Mai 012012
 
Walpurgisnacht und Hexenverfolgung, zwei Themen, die eng zusammen gehören und zeigen, dass die Kirchen ihre Schularbeiten in Sachen Bewältigung schuldvoller Vergangenheit immer noch nicht gemacht haben.

Die Nacht zum 1. Mai, „Walpurgisnacht“, ist dieses Jahr offenbar in den Großstädten friedlich abgelaufen. Sehr erfreulich, denn ausgelassenes Feiern war von jeher ein Kennzeichen der Walpurgisnächte und den losen und frivolen Tagen des Monats Mai. Erst die kirchliche Verdammung und Verleumdung dieser Frühlingsfeiern als „Hexensabbat“ hat die negative Bewertung begründet. Und in den vergangenen Jahren kam in den einschlägig bekannten Stadtvierteln der ideologische Missbrauch mit der Lust zum Krawallmachen hinzu.

Interessant ist der ausführliche Beitrag in Welt Online zur Erklärung der Herkunft des „Hexensabbat“. Das Kapitel Hexen und Hexenverfolgung gehört nun wahrlich nicht zum Ruhmesblatt der Kirchengeschichte, dabei lassen sich die Bräuche der keltisch-germanischen Walpurgisnächte ohne weiteres mit den klerikalen Usancen zu Fronleichnam vergleichen: Über Glaube und Aberglaube entscheidet bekanntlich nur der sachlich nicht aufzuklärende eigene Standpunkt.

Wie wenig sich die Kirchen mit der Skandalgeschichte der Hexenverfolgung auseinander gesetzt haben, zeigt ein kurzer Blick auf die offiziellen Webseiten: Bei der Suche auf der Webseite der Deutschen Bischofskonferenz findet sich zum Begriff „Hexenverfolgung“ nur ein Eintrag: In einer Predigt vom 23.09.2004 vertrat Erzbischof Schick die Ansicht, dass der Kritiker nur „die Hexenverfolgungen kennt – und das noch einseitig – und nichts von den Segnungen des Christentums und der Kirche im Schul- und Erziehungswesen, im Krankenhaus- und Sozialwesen, bei der Formulierung und Inkraftsetzung der Menschenrechte weiß?“ Ja, zu dumm, dass man über die Hexenverfolgungen nur „einseitig“ informiert wird. Übrigens ist es falsch, diese Verfolgungen ins „finstere Mittelalter“ zu verlegen. Sie geschahen im Zeitalter der Barock, im 17 bis ins 18. Jahrhundert hinein, also schon mitten in der glorreichen Neuzeit.

Auf den Webseiten der Evangelischen Kirche (EKD) finden sich zum Suchbegriff „Hexenverfolgung“ vierundzwanzig Einträge zu jüngeren Texten, die sich mit der (selbst)kritischen Aufarbeitung der Hexenverfolgung befassen. Immerhin, denn dieser Hexenwahn wurde auch von evangelischen Geistlichen befördert. Noch radikaler geht die Berner Pfarrerin Renate von Ballmoos mit der Walpurgisnacht um, wenn sie in diesem Jahr mit einer Kollegin dazu aufruft, die Walpurgisnacht als Fest der Frauen und der Lebensfreude zu feiern und es so begründet:

„Die Walpurgisnacht ist ein Fest, an dem man traditionellerweise die weibliche Kraft feierte. Dabei geht es um Fruchtbarkeit, Sexualität und Lebensfreude, was in jeder patriarchalisch geprägten Religion verpönt war. Deshalb ist die Walpurgisnacht, oder Beltane wie das Fest bei den Kelten hiess, auch das einzige der acht Jahreskreisfeste, das die Kirche nicht übernommen hat.“

Ja ihr Lieben, das hat was! Das unterscheidet sich wohltuend von dem etwas gequälten Umgang mit Walpurgis und Lebensfreude und Fruchtbarkeit, das noch der frühere EKD-Bischof Huber an den Tag legt, wenn er in seinen Gedanken zum 1. Mai  2007 erklärte:

„Erich Kästner nennt den Mai den „Maler des Kalenders“; denn kein anderer Monat hält schönere Farben bereit. Manche verbrämen den „Tanz in den Mai“ zu einer pseudoreligiösen „Walpurgisnacht“-Party. Als ob sie die hellen Farben des Frühlings nicht aushalten könnten!“

So schnell kommt der Klerikale nicht aus seiner weltfremden und sexfeindlichen Haut, auch nicht auf protestantischer Seite, obwohl man es hier besser wissen müsste, was das Symbol der „Fleischwerdung “ auch bedeuten könnte, siehe Frau von Ballmoos. Da kommt der frauenfeindliche Katholizismus natürlich nicht mit, der sich nach wie vor schwer tut, seine eigenen pädophilen Priester in Zaum zu halten. Gerade erst wurde wieder ein Bamberger Domkapitular, also ein höherer katholischer Amtsträger, wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen von einem Kirchengericht (!) in den Ruhestand versetzt. Warum eigentlich Kirchengericht und nicht ziviles Gericht? Ach ja, in Bayern ticken die Uhren immer noch anders – kerikal verstellt.

Es ist sehr zu unterstreichen, was der eingangs zitierte Welt-Artikel von Claudia Becker eindrucksvoll beschreibt:

„Was die verschiedenen Bürgerinitiativen und Vereine aber von den Kommunen und Kirchen verlangen, ist die Ehrenrettung der Frauen und Männer, die der Verfolgung zum Opfer gefallen sind. 1996 machte die hessische Stadt Idstein den Anfang. Eine Gedenktafel wurde am Hexenturm angebracht, bei einem ökumenischen Gottesdienst bekannte die Kirche, dass hier großes Unrecht geschehen war. … Ein Stein, das ist vielen Kämpfern für die Ehrenrettung der vermeintlichen Hexen nicht genug. Zu ihnen gehört der evangelische Theologe Hartmut Hegeler. Der pensionierte Pfarrer aus Unna, Gründer des „Arbeitskreises Hexenprozesse“, engagiert sich seit mehr als zehn Jahren mit Vorträgen, Ausstellungen und Publikationen für das Gedenken an die Opfer der Hexenverfolgung.“

Das wäre ein angemessenes Thema für kirchliche Gedanken zur Walpurgisnacht!

 1. Mai 2012  Posted by at 10:35 Hexenwahn, Katholisch, Missbrauch, Protestantismus, Sexualität, Zivilgesellschaft Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Der Pakt mit dem Teufel
Mrz 252012
 
Der Papst wird in Mexiko mit heftigen Vorwürfen der Missbrauchsopfer vergangener Jahre konfrontiert. Solange er dazu schweigt, wird jedes der salbungsvollen Papstworte unglaubwürdig, sind sie blanker Zynismus. Die Papstkirche ist systemisch krank, unbelehrbar, nicht reformierbar – organisierte Lüge und Vertuschung.

Man sollte meinen, das Thema sei nun hinreichend aufgeklärt. Zahllose Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche gegenüber ihr anvertrauten Kindern und Jugendlichen durch ihre eigenen Priester und Bischöfe weltweit und vor allem auch in Deutschland und Österreich sind vor wenigen Jahren aufgedeckt worden. Untersuchungskommissionen wurden gebildet, Berichte verfasst, Besserung gelobt, ein wenig Wiedergutmachung in Aussicht gestellt. Davon ist allerdings wenig geschehen. Die Kirche hat es weit von sich gewiesen, dass die Missbrauchsfälle etwas mit dem „System“ zu tun haben, mit dem Zölibat, mit der Sexualfeindlichkeit, mit der Verdrängung aller Aufklärung aus dem katholischen Raum. Das war zwar unaufrichtig und zeigte wenig wirkliche Einsicht in die Perversität des „Systems Kirche“, war aber kaum anders zu erwarten.

Und nun dies. Innerhalb von wenigen Tagen drei Meldungen, die so horribel sind, dass man sie kaum glauben mag. Alte Fälle zum Teil, aber auch erschreckende Heuchelei in der Gegenwart. Fangen wir mit dem letzten an. Da ist die Meldung, dass der katholische Missbrauchsbeauftragte, Bischof Ackermann (Trier), in seinem Bistum sieben als pädophil bekannte und teilweise verurteilte Priester weiterhin als Seelsorger beschäftigt:

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann beschäftigt nach SPIEGEL-Informationen in seinem Bistum sieben als pädophil aufgefallene Pfarrer. Einer von ihnen soll sexuelle Beziehungen zu einem Schüler gehabt haben, zwei weitere sind wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt. (Spiegel Online)

Da hat man offenbar den Bock zum Gärtner gemacht – in schamloser Offenheit. Noch unglaublicher sind Meldungen, dass von der katholischen Kirche in den fünfziger Jahren in den Niederlanden missbrauchte Jugendliche offenbar zur Strafe und Abschreckung, von sich aus an die Öffentlichkeit zu gehen, kastriert wurden. Einzelne Fälle können nun dokumentiert werden.

Laut dem Bericht des liberalen Handelsblad hatte Heithuis 1956 bei der Polizei Anzeige erstattet und angegeben, in dem Jungeninternat der katholischen Kirche in Harreveld in der Provinz Gelderland sexuell missbraucht worden zu sein. Statt die Vorwürfe zu untersuchen, wurde er nach seiner Aussage bei der Polizei in die psychiatrische Einrichtung „Huize Padua“ in der Provinz Nordbrabant eingeliefert. Diese Einrichtung wurde ebenfalls von katholischen Priestern geleitet. Hier wurde Henk Heithuis die Schuld am sexuellen Missbrauch angelastet. Es habe geheißen, er habe die Priester verführt, berichtet Cornelius Rogge.
Heithuis sei dann kastriert worden. Er sei total verstümmelt gewesen, berichtet Rogge. Der Eingriff sei vorgenommen worden, um Heithuis von seinen homosexuellen Neigungen zu heilen. Das Handelsblad verfügt nach eigenen Angaben über Hinweise, dass die katholische Kirche noch mindestens zehn Minderjährige in den 50er Jahren kastrieren ließ. (taz)

Es ist einfach unfasslich. Es wurde und wird totgeschwiegen. Nur mit Mühe lassen sich die alten Fälle unglaublicher Grausamkeit und eines kaum überbietbaren Zynismus aufdecken. Die römische Kirche trägt ihrerseits weiterhin zur Vertuschung bei. Informationen müssen recherchiert und der Amtskirche mühsam entlockt werden. Keine Stellungnahme. Keine Einsicht. Keine Reue. Kein Versuch der Selbstkritik. Immer sind es nur „Einzelfälle“. Die allerdings massenhaft und ebenso offensichtlich systematisch – im ursprünglichen Sinn des Wortes: vom System Kirche bedingt und verursacht.

Und nun heute die Meldungen über die Vorwürfe gegenüber dem Papst in Mexiko. Er hat als Chef der Glaubenskonkregation offenbar von den Missbrauchsfällen um den Ordensoberen Marcial Maciel (verst. 2008) genau Bescheid gewusst. Natürlich alles vertuscht und verleugnet. Heute klagen die Opfer Benedikt an, dass er so lange zu den Verbrechen dieses „Ordensbruders“ geschwiegen hat.

Opfer sexuellen Missbrauchs in Mexiko erhoben am Samstag schwere Vorwürfe gegen den Papst. Der 84-Jährige habe in seiner Zeit als Chef der Glaubenskongregation im Vatikan die Aufklärung des Missbrauchskandals um den inzwischen verstorbenen Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Marcial Maciel, behindert, heißt es in einem Manifest. Einer der Betroffenen, José Barba, beklagte, dass sie über Jahre nicht gehört worden seien. Sie kritisierten zudem, dass das Thema beim Papstbesuch nicht zur Sprache kommen soll. Treffen von Benedikt XVI. mit Opfern pädophiler katholischer Priester wie in den USA oder Irland waren in Mexiko nicht geplant. (Focus)

Der Papst meidet das Thema. Treffen mit Opfern sind nicht geplant. Die Papstkirche hat nichts dazu zu sagen. Die Papstkirche hat nichts gelernt aus all den Verbrechen, dem Missbrauch, den Täuschungen, Lügen und Abstreitereien. Solange sich die katholische Kirche so zeigt und verhält, wird jedes der salbungsvollen Papstworte unglaubwürdig, ja sind sie nur blanker Zynismus. Der Katholizismus führt sich ad absurdum und widerlegt sich selbst. Diese Papstkirche ist systemisch krank, unbelehrbar, nicht reformierbar. Das Kürzel „RK“ für „römisch katholisch“ muss eher lauten „OK“: „Organisierte Kriminalität“ – organisierte Lüge und Vertuschung eigener Verbrechen.

Feb 162010
 

>“Der sexuelle Kindesmissbrauch an katholischen Einrichtungen ist nach Überzeugung des Augsburger Bischofs Walter Mixa auch eine Folge der zunehmenden Sexualisierung der Öffentlichkeit. „Die sogenannte sexuelle Revolution, in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig“, sagte Mixa der „Augsburger Allgemeinen“. siehe n-tv. Schon wieder wird das Tätersystem zum Opfer gemacht, diesmal ist es die Gesellschaft gewesen mit ihrer „sexuellen Revolution“. Ja, lieber Herr Bischof, das waren noch Zeiten, als die Jugendlichen im Beichstuhl jede Onanie beichten mussten und das „Weib in der Kirche zu schweigen“ hatte… Die heutige offene Gesellschaft dagegen hat auch für Priester und Jesuiten-Patres viel zu viel Verführerisches, – junges Fleisch beispielsweise, siehe Canisius-Kolleg…

 16. Februar 2010  Posted by at 14:21 Katholisch, Kirchen, Missbrauch Kommentare deaktiviert für >Mixa setzt noch einen drauf
Feb 132010
 

>Patrick Bahners, Feuilletonredakteur der FAZ mit besonderer Vorliebe für die katholische Kirche, hat in der Diskussion um die Missbrauchs-Affären in dem Berliner Jesuiten-Internat „Canisius-Kolleg“ den Vogel abgeschossen. Zumindest hat er beredt und moralisierend versucht, aus dem Täter (katholische Kirche, speziell ihre Societas Jesu) ein Opfer zu machen: das Opfer und Angriffsziel der böswilligen Atheisten, die der heiligen katholischen Kirche schon immer am Zeuge flicken wollten. er schafft es, die Kritiker manch fataler kirchlicher Praxis, die seit Jahrhunderten in Gebrauch und noch immer nicht abgestellt ist (intime Beichte), ja alle Kritiker, die es sich anmaßen, die „pädagogische“ Praxis der Kirchen auf dem Hintergrund ihrer Vorzugsstellung als Körperschaften des Öffentlichen Rechts zu hinterfragen, gleich als „Feinde der Kirche“ zu diskreditieren. Man lese seinen Leitartikel in der heutigen FAZ auf Seite 1 „Die Dynamik des Skandals“. Den letzten Absatz will ich hier als Kostprobe zitieren: „Die Presse wird weiter Schlagzeilen nach dem Muster „Weiterer Pater gesteht“ produzieren. Wie über den ersten Fall geredet wird, das bestimmt die Debatte über alle weiteren. Klaus Mertes hat bis auf weiteres alle Termine abgesagt, um nur noch über Missbrauch zu sprechen, neuerdings für alle deutschen Jesuiten. Die Feinde der Kirche glauben ohnehin, dass für das Personal dieser repressiven Anstalt die Schuldvermutung gilt. Der atheistische Biologe Richard Dawkins definiert Religion als Kindesmissbrauch.“

Wer wie der Rektor Mertes Schluss machen will mit dieser systematischen Vertuschungspraxis der weltweiten Kirche, die sie in den USA, Irland, Spanien und eben auch bei uns in Deutschland seit Jahrzehnten (vielleicht Jahrhunderten) praktiziert hat und noch praktiziert, – wer diese „heilige“ Institution so kritisiert, der muss nicht ganz klar im Kopfe sein, der kann nur ein verbohrter Gottesleugner und Atheist sein – eben wie jener schreckliche britische Zoologe und theoretische Biologe Richard Dawkins – fast so etwas wie der leibhafte Gottseibeiuns.

Prima, Herr Bahners, weiter so und danke für Ihren amüsanten Beitrag! Ihre kritische Vernunft scheinen Sie aber neben dem Weihwasserbecken abgelegt zu haben.

 13. Februar 2010  Posted by at 16:14 Katholisch, Kirchen, Kritik, Missbrauch, Religion, Vernunft Kommentare deaktiviert für >Ein verdrehter Apologet