Okt 052011
 

>Nachträgliche Gedanken zum „Tag der Deutschen Einheit“

Nach dem „Tag der Deutschen Einheit“ gehen mir immer wieder Gedanken durch den Kopf, welche Möglichkeiten in solch einem Tag liegen. Es geht vielleicht nicht allein um das Gedenken der Wiedervereinigung, die am 3. Oktober 1990 Rechtskraft erlangte. Besonders im vergangenen Jahr, dem 20. Jahrestag, stand dies Erinnern naturgemäß im Vordergrund. Aber in diesem Jahr fiel mir zum ersten Male auf, dass an einigen wenigen Stellen in den Medien vom „Nationalfeiertag“ gesprochen wurde. Das ist formal völlig richtig, denn dieser 3. Oktober, der „Tag der Deutschen Einheit“, ist der einzige durch Bundesgesetz festgelegte „gesetzliche Feiertag“, also ein Feiertag für das gesamte vereinigte Deutschland, nicht nur eines oder einzelner Bundesländer wie alle übrigen gesetzlichen Feiertage. Damit hat dieser Tag tatsächlich formal den Charakter eines nationalen Feiertages.

Ich denke aber mehr an die inhaltlichen Möglichkeiten, die sich vielleicht schon in diesem Jahr ein wenig  gezeigt haben (in Berlin mehr als in Bonn, wenn man der Berichterstattung glauben darf). Die Erinnerung an die Einigung des vorher zweigeteilten Deutschlands steht ja nicht geschichtslos da. Das zeigten schon vor 21 Jahren die Überlegungen, welches Datum denn für diesen Gedenktag in Frage kommen könne und welches nicht; der thematische Artikel in der Wikipedia erinnert an die damals genannten und zu Recht verworfenen Alternativen. Wenn es negative Ereignisse in der deutschen Geschichte gibt, an die möglicherweise zu erinnern ein unpassendes Datum des „Tages der Deutschen Einheit“ nahe gelegt hätte, so ist es doch heute viel interessanter und vielleicht Zukunft weisender, an diesem Tag auch an diejenigen Ereignisse in der deutschen Geschichte zu erinnern, die sagen wir einmal ‚positiv besetzt‘ sind, also an die Geschichte der demokratischen Bewegung zu erinnern, die zwar nicht so erfolgreich war, das imperialistische Kaiserreich und die nationalsozialistische und danach die kommunistische Tyrannei zu verhindern, die es aber doch gab und an die zu erinnern ein Nationalfeiertag geeigneten Anlass böte. Natürlich müsste genauer geprüft werden, welche geschichtlichen Zusammenhänge hier ins nationale Gedächtnis gerufen zu werden verdienen und ob hier nicht auch eine gewisse Offenheit wünschenswert wäre. Ich denke da einmal ganz vorläufig und ungeschützt beispielsweise an die Frankfurter Nationalversammlung, die 1848/49 in der dortigen Paulskirche tagte („Paulskirchenversammlung“), die immerhin die Grundlagen für die spätere parlamentarische Demokratie in Deutschland legte, aber auch an die Gründung der Weimarer Republik 1919 als erster im neuzeitlichen Sinne demokratischen Staatsform auf gesamtdeutschem Boden; unser Grundgesetz ist ohne die Weimarer Reichsverfassung kaum zu verstehen. Ich meine dies weniger im Sinne eines sog. „Verfassungspatriotismus“ (Richard von Weizsäcker, Jürgen Habermas, für mich schon begrifflich ein Unding), als vielmehr im Sinne der Intention, geschichtlich bedeutsame Ereignisse oder besser Linien und Ideen ins Gedächtnis zu heben, die für die Existenz und das Verstehen unserer Verfassung, eben des Grundgesetzes (z.B. auch warum dies nicht Verfassung heißt) notwendig sind, die also für die positive Vorgeschichte eines demokratischen, freiheitlichen und friedlichen Deutschlands wesentlich sein können.

Auf diese Weise könnte auch ein Bewusstsein entwickelt und geschärft werden, das sich auf Deutschland als Ganzes bezieht – und nicht nur auf einzelne Bundesländer (z.B. „Wir in NRW“) oder Regionen („Franken“, „Westfalen“ usw.). Es ist aus meiner Sicht etwas dürftig, Patriotismus nur bei Fußballereignissen als angemessen zu betrachten. Das zeigt allenfalls eine Fehlstelle: weil uns in Deutschland nach 1945 verständlicherweise und zu Recht ein „Nationalbewusstsein“ fehlt: Es gab entschieden zu viel davon mit verheerenden Folgen. Es ist allerdings ebenso berechtigt zu fragen, ob dies für alle jetzt lebenden und nachwachsenden Generationen so bleiben muss. Es wird schwer, sich als „Europäer“ zu verstehen, wenn sogar eine „deutsche“ Identität fehlt. Sie wäre neu zu entwickeln und in Formen zu fassen, als kulturelle, sprachliche, wertbestimmte Identität, die offen ist für Andere und Neues – und eben nicht national-konservativ und borniert wie früher so oft. Das Bedürfnis für ein solches freiheitliches und demokratisches Nationalbewusstsein sehe ich durchaus vorhanden, nur schafft es sich heute in vielerlei regionalen Identitäten Raum; diese können jenes zwar bereichern, aber nicht ersetzen. Denn auch in den regionalen Identitätsvollzügen kommt immer wieder viel Enges, Kleinkariertes, Borniertes zum Ausdruck („Mia san mia“ – eine dumme Parole!), das in einem bewusst gestalteten offenen (!) kulturellen „Nationalbewusstsein“ korrigiert und erweitert werden könnte. Gerade dafür könnte ein erweitertes Themenspektrum für den „Tag der Deutschen Einheit“ genutzt werden, und dann könnte dieser Tag auch über die „runden“ Jahrestage, bezogen auf 1990, hinaus zu einem positiven und inhaltlich gefüllten Nationalfeiertag werden. Ich meine, diese Chance hätte er verdient.

 5. Oktober 2011  Posted by at 16:51 Deutsche, Deutschland, Nation Kommentare deaktiviert für >Der Sinn eines Nationalfeiertages
Jul 172011
 

>Der Beitrag von Egon Flaig, den die FAZ am Wochenende abdruckte, ist wirklich bemerkenswert: knapp, polemisch, sarkastisch, präzise: eine Art Abrechnung. Flaig ging und geht offenbar einiges gegen den Strich, nicht nur bei Jürgen Habermas. Seine vernichtende Kritik des inzwischen hoch angesehenen, früheren enfant terrible der deutschen Soziologie und Philosophie, aber Liebling des Feuilletons Jürgen Habermas ist beißend, und dies speziell gemünzt auf die provozierende Haltung von Habermas im sog. „Historikerstreit“ vor 25 Jahren. Ich kann die Position von Flaig gut nachvollziehen, hätte mir aber etwas weniger Polemik gewünscht. Vielleicht sollte man sich das Buch von Mathias Brodkorb, aus dem dieser Artikel ein Auszug ist, einmal näher ansehen. Denn auch für Flaig gilt sein eigenes Kriterium des „logon didonai“, der fairen Rechenschaft. Nach 25 Jahren sind wir in mancher Hinsicht kaum über den Zustand kurz nach dem „Historikerstreit“ hinaus, als eine bestimmte angeblich „relativierende Sicht“ der NS-Zeit gesellschaftlich geächtet wurde. Hoffentlich können wir heute mit unserer Geschichte besser und lockerer und dementsprechend kritischer umgehen, und zwar die ganze Zeit „Deutschlands“ betrachtend, und nicht nur 12 Jahre.

Wie sehr dieser Zwischenruf Egon Flaigs berechtigt ist und aus meiner Sicht gut tut, zeigt dieses Zitat am Ende seines FAZ-Textes: „Wir sind Zeugen geworden eines Kulturbruchs, nämlich einer weitgehenden Negierung der Errungenschaften des Griechentums. Da die Verbindlichkeiten nicht mehr über den Streit entlang von Wahrheitsregeln herstellbar sind, müssen neue, ganz anders geartete Verbindlichkeiten moralisch erzwungen werden. Daher die pestartige Virulenz der Political Correctness und des Gutmenschentums mit seiner spezifischen Intelligenz. Die moralischen Diffamierungen müssen folglich immer mehr zunehmen.“

„… die pestartige Virulenz der Political Correctness und des Gutmenschentums“ – wow, das ist gut gesagt!

 17. Juli 2011  Posted by at 16:53 Deutsche, Geschichte Kommentare deaktiviert für >Polemisch – irenisch – gut!
Dez 312009
 

>Immer wieder fallen wir auf unsere eigenen Wünsche und Sehnsüchte herein, verwechseln unsere Wunschwelt mit der wirklichen Welt und ihren Bedingungen und Realitäten. Da wünschen wir uns Sicherheit und Frieden und meinen, uns irgendwie aus all den Schlamasseln (Terrorismus, Afghanistan, Klimageschachere) dieser Zeit heraus halten zu können, und eh wir uns versehen, stecken wir in den größten Schlamasseln mitten drin. Die Welt, wie sie ist, will einfach nicht so sein, wie wir neuerdings (seit 1945) friedliebenden und braven Deutschen, die alles korrekt und richtig machen z.B. mit der CO2-Senkung und Windrädern, es uns wünschen. Auch die Taliban lassen sich einfach nicht mit neuen Schulen und Brunnen und vielen Euros von ihrem bösen kriegerischen Tun abbringen und schießen und sprengen munter weiter. Sogar das Terrornetzwerk al-Qaida, das viele Gutmenschen doch eher für eine phantastische Erfindung des fiesen George W. Bush gehalten haben, ist aktiv wie eh und je, nur dass diesmal die Niederlande den schwarzen Peter haben, weil sie in Amsterdam einen Terroristen ein Flugzeug in die USA besteigen ließen. Die zahlreichen Kontrollen an den Flughäfen haben wir ja immer vor allem als Einschränkung unserer Persönlichkeitsrechte und Verletzung des Datenschutzes gesehen, doch gewiss nur durch die bösen Amerikaner verursacht (sie machen bei der Einreise sogar Fotos von einem jeden – igitt! ruft da Herr Schaar), die unter einem unverständlichen, zwanghaften „9/11-Syndrom“ leiden. Wäre die Welt so lieb und brav, wie wir Deutsche sie uns oft vorstellen und wünschen, gäbe es das alles natürlich nicht, sondern man könnte fröhlich nach Phuket und zu den Malediven fliegen und noch ein paar Lehrer und Sozialarbeiter nach Pakistan und in den Jemen schicken. Dann wäre alles gut. Auch das furchtbare, (für Leser der taz) KZ-gleiche Lager Guantanamo muss natürlich sofort aufgelöst und alle dort unschuldig gefangen Gehaltenen befreit werden, so wie es der Messias Obama einst versprach. Leider ist der Wunschtraum Obama auch nicht mehr das, was er einst versprach zu sein, und leider ist auch diese heile Welt, in der es eigentlich gar keine Terroristen und auch keine Gefängnisse und keine Geheimdienste und Geheimoperationen (außer mit vorheriger öffentlicher Zustimmung durch Herrn Ströbele) geben dürfte, nicht so, wie wir es uns in unseren Träumen wünschen. Das Aufwachen aus Traumvorstellungen ist dann schon sehr hart. Da sind dann tatsächlich Freigelassene aus Guantanamo nach Saudi Arabien zurück gekehrt und haben im Jemen wieder Führungsfunktionen innerhalb al-Qaidas übernommen und wollten ein Flugzeug sprengen – schier unglaublich! Wie kann das bloß sein…

Und dann die Sache mit der Gleichheit und der Gerechtigkeit. Eigentlich wollen wir Deutsche ja alle ganz gleich sein, vor allem darf der Nachbar nicht mehr haben und mehr können als wir selber. Wir selber dürfen und wollen natürlich sehr wohl mehr haben und mehr sein als unser Nachbar, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Denn genau so ist es ja gerecht, wenn ich das erhalte, was mir in meiner Traumwelt vorschwebt. Mehr soziale Gerechtigkeit heißt für uns ja nicht, dass jeder seines Glückes Schmied sein kann (beides eben: das Glück gehört dazu und das Schmieden, das tatkräftige Zupacken), sondern dass man oben kappen und bremsen muss (z.B. die Hochbegabten und Glücklicheren) und unten anheben und vollstopfen muss (z.B. die Bequemen und Pechvögel), damit wir eine schön nivellierte wohlfühlige Gleichheitssauce bekommen. Wenn wir dann selber noch ein bisschen mehr ab bekommen und uns einen kleinen Vorteil verschafft haben (eine kleine Subvention, ein bisschen Schwarzarbeit), ei was sind wir dann doch für ein glücklicher Schelm! Wir wollen ja mit unserem an Stammtischen und in Sportvereinen erprobten Gerechtigkeitssinn, der alles stets besser und vor allem nachher weiß und vorher gewusst haben will, nicht wirklich selbstbewusste Bürger sein, sondern ganz bescheiden nur kleine Bürger, ein bisschen niedlich und harmlos und nur manchmal heimlich boshaft und gemein (nachts und in U-Bahnen), halt gewiefte Kleinbürger eben… Die haben sich immer schon gerne ihre Welt in der Wohnstube gezimmert, ehedem aus Nippes und Kitsch, heute lieber aus Youtube und Florian Silbereisen.

Dem glücklichen Volk ein eben solches neues Jahr voller Traumwelten und Wattepackungen – und eine Packung Aspirin beim Aufwachen…

 31. Dezember 2009  Posted by at 08:29 Deutsche, Frieden, Gerechtigkeit, Gesellschaft, Ideologie, Politik Kommentare deaktiviert für >Wunsch und Wirklichkeit