Jan 162019
 

Auch ARD – Faktenfinder ist einseitig.

Kürzlich rauschte diese Meldung durch die Medien: Ältere und Konservative teilen öfter Fake News. Hängen blieb vor allem das Verhalten „Älterer“. Der ARD – Faktenfinder hob nur noch den auffälligen Aspekt des Alters hervor. Die meisten Presseartikel bezogen sich auf den Bericht der Washington Post vom 09.01.2019 über eine Studie von Wissenschaftlern der Princeton University und der New York University, veröffentlich in der Zeitschrift Science Advances am selben Tag. Die deutschsprachigen Presseberichte haben allerdings die Studie selber kaum eingehender zur Kenntnis genommen und analysiert.

Der ARD – Faktenfinder sticht an Ungenauigkeit und tendenziöser Vereinfachung heraus. In den Mittelpunkt wird hier gestellt, dass es besonders Ältere, über 65 Jährige sind, die laut Studie besonders häufig Fake News teilen. In der Überschrift werden zwar noch „und Konservative“ ergänzt, in der weiteren Zusammenfassung kommen sie aber kaum mehr vor. Dieser oberflächliche und verzerrende „Faktenfinder“ wird im Blog ScienceFiles – Kritische Sozialwissenschaft gründlich auseinandergenommen und zudem die zugrunde liegende US-Studie bei ScienceAdvances als methodisch mangelhaft kritisiert. Die Kritik ist stichhaltig und überzeugend – lies dort.

fakenews
(C) Associated Press

Ähnlich einseitig nimmt Dirk von Gehlen in einem Post auf Twitter und in einem Blogbeitrag „Der Typ, der nie übt“ auf das angeblich signifikante Ergebnis der Studie Bezug. Sein Interesse daran formuliert er so: „Mir geht es darum, dass man stets weiter lernt. Medienkompetenz ist nicht nur ein Thema für Schulen“ (Twitter). Das ist uneingeschränkt zu begrüßen. Fragwürdig ist der vorletzte Absatz in seinem Blog:

Das ist deshalb schade, weil ich Ende der Woche gelesen habe, wer in Sachen Medienkompetenz offenbar besonderen Nachholbedarf hat: Nicht diese vermeintlich problematischen jungen Leute, sondern Menschen über 65 Jahre. Die Typen, die nie nicht mehr üben. Denn: „Nutzer im Alter von 65 Jahren oder älter teilen „fast sieben Mal mehr“ Artikel von Falschmeldungen verbreitenden Internetadressen als 18- bis 29-Jährige, wie aus einer Studie der Universitäten Princeton und New York hervorgeht“, schrieb der Faktenfinder der Tagesschau und ergänzte: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen.“

(Digitale Notizen, 11.01.2019)

Gehen wir einmal davon aus. die Studie hätte recht und würde als ein allgemeingültiges Ergebnis haben, was der Faktenfinder so formuliert: „Nutzer sozialer Medien ab 65 Jahren teilen fast sieben Mal mehr Falschmeldungen im Netz als Jüngere.“ Lassen wir die methodischen Mängel, die geringe statistische Basis (Von 1191 Facebook – Nutzern haben nur 8,5 % = 101 Nutzer überhaupt ein- oder mehrmals auf Webseiten verlinkt, die potentiell Fake News verbreiten, und nur davon waren die meisten älter und konservativ.) und den besonderen Untersuchungszeitraum (Sommer 2016 während des US – Wahlkampfes Trump – Clinton) außer Acht, dann sind doch die Schlussfolgerungen der Autoren umso bemerkenswerter. Hier fasst der Faktenfinder korrekt zusammen: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen sowie mit einem schlechteren Erinnerungsvermögen.“ Kurz gesagt: Ältere Internetnutzer sind dumm und blöd. Schauen wir uns dies diskriminierende „Ergebnis“ genauer an.

Zunächst räumen die Autoren der Studie ein, dass trotz der sehr geringen Teilen – Aktivität es erwartbar ist, dass besonders konservative Facebook – Nutzer von Fake News Websites angesprochen werden und sie gelegentlich teilen, und zwar angesichts der „overwhelming pro-Trump orientation in both the supply and consumption of fake news during that period“ – „is perhaps expected“. Sie fragen weiter, warum die ältere Generation so anfällig für Fake News sei, allerdings ohne die Möglichkeit zu erwägen, dass ohnehin eher die Älteren zur Gruppe der Konservativen und sehr Konservativen (Selbsteinschätzung) gehören, und ohne ferner zu erwägen, dass vielleicht die beobachteten Webseiten ohnehin speziell auf die Sorgen und Ängste Älterer, Abgehängter bzw. sich abgehängt Fühlender ausgerichtet sind. Das könnte ja dazu führen, dass man genau das Ergebnis herausbekommt, das man vorausgesetzt hat: Wer besucht Webseiten, die sich an Ältere und Konservative, potentielle Trump-Wähler richten? – Ältere und Konservative. Allerdings äußern sich die Autoren auch hier vorsichtig: „Given the general lack of attention paid to the oldest generations in the study of political behavior thus far, more research is needed to better understand and contextualize the interaction of age and online political content.“

Dann nennen sie aber doch zwei „potential explanations“, die ausdrücklich weiter untersucht werden sollten. Es handelt sich also um mögliche Interpretationen des Ergebnisses, wie sie die Autoren vermuten, aber nicht belegen können. Ich zitiere:

First, following research in sociology and media studies, it is possible that an entire cohort of Americans, now in their 60s and beyond, lacks the level of digital media literacy necessary to reliably determine the trustworthiness of news encountered online .

A second possibility, drawn from cognitive and social psychology, suggests a general effect of aging on memory. Under this account, memory deteriorates with age in a way that particularly undermines resistance to “illusions of truth” and other effects related to belief persistence“.

Even if our models are correctly specified, we use observational data that cannot provide causal evidence on the determinants of fake news sharing.

„Lack of digital literacy“ und „the effect of aging memory … memory detoriates“, also fehlende digitale Kompetenz und Gedächtnisschwäche mit der Unfähigkeit, wahr von falsch zu unterscheiden (!) – sind die beiden Kernpunkte der „Erklärung“. Die Autoren räumen am Ende der Studie aber ein, dass hier nicht von einer kausalen Verknüpfung die Rede sein kann, immerhin.

Dagegen führt schon der im Übrigen ausführlich berichtende Artikel der Washington Post eine Stellungnahme eines weiteren, nicht an der Studie beteiligten Forschers an:

Harvard public policy and communication professor Matthew Baum, who was not part of the study but praised it, said he thinks sharing false information is “less about beliefs in the facts of a story than about signaling one’s partisan identity.” That’s why efforts to correct fakery don’t really change attitudes and one reason why few people share false information, he said.

However, Baum said in an email that conservatives post more false information because they tend to be more extreme, with less ideological variation than their liberal counterparts and they take their lead from President Trump, who “advocates, supports, shares and produces fake news/misinformation on a regular basis.”

Washington Post, 09.01.2019

Baums Auffassung klingt schon sehr viel überzeugender. Der Washington Post – Artikel weist ferner auf das verstärkte Bemühen von Facebook hin, Fake News einzudämmen.

After much criticism, Facebook made changes to fight false information, including de-emphasizing proven false stories in people’s feeds so others are less likely to see them. It seems to be working, Guess said. Facebook officials declined to comment.

So muss denn der Princeton – Professor Andrew Guess zugeben: „“I think if we were to run this study again, we might not get the same results.” Das bedeutet dann aber wohl, dass einer der Autoren die Relevanz ihrer Studie für äußerst begrenzt hält. Sie kann keinesfalls dazu dienen, pauschal eine Altersgruppe für den wachsenden Zuspruch von Fake News Websites oder Facebook – Links veranwortlich zu machen. Die Interpretation, die sie liefern, sagt tatsächlich mehr über die Voreinstellungen der Forscher aus als über valide Erkenntnisse aus einer (noch dazu problematischen) sozialwissenschaftlichen Untersuchung. Hier äußern sich Mitglieder der US-amerikanischen Ostküsten – Elite; sie können mit ihren „explanations“ allenfalls das Vorurteil der Voreingenommenheit bestätigen. Und das liegt sicherlich nicht in ihrem ausdrücklichen Interesse.

Die Washington Post dagegen zeigt durch ihren gründlich recherchierten und sachlich argumentierenden Beitrag, wie Qualitätsjournalismus funktionieren sollte. Da können sich einige deutsche Medien und Journalisten eine Scheibe von abschneiden.

Reinhart Gruhn

 16. Januar 2019  Posted by at 14:00 Daten, digital, facebook, Konservative, Medien, News, social media, USA Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Social Media und Fake News
Nov 262011
 

Was bringt mir ’social media‘?

Debatten im Netz zu verfolgen ist zeitaufwändig. Sich bei Themen, die einen interessieren, einzuklinken und mit zu schreiben, ist dann noch zeitaufwändiger. Mir stellt sich die Frage, was es bringt.

Ich beziehe mich auf Twitter und Google+, facebook nutze ich nicht. Darüber hinaus lese ich mehr oder weniger regelmäßig in ausgewählten Blogs mit. Einige wenige Foren gehören auch dazu. Darauf stütze ich meine Eindrücke. Außen vor lasse ich die Online-Ausgaben der Tageszeitungen und News-Portale, denn diese laden überwiegend zum Lesen ein, auch wenn man inzwischen überall die Artikel kommentieren kann; die Moderation mit Zeitverzögerung lässt dort kaum eine Diskussion zu.

Zunächst das Positive: Ich empfinde die bunte und wirklich vielfältige Meinungswelt in den sozialen Netzwerken als sehr anregend. Meine Timeline bei Twitter habe ich so zusammengewürfelt, dass auch sie sehr bunt und vielfältig ist; sie bleibt natürlich dennoch ein subjektiver Ausschnitt mit Beiträgen derer, denen ich folge. Das Beste dort ist tatsächlich die Beschränkung auf 140 Zeichen – und trotzdem gibt es viele muntere Wortwechsel und Diskussionen. Die Hashtags erschließen weitere Themenfelder, die man beliebig „durchklicken“ kann, so dass eine Fülle von Infos, Links, Witzigem, Aphoristischem und Meinungsäußerungen aller Art tagtäglich, stündlich, minütlich abrufbar ist. Schon toll. Das Durchstöbern der Tweets kann ein sehr amüsanter und / oder informationsgeladener Zeitvertreib sein. Und die Zeit – die rennt dabei, besonders wenn man zu diesem oder jenem seinen eigenen Senf beisteuert oder Kontakte zu einigen Twitter-Bekanntschaften pflegt. Wenn ich dann mit bekomme, wie gut der Gedanken- oder Info-Austausch bei gemeinsamen Veranstaltungen, Tagungen, Demos usw. klappt, dann sehe ich die Nützlichkeit und den „Mehrwert“ dieses Mediums sofort. Twitter macht die „Welt“ auf eine ganz neue Weise zugänglich, manchmal verständlicher, manchmal rätselhafter, auf jeden Fall spontaner und offener und kommunikativer als alle Zeitungen mit drögen Leserbriefen und TV mit unendlichen Talkshows mit immer denselben Gesichtern zusammen.

Das gilt nicht in demselben, aber in einem anderen Sinne auch für die junge Plattform Google+. Was ich bisher dort finde, sind eine Menge „Media“, also YouTube – Links, Links zu Artikeln, oft (meist?) netz-thematisch und natürlich Diskussionen. In meinem Ausschnitt von G+ kommen wenig nur persönliche Nachrichten und Fotos vor, wie es wohl bei Facebook überwiegend der Fall ist. Sie können bei G+ in den nicht öffentlichen Kreisen stattfinden. Offenbar wird aber die bequeme Möglichkeit zum Diskutieren reichlich genutzt. Es gibt bisweilen sehr ausführliche Threads, die meist an gut plazierten Meinungs-Aufhängern andocken – da sind stets bestimmte Namen ausschlaggebend, also bestimmte Meinungsführer ganz wie sonst auch. Ich finde also auch hier eine große Vielfalt an Meinungen, Infos, Verknüpfungen zu weiteren Quellen im Netz – vieles hoch Interessante habe ich dadurch schon gefunden, eben auch Blogs und Nachrichtenquellen, auf die ich sonst niemals gestoßen wäre – auch nicht durch Google-Suche oder G-News. Also auch hier bei diesem sich noch aufbauenden „sozialen Medium“ sehe ich klar den „Mehrwert“ von Info, Meinungsvielfalt, Diskussion auf zwanglose, offene und bidirektionale Weise: Ich kann mich überall beteiligen, wann immer ich möchte. Und natürlich: Mein Foto-Hobby kann auf Plattformen wie G+ bestens zum Zuge kommen, wenn da auch eigenständige Foto-Communities  und Foren bislang ergiebiger sind.

Das ist dann auch schon das Problem, und ich komme damit zu den aus meiner Sicht negativen Seiten: Die Fülle der Informationen, die Vielfalt der Meinungen, die Verschiedenheit der Beiträge sind schon recht üppig – nein, nicht verwirrend, sondern ich meine einfach nur breit, uferlos, endlos. Sehr oft fehlt gerade in den Diskussionen der ‚rote Faden‘ – man springt von Hölzchen zu Stöckchen und ist nach 10 Kommentaren ganz woanders. Die Geschwindigkeit der Reaktionen – wirklich fast instant – macht eine ruhige Diskussion nahezu unmöglich; so ist mancher lange Diskussionsstrang im Grunde schon nach einigen -zig Minuten vorbei. Das erinnert mich bisweilen an einen Stammtisch, wenn alle durcheinander reden. Sich später noch einmal mit einem eigenen Beitrag zu Worte zu melden, macht dann wenig Sinn. Tiefschürfendes ist also kaum zu erwarten.

Typisch für den Verlauf einer solchen Diskussion ist diese hier gestern zum Thema Facebook und Datenschutz, – und sie ist noch eines der positiven Beispiele. +Christoph Kappes gehört ohnehin zu denjenigen, die für eine interessante, themenorientierte und anspruchsvolle Diskussion sorgen; seine Beiträge sind meist lesenswert weil überlegt argumentierend und mit Sachkenntnis fundiert. In dem genannten Beispiel sind viele der 46 Kommentare recht spontan und wenig überlegt, sachlich mehr oder weniger treffend oder sich einfach nur emotional äußernd. Dank der wiederholten Zwischenbeiträge versucht der Autor der auslösenden Mitteilung zumindest, das eigentliche Thema (Facebook, Datenschutz und Selbstverständnis der jungen Generation) nicht aus den Augen zu verlieren; Kappes möchte dabei nicht einen fruchtlosen Streit um Prinzipien führen, sondern möglichst undogmatisch einen unverstellten Blick auf das Phänomen „Facebook und wie Jugend damit umgeht“ gewinnen. Dazu aber trägt der Verlauf der Diskussion nur sehr begrenzt bei. Sein – mehr oder weniger – Schlusswort passt auch auf die dokumentierte Diskussion:  „Die Diskussion hat seit Jahren eine unwirkliche Seite, so wie die Diskussionen um Webcontrolling. Talmudsche Diskussionen. Aber ich wiederhole mich wohl.“ 

Das Beispiel zeigt für mich Vorteile und vor allem Schwächen der G+ – Diskussionen: viel Spontaneität, aber im Endeffekt bringen sie wenig, wenig Erkenntnisgewinn, wenig Gedankenfortschritt, wenig wirkliche Argumentation. Nun, das darf man von SocMed vielleicht auch nicht erwarten. Dann frage ich mich aber, was mir die vielen langen und wenig ergiebigen Diskussionen überhaupt bringen. Der Zeitaufwand dafür ist mir eigentlich zu groß.

Und das gilt aus meiner Sicht für Vieles in den bunten Facetten der Netz-Kommunikation. Eine neue Welt kann ich darin noch nicht entdecken, eher die alte mit allen Fragen, Meinungen und Problemen – spontan und munter flüssig ’streamend‘ dargeboten. Wie viel Zeit ich dafür aufwenden will, ist dann meine eigene Entscheidung. Jedenfalls kann es auch mal weniger sein. Es gilt da für mich Ähnliches wie vor 50 Jahren für das Fernsehen: Erst war man begeistert von all den bunten Bildern aus der weiten Welt – und inzwischen wählt man doch sehr genau aus, was man sich da ansehen will. Es ist nicht so viel. Ich könnte drauf verzichten, auf das Internet aber nicht mehr. Andererseits ist aber auch dieses richtig: Auch „das Netz“ bietet letztlich nicht so grundsätzlich Neues, wie seine Jünger geneigt sind zu behaupten. Es sind oft Netz-Berufliche, die die Welt durch ihre Brille sehen. Oder es sind einfach junge Menschen, für die Smartphone und Facebook absolut normal sind – und die sich nie davon abhalten lassen würden, zu einer tollen Party in real life zu gehen oder ein echtes Abenteuer irl zu bestehen – klar, verabredet und organisiert über Tweets und facebook! Gut so. Und ich werde von der Vielfalt und den guten Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten des Internets nicht ablassen (wie sagt man so schön: ‚early adopter‘ oder: ich bin von Anfang an dabei gewesen) – und mich nicht davon abhalten lassen, mich öfter mal aus dem Kommunikationsstrom auszuklinken, ein gutes Buch zu lesen – und nachzudenken.

 26. November 2011  Posted by at 12:27 facebook, Internet Tagged with:  Kommentare deaktiviert für Netz Diskussion
Apr 172011
 
>Unter diesem Titel (ohne das Fragezeichen) ist in der Wochenendausgabe der FAZ vom 16.04.2011 ein Auszug aus dem Buch „Die Datenfresser“ von Constanze Kurz und Frank Rieger, das in diesen Tagen im S. Fischer Verlag erscheint, veröffentlicht (und einen Tag später auch einen weiteren Auszug in FAZ.NET): sehr gut erklärend, sehr sachlich urteilend, ohne jede Hysterie gegenüber irgendwelchen allseits so beliebten „Datenkraken“. Im letzten Absatz der Vor-Veröffentlichung heißt es: „Der wichtigste Schritt zur Rückeroberung der eigenen digitalen Mündigkeit ist daher: kritisch hinterfragen, welche Daten über uns wirklich erfasst, preisgegeben und womöglich für die digitale Ewigkeit irgendwo gespeichert werden müssen. Daten sind nicht nur Futter für die Algorithmen, die unser Leben immer weiter bestimmen, sie sind auch Macht über unser eigenes Schicksal. Es aus der Hand zu geben, indem wir alles leichtsinnig und bedenkenlos dem digitalen Gedächtnis anvertrauen, ist sicherlich nicht weise.“

Zwei ergänzende Aspekte möchte ich nennen – vielleicht sind sie ja im Buch berücksichtigt. Einmal ein Blick zurück. Schützenswerte persönliche Daten gibt es nicht erst, seit es Computer gibt. Wer um 1960 herum bei der  „Deutschen Post“ (ein Bundesamt, es gab sogar ein Bundespostministerium) einen Telefonanschluss beantragte, wurde automatisch in das „Öffentliche Fernsprechbuch“ aufgenommen, das, wie der Name sagt, öffentlich war, und zwar sehr öffentlich: Es lag zumindest für die eigene Region in jeder Telefonzelle aus. Jeder Telefonteilnehmer musste darin aufgenommen werden, und zwar mit Vor- und Zunamen sowie voller Anschrift. Ausnahmen davon, etwa bei Prominenten, bedurften besonderer Genehmigung. Das alles hat absolut niemanden aufgeregt, im Gegenteil, es gab unter uns Jugendlichen durchaus einen „Sport“ darin, „geheime Telefonnummern“ ausfindig zu machen. „Unrechtsbewusstsein“: null.

Dieser lockere Umgang mit den persönlichen Daten des Telefonanschlusses änderte sich etwas, als mit dem Personal Computer die Möglichkeit der „Rückwärtssuche“ aufkam. Das war zwar in Deutschland offiziell nicht erlaubt, aber es gab völlig legal CD’s aus Holland mit dem deutschen Telefonbuch zu kaufen, die die Rückwärtssuche (also über die Nummer Namen und Adresse ausfindig machen) zuließen. Da der Telefonbucheintrag inzwischen nicht mehr Pflicht ist und außerdem auf den bloßen Nachnamen beschränkt werden kann, hat sich dieser Fall der „Datenschnüffelei“ von selbst erledigt.

Noch etwas anderes war in der Zeit des nur „analogen“ Telefonanschlusses bei der Post möglich: das Mithören am Schaltkasten. In Spielfilmen jener Zeit kam dieses Mittel der durch das Fernmeldegeheimnis zwar verbotenen, aber technisch völlig leicht möglichen Praxis zu Hauf vor, sei es als Mittel der „Guten“ (= Polizei), sei es als infames Werk der „Bösen“ ( = Gangster). Ich erinnere mich an einen Kumpel jener Zeit, der eine Ausbildung bei der Post machte, Fernmeldewesen, und der davon erzählte, dass man gerne einmal, wenn der Meister bzw. Ingenieur, weg war, sich einen „Spaß“ machte und am Schaltkasten draußen an der Straße in das eine oder andere Ferngespräch hinein hörte – eine klassische „man in the middle“ – Attacke. Als „Datenschutz“ gab es nur das Vertrauen, das man haben musste, dass schon niemand von dieser leichten Möglichkeit unrühmlichen Gebrauch machen würde. Es war aber nie ein öffentliches Thema und hat niemanden aufgeregt.

Datenschutzgesetze gibt es erst ab den siebziger Jahren, zuerst übrigens im Land Hessen. Aber so richtig zum gesellschaftlichen Thema wurde es erst mit der Volkszählung und dem dazu ergangenen Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Dezember 1983. Das darin umschriebene „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ musste dann in der weiteren Gesetzgebung und Rechtsprechung Gestalt gewinnen, so wie es für das gerade beginnende Computer-Zeitalter angemessen war. Seit dem gibt es zu Recht Datenschutzgesetze für den Bürger (leider oftmals immer noch praktiziert als Datenschutz der Behörden gegenüber dem Bürger…), aber auch eine zunehmende Datenschutz-Hysterie. Das Thema ist immer wieder „in“ und eignet sich für Gruppen und Grüppchen ausgezeichnet dazu, irgendwelche politischen Interessen zu verbrämen, vor allem sich lauthals zu entrüsten. Eine besondere Note erhielt der „Streit“ um facebook, als die Verbraucherministerin Ilse Aigner im vorigen Jahr damit drohte, facebook nicht mehr zu benutzen oder gar ein entsprechendes, Google gleich mit bedrohendes Gesetz vorzubereiten. Dabei werden dem „Datenkraken“ (CCC) Facebook alle Daten seiner Mitglieder freiwillig und offenbar auch sehr unbedarft, auf jeden Fall sehr gerne und bereitwillig zur Verfügung gestellt. Da müsste der Datenschutz also beim bzw. durch den Nutzer selber anfangen! Genau auf diesen verantwortlichen Umgang mit den eigenen Daten weisen Kurz und Rieger völlig zu Recht hin.

Noch eine Überlegung zur „Macht des Schicksals“: Was ist eigentlich, wenn die Internetnutzer sterben? Leben deren Daten dann ewig weiter, sozusagen eine „digitale Ewigkeit“, wie Kurz / Rieger formulieren? Kein Spaß – im Ernst. Noch ist das kaum ein Problem, da das Internet und seine Nutzer noch jung sind. Das wird sich in 60 Jahren aber ändern, wenn die erste „Internet-Generation“ ins Sterbealter kommt. Kostenpflichtige Accounts (Email, Webspace, Handy) werden spätestens dann beendet, wenn nichts mehr bezahlt wird; es muss künftig also mehr abgemeldet werden als Strom und Wasser, wenn einer „abgemeldet“ ist. Dann sind die Datensätze der Verstorbenen aber bei Facebook, Google, Yahoo, Twitter, – bei Visa und Mastercard und allen weiteren „Daten-Dienstleistern“ und „Daten-Profilern“ noch immer da, verknüpft und vernetzt für immer … – wohl kaum. Spätestens dann, wenn die Datensammlungen mehr Datenleichen als Daten von Lebenden enthalten (in Deutschland dürfte das spätestens ab 2090 der Fall sein, denn die Zahl der Social-Web-Toten wächst nach der ersten Generation kontinuierlich) werden sich auch die Datensammler und Datenhändler etwas einfallen lassen müssen, wie sie die „toten“ Daten und ihre Verlinkungen aus den Systemen heraus bekommen. Wem soll das Verkaufsverhalten eines Kunden aus dem Jahr 2011 in 50 Jahren noch nützen?  Daten eines älteren Menschen wie mir sind dann jedenfalls nur noch „Dateileichen“ … 🙂

 17. April 2011  Posted by at 17:37 Daten, digital, facebook Kommentare deaktiviert für >Trau keinem Facebook – Freund — ?