Jun 302019
 

Mehr als das Drehen an Stellschrauben

Auch nach den vorsichtigeren Modellen des Weltklimarates (IPCC) wird sich die Klimaveränderung fortsetzen und die Temperaturkurve des Weltklimas weiter ansteigen. Es ist durchaus richtig, von Klimakrise zu sprechen und nicht nur von Klimaveränderung. Denn man muss davon ausgehen, dass der kritische Punkt erreicht, wenn nicht gar überschritten ist. Der kritische Punkt bezeichnet ein Verhalten des Klimas, das bereits jetzt erhebliche Veränderungen und nachhaltige Schäden hervorruft (Eisschmelze, Dürrezonen, Meereserwärmung). Wenn der Temperaturanstieg nicht gestoppt wird, ist mit einer Zunahme von sogar kurzfristig beobachtbaren Klimaveränderungen und gravierenden Wetterereignissen zu rechnen. Darum gilt die Forderung nach einer Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2°, besser 1,5° (Pariser Klimabkommen) im Vergleich zum vorindustriellen Niveau.

Etwas Besonderes ist der Kipp-Punkt: Er ist dann erreicht, wenn trotz aller menschlichen Maßnahmen die Klimaveränderung eine Eigendynamik entwickelt, die nicht mehr zu stoppen ist ( irreversible Rückkopplungen durch Kippelemente im Erdsystem ). Die Liste solcher Kippelemente ist lang und wird länger. Einzelne Punkte daraus sind uns durchaus aus der öffentlichen Diskussion geläufig wie das Schmelzen der Gletscher und des Polareises, das Verschwinden der Korallenriffe, Verringerung der Waldflächen, Auftauen der Permafrostböden usw. Wann ein solcher globaler Kipppunkt erreicht ist, lässt sich wohl erst im Nachhinein feststellen, – dass wir nahe daran sind und ihn eventuell bereits überschritten haben, ist eine begründete Vermutung. Darum ist das Wort „Klimakrise“ angemessen und zutreffend. Die Menschheit steht an einem Scheideweg.

#Showyourstripes

Zunächst erscheint die Alternative zwischen „weiter so“ und „Handlungen ändern“ einleuchtend und einfach zu sein. „Weiter so“ wollen nur noch die harten ‚Klimaleugner‘ (Kurzform, es müsste ja heißen Klimaveränderungsleugner), sei es dass sie das Reden über eine Klimakrise für Unsinn oder gar eine Verschwörung halten, sei es dass sie nicht gewillt sind, ihre nationale Politik gegenüber Industrie, Energieerzeugung und Arbeitsplätzen zu ändern bzw. ihr „zu schaden“ (so US-Präsident Trump jüngst auf dem Osaka-Gipfel). Keine Veränderung bedeutet „komme, was da wolle“. Die Hoffnung ist: Irgendwie schaffen ‚wir‘ das schon (Bolsonaro). Das mag stimmen, nur werden die vermutlich immensen Kosten (finanziell, sozial, humanitär) einer solchen Haltung ausgeblendet. Abgesehen davon ist diese Haltung aber deswegen abwegig und unvernünftig, weil sie nicht unterscheidet zwischen vielen einzelnen womöglich ungünstigen Faktoren und dem Basissystem unserer Lebensgrundlagen insgesamt. Werden diese Lebensgrundlagen angegriffen, ist „alles“ gefährdet. Ich komme darauf zurück. [siehe unten]

Also bleibt der zweite Weg „Handeln ändern“. Politisch scheint das gegenwärtig der einzig gangbare Weg zu sein, auch wenn die meisten weitreichenden Änderungen bloße Absichtserklärungen sind: Beendigung der Kohleverstromung, CO2-Bepreisung, erneuerbare Energien (derzeit bei 40 %), emissionsfreie Mobilität. Jede einzelne Maßnahme ist äußerst komplex und wäre eine eigene Diskussion wert – und sie wird in der Öffentlichkeit durchaus kontrovers geführt. Der „Kohlekompromiss“ lässt wenigstens den Willen zur Einigung erkennen. Vorausgesetzt, wir setzen das alles erfolgreich und zeitnah in Deutschland um, wäre das Klima dann „gerettet“? Wohl kaum, und das nicht einmal, weil der deutsche Beitrag zum Klimaschutz international gesehen zahlenmäßig äußerst gering ist. Beispielhaft zu handeln wäre ja auch schon ein Pluspunkt.

Es geht aber eigentlich um viel mehr und um etwas ganz anderes. Denn all diese und weitere Handlungsoptionen für ein ‚klimabewussteres‘ Handeln und Gestalten auf allen politischen Ebenen ist auf nahe Sicht ohne Zweifel gut und richtig, aber es ist bei allen guten Absichten ein unzureichender Ansatz auf sekundären Ebenen. Nicht nur veränderte Handlungen sind zu bewerkstelligen, sondern ein anderes Verhalten ist zu üben. An konkreten „Stellschrauben“ Veränderungen in Angriff zu nehmen, um „Klimaschutz“ zu betreiben, ist wahrscheinlich politisch die einzige realistische Möglichkeit. Es steht aber zu befürchten, dass die Maßnahmen allesamt zu kurz greifen. Das kommt in den Blick, wenn man auf die Kette der Ursachen und die Ausmaße der Wirkungen schaut.

Der Maßstab des IPCC gibt einen Hinweis auf die Ursachen: das vorindustrielle Niveau der Klimadaten – die Industrialisierung. Ein oft gebrauchtes Bild zeigt die Auswirkungen plastisch: Wir verbrauchen die Ressourcen von 2 Planeten („Welterschöpfungstag“ WWF). Innerhalb der EU verbrauchen wir schon die Ressourcen von 2,8 Planeten, wenn alle so leben würden wie wir. Das eine weist auf den ungefähren Zeitpunkt einer Produktionsveränderung als Ursache (Industrialisierung), ohne genau aufzulisten, welcher Art diese Auswirkungen sind. Auf jeden Fall gehört die enorme Steigerung des Ausstoßes von Treibhausgasen dazu, die durch den massiven Einsatz von fossilen Brennstoffen (Kohle, Erdöl, Erdgas) freigesetzt werden. Zu den Folgen der Industrialisierung gehört dann eine Wirtschaftweise, die Ressourcen von Jahrmillionen ausbeutet und sie binnen vergleichsweise kürzester Zeit in einen globalen Produktions- und Wirtschaftskreislauf einbringt und ‚verbraucht‘. Die Annahme eines Ressourcenverbrauches von „mehr als einem Planeten“ beruht auf der Einsicht, dass für ein stabiles Gleichgewicht von Klima und Umwelt nur so viel Ressourcen verbrauchen werden dürfen, wie unser Planet nachhaltig zur Verfügung stellt. Beide Blickrichtungen, die auf die Ursachen und die auf die Folgen, müssten nun im Einzelnen erörtert werden – die dazu vorhandene Literatur ist nahezu uferlos, beginnend mit dem Bericht des Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ 1972 bis hin zu den jüngsten Veröffentlichungen des IPCC, des WWF und anderer.

Hier nur einige Hinweise. Die Industrialisierung ist eine zunächst lokale Veränderung der Produktionsweise durch den Einsatz von Maschinen (Dampfmaschine) als Ersatz bzw. Ergänzung menschlicher Arbeitskraft. Dieser Prozess hat sich zum einen global ausgeweitet, zum anderen als eine gesellschaftliche Transformation verwirklicht (Kapitalismus, Liberalismus, Marxismus). Auswirkungen auf die Umwelt waren ursprünglich überhaupt nicht im Blick: Umwelt gab es einfach immer. Kolonialisierung, Vernetzung und Digitalisierung haben diesen Prozess in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten exponentiell erweitert („Industrie 4.0“) Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Sowjetunion und dem staatskapitalistischen Aufstieg Chinas ist der Kapitalismus das wesentliche Paradigma der globalisierten internationalen Wirtschaften geworden. Er beruht nach wie vor auf „Wachstum“ von Ressourcen, Produktion und Kapital. Auch die Landwirtschaft hat sich weltweit längst zu einer hochintensiven Agroindustrie gewandelt. Wir leben vom Öl, wir arbeiten mit Öl, unser (einseitiger) Wohlstand beruht auf Öl, – sofern Öl hier einmal für fossile Energie und Rohstoffe insgesamt stehen mag. Das Anthropozän ist immer zugleich Petrozän + Kapitalismus.

Die Auswirkungen reichen weiter, als auf den ersten Blick ersichtlich. Es sind ja nicht nur „Schadstoffe“ wie Abgase, Gülle und Pestizide, die die Umwelt belasten. Der gesamte Ausstoß von Plastik müsste als Eintrag in die Umwelt gewertet werden, sofern er nicht wirklich nachhaltig abgebaut wird; Export und Verbrennen („thermische Verwertung“) gehören definitiv nicht zu einem nachhaltigen Abbau. Erst allmählich ist es in das Bewusstsein gerückt, dass unsere Erde tatsächlich endlich ist, und auch Mond und Mars absehbar keinen Ausweg versprechen. In diesen Tagen jährt es sich zum 50. Mal, dass ein Mensch seinen Fuß auf die Mondoberfläche setzte. Die Mondfahrer bemerkten aus der Ferne, wie klein und zerbrechlich der Planet Erde ihnen erschienen ist. Aber eine wirkliche Konsequenz wurde aus dieser Einsicht bis heute nicht gezogen. Wir leben, arbeiten, produzieren und verbrauchen weiter, als gäbe es kein Morgen, als gäbe es keine Endlichkeit. Insbesondere die digitalen Megakonzerne behaupten, die Grenzenlosigkeit der menschlichen Möglichkeiten zu verwirklichen (siehe dazu aktuell Evgeny Morozov). Doch im Grunde heben sie nur den Kapitalismus auf seine nächste, digitale und globale Stufe – damit alles (Machtverhältnisse) bleibt, wie es ist.

Wenn der Satz richtig ist, dass wir nach wie vor von fossilen und anderen endlichen Ressourcen leben; wenn es ferner zutrifft, das die Weltbevölkerung demnächst die 10 Milliardengrenze erreichen wird (2050), wenn außerdem richtig ist, dass unsere gesamte Lebensweise auf einer massiven Überbeanspruchung der natürlichen, d.h. planetarisch vorhandenen Ressourcen beruht, wenn außerdem berücksichtigt wird, dass unser Wohlstand sehr einseitig von der Ausbeutung des größten Teiles der nicht so weit entwickelten Länder abhängt (durch Export von Rohstoffen und Billiglöhnen); wenn in einem weiteren Blick zahlreiche Konflikte um Selbstbehauptung, Macht und Vorherrschaft aus der Sicherung und Einverleibung von Ressourcen bestehen, teilweise im Zusammenhang mit Spätfolgen des Kolonialismus, …. – dann kann man eigentlich nur eine wesentliche Schlussfolgerung ziehen: Es geht nicht mehr nur um das Abarbeiten von „Stellschrauben“ und Einzelmaßnahmen. Es geht gar nicht um einzelne Maßnahmen oder Maßnahmepakete, – es geht um eine grundlegende Änderung des Verhaltens.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich. Wie oben bereits angedeutet: Wird das Basissystem unserer Lebensgrundlagen insgesamt angegriffen, ist „alles“ gefährdet. Wenn alles gefährdet ist, ist alles zu ändern. Dass dies geschieht, ist sehr unwahrscheinlich. Aber genau das müsste passieren. Niko Paech beschreibt es, hier und hier. Es klingt sehr radikal, weil es sehr radikal ist. Wollen wir das wirklich? Will ich das? Eigentlich nicht, nicht wirklich. Der Verstand sagt vielleicht Ja, aber das Grummeln im Bauch meint: Muss das wirklich sein? Kein schönes Auto mehr? Keine fernen Weltreisen, keine Urlaubsflüge? Kein einfaches Einkaufen im Supermarkt, kein Fleisch, kein Soja (Tofu!), keine Haustiere, – nur heimische Produkte, nur Bio, nur Fahrrad, – und was ist mit dem Energieverbrauch für Internet, digitale Produkte, mein geliebtes Smartphone? Alles weg? Was Niko Paech einen „graduellen Rückbau“ nennt, bedeutet schlicht eine Revolution. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich, wirklich will. Aber ist es nicht konsequent? Gibt es eine Alternative? Es hilft ja wenig, sich damit zu trösten, dass man mit diesem Unwillen zur effektiven Veränderung nicht alleine steht, sondern eine große Mehrheit wohl auch nicht „will“: „Europäer wollen keine Elektroautos kaufen“, sagte gerade der Entwicklungschef von BMW. Ich bleibe etwas ratlos. Das Umdenken, Umgewöhnen braucht Zeit. Aber genau die haben wir nicht, nicht wirklich. Die Möglichkeit einer „Ökodiktatur“ möchte ich ausschließen, und die Populisten allerorten machen es nur schlimmer. Aber reicht es, nur auf Einsicht zu setzen, wenn es selbst schon für kleine Schritte einiger „incentives“ bedarf? Vielleicht ist das aber der Anfang. Vielleicht ist nun doch #fridaysforfuture im Recht, und zwar gerade wegen ihrer Radikalität und Kompromisslosigkeit. Wahrscheinlich brauchen wir diesen Stachel der Jugend, weil sich sonst nichts bewegt und nichts ändert. Noch einmal: Es ist und bleibt sehr, sehr unwahrscheinlich, dass diese Änderung geschieht und ein Erfolg wird.

Es muss sich aber etwas ändern. Es muss sich um unserer Welt willen sehr viel ändern. Es muss sich um unseres Menschseins, unserer Kinder und Kindeskinder willen alles ändern. Und wenn es zuletzt das Klima, seine rasante Veränderung ist, das uns dazu zwingt: zur Klima – Revolution. Zuerst revoltiert „das Klima“, dann revoltiert der Mensch. Vielleicht so – wenn überhaupt. Sonst bleibt nämlich nur die oben ausgeschlossene Möglichkeit: Weiter machen wie bisher – koste es, was es wolle. Mit ein paar Korrekturen vielleicht.

art.

Update:

Eine alarmierende Sicht gibt es hier zu lesen – bitte die Einleitung zur Bedeutung von Worst-Case-Szenarien beachten!
Klimaprognose 2050

Ebenso alarmierend, weil auf konkrete Pläne verwiesen wird, ist dieser Bericht über derzeit noch geplante oder in Bau befindliche fossile Kraftwerke.
Geplante Kraftwerke sprengen Klimaziele

 30. Juni 2019  Posted by at 15:25 Allgemein, Gesellschaft, Klima, Oekologie Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Klima – Revolution
Mai 032019
 

Die größten Gefährder sitzen in Regierungen

Demokratie ist ganz einfach: One man – one vote. Das bedeutet zunächst, dass jeder Mensch unabhängig von jeder anderen Bedingung als dem jeweiligen Bürgerrecht (Staatsbürgerschaft) wählen gehen kann. Auch ein bestimmter Bildungsnachweis zum Beispiel Lesefähigkeit (Alphabetisierung) darf nach demokratischen Prinzipien keine Voraussetzung für das Wahlrecht sein. Das ist auch gut so. Nur die Verfassung kontrolliert den Zugang zum Recht der freien geheimen Wahl.

Aber natürlich ist es ebenso gut und richtig, dass eine funktionierende Demokratie auf die Mündigkeit ihrer Bürger baut. Mündigkeit heißt in diesem Fall: Informationen sammeln, sich ein Urteil bilden und so zu einer eigenen Meinung kommen. In öffentlichen Diskussionen nimmt man am Meinungsbildungsprozess teil, in Wahlen wirkt man am Willensbildungsprozess mit. Wenn Demokratie mehr sein soll als ein formaler Akt der Stimmabgabe, dann gehört Information und Urteilsbildung, eben Mündigkeit zu den Grundlagen einer funktionierenden Demokratie.

Medien, früher bevorzugt die Presse, tragen entscheidend zur Information und zum Meinungsbildungsprozess bei. Informationen sind nie neutral, so sehr man sich auch bemühen mag („überparteilich“), darum ist es nötig, in einer pluralistischen Gesellschaft unterschiedliche Meinungen zu äußern und ihre Begründungen und Argumente zu hören, um sich selber ein Urteil zu bilden. Regierungen dürfen zwar ihre Politik darstellen und in eigenen Pressebüros bewerten, aber jeder weiß dann: Das ist halt die Regierungsmeinung. Man kann anderer Meinung sein und sich sein eigenes Urteil bilden. Informationsfreiheit ist die Voraussetzung für Meinungsfreiheit, und die hält eine pluralistische Demokratie am Leben.

bundestag
Deutscher Bundestag (c) bpb

Die große Gefährdung heute besteht darin, dass Regierungen die eigene Regierungsmeinung als allein gültig erklären, indem sie die Pressefreiheit beschränken oder durch Staatsorgane (auch durch gekaufte Presse und Medien) ersetzen. Das kennt man aus Diktaturen und autoritären Staaten: die Pressefreiheit stirbt beim Übergang zur Autokratie und Diktatur zuerst. Die größte Angst autoritärer Herrscher und Regime ist darum die vor einer freien Presse, vor freier Meinung. China gibt ein negatives Beispiel dafür ab, wie freie Berichterstattung und Meinungsbildung staatlich kontrolliert, zensiert und verhindert wird.

Es geht auch subtiler, und das ist die eigentlich Gefahr für westliche Demokratien. Nämlich dadurch, dass Presse und Medien nicht verboten, sondern verunglimpft werden, wenn überhaupt systematisch Unsicherheit verbreitet wird über das, was es zu einem Thema an gesicherten Informationen gibt. Das Ziel des Trump – Schlagwortes fake news ist Verunsicherung. Das Ziel russischer Propaganda in Russia Today und in Internet-Foren ist gleichfalls Verunsicherung. Nichts ist mehr als Fakt sicher, alles gilt als gefälscht, verdreht, als bewusste Täuschung und Verheimlichung der ‚wirklichen Wahrheit‘ dahinter. Die vertritt dann nur die eigene Partei und Regierung. Eine freie Urteilsbildung ist nicht mehr möglich.

Es ist geradezu infam, auf welche Weise die US-Regierung unter Präsident Trump diese Masche als Strategie verfolgt. Infam deswegen, weil man es bisher einer westlichen Demokratie so nicht zugetraut hätte. Klimawandel ist nicht sicher, auch dass er von Menschen verursacht wird, ist nur eine Meinung, eine These wilder Wissenschaftler, die von anderen Wissenschaftlern bestritten wird. Insbesondere wird die Meinung gegenüber der seriösen Wissenschaft bewusst erschüttert und systematisch untergraben: Es könnte ja auch alles ganz anders sein.

Zum Klimawandel: Im Oktober hatte er [Trump] in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP behauptet: „Niemand weiß es so richtig, es gibt auf beiden Seiten des Problems Wissenschaftler. Und ich stimme zu, das Klima verändert sich, aber es geht hin und her, hin und er. Also, wir werden sehen.“ FAZ.NET heute.

Populisten meist rechter Couleur verfolgen dasselbe Rezept: Verunsicherung über „Tatsachen“, Streuen von Verschwörungstheorien, Schüren von Angst, Misstrauen und Hass. Durch ständige Angriffe auf die freien Medien die Grenzen des Sagbaren erweitern. Das wirkt. Es sind weniger ein paar hundert rechtsradikale Krawallmacher, die unsere Demokratie herausfordern und gefährden: Es sind die ebenso radikalen rechten Parteien und Regierungen, die das Vertrauen in die überlieferten Werte der Aufklärung unterminieren und beiseite räumen. Für Autokraten wie Orban, Erdogan, den Saudis usw. ein gefundenes Fressen. Macht es wie Trump, und erfindet eure eigenen Wahrheiten, macht eure eigenen Fakten, lanciert die eigene Meinung, verunsichert die Wähler mit eurer Desinformation und bietet euch an als die Retter in der Not – so werdet ihr Erfolg haben! Bolsonaro in Brasilien hat das offenbar tief verinnerlicht.

Die Europawahlen stehen vor der Tür. Mal sehen, wie stark die rechten Populisten, Wortverdreher, Faktenleugner und Verschwörungsanhänger auch im Europäischen Parlament werden. Es liegt an uns, sehr sehr wachsam zu sein und auch den Polarsierern auf der anderen Seite nicht auf den Leim zu gehen. Selbstvertrauen, Mut zur Mündigkeit und eigenen Urteilsfähigkeit, Stärkung und Verteidigung der freien und pluralistischen Medien (siehe FPÖ und ihr Kampf gegen den ORF) – das brauchen wir jetzt am allernötigsten!

Reinhart Gruhn

(Zuletzt aktualisiert am 04.05.2019)

 3. Mai 2019  Posted by at 11:56 Allgemein, Demokratie, Gesellschaft, Politik Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Demokratie in Gefahr
Apr 262019
 

Die Krise der globalen Herausforderungen und das Ende des Petrozän.

Es wird vielfach behauptet, die Polarisierung nehme rasant zu in unserer Gesellschaft. Wenn man näher in der eigenen Umgebung hinschaut, kann man davon gewiss manches entdecken, aber längst nicht in dem Ausmaß, wie es die anstehenden Probleme der Veränderung in der Welt vermuten ließen. Man darf sich dabei nicht vom Bild der social media Plattformen täuschen lassen, sie spiegeln mitnichten die alltägliche Wirklichkeit. Nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung tummelt sich regelmäßig auf den Internet – Marktplätzen der polarisierten Meinungen. Die meisten Menschen nutzen Facebook und Whatsapp rein privat in der Familie und im Freundeskreis. Die trotz allem noch zu vielen Schreihälse und Selbstdarsteller, Hetzer und Pöbler samt den bots und fake accounts vergiften das Klima in diesen öffentlichen Medien und verzerren die Wahrnehmung. Gewiss, es gibt weit mehr Leser bei Twitter bzw. Zuschauer bei Youtube als Schreiber und Produzenten, aber das genügt offenbar, um den Eindruck einer hasserfüllten, intoleranten und fake news konsumierenden Öffentlichkeit zu erwecken. Wann wird man mit so etwas im Alltag, also IRL (in real life), konfrontiert? Zum Glück bisher selten und ausnahmsweise. Dagegen gibt es eher zu wenig von einer breiten und transparenten, von einer engagierten und um die Zukunftsfragen streitenden öffentlichen Diskussion.

Es gibt Rücksichtslosigkeit, das fällt bisweilen auf, – ob rücksichtsloses Verhalten tatsächlich häufiger wird oder Aggressivität zunimmt, kann ich nicht beurteilen. Die Statistiken (Kriminalität) sprechen eher dagegen. Es gibt drastisch unangemessenes Verhalten, das dann sogleich medial verbreitet und potenziert wird. Selbst auf den Straßen im dichtesten Verkehr geht es eigentlich überwiegend friedlich und angepasst zu – die wenigen Ausreißer fallen dann umso mehr auf. Vielleicht ist es aber auch nur der Fatalismus, dass im Stau ohnehin nichts gegen den Stau hilft. Auf kleinerem Raum allerdings, in den Städten, in Fußgängerzonen und auf Plätzen ist das rücksichtslose Gegeneinander der verschiedenen Verkehrsteilnehmer oft auffallend und unangenehm. Man rückt sich zu nah und bedrohlich auf die Pelle und beschimpft sich, statt sich ruhig und tolerant zu verhalten im öffentlichen Miteinander.

Denn eines fällt tatsächlich auf: Wir werden mehr. In den ohnehin schon bevölkerungsreichen Ballungsgebieten nimmt das Wachstum der Bevölkerung weiter zu. Es gibt zwar auch bei uns Regionen, die dünn besiedelt sind und unter Auszehrung und Bevölkerungsschwund leiden, aber das sind nur wenige Gebiete. Im Allgemeinen sind auch die naturnahen Regionen von der Freizeitindustrie beherrscht und an schönen Wochenenden und in den Schulferien überlaufen. Man muss schon ziemlich suchen und genau hinschauen, um Einsamkeit und wirkliche Ruhe in einer natürlichen Landschaft zu finden. In Westeuropa gelingt das immer seltener.

Aber selbst wenn es zwar etwas weiterer Wege und Vorbereitung bedarf – es gibt sie noch, abseits liegende Orte und Gegenden, in die man sich ziemlich alleine und auf sich gestellt zurückziehen kann, wenn man es denn aushält. Die Stadt als solche ist es, die weltweit Menschen massenhaft anzieht mit Hoffnungen auf Arbeit und Auskommen. Andere zieht die Abwechslungsmöglichkeit, die Wahl so vieler verschiedener Lebensmöglichkeiten, das Angebot unglaublich vielfältiger Freizeit- und Kulturmöglichkeiten in den großen Städten an. Stadtluft verspricht Lebendigkeit, Aufmerksamkeit, Abwechslung und Zerstreuung. Die großen Städte bieten zudem Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten in Fülle an, das Angebot von Wohnungen kommt der Nachfrage bekanntlich nicht hinterher. So viele Menschen aus unterschiedlichsten Herkünften, Kulturen, Schicksalen, mit ebenso unterschiedlichen Hoffnungen, Aussichten und Möglichkeiten treffen aufeinander. Da kreuzen die regulären und rechtmäßigen Wege „nach oben“ ebenso viele unrechtmäßige, vielfach kriminelle Wege zu persönlichem Vorteil, zu Macht und Reichtum. Gentrifizierung und kriminelle Clans sind letztlich zwei Seiten einer Medaille: der Stadt mit ihren vielfältigen, widersprüchlichen Möglichkeiten.

Die Verstädterung ist ein weltweites Phänomen. Metropolen mit mehreren Millionen Einwohnern nehmen rasant zu und wachsen weiter überall auf dem Globus. Die Versorgung dieser vielen Menschen mit Wohnung, Nahrung und Energie wird ein zunehmendes Problem. Wasser wird zum kostbaren Gut, sauberes Trinkwasser erst recht. Es ist nicht nur der Klimawandel, der in vielen Regionen für Wassermangel sorgt. In den Megastädten, gewissermaßen den Regionen der typischen Lebensweise und Lebensverhältnisse der Zukunft, prallen die Interessen, Konflikte und Meinungen aufeinander. Es ist der harte Kampf ums Überleben, der an erster Stelle steht, um Zukunft, Chancen und Lebensmöglichkeiten für sich und seine Kinder. In der Schweiz gabe es vor einigen Jahren im Rahmen der „Ausschaffungs-Initiative“ das Schlagwort „Dichtestress“. Da ist etwas dran, und zwar vor allem in den übervölkerten Metropolregionen weltweit. Wenn dieser Globus in 30 Jahren, also einer Generation, mehr als 10 Milliarden Menschen beherbergen wird, dann wird sich etwas verändert haben, und zwar massiv. Da dürften unsere jetzigen Dissense und Dissonanzen nur ein kleiner Vorgeschmack sein. Konsens ist bekanntlich nur dann möglich, wenn man bei Auseinandersetzungen und Streit aufeinander hört und den anderen zu verstehen sucht, Maximalpositionen aufgibt, um einen Kompromiss zu finden, der beiden Seiten etwas Recht gibt und Zusammenleben weiterhin möglich macht. Wo es allerdings zu eng wird, verliert der Kompromiss an Attraktivität: Vielleicht nimmt mir der Kontrahent gerade die einzige Lebensmöglichkeit, die ich sehe. Dann wird ein fairer, beiden entgegenkommender Kompromiss nicht mehr möglich sein, – Intoleranz und Gewalt (Faustrecht) drängen sich dann als „Lösung“ auf.

Solarkraftwerk Marokko
Solarkraftwerk in Marokko (c) Paris Match 2015

Auf drei Ebenen sehe ich zunehmend Konflikte sich verschärfen, Ressourcen verknappen und Bereitschaft zu Kompromissen schwinden: beim kaum mehr zu verhindernden Klimawandel, durch das ungebremste Bevölkerungswachstum und bezüglich der sozialen Disparitäten, die Chancen für alle verhindern.

Klimawandel *) : Das Klima als hyperkomplexes System ist ausgesprochen träge, es kann sozusagen viel wegstecken. Aber dann, wenn eine bestimmte Schwelle überschritten wird und verstärkende Faktoren mehr Gewicht bekommen haben und zusammenwirkende Ursachen zunehmen, kann man aus menschlicher Sicht nur noch wenig tun, um diese Entwicklung zu stoppen. Es ist schon sehr viel gewonnen, wenn man die beschleunigenden Faktoren (zum Beispiel CO2- und Methan-Ausstoß) verringert, um die weitere Beschleunigung des Temperaturanstiegs zu verhindern. Das 2° – Ziel wird sich kaum mehr erreichen lassen – umso wichtiger wird es, den Anstieg so früh und nachhaltig wie möglich zu begrenzen. Außerdem sollten mindestens ebenso viele Mittel auf die Bekämpfung der Folgen der Klimaerwärmung (Dürren, Unwetter, Meeresspiegelanstieg) verwandt werden wie auf die Bekämpfung des Temperaturanstiegs als solchen.

Bevölkerungswachstum: Ich finde es erstaunlich, wie wenig dies ein öffentliches Thema ist. In regelmäßigen Abständen werden Prognosen über die Zunahme der Weltbevölkerung veröffentlicht, aber es scheint eigentlich niemanden zu kümmern, – allenfalls dass man in Europa wegen wahrscheinlicher Überalterung (Bevölkerungsschwund) an politischer und ökonomischer Bedeutung verliert. Dabei dürfte die Begrenzung des Bevölkerungswachstums eine künftige Herausforderung ersten Ranges sein. Wie das überhaupt einigermaßen konfliktarm gelingen können soll, ist mir schleierhaft. Man kann aber auch zynisch auf „Selbstregulation“ setzen: Kriege, Krankheit, Seuchen. Dies ist aber keine humane und verantwortungsvolle Option. Es wird Zeit, dies zum Thema zu machen.

Intoleranz / Verteilungsgerechtigkeit: Soll sich der Kampf aller gegen alle nicht als letztes (Macht-) Mittel erweisen, was bedeuten würde, dass die Mächtigen alleine die Lebensoptionen diktieren (man könnte einschränken: noch mehr als jetzt schon), dann sind Toleranz und Kompromiss die einzigen Möglichkeiten, zivilisiert um Wege und Lösungen zu ringen. Dafür ist ein offener Meinungsaustausch, ein diskursiver Streit um die geeignetsten Mittel und erreichbaren Ziele die unabdingbare Voraussetzung. Um die Überlebensfragen Klimawandel, Bevölkerungswachstum, soziale Drift (in immer weniger Händen / Konzernen sammelt sich der Reichtum der Welt) überhaupt zukunfts- und konsensorientiert angehen zu können, ist ein hohes Maß an Engagement, an Wissen, an Einfühlungsvermögen und dann auch konzentrierte Durchsetzungskraft vonnöten. Wir brauchen also einen gesellschaftlichen Diskurs, eine öffentliche Diskussion, eine Einladung zu kontinuierlichen Werkstattgesprächen zwischen Politikern und gesellschaftlichen Akteuren auf der einen und der interessierten Bevölkerung auf der anderen Seite – nicht nur in Zeiten des Wahlkampfes wie jetzt vor der Europawahl, sondern strategisch im Blick auf die Zukunftsfragen unserer Gesellschaft. Globalisierung und Digitalisierung stellen die Rahmenbedingungen dar, um die drei Mega-Herausforderungen Klima, Bevölkerungswachstum und globale Verteilungsgerechtigkeit konsensual zu bewältigen.

Der heute von manchen eingeschlagene Weg in Nationalismus und Identitätsbehauptung ist als Reaktion auf die beschriebenen Probleme zwar teilweise nachvollziehbar, aber nichtsdestoweniger grundfalsch. Nicht die Isolierung und Selbstbeschränkung einzelner getrennter Gruppen kann die Lösung sein, sondern nur verstärkte Solidarität und entschlossenes Zusammenwirken. Das gilt im Kleinen, also auf örtlicher Ebene, genauso wie auf nationaler und erst recht auf internationaler Ebene. Die Konflikte durch weltweite Interessenkollisionen (Migration) und globale Machtverschiebungen (China) werden ohnehin zunehmen. Auf Gremien und Institutionen der internationalen Zusammenarbeit können wir dabei noch weniger verzichten als je zuvor. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als darum, einen Weltkrieg, einen globalen Weltenbrand zu verhindern: den Krieg um die letzten entscheidenden Ressourcen, um die ultimative Macht – und ums nackte Überleben. Der mögliche Schrecken solcher Dystopien sollte uns die Kraft und den Mut verleihen, die „Utopie“ einer friedlichen Menschenwelt in Freiheit für alle mit Leben zu erfüllen und zu teilen. Dazu kann man ruhig einmal auf die Straße gehen.

Aber dazu braucht es mehr als ein oder zwei gute Beschlüsse hochkarätiger internationaler Konferenzen – es braucht ein behutsames, aber entschiedenes Umsteuern in der gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik – national und international. Nicht mit ein paar Demonstrationen an einem Wochentag, sondern mit einer großen gesellschaftlichen Anstrengung, mit einem argumentativen Mitnehmen des Großteils der Bevölkerung, mit der Absicherung von bestehenden und der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen, mit dem Mut zum Aufbruch und zu Innovationen, zur Technik 5.0 und Bildung 5.0 – vereint mit der Pflege der Natur und der Bewahrung der Ressourcen dieser Erde für alle können wir den Wandel in eine neue Zeit schaffen. Das Petrozän hat ausgedient.

Reinhart Gruhn

Update 29.04.2019: Dieser beiden Texte ergänzen das Thema:
„Warum ich trotz allem für Europa bin“ von dem Schweizer Regisseur Milo Rau. Und „Fleisch ist viel zu billig, sagt der Klimaforscher Johan Rockström.

Update 03.05.2019 Der rasante Artenschwund, das Verschwinden der Artenvielfalt ist ein Aspekt, der neben dem Klimawandel gesondert berücksichtigt werden muss. Artenschwund und Klimawandel gehören zusammen, weil sie beides miteinander verzahnte Auswirkungen unserer dystopischen Lebensweise sind: lDas Mammutwerk zum Massensterben


 26. April 2019  Posted by at 18:26 Europa, Frieden, Gerechtigkeit, Macht, Politik, Zukunft Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Utopie statt Dystopie
Apr 032019
 

Ungleichheit wird zunehmend als ungerecht empfunden.

Wirtschaftliche Ungleichheit in einer freiheitlichen, offenen Gesellschaft ist normal, sogar in gewissem Umfang erwünscht. Darin liegt unter anderem der Ansporn, vorwärts zu streben und seine Stellung innerhalb von Beruf und Gesellschaft zu verbessern, sein Einkommen zu steigern und für sich und seine Nachkommen größere Chancen zu nutzen. Dies Konzept stößt sich mit der naturrechtlichen Gleichheit aller Menschen. Insbesondere die Aufklärung hat zusammen mit der Französischen Revolution die Idee der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit zum politischen Programm erhoben. Menschen sind frei geboren und vor dem Gesetz gleich. Die Brüderlichkeit wird am ehesten mit Solidarität zu übersetzen sein, die dem unverschuldet in Not Geratenen gebührt.

Diese erklärenden Sätze enthalten bereits einige Einschränkungen. Frei zu sein wird zunächst auf den Stand bei der Geburt eingeschränkt, die Gleichheit bezieht sich auf die bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz inklusive der politischen Gleichheit der Stimme, und die Solidarität meint die unverschuldete wirtschaftliche Not in den Unwägbarkeiten des Lebens. Heute ist die öffentliche Meinung eher auf die Freiheit gerichtet, sich selbst zu verwirklichen, über seinen Körper und seine sexuelle Ausrichtung zu bestimmen und seine Bildungs- und Berufswahl nach eigenem Willen zu gestalten. Gleichheit wird formuliert als Forderung nach Chancengleichheit unabhängig von Geburt, Familie und Tradition, seinen Platz in der Gesellschaft wirtschaftlich und sozial nach eigener Leistung und Begabung zu erreichen. Solidarität schließlich ist ausgeweitet auf alle, die Notsituationen erleben und (auch erneut) Hilfe zum eigenen Leben, zu Gesundheit und Fortkommen inklusive Einkommen benötigen. Gesellschaftliche, soziale Teilhabe ist die Zielbestimmung. Diese gilt besonders auch für Menschen, die aufgrund von Herkunft, Gesundheit oder Unglück benachteiligt sind. Freiheit, Gleichheit, Solidarität decken heute als normative Zielvorstellungen weite Teile des persönlichen wie gesellschaftlichen Lebens ab. Der gesellschaftliche Konsens über diese Wertorientierung spiegelt sich auch darin, dass Sozialausgaben den relativ größten Teil öffentlicher Etats ausmachen.

Dem steht etwas entgegen, was man mit einem Gefühl wachsender Ungerechtigkeit und Ungleichheit, bezeichnet. Hinweise auf anderslautende Daten des Statistischen Bundesamtes oder auf den in den vergangenen Jahren nahezu unveränderten Gini-Koeffizienten (Internationale Maßzahl der Ungleichheit einer Gesellschaft, siehe zum Thema auch diesen Artikel) verfangen da wenig. Es werden dafür Erklärungen gesucht und unterschiedliche Antworten gegeben. Zum einen vergleicht sich der / die Einzelne weniger mit statistischen Daten als mit seinem Umfeld. Sieht man sich dort in einer schlechteren Position als Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen, empfindet man das als ungerecht. Zum anderen ist eine Haltung verschwunden, die Ungleichheit überhaupt als irgendwie gott- oder naturgegeben hinzunehmen bereit ist. Dies ist ein recht neues Phänomen, denn noch vor 2 – 3 Generationen sah das völlig anders aus. Gesellschaft und darin eingebundene persönliche Lebensumstände werden nicht mehr als unabweisbares Schicksal erlebt, sondern als gestaltbare und veränderbare und darum auch als notwendig zu verändernde Zustände erfahren. Ungewolltes Leben bzw. ‚Schicksal‘ wird nicht mehr akzeptiert, denn alle Lebensumstände erscheinen als von irgend jemandem verursacht und gewollt, und das sollte darum im eigenen Interesse verändert und anders gewollt werden. Gesellschaft erscheint dann als durch Macht gestaltbarer und umkämpfter Schauplatz für die Zumessung oder Inanspruchnahme von Lebenschancen und persönlichem Glück / Erfolg. Wird dieser Erfolg versagt oder stellt er sich nicht erwartungsgemäß ein, wird das als ungerecht erlebt; das Gefühlt wachsender Ungerechtigkeit gibt dem Ausdruck.

Das bisher Gesagte erscheint mir aber nur als die subjektive Seite des modernistischen Lebensgefühls: „Alles geht, alles ist machbar.“ Das Auseinanderfallen von erreichtem sozialen Ausgleich und gefühlter Ungerechtigkeit ist nicht nur einer gewachsenen Anspruchshaltung zu verdanken. Es gibt objektive Faktoren, die diese Wahrnehmung unterstützen. Es ist die Erfahrung von Bedrohtheit, die durchaus nicht unbegründete Angst vor Verlust von Arbeit und Status, das Verhalten einer kleinen globalen Geldelite, deren Reichtum an Ausmaß alle bisherigen Erfahrungen übersteigt, – die durch eine neue Weltmacht verschärfte Globalisierung – und vor allem neue Technologien (Digitalisierung, Automatisierung, KI), die beschleunigt in Alltag und Beruf eindringen. Jeder technologische Wandel von solchem Ausmaß wie der derzeit anrollende bringt Gewinner und Verlierer hervor, selbst wenn die Zahl der Arbeitsplätze gleich bleiben sollte (= unwahrscheinlich). Die Vorläufer dieser Entwicklungen treffen gerade ein. Der Klimawandel ist schließlich nur die Quittung für die moderne industrielle Lebensweise, deren Grundlage Verbrauch fossiler Ressourcen und Naturräume sowie globale Freisetzung von CO2 ist. Es gibt also tatsächlich harte objektive Gründe, besorgt zu sein und um seinen Status und die eigene Zukunft wie um die Zukunft der Kinder zu fürchten.

Shanghai
Four-segment panorama of Pudong, Shanghai, China. by King of Hearts, Wikimedia

Hinzu kommen verschärfend die politischen Entwicklungen und Verhaltensweisen von Staaten und Gesellschaften, auf diese sich abzeichnenden massiven Veränderungen zu reagieren. Rückzug auf sich selbst („XYZ first“), Wiederentdeckung bzw. Stärkung des Nationalen, Abwehr alles Fremden (Konkurrenten), verringerte internationale Zusammenarbeit und Solidarität, Rechtsruck ganzer Gesellschaften mit dem Wunsch nach „starken Männern“, vermehrtes Auftreten autokratischer Regime sind nur einige der Kennzeichen unserer politischen Gegenwart. Das Gefühl, dass die wirtschaftliche Lage hierzulande fast noch erstaunlich gut ist, lässt die Sorge vor dem großen Fall umso größer werden. Das Chaos um den Brexit ist dafür die nur scheinbar rational kaum nachvollziehbare Begleitmusik. Angesichts des äußeren und dann auch inneren Drucks (Gilets jaunes) drohen Gesellschaften zu zerreißen; die Spaltung verläuft zwischen zukünftigen Gewinnern und besorgten Verlierern bzw. denen, die sich jeweils dafür halten. Manche Äußerungen der Wirtschaftsbosse (Automobilindustrie) klingen eher wie das Pfeifen im Walde. Nur die Finanzwelt tanzt fröhlich weiter auf dem Vulkan.

In diesem hier skizzierten Kontext wird der scheinbare Widerspruch zwischen erreichtem Wohlstand („Gleichheit“) und gefühlter Ungerechtigkeit erklärbar und verständlich. Als Reaktion helfen weder Alarmismus, Hysterie oder hassgetriebene Abgrenzungen bzw. Ausgrenzung von „Schuldigen“, sondern fällig ist ein öffentlicher und offener Diskurs über die gegenwärtige Lage des Landes (faktenbasiert), über Herausforderungen, Chancen und Risiken. Hier wäre ein ermutigendes „Wir schaffen das“ durchaus angebracht, und die sozialen Medien könnten dazu endlich eine sinnvolle Plattform bieten. (Warum geschieht das eigentlich nicht schon?) Dabei könnte herauskommen, dass vermeintliche und tatsächliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit nur Symptome sind für die planetarischen, globalen und gesellschaftlichen Umbrüche, die zu erwarten sind. Mit Phantasie und Intelligenz, mit positivem Willen, gemeinsamer Kraft und Offenheit zur Zusammenarbeit über Grenzen hinweg lässt sich einiges bewerkstelligen. Der Schülerinnenstreik könnte den Anstoß dazu liefern, dass gesamtgesellschaftlich etwas in Bewegung kommt. Denn nicht das Festhalten am Alten, sondern das mutige und etwas riskierende Vorwärtsdrängen überwindet Ängste, öffnet Chancen, und gewinnt die Zukunft. In diesen Prozess müssen möglichst viele mitgenommen werden. Hallo Politik, hallo Zivilgesellschaft: Aufgabe!!

Reinhart Gruhn.

 3. April 2019  Posted by at 13:37 Freiheit, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Gleichheit, Wirtschaft Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ungleichheit – Ungerechtigkeit – Klima
Mrz 052019
 

aus: Charles Dickens, Die Pickwickier (1837)


Nachdem nun die Freunde Horatio Fizkins, Esquire, an der Reihe gewesen waren, trat ein cholerischer kleiner Mann mit einem rötlichen Gesicht vor, um eine andere Person vorzuschlagen, dazu geschaffen und geeignet, die Wähler von Eatanswill im Parlament zu vertreten. Und ohne Zweifel hätte der rotgesichtige Herr seine Rede glatt und leicht zu Ende führen können, wäre er nicht so hitzig gewesen; so aber bot er dem Witz der versammelten Menge eine willkommene Zielscheibe. Aber, wie gesagt, nach einigen Sätzen der bilderreichsten Beredsamkeit richtete der rotgesichtige Mann seine Worte an jene in der Menge, die ihn dauernd unterbrachen, und wandte sich dann drohend einigen Herren auf der Tribüne zu. Dem folgte ein Aufruhr, so daß sich der Herr der Notwendigkeit gegenübersah, seine Gefühle in einer ernsten Gebärdensprache auszudrücken, was er auch tat; dann überließ er das Rednerpodest dem Herrn, der ihn unterstützen sollte. Dieser Herr nun las eine Rede, die nicht weniger als eine halbe Stunde dauerte, von einem Papier ab und ließ sich einfach nicht unterbrechen, weil er sie ja schon an die Eatanswiller Gazette geschickt hatte und weil die Eatanswiller Gazette bereits jedes Wort gedruckt hatte.

pickwickier
Die Pickwickier

Nun trat Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge in der Nähe von Eatanswill, höchstselbst vor, um den Wählern eine Rede zu halten. Er hatte kaum den Mund aufgemacht, um sie zu beginnen, als auch schon die Musikkapelle, die in den Diensten des ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey stand, mit aller Gewalt einfiel, gegen die ihre Bemühungen am Morgen ein Kinderspiel waren. Da die Braunen sich dies nicht gefallen lassen wollten, vergalten sie es den Blauen dadurch, daß sie deren Köpfe und Schultern zu bearbeiten anfingen. Worauf die Blauen den Versuch machten sich der unangenehmen Nachbarschaft der Braunen zu entledigen. Und so kam es notgedrungen zu einem Hin- und Herstoßen und einer gewaltigen Schlägerei, die wir genausowenig gutheißen können wie der Bürgermeister, der zwölf seiner Konstabler mit dem strickten Befehl losschickte, sämtliche Rädelsführer – die sich auf etwa zweihundertfünfzig belaufen mochten – zu verhaften Diese Geschehnisse brachten Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, und seine Freunde zur Raserei, bis schließlich Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, seinen Gegner, den ehren-werten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall, bat, fragen zu dürfen, ob diese Musikkapelle mit seiner Zustimmung spiele. Auf diese Frage zu antworten, weigerte sich der ehrenwerte Mr. Samuel Slumkey, und so fuchtelte denn Horatio Fizkin, Esquire, von Fiskin-Lodge, dem ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall mit den Fäusten vor der Nase herum, was wiederum den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey so in Wut brachte, daß er Horatio Fizkin, Esquire, zum tödlichen Zweikampf aufforderte. Diese Verletzung aller bekannten Regeln und Gesetze veranlaßte den Bürgermeister, erneut seine Glocke läuten zu lassen und sowohl Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, wie auch den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall zu sich zu beordern und beide durch eine Bürgschaft zu verpflichten, auf daß der Friede gewahrt bleibe. Auf diese erschreckende öffentliche Rüge hin legten sich die Helfer der beiden Kandidaten ins Mittel, und nachdem sich die Freunde und Anhänger der beiden Parteien für drei Viertelstunden herumgestritten hatten, grüßte Horatio Fizkin, Esquire, in aller Freundschaft den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey; der ehrenwerte Mr. Samuel Slumkey grüßte seinerseits Horatio Fizkin, Esquire; die Musikkapelle hörte zu spielen auf; die Menge beruhigte sich nach und nach, und Horatio Fizkin, Esquire, wurde die Erlaubnis erteilt, in seiner Rede fortzufahren.

Die Reden der beiden Kandidaten, so verschieden sie sonstiger Hinsicht waren, ließen den großen Verdiensten und den hohen Vorzügen der Wählerschaft von Eatanswill alle Gerechtigkeit widerfahren. Jeder sprach die Meinung, daß auf der Welt noch nie unabhängigere, aufgeklärtere, politischere, edlere und uneigennützigere Männer gelebt hätten als jene, die versprochen hätten, für ihn zu stimmen. Jeder der beiden Kandidaten ließ den leisen Verdacht durchblicken, daß die Wählerschaft der Gegenpartei gewiß unsaubere und tölpelhafte Gebrechen hätte, die sie für die Ausübung ihrer wichtigen Pflichten, zu der sie gerufen worden seien, völlig unfähig machte. Fizkin gab seine Bereitschaft kund, alles zu tun, was man von ihm wünsche; Slumkey hingegen teilte seinen Entschluß mit, daß er nichts tun werde, was man von ihm verlange. Beide sagten, daß das Handwerk, die Industrie, der Handel und das Wohlergehen Eatanswills ihnen näher und mehr am Herzen liegen als alles andere in der Welt, und jeder behauptete mit unglaublicher Zuversicht, daß er der Mann sei, den man schließlich wählen werde.

Durch Handaufheben wurde abgestimmt. Der Bürgermeister entschied für den ehrenwerten Mr. Samuel Slumkey von Slumkey-Hall. Horatio Fizkin, Esquire, von Fizkin-Lodge, verlangte Stimmenabgabe, und demgemäß wurde Stimmenabgabe befohlen. Anschließend wurde dem Bürgermeister aller Dank für seine geschickte Führung des Präsidiums und der Angelegenheit abgestattet, und der Bürgermeister stattete seinen Dank für den Beweis der Zufriedenheit ab und wünschte im stillen, daß man ihm ein Präsidium mit Stuhl eingerichtet hätte, denn er hatte während der Feierlichkeiten stehen müssen.


Zitiert nach der deutschen Ausgabe im Winkler-Verlag, München 1956 , Seite 231 – 234

Erläuterung: Es geht um die Wahl eines Abgeordneten aus Eatanswill (fiktiver Ort) ins Parlament; die Farben der beiden Parteien (die Blauen, die Braunen) haben mit heutigen politischen Farbbedeutungen nichts zu tun. Namen sind bei Dickens aber oft mit einem satirischen Unterton versehen.
Die Parallelen zu heute sind einfach erstaunlich, liest man den gesamten Text – nach 180 Jahren so viel Ähnlichkeit!

(Reinhart Gruhn)

 5. März 2019  Posted by at 18:52 Geschichte, Gesellschaft, Politik Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Die Wahlversammlung
Jan 062019
 

Der Zusammenhang von Kolonialismus und Rassismus ist unauflöslich

Vor wenigen Tagen brachte die ZEIT (02.01.2019) eine viel beachtete und heftig diskutierte Reportage über die Arbeit auf Kreuzfahrtschiffen: „Unter Deck“ (kostenpflichtig). Die Entrüstung über solche „Sklavenarbeit“ ist verständlich: kein Urlaub, kaum Arbeitsschutz, kaum medizinische Versorgung, hoher Leistungsdruck, geringe Bezahlung. – Ich komme gerade aus Südafrika von einer längeren Reise zurück. Was ich jetzt hier lese, erinnert mich an die Normal-Arbeitsverhältnisse vieler Schwarzer dort.

Meine Eindrücke beruhen auf Beobachtungen und Gesprächen, die ich mit Menschen dunkler Hautfarbe immer intensiver geführt habe. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass die Apartheid in Südafrika keineswegs vorüber ist: Die politische, rechtliche Apartheid ist wohl seit 1994 beseitigt (Aufhebung der Apartheidsgesetze, „one man – one vote“, Übereinkunft zwischen De Klerk (Burenpartei) und Mandela (ANC), aber die ökonomische soziale und kulturelle Apartheid besteht weiterhin. Nie wurde mir der Zusammenhang von Rassismus und Kolonialismus so deutlich vor Augen geführt. Er scheint unauflöslich zu sein. Darum haben diese Erfahrungen nicht nur mit Südafrika oder Afrika überhaupt, sondern eminent auch mit uns zu tun. Auch der wieder wachsende Rassismus bei uns ist nur im unauflöslichen Zusammenhang von Kolonialismus und globalem Kapitalismus zu verstehen. „Bei uns“ meint: in der „westlich“ geprägten Wirtschaft und Politik in Europa und Nordamerika.

Zunächst meine Beobachtungen während einer fast zweimonatigen Reise durch Südafrika. Ich war als Tourist alleine unterwegs, durchweg mit Mietwagen, 8000 km. Ich habe eine Menge von Südafrika gesehen und befand mich von meiner Reiseplanung her durchaus auf vielen typisch touristischen Routen mit Nationalparks, Wildtieren, malerischen Küsten am Indischen Ozean, berühmten Gebirgen wie Drakensberge, Swartberge, Kapgebirge. Es war ein großer Bogen von Johannesburg über den Kruger National Park zur Ostküste, und diese (mit Abstechern ins Landesinnere) entlang bis Kapstadt – zur groben Orientierung. In all den vielen Unterkünften, die ich gehabt habe, gab es durchweg schwarzes Personal und ausnahmslos weiße Besitzer bzw. Manager. Dasselbe gilt für Restaurants, Cafés und Tearooms, Bistros und Imbisse und die meisten Geschäfte und Supermärkte. Nur die Nationalpark – Verwaltung und die Rangers waren oft „schwarz“, ebenso überwiegend die Verkehrspolizei. Selbst in Swaziland, einem kleinen Land mit fast ausschließlich schwarzer Bevölkerung, wo ich zunächst das kleine Guesthouse schwarz geführt sah, gabs keine Ausnahme: Bezahlt wurde am andern Morgen nebenan bei einer weißen alten Dame, der Chefin.

Exkurs 1: zur Wortwahl. Ich zögere immer mehr, der Kürze und Bequemlichkeit halber von „Schwarzen“ und „Weißen“ zu sprechen. Es ist einfach falsch – „Schwarze“ sind nicht schwarz, und „Weiße“ nicht weiß. Es ist eine zutiefst rassistisch geprägte Ausdrucksweise, weil diese extremen Farbzuweisungen bereits mit Wertungen konnotiert sind. „Coloured“ ist eine weiterer ausgrenzender Begriff der Apartheid. Es gibt nur Menschen mit unterschiedlichen Hauttönungen, Teints, Haarfarben und sehr individuellen Gesichtern in ganz unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen. Genauso wie es nicht einen einzigen Typ von hellhäutigen Europäern gibt, so gibt es auch nicht einen einzigen Typ von Afrikanern mit dunkler Hautfarbe. Die Wirklichkeit ist unglaublich vielfältig und kulturell reich ausgestattet, wenn man das Vorurteil und die Prägung durch den Rassismus zu überwinden sucht – zuerst bei sich selbst! – Wenn ich die Wirklichkeit gelebter Apartheid beschreibe, benutze ich weiterhin die Begriffe „Schwarze“ und „Weiße“.

„Weiße“ leben in eigenen Wohngebieten, in Großstädten meist in ummauerten und gesicherten (Einlasskontrolle) Wohnvierteln. In jeder Stadt gibt es aber mehr oder weniger großflächige „Townships“, das heißt Viertel von Hütten aus Holz, Pappe und bestenfalls Blechdächern (tin huts), eng aneinander gequetscht. Diese Townships (der berühmteste ist SOWETO = South-West-Township in Johannesburg) beherbergen oft den größeren Teil der Bevölkerung einer Ortschaft, auch wenn die schönen weißen Wohngebiete die weitaus größere Fläche einnehmen. Das gilt auch für die Touristenorte. Townships sind nicht einmal Slums, es gibt dort heute oft Strom und teilweise auch „sanitation“, zumindest zentral, wenn auch nicht in jedem Haus. Nur in der Umgebung von Durban und Pietermaritzburg („schwarze“ Städte) habe ich auch Mittelstandshäuser modernen Zuschnitts gesehen, die von Familien mit dunkler Hautfarbe bewohnt werden. Die Industrie dort machts! Dann sieht man auch mal neuere SUVs, die von „Schwarzen“, und vermutlich nicht nur als Chauffeure, gefahren werden. Typisch ist es für Südafrika jedenfalls nicht. Typisch ist vielmehr auch, dass man so gut wie keine Paare oder Familien unterschiedlicher Hautfarben sieht, nirgendwo. Das ist sehr auffällig und total verschieden zum Beispiel von Brasilien. Man lebt weiterhin in getrennten Welten. Die Menschen indo-asiatischer Herkunft, besonders im Raum Durban, sind ohnehin nochmals eine eigene Gruppe. Die Unterscheidungen und die Segregation aus den Zeiten der Apartheid wirken mächtig fort. Sogar die Buren in der engeren Kapregion unterscheiden sich allein schon durch ihre eigentümliche Kolonial-Sprache, dem Afrikaans, von den Weißen britischer Herkunft bzw. englischer Sprache. Neun verschiedene Sprachen afrikanischer Völker sind erst seit kurzem offiziell anerkannt.

Constitution Hill
Constitution Hill Joburg

Ich habe in Jo’burg die historische Aufarbeitung der Zeit der Apartheid gesehen, das große, moderne Apartheids-Museum und das „Constitution Hill Museum“, d.h. die zentrale Gefängnisanlage des Apartheidsregimes. Man braucht mindestens einen Tag Zeit dafür; viele Touristen waren nicht dort zu sehen, umso mehr Schulklassen. Ich gehöre zu der Generation, welche die Apartheidspolitik in Südafrika noch „live“ aus Zeitungen, TV-Berichten und heftigen Diskussionen erlebt hat, besonders in den achtziger Jahren – aus der Ferne. Ich dachte, ich wüsste einigermaßen Bescheid – falsch. Nichts wußte ich. Die unmittelbare Erfahrung mit den realen Zeugnissen der Apartheid, ihrer Unmenschlichkeit und Niedertracht, hat mich fast erschlagen. Auch die berühmte, nobelpreiswürdige „Versöhnung“ zwischen dem letzten Apartheids-Premier De Klerk und seinem jahrzehntelangen Gefangenen „Nelson“ Rolihlahla Mandela entsprang nicht aufgeklärter Menschlichkeit, sondern dem Streben nach Machterhalt: Angola und Rhodesien hatten ihn gewarnt, dass man ohne Veränderung alles verlieren könnte, darum wollte er politische Macht ‚teilen‘, um ökonomische Macht (Eigentum an Farmland und Minen) und kulturelle Dominanz zu behalten. Das Kalkül der früheren Burenherrscher ist bisher aufgegangen. – Dieser „Museumstag“ gehört zu den eindrücklichsten Erfahrungen meiner Reise. Dort wurden zu Beginn meiner Zeit in Südafrika das Rufzeichen (Nimm wahr, was ist!) und das Fragezeichen (Wie konnte das sein und immer noch andauern?) gesetzt, die mich die gesamte Zeit meiner Reise begleitet haben. Apartheid war und ist systematische Herabsetzung, Entwürdigung und Demütigung, Rassismus pur um des Kolonialismus willen, mindestens seit 200 Jahren. Erst vor knapp 30 Jahren, also seit einer Generation, wurde sie politisch beendet. Aber sie wohnt noch lange in den Köpfen und Herzen, nicht nur in der sozialen Wirklichkeit. Auch darum gilt Mandelas Vermächtnis: Bildung, Bildung, Bildung!

120 km südlich von Durban, bei Port Edward, beginnt eine wüstenartige trockene und unfruchtbare Hügellandschaft, die sich ca. 500 km an der Ostküste entlang bis zum Kei River kurz vor East London erstreckt. Hier hört sprichwörtlich die Welt auf. Der bis dahin gut ausgebaute Küsten – Highway N2 wird zur rumpeligen Landstraße R61. Die Landschaft ist braun und öde, aber die Region ist dicht bevölkert, ohne dass es eine sichtbare Lebensgrundlage dafür gäbe: ein deutlicher Armutsstreifen in Südafrika. Darüber täuschen auch die zahlreichen Ortschaften in dem Hügelland nicht hinweg. Im Grunde setzt sich die übervölkerte Armutsregion noch über den Kei hinaus fort bis jenseits von Grahamstown, weitere 200 km. Man befindet sich in der Provinz Ostkap, einer der noch heute ärmsten und am wenigsten entwickelten Provinzen Südafrikas. Das erklärt aber noch nichts, erst ein Blick in die Geschichte der Apartheid: Es sind die Gebiete der früheren schein-selbständigen „Homelands“ Transkei und Ciskei (die deutschsprachigen Wikipedia-Artikel blenden das System der Apartheid fast vollständig aus), seit 1976 bzw. 1980 formal unabhängig vom Burenstaat Südafrika, bis zur Wiedereingliederung 1994. Ausgebürgert aus dem eigenen Land, gezwungen in unfruchtbaren Reservaten zu leben, waren die verschiedenen Völkerschaften der Xhosa das ideale Arbeitskräfte-Reservoir für Südafrikas Farmen und Minen: Die Familien mussten in den Homelands bleiben. 3,5 Millionen sogenannte „Bantus“ lebten vor 50 Jahren in diesen Reservaten. Auch das industrielle Port Elisabeth, heute ein wichtiger Standort der Autoindustrie, bezog seine Arbeitskräfte von dort. Dieses System der konstitutionellen Apartheid, einer formalen „Unabhängigkeit“ der „Homelands“ ohne Entwicklungsmöglichkeiten, macht den Zusammenhang von Kolonialismus, Kapitalismus und Rassismus überdeutlich. Noch 1992 fand der „Marsch auf Bisho“ statt, bei dem 29 Menschen durch Truppen des Homelands Ciskei getötet und über 200 verletzt wurden (Massaker von Bisho). Der heutige Präsident Südafrikas, Matamela Cyril Ramaphosa, nahm als Organisator an diesem Protestmarsch gegen das Apartheids-Regime der Ciskei teil. Im Grunde ist diese Entwicklung Südafrikas seit dem 19. Jahrhundert mit der Situation der schwarzen Sklaven und der „Indianer“ in Nordamerika (USA) vergleichbar, nur dass das System der Apartheid bis in unsere moderne Zeit, bis 1994, angedauert hat. Es sind jeweils unterschiedliche Ausprägungen eines ausbeuterischen, menschenverachtenden Rassismus mit dem Anspruch naturgegebener europäisch-weißer Suprematie. Hier hat man es vor Augen, man braucht keine großen Theorien. Nelson Mandela, Steve Biko und andere Führer der afrikanischen Befreiungsbewegung ANC stammten aus der Transkei, aus der Nähe von Mthatha, dem ehemals verballhornten Umtata. In Qunu, dem Geburtsort Mandelas, befindet sich heute ein sehr besuchenswertes kleines Mandela-Museum, das seiner Jugendzeit in der Transkei gewidmet ist. Dort liegt auch der schlichte Familiensitz mit dem Grab des „Madiba“, das für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. – Die normale Touristenroute sieht für den Abschnitt Durban – Port Elisabeth das Flugzeug vor.

Am Ende meiner Zeit in Südafrika, in Kapstadt, hat sich thematisch der Knoten noch einmal geschürzt. Ich hatte dort intensive Begegnungen und teilweise längere Gespräche mit „schwarzen“ Südafrikanern. Mich bewegte die Frage: Wie kommt man sich als „Schwarzer“ vor, wenn man ausschließlich Service-Personal ist und durchweg weiße Touristen bedient? Was geht in den Menschen vor, wenn sie in Restaurants Rechnungen überbringen, die für ein Abendessen krass mehr Geld ausweisen, als Bedienungen im Monat verdienen? Wie lebt es sich in Arbeitsverhältnissen wie dem Nachtdienst (security), der seit 2 Jahren jede Nacht 7 Tage die Woche von 7 – 7 Uhr Dienst hat, arbeitsrechtlich ungesichert, ohne bezahlten Urlaub – für einen Hungerlohn? Wie geht es den Uber-Fahrern, die oft aus den Nachbarländern kommen, deren Tarife aber durch die allzu große Konkurrenz immer stärker sinken? Wie geht es dem Guide, der bei Touristen finanziell einen „Luxusjob“ hat, aber dessen Familie weit entfernt wohnt, der selber äußerst bescheiden lebt, um alles Geld seiner Familie für die Erziehung und Schulen seiner Kinder zu überweisen? Was wissen sie hier im quirligen westlich-weißen Kapstadt vom Leben in den Armutsregionen in der Ostkap-Provinz? – Sie wissen alles, sie wissen und sehen alles sehr genau! Wie naiv habe ich eigentlich gedacht und gefragt? – „Daher kommen wir doch alle.“ Dieser Satz hat mich umgehauen. „Dort leben unsere Familien.“ – „Natürlich gibt es weiterhin Apartheid und massive Benachteiligung.“ – „Der Kampf um die Abschaffung der Apartheid, um wirtschaftliche Gleichberechtigung, um die Überwindung des Rassismus findet täglich statt, in jeder Sitzung des Parlaments, im Stadtrat, am Arbeitsplatz, immer!“ – „Wir wissen das!“ – „Der Weg ist noch lang.“ Das stimmt mit Sicherheit, denn die Minen, Farmen, Industrien und auch die berühmten Weingüter (mit Buren-Namen!) sind alle nach wie vor in weißer Hand. Wie gesagt, De Klerks Kalkül ist bis heute aufgegangen, erst recht im Zeitalter des globalen Kapitalismus. – Ich habe so viele überaus freundliche, aufgeschlossene Menschen unter den „schwarzen“ Afrikanern getroffen, gebildet oft weit über ihre soziale Herkunft hinaus, weiterdenkend, weitsichtig. Der Abschied war stets sehr herzlich. Und ich habe viel gelernt, ein Stück Wirklichkeit des Rassismus gesehen, und so viel Geduld und Ausdauer. Das hat mich in Südafrika am meisten beeindruckt.

Exkurs 2: Die San oder Khoi. Diese Völker sind die ursprünglichen Bewohner Südafrikas. Die heutigen „Schwarzen“ stammen aus Ost- oder Zentralafrika. Aufgrund ihrer für Weiße komplizierten Sprachen mit den typischen Klicklauten (gibts auch im Xhosa) wurden sie verächtlich Hottentotten oder Buschmänner genannt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah man sie als „Bindeglied zwischen Affe und Mensch“ (Zeitungsschlagzeile in Deutschland). Es erging ihnen und ihrer komplexen Kultur wie den Aborigines in Australien oder den nordamerikanischen Ureinwohnern: Sie wurden vertrieben und weitgehend ausgerottet. Den San wurde durch Jagd (zum Vergnügen in „game parks“) der großen Elen-Antilopen (Elans) die Lebensgrundlage geraubt, sie wurden zu Viehdiebstahl gezwungen, aufgeknüpft, bekämpft, ausgerottet oder vertrieben. Daran war auch noch die deutsche Kolonialpolitik in Namibia beteiligt, denn die Reste der Khoi und San zogen sich in die unwirtlichen Gebiete der Wüsten, besonders der Namib, zurück. Heute wird versucht, ihre Kultur zu erforschen und aufzuwerten. Zahlreiche über 1000 Jahre alte Felsmalereien mit Jagdmotiven und Schamanen gibt es in den Drakensbergen, einige davon habe ich gesehen. 80 km westlich von Kapstadt befindet sich neuerdings das offenbar weniger besuchte Kulturzentrum der San, !khwa ttu, sehr empfehlenswert, denn dort geht es vor allem um das naturkundliche und medizinische Wissen der San. Es ist Wissen, wenn auch nicht „Wissenschaft“ nach unseren Maßstäben.

Was hat das alles nun mit uns zu tun? Zunächst einmal wenig, scheint es. Deutschland bzw. das Kaiserreich war in Südafrika nicht involviert, allerdings umso mehr im benachbarten Namibia. Die koloniale Vergangenheit ist angesichts der Massaker, richtiger des Völkermordes an den Herero und Nama bis heute nicht wirklich aufgearbeitet. Das wäre ein eigenes Thema und bei den vielen moralischen Zeigefingern, die in Deutschland politisch gerne erhoben werden, endlich angebracht. Abgesehen davon verbindet uns wirtschaftlich mit Südafrika nicht allzu viel: Cape-Trauben, Mango, Weine. RSA exportiert vor allem billige Steinkohle aus dem Tagebau, aber kaum nach Europa und gar nicht nach Deutschland (siehe Herkunft der Steinkohle). Aber trotz der besonders infamen Apartheidsgeschichte Südafrikas sind die Verhältnisse bei der Produktion ähnlich wie in vielen anderen Ländern der post-kolonialen Welt: Die Steinkohle aus Kolumbien gilt als „Blut-Kohle„, ein wesentlicher Exporteur nach Deutschland. Aber wir brauchen gar nicht Rohstoffe aufzuzählen, die Deutschland als rohstoffarmes Land von überall her importieren muss. Ein großer Teil der Waren in unseren Supermärkten und Einkaufszentren sind Importe aus Ländern mit Billiglöhnen und wenig regulierten, d.h. oft ausbeuterischen und umweltschädlichen Produktionsmethoden. Bei spektakulären Unfällen (Bangladesch!) sehen wir nur die Spitze des Eisberges. Die Tendenz zur Vermarktung zum Beispiel von Bio-Baumwolle oder fair produzierten Produkten ist zwar erfreulich, deckt aber nur einen minimalen Teil der Produkte und Vorprodukte ab, die importiert werden – man denke nur an die Elektronikprodukte. Deutschland hängt voll und ganz in den Kreisläufen der globalisierten Weltwirtschaft, und das heißt eben auch: Unsere Wirtschaft hat immer Teil an den spät- und nach-kolonialen Strukturen und Produktionsverhältnissen weltweit. Unser Wohlstand ist daher wesentlich auf der Ungleichheit und kolonialen Ungerechtigkeit aufgebaut. Und das schließt oft genug Rassismus ein, auch in Europa, wie das Beispiel italienischer Tomatenprodukte u.a. für unsere Pizzen zeigt, die in Süditalien unter oft menschenunwürdigen Bedingungen von Flüchtlingen und Migranten geerntet werden (FAZ – Reportage von 2018). Und hier kommt auch die Wirklichkeit auf Kreuzfahrtschiffen wieder in den Blick. Rassismus und Kolonialismus sind uns näher, als wir denken – Augen auf!

Das sollte uns sehr viel sensibler machen für aufkeimenden und sich ausbreitenden Rassismus direkt in unserem Land. Ich kann nach „Südafrika“ noch weniger über die vielen Fälle von Rassismus besonders gegenüber Flüchtlingen, Migranten und insbesondere Juden hinwegsehen. Erhöhte Aufmerksamkeit ist angebracht, deutliches Entgegentreten in der Öffentlichkeit. Es sind nicht mehr nur Anfänge, denen zu wehren wäre, sondern es ist nach meiner Wahrnehmung ein sich verfestigender, offensiver Rassismus, der mitten in unserer Gesellschaft auftritt und als „normal“ gelten will. Jeder Rassismus aber ist Menschenverachtung pur. Die neu erstarkte Rechte in Deutschland und Europa macht Rassismus wieder salonfähig. Sogar alte Ideologien der weißen Suprematie und völkischen Identität treten unverhohlen an die Öffentlichkeit, – eigentlich unglaublich. Wenn Reisen in viele Länder dieser Welt „bildet“, dann hoffentlich eben auch in der Ausbildung eines Bewusstseins dafür, dass Menschenrechte unteilbar sind und Kolonialismus samt ihn begleitenden Rassismus überwunden werden muss.


Nachtrag 12.03.2019

Lesens- und ansehenswerte Fotoreportage über die zunehmenden Spannungen zwischen Weißen und Schwarzen in Südafrika:
Hinterm Regenbogen – FAZ.NET

Update 10.05.2019 Es sind Wahlen gewesen in Südafrika. Das Ergebnis wirft ein Licht auf die schwierigen Verhältnisse, in die das Land nicht zuletzt durch die Misswirtschaft (Korruption) des ANC geraten ist. Lies dazu den Beitrag des SPIEGEL .

Reinhart Gruhn

 6. Januar 2019  Posted by at 17:32 Afrika, Kolonialismus, Menschenrechte Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Reale Welt des Kolonialismus
Sep 262018
 
Kann man den jüngsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen mit all ihren Umbrüchen, Tabubrüchen, Aufgeregtheiten überhaupt irgendetwas Positives abgewinnen? – Aber natürlich, man kann es durchaus! Denn es wird wieder diskutiert, gestritten, sich ereifert, auch mit überzogenen Positionen und Grenzverletzungen, aber insgesamt doch engagiert und selbstbewusst, auch wenn es in den sozialen Medien immer wieder zu hässlichen Pöbeleien und gezielten Verunglimpfungen kommt. Dass über die Zustände in unserer Gesellschaft und über den Zustand der Gesellschaft als ganzer so heftig diskutiert wird, ist ein gutes Zeichen für eine interessierte und engagierte Bürgerschaft, die sich nicht mit einer eingefrorenen Regierung und den Selbstbespiegelungen der Oberen zufrieden gibt. Zwar mag es auch viele geben, die sich längst frustriert und resigniert (oder einfach übergangen und gleichgültig) aus der Diskussion und politischen Teilnahme verabschiedet haben – die große Gruppe der Nichtwähler ist ein Anzeichen dafür – , dennoch kann man eben in keiner Weise davon sprechen, dass es in unserer Gesellschaft lethargisch und leidenschaftslos zugehe, und das ist angesichts der Herausforderungen unserer Zeit etwas sehr Positives, vielleicht sogar ein positiver Wandel.

Deutschland spricht

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Aktion „Deutschland spricht“ in Berlin © Alexander Probst für ZEIT ONLINE

Denn es ist doch einfach gut, dass vielerorts, in vielen Medien und auf unterschiedlichen Plattformen die wichtigen Themen der Gesellschaft aufgegriffen und diskutiert werden:

  • über Gerechtigkeit und soziale Spaltung
  • über Migration und Integration
  • über Offenheit und Selbstvergewisserung
  • über Nation und Europa
  • über Wehrhaftigkeit und Interessen
  • über Rechtsstaat und Zivilcourage
  • über Emanzipation und Gleichberechtigung
  • über Missbrauch und andauernde Schuld
  • über Bildung, Schule und Wissenschaft
  • über Digitalisierung und Globalisierung
  • über Solidarität zwischen Alten und Jungen, Starken und Schwachen, Vorauseilenden und Langsameren
  • über Freundschaft, Heimatliches und Vertrautes
  • über Religion und Moral
  • über Alter und Pflege
  • über Fakt und Fälschung

Die Liste ließe sich leicht verlängern, genauer ausführen, ergänzen, weiter differenzieren. Sie bedeutet auch keinerlei Rangordnung der Themen und Verhältnisse, die darin angesprochen werden, und auch zunächst keine Zuspitzungen. Die muss es freilich auch geben, wenn es denn um mehr geht als um Spielereien und ‚Friede, Freude, Eierkuchen‘. Es geht in der Tat um mehr, und das ist auch der Grund dafür, dass oft so heftig und polarisiert gestritten wird, so dass nicht mehr zugehört wird und der andere samt seiner anderen Meinung verteufelt wird. Zuhörenkönnen und Geduld gehören zur Diskussion ebenso wie Informiertheit, Argumentationsfähigkeit und Redegewandtheit. Gefühle und Leidenschaften gehören auch dazu, das muss alles so sein, wenn es nicht zur sterilen Übung, zum Ritual geraten soll.

Es gibt allerdings auch Grenzen, Grenzen des guten Geschmacks (worüber man streiten kann) und Grenzen des Tolerierbaren (worüber man nicht mehr streiten kann). Wo Menschen persönlich angegriffen und missachtet werden, wo zu Verfolgung und Gewalt aufgerufen wird, wo sich eine Gruppe anmaßt, alleine die Wahrheit zu besitzen und sich gewaltsam durchsetzen zu können, wo die Menschenwürde missachtet und anderen gar abgesprochen wird, da sind Grenzen überschritten. Da gibt es nichts mehr zu diskutieren, dagegen gilt es Widerstand zu leisten und Polizei und Gerichte anzurufen. Über eine Verrohung der Sprache kann man sich noch beklagen, aber wo Verfolgung und Gewalttätigkeit ausgeübt wird gegenüber anderen, die man als fremd und andersartig ablehnt und ausgrenzt, da ist das Gespräch zu Ende. Antisemitismus ist dabei die Spitze und das wiederkehrende Kennzeichen von grundübler Bosheit und Gewalt. Antisemitismus war und ist für eine Gesellschaft immer wieder so etwas wie der Lackmus-Test ihrer demokratischen Reife und Toleranz. Wo es wieder Juden an den Kragen geht, folgen meist auch die Ausgrenzung anderer Unangepasster und Missliebiger auf dem Fuße, die man beseitigen und ‚ausmerzen‘ will. Ein völkischer Nationalismus und ein sich harmlos gebender erzrechter Populismus sind reale Gefahren der freiheitlichen Gesellschaft. Da nützt keine Diskussion mehr, da gilt nur Widerstand – um ‚den Anfängen zu wehren‘ ist es schon fast zu spät.

Aber da gibt es eben auch die auflebende Bewegung für eine gesellschaftliche Diskussionsfähigkeit und Offenheit, die gegen Ängste und dumpfe Gefühle angeht und Abgehängte einbezieht. „Deutschland spricht“ ist eine großartige Idee. Eine polarisierte und politisierte Öffentlichkeit ist an sich noch gar nichts Schlechtes. Es wäre die Chance da, nach einer Zeit der Erstarrung zu mehr Diskussionskultur, Gesprächsbereitschaft und Toleranzfähigkeit zu finden. Das muss geübt werden, gerade auch vor dem Hintergrund von shitstorms und üblen Beschimpfungen, wie sie im Schutz der Anonymität des Netzes wohl unvermeidlich sind. Man sollte sich davon nicht irritieren lassen, die wichtigen Diskussionen nicht zerstören lassen. Hohlköpfe, auch gefährliche, gibt es immer. Manchmal werden sie sogar Präsident. Damit aber solche Stimmen bei uns nicht zur Mehrheit werden, sondern als dumpfe und dumme Bosheit entlarvt werden, dafür ist das offene und öffentliche Gespräch, die heftige Diskussion, die engagierte Position und Gegenposition, Rede und Gegenrede nötig. Ich habe den Eindruck, wir sind gerade schon dabei.

Das wäre doch ein echt positiver Wandel!

Reinhart Gruhn

 26. September 2018  Posted by at 11:43 Demokratie, Gesellschaft, Öffentlichkeit, Politik, Rechtsstaat Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Positiver Wandel
Mrz 112018
 
Kürzlich veröffentlichte das Umweltbundesamt (UBA) eine Studie zur Gesundheitsbelastung durch Stickstoffdioxid NO2 unter der Überschrift: „Stickstoffdioxid führt zu erheblichen Gesundheitsbelastungen. UBA-Studie ordnet Gesundheitsbelastung durch Stickstoffdioxid in Deutschland ein“. In der Presse wurde die Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Studie weit stärker verkürzt, als sie auf der Webseite des UBA ohnehin schon knapp dargestellt ist. Die Zahl von knapp 6000 Todesfällen und 437.000 Erkrankungen pro Jahr wurde medial verbreitet: „Stickoxide brachten 2014 Tausenden den Tod.“ (n-tv) Das war noch eine vergleichsweise sachliche Formulierung. Die Präsidentin des UBA, Maria Krautzberger, wird auf ihrer Pressekonferenz zitiert mit dem Satz: „Die Ergebnisse, die wir vorstellen, sind die Untergrenze“, die wirklichen Zahlen lägen wohl höher. Daraus leitete sie die Forderung ab, Grenzwerte weiter zu senken, was, so die weitere Folgerung in der Presse, ohne Fahrverbote für Diesel-PKW kaum möglich sei. Ein kleiner Satz aus der kurzen Pressemitteilung selbst wurde allerdings seltener (z.B. in der FAZ) mitgeteilt: „Epidemiologische Studien ermöglichen zwar keine Aussagen über ursächliche Beziehungen. Jedoch liefern sie zahlreiche konsistente Ergebnisse über die statistischen Zusammenhänge zwischen negativen gesundheitlichen Auswirkungen und NO2-Belastungen.“

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen darauf, was die Studie tatsächlich leistet, was ihr Ziel ist und welche Methoden sie dafür wählt, außerdem welche Einschränkungen und Vorbehalte die Autoren machen. Verantwortet wird die Studie vom Helmholtz Zentrum München GmbH, Institut für Epidemiologie, Arbeitsgruppe „Environmental Risks“. Sie ist auf den Seiten des UBA frei verfügbar,  für den Laien aber nicht ohne weiteres verständlich. Es helfen die in der Studie selbst angebotene Einleitung, Methodenerklärung und ausführliche Zusammenfassung. Die Studie ist nicht allein für das Thema Stickoxide und ihre gesundheitlichen Auswirkungen aufschlussreich, sondern paradigmatisch dafür, auf welche Weise wissenschaftliche Studien durchgeführt, aufgegriffen, zusammengefasst, medial gedeutet und in ihrer extrahierten Quintessenz verbreitet werden. Die komplexe Differenziertheit einer solchen Studie kann darin fast völlig verlorengehen.

Der genaue Titel der Studie lautet: „Quantifizierung von umweltbedingten Krankheitslasten aufgrund der Stickstoffdioxid-Exposition in Deutschland.“ Es geht also um Quantifizierung, um die größenmäßige Feststellung der Verbreitung von Stickoxiden in Deutschland 2007 – 2014, ferner um den quantifizierten Anteil der Bevölkerung unterschiedlicher Altersgruppen und Wohngebiete, der wiederum unterschiedlichen Mengen von NO2 ausgesetzt ist, und schließlich, am wichtigsten, um zahlenmäßige Aussagen zu gesundheitlichen Folgen bzw. um die Art und Zahl der durch NO2 bedingten Krankheitsfälle einschließlich Todesfällen. Entsprechende Untersuchungen wurden natürlich nicht alle neu vom Helmholtz Institut durchgeführt, sondern die Studie sichtet vorhandene Untersuchungen zum Thema NO2 in vergleichbaren Ländern (USA, Kanada, Schweiz), greift auf vorhandene Modelle und Erhebungen zurück und verbindet sie mit dem Kenntnisstand aus epidemiologischen Untersuchungen und Ergebnissen. Dies wird akribisch aufgelistet, dokumentiert und vielfach tabellarisch zusammengefasst. Die Gründlichkeit und Transparenz der in der Studie unternommenen Aufarbeitung scheint mir kaum zu bemängeln.

Stadtverkehr

(c) BMVI

Zentral sind dabei die methodisch bedingten Voraussetzungen und Einschränkungen. Man halte sich das vor Augen: Es wird auf Fakten in Form von Messwerten an einzelnen Stationen im Lande zurückgegriffen, ferner auf Daten von Krankheitsfällen und -verläufen, die klinisch / epidemiologisch dokumentiert sind. Die vorhandenen Rohdaten sagen für sich noch gar nichts, solange sie nicht in ein computergestütztes Modell eingepasst werden, das zum Beispiel aus einzelnen Messdatenreihen die NO2-Konzentration für ein ganzes Land feinkörnig ( 1 qkm) hochrechnet. Dasselbe gilt für die Berechnung, welche Teile der Bevölkerung welcher Konzentration ausgesetzt sind: Es geht um Modellierungen und Hochrechnungen, wie sie in diesen und anderen Bereichen wissenschaftlich üblich und bewährt sind. Es bleiben aber Modelle. Diese Modelle der NO2 -Konzentration und Exposition werden nun korreliert mit ebensolchen Modellen (Hochrechnungen aus Einzeldaten entsprechend einem angenommenenen Verlaufsmodell) aus der Krankheitsstatistik und der epidemiologischen Forschung. Schließlich werden diese erhobenen Korrelationen bewertet, und zwar auf ihre Evidenz (Stichhaltigkeit, Beweiskraft) bezüglich eines Wirkungszusammenhangs zwischen NO2-Belastung und zu erwartenden Krankheitsbildern und -verläufen hin. Diese Bewertungen werden noch einmal differenziert nach starker, moderater und schwacher Evidenz. Ich fasse zusammen: Die Studie fasst andere Studien zusammen und wertet sie aus hinsichtlich vorhandener Modellrechnungen, Korrelationen und Bewertungen entsprechend wissenschaftlicher Methodik und Exaktkeit. Vor allem Computermodelle und die mathematische Statistik sind hierfür zentral. Dieses Verfahren ist nachvollziehbar und wissenschaftlich bewährt, denn wie sonst sollte man aus relativ verstreuten Einzeldaten (von z. B. einigen hundert Messstationen oder konkreten klinischen Verläufen) irgendeine allgemeine Aussage gewinnen und Schlussfolgerungen treffen? Dies geschieht nach bestem Wissen und bewährter Methodik. Aber es sind Modelle (mit begrenzten Rahmen- und Ausgangsbedingungen), Hochrechnungen (mit Fehlerquote), Korrelationen (statistische Zusammenhänge ohne Kausalität), Bewertungen (nach offengelegten Maßstäben) und Schlussfolgerungen, die sich nach Meinung der Autoren der Studie daraus ergeben. Darauf stützen sich dann die Darstellungen und Schwerpunkte in der Vorstellung der Studie durch das UBA und die Bewertungen und Meinungsäußerungen in den Medien. Nebenbemerkung: Ähnlich verfährt auch die Klimaforschung, allerdings auf der Basis eines weitaus größeren empirischen Datenmaterials. Denn schaut man sich die hier besprochene Studie auf die empirischen Daten hin an, dann ist das Material selbst vergleichsweise dürftig, am solidesten sind die an den Messstationen erhobenen Daten sowie klinische Befunde. Diese aber sind empirisch nicht zu verallgemeinern, sondern nur in Modellrechnungen darstellbar – wie in anderen Studien vorgelegt. Studien berufen sich also hier legitimatorisch auf andere Studien. Man muss dies als eine methodische Einschränkung werten.

Als Beispiel für Bewertungen und Maßstäbe, wie sie in der Studie verwandt werden, nenne ich hier den Begriff der „starken Evidenz“. Sie wird so definiert:

Starke Evidenz: Es liegt eine ausreichend große Anzahl von Studien vor, die eine konsistente Verbindung zwischen NO2 und Endpunkt aufzeigen. „Ausreichend“ kann je nach Endpunkt unterschiedlich definiert sein. Der Zusammenhang zwischen NO2 und Endpunkt ist bestätigt, d. h. mehrere Studien kommen zu einem vergleichbaren Ergebnis, und es liegen keine Studien vor, die dem Zusammenhang widersprechen (Nullergebnisse sind kein Widerspruch!). Der Zusammenhang wurde in verschiedenen Populationen mit variierenden Studienmethoden nachgewiesen. [S. 25]

„Endpunkt“ bedeutet die Krankheit bzw. den Krankheitsverlauf, der im Zusammenhang mit NO2-Belastung stehen könnte. Aufgelistet werden 12 Befunde, darunter Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Asthma. Die Bewertung „ausreichend bestätigt“ liegt dann vor, wenn mehrere Studien zu einem vergleichbaren Ergebnis kommen. Bemerkenswert ist dabei, dass ausdrücklich „Nullergebnisse kein Widerspruch!“ sind. Wenn also eine Studie keinen Zusammenhang zwischen NO2-Belastung und Befund herstellen kann, wird das faktisch als Bestätigung eines Zusammenhangs gewertet; ein Widerspruch liegt nur dann vor, wenn eine entsprechende Studie dem Zusammenhang von NO2-Belastung und medizinischem Befund ausdrücklich zuwiderliefe, also z. B. eine sinkende Asthmarate korrelierte. Dass „Nullergebnisse“ hier als Bestätigung gerechnet werden, halte ich in unserem Zusammenhang für höchst fragwürdig.

Darüber hinaus werden aber weitere Einschränkungen in der Studie selbst genannt. Denn einerseits gilt:

Wie den Übersichtsarbeiten der amerikanischen Umweltbehörde (U.S. EPA, 2016), des Schweizerischen Tropen- und Public Health Instituts in Basel (Swiss TPH; Kutlar Joss et al., 2015), des REVIHAAP-Projekts („Review of evidence on health aspects of air pollution“; WHO, 2013a) und von Health Canada (2016) zu entnehmen ist, konnten in Kurzzeitstudien Zusammenhänge zwischen einer Erhöhung der NO2-Belastung und einer Zunahme der Gesamtmortalität und insbesondere der Mortalität aufgrund von Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen gezeigt werden. [S. 19]

Die Studie spricht hier in anderem Zusammenhang von „biologischer Plausibilität“, was immer das genauer bedeuten mag. So weit, so gut. Aber andererseits räumt die Studie ein:

Die gesundheitlichen Wirkungen werden häufig auch bei niedrigen NO2-Konzentrationen gefunden (Brunekreef et al., 2012; Brunekreef and Holgate, 2002). Jedoch können einige der beobachteten gesundheitlichen Folgen derzeit noch nicht allein NO2 zugeschrieben werden, da andere verkehrsbedingte Luftschadstoffe ähnliche räumliche Verteilungen wie NO2 aufweisen. Speziell die sehr begrenzte Anzahl von Studien, die z. B. ultrafeine Partikel (Partikel mit einem aerodynamischen Durchmesser kleiner als 0.1 μm) als Störgröße in ihren Analysen berücksichtigen, lässt hier nur limitierte Schlussfolgerungen zu. Zudem ermöglichen epidemiologische Studien keine Aussagen über ursächliche Beziehungen. Die zahlreich vorhandenen epidemiologischen Studien liefern jedoch konsistente Ergebnisse über die Zusammenhänge zwischen NO2-Belastungen und ihren negativen gesundheitlichen Auswirkungen. [ebd.]

Hier sind wir am eigentlichen Knackpunkt. Zunächst kann man auch innerhalb der Logik der Studie fragen, wie plausibel die Korrelation, interpretiert als Wirkungszusammenhang, für bestimmte NO2-Konzentrationen ist, wenn sich offenbar einzelne Krankheitsbilder- und -verläufe gleichermaßen bei hoher und niedriger Konzentration feststellen ließen, also eher den Hinweis boten, dass da zwischen NO2 – Exposition und medizinischem Befund womöglich gar kein unmittelbarer Zusammenhang besteht, sondern die genannten „anderen Luftschadstoffe“ (warum nur „verkehrsbedingt“?) ebenso korrelieren – oder auch nicht. Aus meiner Sicht entwerten diese Aussagen und Einräumungen die weitreichenden Schlussfolgerungen der Studie ganz erheblich. Es geht nur um „Modelldaten“ und vermutete Zusammenhänge, um nicht weniger, aber auch nicht um mehr.

Dies gilt noch mehr für die beiden letzten Sätze in dem eben zitierten Absatz. Es sind nur „limitierte Schlussfolgerungen“ erlaubt, denn „epidemiologische Studien machen keine Aussagen über ursächliche Beziehungen“. Noch mehr und stärker gilt das für statistisch erhobene Korrelationen generell. Das räumt die Studie ebenfalls ein, ausdrücklich auch in dem zusammenfassenden Pressestatement. Korrelationen liefern keine Kausalität. Statt dessen muss man sich mit „konsistenten Ergebnissen über die statistischen Zusammenhänge“ begnügen, was immer das „konsistent“ im Einzelnen bedeutet. Das musste vor einigen Jahren auch Google erfahren, als es aus gehäuften Suchanfragen nach Grippemedikamenten eine Voraussage für auftretende Grippeerkrankungen ableiten wollte. Es konnte von der Wirklichkeit nicht gestützt werden, weil offenbar die Korrelate falsch angesetzt waren: Die Suche nach Grippemitteln korrelierte allenfalls mit der Sorge vor Grippeerkrankung, nicht aber mit tatsächlichen Erkrankungen. Die Ableitung von Wirkungszusammenhängen aus statistischen Mustern und Korrelationen bleibt immer problematisch, weil hier oft die Vermutung einer Konsistenz zu einer faktischen Evidenz umgedeutet wird. Dies scheint mir hier in der Studie durchgängig der Fall zu sein. Die in der Presse verkündeten Ergebnisse, zumal hinsichtlich von Mortalitätsraten, werden von der Studie in keiner Weise gedeckt. Es handelt sich allenfalls um statistische Möglichkeiten, sofern man alle anderen definierten Ausgangsbedingungen gelten lässt.

Der Satz „NO2 tötet“ ist eine unzulässige Verallgemeinerung und wissenschaftlich evident nicht belegbar. Die Gesamtmortalität wird als schwach bewertet (im oben eingeschränkten Sinn: es gibt nur widersprechende oder unzureichende Studien), allenfalls die „Respiratorische Mortalität“ (Atemwegserkrankungen) wird als korrelativ „stark“ bewertet, auch wenn sich das bei Kurzzeiteffekten nicht bestätigen ließ (vgl. S. 27). Auch hier gilt, dass der Zusammenhang mit anderen Luftbelastungen nicht ausreichend geklärt und ein Wirkungszusammenhang (Kausalität) nicht bestätigt werden konnte.

Aus den hier vorgestellten Beobachtungen und Überlegungen hinsichtlich der Aussagekraft und Tragweite der diskutierten Studie lässt sich so viel sagen: Die in der Pressemitteilung formulierte Verallgemeinerung des UBA ist schlicht durch die Studie nicht gedeckt, es handelt sich um eine einseitige Interpretation einer vermuteten Tendenz:

Die Studie zeigt unter anderem, dass acht Prozent der bestehenden Diabetes mellitus-Erkrankungen in Deutschland im Jahr 2014 auf Stickstoffdioxid in der Außenluft zurückzuführen waren. Dies entspricht etwa 437.000 Krankheitsfällen. Bei bestehenden Asthmaerkrankungen liegt der prozentuale Anteil der Erkrankungen, die auf die Belastung mit NO2 zurückzuführen sind, mit rund 14 Prozent sogar noch höher. Dies entspricht etwa 439.000 Krankheitsfällen.

Diese Tatsachenaussagen werden durch die Studie selbst nicht gestützt. Die in der Presse verbreitete Zahl von fast 6000 Todesfällen ‚durch NO2‘ entbehrt jeder evidenten Grundlage. Es handelt sich dabei um eine statistisch mögliche Randaussage im Rahmen der limitierten Aussagekraft der verschiedenen Studien und ihrer modellhaften Auswertung. Sie dramatisiert und skandalisiert in unzulässiger Weise. So wird aus transparenter Wissenschaft – Pseudowissenschaft. Unbestreitbar ist jedoch:

NO2 wirkt als sehr reaktives Oxidationsmittel. Die relativ geringe Wasserlöslichkeit von NO2 führt dazu, dass der Schadstoff nicht in den oberen Atemwegen gebunden wird, sondern in tiefere Bereiche des Atemtrakts (Bronchiolen, Alveolen) eindringt. Dort kann NO2 bei Kontakt mit Alveolargewebe Zellschäden auslösen und entzündliche Prozesse verursachen sowie zu einer Hyperreagibilität der Bronchien führen. Hyperreagibilität gilt als ein Risikofaktor für die Entwicklung allergischer Atemwegserkrankungen. [S. 19]

Darum sollte es gehen: Um eine angemessene Bewertung der Luftverschmutzung in unserem Land, maßgeblich verursacht durch den Straßenverkehr. Darüber besteht Einigkeit. Dass alles dafür getan werden muss, Umweltbelastungen, insbesondere Luftverschmutzung, Emissionen, zu reduzieren, steht außer Frage. Selbst vermutete und plausible Wirkungszusammenhänge zwischen verschiedenen Schadstoffen, darunter bestimmt auch NO2, CO2, Feinstaub usw., und dem vermehrten Auftreten von z. B. Atemwegs- und Koronarerkrankungen reichen aus, um politisch nachhaltig aktiv werden zu müssen. Eine wissenschaftlich verantwortete, aber eigentlich nur vermutete und als „evidenzbasiert“ behauptete Studie hilft hier eher nicht weiter. Sie befördert allenfalls eine Instrumentalisierung wissenschaftlich begrenzter Aussagen zu ideologischen Versatzstücken, mit denen die eigene Meinung legitimiert werden soll.

Reinhart Gruhn

Update: Siehe auch hier: Die erfundenen Toten (Spiegel)

 11. März 2018  Posted by at 13:30 Gesellschaft, Statistik, Wissenschaft Tagged with: , , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Das NO2 – Dilemma
Feb 232018
 
Wie sehr unsere Welt jetzt ‚aus den Fugen geraten‘ ist, wird immer wieder von Journalisten und Politikern gefragt und beklagt. Wir leben offenbar in besonders unruhigen Zeiten. Allein schon das Wort ‚disruptiv‘ hat Hochkonjunktur und kann positiv oder negativ konnotiert sein. Die üblichen Verdächtigen dafür sind die Globalisierung, Digitalisierung, Migration, Verlust des Vertrauten. Das ist sicher in vieler Hinsicht zutreffend, jedenfalls kann man sich selbst eines solchen Eindrucks kaum erwehren. Allerdings fragt es sich, ob die Zeiten des Kalten Kriegs, der Kubakrise oder der RAF tatsächlich so viel gemütlicher und ruhiger waren, wie es heute in der erinnernden Verklärung den Anschein hat. Aber selbst für unsereinen, der dies alles einst sehr bewusst und aktiv erlebt hat, scheinen die Veränderungen heute von einer anderen Qualität zu sein. Was könnten dafür die Ursachen und Gründe sein?

Zunächst einmal kann man aufzählen, was nicht dazu gehört: Es gibt keine aktuelle wirtschaftliche Notlage, im Gegenteil, die Wirtschaft brummt, die Einkommen steigen, die Erwerbslosigkeit ist so niedrig und die Zahl der Beschäftigten so hoch wie lange nicht mehr, die wirtschaftlichen Aussichten sind auch in diesem Jahr wieder so gut wie im vorhergehenden. Es gibt auch keine unmittelbaren politischen Bedrohungen, und Europa stand vor wenigen Jahren viel stärker in der Krise, als es jetzt durch den Brexit sein könnte. In allen Ländern der EU gibt es (mit einer deutschen Einschränkung) stabile Regierungen – auch das war noch vor kurzem anders. Die Konsum-Indikatoren, speziell die Tourismus- und Mobilitätszahlen, erreichen nie da gewesene Höchstwerte. Da müsste doch eigentlich alles im Lot sein! Verschärft sich auf diesem Hintergrund nicht die Frage nach dem ‚aus den Fugen geraten‘?

Sicher gibt es bei allem Wohlstand und Wohlergehen auch die immer noch viel zu große Zahl von Menschen, die in unserem Land in äußerst prekären Verhältnissen leben, an denen der Aufschung stracks vorbeigeht. Wie sehr sich die Schere zwischen oberen und unteren Einkommen und Vermögen auseinander bewegt, wie sehr auch die Mittelschichten abzurutschen drohen, ist bei den Fachleuten umstritten. Gefühlt ist da aber was dran, aber hilft da wirklich das ‚Gefühlt‘? Es erklärt zumindest manches. Denn viele der als besonders gravierend genannten Probleme sind tatsächlich eher eine Sache des Gefühls als durch Tatsachen begründet und erhärtet. Und da sind sie dann, die besonders heißen und ‚disruptiven‘ Themen: Flüchtlingskrise, innere Sicherheit, Pflegenotstand, Bildungsmangel – alles zusammengefasst in dem Pauschalvorwurf des zumindest punktuellen Politikversagens. Daraus wird aus der anwachsenden rechten Ecke flugs ein generelles „Staatsversagen“ der „Systemparteien“ und der mit ihnen unter einer Decke steckenden „Lügenpresse“. Die AfD greift diese Stimmung in aktuellen Umfragen bei 16% der Wahlberechtigten ab. Bei uns die AfD, in Österreich die FPÖ (in der Regierung!), in Frankreich der Front National, von Populisten in Osteuropa ganz zu schweigen. Genau dies ist es, was die gegenwärtige Verunsicherung ausmacht, und zwar zugleich als Ursache wie als Symptom. Es ist der auf den Kern unseres bisherigen Selbstverständnisses zielende Angriff auf das demokratische Selbstbewusstsein und die demokratischen Institutionen. Das geschieht in einem solchem Umfang und mit einer derartigen Schärfe, – das ist tatsächlich neu.

BTW 2017

Quelle: Tagesschau.de

Ursache und Sympton – diese merkwürdige Verbindung zeigt sich gerade nach den letzten Bundestagswahlen. Das Ergebnis als solches ist für sich genommen weniger dramatisch als der aufgeschreckte Umgang damit und die quälend lange chaotische Phase der Regierungsbildung. Die Parteien haben sich in einem desolaten Zustand der Fixierung auf sich selbst präsentiert und damit genau das Vorurteil befördert, das den extremen Rechten die Stimmung und möglicherweise künftige Wähler zutreibt wie eine self fullfilling prophecy. So ist es vermutlich weniger der Verdruss über mancherlei Missstände in unserem Land als das Erschrecken darüber, wie wenig und wie phantasielos ‚Politik‘ mit den realen Problemen ebenso wie mit den Stimmungen und Ängsten in der Bevölkerung umgeht, das zum allgemeinen Krisengefühl beiträgt. Es gibt in der Tat genug objektive Ursachen für viele der genannten Probleme, obwohl keine davon wohl für sich genommen so stark ist, als Erklärung der Stimmungslage auszureichen. Es gibt etwas, das über die Fakten hinausgeht, für das bestimmte Entwicklungen in der Gesellschaft so etwas wie Katalysatoren sind: Verunsicherung über die künftige wirtschaftliche Situation, über die familiären Perspektiven (welche Arbeitswelt werden die Kinder vorfinden?), über Fremdheit gegenüber einer sich technisch und wirtschaftlich global rasant verändernden Welt, mit Machtverschiebungen, angesichts derer bisher vertraute Orientierungen versagen. Vielleicht ist dies eine der stärksten Ursachen und Phänomene für die derzeitige massive Verunsicherung: das Gefühl der Fremdheit und weiterhin drohenden Entfremdung in einer Welt und in einem Umfeld, in dem man sich das Vertraute, ‚Heimatliche‘ erst wieder neu schaffen oder sich seiner erneut vergewissern muss. Blitzableiter für dieses Gefühl sind dann schnell Minderheiten, Flüchtlinge, die insbesondere in jenen Gegenden (Ost-)Deutschlands zur Stimmungsmache herhalten müssen, wo es kaum nennenswerte Zahlen von Flüchtlingen gibt (ok, es gibt auch Cottbus). Kein Wunder, wenn dann auch wieder ein bisher verdeckter Antisemitismus bis in die Mitte der Gesellschaft hinein lautstark wird und die gesellschaftliche Tabuzone verlässt.

Das Gefühl, dass Identität bedroht ist und verloren geht, ist offenbar länderüberfgreifend verbreitet, denn nur so lässt sich der wachsende Nationalismus als Reaktion einordnen. Mag es noch so widersinnig und unvernünftig sein, sich angesichts globaler Machtstrukturen und Herausforderungen auf nationale Eigenwege („Stärken“) zurückzuziehen, – es scheint eine Blaupause zu sein für viele gegenwärtige Entwicklungen von Staaten, für die Trumps „America first“ und Großbritanniens Brexit nur das Fanal darstellen. Andere Entwicklungen fügen sich da ein: Putins großrussischer Nationalismus, Erdogans Träume vom Wiedererstehen eines osmanischen Reiches, Chinas geschickt gewebten Machtnetze unter dem Stichwort „neue Seidenstraße“ usw. Dies sind allerdings Erscheinungen, die sich mehr dem intellektuell beobachtenden Auge zeigen, – für den Alltag der Bevölkerung, auf den sich die Umfragen beziehen, hat das weniger Bedeutung. Was dort haften bleibt, ist wiederholtes „Politikversagen“, sind Unzulänglichkeiten, die längst bekannt sind, aber dennoch nicht behoben werden; Bedrohungen (Einbrüche!), denen staatliches Handeln viel zu spät und viel zu unentschlossen begegnet ist; Verunsicherungen über den Zustand der Gesellschaft.

Dagegen hilft nur die Geduld konsequenter Aufklärung und Gespräche darüber, dass Politiker oft nicht so können, wie sie vielleicht wollten oder sollten, dass eine offene Gesellschaft mit Meinungsfreiheit und demokratischen Rechten und Pflichten etwas ist, das erlernt und immer wieder eingeübt werden muss, dass Kompromisse zum Wesen von Regierungshandeln gehört, dass Zivilcourage, Toleranz und Eintreten für das Recht Dinge sind, die von jedem Bürger erwartet werden sollten. Natürlich werden es immer nur Einzelne sein, aber diese können dann zu Beispielen und Leuchtzeichen werden, wie man es bei uns anders und besser machen kann, vor allem auch dadurch, dass man einander wieder zuzuhören bereit ist. Demokratische Bildung und demokratische Tugenden sind die Stichworte!

Größte Wachsamkeit, entschiedener Widerstand und konfrontierende Widerrede ist dort abolut und diskussionslos nötig, wo extreme Rechte sich der Meinungsmache und der Unterwanderung von Institutionen bedienen, um ihre menschenverachtende Ideologie zu verbreiten und hoffähig zu machen. Der sich wieder öffentlich zeigende Antisemitismus ist höchst alarmierend. Die AfD als Partei kann man vielleicht parlamentarisch ‚entzaubern‘, aber den dahinterstehenden aggressiven Nationalismus und Rassismus muss man als große Gefahr ernstnehmen und bekämpfen. Das wäre doch zugleich ein Weg, verunsicherte Teile der Bevölkerung mitzunehmen zur Verteidigung unserer offenen, rechtstaatlichen und demokratischen Gesellschaft. Die Zeiten sind zu rasant und die ‚disruptive Verunsicherung‘ ist zu gravierend, um nur erst auf die Politik zu warten. Allerdings ist auch ein entschlossenes Regierungshandeln endlich zu erwarten. Veränderungen und Herausforderungen gibt es genug!

Reinhart Gruhn

 23. Februar 2018  Posted by at 13:48 Gesellschaft, Nationalismus, Politik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Verunsicherung disruptiv
Dez 242017
 
Unter der Überschrift „Demo-crazy“ kritisiert Ferdinand Kirchhoff in einem Artikel für die FAZ (21.12.2017 FAZ plus) den Zustand unserer Demokratie in zwei Hinsichten: im Blick auf die EU und im Blick auf die innere Verfasstheit in Deutschland. Wenn ein renommierter Verfassungsrechtler und Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts sich öffentlich zu unserer Demokratie äußerst, sollte ihm große Aufmerksamkeit gewiss sein. Es zeigt sich schnell, dass es ihm wohl verfassunsrechtlich, aber noch viel mehr rechtspolitisch auf den Nägeln brennt. Seine juristischen Argumentationen können nur Juristen angemessen beurteilen, seine politische Würdigung und Zielrichtung ist für jedermann nachvollziehbar. Die Argumente sind erstaunlich oft nicht überzeugend.

1. Kirchhoff argumentiert wiederholt mit rein quantitativen Angaben, ohne qualitativ zu differenzieren. Was ist denn inhaltlich im einzelnen gemeint, wenn er „60 – 70 % der deutschen Rechtsordnung“ auf EU-Normen beruhend vermutet – ohne ausreichende demokratische Legitimation, wie Kirchhoff unterstellt? Und was ist mit diesen penibel gezählten 64285 EU-Dokumenten, die im Jahr 2016 das deutsche Parlament erreicht haben, die keineswegs nur Gesetzesvorschläge enthielten, wie Kirchhoff selbst zugibt, die aber den deutschen Gesetzgeber angeblich völlig überforderten, da er nur 49 Mal dazu Stellung genommen habe? Vielleicht waren aber diese 49 Stellungnahmen gerade die Wichtigen? Auch das kann nur inhaltlich geprüft und beurteilt werden.

2. Einerseits bescheinigt Kirchhoff der EU und ihren Institutionen ein „unstreitiges Demokratiedefizit“ (z. B. wegen ungleicher Stimmgewichtung), andererseits beschreibt er zutreffend, dass die EU eben keine bundesstaatliche, sondern eine zwischenstaatliche Ordnung ist (Staatenbund), deren Entscheidungsprozesse überwiegend intergouvernemental verlaufen. Herren der Verträge sind die Einzelstaaten. Darum passen auch die von ihm vorgeschlagenen Volksabstimmungen weder rechtlich noch politisch auf der EU-Ebene. Merkwürdigerweise nimmt hier Kirchhoff wiederum Zuflucht zu einem Zähl-Argument: Brüssel könne schon wegen der Entfernungen zwischen Finnland und Portugal nicht Mittelpunkt demokratischer Willensbildung der europäischen Völker sein. Nach dieser Logik könnten auch die USA keine funktionierende Demokratie sein, da Washington kontinentweit von vielen Bundesstaaten entfernt liegt. Was für ein erstaunliches Argument im Zeitalter des Internets! Zutreffend ist sicher der Hinweis, dass eine demokratische Willensbildung auf EU-Ebene durch unterschiedliche Sprachen und durch das Fehlen EU-weiter Parteien und Medien erschwert wird. Vielleicht ist dies aber vor allem zusammen mit den von ihm nicht erwähnten kulturellen Unterschieden innerhalb der EU-Länder ein hinreichender Grund dafür, dass die EU eben kein Bundesstaat ist und es auch weder rechtlich noch politisch werden kann.

3. Nach innen hin gewendet sieht Kirchhoff unsere Demokratie als gefestigt an, sieht aber Gefahren, die ihn auf eine Art Dekadenzentwicklung der gesellschaftlichen Meinungs- und Willensbildung schließen lassen. In der Öffentlichkeit sehe es heute so aus: Statt vernünftig Argumente zu wägen und sich auf eine sachorientierte Diskussion einzulassen, die darauf beruht, dass auch das Argument des anderen richtig sein kann, herrschten intolerante Rechthabereien vor, die von Emotionen und Unsachlichkeiten getrieben seien. Damit hat er vielleicht auch die in sozialen Netzwerken ablaufenden Meinungsäußerungen im Blick, nennt sie aber nicht. Diese Kennzeichnung ist inzwischen zu einem Allgemeinplatz geworden, die oft als Boulervardisierung der Politik beklagt wird und die durch Talkshows nicht behoben, eher verstärkt werde: Der Bürger als „Missionar“ seiner Meinung. Man kann mit einigem Recht bezweifeln, ob dieser also bemängelte Zustand eine zutreffende Diagnose darstellt. Bei Kirchhoff wird allerdings ein Zerrbild daraus, das sich nur mit einer sehr professoralen Zuwendung zur politischen Diskussion erklären lässt. Wo anders als in Seminarräumen wäre es ausgeschlossen, dass in engagierten Diskussionen „Meinungsunterschiede nicht mehr sachlich untereinander abgewogen, ökonomische Erwägungen oder Zweckmäßigkeitsfaktoren gar nicht mehr einbezogen und die Gleichwertigkeit anderer Ansichten nicht mehr anerkannt“ wird und somit der „eigene Standpunkt als ethisch zwingend“ dargestellt, die „Gegenargumente tabuisiert … und fremde Gegeninteressen ins Abseits der Unlauterkeit und des Unmoralischen“ gestellt werden. Ich behaupte einmal im Rückblick: Das war in der Politik schon immer so, oder ist die Verunglimpfung Willy Brandts „alias Fram“ schon vergessen oder die „Rote-Socken-Kampagne“ oder die hitzige Diskussion über die Abtreibung, wo sich Befürworter des Lebens und „Mörder“ gegenüberstanden? Die Liste ließe sich über alle wichtigen Themen der bundesrepublikanischen Vergangenheit fortsetzen: Ostverträge, Nachrüstung, Atomenergie usw. Mit der Kritik der „Moralisierung“ der Politik und ethischer „Absolutheitsansprüche“, die eine offene Diskussion verhindern, hat Kirchhoff durchaus recht, aber das sind keine neuen Risiken der Demokratie, sondern ihre ständigen Begleiter. Heute kommt die Schnelligkeit der Medien im Netz, die Wichtigkeit von Aufmerksamkeits-Triggern und die ungefilterten Stammtischparolen und teils hysterischen Aufreger in sozialen Netzwerken dazu. Wie weit diese mehr sind als bloße Stimmungsventile und Angeberei in Filterblasen, müsste erst noch untersucht werden. Hierin eine besondere Gefährdung der Demokratie zu sehen, ist insofern übertrieben, als dadurch andererseits mehr Menschen an Diskussionen (leider eben auch mit Hass-Reden) beteiligt sind und Stimmungen deutlicher und offensichtlicher abgebildet werden. Andererseits sind Facebook-Kommentare überwiegend unpolitisch, und die politisierte Twitterei ist nur einer kleinen Gruppe von Twitterern vorbehalten, die in den Medien viel Aufmerksamkeit erfahren.

4. Starker Tobak ist sein vernichtendes Urteil: „ Die Bundesregierung vermeidet zunehmend eine Beteiligung des Parlaments. … Dem Parlament sind wieder seine prärogativen Entscheidungsbefugnisse zurückzugeben, damit dort die Politik in öffentlichem Diskurs, transparent und demokratisch bestimmt wird.“ Wenn das richtig wäre, dann wäre unsere Demokratie bereits am Ende und existierte nur noch zum Scheine. Dem ist offenkundig nicht so. Kirchhoffs Kritik trifft die heutige Politisierung von Parlament und Öffentlichkeit kaum zutreffend. Seine Beispiele, in welchen Situationen die Gesetzgebung des Parlaments die Regierungsentscheidungen zeitlich verspätet nur noch nachvollzogen haben (Finanzkrise, Atomausstieg, Wehrpflicht), sind dennoch keine Beispiele für Abnicken gewesen. Selbst wenn die jeweilige Schlussabstimmung im Parlament zeitlich später als das gouvernementale Handeln lag, so waren doch die Beratungen der Gesetze während der drei Lesungen aufs Engste mit den parlamentarischen Beratungen insbesondere der Regierungsfraktionen verzahnt, – anders wäre die Beschlussfassung auch nach dem hohen Selbstverständnis des Parlaments kaum möglich gewesen. Kirchhoff fixiert hier Einzelpunkte aus einem Prozess innerhalb des politischen Gesetzgebungsverfahrens. Daraus abzuleiten, das Parlament wehre sich gegen diese Art von Selbstentmachtung „erstaunlicherweise nicht“, geht doch an der Wirklichkeit vorbei.

Bundestag

Eine „Revitalisierung des Parlaments“ ist immer wünschenswert und auch erforderlich, erfreulicherweise ist aber genau diese Belebung derzeit festzustellen. Gesellschaftlich vielfach kontrovers diskutierte Gesetzesvorhaben zum Beispiel zur Vorratsdatenspeicherung, zum Datenschutz, zum Urheberrecht, zu Änderungen des EEG usw. finden auch im Parlament ein lebendiges Echo. Die Möglichkeiten von Bürgern, mittels der Neuen Medien ihre Interessen zu artikulieren, sich vernehmlich zu Wort zu melden, Lobbygruppen zu bilden oder zu unterstützen und nicht nur mit Shitstorms auf politische und so auch auf parlamentarische Prozesse Einfluss zu nehmen, war wohl noch nie so groß wie heute. Man kann zwar in der politisch aufgeregten und polarisierten Medien-Öffentlichkeit ein Risiko der Verführung und Trivialisierung erkennen, das sachliche Entscheidungen erschwert. Aber gerade darin bewährt sich eine parlamentarische Demokratie, die das Parlament nicht zuletzt als sachorientierten Filter und ausgleichende Clearingstelle nutzen kann, – bei aller Bereitschaft und Notwendigkeit zu engagierten Debatten, nicht nur vor und neben, sondern im Parlament. Davon könnte es in der Tat noch mehr geben. Dass wir darüber hinaus noch sogenannte Volksabstimmungen brauchen, wage ich zu bezweifeln.

Professor Kirchhoffs Überlegungen und Anregungen zum Stand der Demokratie in Deutschland und der EU sind gut und hilfreich, auch wenn man sie als zu einseitig und stellenweise politikfremd nicht teilt. Eine Diskussion darüber ist in jedem Falle wünschenswert und, wie man heute so gerne sagt, „zielführend“.

Reinhart Gruhn

 24. Dezember 2017  Posted by at 10:07 Demokratie, Öffentlichkeit, Politik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Professor Dr. Kirchhoff irrt.