Aug 312016
 

Gutmensch ist das Unwort des Jahres 2015.  Die Darmstädter Jury erklärt dazu:

„Als ‚Gutmenschen‘ wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Mit dem Vorwurf ‚Gutmensch‘, ‚Gutbürger‘ oder ‚Gutmenschentum‘ werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert.“ Die Jury weist darauf hin, dass der Ausdruck Gutmensch zwar überwiegend vom rechten Lager benutzt wird, aber auch in den breiteren Journalismus Eingang gefunden hat. „Die Verwendung dieses Ausdrucks verhindert somit einen demokratischen Austausch von Sachargumenten.“

„Naiv, dumm und weltfremd“, – also sind Gutmenschen das, was man früher als hoffnungslosen Idealisten, Traumtänzer, Weltverbesserer bezeichnet hat, der in Wolkenkuckucksheim lebt, an das Gute im Menschen glaubt und die Realität nicht wahrnimmt. Dagegen steht der Realist, in der Politik der Realpolitiker, der sich nicht von Gefühlen und moralischen Bewertungen leiten lässt, sondern nüchtern und sachlich Kräfteverhältnisse abwägt, Interessen artikuliert und eine Rangliste von Zielen erstellt. Steht also Sach- und Realpolitik gegen Moral und Ideal?

Unwort 2015: Gutmensch

Unwort 2015: Gutmensch

Vielleicht führt der Gegensatz von Verantwortungsethik und Gesinnungsethik weiter. Max Weber hat diese Begriffe geprägt und sich klar für die Verantwortungsethik ausgesprochen. Allein – auch dies ist bereits eine moralische Wertung, denn für den Verantwortungsethiker spricht sein Denken und Handeln für andere, während der Gesinnungsethiker nur der Reinheit der eigenen Gesinnung folgt. Der Hinweis auf Max Weber führt zu einem weiteren oft zitierten Begriffs-Tripel Webers:  Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Diese drei Qualitäten zeichnen idealtypisch (auch ein Weber-Begriff) den Berufspolitiker aus. Dabei ist mit Leidenschaft das engagierte Eintreten für eine Sache gemeint, die eben Sachlichkeit einschließt; mit Verantwortungsgefühl sowohl die Verpflichtung gegenüber der Sache als auch gegenüber dem Ganzen des Staates (wir möchten heute ergänzen: und seiner Bürger) und mit Augenmaß „die Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen, also: der Distanz zu den Dingen und Menschen.“ (Max Weber, Politik als Beruf, 1919) Alle drei Eigenschaften sind aber immer schon an den zugrundeliegenden Wertekanon gebunden, dem sich ein Mensch sei es als Wissenschaftler, sei als Politiker verpflichtet fühlt. Die strikte Sachlichkeit rettet gewissermaßen vor gesinnungsethischer Beliebigkeit, die Weber in anderem Zusammenhang zum komplizierten Begriff der Wertfreiheit führt. In der Politik ist es das Augenmaß, das die Distanzierung zu beteiligten Dingen und interessierten Menschen gewährleistet.

Zurück zum ‚Gutmenschen‘. Der Begriff macht also einen Gegensatz auf, der so gar nicht besteht. Jede politische Haltung oder Meinung ist einer Sachlage und ihrer Bewertung verpflichtet. Als Unwort brandmarkt der Vorwurf ‚Gutmensch‘ eine bestimmte Haltung als falsch und naiv, nur weil man selber eine andere Wahrnehmung der Dinge und eine andere Haltung teilt, die zu anderen Handlungsmöglichkeiten führt. Sache und Moral sind in jedem Falle eng miteinander verknüpft. Die moralische Grundeinstellung führt zu einer anderen Wahrnehmung und Bewertung einer Sachlage. ‚Gutmensch‘ ist insofern tatsächlich ein ideologischer Kampfbegriff und meint: Ich habe Recht und du hast Unrecht, weil du naiv bist und bestimmte Realitäten nicht anerkennst. Der wirkliche Streit müsste also um die ‚wirklichen Realitäten‘ gehen und um die Wertungen, die ein jeder mit diesen Realitäten verbindet und die ihn zu bestimmten Handlungen veranlassen oder diese eben verbieten. Dabei wird dann durchaus auch über Ideale und über die Einstellung zum Menschen und zur Menschlichkeit zu diskutieren sein – und genauso über das, was sich überhaupt als ‚Lage der Dinge‘ erkennen und sachgemäß beurteilen lässt. Weder Schönfärberei noch Dramatisierung helfen da weiter.

Wie steht es damit angesichts der Flüchtlinge, die nach Europa und insbesondere Deutschland kommen und hier unter uns leben wollen? Bei der Polarisierung dieser Diskussion gibt es die einen, die eine gesellschaftliche Veränderung durch Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen, insbesondere islamischen, ablehnen. Die tatsächlich anstehende ‚Veränderung‘ wird als Überfremdung, als Angriff auf die eigene Identität, als Eindringen einer feindlichen Welt und Lebensweise in die bisher als wohlgeordnet empfundenen Verhältnisse angesehen. „Grenzen dicht“ bedeutet dann schlicht, alles Fremde soll draußen bleiben und sehen, wie es klar kommt, basta. Diese Haltung ist anschlussfähig an alle möglichen nationalistischen und rassistischen Tümeleien, die zunächst mit der Lage der Flüchtlinge überhaupt nichts zu tun haben. Es braut sich dann ein von rechts vereinnahmtes und befeuertes Angst- und Unsicherheitsgefühl zusammen, das wir heute verbreitet erkennen können. – Auf der anderen Seite gibt es praktisch niemanden mehr, der einer unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen das Wort redet, sondern die Fähigkeit zur geregelten und befristeten Aufnahme sowie zur Integration in unsere Lebensverhältnisse als Maßstab dafür nimmt, was human möglich und angesichts der Leides vieler Flüchtlinge verantwortet werden kann. In Schäubles Bonmot vom „Rendezvous mit der Globalisierung“  steckt viel Wahres, aber das allein hilft noch nicht. Fähigkeit, Möglichkeit, Mittel und Wille gehören zusammen, um auf diese Herausforderung in einer offenen Welt zu antworten – und dabei humane Prinzipien, bürgerschaftliche Ideale und freiheitliche Werte nicht zu vernachlässigen.

Der verunglimpfte ‚Gutmensch‘ erweist sich als der politische Mensch mit weiterem Blick und größerer Verantwortungsbereitschaft, ebenso mit größerer Sachlichkeit und tieferer Leidenschaft als sein sich abschließendes Gegenüber. Leidenschaft schließt in der Tat auch ein, dass man sich über die Leiden im Klaren ist, die Menschen aus ihrer Heimat treiben und die auch hier, in einer neuen, fremden Umgebung in anderer Weise aufbrechen, und zwar auf beiden Seiten. Man kann auch an einer Welt leiden, die Menschen entwurzelt und sozial erniedrigt, einer Welt, die nicht ansatzweise in der Lage ist, Reichtum und Entwicklungsmöglichkeiten einigermaßen menschengerecht zu verteilen. Der Gutmensch sieht eben keineswegs nur das Gute im Menschen, sondern kennt die Enttäuschungen durch Gewalt, Gier und Bosheit. Der ‚Schlechtmensch‘ aber sieht Gutes nur bei sich und seinesgleichen und erkennt im Anderen, Fremden allenfalls die Bosheit, Niedertracht und Gewaltbereitschaft, die ihm von sich selber vertraut sein dürften. Beides sind eben mehr oder weniger moralische Standpunkte.

Die Sache selbst aber wird strittig bleiben, und über sie muss weiter engagiert diskutiert werden: Wohin nämlich eine Welt treibt, die sich erneut abzuschotten droht: Arm gegen Reich, West gegen Ost, Nord gegen Süd, Christen gegen Muslime usw. usw. Der neue Trend zur nationalen Abschottung, zum Neo-Merkantilismus, zur puren Machtpolitik und Missachtung von Verträgen, zur Überwachung und Stigmatisierung (Stichwort Populismus) ist ein Wind, der bereits kräftig Fahrt aufnimmt und zum Sturm werden kann. Der Kampf gegen den Terrorismus wird dann leicht zur Blankovollmacht, eben jene Werte aufzugeben, zu deren Verteidigung eine lebendige Demokratie selbstbewusst in der Lage sein sollte. Ein paar ‚Gutmenschen‘ sind da durchaus hilfreich.

 31. August 2016  Posted by at 12:32 Allgemein, Moral, Politik Tagged with: , , , ,  1 Response »
Dez 022012
 

Man ist immer wieder erstaunt, wenn man Einzelheiten über das „Familienleben“ bekannter historischer Größen, also Herrscher, erfährt. Ich beschränke mich dabei auf „christliche“ Herrschergestalten, weil das Christentum die vielleicht rigideste Form sexueller Zähmung im Programm hat im Vergleich zum Judentum und Islam. Andere nichteuropäische Kulturen blende ich hier einmal aus. Die Ehe, zumal die Ein-Ehe, ist wahrhaftig nicht ‚vom Himmel gefallen‘. Sie ist Ergebnis einer kulturellen Entwicklung in sozialgeschichtlich sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Aber zunächst einmal der Blick auf zwei historische Beispiele.

Karl der Große (*748 – †814), dieser allerchristlichste Kaiser und Schützer der Kirche, der sich unter anderem mit seiner (blutigen) Sachsenmission einen Namen gemacht hat, hatte vier oder fünf „legitime“ eheliche Verbindungen nacheinander, jeweils nach dem Tod der Ehefrau im Kindbett, und parallel dazu eine unbekannte Zahl von Konkubinen, also ‚Nebenfrauen‘ oder Geliebten. Die meisten waren den jeweiligen Ehefrauen und am Hofe bekannt. Seine letzte öffentlich bekannte „Königin“ Liutgard wird nirgendwo als „Gattin“ (uxor, coniux) bezeichnet; sie war wohl eher eine anerkannte Lebensgefährtin. Man weiß von 18 Kindern Karls, davon 11 ehelichen und darunter drei „legitimen“ Söhnen (ein vierter starb innerhalb seines ersten Jahres), die für die Nachfolge in Frage kamen. Karl liebte besonders seine älteren Töchter, mit denen er engen Umgang pflegte, es wird sogar ein sexueller Kontakt vermutet (Janet Nelson, zum Ganzen siehe Wilfried Hartmann, Karl der Große, 2010, und Wikipedia). Jedenfalls war Karls „Frauenwirtschaft“ am Hofe seiner Zeit berühmt – berüchtigt, sein Nachfolger Ludwig räumte damit als allererstes auf.

Friedrich II. (*1194-†1250), staufischer Kaiser des HRR, der in der Kutte eines christlichen Mönches starb, hatte nacheinander vier Ehefrauen und zahlreiche Konkubinen, bekannt sind acht als Mütter seiner Kinder. Insgesamt kam Friedrich so auf 15 Kinder, davon vier „legitime“ Söhne für die eventuelle Nachfolge. Friedrich lag zwar ständig mit dem römischen Papst im Clinch, wurde auch mehrfach gebannt, aber keineswegs wegen seines Lebenswandels, sondern weil er im Kirchenstaat einmarschierte bzw. einen versprochenen Kreuzzug nicht (rechtzeitig) begann. Die zahlreichen ‚“Verbindungen“ und Kinder haben übrigens beiden Kaisern nicht viel genützt: Die Regentschaft ging jeweils in den nächst folgenden Generationen verloren.

Nun sind die Reichen und Mächtigen zu keiner Zeit repräsentativ für das „normale“ Leben, schließlich konnten nur sie sich so viele Frauen und Kinder leisten. Aber immerhin zeigt ihr Verhalten, was gesellschaftlich möglich war, und das unter dem Regime einer kirchlichen Morallehre, die hinsichtlich des Sexuellen immer restriktiver und ablehnender wurde. Paulus und Augustinus sind hier die geschichtswirksamen „Vorbilder“ für die Leibfeindlichkeit des Christentums. Paulus konnte die Einehe gerade noch zur Not zulassen „wegen der Natur“. Das Sexuelle war für die kirchliche Theologie überwiegend Teufelswerk, das bekämpft und zumindest gezähmt werden musste – wie wir wissen mit sehr gemischtem Erfolg.

Eheringe

Die Ringe

Nun gehört die Bändigung und soziale Integration der Kraft des Sexuellen zur Aufgabe und Leistung jeder uns bekannten Kultur. Zu sehr sind Begierde, Neid und Eifersucht als sozial zerstörerische Kräfte genugsam bekannt. Nur sind die Formen der sozialen Verträglichkeit des Sexuellen sehr verschieden: Es gibt die zeitlich parallelen Ehen (Vielehe), die zeitlich sukzessiven Ehen (nach Scheidung oder Tod), die offiziellen und / oder inoffiziellen Konkubinate (‚Beischläferinnen‘, ‚Gespielinnen‘), hinzu kommen die uralten Formen der „käuflichen“ Liebe (‚Dirnen‘ und ‚Lustknaben‘). Übrigens wurden auch die „Lustknaben“ von Männern gebraucht; nur Frauen in einflussreicheren Stellungen konnten es sich zu Zeiten leisten, ihrerseits „Jungs“ zu engagieren („Gigolos“).

Das Problem des gesellschaftlichen Umgangs mit der Sexualität (und damit der Moral) waren zu allen Zeiten die aus den nicht „legitimen“ Verbindungen hervorgehenden Kinder. Als „Bastarde“ hatten sie ein schweres Los, gesellschaftlich kaum eine Chance. Da ging es den genannten Königskindern Karls und Friedrichs vergleichsweise gut, wurden sie doch allesamt mit guter Versorgung und beachtlichen ehelichen Verbindungen ausgestattet. Einige Kulturen, die die soziale Kraft des Sexuellen weniger tabuisierten oder positiver anerkannten, sorgten im Familienverband für eine gemeinsame Versorgung der Kinder (z. B. polynesische Clans und Großfamilien). Meines Wissens ist diese vergleichsweise humane Form des Umgangs mit Sexualität und Nachkommenschaft recht vereinzelt geblieben. Recht überheblich weisen wir diese soziale Form den „Naturvölkern“ zu.

Judentum und Islam haben die Ehe als Form sexueller Gemeinschaft mit Regelung der Trennung und der Nachkommenschaft domestiziert und zivilisiert. „Lebenslang“ war da immer die Ausnahme, bestenfalls ein biologisch kaum erreichbares Ideal. Erst das Christentum hat mit der Sakramentalisierung der lebenslangen Einehe für eine neue Stufe der Zähmung und Unterdrückung des Sexuellen gesorgt. Sozial positiv war daran gewiss, die Verantwortung der Ehepartner für die gemeinsame „Aufzucht“ der Kinder zu betonen, damit verbunden auch das ethische Ideal eine lebenslangen gegenseitigen Verantwortung zweier erwachsener Menschen. Der Kampf von Schwulen und Lesben für die rechtliche Gleichstellung der eingetragenen Partnerschaft mit der Ehe zeigt, wie stark das exklusive Modell „Ehe“ noch immer wirkt. Dabei haben sich in unserem Kulturraum die Verhältnisse seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts grundlegend verändert.

Der Gebrauch der „Pille“ hat erstmals zuverlässig Sexualität und Nachkommenschaft entkoppelt. Die Auswirkungen dieser kulturellen Revolution sind noch gar nicht abzuschätzen, jedenfalls sind wir noch mitten drin im Umdenken und Umgestalten von Moral und Recht. Zunächst hat die Pille zum Rückgang der Kinderzahl geführt („Pillenknick“), zugleich aber auch zu einem freieren Umgang mit Sexualität in der westlichen Gesellschaft. Beides sind kulturelle Veränderungen mit Langzeitwirkung. Erst allmählich wird es in der Lebenspraxis unserer Gesellschaft zur Normalität, dass Ehen de facto eine Einrichtung auf Zeit sind, dass es unterschiedliche Partnerschaften und verschiedene Arten von Partnern in unterschiedlichen Lebenssituationen geben kann. Der ironische Ausdruck „Lebensabschnittspartner“ trifft die Sache recht gut. Faktisch ist das die Lösung der zeitlich sukzessiven Vielehe. Und nicht nur die „celebrities“ leisten sich daneben Geliebte, sondern auch manche unserer Politiker (Seehofer). Andererseits nimmt auch der gesellschaftlich-moralische Druck zur Ehe überhaupt ab: Jedermann und jede Frau kann die eigenen Partnerschaften nach eigenem bzw. gemeinsamen Gutdünken gestalten. Ich halte das für einen gewaltigen Fortschritt gegenüber dem restriktiven Ideal der lebenslänglichen Einehe. Die Aufgabe eines verantwortlichen Umgangs zweier Partner miteinander, gerade auch am Ende einer Beziehung, bleibt allerdings ebenso bestehen wie die Fürsorge für die gemeinsamen Kinder.

Der kleine Rückblick und Rundumblick zeigt: Die Ehe ist keine Einrichtung, die vom Himmel gefallen ist. Sexualität, Partnerschaft und der Umgang mit den Kindern sind  sozial gestaltbare und veränderliche Größen. Weniger normative Moral bedeutet zugleich mehr individuelle Verantwortung, aber auch mehr Verantwortung der Gesellschaft für das, was in ihr kollektiv als wichtig erachtet wird: die Erziehung der Kinder, die Gewährleistung einer aussichtsreichen Zukunft für die Nachkommenschaft. Neben der individuellen Freiheit im sexuellen Umgang ist die verstärkte gesellschaftliche Verantwortung für die Kinder die zweite wichtige Auswirkung eines beispiellosen kulturellen Umbruchs. Auch dies halte ich für eine Entwicklung, die man begrüßen kann. Die Kleinfamilie ist keineswegs der naturgegebene beste Ort für das Aufwachsen und für die Bildung unserer Kinder. Wenn es auch ein eher wirtschaftlich verursachter Druck ist: Es ist gut, dass das staatliche Betreuungsangebot ausgebaut wird. Manche retardierende Elemente (Betreuungsgeld) werden den Trend kaum aufhalten. Wenn man so will, ist es die Kehrseite der „sexuellen Revolution“. All dies führt zu einer allmählich spürbaren Veränderung der Maßstäbe unserer Moralvorstellungen.

 2. Dezember 2012  Posted by at 12:44 Gesellschaft, Moral Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Kleine Geschichte der Moral
Mrz 042012
 

Fortschritt ist eine zwiespältige Kategorie. „Online“ zu sein scheint heute unvermeidlich. Aber den „Onlinern“ stellen sich „Offliner“ entgegen. Noch ist es zu früh, von einer Gegenbewegung zu sprechen. Aber was nicht ist, kann schnell werden. – Ein Plädoyer für mehr kritische Distanz.

Mit dem Fortschritt ist das so eine Sache.  Der Ausdruck unterstellt ein ‚Fort-Schreiten‘, wobei das „fort“ ja nur eine Distanzierung, ein ‚weg von‘ ausdrückt. Einen Schritt tun zeigt eigentlich dasselbe an: sich von einer Stelle weg bewegen. Es wird weder etwas über die Geschwindigkeit noch über die Richtung ausgesagt, in die man sich bewegt. Auch ist damit noch nichts über die Qualität der Bewegung ausgesagt. ‚Fortschritt‘ ist also von der reinen Wortbedeutung her ein wertneutraler Begriff.

Dem ist aber im Sprachgebrauch des Begriffes ‚Fortschritt‘ mitnichten so. Umgangssprachlich wird Fortschritt meist mit ‚Innovation‘ oder ‚Verbesserung‘ konnotiert. Kulturphilosophisch geht dieser positive Gebrauch des Wortes auf den Fortschrittsgedanken der Aufklärung zurück. Der Mensch entwickele sich nach den aufklärerischen Ideen durch seinen Entschluss, sich aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien (Kant), stetig ’nach oben‘, also weiter ‚fort‘ zu etwas Besserem, Höherem, womöglich ihm Zukommenden, ihm Bestimmten.  Die Geschichte wird danach als lineare Aufwärtsentwicklung gesehen, sei es nur ‚immer besser, immer schneller, immer weiter‘ (optimistisch), sei es hin auf ein vermutetes oder gedachtes Ziel (teleologisch) oder naturhaft zwangsläufig (evolutionär).

Zwei Weltkriege und mancherlei andere Katastrophen haben den Fortschrittsoptimismus zwar desavouiert, aber nicht beseitigen können. Wir haben ihn heute im Wesentlichen technologisch übersetzt: Fortschritt ist dann gleich bessere Technik, mehr Fertigkeiten, neue technische Möglichkeiten. Über einen Fortschrittsoptimismus in kultureller oder moralischer Hinsicht besteht eher Zweifel. Wird vom Fortschritt im Zusammenhang des Prozesses der Globalisierung gesprochen, dann wird der Begriff erst recht ambivalent. Es stellt sich dann die Frage nach den Werten und Zielen, die man mit einem positiven ‚Fortschritt‘ verbinden möchte. Da gibt es zwischen der Chefetage der Deutschen Bank und der Occupy-Bewegung naturgemäß Differenzen.

Das durch einen Tsunami verursachte Unglück im Kernkraftwerk Fukushima, aber viele Jahrzehnte früher schon das Giftunglück von Seveso (unbekannt? hier gibts Infos), die Müllverklappung in den Ozeanen, schließlich Schweinepest und Rinderwahn haben die Zweifel hinsichtlich der allumfassenden technischen Machbarkeit erheblich geweckt und bestärkt. Die Fragwürdigkeit von Großprojekten der Infratstruktur, seien es Bahnhöfe, Flughäfen oder Schnellstraßen, ja auch Stromtrassen und Schienenstrecken, wird vor allem von Anliegern und Betroffenen, aber eben nicht nur von diesen, betont. Statt einer ‚Fortschrittsgläubigkeit‘ mit einer inkriminierten Gigantomanie wird dann der Langsamkeit, der Natürlichkeit, der ‚Nachhaltigkeit‘ (das Modewort dieses beginnenden Jahrhunderts) das Wort geredet. BIO ist in jeder Hinsicht (und fast zu jedem Preis) positiv besetzt und attraktiv, „fleischlos“ essen ist chic geworden, sogar Veganer erfreuen sich der Aufmerksamkeit einer trendbewussten Öffentlichkeit. Die Frage ist also unüberhörbar gestellt: Technologischer Fortschritt – wohin? wozu? zu welchem Preis? Nicht erst Rousseau hat ja den Schlachtruf „Zurück zur Natur“ geprägt, sondern es ist altes stoisches Gedankengut, vom „Leben im Einklang mit der Natur“ zu sprechen. Ob es sich dabei um die wirkliche Natur oder um ein idealisiertes Traumbild von Natur handelt, sei dahin gestellt.

Eine ähnliche Skepsis gegenüber einer umgebremsten Entwicklung, eines kapitalgetriebenen Fortschritts,  scheint sich mir heute gegenüber den digitalen Entwicklungen abzuzeichnen. Von den einen nahezu als Mittel auf dem Weg zum kommunikativen Paradies hoch gelobt, von den anderen als Vergewaltigung und Preisgabe der Privatsphäre verteufelt, ist das Internet fast zum Inbegriff des modernen Zwiespalts gegenüber dem ‚Fortschritt‘ geworden. Den „Onlinern“ stellen sich, man lese und staune, gezielt und bewusst „Offliner“ entgegen, die auf Smartphones, Facebook und andere Segnungen medialer Technik bewusst verzichten. Wird bisweilen von der „technologischen Lücke“ der 25 % bis 30 % gesprochen, die noch (!) nicht regelmäßig oder ständig online sind, so suggeriert dies sofort den Anspruch, dass diese Lücke so schnell wie möglich zu schließen sei. Rasche Umstellung auf Online-Shopping, Online-Banking, Online-Verwaltung in den Komunen, werde diesen Teil der Bevölkerung schon bald zu ihrem Glück zwingen. Oder ist es doch nur ein riesiger Marketing-Trick? Zumindest bleibt es ja mehr als fragwürdig, dass zum Beispiel einem eBook-Käufer sehr viel weniger Rechte ‚gewährt‘ werden als dem Käufer eines gedruckten Buches. Und es gibt viele solcher Beispiele (CD gegen Download; Briefgeheimnis gegen Email u.v.a.m.)

In den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es die überzeugten Fernseh-Verweigerer. Sie sind im Laufe der Zeit zu einer marginalen Gruppe (von Anthroposophen) geschmolzen. Doch die Zeiten und Kommunikations- und Multiplikationsformen haben sich gewandelt. Es sollte mich nicht wundern, wenn die Offliner sich zu einer Bewegung formieren, die gegen die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung der Lebenswelt angehen durch Verweigerung. Zumindest könnte eine solche Bewegung zu recht die Frage nach dem Wohin, also nach dem Sinn und Zweck der Digitalisierung stellen. Dass eine Sache möglich ist und dass sie Schnelligkeit verspricht, ist ja noch kein inhaltliches Argument. Die Netz-Träumereien der „Piraten“ sind eben nur die eine Seite der möglichen technischen Entwicklung. Man wird sehen, welche blinde Flecken sich in dieser enthusiastischen Internet-Bewegung noch zeigen werden. Etwas mehr kritische Reserve ist wünschenswert. Vor allem auch die Fragen: „Wem nützt es? Inwiefern brauche ich das?“ sind immer angebracht. Kritische Distanz und ein sachkundiges Urteil sind vonnöten, wenn Entwicklungen ‚zu schnell‘ fortschreiten und ‚alternativlos‘ zu sein vorgeben. Es geht nicht nur um die Kultivierung der Langsamkeit, nicht nur um den medialen Graben (und entsprechende Grabenkämpfe) in der globalisierten Welt, nicht nur um Datenschutz und Urheberrecht. Um all diese wichtigen Dinge geht es in der Tat auch. Es geht aber vor allem um Weichenstellungen für eine Welt, in der künftige Generationen menschlich (!) leben möchten, eine Welt, die hoffentlich auch noch irgendwie funktioniert, wenn es einen größeren Stromausfall gibt (was zu erwarten ist).

Wenn  man nicht gerade im Fahrstuhl fest steckt, könnte man dann ja ein gutes Buch, gedruckt versteht sich, lesen…

 4. März 2012  Posted by at 11:20 Aufklärung, Internet, Moral, Neuzeit Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Fortschritt und Verweigerung
Okt 262011
 
Modell einer multikonditionalen und multifunktionalen Theorie politischen Handelns

(1) Komplex sind die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, wie sie sich im öffentlichen Raum abbilden. Politik ist interpretierende und handelnde Tätigkeit in diesem öffentlichen Raum komplexer Lebenswirklichkeit.

(2) Politik sucht in der Bevölkerung Zustimmung zu bestimmten Inhalten, die interessegeleitet eine Beeinflussung und Veränderung der komplexen Struktur gesellschaftlicher Gegebenheiten zum Ziele haben.

(3) Um Inhalte verständlich und akzeptabel zu machen, muss der politisch Handelnde komplexe Sachverhalte vereinfachen, verschachtelte oder rekursive Ziele auf einfache Schritte und Abfolgen reduzieren, unterschiedliche Interessen und Werte gewichten und in seiner Argumentation klare Prioritäten setzen.

(4) Politische Akteure werden in ihrem Handeln zudem von eigenen Interessen, internalisierten Normen und expliziten Werten bestimmt; hierin stimmt ihr Aktionsmuster mit dem eines jeden Bürgers überein. Besonderes Gewicht erhalten diese ausdrücklichen oder verdeckten, bewussten oder unbewussten Motive dadurch, dass sie notwendig alle Sachüberlegungen und Entscheidungen öffentlichen Interesses begleiten und prägen.

(5) Eigene Prioritäten und Abhängigkeiten, Vorteile und Karriereziele werden daher stets in der politischen Handlungsleitung eine wichtige, wenn nicht gar die entscheidende Rolle spielen, auch und gerade wenn es um Sachentscheidungen geht, die doch erklärtermaßen dem Ziel des Allgemeinwohls dienen.

(6) Einen guten Politiker wird man daran messen können, dass er oder sie ersichtlich seine privaten Interessen den allgemeinen Interessen angemessen zuordnen, bestenfalls auch unterordnen kann. In der Regel wird dies erst eine Zeit nach den längst gefallenen Entscheidungen und Klärungen erkennbar sein, wenn Zusammenhänge, Ursachen und Gründe allmählich sichtbarer werden.

(7) Ein Skandal tritt dann ein, wenn diese Aufdeckung sehr plötzlich und mitten im Prozess politischer Entscheidung geschieht und wenn darin deutlich wird, dass die vermeintlich dem Allgemeinwohl dienenden Absichten und Handlungen letztlich überwiegend oder ausschließlich dem privaten Interesse diente.

(8) Politisches Handeln ist daher auf Grund  seiner vielfältigen Verflochtenheit in private und öffentliche Interessen, offene und versteckte Machtverhältnisse, direkte oder indirekte Konkurrenzsituationen und viele andere Bestimmungsfaktoren durchaus gefährdet, auf die eine oder andere Seite dieser individuell austarierten Balance abzugleiten.

(9) Wenn ein Politiker der eigenen Vereinfachung aufsitzt und die komplexen Strukturen, in denen eigenes Handeln erfolgt, nicht mehr wahrnimmt oder durchschaut, ist ein Straucheln fast unvermeidlich: Öffentliche Beobachtung und kritische mediale Präsenz wird alsbald Korrekturen erzwingen.

(10) Sofern diese Beschreibung politischen Handelns von der parallelen und verschränkten Wirkung vieler Bestimmungsgründe ausgeht, ist sie multikonditional;  sofern parallele, miteinander konkurrierende Zielbestimmungen beschrieben werden, ist sie multifunktional.

 26. Oktober 2011  Posted by at 20:22 Macht, Moral, Politik Kommentare deaktiviert für Komplexität und Einfachheit
Feb 242010
 

>Der Rücktritt von Margot Käßmann von allen kirchlichen Ämtern war fast zu erwarten. Die (über-) hohe moralische Autorität, die Frau Käßmann als Bischöfin beanspruchte und die gelegentlich an Selbstgerechtigkeit grenzte, konnte sich jetzt nur gegen sie selber richten. Wer dem ADAC „predigt“ in Sachen Alkohol am Steuer, hat es nach solch einem Vorfall wie in jener Nacht in Hannover schwer, noch Souveränität und Integrität in moralischen Fragen zu zeigen. Insofern ist ihr Rücktritt nur konsequent.

Die vorschnellen Nachrufe, die diese „beliebte und bedeutende Repräsentantin des deutschen Protestantismus“ im Rückblick feiern möchten, sind ebenso fehl am Platze. Frau Käßmann kann kaum einem Vergleich mit ihrem Vorgänger Huber standhalten. Sie ist die Repräsentantin des „linken“ öko-pazifistischen Flügels der Evangelischen Kirche gewesen mit geringer Integrationskraft. Für eine „andere“ Mehrheit in der Evangelischen Kirche konnte sie kaum sprechen. Die EKD hat nun die Chance, einen überzeugenderen Kandidaten zu finden.

 24. Februar 2010  Posted by at 16:23 evangelisch, Kirchen, Moral 1 Response »
Feb 232010
 

>Während katholische Priester und Mönche gerne mit Kindern, bevorzugt kleinen Jungs rummachen (die neueste Missbrauchsnachricht betrifft die Klosterschule Ettal – und es kommen täglich weitere hinzu), hat die evangelische Bischöfin „nur“ zu tief ins Glas geguckt – und wurde mit 1,54 Promille im nächtlichen Hannover von der Polizei erwischt. Nun, egal, woher oder von wem sie nachts gekommen sein mag, wenn sie nach reichlich Alkoholgenuss kein Taxi nehmen und Aufsehen vermeiden (?) wollte, – „Fremdgehen“ und eine Scheidung zumindest waren kein Hinderungsgrund, sie zur Bischöfin zu wählen. So stolpert sie nun über den eigenen Hochmut anlässlich einer unfasslichen Dummheit. Wenn sie dieser Fehler das Amt kostet, tut mir das leid, weil es so abgrundtief dumm und platt ist. Der deutsche Protestantismus hätte dann allerdings die Chance, einen besseren Repräsentanten oder eine bessere Repräsentatin zu wählen, als es Margot Käßmann ist. „Hochmut kommt vor dem Fall“ – und manchmal bedient sich das Schicksal halt solch kleiner Tücken. Dem Herrn Jesus zu tief ins Glas geschaut, Frau Bischöfin? Pech gehabt.

 23. Februar 2010  Posted by at 13:58 evangelisch, Kirchen, Moral Kommentare deaktiviert für >Hochmut kommt vor dem Fall