Jun 212012
 

Der  Thread bei Google+ zum meinem Beitrag „Komplexität und Populismus“  hier im Blog ist zwar etwas daneben gegangen, bringt mich aber dazu, eine Erläuterung und Präzisierung nachzuliefern.

Dass die Lebensbedingungen in unserer heutigen Welt zunehmend „kompliziert“ geworden sind, ist trivial. Dass Menschen ihre Verhältnisse und Umwelt lieber „einfach“ und übersichtlich haben wollen, ist ebenso trivial. Dass man sich dann gerne auf Kompliziertes einen eigenen Reim macht, welcher erworbene Verstehensschemata (genannt Vorurteile) quasi als Folie oder Raster über das zu erklärende Phänomen legt, ist auch noch ziemlich trivial. So verfahren wir übrigens alle irgendwann. Beispiel: Ist jemand der Überzeugung, Europa stehe in einem Abwehrkampf gegen den Islam, dann werden für denjenigen zahlreiche Einzelphänomene „auf einmal“ leicht erklärbar und verständlich. Die Beschreibung dieser Einzelgegebenheiten kann dann auch äußerst genau erfasst und mit Daten untermauert werden. Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist ein Paradebeispiel für ein solches vorturteilsbehaftetes Erklären bestimmter politischer Phänomene in Deutschland. Sein Buch war ein Renner, weil es Sarrazin geschafft hat, etwas Komplexes durch ein sehr einfaches vorgegebenes (!) Erklärungsschema wiederum „einfach“ zu machen: Ein Fall von nicht sachgerechter Komplexitätsreduktion also. [Bitte keine Diskussion über Sarrazin, dient hier nur als strukturelles Beispiel.] Populismus habe ich das genannt. Auch dieser Sachverhalt ist noch ziemlich trivial.

Bezogen auf komplexe Zusammenhänge ist zur eigenen Urteilsfindung und erst recht für die Evaluierung von Handlungsoptionen stets eine Vereinfachung nötig. Man konzentriert sich „auf das Wesentliche“, sieht von „Randbedingungen“ ab, definiert klare, einfache Ziele und bekommt dann eine leicht verständliche „Situationsanalyse“ mit einer begrenzten, also übersichtlichen Zahl von Handlungs- oder Verhaltensoptionen. Die meisten unserer Entscheidungen im Alltag, der ja ebenfalls ziemlich komplex ist, funktionieren so, und zwar gut. Der Vorteil ist, dass wir uns bei dieser Selbstbeschränkung „auf das Wesentliche“ meist schnell orientieren und entscheiden können. Fehleinschätzungen haben wir dann auch sehr bald selber auszubaden. Auch alles noch überwiegend trivial.

Politik aber funktioniert anders, – sollte sie wenigstens. Da können Randbedingungen eben nicht „einfach“ ausgeblendet werden, da ist oft schon die Feststellung der Ausgangsbedingungen problematisch, erst recht die Prüfung der Auswirkungen bei vorgestellten Handlungsweisen und die Folgenabschätzung bei unterschiedlichen Handlungsoptionen. Die Ziele sind vielleicht noch vergleichsweise einfach zu benennen. Jedes der im vorigen Beitrag als Beispiele genannten Themen ist so komplex, dass schon die Darstellung des Sachverhalts keineswegs mehr trivial ist. Zudem ist jedem bekannt, dass schon kleine Änderungen der Ausgangs- oder Randbedingungen große Auswirkungen auf die möglichen Handlungsoptionen zur Erreichung eines bestimmten Zieles haben. Die Abwägung und Klärung von „Lösungswegen“ ist dann ein ebenfalls äußerst komplexer Vorgang, der von einzelnen Politikern wie von politischen Gremien immer nur durch wenigstens partielle Vereinfachungen (systemische Komplexitätsreduktionen), durch Einschätzung bekannter Verhaltensmuster der Beteiligten und unter Berücksichtigung eigenen Vorerfahrungen („Umwelt“) geleistet werden kann. Sachgerecht sind solche „Vereinfachungen“ dann, wenn eben bestimmte Verläufe temporär unter Außerachtlassung der meisten „Nebenbedingungen“ und „Nebenfolgen“ durchgespielt werden, um zu erkennen, welche Zieltendenzen sich abzeichnen, wo es Differenzen gibt und wo die größte Annäherung an das zu erreichende Ziel zu erwarten ist. Dies Verfahren wäre als multiple Konstruktion einer variablen systemimmanenten Komplexitätsreduktion zu bezeichnen, und das ist alles andere als trivial. Dies allein verdient aber die Bezeichnung „sachgerecht“. Um so etwas jeweils fundiert durchzuführen, bedarf es eines hoch effizienten und top aktuellen Beamtenapparates. Ministeriale sollten das leisten können.

Um diesen ganzen Sachverhalt angemessen zu beschreiben, halte ich die systemtheoretischen Begriffe und Denkmodelle für hilfreich und präzise, eben auch den Begriff der „Komplexitätsreduktion“. – Zwei Probleme zum Abschluss:

1) Auch Menschen in herausgehobener Verantwortung neigen leider oft genug zur Komplexitätsunterschätzung bzw. zur Problemlösung aufgrund von nicht sachgerechten Vor-Urteilen. Die Bush-Administration im Afghanistankrieg hat die Komplexität der (vermeintlichen) Problemlösung dort weit unterschätzt, ebenso wie im Irakkrieg, als mit der Eroberung Bagdads und der Vertreibung Saddams die echten Probleme erst anfingen – auf die niemand in der Administration vorbereitet gewesen zu sein scheint. Ergebnis: Verheerend, beide Male. Ein weiteres Beispiel näher bei uns: Ich vermute (aufgrund der bisherigen Unterlassungen), dass die Bundesregierung bezüglich der propagierten „Energiewende“ einer erheblichen Komplexitätsunterschätzung erliegt. In Sachen „Euro“ scheint man sich wenigstens der Komplexität bewusst zu sein…

2) Entscheidend für meine Überlegungen im vorigen Blogbeitrag war ja die Frage: Wie bringt man Kompliziertes verständlich rüber? Glanzbroschüren drucken hilft da kaum. Ich vermisse einfach weithin auch nur das Bemühen der politisch Verantwortlichen, die komplexen Sachverhalte und Entscheidungsbegründungen den Bürgern sachgerecht und differenziert zu vermitteln. Spätestens „Stuttgart 21“ hat gezeigt, dass der Hinweis auf die formale Rechtsstaatlichkeit des Vorgehens (Legitimation durch Verfahren) nicht reicht. Wenn derzeit das Verfassungsgericht wieder und wieder mehr Beteiligung und Information des Bundestages in Sachen europäischer Beschlüsse anmahnt, dann ist auch dies ein Hinweis darauf, dass die Erklärung und Vermittlung weit reichender Entscheidungen seitens der Politik bei uns völlig unzulänglich sind. Stichwort: „Bringschuld“.

Genial ist der Hinweis, von +Bruno Jennrich, der sich überlegt, „wie man z.b. mit dem smartphone komplexe zusammenhänge sichtbar und „erlebbar“ machen kann. sowie „ökolopoly“ von vester. nur eben einfach erstellbar, und zum herumspielen an den stellschrauben und dem betrachten der möglichen outcomes.“ Toll, genau so etwas wäre es. Vester war vor 20 Jahren ziemlich aktuell, ein solches „Spielmodell“ komplexer Steuerung (Kybernetik) war faszinierend. Was könnte da heute möglich sein! Warum setzt die bpb da nicht mal was Innovatives aufs Gleis? Auch die Erkenntnisse aus dem Bereich „micro learning“ könnten da vielleicht weiterhelfen, +Martin Lindner, als Fachmann für die Gestaltung von „Wissens- und Lernprozessen mit den Mitteln des Internet“ hätte da bestimmt Ideen. Möglichkeiten gäbe es heute also genug, wenns um die Vermittlung komplexer Sachverhalte geht. Man muss es nur wollen, aber, wie ich schon schrieb, man kanns lernen, man kanns machen. Nötig und gut wäre es.

 21. Juni 2012  Posted by at 19:49 Aufklärung, Bildung, Bush, Politik, Sarrazin Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Komplexitätsreduktion? – eine Erläuterung
Aug 162011
 

>Das darf es eigentlich im Jahr 2011 bei uns nicht geben. Das darf es schon gar nicht in einer kirchlichen Einrichtung geben. Die evangelische Kirche hält „Bethel“ bei Bielefeld in hohen Ehren. Und dann sowas. Skandalös ist noch das schwächste Wort. Eine FAZ – Reportage.

Taubblinde in Deutschland

Es liegt keine Problemanzeige vor

Wir glauben, der Staat sorge sich um uns. Doch das ist eine Illusion. Es gibt Lücken. Und Opfer. Wer durch seine Raster fällt, ist verloren – so wie der taubblinde Herr R. Die Geschichte eines Versagens.

16. August 2011 Der Sozialstaat ist ein Versprechen. Er schließt aus, dass ein Mensch das Opfer von Strukturen wird und ins Bodenlose fällt. Wer durch ein Unglück plötzlich einer Minderheit und nicht mehr der Mehrheitsgesellschaft angehört, den fängt der Sozialstaat auf. So muss es sein in Deutschland, denkt man, aber das ist ein Irrtum.
Der Name Bethel stammt aus dem Hebräischen und bedeutet Haus Gottes. Das Haus steht in Bielefeld, es ist ein weitläufiges Dorf mit Parkanlagen, Seen, einem Wald in der Nähe. In Bethel werden Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen betreut, sie leben und arbeiten dort, Bethel ist ihr Zuhause. Vor mehr als hundertvierzig Jahren wurden die Bodelschwinghschen Anstalten gegründet, heute ist Bethel das größte diakonische Unternehmen Europas. Dessen Grundsätze kann man auf der Homepage nachlesen. Dort ist vom „Mensch-Sein“ und vom „christlichen Auftrag“ die Rede. Bethel achte die Würde des Einzelnen und schütze sein Recht auf persönliche Entfaltung. „Unser Ziel ist es, den von uns betreuten Menschen ein Höchstmaß an Lebensqualität zu ermöglichen.“ Wer in Bethel lebt, soll sein Leben bejahen.

Er sitzt zwischen ihnen wie ein Fremdkörper, manchmal rempelt ihn versehentlich jemand an. Herr R. ist seiner Umwelt ausgeliefert, er hat nicht die geringste räumliche Vorstellung der Umgebung, im Ebenezerhaus gibt es weder taktile Leitlinien in den Gängen noch Handläufe. Herr R. hat auch keinen Blindenstock, nur ein Rohr, mit dem er nicht umgehen kann, weil es ihm in den letzten fünfzig Jahren niemand beigebracht hat. Er schleift es hinter sich her. Taubblinde Menschen verständigen sich durch taktiles Gebärden und Lormen. Beim taktilen Gebärden ertastet man die Gebärdensprache, beim Lormen stehen bestimmte Berührungen der Handinnenfläche für einzelne Buchstaben. Aber auch das hat Herr R. nie gelernt. Er muss jeden Tag hoffen, dass ihn ein Betreuer in den Computerraum oder nach draußen führt, damit er auf einer Bank in der Sonne sitzen kann, sonst sitzt er in seinem kargen Zimmer. Mitarbeiter, die ihm etwas sagen wollen, brüllen ihm ins linke Ohr. Meistens sind es einzelne Wörter wie „Mittagessen“. Auf die Frage, warum Herr R. in völliger Isolation zwischen geistig behinderten Menschen lebt, obwohl er gar nicht geistig behindert ist, antwortet ein Mitarbeiter schulterzuckend: „Nach heutigen Maßstäben gehört Herr R. nicht nach Bethel.“
Warum ist er dann überhaupt noch dort?

Ja, warum? Wer mehr erfahren will, lese hier bitte weiter: Taubblinde in Deutschland.

 16. August 2011  Posted by at 19:28 Integration, Kirchen Kommentare deaktiviert für >Taubblinde in Deutschland – eine erschreckende Reportage
Nov 072010
 

>Es gehört schon zu den Merkwürdigkeiten unserer Tage, dass man sich dann, wenn man sich zu einem Buch äußern möchte, ausdrücklich betonen muss, dass man es auch gelesen hat. Seit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist das keine Selbstverständlichkeit mehr, im Gegenteil. Die Spitzenrepräsentanten unseres Staates, Bundespräsident und Bundeskanzlerin, waren sich schon vor dem Verkaufsstart des Buches am 1. September einig, dass man es nicht zu lesen brauche. Ein paar Auszüge reichten Frau Merkel um festzustellen, dass Sarrazins neues Buch „nicht hilfreich“ und „diffamierend“ sei, und Wulff forderte schon vor Erscheinen des Buches die Bundesbank zur „Schadensbegrenzung“ auf und wies damit sehr deutlich darauf hin, dass nach seiner Meinung Sarrazin umgehend zu entlassen sei. Anschließend konnte man – Sie erinnern sich noch? die Zeit ist so schnelllebig, das war noch vor Stuttgart 21 und vor dem Castor-Transport! – von zahllosen Politikern den übereinstimmenden Chor der Entrüstung hören und flugs auch in den Feuilletons der überregionalen Zeitungen (FAZ, SZ, taz – hier nur ein Beispiel) lesen, wie jeweils ein fachmännischer Beitrag eines Soziologen, einer Biologin, eines Politologen die Verknüpfung Sarrazins von Bildungsforschung und „Biologismus“ als hanebüchener Unsinn entlarvte und dies ja auch direkt zum Nationalsozialismus (+ + +) geführt habe. Fast hätte ich gesagt: Der fromme Leser glaubts… 🙂

Ich weiß nicht, wer von all seinen laut- und schreibstarken Kritikern sein Buch wirklich gelesen hat, Professor Wehler offenbar, und vielleicht auch Herwig Birg (zitiert nach dem focus), denn die beiden haben sich sehr viel zurückhaltender und sachlicher geäußert. Das Buch von Thilo Sarrazin hat es in sich, wenn man es gründlich liest. Da sind nicht nur die vielen Zahlen und Tabellen, die beklagt werden, die aber doch gerade Belege für seine Meinung sind, da sind noch mehr Verweise auf Literatur, wissenschaftliche Untersuchungen, Quellen usw. Allein wenn man seine Anmerkungen wenigstens zur Kenntnis nehmen will, wird die Lektüre schon sehr anstrengend und auch für einen flotten Leser langwierig – vom selber Nachprüfen ganz zu schweigen.

Zum Selberdenken wird man allerdings bei der Lektüre seines Buches sehr stark angeregt, und das ist angesichts seiner Themen schon einmal sehr gut. Denn es geht Thilo Sarrazin ja gar nicht „nur“ um Ausländer und Integration, es geht ihm in den langen Kapiteln des Buches vielmehr um eine faktenreiche Darstellung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Hartz IV – Empfänger und einer politischen Bewertung einer solchen sich selbst stabilisierenden Transfer-Gesellschaft; es geht ihm um Bildungsfragen und Bildungspolitik angesichts offenkundigen Schulversagens (siehe PISA-Studien); es geht ihm schließlich lang und breit um Demografie, um Demografie, um Demografie, nicht nur aus Gründen der Bezahlbarkeit der Renten und der künftigen Lasten der nächsten Generationen – hier ist er mit dem Bevölkerungsforscher Herwig Birg völlig d’accord – , sondern gerade auch deswegen, weil dies Thema von der Politik der letzten 10 Jahren völlig verdrängt und ignoriert worden ist; und es geht Sarrazin um die Zuwanderungspolitik, ihre Parameter und Auswirkungen, wovon dann die Probleme mit der Integration ein Unterthema darstellt.

All diese Themen sind brennend aktuell und sind schon deswegen wert, offen und öffentlich diskutiert zu werden. Dass Sarrazin zur Unterstützung seiner Thesen dann wiederholt auf bestimmte Zweige der Intelligenzforschung zurückgreift, bleibt allein sein Geheimnis: Es sind nicht die besten und stärksten Abschnitte seines Buches, und er müsste das eigentlich auch wissen. Nur entschärft diese Nebenlinie seiner Argumentation weder die von ihm aufgezeigten Fakten (um sie müsste erst einmal gestritten werden: stimmt seine Faktenbasis?) und erst recht nicht seine daraus gezogenen Schlussfolgerungen: Die sind als seine Meinungsäußerung nun wirklich nicht nur diskussionswürdig, sondern und auch provozierend genug, um diskussionsbedürftig zu sein!

Es ist einfach nur schade, dass Sarrazin auf die Integratiosndebatte verkürzt wird, erst recht wenn es dabei nur um seine anfechtbaren Auffassungen zur Intelligenzforschung geht. Aber diese Verkürzung der Debatte um Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist für mich ein Zeichen dafür, dass es tatsächlich wohl nur die wenigsten wirklich ganz gelesen haben…

Nun denn: ICH HABE ES GELESEN ! Es lohnt sich.

 7. November 2010  Posted by at 18:02 Bildung, Deutschland, Integration, Politik, Sarrazin Kommentare deaktiviert für >Ich habs gelesen
Okt 052009
 

>Was hat Thilo Sarrazin eigentlich „Schlimmes“ gesagt? Er hat sich in Lettre International zum Thema „Klasse statt Masse“ geäußert. Seine Wortwahl ist provozierend, klar und eindeutig. Er hat jede political correctness und Diplomatie vermieden. Damit hat er – wieder einmal – ins Fettnäpfchen der öffentlichen Meinung getreten und viel scheinheilige Entrüstung hervorgerufen. Ob man einem Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank solch eine absichtlich provokante Äußerung durchgehen lassen darf, ist die eine Seite; da mag Gerald Braunberger in seinem Kommentar in der FAZ Recht haben. Eine ganz andere Sache ist aber die Beurteilung des Inhaltes seiner gewollten Provokation – gewollt deswegen, weil es sich nicht um ein Live-Interview gehandelt hat, sondern um einen Zeitschriften – Artikel, zu dem Sarrazin zuvor sein Ok gegeben haben muss. Was er gesagt hat und wie er es gesagt hat, das war genau seine Absicht.

Dass insbesondere die Großstädte in aller Welt, aber eben auch in Europa und „sogar“ in Deutschland ein wachsendes Problem mit einer sozialen Spreizung der Stadtgesellschaft haben, ist ein bekanntes Phänomen. Die Banlieues in den französischen Großstädten kommen immer wieder als soziale Brennpunkte in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, spätestens dann, wenn wieder einmal Autos brennen und Barrikaden errichtet werden. Brennende Autos sind auch in Berlin zu einem alltäglichen Problem geworden. Die Gewalt in den Schulen, insbesondere in Problemgebieten, also Wohnvierteln mit sozial schwachen und „bildungsfernen“ Schichten sowie einem hohen Ausländeranteil kann nur mit großer Mühe eingedämmt werden. Die Öffentlichkeit nimmt durch die Nachrichten nur noch die größeren Vorfälle wahr, über anderes wird gar nicht mehr berichtet. Zudem hat der Bevölkerungsforscher Herwig Birg wiederholt auf die demografischen Probleme durch die verstärkte Immigration hingewiesen, so sehr klar in seinem viel gelesenen Buch „Die demographische Zeitenwende“ von 2001, 3. Aufl. 2003. Noch in diesem Jahr wies er in einem Beitrag für die FAZ auf eben dieses Problem hin, dass Migranten-Familien (zur Definition dieses Begriffes siehe den letzten Link) eine noch immer deutlich höhere Geburtenrate vorweisen als deutsche Familien. Über kinderreiche Familien, die jetzt Hartz IV – Empfänger sind und oft schon in der vorigen Generation Sozialhilfeempfänger waren, kann jedes Jugendamt ausführliche Auskunft geben. Dass ferner der Anteil derjenigen, die von Transferleistungen leben, in Berlin mit 20 % (= jeder fünfte) doppelt so hoch ist wie im Bundesdurchschnitt, konnte und kann man bei der Tagesschau nachlesen. All dies sind Fakten, die Sarrazin eigentlich nur „zitiert“, also in seinem Beitrag in Erinnerung ruft.

Aber es gibt ein besonderes Reizwort in seinem LI – Beitrag: UNTERSCHICHT. Es ist dies ein inzwischen geächtetes Wort. In der Soziologie, wo hinsichtlich der Klärung von Begriffen noch eine ganz andere Auseinandersetzung herrscht als in der öffentlichen Debatte, zumal am Stammtisch, ist der Begriff „Unterschicht“ weitestgehend obsolet geworden. Er ist dort im wahrsten Sinne des Wortes zu oberflächlich und bildet die differenzierte gesellschaftliche Wirklichkeit nicht mehr ab. Zudem enthält er tendenziell eine Wertung („Unter-„), die man in der deskriptiven Betrachtung vermeiden möchte. Die Alternativen sind allerdings auch noch wenig überzeugend und zudem strittig. Man spricht vom Prekariat, was aber eigentlich nur die ungeschützten Arbeits- und Lebensverhältnisse betrifft und keine sozial homogene Gruppe. Dann gibt es den Begriff der „Neuen Unterschicht„, der die modernen Lebensformen differenzierter darstellen möchte, aber ebenfalls durchaus umstritten ist. Als politisch korrekt haben sich auch die Begriffe „bildungsferne Schichten“ und „sozial Schwache“ eingebürgert. Alle diese Begriffe wollen eines um fast jeden Preis, auch den der klaren Verständlichkeit (Prekariat!): eine Wertung, die eine Abwertung und somit eine mögliche Diskriminierung wäre, vermeiden. Umgangssprachlich ist man da viel härter und direkter: Man spricht mit ausdrücklichem negativen Beiklang von „Ausländern“, „Asozialen“ und „Sozialhilfe – Adel“, heute „Hartz IV – Adel“. Die negative Bewertung liegt doch auch auf der Hand: Niemand möchte gerne so leben; für die meisten sind diese Bevölkerungsgruppen der Wohnumfeld-Gottseibeiuns. Es führt zu nichts, wenn man sich eine klare Ausdrucksweise aus Angst, zu diskriminieren, verbietet. Ob ich nun von „Gruppen“ oder „Schichten“ rede, mag soziologisch von Bedeutung sein. Im wirklichen Leben der Städte ist es das nicht, da weiß jeder Bewohner eigentlich sehr genau, wer damit gemeint ist. Auch die Gemeinten und Betroffenen wissen es und sind oft sehr viel weniger empfindlich als ihre vermeintlichen Fürsprecher. Auch hier kennen die städtischen Sozialämter und kommunalen Wohnungsbaugesellschaften ihre jeweiligen Pappenheimer nur zu gut, reden intern auch eine klare Sprache und versuchen, Ghettoisierungen und damit soziale Brennpunkte zu vermeiden. Bei einem Bevölkerungsanteil von 20 % wie in Berlin wird das natürlich schwierig. Dort sind dann gleich ganze Stadtteile betroffen: Mitte, Kreuzberg, Friedrichshain. Was also hat Sarrazin gesagt, was man nicht schon genauestens wüsste?

Er hat zusätzlich die in Berlin offenbar sehr unzureichende und im Großen und Ganzen wenig erfolgreiche Integrationspolitik kritisiert. Nicht nur in Berlin leben Verfechter einer forcierten Integration oft mehr von Wunschbildern und Wunschträumen denn von der Zurkenntnisnahme der Realität. Zu dieser gehört eben auch, dass nachweislich Ausländer der zweiten und dritten Generation oft schlechter integriert sind (sein wollen?) als ihre Eltern und Großeltern. Die Tendenz zu „Parallelgesellschaften“ hat keineswegs abgenommen, und es ist auch ernsthaft zu fragen, ob das überhaupt vermeidbar und als negativ zu bewerten ist. Dass allerdings Deutschland als Einwanderungsland die Kriterien und Prioritäten (Punktekatalog!?) für Einwanderungswillige aus eigenen Interessen neu festlegen sollte, das ist inzwischen politisch durchaus diskussionswürdig. Auch hier macht also Sarrazin kein neues Fass auf, ebenso wenig wie mit dem Insistieren darauf, dass für keine Stadt 20 % Empfänger von staatlichen Unterstützungsleistungen einfach hingenommen werden können.

Was also ist das eigentlich Anstößige an dem Beitrag von Thilo Sarrazin? Ich denke, er hat all dies Bekannte und Richtige in einer Weise auf den Punkt gebracht und ohne jede Vorsicht in der Sprache (und im Missverstehen!) provozierend formuliert, dass der mediale Aufschrei und die öffentliche Entrüstung zu erwarten war. Genau dazu wollte er offenbar beitragen: die Probleme nicht mehr unter den Teppich zu kehren, sondern sie in offener Diskussion zu thematisieren, um sie dann auch besser zu lösen. Dass man Thilo Sarrazin auch gutmeinend verstehen kann, zeigt der Beitrag von Mechthild Küpper in der FAZ. Für eine klare Sprache hat Thilo Sarrazin mit Worten tapfer gekämpft wie ein Sarazene!

 5. Oktober 2009  Posted by at 07:53 Integration, Politik 1 Response »
Jan 272009
 

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Dauerbrenner Integration: 30 % türkischer Kinder in Deutschland erreichen keinen Schulabschluss. Überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit betrifft besonders die Türken unter uns. Abgeschottete Stadtviertel machen eine ‚“türkisches“ Leben in Deutschland ohne Deutschkenntnisse möglich. Nun wissen wir’s dank einer Berliner Studie. Die Abwehrreflexe waren zu erwarten. Die Tatsachen als solche sind aber nicht neu; sie sind jedem bekannt, der es wissen und beobachten wollte. 

Kein Wunder, dass Russlanddeutsche viel besser integriert sind, in der 2. Generation eigentlich schon völlig. Da gibt es einen entscheidenden Unterschied: Russlanddeutsche  wollen Deutsche sein. Sie streben für ihre Kinder nach einem besseren Leben hier im Land. Bildung ist bei ihnen hip. Da spielt es kaum eine Rolle, dass viele russlanddeutsche Familien nach wie vor auch russisch sprechen, in Supermärkten mit russischen Waren einkaufen und gerne auf der Krim Urlaub machen.
Genau dieser Wille zur wirtschaftlichen und dann auch gesellschaftlichen Integration fehlt offenbar bei sehr vielen türkischen Familien. Kein Wunder, werden sie doch weiterhin vom türkischen Staat betreut und „gesteuert“: Die größte Vertretung türkisch-muslimischer Gemeinden, die DITIB, ist ein Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Türkischsprachige Zeitungen sind Deutschland-Ausgaben der Presse aus Istanbul und Ankara. Überall präsent ist das türkische Staatsfernsehen via Satellit. Warum also integrieren?
Ich frage mal dagegen: Welchen Nutzen könnte es für türkische Familien haben? Sie müssten es sehen und fühlen, dann würden sie auch wollen. In Deutschland zu leben und deutsche Kultur und gesellschaftliche Werte zu teilen, müsste für sie attraktiv sein. Deutschland sollte ihnen im Wohnzimmer begegnen!
Also: Warum gibt es keine Ausgaben des Kölner „Express“ auf türkisch? warum nicht eine Zeitung der WAZ-Gruppe auf türkisch? Warum gibt es kein TV-Programm der öffentlich-rechtlichen Sender auf türkisch und für Türken? Warum lässt man die Religionsbehörde des türkischen Staates die religiösen und kulturellen Belange der türkischen Familien bei uns regeln? Man stelle sich einmal vor, für die kulturellen Betreuung der deutschen Einwanderer in Kanada wären deutsche Kultusminister zuständig: Was würden die Kanadier dazu wohl sagen?
Kurz und gut: Neue Wege sind nötig. Die alten, nur immer „Bildung für alle“ zu schreien, haben ja nicht viel gebracht. Ich mein ja nur…
 27. Januar 2009  Posted by at 06:55 Bildung, Integration, Kultur, Russland Kommentare deaktiviert für >Türken Hurra