Apr 122015
 

[Medien]

Die Tageszeitungen experimentieren in der digitalen Welt. Sie müssen, denn „Print“ reicht nicht mehr. Tendenziell wird es künftig nur noch ein Anhängsel sein. Mir geht es hier nicht um eine Sichtung der vielen Analysen und Prophezeiungen über die erwartbare Zukunft der Tageszeitungen, sondern um einen Erfahrungsbericht. Ich war immer ein eifriger Zeitungsleser und bin es noch. Aber die Art und Weise der Lektüre hat sich doch sehr verändert. Das Angebot der Tageszeitungen kommt da mit meinen Erwartungen und Wünschen nicht mit. Vielleicht geht es anderen auch so. Darum schreibe ich mal über meine Wünsche und meinen Frust mit den überregionalen Tageszeitungen in der digitalen Welt. Meine Eindrücke beziehen sich vor allem auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung und auf die Süddeutsche Zeitung. Die Webseiten anderer Zeitungen und Magazine nutze ich gelegentlich.

Zu Beginn dieses Monats hat die Süddeutsche (SZ) einen Relaunch im Netz gestartet. Vollmundig hieß es, künftig wolle man das News-Portal SZ.DE, die Zeitung und das Magazin digital unter einem Dach anbieten. Ich habe das mit einem zweiwöchigen Probeabo getestet und fest gestellt: Das Layout ist tatsächlich einheitlicher, übersichtlicher und ansprechender geworden. Bedauerlich und enttäuschend ist, dass es sich nur um ein neues Layout handelt. „Unter der Haube“ ist alles beim Alten geblieben. Es bleibt bei der traditionellen Trennung:

– Neuigkeiten und einige redaktionelle Artikel mit Videos auf dem SZ.DE – Portal, kostenfrei
– Digitale Zeitung auf der Basis der Print-Ausgabe, starr im 24-Stunden-Takt, kostenpflichtig.
– digitale Abo-Alternativen nur täglich oder monatlich.

++++ Digitales Abo betrifft alle Erscheinungsweisen, also Web-App und Tablet / Smartphone gemeinsam.

—– sehr lange Ladezeiten der SZ-Zeitungs-App (Tablet).

—– Artikel der digitalen Print-Ausgabe lassen sich direkt weder drucken noch über Email teilen. Ein digitaler „Zettelkasten“ wird dadurch unnötig schwer gemacht (cut&paste).

Das ist insgesamt entschieden zu wenig Veränderung. Es ist nur ein kleiner Trippelschritt hin zu digitalen Angeboten mit echtem Mehrwert.

SZ.DE

Süddeutsche digital

Die FAZ verfolgt ein ähnliches Modell, ist im Layout aber etwas zurück geblieben, indem sie weiterhin auf das veraltete ePaper, also eine PDF-Version der Druckausgabe, setzt. Bei der Zeitungs-App (Print-PDF, kostenpflichtig) lassen sich wenigstens die einzelnen Artikel anklicken und dann als reine Textausgabe lesen und sogar via Email teilen. Gerade Letzteres begrüße ich sehr, da es in digitaler Form das Sammeln von „Zeitungsausschnitten“ ermöglicht. Dennoch ist aber dieses auf der Druckausgabe beruhende PDF-Format wenig glücklich und nicht mehr zufrieden stellend. Dafür bietet die FAZ über die Tablet / Smartphone-App den Kauf einer Einzelausgabe (1,99 €) oder ein 7-Tage-Abo (9,99) inkl. FAS an. Das ist schon mal eine gute und preiswerte Alternative.

Beide Zeitungen halten also an der Trennung fest von einem kostenlosem Angebot im Netz (SZ.DE, FAZ.NET) und daneben einer kostenpflichtigen Printausgabe in ‚irgendwie‘ digitaler Form. Das ist aus meiner Sicht sehr unbefriedigend.

– Es gibt Doppelungen: Ich lese zuerst im jeweiligen News-Portal der Zeitungen. Wenn ich dann die kostenpflichtige Printausgabe lese, finde ich eine Reihe von Artikeln auch in der Zeitungsausgabe wieder. Die kann ich gleich übergehen – von der fehlenden Aktualität der ersten Zeitungsseiten einmal ganz abgesehen.

– Das freie Portal (FAZ.NET, SZ.DE) bietet die Inhalte top aktuell, medial ansprechend präsentiert, verknüpft mit weiterführenden Links und Videos oder interaktiven Grafiken, – alles das eine Stärke des Mediums Internet. So wünsche ich mir das Format einer Zeitung insgesamt.

– Das freie Web-Angebot ist natürlich beschränkt, „verkrüppelt“ gewissermaßen, denn weiterführende Artikel, Hintergrundinformationen und breitere Analysen gibt es nur in der kostenpflichtigen digitalen Print-Ausgabe.

– Dass die redaktionelle Arbeit bezahlt werden soll, finde ich völlig ok – ich möchte nicht mit Werbung zugemüllt werden. Aber dass es nur in der Form der digital kopierten Druckausgabe geht, ist unzureichend und medial überholt. In der „digitalen“ Druckausgabe fehlen dann auch alle multimedialen Elemente, die halt nicht gedruckt werden können. Das starre 24-Stunden-Korsett der „Zeitungsausgaben“ ist ein weiterer Anachronismus.

– Wenn dann gute Artikel der Druckausgabe einige Zeit später (Stunden oder Tage) doch noch auf der kostenlosen Webseite erscheinen (üblich bei FAZ.NET), frage ich mich erst recht nach dem Mehrwert der Druckausgabe bzw. dem Vorteil des Abos. Hier kannibalisiert sich die gedruckte Zeitung zeitversetzt selber.

FAZ

FAZ digital

Was wünsche ich mir nun als Tageszeitung? Klar, erst einmal alles das, was eine gute Zeitung ausmacht: Gut recherchierte Berichte, Hintergrundartikel, argumentierende und abwägende Kommentare usw. All das ist durchaus seinen Preis wert. Dazu bin ich gerne bereit. Aber es sollte vorzüglich auf das Internet, also auf die digitale Nutzung mit ihren vielfältigen Möglichkeiten zugeschnitten sein.

Was ich mir konkret wünsche:
– eine wirkliche Zeitung auf digitaler Basis; Basisartikel und News kostenfrei, vertiefende und weiterführende Artikel kostenpflichtig (Abo), mit Bewegtbild (Videos) und interaktiven Grafiken, Feedback usw.
– Print-Ausgabe als momentaner Stand („snapshot“) zum Zeitpunkt des jeweiligen druck- und transportbedingten „Redaktionsschlusses“.
– differenzierte Kaufmöglichkeiten für das Mehrwert-Angebot täglich sowie digitale Abos wöchentlich und monatlich.

Kurzum: Ich möchte die gesamte Breite einer aktuellen Zeitung von FAZ und SZ (und anderen) frei verfügbar und in einer kostenpflichtigen Plus-Variante (Mehrwert-Artikel, eigens ausgewiesen, z.B. Mehrwert-Themen in einer ständig aktualisierten Übersicht) angeboten bekommen. Ich wünsche mir, dass Zeitungen eben nicht mehr als „Tageszeitungen“ mit einem bestimmten Redaktionsschluss und einer 24 Stunden starren Ausgabe erscheinen, sondern online fortlaufend aktuell gehalten werden, wie es bei den kostenfreien Portalen bereits der Fall ist. Mehrwert-Artikel können verfügbar gemacht werden dann, wenn sie verfügbar sind. Die Form der Präsentation von Nachrichten und Hintergrundinformationen, Kritiken und Rezensionen sollte durch die Möglichkeiten des Mediums Internet bestimmt sein. Wenn ich Artikel aus dem Bereich Feuilleton zuerst lesen möchte, sollte dafür ein Klick in diesen jeweils aktuellen Bereich ausreichen – und nicht mehr ein „Blättern“ am Tablet. Das Erscheinungsbild, die Erscheinungsweise und das Handling einer gedruckten Zeitung darf nicht die Nutzungsmöglichkeiten digitaler Formen einer Zeitung bestimmen und beschränken. Das ist der wesentliche Punkt.

Das Beispiel einer gelungenen Präsentation einer sehr informativen Recherche ist der „Artikel“ der FAZ über den Zuckeranbau in Brasilien und seine verheerenden Folgen. Der Druck-Artikel, war schon gut, aber sehr viel besser ist der online gestellte ausführlichere Bericht mit Videos, Grafiken usw, wie er dann im Netz zu finden ist:

Zuckeranbau Brasilien

-> Zuckerrohranbau in Brasilien

Ja, so wünsche ich mir Zeitung heute!

UPDATE 19.04.2015

Ich stieß erst jetzt auf den Kress-Bericht über eine Rede des Chefredakteurs der Washington Post, Marty Baron, die er am 08.04.2015 an der University of California gehalten hat. Thema: Der digitale Wandel im Journalismus („journalism’s transition from print to digital“). Kress.de fasst die Rede zusammen und stellt die zentralen Punkte heraus. „Das Internet entwickelt seine eigenen Möglichkeiten der Kommunikation: dialogorientierter und zugänglicher. Diese Möglichkeiten bieten uns eine völlig neue Mischung aus Tools wie Video, Audio, Social Media und interaktiven Grafiken.“ sagt Baron unter anderem. Der lesenswerte Beitrag bringt aus meiner Sicht die digitale Herausforderung für die Zeitungen gut auf den Punkt.

 12. April 2015  Posted by at 11:02 Medien, Presse Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Die Zeitung
Jul 312013
 

Es ist Wahlkampf – und keiner merkts – wohl das Sommerloch. Mir fällt dabei auf, wie sehr die Meinungen innerhalb der Internet Society doch von der Meinung „da draußen“ abweichen, also in den öffentlichen Medien. Im Netz finden sich offenbar nur Kritiker der jetzigen Bundesregierung, Piraten und Anhänger der Grünen (die taz wird oft zitiert), und auch ein paar SPD’ler behaupten sich wacker im Netz. Lese ich so meine Twitter-TL (ok, bubble) oder in bekannteren Blogs und Kolumnen, dann ist das Urteil über die derzeitige Regierung vernichtend und die Hoffnung auf eine Veränderung durch die Wahlen groß. Allerdings liest man auch hier und da, dieses Mal sei es wirklich egal, ob die Regierung oder die Opposition gewinne.

Sommer und Strand

Sommer und Strand

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, dass auch die Umfragen diesen Eindruck bestätigen. Immerhin liegen Schwarz-Gelb dicht bei Rot-Rot-Grün, also ungefähr halbe-halbe. Nur ist Rot-Rot-Grün keine Regierungsoption, und die Kanzlerpräferenzen der Umfragen weisen in seltener Eindeutigkeit und Konstanz auf Angela Merkel, und zwar mit riesengroßem Abstand vor Steinbrück. Nimmt man die angestrebten Regierungskoalitionen zur Orientierung, dann führen derzeit CDU/CSU und FDP vor SPD und Grünen mit 46 % : 35 % (Forsa und Stern von heute). Das sagt zwar noch wenig darüber aus, wie die Wahl am Ende wirklich ausgehen wird, aber so ist eben der derzeit vielfach bestätigte Trend. Nochmal: Erstaunlich (oder nicht?), dass sich diese öffentliche Meinung in der Netzgemeinde nicht widerspiegelt. Dort liegen die Präferenzen gefühlt strikt entgegengesetzt. Das große Ansehen der Kanzlerin im Ausland findet hier nur müden Spott, das vorsichtige Taktieren, wie die einen sagen, wird innenpolitisch als „Aussitzen“ gegeißelt, der unideologische Pragmatismus als „purer Machterhalt“, und „Neuland“, dieses inzwischen gerne aufgegriffene Bonmot, wurde als Krone der Ahnungslosigkeit und Dummheit von den Netizens gebrandmarkt. Mag die Online- und die Offline-Welt im Grunde auch eine sein und in der Lebenswirklichkeit vieler Menschen zusammengehörig, jedoch in den Meinungen der meisten Beiträge im Netz findet sich eine klare Spaltung von der Meinung in der sonstigen Medien-Öffentlichkeit, insbesondere in den Umfragen. Das könnte zu denken geben, was den Realitätsbezug der Netzgemeinde betrifft.

Erst recht ist es erstaunlich, dass die vielfältige und breite Berichterstattung über PRISM, NSA, BND usw. die Mehrheit in der Bevölkerung wohl ziemlich kalt lässt. Zumindest sind keine Veränderungen in den Umfragedaten fest zu stellen. Die Piraten haben sogar wieder einen Punkt abgegeben (siehe Forsa). Umgekehrt gilt dafür, dass immer dann, wenn die Kanzlerin eine feste („harte“) Position in Sachen Euro und Bankenaufsicht verkündet (wie auch immer das dann von der Wirklichkeit gedeckt wird), ihre Punktzahl nach oben weist. So war es jedenfalls in den letzten Monaten, was nicht zuletzt die SPD zur kaum verhohlenen Verzweiflung getrieben hat. Man kann also nüchtern fest halten, dass die Netz Community ein politisches Realitätsproblem hat. Nun gut, fordern und wünschen kann man ja vieles, und manches „Teufelszeug“ in der Netzdiskussion wie das „LSR“ (Leistungsschutzrecht, also konkret ob Google kostenlos kleine Textschnipsel bei dem Verweis auf Zeitungsseiten veröffentlichen darf) erweist sich nunmehr als reine Schutzkampagne der Print-Protagonisten, – als Popanz. Inzwischen haben sich fast alle großen Medienhäuser (natürlich unter gewundenen Vorbehalten) mit der Snippet-Zitation durch Google einverstanden erklärt, wäre ja auch zu dumm, sich der Einnahmequelle der durch Google generierten Klicks zu berauben. Offenkundig ist also das LSR weder das Ende der Pressefreiheit noch der Einstieg in die Internetzensur. Alles halb so wild.

Leider ist dieser Hang zu Übertreibungen und zum Katastrophenalarm für die Netzgemeinde typisch, insbesondere was natürlich die Netzfragen, die Netzpolitik betrifft. Vermutlich wird ihr deswegen auch in der übrigen Öffentlichkeit geringe Aufmerksamkeit zuteil und nur wenig Glauben geschenkt – die Piraten waren ein schnell verbrennender Hype. Dabei wäre einem Alarm derzeit mit dem Bekanntwerden der umfassendsten Datenerfassungs-, Lausch- und Schnüffelaktionen aller Zeiten (Snowden) alle Aufmerksamkeit zu wünschen. Anscheinend verpufft der Alarmismus dieses Mal. Da müssen sich schon ein Schirrmacher, Leyendecker (FAZ) oder Prantl (Süddeutsche) stark machen, um die Gefährdung unserer Demokratie in ihren Grundlagen durch solche Praktiken des selbstverständlichen Totalüberwachens zu kennzeichnen. Das Vertrauen auf die Unversehrtheit des Privaten und das Recht auf Freiheit vom und Schutz vorm Staat gehören zu den elementaren Freiheitsrechten unserer Verfassung. Wenn diese dem „Supergrundrecht“ Sicherheit (Friedrichs) geopfert werden, droht die Rechtsordnung als Ganze ins Rutschen zu geraten. Darauf kann man nicht deutlich genug hinweisen. Das Gewicht des Themas als solches hat, wie das Sommerinterview zeigte, die Kanzlerin sehr wohl erkannt. Ob die Reaktion, vor allem die Taten, dann als ausreichend erachtet werden, muss jeder für sich entscheiden.

Es bleibt also zu hoffen, dass die wirklich wichtigen politischen Themen (also zum Bespiel die Freiheitsrechte, Europa und der EURO, Bildung, Niedriglöhne, Fortentwicklung des Rechtsstaats im Internetzeitalter), die natürlich auch in den Wahlauseinandersetzung gehören, nicht der Lethargie des Sommerlochs oder gar der Resignation „Die da oben machen eh was sie wollen“ anheim fallen. Schade wärs. Darum ist es, so hoffe ich, doch nur das Sommerloch…

UPDATE 02.08.:

Wer es mal von der „anderen“ Seite sehen möchte: in der WELT und bei n-tv.

 31. Juli 2013  Posted by at 12:34 Internet, Medien, Öffentlichkeit Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Nur das Sommerloch
Feb 092013
 

Seit einiger Zeit „im Netz unterwegs“ (was für eine Formulierung…) stelle ich fest, dass ich mich öfter als zuvor auf den sozialen Plattformen langweile. Facebook habe ich seit längerem links liegen lassen, bin dort inzwischen abgemeldet, in die Timeline bei Twitter und auf die Mitteilungen bei Google+ schaue ich seltener. Natürlich sinkt damit auch die Häufigkeit meiner aktiven Beteiligung, meiner eigenen Beiträge. Blogs mag ich, aber sehr genau ausgewählt. Die konsumiere ich eigentlich nicht anders als Zeitungen, nur mit der leichteren Möglichkeit direkt zu reagieren. Das tue ich aber auch nicht oft, allenfalls mal ein „1+“, und manchen angefangenen Kommentar habe ich nach der ersten Zeile wieder gelöscht und lasse es dabei. Wie kommts?

Zum einen ist es sicher ein gewisser Gewöhnungseffekt. Der Reiz des Neuen lässt nach. Da schaue ich eher danach, was es mir bringt. Denn eines ist auch klar: Sich im Netz zu bewegen ist zeitaufwändig. Lesen, weiterklicken, einen Diskussionsstrang verfolgen, nachschauen, überprüfen, sich eventuell anderweitig schlau machen – all das kostet viel Zeit. Ich bin nur noch dann bereit, diese Zeit aufzubringen, wenn ich einen Nutzen für mich erkenne: Wenn ich etwas Interessantes entdecke, auf einen neuen Gedanken aufmerksam gemacht werde, einen mir bisher unbekannten Zusammenhang entdecke oder gar ein ganz anderes Themenfeld finde, das mir so bisher noch nicht begegnet ist. Wenn es der Fall ist, interessiert mich der Beitrag und ich beschäftige mich damit, beteilige mich wohl auch gelegentlich an einer Diskussion. Insgesamt ist das Ergebnis aber äußerst dünn, besonders in den Diskussionsbeiträgen. Es geschieht doch sehr selten, dass man einen wirklich guten Gedanken findet, sei er nur kurz wie ein Aphorismus, sei er länger ausgeführt und begründet. Etwas Interessantes, Neues, Weiterführendes im Netz, in sozialen Medien, in Blogs zu finden ist etwa so selten, – ja eben wie ein wirklich gutes Buch selten ist, wie ein treffender und gelungener (Zeitungs-) Artikel selten ist. Es ist dabei ziemlich egal, obs Online oder Print ist. Diese Feststellung als solche ist nicht neu, das war eigentlich schon immer so.

Vuvuzela

Vuvuzela

Das hängt natürlich von den eigenen Erwartungen und Standards ab. Ich lasse mich bereitwillig von gekonnt formulierten Anstößen interessieren, folge gerne einer klaren, womöglich zwingenden Argumentation, möchte über den verhandelten Gegenstand etwas mir bisher Unbekanntes erfahren. Texte und Beiträge reizen mich also, wenn sie etwas Verschlossenes neu und anders erschließen, Dunkles aufdecken, Neuland skizzieren. Dann lasse ich mich auch gerne auf neue Begrifflichkeiten und Denkmuster ein, prüfe die neuen Kategorien und versuche für mich Klarheit darüber zu bekommen, was darin nun an wirklichem Erkenntniswert liegt, inwiefern eine neue Art zu denken auch neue Wirklichkeit erschließt, deutet, interpretiert, erklärt, welche Aspekte mir bisher so einfach nicht klar waren. Das klingt sehr hoch gestochen, ist aber ganz praktisch und pragmatisch gemeint. Es muss mich interessieren, es sollte stilistisch und formal ansprechend rüber kommen, und ich darf danach möglichst nicht bereuen, extra Zeit aufgewendet zu haben. Ich gebe zu: Zeit zu vergeuden ist für mich inzwischen ein schrecklicher Gedanke.

Es braucht niemand sonst diese Haltung zu teilen, es ist eben meine Haltung. Da ist mir zunächst einmal egal, was andere denken und meinen. Allerdings möchte ich irgendwann auch über bestimmte Gedanken und Erkenntnisse kommunizieren. Das geht in Diskussionen, Arbeitsgruppen, bei einer Tagung oder auch im freundschaftlichen Gespräch. Dabei ist es ziemlich egal, ob dieser Austausch direkt persönlich oder medial vermittelt geschieht. Natürlich macht eine persönliche Begegnung etwas anderes aus als eine medial vermittelte wie zum Beispiel bei einem Diskussionstrang in einem Forum. Das direkte persönliche Gegenüber schafft eine eigene Atmosphäre der (auch sensualen) Verständigungssmöglichkeiten, die indirekte mediale Kommunikation nicht bietet. Dennoch, es geht auch in der Distanz. Was mich dann stört und zunehmend nervt und langweilt, ist die Oberflächlichkeit der Argumentation, die Rechthaberei, das Nichtzuhören bzw. Lesen dessen, was gesagt, geschrieben und gemeint ist. Die Diskussionswirklichkeit im  Netz ist da eher sehr enttäuschend und dürftig, jedenfalls in dem Bereich und in den Fällen, wo ich es mit bekommen habe. Das betrifft eben nicht nur das lautstarke Tönen des SPON-Papstes. Der Eindruck bleibt natürlich immer subjektiv, siehe auch die Gefahr der Filter-Bubble. Trotzdem würde ich einfach behaupten, dass mein Eindruck nicht ganz einsam und verkehrt ist. Andere haben  Ähnliches beschrieben.

So finde ich „im Netz“ eigentlich all das wieder, was ich sonst auch in öffentlichen Diskussionen antreffen kann: Die Vielredner, die Lauten und Rechthaber, die Eiferer und Verbohrten, die Ideologen, die einfach nur Oberflächlichen und Dummen (in dem was sie da sagen), die Nerver und Eitlen, Selbstgefälligen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es davon in den offenen Foren des Netzes mehr gibt, als mir in den letzten Jahren leibhaftig begegnet sind. Das liegt gewiss auch daran, dass ich solchen Leuten aus dem Weg zu gehen pflege. Ich fetze mich da nicht mehr, ist Zeitverschwendung, unnötig. Was ich nun als Effekt der Langeweile bei mir beobachte, hat vielleicht genau mit derselben Haltung zu tun. Ich mag nicht diese überheblichen Ideologen, die Evangelisten des Netzes, die nun in den social media eine wunderbare Plattform haben, ihre verqueren Ansichten öffentlich auszubreiten. Mögen sie es gerne tun, aber ich muss es ja nicht zur Kenntnis nehmen. Wenn darüber gestöhnt wird, dass das „Merkel-Deutschland“ einer „neobürgerliche Post-Adenauer-Vergangenheit“ verhaftet sei, wenn linker Eifer im Kielwasser der Achtundsechziger sich mit digital-technizistischen Netzphantasien paart, wenn der erkennbare Frust, es im akademischen Betrieb vielleicht zu nichts gebracht zu haben, sich umso hämischer über das Desaster „politischer Dissertationen“ auslässt, wenn im schönsten Boulevardstil jede Woche eine neue Ismus-Sau durchs mediale Dorf getrieben wird, alte und neue Medien Hand in Hand, – aus oft nichtigem Anlass, nur aus dem Ungefähren, also aus dem Bauch raus, aber immer mit dem unüberhörbaren Anspruch, in jedem Falle Recht zu haben und es ja besser zu wissen, ja dann habe ich eigentlich genug. Dieser Öffentlichkeit des Netzes gehe ich dann umso lieber aus dem Weg, wie ich es IRL (in real life) und in TV-Talkshows längst tue. Das muss ich mir nicht antun, das ist pure Zeitvergeudung.

Darum schaue ich zwar seltener auf die Diskussionen in den (Netz-) Medien, aber umso öfter in gute Blogs und Zeitschriften und auf ausgezeichnete Beiträge, die mir heute dank Internet viel leichter auffindbar und zugänglich sind, als es beim Stöbern durch Buchläden, Bibliotheken und Literaturverzeichnisse ehedem möglich war. Ich bin darum wahrlich kein Verächter der vielfältigen Möglichkeiten des Netzes. Allerdings bin ich eher gelangweilt durch die atem- und gedankenlose Hektik im Netz, auf Twitter oder sonst wo. Nettes, harmloses Geplänkel ist mir dann allemal lieber als verbohrtes Sektierertum. Das gibts nämlich im Netz zu Hauf. „Nischenkultur“ nennt man das wohlwollend. Meinetwegen, nur mich muss das nichts angehen. Denn gegen die Langeweile im Netz gibt es ein probates Mittel: Interessantes Lesen und selber denken.

UPDATE, 21:51 h

Lese eben bei Heise, was recht gut zu meiner Auffassung passt und sich auf Facebook bezieht. Das ließe sich durchaus als Symptom verallgemeinern:
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Studie-Viele-machen-Facebook-Ferien-1801186.html

 9. Februar 2013  Posted by at 13:47 Netzkultur, social media Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Mediale Langeweile
Jan 202013
 

Wer hier seit einiger Zeit mit liest, wird mein Interesse an Technik und Kultur, auch an „Technikkultur“ (welch merkwürdiger Ausdruck) mitbekommen haben, desgleichen auch meine Skepsis, die jüngsten Entwicklungen in der digitalen Welt nunmehr als Vorstufe zum Paradies zu feiern. Ich kann nicht umhin, hier immer wieder zu mehr Nüchternheit und Distanziertheit zu mahnen, denn immer wieder gibt es neue Hypes und neue Schlagworte, welche die ganz neue und bisher noch nie erreichte Qualität der Entwicklung der glorreichen Humanitas einschließlich ihrer phantastischen Aussichten unterbreiten und unterstreichen wollen.

Was haben wir nicht schon alles gehört und gelesen? Also erst einmal die Liste all der Dinge, Einrichtungen und Verhaltensweisen, die vom digitalen Fortschritt auf den Müllhaufen der Geschichte gekehrt werden, oder um es feiner auszudrücken, die „obsolet“ geworden sind. Es mag sie noch geben, aber eigentlich sind sie schon von gestern, gänzlich überholt, also in Wahrheit schon gar nicht mehr richtig da, und wenn doch, dann nur in letzten Zuckungen.

Da ist das traditionelle Fernsehen als aller erstes zu nennen, bekanntlich ohne Rückkanal, nicht sozial vernetzt, also völlig unidirektional und damit eindimensional und in unserer multidimensionalen Medienwelt völlig out. Die zig Millionen, die noch immer sei es tagsüber nebenher, sei es allabendlich die Glotze laufen haben, befinden sich halt auf dem zukunftsunfähigen Abstellgleis. Dass sich das TV schon längst erheblich gewandelt hat, Filme auf Abruf bietet, Sendungen in Mediatheken (ÖRR) jederzeit auch im Internet verfügbar macht, dass dank Tablets der „second screen“ zur realen und sozialen, also sozial-medialen Kategorie wird und praktisch mehr und mehr von Bedeutung ist, wird dabei geflissentlich übersehen.

Zeitungen sind das nächste Medium, das dem Fortschrittstod geweiht ist. Wird ein Blatt eingestellt (FTD), so ist das ein willkommenes Menetekel für diejenigen, die Blogs, Facebook und Twitter als die wahren Nachrichtenkanäle der Zukunft sehen. Dass auch früher schon mal Zeitungsverlage Pleite gingen, dass hier auch Missmanagement ursächlich sein könnte, wird gerne übersehen. Keine Frage, die Tageszeitungen, verächtlich „Holzmedien“ genannt, müssen ihr Geschäftsmodell bezüglich der gedruckten Werbung und aufgrund veränderten Verhaltens hinsichtlich des Nachrichtenkonsums (Netz-News) ändern und anpassen. Lief die Cross-Finanzierung der aufwändigen Redaktionen bisher eben über Anzeigenwerbung, so sind heute neue Modelle der Crossfinanzierung gefragt – und die viel gescholtenen großen Zeitungsverlage sind alle schon recht fleißig dabei. Dass hier manches langsam und vielleicht zu wenig phantasievoll vonstatten geht – geschenkt. Das gilt aber in fast allen Wirtschaftsbereichen. Wirkliche Knall-Ideen gibt es immer nur wenige – und die müssen auch zur rechten Zeit kommen, wenn sie sich durchsetzen sollen. Ich behaupte mal, die regionalen wie überregionalen Zeitungen sind schon längst in der digitalen Welt angekommen, man merkt es nicht sogleich und übersieht die stetigen Veränderungen leicht.

Das nächste Feld, das als digital obsolet gebrandmarkt wird, sind – die Bibliotheken. Kaum dass sich eBooks richtig durchsetzen, wird bereits das Totenglöckchen der öffentlichen Bibliotheken geläutet, wie ich gelesen habe durchaus von solchen Nerds, die zugeben, nie eine Bibliothek von innen gesehen zu haben. Das ist ungefähr so, als wäre das Kino der Tod des Theaters gewesen. Wie wir sehen, gibt es beides noch in wachsender Lebendigkeit und zu allseitigem Nutzen und allseitiger Freude. Ich bin sicher, das wird auch für Bibliotheken künftig gelten.

Nun kommt die Pädagogik dran, das Lernen. Nein, nicht der PC im Klassenzimmer ist gemeint (welch digitale Steinzeit-Vorstellung) oder das Schulbuch oder Arbeitsblatt in elektronischer Form auf dem Notebook bzw. Tablet, sondern um das Lernen selbst geht es. Die Internetwelt voll von Wikis neben der einen großen Wikipedia (in diesem Wort selbst steckt ja schon ein pädagogisches Programm), voller Links zu eLearning, MicroLearning, MOOC (hier wirds erklärt), Bildung nicht nach Wissensgebieten aufgefächert, sondern, da Wissen ja „tot“ sei bzw. stets im Netz abrufbar steht, als Prozess der Vermittlung von – ja was denn eigentlich? sozialen Dimensionen? Howto? technische Erweiterung der Kapazitäten unseres beschränkten „brains“? Prozess „massiver“ Vernetzung, sprich Rückkopplung an die Erfahrungen, Einstellungen und Gefühle anderer Online-Teilnehmer/innen? Und was wird da gelernt? Wie man Probleme löst? also nicht das berühmte Was, sonder das ebenso berühmte Wie? Nur zu dumm, dass ich meist das Wie erst mittels der Möglichkeiten des Was heraus finden kann. Es scheint denn doch kaum eine Alternative zum eigenen Sach- und Fachverstand zu geben, der sich heute allerdings in ganz anderer, vieldimensionaler „digitaler“ und sozialer Weise nutzen, erproben, bewähren und verändern = entwickeln kann. Das allein ist doch eine feine Sache. Ich schätze die Wissens- und Erkenntnismöglichkeiten durch das Netz und manchmal auch durch soziale Medien. Aber sie ersetzen in keiner Weise das eigene Denken, Beurteilen, die Fähigkeit (beruht auf Befähigung, also einem Lernprozess) zu Kritik und Weiterführung, zu „Genius“ und Erfahrungspraxis. Vielleicht sollten einfach die Apostel der „neuen“ Lernerfahrungen, am liebsten noch verschränkt und begründet mit Schlagwortwissen aus der Hirnforschung, den Mund ein bisschen weniger voll nehmen und ihre Beiträge in aller Bescheidenheit als Vorschläge zu einem effektiveren wie humaneren Wissenserwerb („Fähigkeiten, Fähigkeiten, Fähigkeiten“…) vorbringen. Ich jedenfalls würde ihnen dann auch lieber zuhören.

Google Rechenzentren

Google Rechenzentren

Der digitale Mensch wird erfunden: nicht mehr Herr seiner selbst, also seiner Existenz in Form seiner Daten, öffentlich und gläsern – oder borniert und sich der digitalen Zukunft „verweigernd“; ständig vernetzt, multitasking, ohne Kontrolle dessen was um ihn herum abläuft, aber selber Teil der großen neuen Gemeinde derer, die im weltweiten Spinnennetz zappeln. Es gibt ihn, diesen neuen Menschen, als Phantasieprodukt oder auch als Horrorprojektion. Nur mit der Wirklichkeit hat er recht wenig zu tun. Nicht die „Freiheit des Netzes“ steht auf der Agenda der Weltpolitik, nicht der neue, digital selbst bestimmte Mensch, frei, kritisch, sozial, morgens Handwerker, mittags Fischer, abends Dichter (frei nach Marx), nicht die Befreiung und Befriedung der Welt dank einer allseits verwirklichten Transparenz -, nein eher das Gegenteil. Zumindest lassen sich auch diametral andere Tendenzen erkennen: Die Netzfreiheit wird zur Freiheit, sich zu Tode zu amüsieren; das Netz selbst wird immer stärker politisch und staatlich kontrolliert und fragmentiert (die vergangene Tagung der ITU in Dubai war ja wohl erst der Auftakt, ein Vorgeschmack künftiger Interessenkämpfe), die Parole des „Kampfes gegen den Terrorismus“ öffnet auch die letzten Schleusen zur Total-Erfassung und Total-Überwachung; die digitale Schere öffnet sich durchaus weiter, indem große Teile der Welt vom freien Zugang zum Netz abgeschnitten sind (nicht nur in China wird zensiert, auch in den USA, siehe die Zensur „unangemessener“ Suchbegriffe und Buchtitel durch Google, Amazon usw.), so dass auf der anderen Seite auch die Haltung bewusster Verweigerung gegenüber der Allgegenwart des Netzes, der digitalen Erfassung und automatisierten Erkennung („big data“), eine immer größere Plausibilität gewinnt. Zumindest sollte man darüber nachdenken dürfen.

Denn der Mensch, so meine Erfahrung, darum auch meine These, bleibt im Wesentlichen, wie er ist. Evolutionäre Anpassungen verlaufen aus der Sicht des individuellen Lebens im absoluten Schneckentempo. Im Grunde hat sich die psychische Struktur des Menschen seit der Steinzeit kaum verändert. Die jauchzenden Römer bei der Tier- und Menschenhatz in den Zirkussen des Reiches sind genau solche homines sapientes gewesen, wie wir es sind. Nur unsere Formen des Auslebens von Gewalt und Schmerz, von Leid und Mitleid, von heilsamem Schrecken und Angst vor der Leere sind andere geworden. Wir gehen dazu ins Kino oder reagieren uns beim Sport oder, wenns gut geht, an Computerspielen ab. So what, nicht viel Neues unter der Sonne. – Ich finde es viel spannender, diesen doch immer noch recht im Verborgenen wirkenden Strukturen des Menschlichen auf die Schliche zu kommen, also die Fragen der Anthropologie (psychisch, neurologisch, sozial, religiös, ethisch, meW kulturell) neu zu stellen und wieder und wieder zu beantworten suchen. Man kann sich daran abarbeiten, denn diese Aufgabe erledigt sich niemals. Und dafür können wir wunderbar die Möglichkeiten des Netzes, der „digitalen Welt“ zur Hilfe nehmen. ZUR HILFE! Das ist das Beste, was menschliche Erfindungen und Entdeckungen sein können: eine praktische Hilfe zum Verstehen, zum besseren Leben für möglichst viele. Das Netz ist also kein Evangelium und braucht keine Missionare. Nüchterne Pragmatiker sind gefragt.

 20. Januar 2013  Posted by at 13:00 Kultur, Medien, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Kein Evangelium
Dez 212012
 

Das Netz und die Nutzung des Netzes haben sich weiter entwickelt.  Das ist das Mindeste, was man im Rückblick auf die vergangenen Monate fest stellen kann. Um diesem ersten Satz etwas mehr Farbe und Aussage zu geben, müsste man schon bewerten, wie sich das Internet weiter entwickelt hat. Und da gehen dann die Meinungen schon auseinander.

Vieles, was auf den ersten Blick als eine durch das Netz und vor allem durch seine sozialen Plattformen induziert zu sein schien, entpuppte sich im Nachhinein entweder als Fehlurteil oder als wenig dauerhaft. Die „Arabellion“, gerne auch als „Twitter-Revolution“ gekennzeichnet, war allenfalls vordergründig eine „Internet-Revolution“. Genauere Analysen haben gezeigt, dass die neuen Medien eine offenbar viel geringere Rolle gespielt haben, als es in der Presse und in eben diesen „neuen Medien“ behauptet worden war (siehe zum Beispiel hier). Von einer anderen sozialen Bewegung, die fest mit den social media konnotiert wurde, nämlich der „Occupy-Bewegung“, ist in diesem Jahr gar nichts mehr zu hören und zu lesen gewesen, nichts, was auf Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit schließen ließe, also eher eine „klassische Eintagsfliege“. Von zahlreichen Aufrufen zu Protesten gegen befürchtete Beschränkungen der Freiheit des Netzes wie das Handelsabkommen ACTA (Stopp ACTA), vom Streit um das Urheberrecht, von den Protesten gegen den Gesetzentwurf zum Leistungsschutzrecht (LSR), von den viel leiser vernehmbaren Einsprüchen gegen die Einrichtung von INDECT, war nur der Anti-ACTA-Protest eine erfolgreiche Bewegung (Übersicht hier). Wie weit allerdings die Proteste im Internet und auf den Straßen tatsächlich zur Verhinderung dieses Anti-Piraterie-Abkommens geführt bzw. dazu beigetragen haben, wäre noch eigens zu untersuchen. Es gab dabei eine Menge recht divergierender Interessen, die letztlich eine Verhinderung des Abkommens und die Absetzung des ACTA-Verfahrens beim Europäischen Gerichtshof seitens der EU-Kommission zur Folge hatten. Weder der Streit ums Urheberrecht im digitalen Zeitalter noch der Streit ums LSR waren in irgend einer Weise „massentauglich“. Eher sind dies wenngleich wichtige, so doch spezielle juristische Fragen, die besonders die „Netz-Elite“ interessieren. Doch die ist eine verschwindend kleine Minderheit. Ein Blick auf die aktiven Nutzerzahlen von Twitter in Deutschland zeigt, dass nur wenig mehr als 100.000 Nutzer häufig und regelmäßig tweeten (siehe hier).

Überhaupt die „Minderheit“ der Netz-Aktivisten. Vielleicht am erstaunlichsten war in den vergangenen Wochen und Monaten der rasante Absturz der „Piraten“ aus dem öffentlichen Interesse – und der entsprechende Rückgang der Unterstützer bei der berühmten „Sonntagsfrage“: Laut „Deutschlandtrend Dezember“ (tagesschau.de) liegen sie bei 3% Wählerzustimmung. Der Höhenflug dieses „Themas“ ist also vorläufig beendet. Auf der anderen Seite scheinen sich einige Voraussagen für das durch die sozialen Medien und Blogs beförderte Ende der traditionellen Print-Zeitungen erstmals zu materialisieren: Gleich zwei überregionale Tageszeitungen mussten ihre Einstellung ankündigen: Financial Times Deutschland (bereits eingestellt) und die Frankfurter Rundschau (wegen Insolvenz Galgenfrist noch bis Ende Januar 2013). Dabei ist allerdings zu fragen, wie weit hier das Internet „Schuld“ war oder ob nicht viel mehr ganz andere wirtschaftliche Faktoren ursächlich sind. Immerhin hat die FTD während der dreizehn Jahre ihres Bestehens durchweg Verluste gemacht, und die FR ist seit mehreren Jahren wiederholt am Absturz vorbei geschrammt. Die großen überregionalen Zeitungen wie SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche, FAZ sind gerade dabei, bei recht konstanter Leserschaft ihr Geschäftsmodell zu ändern, nachdem die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft rasant weg gebrochen sind.

Viel wird da im Netz, in den einschlägigen Blogs und Plattformen, über die „hochnäsigen“ Journalisten geschimpft oder sich überhaupt über den „guten Journalismus“ lustig gemacht (Wolfgang Michal bei CARTA), der doch gegenüber der Schnelligkeit und „Schwarmintelligenz“ (vielleicht das Modewort des Jahres) des Netzes hoffnungslos unterlegen und also von vorgestern sei – und außerdem nur noch zum Boulevard verkomme. Gleichzeitig, welch erstaunliche Wendung der Netz-„Elite“, ist eben dieser antiquierte Journalismus Schuld, wenn Deutschland beim Ranking der Sozialen Medien zu „schlecht“ abschneidet. Laut der Wirtschaftswoche und dort dem Blog von Michael Kroker liegt DE bei der Nutzung sozialer Online-Netzwerke mit 34% nur im  unteren Drittel vergleichbarer Industrieländer und weist zudem 46% „Verweigerer von sozialen Netzwerken“ auf. Schlimme Sache, wie Marcel Weiss bei CARTA meint. Denn darin drücke sich nicht nur „Skepsis der Deutschen gegenüber neuen Technologien“ (Kroker) aus, sondern die „starke Risikoaversion unserer Gesellschaft“ (Weiss). Die von ihm im selben Satz diagnostizierte deutsche „Vorliebe von geordneten vor chaotischen Verhältnissen“ ist anscheinend etwas ganz Schlechtes und Verwerfliches. Dass dahinter ein durchaus rationales Kalkül stecken könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Und nun kommt’s: Schuld an dieser Misere sind – die so viel gescholtenen Print-Medien und das Fernsehen: „Sowohl Print als auch TV berichtet hierzulande seit Jahren fast ausschließlich negativ über das Internet und dabei natürlich besonders über das Trendthema der letzten Jahre, die Social Networks. Große Titelstories sind immer mit Skandalen oder Risiken verbunden.“ Kein Wunder, dass darum Deutschland „erschreckend“ digital-technologisch hinterher hinke. [Nebenbemerkung: Welches Bild ergäbe sich wohl, wenn man die Nutzung neuer Technologien zur nachhaltigen Energiegewinnung in Deutschland als Maßstab anlegen würde? Aber das hat ja mit „digital“ und dem intelligenten „Netz“ nichts zu tun.] Verquere Welt. Immer Ärger mit diesen Internet-„Verweigerern“ und „Wohlfühljournalisten“!

Google Earth at Night

Google Earth at Night

Von einer ganz anderen, sehr nachdenkenswerten Seite nähert sich dem aktuellen Zustand der Internet-Kultur und der netz-obligaten Transparenzforderung  der Berliner Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han im SZ-Magazin. Er konstatiert im Blick besonders auf Facebook einen Prozess der “Glättung” durch das Netz, die “alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt”. „»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.“ so Han. Und Sean fragt in einer Anmerkung zu meinem Blogbeitrag „Kultur und Fortschritt – und weiter?„: „Gibt es eine Entropie der Kultur?“ Ein interessanter Gedanke. Mir fällt dazu der von +Jürgen Kuri wiederholt geäußerte Ausspruch von der „Langsamkeit des Internets“ ein. Aus einer Fülle allzu schneller Information, basierend auf Gerüchten, Vermutungen, Vor-Urteilen, auf den sozialen Plattformen mit einem Klick in Windeseile weiter verbreitet, kristallisiert sich erst nach Abflauen des Erregungs- und Aufmerksamkeits-Hypes der tatsächliche Informationsgehalt heraus, oft genug durch genau recherchierende Journalisten.

Hinzu kommt eine der übelsten Seuchen des Internet, der „shitstorm“, also so etwas wie der digitale Schandpfahl, gegenüber dem man ohne nachzufragen und im Schutz der (anonymen) Öffentlichkeit schimpfen, beleidigen und verleumden kann nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Es ist eine sozialpsychologisch beschreibbare Blitzableiter-Funktion (eigener Frust?), die sich hier manifestiert. Erklärbar bedeutet aber nicht entschuldbar, erst recht nicht aus der Sicht der betroffenen Opfer.

Abgesehen von solchen Exzessen, abgesehen auch von gelegentlichen Aufmerksamkeits-Stürmen (als Stichworte reichen bisweilen Namen: Wulff, Ponader, Weisband) stellt sich die Allgegenwart des Netzes doch recht durchschnittlich und unaufgeregt dar. Millionen Menschen in Deutschland nutzen Email, Skype, WhatsApp, weiterhin SMS (!), kaufen und buchen online, lassen sich Bahnverbindungen anzeigen und kaufen Fahrkarten übers Web, lesen Nachrichten, spielen Internetspiele, kaufen und sehen Filme, informieren sich über alles, was sie gerade interessiert. Nicht zufällig gehört das Wort googeln seit langem zum deutschen Wortschatz. Trotz mancher überzogenen Warnungen nutzen ebenfalls Millionen Internet-Banking, mehr und mehr über mobile Geräte, Smartphones und auch mittels der sich erst allmählich verbreitenden Tablets. Da vollzieht sich eine langsame, aber unaufhörliche und ganz selbstverständliche Anpassung des Lebensstile an die Gegebenheiten, Möglichkeiten und den praktischen Nutzen des Netzes. Das hat wenig mit einer „digitalen Evolution“ oder einem neuen technisch-kulturellen Menschsein zu tun. Internet und der Spaß an neuen Geräten (‚Spielzeugen‘) ist auch bei uns Alltag geworden. Klar, dazu gesellt sich zu Recht manche Skepsis, manche Angst vor Überforderung, manche Unsicherheit und Zurückhaltung, auch im Blick auf die Privatsphäre. Warum auch nicht, sollen doch andere Mutigere erst einmal ausprobieren, was geht und was nicht geht, was etwas taugt und was nicht. Das ist eine sehr pragmatische Haltung. Ich finde sie verständlich und begrüßenswert.

 

Und vieles, was sich dann so an Diskussionen, Meinungen (@Christoph Kappes seufzt in einem Tweet: „Meinungen, alles voller Meinungen“ – ja was denn sonst?), Äußerungen, „Statusmeldungen“, Gefühlsausbrüchen, Ansichten usw. –  oder auch an Spaß, Ulk und Nonsens im Netz, in den social media – Netzwerken kundtut, kommt mir vor wie ein weißes Rauschen, in dem wesentliche Unterschiede kaum auszumachen sind. Das Netz als das Hintergrundgeräusch unserer Gegenwart, mal lauter, mal leiser, immer mit Wispern und Zwitschern beschäftigt, selten mit inhaltlicher Klarheit und Bestimmtheit, dafür ein auf- und abschwellender Lärmpegel, der einfach heute dazu gehört. Man kann dieses ‚Hintergrundrauschen der Moderne‘ kaum überhören, erst recht nicht abstellen (nur ganz privat von Zeit zu Zeit), aber man muss es auch nicht zu wichtig nehmen. Manchmal möchte man einfach rufen: „Stop making noise“ – aber auch das Originalzitat „Stop making sense“ gäbe durchaus einen Sinn. Aber Abschalten und Pause liegen ja in der Hand eines jeden. Man muss nur wollen.

 

 21. Dezember 2012  Posted by at 18:20 Internet, Netzkultur, social media, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Weißes Rauschen
Nov 252012
 

Dieser Tage entdeckte ich mich in einer Art Blase gefangen. Der Filter waren aber keine Algorithmen, sondern das war ich selber. Ich hatte in meiner Wahrnehmung unbewusst eine Lupe benutzt: Teile der Wirklichkeit erschienen so sehr viel größer und bedeutender, als sie tatsächlich sind. Ich spreche vom Web 2.0.

Seit einigen Jahren organisiere ich Vortragsveranstaltungen in Kempten. Sie stehen jeweils unter einem Oberthema, zum Beispiel „Hirnforschung“ oder „Schöpfung und Evolution“. Anerkannte Wissenschaftler berichten dann aus ihrem Fachgebiet. Die Resonanz beim Publikum war durchweg gut. In diesem Winterhalbjahr hatte ich das Thema „Web 2.0 – Welt 2.0“ ausgewählt. Ich war mir sicher, damit etwas ganz Aktuelles und allseits Interessantes getroffen zu haben. Engagierte und in der „Szene“ bekannte Referenten aus München, Ulm, Freiburg konnten gewonnen werden. Nach zwei Veranstaltungen mit einer Publikumsresonanz knapp über Null haben wir (VHS als Trägerin) die Veranstaltungsreihe gestoppt und die weiteren Vorträge abgesagt. Das Thema des letzten Vortrages war die Entwicklung der Zeitungen im Zusammenhang des Internet; passte zufällig haargenau zu den gerade gemeldeten Schließungen der Frankfurter Rundschau und der Financial Times Deutschland. Null Erregung. Großes Erstaunen. Was ist passiert?

Filter Bubble by Eli Pariser

Natürlich fragt man sich zuerst danach, ob die Termine falsch lagen, ob es konkurrierende Veranstaltungen oder ob es Versäumnisse in der Werbung gab. All dies konnte man mehr oder weniger ausschließen, im Gegenteil, die Werbung für den letztgenannten Vortrag war auch überregional besonders intensiv, unterstützt von den Lokalzeitungen. Kempten ist zwar keine Großstadt, aber eine bedeutende Mittelstadt in einem ländlichen und touristischen Umfeld (Allgäu). Immerhin lebt die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands in solchen Mittelstädten, hier mit einer Hochschule und mit einem starken Mittelstand im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik. Die „anderen“ Themen liefen ja auch, also nochmal: Was war passiert?

Offenbar lag eine Fehleinschätzung der Relevanz des Themas „Internet und Web 2.0“ in der interessierten Öffentlichkeit vor. Einen jüngeren Bekannten, studierend, den ich danach fragte, sagte mir: „Ich benutze zwar Facebook, aber das Internet als Thema interessiert mich nicht.“ So denken und empfinden offenbar viele. Man nutzt die Angebote des Netzes, ohne dass einen die Frage nach der Bedeutung des Internets und der neuen Medien im Allgemeinen interessiert oder zum Nachdenken / Nachfragen bewegt. Wenn ich dagegen meine Twitter Timeline beobachte, in Google+ stöbere oder mich interessierende Blogs und Blog-Portale besuche, bekomme ich einen völlig anderen Eindruck. Dann denke ich: Das Thema Internet und Web 2.0 bewegt die Welt. Da sind doch die „Twitter-Revolution“ in den arabischen Ländern, die Anti-ACTA-Proteste, die heißen Diskussionen über das Urheberrecht oder das Leistungsschutzrecht – und natürlich die Piraten. Da sind die zahllosen Beiträge in Zeitungen und Weblogs über die mediale Revolution durch das Internet, da sind hitzige Diskussionen und Shitstorms. All das bewegt doch offenbar die Öffentlichkeit. – Asche. Nichts davon stimmt so. Es ist nur die Lupe der eigenen Wahrnehmung und Interessen, die dieses Bild erzeugt und die Relevanz vergrößert. Auch abgesehen von dem Einzelfall meiner geschilderten Erfahrung mit den Vorträgen sieht die Wirklichkeit im Netz doch recht anders aus.

Zum Beispiel Twitter. Im April dieses Jahres wurde die Erfolgsmeldung von 4 Millionen Twitternutzern allein in Deutschland verbreitet. Man muss näher hinschauen, was Twitter-Nutzer sind. Von den 4 Mio. Accounts sind aktuell (November) nur 825.000 „aktive“ Nutzer.

Ein Account wird als „aktiv deutsch” bezeichnet, wenn darüber pro Woche mindestens ein deutschsprachiger Tweet versendet wird. Dabei wird eine Liste mit 400 eindeutig deutschsprachigen Begriffen wie „bitte“, „danke” oder „gestern“ zu Grunde gelegt. Diese Untersuchung lässt nur schwer Rückschlüsse auf tatsächlichen Nutzerzahlen von Twitter zu: Zum einen werden stumme Accounts, also solche, die nicht selbst aktiv senden, nicht erfasst. Zum zweiten ist nicht ersichtlich, wie viele Accounts von ein und derselben Person genutzt werden. … 310.000 Accounts haben im letzten Monat mehr als zehn Tweets abgesetzt, 99.000 sogar mehr als 30, im Schnitt also mindestens einen Tweet täglich. (Webevangelisten)

Das heißt, 2,5 % der Twitter-Accounts werden zum regelmäßigen, täglichen Gebrauch genutzt. 300 000 Nutzer generieren damit ca. 95 % der Tweets. Tun wir also das, was die meisten Twitter-User machen, nämlich nur lesen, dann erfahren wir die Infos und Meinungen von einer winzigen Minderheit von deutschlandweit 100.000 sehr aktiven „Netzwerkern“. Die allerdings „machen Meinung“ und Stimmung und prägen unsere Wahrnehmung. Das genau meine ich mit der Netz-Lupe: Eine kleine aktive Gruppe wird leicht für das Ganze des Webs genommen. Berücksichtigt man dann noch, dass mehr als die Hälfte der Zeitungs-Journalisten von sich sagen, regelmäßig Twitter zu beobachten und für ihre Artikel als bedeutende Nachrichtenquelle zu berücksichtigen, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch die traditionellen Medien die Relevanz und Verbreitung der neuen Medien des „Web 2.0“ (= sozial, interaktiv!) überbewerten. Eine Fehleinschätzung, die multipliziert wird.

Ähnliches gilt für Facebook, auch wenn dieses soziale Portal eine andere Zielrichtung als Twitter hat. Genauere Nutzerstatistiken rückt Facebook öffentlich nicht heraus. Nur die Gesamtzahl „aktiver“ Facebook-Accounts wird kommuniziert:  Rund 25 Millionen Facebook-Nutzer gibt es in Deutschland. Andererseits weist t3n darauf hin, dass es im Juli erstmals einen deutlichen Knick im Zuwachs gegeben habe: es waren 200.000 Nutzer weniger. Wie dem auch sei, so muss auch hier nachgeschaut werden, was „aktive Facebook-Nutzer“ sind. Dazu heißt es: „Aktive Nutzer sind in diesem Fall alle Besucher, die sich in den vergangenen 30 Tagen bei Facebook angemeldet und mit dem Netzwerk interagiert haben.“ Was heißt „interagiert“? Kommentare hinterlassen oder einen Post liken. Also auch nur der eine Klick auf den Like-Button wird als Interaktion gezählt. Vermutlich ist also auch bei Facebook die Zahl derjenigen Nutzer, die regelmäßig eigene Statusmeldungen verfassen oder Fotos hochladen und mit anderen („Freunden“) schriftlich kommunizieren, nur ein Bruchteil der Zahl der Facebook-Accounts. Auch hier entpuppt sich die gewaltige Zahl von 25 Millionen Nutzern als eine Lupe, die die Realität größer und erscheinen lässt, als sie ist. Millionen mögen Facebook anklicken und lesen, aber nur ein viel kleinerer Teil nutzt dieses Portal aktiv.

Ein letzter Hinweis auf eine oft verstellte Wahrnehmungs-Lupe. Liest man über das derzeitige „Zeitungssterben“ zumal in einschlägigen Blogs und gut vernetzten Webbeiträgen , so gewinnt man den Eindruck, dass das Internet und die Sozialen Medien das allmähliche Ende der traditionellen Zeitung einläuten. Richtig an dieser Interpretation ist die wirtschaftliche Tatsache, dass die Tageszeitungen derzeit einen Rückgang ihrer Leserschaft (drastisch bei jüngeren Menschen) und den Zusammenbruch des Anzeigenmarktes und damit ihrer herkömmlichen Haupteinnahmequelle erleben. Das traditionelle Wirtschaftsmodell der Tages- und Wochenzeitungen ist am Ende. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bedeutung der Zeitungen als Gatekeeper des Zugangs zur den Geschehnissen in der Welt verloren gegangen wäre. Im Gegenteil. Zu der Gruppe der 10 meistbesuchten Websites in Deutschland gehören spiegel.de und bild.de, bald gefolgt von Focus online und Welt online. Die Online-Angebote der überregionalen (Tages-) Zeitungen haben einen enormen Zuspruch:

Online Verbreitung

„Im gleichen Zeitraum [Oktober 2012] ist die von der Prüfgemeinschaft für die Online-Medien festgestellte Gesamtnutzung deutlich angestiegen: So wurden im Oktober 2012 für 1156 der von der IVW gelisteten Internetangebote insgesamt rund 5,37 Mrd. Visits (Besuche, das heißt einzelne zusammenhängende Nutzungsvorgänge) und 40,27 Mrd. PageImpressions (einzelne Seitenaufrufe) festgestellt (September 2012: 1.162 gemeldete Angebote mit 4,93 Mrd. Visits und 37,67 Mrd. PageImpressions).“ (Quelle: IVW)

Online erreichen die Zeitungsmedien ungleich mehr Besucher und Leser, als sie in ihren Print-Ausgaben jemals hatten. Man muss deswegen wohl genauer von einer existenzgefährdenden Krise des herkömmlichen Wirtschaftsmodells der Zeitungen sprechen – die Zeitungsangebote im Internet dagegen erfreuen sich größter Beliebtheit. Nicht die Zeitung als Gatekeeper der Nachrichtenwelt ist am Ende, wie es die Diskussionen unter der „Netz-Lupe“ nahelegen, vielmehr steht das Wirtschaftsmodell der Tageszeitungen vor gravierenden Veränderungen und Anpassungen. Wer da den ‚turn‘ nicht schafft, verschwindet vom Markt.

Was also „lernt“ uns das? Mit der Lupe unserer Internet-Wahrnehmung bekommen wir hoch interessante Diskussionen, ja einen gesellschaftlichen Diskurs, zu Gesicht. Es ist aber wie eh und je der Diskurs einer kleinen Minderheit. Darum ist es gut, dann und wann diese Lupe beiseite zu legen und die Wirklichkeit der Gesellschaft zu betrachten, wie sie mit und ohne Netz ist. Fast jeder der Jüngeren nutzt das Netz, die meisten passiv als zusätzliches Medium, das konsumiert wird. Die wenigsten aber gehören zur Gruppe der aktiv sich beteiligenden Internet-Nutzer, die schreiben, diskutieren, bloggen usw. Man darf halt diesen Teil des „Web 2.0“ nicht für das Ganze nehmen. – Man sieht: Auch ein Flop kann lehrreich sein.

 25. November 2012  Posted by at 12:34 Internet, Öffentlichkeit, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Die Web-Lupe
Sep 142012
 

Einige Wochen auf Reisen außer Landes und mit gänzlich anderen Dingen beschäftigt können einiges bewirken. Dank Internet ist man natürlich nicht „aus der Welt“, aber man schaut doch nur gelegentlich auf deutsche Webseiten und soziale Foren. Ist auf einmal gar nicht mehr so interessant und wichtig, weil einen andere, neue Erfahrungen in einer ganz anderen Welt in Beschlag nehmen und das Interesse wecken. Man gewinnt Abstand zu dem, was einen zu Hause doch täglich beschäftigt hat. Das hat einen äußerst positiven Effekt.

Die Nachrichten. Eigentlich interessieren einen „News“ nur noch dann, wenn sie wirklich weltpolitisch wichtig sind, wenn also irgendwo etwas von ein Bedeutung passiert ist. Man merkt sehr schnell: Das ist gar nicht so oft der Fall. Ein Glück übrigens. Man schaut die Nachrichten des jeweiligen Gastlandes, schmunzelt über manches Ungewohnte oder Skurrile – und schaltet auf etwas anderes um. Man wirft einen Blick auf deutsche Nachrichtenseiten im Netz und sieht, dass da eigentlich auch nichts wirklich Neues oder Wichtiges gemeldet wird: Alles immer wieder der bekannte Kram. Wegklicken, ist jetzt egal. Und nach einige Zeit merkt man, dass man gar nicht mehr täglich nach den „News“ geschaut hat. Kann also so wichtig nicht sein. Die Headlines bei irgend welchen Katastrophen oder besonderen politischen Ereignissen (Umsturz! Revolution!) sieht man auch spätestens auf irgendwelchen öffentlichen Bildschirmen. Ich muss sagen, das reicht eigentlich auch.

Ich nehme mir vor, zu Hause öfter mal „nachrichtenfreie“ Tage einzulegen. Man verpasst nämlich gar nichts. Das stelle ich erst recht fest, seit ich wieder in der Heimat bin. Sehe oder lese ich die Nachrichten, dann merke ich überhaupt nicht, dass ich lange Zeit weg war. Es sind immer noch dieselben Themen. Es hat sich kaum etwas bewegt oder verändert. Eigentlich auch gut so. Die tägliche Up-to-date-Hektik mit den neuesten News ist völliger Blödsinn. Entweder es sind keine „News,“ oder es ist nichts Neues. Die News -Agenturen machen News, um jeden Tag Aufmerksamkeit zu erregen. In Wirklichkeit ist da eigentlich oft gar nichts Berichtenswertes. Das zuzugeben wäre freilich katastrophal – für die Nachrichten-Verbreiter. Schließlich leben sie davon. Aber man muss es ihnen ja nicht glauben. Eigentlich auch gut so, dass so viel Wichtiges gar nicht passiert. Oder wenn es wichtig ist, es eben so lange breit getreten wird, dass man das jeweilige Thema (z.B. Euro!) getrost einige Tage oder Wochen ignorieren kann.

Das Internet. Ach ja, und die „sozialen Medien“, also besser gesagt die sozialen Foren im Netz. Facebook, das sieht man in Nordamerika sehr schnell, ist gewiss das meist genutzte soziale Forum überhaupt. Nur darf man dort keine „Diskussionen“ erwarten. Small talk allenfalls. Austausch von Kochrezepten. Verabredungen, Klatsch und Tratsch unter Freunden oder solchen, die sich dafür halten. Bildertausch. Alles ganz nett und manchmal praktisch, aber bestimmt keine „Revolution“. Das gilt auch für das angeblich diskussionsfreudigere Google+. Viele der dort geführten Diskussionen (ich beteilige mich ja selbst gelegentlich daran) sind doch nur bessere Kneipengespräche. Die können ja bisweilen auch ganz ordentlich und auf jeden Fall nett sein. Aber hilft das zu einem „politischen Diskurs“? Dazu gehörte wohl überlegtes, auch Zeit zum Nachdenken einräumendes Diskutieren und begründetes Argumentieren. Also genau das Gegenteil dessen, wofür man soziale Plattformen lobt: „instant“ zu sein. So sind denn viele Threads auch nach dem Motto: Erst die Tastatur, dann (wenn überhaupt) der Kopf. Eher schon der Bauch, das Gefühl. Daraus entstehen diese allfälligen Aufgeregtheiten über alles mögliche angeblich so Netz-Relevante. Urheberrecht. Leistungsschutzrecht. Vorratsdatenspeicherung. Gewiss alles wichtige Themen, da stimme ich zu. Doch vieles, was ich dazu in Foren und Blogs gelesen, ist recht einseitig und oft nur „aufgeregt“, alarmistisch.

Ja, da war doch diese Spitzer-Diskussion letztens. Ich hab davon ein wenig am Rande mit gekriegt. O je. Ein begnadeter Selbstvermarkter mit hohem narzistischen Potential wie Spitzer (man sollte ihn aus Büchern und TV kennen) wirft zugespitzte Thesen auf den Markt, in Buchform natürlich. Er muss sich grün geärgert haben über den verkaufsstrategischen Coup eines Sarrazin. Also wird eins drauf gelegt: Internet macht blöde. Toll. Lässt man all seine provozierenden Nadelstiche weg, bleibt als rationaler Rest: Wer sich ausschließlich mit Spielen und Klicken im Netz beschäftigt, unterfordert seine Intelligenz. Früher hieß das: Wer nur vorm Fernseher sitzt und zappt, verblödet. Na ja, wenn man das so formuliert mit „nur“ und „ausschließlich“, dann ist das eine Trivialität. Also hat Spitzer nur provoziert, um sein Buch nun bestens zu verkaufen. Denn, ich konnte es nicht fassen, die „Internetgemeinde“ fährt drauf ab wie auf einer  ausgelegten Leimrute. Selbst Forenteilnehmer, die ich eigentlich schätzte, regen sich wer weiß wie auf, beteiligen sich am Alarmismus und/oder an der Betroffenheit über die Unverfrorenheit, so einfach das Inter.Nest zu beschmutzen, – und folgen dem Protestgeschrei der Netzfans. Zu wenig Nachdenken, kein Abstand.

Der Abstand aber machts. Er ist gelegentlich heilsam und nötig, um Dinge wieder ins rechte Verhältnis zu setzen, um Blickrichtungen und sachliche Gründe wieder ins Lot zu bringen. Das Internet samt allen Foren, Medien, „instant“ Präsenzen, Informationskanälen usw. ist selbst nur ein Medium, ein Mittel mit großen Möglichkeiten. Man kanns sinnvoll nutzen, man kanns missbrauchen, man kann einfach Blödsinn damit machen. Alles gut, alles ok zu seiner Zeit. Aber das Netz ist keine heilige Kuh, auch dann nicht, wenn sie ein Spitzer durchs (Netz-) Dorf treibt.

Viel weniger ideologisch oder idealistisch befrachtet als hierzulande, dafür aber sehr viel mehr im täglichen praktischen  Gebrauch ist das Netz dort drüben überm großen Teich. Viel Business, viel Kommerz, klar, viele Gadgets, viel Hype um das Neuste und Attraktivste. Man muss einmal einen Apple Store zum Beispiel in Toronto gesehen haben. Da drängen sich viele Junge und Ältere, besonders viele junge Frauen und fassen die tollen Geräte an, prüfen Aussehen und Farbe, obs auch chic ist – und kaufen. (Wo kann man Android – Geräte so „anfassen“?) Ich kenne hiesige Apple Stores. Da gehts eher bedächtig zu. Das nur als Beispiel. Es ist damit dann eher wie beim Autokauf: Muss gut aussehen, man muss damit ein gutes Gefühl haben und man muss tolle Sachen damit machen können. Das ist eine Produktstrategie. Das ist kein Evangelium. Aber das ist es, was man mit dem Internet machen kann. Viel mehr eigentlich nicht.

Der Abstand machts, sich nicht so viel vormachen zu lassen. Ist gut so.

 14. September 2012  Posted by at 17:56 Medien, Netzkultur, News, Politik, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Der Abstand machts
Jul 062012
 

Streit nur unter Ökonomen? Lieber eine streitige Diskussion um Europa. Offen Positionen zu benennen und Argumente auszutauschen ist dran. Die Form unseres demokratischen und partizipativen Umgangs steht unter Bewährung. Politik darf sich davor nicht drücken.

Als „Ökonomengezänk“ oder höflicher als „Streit innerhalb der Ökonomenzunft“ (FAZ) werden die gerade aktuellen Aufrufe und Kommentare und Gegenbriefe und Gegenkommentare bezeichnet. Ich erspare es mir, hier alles mit entsprechenden Links zu unterlegen; man findet Einschlägiges dazu bei jeder Zeitungs- oder Newsseite. Ob es angemessen oder unangemessen ist, statt von Banken-Rekapitalisierung von einer Übernahme von Risiken und Schulden zu sprechen, lasse ich dahin gestellt. Ich bin kein Ökonom, verstehe zwar den Unterschied, aber nicht, wie weit sich eines vom anderen im Endeffekt abgrenzen lässt. Auch alarmistische Töne oder ein nationalistischer Zungenschlag bzw. die „von nationalen Klischees geprägte Sprache“ (Rürup) des zuerst veröffentlichten Aufrufes der 172 WiWi’s im Gefolge von Werner Sinn werden moniert. Es gibt sogar einen textkritischen Vergleich unterschiedlicher Fassungen dieses Aufrufes im Handelsblatt. Ok, Aufreger wieder langsam runter fahren. Um was geht es?

Klar, es geht um eine angemessene Bewertung der jüngsten EU-Gipfelbeschlüsse insbesondere zur Unterstützung notleidender Banken und der künftigen Mittel und Möglichkeiten des ESM. Nun sind diese Beschlüsse reichlich kryptisch, diplomatisch formuliert und in ihrer Bedeutung für mich zunächst einmal nicht verständlich und abschätzbar. Zuviel steckt auch im „Subtext“. Der Streit um die „richtige“ politische Interpretation setzte ja noch in der selben Nacht ein (Monti, Merkel, Hollande – „kommunikatives Desaster“) und erwies sich schnell als recht vieldeutig. Was ist denn nun eigentlich beschlossen worden? Welche konkreten Absichten stehen hinter dem jeweiligen Wortlaut? Wo sind es nur Kompromissformeln, die das eigentliche Problem verdecken? Wenn schon die Politiker darüber streiten, was genau beschlossen bzw. mit den Beschlüssen beabsichtigt ist (bzw. „wer gewonnen hat“), dann darf man sich nicht wundern, wenn erst recht die Ökonomen, die ja gerne in den Medien als Fachleute gerufen werden bzw. sich ebenso gerne selber als solche präsentieren, darüber äußerst uneins sind. In der „Ökonomenzunft“ steigert sich die Uneinigkeit noch einmal, weil es jedem von ihnen nicht nur um die „nackten Tatsachen“ der Beschlüsse geht, sondern um die vermuteten Auswirkungen und Nebenwirkungen, um die Bewertung (!) der Richtung, in die diese Gipfelbeschlüsse zielen, und um das Hervorrufen von Aufmerksamkeit dafür, was man „immer schon“ gefordert bzw. wovor man „immer schon“ gewarnt habe. Also um die jeweiligen Vor-Urteile und Wert-Urteile geht es. Davon sind insbesondere Ökonomen nicht frei, denn eine „wertfreie“ ökonomische Wissenschaft gibt es nicht. Selbst die Nobelpreise für Ökonomie zeigen über die Jahre am Beispiel der Laureaten völlig unterschiedliche, ja gegensätzliche Positionen. „Ökonomengezänk“ ist also nicht nur nicht neu, sondern recht alltäglich. Da stehen dann auch die jeweiligen Institute, gewerkschafts -oder arbeitgebernah, und ihr Kampf um Einfluß (und Geld) auf dem Markt der Meinungsbildung gegeneinander. Nochmal: Warum dann die große Aufregung?

Ich denke, abgesehen von der versuchten politischen Einflussnahme (siehe Schäubles Protest) ist die Aufregung ganz auf unserer Seite: auf der Seite der Leser und Diskutanten. Denn nicht nur im Netz bewegt uns Bürger heute die Frage nach der Zukunft des Euro, nach den Problemen Europas und ihren möglichen Lösungen, verbunden mit konkreten Ängsten und Bedrohungsgefühlen: Da will wer an „unser“ (gefühlt: „mein“) Geld. Und schon sind da alte Ressentiments („die Franzosen“), neue Affekte („die faulen Griechen“) und platte Lösungen („raus aus dem Euro“, wobei „die“ oder „wir“ gemeint sein können) in der Diskussion. Schnell ist man dann beim Vorwurf, der eine oder die andere sei zu viel / zu wenig „europäisch“ oder zu viel / zu wenig „deutsch“. Das sind eigentlich alles ungute, wenngleich verständliche Reflexe der Unsicherheit, des Nichtverstehens, des Verdachtes, wieder einmal „von denen da oben“ verschaukelt zu werden. Darum plädiere ich in jedem Falle zuerst für weniger weniger Aufregung und mehr Gelassenheit, sodann für Sachlichkeit und Nüchternheit.

Dazu ist aber, wie schon an anderer Stelle verlangt, mehr Aufklärung, deutlichere Erklärung, auch ein Aufzeigen der Unwägbarkeiten und Aporien seitens der handelnden Politiker nötig, zu aller erst gegenüber dem Parlament, dann aber sofort auch gegenüber der Öffentlichkeit, dem Bürger. Es dürfte in der heutigen Situation auch nicht sogleich als Mangel und Fehler verstanden werden, wenn zu einzelnen Punkten gesagt werden müsste, dass man da auch noch nicht so genau wisse, wie es damit weiter gehen solle. Das ist ja auch der Sinn von Maßnahmen, die erst einmal „Zeit kaufen“. Irgendwann wird es zu Lösungen auf europäischer und nationaler Ebene kommen müssen: ob mehr oder weniger „Europa“, ob Verzicht auf Souveränitätsrechte oder nicht, ob mehr Kontrolle, ob und wann ein Referendum, und wenn ja, zu welcher konkreten Frage. Um recht verstandene Solidarität geht es, um den akzeptablen Eigennutzen und das Recht und die Grenzen nationaler Interessen. Darum muss gerungen, gestritten, diskutiert werden und gerade auch von den politischen Akteuren eine klare Stellungnahme und Position gefordert werden. Vor allem sollten die Regierenden und Verantwortlichen aller Parteien in der derzeitigen Situation ihre Aufgabe nicht in weniger Information und Beschlüssen in Hinterzimmern suchen, sondern offensiv in mehr Information, Offenheit und Beteiligung der Bürger am Prozess der Meinungsbildung. Insofern steht derzeit die Form unseres demokratischen und partizipativen Umgangs unter Bewährung. Auch die öffentlichen Medien sollten ihren Teil zur Aufklärung und offenen Diskussion beitragen – Blogger und Netizens tun das schon längst. Kontrovers darf es dabei ruhig zugehen, muss es sogar. Aber wenn irgend etwas, dann ist es das Thema „Europa“, das heute in die öffentliche Diskussion gehört.

Und eines sollte dabei auch gesagt werden: Es wird kosten, so oder so, eine „billige“ Lösung wird es nicht geben. Das darf man getrost vermuten. Wir Deutschen haben bisher erheblich von Europa und dem Euro profitiert (Wiedervereinigung!). Irgend wann ist dafür der Preis zu bezahlen.

UPDATE:

Eine gute Übersicht über die Aufrufe gibt CARTA; eine Übersicht über die unterschiedlichen Argumentationen der Ökonomen gibt die FTD.

 6. Juli 2012  Posted by at 12:22 Aufklärung, Banken, Demokratie, Euro, Europa, Finanzkrise, Medien, Nation, Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft Tagged with:  Kommentare deaktiviert für Nur Ökonomengezänk?
Jun 182012
 

Die wachsende Bedeutung von Online-Zeitungen, Blogs und Foren stellt die Frage nach der Zukunft der Zeitungswelt. Nicht „print“ oder „online“ ist da die Alternative, sondern ein flexibles, leicht zugängliches und nach Nutzerverhalten differenziertes Online-Angebot auch von Bezahlmodellen ist hier gefragt.

Das Ende der Printmedien wird immer wieder beschworen. Gedacht ist da in erster Linie an die Tages- und Wochenzeitungen. Magazine und Zeitschriften insbesondere zu speziellen Freizeit- oder Gruppenthemen (Lifestyle, Wellness, Outdoor, Computer, Motor, Sport) erfreuen sich offenbar uneingeschränkter Beliebtheit. Aber den Tageszeitungen wird der baldige online bedingte Garaus angekündigt. Journalisten würden von News-Aggregatoren und Newsrobots kannibalisiert, so zuletzt +Christian Sickendieck, aber man liest diese Meinung immer wieder, als wäre es in der Internet-Szene common sense. Einerseits wird der Bedarf an professionellem Journalismus wegen zahlreicher Blogs, Foren und Communities bestritten, andererseits wird das Fehlen eines „guten“ Journalismus beklagt. Offen bleibt dabei bisweilen, ob dabei „gut“ mit „meiner Meinung“ gleich gesetzt wird. Zumindest werde sich das Printgeschäft wirtschaftlich bald nicht mehr tragen, da man alle Nachrichten auch anderswo online frei lesen könne. Ich kann dem so nicht folgen.

Zu bestimmen wäre zuerst die Funktion eines „guten“ Journalismus, ich würde lieber von „qualitativ hochwertig“ sprechen. Das bedeutet: fachlich fundiert, parteipolitisch unabhängig, wirtschaftlich nicht erpressbar, fähig zu eingehender Recherche, begründeter eigener Meinung, Übersicht über Zusammenhänge, mit möglichst „fachfremder“ und internationaler Erfahrung, stilistisch sicher und versiert. Viele Journalistinnen und Journalisten, auf die diese Charakterisierung zutrifft, finde ich bei den überregionalen Tageszeitungen, aber sicher auch bei regionalen Zeitungen. Der Bedarf für diesen qualitativ hochwertigen Journalismus ist offenkundig, zumal Fernsehsendungen (z.B. Talkshows) und auch Online-Beiträge (Blogs, G+) oft eher plakativ, polarisierend und thematisch weniger differenziert sind. Die ziemlich stabile Auflagenstärke der großen Tageszeitungen belegt das. Problematisch ist bei den Tages- und Wochenzeitungen eher das stark einbrechende Anzeigengeschäft, das ehedem das redaktionelle Standbein wesentlich finanziert hat. Die Frage ist weniger,ob wir in Zeiten des Web 2.0 noch guten Journalismus brauchen (klar, eher mehr als weniger, der Bedarf ist aus dem „Erbe“ der Printmedien da), sondern wie er sich organisiert und finanziert. Freizeitblogger, die ihren Job ernst nehmen, tendieren oft ebenfalls zur haupt- oder zumindest nebenerwerblichen Tätigkeit, und stehen dann vor dem selben Problem: der Finanzierung. Bisher, so liest man aus Verlagsnachrichten, hat die Online-Werbung das Volumen der früheren Print-Werbung noch lange nicht wett machen können.

Richtig ist, dass für eine längere Zeit „print“ und „online“ Zeitungen keine Alternative, sondern Ergänzungen sind. Kostenlose Online-Ausgaben der Zeitungen haben sich bei uns zunehmend etabliert und versuchen, ihren „Werbekuchen“ zu vergrößern; gerade dafür bietet das Web 2.0 beste Voraussetzungen (zielgenau, local based etc.). Online-Ausgaben sind eher auf aktuelle Nachrichten orientiert und weniger auf Hintergrundinformationen und Analysen. Gerade diese redaktionelle Arbeit aber ist kostentreibend, personalintensiv und je nach Thema oft nur für eine kleine Zielgruppe relevant. Man kanns beklagen, aber de facto werden Berichterstattung und Analysen aus Regionen und Themen, die derzeit nicht im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit stehen, eher weniger nachgefragt. Gerade diese Berichte sind vielen Zeitungslesern aber nach wie vor wichtig.

Daher komme ich zu meinem letzten Gedanken: Ein wesentlicher Punkt bleibt die Alternative kostenfrei – kostenpflichtig. Viele sind wie ich gerne bereit, für einen ausführlichen redaktionellen Teil der Tageszeitungen zu bezahlen. Bisher sieht das so aus, dass die überregionalen Tages- und Wochenzeitungen ihre Printausgaben als „ePaper“ anbieten, immer noch nicht alle (wie bedauerlicherweise die FAZ) als tägliche Einzelausgabe. Dies sollte zumindest von allen Zeitungen sowohl fürs Web als auch fürs mobile Lesen (Smartphone, Tablet, eBook) zur Verfügung stehen. Auch dies ist noch nicht überall gewährleistet, da besteht deutlicher Nachholbedarf. Dass Zeitungen hier die Wende zur Online-Welt bisher eher zögerlich angehen oder gar verschlafen haben, gehört nicht zum Ruhmesblatt der Verlage.

Es fehlt der Mut, neue Modelle des Vertriebs von „Premium-Inhalten“ anzubieten. Warum sollte man sich da an den bisherigen Möglichkeiten der Printausgaben fest klammern? Artikel-Abos, thematische Abos, kostengünstiger und bequemer Einzelabruf von Artikeln (ein Artikelpreis von € 2 bei Kosten für die Einzelausgabe von € 2,20 ist unverhältnismäßig) bzw. Autoren, all dies ist denkbar, wird teilweise andernorts schon probiert. Es könnte auch hier den Zeitungsmarkt fit machen für die Online-Welt. Ob Verlage dazu gleich „future labs“ benötigen, sei einmal dahin gestellt. Viel wichtiger wäre es, wenn die Zeitungsverlage die Online-Welt ernster nähmen und als Chance begriffen, statt sich abwehrend und ablehnend zu verhalten (siehe DRM oder das unsinnige Leistungsschutzgesetz) wie einst die Musikindustrie. Phantasie aber und Mut zu neuen Vertriebs- und Angebotswegen ist nötig und wäre wünschenswert. Wenn ich mich über Zeitungen ärgere, dann deswegen, weil es „die Großen“ immer noch nicht für nötig halten, schneller und gezielter auf die sich vollziehenden Änderungen im Nutzerverhalten der Zeitungsleser zu reagieren. Ich möchte beispielsweise nicht täglich die Printausgabe (gerne als ePaper) immer derselben Tageszeitung lesen, sondern wechseln und auswählen können. Warum ist online zu kaufen immer noch nicht möglich, was ein gut sortierter Bahnhofskiosk an Printmedien bietet? Das wäre doch das Mindeste, was umzusetzen wäre, und wie gesagt: Da sind noch manche Alternativen, die eher auf die Online-Medien zugeschnitten sind, denkbar und machbar – und wünschenswert. Denn der Bedarf auch an kostenpflichtigen Inhalten ist da, wenn das Angebot preiswert und flexibel ist.

UPDATE [19. Juni]

Thomas Knüwer bestätigt zwar einerseits meinen Befund über das verbreitete (Vor-) Urteil der Netzwelt, es handele sich um „die sterbende Industrie der Zeitungsverlage“ („Tageszeitungen sterben, das ist sicher“), die mittels LSR eine Art „Kohlepfennig“ erhalten solle, seine detaillierte Kritik am Leistungsschutzrecht halte ich ansonsten aber für informativ und richtig.

UPDATE [26. Juni]

Dagegen entlarvt CARTA-Autor Wolfgang Michal den „Mythos von den angeblich innovationsunfähigen Verlagen“ – lesenswert. Die Antwort dazu von Thomas Knüwer ebenfalls – und die inzwischen ausgedehnte Diskussion unter dem CARTA-Artikel! Auch auf das Gespräch mit Constantin Seibt vom Tages-Anzeiger (CH) sei zur Sache hingewiesen.

 18. Juni 2012  Posted by at 09:52 Internet, Medien, Presse Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Zukunft der Zeitung
Apr 142012
 
Man hat oft den Eindruck, gleichzeitig in vielen Welten zu leben. Viele Welten bedeutet viele Weisen, die Welt in den Blick zu nehmen und sich auf möglichst breiter Basis eine Meinung zu bilden. Das Netz ist ein weiteres Medium dazu mit eigenen Kommunikationsweisen. Aber es ist zum Glück nicht das einzige. Die Welt wäre sonst wirklich zu eindimensional.

Immer wieder bekomme ich den Eindruck, ich lebte gleichzeitig in vielen Welten. Nun, sagen wir besser: in vielen sehr unterschiedlichen Ausschnitten der Wirklichkeit. Ich meine weniger die unterschiedlichen Rollen, die man selber in verschiedenen sozialen Umgebungen spielt, sondern mehr diejenige Sicht auf die Welt, wie sie sich mir aus den unterschiedlichsten Medien darstellt. Gerade auf die Schwerpunktthemen kommt es mir an. Die sind total unterschiedlich (geworden). Höre ich hier in Bayern Radio, dann ist heute die Verabschiedung von Magdalena Neuner immerhin eine Top-Meldung der Nachrichten, dazu weiteres meist Lokales / Regionales. Das Günther Grass – Gedicht neulich hat den Blätterwald der Zeitungen mächtig aufgemischt, und sogar die Tagesschau / Tagesthemen haben sich dem Thema gewidmet. In meinem mehr privaten Umfeld (ok, daran mags liegen!) hat das niemanden wirklich interessiert, mich selber eigentlich auch nicht, habe von Grass noch nie viel gehalten. Die Aufmacher der TV-Nachrichten in den letzten Tagen waren überwiegend dem Syrien-Konflikt gewidmet, allenfalls noch den Benzinpreisen zu Ostern. Mmh, war das wichtig, oder inwiefern ist das nun gerade wichtig? Schaue ich ins Web und lese bei Twitter, Google und in diversen Blogs, dann sind es ganz andere Themen, die vorherrschend sind, wie zum Beispiel das Urheberrecht (der Brief der 51 Tatort-Autoren machte viel Wirbel) oider die positiven Umfragewerte für die Piraten. Die regionalen Beiträge über NRW und SH sind natürlich oft vom Wahlkampf dort bestimmt, aber auf mein Display kommt da nicht so viel. Und als ein erstaunlicherweise viel diskutiertes „Aufmerksamkeits-Thema“ war und ist die Neugestaltung des Layouts bei Google+. Letzteres zeigt allerdings sehr deutlich die enge Brille auf die eigene Welt, die Netzthemen oft haben.

Überhaupt scheinen mir die Themen des Netzes immer deutlicher unterschieden von den Themen – nein nicht der real world, sondern der Themen der Zeitungen (online) und TV-Nachrichten und Magazine. Sieht man einmal vom Thema ACTA ab, das ja ein europäisches, also kein nur nationales Thema ist, dann sind aus meiner Sicht die meisten Netzthemen doch sehr national begrenzt, eigentlich erstaunlich. Ob Urheberrecht oder Vorratsdatenspeicherung, ob Piraten oder „Netzpolitik“ (was Internet-relevante Themen bedeutet), ob befürchtete Zensur oder seinerzeit eben der „Bundes-Trojaner“, stets sind es rein national begrenzte Themen. Das Thema Transparenz, immerhin aus interationalen Kampagnen gegen Korruption bekannt und bestimmt, findet sich in den sozialen Netzwerken wiederum als rein deutsches Netzthema wieder als die Forderung nach mehr Offenheit und Verständlichkeit mit dem Ziel der Mitwirkung bei der öffentlichen, also politischen Willensbildung. Und das Thema EURO oder Energiewende, mit allem, was dran hängt, ist im Sozialen Netz nicht nur bei den Piraten ein Non-Thema.

Nun sind die Themen bei Twitter und G+ ja stets davon abhängig, welche Auswahl im Following bzw. in den Kreisen man  getroffen hat, sind also von vornherein subjektiv eingegrenzt. Aber auch bei einer durchaus breiter gestreuten Auswahl kommen etwa durch Retweets und erneutes Teilen (Weitergabe von Infos) kaum wirklich neue Themen und Meinungen ans Licht. Ich will hier nicht über die Theorie der „Filter-Blase“ spekulieren, aber mir drängt sich der Eindruck auf, dass internationale Themen kaum echte Netzthemen sind. Ausnahme: Occupy, aber der Hype ist auch wieder verflogen. Und wenn das richtig ist, wäre das mehr als erstaunlich: Web-Themen verengen den Horizont und begrenzen den Tellerrand, anstatt ihn zu erweitern.

Da bin ich dann froh, zum Beispiel im Auslandsjournal (ARD) oder bei 3SAT und sogar in den Tagesthemen oder im Heute-Journal und erst recht im politischen Teil der Presse über Themen des Auslands wirklich Informationen zu erhalten und über Entwicklungen wie zum Beispiel derzeit in Tunesien und Ägypten ‚aufgeklärt‘ zu werden. Das „Netz“ hilft mir da wenig. Insofern ist es gut, die Wirklichkeit aus unterschiedlichen Medien und Perspektiven wahrzunehmen. Viele Welten bedeutet viele Weisen, die Welt in den Blick zu nehmen und sich auf möglichst breiter Basis eine Meinung zu bilden. Das Netz ist ein weiteres Medium dazu mit eigenen Kommunikationsweisen. Aber es ist zum Glück nicht das einzige. Die Welt wäre sonst wirklich zu eindimensional.

 14. April 2012  Posted by at 10:01 Internet, Medien, Nachrichten, Politik, social media Tagged with: ,  2 Responses »