Jan 062019
 

Der Zusammenhang von Kolonialismus und Rassismus ist unauflöslich

Vor wenigen Tagen brachte die ZEIT (02.01.2019) eine viel beachtete und heftig diskutierte Reportage über die Arbeit auf Kreuzfahrtschiffen: „Unter Deck“ (kostenpflichtig). Die Entrüstung über solche „Sklavenarbeit“ ist verständlich: kein Urlaub, kaum Arbeitsschutz, kaum medizinische Versorgung, hoher Leistungsdruck, geringe Bezahlung. – Ich komme gerade aus Südafrika von einer längeren Reise zurück. Was ich jetzt hier lese, erinnert mich an die Normal-Arbeitsverhältnisse vieler Schwarzer dort.

Meine Eindrücke beruhen auf Beobachtungen und Gesprächen, die ich mit Menschen dunkler Hautfarbe immer intensiver geführt habe. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass die Apartheid in Südafrika keineswegs vorüber ist: Die politische, rechtliche Apartheid ist wohl seit 1994 beseitigt (Aufhebung der Apartheidsgesetze, „one man – one vote“, Übereinkunft zwischen De Klerk (Burenpartei) und Mandela (ANC), aber die ökonomische soziale und kulturelle Apartheid besteht weiterhin. Nie wurde mir der Zusammenhang von Rassismus und Kolonialismus so deutlich vor Augen geführt. Er scheint unauflöslich zu sein. Darum haben diese Erfahrungen nicht nur mit Südafrika oder Afrika überhaupt, sondern eminent auch mit uns zu tun. Auch der wieder wachsende Rassismus bei uns ist nur im unauflöslichen Zusammenhang von Kolonialismus und globalem Kapitalismus zu verstehen. „Bei uns“ meint: in der „westlich“ geprägten Wirtschaft und Politik in Europa und Nordamerika.

Zunächst meine Beobachtungen während einer fast zweimonatigen Reise durch Südafrika. Ich war als Tourist alleine unterwegs, durchweg mit Mietwagen, 8000 km. Ich habe eine Menge von Südafrika gesehen und befand mich von meiner Reiseplanung her durchaus auf vielen typisch touristischen Routen mit Nationalparks, Wildtieren, malerischen Küsten am Indischen Ozean, berühmten Gebirgen wie Drakensberge, Swartberge, Kapgebirge. Es war ein großer Bogen von Johannesburg über den Kruger National Park zur Ostküste, und diese (mit Abstechern ins Landesinnere) entlang bis Kapstadt – zur groben Orientierung. In all den vielen Unterkünften, die ich gehabt habe, gab es durchweg schwarzes Personal und ausnahmslos weiße Besitzer bzw. Manager. Dasselbe gilt für Restaurants, Cafés und Tearooms, Bistros und Imbisse und die meisten Geschäfte und Supermärkte. Nur die Nationalpark – Verwaltung und die Rangers waren oft „schwarz“, ebenso überwiegend die Verkehrspolizei. Selbst in Swaziland, einem kleinen Land mit fast ausschließlich schwarzer Bevölkerung, wo ich zunächst das kleine Guesthouse schwarz geführt sah, gabs keine Ausnahme: Bezahlt wurde am andern Morgen nebenan bei einer weißen alten Dame, der Chefin.

Exkurs 1: zur Wortwahl. Ich zögere immer mehr, der Kürze und Bequemlichkeit halber von „Schwarzen“ und „Weißen“ zu sprechen. Es ist einfach falsch – „Schwarze“ sind nicht schwarz, und „Weiße“ nicht weiß. Es ist eine zutiefst rassistisch geprägte Ausdrucksweise, weil diese extremen Farbzuweisungen bereits mit Wertungen konnotiert sind. „Coloured“ ist eine weiterer ausgrenzender Begriff der Apartheid. Es gibt nur Menschen mit unterschiedlichen Hauttönungen, Teints, Haarfarben und sehr individuellen Gesichtern in ganz unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen. Genauso wie es nicht einen einzigen Typ von hellhäutigen Europäern gibt, so gibt es auch nicht einen einzigen Typ von Afrikanern mit dunkler Hautfarbe. Die Wirklichkeit ist unglaublich vielfältig und kulturell reich ausgestattet, wenn man das Vorurteil und die Prägung durch den Rassismus zu überwinden sucht – zuerst bei sich selbst! – Wenn ich die Wirklichkeit gelebter Apartheid beschreibe, benutze ich weiterhin die Begriffe „Schwarze“ und „Weiße“.

„Weiße“ leben in eigenen Wohngebieten, in Großstädten meist in ummauerten und gesicherten (Einlasskontrolle) Wohnvierteln. In jeder Stadt gibt es aber mehr oder weniger großflächige „Townships“, das heißt Viertel von Hütten aus Holz, Pappe und bestenfalls Blechdächern (tin huts), eng aneinander gequetscht. Diese Townships (der berühmteste ist SOWETO = South-West-Township in Johannesburg) beherbergen oft den größeren Teil der Bevölkerung einer Ortschaft, auch wenn die schönen weißen Wohngebiete die weitaus größere Fläche einnehmen. Das gilt auch für die Touristenorte. Townships sind nicht einmal Slums, es gibt dort heute oft Strom und teilweise auch „sanitation“, zumindest zentral, wenn auch nicht in jedem Haus. Nur in der Umgebung von Durban und Pietermaritzburg („schwarze“ Städte) habe ich auch Mittelstandshäuser modernen Zuschnitts gesehen, die von Familien mit dunkler Hautfarbe bewohnt werden. Die Industrie dort machts! Dann sieht man auch mal neuere SUVs, die von „Schwarzen“, und vermutlich nicht nur als Chauffeure, gefahren werden. Typisch ist es für Südafrika jedenfalls nicht. Typisch ist vielmehr auch, dass man so gut wie keine Paare oder Familien unterschiedlicher Hautfarben sieht, nirgendwo. Das ist sehr auffällig und total verschieden zum Beispiel von Brasilien. Man lebt weiterhin in getrennten Welten. Die Menschen indo-asiatischer Herkunft, besonders im Raum Durban, sind ohnehin nochmals eine eigene Gruppe. Die Unterscheidungen und die Segregation aus den Zeiten der Apartheid wirken mächtig fort. Sogar die Buren in der engeren Kapregion unterscheiden sich allein schon durch ihre eigentümliche Kolonial-Sprache, dem Afrikaans, von den Weißen britischer Herkunft bzw. englischer Sprache. Neun verschiedene Sprachen afrikanischer Völker sind erst seit kurzem offiziell anerkannt.

Constitution Hill
Constitution Hill Joburg

Ich habe in Jo’burg die historische Aufarbeitung der Zeit der Apartheid gesehen, das große, moderne Apartheids-Museum und das „Constitution Hill Museum“, d.h. die zentrale Gefängnisanlage des Apartheidsregimes. Man braucht mindestens einen Tag Zeit dafür; viele Touristen waren nicht dort zu sehen, umso mehr Schulklassen. Ich gehöre zu der Generation, welche die Apartheidspolitik in Südafrika noch „live“ aus Zeitungen, TV-Berichten und heftigen Diskussionen erlebt hat, besonders in den achtziger Jahren – aus der Ferne. Ich dachte, ich wüsste einigermaßen Bescheid – falsch. Nichts wußte ich. Die unmittelbare Erfahrung mit den realen Zeugnissen der Apartheid, ihrer Unmenschlichkeit und Niedertracht, hat mich fast erschlagen. Auch die berühmte, nobelpreiswürdige „Versöhnung“ zwischen dem letzten Apartheids-Premier De Klerk und seinem jahrzehntelangen Gefangenen „Nelson“ Rolihlahla Mandela entsprang nicht aufgeklärter Menschlichkeit, sondern dem Streben nach Machterhalt: Angola und Rhodesien hatten ihn gewarnt, dass man ohne Veränderung alles verlieren könnte, darum wollte er politische Macht ‚teilen‘, um ökonomische Macht (Eigentum an Farmland und Minen) und kulturelle Dominanz zu behalten. Das Kalkül der früheren Burenherrscher ist bisher aufgegangen. – Dieser „Museumstag“ gehört zu den eindrücklichsten Erfahrungen meiner Reise. Dort wurden zu Beginn meiner Zeit in Südafrika das Rufzeichen (Nimm wahr, was ist!) und das Fragezeichen (Wie konnte das sein und immer noch andauern?) gesetzt, die mich die gesamte Zeit meiner Reise begleitet haben. Apartheid war und ist systematische Herabsetzung, Entwürdigung und Demütigung, Rassismus pur um des Kolonialismus willen, mindestens seit 200 Jahren. Erst vor knapp 30 Jahren, also seit einer Generation, wurde sie politisch beendet. Aber sie wohnt noch lange in den Köpfen und Herzen, nicht nur in der sozialen Wirklichkeit. Auch darum gilt Mandelas Vermächtnis: Bildung, Bildung, Bildung!

120 km südlich von Durban, bei Port Edward, beginnt eine wüstenartige trockene und unfruchtbare Hügellandschaft, die sich ca. 500 km an der Ostküste entlang bis zum Kei River kurz vor East London erstreckt. Hier hört sprichwörtlich die Welt auf. Der bis dahin gut ausgebaute Küsten – Highway N2 wird zur rumpeligen Landstraße R61. Die Landschaft ist braun und öde, aber die Region ist dicht bevölkert, ohne dass es eine sichtbare Lebensgrundlage dafür gäbe: ein deutlicher Armutsstreifen in Südafrika. Darüber täuschen auch die zahlreichen Ortschaften in dem Hügelland nicht hinweg. Im Grunde setzt sich die übervölkerte Armutsregion noch über den Kei hinaus fort bis jenseits von Grahamstown, weitere 200 km. Man befindet sich in der Provinz Ostkap, einer der noch heute ärmsten und am wenigsten entwickelten Provinzen Südafrikas. Das erklärt aber noch nichts, erst ein Blick in die Geschichte der Apartheid: Es sind die Gebiete der früheren schein-selbständigen „Homelands“ Transkei und Ciskei (die deutschsprachigen Wikipedia-Artikel blenden das System der Apartheid fast vollständig aus), seit 1976 bzw. 1980 formal unabhängig vom Burenstaat Südafrika, bis zur Wiedereingliederung 1994. Ausgebürgert aus dem eigenen Land, gezwungen in unfruchtbaren Reservaten zu leben, waren die verschiedenen Völkerschaften der Xhosa das ideale Arbeitskräfte-Reservoir für Südafrikas Farmen und Minen: Die Familien mussten in den Homelands bleiben. 3,5 Millionen sogenannte „Bantus“ lebten vor 50 Jahren in diesen Reservaten. Auch das industrielle Port Elisabeth, heute ein wichtiger Standort der Autoindustrie, bezog seine Arbeitskräfte von dort. Dieses System der konstitutionellen Apartheid, einer formalen „Unabhängigkeit“ der „Homelands“ ohne Entwicklungsmöglichkeiten, macht den Zusammenhang von Kolonialismus, Kapitalismus und Rassismus überdeutlich. Noch 1992 fand der „Marsch auf Bisho“ statt, bei dem 29 Menschen durch Truppen des Homelands Ciskei getötet und über 200 verletzt wurden (Massaker von Bisho). Der heutige Präsident Südafrikas, Matamela Cyril Ramaphosa, nahm als Organisator an diesem Protestmarsch gegen das Apartheids-Regime der Ciskei teil. Im Grunde ist diese Entwicklung Südafrikas seit dem 19. Jahrhundert mit der Situation der schwarzen Sklaven und der „Indianer“ in Nordamerika (USA) vergleichbar, nur dass das System der Apartheid bis in unsere moderne Zeit, bis 1994, angedauert hat. Es sind jeweils unterschiedliche Ausprägungen eines ausbeuterischen, menschenverachtenden Rassismus mit dem Anspruch naturgegebener europäisch-weißer Suprematie. Hier hat man es vor Augen, man braucht keine großen Theorien. Nelson Mandela, Steve Biko und andere Führer der afrikanischen Befreiungsbewegung ANC stammten aus der Transkei, aus der Nähe von Mthatha, dem ehemals verballhornten Umtata. In Qunu, dem Geburtsort Mandelas, befindet sich heute ein sehr besuchenswertes kleines Mandela-Museum, das seiner Jugendzeit in der Transkei gewidmet ist. Dort liegt auch der schlichte Familiensitz mit dem Grab des „Madiba“, das für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. – Die normale Touristenroute sieht für den Abschnitt Durban – Port Elisabeth das Flugzeug vor.

Am Ende meiner Zeit in Südafrika, in Kapstadt, hat sich thematisch der Knoten noch einmal geschürzt. Ich hatte dort intensive Begegnungen und teilweise längere Gespräche mit „schwarzen“ Südafrikanern. Mich bewegte die Frage: Wie kommt man sich als „Schwarzer“ vor, wenn man ausschließlich Service-Personal ist und durchweg weiße Touristen bedient? Was geht in den Menschen vor, wenn sie in Restaurants Rechnungen überbringen, die für ein Abendessen krass mehr Geld ausweisen, als Bedienungen im Monat verdienen? Wie lebt es sich in Arbeitsverhältnissen wie dem Nachtdienst (security), der seit 2 Jahren jede Nacht 7 Tage die Woche von 7 – 7 Uhr Dienst hat, arbeitsrechtlich ungesichert, ohne bezahlten Urlaub – für einen Hungerlohn? Wie geht es den Uber-Fahrern, die oft aus den Nachbarländern kommen, deren Tarife aber durch die allzu große Konkurrenz immer stärker sinken? Wie geht es dem Guide, der bei Touristen finanziell einen „Luxusjob“ hat, aber dessen Familie weit entfernt wohnt, der selber äußerst bescheiden lebt, um alles Geld seiner Familie für die Erziehung und Schulen seiner Kinder zu überweisen? Was wissen sie hier im quirligen westlich-weißen Kapstadt vom Leben in den Armutsregionen in der Ostkap-Provinz? – Sie wissen alles, sie wissen und sehen alles sehr genau! Wie naiv habe ich eigentlich gedacht und gefragt? – „Daher kommen wir doch alle.“ Dieser Satz hat mich umgehauen. „Dort leben unsere Familien.“ – „Natürlich gibt es weiterhin Apartheid und massive Benachteiligung.“ – „Der Kampf um die Abschaffung der Apartheid, um wirtschaftliche Gleichberechtigung, um die Überwindung des Rassismus findet täglich statt, in jeder Sitzung des Parlaments, im Stadtrat, am Arbeitsplatz, immer!“ – „Wir wissen das!“ – „Der Weg ist noch lang.“ Das stimmt mit Sicherheit, denn die Minen, Farmen, Industrien und auch die berühmten Weingüter (mit Buren-Namen!) sind alle nach wie vor in weißer Hand. Wie gesagt, De Klerks Kalkül ist bis heute aufgegangen, erst recht im Zeitalter des globalen Kapitalismus. – Ich habe so viele überaus freundliche, aufgeschlossene Menschen unter den „schwarzen“ Afrikanern getroffen, gebildet oft weit über ihre soziale Herkunft hinaus, weiterdenkend, weitsichtig. Der Abschied war stets sehr herzlich. Und ich habe viel gelernt, ein Stück Wirklichkeit des Rassismus gesehen, und so viel Geduld und Ausdauer. Das hat mich in Südafrika am meisten beeindruckt.

Exkurs 2: Die San oder Khoi. Diese Völker sind die ursprünglichen Bewohner Südafrikas. Die heutigen „Schwarzen“ stammen aus Ost- oder Zentralafrika. Aufgrund ihrer für Weiße komplizierten Sprachen mit den typischen Klicklauten (gibts auch im Xhosa) wurden sie verächtlich Hottentotten oder Buschmänner genannt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah man sie als „Bindeglied zwischen Affe und Mensch“ (Zeitungsschlagzeile in Deutschland). Es erging ihnen und ihrer komplexen Kultur wie den Aborigines in Australien oder den nordamerikanischen Ureinwohnern: Sie wurden vertrieben und weitgehend ausgerottet. Den San wurde durch Jagd (zum Vergnügen in „game parks“) der großen Elen-Antilopen (Elans) die Lebensgrundlage geraubt, sie wurden zu Viehdiebstahl gezwungen, aufgeknüpft, bekämpft, ausgerottet oder vertrieben. Daran war auch noch die deutsche Kolonialpolitik in Namibia beteiligt, denn die Reste der Khoi und San zogen sich in die unwirtlichen Gebiete der Wüsten, besonders der Namib, zurück. Heute wird versucht, ihre Kultur zu erforschen und aufzuwerten. Zahlreiche über 1000 Jahre alte Felsmalereien mit Jagdmotiven und Schamanen gibt es in den Drakensbergen, einige davon habe ich gesehen. 80 km westlich von Kapstadt befindet sich neuerdings das offenbar weniger besuchte Kulturzentrum der San, !khwa ttu, sehr empfehlenswert, denn dort geht es vor allem um das naturkundliche und medizinische Wissen der San. Es ist Wissen, wenn auch nicht „Wissenschaft“ nach unseren Maßstäben.

Was hat das alles nun mit uns zu tun? Zunächst einmal wenig, scheint es. Deutschland bzw. das Kaiserreich war in Südafrika nicht involviert, allerdings umso mehr im benachbarten Namibia. Die koloniale Vergangenheit ist angesichts der Massaker, richtiger des Völkermordes an den Herero und Nama bis heute nicht wirklich aufgearbeitet. Das wäre ein eigenes Thema und bei den vielen moralischen Zeigefingern, die in Deutschland politisch gerne erhoben werden, endlich angebracht. Abgesehen davon verbindet uns wirtschaftlich mit Südafrika nicht allzu viel: Cape-Trauben, Mango, Weine. RSA exportiert vor allem billige Steinkohle aus dem Tagebau, aber kaum nach Europa und gar nicht nach Deutschland (siehe Herkunft der Steinkohle). Aber trotz der besonders infamen Apartheidsgeschichte Südafrikas sind die Verhältnisse bei der Produktion ähnlich wie in vielen anderen Ländern der post-kolonialen Welt: Die Steinkohle aus Kolumbien gilt als „Blut-Kohle„, ein wesentlicher Exporteur nach Deutschland. Aber wir brauchen gar nicht Rohstoffe aufzuzählen, die Deutschland als rohstoffarmes Land von überall her importieren muss. Ein großer Teil der Waren in unseren Supermärkten und Einkaufszentren sind Importe aus Ländern mit Billiglöhnen und wenig regulierten, d.h. oft ausbeuterischen und umweltschädlichen Produktionsmethoden. Bei spektakulären Unfällen (Bangladesch!) sehen wir nur die Spitze des Eisberges. Die Tendenz zur Vermarktung zum Beispiel von Bio-Baumwolle oder fair produzierten Produkten ist zwar erfreulich, deckt aber nur einen minimalen Teil der Produkte und Vorprodukte ab, die importiert werden – man denke nur an die Elektronikprodukte. Deutschland hängt voll und ganz in den Kreisläufen der globalisierten Weltwirtschaft, und das heißt eben auch: Unsere Wirtschaft hat immer Teil an den spät- und nach-kolonialen Strukturen und Produktionsverhältnissen weltweit. Unser Wohlstand ist daher wesentlich auf der Ungleichheit und kolonialen Ungerechtigkeit aufgebaut. Und das schließt oft genug Rassismus ein, auch in Europa, wie das Beispiel italienischer Tomatenprodukte u.a. für unsere Pizzen zeigt, die in Süditalien unter oft menschenunwürdigen Bedingungen von Flüchtlingen und Migranten geerntet werden (FAZ – Reportage von 2018). Und hier kommt auch die Wirklichkeit auf Kreuzfahrtschiffen wieder in den Blick. Rassismus und Kolonialismus sind uns näher, als wir denken – Augen auf!

Das sollte uns sehr viel sensibler machen für aufkeimenden und sich ausbreitenden Rassismus direkt in unserem Land. Ich kann nach „Südafrika“ noch weniger über die vielen Fälle von Rassismus besonders gegenüber Flüchtlingen, Migranten und insbesondere Juden hinwegsehen. Erhöhte Aufmerksamkeit ist angebracht, deutliches Entgegentreten in der Öffentlichkeit. Es sind nicht mehr nur Anfänge, denen zu wehren wäre, sondern es ist nach meiner Wahrnehmung ein sich verfestigender, offensiver Rassismus, der mitten in unserer Gesellschaft auftritt und als „normal“ gelten will. Jeder Rassismus aber ist Menschenverachtung pur. Die neu erstarkte Rechte in Deutschland und Europa macht Rassismus wieder salonfähig. Sogar alte Ideologien der weißen Suprematie und völkischen Identität treten unverhohlen an die Öffentlichkeit, – eigentlich unglaublich. Wenn Reisen in viele Länder dieser Welt „bildet“, dann hoffentlich eben auch in der Ausbildung eines Bewusstseins dafür, dass Menschenrechte unteilbar sind und Kolonialismus samt ihn begleitenden Rassismus überwunden werden muss.


Nachtrag 12.03.2019

Lesens- und ansehenswerte Fotoreportage über die zunehmenden Spannungen zwischen Weißen und Schwarzen in Südafrika:
Hinterm Regenbogen – FAZ.NET

Update 10.05.2019 Es sind Wahlen gewesen in Südafrika. Das Ergebnis wirft ein Licht auf die schwierigen Verhältnisse, in die das Land nicht zuletzt durch die Misswirtschaft (Korruption) des ANC geraten ist. Lies dazu den Beitrag des SPIEGEL .

Reinhart Gruhn

 6. Januar 2019  Posted by at 17:32 Afrika, Kolonialismus, Menschenrechte Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Reale Welt des Kolonialismus
Jul 152012
 

Schrille Töne in einer erneuerten Debatte um das Recht auf Beschneidung kleiner Jungen. Details aus dem „Fall Köln“ geraten in die Schlagzeilen und emotionalisieren. Es bleibt das Erfordernis der Sachlichkeit und der Güterabwägung über die Anerkennung des „Anderen“.

Nachdem zwei Wochen ins Land gegangen sind, seit das Kölner Landgericht die Beschneidung eines vierjährigen Jungen als Körperverletzung wertete, hatte sich die anfänglich aufgeregte Diskussion gelegt. Zuletzt gab es mehrere Verlautbarungen von Politikern unterschiedlichster Parteien (ausgenommen Die Linke), dass man jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland weiterhin ermöglichen wolle, dass darum die Rechtslage umgehend so geändert werden müsse, dass die religiös-kultische Beschneidung von kleinen Jungen straffrei möglich würde. Diese rechtliche Klärung sei im Interesse der Religionsfreiheit und der kulturellen Vielfalt in unserem Lande.  Juden und Muslime müssten nicht nur ohne Strafandrohung, sondern unter wohlwollender Akzeptanz ihrer religiös-kulturellen Eigenheiten leben dürfen und eben auch die gebotene Jungen-Beschneidung ausführen lassen dürfen – medizinisch einwandfrei, versteht sich. Schließlich bestätigte der Regierungssprecher Seibert, „verantwortungvoll durchgeführte Beschneidungen müssen in diesen Land straffrei möglich sein“, und zwar aus Sorge um den Rechtsfrieden. Das ist dann zwar kein besonders juristisch ausgezeichnetes Argument, sondern ein politisches, aber ein immerhin nachvollziehbares.

Nun werden nähere Einzelheiten aus der Vorgeschichte des Falles bekannt, der zu dem Kölner Gerichtsurteil führte. Und schon werden die Stimmen wieder lauter und vor allem schriller. Von „Beschneidung in Notaufnahme“, einem „Gemetzel in Köln“, „brisanten Komplikationen“ sowie einem „zerfressenen Penis“ ist allein schon in den Schlagzeilen die Rede. Zu den besonnenen Äußerungen gehört die gut fundierte Recherche zur Vorgeschichte und zu den bekannt gewordenen Details des in Köln verhandelten Falles, die Philip Eppelsheim heute in der FAS (FAZ.Net) vorgelegt hat. Aufgrund dieser detaillierten Schilderung des Falles und zugleich des Ursprungs der dem Urteil zugrunde liegenden Rechtsauffassung stehen weitere Informationen bereit, die zur Grundlegung eines eigenen Urteils beitragen können. Der in den reißerischen Meldungen enthaltene Generalverdacht, Beschneidung sei eine medizinisch höchst zweifelhafte, unsaubere und quälerische Angelegenheit religiöser Fundamentalisten, trägt allerdings wenig zur Versachlichung bei. Im Gegenteil, nun wird das Urteil zum Erweis eines ethisch gebotenen Verhaltens um der reinen Humanität willen gegenüber archaischen religiösen Miss-Bräuchen, die in unserer aufgeklärten Gesellschaft keinen Raum haben dürften. Gruselvorstellungen allein durch die Zusammenstellung der Begriffe „Amputation“ und „männliches Glied“ werden verbreitet und wecken Urängste vor Entmannung. Die Beschneidung zu verbieten wird so zum Gebot der Menschlichkeit, zu einer Forderung gemäß den Menschenrechten und zu einer Selbstverständlichkeit säkularer Vernunft.

Dies alles aber bestätigt zwar viele möglichen Vorurteile, hilft aber wenig zur Klärung der anstehenden Frage, ob und wie der religiöse Ritus der Beschneidung von unserer Gesellschaft als möglich und vertretbar akzeptiert und zumindest straffrei gestellt werden kann. Die Klärung dieser Frage kann nur in einer grundsätzlichen Erwägung über die Reichweite der Freiheit der Religionen zur Ausübung ihrer Gewohnheiten und Bräuche und der Reichweite des Anspruchs der Allgemeingültigkeit des Rechtes jedes Individuums auf körperliche Unversehrtheit erfolgen. Dabei geht es, das liegt auf der Hand, um eine schwierige Güterabwägung. Überlegungen der politischen Praktikabilität (Rechtsfriede, kulturelle Vielfalt, straffreie Ausnahmeregelung) dürfen dabei selbstverständlich ebenfalls eine Rolle spielen, denn Recht bildet sich nie fern der Kultur und der gelebten Lebenswirklichkeit. Zu letzterer gehört es aber eben auch, dass Religionen, religiöse Erziehung und religiöse Selbstbestimmung bei uns einen Raum haben. Bisher herrschte mehr oder weniger Konsens darüber, dass Religion im Alltag, wiewohl nicht rational begründbar, dennoch emotional und traditionell verankert einen wesentlichen Bereich menschlichen Selbstverständnisses, menschlichen Verhaltens und menschlicher Kultur darstellt. Und zu religiösem Leben gehören eine Fülle sogenannter „archaischer“ Riten wie Opfergaben, Niederknien, Anbetung vor Altären, Segnungen, Amulette und Bildnisse, Initiationsriten und Riten an den „Übergangspassagen“ (rites de passage) menschlichen Lebens. Religiöses Leben ist äußerst komplex und facettenreich, dazu später einmal mehr. Hier geht es nun aktuell darum, wieweit sich eine säkulare und humanitären Werten verpflichtete Gesellschaft „etwas“ in sich und neben sich und mit sich er-tragen, also im eigentlichen Sinne tolerieren kann und will, was vielleicht vielem, sicher jedoch manchem der heutigen Wertvorstellungen, Rechtsauffassungen und wissenschaftlich-kulturellen Erkenntnissen widerspricht. Es wäre dies ein Zeichen gelebter Liberalität, die auch die geschichtliche und soziale Bedingtheit von Werten und Ordnungen in einer Gesellschaft bedenkt und sich davor hütet, sich selber absolut zu setzen.

Ich erhoffe mir immer noch eine grundsätzliche und zugleich pragmatische Diskussion in der Öffentlichkeit darüber, welche Chancen und welche Grenzen religiöses Leben in der säkularen Gesellschaft haben darf. Vernunft ist dabei ein wesentlicher, aber nicht der alleinige Maßstab. Das tradierte „Andere“ anders sein zu lassen und dieses in den Grenzen unserer gesellschaftlichen Ordnung zuzulassen, wäre ein Merkmal einer umfassenden Humanität und einer wohlverstandenen Säkularität. Es ist die Probe darauf, was uns kulturelle Vielfalt wert ist und was sie uns in der Praxis an den Grenzen unserer Werte abverlangt. Insofern kann es ein guter und hilfreicher Diskurs sein, der die Überlegungen zu einer eventuell neuen gesetzlichen Regelung begleitet.

 15. Juli 2012  Posted by at 12:03 Aufklärung, Freiheit, Gesellschaft, Islam, Judentum, Kinder, Mensch, Menschenrechte, Moderne, Religion Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Beschneidungsurteil reloaded
Jun 292012
 

Drei Bemerkungen und eine Anregung zur weitergehenden Diskussion über das Kölner Beschneidungsurteil.

Die teilweise heftigen Reaktionen und Diskussionen auf die Berichterstattung zu dem Beschneidungs-Urteil der Kölner Richter (siehe vorigen Beitrag hier im Blog) offenbaren die erwartbaren Positionen. Da sind auf der einen Seite die Vertreter der Religionsgemeinschaften, insbesondere der betroffenen Juden und Muslime, die wie Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, oder Sprecher islamischer Verbände nach einem religiösen Ausnahmerecht rufen um der „Religionsfreiheit“ willen, übrigens in letzthin öfter gesehener Allianz mit der Katholischen Bischofskonferenz. Da sind auf der anderen Seite die zahlreichen Verteidiger des Urteils, überwiegend unter Berufung auf die allgemeine Verbindlichkeit und Gültigkeit der Menschenrechte, in diesem Falle des Rechts auf körperliche Unversehrtheit, und / oder auf die Grenzen, die auch der Religionsfreiheit gesetzt sind, die ja eine Freiheit des selbstbestimmten Einzelnen sei und nicht die vermeintliche Freiheit von Religionsgemeinschaften gegenüber dem Gesetz.

Drei Bemerkungen dazu:

1) Die Rufe nach einem Sonderrecht für Religionsgemeinschaften (Scharia?) sind schon etwas abenteuerlich, denn wodurch sollte ein solches Sonderrecht begründet werden? Allein die bestehenden Sonderrechte (Kirchen als Körperschaften Öffentlichen Rechts, Kirchensteuereinzug durch den Staat, Sonderrolle der Kirchen beim Arbeitsrecht, Eigenständigkeit eines Kirchenrechts „nach innen“) sind schon problematisch genug. Ihre Aufrechterhaltung nach 1945 ist nur aus der besonderen geschichtlichen Situation nach dem Ende des Nationalsozialismus zu erklären. Hier sind aber aufgrund der völlig veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen heute eher Veränderungen im Sinne der weiteren Begrenzung dieser Sonderrechte (vor allem im Arbeitsrecht) zu erwarten und zu wünschen, und keinesfalls eine Ausweitung.

2) Sowohl der Strafrechtler Putzke (siehe voriger Beitrag) als auch der ihn unterstützende Beitrag von Markus C. Schulte von Drach in der SZ (Gegenposition zu M. Drobinski) heben stark auf den „archaisch rituellen“ Charakter der Beschneidung ab. Hier gehe es um ein blutiges „Gottes-Opfer“ aus dem Kontext einer Gesellschaft vor über 4000 Jahren, das eine nicht rückgängig zu machende „Bevormundung“ der unmündigen Kinder darstelle und der aufgeklärten „Freiheit der mündigen Bürger“ widerspricht. Abgesehen davon, dass die Beschneidung religionsgeschichtlich weniger ein Gottesopfer als vielmehr ein Initiationsritus ist, dessen Schmerzhaftigkeit und prägender Erinnerungscharakter (Trauma) gerade ursprünglicher Sinn der Handlung ist, zeigt die sich in diesen Voten ausdrückende Haltung eine gewisse rationalistische Überheblichkeit gegenüber den Religionen. Wer einem religiösen Glauben anhängen möchte, darf das eigentlich nur als voll eigenverantwortlicher Erwachsener -, als sei religiöse Verbindlichkeit ein etwas antiquierter Makel, den man vernünftigen Menschen und kleinen Kindern schon gar nicht zumuten dürfe. Die Vertreter dieser Position sollten sich vielleicht etwas ernsthafter mit dem Phänomen der Religion und dem Sinn der Riten der Religionen beschäftigen. Die Tatsache, dass die Kirchen Mitglieder verlieren, bedeutet noch keineswegs, dass unsere Gesellschaft religionsloser würde: Im Gegenteil, die bunte Vielfalt religiöser Gruppen und Gemeinden und die Verbreitung esoterischer Interessen widerlegt den angeblichen areligiösen „Rationalismus“ unserer Gesellschaft augenscheinlich. Inwiefern diese Lebenswirklichkeit der Religionen mit der zu fordernden „weltanschaulichen Neutralität“ des Staates immer wieder kollidiert und die Grenzlinie zwischen Staat und Religion / Weltanschauung demnach immer wieder neu bestimmt werden muss, steht auf einem anderen Blatt. Es ist eine offenbar nie erledigte Aufgabe.

3) Unbehagen bereitet mir das Insistieren auf der „körperlichen Unversehrtheit“. Kein Missverständnis: das ist ein absolut wichtiges Grundrecht, dessen Beachtung und ggfls. strafrechtliche Durchsetzung für unsere Gesellschaft wesentlich ist. Aber die unbestrittene Rechtsnorm ist das eine, die faktische Erzwingung das andere. Warum sehen Rechtswissenschaftler und Richter jetzt den Zeitpunkt für gekommen, das, was „bisher [unter] einem gewissen Schutz … relativ ungestört vollzogen werden konnte“ (Putzke), nun vor den Schranken des Gerichts auszutragen? Die Feststellung, dass die Beschneidung „medizinisch sinnlos und unnötig sei“, kann allein der Grund kaum sein, denn das ist früher auch schon vertreten worden, oder ist man erst heute so weit, einer sehr eng geführten rein somatischen Konzeption von Gesundheit und Unversehrtheit entsprechen en zu können? Was ist mit der seelischen  Gesundheit und Unversehrtheit? Gehört die nicht zum „Körperlichen“? Bleibt ein umfassenderes psycho-somatisches Verständnis von Gesundheit und Unversehrtheit der Person nunmehr ausgeschlossen? Das wäre allerdings eine ganz erhebliche Gewichtsverlagerung, vielleicht sogar ein Paradigmenwechsel. Spielt da die weltanschauliche Dominanz des „physikalischen Realismus“ und die durch die Hirnforschung ausgelöste Debatte um „Geist und Gehirn“ eine Rolle? Welche durch diese juristische Neubestimmung damit zugunsten einer einseitigen Körper-Hirn-Ausschließlichkeit entschieden wäre?  Sicher ist jedenfalls, dass ein Verständnis von „körperlicher Unversehrtheit“, das auch die seelische, also psychische Gesundheit mit einbezieht, sehr viel schwieriger zu fassen und wahrscheinlich überhaupt nicht justitiabel wäre. Wie sollte man „Geborgenheit“, „Akzeptanz“, „Liebe“, „Zuwendung“ denn juristisch in der fälligen Beweisaufnahme fassen und bewerten? Oder ist der jetzt eingeschlagene Weg des Gerichts nur der Weg des geringsten Widerstands, der meint, dem „wissenschaftlichen Fortschritt“ entsprechen zu müssen?

Fazit: Vielleicht wäre das Kölner Gericht doch gut beraten gewesen, so weise zu entscheiden wie die Bundesrichter beim Verfassungs- und Verwaltungsgericht in der Frage des Schächtens (siehe voriger Beitrag). Denn hier wurde die Norm zwar behauptet, aber dennoch der Weg zu einer praktikablen und auflagenbewehrten Ausnahmeregelung für Religionsgemeinschaften beschritten. Könnte dieser Weg nicht auch in der Frage der Beschneidung gangbar sein? Wir werden sehen. Möglicherweise wird demnächst das Bundesverfassungsgericht zu entscheiden haben. Der gesellschaftliche Diskurs zu diesem Thema „Sinn und Grenzen der Religionen“ sollte weitergehen.

UPDATE 30.06.

Erstaunlich, auch in Israel gibt es eine kleine Bewegung gegen die Beschneidung, und das, wo das Judentum Staatsreligion und die Beschneidung gesetzliche Pflicht ist. Hier der FAZ-Artikel dazu.

UPDATE 01.07.

Ein differenziert argumentierender Beitrag von Marina Weisband mit einer recht typischen wenig ergiebigen Internet-Diskussion.

 29. Juni 2012  Posted by at 13:38 Freiheit, Geist, Gesellschaft, Hirnforschung, Kirchen, Kultur, Menschenrechte, Religion, Vernunft, Wissenschaft Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Reaktionen auf das Beschneidungsurteil
Jun 272012
 

Überlegungen zum Urteil des Kölner Landgerichts, Beschneidung von Jungen als unerlaubte Körperverletzung einzustufen.

Das Landgericht Köln hat ein bemerkenswertes Urteil zur Beschneidung eines vierjährigen muslimischen Jungen gefällt. Der auf Wunsch seiner Eltern durch einen muslimischen Arzt erfolgte operative Eingriff („blutige“ Entfernung der Vorhaut des Penis bei örtlicher Betäubung) wurde vom Kölner Landgericht in zweiter Instanz als Körperverletzung und bleibende Beeinträchtigung der Unversehrtheit des Jungen gewertet, nachdem das Amtsgericht zuvor den ausführenden Arzt frei gesprochen hatte. Der operierende Arzt ging diesmal nur straffrei aus, weil ihm Verbotsirrtum unterstellt wurde, er also nicht von einer strafbaren Handlung ausging. Das ist nun mit diesem Urteil für jeden anderen Arzt vorbei: Jeder eine Beschneidung vollziehende Arzt muss nun gewärtig sein, wegen Körperverletzung betraft zu werden.

Rainer Burger für die FAZ und Matthias Drobinski für die SZ haben den Fall sachlich ausführlich dargestellt. Am deutlichsten wird von Drobinski heraus gestellt, dass in der säkularen Gesellschaft mit diesem Urteil die bisherige Rechtssprechung qualitativ verändert wird: „Entscheidend ist nicht das Recht der Eltern auf Religions- und Erziehungsfreiheit, auch nicht das angenommene Wohl des Kindes, das nun im Schoße einer Religionsgemeinschaft aufwachsen kann. Entscheidend ist das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit.“ Drobinski sieht hierdurch den Rechtsfrieden und den bisherigen gesellschaftlichen Konsens in einer multireligiösen Gesellschaft gefährdet:

Es ist eine positivistische Argumentation unberührt und unbeeindruckt von Tradition und Geschichte des Abendlands und Orients – und das wahrhaft Bemerkenswerte an ihr ist, dass das Kölner Landgericht ihr folgt. Das Urteil vom Rhein spiegelt, wie sich das Verhältnis von Recht und Religion in einer Gesellschaft wandelt, die säkular und multireligiös wird. Irgendwann wird sich wohl Karlsruhe mit religiösen Beschneidungen befassen… Der Sinn für die eigenen christlichen Rituale geht verloren, die der anderen Religionen bleiben erst recht unverstanden, werden bestritten, bekämpft, die Gerichte werden angerufen – und zum Schiedsrichter… Manchmal zu Recht, wenn es zum Beispiel um dramatische Menschenrechtsverletzungen geht wie die Frauenbeschneidung, die nicht mehr ist als eine Gewalttat zum Zeichen dafür, dass Frauen nicht Herrinnen ihrer Sexualität sein dürfen. Manchmal aber ist es überhaupt nicht gut, wenn sich Richter zu Schiedsrichtern der Religion machen, sich über sie stellen, einen Rechtspositivismus quasi zur Ersatzreligion machen. Wo diese Grenze zwischen legitimem Einspruch im Namen des Grundgesetzes und Grenzüberschreitung liegt, das werden in den kommenden Jahren viele Urteile von vielen Gerichten neu justieren müssen, bis hin zum Verfassungsgericht.

Richter als Schiedsrichter über die Religion, das klingt nach unerlaubter „Grenzüberschreitung“, und so sieht es Drobinski zusammen mit dem Zentralrat der Juden auch. Die rechtswissenschaftliche Diskussion scheint aber, glaubt man der Einschätzung des in dieser Sache besonders engagierten Strafrechtlers Holm Putzke (Uni Passau), sich in dieser Richtung zu entwickeln. Putzke sieht in der Kölner Entscheidung ein „mutiges und richtiges Urteil“. Mein erster Gedanke ging in dieselbe Richtung wie Matthias Drobinski: Da ist ein Gericht selbstherrlich über eine lange abend- und morgenländische Tradition hinweg gegangen, eine typisch säkularistische, meinetwegen auch rechtspositivistisch vertretbare, aber gesellschaftlich und kulturell ignorante Arroganz. Aber so einfach liegt die Sache denn nach einigem Nachdenken doch nicht.

Genau die Frage der Grenzziehung zwischen den Ansprüchen positiven Rechts auf dem Hintergrund eines gesellschaftlich gewandelten, säkularen Wertekonsenses und dem Anspruch von Religionsgemeinschaften auf weiterhin ungehinderte und straffreie Ausübung ihrer traditionellen Riten und Gebräuche ist das Problem, und dies ist äußerst schwierig zu entscheiden. Wo ist das Kriterium dafür, die eine Beschneidung (von Mädchen) als inhumane und sexistische Körperverletzung zu brandmarken, die andere Beschneidung (von Jungen) als zwar blutigen und möglicherweise traumatischen, aber durch traditionelles religiöses Selbstverständnis gerechtfertigten Eingriff in die kindliche Unversehrtheit unbesehen hinzunehmen? Welche Kriterien gibt es, das traditionelle betäubungslose Schächten als dem Tierschutz widersprechende Grausamkeit der Tiertötung generell zu verbieten bzw. nur mit Ausnahmegenehmigung aus religiösen Gründen bisher (!) straffrei zu lassen (BVerfG Urteil von 2002 und BVerwG Urteil von 2006, siehe hier und auch Wikipedia), aber andererseits aus wirtschaftlichen Gründen (Akkordschlachtung) hinzunehmen, dass in unseren Schlachthöfen bis zu 12 % der Tiere ohne wirksame Betäubung getötet bzw. ausgeweidet werden? Aber selbst bei einer fachlich und rechtlich einwandfreien Schlachtpraxis wirkt die Grenzziehung zum Schächten willkürlich bzw. kulturell vorurteilsbehaftet. Weitere bekannte Themen dieser Grenzziehung zwischen säkularer Gesellschaft und ihren rechtlichen geronnenen Werten und religiösen Abweichungen und Eigenrechten betreffen den koedukativen Schwimmunterricht, Klassenfahrten, ja sogar das Kopftuchtragen. Doch ohne Zweifel geht das neue Urteil entschieden tiefer und greift eine wesentliche und identitätsstiftende Praxis von Religionsgemeinschaften, vor allem von Juden und Muslimen, an. Der Hinweis, das Kind solle sich später selber entscheiden können, ob es sich beschneiden lassen wolle, ist nur vordergründig ein „liberaler“ Ausweg, stellt doch die frühkindliche Beschneidung den religiösen Regelfall dar.

Knackpunkt bei all diesen Fragen bleibt die Grenzziehung zwischen gesellschaftlichen Werten und ihrem Anspruch auf rechtliche Durchsetzung und andererseits dem Eigenrecht religiöser Traditionen. Dabei lässt die Argumentation von Holm Putzke gegenüber diesem „archaischen Ritual“ an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig:

Männliche Beschneidungen sind im Islam und Judentum üblich. Diese religiöse Verwurzelung bot bisher einen gewissen Schutz gegenüber Kritikern und ihren Einwänden, so dass das archaische Ritual noch bis vor wenigen Jahren relativ ungestört vollzogen werden konnte. Dabei weisen gerade Ärzte schon lange darauf hin, dass der Eingriff bei Kindern keine medizinischen Vorteile mit sich bringe, er mit anderen Worten medizinisch sinnlos und unnötig sei. … Auf die Berufung der Staatsanwaltschaft hin setzt sich die Strafkammer am LG ausführlich und mustergültig mit dem juristischen Diskussionsstand auseinander. Zunächst verneint sie die Sozialadäquanz religiöser Beschneidungen, sagt also, dass der Eingriff den Tatbestand der Körperverletzung erfülle. Auch die elterliche Einwilligung rechtfertigt den Eingriff nicht, so die Kölner Richter, weil er dem Kindeswohl widerspreche. Zudem lassen sie das Argument nicht gelten, die Eltern wollten mit der Beschneidung verhindern, dass ihr Kind sozial ausgegrenzt werde. Dieser Aspekt wiege die irreversible Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit nicht auf. Den Grundrechten der Eltern auf freie Religionsausübung und ihr Erziehungsrecht stellt das Gericht das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung gegenüber. Seine Rechte zögen den elterlichen Befugnissen eine verfassungsimmanente Schranke. Die Beschneidung mit ihren dauerhaften und irreparablen Folgen laufe dem Interesse des Kindes zuwider, später selber über seine Religionszugehörigkeit zu entscheiden.

Immerhin wird in dem Urteil die „Sozialadäquanz“ bedacht – und verworfen. Dies öffnet allerdings die Tür für eine recht subjektiv geltende, zumindest vom jeweiligen „Zeitgeist“ beeinflusste Wertung. Denn was als jeweils „sozialadäquat“ zu gelten hat, ist durchaus strittig und erheblichen Veränderungen und persönlichen Standpunkten unterworfen. Mit diesem Hinweis scheint mir das Urteil hintergründig ein wenig Unwohlsein über den eigenen „Mut“ zu signalisieren. Denn es dürfte weder Professor Putzke noch den Kölner Richtern gelingen, die soziale Bedeutung, also Adäquanz, bestimmter religiöser Riten und identitätsstiftender Handlungen (Beschneidung, Taufe) für die Angehörigen einer Religionsgemeinschaft gegenwärtig angemessen zu beurteilen. Die Verwerfung der Sozialadäquanz, d.h. der fundamentalen sozialen Integration des Kindes in seinen religiös-kulturellen Zusammenhang, halte ich demnach für den Schwachpunkt des Urteils. Aber auch das reicht noch nicht für eine umfassende Beurteilung.

Es wird sehr deutlich, dass mit dieser Entscheidung des Kölner Gerichtes ein geeigneter Anlass für einen intensiven gesellschaftlich Diskurs gegeben sein sollte, für den juristische Grundfragen ebenso bedeutsam sein müssen wie das Gespräch über die Festlegung unseres Wertekanons, über die inhaltliche Grenzziehung zwischen säkularen und traditionell-religiösen Ansprüchen, über den Wert von Religion,Religionsfreiheit und Toleranzfähigkeit in unserer Gesellschaft überhaupt. Gerade das Bewusstsein, man vertrete die „richtigen“, universell gültigen Werte, muss immer fragwürdig bleiben, denn das taten die Kolonialisten und Sklavenhändler zu ihrer Zeit und in ihren Gesellschaften auch. Hier gilt es also sehr sorgsam zu unterscheiden und äußerst umsichtig zu argumentieren und zu entscheiden. Ob die Kölner Richter umsichtig genug waren, sei dahin gestellt. Dass sie aber der Gesellschaft insofern einen Dienst erwiesen haben, dass sie eine wichtige gesellschaftliche Diskussion auf die Tagesordnung bringen, das sei hier auch gesagt.

UPDATE: Die SZ bietet zu dem Artikel von M. Drobinski auch gleich einen Gegen-Kommentar von Markus C. Schulte von Drach.

Sep 112011
 
>Heute am zehnten Jahrestag des Anschlages auf die Twin Towers in New York ist in den Zeitungen viel zu lesen über die Anschläge damals, über den Terrorismus und den Krieg dagegen, über Sicherheit und ständige Bedrohung, über die Veränderung, die die Anschläge in der Welt bewirkt haben. Man kann manches Überzogene lesen, wie Wolfgang Günter Lerch: „Amerika erfuhr die schlimmste Attacke seit Menschengedenken.“ Aber es werden von ihm auch möglichst genau die Linien nachgezeichnet, die zu diesen Terroranschlägen geführt haben. Direkte Vorläufer und Vorgänge aufzuzählen (der Anschlag auf das WTC in New York 1993, die Attacke auf USS Cole 2000 usw.) heißt noch nicht, die Ursachen und Gründe zu kennen, die zu diesem Ausbruch des Terrorismus islamischer Prägung führte. Da ist manchen Kritikern des verordneten Gedenkens und des medialen Hypes um 9/11 Recht zu geben. Auch die Langzeitwirkungen zu benennen, die vor allem aus der US-amerikanischen Reaktion auf die Terroranschläge im Jahre 2001 resultierten (war on terror = „von Hybris durchtränkte Gegenstrategie“, Günther Nonnenmacher), ist an diesem Tage sicher hilfreich und wichtig, weil man allzu schnell vergisst, wie anomal die normal gewordene Sicherheitsbesorgnis eigentlich ist. Reymer Klüver gibt darüber einen guten Überblick. In den ersten Jahren nach 2001 muss man von einer ausgeprägten Sicherheits-Hysterie sprechen. Aber die Terrorattacken in Madrid (2004) und London (2005) zeigen, dass man auch anders, will sagen zivilisierter und rechtsstaatlicher mit solchen Anschlägen umgehen kann, als es die USA in einem grenzenlosen Rache-Rausch (Bush’s „war on terror“) vollführten. Immerhin hat es das Land seine Wirtschaftskraft, seinen weltpolitischen Primat und seinen Vorbildcharakter gekostet. Die USA als Hort der Menschenrechte und Freiheit, dies Bild ist in den Jahren nach 2001 nahezu restlos aufgebraucht; dafür genügen heute die Stichworte Abu Ghraib und Guantánamo. Aber auch innenpolitisch haben sich die USA stark verändert: „Auch die extreme Zerrissenheit des Landes sehen manche als indirekte Folge von 9/11. Die Invasion Iraks, die Präsident Bush als Teil des Kriegs gegen den Terror rechtfertigte, hat das politische Klima in den USA vergiftet, findet der Politikprofessor Christopher Gelpi von der renommierten Duke University. Und Paul Kennedy, einer der Großhistoriker der USA, sieht Amerika steuerlos abdriften, weil die politische Führung auf den Kampf gegen den Terror fixiert war: „Das soziale Gewebe des Landes ist am Zerfasern“, schrieb er vor ein paar Tagen, und „das könnte die wahre Erblast von 9/11 sein.““ Das Ende der Supermacht USA, das könnte das wahre Erbe von 9/11 sein – ein später Triumph des toten Bin Laden.

Auf diesen Aspekt weist besonders Arundhati Roy hin in einem durchaus lesenswerten Interview-Beitrag der ZEIT. Nun darf man von Roy als Literatin keine ausgewogene politische Analyse der Vorgänge und Auswirkungen von 9/11 erwarten. Es ist vielmehr eine sehr subjektiv geprägte Momentaufnahme aus der indischen Mittelstands-Wirklichkeit. Roy schreibt leidenschaftlich und engagiert, dabei auch widersprüchlich und nicht ohne Überheblichkeit. Aber sie weist auf manches hin, was in der Diskussion über 9/11 sonst zu kurz kommt, etwa auf die Verquickung von Militärindustrie und Kriegspolitik unter Bush / Cheney, aber das gilt auch für die US Administration überhaupt, auf die Einseitigkeit westlicher Werte und Kulturvorstellungen, auf das Leiden der Armen und auf den zunehmenden weltweiten Kampf um Ressourcen. Alles richtig, alles wichtig, alles auch zu bedenken. Dennoch wird man bei Roy das Gefühl nicht los, dass sie ihre Mission sehr gut mit den Mitteln zu vermarkten weiß, die sie dann so vehement kritisiert. Wie so oft leben die schärfsten Kritiker eines Systems oft nur so sicher, weil es dieses System gibt. Nun, man mag das Interview und Frau Roy bewerten, wie man will, es ist eine Stimme zu und nach 9/11, die zu Recht gehört sein will.

Diese Beispiele zeigen schon, dass über die Anschläge vom 11. September 2001 noch lange nicht genug nachgedacht worden ist. Erst mit dem Abstand der Zeit tun sich neue Perspektiven und Draufsichten auf, die dies Ereignis angemessener zu beurteilen helfen. Insofern kann ich denen, die sich entrüstet und polemisch über die viele mediale Präsenz des Themas 9/11 in diesen Tagen äußern, nicht folgen. Vielmehr will ich zu mehr Sachlichkeit auffordern und dazu, lieber selber einmal genauer nachzudenken, als beliebte Verschwörungstheorien zu zitieren (Moore!) oder sich über die USA allgemein zu entrüsten, – ein „Ami bashing“ als recht primitive Gegenbewegung. Es gibt weiß Gott noch viel zu sagen und zu denken über die Ursachen und Gründe, aber auch über die Folgen und Wirkungen der Anschläge vom 11. September. Ein Paradigmenwechsel ist eingetreten, so viel ist sicher, nur wohin und wozu? Wir werden weiter beobachten – und darüber noch viel reden und schreiben müssen, wenn denn gilt, was Günther Nonnenmacher (s.o.) schreibt: „Die Ära der „einzig verbliebenen Supermacht“ geht zu Ende, es zeichnet sich eine Ära der Unsicherheit ab, in der die Macht in der Welt neu verteilt wird.

 11. September 2011  Posted by at 08:00 Menschenrechte, Terrorismus, USA Kommentare deaktiviert für >Noch längst nicht genug gesagt über 9/11