Nov 202011
 

Über alte und neue Wenden

Es ist schon merkwürdig, wie sich heute die mediale Öffentlichkeit einig ist in der Kritik des Kapitalismus. Da fallen sich plötzlich konservative Publizisten, antibürgerliche Altmarxisten und globalisierungskritische Aktivisten freudig in die Arme. Die einen haben es sowieso immer schon gewusst, die anderen pflegen ihre moralische Empörung an immer neuen und jeweils aktuellen Beispielen, und die Dritten entdecken auf einmal das unersättliche Raubtier Kapital und die unzähmbare menschliche Gier. Es hagelt Anklagen gegenüber Banken und Börsen, Fonds und Financials, Kapital und Kommerz, Politikern und Parteien. Die Gewerkschaften sind übrigens erstaunlich still und streichen die jüngsten Lohnerhöhungen ein.

Die Stimmung ist schon sehr verändert gegenüber dem ausgehenden 20. Jahrhundert. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Fall der Mauer in Berlin war man selten euphorisch und einig darüber, dass das westliche Modell nun endlich und eigentlich zwangsläufig und geschichtlich völlig verdient gewonnen hatte. Endlich hatte auch die kapitalistische Welt ihr feindliches Gegenüber verloren und konnte sich ohne weitere Verbrämung und Bemäntelung ihrem eigentlichen Ziel, der Vermehrung des Kapitals, unangefochten widmen. Wie schön, dass mit dem China Deng Xiao Pings nun auch der letzte rote Riese auf die verlockende Schönheit des Reichwerdens eingeschwenkt war. ‚Capitalism is beautiful‘ könnte man die Devise dieser Jahre nennen. Globalisierungskritiker, die sich unter dem Dach ATTAC sammelten, konnten nur als Störenfriede verlacht werden, die auch noch das letzte Härchen in der Suppe suchten. Die Hinweise auf die fortschreitende Verelendung der Länder Afrikas und die hemmungslose Ausbeutung auch der letzten Ressourcen der Erde spielten im politischen Diskurs nur am Rande eine Rolle, sozusagen als moralisches Gewissen, das ja doch auch damals nicht gänzlich tot zu kriegen war. Die Euphorie reichte ungefähr genau bis zum 11. September 2001…

Und nun: „Occupy Wallstreet“. Wer hätte das gedacht. Demonstrationen in Großstädten der ganzen Welt gegen die Macht der Banken und die Herrschaft des Kapitals. Teufelszeug wie die „Tobin-Steuer“, die immerhin zum Gründungsmythos von ATTAC gehört, wird auf einmal hoffähig und landet als Finanztransaktionssteuer auf der Agenda der Europa-Politiker, ja ist eine Forderung der konservativ-liberalen Bundesregierung geworden. Dem Kapitalismus müssen Fesseln angelegt werden, heißt es nun, die Macht der Banken sei nicht mehr hinnehmbar, „too big to fail“ nicht mehr akzeptabel. Und die ehemalige Sprecherin der „Kommunistischen Plattform“ und heutige stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende der „Linken“ im Bundestag, Sahra Wagenknecht, darf auf dem Treffen der Führungskräfte der Deutschen Wirtschaft, veranstaltet von der Süddeutschen Zeitung, sprechen und ihr neues Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ vorstellen.

Bis dahin war eigentlich alles ganz gut gelaufen für Wagenknecht. Ihre Analyse, dass die Märkte wieder gefesselt werden müssen. Dass es nicht sein kann, dass wenige Menschen immer reicher, immer mehr Menschen immer ärmer werden. Dass der Mittelstand Wohlstandverluste hinnehmen muss. Dass die deutsche Wirtschaft nur auf Kosten geringerer Löhne und Renten wieder ganz laut ihren Exportschlager singen kann. Alles sehen die Unternehmer im Saal ganz ähnlich. Der Satz, der an diesem Abend am häufigsten fällt: „Ich teile ihre Analyse.“

Aha. Die Wirtschaft teilt die kapitalismuskritischen Analysen. Wirklich? Zugleich teilt die einmal so schön versammelte ‚Wirtschaft‘ die Politikerschelte„Politiker sind die größten Vernichter von Unternehmenswerten“. Was will man denn nun eigentlich? Nur in den breiten Chor der Kapitalismuskritiker einstimmen, weil es derzeit in den Medien so schön danach klingt? Über eigene Verantwortung und Fehlentwicklungen wegtäuschen? Geduckt aus der Defensive in die Offensive springen? Jedenfalls möchte man auch in der Wirtschaft nicht immer geprügelt werden – und teilt lieber Prügel aus: gegen die Politiker, gegen die Banken, gegen Brüssel. Kapitalismuskritik ist ‚in‘; Banker-bashing ist hip. Jedoch: Diese Kritik ist billig; sie ist verlogen. Es ist eine wohlfeile Kapitalismuskritik, die sich dem derzeitigen Mainstream öffentlicher Meinung anpasst, mehr anbiedert, möchte man sagen.

Vieles an der so vielfältig vorgebrachten Kritik ist sehr wohl berechtigt, das soll keineswegs bestritten werden, im Gegenteil. Aber dies gilt nicht erst seit 2008, sondern spätestens seit 1989/1990. Fundierte Kritik und realistische Perspektiven der Veränderung sind überfällig. Marktwirtschaft: ok, aber bitte weltweit als „soziale Marktwirtschaft“ eingehegt. Dazu wäre noch viel zu sagen und auch zu streiten und zu tun.

Die andauernde billige und auf Effekthascherei bedachte Bankenschelte und Kapitalismuskritik, die heute üblich geworden ist und in Talkshows gepflegt wird, geht mir allerdings auf die Nerven. Selbst ein „Schirrmacher“ ändert da nichts dran. Die Gier ist Schuld. Das haben wir doch immer schon gewusst. Mein Gott, wie simpel!

 20. November 2011  Posted by at 10:21 Kritik, Medien, Wirtschaft Tagged with:  Kommentare deaktiviert für Wohlfeiler Antikapitalismus
Jul 202011
 

>Ein von mir zum FAZ – Artikel von Frank Schirrmacher über die hölllische Krake Google („Achtung: Weltuntergang!“) eingereichter Leserkommentar im FAZ.NET – Leserportal wurde nicht veröffentlicht. Hier der Text:

„Leider purer Alarmismus, der sich da bei Schirrmacher bedeutungsschwer düster verbreitet. Altes Rezept: Internet einfach verbieten? So hat schon die katholische Kirche im Mittelalter auf das Wissen in Büchern reagiert: Bücher knapp halten, Lesen verhindern. Bis der Buchdruck und die Reformation kam. Und Schulen fürs Volk.
Trotz Schirrmachers düsteren Ahnungen: Das Internet bricht alte Wissensmonopole. Ebenso wichtig wie Google ist das Projekt Wikipedia. Beispielsweise. Oder Wikileaks. Es bricht auch die Meinungsmonopole von Zeitungsverlegern und Redakteuren. Ist es das, was Schirrmacher in Wahrheit Angst macht?“

Ergänzen könnte man noch, dass sich Schirrmacher alle Rettung vom Staat verspricht – welche ahnungslose Staatsgläubigkeit macht sich da unter der Decke höchster Internet-Allergie breit! Alex Kaehny kommentiert zu Recht:

„Ebenso fraglich wäre, ob das Ergebnis wirklich „besser“ wäre, weil es doch denselben Bewertungmaßstäben und Strategien folgt, wie das ihrer amerikanischen Konterparts. Gut, dann weiß eben ein europäischer Server, nach welchen Kriterien ich meine Freunde auswähle. Doch noch fraglicher finde ich die Annahme des Autors, dass ein europäisches Projekt/Produkt per se besser wäre, als ein amerikanisches, nur weil „wir“ es kontrollieren können. Dieses „wir“ gibt es nicht und meine Privatsphäre und mein Wissen oder Nichtwissen läge dann eben in den Händen deutscher oder französischer Interessen, aber nicht in meinen.“

Und Guillermo Accasuso ergänzt: „Man stelle sich vor Professor Doktor Wolfgang Stock und sein (derzeit gottseidank abgestelltes) Wiki-Watch installierten ein entsprechendes Suchmaschinen-Watch und all die Heerscharen von deutschen Medienanwälten und Abmahnern machten daraus etwas wie das deutsche Youtube, das mehr Zensurmeldungen generiert als Filmchen anbietet. Dann doch lieber eine Firma mit Sitz im liberalen Kalifornien!“

Ein anderer Leserkommentar ebenfalls zu einem Artikel von Schirrmacher wenige Tage vorher zum Thema „Revolution der Zeit“ (auch hier apokalyptische Warnung vor dem Moloch Internet und Google) wurde gekürzt: Die Schirrmacher-Kritik war verschwunden. Hier der volle Text:

„Ein sehr bedenkenswerter Artikel von Frank Schirrmacher, mir nur etwas zu bombastisch und bedeutungsschwer. Alle Veränderungen kommen schleichend, auch diese, die digitale. Was sich dann wirklich verändert an Haltungen, Denkweisen, Lebensvollzügen, zeigt nach und nach die Zeit, die egal ob digital oder analog festgehalten wird als je eigene Lebenszeit. Eigentlich ändert sich auch durch die „digitale Revolution“ nicht die Zeit, sondern unsere Vorstellung davon, so wie sie sich auch mit Flugreisen ändert. Denn wahr bleibt auch: Der Mensch in seiner Evolution ist äußerst langsam und geradezu träge, manchmal leider, manchmal zum Glück. Und zu Herrn Seibert: Ihr Protest hilft nichts; wir Menschen sind halt in gewisser Hinsicht nur eine Ansammlung von Informationen… !“

Schade dass FAZ.NET seine Leser und Kommentare meint zensieren zu müssen. Ist das die Pressefreiheit, die Schirrmacher meint?

 20. Juli 2011  Posted by at 06:46 Freiheit, Kritik, Presse Kommentare deaktiviert für >Leserbriefe – nicht immer akzeptiert
Aug 142010
 

>Unter anderem dieser Satz soll zum Rücktritt des katholischen Medienpfarrers Michael Broch geführt haben (siehe n-tv). ok, dass die deutschen Bischöfe (Zollitsch) so  etwas nicht hören wollen, ist klar. Dabei ist es längst eine Binsenweisheit, ein Allgemeinplatz: Der Papst, dieser und all die vorigen mit ganz wenigen Ausnahmen (wie Johannes 23.) fahren das, was christliche weltweite Kirche sein könnte, zielgerichtet und absichtlich vor die Wand. Sie betreiben ausschließlich ihr eigenes Machtspiel und nicht „die Sache Jesu“. Der würde sich im Grabe rum drehen, wenn er denn drin wäre.
Die Protestanten sind kaum besser dran, wiewohl sie es sein könnten; zumindest die evangelischen Kirchenführer aber sind völlig desorientiert, sprachlos, ziellos, belanglos. Wieweit muss es mit den Christen in Deutschland gekommen sein, wenn schon eine Margot Käßmann zur Ikone stilisiert wird … Übrigens: Jetzt ist es gerichtsamtlich: Gerhard Schröder saß damals nicht in ihrem Auto, als sie betrunken fuhr. Nun, da bleiben ja noch viele andere Möglichkeiten… 🙂

 14. August 2010  Posted by at 07:27 Kirchen, Kritik, Papst Kommentare deaktiviert für >"Papst fährt Kirche an die Wand"
Jun 022010
 

>Das Sprichwort, wonach das Hemd einem näher ist als die Jacke, beweist auch in der derzeitigen finanzpolitischen Lage seine Richtigkeit. Dabei ist die Situation der internationalen Finanzen von einigen Verrücktheiten (wörtlich!) gekennzeichnet. So wurden katastrophale Auswirkungen – wir erinnern uns: Finanzkrise, vor einem Jahr, Abgrund – mit eben den Ursachen derselben bekämpft: mit weiteren Schulden. Nur dass es diesmal nicht die „privaten“ Schulden der Banken und ihrer Profiteure waren, sondern die Schulden der Volkswirtschaften, sprich: der Steuerzahler. Denn so war es doch: Die immensen Ausfallrisiken und Bankrotte der großen Finanzinstitute wurden vom Steuerzahler übernommen. Denn wo kamen die hunderte Milliarden Finanzhilfen und Bürgschaften her? Vom Staat. Wo hat der sie her? Von den Banken. Wer soll sie denen zurück zahlen? Der Steuerzahler. Ein ganz einfacher Kreislauf.

Dumm nur – und natürlich überhaupt nicht vorauszusehen, dass nun die Einzelstaaten den schwarzen Peter haben.  Überbordende Staatsschulden, nicht zuletzt durch bzw. infolge der Finanzkrise, haben einzelne Staaten an den Rand des Ruins gebracht. Fehler in der Politik und in der jeweiligen nationalen Wirtschaft kamen hinzu, siehe Griechenland oder Spanien oder Großbritannien. Und was wird dagegen nun als Patentrezept verkauft? Na klar: neue Schulden, billiges Geld, weitere Ausgabensteigerungen, um das zarte Pflänzchen Konjunkturbelebung nicht zu gefährden. So jedenfalls hat es letztens der US-Finanzminister Geithner vertreten bzw. von der Bundesregierung und den anderen europäischen Ländern gefordert. Zur großen Freude all derer, die ohnehin mit Sparen wenig am Hute haben. Zum Beispiel Frankreich. Dessen Staatsverschuldung ist um einiges höher als die deutsche. Bisher hat aber Sarkozy alles vermieden, um seinem Land wirklich schmerzhafte und nachhaltige Einschnitte zuzumuten. Dabei hat er die Europäische Zentralbank (EZB) auf seiner Seite. Ihr Präsident Trichet ist Franzose – ein Schalk, wer Arges dabei denkt. Jedenfalls vertritt die EZB für viele ja sehr überraschend eine Politik des „billigen Geldes“: Zinsen runter, junk bonds her gegen Bares: So ist doch wohl der unbegrenzte Aufkauf „notleidender“ (welch schönes Wort aus der Finanzwelt!) Staatsanleihen durch die EZB zu verstehen. Sie schöpfe doch die Liquidität auf anderem Wege gleich wieder ab, verteidigt sie sich. Das mag auf den ersten Blick richtig sein, jedoch bleiben die maroden Anleihen bei ihr dauerhaft im Tresor. Wer hält als Gegengewicht gegen dieses Risiko zusätzliches Kapital vor? Niemand. Wer muss im Zweifelsfalle zahlen? Die nationalen Notenbanken. Wo kriegen die dann das Geld her? Na – Sie wissen schon.

FAZ.NET weist auf einer Spezial-Seite zur Finanzkrise zu Recht und mit Besorgnis darauf hin, dass bisher noch nirgendwo Strukturfehler beseitigt wurden, die mit zu der Finanzkrise geführt haben, die ja eine Krise wegen übermäßiger, zum Teil völlig ungedeckter Schulden ist. So können die nationalen Notenbanken Staatsanleihen eigener und fremder Länder, wenn sie nur mindestens das Rating AA- haben (was für die internationalen Finanzmärkte schon ziemlich übel ist), ohne weitere Hinterlegung eigenen Kapitals in beliebiger Menge halten, wie Bargeld also. Das ist doch die wahre Kunst: Schulden in echtes gutes Geld zu verwandeln! Hier gelingt das auf wunderbare Weise – solange niemand auf den Kaiser zeigt und sagt: „Der hat ja gar nichts an!“

Klar, Geithner denkt zuerst an seine Situation in den USA, die bisher nach der Kölschen Devise verfahren sind: „Et is noch immer jot jejange.“, nämlich volkswirtschaftlich auf Dauer-Pump zu leben und die Privatwirtschaft massiv zu päppeln – solange die Deppen (China, Japan…) eben zahlen. Klar, auch Sarkozy (Trichet, EZB) denkt zuerst an sich, möchte also nicht als der Präsident in die Geschichte eingehen, der Frankreichs „gloire“ sprich: seine sanfte Sozialpolitik und protektionistische Wirtschaftspolitik zerstört hat. Ist nur zu hoffen, dass auch die deutsche Kanzlerin zuerst an Deutschland denkt und dem guten Rat von Bundesbankpräsident Weber und seinem Chefökonomen Stark folgt und auf einer strikten Ausgabenkontrolle und einer wirklichen Reform und wirksamen Kontrolle der Finanzwelt drängt. Im Übrigen geht es wie im Kapitalismus üblich vor allem um den Zins, positiv wie negativ, siehe den guten Leitartikel von Holger Stelzner in der heutigen Ausgabe der FAZ.

Aber gerade daran hat offenbar international niemand mehr Interesse. Es läuft doch schon wieder alles so rund. Wenn jeder an sich selber denkt, ist doch zuletzt an alle gedacht! Gelacht, gelacht…

 2. Juni 2010  Posted by at 08:05 Europa, Finanzkrise, Kritik, Politik, USA Kommentare deaktiviert für >Das Hemd ist näher als die Jacke
Apr 042010
 

>Ich muss dieser Tage öfter an Willi Marxsen denken. Aus Anlass eines Kurses über die Entstehung des Christentums stieß ich in einer neueren Veröffentlichung auf Zitate seiner Thesen – ganz verkürzt: „Ostern, das bedeutet: Die Sache Jesu geht weiter.“ Wie wurde damals in den siebziger Jahren um seine Thesen gestritten, sogar in der Gemeindeöffentlichkeit waren solche „gewagten Thesen“ durchaus ein Gesprächsthema. Es überwog natürlich die Ablehnung bei weitem. Man konnte doch nicht einfach all die schönen und großartigen Ostergeschichten mit solch einem nüchternen Federstrich beiseite fegen! Ostern sei doch viel mehr als nur die „Sache Jesu“: Mirakel, Wunder, eben leibhaftige Auferstehung von den Toten! – Wirklich?

Wir leben nun seit zweitausend Jahren mit dieser christlichen Mainstream – Interpretation, machtvoll von den Kirchen und ihren Dogmatiken zementiert und durch Hierarchien und Synoden abgesegnet und durchgesetzt. Wenn man sich so umschaut, sieht die christliche Welt nur für den verblendetsten Idealisten immer noch gut und schön und in Ordnung aus. Das römische Papsttum ist, das wird dieser Tage wieder schlagartig offenkundig, keinen Pfifferling mehr wert, weder dogmatisch noch moralisch, nur noch morsch und verkommen, und auch auf einer Reformation, die 500 Jahre zurück liegt, kann man längst keinen Lorbeerkranz mehr flechten bei all der Selbstgerechtigkeit, Heuchelei und Denkfaulheit (+ bürokratischen Glasperlenspielen einer Organisation im „freien Fall“) in den evangelischen Landeskirchen. Und das alles mit der alljährlich zelebrierten und als unumstößlich geltenden Form der dogmatisierten „Osterbotschaft“. Wenns doch einfach als schöne Geschichte, als großartiger Mythos, als Dichtung genommen würde, dann wäre vielleicht in den Ostergeschichten noch etwas Schönes und Aufbauendes wieder zu finden. Und wenn doch im praktischen Leben und Wirken der Christen wenigstens und „nur“ die „Sache Jesu“ weiter ginge, mein Gott, was könnte daraus werden! Wenn es auch selbst mit dem, was Marxsen die „Sache Jesu“ nannte, eine historisch durchaus schwierige Angelegenheit ist, so kann man doch mit sehr viel mehr Recht und Klarheit den von den Evangelien gezeichneten Jesus, seine radikale Menschlichkeit und gewisse Gottesnähe als Richtschnur nehmen und eben seine „Sache“ weiter gehen lassen – was wäre damit alles gewonnen! Nur eines wäre damit ganz gewiss verloren: die hohlen und noch immer wirksamen Machtstrukturen der Kirchen. Auf die aber können wir heute und in Zukunft wirklich gut und gerne verzichten. Mensch, was könnte das für ein Ostern sein, ohne Popen, Weihrauch und flatternde Bäffchen! Ach was schreibe ich: Die meisten von uns halten es doch längst schon so…

 4. April 2010  Posted by at 06:48 Kirchen, Kritik, Ostern Kommentare deaktiviert für >Die Sache Jesu
Mrz 212010
 

>Beim Stichwort „Systemkrise“ denken wir vielleicht zuerst an die Wirtschafts- und Finanzwelt. Dass die Finanzakrobaten (und alle Privatanleger und Politiker, die da eifrig mit gemacht und mit spekuliert haben) das Wirtschaftssystem in eine Krise gestürzt haben, ist unstrittig. Wir haben uns an den Begriff „systemischer Auswirkungen“ bei der Schieflage einzelner Bankinstitute gewöhnen müssen. Wie entschlossen und tiefgreifend die aus dieser Krise zu ziehenden oder bereits gezogenen Konsequenzen ausfallen – oder ob wirkliche Konsequenzen schlicht ‚ausfallen‘, sei einmal dahin gestellt. Recht einig ist man sich allenfalls darin, dass es sich um eine schwere Krise des Finanzsystems gehandelt habe.

Bei dem, was wir derzeit im Raum der Kirchen erleben, wird das erstaunlicherweise strikt geleugnet. Im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung steht die katholische Kirche, die schwersten sexuellen Missbrauch an ihr anvertrauten Kindern und Jugendlichen jahrzehntelang und landesweit in kaum glaublichem Umfang geduldet, verharmlost und vertuscht hat – bis hinauf zu den höchsten Repräsentanten des deutschen Katholizismus, siehe Zollitsch. Dennoch weigert sich die katholische Kirche beharrlich, auch nur ansatzweise von einer „Systemkrise“ zu sprechen. Der jüngste Hirtenbrief des Papstes an die irischen Bischöfe räumt zwar Schuld ein, verweist aber auch die Verfehlungen einzelner und beklagt die erschreckenden Tendenzen der „Verweltlichung“, die unsere modernen Gesellschaften prägten und die für sexuelle Exzesse mitverantwortlich seien. Überhaupt scheint dem Papst mehr am Imageschaden der katholischen Kirche als an den Opfern und dem Aufarbeiten des offenkundigen Unrechts zu liegen. Dies würde zu allererst den Zusammenhang von vormoderner Sexualmoral, zölibatärem Selbstbetrug und scheinheiligem Machtanspruch gegenüber einzelnen Menschen (Ohrenbeichte) und Gesellschaften (Konkordate) aufdecken müssen. Es geht gerade um das System „katholische Kirche“, das hier auf den kritischen Prüfstand gehört. Dies System entstammt vordemokratischen und vormodernen Zeiten und hat eine „Reformation“ und „Aufklärung“ immer noch vor sich. Die Bewegung „Wir sind Kirche“ fordert zu Recht die Klärung dieses „globalen Strukturproblems“ in der katholischen Kirche. Vormodernen Fundamentalismus gibt es eben keineswegs nur im Islam, sondern – wir können es nur erschrocken registrieren – mitten in der christlichen Religion, besonders ätzend und für die Opfer entwürdigend in der katholischen Kirche als ganzer, eben als System. Der Papst und die Bischöfe scheuen diese offene Auseinandersetzung mit den kritischen Systemfragen wie der Teufel das Weihwasser. Soeben höre ich im Radio (BR), der Regensburger Bischof Müller habe die „Angriffe“ und „Medienkampagne“ gegen die katholische Kirche mit den Anfeindungen und Hetzkampagnen im Nationalsozialismus verglichen. Das ist schon starker Tobak! Das Kartell des Vertuschens und Verschweigens, die ‚organisierte Kriminalität‘ katholischer Sexualmoral und -praxis innerhalb der eigenen Mauern führt sehr schnell zur eigentlichen Machtfrage, das scheint der Regensburger Bischof gemerkt zu haben. Können wir uns in unseren modernen, offenen Gesellschaften tatsächlich noch ein solch archaisches, zudem privilegiertes „System Kirche“ leisten? Muss hier nicht mit denselben Maßstäben gerechnet und gerechtet werden wie bei allen anderen gesellschaftliche Gruppen und Vereinen? – Es wird Zeit, dass die katholische Kirche als Bollwerk antidemokratischer Vormoderne vom Sockel ihrer selbstgefälligen Scheinheiligkeit herunter geholt wird.

Übrigens haben in dieser Frage des sexuellen Missbrauchs und vormoderner Glaubenswelten auch die evangelischen Kirchen ihr Päckchen zu tragen; es ist reine Glücksache, dass sie derzeit nicht im Fokus des öffentlichen Interesses stehen wie seinerzeit im Fall Käßmann. Missbrauchsfälle gibt es auch hier zuhauf, sowohl was die Vergangenheit in Heimen und Pflegeeinrichtungen der kirchlichen Diakonie betrifft (siehe das Schuldeingeständnis der Hannoverschen Landeskirche von 2008) als auch was kirchliche Internate und Schulen in der Gegenwart angeht (siehe die erschreckenden Meldungen über eine Sonderschule der evangelischen Diakonie). Der frühere Schulleiter des Internats „Odenwaldschule“ Gerold Becker war evangelischer Religionslehrer. Trotz der Erfahrungen und Lehren der Reformation und der Zeit der Aufklärung hat auch der Protestantismus das alte Kleid der selbstgerechten Engstirnigkeit und der naiv-doktrinären Glaubensenge keineswegs abgestreift. Es geht auch hier ums System, um das System christlicher Religion und Kirchlichkeit in der Neuzeit, in der heutigen Zeit der offenen Gesellschaften und ihrer modernen Lebenswerte. Auch hier gilt: Fundamentalismus, Gewaltbereitschaft, sexuelle Ausbeutung und Misshandlung finden mitten im Raum der christlichen Kirchen statt. Kirchenkritik reicht da nicht aus, Religionskritik ist dringend nötig. Wer vom Islam die Bereitschaft zur Veränderung, zu einer „Aufklärung“ und Anerkennung westlicher Freiheitswerte fordert, der sollte erst einmal bei sich selber beginnen. Auch die christlichen Kirchen haben da noch einen langen Weg vor sich. Religion in der Neuzeit ist eine Religion im Umbruch – oder im Verfall. Den Verfall der kirchlichen Sitten erleben wir inzwischen täglich.

 21. März 2010  Posted by at 07:40 Aufklärung, Katholisch, Kirchen, Kritik, Moderne, Religion, Sexualität Kommentare deaktiviert für >Systemkrise
Feb 132010
 

>Patrick Bahners, Feuilletonredakteur der FAZ mit besonderer Vorliebe für die katholische Kirche, hat in der Diskussion um die Missbrauchs-Affären in dem Berliner Jesuiten-Internat „Canisius-Kolleg“ den Vogel abgeschossen. Zumindest hat er beredt und moralisierend versucht, aus dem Täter (katholische Kirche, speziell ihre Societas Jesu) ein Opfer zu machen: das Opfer und Angriffsziel der böswilligen Atheisten, die der heiligen katholischen Kirche schon immer am Zeuge flicken wollten. er schafft es, die Kritiker manch fataler kirchlicher Praxis, die seit Jahrhunderten in Gebrauch und noch immer nicht abgestellt ist (intime Beichte), ja alle Kritiker, die es sich anmaßen, die „pädagogische“ Praxis der Kirchen auf dem Hintergrund ihrer Vorzugsstellung als Körperschaften des Öffentlichen Rechts zu hinterfragen, gleich als „Feinde der Kirche“ zu diskreditieren. Man lese seinen Leitartikel in der heutigen FAZ auf Seite 1 „Die Dynamik des Skandals“. Den letzten Absatz will ich hier als Kostprobe zitieren: „Die Presse wird weiter Schlagzeilen nach dem Muster „Weiterer Pater gesteht“ produzieren. Wie über den ersten Fall geredet wird, das bestimmt die Debatte über alle weiteren. Klaus Mertes hat bis auf weiteres alle Termine abgesagt, um nur noch über Missbrauch zu sprechen, neuerdings für alle deutschen Jesuiten. Die Feinde der Kirche glauben ohnehin, dass für das Personal dieser repressiven Anstalt die Schuldvermutung gilt. Der atheistische Biologe Richard Dawkins definiert Religion als Kindesmissbrauch.“

Wer wie der Rektor Mertes Schluss machen will mit dieser systematischen Vertuschungspraxis der weltweiten Kirche, die sie in den USA, Irland, Spanien und eben auch bei uns in Deutschland seit Jahrzehnten (vielleicht Jahrhunderten) praktiziert hat und noch praktiziert, – wer diese „heilige“ Institution so kritisiert, der muss nicht ganz klar im Kopfe sein, der kann nur ein verbohrter Gottesleugner und Atheist sein – eben wie jener schreckliche britische Zoologe und theoretische Biologe Richard Dawkins – fast so etwas wie der leibhafte Gottseibeiuns.

Prima, Herr Bahners, weiter so und danke für Ihren amüsanten Beitrag! Ihre kritische Vernunft scheinen Sie aber neben dem Weihwasserbecken abgelegt zu haben.

 13. Februar 2010  Posted by at 16:14 Katholisch, Kirchen, Kritik, Missbrauch, Religion, Vernunft Kommentare deaktiviert für >Ein verdrehter Apologet