Mrz 172017
 

Elite ist zum politischen Kampfbegriff geworden. Der Begriff ist im aktuellen medialen Gebrauch eindeutig negativ konnotiert. Er bezeichnet nicht einfach eine Gruppe besonders qualifizierter, also ‚herausragender‘ (= eligere) Personen, sondern unterstellt einer solchen nicht näher bestimmten Gruppe einen negativen Einfluss auf die öffentliche Meinung – wenn nicht sogar auf die ganze Gesellschaft. Elite steht für Abgehobenheit, Arroganz, Unkenntnis der Situation des normalen Bürgers bzw. des ‚kleinen Mannes‘, – in den politischen Reden von Martin Schulz ist es „der hart arbeitende Mensch“. Elite ist die Negativfolie für den Durchschnittsbürger, dessen Sprachrohr man mit dieser Kritik zu sein glaubt. Zugespitzt findet sich diese Umdeutung des Begriffs Elite in der Verächtlichmachung der Politiker/innen („die da oben“), der Presse („Lügenpresse“) und der Behauptung, selber „das Volk“ zu vertreten. Aber Elite als negativer Streitbegriff ist längst zu einem allgemeinen Topos gesellschaftlicher Kritik geworden. Da hilft es nicht, nach Unterscheidungen zu fragen, welche Elite denn gemeint ist, die Funktionselite, die Geldelite, die Bildungselite, die Machtelite, die Sportelite, die Finanzelite usw. Von Geburtselite ist allerdings gar nicht mehr die Rede, obwohl die Ungleichheit qua Geburt in Deutschland besonders ausgeprägt ist. Elite ist heute ungefähr so pauschal und negativ wie in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Begriff „Establishment“ (siehe zum Elite-Begriff den Wikipedia-Artikel).

„Establishment“ bezeichnete damals die konservative politische Führung samt Wirtschaftsbossen, Springer-Presse und Professoren sowie Richtern mit ihrem „Muff von 1000 Jahren unter den Talaren“. Der Kampf gegen das Establishment geschah mit aufklärerischem Pathos und linker, egalitärer Absicht. Noch die RAF bediente sich dieser antibourgoisen Ideologie pseudomarxistischer Couleur zur Rechtfertigung ihrer Gewalttaten. Der Wahlsieg Willy Brandts 1972 brachte zum ersten Mal so etwas wie das Anti-Establishment demokratisch an die politische Macht. Ein Reformsturm fegte durch die Flure des Establishments, so hofften viele, und in der Bildungsreform geschah ja auch einiges. Es war das Pathos eines Aufbruchs aus dem Mief und der Verlogenheit einer gerade wieder saturierten Nachkriegsgeneration, die mit Vergangenheitsbewältigung nicht viel am Hut hatte. Kiesinger, Globke, Filbinger und viele andere Politiker vor allem aus der CDU hatten eine reiche Nazivergangenheit. Die Kritik des Establishments der westdeutschen Republik in der Zeit des „Wirtschaftswunders“ brachte etwas in Bewegung, was trotz vieler Auswüchse die Gesellschaft in der damaligen Bundesrepublik offener, freier, unverkrampfter, ’sozialdemokratischer‘ und vor allem geschichtlich sensibler machte. Erst auf diesem Hintergrund konnten nach der Wende die späten Kohljahre, trotz der politischen Leistung der „Wiedervereinigung“, so bleiern und erstarrt erscheinen.

Einer der geistigen Wegbereiter und Wegbegleiter dieser Zeit war und ist Jürgen Habermas, welcher der aufklärerischen Luft der Frankfurter Schule und ihrer „Kritischen Theorie der Gesellschaft“ entstammt. Sein in vielen Jahren ausgearbeitetes und auf die sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse reagierendes  Konzept einer herrschaftsfreien Kommunikation reklamiert die Basis einer für alle Teilnehmer gleich verbindlichen deliberativen Rationalität in einer demokratischen Öffentlichkeit. Seine rationale Diskursethik setzt darauf, im fairen Austausch von Gründen und im Offenlegen von Interessen und Meinungen die gemeinsame Sache gesellschaftlicher Kommunikation zu einem die Gesellschaft zugleich befreienden und befriedenden Prozess zu machen. Bis heute ist seine Stimme eine kritische Begleitung gesellschaftlicher Entwicklungen im Namen aufgeklärter Rationalität und säkularer Liberalität. Ich verweise auf Habermas, weil er gewiß nicht der einzige, aber einer der politisch und kulturell bedeutendsten Intellektuellen Deutschlands ist. Er hat die vergangenen Jahrzehnte in seiner engagierten Weise begleitet und geprägt. Aktuell betritt er im Vorwahlkampf erneut die politische Bühne der Öffentlichkeit (siehe seine Diskussion mit Sigmar Gabriel.)

Multikulti stoppen

Multikulti stoppen (c) bpb

Der Hinweis auf Jürgen Habermas kann besonders klar verdeutlichen, was es heute mit der wohlfeilen Kritik der „Eliten“ auf sich hat. Sie geschieht auf einem Hintergrund, der in krassem Widerspruch steht zu den Positionen einer kritischen Gesellschaftstheorie, die sich aufgeklärter Rationalität verpflichtet weiß. Es ist der „linksliberale Mainstream“ der vergangenen Jahrzehnte, dem im Kampf gegen die Eliten endgültig der Garaus gemacht werden soll. Rationalität und Aufklärung sind out, Gefühl, hate speech, Populismus sind dafür in. Nicht reale Ungleichheit ist wichtig, sondern die gefühlte, nicht konkret benannte Ungerechtigkeit wird diskutiert, sondern das eigene Gefühl der Betroffenheit, nicht tatsächlicher Ausschluss von Aufstiegschancen wird problematisiert, sondern vermeintliches Abgehängtsein, nicht rational überprüfbare Fakten spielen in der öffentlichen Diskussion eine Rolle, sondern Meinungen, Stimmungen, Emotionen. Der Echoraum der „Sozialen Medien“ macht dies in beliebiger Verstärkung und Schrillheit sichtbar. Viele dieser Themen erscheinen in ihrer medialen Repräsentanz verzerrt und bekommen ein Gewicht, das einer Überprüfung anhand der wohl abgewogenen Fakten kaum standhält. Weder sind der Islam noch die Flüchtlinge noch Unterprivilegierung in einem solchen Ausmaß festzustellen, wie es der Dominanz dieser Themen in der Öffentlichkeit entspricht. Angst vor Überfremdung, vor Terrorismus, vor Einbrüchen, vor Verlusten durch die Globalisierung und vieles mehr vergrößern tatsächliche Phänomene und Probleme ins Überdimensionale – in einer Gesellschaft, der es wirtschaftlich und sozial so gut geht wie lange nicht mehr. Die öffentliche Diskussion kann diese diffusen Ängste nicht mehr kanalisieren und rationalisieren, sondern befeuert sie durch mediale Aufwertung (Talkshows). Die Gesellschaft, die sich in Teilen lautstarken Populisten öffnet, will mit ihren Stimmungen und Befindlichkeiten als bislang unterdrückte Stimme gehört und beachtet werden. Eine rationale und liberale Diskussionskultur erscheint bei diesen Erwartungen als Hohn einer abgehobenen „Elite“ derer, denen „das Volk“, sprich die jeweiligen Stimmungen und Meinungen, egal sind. Vieles, insbesondere in der Gender-Diskussion, mag überzogen ‚korrekt‘ und vor allem mit der selbstsicheren Attitüde der moralisch Überlegenen vorgetragen sein, – heute aber gilt dies als neumodisches Geschwätz, dass durch „Tacheles-Reden“ endlich beiseite geschoben werden soll. Vermeintliche neue Offenheit („Das wird man ja noch sagen dürfen“) ist aber nur die Maske eines dumpfen Gefühls, das sich absichtlich einer rationalen Einvernahme und Befriedung entzieht. Jede ernsthafte Diskussion wäre ja nur wieder ein erneuter Triumph der „Eliten“. Den neuen Rechten und ihren populistischen Strömungen geht es genau darum: Den links-liberalen und aufklärerisch-rationalen Diskurs der vergangenen Jahrzehnte zu beenden und ein Rollback von Nationalem, Völkischem und Irrationalem („Reichsbürger“) zu fördern. Die Offenheit von Kultur und Gesellschaft wird im Heimatkitsch erstickt: statt Globalisierung und offener Gesellschaft Eskapismus hinter nationalistischen Mauern.

Darum ist das derzeitige Erstarken des Populismus und Autoritarismus mit dem Eliten-Bashing nicht nur ein irgendwie merkwürdiges politisches Phänomen, das man mehr oder weniger erstaunt zur Kenntnis nimmt. Es ist auch nicht damit getan, es vorschnell zu erklären mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation in manchen Regionen oder mit einer behaupteten sich weiter öffnenden Einkommensschere oder mit einem wachsenden Prekariat oder mit der Angst der Mittelschicht vor sozialem Abstieg oder mit der Selbstgefälligkeit vieler Politiker oder, oder, oder. Das mögen im Einzelnen alles Punkte berechtigter Kritik sein, aber die gab es auch schon vor dem Erstarken des Populismus und vor der Ankunft der Flüchtlinge. Was da rumort, ist etwas anderes, tiefer Sitzendes: Das Ressentiment gegen die aufklärerische Vernunft, gegen Abwägung, Ausgewogenheit, Fairness, Differenzierung. Damit einher geht oft auch eine Abwertung der Intelligenz, der Studierten (es werden ja immer mehr…), eben derjenigen, denen man sich zumal im Prozess der Digitalisierung und Vernetzung unterlegen fühlt. Mit Fäusten und Geschrei aber macht man sich dagegen stark – und lautstark Stimmung. Es ist das dumpfe Aufbegehren gegen eine sich weiter ausdifferenzierende Gesellschaft, gegen eine globalisierte Wirtschaft, gegen zunehmende Rationalisierungen in einer immer komplexer werdenden Welt. Nur die Jungen und Erfolgreichen kommen da noch mit, – so behaupten es diejenigen, die sich überholt und zurückgelassen wähnen. Dabei ist die Verweigerung der Vernünftigkeit des offenen Gesprächs, des Sicheinlassens auf Veränderungen, neue Bewegungen, Kulturen und Horizonte und das damit einhergehende Sichabschließen in einer vermeintlich heilen Welt dessen, was schon immer so war, die größte Gefahr und die größte Illusion zugleich. So feiern alte Ideen von Nationalismus, Volk und autoritärem Führertum in einer simplen Schwarz-Weiß-Welt fröhliche Urstände. Wir hatten das alles schon vor knapp 100 Jahren. Geschichte wiederholt sich nicht, aber es gibt vergleichbare Entwicklungen, die Motive aus der Vergangenheit (Nazis) aufgreifen und neu gemixt zu einer gefährlichen Melange werden lassen.

Darum gilt es, nachdrücklich für die aufgeklärte Vernunft zu streiten und mit aller Geisteskraft und Phantasie nach wirklichen Alternativen zu suchen für eine Welt, die nicht in der Dummheit und Arroganz eines globalisierten Kapitalismus und Ökonomismus versinken darf.


Ich verweise auf einen Artikel vom September 2016 in der ZEIT:

Populismus lässt sich nicht durch Verführung erklären, sagt der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller. Ein Gespräch über die gefährliche Kraft gegen jeglichen Pluralismus

„Der Spuk geht nicht so schnell vorbei“

Sep 122016
 

Wenn man die Äußerungen vor allem aus der CSU, aber auch aus der CDU über die „christlich-abendländischen Werte“ hört und dazu die Kommunalwahlergebnisse aus Niedersachsen nimmt, muss man feststellen, dass der Konfessionalismus neuen Auftrieb bekommen hat. In Niedersachsens Kommunen ist der Wahlausgang weniger entlang der Linien Stadt (SPD) – Land (CDU) abzulesen, sondern viel stärker entlang der Konfessionsgrenzen katholisch (CDU) und evangelisch (SPD) – siehe zum Beispiel Cloppenburg und andererseits das ländliche Ostfriesland.

In Bayern ist die katholisch verankerte CSU übermächtig in den Landkreisen und mittleren Städten. Nur in den Großräumen München und Nürnberg gibt es größere Anteile von SPD-Wählern bei den letzten Kommunalwahlen 2014. Das evangelisch geprägte Franken fällt da erstaunlicherweise nicht aus dem Rahmen, sondern folgt der starken ländlichen Verankerung der CSU. Dies kann man konfessionell gesehen vielleicht dadurch erklären, dass der bayerische Protestantismus zum konservativsten in Deutschland zählt. Der norddeutsche Diaspora-Katholizismus tritt jedenfalls weithin liberaler und offener auf als etwa der stark lutherisch geprägte bayerische Protestantismus. Aus Sicht eines Norddeutschen wie mir kommt der doch sehr „katholisch“ daher.

Aber spielen diese konfessionellen Unterschiede in der politischen Landschaft überhaupt noch eine Rolle und ist nicht die Säkularität so weit fortgeschritten, dass das Christliche überhaupt an Bedeutung verloren hat? Das wäre ein weites Feld, das hier nicht erörtert werden soll. Allerdings ist die These von der modernen, neuzeitlich urbanen Säkularisierung in der Religionswissenschaft und Religionssoziologie sehr umstritten. Was die traditionellen Kirchen an Einfluss verloren haben, das haben viele andere religiöse Gruppen, Gemeinschaften und individuelle Orientierungen hinzu gewonnen. Dies kann man besonders in den Ballungszentren und sogar im ‚entkirchlichten‘ Berlin erkennen.

Nun wird im Rahmen der rechtspopulistischen Debatte über Flüchtlinge und Migranten, über Islam und Afrikaner wieder auf das „Wertefundament des christlichen Abendlands“ hingewiesen. Nicht nur die AfD, gerade auch die CSU macht da begeistert mit. Es ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden, dass der Verweis auf ein Fundament gemeinsamer Werte im Grunde ein Ausweichen in die Beliebigkeit darstellt. Was sollen schon diese gemeinsamen Werte sein? Vermutlich jeweils das, was der oder die einzelne gerade persönlich als wichtig erachtet. Christian Geyer schreibt dazu in der FAZ:

Es gibt im Grunde kein restriktiveres migrationspolitisches Kriterium als den „Wert“. Ihn kann jeder nach eigenem Gutdünken definieren, kann ihm nach Belieben mehr oder weniger Plastizität zuschreiben. Wer nichts verändern möchte, appelliert an Werte – des Abendlandes, der Kleiderordnung, der Bachs und Goethes -, wie es eben passt und unabhängig davon, wie vital diese Werte im kollektiven Bewusstsein tatsächlich ausgeprägt sind. („Angst essen Werte auf“, Faz.Net)

Und dann werden die „christlich-abendländischen Werte“ bemüht. Welche sollen das sein? Das Judentum kommt offenbar nicht vor, der Islam, der dem Mittelalter immerhin den Aristoteles vermittelt hat, auch nicht. Zudem muss man hellhörig werden, denn wenn ein bayerischer Politiker „christlich“ sagt, ist dies meist synonym mit „katholisch“. Darum kann von Seiten bayerischer Teilnehmer in Diskussionen (wie erlebt) das protestantische Norddeutschland als ‚für das Christentum verloren‘ denunziert werden. Aber noch viel wichtiger fehlt etwas völlig, was nun ganz und gar nicht der ‚abendländisch-katholischen‘ Tradition entspricht: die Aufklärung.

Kants Grabmal

Grabmal Kants, Königsberg – Kalinigrad (c) Wikimedia

Dies kann kaum ein Zufall sein, denn die Aufklärung ist gerade der freiheitliche und rationalistische Aufbruch aus der kirchlichen Enge des Christentums konservativer protestantischer und katholischer Couleur: „Aufbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“, und Immanuel Kant macht dies in seinem berühmten Aufsatz „Was ist Aufklärung“ insbesondere an der bornierten Christlichkeit seiner Zeit fest. Die Gegenaufklärung durch den Katholizismus hat zum Teil erfolgreich versucht, das Rad wieder zurück zu drehen und den Deckel der christlich-katholischen ‚Werte‘ (Rom, Hierarchie, Mann, Familie) wieder auf den weltoffenen Freiheitsdrang der Aufklärer und Dichter wie Fichte und Hölderlin zu setzen. Wer heute die „abendländisch-christlichen Werte“ zitiert, muss sich schon entscheiden und dazu bekennen, welche Werte er denn meint: Die engen autoritätshörigen Lebensstile, wie sie nach wie vor die katholische Kirche propagiert und bis in die Schlafzimmer hinein vorschreibt  – Papst Franziskus lässt allenfalls seelsorgerlich verantwortete Ausnahmen gelten, da ist keinerlei prinzipielle Änderung erkennbar – oder die liberale, vernunftorientierte Weltoffenheit einer Kultur, die sich nicht auf ‚Nation‘, Kirche und traditionelle Familie beschränken lassen will. Wähler der AfD, so konnte man lesen, sehnten sich im Grunde nach der ‚guten alten Zeit‘ – welcher auch immer, vielleicht der sechziger Jahre, wo es im romantisierenden Rückblick so schön ordentlich, gesittet und wohl sortiert war: hier die Guten (Christen, Katholiken), dort die Schlechten (Protestanten, Atheisten, Schwule, alles Undeutsche).

Das sollte zu denken geben. Wer heute lauthals die „christlich-abendländische Wertegemeinschaft“ beschwört, findet sich sehr schnell wieder in einem braunen Gebräu dumpfer Illiberalität, religiös-autoritärer Borniertheit und nationalistischer Verklärung, die zu den übelsten Schattenseiten der europäischen Moderne geführt haben. In diese Kurve sollten wir in Europa und besonders in Deutschland nicht ein neues Mal einbiegen. Gerade darum ist den Populisten entschieden entgegen zu treten: Gegen diese sogenannten abendländischen ‚Werte‘ stehen die Humanität, die Liberalität, die Weltoffenheit und der kulturelle Austausch freier und selbstbewusster Bürgerinnen und Bürger. Diese aufgeklärte Tradition unserer Geschichte gilt es wertzuschätzen, offensiv im politischen Raum zu verteidigen und in Kultur und Stil lebendig zu erhalten.

Jun 192013
 

Unsere Vernunft, die Ratio, ist ein mächtiges Werkzeug. Sie stellt Möglichkeiten bereit, die Welt als geordnet zu erkennen und mit Hilfe fester Regeln und Gesetzmäßigkeiten zu beschreiben. Seit mehr als zwei Jahrtausenden, jedenfalls solange wir schriftliche Zeugnisse haben, stellen Menschen ihre Vernunft in den Dienst der Welterkenntnis. Zunächst einmal war die Entwicklung der Ratio ein überlegenes Instrument zur Sicherung der Existenz und des Fortbestandes der eigenen Art. Beim Nahrungserwerb (Jagd, Ackerbau), bei der Behauptung und Verteidigung von geeignetem Lebensraum und bei der Nutzung von Vorteilen für die eigene Gruppe (Familie, Clan) konnte vernünftiges Handeln durch das Verfolgen von Strategien und durch Zweck-Mittel-Abschätzung das Erreichen von gewünschten Zielen sichern. Aber zugleich erwies sich die Vernunft auch als ein unerhört mächtiges Mittel, die Welt zu erkennen und ihre Ereignisse zu begreifen. Im Verlauf der Geschichte setzte sich die Vernunft immer mehr als einziges Mittel, als einzig legitime Weise der Welterkenntnis und der Weltbemächtigung durch. Ihr steht das magisch-symbolische Weltverhältnis gegenüber, wie es sich unter anderem in Religionen Ausdruck verschafft. Aber dieses „Verhalten zur Welt“ hat seinen ursprünglichen Anspruch, zugleich auch die Welt in ihrem Wesen zu erkennen, weitgehend eingebüßt. Die Vernunft hat heute das Monopol, das Funktionieren der Welt angemessen zu beschreiben. Sie tut dies mit Hilfe der unterschiedlichen Wissenschaften, die methodisch nachprüfbar die Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Welt- und Lebensbereiche aufzuweisen suchen. Die wissenschaftlich geschulte und methodisch eingesetzte Vernunft ist dabei ungeheuer erfolgreich gewesen. Sie ist sozusagen der dickste Knüppel, um dem großen Sack der Geheimnisse dieser Welt zu Leibe zu rücken. Der universale Anspruch der Vernunft auf Welterkenntnis und Welterklärung und in der Folge auch auf Weltbemächtigung besteht also aus guten Gründen. Die Ratio ist schlicht die erfolgreichste „Allzweckwaffe“ des homo sapiens.

Ein Problem besteht nun nicht darin, dass dadurch die religiös-mythologische Weltdeutung entwertet würde. Diese behält ihren Platz und ihr Recht durchaus in ihrem eigenen Bereich der unmittelbaren, emotional-sensitiven Welterfahrung. Wer die Bedeutung der Emotion, Empathie, Sensibilität verkennt, übergeht einen wesentlichen Bereich menschlichen Lebens, wie er sich etwa in Mystik und Kunst ausdrückt. Das Problem besteht vielmehr im Gebrauch der Ratio selber. Zu fragen ist nämlich nach der Rationalität der machtvollen Ratio, – ersichtlich eine Metafrage. Welches sind die Bedingungen und Grenzen der Aussagekraft vernünftiger, d.h. wissenschaftlicher  Theoriebildung? Was können sie erklären und beweisen? Karl Popper hat in seinem „kritischen Rationalismus“ die Auffassung vertreten, jede wissenschaftliche Erkenntnis beruhe darauf, durch Falsifizierung unzureichende Theorien auszuscheiden und auf diese Weise ex negativo der Wahrheit näher zu kommen. Dies erklärt heutige wissenschaftliche Verfahrensweisen aber nur zum Teil. Denn de facto will Wissenschaft stets beweisen, also eine positive Aussage über Existenz, Struktur, Funktion usw. machen. Versuche am CERN wollen ja gerade nicht die Unmöglichkeit des Higgs-Bosons, sondern seine Existenz nachweisen, um die bisher geltende Theorie der Teilchen und ihrer Wechselwirkungen zu bestätigen. Nach dem, was man liest, scheint das auch nahezu gewiss gelungen zu sein. Unter Physikern besteht daher die Zuversicht, auf einem guten Wege zu einer GUT (Grand Unified Theory) zu sein, die die Gesamtheit der Elementarteilchen ebenso umfasst wie die drei bzw. vier kosmischen Grundkräfte (die Gravitation kann man als vierte Kraft bisher noch nicht mit den drei anderen vereinheitlichen). Letztlich geht es bei einer GUT oder gar bei einer TOE (Theory of Everything) immer um eine Rückführung (lat. reductio) der Vielfalt der Erscheinungen und Ereignisse auf wenige einfache Grundgegebenheiten: Teilchen, Kräfte, Strukturen, Gesetze. Ziel ist die Vereinheitlichung und Vereinfachung der Komplexität auf der oberen Ebene der Wirklichkeit (Makro-Ebene) durch Reduktion auf die Grundgegebenheiten auf der untersten Ebene (Mikro-Ebene, hier Teilchenphysik). Der so erfolgreiche Reduktionismus ist daher faktisch zum leitenden Erkenntnisprinzip geworden.

Cellarius mundi, Tycho Brahe (Wikipedia)

Cellarius mundi, Tycho Brahe (Wikipedia)

Dies Verfahren setzt sich ebenso erfolgreich in anderen Bereichen der Wissenschaft durch. So versuchen die Neurowissenschaften, die Phänomene und Funktionen der geistigen Tätigkeiten auf ihre neuralen Grundlagen zurück zu führen. Auch hier gibt es gewaltige Erkenntnisfortschritte. Die analytische Philosophie angelsächsischer Prägung ist intensiv damit beschäftigt, die empirischen neurologischen Befunde und die biophysischen Theorien auf der Ebene einer Theorie des Geistes (theory of mind) zu verarbeiten. Auch hierbei hilft die Methode der Reduktion, die Vereinfachung und Rückführung in diesem Falle geistiger Fähigkeiten auf ihre neurale Basis (Korrelate) erfolgreich darzustellen. Grundlage des Reduktionismus ist stets ein methodischer (und meist auch ein ontologischer) Materialismus. Wir „sind“ mit unserer Ratio nichts anderes (‚nothing but‚) als Strukturen und Funktionen eines ungeheuer komplex-molekularen Zusammenhangs von Nervenzellen, so wie der Mensch als Ganzes Resultat eines Zusammenspiels biophysischer Strukturen und Prozesse ist. Noch einmal: Dies Verfahren und diese wissenschaftliche Methode ist unglaublich erfolgreich. Der ontologische Reduktionismus ist im Ergebnis jedem metaphysischen Dualismus überlegen.

Das Problem ist aber dadurch nicht beseitigt. Das Problem ist so komplex, wie die Sache, um die es geht. Das Problem besteht darin, dass man zum rationalen Erkennen und Begreifen von Erscheinungen in der Welt jeweils ein Modell braucht, eine erste Theorie, aufgrund derer überhaupt erst Hypothesen aufgestellt, Experimente durchgeführt und Schlussfolgerungen gezogen werden können. Jedes Theoriemodell beruht auf bestimmten ausgesprochenen oder unausgesprochenen Prinzipien. Besser ist es, sie offen zu legen, aber oftmals scheinen diese Prinzipien so selbstverständlich zu sein, dass darüber kein Wort verloren wird. Die wissenschaftlich formulierte, rational begründete Theorie, welche auch immer, geht von etwas aus und zielt auf etwas anderes ab. Das, worauf abgezielt wird, ist stets davon abhängig, was man als Ausgangspunkt gewählt hat. Im logischen Schlussverfahren ist eine petitio principii ‚verboten‘, weil vorausgesetzt wird, was zu beweisen ist. Wissenschaftliche Theoriebildung aber verfährt grundsätzlich auf der Basis einer petitio principii: Die Voraussetzung, der Geltungsrahmen und die angenommene Funktionsweise (Gesetzlichkeit) bestimmen das Ergebnis. Dies ist kein Verfahrensfehler. Dies ist innerhalb wissenschaftlicher Theoriebildung unvermeidlich. Die angenommenen Voraussetzungen mögen plausibel und gut begründet und bewährt sein, sie sind letztlich nicht ableitbar und werden von der theoretischen Vernunft (voraus) gesetzt. Zumindest sie selbst, die Funktionsweise der Ratio selbst, muss voraus gesetzt werden. Und welcher Art Ratio dann angewandt wird, kann  auch noch einmal streitig sein (deduktiv, intuitiv, inferentiell). Geht man von der Möglichkeit erkenntnismäßiger Reduktion als Weg zur Welterkenntnis aus, dann werden auch nur Ergebnisse folgen und anerkannt werden, die dem reduktiven Ziel entsprechen. Der Schritt von der epistemischen zur ontologischen Reduktion ist dann nur noch ein kleiner, wenn nicht unmittelbar das Erkannte selbst als wirklich fest gestellt wird.

Ein zweiter Aspekt des Problems betrifft das Verfahren, komplexe Verhältnisse auf der Makro-Ebene durch einfachere Verhältnisse auf einer Mikro-Ebene reduktiv zu erklären. Vorausgesetzt wird dabei, dass bei diesem Wechsel der Ebenen  nichts verloren geht. Der Einwand bezieht sich nicht nur auf den bekannten Satz des Aristoteles, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile, indem ein zusammen gesetztes Ganzes anders funktionieren könne als jedes seiner Teile. So formuliert ist es eine Trivialität. Natürlich ist zum Beispiel eine mechanische Uhr funktional „mehr“ als bloß die Einzelfunktion ihrer Zahnräder und Federn. Das Entscheidende des Problems liegt darin, dass jede Ebene der Wirklichkeit ihre eigenen Organisationsprinzipien und Funktionsgesetze hat. Beim Wechsel der Ebenen, bei der Reduktion also von oben nach unten, wird auf jeder Stufe von den Funktionszusammenhängen, also von der essentiellen Organistaionsweise der nächst höheren Stufe abgesehen. Betrachtet man in der Molekularbiologie die Arten und Strukturen der vorfindlichen Moleküle, so arbeitet man innerhalb eines ganz anderen Bezugsrahmens als zum Beispiel der Zellbiologe, der die Verhaltensweise von Zellen und Zellverbänden untersucht. Die jeweilige Ebene der wissenschaftlich erforschten Wirklichkeit hat ihre eigene spezifische Organisation und Funktionalität, die auf der reduktiv darunter liegenden Ebene bewusst ausgeblendet wird, sonst wäre ja keine vereinfachende Reduktion erreicht. Die Frage ist aber, ob bei dieser Reduktion nicht gerade das Entschiedende, Spezifische der höheren Koomplexitätsebene verloren geht, dass somit also durch die Reduktion gar nicht mehr die zunächst untersuchte Entität (das vormalig organisierte „Ganze“) in den Blick kommt. Auch dies ist kein methodischer Fehler, sondern liegt in der Sache des reduktiven Ansatzes selber begründet. Dass auf der unteren basalen Ebene der untersuchte Gegenstand / Prozess noch derselbe ist wie der komplex organisierte, bleibt bloße Behauptung. Am Beispiel Hirnforschung: Dass ich durch die Rückführung der geistigen Prozesse auf neurale Funktionen tatsächlich noch die geistigen Funktionen und nicht irgendein anderes Substrat vorfinde, bleibt Behauptung. Sie liegt bereits im Ansatz (petitio) der wissenschaftlichen Methode des Reduktionismus begründet.

Schließlich: Kann rationales Denken auch anders als reduktionistisch verfahren? Kann es andere Wege wissenschaftlich erfolgreicher, d.h. erklärungsfähiger Methoden geben, die der auf jeder Ebene zunehmenden Komplexität und Organisation der höheren Strukturen der Wirklichkeit besser gerecht werden? Danach wäre zu suchen. Carl Friedrich von Weizsäcker hat durch seine Interpretation des Entropiegesetzes als stete Zunahme von Information, also insbesondere durch Organisation und Struktur, einen interessanten Weg gewiesen – ein Ball, der in der Wissenschaftstheorie bisher kaum aufgenommen worden ist. Die Suche nach Alternativen in Ansatz und Methodik ist deswegen unerlässlich, weil es die Bedingungen der Ratio sind, dass jede Methodik eine ‚einseitige‘ Festlegung beinhaltet. Dieser rationalen Grenze der Rationalität lässt sich nicht entkommen, aber man kann ihr entgegenwirken durch eine Vielfalt der Methoden, also der Wege, die Welt vernünftig zu begreifen und zu gestalten. Wissenschaft braucht Pluralität, um nicht ideologisch zu versteinern. Der bisherige Siegeszug des Reduktionismus und des wissenschaftlichen Materialismus beruht in der Tat auf grandiosen Ergebnissen. Diese allein rechtfertigen aber nicht, die Rückfrage nach den Voraussetzungen und Rahmenbedingungen zu unterlassen, die der jeweiligen Theoriebildung zugrunde liegen. Wer weiß, vielleicht bringt einmal eine mehr (ja, wie soll ich es nennen?) „synthetische“ Herangehensweise zum Verständnis von Komplexität noch bessere und adäquatere Ergebnisse. Schließlich wären große wissenschaftliche Erkenntnis ohne die Intuition ihrer Entdecker *) kaum wirklich geworden.

*) Es gab einen schönen Vortrag von Ernst Peter Fischer, Die Nachtseite der Wissenschaft, als DVD leider vergriffen.

 

 19. Juni 2013  Posted by at 13:14 Philosophie, Vernunft, Wissenschaft Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ratio – Rationalität
Jun 122013
 

Einige traditionelle Streitpunkte der Philosophie und der Wissenschaft überhaupt beruhen auf den Möglichkeiten und Grenzen der Vorstellung. Sie treten nur dann als Probleme auf, wenn ihre Begrifflichkeit wörtlich, oder besser gesagt ontologisch verstanden wird. Betrachtet man diese Probleme aber im Rahmen von Denkmodellen unter den Bedingungen repräsentationaler Vorstellungen, dann erweisen sich die Problematiken mehr als Probleme des Erkennens denn als Probleme der Dinge selbst. An drei Beispielen möchte ich dies zeigen: 1. Der Teilchen – Welle – Dualismus in der Physik; 2. der Materie – Geist – Dualismus in der Philosophie und Neuropsychologie; 3. der Mensch – Maschine – Dualismus in der neueren Kulturwissenschaft. Hinter allen drei Problemstellungen verbirgt sich die gemeinsame Frage, in welcher Weise unser Denken, unsere begriffliche Welterkenntnis, die ‚Wirklichkeit‘ erfasst, oder anders, welcher Art die Wirklichkeit ist, die der Wirklichkeit unserer Vorstellungen entspricht.

1.) Die naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt geht immer von Denkmodellen aus, denen bestimmte Weltmodelle zugrunde liegen. Stets bestimmt dabei eine Grundannahme gleichsam als Apriori den weiteren Gang der Erkenntnis. So haben sich bereits im Altertum Materialisten (Stoiker) und Geistphilosophen (Platoniker) gegenüber gestanden. Sie treten ihrerseits das Erbe der Vorsokratiker an, die sich entsprechend in die Anhänger Heraklits und Demokrits einerseits und des Parmenides andererseits entgegen gesetzt positionierten. Schon die Erkenntnis der Naturphänomene selbst beruht auf Vorannahmen dessen, was überhaupt sein kann. – Ehe sich später das kopernikanische Weltmodell durchsetzen konnte, entsprach das ptolemäische Weltbild am besten dem Augenschein: Die Erde ruht, die Sonne bewegt sich. Der Streit um diese Weltmodelle wurde allerdings überlagert von den dogmatischen Interessen der herrschenden Kirche. Darum ist ein anderes Beispiel besser geeignet, die Prägung der Erkenntnis durch Modelle der Vorstellung zu verdeutlichen: Der sogenannte Welle-Teilchen-Dualismus, der die moderne Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Unruhe versetzte. Nach dem Modell der Wellen im Wasser erwartete man auch beim Licht, sofern es nach Christiaan Huygens (17. Jahrhundert) als Welle beschreibbar war, zwingend ein Trägermedium, den Äther. Nur in einem Medium war eine Wellenbewegung vorstellbar, auch wenn dieses Postulat vielfache Schwierigkeiten bereitete. Newton setzte deswegen auf die Korpuskel-Theorie, verstand also das Licht als Teilchenstrahl. Erst aufgrund der Entdeckungen und Theorien von Max Planck und Albert Einstein wies Louis de Broglie nach, dass Lichtteilchen auch Wellencharakter besitzen. Das berühmte Doppelspalt-Experiment machte dies sichtbar. Es zeigte sich, dass dieser Effekt auch für Elektronen gilt (Compton-Effekt), ja dass elektromagnetische Wellen generell auch Teilchencharakter besitzen und umgekehrt, dass Teilchen wie Wellen zum Beispiel am Kristallgitter gebeugt werden können. Die Quantentheorie brachte für diese experimentellen Befunde eine vernünftige mathematische Beschreibung. Die Schrödinger-Gleichungen ergeben durch eine Wellenfunktion die Aufenthaltswahrscheinlichkeit des Teilchens. Die bis dahin immer wieder vor allem vom interessierten Publikum gestellte Frage: Was ist denn nun das Licht in Wirklichkeit, Welle oder Teilchen? erweist sich als falsch gestellt. Denn diese Frage beruht auf Vorstellungen der Anschauung im normalen Leben. In der Alltagssprache und -Vorstellung hat es den Anschein eines Dualismus. Mathematisch ist da nirgendwo ein Dualismus, sondern allenfalls eine Unschärfe (Heisenberg), weil im Experiment und in der Theorie Ort und Impuls prinzipiell nicht gleichzeitig fest gestellt werden können. Das Kopenhagener Standardmodell (Niels Bohr) spricht hier von Komplementarität, aber auch dies ist eigentlich ein Zugeständnis an unser Vorstellungsvermögen. Werner Heisenberg macht in seinem Buch „Der Teil und das Ganze“ auf die grundsätzliche Problematik aufmerksam, wenn er fordert, dass ein physikalisches Phänomen erst dann wirklich verstanden ist, wenn es auch in der Sprache alltäglicher Erfahrung beschrieben werden kann. Das Denkmodell der Komplementarität ist ein Beispiel solcher Übersetzung. Allerdings hilft auch dieser Begriff nicht darüber hinweg, dass in weiten Teilen der heutigen Elementarteilchen-Physik die Anschaulichkeit nahezu vollständig verloren gegangen ist. Was sich mathematisch präzise (auch in der „Unschärfe“ präzise) quantenmechanisch formulieren und beschreiben lässt, kann oft nicht mehr in Modelle der Vorstellung übersetzt werden. (Nebenbemerkung: Das gilt bisweilen auch für die „Sprache“ der Mathematik. So dauerte es eine Weile, bis die Schrödingerschen Wellengleichungen und die Feynman-Diagramme als unterschiedliche Ausdrücke desselben Sachverhaltes erkannt und aufeinander zurück geführt werden konnten.) Dies Dilemma des vorstellenden Verstehens und der sprachlichen Beschreibung betrifft die Relativitätstheorie ebenso wie die Quantentheorie: „Es gab eine Zeit, als Zeitungen sagten, nur zwölf Menschen verstünden die Relativitätstheorie. Ich glaube nicht, dass es jemals eine solche Zeit gab. Auf der anderen Seite denke ich, sicher sagen zu können, dass niemand die Quantenmechanik versteht.“ (Richard Feynman, 1967, zitiert nach Wikipedia) Dies gilt heute für weite Bereiche der Physik, wie sie zum Beispiel am CERN betrieben wird, für die Molekularbiologie (was heißt denn „Doppelhelix“?) und für die Neurowissenschaften. Die Natur des ganz Kleinen (Teilchenphysik) ebenso wie die Natur des ganz Großen (Kosmologie) bleibt für uns letztlich unanschaulich und insofern (nur insofern!) ‚unverständlich‘. Unsere Vorstellung ist immer auf ein repräsentationales Weltmodell bezogen, das die für uns normalen Größenordnungen umfasst und uns über die alltägliche Welt perfekt angepasst ins Bild setzt. Was in diesem Rahmen nicht vorstellbar ist, wird nicht anschaulich begriffen – und dann treten Widersprüche und Dualismen auf, die eben genau auf unseren Vorstellungen beruhen. In der Natur gibt es keinen Welle-Teilchen-Dualismus, es gibt so etwas allenfalls in unserer beschränkten Vorstellung.

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

2.) Ich sehe ganz Ähnliches in dem zweiten Beispiel eines geschichtlich bedeutsamen Dualismus‘, im Dualismus von Materie und Geist. Entweder wird ein Dualismus zweier Prinzipien oder Substanzen behauptet (Substanz-Dualismus, vermeintlich in Anlehnung an Aristoteles) oder ein Monismus nur einer Seite; heute ist das durchgängig der Materialismus. In der Geistesgeschichte ist der Neuplatonismus (Plotin u.a.) ein Vertreter des entgegengesetzten Monismus, dass der Geist (Nous) alles und die Materie nichts ist, nur eine Projektionsfläche des Geistes. Dies wird, soweit ich sehe, heute nirgendwo mehr vertreten. Dagegen ist der naturwissenschaftliche Reduktionismus und daher Materialismus das gängige Denkmodell schlechthin. Speziell Deutschland und seine eigene Biografie betreffend bringt der Philosoph Thomas Metzinger die Situation auf den Punkt:

Ich hatte an einem eher traditionell orientierten philosophischen Institut studiert, an dem die politische Philosophie der Frankfurter Schule tonangebend war. Dort schien fast niemand die enormen Fortschritte in der analytischen Philosophie des Geistes zur Kenntnis genommen zu haben. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass in den wirklich überzeugenden, substanziellen Arbeiten an der Forschungsfront der Materialismus schon lange zur herrschenden Lehre, zur orthodoxen Doktrin im Hintergrund geworden war. Niemand schien auch nur im Entferntesten die Möglichkeit der Existenz einer Seele in Betracht zu ziehen. Es gab sehr wenige Dualisten – mit Ausnahme der Philosophen auf dem europäischen Kontinent. Es war sehr ernüchternd, zu erkennen, dass, rund vier Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nachdem praktisch die gesamte deutsch-jüdische Intelligenz und andere Intellektuelle entweder ermordet oder ins Exil vertrieben worden waren, viele philosophische Traditionslinien und fast alle Lehrer-Schüler-Beziehungen zerrissen waren und dass die deutsche Philosophie weitgehend vom globalen Diskussionszusammenhang abgekoppelt war. Die meisten deutschen Philosophen lasen nicht, was in englischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde. Plötzlich erschienen mir einige der philosophischen Debatten, deren Zeuge ich in deutschen Universitäten wurde, zunehmend als schlecht informiert, ein bisschen provinziell und ohne jedes Bewusstsein dafür, wo das große Menschheitsprojekt der Entwicklung einer umfassenden Theorie des Geistes in der Gegenwart eigentlich stand. Im Verlauf meines eigenen Vordringens in die Fachliteratur wurde ich schrittweise davon überzeugt, dass es tatsächlich keinerlei schlagende empirische Belege dafür gab, dass bewusstes Erleben außerhalb des menschlichen Gehirns stattfinden könnte, und davon, dass der allgemeine Trend an der Forschungsfront und in den allerbesten Beiträgen zur Philosophie des Geistes eindeutig in die entgegengesetzte Richtung zeigte. (Thomas Metzinger, Der Ego – Tunnel, TB S. 125)

Das „große Menschheitsprojekt“, damit ist die Konzentration der Philosophie auf das einheitliche, physiologisch-materiell bestimmte Verständnis der Funktionen von Gehirn und Geist zu verstehen. Dualismus gibt es hier nicht mehr, allenfalls Epiphänomenalismus oder Supervenienz des Geistigen. Für mich stellt sich allerdings die Frage, ob diese Reduktion auf neurologische Korrelate (d. h. Rückführung auf und Erklärung durch) nicht eine Einseitigkeit ist, die nur durch die begrenzte Vorstellungsmöglichkeit unserer Erkenntnis bedingt ist. Ebenso wie wir uns Modelle in der Teilchenphysik machen, die letztlich nur abstrakt mathematisch beschreibbar sind (z.B. die „String“-Theorie, also „Saitenschwingungs“-Modelle, Symmetrie-Modelle), und Naturphänomene verstehen helfen, so sind philosophische Modelle ebenfalls nur Versuche des Verstehens von etwas, was nun uns selbst, unser Denken, Vorstellen und Begreifen, betrifft. Was ist und wie funktioniert unser Bewusstsein und unser Denken auf physiologischer, neurologischer, psychologischer, mentaler, geistiger Ebene? Schon die unterschiedlichen Disziplinen der Forschung zeigen, dass es bei aller notwendigen Kooperation und tatsächlichen Überschneidung der Problemstellungen doch sehr verschiedene Zugangsweisen zur Analyse unseres Geistes gibt. Auch die repräsentationale Theorie des phänomenalen Selbstmodells nach Metzinger ist eben ein solches Denk-Modell. Es entzieht sich dem Gehirn-Geist-Problem auf seine Weise, und zwar nicht-dualistisch. Aber auch bei diesem Thema ist es mehr ein Problem unseres Vorstellungsvermögens als der Sache des Denkens selbst, das funktional erklärt und verstanden werden soll. Menschliches Vorstellungsvermögen kommt von dem Gegensatz von Materie und Geist nicht los. Die Alltagserfahrung verfährt da ganz pragmatisch: Entweder etwas ist ‚rein geistig‘ oder eben materiell, stofflich, oder eben beides ‚irgendwie‘ zusammen. Mag auch die analytische Philosophie den Begriff der Seele längst als obsolet verworfen haben, der normale Mensch kommt im Alltag des Lebens und Sterbens kaum von der Vorstellung einer Seele los. Sie ist einfach viel zu anschaulich. Und vielleicht bewahrt sie ja doch entgegen den materialistischen Grundannahmen der Neurowissenschaftler und der analytischen Philosophen eine Erkenntnis, die an einem ‚Mehr‘ oder ‚Anderem‘ gegenüber der ‚reinen‘ Materie fest hält. Es hat nicht lange gedauert, bis Einsteins berühmte Kurzformel E=mc² in die Alltagskultur Eingang gefunden hat. Allerdings wird es noch sehr lange dauern, wenn es denn überhaupt möglich ist, bis die darin liegende Erkenntnis zum Alltagsbestand unserer Vorstellung und unseres Wissens gehört: Dass nämlich Materie und Energie zwei Erscheinungsformen sind, die wechselseitig ineinander übergehen können. Man könnte weiter fragen: Erscheinungsformen von was? von einem Dritten? des Seins? so etwas wie Seinsweisen in den Formen von Aktualität und Potentialität, womit der alte Aristoteles wiederkehrte? Und noch schwieriger: Was ist überhaupt Materie, Masse, die doch in der heutigen Theorie so sehr des Higgs-Teilchens bedarf, was ist denn überhaupt Energie, was bedeutet ihrer beider Wechselwirkung in Feldern und Dimensionen, die ihren Raum und ihre Zeit selber mit sich bringen? Je näher man hineinschaut in das Innerste der Naturphänomene, desto mehr verschwinden Abgrenzungen und eindeutige Bestimmungen. Sind es Grenzen der Natur oder wiederum eher Grenzen unserer Erkenntnis, Grenzen unseres Vorstellungsvermögens? Ist das, was da immer als Zweierlei, möglicherweise als Gegensatz, als komplementäres Miteinander, aufzutreten scheint, im Grunde nur das Eine, Ganze in seiner ungeheuer vielfältigen Dynamik, die wir immer wieder nur als Zweierlei oder Mehrerlei distinkt bestimmen und gegeneinander abgrenzen wollen – und müssen, wenn wir’s denn verstehen wollen? Materie und Energie nur Eines? Materie und Geist nur ein Ganzes aus (mindestens) zwei Seiten? Mir scheint, die Geisteswissenschaften, die Neurowissenschaften, die Analytische Philosophie, könnten sehr viel von der Wissenschaftsgeschichte der Physik lernen. Carl Friedrich von Weizsäcker ist einer derjenigen, der genau in diese Richtung gewiesen hat. Klar ist aber auch, das diese Rückfrage nach dem Einen, Ganzen, nach den Grenzen unserer Vorstellung und Theoriebildung, das peinlich genaue Nachforschen und Erklären auf der Ebene der Neurologie und der analytischen Philosophie hinsichtlich des Erklärens dessen, was unser Bewusstsein eigentlich ist und tut, nicht nur nicht überflüssig macht, sondern allererst fordert und begründet. Es kann nur innerhalb dieser Begrenzung der Erkenntnis erkannt werden. Es sollte aber der Blick über diese Grenzen hinaus auf das Gemeinsame, das Eine in der Struktur, in der Potentialität, in der umfassenden wechselwirkenden Wirklichkeit – oder wie immer man es noch nennen will – ebenso begründet und aufrecht erhalten werden. Wer weiß, vielleicht ist die Materie ‚an sich‘ ebenso wenig geistlos, wie der Geist ‚an sich‘ immateriell wäre. Unterscheidungen, die wir aus guten Gründen präzisen Denkens und Forschens treffen, müssen nicht die Grenzen des Wirklichen und Tatsächlichen sein. Vielleicht enthüllt es sich für uns immer nur auf solch bruchstückhafte Weise der Annäherung.

3.) Das dritte Beispiel braucht, da es gerade in der heutigen Zeit en vogue ist, nur noch knapp skizziert zu werden. Denn der Gegensatz von Mensch und Technik, von Mensch und Maschine, ist zwar in aller Munde und scheint auch unsere Alltagserfahrung widerzuspiegeln. Aber auch dieser Gegensatz ist womöglich nur ein scheinbarer, wiederum verankert in unserem alltäglichen Vorstellen. Das unterscheidet klar zwischen dem Mir und dem Anderen, dem Drinnen und dem Draußen. Gefühl und inneres Wesen gehören zu mir, zu meiner inneren Natur. Technik, Maschinelles, dagegen steht mir entgegen, ist weder Ich noch Natur. Netz-Enthusiasten sehen nun durch die Möglichkeiten der Digitalisierung, der Miniaturisierung und der massiven Vernetzung den Unterschied von Mensch und Maschine verschwinden. Die Mensch-Maschine ist so für die einen Verheißung, für die anderen Abschreckung. Dabei ist der Gegensatz tatsächlich nur ein scheinbarer. Schon der Gebrauch unserer Hände, der Werkzeuggebrauch als verlängerte Hände, sind etwas funktional Technisches. Sprache ist eine Technik, eine Kulturtechnik. Unser gesamtes Leben in einer vom Menschen gestalteten Welt hat etwas Artifizielles. Auch der Werkzeug nutzende Primate erschafft sich bereits vermittels Technik seine eigene Welt. Volker Gerhardt hat in seinem Buch „Öffentlichkeit“ sehr schön beschrieben, wie weit und wie sehr Öffentlichkeit – Bewusstsein – Technik, wie sehr also Natur und Kultur zusammen hängen. Sie sind mehr als nur zwei Seiten einer Medaille, sie sind die Realform unserer menschlichen Existenz. Das reine ‚Naturwesen Mensch‘ (Rousseau) ist eine Fiktion, die mit der Wirklichkeit des alltäglichen Lebens wenig bis nichts zu tun hat. Aber über die Alltagserfahrung hinaus gilt es prinzipiell, dass der Mensch mit allen seinen Leistungen, sofern er nicht bloß träumt, nach außen tritt und sich zu seiner Welt (Umwelt, Mitwelt, Mitmenschen) ‚technisch‘ in Beziehung setzt. Der Geist selber ist technisch orientiert, sofern er zum Begreifen und Bewältigen des Lebens in dieser, in seiner Welt hilft. Der Ausdruck Mensch-Maschine spitzt zu, erschrecken sollte er einen nicht. Mensch – Technik – Natur – Kultur sind unterscheidbare, aber untrennbare Aspekte der gesamten einen Lebenswelt. Der homo sapiens sapiens ist er nur, indem er homo faber, homo technicus ist. Selbst in seinen Träumen holt er die Außenwelt nach innen und gestaltet sie nach seinen seelischen Bedürfnissen. Hier ist es wiederum unsere vorstellende Alltagserfahrung, die uns Innen und Außen, Subjekt und Objekt, trennen und als Gegensätze wahrnehmen lässt, wiewohl beides Funktionen und Erscheinungsweisen mentaler Repräsentationen sind. Mensch und Technik sind sehr grundsätzlich gesehen tatsächlich eine Einheit.

An diesen drei Themenkreisen, die ja in einen gewissen Zusammenhang miteinander stehen, kann der Unterschied zwischen unseren Vorstellungsmöglichkeiten, den Möglichkeiten der abstrakten Theorie- und Modellbildung einerseits und der tatsächlichen Gegebenheit der inneren (Bewusstsein) und äußeren Natur (Physik etc.) andererseits verdeutlicht werden. Auch überzeugte Realisten werden zugeben, dass sich die reale Welt nur durch unsere Sinne, durch Vorstellungen und Begreifen vermittelt. Jedes Modell des Denkens ist eben ein Denkmodell. Ein gutes erklärt und umfasst viel, ein weniger gutes eben nur weniges. Alles in einem ist nicht erkennbar, da es keine vollständige, allumfassende Theorie und schon gar keine Anschauung von ‚Allem und Einem‘ gibt. Der wissenschaftlichen, denkenden und erkennenden Redlichkeit aber sollte es geschuldet sein, kein Modell absolut zu setzen und als „die Wahrheit“ zu verkünden. Insofern ist auch der heute verbreitete und erfolgreiche wissenschaftliche Materialismus nur eine Arbeitshypothese – bis auf weiteres.

 12. Juni 2013  Posted by at 17:01 Geist, Natur, Philosophie, Wissenschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Grenzen der Vorstellung
Mai 252013
 

Der Mensch hat Zeit. – Dieser Satz gilt strikt. Der Mensch ist das Subjekt der Zeit. Die Zeit ist ihm zu eigen. Das Jetzt gibt es sogar ausschließlich für den Menschen. Gegenwart und Vergangenheit sind Interpretationen der Zeit. Zukunft ist das, was erwartet wird, – oder das, was einfach auf uns zu kommt. „Unsere“ Zeit ist ganz und gar etwas durch uns Geschaffenes.

Immanuel Kant definierte Raum und Zeit als „reine Formen der Anschauung“. Zeit ist für ihn ebenso wie der Raum etwas formal Vorgegebenes, das Anschauung und darauf hin Wahrnehmen und Begreifen überhaupt erst ermöglicht und begleitet. Er geht damit zwar über den „absoluten“ Raum Newtons und dem entsprechend über eine absolute Zeit hinaus und nimmt Raum und Zeit gewissermaßen das Objektive. Zugleich sind Raum und Zeit aber die a priori gegebenen Rahmenbedingungen jeglicher Erkenntnis, die auf Anschauung beruht. Die Zeit ist damit kein Gegebenes innerhalb der Welt, sondern die transzendentale Voraussetzung von Welterkenntnis überhaupt. Man kann nun in der Nachfolge Kants darüber streiten, ob damit Raum und Zeit als Rahmenbedingung aller Anschauung und somit aller Erkenntnis der Subjektivität des Menschen zuzuordnen ist, oder ob es sich bei den „reinen Formen“ doch eher um objektive Ideen geht, die menschliche Erkenntnis immer schon vorfindet. Letzteres wäre eine fast noch metaphysische Interpretation, Ersteres würde den Weg bahnen in ein streng subjektivistisches Verständnis von Raum und Zeit.

Curitiba, Brasil (Wikipedia)

Curitiba, Brasil (Wikipedia)

Bleiben wir bei der Zeit. Die heutige analytische Philosophie, speziell die Philosophie des Geistes, nimmt die Entwicklungen und vorläufigen Ergebnisse der Neurowissenschaften positiv auf, wenn sie den Geist des Menschen, sein Empfinden, Vorstellen und Begreifen, also den gesamten Bereich des Mentalen, als etwas denken und verstehen möchte, dem stets ein neurales Korrelat zugeordnet ist. Ich vermeide es mit diesem Ausdruck, die Art der Zuordnung irgendwie, womöglich einseitig kausal, zu bestimmen. Das mag sein oder auch nicht – es spielt für diese Überlegungen jetzt keine Rolle. Entscheidend ist der Versuch, die mentalen Phänomene, also Bewusstsein, Wahrnehmen, Vorstellen und schließlich Denken und Begreifen als an das menschliche Gehirn gebunden zu beschreiben. Lässt man sich auf diesen Weg einmal ein, dann gewinnt die Frage an Bedeutung, wie denn genau die Phänomene des Bewusstseins zu beschreiben sind, wie es entsteht, gebildet wird, sich ausprägt und entwickelt, wie also aus „einfacher“ Sinneswahrnehmung im Bewusstsein die eigene Welt des Menschen entsteht. Schließlich führt diese Überlegung weiter zu der spannenden Frage, wie das Selbst, das ‚Ich‘, phänomenal zu beschreiben ist, und wie höher stufige mentale Prozesse nicht nur gegenständliches Erkennen, also mithin das, was wir banal realistisch als Raum erfahren, sondern auch das eigene Gegenwärtigsein und Seiner-selbst-bewusst-Sein ermöglichen. Schließlich gehört es zu den evolutionär höchsten Leistungen des Geistes, in sich das Abbild einer Welt zu konstruieren als ein mentales Modell, und damit strikt ‚gleich-zeitig‘ auch das gegenwärtige Jetzt zu schaffen. Anders herum gesprochen: Abgesehen vom Bewusstsein eines Lebewesens wie des Menschen gibt es kein Jetzt, keine Gegenwart, keine Vergangenheit und auch keine Zukunft, so wie wir sie mit der Metapher des Zeitstrahls verstehen. Die Natur kennt keine Zeit in unserem Sinne, sondern nur Prozesse und Wechselwirkungen, die durch den Zweiten Hauptsatz der Wärmelehre, das heißt durch die unumkehrbar ‚gerichtete‘ Zunahme der Entropie bestimmt sind. Zudem ist das, was wir Zeit nennen, in gleichförmig bewegten Inertialsystemen relativistisch gestaucht oder gedehnt, also mitnichten ein objektiv gegebenes unveränderliches Maß.

Bleiben wir beim Augenblick, bei unserem Jetzt. Das Bewusstsein, so könnte man nun sagen, ‚modelliert‘ die Sinneswahrnehmung zu einer Welt, zumindest zu einer ‚Welt für mich‘ aus der exklusiven Perspektive des Jetzt. Das, was mir im Augenblick bewusst ist, konstituiert mein zeitliches Jetzt. Dies ist wiederum die Basis für das „Zeitfenster“ der Gegenwart. In Abgrenzung zum gegenwärtigen Jetzt kann das mentale Modell des Selbst auch eine Vergangenheit bestimmen, die durch die Erinnerung als vergangene Zeit repräsentiert wird. Mit der Zukunft ist es einfacher; sie ist eigentlich gar kein Zeitbegriff, sofern sie nur das bezeichnet, was unter unendliche vielen Möglichkeiten ‚als nächstes‘ passiert. Als vom eigenen Selbst geplante, erhoffte oder befürchtete Erwartung wird sie aber als eine noch nicht realisierte Zeitstruktur für das Ich als „Zukunft“ modelliert. Tatsächlich, so lässt es sich analytisch durchaus plausibel beschreiben, ist die Zeit, zumal die Gegenwart im Jetzt, etwas dem Menschen Ureigenes, nur ihm mental Zugängliches. Die Modelle mentaler Repräsentation schaffen nicht nur das ‚Selbst-Verständnis‘, sondern weit mehr: Sie konstituieren und konstruieren für mich eine Welt in der Zeit, in der allein ich sie und es und ‚alles‘ erleben kann: meine Welt in meiner Zeit.

Wie ’subjektiv‘ verschieden das Jetzt erlebt und gedeutet werden kann, zeigen die verschiedenen Zeiträume der ‚Gegenwart‘: Sprechen wir von der „Gegenwartskultur“, dann besteht diese Gegenwart aus Jahren oder Jahrzehnten. Beziehe ich mich auf den Ort, an dem ich mich „gegenwärtig“ aufhalte, dann kann diese Gegenwart ein Tag oder mehrere Tage sein. Spricht man von Geistesgegenwart, dann meint man eine augenblicklich aktuelle Reaktion, die Gegenwart schrumpft zum Nu dieses Augenblicks. Davon noch einmal zu unterscheiden ist natürlich die Empfindung, die wir beim Erleben unserer Zeit haben: die Minuten oder Sekunden, die so endlos dauern bis zum ersehnten Abpfiff eines Endspiels in Wembley…

Diese Überlegung ist nur eine Möglichkeit. Sie erklärt viel und lehrt uns, unser Erleben in der Welt, in Raum und Zeit, als jeweils eigenes Erleben anders und, wie ich meine, besser zu verstehen. Die heutige analytische „Philosophie des Geistes“ gehört zum Spannendsten, was es seit langem in der Philosophie zu denken gab.

Hinweis: Philosophisch informativ und einführend in die „Theorie des phänomenalen Selbstmodells“ ist Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel, 5. Auflage 2012.

 25. Mai 2013  Posted by at 17:59 Bewusstsein, Geist, Philosophie Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Zeit – Geist
Mai 122013
 

Eines der spannendsten Gebiete der heutigen Wissenschaften befasst sich mit dem Geist, unter dem englischen Begriff einer Theory of Mind. Das Spannende ist, dass es bei der Frage nach dem menschlichen Geist nicht um das Spezialgebiet einer einzelnen Wissenschaft geht, sondern um eine Frage, die nur interdisziplinär angegangen werden kann. Neurowissenschaften, Kognitionswissenschaft, Psychologie und Philosophie, um die wichtigsten Disziplinen zu nennen, können offenbar nur miteinander unter jeweils eigenen, aber auf einander bezogenen Fragestellungen denjenigen „Gegenstand“ untersuchen, den man herkömmlich den „Geist“ nennt, darunter das Bewusstsein als einem Spezialbereich, die Frage nach dem Ich, nach dem Selbst, nach dem „computationalen“ Denkvermögen und vor allem nach der Physiologie und Funktionalität des Gehirns, das offenbar mit allen geistigen Prozessen unlösbar verbunden ist. Aber wie? (Einige frühere Beiträge in diesem Blog zeigen, dass mich diese Frage nicht los lässt.)

Und da ist sie auch schon, die Frage aller Fragen, an der sich die Geister (metaphorisch) scheiden. Weitgehend unbestritten ist es, von einer Korrelation zwischen neuralen Funktionen und geistigen Fähigkeiten zu sprechen. Aber was genau bedeutet diese Korrelation? Oder ist da mehr, nicht nur Korrelation, sondern Kausalität? Bedingen also physiologisch-neurale Prozesse alle Erscheinungen und Fähigkeiten des Geistes, des Bewusstseins? Neurologen formulieren meist, dass geistige Vermögen einschließlich des Bewusstseins auf neuralen Substraten „beruhen“. Aber was genau heißt dieses „beruhen“? Werden ausgelöst, verursacht, bedingt, beeinflusst? Oder „nur“ begleitet, ermöglicht, basal fundiert im Sinne von „kein Geist ohne Gehirn“?

Auf Seiten der analytischen Philosophie hat sich die Fragestellung lange Zeit auf die „Qualia“ konzentriert, also auf das sogenannte „phänomenale Bewusstsein“, das als „Gefühl von etwas“ beschrieben werden kann. Was die Wahrnehmung der Farbe „rot“ verursacht, wissen wir, aber können wir damit auch erklären, wie es sich anfühlt, „rot“ zu sehen, also diesen (oder jeden anderen) sensorischen Eindruck zu haben? Die Verneinung der Frage argumentiert mit der berühmten „Erklärungslücke“ (explanatory gap), die zwischen Bewusstsein und physiologischer Erklärung bestehe. Aber sind diese „sekundären Qualitäten“ wirklich Gegenstände, also objektivierbare Gegebenheiten unseres psycho-physischen Erlebens oder sind es eher sprachliche Zuschreibungen, also kein introspektives „Was“, sondern eben ein „Wie“, in dem sich unser Erleben ausdrückt? Neurokognitionswissenschaft und philosophischer, d.h. epistemischer und / oder ontologischer Reduktionismus sehen hier allenfalls ein Scheinproblem. Vielleicht ist die Zuspitzung auf die Qualia auch nur ein in der Diskussion immer stärker isolierter Aspekt, der inzwischen das eigentliche Problem verdeckt: Können wir das Bewusstsein in all seinen Funktionen und Phänomenen naturwissenschaftlich erklären?

Neuronen (Wikipedia)

Neuronen (Wikipedia)

Immerhin ist es auch in der Hirnforschung unbestritten, dass trotzt gewaltiger Fortschritte in den letzten Jahren noch sehr Vieles wenn nicht das Meiste der Arbeitsweise des Gehirns terra incognita ist. Wir stehen da erst ganz am Anfang. Dies betont auch immer wieder der analytische Philosoph und Vertreter der „Selbstmodell-Theorie der Subjektivität“, insbesondere des „phänomenalen Selbst-Modells“, Thomas Metzinger. Seine genial klingende Theorie der mehrfach gestuften Selbstmodellierung als der repräsentationalen Arbeitsweise des Geistes bzw. des Bewusstseins fragt immer wieder nach den neuralen Korrelaten dieser Theorie, die es erst noch zu finden gilt. So forderte der finnische Neuro-Kognitionswissenschaftler Antti Revonsuo Ende der neunziger Jahre eine „multidisziplinäre Bewusstseinswissenschaft“ (in „Grundkurs“ Bd. 1, siehe unten). Allein die „systematische Beschreibung des Bewusstsein“, also der phänomenologischen Ebene, sei „vielleicht die größte Herausforderung“. Ohne Zweifel ist man damit inzwischen schon etwas weiter, aber offenbar keineswegs am Ziel. Und das ist ja nur der erste Schritt.

Zu leicht macht es sich auf jeden Fall die populäre Rezeption der Bücher von Antonio Damasio, dass halt „alles“ im Denken und Empfinden „nur“ Prozesse auf der Basis von neuronalen Substraten seien. Der Geist wird rasch durch das elektrische Funken und biochemische Prozesse des Gehirns ersetzt. Das ist dann nichts anderes als die recht vereinfachende These der Reduktionisten. Wie schon vor einhundert Jahren hat der (damals verbreitete) „biologische Mechanismus“ den betörenden Vorteil eines einheitlichen und einfachen Weltmodells, nämlich des materialistischen. Wir werden um die relative Wahrheit dieses Ansatzes nicht herum kommen, aber man sollte den materialistischen Grundsatz auch nicht zum Glaubensbekenntnis der Wissenschaftstheorie hoch stilisieren. Oder ist er etwa nur ein Glaubenssatz, also ein weltanschauliches Axiom?

Abgesehen von der vor einigen Jahren in verschiedenen Feuilletons, Vorträgen und öffentlichkeitswirksamen Disputen behandelten Frage nach dem „freien Willen“ – Wirklichkeit oder Illusion – ist das Interesse an den Theorien und Ergebnissen der Neurowissenschaften und der analytischen Kognitionswissenschaften öffentlich kaum vorhanden. Die Aufmerksamkeits-Karawane ist heute woanders hin gezogen. Wen es dennoch interessiert und wer sich über den aktuellen Stand der Wissenschaft informieren will, der kann zu „Der Ego-Tunnel“ von Thomas Metzinger greifen (Taschenbuch 2009; 5. Auflage 2012): „Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik“. Diesem für das menschliche Selbstverständnis zentralen Thema, was denn „der Geist“ ist und wie das „Selbst“ zustande kommt, ist mehr Aufmerksamkeit zu wünschen. Denn die Wissenschaft vom Bewusstsein hat heute mindestens die Explanationsstufe „3.0“ erreicht.

[Die ausführliche Beschäftigung mit der analytisch-philosophischen Fragestellung anhand von zahlreichen klassischen Texten zu unterschiedlichen Positionen, jeweils kurz eingeleitet, ermöglicht  der dreibändige „Grundkurs Philosophie des Geistes“ von Thomas Metzinger, 2006 – 2009.]

 12. Mai 2013  Posted by at 13:15 Bewusstsein, Geist, Wissenschaft Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Theory of Mind 3.0
Okt 082012
 

Wenn denn gilt (wie im vorigen Beitrag dargestellt): kein psychisches Vermögen ohne Hirnfunktion, „nichts ohne Gehirn“ (Hoppe), wo bleibt dann der „Geist“, die geistigen Kräfte, das geistige Vermögen, lateinisch mens, griechisch nous? Was hat ‚dann noch‘ der Bereich des Mentalen, Noëtischen für eine Wirklichkeit? Strikte „Reduktionisten“ reduzieren hier alles auf die neurale Ebene; es sind schlicht Hirnfunktionen. Wie bei der klassischen Religionskritik eines Feuerbach wird von „physikalistischen“ Hirnforschern wie Wolf Singer oder Gerhard Roth gerne die Formulierung „nichts anderes als“ gebraucht, als entlarve man einen schönen Schein. Die Wirklichkeit dahinter aber sei in unserem Falle materiale Biochemie und Bioelektrik. Der Geist ist dann „nichts anderes als“ eine spezielle Hirnfunktion, zumindest „beruht“ er auf ihr. Reicht das? Anders gefragt, wird das dem Phänomenen des Geistigen gerecht?

Der Denker – Le penseur, Auguste Rodin, Paris (Wikipedia)

Ich sehe das weniger monokausal und reduktionistisch, so als könne man eine Persönlichkeit und ihr Empfinden („Qualia“) einfach messen und in bildgebenden Verfahren darstellen. „Nichts ohne Gehirn“ meint zwar ganz klar und eindeutig, dass in unserer einen durch unsere menschliche Natur gegebenen Wirklichkeit alle psychischen und mentalen Vorgänge und Vermögen von Funktionen des Nervensystems abhängen, mit ihnen also bestehen und vergehen, aber damit ist über die „Welt“ des Geistigen noch gar nichts gesagt. Karl Popper hat sehr schön von der „Welt 3“ gesprochen, was nicht die Denkakte („Welt 2“ = psychische Phänomene) meint, sondern die Denkinhalte bezeichnet. Ob die Unterscheidung in drei „Welten“ glücklich und heute noch brauchbar ist, sei dahin gestellt. Es geht aber um den Bereich der Denkinhalte, der geistigen „Gegenstände“ des Denkens, der Kunst, der Poesie. Für den geistigen Bereich gibt es eigene „Gesetze“, Regeln des Denkens wie die Logik zum Beispiel, Regeln des Zählens und abstrakten Verknüpfens wie die Mathematik, Regeln der Räumlichkeit wie in der Geometrie, usw.. Geistige, künstlerische oder philosophische „Konstrukte“ haben eine eigene Art der Wirklichkeit, zwar als Konstruktionen, d.h. Produkte unserer geistigen Tätigkeit, aber dann doch in gewisser Weise unabhängig von uns als einzelnen Personen, selbständig, mitteilbar, kommunizierbar und allgemein gültig. Man kann seine Gedanken nieder schreiben, fest halten und für andere aufbewahren, man kann die Gedanken und „Theorien“ („Anschauungen“) anderer Menschen, die Jahrhunderte früher gelebt und gedacht haben, lesen, aufnehmen und nach vollziehen, sich mit ihnen auseinander setzen, sie kritisieren oder weiterführen.

Der Bereich des Geistigen ist ein eigener, unabhängiger Bereich unserer Lebenswelt. Er gehört zu unserer Wirklichkeit, ist für uns wirklich, stellt aber keine zweite, andere Wirklichkeit dar, keine zweite „reale“ Welt hinter, unter oder über unserer Welt, wie wir sie von Natur aus haben und erleben. Ich gebrauche statt des missverständlichen Bildes einer „eigenen Welt“ oder „Wirklichkeit“ des Geistigen lieber das Bild einer (grafischen) Ebene, eines Layers. Mit unseren mentalen Fähigkeiten und Vermögen sind wir Menschen tatsächlich in der Lage, unsere gegebene natürliche Welt, der wir ganz und gar angehören und der wir unsere Existenz verdanken, mit einer weiteren Ebene, mit einem geistigen Layer zu überziehen und auf diese Weise die natürliche Wirklichkeit noch einmal anders zu erleben, zu deuten, zu interpretieren, zu verstehen und zu gestalten. Diese Ebene des Geistigen ist wie ein eigenständiger Gegenstandsbereich zu betrachten, kommunikabel und mit anderen teilbar. Manches aus dem Bereich unserer geistigen Welt kann sogar uns selbst, wenn wir sterben und unsere Hirnfunktionen aufhören, unsere mentalen Tätigkeiten für immer enden, überdauern: Eine musikalische Komposition, ein Gemälde, ein Gedicht, ein (hoffentlich) kluges Buch. Nur insofern kann man bildhaft vom Geistigen als einer eigenen und eigenständigen Welt sprechen.

„Nichts ohne mein Gehirn.“ Wie ich diesen minimalen Konsens mit der Hirnforschung verstehe, tut es der Bedeutung und der Kraft dessen, was ich als „geistige Welt“, als geistigen Layer der natürlichen Wirklichkeit beschrieben habe, keinerlei Abbruch. Im Gegenteil, es holt die Gegenstände des geistigen Tuns, Denkens, Schaffens aus dem fatalen „Reich“ einer künstlichen Welt heraus, befreit sie vom falschen Schein ideologisch verstellter „Wirklichkeit“ und macht sie menschlich: Das geistige Sein als eine ganz spezielle Seite und Fähigkeit des Menschen, als ein ungemein schönes und reiches Tun des Menschen, der mit seinen geistigen, mentalen Fähigkeiten sogar die Grenzen seiner Endlichkeit in der Vorstellung überwinden kann. In der Vorstellung und verankert in unserer natürlichen, endlichen Existenz als Homo sapiens. Die Philosophen vor und nach Platon haben es eigentlich immer schon gewusst und sich bemüht, die eine Wirklichkeit unserer geistigen und natürlichen Existenz angemessen zu beschreiben und „irgendwie“ zutreffend auszusagen, also die Wirklichkeit des Denkens und Seins zu begreifen.

Wer daraus eine zweite, gleichsam doppelte Realität macht, verfällt dem Fehler der Religionen, wenn sie das Bild, das Symbol, die Allegorie und das Erleben bestimmter psychosozialer Erfahrungen zur „anderen“, zeitlich verdoppelten Wirklichkeit verklären, mit allen desaströsen Folgen des falschen Scheins, der Täuschung, des Betruges und der Gewalt. Auch die Religion kann nur gewinnen, wenn sie sich als Kraft des Symbolischen in der einen natürlichen Wirklichkeit des endlichen Menschen begreift. Auch hier kann ich in der Tendenz noch mit Christian Hoppe übereinstimmen, wenn er am Ende seines Vortrages schreibt:

Nun – ich bin ganz im Gegenteil der Meinung, dass das Einheitsdenken der Naturwissenschaftler in Bezug auf die Wirklichkeit und besonders der Antidualismus der Hirnforscher eine große Chance bietet, irrtümlich für christlich gehaltene weltanschauliche Überzeugungen nun endlich zur Seite zu räumen. Nur so bekommen wir wieder den Blick frei für das eigentliche Wesen des biblisch-christlichen Glaubens. Dieser Glaube hat mit einem dualistischen, weltabgewandten Platonismus nicht viel gemein.

 8. Oktober 2012  Posted by at 10:21 Geist, Kultur, Philosophie Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Wo bleibt der Geist
Jul 152012
 

Schrille Töne in einer erneuerten Debatte um das Recht auf Beschneidung kleiner Jungen. Details aus dem „Fall Köln“ geraten in die Schlagzeilen und emotionalisieren. Es bleibt das Erfordernis der Sachlichkeit und der Güterabwägung über die Anerkennung des „Anderen“.

Nachdem zwei Wochen ins Land gegangen sind, seit das Kölner Landgericht die Beschneidung eines vierjährigen Jungen als Körperverletzung wertete, hatte sich die anfänglich aufgeregte Diskussion gelegt. Zuletzt gab es mehrere Verlautbarungen von Politikern unterschiedlichster Parteien (ausgenommen Die Linke), dass man jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland weiterhin ermöglichen wolle, dass darum die Rechtslage umgehend so geändert werden müsse, dass die religiös-kultische Beschneidung von kleinen Jungen straffrei möglich würde. Diese rechtliche Klärung sei im Interesse der Religionsfreiheit und der kulturellen Vielfalt in unserem Lande.  Juden und Muslime müssten nicht nur ohne Strafandrohung, sondern unter wohlwollender Akzeptanz ihrer religiös-kulturellen Eigenheiten leben dürfen und eben auch die gebotene Jungen-Beschneidung ausführen lassen dürfen – medizinisch einwandfrei, versteht sich. Schließlich bestätigte der Regierungssprecher Seibert, „verantwortungvoll durchgeführte Beschneidungen müssen in diesen Land straffrei möglich sein“, und zwar aus Sorge um den Rechtsfrieden. Das ist dann zwar kein besonders juristisch ausgezeichnetes Argument, sondern ein politisches, aber ein immerhin nachvollziehbares.

Nun werden nähere Einzelheiten aus der Vorgeschichte des Falles bekannt, der zu dem Kölner Gerichtsurteil führte. Und schon werden die Stimmen wieder lauter und vor allem schriller. Von „Beschneidung in Notaufnahme“, einem „Gemetzel in Köln“, „brisanten Komplikationen“ sowie einem „zerfressenen Penis“ ist allein schon in den Schlagzeilen die Rede. Zu den besonnenen Äußerungen gehört die gut fundierte Recherche zur Vorgeschichte und zu den bekannt gewordenen Details des in Köln verhandelten Falles, die Philip Eppelsheim heute in der FAS (FAZ.Net) vorgelegt hat. Aufgrund dieser detaillierten Schilderung des Falles und zugleich des Ursprungs der dem Urteil zugrunde liegenden Rechtsauffassung stehen weitere Informationen bereit, die zur Grundlegung eines eigenen Urteils beitragen können. Der in den reißerischen Meldungen enthaltene Generalverdacht, Beschneidung sei eine medizinisch höchst zweifelhafte, unsaubere und quälerische Angelegenheit religiöser Fundamentalisten, trägt allerdings wenig zur Versachlichung bei. Im Gegenteil, nun wird das Urteil zum Erweis eines ethisch gebotenen Verhaltens um der reinen Humanität willen gegenüber archaischen religiösen Miss-Bräuchen, die in unserer aufgeklärten Gesellschaft keinen Raum haben dürften. Gruselvorstellungen allein durch die Zusammenstellung der Begriffe „Amputation“ und „männliches Glied“ werden verbreitet und wecken Urängste vor Entmannung. Die Beschneidung zu verbieten wird so zum Gebot der Menschlichkeit, zu einer Forderung gemäß den Menschenrechten und zu einer Selbstverständlichkeit säkularer Vernunft.

Dies alles aber bestätigt zwar viele möglichen Vorurteile, hilft aber wenig zur Klärung der anstehenden Frage, ob und wie der religiöse Ritus der Beschneidung von unserer Gesellschaft als möglich und vertretbar akzeptiert und zumindest straffrei gestellt werden kann. Die Klärung dieser Frage kann nur in einer grundsätzlichen Erwägung über die Reichweite der Freiheit der Religionen zur Ausübung ihrer Gewohnheiten und Bräuche und der Reichweite des Anspruchs der Allgemeingültigkeit des Rechtes jedes Individuums auf körperliche Unversehrtheit erfolgen. Dabei geht es, das liegt auf der Hand, um eine schwierige Güterabwägung. Überlegungen der politischen Praktikabilität (Rechtsfriede, kulturelle Vielfalt, straffreie Ausnahmeregelung) dürfen dabei selbstverständlich ebenfalls eine Rolle spielen, denn Recht bildet sich nie fern der Kultur und der gelebten Lebenswirklichkeit. Zu letzterer gehört es aber eben auch, dass Religionen, religiöse Erziehung und religiöse Selbstbestimmung bei uns einen Raum haben. Bisher herrschte mehr oder weniger Konsens darüber, dass Religion im Alltag, wiewohl nicht rational begründbar, dennoch emotional und traditionell verankert einen wesentlichen Bereich menschlichen Selbstverständnisses, menschlichen Verhaltens und menschlicher Kultur darstellt. Und zu religiösem Leben gehören eine Fülle sogenannter „archaischer“ Riten wie Opfergaben, Niederknien, Anbetung vor Altären, Segnungen, Amulette und Bildnisse, Initiationsriten und Riten an den „Übergangspassagen“ (rites de passage) menschlichen Lebens. Religiöses Leben ist äußerst komplex und facettenreich, dazu später einmal mehr. Hier geht es nun aktuell darum, wieweit sich eine säkulare und humanitären Werten verpflichtete Gesellschaft „etwas“ in sich und neben sich und mit sich er-tragen, also im eigentlichen Sinne tolerieren kann und will, was vielleicht vielem, sicher jedoch manchem der heutigen Wertvorstellungen, Rechtsauffassungen und wissenschaftlich-kulturellen Erkenntnissen widerspricht. Es wäre dies ein Zeichen gelebter Liberalität, die auch die geschichtliche und soziale Bedingtheit von Werten und Ordnungen in einer Gesellschaft bedenkt und sich davor hütet, sich selber absolut zu setzen.

Ich erhoffe mir immer noch eine grundsätzliche und zugleich pragmatische Diskussion in der Öffentlichkeit darüber, welche Chancen und welche Grenzen religiöses Leben in der säkularen Gesellschaft haben darf. Vernunft ist dabei ein wesentlicher, aber nicht der alleinige Maßstab. Das tradierte „Andere“ anders sein zu lassen und dieses in den Grenzen unserer gesellschaftlichen Ordnung zuzulassen, wäre ein Merkmal einer umfassenden Humanität und einer wohlverstandenen Säkularität. Es ist die Probe darauf, was uns kulturelle Vielfalt wert ist und was sie uns in der Praxis an den Grenzen unserer Werte abverlangt. Insofern kann es ein guter und hilfreicher Diskurs sein, der die Überlegungen zu einer eventuell neuen gesetzlichen Regelung begleitet.

 15. Juli 2012  Posted by at 12:03 Aufklärung, Freiheit, Gesellschaft, Islam, Judentum, Kinder, Mensch, Menschenrechte, Moderne, Religion Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Beschneidungsurteil reloaded
Jul 142012
 

Die Propagierung einer Vision der „Vereinigten Staaten von Europa“ halte ich für unpolitisch, ungeschichtlich, zudem völlig realitätsfern und auch wenig wünschenswert. Es gibt in Europa eine unglaubliche Vielfalt und Verschiedenheit. Genau das aber ist Europas Reichtum. Den sollten wir erhalten und demokratisch gestalten.

Thorsten Denkler hat in der Süddeutschen Zeitung vom letzten Donnerstag (12.07.) einen viel beachteten, flammenden Aufruf verfasst: „Fragt uns endlich!“ Darin zeichnet er eine Entwicklung nach, die unausweichlich auf die „Vereinigten Staaten von Europa“ hinaus läuft und darum „endlich“ eine Volksabstimmung für Europa erzwinge. Seine „Utopie“, wie er selbst sagt, hält er zwar für nahe liegend, weil schon jetzt alles darauf zu laufe. Ich halte dagegen seinen Ansatz, seine Betrachtung und seine Schlussfolgerungen für unpolitisch, ungeschichtlich, zudem völlig realitätsfern und auch wenig wünschenswert. Zustimmen kann ich ihm nur darin, dass das Wahlvolk auch in Deutschland demnächst einmal befragt werden muss, wie es denn mit Deutschland in Europa weiter gehen solle. Die Frage muss allerdings sehr viel konkreter lauten – und von der Formulierung, wonach gefragt wird, hängt viel ab, siehe die Volksabstimmungen in Irland. Aber der Reihe nach.

1.) „Längst haben die Staatenlenker den Weg zur politischen Union eingeschlagen. Doch sie nehmen die Menschen nicht mit.“ Also, dass die europäischen Staaten „längst“ auf dem Weg zur völligen politischen Union sind, kann ich nirgendwo erkennen. Bisher sind alle Vereinbarungen reine Absichtserklärungen, auch diejenigen für mehr fiskalische Kontrolle durch die „Union“ / Brüssel / wen auch immer, ohne dass bisher zum Glück das Haushaltsrecht der Einzelstaaten maßgeblich beeinträchtigt wäre. Da ist bei uns das BVerfG vor, also abwarten. Gedrucktes Papier auch auf Gipfelkonferenzen ist geduldig, das hat sich jüngst wieder gezeigt (Monti!). Beschlüsse und Kompromisse unterliegen auch bisher schon der nationalen Sichtweise und Interpretation, von ihrer gewünschten Umsetzung ganz zu schweigen. Bisher wurden alle Vereinbarungen der EU zur Selbstdisziplin in der politischen Wirklichkeit unterlaufen, übrigens auch von deutscher Seite (Bruch der Maastricht-Kriterien). Hier zu mehr Kontrolle zu kommen, ist die eine Möglichkeit. Ob dieser Weg richtig und unausweichlich ist, hängt davon ab, ob man der Eigenverantwortung der Mitgliedsstaaten überhaupt noch etwas  zutraut – oder ihnen, wie bei Griechenlands Regierung, gar nicht mehr über den Weg traut. Schon Spanien und Italien, ganz zu schweigen von Frankreich, wehren sich mit allen Mitteln gegen das „Hineinregieren“ von Brüssel. Hier sehe ich in der europäischen Wirklichkeit eher die Tendenz zu stärker nationalstaatlichen Wegen als zu mehr Vergemeinschaftung, allen gegenteiligen Erklärungen zum Trotz. Es kommt entscheidend darauf an, diesen Prozess demokratisch zu begleiten und zu gestalten.

2.) Welches Europa würden die „Vereinigten Staaten von Europa“ denn repräsentieren? Nur den Euro-Raum? Das sind 17 von 27 EU-Staaten. Die finnische Finanzministerin Urpilainen hat jüngst erklärt, dass Finnland auf den Euro eher verzichten könne, als einer Haftungsgemeinschaft anzugehören. Von Österreich und den Niederlanden hat man Ähnliches gehört. Eine „vertiefte Union“ mit fiskalischer Kontrolle und gemeinsamen Bonds würden aus heutiger Sicht nur 10 – 12 Euro-Länder angehören (so auch Schäuble). In Deutschland hat gerade gestern das Politbarometer wieder sehr eindeutig ergeben, dass drei Viertel der Befragten klar gegen „gemeinsame Schulden“ sind, immerhin noch mehr als die Hälfte sogar dann, wenn es eine gemeinsame Haushaltspolitik gäbe. Schauen wir auf die weiteren EU-Länder. Schweden steht einer weiteren Vertiefung der Union äußerst reserviert gegenüber, Dänemark mit seiner Sonderrolle sowieso. Großbritannien sucht derzeit ohnehin nach der nächstbesten Gelegenheit, durch eine Volksbefragung einen EU-Austritt vorzubereiten. Die skandinavischen Länder sowie die britischen Inseln würden zu den „Vereinigten Staaten von Europa“ kaum dazu gehören, von Mitteleuropa ein noch unentschiedener Teil. Sicher pro Europa sind die osteuropäischen Staaten einschließlich des Baltikums, weil sie a) bisher nur in der EU und mit ihren Mitteln den wirtschaftlichen Aufbau voran treiben können, und weil sie b) eine Rückversicherung gegenüber den russischen Machtansprüchen brauchen. Bleiben die Mittelmeer-Länder, „Latein-Europa“. Klar, die brauchen das „reiche“ Europa, weil sie allesamt finanziell vollständig  und wirtschaftlich weitgehend am Ende sind. Ob die verbleibenden EU-Staaten tatsächlich von einem um die innere Vorherrschaft streitenden Gespann Deutschland – Frankreich dominiert werden möchten, wage ich zu bezweifeln. Dieses „Rest-Europa“ wäre wohl kaum ein zukunftsweisendes Modell.

3.) Es fehle an „Erklärung“, Merkels Slogan „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“, sei zwar richtig, aber nicht ausreichend. Nun, es wird so viel „erklärt“, wie zu kaum einem anderen politischen Thema. Keine Woche vergeht ohne sehr konträre Diskussionen in den diversen Medien. Die Schwierigkeit ist, dass es bei der Aufklärung immer auch um die politische und wirtschaftliche Position geht, die jemand vertritt. Die Vereinbarungen über den EFSF und ESM sind vielleicht von ihrer Intention und den Instrumenten her mehr oder weniger eindeutig „erklärbar“, aber schon bei der Darstellung der Auswirkungen gehen die Meinungen weit auseinander. Es geht bei der Erklärung europäischer Politik und währungspolitischer Projekte also immer zugleich um eine Positionsbestimmung. Das wird auch an dem Satz von Frau Merkel deutlich: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ Der Satz ist so, wie er da steht, natürlich Unsinn. Gemeint ist: Dann scheitert dasjenige politische Europa, wie wir es bisher kennen und wie es der Euro geprägt hat. Dies Europa ist aber offensichtlich jetzt schon gescheitert. Alle Anstrengung richtet sich ja darauf, unter den gegebenen Bedingungen zu retten, was noch zu retten ist, um noch größeren Schaden zu verhindern. Was allerdings der „größere Schaden“ ist (Beibehaltung oder Abschaffung des Euro), kann niemand fundiert sagen, er wäre denn Hellseher. Ob die bisherigen Maßnahmen zur „Rettung“ des Euro allerdings erfolgreich sind, steht ebenfalls in den Sternen.

4.) Was ist eigentlich so schlecht an dem Gedanken, dass Europa ein Bund (eine „Union“) von Einzelstaaten bleibt, selbst wenn man wieder jeweils eigene Währungen hätte? Die Zeit vor 1992 (Maastricht-Vertrag) war wirtschaftlich ja auch nicht so schlecht, und Integration („Brüssel“) gab es damals auch. Der Euro war ja dezidiert ein politisches Projekt Frankreichs als Bedingung der Zustimmung zur Wiedervereinigung: Keine D-Mark – Dominanz durch ein gestärktes, wieder vereinigtes Deutschland war die Parole. Die Zeiten haben sich gewandelt, und Anderes und Neues wird denkbar, auch neue Formen der Zusammenarbeit unter Beibehaltung der eigenstaatlichen Verantwortung, gerade auch bei der Haushaltspolitik. Kosten wird es Deutschland so oder so in kaum abzuschätzenden Ausmaßen, da sollte die Entscheidung also nicht „alternativlos“ sein, sondern offen für unterschiedliche Lösungen. Die Beibehaltung des Euro ist nur eine davon. Ich vermute, dass wir in den nächsten 10 Jahren den Nachfolger des Euro erleben werden. Es wäre durchaus denkbar und machbar. Europa ginge dadurch noch „längst“ nicht unter. Es würde sich freilich weiter wandeln. Das tut es ohnehin.

5.) Thorsten Denkler schließt mit der Bemerkung: „Die Frage ist nicht ob, sondern wann endlich die Bürger auch in Deutschland gefragt werden. Sprechen sie sich dafür aus, den Weg zu einer politischen Union mitzugehen, sind die Vereinigten Staaten von Europa eine ganz wunderbare Vision.“ Nun, wenn man auf die europäische Geschichte der letzten 200 Jahre schaut, dann waren diejenigen Politiker und Machthaber mit den größten „Visionen“ zugleich Europas größte Schlächter: Napoleon, Hitler, Stalin. Man sollte da viel nüchterner und gelassener sein und statt von Visionen oder Utopien von pragmatischen Entscheidungen sprechen, die für unser Land den größten Nutzen bei größter Sicherheit versprechen. Wie sagte Helmut Schmidt? Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Für Politiker gilt das allemal. Und dass „das Volk“ weniger europäischen Visionen nachhängen als vielmehr konkreter, nüchtern und sachlich vermittelbarer Politik folgen und auch darüber abstimmen möchte, das scheint mir auch eindeutig zu sein. Der Kulturraum Europas hat seine Auszeichnung in seiner Vielfalt, die sich in der europäischen Geschichte heraus gebildet hat. Es gibt keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Kommunikation, keinen gemeinsamen Buch- oder Zeitungsmarkt, ja nicht einmal eine gemeinsame Plattform von Internet-Diskussionen. Es gibt in Europa eine unglaubliche Vielfalt und Verschiedenheit. Genau das aber ist Europas Reichtum. Den sollten wir erhalten und bürgernah gestalten, mit oder ohne Euro.

 14. Juli 2012  Posted by at 19:22 Demokratie, Deutschland, Euro, Europa, Nüchternheit Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Europa – Vielfalt gestalten
Jul 062012
 

Streit nur unter Ökonomen? Lieber eine streitige Diskussion um Europa. Offen Positionen zu benennen und Argumente auszutauschen ist dran. Die Form unseres demokratischen und partizipativen Umgangs steht unter Bewährung. Politik darf sich davor nicht drücken.

Als „Ökonomengezänk“ oder höflicher als „Streit innerhalb der Ökonomenzunft“ (FAZ) werden die gerade aktuellen Aufrufe und Kommentare und Gegenbriefe und Gegenkommentare bezeichnet. Ich erspare es mir, hier alles mit entsprechenden Links zu unterlegen; man findet Einschlägiges dazu bei jeder Zeitungs- oder Newsseite. Ob es angemessen oder unangemessen ist, statt von Banken-Rekapitalisierung von einer Übernahme von Risiken und Schulden zu sprechen, lasse ich dahin gestellt. Ich bin kein Ökonom, verstehe zwar den Unterschied, aber nicht, wie weit sich eines vom anderen im Endeffekt abgrenzen lässt. Auch alarmistische Töne oder ein nationalistischer Zungenschlag bzw. die „von nationalen Klischees geprägte Sprache“ (Rürup) des zuerst veröffentlichten Aufrufes der 172 WiWi’s im Gefolge von Werner Sinn werden moniert. Es gibt sogar einen textkritischen Vergleich unterschiedlicher Fassungen dieses Aufrufes im Handelsblatt. Ok, Aufreger wieder langsam runter fahren. Um was geht es?

Klar, es geht um eine angemessene Bewertung der jüngsten EU-Gipfelbeschlüsse insbesondere zur Unterstützung notleidender Banken und der künftigen Mittel und Möglichkeiten des ESM. Nun sind diese Beschlüsse reichlich kryptisch, diplomatisch formuliert und in ihrer Bedeutung für mich zunächst einmal nicht verständlich und abschätzbar. Zuviel steckt auch im „Subtext“. Der Streit um die „richtige“ politische Interpretation setzte ja noch in der selben Nacht ein (Monti, Merkel, Hollande – „kommunikatives Desaster“) und erwies sich schnell als recht vieldeutig. Was ist denn nun eigentlich beschlossen worden? Welche konkreten Absichten stehen hinter dem jeweiligen Wortlaut? Wo sind es nur Kompromissformeln, die das eigentliche Problem verdecken? Wenn schon die Politiker darüber streiten, was genau beschlossen bzw. mit den Beschlüssen beabsichtigt ist (bzw. „wer gewonnen hat“), dann darf man sich nicht wundern, wenn erst recht die Ökonomen, die ja gerne in den Medien als Fachleute gerufen werden bzw. sich ebenso gerne selber als solche präsentieren, darüber äußerst uneins sind. In der „Ökonomenzunft“ steigert sich die Uneinigkeit noch einmal, weil es jedem von ihnen nicht nur um die „nackten Tatsachen“ der Beschlüsse geht, sondern um die vermuteten Auswirkungen und Nebenwirkungen, um die Bewertung (!) der Richtung, in die diese Gipfelbeschlüsse zielen, und um das Hervorrufen von Aufmerksamkeit dafür, was man „immer schon“ gefordert bzw. wovor man „immer schon“ gewarnt habe. Also um die jeweiligen Vor-Urteile und Wert-Urteile geht es. Davon sind insbesondere Ökonomen nicht frei, denn eine „wertfreie“ ökonomische Wissenschaft gibt es nicht. Selbst die Nobelpreise für Ökonomie zeigen über die Jahre am Beispiel der Laureaten völlig unterschiedliche, ja gegensätzliche Positionen. „Ökonomengezänk“ ist also nicht nur nicht neu, sondern recht alltäglich. Da stehen dann auch die jeweiligen Institute, gewerkschafts -oder arbeitgebernah, und ihr Kampf um Einfluß (und Geld) auf dem Markt der Meinungsbildung gegeneinander. Nochmal: Warum dann die große Aufregung?

Ich denke, abgesehen von der versuchten politischen Einflussnahme (siehe Schäubles Protest) ist die Aufregung ganz auf unserer Seite: auf der Seite der Leser und Diskutanten. Denn nicht nur im Netz bewegt uns Bürger heute die Frage nach der Zukunft des Euro, nach den Problemen Europas und ihren möglichen Lösungen, verbunden mit konkreten Ängsten und Bedrohungsgefühlen: Da will wer an „unser“ (gefühlt: „mein“) Geld. Und schon sind da alte Ressentiments („die Franzosen“), neue Affekte („die faulen Griechen“) und platte Lösungen („raus aus dem Euro“, wobei „die“ oder „wir“ gemeint sein können) in der Diskussion. Schnell ist man dann beim Vorwurf, der eine oder die andere sei zu viel / zu wenig „europäisch“ oder zu viel / zu wenig „deutsch“. Das sind eigentlich alles ungute, wenngleich verständliche Reflexe der Unsicherheit, des Nichtverstehens, des Verdachtes, wieder einmal „von denen da oben“ verschaukelt zu werden. Darum plädiere ich in jedem Falle zuerst für weniger weniger Aufregung und mehr Gelassenheit, sodann für Sachlichkeit und Nüchternheit.

Dazu ist aber, wie schon an anderer Stelle verlangt, mehr Aufklärung, deutlichere Erklärung, auch ein Aufzeigen der Unwägbarkeiten und Aporien seitens der handelnden Politiker nötig, zu aller erst gegenüber dem Parlament, dann aber sofort auch gegenüber der Öffentlichkeit, dem Bürger. Es dürfte in der heutigen Situation auch nicht sogleich als Mangel und Fehler verstanden werden, wenn zu einzelnen Punkten gesagt werden müsste, dass man da auch noch nicht so genau wisse, wie es damit weiter gehen solle. Das ist ja auch der Sinn von Maßnahmen, die erst einmal „Zeit kaufen“. Irgendwann wird es zu Lösungen auf europäischer und nationaler Ebene kommen müssen: ob mehr oder weniger „Europa“, ob Verzicht auf Souveränitätsrechte oder nicht, ob mehr Kontrolle, ob und wann ein Referendum, und wenn ja, zu welcher konkreten Frage. Um recht verstandene Solidarität geht es, um den akzeptablen Eigennutzen und das Recht und die Grenzen nationaler Interessen. Darum muss gerungen, gestritten, diskutiert werden und gerade auch von den politischen Akteuren eine klare Stellungnahme und Position gefordert werden. Vor allem sollten die Regierenden und Verantwortlichen aller Parteien in der derzeitigen Situation ihre Aufgabe nicht in weniger Information und Beschlüssen in Hinterzimmern suchen, sondern offensiv in mehr Information, Offenheit und Beteiligung der Bürger am Prozess der Meinungsbildung. Insofern steht derzeit die Form unseres demokratischen und partizipativen Umgangs unter Bewährung. Auch die öffentlichen Medien sollten ihren Teil zur Aufklärung und offenen Diskussion beitragen – Blogger und Netizens tun das schon längst. Kontrovers darf es dabei ruhig zugehen, muss es sogar. Aber wenn irgend etwas, dann ist es das Thema „Europa“, das heute in die öffentliche Diskussion gehört.

Und eines sollte dabei auch gesagt werden: Es wird kosten, so oder so, eine „billige“ Lösung wird es nicht geben. Das darf man getrost vermuten. Wir Deutschen haben bisher erheblich von Europa und dem Euro profitiert (Wiedervereinigung!). Irgend wann ist dafür der Preis zu bezahlen.

UPDATE:

Eine gute Übersicht über die Aufrufe gibt CARTA; eine Übersicht über die unterschiedlichen Argumentationen der Ökonomen gibt die FTD.

 6. Juli 2012  Posted by at 12:22 Aufklärung, Banken, Demokratie, Euro, Europa, Finanzkrise, Medien, Nation, Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft Tagged with:  Kommentare deaktiviert für Nur Ökonomengezänk?