Apr 172013
 

In einem Vortrag des Forums Offene Wissenschaft der Uni Bielefeld sprach der linke Altmeister der deutschen Politologen Arno Klönne zum Thema „Christliche Fundamentalisten in Deutschland – Konsequenzen des Abschieds von der Volkskirche“. Er legte dar, wie die wachsende Zahl „fundamentalistischer“ Gruppierungen innerhalb und außerhalb der christlichen Großorganisationen (evangelische und katholische „Volkskirchen“) als eine Reaktion auf die Moderne, nämlich als deren Ablehnung und Abwendung von ihr, verstanden werden kann. Dabei unterstrich Klönne, dass der Begriff „Fundamentalismus“ recht unscharf gebraucht und oftmals mit Terrorismus verbunden werde und darum näher bestimmt werden müsse. Er markierte vier Kennzeichen christlich-fundamentalistischer Gruppen und Strömungen:

  1. Enthistorisierung des eigenen Weltbildes
  2. Abkehr vom pluralistischen Wertesystem
  3. Unfähigkeit zum Dialog
  4. Aggressiver Hang zur „Missionierung“

1. Enthistorisierung meint, dass die eigenen Glaubensinhalte und Wertvorstellungen, die das jeweilige religiöse Weltbild prägen, als unverrückbar und dem historischen Wandel entzogen gelten. Die eigenen Glaubensaussagen werden entweltlicht und haben quasi Ewigkeitscharakter. Dementsprechend sind auch die Wertvorstellungen unhinterfragbar vorgegeben, zum Beispiel in der Familienethik oder Sexualmoral.

2. Dieser Herauslösung der eigenen Glaubensinhalte und Wertvorstellungen aus dem Fluss des geschichtlichen Wandels hypostasiert diese zu über- oder ungeschichtlichen Größen. Sie sind damit auch der gemeinschaftlichen Diskussion oder auch der gesellschaftlichen Kommunikation entzogen. Es geht allenfalls um die zeit- und situationsgerechte Anwendung dieser unverrückbaren Wahrheiten. Gleichrangige andere Glaubens- und Wertsysteme sind damit undenkbar geworden. Die eigenen Glaubensinhalte und Wertsysteme werden zur ewigen Wahrheit erklärt, die aus pluralistischen Denk- und Lebensweisen heraus fallen.

3. Aus dieser hochgradigen Selbstbezogenheit und Selbstgewissheit, im Besitz der allein richtigen und unwandelbaren Wahrheit zu sein, ergibt sich die Unfähigkeit zum Dialog. Ein Gespräch mit Andersgläubigen (auch ‚andersgläubigen‘ Christen und Mitgliedern der eigenen Kirchen) kann nur nach taktischen Gesichtspunkten erfolgen, um den „Dialogpartner“ für sich zu gewinnen. Der eigene Standpunkt steht dabei niemals ernsthaft zur Disposition. So wird das Gespräch letztlich nur monologisch geführt unter der taktischen Hülle eines „Dialogs“.

4. Glaubt man sich selber im Besitz letztgültiger Wahrheiten, eingeschlossen in vorgegebenen Glaubensgrundlagen und Grundsätzen (Fundamenten), dann kann sich mit der eigenen Haltung ein massiver Drang zur Missionierung verbinden, um „die Welt“ vom „falschen“ Weg zu retten und die Anerkennung der Wahrheit und der Wirklichkeit der als allmächtig verehrten eigenen Gottheit zu erzwingen. Spätestens hier werden fundamentalistische Glaubensgruppen politisch bedeutsam.

5. Zusammenfassend kann man diese so bestimmten „fundamentalistischen“ Gruppierungen innerhalb und außerhalb der christlichen Großorganisationen als eine Reaktion auf den pluralistischen Wertewandel der Moderne begreifen und sie als antimodernistische Reaktion verstehen. Durch die Enthistorisierung allgemein gültiger Wahrheiten sieht man sich dem nivellierenden Wandel der Zeiten entzogen.

Klönne wies darauf hin, dass solche christlichen Gruppierungen dann und dadurch eine besondere Problematik begründen, dass sie sich immer öfter mit spezifisch „rechtem“ politischen Gedankengut verbänden (Rettung des christlichen Abendlandes) und ihrerseits von rechten Gruppen und ihren Organen („Junge Freiheit„) für sich vereinnahmt würden (Rettung vor Islamisierung und Überfremdung). Gerade die sich bürgerlich gerierende Wochenzeitung „Junge Freiheit“ spielt hierbei eine bedeutende Rolle als intellektueller Türöffner. Von den Piusbrüdern bis zu bestimmten evangelikalen Kreisen eröffnet sich in Deutschland ein Feld christlich-fundamentalistischer und zugleich rechts-reaktionärer Strömungen, die besonders dann gefährlich verführerisch werden können, wenn soziale Verwerfungen in unserer Gesellschaft zunehmen. Klönne nannte die wachsende Schere zwischen Arm und Reich und ging davon aus, dass sich Deutschland mittelfristig kaum von den wirtschaftlichen und sozialen Problemen der übrigen Europäischen Union abkoppeln könne. Genau hier erkannte er die gesellschaftliche und politische Gefahr, die von christlichen Fundamentalisten und ihren rechten Gesinnungsgenossen ausgehen können, wenn sie mehr und mehr in die Mitte der Gesellschaft drängen.

Pfingstler

Pfingstler

Man kann der Meinung sein, dass dieses gezeichnete Bild aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich und zu negativ akzentuiert sei, – ganz von der Hand zu weisen ist diese Perspektive allerdings nicht. Gerade dem bürgerlichen und biederen Deckmäntelchen der „christlichen Rechten“ kommt einige Bedeutung zu, auch wenn die Verhältnisse bei uns in Deutschland noch meilenweit von der politischen Aggressivität der christlichen Rechten in den USA verschieden sind. Zumindest scheint mir die Aufforderung Klönnes gut begründet zu sein, diesen Gruppierungen in unserer Gesellschaft mehr kritische Aufmerksamkeit zu schenken.

Auch der Hinweis darauf, dass sich manche „fundamentalistischen“, insbesondere evangelikalen Gruppen völlig unpolitisch begreifen und sich und die Ihren „nur“ von den verderblichen Einflüssen des modernen Wertepluralismus fernhalten und abschotten wollen, macht deren Einfluss nicht weniger brisant. Zum einen betonte Klönne, dass sich gerade auch rechte Gruppen im kommunalen Umfeld bewusst scheinbar „unpolitisch“ verhielten, zum anderen zeigen die Konfliktfelder der evangelikalen Abgrenzung (Schulausflüge, Klassenfahrten, koedukativer Sportunterricht, Verweigerung der Teilnahme am Sexualkundeunterricht, Kreationismus) durchaus gesellschaftspolitische Sprengkraft. Werden hier um des lieben (Schul-) Friedens willen vorschnell und übereifrig Kompromisse im Sinne von Zugeständnissen gemacht, gibt man diesen antimodernistischen Strömungen de facto mehr und mehr Raum mitten in der Gesellschaft. Allein diese Auswirkung sollte von all denen, denen Pluralismus, Individualismus und Liberalität als Kennzeichen der Moderne lebenswichtig sind, genauestens beobachtet werden, um dem fundamentalistischen Anspruch angemessen begegnen zu können.

Leider fehlten in dem klaren und anregenden Vortrag Arno Klönnes (ich habe ihn aus meiner eigenen Sicht paraphrasiert) Zahlen: Wie groß sind diese fundamentalistisch genannten Gruppen, gibt es belegte Zahlen des Wachstums oder nachprüfbare Untersuchungen über ihren gesellschaftlichen Einfluss? Eine erste Übersicht über christliche Gruppen („Kirchen“ und „Sekten“) verschaffen die Aufstellungen des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes. Will man hier aber weder einem selbst gebastelten Feindbild noch der Euphorie eines interreligiösen / interkulturellen Dialogs aufsitzen, sind belastbare Zahlen und wissenschaftlich gesicherte Ergebnisse vonnöten. Das von Klönne skizzierte Szenario möglicher christlich-fundamentalistischer Gefährdungen reicht für sich genommen noch nicht zur Beurteilung der Tragweite dieser Phänomene aus, wenngleich von ihm wertvolle und weiter zu verfolgende Analysen und Hinweise gegeben wurden.

Ferner ist nach Parallelen und Übereinstimmungen mit den Fundamentalismen anderer Religionen zu fragen. Vieles oben Skizzierte ließe sich sicher auch über den islamischen Fundamentalismus aussagen. Dem steht aber zum Beispiel die Interpretation von Olivier Roy entgegen, der den fundamentalistischen Islamismus als eine spezifisch moderne Erscheinung analysiert, nämlich als eine besondere Form der postkolonialen Aneignung der Moderne. Das lässt eine spannende Ambivalenz des Phänomens „neuzeitlicher Fundamentalismus“ erkennen und regt zu weiteren Überlegungen und Forschungen an.

Insgesamt war es ein erfrischend klarer und anregender Vortrag dieses zweiundachtzig jährigen Großmeisters der deutschen Politologie.

 17. April 2013  Posted by at 09:56 Christentum, Fundamentalismus, Gesellschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Fundamentalismus als Antimoderne
Jun 132012
 

Die Aufregung über die Rede vom „intelligent design“ hat sich hierzulande nach wenigen Jahren gelegt. Nicht so in manchen Bereichen der Religionswissenschaft und der (katholischen) Philosophie. Da sind Emergenz-Theorien sehr beliebt. Selbst der „heilige Thomas“ wird gegen die Neurobiologen bemüht.

Der Zug für Gottesbeweise sollte seit Immanuel Kant eigentlich abgefahren sein. Zumindest dürfte es sich seit dem großen Kritiker nicht mehr so leicht über Metaphysik, Religion und Wahrheitsaussagen über Transzendenz spekulieren lassen. Transzendental, Kants erkenntnistheoretischer Leitbegriff, ist eben nicht die Erkenntnis des Jenseitigen, sondern die Klärung der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt. Die ist durch Zeit und Raum als „Formen der Anschauung“ bestimmt und begrenzt. Nur zur Erinnerung. Man mag das heute anders und moderner formulieren, aber diese Einsicht bestimmt seitdem unseren Begriff von Wissenschaft und dem, was menschliche Erkenntnis an Wahrheitsgehalt leisten kann. Dass über diesen Bereich hinaus für den Einzelnen persönlich noch Weiteres für wahr und wirklich angesehen werden und gelten kann (Glauben, Religion, Metaphysik), bleibt unbestritten. Nur allgemein verständlich und allgemein verbindlich, also intersubjektiv kommunizierbar im Sinne wissenschaftlicher Klarheit und Bestimmtheit ist dieser Bereich subjektiver „Wahrheiten“ nicht.

Für die kirchlichen Theologien eine unbefriedigende Situation. Kein Wunder, dass sie sich nach Phasen der Akzeptanz dieses neuzeitlichen Ausgangspunktes des Denkens (-> „existentiale Interpretation“ im Protestantismus) immer wieder bemüht, dem Gegenstandsbereich religiöser Vorstellungen und theologischen Denkens doch wieder einen „objektiven“ Charakter zu verleihen. Derzeit ist das wieder sehr in Mode. Gerne geschieht das unter dem Dach der „Religionswissenschaften“ (der Begriff  Theologie scheint kirchlich vereinnahmt und insofern belastet), die dann mit dem Anspruch wissenschaftlicher Exaktheit gegen meist naturwissenschaftliche Kritiker antreten. Zwei Richtungen fallen mir da auf:  die Lehre (ja, man muss das wohl so nennen) vom „intelligent design“ und die Emergenz-Theorien. Erstere finden sich vor allem in den evangelikalen Kreisen der USA (siehe die umfangreiche Sammlung von englisch sprachigen Webseiten zu dem Thema, z.B. http://www.intelligentdesign.org/, auch vom Wiener Kardinal Schönborn verteidigt), oft vertreten als die vermeintlich anspruchsvollere Variante des Kreationismus. – Letztere Emergenz-Theorien finden sich zwar auch im angelsächsischen Bereich, dort besonders innerhalb der Evolutionsforschung (vgl. Lewes und Morgan, siehe zur Übersicht den Wikipedia-Artikel zum Thema Emergenz), aber neuerdings wieder lebhaft im deutschsprachigen Bereich philosophischer Diskussion, vorwiegend katholischer Provenienz. Die Fragestellung wird dann als Kritik des (naturwissenschaftlichen, speziell neurobiologischen ) „Reduktionismus“ im Themenzusammenhang des „Leib-Seele-Problems“ verhandelt. Eine gute Übersicht gibt dazu der Sammelband „Die Aktualität des Seelenbegriffs“, herausgegeben von Georg Gasser und Josef Quitterer (Christlich-philosophisches Institut der Kath. Fakultät der Uni Innsbruck), 2010. In den darin enthaltenen Aufsätzen versuchen Dieter Sturma, Tobias Kläden und Josef Quitterer die „naturalistische Engführung“ durch eine Neuaufnahme des aristotelischen Hylemorphismus bzw. einer Repristination der thomistischen Anima-forma-corporis – Lehre zu überwinden. Bei allen Genannten spielen die „Lücken“ biologischer Erklärungsmodelle eine wesentliche Rolle. „Emergenz“ wird dann zum Schlüsselbegriff (so bei Franz Mechsner) einer ontologischen Bestimmung der qualitativen evolutionären Sprünge, die in der Entwicklung vom Einzeller zum Menschen festgestellt werden. Diese theoretischen Versuche sind durchaus anregend zu lesen, weil sich die Autoren meist die Mühe machen, zumindest den naturwissenschaftlichen Gesprächspartner ernst zu nehmen. Ob sie wirklich genau genug zuhören, ist eine andere Frage.

Das Modell der „Emergenzen“ ist aber nicht nur hier zum beliebten Schlüsselwort geworden. Es erscheint als elegant formulierter und erkenntnistheoretisch maskierter Ersatzbegriff für den traditionellen „Lückenbüßer“: Das, was naturwissenschaftlich-„reduktionistisch“ nicht vollends erklärt werden kann (und welche naturwissenschaftliche Theorie wäre nicht vorläufig und stünde nicht ständig auf dem empirisch-experimentellen Prüfstand?), wird flugs zum Einfallstor neo-metaphysischer oder theologischer Theoriebildung. So jedenfalls klingt es, wenn in dem wissenschaftlichen (!) Internet-Portal SciLogs in einer Buchvorstellung fröhlich ausgeführt wird:

Dass hierbei immer wieder vermeintliche Grenzen überschritten und vermeintlich feste Gesetze in neue Dimensionen hinein erweitert wurden, lässt sich kaum mehr leugnen und durchaus als Transzendenzgeschehen (von lateinisch transcendere = überschreiten) beschreiben. Und schon weil wir überhaupt nicht vorhersagen können, welche weiteren Systeme sich bilden und welche Eigenschaften diese hervorbringen werden, ist erkenntnistheoretische Demut angemessen. Ob schließlich doch nur ein Nichts oder eine Gottesschau der sich selbst in immer weiteren Verbindungen verwirklichenden Materie im Sinne etwa Teilhard de Chardins steht, kann nur geglaubt, nicht aber abschließend geklärt werden. (Michael Blume auf SciLog)

So kommt man von der vorsichtigeren Formulierung der Problemstellung „Religion und Evolution“ schnell zu der viel engeren Aussage „Evolution der Offenbarung“ (so der Titel des besprochenen Buchers von von Ulrich Lüke und Georg Souvignier). Klar, Teilhard de Chardin lässt grüßen. Aber auch andere wie Patrick Spät propagieren einen „graduellen Panpsychismus“, ebenfalls bei SciLog vorgestellt. Wem das als Stichwort zu abenteuerlich erscheint, lese selber nach. Klar, es darf keine Denkverbote geben, aber den Anspruch klarer Distinktion und sauberer Argumentation muss man doch in jedem Falle stellen, wenn derartige Diskussionsbeiträge über den engeren kirchlichen Rahmen hinaus ernst genommen werden wollen. Sonst nämlich sind sie das, als was sie auf den ersten Blick stark aussehen: reine Apologien, also nur eine modernistisch verkleidete Verteidigung traditioneller Denkkonzepte (der heilige Aquinate!). Emergenz – das gibts in der Evolution – da schaut doch klar der Herrgott hervor!

Ernst genommen werden sollte ohne Wenn und Aber die sehr prägnante begriffliche Klärung, wie sie Ansgar Beckermann (Philosoph an der Uni Bielefeld) in seinem Studienbuch „Das Leib-Seele-Problem. Eine Einführung in die Philosophie des Geistes“ (2011) zu den Bestimmungen „reduktionistisch“, „monistisch“ und „dualistisch“ vornimmt. Hinter diese Begriffsbestimmungen und Abgrenzungen sollte die heutige Diskussion nicht mehr zurück fallen. Wenn einzelne Definitionen zu eng oder voraussetzungsvoll befunden werden, dann sollte eine Kritik zumindest ebenso sachlich genau und definitorisch distinkt sein bei dem, was als Alternative vorgeschlagen wird. Dies muss man leider immer wieder vermissen.

Ein letzter Hinweis auf einen Artikel (ebenfalls bei SciLog), der eigentlich sehr gut und knapp formuliert, was Religionswissenschaft, Theologie, Philosophie und Psychologie nicht mehr ohne weiteres hintergehen können: nämlich den einfachen Satz „Ohne Hirn ist alles nichts“. Christian Hoppe erklärt im Anschluss an eine längeren Diskussion sehr schön, worauf es sachlich und begrifflich bei der Diskussion des Leib-Seele-Problems oder einer theory of mind bzw. dem Erklärungsanspruch der Neurowissenschaften ankommt. Es mag einem Geisteswissenschaftler nicht gefallen, aber daran vorbei sollte man sich nicht drücken. In jedem Falle sollte eine neue „Lückenbüßer-Theorie“, die Gott und das Transzendete in den Emergenzen sichtet oder gar zur Voraussetzung der Evolution erklärt, vermieden werden. Sie hat schon allzu oft versagt, weil sie stets nur bis zur nächsten naturwissenschaftlichen Entdeckung gilt. Die solcherart religionswissenschaftlich bemühte „Emergenz-Theorie“ ist doch nur neuer Wein in alten Schläuchen – oder noch anders gesagt, eine intellektuell elegante Form der einfacheren Rede vom „intelligent design“.

 13. Juni 2012  Posted by at 13:32 Bewusstsein, Fundamentalismus, Neurowissenschaften, Philosophie Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Abgefahrene Wissenschaft
Apr 062012
 
Die  Kirchen sollten ihr Glaubensangebot etwas bescheidener als ein pluralistisches Sinnangebot unter vielen darstellen. Alles andere ist Dogmatismus oder schlimmer noch: christlicher Fundamentalismus. Ob nun evangelikal oder päpstlich: darin zeigt sich nur der arroganter Herrschaftsanspruch einer vormodernen Tradition. Dem sollte gerade zu Ostern widersprochen werden.

Es ist schon merkwürdig: Alle Jahre wieder zu den sogenannten „hohen“ christlichen Feiertagen machen sich die klassischen Medien Zeitung, Radio, Fernsehen zum Diener des Christenglaubens.  Da werden auf einmal in den Nachrichten Glaubensinhalte als „news“ verbreitet. Der Papst wäscht 12 Priestern die Füße, „so wie es der Überlieferung nach Jesus am Gründonnerstag beim Abendmahl getan hat“. So etwa wurden in der Tagesschau Bilder aus dem Petersdom kommentiert. Entsprechendes kann man dann zum Karfreitag und bei den Nachrichten über das Osterfest hören und sehen, wo Christen (immerhin, diese Einschränkung wird heute gemacht) „die Auferstehung Jesu feiern“. Das bedeutet die Vermischung von Glaubensaussagen mit Tatsachenbehauptungen. Und dies sollte es eigentlich in religiös neutralen Medien nicht mehr geben. Es ist nur Liebedienerei vor dem Universalanspruch des christlichen Weltbildes seitens der Kirchen und ihrer Amtsträger, insbesondere des Papstes.

Religiöse Weltbilder beruhen auf Glaubensinhalten, die sich entweder dem Bereich vernünftigen Weltzugangs entziehen und / oder im Bezug auf gegebene Wirklichkeit symbolischen Charakter haben, also Deutungsmuster der Wirklichkeit liefern. Glaubensinhalte haben es aber nie mit Tatsachen zu tun, die in Raum und Zeit eindeutig als Geschehen zuzuordnen sind. Wenn Religion dies tut, für ihre Glaubensgegenstände faktische Tatsächlichkeit im Sinne allgemein vernünftiger Zugänglichkeit und Verifizierbarkeit zu behaupten, dann begeht sie eine unzulässige Grenzüberschreitung. Religiöse Menschen und Funktionäre der Kirchen mögen das als legitim und ihrer „Sache des Glaubens“ gemäß ansehen, aber dagegen muss sich die säkulare, historisch aufgeklärte Vernunft entschieden wehren. Glaubensinhalte und sogenannte „Glaubenstatsachen“ können keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und vernünftige Anerkenntnis erheben. Was geglaubt wird, liegt im Bereich der Religionen und ihrer Anhänger. Die tatsächlichen Dinge, die eben als solche „der Fall sind“, gehören in den Bereich der menschlichen Ratio, des vernunftgeleiteten Weltzugangs und Weltwissens.

Beide Bereiche, in Stichworten „Glauben und Wissen“, eben gewissenhaft zu trennen und keine Übergriffe zu dulden, weder von Seiten des Glaubens in den Bereich z.B. der Naturwissenschaft noch von Seiten der Wissenschaft in den Bereich geglaubter Sinngehalte, gehört zu den Errungenschaften aufgeklärten Denkens und zu den Grundlagen der Neuzeit. Religion ist in Sachen des Glaubens so frei, wie es die Wissenschaft im Bereich der Vernunfterkenntnis und tatsächlicher Weltbewältigung ist. Ein Übergriff der säkularen Vernunft gegenüber dem religiösen Glauben welcher Provenienz auch immer wäre ein zu kritisierender rationalistisch-dogmatischer Säkularismus; ein Übergriff des Glaubens auf den Bereich vernünftiger Welterkenntnis und Weltbewältigung wäre ein ebenso zu kritisierender religiös-dogmatischer Fundamentalismus. Gerade die katholische Kirche tut unter ihren letzten Päpsten alles, um diesem religiösem Dogmatismus wieder zur Vorherrschaft zu verhelfen – denn um Herrschaft geht es dabei. Dem muss entschieden entgegengetreten werden.

Ebenso muss dem immer noch und immer wieder bemühten Eindruck begegnet werden, als handle es sich bei den „Osterereignissen“ der christlichen Religion um historische Tatsachen. Die historisch-kritische Erforschung der Bibel seit dem 18. Jahrhundert und ihre durchaus kritische Aneignung in der wissenschaftlichen Theologie der Neuzeit bis in unsere Tage hinein hat erbracht, dass die Schriften der Bibel eben nicht als „Tatsachenberichte“, sondern als Glaubensverkündigung gelesen sein wollen. Einigen der in den neutestatemtlichen Schriften geschilderten „Ereignisse“ mag jeweils ein historischer Kern oder besser Anlass zugrunde liegen, den herauszuarbeiten durchaus schwierig und oft strittig ist. Die Glaubensgeschichte selber aber hat und braucht keinerlei Anhalt an historischer Tatsächlichkeit, bestenfalls deutet und interpretiert sie „Geschichte“, d.h. bestimmte historische Geschehnisse.

Die Vermischung von Glaubensgeschichte und historischer Tatsächlichkeit führt zu solch merkwürdigen Nachrichten-Meldungen und Kommentaren, wie wir sie immer an den christlichen Feiertagen erleben. Unerlaubte Grenzüberschreitungen sind es, die nur eine Grunderkenntnis verwischen, dass nämlich Glaubensinhalte und historische Ereignisse zwei ganz verschiedene Dinge in zwei ganz unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit sind. Es sollte inzwischen auch in den Redaktionen von Zeitungen, Radio und Fernsehen zum Allgemeinwissen gehören, dass die christliche „Passionsgeschichte“ nur eine besondere Art religiöser Legende ist. Über ihren Sinn mag man trefflich streiten und sich darüber austauschen. Tatsächlichkeit zu behaupten ist Unfug. Allenfalls das reine Dass des gewaltsamen Todes eines gewissen Jeshua kann als historisch einigermaßen gesichert gelten, alles weitere ist religiöse Deutung und dogmatisches Interpretament. In Sachen „Schöpfungslehre“ und Evolution ist die missbräuchliche Grenzüberschreitung und Kategorienvermischung mindestens ebenso deutlich und verhängnisvoll; dies wird durch den Trick der Rede vom „intelligent design“ nur bewusst verschleiert. Aber das ist ein anderes Thema.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man sich in den öffentlichen Medien zu Ostern einer klaren begrifflichen weil sachlichen Trennung bewusst wäre. Man würde dann nicht mehr so naiv einer Historisierung von Glaubensinhalten Vorschub leisten. Denn das ist nur Volksverdummung, die leider die Kirchen im Interesse der Vorherrschaft ihres Weltbildes immer wieder betreiben.

 6. April 2012  Posted by at 12:25 Aufklärung, Dummheit, Fundamentalismus, Geschichte, Kirchen, Nachrichten, Neuzeit, Papst, Religionskritik, Vatikan Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Arroganz der Religion
Sep 252011
 

>Wie eine überaus passende Ergänzung zu meinem letzten Blog-Beitrag „Protestanten sind Protestanten“ erscheint mir der Artikel von Reinhard Bingener in der FAZ – soeben online verfügbar. Anders als Daniel Deckers begeisterte Zustimmung zum ‚heiligen‘ Benedikt in derselben Zeitung (online hier) durchweg aus katholischer Sicht zeichnet Bingener ein differenziertes Bild von Ratzingers Haltung, die ich voll und ganz teile. Dieser Papst weiß genau, was er tut, und er tut es gezielt und beharrlich: den ultrakonservativen Katholizismus stärken. Die Rücknahme der Exkommunikation des rassistischen Bischofs Williamson und die nachdrückliche Unterstützung der Pius-Bruderschaft waren kein dummer Zufall eines Unbedarften, wie oft vermutet, sondern offenkundig gezielte Strategie. Auch Ratzingers „Zurückhaltung“ gegenüber den Missbrauchs-Opfern entspricht seiner Auffassung einer in sich reinen und sündlosen römischen Kirche. Fehler gib ets nur vereinzelt und als Fehltritte einzelner, die nicht genug glauben und mit Rom „verbunden“ (= gehorsam) sind. Ratzingers Freiburger Rede lässt keinen Zweifel an seiner abgrundtiefen Verachtung für alles Neuzeitliche, Freie und Individuelle. Recht setzt nach ihm nur die römische Kirche; alles andere ist weltliches Unrecht, Beliebigkeit, Irrung und Wirrung. Da fügt sich sein Verhalten gegenüber der protestantischen Delegation nahtlos ein: es war ein glatter Affront, Und das passt in Ratzingers Welt- und Kirchenbild, wie Bingener schreibt:

„Und ähnlich wie seine Regensburger Rede konnte man auch seine Rede im Bundestag so lesen, dass es letztlich der Protestantismus ist, auf den die liberalen Verirrungen zurückgehen. Man mag das für unzutreffend oder eine Überschätzung des religiösen Moments halten. Aber es erklärt, warum der Papst im Verhältnis zu den evangelischen Kirchen nicht die Übereinstimmung, sondern die Abgrenzung sucht.“

Es ist wiederum kein Zufall, dass sich dieser Papst der ebenfalls autoritären östlichen Orthodoxie mit ihren mittelalterlichen Strukturen und Riten viel mehr verbunden weiß. Auch mit dem Islam kommt er ja gut klar, denn den „Gottesstaat“ , siehe Vatikan, und die Scharia, in seinem Fall der Corpus Iuris Canonici, das römische Kirchenrecht, beanspruchen beide die Regelung aller Lebensbereiche und die Ablehnung des „westlichen“ Liberalismus mit seiner „dekadenten“ Lebensweise. Da haben sich bei diesem Papst Seelenverwandtschaften aufgetan, die einen nur erschrecken lassen. Man kann darum heute zugespitzt formulieren: Islamismus und Katholizismus sind strukturell derselbe religiöse Fundamentalismus!

 25. September 2011  Posted by at 17:42 Fundamentalismus, Islamismus, Papst, Protestantismus, Rom Katholisch Kommentare deaktiviert für >Neo-Fundamentalismus
Aug 152011
 

>“Mariä Himmelfahrt“ – was für ein Name, was für ein merkwürdiger Feiertag! Es gibt ihn in Deutschland als gesetzlichen Feiertag uneingeschränkt nur im Saarland und in Bayern, dort „nur“ in den 1700 überwiegend katholischen Kommunen, in den 356 evangelischen dagegen nicht (Bevölkerungsstand maßgeblich nach Volkszählung 1987 – siehe heutige Info des Bayerischen Rundfunks). Nicht einmal im katholischen Rheinland oder Münsterland, auch nicht im katholischen Mainz oder Aachen wird dieser Tag als „gesetzlicher“ Feiertag begangen. Es ist auch absolut nicht einzusehen, warum eine konfessionelle „Sonderlehre“ mittelalterlichen Gepräges zum für alle verbindlichen gesetzlich geschützten (denn das bedeutet es ja, siehe das gültige Feiertagsgesetz des Saarlandes von 1976 und das bayerische Feiertagsgesetz in der Fasung von 2006) Feiertag dekretiert wird. Hier hat die katholische Kirche ihren machtvollen Einfluss noch einmal durchsetzen können, zumindest in 2 Bundesländern – typisch könnte man sagen.

Die dahinter stehende Glaubenslehre einer „leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel“ ist abenteuerlich und, was das Weltbild angeht, mittelalterlich. Man kann sie tatsächlich nur als Aberglauben und frommes Märchen  bezeichnen, auch wenn das röm.-katholische Dogma, dass die „Gottesmutter“ Maria „nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit“ aufgenommen worden sei, erst 1950 durch Papst Pius XII. (ja, der zweifelhafte Nazi-Papst) verkündet wurde, also zu dem gemacht wurde, was für alle katholischen Kirchenmitglieder zu glauben heilsnotwendig ist. Es war eine der jüngsten „unfehlbaren“ „Ex-Kathedra-Entscheidungen“ eines Papstes. Ob Pius aus theologischer Überzeugung handelte oder eher aus kirchen-, d.h. machtpolitischen Erwägungen heraus (nämlich durch Instrumentalisierung der Marienfrömmigkeit im Kampf der kath. Kirche gegen den atheistischen Kommunismus), sei einmal dahin gestellt.

Die besondere Marienverehrung, die hinter der Lehre und schließlich auch dem Dogma der leibhaften „Himmelfahrt“ Marias steht, ist in der römischen Kirche seit Jahrhunderten verbreitet, und auch dieser Feiertag ist schon im 6. Jahrhundert bezeugt. Um eine theologische Bewertung hat sich die katholische Kirche aber immer wieder gedrückt. Ihre Theologen schwanken zwischen einer Behauptung als „Glaubenstatsache“ und einer mehr symbolischen Deutung. Jedenfalls ist heute sogar manchen Klerikern bei diesem und ähnlichen Dogmatisierungen etwas mulmig geworden. – Mit diesem Feiertag hat sich – wie üblich- allerlei Brauchtum (Kräutersegungen) verbunden.

Es ist schon merkwürdig und äußerst fragwürdig, in einer angeblich aufgeklärten und säkularen Gesellschaft einen solchen speziellen römischen Feiertag gesetzlich zu begehen; von einer gewissen Ambivalenz zeugt ja auch das bayerische Feiertagsgesetz, das seinen evangelischen Bürgen diesen Tag als gesetzlich verordnet nicht zumuten möchte. Aber was ist eigentlich mit den nichtchristlichen Mitbürgern? Es gibt zunehmend konfessionslose Menschen, sogar in Bayern, von Angehörigen anderer Religionen und religösen Überzeugungen einmal ganz abgesehen. Man sieht: Das Feiertagsgesetz bedarf dringend einer Überarbeitung und Anpassung an die heutige Welt. Da wünscht man sich auf jeden Fall mehr Trennung von Kirche und Staat. Man könnte ja für diesen Feiertag, um ihn den Arbeitnehmern nicht wegzunehmen, einen säkularen Gehalt geben, Tag der Kinder zum Beispiel (nach Vatertag und Muttertag), dann aber gesetzlich gültig für alle Bürger!

Allerdings ist damit wohl vorerst in Bayern nicht zu rechnen; der Katholizismus hier ist noch zu mächtig und einflussreich, als dass eine „bürgerliche“ Staatsregierung, zumal eine von der CSU getragene, hier Konflikte suchen würde. Der Katholizismus in Bayern ist schon von einer besonderen Ausprägung in einer (un-)heiligen Allianz mit vielfältigem Brauchtum, wie ich es weder aus dem katholischen Rheinland noch aus Westfalen kenne (Münster, Paderborn!). Die Inflation von Bergmessen, vor denen es kein Entkommen zu geben scheint, zeugt ebenfalls davon. Ich kann diesen Katholizismus nur als fundamentalistisch bezeichnen, wenn ich (nur als Beispiel) an eine Leserbriefkampagne denke, die just vor einem Monat in der hiesigen Allgäuer Zeitung zum Thema Fronleichnam geführt wurde. Der evangelisch-freikirchlicher Pfarrer und Buchautor Horst Stricker hatte öffentlich die Fronleichnamsprozessionen kritisiert, sie förderten „Aberglaube und Magie“ (vgl. Bericht und Leserbriefe in der AZ Mitte Juli fast täglich, leider sind sie nicht im Internet zugänglich). Es gab wütende Proteste, die, und vor allem deren Begründungen, einen daran zweifeln lassen, dass hier noch vernünftig Menschen denken und schreiben. Dass Bayern beim aufgedeckten Missbrauch in kirchlichen Internaten deutschlandweit an der Spitze liegt, ist gewiss auch noch in Erinnerung. Eifernden Fundamentalismus gibt es wahrhaftig nicht nur im Islam. Und mittelalterlich, will sagen vor-aufgeklärt antisäkular, möchten die römischen Katholiken unter Papst Ratzinger ja gerne wieder sein.

(c) KNA

 15. August 2011  Posted by at 09:11 Fundamentalismus, Kirchen, Rom Katholisch Kommentare deaktiviert für >Merkwürdiger Feiertag