ausgelöst durch das Internet ist Fakt. Die Chancen und Folgen für Teilhabe und Transparenz sind immens.  Negative Aspekte wie Nationalisierung und Fragmentierung des Netzes und der Gesellschaft kommen dabei oft zu kurz. Wer definiert, was das Web 2.0 sein soll?

Das “Web 2.0″, d.h. die Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten des digitalen Zeitalters stellen eine kulturelle Revolution dar. Es wird zu Recht unermüdlich (bisweilen mit fast missionarischem Eifer) in den Kreisen der Netzdiskussion auf die enormen Chancen und Veränderungen hin gewiesen, die mittels der Techniken das Internets eingeleitet sind. Dass es nicht nur um den Gebrauch einer “neuen Technik” geht, man auch nicht mehr “ins Netz” geht, so wie man einst telefonierte, (Th. Knüwer), sondern dass es sich um ein vernetztes soziales Verhalten handelt; dass es nicht nur um “facebook for fun” geht, sondern um die Nutzung einer neuartigen “Plattform” der Teilhabe (Stichwort “Plattformneutralität, wie M. Seemann nicht müde wird zu betonen); dass auf dem Hintergrund der digitalen “Medien” (besser: Beiträge eines jeden Wort- und Bild- und Ton-Produzenten) um ein völliges Neudenken des “Verwertens” und des sog. Copyrights geht (Stichwort: Urheberrecht, siehe z.B. M. Beckedahl); dass es – mit einem treffenden Wort der Piraten, schlicht um ein neues “Betriebssystem” unserer Gesellschaft geht (M. Weisband) mit den Werten der gleichberechtigte Teilhabe, Netzneutralität, umfassenden Bildung, Transparenz und (basis)demokratischer Willensbildung und Beteiligung; dass es mithin um einen Schub an Demokratisierung in unserer Gesellschaft mit dem Aufbrechen überkommener Machtverkrustungen geht, gar um das Entlarven der “Nachhaltigkeitslüge” (S. Nerz), um mehr Beteiligung, Mitbestimmung, Offenheit, Authentizität im Miteinander, dass also das Web 2.0 dazu beitragen kann, es gar bewirken kann, dass die negativen Folgen der industriellen Moderne durch einen Schwung positiver Möglichkeiten der netzaffinen Postmoderne überwunden werden können – all dies ist gut und richtig und aller Mühe wert, weiter durchdacht, gemacht, ausprobiert zu werden. Diese positive Sicht des Web 2.0 hat zu einer ungeahnten Aufbruchsstimmung geführt, siehe die “Piraten”.

Was das “Internet” für die politischen Institutionen bedeuten kann oder muss, das wird in der Enquetekommission des Deutschen Bundestages “Internet und digitale Gesellschaft” verhandelt und ist in einer öffentliche Anhörung zum “Strukturwandel der politischen Kommunikation und Partizipation” am 19. März thematisiert worden. Der ausführliche Beitrag von Christoph Kappes zum Thema dieser Anhörung gehört zum Besten, was derzeit dazu zu lesen ist. So weit, so gut. Ich selber teile weithin den Enthusiasmus über all das, was derzeit im Netz und durch das Netz geschieht; es sind wirklich spannende Zeiten!

Ja, nun kommt das Aber. Denn mir kommen in dieser Diskussion gerade von seiten der “Netzgemeinde” (bei aller Problematik, dieser Begriff ist als Kürzel einfach brauchbar…) einige Aspekte zu kurz. Es ist vielleicht die Begeisterung über die Chancen des Neuen, dass da weniger auf das Negative geschaut wird. Aber es gibt nichts von Menschen Gemachtes, das nicht stets zwei Seiten hätte. Das Augenmerk auf beide Seiten zu legen, trägt zur Nüchternheit und zum Realismus bei.

Erhellend ist für mich die jüngste Sinus-Studie zum Thema “Vertrauen im Internet im Internet” im Auftrag der DIVSI. “Rund 27 Millionen Menschen in Deutschland leben komplett oder nahezu komplett ohne Internet. Damit sind hierzulande fast doppelt so viele Personen offline wie bislang angenommen.” Es ist die Gruppe der sog. Digital Outsiders: “Die Digital Outsiders sind entweder offline oder stark verunsichert im Umgang mit dem Internet. Das Internet stellt für sie eine digitale Barriere vor einer Welt dar, von der sie sich ausgeschlossen fühlen und zu der sie keinen Zugang finden.” Dazu werden mehr als ein Drittel der Bevölkerung gerechnet. Dass weitere 40% als digital affin (“natives”) und aktiv (“immigrants”) verortet werden, mag trösten. Dennoch besteht ein gewaltiger “digitaler Graben” in unserer Gesellschaft, der nur zum Teil auf fehlender Bildung und Unvermögen beruht; zum geringeren Teil ist es auch eine Haltung bewusster kritischer Abstinenz. Dies gilt es recht zu bedenken und ernst zu nehmen.

Diese Kritik in Sachen ‘Internet und Web 2.0′ könnte sich an folgenden Punkten fest machen. Ich zähle stichwortartig einige negative Aspekte auf, die mir in der engagierten Netzdiskussion oft zu kurz kommen:

1. Kontrollierung des Netzes und seiner Standards durch dominante Internet- u. Medienkonzerne (Google, Facebook, Fox-TV u.a., sämtlich in USA)
2. Fragmentierung des Web: WWW ist faktisch US-W oder WW = westliches Web. Staaten wie China, Iran und andere islam. Staaten haben sich ausgeklinkt.
3. Nationalisierung des Netzes durch einzelstaatliche Reglementierung und “Zensur” (-> Frankreich; Australien)
4. Algorithmen gesteuerte Überwachung des Einzelnen (z.B durch DHS in den USA); präemtives Profiling
5. Apple-Effekt: Torwächter-Monopole; was das iPad nicht darstellt, ist im Web “nicht vorhanden”.
6. Es gibt kaum einen länderübergreifenden Diskurs; “Netzgemeinde” = nationale Blase?
7.  Bereitschaft zum politischen Diskurs, zu aktiver Beteiligung bleibt gering (siehe Jugend-Studie); Netz-”Konsumenten” dominieren über “Netz-Gestaltern”.
8. Die Tendenzen zur Kontrolle des Netzes nehmen eher zu als ab. Sicherheit vor “Kontrollverlust”. Industrie dominiert; Macht vor Recht?
9. Die Verletzbarkeit und Störanfälligkeit des Netzes nimmt durch monopolartige Zugangs-Strukturen und durch Instabilität der ‘Energieversorung und -netze zu.
10. Wie schafft man den Spagat zwischen Transparenz und Vertrauen, zwischen Offenheit und Persönlichkeitsschutz, zwischen technisch Machbaren und human Wünschbaren?

Mit den Fragestellungen des letzten Punktes wird der Bereich geöffnet zu dem weiten Feld an Problematiken, die sich aus den vielfältigen technischen und industriellen Möglichkeiten der “Postmoderne” ergeben. Ulrich Beck hat vorausschauend darauf hin gewiesen, was es bedeutet, in der “Weltrisikogesellschaft” zu leben, auch wenn er in dem gleichnamigen Buch (2008) noch kaum auf die digitale Herausforderung Bezug nimmt. Seine kritischen Analysen können auch die Diskussion um “das Netz” hilfreich aufklären. “Definitionsverhältnisse sind Machtverhältnisse.” Einer seiner Kernsätze. Wer also definiert, was das Web 2.0 ist, sein wird, was es kann und soll?

UPDATE:

Ich finde eben den Beitrag von Constanze Kurz (CCC) im FAZ-Blog über das ungelöste Problem der Wahl-Computer, die dennoch nach und nach die großen Demokratien erobern und Wahlen der manipulativen Undurchschaubarkeit ausliefern – ein weiterer kritischer Aspekt.

 30. März 2012  Veröffentlicht von am 09:55  Demokratie, Internet, Moderne, Netzkultur, Revolution, Sicherheit, social media, WWW Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 242012
 
Das Internet macht mehr Partizipation, Transparenz, direkte Demokratie möglich. Das jedenfalls ist die Hoffnung vieler Netz-Aktiven. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Die “Netzgemeinde” bei uns stellt sich derzeit doch eher als eine länderspezifische “Subkultur” dar. Da ist weiterer Diskussionsbedarf vorhanden.

Anfang dieser Woche tagte die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestages, siehe den offiziellen Bericht davon (inkl. dreistündiger Mitschnitt!). Die im Online-Text kurz angerissenen Beiträge der Sachverständigen zeichneten ein recht diffuses Bild, das thematisch vom Beklagen der “Gefahr der digitalen Spaltung” über die festgestellte bildungsmäßige Disparität bis zum Spannungsverhältnis von Transparenz und Vertrauen / Vertraulichkeit reichte. Am weitesten ging vielleicht der Beitrag von Christoph Kappes, der zwar eine Fülle von Innovationen durch den “social layer” des Webs und neue “Regel-Sets” der Gesellschaft anpries, dabei aber nicht immer klar und verständlich blieb. Insgesamt fand er die Diskussion “enttäuschend”, da er sein Anliegen nicht richtig rüber bringen konnte.

Dies geht möglicherweise vielen so, und nicht nur bei den Beiträgen und Diskussionen der Enquete-Kommission. Kappes weist zu Recht darauf hin, dass wir die Entwicklungen im Internet derzeit “im Embryonenzustand” beobachten und Schlussfolgerungen daraus naturgemäß schwierig sind. Die lange Liste der künftigen Möglichkeiten der Kommunikation im Internet fasst er mit positiver Perspektive so zusammen:

Trotzdem muss ich Erwartungen an die deliberative Kraft des Internets eher dämpfen. Die heutige „Netzgemeinde“ wird vor allem beeinflusst von einer überschaubaren Gruppe gebildeter und diskursfähiger Berufskommunikatoren. Eine Verallgemeine­rung ist nicht möglich. Youtube-Blogger und Facebook-Aktivisten sind eher die Vorbo­ten da­von, dass sich sehr unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen des Internets bedie­nen. Wie aufgeklärt der Aktivismus aus dem Netz sein wird, ist heute ungeklärt. Es spricht vieles dafür, dass sich im Internet mehr und mehr alle gesellschaftlichen Grup­pen wiederfin­den und diese es für ihre politische Tätigkeit nutzen.

Torsten Kleinz berichtet in ZDF-Blog Hyperland über die Jahrestagung der “Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis”, die derzeit unter der Überschrift “Social Media und Web Science – Das Web als Lebensraum” in Düsseldorf stattfindet. Fazit: Das Internet hat die Lebengrundlage aller Informationsarbeiter grundlegend verändert. Nach dem ersten Tag herrschte aber offenbar mehr Ratlosigkeit als echter Erkenntnisfortschritt darüber, was nun die soziale Dimension des Internets an Neuem bringt und wie sie wirkt:

Doch wie die Dynamik im Internet überhaupt funktioniert, ist den Wissenschaftlern nicht ganz klar. Eins ist jedoch steht außer Frage: Alleine durch Informatik und Informationstheorie kommt man dem Rätsel nicht näher. … Das Web ist eine soziale Maschine: Die technischen Grundlagen sind relativ simpel, wie sie jedoch die Realität formen und gestalten entscheidet jedoch der Mensch. … Die ersten Experimente bringen nur sehr, sehr begrenzte Erkenntnisse über die Funktionsweise des Netzes und dem Verhalten der Menschen darin.

Aufschlussreich ist immerhin die Kampagne um den Kriegsverbrecher Kony. Warum sie so erfolgreich war, zeigen erste Analysen, gerade auch, inwiefern sich diese Aktion als eine gezielte Kampagne dechiffrieren lässt, gesteuert aus einem speziellen US-amerikanischen politisch-religiösen Milieu (“Invisible Children”). Diese Analyse lässt daran zweifeln, dass Interaktion in den sozialen Medien stets spontan und “chaotisch” verläuft. Hinter dem scheinbaren Chaos der Klick-Raten, Likes und Retweets können ebenso gut Akteure stehen, die die Funktionsweise der Internet-Kommunikation genau einzusetzen und zu steuern wissen. Und genau dies bringt mich zum Nachdenken und Nachfragen, die ich in die Form einiger Thesen fasse.

1. Zweifellos ist das Internet die größte technische Revolution unserer Zeit. Inwiefern es sich zu einer sozialen und politischen “Revolution” entwicklen wird, ist noch offen.

2. Der Kommunikation und Interaktion über lokale und temporale Grenzen hinweg bietet ungeheure Möglichkeit der Partizipation (Teilnahme und Teilhabe). Inwieweit dies zu mehr Nähe und Verstehen, Kritik und Dialog, Engagement und Mitwirkung führen wird, und / oder auch zu mehr Kontrolle, Mainstreaming und Hypes bei gleichzeitig  desinteressierter Konsumhaltung, ist noch offen.

3. Viele neue Möglichkeiten bedeutet immer auch: viele mögliche Nebeneffekte (“usus” und “abusus”). So ist zum Beispiel mehr Transparenz  möglich und oft wünschenswert, muss aber, wenn es nicht zum institutionalisierten “stalking” werden soll, sozial und individual begrenzt bleiben und mit Vertrauensschutz einher gehen.

4. Der schon oft zitierte und beklagte “digitale Graben” muss ernst genommen werden, und zwar nicht nur als ein zu beseitigender Fehler bzw. Missstand, sondern als de-facto-Verhalten und insofern auch Meinungsäußerung eines erheblichen Teiles der Bevölkerung. Es scheint mir zu kurz geschlossen, Internet-Abstinenz nur als ein Generationenproblem abzutun.

5. Die Diskussion über die Chancen und Wirkungen des Internet  als “social medium” nur national zu führen, ist widersinnig. Noch sind auch im Internet die sprachlichen Grenzen zugleich Grenzen des Diskussionraums. Natürlich gibt es deutsche Beiträge in Englisch, es ginge aber um eine selbstverständliche Beteiligung deutscher Internet-User an z. B. englischen, skandinavischen, spanischen oder französischen Diskursen und umgekehrt.

6. Ein besonderes Phänomen sind die Aktivitäten politischer Blogger aus Konfliktländern und -zonen (siehe derzeit Syrien) und internationale Kampagnen wie bei den Occupy-Aktionen. Scheinbar grenzenlose Mobilisierung kocht in kürzester Zeit hoch, um nach wenigen Wochen wieder in sich zusammen zu fallen. Da entpuppt sich die Wirkung des neuen Mediums als klassisches Strohfeuer.

7. Die Haltung zum Internet stellt sich in verschiedenen europäischen Ländern politisch und gesellschaftlich offenbar sehr unterschiedlich dar. Hier müsste es überhaupt erst einmal zu einer inter-europäischen Diskussion, ja Wahrnehmung der jeweiligen Internetgruppen  und -interessen kommen.

So ist in Frankreich trotz intensiver Internet-Nutzung eine breitere Internet-affine  Gruppierung kaum vorhanden: “Die Mehrheit der Franzosen nimmt dies [Sarkozys restriktive Netzpolitik] offenbar mit einem gewissen Gleichmut hin. Trotz der europäischen Spitzenreiterposition in verbrauchter Bandbreite und täglicher Internetnutzung spielt Netzpolitik in den politischen und gesellschaftlichen Mainstream-Debatten kaum eine Rolle.” (Joh. Kuhn in der SZ gestern).

8. Auch hierzulande schwankt die Thematik “Internet” sehr stark im öffentlichen (= veröffentlichten) Interesse. Der “Bundestrojaner” und die ACTA-Diskussionen haben für etwas mehr Aufmerksamkeit gesorgt, aber insgesamt bleibt die deutsche Öffentlichkeit (Zeitungen, TV, Radio) von den Bewegungen in den “Netzwelten” recht unberührt. Dass z. B. Radiosender Facebook-Seiten aktiv nutzen und in Sendungen integrieren, ist zunächst nur ein weiteres zielgruppenbestimmtes “cooles” Mittel des Mediums Radio. Thomas Gottschalks Versuch, statt Live-Publikum Twitter und Facebook zur Interaktion zu nutzen, hat sich als Fehlschlag erwiesen.

9. Internet-Aktivisten neigen dazu, den eigenen Standpunkt und das eigene Interesse gesellschaftlich zu überschätzen, weil sie ihre neue Weltsicht, die “digitale” nämlich, vorschnell als allgemeingültig setzen und eine rein technische Möglichkeit sozial verabsolutieren.  So hat auch das Interesse an den “Piraten” erheblich nachgelassen (vgl. Umfragewerte), weil sie wenig zu nicht-netzspezifischen Themen wahrgenommen werden. Und aktive Twitterer gibt es von Kappes geschätzt weniger als 2 % …

10. Trotz allen Enthusiasmus’ und weit ausgreifender Thesen und Perspektiven zur Zukunft des Internets stellt sich die “Netzgemeinde” bei uns derzeit doch eher als eine länderspezifische “Subkultur” dar. Dabei ist “sub-” nicht abwertend gemeint, sondern bezeichnet eine Teilmenge; man könnte auch Nebenkultur sagen. Sie ist durch die eigene Netz-Affinität, durch eigene Netzaktivitäten (teilweise auch beruflich) und Social-Media-Sozialisation geprägt. Der Begriff “Netzgemeinde” wurde zwar jüngst als quasi-religiös kritisiert (siehe Thomas Knüwer, Indiskretion Ehrensache), trifft aber den derzeitigen Stand aus meiner Sicht am besten.

11. Diskussionen um die Bedeutung und Auswirkungen der “digitalen Revolution” sind gut, sinnvoll und erforderlich;  auch Enthusiasmus und das Aufzeigen von Chancen helfen weiter (= über den Tellerrand hinaussehen). Die “Internet-Gemeinde” entwickelt sich doch gerade erst auf einen öffentlichen Diskurs hin. Darum ist auch dieser Beitrag in einem Blog natürlich ein Beitrag an die – “Netzgemeinde” !

 24. März 2012  Veröffentlicht von am 12:09  Demokratie, Internet, Medien, Netzkultur, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 082012
 
Lesehinweis:

Ich habe einen sehr guten Artikel bei GOLEM gefunden, der verständlich beschreibt, wie Google und seine Internet-Strategie funktioniert. Es ist ein sehr sachlicher Beitrag, der weder Glorifizierungen noch Verteufelungen Vorschub leistet. Man sollte ihn lesen, wenn man verstehen will, was Google mit “unseren” Daten, genauer, mit der Datenwüste Internet, eigentlich macht.

Google setzt dafür auf Statistik, auf maschinelles Lernen und auf Crowdsourcing. … Google möchte an dieser Stelle nicht wissen, wer wir sind oder wofür wir uns interessieren, sondern welche Verhaltensweisen häufig und welche selten vorkommen.

Lest den ausführlichen Artikel am besten ganz: Sven Türpe, Warum Googles Datensammeln gar nicht so böse ist.

 8. März 2012  Veröffentlicht von am 10:49  Google, Internet Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 042012
 

Fortschritt ist eine zwiespältige Kategorie. “Online” zu sein scheint heute unvermeidlich. Aber den “Onlinern” stellen sich “Offliner” entgegen. Noch ist es zu früh, von einer Gegenbewegung zu sprechen. Aber was nicht ist, kann schnell werden. – Ein Plädoyer für mehr kritische Distanz.

Mit dem Fortschritt ist das so eine Sache.  Der Ausdruck unterstellt ein ‘Fort-Schreiten’, wobei das “fort” ja nur eine Distanzierung, ein ‘weg von’ ausdrückt. Einen Schritt tun zeigt eigentlich dasselbe an: sich von einer Stelle weg bewegen. Es wird weder etwas über die Geschwindigkeit noch über die Richtung ausgesagt, in die man sich bewegt. Auch ist damit noch nichts über die Qualität der Bewegung ausgesagt. ‘Fortschritt’ ist also von der reinen Wortbedeutung her ein wertneutraler Begriff.

Dem ist aber im Sprachgebrauch des Begriffes ‘Fortschritt’ mitnichten so. Umgangssprachlich wird Fortschritt meist mit ‘Innovation’ oder ‘Verbesserung’ konnotiert. Kulturphilosophisch geht dieser positive Gebrauch des Wortes auf den Fortschrittsgedanken der Aufklärung zurück. Der Mensch entwickele sich nach den aufklärerischen Ideen durch seinen Entschluss, sich aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien (Kant), stetig ‘nach oben’, also weiter ‘fort’ zu etwas Besserem, Höherem, womöglich ihm Zukommenden, ihm Bestimmten.  Die Geschichte wird danach als lineare Aufwärtsentwicklung gesehen, sei es nur ‘immer besser, immer schneller, immer weiter’ (optimistisch), sei es hin auf ein vermutetes oder gedachtes Ziel (teleologisch) oder naturhaft zwangsläufig (evolutionär).

Zwei Weltkriege und mancherlei andere Katastrophen haben den Fortschrittsoptimismus zwar desavouiert, aber nicht beseitigen können. Wir haben ihn heute im Wesentlichen technologisch übersetzt: Fortschritt ist dann gleich bessere Technik, mehr Fertigkeiten, neue technische Möglichkeiten. Über einen Fortschrittsoptimismus in kultureller oder moralischer Hinsicht besteht eher Zweifel. Wird vom Fortschritt im Zusammenhang des Prozesses der Globalisierung gesprochen, dann wird der Begriff erst recht ambivalent. Es stellt sich dann die Frage nach den Werten und Zielen, die man mit einem positiven ‘Fortschritt’ verbinden möchte. Da gibt es zwischen der Chefetage der Deutschen Bank und der Occupy-Bewegung naturgemäß Differenzen.

Das durch einen Tsunami verursachte Unglück im Kernkraftwerk Fukushima, aber viele Jahrzehnte früher schon das Giftunglück von Seveso (unbekannt? hier gibts Infos), die Müllverklappung in den Ozeanen, schließlich Schweinepest und Rinderwahn haben die Zweifel hinsichtlich der allumfassenden technischen Machbarkeit erheblich geweckt und bestärkt. Die Fragwürdigkeit von Großprojekten der Infratstruktur, seien es Bahnhöfe, Flughäfen oder Schnellstraßen, ja auch Stromtrassen und Schienenstrecken, wird vor allem von Anliegern und Betroffenen, aber eben nicht nur von diesen, betont. Statt einer ‘Fortschrittsgläubigkeit’ mit einer inkriminierten Gigantomanie wird dann der Langsamkeit, der Natürlichkeit, der ‘Nachhaltigkeit’ (das Modewort dieses beginnenden Jahrhunderts) das Wort geredet. BIO ist in jeder Hinsicht (und fast zu jedem Preis) positiv besetzt und attraktiv, “fleischlos” essen ist chic geworden, sogar Veganer erfreuen sich der Aufmerksamkeit einer trendbewussten Öffentlichkeit. Die Frage ist also unüberhörbar gestellt: Technologischer Fortschritt – wohin? wozu? zu welchem Preis? Nicht erst Rousseau hat ja den Schlachtruf “Zurück zur Natur” geprägt, sondern es ist altes stoisches Gedankengut, vom “Leben im Einklang mit der Natur” zu sprechen. Ob es sich dabei um die wirkliche Natur oder um ein idealisiertes Traumbild von Natur handelt, sei dahin gestellt.

Eine ähnliche Skepsis gegenüber einer umgebremsten Entwicklung, eines kapitalgetriebenen Fortschritts,  scheint sich mir heute gegenüber den digitalen Entwicklungen abzuzeichnen. Von den einen nahezu als Mittel auf dem Weg zum kommunikativen Paradies hoch gelobt, von den anderen als Vergewaltigung und Preisgabe der Privatsphäre verteufelt, ist das Internet fast zum Inbegriff des modernen Zwiespalts gegenüber dem ‘Fortschritt’ geworden. Den “Onlinern” stellen sich, man lese und staune, gezielt und bewusst “Offliner” entgegen, die auf Smartphones, Facebook und andere Segnungen medialer Technik bewusst verzichten. Wird bisweilen von der “technologischen Lücke” der 25 % bis 30 % gesprochen, die noch (!) nicht regelmäßig oder ständig online sind, so suggeriert dies sofort den Anspruch, dass diese Lücke so schnell wie möglich zu schließen sei. Rasche Umstellung auf Online-Shopping, Online-Banking, Online-Verwaltung in den Komunen, werde diesen Teil der Bevölkerung schon bald zu ihrem Glück zwingen. Oder ist es doch nur ein riesiger Marketing-Trick? Zumindest bleibt es ja mehr als fragwürdig, dass zum Beispiel einem eBook-Käufer sehr viel weniger Rechte ‘gewährt’ werden als dem Käufer eines gedruckten Buches. Und es gibt viele solcher Beispiele (CD gegen Download; Briefgeheimnis gegen Email u.v.a.m.)

In den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es die überzeugten Fernseh-Verweigerer. Sie sind im Laufe der Zeit zu einer marginalen Gruppe (von Anthroposophen) geschmolzen. Doch die Zeiten und Kommunikations- und Multiplikationsformen haben sich gewandelt. Es sollte mich nicht wundern, wenn die Offliner sich zu einer Bewegung formieren, die gegen die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung der Lebenswelt angehen durch Verweigerung. Zumindest könnte eine solche Bewegung zu recht die Frage nach dem Wohin, also nach dem Sinn und Zweck der Digitalisierung stellen. Dass eine Sache möglich ist und dass sie Schnelligkeit verspricht, ist ja noch kein inhaltliches Argument. Die Netz-Träumereien der “Piraten” sind eben nur die eine Seite der möglichen technischen Entwicklung. Man wird sehen, welche blinde Flecken sich in dieser enthusiastischen Internet-Bewegung noch zeigen werden. Etwas mehr kritische Reserve ist wünschenswert. Vor allem auch die Fragen: “Wem nützt es? Inwiefern brauche ich das?” sind immer angebracht. Kritische Distanz und ein sachkundiges Urteil sind vonnöten, wenn Entwicklungen ‘zu schnell’ fortschreiten und ‘alternativlos’ zu sein vorgeben. Es geht nicht nur um die Kultivierung der Langsamkeit, nicht nur um den medialen Graben (und entsprechende Grabenkämpfe) in der globalisierten Welt, nicht nur um Datenschutz und Urheberrecht. Um all diese wichtigen Dinge geht es in der Tat auch. Es geht aber vor allem um Weichenstellungen für eine Welt, in der künftige Generationen menschlich (!) leben möchten, eine Welt, die hoffentlich auch noch irgendwie funktioniert, wenn es einen größeren Stromausfall gibt (was zu erwarten ist).

Wenn  man nicht gerade im Fahrstuhl fest steckt, könnte man dann ja ein gutes Buch, gedruckt versteht sich, lesen…

 4. März 2012  Veröffentlicht von am 11:20  Aufklärung, Internet, Moral, Neuzeit Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Jan 292012
 

Kultur ist mehr als die Summe von Technologien, auch mehr als die Summe von sog. Kulturtechniken. Kultur ist die umfassende Form, in der der Mensch gelernt hat, seine Welt zu betrachten und sie sich anzueignen. Klar, dass Kultur ein menschheitsgeschichtliches Projekt ist. Das Internet und die Verheißungen der “digitalen Revolution” werden sich erst noch entfalten, bewähren und – inkulturieren müssen.

Der kulturelle Wandel ist eine Schnecke. Zwar gibt es immer wieder aufgeregte Zeiten, in denen aus unterschiedlichsten Gründen ein grundlegender Wandel, also ein “Paradigmenwechsel” (Thomas S. Kuhn) festgestellt oder behauptet wird. Im Allgemeinen ist es dann allerdings nach einigen Jahren wieder vorbei mit dem, was man heute einen Hype nennt. Nach der Unternehmensberaterin Jackie Fenn folgen dem Zyklus eines Hypes nach der Auslösung die drei Phasen “Gipfel der überzogenen Erwartungen” – “Tal der Enttäuschungen” – “Pfad der Erleuchtung”, ehe eine neue Ebene (“Plateau der Produktivität) erreicht wird. Das klingt recht einleuchtend. Hinsichtlich gesellschaftlicher oder gar kultureller Entwicklungen kann allerdings die “neue Ebene” gar nicht, wenig oder markant von der vorigen verschieden sein. Nur Letzteres löst einen kulturellen Entwicklungsschub aus. Leider ist der Verlauf eines Zyklus nie “im Fluge”, sondern stets erst im Nachhinein erkennbar und erklärbar. Und noch mehr gilt, dass der Fall einer markanten Niveau-Änderung (“Paradigmenwechsel”) recht selten ist, aber oft behauptet oder verkündet wird. Deskriptives, Normatives, Fakultatives und Optatives geht hier meist völlig durcheinander.

Es gibt eine Art Zeitenwenden, die als Einschnitt recht offenkundig, in ihren Auswirkungen allerdings lange Zeit unabsehbar sind. Das Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 war solch eine Zeitenwende. Die Auswirkungen und Fernwirkungen dauern bis heute an. Ob dies in vergleichbarer Weise auch für den sogenannten Fall des “Eisernen Vorhangs” 1989 gilt oder ob es nur eine kleinere Zäsur innerhalb größerer Macht- und Gesellschaftskomplexe gewesen ist, kann noch nicht beurteilt werden. Es sind dafür längere Zeitabläufe erforderlich, die auf ihre Veränderungen durch ein bestimmtes Ereignis überprüft werden müssten. Immer richtig ist zwar das Heraklitsche “Panta rhei” – “Alles ist im Fluss”, aber unbedacht gesagt ist dies nur eine Plattitüde. Natürlich ist “alles” in stetem Wandel schon allein deswegen, weil alles den Veränderungen in der Zeit unterliegt. Zwischen den unterschiedlichen Graden der Veränderungen, ob sie mehr stetig oder mehr sprunghaft erfolgen, ist es sehr schwer zu unterscheiden. Im Allgemeinen werden Sprünge fehl eingeschätzt, weil sie nur Hypes sind. Und ebenso leicht werden wirklich markante Veränderungen erst viel später als solche erkennbar und erkannt. Dann ergeben sich Fragen wie zum Beispiel diese: War die Erfindung des Buchdrucks oder die Entdeckung Amerikas oder die Durchführung der Reformation oder nur alles gemeinsam Auslöser eines Epochenwechsels? Eine Antwort darauf ist auch nach fünfhundert Jahren keineswegs trivial.

Heute neigen wir dazu, technische Erfindungen und technologische Entwicklungen zu überschätzen. Gesellschaften und Kulturen verändern sich nur sehr langsam, gewissermaßen von Generation zu Generation ein klein wenig. Das hängt mit der Zähigkeit zusammen, mit der wir unsere gemachten Erfahrungen und erworbenen Einstellungen (“Vorlieben und Vorurteile”) bewahren. Das “Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr” enthält als Volksweisheit diese Erkenntnis. Zwar ist der Mensch ein Leben lang bildbar, wie uns die Neuromedizin lehrt, aber die jeweilige Änderungswilligkeit und -fähigkeit eines Individuums ist doch recht begrenzt. Kulturelle Veränderungen, die mit Änderungen unserer Einstellungen und Verhaltensweisen verbunden sind, vollziehen sich nur äußerst langsam, eben im Schneckentempo jedes Generationenwechsels – wenn überhaupt so schnell. Das zeigt ein Blick in die Geschichte kultureller Entwicklungen. Das, was heute als “digital devide” beschrieben und beklagt wird, ist immer schon die Realität bei kulturellen Entwicklungen. Lange Zeit (wirklich lange, also über mehrere Generationen!) existieren alte und neue Einstellungen und gesellschaftliche Lebensverhältnisse und Lebensäußerungen nebeneinander. Tief verwurzelte Einstellungen wie die zur Religion oder zu bestimmten Sitten und Moralvorstellungen ändern sich noch schwerer. Beispiel kann etwa die Vorstellung von Ehe und Familie sein: In diesem Bereich ist gewiss ein ‘tiefgreifender Wandel’ fest zu stellen, wie es oft heißt. Dennoch aber ist nach wie vor ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung von einem Familienmodell geprägt, das sich seit Jahrzehnten unverändert behauptet und vor allem in ländlichen Regionen beheimatet ist.

Technologische Entwicklungen suggerieren einen schnellen Wandel, der aber meist nur eine sehr kleine Minderheit sogenannter “early adopters” wirklich erfasst. Nicht jeder Nutzer einer neuen Technik ändert deswegen gleich sein gesamtes Verhalten. Normalerweise wird eine neue Technik, wenn sie als attraktiv erscheint und dem Einzelnen einen “Mehrwert” suggeriert, in die bisherige Lebenswelt integriert, ergänzt bisherige Techniken oder löst sie allmählich ab. Ein Beispiel kann dafür die Einführung des Fernsehens sein. Bei uns im Nachkriegseuropa setzte die TV-Welle erst ab den fünfziger Jahren ein. In den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts setzte sich dann das Fernsehen als “Massenmedium” recht schnell durch. Anfängliche Vorbehalte, das Fernsehen zerstöre Kunst und Kultur, Familien und Freundschaften, haben sich bald erledigt. Aber auch das vorhergehende Medium Radio hat sich behauptet bis in unsere Tage, weil es halt nicht immer möglich ist, neben einer anderen Tätigkeit zu “sehen”, aber fast immer “gehört” werden kann. Zweifellos hat das TV unsere Gesellschaft und Kultur verändert, hat es unseren Alltag geprägt. Aber wie weit sich durch die Präsenz des übertragenen Bildes wirklich unsere Einstellungen und Verhaltensweisen verändert haben, ist viel schwieriger zu beurteilen. Ich bin sicher: TV hat unsere Welt entscheidend verändert (Beispiel: die Kriegsberichterstattung von Peter Arnett / CNN im bombardierten Bagdad 1991), aber wie, das ist ungleich komplexer zu beschreiben. Man könnte hier vielleicht von einem sehr ‘langwelligen Hype’ sprechen. Zunächst als weltverändernd und menschheitsbeglückend werbewirksam glorifiziert, dann kritisch diagnostisch relativiert (Welt im Bildschirm), schließlich ein Alltagsmedium zur Unterhaltung und Information. TV-Sendungen als wirkliche “Straßenfeger” gibt es nicht mehr; TV gehört zur Normalität, und wer will, kann sich jede Sendung aufzeichnen oder aus Mediatheken abrufen. Immerhin hat es fast ein Jahrhundert gedauert, bis sich das Fernsehen bis in die letzten Winkel der Welt als Normalmedium durchgesetzt hat.

Mit dem Internet hat nun wiederum ein sehr langwelliger Hype begonnen. Vieles, was man bei der Entwicklung des TV beobachten konnte, kehrt bei diesem neuen Medium  auf anderem Niveau wieder. SMS, Email und jetzt Facebook haben sich schnell im Alltag vor allem junger Menschen etabliert. Noch stärker sind derzeit aber bei einigen Web-Gurus die Überschätzungen und Verklärungen zum Medium der Menschheits-Beglückung. Das wird sich erst noch zeigen. So wie jede neue kulturelle Entwicklung alte kulturelle Fähigkeiten allmählich ersetzt oder in Vergessenheit geraten lässt, um ihre neuen Möglichkeiten und Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen, so wird auch diese digitale Technologie (nicht nur die reine Technik) nachhaltige Veränderungen auslösen, aber sehr allmählich und mit zahlreichen Sackgassen, ehe der “Pfad der Erleuchtung” zu einem neuen “Plateau der Kulturalität” zu gelangen. Den stürmischen Adepten und Propheten der Internet-Kultur sei daher zu etwas mehr Nüchternheit und Realismus geraten. Der Blick in die Geschichte schadet nie, wenn er auch (leider) selten nützt. Auch in den heutigen Firmenzentralen entscheiden nicht Algorithmen, sondern Menschen mit Wissen, Disziplin und Kreativität – wenns gut geht mit Hilfe von Algorithmen. Manche Unternehmensberater überschätzen sich bekannterweise total, wenn sie alle zehn Jahre eine neue Kuh durch die Konzernzentralen treiben. Sie allein verdienen gut dabei. Die Aussage “Das Wissen steckt im Internet” ist unsinnig. Wissen ist immer nur im Kopf – oder es ist kein Wissen, sondern nur Datenmaterial.

Kultur ist mehr als die Summe von Technologien, auch mehr als die Summe von sogenannten Kulturtechniken. Kultur ist die umfassende Form, in der der Mensch gelernt hat, seine Welt zu betrachten, zu gestalten und sie sich anzueignen – und sich selbst dabei zu verändern. Klar, dass Kultur ein menschheitsgeschichtliches Projekt ist; missverständlich spricht man auch von “kultureller Evolution” (vgl. Stephen J. Gould). In diesem Projekt spielt fast alles eine Rolle, nur manches eine größere, anderes eine kleinere, aber dafür langanhaltendere (die “Pille”). Das Internet und die Verheißungen der “digitalen Revolution” werden sich erst noch entfalten, bewähren und – inkulturieren müssen.

 

 

 

 29. Januar 2012  Veröffentlicht von am 10:43  Internet, Kultur, Medien Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert