Jul 242013
 

Die Netzszene lässt die Diskussion um #prism, #nsa, #bnd nicht los. Wie zu erwarten hat die übrige mediale Aufmerksamkeit schon wieder nachgelassen, selbst das Sommerloch befördert eher Themen wie Sommerhitze, Sommergewitter, Sommerbaby, äh das britische Königskind. Da noch immer niemand den Namen veröffentlicht hat, könnte man ja mal beim GCHQ nachfragen, was William & Kate da so privat gesprochen haben. Aber das ist im Vereinigten Königreich noch top secret, schon allein wegen der Wettquoten. Zurück zum Sommerloch und der Netz-Entrüstung.

NSA Zentrale Fort Mead (Wikimedia )

NSA Zentrale Fort Mead (Wikimedia )

Ohne Zweifel hat das Thema Überwachung, Datenabschöpfung, Geheimdienste, Recht und Gesetz, Freiheit, Sicherheit usw. weiterhin eine öffentliche Diskussion verdient. Eine ernsthafte Aufklärung darüber, was genau die Regierung / die Kanzlerin und nachgeordnete Bundesbehörden, Ämter und Dienste gewusst und /oder verschwiegen haben, steht noch aus. Es ist fraglich, ob diese Aufklärung in den Parlamentsausschüssen noch geleistet wird, denn erstens ist Sommer, zweitens Wahlkampf. Da wird gerne etwas aufgebauscht und instrumentalisiert, sofern dadurch die Regierung in Bedrängnis gebracht werden kann – das ist das gute Recht der Opposition. Die Grundfrage nach dem Vertrauen der Bürger auf Schutz ihrer Privatsphäre, auf freie, unüberwachte Meinungsäußerung, aber auch auf Sicherheit und das dafür nötige Informationsbedürfnis der Geheimdienste, auf das neue Austarieren von “geheim” und “transparent”, von Sicherheit und Freiheit – diese Diskussion muss sehr gewissenhaft, öffentlich, respektvoll und sachorientiert geführt werden.

In manchen Äußerungen in der Netzszene findet man aber statt dessen einen lodernden Antiamerikanismus, Verschwörungstheorien, Pauschalvorwürfe und Unterstellungen. Ein Beispiel dafür ist der Artikel von Paul Schreyer “Warum werden wir abgehört?” in Telepolis. Er bietet alle gängigen Muster der Verschwörung (9/11 und Al Qaida unbewiesen usw.), der Unterstellung (Stasi, Stalinismus) und der Abwertung bzw. Verächtlichmachung bestehender demokratischer Kontrolle (hierzulande und in den USA), also auch der Parlamente und parlamentarischen Gremien. “Heimische Eliten”, “Medieneliten” haben sich der US-”Hegemonialmacht” angedienert und die eigene Souveränität dem “stalinistischen Regime” der NSA ausgeliefert. Darum haben wir in Deutschland auch, so das Fazit, keine Demokratie, sondern müssen sie allererst erlangen. Solche abstrusen Ergüsse kennt man von ideologischen Sektierern, aus manchen Äußerungen der Linkspartei (Antiamerikanismus) und überall Verrat witternden Verschwörungsfanatikern.

Dass die Arbeitsweise der parlamentarischen Kontrollorgane verändert und den heutigen Bedingungen von Big Data angepasst werden muss, steht außer Frage. In mancher Hinsicht ist die US-Kontrolle sehr viel schärfer als der zahnlose Tiger unseres Geheimdienstausschusses. Um es unmissverständlich zu sagen: Die durch Snowden angestoßene Diskussion über die Freiheitsbedingungen in einer total digitalisierten und überwachten Welt darf nicht akademisch bleiben, sie muss zu politischen, rechtlichen, international tauglichen Änderungen bzw. Vereinbarungen und vor allem: zu einer anderen Praxis führen. Dass manche Selbstdarstellung der Geheimdienstler allzu arrogant, uneinsichtig und respektlos ist gegenüber der Tatsache, dass Privatheit, Vertrauen, Freiheit und Bürgerrecht akut bedroht sind, ist ebenfalls offenkundig. Dass sich die Bundesregierung mit ihrer bisherigen Informationspolitik auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat – ebenfalls außer Frage. Kritische Diskussion, Forderung nach Öffentlichkeit und Durchsetzung des Rechtes und was es sonst noch an notwendigen Konsequenzen geben muss, sollte nicht dem Sommerloch oder dem Wahlkampf geopfert werden. Es liegt auch an uns, an diesem Thema in der Öffentlichkeit dran zu bleiben.

Es hilft aber überhaupt nicht, dem Überwachungswahn mit einem eifernden Verschwörungswahn zu begegnen. Oft sind beide nur desselben Un-Geistes Kinder.

 

 24. Juli 2013  Posted by at 12:25 Bürgerrechte, Internet Kommentare deaktiviert
Jul 122013
 

Langsam kommt eine Diskussion in Gang, die über den Tellerrand der skandalösen Affäre um den Whistleblower Snowden hinaus blickt. Bisher wird sie in den Medien überwiegend als  ein Thema der Datensicherheit, der Schnüffelpraxis der Geheimdienste, inbesondere der NSA, des Belauschens und Verwanzens wahr genommen. Das sind Begrifflichkeiten und Bilder, die man aus Spionagefilmen kennt und die einem irgendwie bekannt und vertraut sind. Nur sehr allmählich wächst die Erkenntnis, dass es sich bei den Dingen, die durch die Veröffentlichungen Snowdens an den Tag gekommen sind, insgesamt um etwas grundsätzlich Neues handelt.

Gewiss, vieles ist bisher schon bekannt gewesen. Die im Grunde grenzenlose Abhörpraxis der NSA ist bereits vor Jahren wiederholt beschrieben worden (siehe Echelon), die Arbeitsweise auch der europäischen Nachrichtendienste (zumindest) am Rande der Legalität wird ebenfalls nicht zum ersten Mal thematisiert. Insbesondere die weltweite Ausweitung der Überwachungsaktionen nach 9/11 (“war on terror”) ist bekannt und wird auch in Europa und anderswo unter dem Stichwort Terrorismusbekämpfung geteilt. Selbst die ‘beschränkte ‘Souveränität’ Deutschlands auch nach Beendigung der Viermächteverantwortung im Rahmen der Verträge, die die Vereinigung 1990 ermöglichten, wurde zuletzt vom Historiker Josef Foschepoth detailliert beschrieben. Als sein Buch “Überwachtes Deutschland” 2012 veröffentlicht wurde, hat das so gut wie niemanden interessiert (Ausnahme: FAZ-Rezension von Rainer Blasius). Heute ist es in der 2. Auflage top aktuell. Man ist also über die Überwachungs- und Abhörpraxis der Geheimdienste in der Vergangenheit (z.B. Stasi) bestens informiert. Es hat darüber kaum eine breite politische oder gesellschaftliche Diskussion gegeben. Mit dem Satz “Ich hab nix zu verbergen” fühlen sich Otto und Lisa Normalo einfach nicht betroffen. Und Hacken schien eine Sache der Computer-Freaks und Netz-Nerds zu sein. Alles, was war, ist aber mit dem, was heute Praxis ist, offenkundig in keiner Weise zu vergleichen.

Die heutigen Dimensionen der Datenerfassung und Datenverarbeitungen schaffen eine neue Wirklichkeit und verändern die Welt. Mittlerweile kann man davon ausgehen, dass schon derzeit und erst recht nach Inbetriebnahme des neuen Data-Centers der NSA im Herbst 2013 (Yottabyte – Kapazität) jede digitale Verbindung, jede digitale Spur weltweit erfasst und mit entsprechenden Analyseprogrammen durchsucht und verarbeitet wird.

[Bei Maybrit Illner erklärte] Jacob Appelbaum gestern im deutschen Fernsehen: Drohnen wählen ihre Ziele heute anhand von Datensignaturen, die aus anlasslos gespeicherten Datensätzen gewonnen werden. Das allerdings findet auf der anderen Seite der Welt statt. In der westlichen Hemisphäre ist dieses „Targeting“ nur aus der Werbebranche bekannt. Die Diskussion darüber, dass es Supercomputern egal ist, ob sie gezielte Werbung auf Bildschirme ausliefern oder tödliche Drohneneinsätze steuern, weil sie bei beiden Aufgaben neutrale Rechenschritte absolvieren, wird im Fernsehen allerdings noch nicht geführt.

Microsoft Werbung für Skype

Microsoft Werbung für Skype

Gleichzeitig wird durch Veröffentlichung im Guardian am Beispiel von Microsoft und seinen Diensten (Skype) bekannt, wie weit die Zusammenarbeit von US – Firmen mit der NSA von Anfang an gegangen ist und noch geht. Nichts bleibt je privat. Stefan Schulz schreibt in dem zitierten FAZ-Frühkritikartikel weiter:

Dass es sich bei dieser geheimen Ausforschung der Weltbevölkerung um ein Verbrechen gegen die Menschheit handelt, deutete Appelbaum gestern kurz an. Dass die Politik darüber allerdings keine öffentliche Diskussion führen will, zeichnet sich derzeit ab. Darüber, dass Menschen heute in Datensätze zerstückelt in Datenbanken aufbewahrt werden und nur dann wieder als vollständige Menschen zur Geltung kommen, wenn ein Algorithmus sie als potentielle Täter zusammengesetzt hat, wird in den kommenden Jahren aber vielleicht im Fernsehen besprochen.

Verbrechen gegen die Menschheit. Das ist eine harte, aber reale Bezeichnung für einen wahrlich monströsen Tatbestand. Dies so zu erkennen und so zu benennen kann der Anfang sein, sich wirklich ernsthaft und entschlossen mit diesen Folgen des digitalen Zeitalters auseinander zu setzen. Wenn big data neue Wirklichkeit produziert und der Code Gesetz ist (code is law), spätestens dann muss die Frage nach dem Recht und nach neuer Rechtsetzung und nach der Durchsetzung dieses Rechtes gestellt werden.

Jacob Appelbaum hat in der ZDF-Sendung (übrigens derzeit in der ZDF-Mediathek abrufbar) fast lapidar auf diese notwendige Handlungsmaxime hingewiesen:

Überzeugende Beiträge lieferte der junge amerikanische Hacker Jacob Appelbaum … stellte Appelbaum fest, man könne doch Edward Snowden nach Deutschland holen, um sich bei ihm direkt über den Sachstand der Überwachungsgesellschaft zu erkundigen. Ebenso könnte man in Europa Gesetze beschließen, die das Sammeln und Weitergeben von Daten verbieten. Man könnte Gerichten neue Handlungsspielräume geben und dafür sorgen, dass nicht nur hochrangige Politiker abhörsichere Kommunikationstechnik bekämen, sondern jedermann. Dass der Ahnungslosigkeit, der sich die Politiker heute selbst bezichtigten, nun noch Tatenlosigkeit folge, dafür zeigte Appelbaum kein Verständnis.

Der von der Politik bisher gerne vor allem gegen Kinderpornografie benutzte Satz, das Internet sei kein rechtsfreier Raum, muss nun in einen ganz anderen Zusammenhang gestellt werden und sollte ein ganz neues Gewicht bekommen: Es geht um die Durchsetzung von Menschenrechten, Bürgerrechten, Privatheit im Netz, – generell unter den Bedingungen des digitalen Zeitalters. Thomas Stadler, IT-Fachanwalt und Blogger, hat vor einigen Tagen in einem knappen, aber absolut klaren Blog-Beitrag die Forderung eines Nachholprozesse in Sachen Demokratisierung aufgestellt, die eine neue Rechtsgestaltung verlangt:

Die aktuelle öffentliche Diskussion erfasst die Tragweite und Bedeutung dieses Aspekts noch nichts ansatzweise. Wir müssen die Rolle der Geheimdienste vor dem Hintergrund der Funktionsfähigkeit desjenigen Staatswesens diskutieren, zu dem sich alle westlichen Staaten formal bekennen. Verträgt sich das Grundkonzept von Geheimdiensten mit der Vorstellung von einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung?  …  Wir müssen letztlich erkennen, dass unser Demokratisierungsprozess noch nicht abgeschlossen, sondern vielmehr ins Stocken geraten ist. Auf dem Weg zu einer vollständigen freiheitlich-demokratischen Grundordnung müssen Fremdkörper wie Geheimdienste beseitigt werden. Sie sind Ausdruck eines archaisch-kriegerisch geprägten Denkens, das es zu überwinden gilt. Man kann durch nationales Recht den Bruch des Rechts eines anderen Staates nicht legitimieren. Das ist vielmehr nur die Fortsetzung von Krieg mit anderen Mitteln.

Es geht tatsächlich um einen weltweit wie national zu gestaltenden Prozess, um einen Kampf um Grundrechte der Weltbürger wie der nationalen Bürger im digitalen Zeitalter. Big data und die Algorithmen gestützte automatisierte Analyse aller individuellen Daten und Spuren verändern die Wirklichkeit derart, dass darauf mit einem veränderten Recht, national wie international, geantwortet werden muss. Letztlich wird das nur über die Grenzen der Nationalstaaten hinweg gelingen. Aber das ist keine Entschuldigung dafür, nicht national mit all den Anpassungen und Rechtsetzungen zu beginnen, die hier möglich sind. Appelbaum hat da auf einiges hingewiesen. Beschwichtigung und Verharmlosung bis hin zum völligen Unverständnis über die Tragweite der neuen Verhältnisse in einer durch digitalisierten, komplett vernetzten Welt (“intelligente Stromnetze” usw.), sind nur ein Zeichen der Ahnungslosigkeit und fehlender Handlungsbereitschaft. Unsere Politik ist über diesen Status offenbar noch nicht hinaus. Erfreulich, dass das Fernsehen erste Schritte macht. Um die Geltung und Durchsetzung demokratischer Bürgerrechte in der heutigen Welt muss gekämpft werden. Es muss darüber informiert werden. Die chinesisch-bleierne “große Harmonie” ist absolut keine Lösung, die Beschwörung traditioneller (atlantischer) Partnerschaft unangemessen. Der Weg dieser weiter gehenden Demokratisierung und Einhegung der Datenmacht durch das Recht ist noch lang.

 12. Juli 2013  Posted by at 11:42 Internet, Recht Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Jul 032013
 

Die euphorische Adler ist gelandet. Nach dem Katzenjammer (SLobo) über die Bedeutungslosigkeit der Netizens folgt nun das Entsetzen, dass es im Netz auch nur zu geht wie IRL = in real life. Ökonomische wie machtpolitische Interessen, Kontrolle, Verschleierung, das Machbare machen zu Gunsten  der Machthaber. Über die gläubigen Piraten und ihre Netzreligion spricht schon gar niemand mehr.

Man hätte es wissen können. Auch Snowden hat eigentlich nichts an neuen Fakten an den Tag gebracht, was man so oder ähnlich nicht vorher hätte erfahren und wissen können. Einige Fakten bleiben unklar (DE-CIX). Manche aktuell zitierten Äußerungen von (Ex-) Geheimdienstlern sind Monate oder Jahre alt. Snowden und seine Jagd als Spielball der Mächtigen peppen das Ganze nur medial genial auf. Als Mensch kann er einem jetzt schon leid tun, was immer seine Motive sind.

Google Data Center Mayes

Google Data Center Mayes

Dass das Internet und all seine “Errungenschaften” (DDR Jargon) nicht das neue Evangelium sein kann, konnte dem nüchtern Bleibenden nicht verborgen sein. Jede Technik ist zwiespältig, zumal eine so neue und umwälzende. Darüber hinaus ist das Internet zugleich das Medium universeller (und damit auch universaler) Digitalisierung. Nur beides gemeinsam ergibt diesen ungeheuren Schub der Veränderung. Was Wunder, wenn es da so einige Kollateralschäden gibt. Die beklagten negativen Effekte, die “natürlich” niemand wollte (wie war das mit dem Slogan “Kontrollverlust” und der Spackeria?), sind die fast zwangsläufige Kehrseite technologisch-sozialer Umwälzungen. Sie rufen Nutzer und Interessenten aller Couleur auf den Plan. Gutwillige Idealisten sind auch hierbei schnell als dümmliche Träumer abgestempelt. Dabei ist Realismus angesagt.

Man vergisst leicht: Bürgerrechte wurden noch nie geschenkt, schon gar nicht einfach durch eine Technik “bereit gestellt”. Das Netz als Möglichkeit der Partizipation und verbesserten Kommunikation / Öffentlichkeit ist absolut keine Selbstverständlichkeit. Was sich in der Zeit des Aufbruchs scheinbar spielerisch von selbst einstellte, muss unter den Bedingungen ökonomischer, machtpolitischer, finanzieller, mafiöser Interessen und Aneignung neu definiert und erkämpft werden. Der Freiraum Internet (Netzfreiheit), die erweiterte Kommunikation sozialer Plattformen, die Chancen der Digitalisierung (Bildung) fallen nicht vom Himmel.

Dies zumindest macht die Causa Snowden offenkundig. Wer es noch nicht wusste, weiß es jetzt. Das Netz und die Digitalisierung machen nicht alle früheren Kommunikationstechniken obsolet. Wie liest man heute bei Alexander Kissler (Cicero oder Focus) über diesen “Modus des Unbehagens”: “Daneben wird der aufgeklärte Nutzer sich des Briefes entsinnen, der keine Datenspur zieht.” Da ist es: Briefeschreiben als Möglichkeit des Eskapismus. Das ist vielleicht besser als die gerade wieder zahlreichen Anleitungen für private Verschlüsselungstechniken. Der freie Bürger aber möchte sich nicht verstecken oder verschlüsseln, sondern in seiner Privatsphäre unbehelligt und geschützt sein.

Lerne: Darum muss gekämpft werden. Die Auseinandersetzung hat gerade erst begonnen.

 3. Juli 2013  Posted by at 10:23 Gesellschaft, Internet Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Jun 262013
 

Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden hat das Internet seine Unschuld verloren. Am Internet selber hat sich natürlich nichts geändert, denn Daten werden seit vielen Jahren in immer größerer Menge und auf immer perfektere Weise abgegriffen und ausgewertet. “Big data” war bisher das verheißungsvolle Schlagwort, das für ungeahnt genaue Kundenprofile, neue Geschäftsmodelle und passgenaue Nutzerinformationen steht, sozusagen für die Möglichkeiten allumfassender Information und Kommunikation des “Web 3.0″. Jetzt ist der Begriff zum Kennzeichen einer beispiellosen Kontrolle und Überwachung des gesamten Netzverkehrs geworden. Kundige wussten es schon längst, und man hätte es sich natürlich denken können. Es ist ja gerade das Wesen des Internets, dass das Routing nicht den kürzesten, sondern den besten Weg sucht, und das kann dann von Berlin nach München durchaus über London und New York laufen. Die Unterscheidung von national und international ist beim Datenverkehr des Internet nicht mehr systemrelevant. Die Aussagen der Geheimdienste, nur den Datenverkehr “ins Ausland” und nicht im Inland die eigenen Bürger betreffend zu überwachen, ist glatter Hohn – man fühlt sich für dumm verkauft. Verharmlosen und Umdeuten gehört ebenfalls zum Instrumentarium der Rechtfertigung seitens der Geheimdienste. Heute kann man vom ehemaligen BND-Chef Wieck lesen: “Das sind keine Überwachungsmaßnahmen, sondern das ist ein Beitrag zur Bekämpfung des Terrorismus auch in Deutschland”. Alles gut, soll das wohl heißen.

Shoshana Zuboff, Ökonomin an der Harvard Business School, hat in einem Beitrag für die FAZ ein dreifaches “Gesetz” formuliert, das im Grunde nur eine Erfahrungstatsache beschreibt:

Erstens: Was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Zweitens: Was in digitalisierte Information verwandelt werden kann, wird in digitalisierte Information verwandelt. Und drittens: Jede Technologie, die für Überwachung und Kontrolle genutzt werden kann, wird, sofern dem keine Einschränkungen und Verbote entgegenstehen, für Überwachung und Kontrolle genutzt, unabhängig von ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung.

Der Nebensatz, der im dritten Gesetz mit “sofern” eingeleitet wird, enthält offensichtlich das Problem. Die Einschränkung ist zwar political correct und rechtskonform, entspricht aber höchstwahrscheinlich nicht den Tatsachen. In der Praxis dürfte diese Einschränkung kaum Bedeutung haben. So muss es denn näher an der Realität lauten: “Jede Technologie, die für Überwachung und Kontrolle genutzt werden kann, wird für Überwachung und Kontrolle genutzt.” Es geschieht, es wird gemacht von allen Seiten der verschiedensten Nachrichtendienste, und zwar nach bestem Vermögen mit den jeweils effektivsten Techniken, die zur Verfügung stehen. “Best effort” gilt hier ohne Zweifel uneingeschränkt. Man darf ferner vermuten, dass es bei den Großmächten keinerlei Beschränkungen des dafür notwendigen Mittelaufwandes gibt. Informationsbeschaffung und -verarbeitung durch möglichst vollständige Kontrolle des Datenverkehrs im Internet (“mastering the internet“) hat absolute Priorität. Vordergründig geht es, wie auch die Sprachregelung bei Wieck, zeigt, um Bekämpfung des Terrorismus, aber die eigentlichen Triebfedern sind militärische und ökonomische Interessen: Auskundschaften des Gegners / Partners und Industriespionage. Sonst macht das massive Hacken ja keinen Sinn. An dieser Stelle greifen die an sich guten Überlegungen vom Martin Weigert über die Notwendigkeit der Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit zu kurz. Es geht eben nicht nur um Abwehr von Terroristen, vermutlich nicht einmal in erster Linie. Es geht um Kontrolle, um die möglichst lückenlose “Informationshoheit”. Shoshana Zuboff analysiert dies aus meiner Sicht sehr zutreffend.

Lese ich heute Stichworte wie: Web, gemeinsam, Herausforderung, Community, Transparenz – dann muss ich nur noch lachen. Die Forderung nach mehr Transparenz bleibt einem angesichts von #prism und #tempora im Halse stecken. “Transparenter” als für die Geheimdienste dürften Menschen heute nirgendwo sein – und niemals zuvor gewesen sein. Strikte gesetzliche Regelungen zur Sicherung und zum Schutz der Privatsphäre kommen da um Lichtjahre zu spät, ganz unabhängig davon, ob sie überhaupt politisch durchsetzbar und in der Praxis anwendbar wären. Die derzeitigen Erklärungen der Bundesregierung einschließlich der gewiss gut gemeinten Ratschläge von Herrn Schaar haben nicht viel mehr als Alibicharakter: Beruhigung der Öffentlichkeit, es ist nicht so schlimm, wir können da etwas machen.

Presidio modelo (Wikipedia)

Presidio modelo (Wikipedia)

Mir scheint, wir sind in Sachen Informationstechnologien und Internet in einer ähnlichen Situation wie bei der Diskussion über die Atombombe vor sechzig Jahren: Der Geist ist aus der Flasche, es gibt kein zurück, man muss mit den neuen Gegebenheiten leben lernen. Man muss also damit leben und umgehen lernen, dass die Chancen und so schönen Möglichkeiten weltweiter unkomplizierter Netzkommunikation, all die Bequemlichkeiten des Internets, der Social media, der Smartphones und Tablets, eine mächtige Schattenseite haben. Wir werden davon nicht nur immer abhängiger und deswegen auch störungsanfälliger, wir werden auch immer besser durchschaubar, kontrollierbar, in den Handlungen vorhersehbar, transparent. Merken werden wir es spürbar nur dann, wenn wir Opfer eines “Fehlers” werden. „Viele Leute glauben, sie wissen, was auf sie zukommt, aber sie haben keine Ahnung“, zitiert Zuboff den Chef-Futurologen bei Cisco, Dave Evans. Dem zumindest kann man abhelfen. Wir sollten “Ahnung” bekommen. Wenn die Aktionen von Edward Snowden, der von den Machthabern nun gnadenlos gejagt wird, selber zum Spielball der diversen Machtinteressen geworden, eines bewirken können, dann dieses: Sich aufwecken zu lassen, sich zu informieren (bisher funktioniert Information meist sehr einseitig zugunsten der Regierungen), sich und seine Privatsphäre zu schützen. Es muss nicht alles und jedes ins Netz gestellt und im Netz bestellt werden. Noch zumindest gibt es wohl keine “schwarze Liste” der Netz-Enthalter. Ich propagiere auch keine Radikallösungen, nur einen bewussteren Umgang mit Netz und Smartphone (muss das wirklich “always on” sein?). Und wenn Regierungen gezwungen werden, in öffentlicher Debatte über die Ambivalenz von Sicherheit und Freiheit, von ökonomischen und privaten Interessen konkret Stellung zu beziehen, dann ist auch schon einiges gewonnen. Zumindest bei uns, denn in den USA scheinen die Uhren eh etwas anders zu ticken – “Verräter Snowden” tönt es von dort unisono. Man sollte sich davon nicht irritieren lassen. Aber man sollte auch klar sehen, dass das Netz nicht die fröhliche Spielwiese irgendwelcher harmloser Freaks ist. Es hat seine Unschuld längst verloren.

NACHTRAG:

Erst nach Fertigstellung meines Beitrags las ich den Artikel des ehemaligen Spiegel-Chefredakteurs Georg Mascolo in der heutigen FAZ, der genau zu meinen Gedanken passt.

 26. Juni 2013  Posted by at 10:30 Internet Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Mai 092013
 

Die Netzgemeinde ist verunsichert. Sascha Lobos viel beachteter Blogartikel hat das vor einigen Wochen nur offenkundig gemacht. Auf der gerade zu Ende gegangenen re:publica 13 setzte er noch einen drauf, indem er die Internetszene eine “Hobbylobby ohne politische Verbündete” nannte (z.B. im Tagesspiegel). Ein c’t Onlinetalk trug kürzlich den Titel “Netzpolitik zwischen Katzenjammer und Aufbruchstimmung”, und Christian Sickendieck fragte neulich auf Google+ provokant: “Wo ist eigentlich dieses freie und offene Internet, von dem alle reden?” und fasste seine Antwort so zusammen:

Wir haben in den letzten beiden Jahrzehnte den Traum des freien Internets gelebt. Es war eine tolle Zeit. Wenn man aktuell die Entwicklung sieht, muss man konstatieren, dass diese Zeit vorbei ist. Das freie Internet war eine tolle Idee, die positiven Auswirkungen auf unsere Gesellschaft sind noch nicht im Ansatz erfasst. Heute muss man aber sagen: Das freie Internet ist ebenso Geschichte, wie es das Schwarz-Weiß-Fernsehen ist.

Wer hoch steht, kann tief fallen; zu hohe Erwartungen werden umso leichter enttäuscht. Allzu oft wurden die Chancen des Internets, die Utopie der ‘klassenlosen Netzgesellschaft’ wie ein Evangelium verkündet. Dass dabei wenig Realismus an Board war, konnte dem wohlmeinenden, aber etwas distanzierteren Beobachter zu keiner Zeit verborgen bleiben. “Internetfuzzis” behalten selten einen kühlen, realpolitischen Kopf – Ausnahmen wie Christoph Kappes (“Code für Deutschland“) bestätigen die Regel. Die plötzliche Ernüchterung ist schon etwas überraschend, auch wenn sie an einigen Einzelereignissen als Kristallisationspunkten fest gemacht werden kann (Absturz der Piraten, politische Ohnmacht bei Netzthemen; “Drosselkom”). Das “Klassentreffen” (Sickendieck) re:publica versuchte dem zwar durch Aufbruchstimmung (z.B. 3D-Druck) entgegen zu wirken, aber wenn man sich das Abschlussvideo anschaut, dann ist es eigentlich absurd, wie in einem Beitrag von 6:40 Minuten null Information transportiert wird (alles war toll, klasse, neu, old school ist lame usw.)  - Was also ist da mit dem Internet passiert?

Das Internet ist erwachsen geworden. Die Spielwiese der Bastler und Tüftler, der Freaks und Nerds, hat sich in einen realen Bereich des Alltagslebens verwandelt. Genau so wie die alltägliche Lebenswelt von Ökonomie und Machtinteressen (und von beidem gemeinsam) beherrscht wird, ist auch das Netz mit seinen Möglichkeiten endgültig Teil der Realwirtschaft geworden: online ist real life. Der quantitativ dominierende Netzverkehr wird heute von professionellen News- und Lifestyle – Portalen, Videos, Sex- und Gaming-Angeboten bestimmt, und natürlich von der sozialen Plattform Facebook und der “Datenkrake” Google. Blogs, dieses kleine hier ebenso wie die viel bekannteren, viel besuchten, stellen nur eine Randerscheinung dar; an die Reichweite der altbekannten Medien mit ihren Online-Präsenzen (BILD, Spiegel) kommt auch das beste Blog nicht heran, von der Masse der Vielen ganz zu schweigen. Wo es um ökonomische Nutzung geht, gelten die Regeln der Ökonomie: Ein Angebot muss sich rechnen und Gewinn bringen. “Don’t be evil” war / ist ein wunderbarer Werbe-Slogan, mehr nicht.

Wo es um Macht geht, um Einfluss auf Menschen und Meinungen, da ist die Politik sogleich zur Stelle. Was Wunder, dass sich weltweit Regierungen aller Couleur inzwischen den vorbehaltlosen Zugriff auf die Netzarchitektur und damit auf die Inhalte und Nutzer sichern (in der schier endlosen Reihe der Meldungen dazu nur die letzte von gestern über Indien). Nicht Netzfreiheit, – Netzüberwachung ist das Thema der unmittelbaren Zukunft. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein mögliches Instrument der Freiheit in ein effektives Instrument der Herrschaft, der Unterdrückung und das Ausbeutung verwandelt, um es kurz und plakativ zu sagen. (Auch das US-amerikanische Recht auf Waffenbesitz jedes Bürgers war einmal ein Freiheitsrecht gegen obrigkeitliche Macht). Unter den Zielen Terrorismusbekämpfung, Sicherheit und Gefahrenabwehr lassen sich so gut wie alle nur erdenklichen Methoden fassen, mittels derer im Vergleich zu früher  viel umfassender (big data) und leichter (Zugriffsrecht direkt bei den Providern) Kontrolle ausgeübt und Macht durchgesetzt werden kann. Mit der Forderung nach Transparenz, Privatsphäre und Datenschutz, gewissermaßen nach ‘Bürgerrechten im Internet’, scheint man mir jetzt schon hoffnungslos auf der Verliererseite zu sein. Derzeit gilt eher: Erlaubt ist, was technisch möglich ist und der Durchsetzung von Macht nützt. Demgegenüber klingen die Versuche eines Netzdiskurses mit den Zielen eines positiven Leitbildes, der Intensivierung digitaler Informationsverarbeitung für mehr Wissen und Kultur (Code für Deutschland) zwar begrüßenswert, aber fast hoffnungslos utopisch.

Heidelberger Tiegeldruckpresse (Wikipedia)

Heidelberger Tiegeldruckpresse (Wikipedia)

Angesichts der aktuellen Entwicklungen des Netzes, nämlich der Zunahme effektiver staatlicher Kontrollmaßnahmen und der Optimierung der privat-ökonomischen Nutzung zur Gewinnmaximierung, ist es schwer, weiterhin an die Freiheit des Netzes zu glauben und auf die emanzipatorischen Möglichkeiten der Ausweitung von Kultur und Wissen zu setzen. Vielleicht gelingt das dennoch entgegen dem Trend, aber wenn, dann wohl nur als Nische, als eine Begleiterscheinung, so wie es der Kultur immer eigen war. Oftmals wird die “Revolution” der Entwicklung des Internets mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen. Ich hielt das schon immer für schief, und heute erst recht. Das Buch hat eine bleibende, unausrottbar emanzipative Funktion: Lesen können und ein Druckwerk ohne weitere Zugriffsmöglichkeit verteilen oder bei sich behalten zu können ist der eigentliche “Kontrollverlust” der Mächtigen. In Zeiten der Totalüberwachung des Internets dürfte die Drucktechnik erst recht ihren freiheitlichen, subversiven Charakter behalten. Nicht wenn das Internet kontrolliert wird, sondern wenn der Buchdruck verboten wird, erst dann ist es mit der Freiheit des Denkens und Redens vorbei. Internetseiten können gesperrt, eBooks zurück gezogen und Online-Zeitungen vom Netz genommen werden. Vielleicht werden wir uns noch einmal nach dem gedruckten Buch und nach der knisternden (Untergrund-) Zeitung sehnen.

Mein Plädoyer ist also weiterhin für Nüchternheit: Chancen nutzen, auch wenn sie klein sind, Gegenbewegungen (“Netzfreiheit” als heutige Form der “Redefreiheit”) fördern, Netz-Bildung und Bildung im Netz ermöglichen und Datenschutz nachdrücklich anmahnen. Aber zugleich auch: Sich der Totalüberwachung und der Allgegenwart der Netzkontrolle bewusst sein, sich dem entziehen lernen z.B. durch Abschalten (des Smartphones!), der anhaltenden Pflege “analoger” Strukturen des Wissens und des Meinungsaustausches, nämlich des persönlichen Gesprächs und des gedruckten Wortes. In diesem Wissen liegt Macht.

 9. Mai 2013  Posted by at 11:32 Internet, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Mrz 192013
 

Ist das die Frühjahrsmüdigkeit? Oder die Kältestarre des langen Winters? Es ist erstaunlich ruhig an der “digitalen Front”: keine aktuellen Aufreger, keine Neuheiten, die einen vom Hocker reißen – business as usual. Der Bundestrojaner ist medial eingeschlummert, das LSR ist in einer rudimentären Form verabschiedet, der Streit ums Urheberrecht köchelt auf niedriger Flamme vor sich hin, und auch die Piraten haben kaum mehr Nachrichtenwert. Facebook, Twitter und andere social media Dienste haben an Neuigkeitswert verloren. Der Neugier-Effekt ist weg, es wird halt genutzt, mehr oder weniger. Bei den Online-Kritikern müssen wieder einmal die ‘gefährlichen’ Internetspiele herhalten, also nichts Neues, nichts von Nachrichtenwert. Auf der Leipziger Buchmesse versuchten Verleger recht gequält, aus der Kritik an Amazon – Beschäftigungsverhältnissen Wasser auf die Mühlen des stationären Buchhandels zu leiten. Wird wohl nicht viel fruchten, darf man vermuten. Machte man die Amazon-Kritik zum Maßstab, dürften schon gar kein iPhone oder Smartphone, keine T-Shirts und Jeans und auch viele Lebensmittel (Fleisch!) nicht mehr gekauft werden. Übrig bleibt ein General-Vorbehalt gegenüber der modernen technisierten Welt. Der kann berechtigt sein, ohne Zweifel. Aber dann müsste er auch  grundsätzlich diskutiert werden. Auch das geschieht ja bei einigen, doch so recht will keine große Diskussion in Gang kommen, ein ‘Diskurs’ schon gar nicht. Die Spät-, Nach- Postmoderne plätschert so vor sich hin.

Schaut man näher hin, so tut sich allerdings doch einiges. Man kann das an der Reaktion der Schwergewichte der digitalen Technik bzw. der Internetwelt sehen: Apple, Google, Amazon merken offenbar, dass auch sie nur mit Wasser kochen und versuchen, die ‘Hoheit’ über ihren Geschäftsbereich und ihr Geschäftsmodell zu behalten, doch der Niedergang von Größen wie Microsoft und Nokia, Yahoo und Dell steht ihnen jederzeit vor Augen. Klar, Microsoft verdient immer noch eine Masse Geld, aber das Geschäft mit dem PC-Betriebssystem und der Office-Software ist ein Auslaufmodell. So schnell kann das gehen. Wenn Google jetzt beliebte Dienste zusammen streicht und alles unter das Dach Google+ zwingt, muss das auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein und kann eher als Zeichen gewertet werden, dass man mit notwendigen Veränderungen den künftigen Entwicklungen vorbeugen will. Obs nützt oder in die Hose geht, wird sich zeigen. Die digitale Entwicklung war bisher so rasant, dass auch sehr schnell aus Siegern Verlierer werden können. Das wiederum ist auch gar nicht so schlecht. Eine neue Technik und ein neues Geschäftsmodell pustet jederzeit Altes von der Bildfläche. Derzeit ist da allerdings noch nichts Konkretes in Sicht. Google hofft zwar, dass es die “glasses” sind, aber, aber…

DigitalTechnikAlt-640

(Ur-) Alte Technik

Diese Verschnaufpause könnte dazu genutzt werden, bei der digitalen Entwicklung im Alltag etwas aufzuholen. Da liegt nämlich einiges im Argen. Der schnelle Mobilfunk (LTE) kommt eher langsam voran, auch die G3-Mobilfunktechnik ist keineswegs flächendeckend und befriedigend verfügbar. Verlässt man die Ballungszentren, ist man bald auf EDGE-Niveau. Einheitliche Online-Zahlungssysteme: Fehlanzeige. Ein weiterhin bestehendes Ärgernis ist die Beschränkung, welche die Verbreitung und Nutzung von WLAN im öffentlich Raum durch die rechtsunsichere Störerhaftung erfährt. Nicht der Gesetzgeber, sondern der Richter soll hieran etwas ändern – ein Schulterzucken der Politik also, recht armselig und wenig innovativ. – In deutschen Hotels wird man immer noch fürs WLAN extra zur Kasse gebeten, sofern denn überhaupt Internet in den Zimmern verfügbar ist. Strom für die Nachttischlampe muss man ja auch nicht extra bezahlen. Es zeigt nur, wie wenig die Verfügbarkeit des Netzes schon als grundlegendes Allgemeingut gilt – wie Wasser, Strom und TV. Genau an dieser Einstellung gilt es zu arbeiten. Hier hinken Deutschland und große Teile Europas gegenüber anderen Hightech-Ländern deutlich hinter her. Wie groß der Unterschied ist, merkt man bei Reisen in die USA, nach Kanada, Hongkong oder Australien sehr schnell. Zurück in Deutschland fühlt man sich in der digitalen Provinz.

Dabei ist digitales Knowhow nun wirklich bei uns vorhanden. Klar, deutsche Firmen können dem Silicon Valley vom Volumen her (Ideen, Patente, Kapital) nicht das Wasser reichen, aber unser Maschinenbau besonders im Bereich von Spezialtechniken dürfte zu den weltweit führenden Branchen in der Umsetzung digitaler Techniken gehören. Dies verdient viel mehr Beachtung, denn  hier ist entsprechend ausgebildeter und kreativer Nachwuchs gefragt, und der fällt nicht vom Himmel. Das haben auch manche Berichte von der CeBIT deutlich gemacht. Da gilt wieder einmal, dass “der Mittelstand” unsere Stärke ist. Stärken gilt es auszubauen, und das sollte auch im Schul- und Bildungssystem seinen deutlichen Niederschlag finden. Auch hier geht vieles zu zögerlich voran: Ein Laptop im Klassenzimmer macht noch keinen digitalen Frühling.

Aber vielleicht wird es ja besser, wenn erst einmal der echte Frühling die Lebensgeister aus der Kältestarre weckt…

 

 19. März 2013  Posted by at 11:49 Gesellschaft, Internet, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 282012
 

Auf einmal fiel es mir auf – es kam mir seltsam bekannt vor – es erklärte sich fast von selbst – eine Art “déjà vu” – nun ja, nicht ganz… Eine satirische Jahres-End-Betrachtung.

Zum Jahreswechsel wird man von Rückblicken überhäuft, egal ob in Printmedien, im Fernsehen oder online in Blogs und sozialen Netzwerken. Manchmal ist das sogar interessant und kann witzig sein, aber manchmal ist dieser rückwärts gewandte Zeitraffer auch etwas des Guten zu viel. Immerhin fiel auf diese Weise mein Blick auf das, was es im vergangenen Jahr im Netz, in der digitalen Sphäre, in der Online-Welt, oder wie immer man es nun nennen will, gegeben hat. Da dämmerte es mir. Man muss nur noch ein wenig weiter zurück blicken und den Zeitraum der letzten sagen wir 20 Monate betrachten. Es begann mit “Occupy wallstreet” im Juni 2011, setzte sich mit dem überraschenden Wahlerfolg der “Piraten” bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September desselben Jahres fort und füllte von diesem Zeitpunkt an die Nachrichten, Kolumnen und Blogs. Die bisher eher im Schatten der Experten verborgene Welt des “Web 2.0″ war zumindest medial - wie heißt es so schön? – ‘in der Mitte der Gesellschaft’ angekommen. Die allgemeine Aufmerksamkeit wurde auf die sozialen Plattformen gelenkt, die so etwas möglich gemacht hatten, Twitter und Facebook vor allen Dingen. War nicht schon der “Arabische Frühling” eine “Twitter – Revolution” gewesen? Und schon war der Hype geboren, der die Internet-Generation mit den immer wiederholten Kampfparolen “Transparenz”, “Teilhabe”, “Kontrollverlust”, “Liquid democracy” (=”neues Betriebssystem” des Politikbetriebs) auf einmal in vieler Munde brachte. Man goutierte als quasi exotisches Event die ersten Stellungnahmen der neu gewählten Berliner Piratenfraktion, lernte neue Gesichter kennen, erfreute sich an der unbedarften “Frische” der nachfolgenden Piraten-Parteitage. Inzwischen ist es wieder ruhiger geworden. Das liegt nicht zuletzt an den Akteuren selber - anscheinend wurde das Piratenschiff eigenhändig versenkt - und an den Prozenten.

Aber über das Phänomen der Piraten hinaus, die gewissermaßen eine mediale Türöffner-Funktion erfüllt hatten, öffnete sich die öffentliche Wahrnehmung, Berichterstattung und Meinungsbildung verstärkt gegenüber den Stimmen aus der bis dahin mehr in sich abgeschlossenen “Internet-Gemeinde”: Netzthemen wurden modern in allen klassischen Medien. Neben der Finanz- und Eurokrise, die natürlich politisch und ökonomisch als Problem alles beherrschend war (“Gipfeltreffen”), rückte das Thema “Internet” und “social media” als gleichsam “weiches”, also gesellschaftlich-kulturelles Thema in den Vordergrund. Viel lieber als technisch orientierte Informationen über Funktionsweise und Potentialität der neuen Netzdienste hörte man zugespitzte Thesen, sah die TV-Auftritte bunt schillernder Persönlichkeiten, die ihrerseits die klassischen medialen Plattformen (Zeitungen, TV) für ihre Anliegen, vor allem für die Darstellung ihrer neuen Weltsicht nutzten. Denn das wurde sehr rasch deutlich: Es ging nicht um irgendein technisches “Spielzeug”, es ging auch nicht um neue ökonomische Chancen, es ging um eine neue Weltanschauung, um die Weltanschauung der “digital natives”, gewissermaßen der Erstgeborenen der neuen Weltordnung der digitalen Kultur. Neben “Nerds”, “Spackos”, “Piraten” waren und sind auch vermehrt die intellektuellen Vordenker zu hören und zu lesen, denen sich online und auf politischen Foren die Möglichkeit bietet, ihre Vision einer “evolutionären” Technik-Zivilisation darzulegen und zu verbreiten. Und da ist sie dann, die Hoffnung auf eine neue, gerechte Welt der Teilhabe aller (sofern sie online leben), der völlig transparenten Demokratie, der gläsernen (?) Privatsphäre, der Robotik und der Realisierung künstlicher Intelligenz, kurz der Herrschaft der Algorithmen als Mittel zur ‘herrschaftsfreien Interaktion’, also der ersehnten Vervollkommnung des so mangelhaften Naturwesens Mensch. Mensch und Technik sollen verschmelzen zu neuer Einheit. Ein Herbert Marcuse würde vielleicht über diese visionären Ziele jubilieren, allerdings über die aktuellen Mittel der bloß “instrumentellen Vernunft” im Grab rotieren.

Che-Ponader

Und da war es dann, das Déjà vu: Ich habe das doch alles schon einmal gesehen und gehört, diese neue Wichtigkeit von Parolen, diese Art selbstgewiss-elitärer Avantgarde, die natürlich das “normal-elitäre” Fußvolk braucht wie der Fisch das Wasser, diese berauschende Stimmung des Gefühls, am Anfang einer neuen, besseren Welt zu stehen, diese ideologischen Versatzstücke, die wieder und wieder medial durchgekaut werden, – und dann die Vordenker, die intellektuellen Zuarbeiter, die dafür sorgen, dass hohle Phrasen auch ein überzeugendes Fundament bekommen, die denkerisch für den Background sorgen und die Visionen in umsetzbare Strategien umformen, die zuspitzen oder abmildern, je nach dem, und die dafür stehen, dass aus einer elitären sozialen Gruppierung eine Bewegung wird, die ein gemeinsames neues Weltbild eint, ein politisch-kulturelles Ziel, dem man sich nur unter Inkaufnahme der Kennzeichnung als verbohrter, altmodisch bürgerlicher /analoger Traditionalist entziehen kann. Damals, ’68 folgende, wurde ebenfalls die  wahre Demokratie propagiert, allerdings ging es dabei um Sozialismus, bei vielen um “lupenreinen” Marxismus, um Befreiung aus alten Zwängen, um das Brechen von Tabus und um ein “neues”, antiautoritäres Verständnis von Demokratie. Auch damals waren da die tonangebenden Intellektuellen, welche die jeweils gültige Melodie für die anzustimmende Musik vorgaben. Was damals die Neo- Sozialisten und -Marxisten waren, so scheint es mir, sind heute die “digital natives”, die sozialistische Bewegung ist nun die “Netzgemeinde”, statt “bürgerlich” heißt es “analog” oder “offline”, und der schlimmste Vorwurf, der einst “Faschisten” lautete, heißt heute “Technikfeind” oder “Verweigerer”: Kritisierten die Achtundsechziger die Gesellschaft als “faschistoid”, so gilt eben heute das beharrende Element als “technikfeindlich”. Aus dem Zauberwort “sozialistisch” ist das kürzere “digital” geworden. Beides aber wurde /wird mit dem erwünschten und gefeierten Fortschritt gleich gesetzt. Das Internet gebiert die neue “Leitkultur”.

Wer mag und sich altersbedingt auskennt, kann die Reihe der Parallelen einmal selber fortsetzen. Mir fällt vor allem die Selbstgewissheit auf, diese gewisse Selbstherrlichkeit (um nicht Arroganz zu sagen), mit der man sich auf der “richtigen” Seite der Entwicklung sieht (“Evolution” sagt man sogar, um eine Naturnotwendigkeit zu suggerieren), die etwas hochmütig wirkende Rechthaberei, wenn es um Themen und Kategorien geht, das elitäre Gehabe, dass die bisher “Dummen” schon zwangsläufig die Errungenschaften der digitalen Moderne übernehmen würden. “Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.” Jaja, damals. Man findet in Entsprechung zu ’68 wieder eine starke ideologische Fixierung, heutzutage auf analytisches Technik-Wissen, das sich nur dann “kritisch” verhält, wenn es um die Diffamierung der “Bedenkenträger” oder um die Zurückweisung (geschichts-) philosophischer  Technikkritik geht. Die neue “Wahrheit” manifestiert sich im “Netz”, genauer im “Schwarm”, dessen angebliche Intelligenz zum Sinnbild der Generation “X” der “digital natives” geworden ist. Nicht so sehr die “cloud”, die “crowd” wird’s richten.

Und ein letztes, nun ein wirkliches déjà vu: Da sieht man auf einmal auf den etwas chaotischen Massenversammlungen (Parteitagen) der “Piraten” doch tatsächlich jede Menge ergrauter “Revoluzzer” aus den 68ern! Spätestens hier schließt sich der Kreis. Das Déjà vu hat eine real-personale Komponente. Das ist allerdings nicht entscheidend. Es ist nur eine weitere verblüffende Kuriosität, Real-Satire.

Und wie geht es weiter? Keine Ahnung, die augenfälligen Parallelen hören sogleich auf, aussagekräftig zu sein, wenn man eine Prognose wagen wollte. Zu verschieden sind dann doch die beschriebenen Phänomene, und zu sehr gewandelt hat sich die Zeit. Alles verläuft heute sehr viel schneller, “instant” eben. Das Wort “Hype” kannte man ’68 noch nicht, es war auch kein solcher. Die Entwicklung der IT-Technologien, der digitalen Medien, der digitalen Vernetzung, Produktion, Konsumption usw. als einer erweiterten Ebene unseres alltäglichen Lebens geht natürlich weiter, mit und ohne “Nerds” und “Geeks”. Aber vielleicht geschieht genau dies: Dass unser Nutzen von digitalisierter Realität alltäglich wird. Dann könnten wir uns wieder mit Ernst darüber unterhalten, wie weit man die neuen Möglichkeiten der IT-Technologien samt digitaler Vernetzung zur Lösung der wirklich großen Probleme der Menschen nutzen könnte: zur Bekämpfung des Hungers, des Analphabetismus, der Armut, des Fundamentalismus jeglicher Spielart, der nach wie vor massiven Entrechtung der Frauen und Kinder, zur Förderung  des Respektes der Tierwelt, der Begrenzung der Klimaveränderung und so weiter und so weiter. Eigentlich gibt es genug “echte” Probleme, deren Lösung all unsere Kräfte und Intelligenz braucht, vor allem die Kraft, den maßlos destruktiven Kräften und Ideologien zu widerstehen. Wenn hierbei “Künstliche Intelligenz” helfen kann, ok  - aber die normale Vernunft würde schon reichen.

Oder ist alles noch ganz anders mit den Sozialen Medien? Ich lese heute: (Facebook Co-Gründer, Verleger und Eigentümer von “New Republic”) Chris Hughes unterhielt sich mit Arianna Huffington und Peter Thiel (Facebook-Investor):

„Macht Twitter die Demokratie unmöglich?“ So sollte die Frage des Abends lauten, die allerdings nicht zur Verhandlung kam. Die kulturkritische Prämisse, dass die sozialen Medien Zerstreuung und Kakophonie produzieren und dadurch der rationalen Debatte schaden, galt allen drei Helden der Kommunikationswirtschaft anscheinend als unstrittig. Im Stil der von Michel Foucault ausgegrabenen antiken Sexratgeber gaben sie Empfehlungen zur Dosierung des persönlichen Gebrauchs der neuesten Medien ab.

Brave new world!

 28. Dezember 2012  Posted by at 13:12 Internet, Kultur Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert
Dez 212012
 

Das Netz und die Nutzung des Netzes haben sich weiter entwickelt.  Das ist das Mindeste, was man im Rückblick auf die vergangenen Monate fest stellen kann. Um diesem ersten Satz etwas mehr Farbe und Aussage zu geben, müsste man schon bewerten, wie sich das Internet weiter entwickelt hat. Und da gehen dann die Meinungen schon auseinander.

Vieles, was auf den ersten Blick als eine durch das Netz und vor allem durch seine sozialen Plattformen induziert zu sein schien, entpuppte sich im Nachhinein entweder als Fehlurteil oder als wenig dauerhaft. Die “Arabellion”, gerne auch als “Twitter-Revolution” gekennzeichnet, war allenfalls vordergründig eine “Internet-Revolution”. Genauere Analysen haben gezeigt, dass die neuen Medien eine offenbar viel geringere Rolle gespielt haben, als es in der Presse und in eben diesen “neuen Medien” behauptet worden war (siehe zum Beispiel hier). Von einer anderen sozialen Bewegung, die fest mit den social media konnotiert wurde, nämlich der “Occupy-Bewegung”, ist in diesem Jahr gar nichts mehr zu hören und zu lesen gewesen, nichts, was auf Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit schließen ließe, also eher eine “klassische Eintagsfliege”. Von zahlreichen Aufrufen zu Protesten gegen befürchtete Beschränkungen der Freiheit des Netzes wie das Handelsabkommen ACTA (Stopp ACTA), vom Streit um das Urheberrecht, von den Protesten gegen den Gesetzentwurf zum Leistungsschutzrecht (LSR), von den viel leiser vernehmbaren Einsprüchen gegen die Einrichtung von INDECT, war nur der Anti-ACTA-Protest eine erfolgreiche Bewegung (Übersicht hier). Wie weit allerdings die Proteste im Internet und auf den Straßen tatsächlich zur Verhinderung dieses Anti-Piraterie-Abkommens geführt bzw. dazu beigetragen haben, wäre noch eigens zu untersuchen. Es gab dabei eine Menge recht divergierender Interessen, die letztlich eine Verhinderung des Abkommens und die Absetzung des ACTA-Verfahrens beim Europäischen Gerichtshof seitens der EU-Kommission zur Folge hatten. Weder der Streit ums Urheberrecht im digitalen Zeitalter noch der Streit ums LSR waren in irgend einer Weise “massentauglich”. Eher sind dies wenngleich wichtige, so doch spezielle juristische Fragen, die besonders die “Netz-Elite” interessieren. Doch die ist eine verschwindend kleine Minderheit. Ein Blick auf die aktiven Nutzerzahlen von Twitter in Deutschland zeigt, dass nur wenig mehr als 100.000 Nutzer häufig und regelmäßig tweeten (siehe hier).

Überhaupt die “Minderheit” der Netz-Aktivisten. Vielleicht am erstaunlichsten war in den vergangenen Wochen und Monaten der rasante Absturz der “Piraten” aus dem öffentlichen Interesse – und der entsprechende Rückgang der Unterstützer bei der berühmten “Sonntagsfrage”: Laut “Deutschlandtrend Dezember” (tagesschau.de) liegen sie bei 3% Wählerzustimmung. Der Höhenflug dieses “Themas” ist also vorläufig beendet. Auf der anderen Seite scheinen sich einige Voraussagen für das durch die sozialen Medien und Blogs beförderte Ende der traditionellen Print-Zeitungen erstmals zu materialisieren: Gleich zwei überregionale Tageszeitungen mussten ihre Einstellung ankündigen: Financial Times Deutschland (bereits eingestellt) und die Frankfurter Rundschau (wegen Insolvenz Galgenfrist noch bis Ende Januar 2013). Dabei ist allerdings zu fragen, wie weit hier das Internet “Schuld” war oder ob nicht viel mehr ganz andere wirtschaftliche Faktoren ursächlich sind. Immerhin hat die FTD während der dreizehn Jahre ihres Bestehens durchweg Verluste gemacht, und die FR ist seit mehreren Jahren wiederholt am Absturz vorbei geschrammt. Die großen überregionalen Zeitungen wie SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche, FAZ sind gerade dabei, bei recht konstanter Leserschaft ihr Geschäftsmodell zu ändern, nachdem die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft rasant weg gebrochen sind.

Viel wird da im Netz, in den einschlägigen Blogs und Plattformen, über die “hochnäsigen” Journalisten geschimpft oder sich überhaupt über den “guten Journalismus” lustig gemacht (Wolfgang Michal bei CARTA), der doch gegenüber der Schnelligkeit und “Schwarmintelligenz” (vielleicht das Modewort des Jahres) des Netzes hoffnungslos unterlegen und also von vorgestern sei – und außerdem nur noch zum Boulevard verkomme. Gleichzeitig, welch erstaunliche Wendung der Netz-”Elite”, ist eben dieser antiquierte Journalismus Schuld, wenn Deutschland beim Ranking der Sozialen Medien zu “schlecht” abschneidet. Laut der Wirtschaftswoche und dort dem Blog von Michael Kroker liegt DE bei der Nutzung sozialer Online-Netzwerke mit 34% nur im  unteren Drittel vergleichbarer Industrieländer und weist zudem 46% “Verweigerer von sozialen Netzwerken” auf. Schlimme Sache, wie Marcel Weiss bei CARTA meint. Denn darin drücke sich nicht nur “Skepsis der Deutschen gegenüber neuen Technologien” (Kroker) aus, sondern die “starke Risikoaversion unserer Gesellschaft” (Weiss). Die von ihm im selben Satz diagnostizierte deutsche “Vorliebe von geordneten vor chaotischen Verhältnissen” ist anscheinend etwas ganz Schlechtes und Verwerfliches. Dass dahinter ein durchaus rationales Kalkül stecken könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Und nun kommt’s: Schuld an dieser Misere sind – die so viel gescholtenen Print-Medien und das Fernsehen: “Sowohl Print als auch TV berichtet hierzulande seit Jahren fast ausschließlich negativ über das Internet und dabei natürlich besonders über das Trendthema der letzten Jahre, die Social Networks. Große Titelstories sind immer mit Skandalen oder Risiken verbunden.” Kein Wunder, dass darum Deutschland “erschreckend” digital-technologisch hinterher hinke. [Nebenbemerkung: Welches Bild ergäbe sich wohl, wenn man die Nutzung neuer Technologien zur nachhaltigen Energiegewinnung in Deutschland als Maßstab anlegen würde? Aber das hat ja mit "digital" und dem intelligenten "Netz" nichts zu tun.] Verquere Welt. Immer Ärger mit diesen Internet-”Verweigerern” und “Wohlfühljournalisten”!

Google Earth at Night

Google Earth at Night

Von einer ganz anderen, sehr nachdenkenswerten Seite nähert sich dem aktuellen Zustand der Internet-Kultur und der netz-obligaten Transparenzforderung  der Berliner Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han im SZ-Magazin. Er konstatiert im Blick besonders auf Facebook einen Prozess der “Glättung” durch das Netz, die “alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt”. “»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.” so Han. Und Sean fragt in einer Anmerkung zu meinem Blogbeitrag “Kultur und Fortschritt – und weiter?“: “Gibt es eine Entropie der Kultur?” Ein interessanter Gedanke. Mir fällt dazu der von +Jürgen Kuri wiederholt geäußerte Ausspruch von der “Langsamkeit des Internets” ein. Aus einer Fülle allzu schneller Information, basierend auf Gerüchten, Vermutungen, Vor-Urteilen, auf den sozialen Plattformen mit einem Klick in Windeseile weiter verbreitet, kristallisiert sich erst nach Abflauen des Erregungs- und Aufmerksamkeits-Hypes der tatsächliche Informationsgehalt heraus, oft genug durch genau recherchierende Journalisten.

Hinzu kommt eine der übelsten Seuchen des Internet, der “shitstorm”, also so etwas wie der digitale Schandpfahl, gegenüber dem man ohne nachzufragen und im Schutz der (anonymen) Öffentlichkeit schimpfen, beleidigen und verleumden kann nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Es ist eine sozialpsychologisch beschreibbare Blitzableiter-Funktion (eigener Frust?), die sich hier manifestiert. Erklärbar bedeutet aber nicht entschuldbar, erst recht nicht aus der Sicht der betroffenen Opfer.

Abgesehen von solchen Exzessen, abgesehen auch von gelegentlichen Aufmerksamkeits-Stürmen (als Stichworte reichen bisweilen Namen: Wulff, Ponader, Weisband) stellt sich die Allgegenwart des Netzes doch recht durchschnittlich und unaufgeregt dar. Millionen Menschen in Deutschland nutzen Email, Skype, WhatsApp, weiterhin SMS (!), kaufen und buchen online, lassen sich Bahnverbindungen anzeigen und kaufen Fahrkarten übers Web, lesen Nachrichten, spielen Internetspiele, kaufen und sehen Filme, informieren sich über alles, was sie gerade interessiert. Nicht zufällig gehört das Wort googeln seit langem zum deutschen Wortschatz. Trotz mancher überzogenen Warnungen nutzen ebenfalls Millionen Internet-Banking, mehr und mehr über mobile Geräte, Smartphones und auch mittels der sich erst allmählich verbreitenden Tablets. Da vollzieht sich eine langsame, aber unaufhörliche und ganz selbstverständliche Anpassung des Lebensstile an die Gegebenheiten, Möglichkeiten und den praktischen Nutzen des Netzes. Das hat wenig mit einer “digitalen Evolution” oder einem neuen technisch-kulturellen Menschsein zu tun. Internet und der Spaß an neuen Geräten (‘Spielzeugen’) ist auch bei uns Alltag geworden. Klar, dazu gesellt sich zu Recht manche Skepsis, manche Angst vor Überforderung, manche Unsicherheit und Zurückhaltung, auch im Blick auf die Privatsphäre. Warum auch nicht, sollen doch andere Mutigere erst einmal ausprobieren, was geht und was nicht geht, was etwas taugt und was nicht. Das ist eine sehr pragmatische Haltung. Ich finde sie verständlich und begrüßenswert.

 

Und vieles, was sich dann so an Diskussionen, Meinungen (@Christoph Kappes seufzt in einem Tweet: “Meinungen, alles voller Meinungen” – ja was denn sonst?), Äußerungen, “Statusmeldungen”, Gefühlsausbrüchen, Ansichten usw. –  oder auch an Spaß, Ulk und Nonsens im Netz, in den social media – Netzwerken kundtut, kommt mir vor wie ein weißes Rauschen, in dem wesentliche Unterschiede kaum auszumachen sind. Das Netz als das Hintergrundgeräusch unserer Gegenwart, mal lauter, mal leiser, immer mit Wispern und Zwitschern beschäftigt, selten mit inhaltlicher Klarheit und Bestimmtheit, dafür ein auf- und abschwellender Lärmpegel, der einfach heute dazu gehört. Man kann dieses ‘Hintergrundrauschen der Moderne’ kaum überhören, erst recht nicht abstellen (nur ganz privat von Zeit zu Zeit), aber man muss es auch nicht zu wichtig nehmen. Manchmal möchte man einfach rufen: “Stop making noise” – aber auch das Originalzitat “Stop making sense” gäbe durchaus einen Sinn. Aber Abschalten und Pause liegen ja in der Hand eines jeden. Man muss nur wollen.

 

 21. Dezember 2012  Posted by at 18:20 Internet, Netzkultur, social media, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert
Nov 252012
 

Dieser Tage entdeckte ich mich in einer Art Blase gefangen. Der Filter waren aber keine Algorithmen, sondern das war ich selber. Ich hatte in meiner Wahrnehmung unbewusst eine Lupe benutzt: Teile der Wirklichkeit erschienen so sehr viel größer und bedeutender, als sie tatsächlich sind. Ich spreche vom Web 2.0.

Seit einigen Jahren organisiere ich Vortragsveranstaltungen in Kempten. Sie stehen jeweils unter einem Oberthema, zum Beispiel “Hirnforschung” oder “Schöpfung und Evolution”. Anerkannte Wissenschaftler berichten dann aus ihrem Fachgebiet. Die Resonanz beim Publikum war durchweg gut. In diesem Winterhalbjahr hatte ich das Thema “Web 2.0 – Welt 2.0″ ausgewählt. Ich war mir sicher, damit etwas ganz Aktuelles und allseits Interessantes getroffen zu haben. Engagierte und in der “Szene” bekannte Referenten aus München, Ulm, Freiburg konnten gewonnen werden. Nach zwei Veranstaltungen mit einer Publikumsresonanz knapp über Null haben wir (VHS als Trägerin) die Veranstaltungsreihe gestoppt und die weiteren Vorträge abgesagt. Das Thema des letzten Vortrages war die Entwicklung der Zeitungen im Zusammenhang des Internet; passte zufällig haargenau zu den gerade gemeldeten Schließungen der Frankfurter Rundschau und der Financial Times Deutschland. Null Erregung. Großes Erstaunen. Was ist passiert?

Filter Bubble by Eli Pariser

Natürlich fragt man sich zuerst danach, ob die Termine falsch lagen, ob es konkurrierende Veranstaltungen oder ob es Versäumnisse in der Werbung gab. All dies konnte man mehr oder weniger ausschließen, im Gegenteil, die Werbung für den letztgenannten Vortrag war auch überregional besonders intensiv, unterstützt von den Lokalzeitungen. Kempten ist zwar keine Großstadt, aber eine bedeutende Mittelstadt in einem ländlichen und touristischen Umfeld (Allgäu). Immerhin lebt die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands in solchen Mittelstädten, hier mit einer Hochschule und mit einem starken Mittelstand im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik. Die “anderen” Themen liefen ja auch, also nochmal: Was war passiert?

Offenbar lag eine Fehleinschätzung der Relevanz des Themas “Internet und Web 2.0″ in der interessierten Öffentlichkeit vor. Einen jüngeren Bekannten, studierend, den ich danach fragte, sagte mir: “Ich benutze zwar Facebook, aber das Internet als Thema interessiert mich nicht.” So denken und empfinden offenbar viele. Man nutzt die Angebote des Netzes, ohne dass einen die Frage nach der Bedeutung des Internets und der neuen Medien im Allgemeinen interessiert oder zum Nachdenken / Nachfragen bewegt. Wenn ich dagegen meine Twitter Timeline beobachte, in Google+ stöbere oder mich interessierende Blogs und Blog-Portale besuche, bekomme ich einen völlig anderen Eindruck. Dann denke ich: Das Thema Internet und Web 2.0 bewegt die Welt. Da sind doch die “Twitter-Revolution” in den arabischen Ländern, die Anti-ACTA-Proteste, die heißen Diskussionen über das Urheberrecht oder das Leistungsschutzrecht – und natürlich die Piraten. Da sind die zahllosen Beiträge in Zeitungen und Weblogs über die mediale Revolution durch das Internet, da sind hitzige Diskussionen und Shitstorms. All das bewegt doch offenbar die Öffentlichkeit. – Asche. Nichts davon stimmt so. Es ist nur die Lupe der eigenen Wahrnehmung und Interessen, die dieses Bild erzeugt und die Relevanz vergrößert. Auch abgesehen von dem Einzelfall meiner geschilderten Erfahrung mit den Vorträgen sieht die Wirklichkeit im Netz doch recht anders aus.

Zum Beispiel Twitter. Im April dieses Jahres wurde die Erfolgsmeldung von 4 Millionen Twitternutzern allein in Deutschland verbreitet. Man muss näher hinschauen, was Twitter-Nutzer sind. Von den 4 Mio. Accounts sind aktuell (November) nur 825.000 “aktive” Nutzer.

Ein Account wird als „aktiv deutsch” bezeichnet, wenn darüber pro Woche mindestens ein deutschsprachiger Tweet versendet wird. Dabei wird eine Liste mit 400 eindeutig deutschsprachigen Begriffen wie „bitte“, „danke” oder „gestern“ zu Grunde gelegt. Diese Untersuchung lässt nur schwer Rückschlüsse auf tatsächlichen Nutzerzahlen von Twitter zu: Zum einen werden stumme Accounts, also solche, die nicht selbst aktiv senden, nicht erfasst. Zum zweiten ist nicht ersichtlich, wie viele Accounts von ein und derselben Person genutzt werden. … 310.000 Accounts haben im letzten Monat mehr als zehn Tweets abgesetzt, 99.000 sogar mehr als 30, im Schnitt also mindestens einen Tweet täglich. (Webevangelisten)

Das heißt, 2,5 % der Twitter-Accounts werden zum regelmäßigen, täglichen Gebrauch genutzt. 300 000 Nutzer generieren damit ca. 95 % der Tweets. Tun wir also das, was die meisten Twitter-User machen, nämlich nur lesen, dann erfahren wir die Infos und Meinungen von einer winzigen Minderheit von deutschlandweit 100.000 sehr aktiven “Netzwerkern”. Die allerdings “machen Meinung” und Stimmung und prägen unsere Wahrnehmung. Das genau meine ich mit der Netz-Lupe: Eine kleine aktive Gruppe wird leicht für das Ganze des Webs genommen. Berücksichtigt man dann noch, dass mehr als die Hälfte der Zeitungs-Journalisten von sich sagen, regelmäßig Twitter zu beobachten und für ihre Artikel als bedeutende Nachrichtenquelle zu berücksichtigen, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch die traditionellen Medien die Relevanz und Verbreitung der neuen Medien des “Web 2.0″ (= sozial, interaktiv!) überbewerten. Eine Fehleinschätzung, die multipliziert wird.

Ähnliches gilt für Facebook, auch wenn dieses soziale Portal eine andere Zielrichtung als Twitter hat. Genauere Nutzerstatistiken rückt Facebook öffentlich nicht heraus. Nur die Gesamtzahl “aktiver” Facebook-Accounts wird kommuniziert:  Rund 25 Millionen Facebook-Nutzer gibt es in Deutschland. Andererseits weist t3n darauf hin, dass es im Juli erstmals einen deutlichen Knick im Zuwachs gegeben habe: es waren 200.000 Nutzer weniger. Wie dem auch sei, so muss auch hier nachgeschaut werden, was “aktive Facebook-Nutzer” sind. Dazu heißt es: “Aktive Nutzer sind in diesem Fall alle Besucher, die sich in den vergangenen 30 Tagen bei Facebook angemeldet und mit dem Netzwerk interagiert haben.” Was heißt “interagiert”? Kommentare hinterlassen oder einen Post liken. Also auch nur der eine Klick auf den Like-Button wird als Interaktion gezählt. Vermutlich ist also auch bei Facebook die Zahl derjenigen Nutzer, die regelmäßig eigene Statusmeldungen verfassen oder Fotos hochladen und mit anderen (“Freunden”) schriftlich kommunizieren, nur ein Bruchteil der Zahl der Facebook-Accounts. Auch hier entpuppt sich die gewaltige Zahl von 25 Millionen Nutzern als eine Lupe, die die Realität größer und erscheinen lässt, als sie ist. Millionen mögen Facebook anklicken und lesen, aber nur ein viel kleinerer Teil nutzt dieses Portal aktiv.

Ein letzter Hinweis auf eine oft verstellte Wahrnehmungs-Lupe. Liest man über das derzeitige “Zeitungssterben” zumal in einschlägigen Blogs und gut vernetzten Webbeiträgen , so gewinnt man den Eindruck, dass das Internet und die Sozialen Medien das allmähliche Ende der traditionellen Zeitung einläuten. Richtig an dieser Interpretation ist die wirtschaftliche Tatsache, dass die Tageszeitungen derzeit einen Rückgang ihrer Leserschaft (drastisch bei jüngeren Menschen) und den Zusammenbruch des Anzeigenmarktes und damit ihrer herkömmlichen Haupteinnahmequelle erleben. Das traditionelle Wirtschaftsmodell der Tages- und Wochenzeitungen ist am Ende. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bedeutung der Zeitungen als Gatekeeper des Zugangs zur den Geschehnissen in der Welt verloren gegangen wäre. Im Gegenteil. Zu der Gruppe der 10 meistbesuchten Websites in Deutschland gehören spiegel.de und bild.de, bald gefolgt von Focus online und Welt online. Die Online-Angebote der überregionalen (Tages-) Zeitungen haben einen enormen Zuspruch:

Online Verbreitung

“Im gleichen Zeitraum [Oktober 2012] ist die von der Prüfgemeinschaft für die Online-Medien festgestellte Gesamtnutzung deutlich angestiegen: So wurden im Oktober 2012 für 1156 der von der IVW gelisteten Internetangebote insgesamt rund 5,37 Mrd. Visits (Besuche, das heißt einzelne zusammenhängende Nutzungsvorgänge) und 40,27 Mrd. PageImpressions (einzelne Seitenaufrufe) festgestellt (September 2012: 1.162 gemeldete Angebote mit 4,93 Mrd. Visits und 37,67 Mrd. PageImpressions).” (Quelle: IVW)

Online erreichen die Zeitungsmedien ungleich mehr Besucher und Leser, als sie in ihren Print-Ausgaben jemals hatten. Man muss deswegen wohl genauer von einer existenzgefährdenden Krise des herkömmlichen Wirtschaftsmodells der Zeitungen sprechen – die Zeitungsangebote im Internet dagegen erfreuen sich größter Beliebtheit. Nicht die Zeitung als Gatekeeper der Nachrichtenwelt ist am Ende, wie es die Diskussionen unter der “Netz-Lupe” nahelegen, vielmehr steht das Wirtschaftsmodell der Tageszeitungen vor gravierenden Veränderungen und Anpassungen. Wer da den ‘turn’ nicht schafft, verschwindet vom Markt.

Was also “lernt” uns das? Mit der Lupe unserer Internet-Wahrnehmung bekommen wir hoch interessante Diskussionen, ja einen gesellschaftlichen Diskurs, zu Gesicht. Es ist aber wie eh und je der Diskurs einer kleinen Minderheit. Darum ist es gut, dann und wann diese Lupe beiseite zu legen und die Wirklichkeit der Gesellschaft zu betrachten, wie sie mit und ohne Netz ist. Fast jeder der Jüngeren nutzt das Netz, die meisten passiv als zusätzliches Medium, das konsumiert wird. Die wenigsten aber gehören zur Gruppe der aktiv sich beteiligenden Internet-Nutzer, die schreiben, diskutieren, bloggen usw. Man darf halt diesen Teil des “Web 2.0″ nicht für das Ganze nehmen. – Man sieht: Auch ein Flop kann lehrreich sein.

 25. November 2012  Posted by at 12:34 Internet, Öffentlichkeit, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Sep 202012
 

Das Netz im Gegenwind. Der Internetgemeinde weht auf einmal ein eisiger Wind von vorne. Von “Pöbelkultur” im Netz spricht Richard David Precht und pointiert, soziale Netzwerke seien ein “Modephänomen”. Vor der Gefahr “digitaler Demenz” warnt Manfred Spitzer in seinem Buchtitel und im TV-Talk, und spitzt zu: Digitale Medien machen dick, dumm und aggressiv. Ein Aufschrei im Netz.

Die Piraten gar, Shooting-Star und Lieblinge der Medien im letzten Jahr, “versacken im Umfragetief”, wie es heißt, und “haben keinen Plan”. Schließlich wird sogar von einem eher liberal eingestellten Journalisten wie Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) die Rechtlosigkeit im Internet beklagt und “endlich” ein Rechtsrahmen für den Persönlichkeits- und Datenschutz im Internet gefordert. Man merkt: Der Wind hat sich gedreht.

Dann haben sich auf einmal die negativen Schlagzeilen gehäuft. Zuerst die Sache mit Ponader. Negatives Image in der Öffentlichkeit. “Sozialschmarotzer”? Lebenskünstler? Typischer Pirat oder Randfigur? – Feine Risse bei der sonst so positiven Presse über den “frischen Wind”, der dank der Piraten durch die Politiklandschaft wehe. Aber das war, so zeigt sich, nur der Auftakt. Marina Weisband, Liebling der Medien, zog sich zurück. Irgendwie nahm ihr das keiner ab, dass dafür nur private Gründe ausschlaggebend waren. Inzwischen meldet sie sich wieder zu Wort; das derzeitige Elend der Piraten scheint sie auf den Plan zu rufen.

Berichte von Parteitagen der Piraten, die außer technischem (!) Chaos und Personalquerelen nichts brachten. Hinterzimmer – Klüngel in Berlin. Offen ausgetragene Fehden. Shitstorm von Piraten gegen Piraten bei Twitter. Parteitage, die nicht der notwendigen Positionbestimmung, sondern personellen Grabenkämpfen dienen. Hahnenkämpfe. Bis zum Paukenschlag der Sache mit Julia Schramm. Man kann da durchaus von einer Affäre sprechen. Die personifizierte Unglaubwürdigkeit in Sachen Urheberrecht und Eigennutz. Das wäre alles kein Thema (wer hätte sich je über Tantiemen bei Buchveröffentlichung bekannter Politiker aufgeregt?), wenn da nicht dieser riesengroße Anspruch wäre: Wir machen das besser. Transparenz, Beteiligung, Offenheit, Demokratie. Inzwischen schlägt die “Offenheit” in Langeweile um, weil es keinen mehr interessiert, weil so viel kleinkarierter Dreck auftaucht, den man ohnehin zur Genüge kennt. So wie eigentlich niemanden die Seelenergüsse der Bettina Wulff interessieren. Renate Künast hat das nur auf den Punkt gebracht: “Ich will das gar nicht wissen.” Auch von den Piraten will man nicht mehr viel wissen. Noch wird ihnen 6 % gegeben in Umfragen.

Es ist der Prozess einer Entzauberung. Wer hoch steht, kann tief fallen. Wer hoch gejubelt wird, fällt meist noch tiefer. Zunächst ist es eine Entzauberung von einzelnen Personen, dann einer ganzen Gruppierung, die gerade erst Partei geworden ist – oder noch auf dem Wege dahin ist. So genau weiß man das nicht mehr. Der Boden der Tatsachen holt die Cyber-Stürmer ein; nicht einmal der Name “Liquid Democracy” bleibt, denn das Namensrecht für das Programm “Liquid Feedback” wird ihnen gerade entzogen: „Wir wollen nicht für die gesellschaftliche Etablierung von scheinbar demokratischen Verfahren stehen oder verantwortlich sein, die durch die Teilnehmer selbst nicht überprüft werden können“. So die Programmentwickler. “Solid Feedback” soll es nun heißen. Solidität. Wunschtraum. Entzaubert. Darüber hinaus: Transformation  der “Netzgemeinde” zum “Webmob”. So provokativ Ole Reißmann.

Entzaubert werden aber in dem Diskussionsprozess in der “alten” (analogen) und “neuen” (digitalen) Öffentlichkeit auch die himmelstürmenden Ideen. Internet = neue Kultur = neue Stufe menschlicher Evolution: Pustekuchen. Wirklich neu ist nur sehr wenig, und was davon anhält, wird sich erst noch zeigen. Da ist zunächst eine sich entwickelnde Technik. Man kann vieles damit und daraus machen, Gutes und Schlechtes. Anlass zum Jubel über neue Bewusstseinsformen und eine neue Qualität der Kommunikation, ja der Demokratie als verwirklichter Beteiligung aller besteht inzwischen keiner mehr.

Facebook ist ein Geschäftsmodell mit derzeit erheblichen Erfolg, wenngleich Übertreibungen (Börse) bereits korrigiert worden sind. Es ist weder das fleischgewordene Urbild menschlicher Kommunikation noch auch nur eine angemessene Abbildung sozialer Strukturen. “Freunde” heißen nur so, sind es in Wirklichkeit nicht. Facebook zeigt nur eine weitere Möglichkeit unverbindlicher Kommunikation auf. Da ist nichts Außergewöhnliches dran. Spaß kanns trotzdem machen.

Google ist nicht der “neutrale” Gatekeeper des Netzes, als der es sich gerne darstellt. “Don’t be evil” hat sich erledigt. “Neutrale Suchergebnisse sind eine Fiktion.” Und weiter Mayer-Schönberger: “Es gilt Kransberg’s Law: »Technology is neither good nor bad, nor is it neutral.« Bei Google geht es um Wertvorstellungen davon, wie Informationen sortiert werden, was relevant ist. Das bildet der Algorithmus ab. Und selbst wenn ein Algorithmus neutral sein könnte, ist er es im Falle von Google nicht, weil das Unternehmen einen Teil seiner Suchergebnisse manuell verändert.” So läuft professionelle Firmenpolitik.

Und zu Apple fällt mir schon gar nichts mehr ein, seit die Heiligsprechung von Steve Jobs als etwas peinlicher Nekrolog verklungen ist. Ein stinknormales, derzeit äußerst erfolgreiches Unternehmen. Nur harte Bandagen können es mit ihm aufnehmen. Siehe Hans-Jürgen Jakobs Kommentar heute in der “Süddeutschen”: “iGier”. Trotzdem kann man das iPhone 5 mögen.

Auch Wikipedia hat die Unschuld verloren, wenn es sie denn je hatte. Erneut sind Manipulationsvorwürfe aufgetaucht gegenüber “korrupten Autoren” und bezahlten Artikeln. Aber es ist ohnehin erkennbar, dass Wikipedia selbst zum Feld gesellschaftlicher und kulturpolitischer Auseinandersetzung geworden ist (Greenstein-Studie: 40 % der Artikel “tendenziös”)  - wie sollte es auch anders sein. Wikipedia = “crowd-qualitätsgesicherter Content” ist darum noch längst kein Gütezeichen. Brauchbar ist es allemal.

Da ist zu viel “Evangelium” im Spiel gewesen, zu viel Enthusiasmus, zu viel quasireligiöse Hoffnung und Verheißung, zu viel Ideologie. Das Internet samt “Netizens” kann das niemals einlösen. Es ist eine Technik, eine Infrastruktur wie die Straßen. Was man draus macht, hängt von den Menschen ab, die es benutzen. Da gibt es keinerlei Anlass zur Glorifizierung, denn neben den Heiligen wohnen stets die Schurken. Allzu oft haben Verkünder eines neuen Heilsverheißung nur eine neue Form der “Hölle” gebracht. “CTRL-Verlust” kaschiert nur den Verlust des eigenen Denkens. Mehr Realismus und mehr kritische Distanz ist nötig. Das zu betonen ist das berechtigte Anliegen eines Spitzer oder Precht.

Ich nenn’s eine Entzauberung. Sie war / ist überfällig.

P.S.: Möchte nicht versäumen, auf den bitterbösen Kommentar von Rainer Meyer (Don Alphonso) im FAZ-Blog hinzuweisen. Thema Julia Schramm & Co.

 20. September 2012  Posted by at 12:26 Demokratie, Internet, Netzkultur, Piraten Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert

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