Nov 102019
 

Technologie als Kultur-Ersatz

Zwei Themen begegneten mir kürzlich, die scheinbar kaum etwas miteinander zu tun haben. Einmal geht es um den Transhumanismus, also um die Vervollkommnung oder Überwindung des natürlichen Menschen. Zum andern erregte der Abgesang auf die Geisteswissenschaften von Hans Ulrich Gumbrecht (NZZ) Aufsehen und blieb nicht unwidersprochen (Andreas Kablitz, FAZ). Gemeinsam ist beiden Themen die Aufkündigung eines Kulturverständnisses, das die Förderung und Bildung des Individuums in einen gesellschaftlichen Zusammenhang einbettet, die Humanität sozial verortet (kategorischer Imperativ) und sie auch mittels wissenschaftlicher Weltdeutung („Aufklärung“) kritisch begleitet. Ein solcher Umbruch, wenn er sich denn tatsächlich vollziehen würde, wäre eine Ansage an die Gegenwart, die öffentlicher Diskussion bedürfte.

Da die beiden Artikel von Gumbrecht und Kablitz für sich selber sprechen, muss erläutert werden, was es mit dem Transhumanismus auf sich hat. Deutlich wurde die Problematik in einem Vortrag von Michael Hauskeller (Liverpool) im Rahmen der Ringvorlesung des Zentrums für Wissenschaftstheorie und des Centrums für Bioethik an der Westfälischen Wilhelms – Universität Münster. Wenngleich die Begriffe Humanismus, Posthumanismus und Transhumanismus schillernd sind, so ist dieser überwiegend angelsächsischen Bewegung gemeinsam, den auf Renaissance und Aufklärung beruhenden Humanismus radikal weiterzuführen, sei es durch Überwindung, sei es durch überbietende Vollendung. Mittel dafür sind die rasant wachsenden technologischen Möglichkeiten und Fähigkeiten des heutigen Menschen, sich der gezielten Genmanipulation, der Künstlichen Intelligenz (AI / KI) und der Mensch-Maschine-Kopplung zu bedienen. Der natürliche Mensch, wie ihn die „Bio-Konservativen“ sehen, ist aus dieser Sicht defizitär insbesondere hinsichtlich Krankheit, Leid und Tod. Gibt es das Wissen und die Mittel, diese Defizite zu beseitigen, ist der Mensch geradezu verpflichtet, sich selbst zu entgrenzen und eine neue Seinsform als Transhumanum zu verwirklichen. Science Fiction – Themen berühren sich mit utopischen Gedanken bei Vertretern dieser Bewegung, gehen darin aber nicht auf (siehe zum ersten Überblick Wikipedia deutsch, vor allem aber den ausführlichen Artikel Wikipedia englisch.) Es ist die ernst gemeinte und philosophisch formulierte These, dass die Aufklärung als Aufbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit (Kant) erst noch bio-technologisch und KI-basiert ins Werk gesetzt werden, sie je nach Sichtweise vollendet oder überwunden werden müsse. Der natürliche Mensch selber (und nicht bloß seine Befindlichkeiten, Ansichten und Haltungen) ist zum Gegenstand der Kritik und Korrektur geworden. Ein neues transhumanes Design wird geschaffen.

Die dadurch aufgeworfenen ethischen Fragen sind erheblich und berühren die Grundlagen des menschlichen Selbstverständisses. Sie sind aber vor allem gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Biochemische Mittel zur körperlichen und intellektuellen Leistungssteigerung sind allenthalben im Umlauf, – nicht nur im Sport ist „Doping“ ein zentrales Problem. Die Frage der Steuerung menschlicher Reproduktion ist zunächst durch Vorauswahl von Gendefekten in den Bereich des bei Schwangerschaften Alltäglichen gerückt. Zumindest verläuft die Entwicklung der Medizin und der Prothetik in eine Richtung, die neben der Heilung auch Verbesserung, Optimierung ermöglicht. Die Perspektiven der Transhumanisten mögen noch extravagant oder abwegig erscheinen, sie sind gleichwohl real gegebene Möglichkeiten wissenschaftlich-technischer Entwicklung und Manipulation. Schon allein deswegen sollte man sich damit auseinandersetzen.

Transhumanisten Symbol
Transhumanisten – Symbol (c) Wikimedia Commons

Demgegenüber scheint der Abgesang auf die Geisteswissenschaften als universitäre Disziplinen vergleichsweise harmlos. Die Replik von Kablitz auf Gumbrechts Provokation (wenn sie denn überhaupt als solche empfunden wird) ist bestimmt noch nicht alles, was dazu zu sagen wäre. Gumbrecht beschreibt doch schlicht die angelsächsische Wirklichkeit, die schon durch entsprechende Begriffe angezeigt wird: „Science“ ist evidenzbasierte Naturwissenschaft, alles andere sind die „humanities“, das Menschlich-Allzumenschliche in Geschichte, Literatur, Kunst, das Gumbrecht nur noch für den Zweck ästhetischen Konsums gerechtfertigt hält. Es fallen allerdings neben der Geschichte die Soziologie, Psychologie, Jurisprudenz und wohl auch die Ökonomie durch das Raster, sofern sie sich nicht ausschließlich erfahrungsbasiert, sondern ebenso hermeneutisch und normativ definieren. Ausschließlich datengetriebene Kulturwissenschaften wären eher das Gegenteil von dem, was wir gemeinhin als liberale, aufgeklärte, gesellschaftsbezogene Kulturwissenschaften verstehen. Die Restriktion der Wissenschaft auf Empirie, Evidenz, Daten und Technologie mag zu einer enormen wirtschaftlichen Steigerung der Verwertbarkeit des Wissens beitragen, Produktivkräfte geradezu entfesseln, so dass umfassende Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, die sich ihren kritischen, analytischen, exemplarischen Anspruch nicht rauben lassen, an den Rand gerückt werden. Die Auswirkungen solcher Tendenzen zu immer stärkeren Verwertungsinteressen („Drittmittel“) lassen sich auch an deutschen Universitäten beobachten.

Und hier trifft sich das Fortschreiten der technischen (Natur-) Wissenschaften als einer Art wissenschaftlicher ‚Säkularisierung‘ mit den Zielen des Transhumanismus, – zumindest passt es allzu gut zusammen. Zu machen und zu verwirklichen, was immer möglich ist, dient vor allem der Selbstvervollkommnung, das heißt der Perfektionierung des Einzelnen, der sich selber als ‚transhumanes‘ Ego neu erschafft. Kultur und Gesellschaft, ihre Prägungen und Verpflichtungen, sind da nur hinderlich, lassen sich allenfalls noch individuell ästhetisch goutieren. Der wahre Mensch aber soll der neugeschaffene Mensch sein, der sich seiner Fesseln und Schranken entledigt, – alte Mythen und Utopien lassen grüßen. Nur ist es heute ’science‘, die dabei hilft. ‚Humanities‘ sind dann nur noch etwas für die „Bio-Konservativen“ als zukünftige „Amish-People“. So nennen Transhumanisten ihre Gegner. Das passt erstaunlich gut zusammen.

Nimmt das Programm ernst, ist schnell zu erkennen, dass es dabei letztlich um reine Machtfragen geht, darum nämlich, wer die begrenzten technischen Ressourcen verwaltet und zuteilt, wer die Maßstäbe setzt für das Mögliche und unbedingt zu Erreichende, wer dem Kreis der Erwählten und biotechnisch Optimierten angehören darf und wer als bloß bionatürlicher Rest, selbst wenn es die große Mehrheit ist, ausgeschlossen bleibt. Danach aber wird bei den Transhumanisten gar nicht gefragt. Ob das vorgeblich Gute und Richtige, das es mit dem Transhumanum zu erreichen gilt, tatsächlich bei der Verschmelzung von ‚wissenschaftlichen‘ Evidenzen und Daten gleichsam von selbst „ausfällt“, ob also der so ersehnte Fortschritt etwas anderes ist als eine neue Form eines technologischen Totalitarismus, wird weder bedacht noch diskutiert. Naturwissenschaft allein reicht eben nicht für Gesellschaft und Kultur. Es wird Zeit für eine solche Diskussion, und Ethik und Kritik sind gefragt, wenn darüber entschieden wird, welchen Weg die Menschheit nehmen soll.

Update:
Claus Pias beschreibt in der FAZ „Gestern und morgen sind abgeschafft!“ eine vergleichbare Entwicklung im Blick auf den „Präsentismus“ der digitalen Medien, nämlich als eine Art self-fullfilling prophecy des silicon valley – brilliant beobachtet und geschrieben! (FAZ plus).

.art

Jul 162013
 
In einigen Blog-Beiträgen haben ich empfehlend auf das Buch „Der Ego-Tunnel“ von Thomas Metzinger hin gewiesen. Es ist äußerst anregend zu lesen und enthält eine Fülle neurowissenschaftlicher Befunde und analytisch-philosophischer Überlegungen. Sein Phänomenales Selbst-Modell (PSM) ist eine hoch interessante Theorie einer Bewusstseinsphilosophie. Die in diesem Buch populärwissenschaftlich aufbereiteten Arbeiten Metzingers (ausführlich in „Being No One. The Self-Model Theory of Sujectivity, 2003) lohnen die geistige Auseinandersetzung mit dieser Theorie. Vieles klingt sehr überzeugend, ja faszinierend. Aber es ist bisher eine bloße Theorie, ein Denkmodell, das der neurologischen Begründung noch weitgehend entbehrt. Metzinger merkt bisweilen an, hierzu würden sich „gewiss“ bald die empirischen Nachweise finden lassen. Auf einige Phänomene und empirischen Befunde kann er verweisen (Out of Body Experience, Wachtraum), die aber doch eher randständig und vielleicht sogar pathologisch sind. Ob sie sich zur Verallgemeinerung eignen, sei dahin gestellt.

Grundsätzlicher ist die Kritik eines recht unbekümmerten Dogmatismus. Sein Modell wird unter der Hand zur gegebenen Faktizität, seine Theorie zur gewissen Beschreibung der Wirklichkeit, sogar zur einzig wahren und zutreffenden. Denn nur so lassen sich die letzten Kapitel erklären, in denen Metzinger eine recht eigenwillige Ethik des Mentalen, eine Bewusstseinsethik, skizziert. Er fordert eine Art „mentaler Hygiene“ und als Mittel dazu „flächendeckenden Meditationsunterricht“. Die Freigabe bewusstseineserweiternder Drogen und Praktiken gehört ebenso zu seinem Forderungskatalog wie die Kontrolle und Bekämpfung eines aus seiner Sicht überholten, falschen und darum gefährlichen Selbstverständnisses, wie es die Religionen auf „obskure“ Weise und oft gewalttätig anbieten. Hier berühren sich Metzingers Ansichten eng mit dem militanten Atheismus eines Richard Dawkins. Auch bei Metzinger ist die Selbstgewissheit bezüglicher der eigenen Theoriemodelle und die Selbstverliebtheit in die eigene ‘Wahrheit’ zum bestimmenden Interesse geworden. Was er aus vermeintlicher Sorge um die ethische Verantwortung der Neuro-Anthropologie fordert, läuft letztlich auf die Abschaffung einer philosophischen Anthropologie hinaus zugunsten einer neurotechnischen Bewusstseinsmanipulation.

Jan Matejko, Copernicus (Wikipedia)

Jan Matejko, Copernicus (Wikipedia)

Man mag bei manchen seiner Ausführungen den Kopf schütteln, aber man sollte sie ernst nehmen. So wie Metzinger es offen ausformuliert, denken offenbar manche, wenn nicht viele der Neuro- und Kognitionswissenschaftler sowie derjenigen Philosophen, die sich der analytischen Philosophie als Weltanschauung verschrieben haben. Wenn eine Methode der Theoriebildung ihre Vorläufigkeit vergisst und sich zum umfassenden, einzig gültigen Weltbild erhebt, dann ist das klassischer Dogmatismus. Die eigenen Voraussetzungen und Beschränktheiten werden nicht mehr reflektiert. Gegner der neuropsychologischen Theoriebildung und ihrer analytisch-philosophischen Weiterführung sind dann entweder dumm oder borniert, weil alten „falschen“ Vorstellungen vom Menschen verhaftet. Diese Strategie der Selbstimmunisierung gegenüber grundsätzlicher Kritik ist ein deutliches Zeichen des Dogmatismus: Neurowissenschaft als Ideologie. Leider ist Thomas Metzinger hierfür ein typisches Beispiel. Seine Theorien sind Denkmodelle und als solche interessant und hilfreich. Wie weit sie bei kritischer Sichtung und Diskussion Bestand haben können, muss sich erst noch zeigen.

Es ist allerdings ein weit verbreitetes Selbstverständnis der heute herrschenden Naturwissenschaft, wenn sie sich auf einen grundsätzlichen und unanfechtbaren Physikalismus (in unterschiedlichen Schattierungen, gute Übersicht bei Patrick Spaet) als Weltbild stützt. Denn es ist klar, der Grundsatz der kausalen Geschlossenheit und der Reduzierbarkeit aller Weltphänomene auf die physische Basis lässt nur dieses eine und kein anderes Weltbild neben sich zu. Der Physikalismus oder, wie er auch genannt wird, der physikalische Naturalismus, beschreibt die Weltwirklichkeit mit all ihren Elementen, Strukturen, Relationen in einem mathematischen Modell. Die Ergebnisse und daraus abgeleiteten technischen Umsetzungen sind beeindruckend. Aber es bleibt ein Denkmodell: „Nach dieser Auffassung ist eine wissenschaftliche Theorie ein mathematisches Modell, das unsere Beobachtungen beschreibt und kodifiziert.“ Und weiter: „Aus positivistischer Sicht lässt sich jedoch nicht bestimmen, was real ist. Wir können lediglich nach den mathematischen Modellen suchen, die das Universum beschreiben, in dem wir leben.“ (Stephen Hawking, zit. nach P. Spaet) Denkmodelle aber sind per se beschränkt und vorläufig. Sie sind nur innerhalb ihrer Grenzen aussagekräftig und erkenntnisleitend. Hypostasiere ich den Physikalismus zur allein möglichen „wahren“ Theorie, dann habe ich keine wissenschaftliche Theorie mehr, sondern eine dogmatische Weltanschauung. Viele Naturwissenschaftler scheinen sich das heute nicht mehr mehr bewusst zu machen. Wie Hawking und andere zeigen, gibt es aber durchaus heraus ragende Naturwissenschaftler, die auf die Grenzen der eigenen Theoriebildung hinweisen. Es wäre gut, wenn dies auch unter den Neurowissenschaften, insbesondere auch der sich ihnen andienenden analytischen Philosophie des Geistes bewusst bliebe und beachtet würde.

Denn es gibt genug Argumente, welche die Grenzen, Unstimmigkeiten und Unvollständigkeit des Physikalismus zeigen. Das am meisten verbreitete Denkmodell eines reduktiven Realismus krankt an dem bleibenden Dilemma, etwas Nicht-Physikalisches aus dem Rein-Physikalischen herleiten zu wollen, sei es in Form emergenten Verhaltens oder in der Relation der Supervenienz. Die vielstimmige und durchaus widersprüchliche Diskussion der letzten Jahrzehnte allein um diese Begriffe (Emergenz, Supervenienz) zeigt, wie unzureichend und im Grunde unbefriedigend diese „Lösung“ ist.

Oft wird darauf hingewiesen, das neue physikalische Weltbild und die nun erfolgende neuro-anthropologische Zuspitzung sei so etwas wie die Kopernikanische Wende dieses Jahrtausends. Das mag sein. Doch man beachte, dass auch das Weltbild des Kopernikus (in dem zum Beispiel Religion einen sicheren Platz hatte, Kopernikus war ein äußerst frommer Mensch) eigentlich „nur“ ein Wechsel der Perspektive war. Denn das geozentrische Weltbild entsprach und entspricht bis heute der alltäglichen Erfahrung: Wir sprechen nach wie vor von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang und lesen die Zeiten im Kalender. Erst der Wechsel des Standpunktes zum Fixsternhimmel zeigt, dass unsere planetarische Welt heliozentrisch ist. Alltäglich und geozentrisch gesehen bleibt der Sonnenaufgang und das Wandern der Sonne über den Himmel von Ost nach West also „richtig“. Nicht diese Perspektive war falsch, sondern die Dogmatisierung zum einzig möglich und anerkannten Standpunkt aller Wissenschaft. Erst ein Standpunkt außerhalb vermittelte das neue Wissen und die neue Weltsicht, das Weltbild der Kopernikanischen Wende.

Es ist zu wünschen, dass die Naturwissenschaft heute nicht erneut dem Dogmatismus verfällt und ihren physikalisch-kausalen Standpunkt zum allein möglichen und gültigen erklärt. Die Wirklichkeit, wie wir sie erleben, ist reicher und vielfältiger als die mathematische Abstraktion des naturwissenschaftlichen Denkens. Diese ist wichtig und hat uns ungeheure Fortschritte der Erkenntnis beschert. Aber der Physikalismus der Naturwissenschaft ist nicht der einzig mögliche Standpunkt für menschliche Erkenntnis. Er ist schon gar nicht das einzige Vorbild einer bedeutungsvollen Philosophie. Es ist schon erstaunlich, darauf besonders hinweisen zu müssen.

 16. Juli 2013  Posted by at 11:37 Ethik, Naturwissenschaft, Philosophie Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Dogmatismus in den Neurowissenschaften
Mrz 062013
 
Während sich das digital interessierte Deutschland monatelang über das Leistungsschutzrecht (LSR) zerriss und sich in einer typisch deutschen Art ideologisch hinter Verlegern oder Netzverteidigern verbarrikadierte (ein Nebenkriegsschauplatz des Schlachtfeldes „Urheberrecht“, auf dem schließlich ein Nonsens-Gesetz verabschiedet wurde), deuten sich weit reichende Veränderungen auf zwei ganz anderen Feldern an. Das, was sich da im Bereich „Digitale Fabrikation“ und „Biotechnologie“ tut und offenbar kurz vor dem entscheidenden „turn“ steht, wird hierzulande öffentlich kaum wahrgenommen. Die sogenannte „Netzelite“ tummelt sich lieber auf den quasimetaphysischen Höhen von „Mensch-Maschine“-Spekulationen.

Der eine Bereich ist der 3D-Druck. Ich habe das bisher eher als eine Spielerei nach Art des 3D-TV abgetan. Das ist es aber mitnichten. 3D-Drucker, die bisher nur aus einem einzigen Material (Kunststoff) aus digitalen Vorlagen schichtweise räumliche Gegenstände produzieren, sind allererst der Anfang einer völlig neuen Produktionsweise: der ubiquitären digitalen Fertigung, um „Daten in Dinge und Dinge in Daten zu verwandeln“. Sehr erhellend ist dazu ein Interview mit dem MIT-Wissenschaftler Neil Gershenfeld neulich in der FAZ. (Weiteres findet man bei Heise.) Ein „digital fabricator“ wird in der Lage sein, komplexe Werkstücke herzustellen, weit mehr, als es bisher 3D-Drucker können. „Im MIT haben wir einen Prototyp entwickelt, den PopFab, einen tragbaren 3D-Drucker, der in einen Koffer passt und mit dem man schneiden, fräsen und bohren kann, wenn man ihn mit einem Computer verbindet.“ Die Umwälzung liegt darin, dass langfristig die Herstellung von Gebrauchsgegenständen aller Art auf ein digitales Muster schrumpft, das an beliebigen Orten der Welt beliebig oft von einem „digital fabricator“ materiell hergestellt werden kann – oder auch nur in einem einzigen Exemplar, wenn ich mein persönliches Design in die Produktionsdaten eingegeben habe. So wie sich das entwickelte und gedruckte Foto in eine digitale Vorlage verwandelt hat, deren Zahlencode keine Unterscheidung von Original und Kopie mehr zulässt, genau so wird auch die Herstellung von Möbeln, Fahrrädern, Gebrauchsgegenständen nur noch in der handgreiflichen Umsetzung aus einer digitalen Vorlage bestehen. Wie beim digitalen Foto, Buch oder MP3-Musikstück sinkt der Wert der einzelnen Reproduktion gegen Null, weil aller Wert im digitalen Muster selber enthalten ist. Dieses kann man nicht mehr eigentlich „haben“, sondern nur noch „nutzen“. Das, so kann man jetzt schon absehen, wirft Fragen des Urheberrechtes von ganz neuer Tragweite auf.

Digitale Fertigung scheint das Zeug zu haben, die Produktionsweise von Gütern aller Art über die bekannten CAD-Verfahren hinaus gründlich zu verändern. Was bisher allenfalls für die Herstellung von hoch spezialisierten Elektronikbauteilen galt (Displays, Chips: das „Original“ ist beispielsweise das reine Prozessor-Design, das mit entsprechenden Fertigungsanlagen an beliebigen Orten beliebig oft „produziert“ werden kann, siehe das Geschäftsmodell von ARM), könnte durch die weiter entwickelten 3D-Drucker zu „fabbern“ die Herstellung von Gebrauchsgegenständen, Ersatzteilen, Einzelstücken aller Art völlig umwälzen. Jedenfalls weisen die 3D-Drucker den Weg in diese Richtung. Mit der Veränderung der Produktionsweise und der Produktionsmittel würden sich wohl auch die Produktionsverhältnisse tief greifend verändern können. Gershenfeld spricht von der Möglichkeit einer „Demokratisierung der Produktion“. Nun, das wird sich zeigen, denn diese Veränderung könnte auch ebenso sehr zu einer Kannibalisierung von Produktion und Produkten führen: Wer schafft und „verdient“ dann noch welche Werte? Insofern ist offenbar das, was wir bisher als „Digitalisierung“ kennen und feiern, der allererste Anfang einer sehr viel weiter gehenden Veränderung unseres Verhältnisses zu den „Dingen“: nämlich die konsequente Verwandlung der Dinge in Daten und der Daten in Dinge.

Stammzelle (Wikipedia)

Stammzelle (Wikipedia)

Ein anderes technologisches Feld, auf dem man ebenso vom Erreichen des „turns“ spricht, ist die Biotechnologie: Hier werden in Bioreaktoren aus Stammzellen beliebige eigene Körperzellen gewonnen, zum Beispiel Herzzellen, die den biologischen Muskelzellen vollkommen gleichen und sich dem entsprechend selbständig rhythmisch zusammenziehen und so „arbeiten“. Der Stammzellenforscher George Kensah von den „Leibniz Forschungslaboratorien für Biotechnologie und Künstliche Organe“ in  Hannover, spricht hier davon, dass es bereits jetzt schon „ganz klar Richtung Massenproduktion“ geht. Die Transplantations- und biotechnische Molekularmedizin steht vor einem gewaltigen Schritt zur Regeneration defekter Organe aus bestenfalls eigenem Gewebe. Man lese hierzu den eindrücklichen Artikel jüngst in der FAZ. Auch hier deutet sich eine Veränderung an, die zu bewältigen noch einiger ethischer Diskussion bedarf, die über die bisherige Stammzellendiskussion weit hinaus führt.

Es geht tatsächlich um die Fähigkeit, durch „bio-engineering“ organisches Gewebe neu zu schaffen und medizinisch anzuwenden – keine Zukunftsmusik, denn es geschieht schon in der Forschungspraxis. An dieser Stelle schürzt sich übrigens der Knoten der beiden von mir vorgestellten Entwicklungsfelder: „In Schottland hat man unlängst embryonale Stammzellen mit einem schonenden 3D-Drucker „ausgedruckt“ und damit kleine definierte Kugelzellhaufen geschaffen.“ Gerade diese Möglichkeit zur einfachen Vervielfältigung unterstreicht den Trend zur Massenproduktion. Es geht dabei schlicht um die Umprogrammierung körpereigener Zellen, um dann dort eingesetzt zu werden, wo krankes Gewebe ersetzt werden muss. Die Biotechnologie rund um die Stammzellenforschung ist offenbar das andere Standbein innerhalb der Molekularbiologie, dem neben der spektakulären Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor gut zehn Jahren kaum zu überschätzende Bedeutung zukommt. Überhaupt scheint mir die Biotechnologie durch erfolgreiche Zellprogrammierung ein in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Feld umwälzender Veränderungen zu sein. Vielleicht ist es auch gut so, dass hier nicht marktschreierische Schlagzeilen und Verkürzungen Verunsicherung schaffen.

Es geht in beiden Bereichen der Entwicklung neuer digitaler und biologischer Technologien in aller Ruhe Schritt für Schritt voran – bis jenseits des „turns“ eine neue Realität da ist. Wir brauchen dann nur noch die Augen auf zu machen.

 6. März 2013  Posted by at 11:16 Daten, Medizin, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Techniken vor dem „turn“
Nov 032012
 
Viele sind sich darin einig, dass sich mit der „digitalen Revolution“ eine Umwälzung mit epochalen Auswirkungen vollzieht, wir also mitten in einer Technologie-Entwicklung („Explosion“) stecken, die zwar allmählich, aber unaufhaltsam tief greifende mediale, soziale und kulturelle Veränderungen hervor ruft. „Technologische Revolution“, „evolutionärer Schub“ jubeln die einen, „totale Überwachung“, „grenzenlose Manipulation“ giften die anderen. Wie so oft liegt die Wahrheit eher in der Mitte. Die neuen Medien und Techniken bieten tatsächlich phantastische Möglichkeiten der zwanglosen Kommunikation mit Menschen und Ideen, die man nie zuvor „getroffen“ oder entdeckt hätte. Und zugleich mit den Möglichkeiten wächst auch die Versuchung des freiheitsfeindlichen, ökonomistischen und vereinfachend-polarisierenden Gebrauchs. Wo Staatsorgane sich der neuen Techniken bemächtigen, kommt meist etwas für das Individuum sehr Bedrohliches heraus. So geht es also auch in der digitalen Welt der Netze wie eh und je darum zu unterstützen, was Freiheit und kulturelle Vielfalt fördert, und  zu begrenzen, was Uniformität und Kontrolle mit sich bringt .

Dabei läuft aber gleichzeitig eine ganz andere „Revolution“ ab, die wir merkwürdig teilnahmslos und scheinbar uninteressiert und darüber hinaus mit völlig schiefen Schlagworten wahrnehmen: Die unaufhörlich wachsende und weltweit an Dynamik zunehmende Lebenserwartung des modernen homo sapiens. „Mit Macht drängt die Menschheit den Tod zurück.“ schreibt Inge Klopfer in einem Artikel der FAZ vor ein paar Tagen und zitiert Jutta Gampe vom Rostocker Max-Planck-Institut für Demographie: „Doch unsere Lebenserwartung wird immer noch weit unterschätzt… [der Blick auf die Statistik] wirft ein völlig falsches Licht auf die Dynamik. Wir drängen den Tod immer weiter zurück.“ Heute geborene Kinder können bei uns durchaus erwarten, 100 Jahre alt zu werden und mehr. Die Dynamik der Lebensverlängerung, gespeist aus medizinischem Fortschritt, verbesserter Hygiene, qualitativ hochwertigen Lebensmitteln, veränderter Arbeits- und Freizeitwelt, bewussterem („gesünderem“) Leben im Alter (wann fängt das eigentlich an?), – sie wirkt weltweit, am deutlichsten in den am meisten entwickelten Ländern, den früher sogenannten „Industrieländern“, also z.B. bei uns.

Meist wird diese Entwicklung aber eher negativ konnotiert mit den Stichworten „Bevölkerungsrückgang“, „Vergreisung“, „Altersarmut“, „Alzheimer“. Wer länger lebt, so wird suggeriert, wird mit Demenz und Armut bestraft. Der ansonsten so verdiente Bielefelder Demographie-Forscher Herwig Birg hat schon vor vielen Jahren auf das gewaltige Veränderungspotential der demographischen Entwicklung hingewiesen, allerdings ebenfalls meist mit warnendem Unterton. Bei Sarrazin hieß es dann nur noch platt und populistisch, dass „wir“, die Deutschen (und natürlich Intelligenten) dabei sind „auszusterben“. Das ist genauso dumm wie das vormalige Jammern darüber, dass „die Computer“ Arbeitsplätze vernichten. Das eigentliche welt- und kulturverändernde Potential dieser demographischen Entwicklung wird dabei völlig verkannt. Ja, wir werden immer älter, ja, es gibt bei uns relativ immer weniger junge Menschen, ja, wer heute geboren wird, hat die Chance auf ein erfülltes, gesundes und mehr als 10 Dekaden währendes Leben. Sich zu fragen, wie das bezahlt werden soll, ist wichtig, greift aber zu kurz. Klar, wer länger gesund ist und länger lebt, wird auch länger für seinen Lebensunterhalt arbeiten müssen und wollen. „Länger leben gibt es nicht umsonst„, schon klar. Aber werfen wir doch einmal einen Blick auf die Perspektiven dieses Wandels. Sie sind wahrlich beeindruckend und werden Leben und Kultur nachhaltig verändern und neu gestalten.

Der vitruvianische Mensch, nach Leonardo da Vinci (Wikipedia)

Noch ist die Frage: „Wie lange wollen Sie leben?“ eine Fiktion. Sie könnte allerdings in einigen Jahrzehnten Wirklichkeit werden, auch wenn es dabei (noch) nicht um die Frage einer unbegrenzten Verlängerung der Lebenszeit geht. Davor liegen noch einige biologische Hürden, wenn es denn überhaupt jemals medizinisch machbar sein wird. Aber auch eine um Jahrzehnte ausgedehnte Lebenszeit stellt unsere mentale Verfassung vor gewaltige Herausforderungen. „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ – und dies nicht mehr als Kriegsepos, sondern als reale Möglichkeit, wobei „ewig“ bis auf weiteres bildhaft zu verstehen ist: im Vergleich zu unseren jetzigen Erfahrungen unvergleichlich viel länger. Aus körpereigenen Stammzellen werden Organe erneuert werden; miniaturisierte technische Implantate werden mit Energie aus unserem eigenen Stoffwechsel versorgt werden können; durch genetische Manipulation wird der Alterungsprozess der Zellen gezielt beeinflusst werden können; unser Gedächtnis (Nervenzellen) wird durch Mikrochips unterstützt und erweitert werden usw. usw. Dies alles ist keine science fiction, sondern beschreibt nur, woran jetzt schon in Laborversuchen konkret gearbeitet wird. Man muss nur die Meldungen sammeln, die es bis in die Wissens-Seiten der Zeitungen und Magazine geschafft haben. Menschen werden definitiv sehr viel älter werden können, als es heute vorstellbar ist. „Der Sinkflug der Mortalität ist eine der großen zivilisatorischen Errungenschaften der jüngeren Menschheitsgeschichte“, zitiere ich noch einmal Jutta Gampe.

Wie gehen wir mit der gewonnen Zeit um? Wie lange können wir arbeiten und leben? Wie lange „müssen“ wir arbeiten und leben? Gibt es ein „Zulange“, ein Leben als nicht endende Langeweile oder gar Qual? Welche Lebensqualität ist für ein solch stark verlängertes menschliches Leben einzufordern? Muss es damit zusammen nicht auch das Recht auf ein selbst bestimmtes Sterben geben? Wie entkommt man einem gesellschaftlichen Zwang zum „sozialverträglichen Ableben“? Jede Menge neuer Fragen, ethischer Grundsatzfragen, Fragen an die Vorstellung vom Leben, die jeder und jede Einzelne hat, haben wird. Man schiebe dies nicht als Spinnerei beiseite. Schon in anderen Fällen hat sich der Mensch „selbst bestimmt“ über seine natürlichen Grenzen hinweg gesetzt: Bei der Zeugung, also beim Eintritt in das Leben mit der Erfindung der „Pille“. Kinder zu bekommen ist für den heutigen Menschen keine Naturnotwendigkeit mehr, sondern frei gewähltes Wollen. Sex und Fortpflanzung sind seit über 50 Jahren zwei unterschiedliche Dinge geworden. Welche Revolution das in unserem Sozialverhalten bewirkt hat, können wir heute allmählich annähernd abschätzen. Das selbst bestimmte Ende des Lebens steht noch in größerer Ferne, so scheint es. Angesichts der immer noch erschreckend hohen Zahl von Unterernährten und Hungernden, ganz zu schweigen von sozial am Existenzminimum lebenden Menschen erscheinen solche Überlegungen fast zynisch. Aber täuschen wir uns nicht: Die Entwicklung in den hoch entwickelten Ländern geht genau in die skizzierte Richtung, und die anderen Länder folgen früher oder später nach. Die wachsende Lebenserwartung ist ein weltweites Phänomen. Wenn die Menschheit nicht gerade in einer selbst- oder fremdverschuldeten Katastrophe ihr Ende findet.

Bis dahin jedenfalls sollten wir uns durchaus darüber Gedanken machen, was wir heute und morgen unter Altern verstehen, wann denn überhaupt das Altsein anfängt, welche Gesundheit jeweils zur Verfügung steht, welche Auswirkungen dies auf unser Arbeiten, Geldverdienen, auf soziale Zusammenhänge, den Zusammenhalt und die sozialen Sicherungssysteme haben wird. Die stetig älter werdende Gesellschaft, womöglich als Massenphänomen, dürfte einigen sozialen Stress verursachen. Es fängt ja heute schon an, siehe das böse Stichwort vom „sozialverträglichen Ableben.“ Nicht erst anlässlich des derzeit aktuellen Themas Organspende (-Ausweis) ist die Frage nach dem eigen verantwortlich geführten, verlängertem Leben sinnvoll und nötig. Von den Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften ist da wenig Hilfe zu erwarten. Sie hängen erfahrungsgemäß allzu lange an vergangenen Wertvorstellungen. Die Frage „Wie lange wollen wir leben?“ soll provozieren: uns zum Nachdenken anregen. Es steht nicht weniger als eine soziobiologische „Revolution“ an, ein Wandel ungeahnten Ausmaßes. Es ist nicht immer „der Computer“, der alles verändert, aber die digitale Technik kann den biologischen Wandel erheblich beschleunigen*). Er sollte uns nicht völlig unvorbereitet treffen, damit längeres, gesundes Leben zu einem Gewinn für den Menschen wird. Darüber entscheidet dann nicht mehr allein die Natur, sondern eine  neu zu definierende, sozial gestaltete „Kultur des Lebens“.

*) Vielleicht ist es sogar zutreffender, von Interdependenz zwischen digitaler und biologischer Entwicklung zu sprechen. Anders gesagt sind es wohl zwei Seiten einer Medaille. Das verdeutlicht die Forschung zur „Künstlichen Intelligenz“, die auf dem Wege ist, Gefühle zu modellieren. Siehe zum Beispiel Dietmar Dietrich, Wien, „Intelligenz braucht Gefühle“. Das wäre ein eigenes spannendes Thema.

 3. November 2012  Posted by at 20:04 Kultur, Leben, Medizin, Tod Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Wie lange wollen wir leben
Okt 112012
 
Die Gültigkeit der Aussage „Nichts ohne Gehirn“ und die Eigenständigkeit des geistigen Bereiches („Layer“) innerhalb der einen Wirklichkeit habe ich in den vorigen beiden Beiträgen zu umreißen versucht. Es fehlt noch eine recht entscheidende Überlegung. Es geht um die Frage nach der Verbindung, nach der Bindung oder „Teilhabe“, wie früher gesagt wurde, zwischen der „Welt“ des Mentalen, Geistigen und der Wirklichkeit, wie sie „ist“, wie sie die Naturwissenschaften erfasst. Wie kommt man von dort nach hier und von hier nach dort? Was ist der vermittelnde „link“? Klingt auf dem ersten Blick vielleicht trivial, ist es aber ganz und gar nicht. Der heutige Begriff von Wissenschaft und Erkenntnis ist nicht gründlich genug bedacht, wenn diese Frage übergangen wird.

In einem TV-Beitrag zum Thema „Macht des Unbewussten“ (WDR 09.10.2012) erklärte ein Hirnforscher, es gebe zwar „die Welt da draußen“, nur hätte „ich“ sie noch nie gesehen, denn das einzige, was „ich“ wissen könne, seien die Bilder der Außenwelt, die mir mein Gehirn präsentiere. Ich wisse und erführe also nur, was mir Sinne und Gehirn ‚vorgaukeln‘. Vielleicht ist dieser Neurologe ja ein wenig philosophisch bewandert, dann weiß er auch, dass genau dies die These der klassischen griechischen Skepsis ist, mehr als 2000 Jahre alt. Eines ihrer Hauptargumente beruhte auf der Erfahrung, dass es subjektiv keine Möglichkeit gibt, zwischen einer „echten“ Wahrnehmung und einer Sinnestäuschung zu unterscheiden: Ich bin in meinem Erkennen und Wissen abhängig von dem, was mir die Sinne und das Gedächtnis vermitteln. Was „wirklich“ ist, vermag ich nicht zu erkennen (Pyrrhonische Skepsis). Heute ist es das Gehirn, das mir fast gänzlich unbewusst, aber im Lebensvollzug „transparent“ die Wahrnehmung der Umwelt verarbeitet und aufbereitet. Aus dem Gehäuse meines Kopfes komme „ich“ nicht heraus. Neurale Prozesse konstruieren „meine“ Wirklichkeit.

Die radikale Skepsis hatte schon in der Antike wenige Anhänger, denn allzu offensichtlich spricht die Alltagserfahrung doch dagegen: „Irgendwie“ orientiere ich mich eben doch ganz erfolgreich in der realen Außenwelt. In der Hirnforschung hat sich auch keineswegs Skepsis breit gemacht, sondern nur die Instanz verschoben, die den Kontakt zur Außenwelt vermittelt. Es ist nicht das wache Bewusstsein, sondern vielmehr die unbewusste Steuerung durch Sinneseindrücke und deren erfolgreiche Verarbeitung und Interpretation in den verschiedenen Arealen des Gehirns. Das Bewusstsein in der der Hirnrinde ist nur eines davon.

GPS Satellit im Orbit, Wikipedia

Die Frage ist also weniger, ob oder wie die Welt „draußen“ in mir repräsentiert wird (das geschieht offenbar, und sehr erfolgreich), sondern wie und auf welche Weise es zu einer Übereinstimmung kommt zwischen den geistigen Tätigkeiten, Vermögen,  Konstruktionen und den Realitäten der natürlichen Welt. Denn ebenso offenbar sind die „idealen“ Konstrukte  des Geistes keineswegs deckungsgleich mit ihren Entsprechungen in der tatsächlichen Welt. Den geometrischen Kreis kann ich zwar exakt berechnen, aber nie exakt zeichnen, und er kommt auch in der alltäglichen Welt nie exakt, sondern allenfalls annäherungsweise vor. So waren es gerade die geometrischen und mathematischen Erkenntnisse, die Welt der Zahlen und der Geometrie, die einen Platon zur Beschreibung der „Ideen“ als der „wahren“ Wirklichkeit hinter der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit führten. (Gunter Dueck sieht das etwas zu kurzschlüssig.) Sie schienen doch umso vieles genauer und wirklicher zu sein als alles, was wir sehen und messen  können. Und genau diese Erkenntnis ist dann Ausgangspunkt der enormen Leistungen unserer modernen Naturwissenschaft: die Welt mathematisch zu beschreiben und so zu verstehen und produktiv nutzen zu lernen.

Und jetzt können wir die offene Frage nach der „Verbindung“ genauer stellen: Wie kommt es, dass die mathematischen Produkte unseres Geistes die Welt der Dinge so unglaublich exakt und genau beschreiben können? Ist die natürliche Welt also „zahlenhaft“? Was aber, wenn die Mathematik, wie ein Erwin Schrödinger es formulierte, nur eine hervorragend geeignete Sprache wäre, also ein menschliches Konstrukt, um Naturdinge angemessen zu beschreiben? Wie kommt es dann zu der Übereinstimmung von Denken (in Zahlen) und Wirklichkeit (in Dingen)? Und noch zugespitzter: Finden oder erfinden wir „Naturgesetze“? Sind es überhaupt „Gesetze“ (wer hätte sie denn erlassen oder aufgestellt?) oder nur heuristische Prinzipien? Was ist aber mit der ungeheuren Exaktheit, mit der bestimmte Naturkonstanten (z. B. ‚h‘, ‚c‘, ‚G‘, anders aber ähnlich π) in Zahlenwerten bestimmbar und immer wieder experimentell und mathematisch bestätigt werden? Sind die Formeln und Regeln der Logik (hm, welcher?) nur Operanden unseres Denkens oder sind es Strukturen der Wirklichkeit „da draußen“? Worin besteht der „link“ zwischen den denkerisch erkannten, ‚geistigen‘ Strukturen und der realen, dinglichen Wirklichkeit?

Oder ist die Wirklichkeit doch nur das, zu was unser Erkennen (mit Sinnen und Geist, Hirn und Verstand) sie bestenfalls „machen“, „schaffen“ kann? Leuchtet da Platons Sonne tatsächlich von außen in die Höhle (das war ein Vorschlag für die Lösung des Problems des „missing link“) oder ist die „Sonne“ nur in uns, in unserem mentalen, geistigen Vermögen, womit wir wieder in der gefährlichen Nähe der Skepsis wären? Oder zeigt die Hirnforschung insofern einen Lösungsweg auf, als wir diese Selbstbezüglichkeit anerkennen und nutzen sollten, weil wir aus der „Falle“ der Selbstreferenz niemals heraus kommen können: Das Gehirn betrachtet und befragt das Gehirn, was es als Gehirn leistet und „denkt“? Schließlich sind auch die Erkenntnisse und Interpretationen der Hirnforscher selbst wiederum mentale Leistungen menschlicher Gehirne, – bauzperdauz.

Ich weiß die „Lösung“, sollte es eine geben, natürlich nicht. Ich lasse mich freilich auch nicht damit abspeisen, die Frage sei halt falsch gestellt, so what? Die Frage nach der adäquaten Verbindung, Entsprechung, Teilhabe, wie auch immer man es nennen mag, von „realen“ und „geistigen“ Inhalten bleibt ja bestehen, wenn man genauer hinsieht und weiter denkt. Vielleicht kann man das Problem tatsächlich nur „komplementär“ lösen, dass es eben je nach Ausgangspunkt der Fragestellung unterschiedliche Antwortmodelle geben wird. Dann ist es wie in der Quantenphysik: Es gibt keine „vorstellbare“ Beschreibung, nur eine exakte mathematische Lösung. Und das reicht immerhin, um die tollsten Computer und andere Sachen zu bauen…

 11. Oktober 2012  Posted by at 10:10 Bewusstsein, Naturwissenschaft, Philosophie Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Missing Link
Okt 072012
 
Die Debatte um „Geist & Gehirn“ ist derzeit wieder etwas aus dem Fokus geraten. Die „alten Matadore“ (wie zum Beispiel Gerhard Roth, Wolf Singer und Peter Janich) haben die Standpunkte hinreichend geklärt, um sich darin einig zu sein, nicht einig zu sein. Manfred Spitzer, Neuropsychiater und „führend“, wenn man „Geist & Gehirn“ als Suchbegriffe bei Google eingibt, erklärt dem Fernsehpublikum des Bayrischen Rundfunks auf dem Kulturprogramm BR alpha seit Jahren in 15 Minuten – Häppchen die Welt aus Sicht des Hirnforschers. Inzwischen gibt es 12 Staffeln oder 9 DVDs. Eine solche Welterklärung und neurophysiologische Aufhellung unseres Alltags (wie war eigentlich das Leben vor Spitzer?) bleibt nur medienbedingt unwidersprochen. Einer Studiosendung oder DVD lässt sich schlecht antworten. Guru-Level. Widersprochen wurde darum seiner ‚wissenschaftlichen‘ These, Internet verblöde, umso heftiger. Vielleicht hat ihn sein Kult-Status im BR zu sehr verwöhnt. Anyway.

Raffael, Schule von Athen (Wikipedia)

Die Diskussion um Hirnforschung und Geisteswissenschaft, um „mind & brain“, um eine mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitenden Psychologie und Neurologie einerseits und der ‚geisteswissenschaftlichen‘ Philosophie und Theologie andererseits hat aber inzwischen doch einen gemeinsamen Nenner gefunden, der kaum mehr bestritten und unterschritten werden kann. Natürlich gibt es weiterhin Hirnforscher, die einen naturwissenschaftlichen Determinismus vertreten, so wie es weiterhin Philosophen gibt, die die Ergebnisse der Hirnforschung fröhlich ignorieren. Interessanter und weiter führender ist aber eine jüngere Generation Wissenschaftler, die bei Anerkennung unterschiedlicher wissenschaftlicher Methoden an der Einheitlichkeit unseres Begriffes von Wirklichkeit festhalten, also jenseits der „alten Kampfbegriffe“ von Dualismus und Monismus argumentieren. Der Bonner Neuropsychologe und (kath.) Theologe Christian Hoppe ist einer von ihnen. Aus seiner medizinisch-ethischen Praxis heraus (Klinik für Epileptologie) fasst er die wissenschaftliche „Leitidee“ der Hirnforschung wie folgt zusammen:

Die Leitidee der modernen Hirnforschung ist, dass sämtliche psychischen Vermögen und Phänomene, soweit wir diese kennen und überhaupt als solche identifizieren können, von Hirnfunktionen (bzw. den Funktionen eines Nervensystems) und letztlich vom intakten Organismus abhängen. Was Ihr Auge für das Sehen ist, ist Ihr Gehirn für die Gesamtheit Ihrer psychischen Vermögen, das heißt für Wahrnehmung, Gefühle, Erinnerungen, Denken usw. Anders formuliert lautet die These: Es gibt keine psychischen Phänomene ohne Hirnfunktion.

Er ordnet seine ebenso klar wie knapp formulierte Leitidee gleich selber ein und grenzt sie damit gegen Missverständnisse ab:

Die Leitidee fasst den aktuellen Stand nach sagen wir 150 Jahren Hirnforschung zusammen und definiert die Forschungsagenda für die nächsten Jahrzehnte. Sie ist eine naturwissenschaftliche, keine philosophische These. Wir bewegen uns jetzt auf der konzeptuellen Ebene und lassen die Details abertausender von Hirnforschungsstudien weiter hinter uns. Die Leitidee ist eine sehr minimale These, ohne große Spekulationen, der daher wohl die meisten Neurowissenschaftler zustimmen würden. Da nicht über mögliche Mechanismen spekuliert wird, macht sich die Leitidee in dieser Hinsicht auch nicht angreifbar. Sie beharrt lediglich auf einer Feststellung: nicht ohne Gehirn. (vgl. sein Buch „Ohne Hirn ist alles nichts„.)

In seinem Beitrag für den Blog WIRKLICHKEIT – Hirnforschung & Theologie (SciLogs) führt er dies umfassend und äußerst erhellend aus. Die Lektüre sei jedem Interessierten empfohlen. Ich kann mir diese Position gut zu eigen machen. Dahinter sollte man in der heutigen und künftigen Diskussion eben auch in der Philosophie (und Theologie) nicht mehr zurück fallen. Zwar betont Hoppe, dass es sich dabei um eine eher minimalistische Beschreibung handele, die gewissermaßen den ’state of art‘ der Neurowissenschaften festschreibt, dabei hält er an dem Anspruch fest, dass die Wirklichkeit eine sei und nicht in zwei ‚Wirklichkeiten‘ zerfalle. Daraus folgt dann schon ein Ausgehen von den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, aber genau deswegen, weil wir andere Erkenntnisse nicht zur Verfügung haben.

Die existenziell bedeutsame Frage nach dem Zusammenhang von Gehirn und Geist kann offensichtlich nur mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden bearbeitet werden. Erst seit wenigen Jahrzehnten sind wir überhaupt in der Lage, auf ungefährliche Weise hinter die Stirn bzw. unter die Schädeldecke eines Menschen zu schauen und sein Gehirn zu Lebzeiten zu beobachten; diese erstaunliche Möglichkeit macht die „moderne Hirnforschung“ erst modern. Ihre persönliche Meinung zu diesem Thema ist daher, mit Verlaub, irrelevant, da Ihnen ein beobachtender Zugriff auf die zugrunde liegenden Hirnprozesse ohne entsprechende Gerätschaften prinzipiell verwehrt ist. Niemand fragt Sie, ob Sie der Meinung sind, dass das Herz das Blut durch den Körper pumpt; hierbei handelt es sich um physiologische Fakten, die wir lediglich zur Kenntnis nehmen können, und es gibt hier keinen Bedarf für einen Dialog zwischen Kardiologie und Theologie.

Bevor es hier nun wieder gleich zum Widerspruch und Protest kommt über die „moderne“ Dominanz naturwissenschaftlicher Sichtweisen und Methoden, möchte ich an einen recht alten Schriftsteller und Dichter erinnern, der eigentlich etwas Ähnliches sagt. Natürlich kannte er die moderne Hirnforschung nicht, wie er überhaupt kein Mensch der Moderne, sondern des „klassischen“ Altertums war. Seine Auffassung von Mensch und Welt, von der Wirklichkeit der Natur und des Lebens ist aber erstaunlich modern. Er folgte bereits einem berühmten Lehrer, den zu unterdrücken sich die gesamte weitere christliche Kirchengeschichte über 2000 Jahre emsig bemüht hat. Der große Lehrer ist der griechische Philosoph Epikur, den man als „Lustmolch“ verunglimpft hat, und sein größter lateinischer Schüler ist Lucretius Caro, genannt Lukrez ( †~ 50 vuZ) in seiner berühmt-berüchtigten Schrift De rerum natura. Einen hervorragenden Zugang gewinnt man durch das aktuelle Buch von Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann, München 2011 (engl: The Swerve. How the World Became Modern, 2011).

Ich stelle hier nur die Überschriften aus der zusammenfassenden Inhaltsangabe von Lukrez‘ De rerum natura nach Greenblatt zusammen (vgl. dort das Kap. 8):

Alles Seiende ist aus unsichtbaren Teilchen zusammengesetzt. Diese elementaren Teilchen der Materie – die »Keime der Dinge« – sind ewig. Die elementaren Teilchen sind unendlich in ihrer Zahl, aber begrenzt in Gestalt und Größe. Alle Teilchen bewegen sich in einer unendlichen Leere. Das Universum hat keinen Schöpfer oder Designer. Alle Dinge entstehen infolge geringer Abweichungen (clinamen, swerve). Die zufällige Abweichung, der kleine Ruck ist Ursprung auch des freien Willens. Die Natur experimentiert unaufhörlich. Das Universum wurde weder wegen noch für die Menschen erschaffen. Nicht das Schicksal der Gattung (geschweige denn das des Einzelnen) ist der Pol, um den sich alles dreht. Menschen sind nicht einzigartig. Die menschliche Gesellschaft hat nicht mit einem Goldenen Zeitalter der Ruhe und der Fülle begonnen, sondern als urtümlicher Kampf ums Überleben. Die Seele ist sterblich. Es gibt kein Leben nach dem Tod. Der Tod berührt uns nicht. Alle organisierten Religionen sind abergläubische Täuschungen, Religionen sind allesamt grausam. Es gibt keine Engel, keine Dämonen und Geister. Das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist Steigerung des Genusses und Verringerung des Leidens. Nicht Leid ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Lust, sondern Täuschung. Der Versuch, Leid zu vermeiden, ist vollkommen vernünftig: Das Verstehen der Dinge und ihrer Natur weckt großes Staunen.

Statt „Lust“ und „Genuss“ würden wir heute eher „Glück“ sagen, oder Wohlstand. Dem Ziel möglichst „glücklich“ zu leben stimmt jedermann zu und bekräftigt es bei jedem Geburtstags-‚Glück’wunsch. Das Glück des Menschen sogar als politisches Ziel verfolgt die US-amerikanische Verfassung, wenn dort vom Grundrecht auf „life, liberty and the pursuit of happiness“ die Rede ist. Kein Wunder – Thomas Jefferson kannte und schätzte „seinen“ Lukrez. Man wundert sich bei dieser knappen Zusammenfassung des Lukrez auch nicht, wenn er ebenso wie sein geistiger Vater Epikur von der katholischen Kirche verfolgt bzw. unterdrückt und verdammt wurde. „Epikureismus“ war einer der beliebtesten Vorwürfe der Inquisition. Dabei wurde weniger an ausschweifenden Lebensstil gedacht (den pflegten die Bischöfe ja selber zu gerne), sondern an den Atomismus, der die „Wandlung“ des Altarsakraments bestritt, und an die Lehre von der Sterblichkeit der Seele, denn sie entzog dem Bußsakrament jegliche Legitimation. Die Kirche erkannte sehr schnell , das ihr damit die Axt an die Wurzel gelegt wurde. Dadurch gerät ihre Macht und somit ihre Existenzberechtigung ins Wanken. Ist Lukrez darum auch heute noch so wenig bekannt im „christlichen Abendland“? Jedenfalls ist das, was er sozusagen aus der Perspektive des natürlichen „gesunden Menschenverstandes“ dichterisch verfasst hat, eine Basis, die ganz nahe bei dem liegt, was heute „Leitidee“ der Hirnforschung und des Wissens vom Menschen überhaupt ist.

Nein, Geschichte wiederholt sich nicht, aber bisweilen entdeckt man Berührungen über einen Abstand von 2000 Jahren, die doch verblüffend sind. Jedenfalls stelle ich mir Lukrez als fröhlichen Mitdiskutanten vor auf dem Podium derer, die sich bis heute den Kopf darüber zerbrechen, was wir, – was der Mensch denn wissen kann und hoffen darf.

 7. Oktober 2012  Posted by at 16:51 Hirnforschung, Wissenschaft Tagged with:  Kommentare deaktiviert für Was zu wissen ist
Jul 172012
 

Der fast inflationär gebrauchte Begriff „Evolution“ für kulturelle Teilbereiche reizt zur Auseinandersetzung. Möglicherweise ist er nicht so wertfrei und angemessen, wie es scheint. Eine kleine Kritik der kulturellen Selbstüberschätzung.

Der Begriff „Evolution“ hat Hochkonjunktur. Nicht nur in der Werbebranche, und dort besonders im Automobil-Bereich. Auch im Bereich der Kultur (wollte sagen, dem klassischen, eher „langsamen“ Reich derselben) wird immer öfter und lieber von Evolution gesprochen. Da ist es zum einen natürlich die Kultur selber, deren „Evolution“ von Kulturwissenschaftlern betrachtet wird, zum anderen ist der Begriff in manchen kulturellen Teilbereichen zunehmend beliebt. Von einer „Evolution“ des Rechts ist die Rede, von „sozialer Evolution“ (Habermas), gerne auch von der „Evolution“ der Religionen (Michael Blume) und der Moralvorstellungen, auch Kulturtechniken insgesamt können unter dem Blickwinkel der Evolution gedeutet werden, und zuletzt ist es auch die Technik selber, deren „Evolution“ beschworen wird (z.B. beim Thema AI, „singularity„). Bisweilen ist es einfach eine Ersetzung des als zu bieder empfundenen Begriffes „Entwicklung“, was ja die wörtliche Übersetzung von „Evolution“ ist. Aber die semantische Konnotation des Evolutionsbegriffes enthält doch mehr als nur „Entwicklung“, nämlich etwas Naturgesetzliches, qualitativ Neues, höher Entwickeltes, Besseres, gewissermaßen den Charakter eines „Quantensprunges“. Wie eben dieser aus der Physik entlehnte Begriff „Quantensprung“ gerne als Metapher gebraucht wird, um eine große qualitative Veränderung = Verbesserung anzuzeigen (obwohl ein Quant physikalisch nur ein winziges Päckchen ist!), so wird der Begriff „Evolution“ als Metapher benutzt, um eben das naturgesetzlich Zwangsläufige, aber dabei Fortschrittliche und Höherentwickelte anzuzeigen. Oft scheint allerdings nicht mehr bewusst zu sein, dass es sich beim inflationären Gebrauch des Evolutionsbegriffes um eine Metapher handelt. Dann gerät die Metapher unter der Hand zu einem pseudo-analytischen Instrument, – „pseudo“ deswegen, weil der Begriff als solcher, zumindest in seinem biologischen Kontext, kaum mehr ein analytisches Potential hat. Schauen wir uns den Begriff „Evolution“ also einmal näher an.

„On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life.“ („Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Daseyn.“) So hieß der Titel des berühmten Buches von Charles Darwin von 1859 (frei im Netz). Er lieferte damit sowohl Definition als auch Programm seiner Arbeit. Erstaunlicherweise kommt das Wort Evolution in diesem Werk keinmal vor, nur zweimal das Verb „evolve“. Darwin spricht statt dessen mehrmals von eine Revolution in der Naturbetrachtung durch dieses Vorgehen. Aber tatsächlich bedeutet das Werk das Programm und die Durchführung dessen, was wir heute unter „Evolution“ verstehen. Schon die Übersetzung des Titels in der 1860 erschienen deutschsprachigen Ausgabe macht Schwierigkeiten: sie interpretiert bereits. [Heute heißt das Buch einfach „Über die Entstehung der Arten.“] Wir würden besser schreiben: „Über den Ursprung der Arten mittels natürlicher Auswahl, oder die Bewahrung der begünstigten Gattungen im Bemühen um Lebenserhaltung“. Ja, das ist natürlich auch eine Interpretation, aber wie ich meine, eine treffendere. Ernst Mayr, der „andere“ Vater der Evolutionsforschung dadurch, dass er die Molekularbiologie und Biogenetik in die Evolutionsforschung integrierte, definiert in seinem Buch „Das ist Evolution“ (2003), “ dass man fast alle Evolutionsphänomene einem von zwei Vorgängen zuordnen kann: entweder dem Erwerb oder der Beibehaltung eines angepassten Zustandes [Selektion] oder der Entstehung und Funktion biologischer Vielfalt [Variation].“ (a.a.O. S. 15; Eckklammern von mir.)  Insgesamt betrachtet hat sich die Evolutionsforschung heute ausdifferenziert und eine kaum noch überschaubare Weite erreicht (Biogenetik, Hirnforschung etc.). Wer „Evolution“ als eine einheitliche „Theorie“ bezeichnet, verkennt das Programm. Es geht dabei um einen bestimmten Blickwinkel, unter dem die Herkunft und Ausgestaltung des Lebendigen betrachtet wird. Darum eignet sich auch der Begriff „Evolution“ kaum zu mehr als einer Abgrenzung: Die Welt des Lebendigen wird nicht als fix und fertig Geschaffene, also statisch, betrachtet, sondern als Gewordene und weiterhin Werdende angesehen, als komplexes dynamisches System. Dabei gilt dieses System nicht als von einem vorgegebenen „Willen“ außengesteuert, sondern als sich selbst organisierendes, quasi chaotisches System ohne bestimmtes Ziel. Letzteres wird allerdings mit dem Hinweis auf ein mögliches „schwaches“ oder sogar „starkes anthropisches Prinzip“ teilweise bestritten (vgl. z.B. Simon Conway Morris‘ „Konvergenzen“). Zumindest liegt auch dann der vermutete „Sinn“ der evolutionären Entwicklung im Prozess selbst. Der Witz ist in jedem Falle: Die Evolution steuert sich selbst, bringt als selbst lernendes System das Lebendige zu Anpassung, Vielfalt, Veränderung.

Wenngleich selbst Jared Diamond meint, dass der Evolutionsbegriff so faszinierend und selbsterklärend sei, dass er „ganz allgemein auch zum Verstehen unserer Welt und des Phänomens Mensch“ tauge (Vorwort zu Mayr), so möchte ich gerade diese verlockende These bestreiten. Die rasante Ausweitung und die Erfolgsgeschichte der Evolutionsforschung hat dazu geführt, dass der Begriff „Evolution“ selbst seine analytische Valenz verloren hat. Er ist fast nur noch ein Oberbegriff, bestenfalls eine Metapher, manchmal auch nur ein Schlagwort, für eine bestimmte Betrachtungsweise geworden. War der Begriff im Bereich der Erforschung des Lebendigen und seiner Geschichte dazu gedacht, den Werdegang und die inneren Regeln sich selbst organisierender Systeme zu beschreiben (sie „evolvieren“, vgl. dazu Ilya Prigogine, Dialog mit der Natur, 1986), so verändert sich bei der Übertragung auf bestimmte Lebensbereiche des Menschen sein Charakter: „Evolution“ suggeriert dann als verdeckte Metapher eine Naturgesetzlichkeit, wo doch ganz eindeutig das „Menschengemachte“, also durch den Menschen bewusst oder unbewusst, absichtlich oder unabsichtlich (collateral) Gestaltete, Gemachte, Verursachte gemeint ist. Und es ist doch unbestritten, das der Bereich der Kultur einschließlich des Sozialen und der Technik ein Bereich menschlicher Pragmatik oder auch poiesis ist. Allerdings trägt in dieser abgeleiteten Diskussion der Evolutionsbegriff noch etwas Weiteres bei: den Gedanken des Fortschritts. Im Bereich des Lebendigen ist diese Konnotation eigentlich fehl am Platze, denn „Fortschritt“ im Sinne einer „Höherentwicklung“ setzt eine bestimmte Bewertung voraus, die der lebendigen Natur an sich fremd ist: Sie kennt nur Entwicklung und Ausprägung (-> Gen-Expression) dessen, was in einer konkreten Lebensumgebung „favoured“ ist. Oder konkretes Beispiel: Die Dinosaurier waren an ihre Lebenswelt optimal angepasst, also „hoch entwickelt“, bis sich die Lebensumstände änderten und sie ausstarben. Auf die Bereiche der Kultur übertragen möchte die Verwendung des Begriffes Evolution also auch eine sich „naturnotwenig“ ergebende Verbesserung und Vervollkommnung nahe legen, die aber im Grunde auf bestimmten vorgängigen Wertungen beruht, die der jeweilige Autor trifft. Johannes Rohbeck hat in seinem schönen Bändchen „Technik – Kultur – Geschichte“ (2000) gezeigt, wie sich der optimistische Impetus der Aufklärung des 18. Jahrhunderts in einer heute technikbezogenen Fortschrittsphilosophie (oder -ideologie) fortsetzt, wo selbst noch die Technikkritik am aufklärerischen Grundgedankens einer „Erziehung des Menschengeschlechts“ (Lessing) oder der „Idee einer Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ (Kant) mit dem Ziel „ewigen Friedens“ (ders.) partizipiert. Das mag ja alles gut und richtig sein, nur hat es nichts zu tun mit einer quasi naturgesetzlichen Evolution.

Insofern ist auch den Entwürfen und Versuchen, eine „Evolution der Religionen“ zu beschreiben oder eine „Evolutionsgeschichte der Kultur“ zu verfassen, mit Skepsis zu begegnen. Was trägt das Wörtlein „Evolution“ eigentlich zur Erklärung bei, wenn es doch schlicht darum geht, die wechselvolle, jeweils zeit- und umständebedingte (Produktionsverhältnisse, Gesellschaftssystem, Klima) Geschichte von Kulturen oder Religionen nachzuzeichnen? Es bleibt ohnehin stets eine selektive Konstruktion aus heutiger Sicht und Bewertung nach eigenen Maßstäben. Ich halte es jedenfalls für unangemessen, bei der Darstellung der Entwicklung von kulturellen Phänomenen, von Religionen, von technologischen Gegebenheiten, eine innere Notwendigkeit, ein von außen vorgegebenes höheres „allgemeines“ Ziel oder eine geheimnisvolle „List der Vernunft“ bzw. ein Streben des Weltgeistes (Hegel) zu unterstellen. Teleologisch, also auf ein bestimmtes Ziel und auf einen gewissen Sinn hin kann ich Gegebenheiten nur gemäß eines eigenen Weltbildes interpretieren. Aber auch dieses bleibt wie jedes andere „Weltbild“ ein vorläufiges, subjektives „Bild“. Die Wirklichkeit ist immer noch einmal anders, ob wir sie so erkennen können oder nicht. Bestimmte Kulturen oder auch Religionen als „höher entwickelt“ („Hochkultur“, „Hochreligion“) zu bezeichnen, verbietet sich ohnehin dank der kolonialen Korruption dieser Begriffe. Sie kaschieren nur den Anspruch eigener Suprematie. Darum plädiere ich dafür, der Verlockung zu widerstehen und der Inflation des Gebrauch des Begriffes „Evolution“ entgegen zu wirken. „Entwicklung“ meint meist dasselbe, ohne den ideologischen Beigeschmack. Die Versuchung ist derzeit wohl deswegen so groß, weil wir meinen, heute an einem Wendepunkt („Quantensprung“, Paradigmenwechsel“) der Entwicklung der Menschheit zu stehen, meist als positiv bewertet, gelegentlich auch pessimistisch gedeutet. Die Möglichkeiten der Computertechnik und der Vernetzung „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“) scheinen den Menschen noch einmal über sich selbst hinaus wachsen zu lassen zu etwas Größerem, Vollkommeneren („AI“). Die transformierte Netzgesellschaft könne von sich aus zu mehr Befreiung und Beteiligung des Einzelnen führen, wird fröhlich prophezeit. Ich bin skeptisch, nicht nur wegen der faktischen Fragmentierung des vielbeschworenen Netzes und seiner „Netzkultur“ („network in a bottle„). Denn das, was uns heute wie ein „Quantensprung“, nämlich der Lösung des Menschen von seinen natürlichen, evolutionär bedingten Entwicklungsmöglichkeiten vorkommt, könnte sich später als reiner Trugschluss erweisen. Die wirkliche „Lösung“ der Menschheit von seinen naturhaften Festlegungen und Begrenzungen begann viel früher, damals, als der Jäger und Sammler zum Ackerbauern wurde und seine eigene Reproduktion exponential wachsen konnte: Das Gehirn erwies sich bei dem von der Natur nicht eben besonders wehrhaft ausgestatteten homo sapiens als die effektivste „Waffe“, die es je gegeben hat. Aber das ist eine (spannende) andere Geschichte. Sie hat nur in einer bestimmten Hinsicht (Gehirn) etwas mit Evolution, dafür aber sehr viel mehr (Kultur) mit Geschichte und Geschichten zu tun. Auch die heutige Technik ist viel spannender, wenn  sie als „Geschichte“ erzählt wird…

 17. Juli 2012  Posted by at 11:13 Evolution, Geschichte, Kultur, Netzkultur, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Evolution – Kultur – Technik
Jun 292012
 

Drei Bemerkungen und eine Anregung zur weitergehenden Diskussion über das Kölner Beschneidungsurteil.

Die teilweise heftigen Reaktionen und Diskussionen auf die Berichterstattung zu dem Beschneidungs-Urteil der Kölner Richter (siehe vorigen Beitrag hier im Blog) offenbaren die erwartbaren Positionen. Da sind auf der einen Seite die Vertreter der Religionsgemeinschaften, insbesondere der betroffenen Juden und Muslime, die wie Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, oder Sprecher islamischer Verbände nach einem religiösen Ausnahmerecht rufen um der „Religionsfreiheit“ willen, übrigens in letzthin öfter gesehener Allianz mit der Katholischen Bischofskonferenz. Da sind auf der anderen Seite die zahlreichen Verteidiger des Urteils, überwiegend unter Berufung auf die allgemeine Verbindlichkeit und Gültigkeit der Menschenrechte, in diesem Falle des Rechts auf körperliche Unversehrtheit, und / oder auf die Grenzen, die auch der Religionsfreiheit gesetzt sind, die ja eine Freiheit des selbstbestimmten Einzelnen sei und nicht die vermeintliche Freiheit von Religionsgemeinschaften gegenüber dem Gesetz.

Drei Bemerkungen dazu:

1) Die Rufe nach einem Sonderrecht für Religionsgemeinschaften (Scharia?) sind schon etwas abenteuerlich, denn wodurch sollte ein solches Sonderrecht begründet werden? Allein die bestehenden Sonderrechte (Kirchen als Körperschaften Öffentlichen Rechts, Kirchensteuereinzug durch den Staat, Sonderrolle der Kirchen beim Arbeitsrecht, Eigenständigkeit eines Kirchenrechts „nach innen“) sind schon problematisch genug. Ihre Aufrechterhaltung nach 1945 ist nur aus der besonderen geschichtlichen Situation nach dem Ende des Nationalsozialismus zu erklären. Hier sind aber aufgrund der völlig veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen heute eher Veränderungen im Sinne der weiteren Begrenzung dieser Sonderrechte (vor allem im Arbeitsrecht) zu erwarten und zu wünschen, und keinesfalls eine Ausweitung.

2) Sowohl der Strafrechtler Putzke (siehe voriger Beitrag) als auch der ihn unterstützende Beitrag von Markus C. Schulte von Drach in der SZ (Gegenposition zu M. Drobinski) heben stark auf den „archaisch rituellen“ Charakter der Beschneidung ab. Hier gehe es um ein blutiges „Gottes-Opfer“ aus dem Kontext einer Gesellschaft vor über 4000 Jahren, das eine nicht rückgängig zu machende „Bevormundung“ der unmündigen Kinder darstelle und der aufgeklärten „Freiheit der mündigen Bürger“ widerspricht. Abgesehen davon, dass die Beschneidung religionsgeschichtlich weniger ein Gottesopfer als vielmehr ein Initiationsritus ist, dessen Schmerzhaftigkeit und prägender Erinnerungscharakter (Trauma) gerade ursprünglicher Sinn der Handlung ist, zeigt die sich in diesen Voten ausdrückende Haltung eine gewisse rationalistische Überheblichkeit gegenüber den Religionen. Wer einem religiösen Glauben anhängen möchte, darf das eigentlich nur als voll eigenverantwortlicher Erwachsener -, als sei religiöse Verbindlichkeit ein etwas antiquierter Makel, den man vernünftigen Menschen und kleinen Kindern schon gar nicht zumuten dürfe. Die Vertreter dieser Position sollten sich vielleicht etwas ernsthafter mit dem Phänomen der Religion und dem Sinn der Riten der Religionen beschäftigen. Die Tatsache, dass die Kirchen Mitglieder verlieren, bedeutet noch keineswegs, dass unsere Gesellschaft religionsloser würde: Im Gegenteil, die bunte Vielfalt religiöser Gruppen und Gemeinden und die Verbreitung esoterischer Interessen widerlegt den angeblichen areligiösen „Rationalismus“ unserer Gesellschaft augenscheinlich. Inwiefern diese Lebenswirklichkeit der Religionen mit der zu fordernden „weltanschaulichen Neutralität“ des Staates immer wieder kollidiert und die Grenzlinie zwischen Staat und Religion / Weltanschauung demnach immer wieder neu bestimmt werden muss, steht auf einem anderen Blatt. Es ist eine offenbar nie erledigte Aufgabe.

3) Unbehagen bereitet mir das Insistieren auf der „körperlichen Unversehrtheit“. Kein Missverständnis: das ist ein absolut wichtiges Grundrecht, dessen Beachtung und ggfls. strafrechtliche Durchsetzung für unsere Gesellschaft wesentlich ist. Aber die unbestrittene Rechtsnorm ist das eine, die faktische Erzwingung das andere. Warum sehen Rechtswissenschaftler und Richter jetzt den Zeitpunkt für gekommen, das, was „bisher [unter] einem gewissen Schutz … relativ ungestört vollzogen werden konnte“ (Putzke), nun vor den Schranken des Gerichts auszutragen? Die Feststellung, dass die Beschneidung „medizinisch sinnlos und unnötig sei“, kann allein der Grund kaum sein, denn das ist früher auch schon vertreten worden, oder ist man erst heute so weit, einer sehr eng geführten rein somatischen Konzeption von Gesundheit und Unversehrtheit entsprechen en zu können? Was ist mit der seelischen  Gesundheit und Unversehrtheit? Gehört die nicht zum „Körperlichen“? Bleibt ein umfassenderes psycho-somatisches Verständnis von Gesundheit und Unversehrtheit der Person nunmehr ausgeschlossen? Das wäre allerdings eine ganz erhebliche Gewichtsverlagerung, vielleicht sogar ein Paradigmenwechsel. Spielt da die weltanschauliche Dominanz des „physikalischen Realismus“ und die durch die Hirnforschung ausgelöste Debatte um „Geist und Gehirn“ eine Rolle? Welche durch diese juristische Neubestimmung damit zugunsten einer einseitigen Körper-Hirn-Ausschließlichkeit entschieden wäre?  Sicher ist jedenfalls, dass ein Verständnis von „körperlicher Unversehrtheit“, das auch die seelische, also psychische Gesundheit mit einbezieht, sehr viel schwieriger zu fassen und wahrscheinlich überhaupt nicht justitiabel wäre. Wie sollte man „Geborgenheit“, „Akzeptanz“, „Liebe“, „Zuwendung“ denn juristisch in der fälligen Beweisaufnahme fassen und bewerten? Oder ist der jetzt eingeschlagene Weg des Gerichts nur der Weg des geringsten Widerstands, der meint, dem „wissenschaftlichen Fortschritt“ entsprechen zu müssen?

Fazit: Vielleicht wäre das Kölner Gericht doch gut beraten gewesen, so weise zu entscheiden wie die Bundesrichter beim Verfassungs- und Verwaltungsgericht in der Frage des Schächtens (siehe voriger Beitrag). Denn hier wurde die Norm zwar behauptet, aber dennoch der Weg zu einer praktikablen und auflagenbewehrten Ausnahmeregelung für Religionsgemeinschaften beschritten. Könnte dieser Weg nicht auch in der Frage der Beschneidung gangbar sein? Wir werden sehen. Möglicherweise wird demnächst das Bundesverfassungsgericht zu entscheiden haben. Der gesellschaftliche Diskurs zu diesem Thema „Sinn und Grenzen der Religionen“ sollte weitergehen.

UPDATE 30.06.

Erstaunlich, auch in Israel gibt es eine kleine Bewegung gegen die Beschneidung, und das, wo das Judentum Staatsreligion und die Beschneidung gesetzliche Pflicht ist. Hier der FAZ-Artikel dazu.

UPDATE 01.07.

Ein differenziert argumentierender Beitrag von Marina Weisband mit einer recht typischen wenig ergiebigen Internet-Diskussion.

 29. Juni 2012  Posted by at 13:38 Freiheit, Geist, Gesellschaft, Hirnforschung, Kirchen, Kultur, Menschenrechte, Religion, Vernunft, Wissenschaft Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Reaktionen auf das Beschneidungsurteil
Jun 132012
 

Die Aufregung über die Rede vom „intelligent design“ hat sich hierzulande nach wenigen Jahren gelegt. Nicht so in manchen Bereichen der Religionswissenschaft und der (katholischen) Philosophie. Da sind Emergenz-Theorien sehr beliebt. Selbst der „heilige Thomas“ wird gegen die Neurobiologen bemüht.

Der Zug für Gottesbeweise sollte seit Immanuel Kant eigentlich abgefahren sein. Zumindest dürfte es sich seit dem großen Kritiker nicht mehr so leicht über Metaphysik, Religion und Wahrheitsaussagen über Transzendenz spekulieren lassen. Transzendental, Kants erkenntnistheoretischer Leitbegriff, ist eben nicht die Erkenntnis des Jenseitigen, sondern die Klärung der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt. Die ist durch Zeit und Raum als „Formen der Anschauung“ bestimmt und begrenzt. Nur zur Erinnerung. Man mag das heute anders und moderner formulieren, aber diese Einsicht bestimmt seitdem unseren Begriff von Wissenschaft und dem, was menschliche Erkenntnis an Wahrheitsgehalt leisten kann. Dass über diesen Bereich hinaus für den Einzelnen persönlich noch Weiteres für wahr und wirklich angesehen werden und gelten kann (Glauben, Religion, Metaphysik), bleibt unbestritten. Nur allgemein verständlich und allgemein verbindlich, also intersubjektiv kommunizierbar im Sinne wissenschaftlicher Klarheit und Bestimmtheit ist dieser Bereich subjektiver „Wahrheiten“ nicht.

Für die kirchlichen Theologien eine unbefriedigende Situation. Kein Wunder, dass sie sich nach Phasen der Akzeptanz dieses neuzeitlichen Ausgangspunktes des Denkens (-> „existentiale Interpretation“ im Protestantismus) immer wieder bemüht, dem Gegenstandsbereich religiöser Vorstellungen und theologischen Denkens doch wieder einen „objektiven“ Charakter zu verleihen. Derzeit ist das wieder sehr in Mode. Gerne geschieht das unter dem Dach der „Religionswissenschaften“ (der Begriff  Theologie scheint kirchlich vereinnahmt und insofern belastet), die dann mit dem Anspruch wissenschaftlicher Exaktheit gegen meist naturwissenschaftliche Kritiker antreten. Zwei Richtungen fallen mir da auf:  die Lehre (ja, man muss das wohl so nennen) vom „intelligent design“ und die Emergenz-Theorien. Erstere finden sich vor allem in den evangelikalen Kreisen der USA (siehe die umfangreiche Sammlung von englisch sprachigen Webseiten zu dem Thema, z.B. http://www.intelligentdesign.org/, auch vom Wiener Kardinal Schönborn verteidigt), oft vertreten als die vermeintlich anspruchsvollere Variante des Kreationismus. – Letztere Emergenz-Theorien finden sich zwar auch im angelsächsischen Bereich, dort besonders innerhalb der Evolutionsforschung (vgl. Lewes und Morgan, siehe zur Übersicht den Wikipedia-Artikel zum Thema Emergenz), aber neuerdings wieder lebhaft im deutschsprachigen Bereich philosophischer Diskussion, vorwiegend katholischer Provenienz. Die Fragestellung wird dann als Kritik des (naturwissenschaftlichen, speziell neurobiologischen ) „Reduktionismus“ im Themenzusammenhang des „Leib-Seele-Problems“ verhandelt. Eine gute Übersicht gibt dazu der Sammelband „Die Aktualität des Seelenbegriffs“, herausgegeben von Georg Gasser und Josef Quitterer (Christlich-philosophisches Institut der Kath. Fakultät der Uni Innsbruck), 2010. In den darin enthaltenen Aufsätzen versuchen Dieter Sturma, Tobias Kläden und Josef Quitterer die „naturalistische Engführung“ durch eine Neuaufnahme des aristotelischen Hylemorphismus bzw. einer Repristination der thomistischen Anima-forma-corporis – Lehre zu überwinden. Bei allen Genannten spielen die „Lücken“ biologischer Erklärungsmodelle eine wesentliche Rolle. „Emergenz“ wird dann zum Schlüsselbegriff (so bei Franz Mechsner) einer ontologischen Bestimmung der qualitativen evolutionären Sprünge, die in der Entwicklung vom Einzeller zum Menschen festgestellt werden. Diese theoretischen Versuche sind durchaus anregend zu lesen, weil sich die Autoren meist die Mühe machen, zumindest den naturwissenschaftlichen Gesprächspartner ernst zu nehmen. Ob sie wirklich genau genug zuhören, ist eine andere Frage.

Das Modell der „Emergenzen“ ist aber nicht nur hier zum beliebten Schlüsselwort geworden. Es erscheint als elegant formulierter und erkenntnistheoretisch maskierter Ersatzbegriff für den traditionellen „Lückenbüßer“: Das, was naturwissenschaftlich-„reduktionistisch“ nicht vollends erklärt werden kann (und welche naturwissenschaftliche Theorie wäre nicht vorläufig und stünde nicht ständig auf dem empirisch-experimentellen Prüfstand?), wird flugs zum Einfallstor neo-metaphysischer oder theologischer Theoriebildung. So jedenfalls klingt es, wenn in dem wissenschaftlichen (!) Internet-Portal SciLogs in einer Buchvorstellung fröhlich ausgeführt wird:

Dass hierbei immer wieder vermeintliche Grenzen überschritten und vermeintlich feste Gesetze in neue Dimensionen hinein erweitert wurden, lässt sich kaum mehr leugnen und durchaus als Transzendenzgeschehen (von lateinisch transcendere = überschreiten) beschreiben. Und schon weil wir überhaupt nicht vorhersagen können, welche weiteren Systeme sich bilden und welche Eigenschaften diese hervorbringen werden, ist erkenntnistheoretische Demut angemessen. Ob schließlich doch nur ein Nichts oder eine Gottesschau der sich selbst in immer weiteren Verbindungen verwirklichenden Materie im Sinne etwa Teilhard de Chardins steht, kann nur geglaubt, nicht aber abschließend geklärt werden. (Michael Blume auf SciLog)

So kommt man von der vorsichtigeren Formulierung der Problemstellung „Religion und Evolution“ schnell zu der viel engeren Aussage „Evolution der Offenbarung“ (so der Titel des besprochenen Buchers von von Ulrich Lüke und Georg Souvignier). Klar, Teilhard de Chardin lässt grüßen. Aber auch andere wie Patrick Spät propagieren einen „graduellen Panpsychismus“, ebenfalls bei SciLog vorgestellt. Wem das als Stichwort zu abenteuerlich erscheint, lese selber nach. Klar, es darf keine Denkverbote geben, aber den Anspruch klarer Distinktion und sauberer Argumentation muss man doch in jedem Falle stellen, wenn derartige Diskussionsbeiträge über den engeren kirchlichen Rahmen hinaus ernst genommen werden wollen. Sonst nämlich sind sie das, als was sie auf den ersten Blick stark aussehen: reine Apologien, also nur eine modernistisch verkleidete Verteidigung traditioneller Denkkonzepte (der heilige Aquinate!). Emergenz – das gibts in der Evolution – da schaut doch klar der Herrgott hervor!

Ernst genommen werden sollte ohne Wenn und Aber die sehr prägnante begriffliche Klärung, wie sie Ansgar Beckermann (Philosoph an der Uni Bielefeld) in seinem Studienbuch „Das Leib-Seele-Problem. Eine Einführung in die Philosophie des Geistes“ (2011) zu den Bestimmungen „reduktionistisch“, „monistisch“ und „dualistisch“ vornimmt. Hinter diese Begriffsbestimmungen und Abgrenzungen sollte die heutige Diskussion nicht mehr zurück fallen. Wenn einzelne Definitionen zu eng oder voraussetzungsvoll befunden werden, dann sollte eine Kritik zumindest ebenso sachlich genau und definitorisch distinkt sein bei dem, was als Alternative vorgeschlagen wird. Dies muss man leider immer wieder vermissen.

Ein letzter Hinweis auf einen Artikel (ebenfalls bei SciLog), der eigentlich sehr gut und knapp formuliert, was Religionswissenschaft, Theologie, Philosophie und Psychologie nicht mehr ohne weiteres hintergehen können: nämlich den einfachen Satz „Ohne Hirn ist alles nichts“. Christian Hoppe erklärt im Anschluss an eine längeren Diskussion sehr schön, worauf es sachlich und begrifflich bei der Diskussion des Leib-Seele-Problems oder einer theory of mind bzw. dem Erklärungsanspruch der Neurowissenschaften ankommt. Es mag einem Geisteswissenschaftler nicht gefallen, aber daran vorbei sollte man sich nicht drücken. In jedem Falle sollte eine neue „Lückenbüßer-Theorie“, die Gott und das Transzendete in den Emergenzen sichtet oder gar zur Voraussetzung der Evolution erklärt, vermieden werden. Sie hat schon allzu oft versagt, weil sie stets nur bis zur nächsten naturwissenschaftlichen Entdeckung gilt. Die solcherart religionswissenschaftlich bemühte „Emergenz-Theorie“ ist doch nur neuer Wein in alten Schläuchen – oder noch anders gesagt, eine intellektuell elegante Form der einfacheren Rede vom „intelligent design“.

 13. Juni 2012  Posted by at 13:32 Bewusstsein, Fundamentalismus, Neurowissenschaften, Philosophie Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Abgefahrene Wissenschaft
Jan 212012
 
Was ist die Seele? Gibt es sie? Ist der Begriff „Seele“ ein Konstrukt metaphysischer Vergangenheit? In den letzten Jahren sind erstaunlich viele Bücher erschienen, die der Frage nach der Seele als einer zentralen philosophischen Frage erneut nachgehen. Es geht also nicht um esoterische Literatur. Vielfach sind es Erörterungen, die an die Diskussionen über die bisherigen Ergebnisse der Hirnforschung anknüpfen. Offene Fragen wie die nach Willensfreiheit und Personalität werden in der aktuellen Philosophie des Geistes thematisiert. In diesem Zusammenhang ist ein geschichtlicher Rückblick auf die Entwicklung des Seelenbegriffs angebracht.

Unter dem Thema „Augustin oder: Die Reinigung der Seele“ bin ich dem Verständnis von „Seele und Geist in Geschichte und Gegenwart“ nachgegangen. Es ist dabei ein Beitrag zum Verhältnis von Religion und Psychologie entstanden, der aus dem Rückblick heraus die gegenwärtigen Aporien und festgefahrenen Antithesen des naturalistischen Reduktionismus und des ontologischen Dualismus in gleicher Weise vermeiden und überwinden helfen möchte. Kristallisationspunkt ist die Person Augustins geworden, weil sich in ihr das verdichtet, was das Verständnis der Seele in der abendländisch-christlichen Philosophie über Jahrhunderte geprägt hat. Gerade seine Verbindung psychologischer Selbstbetrachtung (in den Confessiones) mit der radikal negativen Anthropologie (Erbsünde) auf der Basis eines einseitigen Sexismus hat folgenschwere Konsequenzen gehabt bis in unsere Tage. Der Seelenbegriff ist nicht zuletzt durch Augustin geprägt und in gewisser Weise „vergiftet“ worden. Die Neuzeit hat sich dieses Begriffes weitestgehend entledigt. Statt dessen wurde Bewusstseinsphilosophie oder eben eine Philosophie des Geistes entworfen, die ohne Umschweife zu den heutigen Fragestellungen der Kognitionswissenschaften hingeführt haben. „Gehirn & Geist“, „theory of mind“ sind die heute aktuellen Stichworte einer Diskussion, die das Seelische als etwas Unwissenschaftliches der Esoterik überlassen hat – oder allenfalls als empirische Psychologie einzuholen trachtet.

Welchen Sinn hat es da, sich erneut mit dem Begriff „Seele“ herum zu schlagen? Dies soll in dem hier vorgestellten Beitrag aufgezeigt werden. Es gibt von unterschiedlicher Seite spannende Versuche, Vorschläge und Entwürfe, den Begriff „Seele“ als Katalysator in eine Diskussion einzubringen, die sich mit den Schwierigkeiten der sogenannten „Qualia“ nicht zufrieden geben kann. Vielleicht kann dadurch ein Weg gefunden werden, aus der unglücklichen Sackgasse der Antithetik entweder empirischer Naturalismus oder ontologischer Dualismus heraus zu kommen.

Der Beitrag steht frei im Netz zur Verfügung als der erweiterte Text eines Vortrages (HTML ) oder als eBuch (PDF).

Augustin oder: Die Reinigung der Seele.
Seele und Geist in Geschichte und Gegenwart
Ein Beitrag zum Verhältnis von Religion und Psychologie

 

 21. Januar 2012  Posted by at 17:27 Bewusstsein, Geist, Hirnforschung, Philosophie Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Seele und Geist