Reinhart Gruhn

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Jun 152019
 

„Journalismus“ in alten und neuen Medien

Wer ist eigentlich ein Journalist? Der Begriff ist als Berufsbezeichnung nicht geschützt, verrät Wikipedia. Insofern kann sich jeder, der sich dafür hält, selbst so bezeichnen. Ein hauptberuflicher Journalist sollte mindestens 50 % seines Einkommens aus journalistischer Tätigkeit bestreiten. Es ist weitgehend ein Ausbildungsberuf geworden. Ein Studium und / oder eine Journalistenschule sind meist Vorraussetzung, dazu kommt ein mehrjähriges Volontariat bei Rundfunk oder Presse.

Wenn wir öffentlich über „die Journalisten“ sprechen, meinen wir genau diesen professionellen Angestellten oder freien Mitarbeiter eines Zeitungsverlages oder eines Rundfunksenders. Seine Arbeit unterliegt dem rechtlichen und beruflichen Rahmen, wie er jeweils in einer Redaktion (Redaktionsstatut) oder im Rundfunk (Rundfunkrat) gegeben ist. Dazu kommen arbeitsrechtliche Regelungen, die Einordnung in ein Team, die Abhängigkeit von der jeweiligen Chefredaktion und so weiter. Innerhalb der Presse- und Meinungsfreiheit (der Unterschied sei hier nicht näher erklärt) sorgen Richtlinien und Vereinbarungen dafür, dass in einer Redaktion eine bestimmte „Richtung und Linie“ einer Zeitung zum Ausdruck kommt. Bei Radio- und Fernsehanstalten ist der Pluralismus der dargestellten Meinungen ein wichtiges Kriterium.

Natürlich ist gerade auch das Berufsbild des Journalisten durch Internet und digitale Medien stark im Wandel. Auch dies wäre eigens zu beleuchten. Ich möchte den Fokus hier darauf legen, inwiefern Twitter- oder Blogbeiträge sowie YouTube – Videos als journalistisch zu bewerten sind. Das Rezo-Video gibt den Anlass. Klar ist einerseits: Nicht jede öffentliche Äußerung einer Privatperson, wo auch immer, ist schon eine journalistische Arbeit. Auch persönliche Recherche oder bedeutende Reichweite (Likes) sind für sich genommen noch kein besonderer Ausweis einer journalistischen Tätigkeit. Es kommt wesentlich das Selbstverständnis und Ziel und Zweck der eigenen „journalistischen“ Tätigkeit hinzu.

Das Selbstverständnis von Journalisten aus England und Amerika unterscheidet sich von demjenigen ihrer Kollegen auf dem europäischen Kontinent. Klischeehafte Ansichten wie „All The News That’s Fit To Print“ oder „Tell it like it is“ kennzeichnen die angelsächsische Sicht der Dinge. Eine diametral entgegengesetzte Auffassung bringt Tissy Bruns im Vorwort zu einer neueren Untersuchung von Weichert und Zabel auf den Punkt: „Journalisten wollen und sollen die Welt erklären“. Die unterschiedlichen Einstellungen zur Rolle und Aufgabe des Berufsstandes bleiben laut Elisabeth Noelle-Neumann nicht ohne Einfluss auf die Wirkungsabsichten der zwei Journalistengruppen: „In verschiedenen Untersuchungen zeigte sich bei deutschen Journalisten eine Dominanz der eher aktiven und teilnehmenden Rolle mit dem Ziel, den gesellschaftlichen und politischen Prozess selbst zu beeinflussen, während in angelsächsischen Ländern die Rolle des Informationsvermittlers an oberster Stelle der Wertehierarchie steht“. Renate Köcher spricht von „Anspruch auf geistige Führung“ (deutsche Journalisten) und „skrupellose[r] Recherchebegeisterung“ (britische Journalisten).

Wikipedia

Auch die reine Nachrichtenauswahl („das, was ist“) beruht schon auf einem vorgängigen Werturteil, was denn als berichtenswerte Nachricht gelten soll. Erst recht ist die erklärende oder steuernde Aufgabe des Journalisten von politischen und gesellschaftlichen Wertvorstellen geprägt, die den eigenen Kopf sortieren. Im Unterschied zum Werbetreibenden verfolgt ein Journalist also nicht in erster Linie Verkaufsinteressen. Aber er blubbert auch nicht einfach in die Welt hinaus, was ihm gerade so einfällt. Es muss redaktionell verantwortet sein und in den Rahmen des jeweiligen Presseorgans bzw. Rundfunksenders passen. Die Meinungsfreiheit ist sehr weit gefasst, und die gilt auch für einen angestellten Journalisten. Allerdings ist er dazu verpflichtet, eingehend zu recherchieren und genau zu belegen, was er behauptet und schreibt / sagt. Im Zweifelsfall wird ein Journalist, der als Lügner oder Schreiber erfundener Geschichten entlarvt wird, schnell seinen Job verlieren, siehe den Fall Claas Relotius.

Copyright @ Shutterstock/ easy camera

All diese letzten Punkte treffen in der Regel weder auf Twitterer noch auf Blogger oder YouTuber zu. Die Meinungsäußerungen, Stellungnahmen, Einfälle, Geistesblitze, Hasstiraden und was auch immer sind hier überwiegend Äußerungen von Einzelnen, Privatpersonen, auch wenn sie professionell gestaltet und von einem Team dahinter verantwortet werden. Soziale Medien sind eben keine Presse, kein Fernsehen, kein Rundfunk. Es sind öffentliche Meinungsäußerungen, die nicht einem klaren Sender – Empfängermodell unterliegen, denn jeder kann dort ganz praktisch und leicht „Sender“ und zugleich „Empfänger“ sein. Das ist grundlegend neu. Die „Verlegerpresse“ oder der Öffentlich-rechtliche Rundfunk haben kein Monopol mehr auf die medial verbreitete öffentliche Meinung. Das ist das entscheidend „Soziale“ an den Sozialen Medien. Insofern muss man entweder den Journalismus – Begriff dramatisch erweitern, was ich für verfehlt halte, oder, besser, ihn klar eingrenzen auf den professionellen, redaktionell verantworteten Journalismus der Pressehäuser und Rundfunkanstalten.

Das, was ein Thilo Jung oder Rezo und andere auf YouTube tun, kann man für wertvoll, neuartig, locker und cool halten – oder es verdammen – , aber es ist in dieser Form kein Journalismus im eben erklärten Sinn. Wir werden einen neuen Begriff dafür finden müssen, denn auch „Influencer“ trifft nicht die politischen Absichten, die in manchen Videos transportiert werden. Warum nicht dabei bleiben, was es an Vielfalt in den neuen Medien zu sehen, zu hören und zu liken und zu kommentieren gibt: Es sind Twitterer, Blogger oder YouTuber halt! Wenn sie wirkungsvoll sind – umso besser. Denn es ist ein Stück Demokratisierung der Medien. Und das finde ich gut und für eine mündige Zivilgesellschaft eine echte Bereicherung – trotz aller Hasstiraden und Junk – Inhalte, die es da eben auch gibt.

Reinhart Gruhn

 15. Juni 2019  Posted by at 13:40 Medien, social media, WWW Tagged with: , , , ,  No Responses »
Mai 032019
 

Die größten Gefährder sitzen in Regierungen

Demokratie ist ganz einfach: One man – one vote. Das bedeutet zunächst, dass jeder Mensch unabhängig von jeder anderen Bedingung als dem jeweiligen Bürgerrecht (Staatsbürgerschaft) wählen gehen kann. Auch ein bestimmter Bildungsnachweis zum Beispiel Lesefähigkeit (Alphabetisierung) darf nach demokratischen Prinzipien keine Voraussetzung für das Wahlrecht sein. Das ist auch gut so. Nur die Verfassung kontrolliert den Zugang zum Recht der freien geheimen Wahl.

Aber natürlich ist es ebenso gut und richtig, dass eine funktionierende Demokratie auf die Mündigkeit ihrer Bürger baut. Mündigkeit heißt in diesem Fall: Informationen sammeln, sich ein Urteil bilden und so zu einer eigenen Meinung kommen. In öffentlichen Diskussionen nimmt man am Meinungsbildungsprozess teil, in Wahlen wirkt man am Willensbildungsprozess mit. Wenn Demokratie mehr sein soll als ein formaler Akt der Stimmabgabe, dann gehört Information und Urteilsbildung, eben Mündigkeit zu den Grundlagen einer funktionierenden Demokratie.

Medien, früher bevorzugt die Presse, tragen entscheidend zur Information und zum Meinungsbildungsprozess bei. Informationen sind nie neutral, so sehr man sich auch bemühen mag („überparteilich“), darum ist es nötig, in einer pluralistischen Gesellschaft unterschiedliche Meinungen zu äußern und ihre Begründungen und Argumente zu hören, um sich selber ein Urteil zu bilden. Regierungen dürfen zwar ihre Politik darstellen und in eigenen Pressebüros bewerten, aber jeder weiß dann: Das ist halt die Regierungsmeinung. Man kann anderer Meinung sein und sich sein eigenes Urteil bilden. Informationsfreiheit ist die Voraussetzung für Meinungsfreiheit, und die hält eine pluralistische Demokratie am Leben.

bundestag
Deutscher Bundestag (c) bpb

Die große Gefährdung heute besteht darin, dass Regierungen die eigene Regierungsmeinung als allein gültig erklären, indem sie die Pressefreiheit beschränken oder durch Staatsorgane (auch durch gekaufte Presse und Medien) ersetzen. Das kennt man aus Diktaturen und autoritären Staaten: die Pressefreiheit stirbt beim Übergang zur Autokratie und Diktatur zuerst. Die größte Angst autoritärer Herrscher und Regime ist darum die vor einer freien Presse, vor freier Meinung. China gibt ein negatives Beispiel dafür ab, wie freie Berichterstattung und Meinungsbildung staatlich kontrolliert, zensiert und verhindert wird.

Es geht auch subtiler, und das ist die eigentlich Gefahr für westliche Demokratien. Nämlich dadurch, dass Presse und Medien nicht verboten, sondern verunglimpft werden, wenn überhaupt systematisch Unsicherheit verbreitet wird über das, was es zu einem Thema an gesicherten Informationen gibt. Das Ziel des Trump – Schlagwortes fake news ist Verunsicherung. Das Ziel russischer Propaganda in Russia Today und in Internet-Foren ist gleichfalls Verunsicherung. Nichts ist mehr als Fakt sicher, alles gilt als gefälscht, verdreht, als bewusste Täuschung und Verheimlichung der ‚wirklichen Wahrheit‘ dahinter. Die vertritt dann nur die eigene Partei und Regierung. Eine freie Urteilsbildung ist nicht mehr möglich.

Es ist geradezu infam, auf welche Weise die US-Regierung unter Präsident Trump diese Masche als Strategie verfolgt. Infam deswegen, weil man es bisher einer westlichen Demokratie so nicht zugetraut hätte. Klimawandel ist nicht sicher, auch dass er von Menschen verursacht wird, ist nur eine Meinung, eine These wilder Wissenschaftler, die von anderen Wissenschaftlern bestritten wird. Insbesondere wird die Meinung gegenüber der seriösen Wissenschaft bewusst erschüttert und systematisch untergraben: Es könnte ja auch alles ganz anders sein.

Zum Klimawandel: Im Oktober hatte er [Trump] in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP behauptet: „Niemand weiß es so richtig, es gibt auf beiden Seiten des Problems Wissenschaftler. Und ich stimme zu, das Klima verändert sich, aber es geht hin und her, hin und er. Also, wir werden sehen.“ FAZ.NET heute.

Populisten meist rechter Couleur verfolgen dasselbe Rezept: Verunsicherung über „Tatsachen“, Streuen von Verschwörungstheorien, Schüren von Angst, Misstrauen und Hass. Durch ständige Angriffe auf die freien Medien die Grenzen des Sagbaren erweitern. Das wirkt. Es sind weniger ein paar hundert rechtsradikale Krawallmacher, die unsere Demokratie herausfordern und gefährden: Es sind die ebenso radikalen rechten Parteien und Regierungen, die das Vertrauen in die überlieferten Werte der Aufklärung unterminieren und beiseite räumen. Für Autokraten wie Orban, Erdogan, den Saudis usw. ein gefundenes Fressen. Macht es wie Trump, und erfindet eure eigenen Wahrheiten, macht eure eigenen Fakten, lanciert die eigene Meinung, verunsichert die Wähler mit eurer Desinformation und bietet euch an als die Retter in der Not – so werdet ihr Erfolg haben! Bolsonaro in Brasilien hat das offenbar tief verinnerlicht.

Die Europawahlen stehen vor der Tür. Mal sehen, wie stark die rechten Populisten, Wortverdreher, Faktenleugner und Verschwörungsanhänger auch im Europäischen Parlament werden. Es liegt an uns, sehr sehr wachsam zu sein und auch den Polarsierern auf der anderen Seite nicht auf den Leim zu gehen. Selbstvertrauen, Mut zur Mündigkeit und eigenen Urteilsfähigkeit, Stärkung und Verteidigung der freien und pluralistischen Medien (siehe FPÖ und ihr Kampf gegen den ORF) – das brauchen wir jetzt am allernötigsten!

Reinhart Gruhn

(Zuletzt aktualisiert am 04.05.2019)

 3. Mai 2019  Posted by at 11:56 Allgemein, Demokratie, Gesellschaft, Politik Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Demokratie in Gefahr
Apr 262019
 

Die Krise der globalen Herausforderungen und das Ende des Petrozän.

Es wird vielfach behauptet, die Polarisierung nehme rasant zu in unserer Gesellschaft. Wenn man näher in der eigenen Umgebung hinschaut, kann man davon gewiss manches entdecken, aber längst nicht in dem Ausmaß, wie es die anstehenden Probleme der Veränderung in der Welt vermuten ließen. Man darf sich dabei nicht vom Bild der social media Plattformen täuschen lassen, sie spiegeln mitnichten die alltägliche Wirklichkeit. Nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung tummelt sich regelmäßig auf den Internet – Marktplätzen der polarisierten Meinungen. Die meisten Menschen nutzen Facebook und Whatsapp rein privat in der Familie und im Freundeskreis. Die trotz allem noch zu vielen Schreihälse und Selbstdarsteller, Hetzer und Pöbler samt den bots und fake accounts vergiften das Klima in diesen öffentlichen Medien und verzerren die Wahrnehmung. Gewiss, es gibt weit mehr Leser bei Twitter bzw. Zuschauer bei Youtube als Schreiber und Produzenten, aber das genügt offenbar, um den Eindruck einer hasserfüllten, intoleranten und fake news konsumierenden Öffentlichkeit zu erwecken. Wann wird man mit so etwas im Alltag, also IRL (in real life), konfrontiert? Zum Glück bisher selten und ausnahmsweise. Dagegen gibt es eher zu wenig von einer breiten und transparenten, von einer engagierten und um die Zukunftsfragen streitenden öffentlichen Diskussion.

Es gibt Rücksichtslosigkeit, das fällt bisweilen auf, – ob rücksichtsloses Verhalten tatsächlich häufiger wird oder Aggressivität zunimmt, kann ich nicht beurteilen. Die Statistiken (Kriminalität) sprechen eher dagegen. Es gibt drastisch unangemessenes Verhalten, das dann sogleich medial verbreitet und potenziert wird. Selbst auf den Straßen im dichtesten Verkehr geht es eigentlich überwiegend friedlich und angepasst zu – die wenigen Ausreißer fallen dann umso mehr auf. Vielleicht ist es aber auch nur der Fatalismus, dass im Stau ohnehin nichts gegen den Stau hilft. Auf kleinerem Raum allerdings, in den Städten, in Fußgängerzonen und auf Plätzen ist das rücksichtslose Gegeneinander der verschiedenen Verkehrsteilnehmer oft auffallend und unangenehm. Man rückt sich zu nah und bedrohlich auf die Pelle und beschimpft sich, statt sich ruhig und tolerant zu verhalten im öffentlichen Miteinander.

Denn eines fällt tatsächlich auf: Wir werden mehr. In den ohnehin schon bevölkerungsreichen Ballungsgebieten nimmt das Wachstum der Bevölkerung weiter zu. Es gibt zwar auch bei uns Regionen, die dünn besiedelt sind und unter Auszehrung und Bevölkerungsschwund leiden, aber das sind nur wenige Gebiete. Im Allgemeinen sind auch die naturnahen Regionen von der Freizeitindustrie beherrscht und an schönen Wochenenden und in den Schulferien überlaufen. Man muss schon ziemlich suchen und genau hinschauen, um Einsamkeit und wirkliche Ruhe in einer natürlichen Landschaft zu finden. In Westeuropa gelingt das immer seltener.

Aber selbst wenn es zwar etwas weiterer Wege und Vorbereitung bedarf – es gibt sie noch, abseits liegende Orte und Gegenden, in die man sich ziemlich alleine und auf sich gestellt zurückziehen kann, wenn man es denn aushält. Die Stadt als solche ist es, die weltweit Menschen massenhaft anzieht mit Hoffnungen auf Arbeit und Auskommen. Andere zieht die Abwechslungsmöglichkeit, die Wahl so vieler verschiedener Lebensmöglichkeiten, das Angebot unglaublich vielfältiger Freizeit- und Kulturmöglichkeiten in den großen Städten an. Stadtluft verspricht Lebendigkeit, Aufmerksamkeit, Abwechslung und Zerstreuung. Die großen Städte bieten zudem Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten in Fülle an, das Angebot von Wohnungen kommt der Nachfrage bekanntlich nicht hinterher. So viele Menschen aus unterschiedlichsten Herkünften, Kulturen, Schicksalen, mit ebenso unterschiedlichen Hoffnungen, Aussichten und Möglichkeiten treffen aufeinander. Da kreuzen die regulären und rechtmäßigen Wege „nach oben“ ebenso viele unrechtmäßige, vielfach kriminelle Wege zu persönlichem Vorteil, zu Macht und Reichtum. Gentrifizierung und kriminelle Clans sind letztlich zwei Seiten einer Medaille: der Stadt mit ihren vielfältigen, widersprüchlichen Möglichkeiten.

Die Verstädterung ist ein weltweites Phänomen. Metropolen mit mehreren Millionen Einwohnern nehmen rasant zu und wachsen weiter überall auf dem Globus. Die Versorgung dieser vielen Menschen mit Wohnung, Nahrung und Energie wird ein zunehmendes Problem. Wasser wird zum kostbaren Gut, sauberes Trinkwasser erst recht. Es ist nicht nur der Klimawandel, der in vielen Regionen für Wassermangel sorgt. In den Megastädten, gewissermaßen den Regionen der typischen Lebensweise und Lebensverhältnisse der Zukunft, prallen die Interessen, Konflikte und Meinungen aufeinander. Es ist der harte Kampf ums Überleben, der an erster Stelle steht, um Zukunft, Chancen und Lebensmöglichkeiten für sich und seine Kinder. In der Schweiz gabe es vor einigen Jahren im Rahmen der „Ausschaffungs-Initiative“ das Schlagwort „Dichtestress“. Da ist etwas dran, und zwar vor allem in den übervölkerten Metropolregionen weltweit. Wenn dieser Globus in 30 Jahren, also einer Generation, mehr als 10 Milliarden Menschen beherbergen wird, dann wird sich etwas verändert haben, und zwar massiv. Da dürften unsere jetzigen Dissense und Dissonanzen nur ein kleiner Vorgeschmack sein. Konsens ist bekanntlich nur dann möglich, wenn man bei Auseinandersetzungen und Streit aufeinander hört und den anderen zu verstehen sucht, Maximalpositionen aufgibt, um einen Kompromiss zu finden, der beiden Seiten etwas Recht gibt und Zusammenleben weiterhin möglich macht. Wo es allerdings zu eng wird, verliert der Kompromiss an Attraktivität: Vielleicht nimmt mir der Kontrahent gerade die einzige Lebensmöglichkeit, die ich sehe. Dann wird ein fairer, beiden entgegenkommender Kompromiss nicht mehr möglich sein, – Intoleranz und Gewalt (Faustrecht) drängen sich dann als „Lösung“ auf.

Solarkraftwerk Marokko
Solarkraftwerk in Marokko (c) Paris Match 2015

Auf drei Ebenen sehe ich zunehmend Konflikte sich verschärfen, Ressourcen verknappen und Bereitschaft zu Kompromissen schwinden: beim kaum mehr zu verhindernden Klimawandel, durch das ungebremste Bevölkerungswachstum und bezüglich der sozialen Disparitäten, die Chancen für alle verhindern.

Klimawandel *) : Das Klima als hyperkomplexes System ist ausgesprochen träge, es kann sozusagen viel wegstecken. Aber dann, wenn eine bestimmte Schwelle überschritten wird und verstärkende Faktoren mehr Gewicht bekommen haben und zusammenwirkende Ursachen zunehmen, kann man aus menschlicher Sicht nur noch wenig tun, um diese Entwicklung zu stoppen. Es ist schon sehr viel gewonnen, wenn man die beschleunigenden Faktoren (zum Beispiel CO2- und Methan-Ausstoß) verringert, um die weitere Beschleunigung des Temperaturanstiegs zu verhindern. Das 2° – Ziel wird sich kaum mehr erreichen lassen – umso wichtiger wird es, den Anstieg so früh und nachhaltig wie möglich zu begrenzen. Außerdem sollten mindestens ebenso viele Mittel auf die Bekämpfung der Folgen der Klimaerwärmung (Dürren, Unwetter, Meeresspiegelanstieg) verwandt werden wie auf die Bekämpfung des Temperaturanstiegs als solchen.

Bevölkerungswachstum: Ich finde es erstaunlich, wie wenig dies ein öffentliches Thema ist. In regelmäßigen Abständen werden Prognosen über die Zunahme der Weltbevölkerung veröffentlicht, aber es scheint eigentlich niemanden zu kümmern, – allenfalls dass man in Europa wegen wahrscheinlicher Überalterung (Bevölkerungsschwund) an politischer und ökonomischer Bedeutung verliert. Dabei dürfte die Begrenzung des Bevölkerungswachstums eine künftige Herausforderung ersten Ranges sein. Wie das überhaupt einigermaßen konfliktarm gelingen können soll, ist mir schleierhaft. Man kann aber auch zynisch auf „Selbstregulation“ setzen: Kriege, Krankheit, Seuchen. Dies ist aber keine humane und verantwortungsvolle Option. Es wird Zeit, dies zum Thema zu machen.

Intoleranz / Verteilungsgerechtigkeit: Soll sich der Kampf aller gegen alle nicht als letztes (Macht-) Mittel erweisen, was bedeuten würde, dass die Mächtigen alleine die Lebensoptionen diktieren (man könnte einschränken: noch mehr als jetzt schon), dann sind Toleranz und Kompromiss die einzigen Möglichkeiten, zivilisiert um Wege und Lösungen zu ringen. Dafür ist ein offener Meinungsaustausch, ein diskursiver Streit um die geeignetsten Mittel und erreichbaren Ziele die unabdingbare Voraussetzung. Um die Überlebensfragen Klimawandel, Bevölkerungswachstum, soziale Drift (in immer weniger Händen / Konzernen sammelt sich der Reichtum der Welt) überhaupt zukunfts- und konsensorientiert angehen zu können, ist ein hohes Maß an Engagement, an Wissen, an Einfühlungsvermögen und dann auch konzentrierte Durchsetzungskraft vonnöten. Wir brauchen also einen gesellschaftlichen Diskurs, eine öffentliche Diskussion, eine Einladung zu kontinuierlichen Werkstattgesprächen zwischen Politikern und gesellschaftlichen Akteuren auf der einen und der interessierten Bevölkerung auf der anderen Seite – nicht nur in Zeiten des Wahlkampfes wie jetzt vor der Europawahl, sondern strategisch im Blick auf die Zukunftsfragen unserer Gesellschaft. Globalisierung und Digitalisierung stellen die Rahmenbedingungen dar, um die drei Mega-Herausforderungen Klima, Bevölkerungswachstum und globale Verteilungsgerechtigkeit konsensual zu bewältigen.

Der heute von manchen eingeschlagene Weg in Nationalismus und Identitätsbehauptung ist als Reaktion auf die beschriebenen Probleme zwar teilweise nachvollziehbar, aber nichtsdestoweniger grundfalsch. Nicht die Isolierung und Selbstbeschränkung einzelner getrennter Gruppen kann die Lösung sein, sondern nur verstärkte Solidarität und entschlossenes Zusammenwirken. Das gilt im Kleinen, also auf örtlicher Ebene, genauso wie auf nationaler und erst recht auf internationaler Ebene. Die Konflikte durch weltweite Interessenkollisionen (Migration) und globale Machtverschiebungen (China) werden ohnehin zunehmen. Auf Gremien und Institutionen der internationalen Zusammenarbeit können wir dabei noch weniger verzichten als je zuvor. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als darum, einen Weltkrieg, einen globalen Weltenbrand zu verhindern: den Krieg um die letzten entscheidenden Ressourcen, um die ultimative Macht – und ums nackte Überleben. Der mögliche Schrecken solcher Dystopien sollte uns die Kraft und den Mut verleihen, die „Utopie“ einer friedlichen Menschenwelt in Freiheit für alle mit Leben zu erfüllen und zu teilen. Dazu kann man ruhig einmal auf die Straße gehen.

Aber dazu braucht es mehr als ein oder zwei gute Beschlüsse hochkarätiger internationaler Konferenzen – es braucht ein behutsames, aber entschiedenes Umsteuern in der gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik – national und international. Nicht mit ein paar Demonstrationen an einem Wochentag, sondern mit einer großen gesellschaftlichen Anstrengung, mit einem argumentativen Mitnehmen des Großteils der Bevölkerung, mit der Absicherung von bestehenden und der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen, mit dem Mut zum Aufbruch und zu Innovationen, zur Technik 5.0 und Bildung 5.0 – vereint mit der Pflege der Natur und der Bewahrung der Ressourcen dieser Erde für alle können wir den Wandel in eine neue Zeit schaffen. Das Petrozän hat ausgedient.

Reinhart Gruhn

Update 29.04.2019: Dieser beiden Texte ergänzen das Thema:
„Warum ich trotz allem für Europa bin“ von dem Schweizer Regisseur Milo Rau. Und „Fleisch ist viel zu billig, sagt der Klimaforscher Johan Rockström.

Update 03.05.2019 Der rasante Artenschwund, das Verschwinden der Artenvielfalt ist ein Aspekt, der neben dem Klimawandel gesondert berücksichtigt werden muss. Artenschwund und Klimawandel gehören zusammen, weil sie beides miteinander verzahnte Auswirkungen unserer dystopischen Lebensweise sind: lDas Mammutwerk zum Massensterben


 26. April 2019  Posted by at 18:26 Europa, Frieden, Gerechtigkeit, Macht, Politik, Zukunft Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Utopie statt Dystopie
Apr 032019
 

Ungleichheit wird zunehmend als ungerecht empfunden.

Wirtschaftliche Ungleichheit in einer freiheitlichen, offenen Gesellschaft ist normal, sogar in gewissem Umfang erwünscht. Darin liegt unter anderem der Ansporn, vorwärts zu streben und seine Stellung innerhalb von Beruf und Gesellschaft zu verbessern, sein Einkommen zu steigern und für sich und seine Nachkommen größere Chancen zu nutzen. Dies Konzept stößt sich mit der naturrechtlichen Gleichheit aller Menschen. Insbesondere die Aufklärung hat zusammen mit der Französischen Revolution die Idee der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit zum politischen Programm erhoben. Menschen sind frei geboren und vor dem Gesetz gleich. Die Brüderlichkeit wird am ehesten mit Solidarität zu übersetzen sein, die dem unverschuldet in Not Geratenen gebührt.

Diese erklärenden Sätze enthalten bereits einige Einschränkungen. Frei zu sein wird zunächst auf den Stand bei der Geburt eingeschränkt, die Gleichheit bezieht sich auf die bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz inklusive der politischen Gleichheit der Stimme, und die Solidarität meint die unverschuldete wirtschaftliche Not in den Unwägbarkeiten des Lebens. Heute ist die öffentliche Meinung eher auf die Freiheit gerichtet, sich selbst zu verwirklichen, über seinen Körper und seine sexuelle Ausrichtung zu bestimmen und seine Bildungs- und Berufswahl nach eigenem Willen zu gestalten. Gleichheit wird formuliert als Forderung nach Chancengleichheit unabhängig von Geburt, Familie und Tradition, seinen Platz in der Gesellschaft wirtschaftlich und sozial nach eigener Leistung und Begabung zu erreichen. Solidarität schließlich ist ausgeweitet auf alle, die Notsituationen erleben und (auch erneut) Hilfe zum eigenen Leben, zu Gesundheit und Fortkommen inklusive Einkommen benötigen. Gesellschaftliche, soziale Teilhabe ist die Zielbestimmung. Diese gilt besonders auch für Menschen, die aufgrund von Herkunft, Gesundheit oder Unglück benachteiligt sind. Freiheit, Gleichheit, Solidarität decken heute als normative Zielvorstellungen weite Teile des persönlichen wie gesellschaftlichen Lebens ab. Der gesellschaftliche Konsens über diese Wertorientierung spiegelt sich auch darin, dass Sozialausgaben den relativ größten Teil öffentlicher Etats ausmachen.

Dem steht etwas entgegen, was man mit einem Gefühl wachsender Ungerechtigkeit und Ungleichheit, bezeichnet. Hinweise auf anderslautende Daten des Statistischen Bundesamtes oder auf den in den vergangenen Jahren nahezu unveränderten Gini-Koeffizienten (Internationale Maßzahl der Ungleichheit einer Gesellschaft, siehe zum Thema auch diesen Artikel) verfangen da wenig. Es werden dafür Erklärungen gesucht und unterschiedliche Antworten gegeben. Zum einen vergleicht sich der / die Einzelne weniger mit statistischen Daten als mit seinem Umfeld. Sieht man sich dort in einer schlechteren Position als Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen, empfindet man das als ungerecht. Zum anderen ist eine Haltung verschwunden, die Ungleichheit überhaupt als irgendwie gott- oder naturgegeben hinzunehmen bereit ist. Dies ist ein recht neues Phänomen, denn noch vor 2 – 3 Generationen sah das völlig anders aus. Gesellschaft und darin eingebundene persönliche Lebensumstände werden nicht mehr als unabweisbares Schicksal erlebt, sondern als gestaltbare und veränderbare und darum auch als notwendig zu verändernde Zustände erfahren. Ungewolltes Leben bzw. ‚Schicksal‘ wird nicht mehr akzeptiert, denn alle Lebensumstände erscheinen als von irgend jemandem verursacht und gewollt, und das sollte darum im eigenen Interesse verändert und anders gewollt werden. Gesellschaft erscheint dann als durch Macht gestaltbarer und umkämpfter Schauplatz für die Zumessung oder Inanspruchnahme von Lebenschancen und persönlichem Glück / Erfolg. Wird dieser Erfolg versagt oder stellt er sich nicht erwartungsgemäß ein, wird das als ungerecht erlebt; das Gefühlt wachsender Ungerechtigkeit gibt dem Ausdruck.

Das bisher Gesagte erscheint mir aber nur als die subjektive Seite des modernistischen Lebensgefühls: „Alles geht, alles ist machbar.“ Das Auseinanderfallen von erreichtem sozialen Ausgleich und gefühlter Ungerechtigkeit ist nicht nur einer gewachsenen Anspruchshaltung zu verdanken. Es gibt objektive Faktoren, die diese Wahrnehmung unterstützen. Es ist die Erfahrung von Bedrohtheit, die durchaus nicht unbegründete Angst vor Verlust von Arbeit und Status, das Verhalten einer kleinen globalen Geldelite, deren Reichtum an Ausmaß alle bisherigen Erfahrungen übersteigt, – die durch eine neue Weltmacht verschärfte Globalisierung – und vor allem neue Technologien (Digitalisierung, Automatisierung, KI), die beschleunigt in Alltag und Beruf eindringen. Jeder technologische Wandel von solchem Ausmaß wie der derzeit anrollende bringt Gewinner und Verlierer hervor, selbst wenn die Zahl der Arbeitsplätze gleich bleiben sollte (= unwahrscheinlich). Die Vorläufer dieser Entwicklungen treffen gerade ein. Der Klimawandel ist schließlich nur die Quittung für die moderne industrielle Lebensweise, deren Grundlage Verbrauch fossiler Ressourcen und Naturräume sowie globale Freisetzung von CO2 ist. Es gibt also tatsächlich harte objektive Gründe, besorgt zu sein und um seinen Status und die eigene Zukunft wie um die Zukunft der Kinder zu fürchten.

Shanghai
Four-segment panorama of Pudong, Shanghai, China. by King of Hearts, Wikimedia

Hinzu kommen verschärfend die politischen Entwicklungen und Verhaltensweisen von Staaten und Gesellschaften, auf diese sich abzeichnenden massiven Veränderungen zu reagieren. Rückzug auf sich selbst („XYZ first“), Wiederentdeckung bzw. Stärkung des Nationalen, Abwehr alles Fremden (Konkurrenten), verringerte internationale Zusammenarbeit und Solidarität, Rechtsruck ganzer Gesellschaften mit dem Wunsch nach „starken Männern“, vermehrtes Auftreten autokratischer Regime sind nur einige der Kennzeichen unserer politischen Gegenwart. Das Gefühl, dass die wirtschaftliche Lage hierzulande fast noch erstaunlich gut ist, lässt die Sorge vor dem großen Fall umso größer werden. Das Chaos um den Brexit ist dafür die nur scheinbar rational kaum nachvollziehbare Begleitmusik. Angesichts des äußeren und dann auch inneren Drucks (Gilets jaunes) drohen Gesellschaften zu zerreißen; die Spaltung verläuft zwischen zukünftigen Gewinnern und besorgten Verlierern bzw. denen, die sich jeweils dafür halten. Manche Äußerungen der Wirtschaftsbosse (Automobilindustrie) klingen eher wie das Pfeifen im Walde. Nur die Finanzwelt tanzt fröhlich weiter auf dem Vulkan.

In diesem hier skizzierten Kontext wird der scheinbare Widerspruch zwischen erreichtem Wohlstand („Gleichheit“) und gefühlter Ungerechtigkeit erklärbar und verständlich. Als Reaktion helfen weder Alarmismus, Hysterie oder hassgetriebene Abgrenzungen bzw. Ausgrenzung von „Schuldigen“, sondern fällig ist ein öffentlicher und offener Diskurs über die gegenwärtige Lage des Landes (faktenbasiert), über Herausforderungen, Chancen und Risiken. Hier wäre ein ermutigendes „Wir schaffen das“ durchaus angebracht, und die sozialen Medien könnten dazu endlich eine sinnvolle Plattform bieten. (Warum geschieht das eigentlich nicht schon?) Dabei könnte herauskommen, dass vermeintliche und tatsächliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit nur Symptome sind für die planetarischen, globalen und gesellschaftlichen Umbrüche, die zu erwarten sind. Mit Phantasie und Intelligenz, mit positivem Willen, gemeinsamer Kraft und Offenheit zur Zusammenarbeit über Grenzen hinweg lässt sich einiges bewerkstelligen. Der Schülerinnenstreik könnte den Anstoß dazu liefern, dass gesamtgesellschaftlich etwas in Bewegung kommt. Denn nicht das Festhalten am Alten, sondern das mutige und etwas riskierende Vorwärtsdrängen überwindet Ängste, öffnet Chancen, und gewinnt die Zukunft. In diesen Prozess müssen möglichst viele mitgenommen werden. Hallo Politik, hallo Zivilgesellschaft: Aufgabe!!

Reinhart Gruhn.

 3. April 2019  Posted by at 13:37 Freiheit, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Gleichheit, Wirtschaft Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ungleichheit – Ungerechtigkeit – Klima
Mrz 052019
 

aus: Charles Dickens, Die Pickwickier (1837)


Nachdem nun die Freunde Horatio Fizkins, Esquire, an der Reihe gewesen waren, trat ein cholerischer kleiner Mann mit einem rötlichen Gesicht vor, um eine andere Person vorzuschlagen, dazu geschaffen und geeignet, die Wähler von Eatanswill im Parlament zu vertreten. Und ohne Zweifel hätte der rotgesichtige Herr seine Rede glatt und leicht zu Ende führen können, wäre er nicht so hitzig gewesen; so aber bot er dem Witz der versammelten Menge eine willkommene Zielscheibe. Aber, wie gesagt, nach einigen Sätzen der bilderreichsten Beredsamkeit richtete der rotgesichtige Mann seine Worte an jene in der Menge, die ihn dauernd unterbrachen, und wandte sich dann drohend einigen Herren auf der Tribüne zu. Dem folgte ein Aufruhr, so daß sich der Herr der Notwendigkeit gegenübersah, seine Gefühle in einer ernsten Gebärdensprache auszudrücken, was er auch tat; dann überließ er das Rednerpodest dem Herrn, der ihn unterstützen sollte. Dieser Herr nun las eine Rede, die nicht weniger als eine halbe Stunde dauerte, von einem Papier ab und ließ sich einfach nicht unterbrechen, weil er sie ja schon an die Eatanswiller Gazette geschickt hatte und weil die Eatanswiller Gazette bereits jedes Wort gedruckt hatte.

pickwickier
Die Pickwickier

Nun trat Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge in der Nähe von Eatanswill, höchstselbst vor, um den Wählern eine Rede zu halten. Er hatte kaum den Mund aufgemacht, um sie zu beginnen, als auch schon die Musikkapelle, die in den Diensten des ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey stand, mit aller Gewalt einfiel, gegen die ihre Bemühungen am Morgen ein Kinderspiel waren. Da die Braunen sich dies nicht gefallen lassen wollten, vergalten sie es den Blauen dadurch, daß sie deren Köpfe und Schultern zu bearbeiten anfingen. Worauf die Blauen den Versuch machten sich der unangenehmen Nachbarschaft der Braunen zu entledigen. Und so kam es notgedrungen zu einem Hin- und Herstoßen und einer gewaltigen Schlägerei, die wir genausowenig gutheißen können wie der Bürgermeister, der zwölf seiner Konstabler mit dem strickten Befehl losschickte, sämtliche Rädelsführer – die sich auf etwa zweihundertfünfzig belaufen mochten – zu verhaften Diese Geschehnisse brachten Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, und seine Freunde zur Raserei, bis schließlich Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, seinen Gegner, den ehren-werten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall, bat, fragen zu dürfen, ob diese Musikkapelle mit seiner Zustimmung spiele. Auf diese Frage zu antworten, weigerte sich der ehrenwerte Mr. Samuel Slumkey, und so fuchtelte denn Horatio Fizkin, Esquire, von Fiskin-Lodge, dem ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall mit den Fäusten vor der Nase herum, was wiederum den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey so in Wut brachte, daß er Horatio Fizkin, Esquire, zum tödlichen Zweikampf aufforderte. Diese Verletzung aller bekannten Regeln und Gesetze veranlaßte den Bürgermeister, erneut seine Glocke läuten zu lassen und sowohl Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, wie auch den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall zu sich zu beordern und beide durch eine Bürgschaft zu verpflichten, auf daß der Friede gewahrt bleibe. Auf diese erschreckende öffentliche Rüge hin legten sich die Helfer der beiden Kandidaten ins Mittel, und nachdem sich die Freunde und Anhänger der beiden Parteien für drei Viertelstunden herumgestritten hatten, grüßte Horatio Fizkin, Esquire, in aller Freundschaft den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey; der ehrenwerte Mr. Samuel Slumkey grüßte seinerseits Horatio Fizkin, Esquire; die Musikkapelle hörte zu spielen auf; die Menge beruhigte sich nach und nach, und Horatio Fizkin, Esquire, wurde die Erlaubnis erteilt, in seiner Rede fortzufahren.

Die Reden der beiden Kandidaten, so verschieden sie sonstiger Hinsicht waren, ließen den großen Verdiensten und den hohen Vorzügen der Wählerschaft von Eatanswill alle Gerechtigkeit widerfahren. Jeder sprach die Meinung, daß auf der Welt noch nie unabhängigere, aufgeklärtere, politischere, edlere und uneigennützigere Männer gelebt hätten als jene, die versprochen hätten, für ihn zu stimmen. Jeder der beiden Kandidaten ließ den leisen Verdacht durchblicken, daß die Wählerschaft der Gegenpartei gewiß unsaubere und tölpelhafte Gebrechen hätte, die sie für die Ausübung ihrer wichtigen Pflichten, zu der sie gerufen worden seien, völlig unfähig machte. Fizkin gab seine Bereitschaft kund, alles zu tun, was man von ihm wünsche; Slumkey hingegen teilte seinen Entschluß mit, daß er nichts tun werde, was man von ihm verlange. Beide sagten, daß das Handwerk, die Industrie, der Handel und das Wohlergehen Eatanswills ihnen näher und mehr am Herzen liegen als alles andere in der Welt, und jeder behauptete mit unglaublicher Zuversicht, daß er der Mann sei, den man schließlich wählen werde.

Durch Handaufheben wurde abgestimmt. Der Bürgermeister entschied für den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall. Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, verlangte Stimmenabgabe, und demgemäß wurde Stimmenabgabe befohlen. Anschließend wurde dem Bürgermeister aller Dank für seine geschickte Führung des Präsidiums und der Angelegenheit abgestattet, und der Bürgermeister stattete seinen Dank für den Beweis der Zufriedenheit ab und wünschte im stillen, daß man ihm ein Präsidium mit Stuhl eingerichtet hätte, denn er hatte während der Feierlichkeiten stehen müssen.


Zitiert nach der deutschen Ausgabe im Winkler-Verlag, München 1956 , Seite 231 – 234

Erläuterung: Es geht um die Wahl eines Abgeordneten aus Eatanswill (fiktiver Ort) ins Parlament; die Farben der beiden Parteien (die Blauen, die Braunen) haben mit heutigen politischen Farbbedeutungen nichts zu tun. Namen sind bei Dickens aber oft mit einem satirischen Unterton versehen.
Die Parallelen zu heute sind einfach erstaunlich, liest man den gesamten Text – nach 180 Jahren so viel Ähnlichkeit!

(Reinhart Gruhn)

 5. März 2019  Posted by at 18:52 Geschichte, Gesellschaft, Politik Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Die Wahlversammlung
Feb 282019
 

Der globale Blick über den lokalen Tellerrand

Wir denken immer in Zusammenhängen, es geht gar nicht anders. Es sind in der Regel alltägliche, soziale, pragmatische Zusammenhänge: Wenn ich überlege, welchen Weg zur Arbeit ich wähle angesichts aktueller Baustellen; wenn ich mir Erledigungen auf dem Heimweg vornehme; wenn ich mich darauf einstelle, was mich in der morgendlichen Teamsitzung erwarten wird. Bei der Urlaubsplanung sind die Zusammenhänge schon etwas weiter gefasst: Urlaubspläne abstimmen und beantragen, Ziele aussuchen, Hotels und Flüge buchen usw. Zeitlich noch weiter greifen die Zusammenhänge aus, die ich bei meiner Karriereplanung zu berücksichtigen habe, oder bei der Auswahl der Schulen für meine Kinder. Wir können uns ganz gut in Zusammenhängen orientieren, in denen wir Erfahrungen haben, die unsere alltägliche Welt von Beruf, Familie und Freizeit abdecken. Auch der Umgang mit einem Garten, wenn wir denn einen haben, ist uns vertraut: pflanzen, jäten, mähen, mal einen Busch zurückschneiden. Das wars dann schon.

Da fängt es allerdings an, dass größere Zusammenhänge eine Rolle spielen. Verhalte ich mich so wie bisher, den angenehmsten Effekt mit dem geringsten Aufwand zu verbinden oder beziehe ich zum Beispiel ökologische Gesichtspunkte ein? Düngen – womit? Spritzen – ja oder nein? Viel einfach zu pflegender Rasen oder mehr abwechslungsreiche Büsche und Stauden, die natürlich mehr Pflege und also Arbeit erfordern? Im Grunde sind diese größeren Zusammenhänge auch schon vorher im Hintergrund vorhanden: Welches Verkehrsmittel nutze ich auf dem Weg zur Arbeit? Welche Art Urlaub möchte ich verwirklichen? Spielt bei den Überlegungen auch das Transportmittel eine Rolle? Bei all diesen Zusammenhängen und den Fragen, die sich daraus ergeben, werde ich entweder der eingespielten Gewohnheit entsprechen (das geht wie von selbst) oder eine Ziel – Aufwand – Nutzen – Überlegung anstellen: Wie kann ich mein Ziel am besten erreichen – und was ist das jeweils Beste? Das Schnellste oder Einfachste? Das Bequemste? Das, worüber ich nicht zu viel nachdenken muss? Wenn ich bereit bin, größere Zusammenhänge zu berücksichtigen, wieviel Aufwand erlaube ich mir dafür, was darf es zusätzlich kosten? Zu welchen Alternativen und Umwegen bin ich gegebenenfalls bereit?

Das muss nicht allein die Ökologie sein, die mich zum Nachdenken bringt, es kann sich auch um bildungspolitische Zusammenhänge handeln, die ich bei der Auswahl der Schule für meine KInder zu berücksichtigen bereit bin – und dafür eventuell weitere Wege und höheren Zeitaufwand in Kauf nehme. Sobald die Zusammenhänge weiter und größer werden im Vergleich zu den Zusammenhängen des alltäglichen Lebens, wird es komplizierter und aufwändiger. Es sind mehr Informationen nötig, unbekannte oder unerwartete Entscheidungen, Meinungsaustausch, Diskussionen mit Familienangehörigen oder Kollegen. Größere Zusammenhänge lassen sich nicht so leicht überblicken. Was auf den ersten Blick als gute Idee erscheint, erweist sich vielleicht beim zweiten Hinschauen als gar nicht so gut oder zumindest zwiespältig. Der Vorteil des Gewohnten ist es, dass all diese Probleme oder Auswahlen aufgeblendet werden. Das macht das Leben einfacher und den Alltag erträglich. Bei jedem Schritt, den ich tatsächlich mache, an den „ökologischen Fußabdruck“ zu denken, macht das Leben schwierig bis unerträglich.

Ich suche also einen gangbaren Weg zwischen den einfachen Lösungen aus Gewohnheit und den komplizierten Abwägungen und Entscheidungen, wenn ich große Zusammenhänge einbeziehe. Eine dafür bewährte Methode ist die des Vergleichs und der Vereinfachung. Beim Vergleichen versuche ich, den größeren Zusammenhang auf meinen Erfahrungsbereich abzubilden. Dies bedeutet oft eine erhebliche Vereinfachung. Außerdem mache ich mir dadurch etwas Unbekanntes, Neues vertrauter und zugänglicher, weil ich es direkt mit meinem Erfahrungswissen verbinde. Das führt manchmal zu pragmatischen Lösungen, oft aber auch zu Kurzschlüssen. „Externe Kosten“ werden dabei leicht außer Acht gelassen. Selbst das Fahrrad als Verkehrsmittel hat nicht nur die positiven Aspekte umweltpolitischer Sorgsamkeit, sondern auch die gesundheitlichen Aspekte erhöhter Unfall- und Verletzungsgefahr in Innenstädten, die keine gute Fahrrad-Infrastruktur haben. Es mag sehr vernünftig sein, im Garten mehr Büsche und Sträucher anzupflanzen, aber die Angebote der Gärtnereien beinhalten oft exotische Gewächse, die kurzlebig und / oder mit der heimischen Fauna wenig kompatibel sind. Der praktische Sack Blumenerde mag bei seiner Herstellung und seinem Transport einige ökologische Sünden mit sich schleppen. Und die Bio-Trauben aus Südafrika sind vielleicht doch nicht ganz so unbedenklich, wie die Vorsilbe Bio- glauben macht. Kurz: Größere Zusammenhänge enthalten viel mehr Daten, Informationen und weitere Verknüpfungen als alles, was mir aus meiner unmittelbaren Erfahrung vertraut ist. Darum ist die Verbindung der Erkenntnisse aus größeren Zusammenhängen mit meiner Alltagserfahrung so schwierig.

Um einen gangbaren Weg zu finden, muss ich mich also umfassend informieren, und das ist ziemlich aufwendig. Zudem gilt: Je mehr Informationen über Zusammenhänge ich bekomme, desto schwieriger wird die Beurteilung. Es gilt nicht nur, einzelne Fakten zu gewichten, sondern auch bestimmte Abhängigkeiten und Folgewirkungen einzubeziehen. Dabei bin ich normalerweise kein Fachmann, sondern muss mir geeignete Quellen suchen, denen ich vertrauen kann. Zum Glück gibt es (auch dank Internet und Google) fast zu allen Gebieten gute Darstellungen und journalistisch aufbereitete Fakten. Ich kann mir also sehr wohl aus unterschiedlichen Quellen und aufgrund verschiedener Auffassungen ein eigenes Urteil bilden. Das muss dann allerdings noch zu Entscheidungen über Handlungsmöglichkeiten führen, die es in meine eigene Lebenswirklichkeit zu übersetzen und zu konkretisieren gilt. Das wird nur durch Gespräche mit anderen Familienmitgliedern und Freunden gelingen. Social media dürfte dabei nur wenig helfen: zu viel Übertreibung, zu viel Zuspitzung und Verzerrung. Die dann für mich und meine Lebenspraxis infrage kommende Lösung wird ein Kompromiss sein, gewonnen aus unterschiedlichen Optionen, eingebettet in eine Praxis dessen, was ich mir an Verhaltensänderung zutraue und / oder zumuten möchte. An drei Komplexen von großen Zusammenhängen möchte ich das verdeutlichen.

A. Plastik ist in aller Munde. Das gilt sogar wörtlich, wenn ich an Fastfood, Snacks und Getränke denke, die mir in der Stadt unterwegs so angeboten werden. Plastik umgibt uns fast überall, und das Problem ist, wie wir es wieder loswerden. Immer noch finde ich viel Müll, insbesondere Plastikmüll, in der Landschaft wieder, besonders an Straßenrändern und an Autobahnauffahrten. Aber der meiste Plastikmüll aus Betrieben und Haushalten wird inzwischen brav eingesammelt. Er sollte recycelt werden. Das klappt bislang nur sehr unzureichend, weil auch Verbrennung („thermische Verwertung“) und Verschiffung als „recyceln“ gelten. In Wirklichkeit wird erst rund ein Drittel des Plastikabfalls als Wertstoff einer neuen Verwertung zugeführt. Vom Plastikmüll in den Meeren und Ozeanen haben wir schon oft gehört, gelesen oder sogar beim Urlaub selbst etwas davon gesehen. Was also tun? Vor unsrer Haustür können wir einfach aufsammeln, was da liegt, und den Verpackungsmüll in die gelbe Tonne entsorgen – eben damit wir die Sorge mit dem Plastik los sind. Dem ist aber nicht so, wir sehen den Plastikmüll nur nicht mehr. Vermeidung wäre sicher eine bessere Strategie, also erst gar nicht so viel Plastik in Umlauf bringen. Aber von unserer chemischen Industrie, die Kunststoffe herstellt, leben wir mit zig tausend Arbeitsplätzen. Zudem ist es mit Alternativen auch nicht besonders gut bestellt. Das Wuppertaler Institut für Umwelt, Klima und Energie hat sehr genau geschaut und gerechnet und festgestellt, dass zum Beispiel Papiertüten eine höhere Energie- und Umweltbelastung darstellen als Plastiktüten. Das liegt hauptsächlich am hohen Wasserverbrauch und Klärbedarf bei der Papierherstellung. Nun ist Wasser hierzulande (noch) keine sehr begrenzte Ressource. Mir persönlich ist eine Papiertüte lieber, die schnell verrottet und in der ich sogar meine Küchenabfälle in der Biotonne entsorgen kann. Aber wohlgemerkt: Diese Schlussfolgerung entspringt schon einer persönlichen Abwägung und Wertung der Faktenlage. Die manchmal vorgeschlagene Möglichkeit, Lebensmittel öfter „lose“ zu kaufen und in eigene Gefäße füllen zu lassen, führt zu erheblichen hygienischen Bedenken. Unbestreitbar ist, dass Plastik über die Flüsse und Weltmeere in den Nahrungskreislauf gerät und am Ende in Mikropartikeln wieder auf unserem Teller landet. Das zeigt deutlich, dass die betrachteten Zusammenhänge nicht nur räumlich global sind, sondern auch eine große zeitliche Dimension haben. Was Mikroplastik in unserem Organismus alles verursachen kann, wissen wir noch gar nicht.

B. Heftig diskutiert wurde und wird die Schädlichkeit von Stickoxid und Feinstaub, vor allem beim Autoverkehr. Die Fakten dazu hat der SPIEGEL einmal gut und knapp zusammengefasst. Feinstaub und Stickoxid müssen genau unterschieden werden, da die Verursacher nicht immer dieselben sind. Feinstaub entsteht bei allen möglichen Tätigkeiten und Prozessen. Nicht nur bei der Verbrennung entsteht Feinstaub durch Asche, sondern immer wenn es Reibung gibt, gibt es auch Abrieb und damit Feinstaub. Der Autoverkehr trägt rund ein Drittel zur Feinstaubbelastung bei, am meisten durch Reifen und Bremsen. Zu Stickoxiden kann man noch viel mehr Informationen finden. Die Schädlichkeit wird in standardisierten statistischen Verfahren berechnet, an deren Ende so etwas wie ‚verlorene Lebenszeit‘ in Monaten herauskommt. Das auf reale Todesfälle umzurechnen ist zwar publizistisch beliebt, aber wissenschaftlich kaum gerechtfertigt. Egal, Feinstaub und Stickoxide sind gesundheitlich äußerst schädlich. Es ist darum richtig, dass die Politik aufgrund eigenen Ermessens dazu Grenzwerte festlegt. Aber dies ist bezüglich des Kraftfahrzeugverkehrs nicht das einzige Problem. Es bleibt der klimaschädliche CO2-Ausstoß, der bei fossilen Verbrennungsmotoren zwangsläufig entsteht. Hierbei steht zwar die Technik des Dieselmotors als besonders günstig da, aber auch bei allen Filtern und technischen Abgas-Nachbehandlungen bleibt noch ein Rest CO2, der in die Atmosphäre abgegeben wird. Emissionsfreie Automobile (und überhaupt Verkehrsmittel) wird es zwar nie geben, siehe Feinstaub, aber fossile Emissionen können durch neuartige Antriebe (Elektro, Brennstoffzelle, synthetische Kraftstoffe) abgelöst werden. Dadurch hätte man schon einiges hinsichtlich Klima und Luftbelastung verbessert, aber noch keineswegs alle Probleme gelöst. Die Tatsache, dass der Strom, um aus der Steckdose herauszukommen, erst einmal hineinkommen, also hergestellt und zur Verbrauchsstelle geleitet werden muss, ist eine Aufgabe, die erst langfristig ökologisch und ökonomisch zufriedenstellend gelöst werden kann (siehe erneuerbare Energien, Gleichstromtrassen, Sonnenkraftwerke). – Die Batterieproduktion ist noch einmal ein eigenes sehr kompliziertes und problematisches Kapitel komplexer Zusammenhänge (Rohstoffe- Herstellung – Recycling).

So viel ist jedenfalls klar: Die Verkehrspolitik grundlegend emissionsarm zu gestalten, ist eine Mammutaufgabe, deren Erfolg keineswegs garantiert ist. Es gibt einfach zu viele Aspekte und Variablen, die bisher noch nicht berücksichtigt oder überhaupt bekannt sind. Was also soll ich tun? Es bleibt nur, sich so umweltbewusst wie möglich zu verhalten, was die eigene Nutzung von Verkehrsmitteln angeht. Dabei spielen auch andere Faktoren eine Rolle, die zur Lebensqualität, wie wir sie heute kennen, beitragen: zum Beispiel Fernreisen. Ich perönlich möchte darauf nicht verzichten, weil sie meinen Horizont im Blick auf andere Länder, Menschen und Kulturen enorm erweitert haben. Dabei gehört der rasant zunehmende Flugverkehr (ganz zu schweigen von den Kreuzfahrtschiffen) zu den größten Umweltbelastungen und ‚Klimakillern‘ überhaupt. Wie soll man das gegen Reiselust und Weltoffenheit abwägen? Da bin ich derzeit ratlos.

Kohlekraftwerk RWE
Kohlekraftwerk RWE (c) dpa

C. Letztes Beispiel: Kohlekraftwerke – Kohleausstieg. Hier scheint die Sache sehr einach zu sein: Verbrennung von Stein- und insbesondere von Braunkohle setzt jede Menge von Schadstoffen frei, die zwar zum großen Teil ausgefiltert werden können, die aber als CO2 zum großen Teil in die Atmosphäre abgegeben werden. Kohleverstromung ist damit als bedeutender ‚Klimakiller‘ identifiziert. Die Folgerung, Kohleverstromung einzustellen und auf erneuerbare Energien umzusteigen. ist da nur naheliegend. Die Frage ist nur, auf welche Weise und in welchem Zeitraum dies geschehen kann und welche Alternativen dann bereitstehen. Da ist trotz des anvisierten Ausstiegsjahres 2035 noch vieles unklar und offen. Vorausgesetzt, die Stilllegung der Kohlekraftwerke bei uns im Land gelingt auf eine sozialverträgliche und ökonomisch sinnvolle Weise, so bleibt doch der internationale Zusammenhang: Strom fließt in europäischen Verbundnetzen, und es wäre eine kaum erwünschte Auswirkung, fehlenden Strom nach 2035 aus osteuropäischen Kohlekraftwerken oder aus französischem Atomstrom zu importieren. Hier sind eigentlich nur europäische Lösungen möglich. Und auch diese Ebene greift noch zu kurz. Kürzlich bei meiner Reise nach Südafrika habe ich die Bedeutung der Kohle und der Kohleverstromung für dies aufstrebende Industrieland kennengelernt. Südafrika hat reichlich eigene Kohle im Tagebau, es fehlen derzeit nur die modernisierten und erweiterten Kraftwerke, um den Energiebedarf des Landes zu decken. Noch gibt es fast tägliche Stromabschaltungen („powershed“). Angesichts der bestehenden Infrastruktur kommt energiepolitisch für Südafrika schon aus Kostengründen derzeit kaum etwas anderes infrage als neue und größere Kohlekraftwerke. Ich weiß, Südafrika steht damit in einer Reihe mit vielen anderen Schwellenländern (Brasilien, Indien, China). Erneuerbare Energien können hier auf absehbare Zeit allenfalls eine ergänzende Rolle spielen. So haben wir die absonderliche Lage, dass wir als altes Industrieland zusammen mit den anderen Industrieländern Europas aus der Kohle aussteigen wollen, aber in den Schwellenländern der übrigen Welt Kohleverstromung ausgebaut wird, zusätzlich zur Kernenergie.

Derzeit ist die globale energiepopolitische Entwicklung also völlig gegenläufig. Die Symbolpolitik um den „Hambacher Forst“ wirkt dagegen geradezu grotesk: nur lokal , nicht global gedacht. Was soll man angesichts dieser Lage nun tun? Klimapolitik lokal als symbolische Stellvertretung für das, was „richtig“ wäre? WIR steigen aus? Auch die Klimakonferenzen haben trotz der Bekräftigung des inzwischen nahezu unerreichbaren 2-Grad-Ziels wenig Konkretes erbracht außer Absichtserklärungen. Konservative Regierungen in den USA und in Brasilien forcieren statt dessen fossile Energieproduktion und das weitere Abholzen des Regenwaldes. [„Regenwald“ wäre übrigens eine weiteres Thema für einen globalen Zusammenhang.] Was tun? Die globalen Zusammenhänge aufklären und zur Kenntnis nehmen und damit anerkennen, dass es keine einfachen, schnellen und effektiven Lösungen für alle gibt.

So zeigt sich am Ende unserer Betrachtung globaler Zusammenhänge ein nur wenig ermutigender Ausblick. Die Verflechtungen sind enorm, eins greift ins andere, und nach all den Informationen, die man heranziehen und aufnehmen kann, bleibt einem die Ratlosigkeit, an welchem Faden des Knäuels man denn anfangen müsste. Es geht tatsächlich immer nur im Kleinen und im Praktischen, dieses Anfangen. Denn eines muss sich am allermeisten und am allerersten wandeln: unser Bewusstsein. Man konnte gelegentlich lesen, dass Wissenschaftler vorschlagen, unsere Weltperiode „Anthropozän“ zu nennen: Zeitalter des Menschen und seiner Um-Welt-Gestaltung. Das klingt zwar einleuchtend und hat etwas für sich, nivelliert aber auch. Zum Anthropozän gehören auch bereits die Pyramiden und die Bewässerungssysteme im frühen Zweistromland. Seit der neolithischen Umwälzung ist der Mensch aufgebrochen, um die Welt für sich umzugestalten. Zunächst ging das bei vergleichsweise geringen Bevölkerungszahlen auch nur in jeweils kleinen Maßstäben, – was auch immer für Wunderwerke damals schon und weiterhin vollbracht wurden. Es gibt aber eine weitere Wende, die zu einer Umgestaltung der Welt von ungeahnten Ausmaßen geführt hat und noch weiterhin führt: Die Anwendung von Wissenschaft und Technik ca. seit dem 16. Jahrhundert (übrigens auch in China) und daraufhin die Entdeckung und industrielle Nutzung von Kohle und Erdöl. Was wir seit gut eineinhalb Jahrhunderten haben, ist eigentlich das „Petrozän“: Nicht nur Produktion und Produkte selbst wurden durch fossile Brenntoffe wie Kohle, Erdöl und Erdgas revolutioniert, sondern unsere ganze Lebensweise. Unser Verkehrs-, Transport- und Kommunikationswesen, die gesamte bisherige Energieproduktion beruht auf fossiler Energie. ÖL ist das moderne Geheimnis von allem. Es ist ein Zaubermittel, dessen Auswirkungen (zum Beispiel Plastik) wir kaum mehr aus der Welt schaffen können, selbst wenn wir es wollten.

Um diese Grundlage und Grundstruktur der Neuzeit zu verändern und durch eine neue Energie-, Produktions- und Lebensweise zu ersetzen, bedarf es der Anstrengung von einer Art, die die Menschheit so noch nie geleistet hat. Selbst wenn man diese Zusammenhänge erkennt – ich weiß nicht, ob unser lokales Bewusstsein jemals für einen solch globalen Sinneswandel bereit und in der Lage ist. Die sozialen, ökonomischen und kulturellen Veränderungen wären gravierend. Vielleicht, vielleicht kommen da technische Lösungen wie „Künstliche Intelligenz“ in einer vernetzten Welt gerade zum rechten Zeitpunkt.
Vielleicht wird es allerdings auch erst sehr viel dramatischer werden, ehe es (wenn überhaupt) besser werden kann.

Reinhart Gruhn

Nachtrag:
Klimagerecheter Waldumbau dauert 100 Jahre, Westfalenpost

 28. Februar 2019  Posted by at 18:19 Energiewende, Klima, Oekologie, Ökologie, Politik, Technik, Wirtschaft, Wissenschaft Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für In Zusammenhängen denken
Jan 162019
 

Auch ARD – Faktenfinder ist einseitig.

Kürzlich rauschte diese Meldung durch die Medien: Ältere und Konservative teilen öfter Fake News. Hängen blieb vor allem das Verhalten „Älterer“. Der ARD – Faktenfinder hob nur noch den auffälligen Aspekt des Alters hervor. Die meisten Presseartikel bezogen sich auf den Bericht der Washington Post vom 09.01.2019 über eine Studie von Wissenschaftlern der Princeton University und der New York University, veröffentlich in der Zeitschrift Science Advances am selben Tag. Die deutschsprachigen Presseberichte haben allerdings die Studie selber kaum eingehender zur Kenntnis genommen und analysiert.

Der ARD – Faktenfinder sticht an Ungenauigkeit und tendenziöser Vereinfachung heraus. In den Mittelpunkt wird hier gestellt, dass es besonders Ältere, über 65 Jährige sind, die laut Studie besonders häufig Fake News teilen. In der Überschrift werden zwar noch „und Konservative“ ergänzt, in der weiteren Zusammenfassung kommen sie aber kaum mehr vor. Dieser oberflächliche und verzerrende „Faktenfinder“ wird im Blog ScienceFiles – Kritische Sozialwissenschaft gründlich auseinandergenommen und zudem die zugrunde liegende US-Studie bei ScienceAdvances als methodisch mangelhaft kritisiert. Die Kritik ist stichhaltig und überzeugend – lies dort.

fakenews
(C) Associated Press

Ähnlich einseitig nimmt Dirk von Gehlen in einem Post auf Twitter und in einem Blogbeitrag „Der Typ, der nie übt“ auf das angeblich signifikante Ergebnis der Studie Bezug. Sein Interesse daran formuliert er so: „Mir geht es darum, dass man stets weiter lernt. Medienkompetenz ist nicht nur ein Thema für Schulen“ (Twitter). Das ist uneingeschränkt zu begrüßen. Fragwürdig ist der vorletzte Absatz in seinem Blog:

Das ist deshalb schade, weil ich Ende der Woche gelesen habe, wer in Sachen Medienkompetenz offenbar besonderen Nachholbedarf hat: Nicht diese vermeintlich problematischen jungen Leute, sondern Menschen über 65 Jahre. Die Typen, die nie nicht mehr üben. Denn: „Nutzer im Alter von 65 Jahren oder älter teilen „fast sieben Mal mehr“ Artikel von Falschmeldungen verbreitenden Internetadressen als 18- bis 29-Jährige, wie aus einer Studie der Universitäten Princeton und New York hervorgeht“, schrieb der Faktenfinder der Tagesschau und ergänzte: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen.“

(Digitale Notizen, 11.01.2019)

Gehen wir einmal davon aus. die Studie hätte recht und würde als ein allgemeingültiges Ergebnis haben, was der Faktenfinder so formuliert: „Nutzer sozialer Medien ab 65 Jahren teilen fast sieben Mal mehr Falschmeldungen im Netz als Jüngere.“ Lassen wir die methodischen Mängel, die geringe statistische Basis (Von 1191 Facebook – Nutzern haben nur 8,5 % = 101 Nutzer überhaupt ein- oder mehrmals auf Webseiten verlinkt, die potentiell Fake News verbreiten, und nur davon waren die meisten älter und konservativ.) und den besonderen Untersuchungszeitraum (Sommer 2016 während des US – Wahlkampfes Trump – Clinton) außer Acht, dann sind doch die Schlussfolgerungen der Autoren umso bemerkenswerter. Hier fasst der Faktenfinder korrekt zusammen: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen sowie mit einem schlechteren Erinnerungsvermögen.“ Kurz gesagt: Ältere Internetnutzer sind dumm und blöd. Schauen wir uns dies diskriminierende „Ergebnis“ genauer an.

Zunächst räumen die Autoren der Studie ein, dass trotz der sehr geringen Teilen – Aktivität es erwartbar ist, dass besonders konservative Facebook – Nutzer von Fake News Websites angesprochen werden und sie gelegentlich teilen, und zwar angesichts der „overwhelming pro-Trump orientation in both the supply and consumption of fake news during that period“ – „is perhaps expected“. Sie fragen weiter, warum die ältere Generation so anfällig für Fake News sei, allerdings ohne die Möglichkeit zu erwägen, dass ohnehin eher die Älteren zur Gruppe der Konservativen und sehr Konservativen (Selbsteinschätzung) gehören, und ohne ferner zu erwägen, dass vielleicht die beobachteten Webseiten ohnehin speziell auf die Sorgen und Ängste Älterer, Abgehängter bzw. sich abgehängt Fühlender ausgerichtet sind. Das könnte ja dazu führen, dass man genau das Ergebnis herausbekommt, das man vorausgesetzt hat: Wer besucht Webseiten, die sich an Ältere und Konservative, potentielle Trump-Wähler richten? – Ältere und Konservative. Allerdings äußern sich die Autoren auch hier vorsichtig: „Given the general lack of attention paid to the oldest generations in the study of political behavior thus far, more research is needed to better understand and contextualize the interaction of age and online political content.“

Dann nennen sie aber doch zwei „potential explanations“, die ausdrücklich weiter untersucht werden sollten. Es handelt sich also um mögliche Interpretationen des Ergebnisses, wie sie die Autoren vermuten, aber nicht belegen können. Ich zitiere:

First, following research in sociology and media studies, it is possible that an entire cohort of Americans, now in their 60s and beyond, lacks the level of digital media literacy necessary to reliably determine the trustworthiness of news encountered online .

A second possibility, drawn from cognitive and social psychology, suggests a general effect of aging on memory. Under this account, memory deteriorates with age in a way that particularly undermines resistance to “illusions of truth” and other effects related to belief persistence“.

Even if our models are correctly specified, we use observational data that cannot provide causal evidence on the determinants of fake news sharing.

„Lack of digital literacy“ und „the effect of aging memory … memory detoriates“, also fehlende digitale Kompetenz und Gedächtnisschwäche mit der Unfähigkeit, wahr von falsch zu unterscheiden (!) – sind die beiden Kernpunkte der „Erklärung“. Die Autoren räumen am Ende der Studie aber ein, dass hier nicht von einer kausalen Verknüpfung die Rede sein kann, immerhin.

Dagegen führt schon der im Übrigen ausführlich berichtende Artikel der Washington Post eine Stellungnahme eines weiteren, nicht an der Studie beteiligten Forschers an:

Harvard public policy and communication professor Matthew Baum, who was not part of the study but praised it, said he thinks sharing false information is “less about beliefs in the facts of a story than about signaling one’s partisan identity.” That’s why efforts to correct fakery don’t really change attitudes and one reason why few people share false information, he said.

However, Baum said in an email that conservatives post more false information because they tend to be more extreme, with less ideological variation than their liberal counterparts and they take their lead from President Trump, who “advocates, supports, shares and produces fake news/misinformation on a regular basis.”

Washington Post, 09.01.2019

Baums Auffassung klingt schon sehr viel überzeugender. Der Washington Post – Artikel weist ferner auf das verstärkte Bemühen von Facebook hin, Fake News einzudämmen.

After much criticism, Facebook made changes to fight false information, including de-emphasizing proven false stories in people’s feeds so others are less likely to see them. It seems to be working, Guess said. Facebook officials declined to comment.

So muss denn der Princeton – Professor Andrew Guess zugeben: „“I think if we were to run this study again, we might not get the same results.” Das bedeutet dann aber wohl, dass einer der Autoren die Relevanz ihrer Studie für äußerst begrenzt hält. Sie kann keinesfalls dazu dienen, pauschal eine Altersgruppe für den wachsenden Zuspruch von Fake News Websites oder Facebook – Links veranwortlich zu machen. Die Interpretation, die sie liefern, sagt tatsächlich mehr über die Voreinstellungen der Forscher aus als über valide Erkenntnisse aus einer (noch dazu problematischen) sozialwissenschaftlichen Untersuchung. Hier äußern sich Mitglieder der US-amerikanischen Ostküsten – Elite; sie können mit ihren „explanations“ allenfalls das Vorurteil der Voreingenommenheit bestätigen. Und das liegt sicherlich nicht in ihrem ausdrücklichen Interesse.

Die Washington Post dagegen zeigt durch ihren gründlich recherchierten und sachlich argumentierenden Beitrag, wie Qualitätsjournalismus funktionieren sollte. Da können sich einige deutsche Medien und Journalisten eine Scheibe von abschneiden.

Reinhart Gruhn

 16. Januar 2019  Posted by at 14:00 Daten, digital, facebook, Konservative, Medien, News, social media, USA Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Social Media und Fake News
Jan 062019
 

Der Zusammenhang von Kolonialismus und Rassismus ist unauflöslich

Vor wenigen Tagen brachte die ZEIT (02.01.2019) eine viel beachtete und heftig diskutierte Reportage über die Arbeit auf Kreuzfahrtschiffen: „Unter Deck“ (kostenpflichtig). Die Entrüstung über solche „Sklavenarbeit“ ist verständlich: kein Urlaub, kaum Arbeitsschutz, kaum medizinische Versorgung, hoher Leistungsdruck, geringe Bezahlung. – Ich komme gerade aus Südafrika von einer längeren Reise zurück. Was ich jetzt hier lese, erinnert mich an die Normal-Arbeitsverhältnisse vieler Schwarzer dort.

Meine Eindrücke beruhen auf Beobachtungen und Gesprächen, die ich mit Menschen dunkler Hautfarbe immer intensiver geführt habe. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass die Apartheid in Südafrika keineswegs vorüber ist: Die politische, rechtliche Apartheid ist wohl seit 1994 beseitigt (Aufhebung der Apartheidsgesetze, „one man – one vote“, Übereinkunft zwischen De Klerk (Burenpartei) und Mandela (ANC), aber die ökonomische soziale und kulturelle Apartheid besteht weiterhin. Nie wurde mir der Zusammenhang von Rassismus und Kolonialismus so deutlich vor Augen geführt. Er scheint unauflöslich zu sein. Darum haben diese Erfahrungen nicht nur mit Südafrika oder Afrika überhaupt, sondern eminent auch mit uns zu tun. Auch der wieder wachsende Rassismus bei uns ist nur im unauflöslichen Zusammenhang von Kolonialismus und globalem Kapitalismus zu verstehen. „Bei uns“ meint: in der „westlich“ geprägten Wirtschaft und Politik in Europa und Nordamerika.

Zunächst meine Beobachtungen während einer fast zweimonatigen Reise durch Südafrika. Ich war als Tourist alleine unterwegs, durchweg mit Mietwagen, 8000 km. Ich habe eine Menge von Südafrika gesehen und befand mich von meiner Reiseplanung her durchaus auf vielen typisch touristischen Routen mit Nationalparks, Wildtieren, malerischen Küsten am Indischen Ozean, berühmten Gebirgen wie Drakensberge, Swartberge, Kapgebirge. Es war ein großer Bogen von Johannesburg über den Kruger National Park zur Ostküste, und diese (mit Abstechern ins Landesinnere) entlang bis Kapstadt – zur groben Orientierung. In all den vielen Unterkünften, die ich gehabt habe, gab es durchweg schwarzes Personal und ausnahmslos weiße Besitzer bzw. Manager. Dasselbe gilt für Restaurants, Cafés und Tearooms, Bistros und Imbisse und die meisten Geschäfte und Supermärkte. Nur die Nationalpark – Verwaltung und die Rangers waren oft „schwarz“, ebenso überwiegend die Verkehrspolizei. Selbst in Swaziland, einem kleinen Land mit fast ausschließlich schwarzer Bevölkerung, wo ich zunächst das kleine Guesthouse schwarz geführt sah, gabs keine Ausnahme: Bezahlt wurde am andern Morgen nebenan bei einer weißen alten Dame, der Chefin.

Exkurs 1: zur Wortwahl. Ich zögere immer mehr, der Kürze und Bequemlichkeit halber von „Schwarzen“ und „Weißen“ zu sprechen. Es ist einfach falsch – „Schwarze“ sind nicht schwarz, und „Weiße“ nicht weiß. Es ist eine zutiefst rassistisch geprägte Ausdrucksweise, weil diese extremen Farbzuweisungen bereits mit Wertungen konnotiert sind. „Coloured“ ist eine weiterer ausgrenzender Begriff der Apartheid. Es gibt nur Menschen mit unterschiedlichen Hauttönungen, Teints, Haarfarben und sehr individuellen Gesichtern in ganz unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen. Genauso wie es nicht einen einzigen Typ von hellhäutigen Europäern gibt, so gibt es auch nicht einen einzigen Typ von Afrikanern mit dunkler Hautfarbe. Die Wirklichkeit ist unglaublich vielfältig und kulturell reich ausgestattet, wenn man das Vorurteil und die Prägung durch den Rassismus zu überwinden sucht – zuerst bei sich selbst! – Wenn ich die Wirklichkeit gelebter Apartheid beschreibe, benutze ich weiterhin die Begriffe „Schwarze“ und „Weiße“.

„Weiße“ leben in eigenen Wohngebieten, in Großstädten meist in ummauerten und gesicherten (Einlasskontrolle) Wohnvierteln. In jeder Stadt gibt es aber mehr oder weniger großflächige „Townships“, das heißt Viertel von Hütten aus Holz, Pappe und bestenfalls Blechdächern (tin huts), eng aneinander gequetscht. Diese Townships (der berühmteste ist SOWETO = South-West-Township in Johannesburg) beherbergen oft den größeren Teil der Bevölkerung einer Ortschaft, auch wenn die schönen weißen Wohngebiete die weitaus größere Fläche einnehmen. Das gilt auch für die Touristenorte. Townships sind nicht einmal Slums, es gibt dort heute oft Strom und teilweise auch „sanitation“, zumindest zentral, wenn auch nicht in jedem Haus. Nur in der Umgebung von Durban und Pietermaritzburg („schwarze“ Städte) habe ich auch Mittelstandshäuser modernen Zuschnitts gesehen, die von Familien mit dunkler Hautfarbe bewohnt werden. Die Industrie dort machts! Dann sieht man auch mal neuere SUVs, die von „Schwarzen“, und vermutlich nicht nur als Chauffeure, gefahren werden. Typisch ist es für Südafrika jedenfalls nicht. Typisch ist vielmehr auch, dass man so gut wie keine Paare oder Familien unterschiedlicher Hautfarben sieht, nirgendwo. Das ist sehr auffällig und total verschieden zum Beispiel von Brasilien. Man lebt weiterhin in getrennten Welten. Die Menschen indo-asiatischer Herkunft, besonders im Raum Durban, sind ohnehin nochmals eine eigene Gruppe. Die Unterscheidungen und die Segregation aus den Zeiten der Apartheid wirken mächtig fort. Sogar die Buren in der engeren Kapregion unterscheiden sich allein schon durch ihre eigentümliche Kolonial-Sprache, dem Afrikaans, von den Weißen britischer Herkunft bzw. englischer Sprache. Neun verschiedene Sprachen afrikanischer Völker sind erst seit kurzem offiziell anerkannt.

Constitution Hill
Constitution Hill Joburg

Ich habe in Jo’burg die historische Aufarbeitung der Zeit der Apartheid gesehen, das große, moderne Apartheids-Museum und das „Constitution Hill Museum“, d.h. die zentrale Gefängnisanlage des Apartheidsregimes. Man braucht mindestens einen Tag Zeit dafür; viele Touristen waren nicht dort zu sehen, umso mehr Schulklassen. Ich gehöre zu der Generation, welche die Apartheidspolitik in Südafrika noch „live“ aus Zeitungen, TV-Berichten und heftigen Diskussionen erlebt hat, besonders in den achtziger Jahren – aus der Ferne. Ich dachte, ich wüsste einigermaßen Bescheid – falsch. Nichts wußte ich. Die unmittelbare Erfahrung mit den realen Zeugnissen der Apartheid, ihrer Unmenschlichkeit und Niedertracht, hat mich fast erschlagen. Auch die berühmte, nobelpreiswürdige „Versöhnung“ zwischen dem letzten Apartheids-Premier De Klerk und seinem jahrzehntelangen Gefangenen „Nelson“ Rolihlahla Mandela entsprang nicht aufgeklärter Menschlichkeit, sondern dem Streben nach Machterhalt: Angola und Rhodesien hatten ihn gewarnt, dass man ohne Veränderung alles verlieren könnte, darum wollte er politische Macht ‚teilen‘, um ökonomische Macht (Eigentum an Farmland und Minen) und kulturelle Dominanz zu behalten. Das Kalkül der früheren Burenherrscher ist bisher aufgegangen. – Dieser „Museumstag“ gehört zu den eindrücklichsten Erfahrungen meiner Reise. Dort wurden zu Beginn meiner Zeit in Südafrika das Rufzeichen (Nimm wahr, was ist!) und das Fragezeichen (Wie konnte das sein und immer noch andauern?) gesetzt, die mich die gesamte Zeit meiner Reise begleitet haben. Apartheid war und ist systematische Herabsetzung, Entwürdigung und Demütigung, Rassismus pur um des Kolonialismus willen, mindestens seit 200 Jahren. Erst vor knapp 30 Jahren, also seit einer Generation, wurde sie politisch beendet. Aber sie wohnt noch lange in den Köpfen und Herzen, nicht nur in der sozialen Wirklichkeit. Auch darum gilt Mandelas Vermächtnis: Bildung, Bildung, Bildung!

120 km südlich von Durban, bei Port Edward, beginnt eine wüstenartige trockene und unfruchtbare Hügellandschaft, die sich ca. 500 km an der Ostküste entlang bis zum Kei River kurz vor East London erstreckt. Hier hört sprichwörtlich die Welt auf. Der bis dahin gut ausgebaute Küsten – Highway N2 wird zur rumpeligen Landstraße R61. Die Landschaft ist braun und öde, aber die Region ist dicht bevölkert, ohne dass es eine sichtbare Lebensgrundlage dafür gäbe: ein deutlicher Armutsstreifen in Südafrika. Darüber täuschen auch die zahlreichen Ortschaften in dem Hügelland nicht hinweg. Im Grunde setzt sich die übervölkerte Armutsregion noch über den Kei hinaus fort bis jenseits von Grahamstown, weitere 200 km. Man befindet sich in der Provinz Ostkap, einer der noch heute ärmsten und am wenigsten entwickelten Provinzen Südafrikas. Das erklärt aber noch nichts, erst ein Blick in die Geschichte der Apartheid: Es sind die Gebiete der früheren schein-selbständigen „Homelands“ Transkei und Ciskei (die deutschsprachigen Wikipedia-Artikel blenden das System der Apartheid fast vollständig aus), seit 1976 bzw. 1980 formal unabhängig vom Burenstaat Südafrika, bis zur Wiedereingliederung 1994. Ausgebürgert aus dem eigenen Land, gezwungen in unfruchtbaren Reservaten zu leben, waren die verschiedenen Völkerschaften der Xhosa das ideale Arbeitskräfte-Reservoir für Südafrikas Farmen und Minen: Die Familien mussten in den Homelands bleiben. 3,5 Millionen sogenannte „Bantus“ lebten vor 50 Jahren in diesen Reservaten. Auch das industrielle Port Elisabeth, heute ein wichtiger Standort der Autoindustrie, bezog seine Arbeitskräfte von dort. Dieses System der konstitutionellen Apartheid, einer formalen „Unabhängigkeit“ der „Homelands“ ohne Entwicklungsmöglichkeiten, macht den Zusammenhang von Kolonialismus, Kapitalismus und Rassismus überdeutlich. Noch 1992 fand der „Marsch auf Bisho“ statt, bei dem 29 Menschen durch Truppen des Homelands Ciskei getötet und über 200 verletzt wurden (Massaker von Bisho). Der heutige Präsident Südafrikas, Matamela Cyril Ramaphosa, nahm als Organisator an diesem Protestmarsch gegen das Apartheids-Regime der Ciskei teil. Im Grunde ist diese Entwicklung Südafrikas seit dem 19. Jahrhundert mit der Situation der schwarzen Sklaven und der „Indianer“ in Nordamerika (USA) vergleichbar, nur dass das System der Apartheid bis in unsere moderne Zeit, bis 1994, angedauert hat. Es sind jeweils unterschiedliche Ausprägungen eines ausbeuterischen, menschenverachtenden Rassismus mit dem Anspruch naturgegebener europäisch-weißer Suprematie. Hier hat man es vor Augen, man braucht keine großen Theorien. Nelson Mandela, Steve Biko und andere Führer der afrikanischen Befreiungsbewegung ANC stammten aus der Transkei, aus der Nähe von Mthatha, dem ehemals verballhornten Umtata. In Qunu, dem Geburtsort Mandelas, befindet sich heute ein sehr besuchenswertes kleines Mandela-Museum, das seiner Jugendzeit in der Transkei gewidmet ist. Dort liegt auch der schlichte Familiensitz mit dem Grab des „Madiba“, das für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. – Die normale Touristenroute sieht für den Abschnitt Durban – Port Elisabeth das Flugzeug vor.

Am Ende meiner Zeit in Südafrika, in Kapstadt, hat sich thematisch der Knoten noch einmal geschürzt. Ich hatte dort intensive Begegnungen und teilweise längere Gespräche mit „schwarzen“ Südafrikanern. Mich bewegte die Frage: Wie kommt man sich als „Schwarzer“ vor, wenn man ausschließlich Service-Personal ist und durchweg weiße Touristen bedient? Was geht in den Menschen vor, wenn sie in Restaurants Rechnungen überbringen, die für ein Abendessen krass mehr Geld ausweisen, als Bedienungen im Monat verdienen? Wie lebt es sich in Arbeitsverhältnissen wie dem Nachtdienst (security), der seit 2 Jahren jede Nacht 7 Tage die Woche von 7 – 7 Uhr Dienst hat, arbeitsrechtlich ungesichert, ohne bezahlten Urlaub – für einen Hungerlohn? Wie geht es den Uber-Fahrern, die oft aus den Nachbarländern kommen, deren Tarife aber durch die allzu große Konkurrenz immer stärker sinken? Wie geht es dem Guide, der bei Touristen finanziell einen „Luxusjob“ hat, aber dessen Familie weit entfernt wohnt, der selber äußerst bescheiden lebt, um alles Geld seiner Familie für die Erziehung und Schulen seiner Kinder zu überweisen? Was wissen sie hier im quirligen westlich-weißen Kapstadt vom Leben in den Armutsregionen in der Ostkap-Provinz? – Sie wissen alles, sie wissen und sehen alles sehr genau! Wie naiv habe ich eigentlich gedacht und gefragt? – „Daher kommen wir doch alle.“ Dieser Satz hat mich umgehauen. „Dort leben unsere Familien.“ – „Natürlich gibt es weiterhin Apartheid und massive Benachteiligung.“ – „Der Kampf um die Abschaffung der Apartheid, um wirtschaftliche Gleichberechtigung, um die Überwindung des Rassismus findet täglich statt, in jeder Sitzung des Parlaments, im Stadtrat, am Arbeitsplatz, immer!“ – „Wir wissen das!“ – „Der Weg ist noch lang.“ Das stimmt mit Sicherheit, denn die Minen, Farmen, Industrien und auch die berühmten Weingüter (mit Buren-Namen!) sind alle nach wie vor in weißer Hand. Wie gesagt, De Klerks Kalkül ist bis heute aufgegangen, erst recht im Zeitalter des globalen Kapitalismus. – Ich habe so viele überaus freundliche, aufgeschlossene Menschen unter den „schwarzen“ Afrikanern getroffen, gebildet oft weit über ihre soziale Herkunft hinaus, weiterdenkend, weitsichtig. Der Abschied war stets sehr herzlich. Und ich habe viel gelernt, ein Stück Wirklichkeit des Rassismus gesehen, und so viel Geduld und Ausdauer. Das hat mich in Südafrika am meisten beeindruckt.

Exkurs 2: Die San oder Khoi. Diese Völker sind die ursprünglichen Bewohner Südafrikas. Die heutigen „Schwarzen“ stammen aus Ost- oder Zentralafrika. Aufgrund ihrer für Weiße komplizierten Sprachen mit den typischen Klicklauten (gibts auch im Xhosa) wurden sie verächtlich Hottentotten oder Buschmänner genannt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah man sie als „Bindeglied zwischen Affe und Mensch“ (Zeitungsschlagzeile in Deutschland). Es erging ihnen und ihrer komplexen Kultur wie den Aborigines in Australien oder den nordamerikanischen Ureinwohnern: Sie wurden vertrieben und weitgehend ausgerottet. Den San wurde durch Jagd (zum Vergnügen in „game parks“) der großen Elen-Antilopen (Elans) die Lebensgrundlage geraubt, sie wurden zu Viehdiebstahl gezwungen, aufgeknüpft, bekämpft, ausgerottet oder vertrieben. Daran war auch noch die deutsche Kolonialpolitik in Namibia beteiligt, denn die Reste der Khoi und San zogen sich in die unwirtlichen Gebiete der Wüsten, besonders der Namib, zurück. Heute wird versucht, ihre Kultur zu erforschen und aufzuwerten. Zahlreiche über 1000 Jahre alte Felsmalereien mit Jagdmotiven und Schamanen gibt es in den Drakensbergen, einige davon habe ich gesehen. 80 km westlich von Kapstadt befindet sich neuerdings das offenbar weniger besuchte Kulturzentrum der San, !khwa ttu, sehr empfehlenswert, denn dort geht es vor allem um das naturkundliche und medizinische Wissen der San. Es ist Wissen, wenn auch nicht „Wissenschaft“ nach unseren Maßstäben.

Was hat das alles nun mit uns zu tun? Zunächst einmal wenig, scheint es. Deutschland bzw. das Kaiserreich war in Südafrika nicht involviert, allerdings umso mehr im benachbarten Namibia. Die koloniale Vergangenheit ist angesichts der Massaker, richtiger des Völkermordes an den Herero und Nama bis heute nicht wirklich aufgearbeitet. Das wäre ein eigenes Thema und bei den vielen moralischen Zeigefingern, die in Deutschland politisch gerne erhoben werden, endlich angebracht. Abgesehen davon verbindet uns wirtschaftlich mit Südafrika nicht allzu viel: Cape-Trauben, Mango, Weine. RSA exportiert vor allem billige Steinkohle aus dem Tagebau, aber kaum nach Europa und gar nicht nach Deutschland (siehe Herkunft der Steinkohle). Aber trotz der besonders infamen Apartheidsgeschichte Südafrikas sind die Verhältnisse bei der Produktion ähnlich wie in vielen anderen Ländern der post-kolonialen Welt: Die Steinkohle aus Kolumbien gilt als „Blut-Kohle„, ein wesentlicher Exporteur nach Deutschland. Aber wir brauchen gar nicht Rohstoffe aufzuzählen, die Deutschland als rohstoffarmes Land von überall her importieren muss. Ein großer Teil der Waren in unseren Supermärkten und Einkaufszentren sind Importe aus Ländern mit Billiglöhnen und wenig regulierten, d.h. oft ausbeuterischen und umweltschädlichen Produktionsmethoden. Bei spektakulären Unfällen (Bangladesch!) sehen wir nur die Spitze des Eisberges. Die Tendenz zur Vermarktung zum Beispiel von Bio-Baumwolle oder fair produzierten Produkten ist zwar erfreulich, deckt aber nur einen minimalen Teil der Produkte und Vorprodukte ab, die importiert werden – man denke nur an die Elektronikprodukte. Deutschland hängt voll und ganz in den Kreisläufen der globalisierten Weltwirtschaft, und das heißt eben auch: Unsere Wirtschaft hat immer Teil an den spät- und nach-kolonialen Strukturen und Produktionsverhältnissen weltweit. Unser Wohlstand ist daher wesentlich auf der Ungleichheit und kolonialen Ungerechtigkeit aufgebaut. Und das schließt oft genug Rassismus ein, auch in Europa, wie das Beispiel italienischer Tomatenprodukte u.a. für unsere Pizzen zeigt, die in Süditalien unter oft menschenunwürdigen Bedingungen von Flüchtlingen und Migranten geerntet werden (FAZ – Reportage von 2018). Und hier kommt auch die Wirklichkeit auf Kreuzfahrtschiffen wieder in den Blick. Rassismus und Kolonialismus sind uns näher, als wir denken – Augen auf!

Das sollte uns sehr viel sensibler machen für aufkeimenden und sich ausbreitenden Rassismus direkt in unserem Land. Ich kann nach „Südafrika“ noch weniger über die vielen Fälle von Rassismus besonders gegenüber Flüchtlingen, Migranten und insbesondere Juden hinwegsehen. Erhöhte Aufmerksamkeit ist angebracht, deutliches Entgegentreten in der Öffentlichkeit. Es sind nicht mehr nur Anfänge, denen zu wehren wäre, sondern es ist nach meiner Wahrnehmung ein sich verfestigender, offensiver Rassismus, der mitten in unserer Gesellschaft auftritt und als „normal“ gelten will. Jeder Rassismus aber ist Menschenverachtung pur. Die neu erstarkte Rechte in Deutschland und Europa macht Rassismus wieder salonfähig. Sogar alte Ideologien der weißen Suprematie und völkischen Identität treten unverhohlen an die Öffentlichkeit, – eigentlich unglaublich. Wenn Reisen in viele Länder dieser Welt „bildet“, dann hoffentlich eben auch in der Ausbildung eines Bewusstseins dafür, dass Menschenrechte unteilbar sind und Kolonialismus samt ihn begleitenden Rassismus überwunden werden muss.


Nachtrag 12.03.2019

Lesens- und ansehenswerte Fotoreportage über die zunehmenden Spannungen zwischen Weißen und Schwarzen in Südafrika:
Hinterm Regenbogen – FAZ.NET

Update 10.05.2019 Es sind Wahlen gewesen in Südafrika. Das Ergebnis wirft ein Licht auf die schwierigen Verhältnisse, in die das Land nicht zuletzt durch die Misswirtschaft (Korruption) des ANC geraten ist. Lies dazu den Beitrag des SPIEGEL .

Reinhart Gruhn

 6. Januar 2019  Posted by at 17:32 Afrika, Kolonialismus, Menschenrechte Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Reale Welt des Kolonialismus
Sep 262018
 
Kann man den jüngsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen mit all ihren Umbrüchen, Tabubrüchen, Aufgeregtheiten überhaupt irgendetwas Positives abgewinnen? – Aber natürlich, man kann es durchaus! Denn es wird wieder diskutiert, gestritten, sich ereifert, auch mit überzogenen Positionen und Grenzverletzungen, aber insgesamt doch engagiert und selbstbewusst, auch wenn es in den sozialen Medien immer wieder zu hässlichen Pöbeleien und gezielten Verunglimpfungen kommt. Dass über die Zustände in unserer Gesellschaft und über den Zustand der Gesellschaft als ganzer so heftig diskutiert wird, ist ein gutes Zeichen für eine interessierte und engagierte Bürgerschaft, die sich nicht mit einer eingefrorenen Regierung und den Selbstbespiegelungen der Oberen zufrieden gibt. Zwar mag es auch viele geben, die sich längst frustriert und resigniert (oder einfach übergangen und gleichgültig) aus der Diskussion und politischen Teilnahme verabschiedet haben – die große Gruppe der Nichtwähler ist ein Anzeichen dafür – , dennoch kann man eben in keiner Weise davon sprechen, dass es in unserer Gesellschaft lethargisch und leidenschaftslos zugehe, und das ist angesichts der Herausforderungen unserer Zeit etwas sehr Positives, vielleicht sogar ein positiver Wandel.

Deutschland spricht

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Aktion „Deutschland spricht“ in Berlin © Alexander Probst für ZEIT ONLINE

Denn es ist doch einfach gut, dass vielerorts, in vielen Medien und auf unterschiedlichen Plattformen die wichtigen Themen der Gesellschaft aufgegriffen und diskutiert werden:

  • über Gerechtigkeit und soziale Spaltung
  • über Migration und Integration
  • über Offenheit und Selbstvergewisserung
  • über Nation und Europa
  • über Wehrhaftigkeit und Interessen
  • über Rechtsstaat und Zivilcourage
  • über Emanzipation und Gleichberechtigung
  • über Missbrauch und andauernde Schuld
  • über Bildung, Schule und Wissenschaft
  • über Digitalisierung und Globalisierung
  • über Solidarität zwischen Alten und Jungen, Starken und Schwachen, Vorauseilenden und Langsameren
  • über Freundschaft, Heimatliches und Vertrautes
  • über Religion und Moral
  • über Alter und Pflege
  • über Fakt und Fälschung

Die Liste ließe sich leicht verlängern, genauer ausführen, ergänzen, weiter differenzieren. Sie bedeutet auch keinerlei Rangordnung der Themen und Verhältnisse, die darin angesprochen werden, und auch zunächst keine Zuspitzungen. Die muss es freilich auch geben, wenn es denn um mehr geht als um Spielereien und ‚Friede, Freude, Eierkuchen‘. Es geht in der Tat um mehr, und das ist auch der Grund dafür, dass oft so heftig und polarisiert gestritten wird, so dass nicht mehr zugehört wird und der andere samt seiner anderen Meinung verteufelt wird. Zuhörenkönnen und Geduld gehören zur Diskussion ebenso wie Informiertheit, Argumentationsfähigkeit und Redegewandtheit. Gefühle und Leidenschaften gehören auch dazu, das muss alles so sein, wenn es nicht zur sterilen Übung, zum Ritual geraten soll.

Es gibt allerdings auch Grenzen, Grenzen des guten Geschmacks (worüber man streiten kann) und Grenzen des Tolerierbaren (worüber man nicht mehr streiten kann). Wo Menschen persönlich angegriffen und missachtet werden, wo zu Verfolgung und Gewalt aufgerufen wird, wo sich eine Gruppe anmaßt, alleine die Wahrheit zu besitzen und sich gewaltsam durchsetzen zu können, wo die Menschenwürde missachtet und anderen gar abgesprochen wird, da sind Grenzen überschritten. Da gibt es nichts mehr zu diskutieren, dagegen gilt es Widerstand zu leisten und Polizei und Gerichte anzurufen. Über eine Verrohung der Sprache kann man sich noch beklagen, aber wo Verfolgung und Gewalttätigkeit ausgeübt wird gegenüber anderen, die man als fremd und andersartig ablehnt und ausgrenzt, da ist das Gespräch zu Ende. Antisemitismus ist dabei die Spitze und das wiederkehrende Kennzeichen von grundübler Bosheit und Gewalt. Antisemitismus war und ist für eine Gesellschaft immer wieder so etwas wie der Lackmus-Test ihrer demokratischen Reife und Toleranz. Wo es wieder Juden an den Kragen geht, folgen meist auch die Ausgrenzung anderer Unangepasster und Missliebiger auf dem Fuße, die man beseitigen und ‚ausmerzen‘ will. Ein völkischer Nationalismus und ein sich harmlos gebender erzrechter Populismus sind reale Gefahren der freiheitlichen Gesellschaft. Da nützt keine Diskussion mehr, da gilt nur Widerstand – um ‚den Anfängen zu wehren‘ ist es schon fast zu spät.

Aber da gibt es eben auch die auflebende Bewegung für eine gesellschaftliche Diskussionsfähigkeit und Offenheit, die gegen Ängste und dumpfe Gefühle angeht und Abgehängte einbezieht. „Deutschland spricht“ ist eine großartige Idee. Eine polarisierte und politisierte Öffentlichkeit ist an sich noch gar nichts Schlechtes. Es wäre die Chance da, nach einer Zeit der Erstarrung zu mehr Diskussionskultur, Gesprächsbereitschaft und Toleranzfähigkeit zu finden. Das muss geübt werden, gerade auch vor dem Hintergrund von shitstorms und üblen Beschimpfungen, wie sie im Schutz der Anonymität des Netzes wohl unvermeidlich sind. Man sollte sich davon nicht irritieren lassen, die wichtigen Diskussionen nicht zerstören lassen. Hohlköpfe, auch gefährliche, gibt es immer. Manchmal werden sie sogar Präsident. Damit aber solche Stimmen bei uns nicht zur Mehrheit werden, sondern als dumpfe und dumme Bosheit entlarvt werden, dafür ist das offene und öffentliche Gespräch, die heftige Diskussion, die engagierte Position und Gegenposition, Rede und Gegenrede nötig. Ich habe den Eindruck, wir sind gerade schon dabei.

Das wäre doch ein echt positiver Wandel!

Reinhart Gruhn

 26. September 2018  Posted by at 11:43 Demokratie, Gesellschaft, Öffentlichkeit, Politik, Rechtsstaat Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Positiver Wandel
Jul 292018
 
Noch vor Kurzem standen wir am Abgrund. Jetzt sind wir ein Stück weiter.

In unglaublich kurzer Zeit hat sich bei uns der Wind gedreht, der Rechtsruck ist spürbar. Zumindest in den Medien und bei vielen Politikern hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. All die Opportunisten springen nun rasch von dem angeblich linken Zeitgeist ab und wechseln die Seite, springen auf den scharf nach rechts fahrenden Zug des Autoritarismus, der Abgrenzung und Fremdenfeindlichkeit, des weißen nationalistischen Chauvinismus, der einen wieder öffentlich geäußerten Antisemitismus mit sich führt. So herum ist jedenfalls die sachliche Folge: Erst ist da das latent immer vorhandene Ressentiment gegenüber Juden, das sich in offenen Antisemitismus kehrt, und dann folgt ein mehr oder minder offensiver Rassismus. Der Antisemitismus ist stets der Lackmustest für eine offene, liberale Gesellschaft, die Vorurteile und Rassismus ablehnt. Auch wenn diese krass rechte Kehre im Alltag gottseidank noch nicht so zu spüren ist, – die mediale Befeuerung signalisiert höchsten Alarm.

Nun tritt aber noch ein Zweites hinzu: Ein unter der Oberfläche brodelnder Rassismus ‚alter weißer Männer‘, die um ihre Vorherrschaft bangen. Auch Frauen wählen AfD, aber alte und junge Männer sind in dieser Partei deutlich in der Überzahl. Ganz offensichtlich tritt es in der Strategie eines Steve Bannon zum Vorschein. Die rechte, zum Teil republikanische Wende in den USA ist nur vordergründig dem Verlust von Arbeitsplätzen im „rust belt“ zu verdanken. Die führenden Köpfe wollen den Bruch mit dem demokratischen System, um den Verlust der weißen Mehrheit in den USA (angeblich um 2050) um jeden Preis zu verhindern. Der hierzulande noch kaum vertretene Gedanke der weißen „Suprematie“ ist in der US-amerikanischen Diskussion der Rechten immer präsent. Es ist kein Zufall, dass deswegen das Thema Migration, Einwanderung so in den Vordergrund geschoben wird: Es geht dabei immer um „Flüchtlingsströmen“ aus dem Süden, aus Mexiko und Südamerika bzw. hierzulande aus Afrika und den indo-arabischen Ländern. Islamistisch geprägte Ideologien verstärken zusätzlich die antimuslimische, fremdenfeindliche Abwehrhaltung. Nicht Menschen, sondern allenfalls benötigte Arbeitskräfte (früher Arbeitssklaven) werden beschränkt geduldet. [Nebenbemerkung: Nach einer aktuellen Meldung bemüht sich Polen derzeit um philippinische katholische Arbeitskräfte für einen befristeten Aufenthalt.]

Flüchtlinge vor Libyen – (c) ZDF

Die ‚Festung Europa‘ als Bollwerk gegen die schwarzen und muslimischen Horden ist das Narrativ im Untergrund. Neu ist, dass dieser braune Sumpf sich wieder bis in die Mitte der Gesellschaft ausbreitet. Rechts-nationalistisch, rechts-konservativ, rechts-populistisch – all dies sind diese Bezeichnungen stehen für das neue politische Paradigma, – und Namen von Bannon, Orban, Salvini  bis zu Kurz, Seehofer und Söder. Autokraten und Diktatoren feiern sich und ihre Stärke, die den westlich-verweichlichten Liberalismus überwunden hätten – von Putin über Xi, Duterte, Erdogan bis zu Trump und seinen Gesinnungsfreunden in den USA und England (Johnson). Medien und soziale Netzwerke portieren eine tendenziell rassistische Sprache, – allein schon in der Berichterstattung über nationalistische Parteien und Veranstaltungen werden bisherige Sprachbarrieren beseitigt und das Sagbare weit nach rechts ausgedehnt. Schon dürfen Vertreter der AfD offen den Schusswaffeneinsatz an den Grenzen fordern – und Salvini, der rechtsextreme Scharfmacher und Innenminister in Italien, die Rettung von Schiffbrüchigen verbieten bzw. unmöglich machen. Die Fratze der Inhumanität und Menschenfeindlichkeit im Namen der eigenen Nation erhebt sich mit neuer Kraft gegenüber Ausgegrenzten, Schwachen. Flüchtlingen. Der Rechtsstaat wird zur Farce.

Eines wittert der neu belebte populistische Rechtsnationalismus zu Recht: dass die Nöte wachsender Bevölkerungen auf ganzen Kontinenten nicht enden und nicht mehr „intern“ gelöst werden können. Die Menschen machen sich auf den Weg fort von Familie und Heimat, sei es aufgrund von Verfolgung und Bürgerkrieg, sei es aus der Situation der Hoffnungslosigkeit heraus, um koste es, was es wolle, eine neue Zukunft zu finden – in Europa oder Nordamerika. Die Unterscheidung von Asyslsuchenden und Wirtschaftsflüchtlingen taugt nicht, sie ist rein ideologisch einer Abwehrhaltung geschuldet und trifft die Wirklichkeit nicht. Wir werden uns etwas Neues einfallen lassen müssen, wenn wir auf den Druck der weltweiten Migration (verschärft durch den Klimawandel und durch Verödung intensiv bewirtschafteter Landstriche) angemessen reagiern und dabei unsere Humanität, Liberalität und rechtsstaatliche Demokratie behalten wollen. Wir sind beispielsweise gegenüber Afrika insgesamt in der Pflicht, weil der europäische Kolonialismus erst die Strukturen geschaffen hat, die heute zu so viel Ausbeutung (Diamanten, Öl!), Ungleichheit und Chancenlosigkeit geführt haben. China springt mit dem Export seines Ein-Parteien-Systems und viel Geld in die Bresche, allerdings nicht uneigennützig, sondern um sich strategisch den Zugang zu den Ressourcen Afrikas zu sichern. Insofern haben die letzten Verteilungskämpfe umd die verbliebenen Schätze dieser Erde begonnen – und zugleich der Kampf wachsender Bevölkerungen ums Überleben und um ihren Anteil an Zukunftsfähigkeit und einem minimalen Wohlstand.

Die Antwort der Neu-Rechten ist ‚rechts‘, aber nicht recht, nicht richtig, denn sie bedeutet Krieg und Unmenschlichkeit, sie fordert nur das Recht des Stärkeren auf Kosten der Schwächeren. Schon klar, dass dabei auch alle Freiheiten und gesellschaftlichen Rechte von Minderheiten gefährdet sind und verloren gehen können – Polen, Ungarn, Russland, die Türkei zeigen das jetzt schon. Ich wünsche mir mehr Fantasie und Kreativität, mehr Ressourcen und Möglichkeiten für die Entwicklung von alternativen Handlungsmöglichkeiten, die Freiheit und Liberalität zusammen mit unserer Verantwortung für die Migration und die Migranten bewahren können. Ich habe da bisher noch wenig gefunden. Es wird höchste Zeit, dass mit aller Kraft und aller Intelligenz etwas Neues erdacht und ausprobiert wird, denn sonst wird uns der rechte Strudel allesamt in den Abgrund reißen.

Reinhart Gruhn


Aktuelle Nachricht:

Orban träumt von einem rechten Europa

Es geht anders:

Und wie würde, um ein drittes Beispiel zu nennen, eine Migrationsdebatte geführt werden, die nicht der SVP-Logik folgt? Die also die Menschen, die sich auf transkontinentale Wanderschaft begeben, nicht a priori als ein Problem, sondern als ein Phänomen begreift, das sich im besten Fall ordentlich managen, aber sicher nicht lösen lässt.

aus der ZEIT, zum Thema SVP in der Schweiz

 29. Juli 2018  Posted by at 17:41 Deutschland, Europa, Populisten Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Rechte Herausforderung – der Abgrund