Apr 192016
 
Der Islam ist Religion und Ideologie. Einige Differenzierungen sind nötig. Erst dann können Gespräche mit Muslimen gelingen. Die Reformer sind die Chance für einen erneuerten Islam, der seine dunklen ideologischen Seiten überwindet.

Eine sinnvolle Debatte über den Islam sollte einiges unterscheiden können. Der Islam als eine Weltreligion mit reicher Geschichte hat sich in mehrere Hauptrichtungen und vielfältigen theologischen Ausprägungen ausdifferenziert. Sich hierüber einen Überblick zu verschaffen lädt zu einer religionsgeschichtlichen und religionswissenschaftlichen Erkundung ein. Dabei wird er auch als eine Quelle der abendländischen Traditionen sichtbar.

Da der Islam eine gelebte Religion ist, gehört die Kenntnisnahme der unterschiedlichen Lebensweisen und Traditionen muslimischer Gemeinschaften wesentlich zu dem Bild dessen hinzu, was ‚Islam‘ gegenwärtig ist. Neben einer weltweiten Sicht wird auch der Blick auf den Islam in Deutschland ein vielfältig gestaltetes Bild ergeben mit unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen und verschieden ausgerichteten Moscheegmeinden und Dachorganistaionen.

Noch einmal anders ist das Bild, das einzelne Muslime vermitteln in der ganzen Bandbreite, in der sich heutiges Leben eben darstellt, sei es in Europa, sei es in überwiegend islamisch geprägten Ländern. In Deutschland pflegt der überwiegende Teil muslimischer Menschen die eigene Religion mehr oder weniger eng als identitätsstiftende Herkunftstradition. Sie kann sich in das plurale Bild unserer Gesellschaft einfügen.

Dann gibt es den Islam als herrschendes politisches System. Der Streit beginnt schon bei dieser Formulierung, denn manche drücken es lieber so aus, dass gewisse Herrschaftssysteme sich wiederum bestimmter islamischer Traditionen und Motive bedienen für eine politische Ideologie zur Legitimation eigener Herrschaft. Egal wie man es wendet, gemeint sind ‚islamische Staaten‘ wie Iran (schiitisch) und Saudi-Arabien (sunnitisch), aber auch andere überwiegend muslimisch geprägte Gesellschaftssysteme wie in Pakistan und Indonesien. Den Unterschied macht hier die Frage, ob der Islam geradezu als Verfassung gilt (Iran, Saudi-Arabien) oder ob ein formal säkularer Staat im Wesentlichen auf islamische Tradition und Gesellschaftsordnung baut (Pakistan, Indonesien, immer stärker auch die Türkei). Als politische Ideologie ist der Islam zu analysieren und zu kritisieren wie andere Herrschaftsideologien auch.

Schließlich ist da der Islam in seiner offensiv-reaktionären Ausprägung als Salafismus. Schließt dieser Gewalt und Terror zur Etablierung einer entsprechend ausgerichteten islamischen Herrschaft ein (IS oder ISIS), dann sprechen wir vom Islamismus. Terrorismus und fanatischer Fundamentalismus aber können nur bekämpft werden.

Al Azhar, Wikimedia

Al Azhar, Wikimedia

So nützlich diese Differenzierungen sind, so unzureichend und abstrakt sind sie in der Praxis. Die Bilder der einen Form oder Ebene überlagern die Bilder der anderen Ebene, eines vermischt sich in allen möglichen Übergängen mit dem anderen. Erschwerend kommt hinzu, dass der offiziell gelehrte Islam, sei es in seiner schiitisch-iranischen Gestalt, sei es in seiner sunnitischen Mehrheitsform (Al Azhar) kaum zur Stärkung solcher Unterscheidungen beiträgt, im Gegenteil. Radikale Gewalt lehnt die Azhar zwar ab, aber der „moderate“ Islam ist immerhin derjenige der Muslimbrüder, nimmt also möglichst die gesamte Gesellschaft und Politik in den Blick und als Ziel – dort, wo es möglich ist. Es ist auch diese Ambivalenz (Wohlmeinende sprechen von Ambiguität, siehe der Islamforscher Thomas Bauer), welche die Haltung der obersten Gelehrten prägt, von der man nie weiß, ob sie aus Überzeugung oder aus bloßer Opportunität geäußert wird. Die negativen Schlagzeilen des Islam werden dabei schlicht geleugnet: Sie hätten mit dem Islam nichts zu tun.

So ist die hilfreiche und notwendige Differenzierung doch nur eine an den Islam herangetragene Diskussion. Der Weg zu einer einsichtsvollen Veränderung des Islam in religiöser, politischer und sozialer Hinsicht müsste allerdings über eine gewollte Selbstaufklärung und Selbstkritik führen. Die Reformer sind die Chance für einen erneuerten Islam, der seine dunklen ideologischen Seiten überwindet.

Update:

Sehr gut und passend zum Beitrag ist der Artikel von Rainer Hermann, Islam und Demokratie in FAZ.NET .

 19. April 2016  Posted by at 10:11 Islam, Islamismus, Politik Tagged with: , , ,  1 Response »
Sep 252011
 

>Wie eine überaus passende Ergänzung zu meinem letzten Blog-Beitrag „Protestanten sind Protestanten“ erscheint mir der Artikel von Reinhard Bingener in der FAZ – soeben online verfügbar. Anders als Daniel Deckers begeisterte Zustimmung zum ‚heiligen‘ Benedikt in derselben Zeitung (online hier) durchweg aus katholischer Sicht zeichnet Bingener ein differenziertes Bild von Ratzingers Haltung, die ich voll und ganz teile. Dieser Papst weiß genau, was er tut, und er tut es gezielt und beharrlich: den ultrakonservativen Katholizismus stärken. Die Rücknahme der Exkommunikation des rassistischen Bischofs Williamson und die nachdrückliche Unterstützung der Pius-Bruderschaft waren kein dummer Zufall eines Unbedarften, wie oft vermutet, sondern offenkundig gezielte Strategie. Auch Ratzingers „Zurückhaltung“ gegenüber den Missbrauchs-Opfern entspricht seiner Auffassung einer in sich reinen und sündlosen römischen Kirche. Fehler gib ets nur vereinzelt und als Fehltritte einzelner, die nicht genug glauben und mit Rom „verbunden“ (= gehorsam) sind. Ratzingers Freiburger Rede lässt keinen Zweifel an seiner abgrundtiefen Verachtung für alles Neuzeitliche, Freie und Individuelle. Recht setzt nach ihm nur die römische Kirche; alles andere ist weltliches Unrecht, Beliebigkeit, Irrung und Wirrung. Da fügt sich sein Verhalten gegenüber der protestantischen Delegation nahtlos ein: es war ein glatter Affront, Und das passt in Ratzingers Welt- und Kirchenbild, wie Bingener schreibt:

„Und ähnlich wie seine Regensburger Rede konnte man auch seine Rede im Bundestag so lesen, dass es letztlich der Protestantismus ist, auf den die liberalen Verirrungen zurückgehen. Man mag das für unzutreffend oder eine Überschätzung des religiösen Moments halten. Aber es erklärt, warum der Papst im Verhältnis zu den evangelischen Kirchen nicht die Übereinstimmung, sondern die Abgrenzung sucht.“

Es ist wiederum kein Zufall, dass sich dieser Papst der ebenfalls autoritären östlichen Orthodoxie mit ihren mittelalterlichen Strukturen und Riten viel mehr verbunden weiß. Auch mit dem Islam kommt er ja gut klar, denn den „Gottesstaat“ , siehe Vatikan, und die Scharia, in seinem Fall der Corpus Iuris Canonici, das römische Kirchenrecht, beanspruchen beide die Regelung aller Lebensbereiche und die Ablehnung des „westlichen“ Liberalismus mit seiner „dekadenten“ Lebensweise. Da haben sich bei diesem Papst Seelenverwandtschaften aufgetan, die einen nur erschrecken lassen. Man kann darum heute zugespitzt formulieren: Islamismus und Katholizismus sind strukturell derselbe religiöse Fundamentalismus!

 25. September 2011  Posted by at 17:42 Fundamentalismus, Islamismus, Papst, Protestantismus, Rom Katholisch Kommentare deaktiviert für >Neo-Fundamentalismus
Jun 262011
 

>Buchvorstellung: Johannes Kandel, Islamismus in Deutschland. Zwischen Panikmache und Naivität. Freiburg i. Br., 2011, siehe bei Amazon

„Islamismus“ ist ein schillernder Begriff, der in unterschiedlichen Bedeutungen verwandt und oft mit Fundamentalismus und Terrorismus gleichgesetzt wird. Kandel klärt zu Beginn, was unter „Islamismus“ zu verstehen sei, und nennt vier Merkmale: 1. eine politisch-extremistische Herrschaftsideologie; 2. eine politische Protest- und Revolutionsbewegung; 3. eine soziale Bewegung; 4. eine global-transnationale (virtuelle) Diskursgemeinschaft; letzteres kennzeichnet er als „Islamismus 2.0“. Im ersten Kapitel seines knapp gehaltenen Buches geht er auf die unterschiedlichen Definitionen und den verschiedenen Gebrauch von Islamismus in Wissenschaft und Politik ein und nennt auch innerislamische Definitionen. Es erstaunt schon an dieser Stelle, dass Kandel den Islamismus kaum als eine ernst zu nehmende religiöse Bewegung darstellt, und auch die Abgrenzung zu dem, was unter „Islam“ im Unterschied zum „Islamismus“ verstanden werden kann, fehlt.
Im zweiten Kapitel streift Kandel kurz die Ursachen und Ausbreitung des Islamismus, wobei zu den Ursachen kaum etwas gesagt wird außer dem Hinweis auf die „Identitätskrise der islamischen Welt … seit dem westlichen Kolonialismus und Imperialismus im 19. Jahrhundert sowie dem Kollaps des Osmanischen Reiches“. Zur Verbreitung islamistischen Gedankengutes schildert er die Iranische Revolution 1979, die Wahabiten und die Muslimbruderschaft in Ägypten. Insbesondere verdeutlicht er den dem Islamismus von Anfang an inhärenten Antisemitismus – ein wichtiger Hinweis, der in der Islamismus-Diskussion viel zu wenig beachtet wird.
Im dritten Kapitel befasst sich Kandel näher mit der „Ideologie und Politik des Islamismus“ anhand der Gegenüberstellungen von „Islamismus und Moderne“, „Staat und Demokratie“, „Binnenstrukturen, Dienstleistungen und Moral“, Islamismus und Antisemitismus“, „Islamismus, Dschihadismus und Terrorismus – die Gewaltfrage“ und „Der Islamismus als global-transnationale virtuelle „Diskursgemeinschaft“. Besonders der Abschnitt über die Verquickung des Islamismus mit Antisemitismus bringt eine Vielzahl von Belegen und Begründungen, die zeigen, dass der Antisemitismus für den Islamisten mehr ist als bloßes anti-israelisches Beiwerk. Dies sollte in der öffentlichen Diskussion weit mehr ins Bewusstsein rücken.
Im vierten Kapitel fragt Kandel: „Sind die Muslime in Deutschland islamistisch?“ – eine wirklich provokante Frage. Er stellt hier ganz nüchtern die Zahlen der muslimischen Vereinigungen und ihre teilweise Nähe zum Islamismus dar. Insbesondere referiert Kandel eine Studie von Katrin Brettfeld und Peter Wetzel vom Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Hamburg im Auftrag des Bundesministeriums des Inneren von 2007, die mit genauer Methodik und vorsichtigen Urteilen zu einigen bemerkenswerten und beunruhigenden Ergebnissen kommt. Es muss nämlich mit einem „Radikalisierungspotential in einer Größenordnung von 10 – 12 % der muslimischen Gesamtbevölkerung“ gerechnet werden, das beträfe bei ca, 4 Millionen Muslimen in Deutschland zwischen 400 000 und 500 000 Menschen. Noch erschreckender, dass davon etwa die Hälfte als in hohem Grade „islamismusaffin“ bezeichnet wird, also als zwar noch nicht offen islamistisch, aber doch in allergrößter Nähe gemäß den Kriterien „hohe Demokratiedistanz“, „starke Aufwertung der islamischen Eigengruppe“ und „deutliche Abwertung westlicher Gesellschaften“. Noch einmal mehr als der Hälfte hiervon, immerhin einer Gruppe von 153 000 Muslimen („bei Berücksichtigung der statistischen Unschärfen“) kann zur Durchsetzung ihrer Ziele ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft attestiert werden, besonders auffällig in der Gruppe von jungen Muslimen. „Sie bilden das unmittelbare Mobilisierungspotential für die Islamisten.“
Das nächste, fünfte Kapitel umfasst zwei Drittel des Buches; es enthält eine ausführliche Darstellung der Ideologie und Arbeitsweise verschiedener islamistischer Gruppen in Deutschland und Europa. Hier setzt sich Kandel vor allem mit der vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation „Milli Görüs“ auseinander, ferner unter anderen mit der Kaplan-Gruppe, der Muslimbruderschaft, der Hisbollah und Hamas (!) sowie dem „Muslim Markt“ im Internet und der „Islamischen Zeitung“. Man bekommt hier einen sehr gründlichen Einblick in die Ideologie und Arbeitsweise dieser Organisationen und kann danach ihren Einfluss auf die innermuslimische Meinungsbildung in Deutschland besser abschätzen; er ist jedenfalls sehr viel höher und verbreiteter als bisher vermutet. Der Leser findet in diesem breit angelegten Kapitel eine Menge von Material, Literaturverweisen, Weblinks und Hinweisen zum Nachvollziehen der dargelegten Fakten und zur eigenen Weiterarbeit. Vor allem setzt sich Kandel immer wieder mit kritischen Gegenpositionen (Werner Schiffbauer) und Stellungnahmen und Selbstdarstellungen einiger islamischer Verbände und ihrer Funktionäre auseinander. Dabei kann man Kandel kaum den Vorwurf der Voreingenommenheit und Parteilichkeit machen, versucht er doch durchgängig, sachlich genau und fair die Positionen darzustellen und an seinem eigenen Maßstab der Demokratie- und Gesellschaftsverträglichkeit zu messen. Leider fehlt diesem großen Kapitel etwas die Systematik und Übersichtlichkeit; so benutzt Kandel den Buchteil über Milli Görüs zu einer sehr fundierten Auseinandersetzung mit islamischem Selbstverständnis und ihrer Außendarstellung. Über weite Teile ist dies Kapitel eine einzige Problemanzeige, ein intellektueller Aufschrei angesichts der verbreiteten Verharmlosung islamistischer Ideologien am Beispiel der einzelnen Organisationen, die Kandel durchgeht.
„Wie gefährlich ist der Islamismus?“ fragt Kandel am Ende seines Buches und fasst zusammen: „Gegen den Islamismus kann der Staat alleine nicht erfolgreich kämpfen: Wir brauchen eine intelligente Mischung aus energischer Sicherheitspolitik, Integrationspolitik und einem breiten zivilgesellschaftlichen Diskurs im Sinne kritischer Streitkultur.“ Kandel sieht den Islamismus in Deutschland recht erfolgreich am Werk, offenbar den Sicherheitsorganen immer eine Nasenlänge voraus: „Sie nutzen fünftens mit großem Erfolg die virtuelle Welt des Internet, das sich bislang umfassender Beobachtung und schärferer Kontrolle entzieht.“ Am Schluss seiner gründlichen Untersuchung formuliert Kandel einen Anspruch, der eigentlich mehr eine Hoffnung ist, die sich aus seinen Analysen nicht unbedingt ergibt: “Die große Mehrheit der Muslime in Deutschland ist dazu bereit und wendet sich gegen den Extremismus der Islamisten. Der Kampf gegen den Islamismus kann nur mit ihnen, nicht gegen sie gewonnen werden.“ Ist die große Mehrheit der Muslime das wirklich? Ihre Verbände jedenfalls sind dazu nicht entschlossen genug bereit.
Das Buch ist flüssig geschrieben, reich belegt, von profunder Sachkenntnis geprägt und darum bemüht, eine ‚ausgewogene‘ Darstellung zu bieten. Dies gelingt Kandel nicht immer, denn allzu sehr sprechen die Fakten, die er präsentiert, die Sprache der Intoleranz und Taktik, der Verstellung und Undeutlichkeit. Dass „die Muslime die fundamentalen Verfassungsprinzipien des säkularen, demokratischen und pluralistischen Rechtsstaates anerkennen“, ist aus dem Dargestellten gerade nicht offenkundig. Umso mehr fehlt eine gründliche Analyse des Zusammenhangs von Grundstrukturen des heutigen Islam und des Islamismus. Kandel will keine religionswissenschaftliche Analyse geben, aber sie müsste sich anschließen. Wenn er als Glaubensprinzipien, also als ideologischen Kern einer islamistischen Gruppierung, folgende Punkte nennt (S. 166): Bekenntnis zu Allah als den Einen und Einzigen und an Mohammed als den Gesandten Gottes; fünfmaliges Gebet; Lesen des Korans und der Schriften (Hadithe); Achtung anderer Muslime; Unterwerfung des eigenen Lebens unter den Willen Allahs; Einsatz für missionarischen ‚dschihad‘ – dann ist zu fragen, welcher Muslim dem nicht zustimmen könnte. Die Frage nach dem Verhältnis von allgemein gelebtem Islam zum Islamismus ist spannend und bedarf der Klärung.

Ich kann das Buch zur Lektüre und zur Weiterarbeit besonders im Bildungswesen nachdrücklich empfehlen!
 26. Juni 2011  Posted by at 15:10 Islam, Islamismus, Religion Kommentare deaktiviert für >Sachkundig und beunruhigend: Islamismus in Deutschland