Mai 012012
 
Walpurgisnacht und Hexenverfolgung, zwei Themen, die eng zusammen gehören und zeigen, dass die Kirchen ihre Schularbeiten in Sachen Bewältigung schuldvoller Vergangenheit immer noch nicht gemacht haben.

Die Nacht zum 1. Mai, „Walpurgisnacht“, ist dieses Jahr offenbar in den Großstädten friedlich abgelaufen. Sehr erfreulich, denn ausgelassenes Feiern war von jeher ein Kennzeichen der Walpurgisnächte und den losen und frivolen Tagen des Monats Mai. Erst die kirchliche Verdammung und Verleumdung dieser Frühlingsfeiern als „Hexensabbat“ hat die negative Bewertung begründet. Und in den vergangenen Jahren kam in den einschlägig bekannten Stadtvierteln der ideologische Missbrauch mit der Lust zum Krawallmachen hinzu.

Interessant ist der ausführliche Beitrag in Welt Online zur Erklärung der Herkunft des „Hexensabbat“. Das Kapitel Hexen und Hexenverfolgung gehört nun wahrlich nicht zum Ruhmesblatt der Kirchengeschichte, dabei lassen sich die Bräuche der keltisch-germanischen Walpurgisnächte ohne weiteres mit den klerikalen Usancen zu Fronleichnam vergleichen: Über Glaube und Aberglaube entscheidet bekanntlich nur der sachlich nicht aufzuklärende eigene Standpunkt.

Wie wenig sich die Kirchen mit der Skandalgeschichte der Hexenverfolgung auseinander gesetzt haben, zeigt ein kurzer Blick auf die offiziellen Webseiten: Bei der Suche auf der Webseite der Deutschen Bischofskonferenz findet sich zum Begriff „Hexenverfolgung“ nur ein Eintrag: In einer Predigt vom 23.09.2004 vertrat Erzbischof Schick die Ansicht, dass der Kritiker nur „die Hexenverfolgungen kennt – und das noch einseitig – und nichts von den Segnungen des Christentums und der Kirche im Schul- und Erziehungswesen, im Krankenhaus- und Sozialwesen, bei der Formulierung und Inkraftsetzung der Menschenrechte weiß?“ Ja, zu dumm, dass man über die Hexenverfolgungen nur „einseitig“ informiert wird. Übrigens ist es falsch, diese Verfolgungen ins „finstere Mittelalter“ zu verlegen. Sie geschahen im Zeitalter der Barock, im 17 bis ins 18. Jahrhundert hinein, also schon mitten in der glorreichen Neuzeit.

Auf den Webseiten der Evangelischen Kirche (EKD) finden sich zum Suchbegriff „Hexenverfolgung“ vierundzwanzig Einträge zu jüngeren Texten, die sich mit der (selbst)kritischen Aufarbeitung der Hexenverfolgung befassen. Immerhin, denn dieser Hexenwahn wurde auch von evangelischen Geistlichen befördert. Noch radikaler geht die Berner Pfarrerin Renate von Ballmoos mit der Walpurgisnacht um, wenn sie in diesem Jahr mit einer Kollegin dazu aufruft, die Walpurgisnacht als Fest der Frauen und der Lebensfreude zu feiern und es so begründet:

„Die Walpurgisnacht ist ein Fest, an dem man traditionellerweise die weibliche Kraft feierte. Dabei geht es um Fruchtbarkeit, Sexualität und Lebensfreude, was in jeder patriarchalisch geprägten Religion verpönt war. Deshalb ist die Walpurgisnacht, oder Beltane wie das Fest bei den Kelten hiess, auch das einzige der acht Jahreskreisfeste, das die Kirche nicht übernommen hat.“

Ja ihr Lieben, das hat was! Das unterscheidet sich wohltuend von dem etwas gequälten Umgang mit Walpurgis und Lebensfreude und Fruchtbarkeit, das noch der frühere EKD-Bischof Huber an den Tag legt, wenn er in seinen Gedanken zum 1. Mai  2007 erklärte:

„Erich Kästner nennt den Mai den „Maler des Kalenders“; denn kein anderer Monat hält schönere Farben bereit. Manche verbrämen den „Tanz in den Mai“ zu einer pseudoreligiösen „Walpurgisnacht“-Party. Als ob sie die hellen Farben des Frühlings nicht aushalten könnten!“

So schnell kommt der Klerikale nicht aus seiner weltfremden und sexfeindlichen Haut, auch nicht auf protestantischer Seite, obwohl man es hier besser wissen müsste, was das Symbol der „Fleischwerdung “ auch bedeuten könnte, siehe Frau von Ballmoos. Da kommt der frauenfeindliche Katholizismus natürlich nicht mit, der sich nach wie vor schwer tut, seine eigenen pädophilen Priester in Zaum zu halten. Gerade erst wurde wieder ein Bamberger Domkapitular, also ein höherer katholischer Amtsträger, wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen von einem Kirchengericht (!) in den Ruhestand versetzt. Warum eigentlich Kirchengericht und nicht ziviles Gericht? Ach ja, in Bayern ticken die Uhren immer noch anders – kerikal verstellt.

Es ist sehr zu unterstreichen, was der eingangs zitierte Welt-Artikel von Claudia Becker eindrucksvoll beschreibt:

„Was die verschiedenen Bürgerinitiativen und Vereine aber von den Kommunen und Kirchen verlangen, ist die Ehrenrettung der Frauen und Männer, die der Verfolgung zum Opfer gefallen sind. 1996 machte die hessische Stadt Idstein den Anfang. Eine Gedenktafel wurde am Hexenturm angebracht, bei einem ökumenischen Gottesdienst bekannte die Kirche, dass hier großes Unrecht geschehen war. … Ein Stein, das ist vielen Kämpfern für die Ehrenrettung der vermeintlichen Hexen nicht genug. Zu ihnen gehört der evangelische Theologe Hartmut Hegeler. Der pensionierte Pfarrer aus Unna, Gründer des „Arbeitskreises Hexenprozesse“, engagiert sich seit mehr als zehn Jahren mit Vorträgen, Ausstellungen und Publikationen für das Gedenken an die Opfer der Hexenverfolgung.“

Das wäre ein angemessenes Thema für kirchliche Gedanken zur Walpurgisnacht!

 1. Mai 2012  Posted by at 10:35 Hexenwahn, Katholisch, Missbrauch, Protestantismus, Sexualität, Zivilgesellschaft Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Der Pakt mit dem Teufel
Mrz 252012
 
Der Papst wird in Mexiko mit heftigen Vorwürfen der Missbrauchsopfer vergangener Jahre konfrontiert. Solange er dazu schweigt, wird jedes der salbungsvollen Papstworte unglaubwürdig, sind sie blanker Zynismus. Die Papstkirche ist systemisch krank, unbelehrbar, nicht reformierbar – organisierte Lüge und Vertuschung.

Man sollte meinen, das Thema sei nun hinreichend aufgeklärt. Zahllose Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche gegenüber ihr anvertrauten Kindern und Jugendlichen durch ihre eigenen Priester und Bischöfe weltweit und vor allem auch in Deutschland und Österreich sind vor wenigen Jahren aufgedeckt worden. Untersuchungskommissionen wurden gebildet, Berichte verfasst, Besserung gelobt, ein wenig Wiedergutmachung in Aussicht gestellt. Davon ist allerdings wenig geschehen. Die Kirche hat es weit von sich gewiesen, dass die Missbrauchsfälle etwas mit dem „System“ zu tun haben, mit dem Zölibat, mit der Sexualfeindlichkeit, mit der Verdrängung aller Aufklärung aus dem katholischen Raum. Das war zwar unaufrichtig und zeigte wenig wirkliche Einsicht in die Perversität des „Systems Kirche“, war aber kaum anders zu erwarten.

Und nun dies. Innerhalb von wenigen Tagen drei Meldungen, die so horribel sind, dass man sie kaum glauben mag. Alte Fälle zum Teil, aber auch erschreckende Heuchelei in der Gegenwart. Fangen wir mit dem letzten an. Da ist die Meldung, dass der katholische Missbrauchsbeauftragte, Bischof Ackermann (Trier), in seinem Bistum sieben als pädophil bekannte und teilweise verurteilte Priester weiterhin als Seelsorger beschäftigt:

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann beschäftigt nach SPIEGEL-Informationen in seinem Bistum sieben als pädophil aufgefallene Pfarrer. Einer von ihnen soll sexuelle Beziehungen zu einem Schüler gehabt haben, zwei weitere sind wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt. (Spiegel Online)

Da hat man offenbar den Bock zum Gärtner gemacht – in schamloser Offenheit. Noch unglaublicher sind Meldungen, dass von der katholischen Kirche in den fünfziger Jahren in den Niederlanden missbrauchte Jugendliche offenbar zur Strafe und Abschreckung, von sich aus an die Öffentlichkeit zu gehen, kastriert wurden. Einzelne Fälle können nun dokumentiert werden.

Laut dem Bericht des liberalen Handelsblad hatte Heithuis 1956 bei der Polizei Anzeige erstattet und angegeben, in dem Jungeninternat der katholischen Kirche in Harreveld in der Provinz Gelderland sexuell missbraucht worden zu sein. Statt die Vorwürfe zu untersuchen, wurde er nach seiner Aussage bei der Polizei in die psychiatrische Einrichtung „Huize Padua“ in der Provinz Nordbrabant eingeliefert. Diese Einrichtung wurde ebenfalls von katholischen Priestern geleitet. Hier wurde Henk Heithuis die Schuld am sexuellen Missbrauch angelastet. Es habe geheißen, er habe die Priester verführt, berichtet Cornelius Rogge.
Heithuis sei dann kastriert worden. Er sei total verstümmelt gewesen, berichtet Rogge. Der Eingriff sei vorgenommen worden, um Heithuis von seinen homosexuellen Neigungen zu heilen. Das Handelsblad verfügt nach eigenen Angaben über Hinweise, dass die katholische Kirche noch mindestens zehn Minderjährige in den 50er Jahren kastrieren ließ. (taz)

Es ist einfach unfasslich. Es wurde und wird totgeschwiegen. Nur mit Mühe lassen sich die alten Fälle unglaublicher Grausamkeit und eines kaum überbietbaren Zynismus aufdecken. Die römische Kirche trägt ihrerseits weiterhin zur Vertuschung bei. Informationen müssen recherchiert und der Amtskirche mühsam entlockt werden. Keine Stellungnahme. Keine Einsicht. Keine Reue. Kein Versuch der Selbstkritik. Immer sind es nur „Einzelfälle“. Die allerdings massenhaft und ebenso offensichtlich systematisch – im ursprünglichen Sinn des Wortes: vom System Kirche bedingt und verursacht.

Und nun heute die Meldungen über die Vorwürfe gegenüber dem Papst in Mexiko. Er hat als Chef der Glaubenskonkregation offenbar von den Missbrauchsfällen um den Ordensoberen Marcial Maciel (verst. 2008) genau Bescheid gewusst. Natürlich alles vertuscht und verleugnet. Heute klagen die Opfer Benedikt an, dass er so lange zu den Verbrechen dieses „Ordensbruders“ geschwiegen hat.

Opfer sexuellen Missbrauchs in Mexiko erhoben am Samstag schwere Vorwürfe gegen den Papst. Der 84-Jährige habe in seiner Zeit als Chef der Glaubenskongregation im Vatikan die Aufklärung des Missbrauchskandals um den inzwischen verstorbenen Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Marcial Maciel, behindert, heißt es in einem Manifest. Einer der Betroffenen, José Barba, beklagte, dass sie über Jahre nicht gehört worden seien. Sie kritisierten zudem, dass das Thema beim Papstbesuch nicht zur Sprache kommen soll. Treffen von Benedikt XVI. mit Opfern pädophiler katholischer Priester wie in den USA oder Irland waren in Mexiko nicht geplant. (Focus)

Der Papst meidet das Thema. Treffen mit Opfern sind nicht geplant. Die Papstkirche hat nichts dazu zu sagen. Die Papstkirche hat nichts gelernt aus all den Verbrechen, dem Missbrauch, den Täuschungen, Lügen und Abstreitereien. Solange sich die katholische Kirche so zeigt und verhält, wird jedes der salbungsvollen Papstworte unglaubwürdig, ja sind sie nur blanker Zynismus. Der Katholizismus führt sich ad absurdum und widerlegt sich selbst. Diese Papstkirche ist systemisch krank, unbelehrbar, nicht reformierbar. Das Kürzel „RK“ für „römisch katholisch“ muss eher lauten „OK“: „Organisierte Kriminalität“ – organisierte Lüge und Vertuschung eigener Verbrechen.

Nov 242010
 

>Neueste Äußerungen des Papstes, die als Vorabmeldungen der jüngsten Buchveröffentlichung von Interviews mit dem Papst (Peter Seewald, „Licht der Welt. Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit“) ein lautes Rascheln im Pressewald verursacht haben, lassen den Beobachter zwar aufhorchen, aber doch gleich wieder fassungslos den Kopf schütteln. Man liest es, denkt nach und hält es für schlicht unfassbar. Von den Jubeltönen der katholischen Kommentatoren, dies Interview zeige die Wendung des Papstes zur Moderne und die Fixierung auf Kondome sei „lächerlich“, will ich gar nicht erst reden.

Der Zusammenhang und genaue Wortlaut der Ratzinger-Äußerung ist wichtig. In begründeten Einzelfällen könne es männlichen Prostituierten als „ein erster Schritt … auf dem Weg hin zu einer anders gelebten, menschlicheren Sexualität“ erlaubt sein ein Kondom zu benutzen, um die HIV-Ansteckungsgefahr zu verringern.  Dies könne helfen ein Bewusstsein zu entwickeln, „dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will“ (aus n-tv). Hat Ratzinger wirklich „männliche Prostituierte“ gesagt? Wird die HIV-Erkrankung also wieder „nur“ als „Schwulen-Seuche“ eingeordnet? Der Vatikan beeilt sich, Erklärungen nachzuschieben, dass das alles nicht so gemeint sei, sondern generell auch für „hetero- und transsexuelle Prostituierte“ gelte, so Vatikansprechener Lombardi. Immerhin macht sich der FAZ-Redakteur Christian Geyer viele kluge Gedanken über den Zusammenhang dieser Papstäußerung mit dem Verhältnis der kath Kirche zur Homosexualität – die kurz gefasst in purer Homophobie besteht. (Spannend sind die in dem Artikel referierten Äußerungen von David Berger über den „schwulen“ Aspekt der alten Tridentiner Liturgie! Das nur nebenbei.) Nicht nur in dieser Hinsicht gibt das Papstwort Rätsel auf. Handelt es sich wirklich um eine „katholische Wende“ oder doch nur um einen kleinen Spalt einer Türöffnung aufgrund römischer Kasuistik und Sophistik? Letzteres scheint mir der Fall zu sein. Denn an der Grundaussage katholischer Lehre, dass der Gebrauch empfängnisverhütender Maßnahmen moralisch nicht erlaubt sei, hat sich eben nichts, aber auch gar nicht geändert. Die neuesten „Lesehilfen“ des Vatikan wollen vielmehr die Kontinuität der Papstäußerung zur bisherigen Lehre der Kirche deutlich machen. Ein wenig Annäherung an die Wirklichkeit mag in den Ratzinger-Worten enthalten sein, aber was für eine verquere! Nun, ein Kleriker, zumal ein Papst, muss allein aufgrund seiner jahrelangen Erziehung und dogmatischen „Formung“ als erheblich milieugeschädigt gelten. Was sonst?

Sexualität kommt in der katholischen Lehre eigentlich gar nicht vor. Die „heilige“ Maria ist „Mutter Gottes“ und jungfräulich, also zwar nicht ganz geschlechtslos, aber weiblich doch nur in der Form verhinderter Sexualität. Jesus, der Gottessohn, ist es mindestens ebenso, zwar ein Mann, aber doch jenseits der Geschlechterrolle, also auch mit verhinderter oder nicht vorhandener Sexualität. Biblische Zeugnisse über Jesu Nähe zu Frauen und seine „Liebe“ zu Maria Magdalena oder den Jünger Johannes (ja, was denn nun?) werden konsequent im Sinne rein platonischer Liebe, also Enthaltsamkeit, weg erklärt und entschärft. Irgend woher muss die lange kirchlich-dogmatische Tradition der Ehelosigkeit der Priester, also der moraltheologischen „reinen“ sexuellen Enthaltsamkeit, ja herkommen, ebenso die Wertschätzung der dogmatisch asexuellen Mönche und Nonnen. Das gilt natürlich nur theoretisch, denn praktisch verbirgt sich hier nur eine abgrundtiefe Doppelmoral, die für die katholische Lehre und Kirche durchgängig kennzeichnend ist – erneut sichtbar geworden in der jüngsten Aufdeckung der unerträglichen zahlreichen Missbrauchsfälle.

Aber so könnte man einwenden, was ist dann mit der katholischen Hochschätzung von Ehe und Familie, speziell der dogmatischen Verklärung der Ehe zum „Sakrament“? Denn dieses besteht nach römischer Auffassung je gerade darin, dass sich die vor Gott einigen Mann und Frau das Sakrament der Ehe gegenseitig „spenden“, ja dass erst im – nun ja, wie genant! – geschlechtlichen Vollzug dieses erst zur wirksamen Vollendung kommt. Platt formuliert: gab es keinen Geschlechtsverkehr, dann wurde die Ehe nie vollzogen und kann mit höchstem kirchenamtlichem Segen anulliert werden – oftmals geschehen und immer noch gängige, zumindest theologisch anerkannte Praxis in der katholischen Kirche. Zugespitzt gedacht kann demnach ein reger Gebrauch des Kondoms bei Eheleuten deren Ehe nichtig machen, wenn es nie zum „Vollzug“ kommt mit entsprechender Empfängnis, denn sie allein, die Zeugung, ist der einzige Sinn und Zweck des ganzen sexuellen Unternehmens. Spaß dabei hindert nur den höheren Zweck, ist demnach ganz gewiss vom Teufel.

Das zum dogmatischen Hintergrund. Und nun diese neuen Äußerungen zum Kondom! Nun ja, der Papst kommt an der Realität nicht ganz vorbei, wie Christian Geyer heute aufklärt: Für die aufgebrachten Traditionalisten liefert Benedikt an anderer Stelle des Buches den großen, das Verhältnis von Säkularität und Religion betreffenden Zusammenhang der leidigen Gummi-Frage nach: „Das Christliche darf nicht zu einer archaischen Schicht werden, die ich irgendwie festhalte und gewissermaßen neben der Modernität lebe. Es ist etwas seltsam Lebendiges, etwas Modernes, das meine gesamte Modernität durchformt und gestaltet – und sie insofern regelrecht umarmt.“ Nicht ganz archaisch, aber doch immer noch reichlich archaisch genug – und bigott! Dazu passen die Aussagen zur Homosexualität – alles wie gehabt: So ist zum Beispiel Homosexualität mit dem Priesterberuf unvereinbar, sagt der Papst mit aller Autorität. „Denn dann hat ja auch der Zölibat als Verzicht keinen Sinn. Es wäre eine große Gefahr, wenn der Zölibat sozusagen zum Anlass würde, Leute, die ohnehin nicht heiraten mögen, ins Priestertum hineinzuführen, weil letztlich auch deren Stellung zu Mann und Frau irgendwie verändert, irritiert ist, auf jeden Fall nicht in Schöpfungsrichtung steht“. Alles altbekannt, vormodern, verquer. Man fasst es nicht. In der Realität angekommen? In welcher? In der des Vatikan?

Dazu passt da andere Thema Ratzingers, das in den News-Schatten der „Gummi-Frage“ geriet: sein Bedauern über die Aufhebung der Exkommunikation Bischof Richard Williamson am 24.09.2009 – ja, so lange ist das schon her. Wenn er gewusst hätte, dass der Bischof die Existenz der Gaskammern der Nazis leugnet, hätte er ihn nicht teilrehabilitiert, wird der Papst zitiert. Wenn er es gewusst hätte! Es war ja auch völlig unbekannt, was Williamson 2008 in einem Interview mit dem schwedischen Fernsehen rausposaunt hatte – das ging durch die gesamte Presse. Niedlich fast und völlig unbedarft klingt es da, wenn nun Ratzinger weiter zitiert wird: Der Papst hätte diese Entscheidung nicht getroffen, schreibt er bei Seewald, wenn er Kenntnis davon gehabt hätte, dass Williamson die Existenz von Gaskammern in nationalsozialistischen Lagern leugne. „Dann hätte zunächst der Fall Williamson abgetrennt werden müssen“, wurde der Papst am Montag zitiert: „Aber leider hat niemand bei uns im Internet nachgeschaut und wahrgenommen, um wen es sich hier handelt.“ (FAZ vom 23.11.2010 S. 5). Na so was, sie haben im Vatikan nicht im Internet nachgeschaut, das ist es also! Nicht zu fassen. Liest dort keiner Zeitung oder hört Radionachrichten? Gibt es dazu keine Akten und Referenten, die darüber ein Dossier erstellt haben? Entscheidet der Papst einfach nach Gusto? Wie dumm ist Ratzinger wirklich – oder für wie dumm will er das staunende Publikum verkaufen?

Zumindest weit abgehoben von der Wirklichkeit lebt dieser Papst in seinem mittelalterlichen Gepränge im Vatikan, einem Monarchen aus vergangenen Jahrhunderten gleich. Dieses feudale Kirchenoberhaupt weiß entweder gar nicht, was es sagt, oder es will die „Schäfchen“, also die Menschen unserer Zeit, ganz harmlos und dumm halten. Das hätte allerdings auch eine lange katholische Tradition.

 24. November 2010  Posted by at 11:29 Moderne, Papst, Rom Katholisch, Sexualität Kommentare deaktiviert für >Der Papst – unfassbar
Mrz 212010
 

>Beim Stichwort „Systemkrise“ denken wir vielleicht zuerst an die Wirtschafts- und Finanzwelt. Dass die Finanzakrobaten (und alle Privatanleger und Politiker, die da eifrig mit gemacht und mit spekuliert haben) das Wirtschaftssystem in eine Krise gestürzt haben, ist unstrittig. Wir haben uns an den Begriff „systemischer Auswirkungen“ bei der Schieflage einzelner Bankinstitute gewöhnen müssen. Wie entschlossen und tiefgreifend die aus dieser Krise zu ziehenden oder bereits gezogenen Konsequenzen ausfallen – oder ob wirkliche Konsequenzen schlicht ‚ausfallen‘, sei einmal dahin gestellt. Recht einig ist man sich allenfalls darin, dass es sich um eine schwere Krise des Finanzsystems gehandelt habe.

Bei dem, was wir derzeit im Raum der Kirchen erleben, wird das erstaunlicherweise strikt geleugnet. Im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung steht die katholische Kirche, die schwersten sexuellen Missbrauch an ihr anvertrauten Kindern und Jugendlichen jahrzehntelang und landesweit in kaum glaublichem Umfang geduldet, verharmlost und vertuscht hat – bis hinauf zu den höchsten Repräsentanten des deutschen Katholizismus, siehe Zollitsch. Dennoch weigert sich die katholische Kirche beharrlich, auch nur ansatzweise von einer „Systemkrise“ zu sprechen. Der jüngste Hirtenbrief des Papstes an die irischen Bischöfe räumt zwar Schuld ein, verweist aber auch die Verfehlungen einzelner und beklagt die erschreckenden Tendenzen der „Verweltlichung“, die unsere modernen Gesellschaften prägten und die für sexuelle Exzesse mitverantwortlich seien. Überhaupt scheint dem Papst mehr am Imageschaden der katholischen Kirche als an den Opfern und dem Aufarbeiten des offenkundigen Unrechts zu liegen. Dies würde zu allererst den Zusammenhang von vormoderner Sexualmoral, zölibatärem Selbstbetrug und scheinheiligem Machtanspruch gegenüber einzelnen Menschen (Ohrenbeichte) und Gesellschaften (Konkordate) aufdecken müssen. Es geht gerade um das System „katholische Kirche“, das hier auf den kritischen Prüfstand gehört. Dies System entstammt vordemokratischen und vormodernen Zeiten und hat eine „Reformation“ und „Aufklärung“ immer noch vor sich. Die Bewegung „Wir sind Kirche“ fordert zu Recht die Klärung dieses „globalen Strukturproblems“ in der katholischen Kirche. Vormodernen Fundamentalismus gibt es eben keineswegs nur im Islam, sondern – wir können es nur erschrocken registrieren – mitten in der christlichen Religion, besonders ätzend und für die Opfer entwürdigend in der katholischen Kirche als ganzer, eben als System. Der Papst und die Bischöfe scheuen diese offene Auseinandersetzung mit den kritischen Systemfragen wie der Teufel das Weihwasser. Soeben höre ich im Radio (BR), der Regensburger Bischof Müller habe die „Angriffe“ und „Medienkampagne“ gegen die katholische Kirche mit den Anfeindungen und Hetzkampagnen im Nationalsozialismus verglichen. Das ist schon starker Tobak! Das Kartell des Vertuschens und Verschweigens, die ‚organisierte Kriminalität‘ katholischer Sexualmoral und -praxis innerhalb der eigenen Mauern führt sehr schnell zur eigentlichen Machtfrage, das scheint der Regensburger Bischof gemerkt zu haben. Können wir uns in unseren modernen, offenen Gesellschaften tatsächlich noch ein solch archaisches, zudem privilegiertes „System Kirche“ leisten? Muss hier nicht mit denselben Maßstäben gerechnet und gerechtet werden wie bei allen anderen gesellschaftliche Gruppen und Vereinen? – Es wird Zeit, dass die katholische Kirche als Bollwerk antidemokratischer Vormoderne vom Sockel ihrer selbstgefälligen Scheinheiligkeit herunter geholt wird.

Übrigens haben in dieser Frage des sexuellen Missbrauchs und vormoderner Glaubenswelten auch die evangelischen Kirchen ihr Päckchen zu tragen; es ist reine Glücksache, dass sie derzeit nicht im Fokus des öffentlichen Interesses stehen wie seinerzeit im Fall Käßmann. Missbrauchsfälle gibt es auch hier zuhauf, sowohl was die Vergangenheit in Heimen und Pflegeeinrichtungen der kirchlichen Diakonie betrifft (siehe das Schuldeingeständnis der Hannoverschen Landeskirche von 2008) als auch was kirchliche Internate und Schulen in der Gegenwart angeht (siehe die erschreckenden Meldungen über eine Sonderschule der evangelischen Diakonie). Der frühere Schulleiter des Internats „Odenwaldschule“ Gerold Becker war evangelischer Religionslehrer. Trotz der Erfahrungen und Lehren der Reformation und der Zeit der Aufklärung hat auch der Protestantismus das alte Kleid der selbstgerechten Engstirnigkeit und der naiv-doktrinären Glaubensenge keineswegs abgestreift. Es geht auch hier ums System, um das System christlicher Religion und Kirchlichkeit in der Neuzeit, in der heutigen Zeit der offenen Gesellschaften und ihrer modernen Lebenswerte. Auch hier gilt: Fundamentalismus, Gewaltbereitschaft, sexuelle Ausbeutung und Misshandlung finden mitten im Raum der christlichen Kirchen statt. Kirchenkritik reicht da nicht aus, Religionskritik ist dringend nötig. Wer vom Islam die Bereitschaft zur Veränderung, zu einer „Aufklärung“ und Anerkennung westlicher Freiheitswerte fordert, der sollte erst einmal bei sich selber beginnen. Auch die christlichen Kirchen haben da noch einen langen Weg vor sich. Religion in der Neuzeit ist eine Religion im Umbruch – oder im Verfall. Den Verfall der kirchlichen Sitten erleben wir inzwischen täglich.

 21. März 2010  Posted by at 07:40 Aufklärung, Katholisch, Kirchen, Kritik, Moderne, Religion, Sexualität Kommentare deaktiviert für >Systemkrise