Apr 062012
 
Die  Kirchen sollten ihr Glaubensangebot etwas bescheidener als ein pluralistisches Sinnangebot unter vielen darstellen. Alles andere ist Dogmatismus oder schlimmer noch: christlicher Fundamentalismus. Ob nun evangelikal oder päpstlich: darin zeigt sich nur der arroganter Herrschaftsanspruch einer vormodernen Tradition. Dem sollte gerade zu Ostern widersprochen werden.

Es ist schon merkwürdig: Alle Jahre wieder zu den sogenannten „hohen“ christlichen Feiertagen machen sich die klassischen Medien Zeitung, Radio, Fernsehen zum Diener des Christenglaubens.  Da werden auf einmal in den Nachrichten Glaubensinhalte als „news“ verbreitet. Der Papst wäscht 12 Priestern die Füße, „so wie es der Überlieferung nach Jesus am Gründonnerstag beim Abendmahl getan hat“. So etwa wurden in der Tagesschau Bilder aus dem Petersdom kommentiert. Entsprechendes kann man dann zum Karfreitag und bei den Nachrichten über das Osterfest hören und sehen, wo Christen (immerhin, diese Einschränkung wird heute gemacht) „die Auferstehung Jesu feiern“. Das bedeutet die Vermischung von Glaubensaussagen mit Tatsachenbehauptungen. Und dies sollte es eigentlich in religiös neutralen Medien nicht mehr geben. Es ist nur Liebedienerei vor dem Universalanspruch des christlichen Weltbildes seitens der Kirchen und ihrer Amtsträger, insbesondere des Papstes.

Religiöse Weltbilder beruhen auf Glaubensinhalten, die sich entweder dem Bereich vernünftigen Weltzugangs entziehen und / oder im Bezug auf gegebene Wirklichkeit symbolischen Charakter haben, also Deutungsmuster der Wirklichkeit liefern. Glaubensinhalte haben es aber nie mit Tatsachen zu tun, die in Raum und Zeit eindeutig als Geschehen zuzuordnen sind. Wenn Religion dies tut, für ihre Glaubensgegenstände faktische Tatsächlichkeit im Sinne allgemein vernünftiger Zugänglichkeit und Verifizierbarkeit zu behaupten, dann begeht sie eine unzulässige Grenzüberschreitung. Religiöse Menschen und Funktionäre der Kirchen mögen das als legitim und ihrer „Sache des Glaubens“ gemäß ansehen, aber dagegen muss sich die säkulare, historisch aufgeklärte Vernunft entschieden wehren. Glaubensinhalte und sogenannte „Glaubenstatsachen“ können keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und vernünftige Anerkenntnis erheben. Was geglaubt wird, liegt im Bereich der Religionen und ihrer Anhänger. Die tatsächlichen Dinge, die eben als solche „der Fall sind“, gehören in den Bereich der menschlichen Ratio, des vernunftgeleiteten Weltzugangs und Weltwissens.

Beide Bereiche, in Stichworten „Glauben und Wissen“, eben gewissenhaft zu trennen und keine Übergriffe zu dulden, weder von Seiten des Glaubens in den Bereich z.B. der Naturwissenschaft noch von Seiten der Wissenschaft in den Bereich geglaubter Sinngehalte, gehört zu den Errungenschaften aufgeklärten Denkens und zu den Grundlagen der Neuzeit. Religion ist in Sachen des Glaubens so frei, wie es die Wissenschaft im Bereich der Vernunfterkenntnis und tatsächlicher Weltbewältigung ist. Ein Übergriff der säkularen Vernunft gegenüber dem religiösen Glauben welcher Provenienz auch immer wäre ein zu kritisierender rationalistisch-dogmatischer Säkularismus; ein Übergriff des Glaubens auf den Bereich vernünftiger Welterkenntnis und Weltbewältigung wäre ein ebenso zu kritisierender religiös-dogmatischer Fundamentalismus. Gerade die katholische Kirche tut unter ihren letzten Päpsten alles, um diesem religiösem Dogmatismus wieder zur Vorherrschaft zu verhelfen – denn um Herrschaft geht es dabei. Dem muss entschieden entgegengetreten werden.

Ebenso muss dem immer noch und immer wieder bemühten Eindruck begegnet werden, als handle es sich bei den „Osterereignissen“ der christlichen Religion um historische Tatsachen. Die historisch-kritische Erforschung der Bibel seit dem 18. Jahrhundert und ihre durchaus kritische Aneignung in der wissenschaftlichen Theologie der Neuzeit bis in unsere Tage hinein hat erbracht, dass die Schriften der Bibel eben nicht als „Tatsachenberichte“, sondern als Glaubensverkündigung gelesen sein wollen. Einigen der in den neutestatemtlichen Schriften geschilderten „Ereignisse“ mag jeweils ein historischer Kern oder besser Anlass zugrunde liegen, den herauszuarbeiten durchaus schwierig und oft strittig ist. Die Glaubensgeschichte selber aber hat und braucht keinerlei Anhalt an historischer Tatsächlichkeit, bestenfalls deutet und interpretiert sie „Geschichte“, d.h. bestimmte historische Geschehnisse.

Die Vermischung von Glaubensgeschichte und historischer Tatsächlichkeit führt zu solch merkwürdigen Nachrichten-Meldungen und Kommentaren, wie wir sie immer an den christlichen Feiertagen erleben. Unerlaubte Grenzüberschreitungen sind es, die nur eine Grunderkenntnis verwischen, dass nämlich Glaubensinhalte und historische Ereignisse zwei ganz verschiedene Dinge in zwei ganz unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit sind. Es sollte inzwischen auch in den Redaktionen von Zeitungen, Radio und Fernsehen zum Allgemeinwissen gehören, dass die christliche „Passionsgeschichte“ nur eine besondere Art religiöser Legende ist. Über ihren Sinn mag man trefflich streiten und sich darüber austauschen. Tatsächlichkeit zu behaupten ist Unfug. Allenfalls das reine Dass des gewaltsamen Todes eines gewissen Jeshua kann als historisch einigermaßen gesichert gelten, alles weitere ist religiöse Deutung und dogmatisches Interpretament. In Sachen „Schöpfungslehre“ und Evolution ist die missbräuchliche Grenzüberschreitung und Kategorienvermischung mindestens ebenso deutlich und verhängnisvoll; dies wird durch den Trick der Rede vom „intelligent design“ nur bewusst verschleiert. Aber das ist ein anderes Thema.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man sich in den öffentlichen Medien zu Ostern einer klaren begrifflichen weil sachlichen Trennung bewusst wäre. Man würde dann nicht mehr so naiv einer Historisierung von Glaubensinhalten Vorschub leisten. Denn das ist nur Volksverdummung, die leider die Kirchen im Interesse der Vorherrschaft ihres Weltbildes immer wieder betreiben.

 6. April 2012  Posted by at 12:25 Aufklärung, Dummheit, Fundamentalismus, Geschichte, Kirchen, Nachrichten, Neuzeit, Papst, Religionskritik, Vatikan Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Arroganz der Religion
Okt 152011
 

Resümee eines Gespräches.

Die Trennung von Staat und Religion (Kirche) ist in Deutschland nicht so strikt wie andernorts, z.B. in Frankreich. Das dort praktizierte Modell der völligen Trennung von Staat und Kirche wird „säkularistisch“ genannt. Die Verfasser des Grundgesetzes haben das anders gesehen; die gesellschaftliche Wirklichkeit hat sich anders gestaltet. Und das ist auch gut so.

Dagegen steht die These: „Ein säkularer modernen Staat ist die einzige Alternative zur Theokratie.“ Dafür verweisen manche auf das Beispiel der USA. Im „First Amendmend“ heisst es: „Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances.“ Wenn dann aber auf die Schriften von Christopher Hitchens über die Stellung der Religionen im liberalen Staat oder auf den polemischen Antitheisten Richard Dawkins verwiesen wird, dann wird eine Tendenz erkennbar, die den Staat von jeder Beziehung zur Religion „befreien“ will.

Christopher Hitchens (britisch-amerikanisch) ist ein ein klassischer Libertärer, aber dennoch in dieser Frage „Partei“, d.h. ein Anhänger des Atheismus, und  das kann auch eine Weltanschauung sein. Seine Ansichten sind gewiss interessant und diskutabel, aber als einziger Maßstab für die Beurteilung von Religion und Säkularität doch sehr einseitig. Dagegen hat der ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof zum bei uns gewachsenen Verhältnis von Staat und Kirche sehr Erhellendes und Bedenkenswertes geschrieben: „Die postsäkulare Gesellschaft“, leider nicht frei verfügbar (Kostenpflichtig unter http://www.seiten.faz-archiv.de/faz/20040603/fd1200406032300260.html). In unserer Gesellschaft und Kultur spielt das Christentum eine heraus ragende Rolle. Darum gehört meines Erachtens auch die Kenntnis der Bibel zum grundlegenden Kulturwissen auch in den Schulen: Immerhin ist die Bibel von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Tradition und das Verständnis unserer Kultur, für Kunst in all ihren Formen (Architektur, Skulptur, Malerei, Musik, Poesie und Literatur), wie immer man diese Bedeutung dann im Einzelnen bewerten mag.

Mich wundert immer wieder, wenn man gerade die USA als Beispiel für einen „säkularen Staat“ anführt – das „1. Amendment“ ist zwar Norm, aber die Wirklichkeit sieht sehr anders aus: Man müsste die sog. amerikanische „Zivilreligion“ bewerten, die zur Grundideologie der USA gehört. Außerdem gibt es kaum ein anderes westliches Land, in dem die „Religion“ für Staat und Politik so einflussreich und bedeutend ist wie in den USA. Der sprichwörtliche „bible belt“ ist wahlentscheidend für jeden Präsidenten.

Sieht man sich die Declaration of Independence (wirklich ein fulminanter historischer Text!), die Bill of Rights und das „1. Amendment“ an, so wird man leicht zu dem Urteil kommen, dass kein anderer Staat der Neuzeit die Ideale der Aufklärung so konsequent in „Verfassungsrecht“ gegossen hat wie die USA. Sieht man die Wirklichkeit an, nicht erst heute, sondern auch schon zur Zeit und im Verlaufe des Bürgerkriegs (hehre Motive – fürchterliche Metzeleien), so wird einem schwarz vor Augen, wie weit Verfassungsnorm und Verfassungswirklichkeit dort auseinander liegen, im Hinblick auf Bürgerrechte (seit Guantanamo gilt nicht einmal mehr „habeas corpus“, eine freiheitsrechtliche Ur-Errungenschaft), auf Redefreiheit (das falsche Wort im falschen post – schon kann das FBI da sein wegen Terrorismusverdacht) und eben auch in Sachen Säkularität. Gerade in den USA kann ich von den einstigen Prinzipien der Trennung von Religion und Staat kaum mehr etwas wiederfinden (-> http://swampland.time.com/2011/05/06/natl-day-of-prayer-gop-only-please/) Der „Pledge of Allegiance“ gehört in den öffentlichen Schulen der USA zum „Morgenritual“, einschließlich der Formulierung „nation under god“ (seit 1954). Da ist unsere deutsche Wirklichkeit im Vergleich zur Verfassungsnorm vergleichsweise „konsistent“.

Religion ist immer öffentlich; sie als reine Privatsache zu erklären, verkennt einen Teil des Wesens von Religion. In der Tat muss dieser Öffentlichkeits- und Missionierungsdrang sozial verträglich „eingehegt“ (Habermas) werden; auch Religion muss sich in der Zivilgesellschaft an die Errungenschaften des gewaltfreien Dialogs „gewöhnen“; „Theokratie“ bleibt ausgeschlossen. Das ist wahrhaftig gut so! Jürgen Habermas bringt das in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises 2002 auf den Punkt (http://www.glasnost.de/docs01/011014habermas.html).

Es ist letztlich eine Frage der Praxis, auch des Pragmatismus, wo dann jeweils die Grenzen gezogen werden im Verhältnis von Staat und Kirche. Weder die Kirchensteuer noch der konfessionelle Religionsunterricht haben Ewigkeitswert; es sind Produkte einer bestimmten historischen Situation. Ich bin durchaus der Meinung, dass dies heute anders bedacht und entsprechend anders geregelt werden müsste. Allerdings sind hierzulande die kulturellen Aspekte des Christentums zu würdigen; einen Traditionsbruch möchte ich vermeiden, um nicht das „Kind mit dem Bade auszuschütten“. Die Kritik religiöser und kirchlicher Praktiken ist aus Vernunftgründen erforderlich und nötig im Sinne der „Einhegung“ (Habermas) der Religion, schon allein um sie ihres immanenten Macht- und Gewaltpotentials zu entkleiden. Ich sehe aber auch das Positive der Religion und ihrer Symbole & Rituale – und vor allem lehrt mich die Geschichte und meine Erfahrung, dass man Religion auch in der Öffentlichkeit nicht unterdrücken darf, sonst kommt die nächste Ideologie zu anderen Tür herein.

Darum bedarf es im Gespräch zwischen Religionskundigen und Religionskritikern vor allem des Respektes voreinander. Respekt gegenüber einer Meinung zu erwarten, ist eigentlich sprachlich eine Kontraktion: Respekt gilt immer gegenüber einer Person, Toleranz gegenüber anderen Auffassungen. Wenn ich eine Meinung respektiere, dann müsste es genauer heißen: jemanden als Person zu respektieren (und entsprechend höflich und wohlwollend zu behandeln) und seine Meinung zu tolerieren, ohne ihr zustimmen zu müssen. Dieser umgangssprachliche Gebrauch von „Respekt“ (Person und Sache gegenüber) ist durchaus sinnvoll, denn fehlender Respekt und Intoleranz sind immer wieder äußerst benachbart gewesen. Ob man sich Respekt tatsächlich „verdienen“ muss, das wage ich zu bezweifeln; das hat für mich einen arroganten und zugleich intoleranten Ruch. Jeder Mensch „verdient“ schon als Person qua Menschenwürde Respekt. Die beschworenen säkularistischen Ideale (Voltaire, Jefferson usw.) entspringen der Aufklärung, wahrlich eine idealistische Zeit. Doch sie hat ebenso die französische Revolution samt Jakobinern und Guillotine hervorgebracht.

Das gilt als geschichtliche Erfahrung zu aller Zeit: Hinter den Idealisten wartete oft genug ein Henker.

 15. Oktober 2011  Posted by at 19:58 Kirchen, Religion, Religionskritik, Staat Kommentare deaktiviert für Staat und Religion
Sep 252011
 

>Protestanten haben von einem Papst nichts zu erwarten, von diesem Benedikt nicht, wohl auch von keinem anderen; er müsste denn aufhören, Papst zu sein.

Allzu leicht wird im sogenannten „ökumenischen Dialog“, also auch auf wohlmeinender römisch-katholischer Seite ebenso wie auf engagierter evangelischer Seite verkannt, dass es zwischen Evangelischen und Katholiken gar nicht ausschließlich und vielleicht nicht einmal in erster Linie um Fragen des Glaubens geht, sondern viel  mehr um Struktur- und Machtfragen, um Fragen der Deutungsmacht in Sachen des Glaubens und Denkens und um Herrschaftsstrukturen innerhalb der Kirche: um Macht über Geldmittel (Kapital) und Seelen (Gewissen). Diese Fragen waren der wesentliche Anlass für die „Protestation“ der evangelischen Stände gegen die erneute Inkraftsetzung des Wormser Edikts (1521) und damit gegen die kompromisslose Durchsetzung des Vormacht- und Herrschaftsanspruchs der katholischen Stände, vor allem der „geistlichen“ Reichsfürsten, im Namen des römischen Papstes und seines Kaisers Karl V. auf dem Reichstag zu Speyer 1529. Von da an wurden die Gegner des Papstes, die sich auf das Evangelium und ihr Gewissen beriefen, „Protestanten“ genannt. Ein guter Name für eine Reformbewegung, deren Wesenskern die fundamentale Neubestimmung der Religion und des Einzelnen in der Neuzeit einleitete.

Der Papst Ratzinger nahm jetzt in Erfurt bei seinem Gespräch mit den Protestanten Bezug auf Luthers Frage, die da laute, „wie steht Gott zu mir, wie stehe ich vor Gott?“. Dies sei eine „brennende Frage“, betonte der Papst, sie „muss wieder neu und gewiss in neuer Form auch unsere Frage werden“. Das war alles. Bernd Buchner von der offiziellen Internetplattform evangelisch.de beschreibt klar und deutlich, „wie die evangelischen Erwartungen enttäuscht wurden“. Nun, viele Erwartungen waren und bleiben einfach eine Illusion. „Der Papst hielt zwei Reden, eine im geschlossenen Kreis, eine in der Öffentlichkeit. In der ersten ging er auf Luther ein, würdigte Luthers lebenslange Suche nach einem gnädigen Gott. Kein Wort aber zur Reformation als solcher, ebenso wenig in der öffentlichen Predigt, in der auch Luther nicht mehr vorkam.“ Und Buchner spricht zu Recht von einer „schallenden Ohrfeige“, die der Papst den protestantischen Gesprächspartnern verpasste: „Mehr noch: Benedikt XVI. ging von sich aus auf das vermeintliche „ökumenische Gastgeschenk“ ein und schmetterte jenen, die auf derlei gehofft hatten, ein klares „Nein“ entgegen. Der Glaube könne nicht auf Kompromissen beruhen, auf der Abwägung von Vor- und Nachteilen. „Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos“, so der Papst.“ Das ist seit Jahrhunderten die Sicht der römischen Kirche, die von „Kirche“ übrigens stets in der Einzahl spricht: Es gibt aus päpstlicher Sicht eben nur eine Kirche, die römisch-katholische. Mag ein Papst auch Luthers Frage nach dem „gnädigen Gott“ würdigen und betonen, wie wichtig doch die lebenslange Suche nach Gott sei, besonders in einer säkularen Welt, so weiß er doch immer schon die Antwort, und sie schwingt in allen Äußerungen eines, dieses Papstes mit: Gefunden wird die Antwort nur „in der Gemeinschaft der Kirche“, sprich im Schoße der römischen Papstkirche. Alles andere, liebe Protestanten, ist eben „ein selbstgemachter Glaube“, sprich Irrtum, Lüge. Da kann es für einen römischen Oberhirten keinen Kompromiss geben, jetzt nicht und in Zukunft nicht. Wer anderes hofft, hängt einer Illusion an.

Luthers theologische Erkenntnisse, die „reformatorische Entdeckung“ im Römerbrief, die unter anderem in der objektiven Gerechtigkeit Gottes gipfelte, nach der Gott seine Rechtfertigung frei und voraussetzungslos schenkt, die der Mensch dann im Glauben nur anerkennen kann, diese Entdeckung ist ja nur die eine Seite Luthers. Die andere große, für Luther viel niederschmetterndere Entdeckung war, dass er den Hauptgegner  der evangelischen Wahrheit, des christlichen Glaubens überhaupt, dass er diesen endzeitlichen Feind, den „Antichrist“, mitten in der Kirche vorfand, auf dem Stuhle Petri sitzend. Der Papst, der Papst, das ist der Antichrist, schrie und schrieb Luther wieder und wieder. Das monarchische Episkopat mit Rom an der Spitze, die bedingungslose Gewalt („Schlüsselgewalt“), die jeder Papst über die Seelen seiner Gläubigen beansprucht, die durchgesetzte Weltherrschaft mittels Geld und Soldaten und ihm willfährigen Kaisern (wie es Karl V. zumindest zeitweise war), – all dies war neben den bekannten „Missständen“ in den Klöstern und bei den sog. Bettelmönchen der Hauptgrund für Martin Luther, sich dem Kampf gegen die „Papstkirche“ zu verschreiben. Es war sehr bald kein Eintreten mehr für eine Kirchenreform, es wurde spätestens ab dem Reichstag zu Worms 1521 ein Kampf um die wahre Kirche, um den rechten Glauben, um die Freiheit der Gewissen und um den Vorrang der Vernunft des Einzelnen vor den autoritären und mächtigen Institutionen wie Papst und Konzil. Hatte Luther noch 1517 beim Thesenanschlag (allerdings in der überlieferten Form wohl nicht historisch gesichert) an ein allgemeines Konzil appelliert, so entdeckte und bekannte er bald, dass auch Konzilien irren können (Leipziger Disputation 1519) und im Falle Johann Hus 1415 in Konstanz auch geirrt hätten. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 formulierte er nach den Reichstagsakten so: „„… wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“ Das war nicht nur ein Bruch mit der bisherigen kirchlichen Tradition, das war zugleich die Kampfansage an die verfasste Papstkirche. Genau so wurde seine Erklärung auch richtig verstanden. Und genau dies gilt auch heute noch mit gleicher Deutlichkeit.

Der „Antichrist“ in der Kirche, formulieren wir es weniger chiliastisch, dramatisch: der Widersacher des christlichen Glaubens und eines freien Bekenntnisses mitten in der Kirche – das war ein Schock, für Luther damals, und trotz aller ökumenischen Begeisterung, das gilt auch noch heute. Denn die Papstkirche hat sich keineswegs verändert, eher das Gegenteil ist eingetreten. Seit dem Konzil von Trient (1545 – 1563) ist die Macht der Päpste noch stärker geworden, bekräftigt und ausgebaut. Auf dem 1. Vatikanischen Konzil 1870 ließ Papst Pius IX. Glaubens- und Lehrentscheidungen des römischen Papstes als „unfehlbar“ dogmatisieren. Mittels dieses Dogmas wurde 1950 (!) durch Papst Pius XII. die „leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel“ dekretiert und als unfehlbares Dogma zur Glaubenspflicht aller römisch-katholischen Christen erklärt. Versuche von Papst Johannes XXIII., durch das 2. Vatikanische Konzil (1962 – 1965) den Gedanken einer kollegialen Führung der römischen Kirche neu zu beleben, führten letztlich zu keiner Veränderung. Unter Papst Johannes Paul II. (Wojtyla) und jetzt unter Josef Ratzinger als Papst Benedikt XVI. ist eher wieder eine Stärkung des monarchischen Episkopats und der alleinigen Autorität Roms festzustellen. Der Impuls vom Vatikanum II ist völlig ins Leere gelaufen.

Fragen des Glaubens und der Theologie sind längst nicht mehr „kirchentrennend“: Es gibt innerhalb der protestantischen Theologie ebenso viele Spiel- und Denkarten (von streng-lutherisch bis liberal reformiert) wie auf katholisch-theologischer Seite. Karl Rahner und Hans Küng sind als Theologen oft ebenso „evangelisch“ wie „katholisch“. Sich um die Rechtfertigungslehre zu streiten und um Kompromissformeln zu bemühen wie in der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ von 1999 (die zudem nie ratifiziert wurde und damit unverbindlich blieb) ist völlig müßig und durch die Zeitläufe überholt. Der „Knackpunkt“ zwischen römischen Katholiken und Protestanten ist und bleibt der Papst: nicht nur das Bischofsamt, sondern dessen monarchisch-autoritäre Form; nicht nur ein Papst als oberster Repräsentant einer Kirche, sondern der Papst als Feudalherrscher über Seelen und Gewissen, mit angemaßter Gewalt über ewigen Frieden und Seligkeit; nicht nur ein Kirchenstaat à la Vatikan, sondern ein multinationaler Konzern („Weltkirche“) mit mafiösen Strukturen und Praktiken, die nahe ans Kriminelle grenzen; nicht nur die Starrheit und Unbelehrbarkeit der römischen Kirchenoberen, sondern deren kriminelle Vertuschung des weltweit verbreiteten Missbrauchs von Kindern und Abhängigen; gerade Letzteres macht die römisch-katholische Kirche zu einer Art „organisierter Kriminalität“ – nicht „rk“, sondern „OK“.

Liest man die große Reportage des SPIEGEL (19.09.1911 Nr. 38: „Der Unbelehrbare“) über das Vordringen des rechts-konservativen Katholizismus und seiner Bischöfe in Ämtern und Positionen hierzulande und weltweit, so kann einem nur das Gruseln kommen. Mag der Artikel auch einseitig sein, so sind die berichteten Fakten eben doch mindestens die eine Seite, bei diesem Ratzinger-Papst sogar die dominierende; es ist halt doch der ehemalige Chef der „Heiligen Inquisition“, neuerdings „Glaubenskongregation“ genannt, der hier Papst geworden ist: der Wolf im Schafspelz.

Es ist gut, dass es gegenüber diesem römischen Machtapparat und seinem vorneuzeitlichen Feudalismus eine große Gruppe von reformatorischen Kirchen gibt, die sich dem religiösen Diktat und Machtanspruch Roms widersetzen, die gegen den Fundamentalismus und die Doktrination, gegen die Gewissensknechtung und die Heuchelei, eben gegen die anti-freiheitliche und anti-moderne Papstkirche eines Ratzingers „protestieren“.

Eben drum: Protestanten sind Protestanten – und das ist auch gut so.

 25. September 2011  Posted by at 08:50 Neuzeit, Papst, Protestantismus, Religionskritik, Rom Katholisch Kommentare deaktiviert für >Protestanten sind Protestanten!
Mrz 302010
 

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Fundamentalisten aller Länder (hier nur die aktuellste unglaubliche Nachricht ) (Realsatire?) und verschiedener Religionen treiben ihr Unwesen und weisen auf die dunkle Seite aller Religion hin: die Vernunft zu diskreditieren, den Menschen psychisch total in Beschlag zu nehmen und vorneuzeitliche Praktiken und Welt- oder Gesellschaftsbilder zu transportieren. Das führt dann bei religiösen Fundamentalisten stets sehr schnell zu Intoleranz, Fanatismus und Gewalt. Gewalt ist den Religionen offenbar inhärent. Die Geschichte hat das bisher jedenfalls so gezeigt. Dagegen hilft nur Aufklärung und Religions-, bei uns insbesondere Kirchenkritik. Das beschränkt sich keineswegs nur auf den römischen Katholizismus oder die Orthodoxie. Diese US-Fundis hier in der Meldung gehören zum protestantischen Religionskreis „Bible belt„. Nun, Calvin (im Genfer Religionsregime) und Luther (im Bauernkrieg) haben es schließlich vorgemacht. Gewalt gehört auf jeden Fall zur Geschichte der christlichen Religion und Konfessionen dazu.

Wie gesagt: Jede Religion gehört durchs Feuer der Aufklärung und der Religionskritik geschickt, keineswegs nur der Islam…

 30. März 2010  Posted by at 14:26 Aufklärung, Christentum, Protestantismus, Religion, Religionskritik Kommentare deaktiviert für >Fundamentalisten aller Länder…