Dez 152011
 

Zwischen Utopie und Realismus

Im Netz ist immer was los. Insofern kann zum Beispiel  Twitter auch als ein sehr abwechslungsreiches Unterhaltungsmedium angesehen werden. Blogs künden in nahezu unbegrenzter Zahl nicht nur von persönlichen Befindlichkeiten (Privates ist zu Facebook abgewandert), sondern sie offenbaren einen Begeisterung für neue Ideen, eigene Meinungen, Provokationen und setzen die Papier-Traditionen von Flugblatt, Pamphlet, Leserbrief und Pinwand fort. Manche Blogs entwickeln sich zu umfassenden Foren, die es mit den ‘alten’ Zeitungsmedien aufnehmen können. Nur sind sie meist thematisch eingegrenzt, was den Nutzen durchaus erhöht. In Netzforen, nicht nur der Piraten, wird heftig diskutiert und gestritten, sogar in einem sozialen Medium wie Google+ findet allerlei Diskussion statt um Politik, Graswurzeln und Netzkultur. Manche Zukunftssaussicht klingt geradezu euphorisch: Demokratie? Ha, damit fangen wir erst richtig an!

Der Einzug der Piraten in das Berliner Abgeordnetenhaus hat tatsächlich in der Öffentlichkeit etwas bewegt, vielleicht sogar ein wenig verändert. Die Wahrnehmung der Netzthemen hat sich geändert, damit verbunden das überraschte Aufmerken, dass da meist junge Menschen Visionen und Utopien demokratischer Beteiligung und programmatischer Offenheit vertreten, die man mit dem Bild von bleichgesichtigen Technik-Freaks gar nicht in Verbindung gebracht hätte. À la bonheur, da hat eine kleine Gruppe in unserer Gesellschaft einen unüberhörbaren Paukenschlag gesetzt.

Viele klinken sich nun auf einmal in diesen chicen Stream ein, der plötzlich zum neuen mainstream zu werden scheint. Von Netzpolitik ist die Rede, gerade auch bei den traditionellen Parteien, von einem neuen Achtgeben auf die Trends der Netzkultur, zumindest eine Zeit lang meldeten sich Politiker und andere Vielredner zu Worte, ihre Affinität zu diesem Thema zu bekunden. Manche wie Altmaier zeigten sich geradezu wendehalsmäßig lernfähig. Schön. Inzwischen ist der erste Hype verklungen, und auch der Parteitag der Piraten hat die öffentliche Aufmerksamkeit nur wenige Tage erregt. Bedingungsloses Grundeinkommen? Trennung von Staat und Kirche? Irgendwie auch für Europa sein? Na schön und gut. Nix Konkretes also. Wenden wir uns lieber dem Kauf eines neuen Autos zu…

Es wird noch viel Zeit und Mühe kosten, das Thema “Netz + Chancen + Wirkungen” ich sag mal zu popularisieren und in realistische Formen zu gießen. Bisher ist es doch eine arg kleine, wenngleich selbstbewusste Gruppe, die ich “Netzelite” nennen möchte. Zum Teil treten engagierte Netzaktivisten aller Couleur (traditionelle, linksprogressive u.a.m.)  durchaus mit diesem Anspruch auf (“wir wissen und praktizieren, was andere erst noch lernen und sich aneignen müssen.”) Da spürt man ein gewisses Sendungsbewusstsein, das sich im Zirkel der eigenen Kommunikation verstärkt. Zum großen Teil ist dies schlicht eine Selbstüberschätzung und eine Verkennung der Realität. Der Bundesparteitag der Piraten war eben nicht der Nabel der Welt. Wichtige Themen wie Währung und Wirtschaft kamen da gar nicht erst vor. Ob mein Geld einigermaßen sicher ist, das bewegt mich heute aber schon und den Rest der Republik…

Andererseits braucht eine Gesellschaft Vordenker, Aktivisten, eine Avantgarde oder, wie ich es nenne, eine Elite, die sich die enormen Möglichkeiten und Chancen der Netzkultur und politischen Mitgestaltung im und durchs Netz bewusst ist. Warum soll nur die Industrie solche Chancen nutzen und dann ‘verwerten’? Der gesellschaftliche Mehrwert geht nicht auf in neuen Produkten. Wir haben dieses Vorausdenken und Antreiben nötig, um als Gesellschaft nicht zu stagnieren. Vor wenigen Jahren ging von den USA das mitleidige Wort vom “alten Europa” aus. Am Ende, hieß das, verkalkt, verknöchert. Und das sogar nur, weil sich Eoropa weigerte, blindlings amerikanischem Größenwahn von Machtpolitik zu folgen. Nun, die Schreihälse von damals sind auch stiller geworden.

Es ist unsere große Chance, durch die derzeitigen Wirtschafts- und Vertrauenskrise hindurch zu einem neuen Selbstverständnis als Bürger in einer sich rasch wandelnden  Zivilgesellschaft und in einem Kulturraum zu werden, dessen Potential vielleicht erst durch die neuen Kommunikations- und Beteiligungsmöglichkeiten neu zur Entfaltung kommen kann. Ich glaube sogar, das wir hier in Deutschland und Europa dafür besser vorbereitet und gerüstet sind als anderswo. Ein nachdrückliches Bewusstsein dafür, was uns wichtig und etwas wert ist (Beispiel: saubere, wenn auch teure Energieversorgung!), eine konsequente, wertorientierte Politik in Europa (und dafür steht für mich auch bei aller Einzelkritik Kanzlerin Merkel) und ein mutiges und waches Austesten neuer Möglichkeiten (zum Beispiel die Wahl eines grünen – nun ja, auch konservativen – Ministerpräsidenten) und sogar die interessierte Aufnahme und Einladung (Talkshows!) einer Netzelite, die zur Avangarde neuer Beteiligungsmodelle werden kann, – all dies zusammen macht mich sehr zuversichtlich und interessiert im Blick auf die Zukunft.

Zwischen Utopie und Realismus – das ist gar nicht einmal die schlechteste Position…

 15. Dezember 2011  Posted by at 10:44 Gesellschaft, Netzkultur Tagged with: ,

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