Apr 142012
 
Man hat oft den Eindruck, gleichzeitig in vielen Welten zu leben. Viele Welten bedeutet viele Weisen, die Welt in den Blick zu nehmen und sich auf möglichst breiter Basis eine Meinung zu bilden. Das Netz ist ein weiteres Medium dazu mit eigenen Kommunikationsweisen. Aber es ist zum Glück nicht das einzige. Die Welt wäre sonst wirklich zu eindimensional.

Immer wieder bekomme ich den Eindruck, ich lebte gleichzeitig in vielen Welten. Nun, sagen wir besser: in vielen sehr unterschiedlichen Ausschnitten der Wirklichkeit. Ich meine weniger die unterschiedlichen Rollen, die man selber in verschiedenen sozialen Umgebungen spielt, sondern mehr diejenige Sicht auf die Welt, wie sie sich mir aus den unterschiedlichsten Medien darstellt. Gerade auf die Schwerpunktthemen kommt es mir an. Die sind total unterschiedlich (geworden). Höre ich hier in Bayern Radio, dann ist heute die Verabschiedung von Magdalena Neuner immerhin eine Top-Meldung der Nachrichten, dazu weiteres meist Lokales / Regionales. Das Günther Grass – Gedicht neulich hat den Blätterwald der Zeitungen mächtig aufgemischt, und sogar die Tagesschau / Tagesthemen haben sich dem Thema gewidmet. In meinem mehr privaten Umfeld (ok, daran mags liegen!) hat das niemanden wirklich interessiert, mich selber eigentlich auch nicht, habe von Grass noch nie viel gehalten. Die Aufmacher der TV-Nachrichten in den letzten Tagen waren überwiegend dem Syrien-Konflikt gewidmet, allenfalls noch den Benzinpreisen zu Ostern. Mmh, war das wichtig, oder inwiefern ist das nun gerade wichtig? Schaue ich ins Web und lese bei Twitter, Google und in diversen Blogs, dann sind es ganz andere Themen, die vorherrschend sind, wie zum Beispiel das Urheberrecht (der Brief der 51 Tatort-Autoren machte viel Wirbel) oider die positiven Umfragewerte für die Piraten. Die regionalen Beiträge über NRW und SH sind natürlich oft vom Wahlkampf dort bestimmt, aber auf mein Display kommt da nicht so viel. Und als ein erstaunlicherweise viel diskutiertes “Aufmerksamkeits-Thema” war und ist die Neugestaltung des Layouts bei Google+. Letzteres zeigt allerdings sehr deutlich die enge Brille auf die eigene Welt, die Netzthemen oft haben.

Überhaupt scheinen mir die Themen des Netzes immer deutlicher unterschieden von den Themen – nein nicht der real world, sondern der Themen der Zeitungen (online) und TV-Nachrichten und Magazine. Sieht man einmal vom Thema ACTA ab, das ja ein europäisches, also kein nur nationales Thema ist, dann sind aus meiner Sicht die meisten Netzthemen doch sehr national begrenzt, eigentlich erstaunlich. Ob Urheberrecht oder Vorratsdatenspeicherung, ob Piraten oder “Netzpolitik” (was Internet-relevante Themen bedeutet), ob befürchtete Zensur oder seinerzeit eben der “Bundes-Trojaner”, stets sind es rein national begrenzte Themen. Das Thema Transparenz, immerhin aus interationalen Kampagnen gegen Korruption bekannt und bestimmt, findet sich in den sozialen Netzwerken wiederum als rein deutsches Netzthema wieder als die Forderung nach mehr Offenheit und Verständlichkeit mit dem Ziel der Mitwirkung bei der öffentlichen, also politischen Willensbildung. Und das Thema EURO oder Energiewende, mit allem, was dran hängt, ist im Sozialen Netz nicht nur bei den Piraten ein Non-Thema.

Nun sind die Themen bei Twitter und G+ ja stets davon abhängig, welche Auswahl im Following bzw. in den Kreisen man  getroffen hat, sind also von vornherein subjektiv eingegrenzt. Aber auch bei einer durchaus breiter gestreuten Auswahl kommen etwa durch Retweets und erneutes Teilen (Weitergabe von Infos) kaum wirklich neue Themen und Meinungen ans Licht. Ich will hier nicht über die Theorie der “Filter-Blase” spekulieren, aber mir drängt sich der Eindruck auf, dass internationale Themen kaum echte Netzthemen sind. Ausnahme: Occupy, aber der Hype ist auch wieder verflogen. Und wenn das richtig ist, wäre das mehr als erstaunlich: Web-Themen verengen den Horizont und begrenzen den Tellerrand, anstatt ihn zu erweitern.

Da bin ich dann froh, zum Beispiel im Auslandsjournal (ARD) oder bei 3SAT und sogar in den Tagesthemen oder im Heute-Journal und erst recht im politischen Teil der Presse über Themen des Auslands wirklich Informationen zu erhalten und über Entwicklungen wie zum Beispiel derzeit in Tunesien und Ägypten ‘aufgeklärt’ zu werden. Das “Netz” hilft mir da wenig. Insofern ist es gut, die Wirklichkeit aus unterschiedlichen Medien und Perspektiven wahrzunehmen. Viele Welten bedeutet viele Weisen, die Welt in den Blick zu nehmen und sich auf möglichst breiter Basis eine Meinung zu bilden. Das Netz ist ein weiteres Medium dazu mit eigenen Kommunikationsweisen. Aber es ist zum Glück nicht das einzige. Die Welt wäre sonst wirklich zu eindimensional.

 14. April 2012  Veröffentlicht von am 10:01  Internet, Medien, Nachrichten, Politik, social media Tagged with: ,  2 Antworten »
Apr 062012
 
Die  Kirchen sollten ihr Glaubensangebot etwas bescheidener als ein pluralistisches Sinnangebot unter vielen darstellen. Alles andere ist Dogmatismus oder schlimmer noch: christlicher Fundamentalismus. Ob nun evangelikal oder päpstlich: darin zeigt sich nur der arroganter Herrschaftsanspruch einer vormodernen Tradition. Dem sollte gerade zu Ostern widersprochen werden.

Es ist schon merkwürdig: Alle Jahre wieder zu den sogenannten “hohen” christlichen Feiertagen machen sich die klassischen Medien Zeitung, Radio, Fernsehen zum Diener des Christenglaubens.  Da werden auf einmal in den Nachrichten Glaubensinhalte als “news” verbreitet. Der Papst wäscht 12 Priestern die Füße, “so wie es der Überlieferung nach Jesus am Gründonnerstag beim Abendmahl getan hat”. So etwa wurden in der Tagesschau Bilder aus dem Petersdom kommentiert. Entsprechendes kann man dann zum Karfreitag und bei den Nachrichten über das Osterfest hören und sehen, wo Christen (immerhin, diese Einschränkung wird heute gemacht) “die Auferstehung Jesu feiern”. Das bedeutet die Vermischung von Glaubensaussagen mit Tatsachenbehauptungen. Und dies sollte es eigentlich in religiös neutralen Medien nicht mehr geben. Es ist nur Liebedienerei vor dem Universalanspruch des christlichen Weltbildes seitens der Kirchen und ihrer Amtsträger, insbesondere des Papstes.

Religiöse Weltbilder beruhen auf Glaubensinhalten, die sich entweder dem Bereich vernünftigen Weltzugangs entziehen und / oder im Bezug auf gegebene Wirklichkeit symbolischen Charakter haben, also Deutungsmuster der Wirklichkeit liefern. Glaubensinhalte haben es aber nie mit Tatsachen zu tun, die in Raum und Zeit eindeutig als Geschehen zuzuordnen sind. Wenn Religion dies tut, für ihre Glaubensgegenstände faktische Tatsächlichkeit im Sinne allgemein vernünftiger Zugänglichkeit und Verifizierbarkeit zu behaupten, dann begeht sie eine unzulässige Grenzüberschreitung. Religiöse Menschen und Funktionäre der Kirchen mögen das als legitim und ihrer “Sache des Glaubens” gemäß ansehen, aber dagegen muss sich die säkulare, historisch aufgeklärte Vernunft entschieden wehren. Glaubensinhalte und sogenannte “Glaubenstatsachen” können keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und vernünftige Anerkenntnis erheben. Was geglaubt wird, liegt im Bereich der Religionen und ihrer Anhänger. Die tatsächlichen Dinge, die eben als solche “der Fall sind”, gehören in den Bereich der menschlichen Ratio, des vernunftgeleiteten Weltzugangs und Weltwissens.

Beide Bereiche, in Stichworten “Glauben und Wissen”, eben gewissenhaft zu trennen und keine Übergriffe zu dulden, weder von Seiten des Glaubens in den Bereich z.B. der Naturwissenschaft noch von Seiten der Wissenschaft in den Bereich geglaubter Sinngehalte, gehört zu den Errungenschaften aufgeklärten Denkens und zu den Grundlagen der Neuzeit. Religion ist in Sachen des Glaubens so frei, wie es die Wissenschaft im Bereich der Vernunfterkenntnis und tatsächlicher Weltbewältigung ist. Ein Übergriff der säkularen Vernunft gegenüber dem religiösen Glauben welcher Provenienz auch immer wäre ein zu kritisierender rationalistisch-dogmatischer Säkularismus; ein Übergriff des Glaubens auf den Bereich vernünftiger Welterkenntnis und Weltbewältigung wäre ein ebenso zu kritisierender religiös-dogmatischer Fundamentalismus. Gerade die katholische Kirche tut unter ihren letzten Päpsten alles, um diesem religiösem Dogmatismus wieder zur Vorherrschaft zu verhelfen – denn um Herrschaft geht es dabei. Dem muss entschieden entgegengetreten werden.

Ebenso muss dem immer noch und immer wieder bemühten Eindruck begegnet werden, als handle es sich bei den “Osterereignissen” der christlichen Religion um historische Tatsachen. Die historisch-kritische Erforschung der Bibel seit dem 18. Jahrhundert und ihre durchaus kritische Aneignung in der wissenschaftlichen Theologie der Neuzeit bis in unsere Tage hinein hat erbracht, dass die Schriften der Bibel eben nicht als “Tatsachenberichte”, sondern als Glaubensverkündigung gelesen sein wollen. Einigen der in den neutestatemtlichen Schriften geschilderten “Ereignisse” mag jeweils ein historischer Kern oder besser Anlass zugrunde liegen, den herauszuarbeiten durchaus schwierig und oft strittig ist. Die Glaubensgeschichte selber aber hat und braucht keinerlei Anhalt an historischer Tatsächlichkeit, bestenfalls deutet und interpretiert sie “Geschichte”, d.h. bestimmte historische Geschehnisse.

Die Vermischung von Glaubensgeschichte und historischer Tatsächlichkeit führt zu solch merkwürdigen Nachrichten-Meldungen und Kommentaren, wie wir sie immer an den christlichen Feiertagen erleben. Unerlaubte Grenzüberschreitungen sind es, die nur eine Grunderkenntnis verwischen, dass nämlich Glaubensinhalte und historische Ereignisse zwei ganz verschiedene Dinge in zwei ganz unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit sind. Es sollte inzwischen auch in den Redaktionen von Zeitungen, Radio und Fernsehen zum Allgemeinwissen gehören, dass die christliche “Passionsgeschichte” nur eine besondere Art religiöser Legende ist. Über ihren Sinn mag man trefflich streiten und sich darüber austauschen. Tatsächlichkeit zu behaupten ist Unfug. Allenfalls das reine Dass des gewaltsamen Todes eines gewissen Jeshua kann als historisch einigermaßen gesichert gelten, alles weitere ist religiöse Deutung und dogmatisches Interpretament. In Sachen “Schöpfungslehre” und Evolution ist die missbräuchliche Grenzüberschreitung und Kategorienvermischung mindestens ebenso deutlich und verhängnisvoll; dies wird durch den Trick der Rede vom “intelligent design” nur bewusst verschleiert. Aber das ist ein anderes Thema.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man sich in den öffentlichen Medien zu Ostern einer klaren begrifflichen weil sachlichen Trennung bewusst wäre. Man würde dann nicht mehr so naiv einer Historisierung von Glaubensinhalten Vorschub leisten. Denn das ist nur Volksverdummung, die leider die Kirchen im Interesse der Vorherrschaft ihres Weltbildes immer wieder betreiben.

 6. April 2012  Veröffentlicht von am 12:25  Aufklärung, Dummheit, Fundamentalismus, Geschichte, Kirchen, Nachrichten, Neuzeit, Papst, Religionskritik, Vatikan Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert
Apr 112010
 

>Es gibt nicht immer etwas zu schreiben, zu sagen, zu kommentieren. Manchmal habe ich einfach keine Lust oder keine Zeit, aber meist liegt die Schreibpause in mangelnden Nachrichten oder Sachverhalten begründet, die es mich zu kommentieren reizt. Als Blogschreiber kann ich mir ja Pausen leisten so viele ich will. Ich bedaure da die Zeitungsredakteure, die täglich vorgegebene Spalten füllen müssen, zumal bei der FAZ oder der SZ, wo man sich sogar füllender Fotos enthalten muss. Es gibt einfach oft nichts wirklich Neues. Klar, die eine oder andere Katastrophe passiert immer, aber wirklich berühren tun uns doch nur die echt großen und schrecklichen. Ein kleiner Brand, ein Unfall am Bahnübergang, – selbst in der Lokalredaktion nur noch wenige Zeilen wert. Dann gibt doch wenigstens die Politik etwas her? O, weit gefehlt, denn dort geschieht eigentlich am wenigsten. In der Innenpolitik unseres Landes herrscht weitgehend Stillstand, bestimmt bis zum 9. Mai (NRW-Wahl), aber man darf befürchten: auch darüber hinaus. Außenpolitisch bewegt sich zwar immer etwas, aber real doch nur im Schneckentempo, von wenigen dichten Zeiten und bedeutenden Ereignissen einmal abgesehen, die auch nicht gerade häufig sind, wahrscheinlich zum Glück nicht. Dennoch sind täglich die Zeitungen voller Meldungen und Meinungen über hoch Politisches, doch wenn man näher hinschaut, sind es nur die sich selbst bewegenden Spielchen von Politikern, die irgendetwas ‘absondern’, und Journalisten, die daraus immer wieder eine Meldung fabrizieren. Dahinter steckt fast nie mehr als heiße Luft – ach, was schreibe ich, wenn es doch wenigsten heiße Luft wäre, aber es ist meist einfach nur Luft, Leere, bedeutungsloses Geschwätz. Eigentlich geschieht auch in der Welt erschreckend wenig Neues und Wichtiges (oder soll man auch hier sagen: zum Glück nicht, weil das Meiste doch nur Katastrophen wären?), und das angesichts nun wahrlich reichlich vorhandener Probleme und Krisen. Aber sobald eine ‘heiße Phase’ vorüber ist, geht alles wieder seinen gewohnten Gang: der Betrüger betrügt, der Vergewaltiger übt Gewalt, der Krieger schießt, der Banker spekuliert, der Reiche rafft, der Politiker denkt an sich selbst, Otto Normalverbraucher schlängelt sich mit seinen Tricks und (Selbst-) Täuschungen durch so gut er kann – wer will es ihm verdenken. Also alles stinknormal.

Vielleicht ist es wirklich gut so, denn andauernde Dramen erträgt man nicht, jedenfalls nicht lange. Leere Zeitungsseiten, nicht nur bei Streiks, und eine auf sagen wir 8 Minuten verkürzte Tagesschau wären doch wirklich einmal ein positives Zeichen: Es ist nichts passiert, wir leben noch, alles wird gut, Gott sei Dank!

 11. April 2010  Veröffentlicht von am 06:43  Nachrichten, Null, Politik Kommentare deaktiviert
Jun 192009
 

>Zwei Monate Pause von Politik und News – ich habe gar nicht geahnt, wie gut das tut. Wenn man in fernen Weltgegenden unterwegs ist, rückt natürlich anderes in den Mittelpunkt des Interesses als “die Politik”. Gelegentliche Blicke ins örtliche TV hielten mich über wirklich große Ereignisse des Weltgeschehens auf dem Laufenden, aber das waren nicht viele, eigentlich nur die Berichte über die “swine flu” und über die nordkoreanischen Atom- und Raketen – Provokationen. Der Rest war jeweilige Innenpolitik, in Australien etwa die Frage des Zusammengehens des Minenkonzerns BHP Billiton mit dem Erzkonkurrenten Rio Tinto zur Abwehr eines Einstiegs des chinesischen Staatsfonds. In den USA waren es andere innenpolitische Themen, etwa die Frage der Einführung einer verpflichtenden Krankenversicherung. Zum Ende des Auslandsaufenthalts schaute ich dann wieder öfter auf die Webseiten von n-tv.de – und fand dasselbe Spektakel wie 8 Wochen vorher: innenpolitisches Gezänk und Fingerhakeln, absolut irrelevante, aber offenbar aus unerfindlichen Gründen berichtenswerte Äußerungen irgendwelcher Politiker (Westerwelle …), Streit um so wesentliche Dinge wie die Steuerhöhe des Biosprits oder die Dummheit der Bürger, die angesichts der niedrigen EU-Wahlbeteiligung “leider” die Wichtigkeit von Europa noch immer nicht verstanden hätten (wie “dumm” wird dann erst der Bürger bei der Bundestagswahl im September sein?), und derlei mehr.

Meine erste Reaktion war: Du bestellst die Tageszeitung ab und verzichtest ab sofort auf die Fernsehnachrichten. Ein Blick auf die Schlagzeilen im Internet reicht in aller Regel. Nun, nach ein paar Tagen packt einen dann doch das heimatliche Klein-Klein wieder und man weiß: Man ist tatsächlich wieder zu Hause angekommen. Allerdings bleibt bei mir die Erfahrung und das Gefühl, wie unwesentlich die meisten politischen News sind, zumal innenpolitische, und dass es gut tut, mal ein paar Tage lang keine aktuellen Nachrichten zu hören und zu lesen. Man versäumt rein gar nichts. Das werde ich beibehalten. Wenn ich die heutige Top-Meldung (!) lese, werde ich darin sehr bestärkt.
Die Tageszeitung habe ich tatsächlich abbestellt – online reicht.
 19. Juni 2009  Veröffentlicht von am 07:08  Nachrichten, News, Politik Kommentare deaktiviert