Jul 302015
 

[Geschichte, Gesellschaft]

Gehen wir davon aus, dass „Fortschritt“ eine Kategorie zur Deutung von Geschichte ist, die sich in der Moderne als Leitbegriff durchgesetzt hat. Dass darin eine bestimmte Weltanschauung mitgesetzt ist, haben wir im vorigen Beitrag erörtert. In Verbindung mit der Evolutionstheorie legt es sich nahe, auch den Gang der menschlichen Geschichte entsprechend dem Evolutionsgedanken zu verstehen. Die Menschheit entwickelt sich aus steinzeitlich-primitiven Formen zu immer höheren und besseren geistigen und technischen Fähigkeiten. Marxismus und Systemtheorie erklären je auf ihre Weise den Fortgang der Geschichte als dialektischen Prozess oder als Bewältigung immer komplexer werdender Gesellschaftsstrukturen. Beiden gemeinsam ist die Auffassung, dass der Fortgang der Geschichte ein Aufstieg zu immer besseren, vollkommeneren Formen gesellschaftlicher Existenz ist. Der Technizismus legt gewissermaßen noch einen drauf und versteht die kulturelle Entwicklung des Menschen im Wesentlichen als unterschiedliche Stadien technischer Fähigkeiten und Fertigkeiten. Zu Einschnitten werden dann besondere technische Fortschritte erklärt wie die küstenferne Navigation, mechanische Kriegsmaschinen, Schießpulver, Buchdruck, Dampfmaschine, Mondlandung, Computer usw. All dies sind dann Stationen auf dem Weg der Menschheit, sich von den Zwängen der Natur zu befreien und über die Kräfte der Natur die Oberhand zu gewinnen.

Eine mehr kulturgeschichtliche Betrachtung setzt die Markierungspunkte zwar etwas anders, verbleibt aber meist ebenso im Denkmodell des Aufstiegs bzw. der Entwicklung. Da sind dann die entscheidenden Wendepunkte der Übergang vom Jagen und Sammeln zum Ackerbau, die Erfindung der Schrift und des Buches, die Entdeckung der Metaphysik (Jaspers‘ „Achsenzeit“), der Aufbau strukturierter Sozial- und Herrschaftssysteme („Polis“, „Pax Romana“ usw.), der Übergang zur empirischen Naturforschung, die Aufklärung samt gesellschaftlicher Revolutionen und schließlich die „Neuzeit“ als bislang höchste Stufe der kulturellen Entwicklung – „Neu-Zeit“ als Programm. Man kann die Akzente und Wendepunkte gewiss noch anders setzen und anderes einbeziehen, aber es besteht doch das weithin geteilte Einvernehmen darüber, dass die „neue“ Zeit der Moderne nie da gewesene Möglichkeiten für den Menschen bietet und sich wissenschaftlich, technisch und reflexiv weit über die vergangenen Zeiten erhebt. Eigentlich ist in dieser Sichtweise nicht nur das berüchtigte „Mittelalter“ eine finstere Zeit, sondern alle Zeit vor den Segnungen der Neuzeit. Es ist vielleicht dies ein Kennzeichen des modernen Selbstverständnisses: Nicht nur in der „besten aller Welten“ (Leibniz), sondern vor allem in der besten aller Zeiten zu leben, mag auch noch so viel „noch“ mangelhaft und verbesserungswürdig sein.

Auf die Spitze getrieben ist dieser Fortschrittsglaube als grenzenloser Optimismus bei den Technizisten der Digitalisierung und der globalen Vernetzung. Ein Pionier dieser Internetwelt, die sich vor allem als eine Internet-Ökonomie darstellt, ist Jaron Lanier. Mit seiner Idee einer „humanistischen Internetökonomie“ (Jaron Lanier, Wem gehört die Zukunft? 2014) teilt er zwar den Optimismus des Silicon Valley, (alles ist machbar, alles ist möglich), zieht aber doch eine kritische Grenze ein: „humanistisch“ meint bei ihm „Menschen-zentriert“, das heißt, der Mensch als Urheber aller Werte soll auch in einer kybernetischen Welt im Zentrum bleiben und nicht überflüssig werden, immerhin. Die von ihm und vielen anderen entwickelten Ideen und Modelle für die digitale Welt sind faszinierend, man kann sich dem Spiel mit Utopien kaum entziehen. Und doch mehren sich die Zweifel, ob dies alles nicht doch mehr Wunsch und Verführung als wirkliche Welt oder erstrebenswerte Zukunft ist.

„Eugène Delacroix - Le 28 Juillet. La Liberté guidant le peuple“ von Eugène Delacroix - Wikimedia

„Eugène Delacroix – Le 28 Juillet. La Liberté guidant le peuple“ von Eugène Delacroix – Wikimedia

Man kann sowohl die vergangene als auch die gegenwärtige Zeit völlig anders sehen. Man muss dafür nicht in einen grundsätzlichen Pessimismus verfallen, sozusagen als das Spiegelbild des grenzenlosen Optimismus. Man muss die Welt um einen herum und die überlieferte Geschichte vor einem her nur von einer anderen Seite sehen, pragmatischer wahrnehmen. Auch dann bleiben da die unbestreitbaren technischen „Errungenschaften“ und die kulturellen Großtaten und Wandlungen, welche die nachfolgenden Generationen prägten, „nachhaltig“, gewiss. Manche erhalten vielleicht noch ein größeres Gewicht. Wird mit dem Begriff der „neolithischen Revolution“ der epochale Übergang zu Ackerbau und Viehzucht gekennzeichnet, der menschlichen Gruppen ein unvergleichlich besseres und zuverlässigeres Nahrungsangebot bereit stellte, so sind Schrift und Buch, wenngleich lange Zeit königliche und priesterliche Privilegien, mindestens ebenso grundlegend, weil Verpflichtungen nun nachprüfbar und wiederholbar dokumentiert wurden (Gesetze, Schulden) und Erfahrungen nicht mehr nur im mündlichen Gedächtnis tradiert, sondern in schriftlicher Form „festgehalten“ werden konnten. Dies ist dazu eine der Voraussetzungen für die Beschäftigung mit Metaphysik und die Bildung von Groß-Religionen. Vielleicht ist dann erst die Digitalisierung ein weiterer kultureller Einschnitt, an dessen Anfang wir gerade stehen – möglicherweise. Wie man sieht, sind die wirklich nachwirkenden Markierungen gar nicht so viele wie gemeinhin gedacht. Es ist letztlich sehr viel mehr Kontinuität und Wiederholung da als das Aufkommen von wirklich „Neuem“.

Dies bestätigt auch ein Blick auf das praktische Leben. Es ist nach wie vor vom Bemühen um Selbsterhaltung und Machtentfaltung, um Überleben und Nachkommenschaft gekennzeichnet. Jedenfalls steht das für den weitaus größten Teil der heute lebenden Menschen im Mittelpunkt. Selbst die modernsten Gesellschaften bzw. ihre Eliten spiegeln diese Anstrengung des Lebens nur auf einer anderen, scheinbar besseren, weil luxuriöseren Stufe wider. Die tatsächliche Welt ist von Liebe und Hass, Kriegen und Gewalt, Grausamkeiten und Willkür, Not und Krankheit und akuter Todesgefahr so durchgängig geprägt, dass es schwer fällt, hier von „Fortschritt“ zu sprechen. Es sind Grundkonstanten des kreatürlichen Lebens. Die „modernen“ Formen des Terrorismus sind ja gerade kein Rückfall ins Mittelalter, sondern mit aktuellsten technischen Mitteln inszenierter Schrecken. Für Folter gilt dasselbe. Die Erklärung der Menschenrechte (UN) hatte offenbar nur 1948 nach dem Ende eines weiteren schrecklichen Krieges eine Chance, wenigstens deklariert zu werden. Dass die Zivilisiertheit des Menschen nur ein hauchdünner Firnis ist, hat weit mehr Wahrheit als nur die eines zynischen Bonmots. Die gelebte Wirklichkeit ist für den größten Teil der Menschheit von größter Unsicherheit und einem alltäglichen „Kampf ums Überleben“, zumindest um bessere Chancen für sich und die eigenen Nachkommen bestimmt. Dass diese „Last“ der Menschheit kleiner wird, ist wohl eine illusionäre Hoffnung.

Ein noch einmal anderes Bild ergibt der Blick auf das, was man „Ideengeschichte“ nennen könnte. Man ist versucht zu sagen, so furchtbar viel Neues ist in den vergangenen 2500 Jahren nicht passiert, nicht gedacht worden. Grundlegende Ideen und Alternativen des Denkens wie Realismus und Idealismus, Materialismus oder Skeptizismus, kausalitäts-geschlossen oder teleologisch-offen, logisch-formal oder gegenständlich-substantiell usw. sind so alt wie das philosophische Denken überhaupt. Wenn Vertreter der analytischen Sprachphilosophie hervor heben, so begrifflich genau und logisch konsistent habe man nie zuvor gedacht, dann sollten sie einmal scholastische Abhandlungen und Erörterungen lesen. Da sind moderne Philosophen und Literaten wie Foucault, Derrida, Sloterdijk usw. mit ihren Themen wie Macht, Existenz, Sein und Nichts, Glück und Leiden sehr viel näher an ‚ewigen‘ Grundthemen menschlichen Nachdenkens und Bemühens. Gewisse Fragestellungen sind wie archetypisch gegeben: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ – „Was soll das alles?“ – „Wozu lebe ich?“ Es hilft nichts, jede Generation muss und wird darauf ihre eigenen Antworten finden. Und wie man das gesellschaftliche Zusammenleben am besten organisiert, ist heute so unklar und umstritten wie eh und je: mehr konservativ-hierarchisch oder mehr liberal-egalitär, mehr individualistisch oder mehr kollektiv, mehr national-begrenzt oder mehr elitär-ubiquitär usw. Wenn wir unsere heutige Form einer rechtsstaatlichen Demokratie und kapitalistischen  Ökonomie als den geschichtlichen Endpunkt und jeder Veränderung enthoben ansehen, dann wird das Erwachen aus diesem Irrtum umso überraschender sein.

Man könnte bisweilen verleitet sein, in den alten Satz „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ einzustimmen. Aber das ist falsch. Es gibt viel Neues, sehr viel Neues, Veränderung allenthalben, Brüche, Umbrüche, Aufbrüche, – die Geschichte ist voll davon. Es gibt nicht nur neue technische Erfindungen, sondern auch neue kulturelle Einsichten und Ausdrucksmöglichkeiten, sich neu gestaltende Bereiche in einer eng miteinander verzahnten Gesellschaft, die darin dennoch eine bestimmte Eigenständigkeit entwickeln, so dass die Rede von Systemen und Teilsystemen durchaus ihre Berechtigung hat. Die moderne Naturwissenschaft ist ja nicht dumm, und ebenso wenig die Biowissenschaften, Humanwissenschaften, Soziologie, Psychologie usw. Aber all der in der Neuzeit erlebte „explodierende“ Wissenszuwachs kann doch kaum darüber hinweg täuschen, dass mit jedem Schritt neuen Wissens das Meer des Nichtwissens größer zu werden scheint. Auf der anderen Seite zeigen die existentiellen Konstanten über Zeiten und Kulturen hinweg, dass da bei aller „gefühlten“ Neuheit und Veränderung doch viel mehr Konstanz und Beharrung, also viel mehr Gleichbleibendes und Unverändertes da ist, das uns ein Leben, wie es uns vertraut ist, als Einzelne und in der Gemeinschaft überhaupt erst ermöglicht. Letztlich möchte man ja auch bei Facebook und Instagram nur Aufmerksamkeit und Anerkennung finden. Es täte sicher gut, neben all dem Geschrei über Neuheiten, Errungenschaften, Revolutionen sich einfach dessen bewusst zu werden, was sehr beharrlich und unveränderlich und wenig verbesserlich da ist: Der Mensch mit Hoffnungen und Sehnsüchten, Liebe und Leidenschaft, Vorurteilen und Vorlieben, mit Verständnis und Einfühlungsvermögen, aber auch mit Gewalt, Verachtung und Grausamkeit. All dies hat weder die Neuzeit noch der Computer „abgeschafft“. Es steht nicht zu erwarten, dass sich das bei allem Wandel ändert.

Vielleicht sollte man auf die Rede vom „Fortschritt“ eine Weile verzichten.

 30. Juli 2015  Posted by at 17:13 Geschichte, Gesellschaft, Neuzeit Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Geschichte und Beharrung
Jan 192014
 

[Kultur]

Das Wort Revolution hat seinen Schrecken oder seinen Hoffnungswert verloren. Ja, der Sturm auf die Bastille, der Sturm aufs Winterpalais, das waren noch Revolutionen! Danach sahen die politischen Revolutionen anders aus. Schon Ebert wurde die erste Reichskanzlerschaft eines Sozialdemokraten (was damals noch den Klang eines Kommunisten hatte) mehr oder weniger auf dem Silbertablett serviert. Das alte System war schon vorher zerbrochen. So war es auch in Südafrika beim Ende der Apartheid. Das System hatte seine Zeit gehabt und war am Ende; der Übergang der Macht konnte friedlich verlaufen. Wir wurden erst neulich beim Tode von Nelson Mandela daran erinnert.

Etwas anders sieht es zwar mit den arabischen Revolutionen aus, aber da ist man inzwischen eher vorsichtig geworden, für das Geschehen in Tunesien, Libyen und Ägypten überhaupt das Wort Revolution zu verwenden: Die Wortverschmelzung „Arabellion“ scheint das Eigentümliche besser zu treffen: eine Rebellion, deren Ausgang ungewiss ist und keine Änderung des Systems bedeuten muss (siehe Ägypten). Zumindest gingen diese politischen Ereignisse mit Gewalt einher, was eher mit dem herkömmlichen Revolutionsbegriff übereinstimmt.

Politische Revolutionen sind meist mit einem symbolischen Datum bzw. Ereignis verbunden, auch wenn die Vorgänge selber einen längeren Zeitraum beansprucht haben. Der längere Zeitraum eines Übergangs ist wiederum typisch für den weiter gehenden Gebrauch des Wortes Revolution in Fällen tiefgreifender wirtschaftlicher, technischer, wissenschaftlicher und sozialer Veränderungen. Die wissenschaftlich-technische Revolution des 19. Jahrhunderts hat mindestens ein Jahrhundert gedauert, vielleicht aber auch noch länger. Sie begann schon im ausgehenden 17. und dauerte bis ins 20. Jahrhundert fort. Die sozialen Revolutionen, die der ersten massiven Industrialisierung in England und auf dem Kontinent folgten und ihre Auswüchse begrenzten, dauerten ebenfalls viele Jahrzehnte. In Deutschland müsste man bei den Sozialgesetzen Bismarcks anfangen und bis in die sechziger Jahre der Bundesrepublik gehen, als mit der Schaffung eines Sozialgesetzbuches eine neues Kapitel der Sozialgesetzgebung aufgeschlagen wurde (SGB 1969 und die folgenden Jahrzehnte).

Blickt man auf den zeitlichen Verlauf solcher sozialen Revolutionen, dann tut sich eine Eigentümlichkeit auf, nämlich deren Ungleichzeitigkeit im Vergleich zu den globalen technologischen und ökonomischen Revolutionen. Sie können im engeren Sinne nur national bzw. für den Geltungsbereich einer Gesetzgebung namhaft gemacht werden, und das sieht dann von Land zu Land und Region zu Region ganz unterschiedlich aus. Für Europa hat hier die EU einen völlig neuen Gestaltungsraum geschaffen, obwohl auch dieser nur in der Rahmengesetzgebung eine Gleichzeitigkeit garantiert. Im Blick zum Beispiel auf die Länder Südostasiens müsste man ganz anders urteilen. In Bangladesch, Kambodscha, Vietnam usw. steht eine soziale Veränderung im Anschluss an die wirtschaftlich-technische Revolution der nationalen Produktionsweisen erst noch bevor. Im Zeitalter der wirtschaftlichen Globalisierung gibt es offenbar keine Gleichzeitigkeit sozialer Revolutionen.

Flammarion

Camille Flammarion, L’Atmosphere: Météorologie Populaire (Paris, 1888

Noch anders sieht es bei wissenschaftlichen und kulturellen Revolutionen aus. Betreffen politische und soziale Revolutionen von Anfang an breite Bevölkerungskreise und ganze Nationen, so macht sich eine kulturelle und erst Recht eine wissenschaftliche Revolution erst in kleinen Kreisen und sehr allmählich bemerkbar. Eine kulturelle Revolution folgt langfristigen Veränderungen in Wissenschaft, Technik und Ökonomie. Sie setzt im Allgemeinen eine Veränderung des Weltbildes voraus, sei es im Ganzen oder teilweise. Auslöser dafür sind „Paradigmenwechsel“ in der Wissenschaft (um einen Begriff von Thomas S. Kuhn zu verwenden). Inwieweit dies für die Geschichte der Wissenschaften in Europa gilt, hat Kuhn in seinem etwas in Vergessenheit geratenem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ (1962) sehr klar heraus gearbeitet.

Das braucht Zeit. Die „Kopernikanische Wende“ nahm einige Jahrhunderte in Anspruch, bis man von einer Breitenwirkung sprechen konnte. Selbst innerhalb der Wissenschaften dauerte es von Kopernikus (†1543) über Johannes Kepler (†1630) und Galileo Galilei (†1642) bis zu Isaac Newton (†1727) und Immanuel Kant (†1804), ehe sich die „neue Denkungsart“ durchsetzte und breite Anerkennung verschaffte. Bei Charles Darwin (†1882) und der Evolutionstheorie könnte man Ähnliches nachzeichnen; die Auseinandersetzung um ihre Anerkennung dauert bis heute an, siehe aktuell ihre Bestreitung durch die Kreationisten. In der Folge dieser neuzeitlichen „Kulturrevolution“ hat sich (zumindest in der westlichen Welt) ein wissenschaftlich-technisches Weltbild etabliert, das unsere heutige Kultur und Lebenswelt paradigmatisch beherrscht. Dabei lässt sich kein Endpunkt feststellen, der Verlauf solcher Entwicklungen und Umformungen ist ständig im Fluss – bis zu einem neuen markanten Punkt, der sich wiederum erst im Kleinen andeuten könnte.

Noch andere Revolutionen betreffen Techniken und Produktionsweisen – und fördern erst in der Folgezeit möglicherweise weitreichende Auswirkungen zu Tage. So hat der Buchdruck zwar vergleichsweise kurzfristig mit Flugblättern und Pamphleten Geschichte gestaltet (Reformation; Dreißgjährige Krieg), aber kulturell erst langfristig Wirkungen gezeigt. Immerhin mussten erst einmal größere Bevölkerungsschichten lesen lernen, um Gedrucktes als Massenware auf den Markt bringen zu können. Die Einführung der Allgemeinen Schulpflicht setzte sich in Deutschland erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts durch (Vorreiter Preußen, schon 1717) und gewann 1919 Verfassungsrang. Die Mühlen einer kulturellen Revolution mahlen also langsam.

Technische Umwälzungen verlaufen bedingt durch wirtschaftliche Anwendungen, Profit- und Kriegsinteressen meist sehr viel turbulenter. Die Einführung eines kontinentumspannenden und interkontinentalen Telegrafendienstes in den USA hatte wesentlich militärische und wirtschaftliche Antriebe, unter anderem wegen der schnellen Übermittlung von Börsendaten. Die dadurch verbesserte Kommunikationsmöglichkeit begleitete und förderte die erfolgreiche Industrialisierung durch Mechanisierung und zentrale Steuerung (Fließband). Rundfunk, Fernsehen und Telefonie folgten mehr oder weniger Schlag auf Schlag und veränderten die Möglichkeiten der Information und Kommunikation gravierend. Als letzte Technologie in dieser Reihe trat das Internet hinzu und drang über das World Wide Web in breitere Nutzerschichten ein.

Wie weit es gerechtfertigt ist, den Wandel der Informationstechnologien und damit vernetzter Steuerungs- und Kommunikationstechniken als eine zweite (dritte oder vierte) industrielle Revolution zu kennzeichnen, mögen Spätere beurteilen. Wir stecken noch mitten drin in den langfristigen Veränderungsprozessen, die die gesamte wissenschaftlich-technische Kultur betreffen. Nur weil es derzeit Mode ist, vom Internet als segensbringender neuer Kulturtechnik zu sprechen, muss dies noch keineswegs zutreffend sein. Sprache und Schrift sind grundlegende Kulturtechniken, das andere sind Teilaspekte einer technikbestimmten Industrialisierung. Und hier gilt wie bei aller technologischen Entwicklung bisher: Die treibenden Kräfte sind stets Kapital und Militär. Edward Snowden hat die informationstechnische Arbeitsweise des militärisch-industriellen Komplexes aufgedeckt. Google und Amazon stehen für die derzeitige Übermacht des kommerziell-industriellen Komplexes.

Die Art der Anwendung der Informationstechnologien mögen sich gewandelt haben und in immer kürzeren Intervallen ändern und anpassen. Die Macht- und Informationsoptionen der Staaten und Mächte (insbesondere ihrer Militärs) mögen sich verändert und ausgeweitet haben. Das Konsumverhalten hinsichtlich von Gebrauchsgütern und Dienstleistungen mag sich fortwährend ändern und den aktuellen Technologien anpassen, auch das Kommunikationsverhalten Einzelner mag sich verändern (wiewohl Facebook auch als große Spielwiese betrachtet werden kann, die wächst und welkt). Dies alles ist bemerkenswert und für technisch Affine faszinierend, für technisch weniger Begabte verstörend oder bedeutungslos. Ob ich meine Fahrkarten am Schalter, am Automaten oder online kaufe, bedeutet ja noch keinerlei kulturelle Revolution.

Man sollte also mit dem Hype (positiv wie negativ: „Das Heil im Internet!“ –  „Das Internet ist kaputt!“) etwas vorsichtiger sein. Bei ruhiger Betrachtung und dem Bemühen um historische Distanzierung und Einordnung in das, was Revolutionen, also Umwälzungen, bisher ansonsten bewirkt haben und was sie in ihrem Verlauf beeinflusst, ist es zumindest fragwürdig, von einer zweiten industriellen Revolution zu sprechen, ganz zu schweigen von einer Kulturrevolution. Die Informationstechniken verändern sich. Das beeinflusst natürlich Leben und Arbeiten. In wie weit damit paradigmatische Veränderungen des Weltbildes verbunden sind, die allererst zu einer kulturellen Revolution führen könnten, steht auf einem ganz anderen Blatt und ist derzeit nicht absehbar.

Revolutionen dieser Art verlaufen sehr langsam, sehr allmählich und keineswegs im Takt der Innovationen von Smartphones. Der Alltag zu Hause, der Alltag der Büros und Geschäfte, der Alltag der Regierungen und Mächte ist viel alltäglicher, gewöhnlicher und unaufgeregter als Medieninszenierungen und Twitter-Stürme glauben machen. Die einen kämpfen ums gute Leben, oder auch nur ums einigermaßen auskömmliche Überleben, die anderen kämpfen um den Erhalt von Macht und Privilegien, wieder andere, die großen Mächte und Regierungen, kämpfen ihre rücksichtslosen Kämpfe um absolute Kontrolle und Beherrschung ihrer Weltdomänen. Dahinein mischen sich technologische Veränderungen von unbekannter Halbwertszeit. Alles ziemlich banal und ziemlich normal. Für das angemessene Urteilen braucht man einen langen Atem. Diesen jeweils aktuellen Veränderungen und ihren Aufgeregtheiten gegenüber ist nur eines wirklich „zielführend“: nüchterne Gelassenheit und kritischer Abstand.

Revolutionen dauern halt länger – und Vernunft sowieso.

UPDATE 20.01.13: In seinem jüngsten als Antwort an Sascha Lobo verfassten Aufsatz „More political interference“ knüpft Evgeny Morozov an den Gedanken des durch das Internet möglicherweise angestoßenen Paradigmenwechsels an. Ich verweise gern auf diesen guten Beitrag zu einer etwas grundsätzlicheren Betrachtung dessen, was „Internet“ bedeuten kann.

 19. Januar 2014  Posted by at 15:11 Kultur, Neuzeit, Revolution, Wissenschaft Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Langsame Revolution
Feb 172013
 

„2012 DA14“ – So lautet die astronomische Kennzeichnung des Asteroiden, der Freitag Abend, am 15.02. gegen 20:30 h, in nur 27.500 km Entfernung an der Erde vorbei flog. Dieses Kürzel „2012 DA14“ wird man schnell wieder vergessen haben. Die Aufregung über den über Russland am Ural nieder gegangenen Meteoriten war sogar größer, weil er sichtbaren Schaden angerichtet hat – und weil es so schöne Videos von dem Feuerball auf YouTube gab. Aber ansonsten ist nichts gewesen. Das durch den Maya-Kalender am 21. Dezember vergangenen Jahres angeblich vorausgesagte Weltende hat jedenfalls sehr viel mehr und anhaltender Aufmerksamkeit erregt. Die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit, die „Voreinstellung“ unserer Psyche, ist schon sehr merkwürdig. Sie reagiert nur auf einzuordnende, also bekannte Gefahren, die man sieht. Ein mythologischer „Weltuntergang“ à la Maya scheint jedenfalls vertrauter und darum begreifbarer zu sein als der wahrlich gefährliche Vorbeiflug (besser: Beinahe-Kollision) eines Asteroiden, den man sich ohnehin nicht vorstellen und dessen Gefahrenpotential man deswegen auch gar nicht einschätzen kann. Gut, es ist nichts passiert, nur ein paar Fensterscheiben am Ural kaputt, so what?

Wer etwas mehr wissen will, kann in den Medien auf den Wissens-Seiten einiges Informative über die Möglichkeiten der Beobachtung und Abwehr von Meteoriten und Asteroiden erfahren, gut aufgemacht mit allerlei Bildchen und erläuternden Grafiken. Das klingt alles sehr seriös mit Gewährsleuten von NASA und ESA. Ja, rechtzeitig muss man es nur wissen, ja und einigermaßen erkennbar müssen die Dinger sein, das sind dann ohnehin nur größere Objekte, also so ein Klecks wie der über dem Ural, den könne man glatt vergessen, ist vorher nicht zu erkennen, ja dann könne man etwas machen, wenn man so ca. 4 Jahre Vorlaufzeit hat, kein Problem, da tauschen sich die Wissenschaftler und Techniker jetzt international aus, da gibt es ja verschiedenen Szenarien, solch einen Himmelskörper abzulenken und aus der Bahn zu werfen, wie genau wisse man natürlich noch nicht, erprobt sei da gar nichts, manches könne man sich halt vorstellen, dass es funktionieren könnte, Testmöglichkeiten gäbe es dazu ja leider keine, jaja, gleich der Ernstfall, aber der wird schon nicht so schlimm sein, ist äußerst unwahrscheinlich, Wahrscheinlichkeit etwa so groß wie vom Haifisch gebissen zu werden – ach, das passiert oft? Naja, ist eben alles relativ, und manche Ideen mögen nicht viel mehr sein als die „blanke Verzweiflung“ – uups? wie war das? Verzweiflung? Wieso das denn? Ach so, die Dinosaurier…

2012 - DA14

2012 – DA14 (NASA)

Denn das ist nirgendwo klar zu lesen, allenfalls rutscht mal am Ende eines Artikels so etwas raus wie hier im n-tv-Bericht die zitierte „blanke Verzweiflung“: Dass wir eigentlich überhaupt nicht wissen, was wir gegen eine Kollision mit einem Asteroiden machen können, – gegen Meteoriten ist absehbar schon gar nichts möglich: zu viele, zu schnell, zu klein. Wahrscheinlich muss man zugeben, derzeit über keinerlei sichere Mittel bzw. Technologie zu verfügen, um die Erde vor einem Aufprall durch einen Asteroiden von der Größe „2012 DA14“ (50 m Durchmesser) oder mehr bewahren zu können. Schwer zuzugeben: Da ist eine nicht unerhebliche Gefahr, und wir können wahrscheinlich nichts Erfolgversprechendes dagegen unternehmen. Eine solche Erkenntnis, ein solcher Satz ist für unser heutiges (Selbst-) Bewusstsein inakzeptabel, unbegreiflich, schlicht nicht nachzuvollziehen oder gar hinzunehmen. Das kanns nicht geben.

Genau das ist aber sehr problematisch. Menschliches Wissen und Können ist immer begrenzt, schon ganz besonders im Hinblick auf die universalen Kräfte in der Natur. Weil es uns seit der Neuzeit aber so gut gelungen ist, die Kräfte der Natur auf der Erde anscheinend in den Griff zu bekommen, hat sich das Bewusstsein breit gemacht, es gäbe prinzipiell nichts mehr, was nicht mit geeigneten Technologien zu bewältigen wäre. Unmöglich ist verboten. Nicht die Anerkenntnis von Grenzen und Unmöglichem, sondern Lösungen sind gefragt. Es gibt immer welche, sagt man. Dies nenne ich die Hybris der Neuzeit. Sie ist die vielleicht verderblichste Grundeinstellung des heutigen Menschen überhaupt. Verderblich ist wörtlich zu nehmen: weil sie ihn irreparabel ins Verderben führt. Dies gilt auf vielen Gebieten, der Beispiele sind Legion: Klimaveränderung, Umweltverschmutzung insbesondere der Ozeane, Vernichten der Biodiversität sind die Hauptthemen. Änderungswille ist kaum vorhanden, solange es noch irgendwie weiter geht. Typisch ist die vor allem in den USA verbreitete technizistische Auffassung zum Klima: Da wir den CO2-Ausstoß kaum vermindern können, lasst uns lieber höhere Deiche bauen.

Alles ist machbar? Es scheint nur so. Die Erfolge der technologischen Entwicklungen der vergangenen zweihundert Jahre sind so überwältigend, dass eine Grenze menschlicher Verfügungsmacht überhaupt nicht mehr in den Blick genommen wird. Es gibt sie einfach nicht. Was vom neuzeitlichen Bewusstsein nicht als real anerkannt wird, ist nicht. Natürliche Grenzen sind halt nicht „real“, denn alles ist möglich: Om – om – om. Man muss nicht ins Weltall schauen, um die Grenzen der menschlichen Fähigkeiten zu entdecken. Es reicht der Blick auf die Verhältnisse auf unserem Planeten. Sogar die viel gerühmten und oft beschworenen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters machen davor keinen Halt: Nach Aussagen einiger Fachleute haben wir zum Beispiel die Kontrolle über die selbständig in Hochgeschwindigkeit interagierenden Computersysteme an den Börsen längst verloren; selbst Insider verstehen nicht mehr, was da abläuft (siehe Schirrmacher, Mirowski).

Angesichts der möglichen Kollisionen mit größeren Himmelskörpern sind wir bis auf Weiteres völlig machtlos. Zwar hat die menschliche Kreativität bisher immer wieder Erstaunliches zu Wege gebracht, aber hier geht es um Dimensionen, gegenüber denen die Hiroshima-Bomben Kinderspielzeug waren. Schon 2029 nähert sich ein nächster Asteroid, 2040 ein noch größerer. „Auch nach der Kollision mit einem Asteroiden würde sich die Erde weiterdrehen, und es gäbe noch Leben auf dem Planeten. Doch die Zerstörungen wären mitunter großflächig.“ (n-tv) Dieser Satz ist halbwegs realistisch, klingt aber noch schönfärberisch. Ein Asteroiden-Impact von der Größe und den Zerstörungsausmaßen von Flagstaff, Arizona, würde langfristige Veränderungen des Klimas bewirken – schon die Asche bei Vulkanausbrüchen beeinträchtigt unser modernes Leben erheblich, siehe Eyafjallayökull (2010). Ein Asteroidenaufprall würde mit Gewissheit unser Leben völlig verändern, ganz abgesehen von den unmittelbaren Schäden und Toten. Da bliebe nichts mehr, wie es war.

Alles ist möglich? Ja, – aber eben nicht dem Menschen. Der sollte sich seiner Begrenztheit, gerade auch der Grenzen seines Wissens, seiner Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten immer bewusst bleiben. Das macht nüchtern und trägt dazu bei, sich mehr auf das zu konzentrieren, was wir wirklich erreichen können im Blick auf unseren Planeten. Auch im Hinblick auf die Gefahren aus dem Weltall sind alle Anstrengungen nötig, klar. Aber auch da werden Grenzen bleiben, Grenzen, die wir anerkennen und aussprechen sollten. Das macht uns vielleicht ein bisschen realistischer und bescheidener. Der Rest erledigt sich von alleine.

 17. Februar 2013  Posted by at 10:41 Mensch, Moderne, Natur, Neuzeit Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Das Unvorstellbare denken
Nov 112012
 

Unsere westliche Kultur ist vom Fortschrittsgedanken geprägt. Spätestens seit Beginn der Neuzeit, im Grunde aber schon mit der Renaissance, gewinnt eine Anschauung der Welt an Bedeutung, die nicht mehr den „ewigen“, gottgegebenen Ordnungen verhaftet ist, sondern die Welt als durch den Menschen veränderbar und verbesserbar ansieht. Das ersehnte „Reich der Freiheit“ ist nicht mehr der jenseitige „Gottesstaat“ (Augustin) im qualitativen Unterschied zu allen menschlichen Reichen, vielmehr wird die Weiterentwicklung und Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens als Aufgabe des Menschen selbst erkannt. Niccolò Machiavelli war es, der in „Il principe“ und den „Discorsi“ (1531/32) ein neuzeitliches Programm der „good governance“ entworfen hat. Der gesellschaftliche Fortschritt ist planbar geworden. Die zur selben Zeit rasch zunehmende Fähigkeit zu technischen Entwicklungen und Erfindungen (Leonardo da Vinci) vergrößert den Handlungsspielraum menschlicher Gestaltungskraft. Mit dieser ersten technologischen „Revolution“ auf der Basis der Mechanik und erst recht mit jeder weiteren technologische Stufe erweitert sich der Freiheitsraum um ein Vielfaches; Freiheit wird erfahrbar als Steigerung der Handlungs- und Wahlmöglichkeiten zur Erreichung bestimmter Ziele. Auch gänzlich neue Ziele kommen dabei in den Blick; das Fliegenkönnen bleibt nicht mehr den Vögeln und dem mythologischen Traum (Dädalus und Ikarus) vorbehalten. Die Mondlandung 1969 wird nicht das letzte „neue Ziel“ der Menschheit sein. Die abendländische Kultur erschöpft sich nicht mehr im Urbild der gefeierten Antike oder im bloßen Sammeln von Wissen und Beschreiben von Einzelphänomenen (Enzyklopädien), sondern die Kultur im weiteren Sinne (Arbeit, Alltag, Recht usw.) transformiert sich zur expliziten Verwirklichung technischer Möglichkeiten, die den menschlichen Handlungsraum vergrößern und erweitern. Eine ehedem überwiegend literale Kultur (Handschriften, Bibliotheken) wird zur technisch-sozialen Kultur erweitert, wie sie unsere Neuzeit prägt. Damit vergrößert sich zugleich die Menge der Akteure, die an dieser Kultur teilhaben. Die neuzeitliche Kultur hat die Tendenz, die gesamte Gesellschaft zu erfassen und zu gestalten. Der Fortschrittsgedanke wird dabei zum entscheidenden Katalysator, denn er wird zum allgemein akzeptierten Kriterium dessen, was „vorwärtsweisend“ und darum gut und nützlich ist. Was sich dem entgegen stellt, ist „von Gestern“, veraltet und überholt und auf weitere Sicht ohne Existenzberechtigung.

Leonardo da Vinci, Automobile (Wikipedia)

Gegen diesen „Mythos der Neuzeit“ gibt es seit langem Einwände. Statt von der positiv besetzten Fortschrittsidee wird dann skeptisch vom „Fortschrittsglauben“ gesprochen, der anfechtbar und letztlich irrational sei. Nicht erst die Erfahrungen der zahllosen Kriege und Genozide mit immer exzessiverer Gewaltanwendung („totaler Krieg“) haben den neuzeitlichen Optimismus getrübt. Grundsätzliche Erwägungen bestreiten die quasi axiomatische Gewissheit des „Immer-weiter, Immer-höher, Immer-schneller, Immer-besser“. Zu Recht wird heute angesichts der Folgen nach dem Preis gefragt, den die westliche Zivilisation und ihre technologisch vermittelte Kultur kostet, ob sich die Menschheit diesen Preis, bestehend im Aufbrauchen endlicher Ressourcen und verschärfter Ungleichheit, überhaupt leisten könne. Einmal ist es der moralisch-philosophisch beschriebene „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler) bzw. die erreichten „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome), ein andermal wird auf die grundsätzliche Ambivalenz jeder geschichtlichen Entwicklung verwiesen; erst vom Ende her zeige sich, was wirklich geworden und für den Menschen gut ist. Bei der buchhalterischen Betrachtung stehe eben jeder gesellschaftlichen „Progression“ eine ebensolche „Regression“ gegenüber, welche den Saldo des „Fortschritts“ meist ins Minus bringe, bestenfalls auf Null stelle. Bei der Diskussion über Chancen oder Gefahren des Internets zum Beispiel erleben wir genau diese Argumentationsmuster: Positive Freiheitsverheißung kontra negativen Manipulationsverdacht (Kontrollverlust). Dahinter steht ein jeweils unterschiedliches Bild vom Menschen: Hier das Bild des letztlich zum Guten fähigen und bereiten Mensch, der aus Fehlern lernt und zu Kompromissen und Verzicht bereit ist (das Faustische „wer immer strebend sich bemüht“), dort die Skepsis des zu allem fähigen, eben auch zu jeder Bosheit und Brutalität bereiten Menschen, dessen unstillbarer Gier und Gewaltbereitschaft nur die passende Gelegenheit geboten werden müsse. Manche psychologischen Untersuchungen über das Stressverhalten von Soldaten scheinen dieses letzte Bild eher zu bestätigen. Dieser gegensätzliche Optimismus oder Pessimismus im Menschenbild, also hinsichtlich der Entwicklungs- und Verhaltensmöglichkeiten des Menschen, wird von einem naturalistischen „Realismus“ allenfalls gemildert. Wenn die Neurowissenschaften die recht urtümlichen Reiz-Reaktions-Schemata menschlichen Verhaltens beschreiben (“Jäger und Sammler“ – Mentalität), erklärt das zwar manches, hilft aber nicht dabei, diskursiv ein Urteil über Ziele und Werte menschlichen Verhaltens bzw. gesellschaftlicher Handlungen und Strukturen zu finden. „Kultur“ bleibt definitorisch im Bereich dessen, was der Mensch über seine Natur hinaus gehend anstrebt und verwirklicht. Damit bleibt auch der weite Raum der Kultur unserer technisch-sozialen Zivilisation nicht frei von Ambivalenzen; Kultur bleibt so ambivalent wie der Mensch selbst, der sie gestaltet und trägt.

Aus diesen Überlegungen heraus lässt sich festhalten:

  • Unsere Kultur ist von einem technisch-sozialen Fortschrittsgedanken geprägt. Er betrifft nahezu alle Bereiche unseres Lebens. Fortschrittskultur ist Alltagskultur geworden. Der Fortschrittsgedanke selber ist eine geschichtliche Idee der Neuzeit.
  • Fortschritt in diesem Sinne bietet Freiheit als erweiterte Wahlmöglichkeit an. Der Markt der Möglichkeit ist unüberschaubar groß geworden. Damit haben auch die Rollen und Verhaltensmodelle im individuellen Leben eine bisher nie da gewesene Flexibilisierung erfahren.
  • Die neuzeitliche westliche Kultur ist der Entfaltungsraum jedes Einzelnen geworden, der zugleich Individualität und Uniformität bereit hält, nämlich freie individuelle Auswahl gleicher allgemeiner Ziele und Werte.
  • Die Grenzen dieser Kultur des Fortschritts liegen nicht in den Möglichkeiten und Zielen, sondern in den Fähigkeiten und Ressourcen. Eine Ende des Fortschrittsprozesses ist nicht absehbar.
  • Die Kultur erfährt jeden Schub der Entwicklung als Anstoß zur Transformation. Die Ausbreitung und die Geschwindigkeit dieser Entwicklungsschübe lässt kulturelle Transformation zum Prozess permanenter Veränderung werden.

Als Frage stellt sich mir, welches Verständnis von Wirklichkeit dadurch impliziert ist. Jedenfalls ist es ein dynamisches Verständnis, weniger „Wirklichkeit“ als ständige „Verwirklichung“, aristotelisch gesprochen Entelechie. Neuzeitlich hinzu getreten ist der naturwissenschaftlich im 2. Hauptsatz der Wärmelehre verankerte Zeitpfeil der Entropie. Fortschritt bedeutet dann zugleich Zunahme von Entropie, bedeutet Zunahme von Information (Carl Friedrich von Weizsäcker), bedeutet wachsende Differenzierung des Einzelnen, bedeutet aber paradoxerweise auch zunehmende Nivellierung („Kältetod“) des Gesamtsystems. Lässt sich Leben als eine Form des Entropie-Aufschubs verstehen, so werden am Ende die ‘Kosten’ eingefordert: Im Tod wird die „geborgte“ Energie wieder abgegeben, das Individuum stirbt. Da aber das Leben insgesamt kein perpetuum mobile ist, tendiert auch das Gesamtsystem des Lebens und darin eben auch des Systems „Mensch & Kultur“ zur Informations-Implosion. Will sagen: Der Fortschritt hat eine systemimmanente Grenze, sofern die sich darin vollziehende Wirklichkeit (nicht nur die Ressourcen!) eine entropisch begrenzte ist. Unser Fortschrittsdenken blendet dies aber als aktuell irrelevant aus. Das mag eine Weile gehen. Grundsätzlich aber ist es eine Infragestellung durch die Wirklichkeit selbst.

Damit öffnet sich ein Blick auf die Befindlichkeit des Individuums. „Bin“ ich tatsächlich nur, sofern ich mich „verwirkliche“, also aus mir heraus gehe, „existiere“? Finde ich meinen Sinn nur dann und darin, wenn ich möglichst viele Türen unterschiedlicher Chancen öffnen und in ein Leben treten kann, in dem ich mich immer wieder „frei“ bestimme und selber schaffe? Liegt der Sinn (und damit die Ruhe und Zufriedenheit) meines Seins nur in meinem „Existieren“ = Heraustreten? Oder finde ich mich selbst eher in der Introversion, also der Rückwendung, Zuwendung zu mir selbst in meinem Inneren? Liegt also die Wahrheit meines Seins und damit meine wahrhafte Persönlichkeit in der Abwendung vom extrovertierten Fortschrittsleben und in der Hinwendung zur introvertierten Suche und Erkenntnis meiner selbst? Ist wirkliches Sein nur als tätige, instrumentelle Verwirklichung fassbar oder nicht vielmehr als Rücknahme, Rückkehr, Loslassen, Gelassenheit und Ruhe seiner selbst? Wird erst dann Sein als lebendige Fülle erlebbar? Ist dies „alternativ“ oder vielmehr „zugleich“? – Mystiker haben so gedacht, sagen wir, aber ebenso die Nachfolger des Parmenides, Platons und so vieler anderer. Sie weisen darauf hin: Die Fülle liegt innen, in mir, nicht außen im ‘Getriebe’. Dann wird auch der Tod nicht zur letzen Katastrophe des tätigen Menschen, sondern zur Hingabe, zur Rückgabe aller meiner individuellen Potentiale und Energien an das Sein, das Alles und Nichts ist: Entropie als Aufgehen im Einen. Dann hat mich die Wirklichkeit eingeholt – nicht der schlechteste Gedanke.

 11. November 2012  Posted by at 13:43 Kultur, Neuzeit Tagged with: , , ,  2 Responses »
Okt 022012
 

Wir haben uns daran gewöhnt, in einer „christlich – abendländischen“ Tradition zu leben. Unsere europäische Welt ist aus dem „christlichen Abendland“ hervor gegangen, heißt es. Manche bezeichnen auch die Gegenwart noch als geprägt durch die „christlich-abendländischen Werte“. Dies wird mit besonderer Emphase gegen den Satz ins Feld geführt, der Islam gehöre zu Deutschland. Ganz abgesehen davon, dass es ziemlich unklar bleibt, welches denn die christlich-abendländischen Werte eigentlich sind, denen man sich verpflichtet fühlt, dient der Begriff „christliches Abendland“ eher als Parole in einem kulturpolitischen Abwehrkampf denn als klare Beschreibung einer geschichtlichen Wirklichkeit. Das so oft bemühte Bild vom „christlichen Abendland“ bedarf einer grundlegenden Revision.

In einem Kommentar von Thomas Urban in der heutigen Süddeutschen Zeitung (02.10.12 S. 3) über das Streben einiger spanischer Regionen nach Unabhängigkeit lese ich folgendes:

Auch im heißen Andalusien, der bevölkerungsreichsten Region Spaniens, hat sich ein starkes kulturelles Bewusstsein entwickelt. Es schöpft seine Kraft aus der Rückbesinnung auf das maurische Erbe. Dieses wurde jahrhundertelang im katholischen Spanien zerstört und aus dem Gedächtnis gestrichen. Doch nimmt ein wachsender Teil der heutige Elite Andalusiens das Kalifat von Córdoba und das Sultanat von Granada als Hochkultur wahr, die von Kastilien brutal zerschlagen wurde.

Averroes, aus Wikipedia

Genauer gesagt: Vom katholischen Kastilien wurde im Namen der Päpste und wiederholt unter dem Titel eines „Kreuzzuges“ das Unternehmen „reconquista“ durchgeführt (Hauptphase im 11. Jhdt.) zur „Rückeroberung“ Spaniens von den Mauren. Dies klingt nach einer Episode spanischer Geschichte in einem „Winkel“ Europas. Das Gegenteil ist der Fall. Die „Mauren“ in Spanien haben in einem kaum hoch genug zu schätzenden Ausmaß Wissenschaft, Denken und Kultur Europas insgesamt geprägt und beeinflusst, ja man kann zuspitzen: überhaupt erst ermöglicht.

Die Entwicklung des abendländischen Denkens ist ohne die Rezeption der arabisch-islamischen Kultur überhaupt nicht zu verstehen. Die Kenntnis der griechischen Philosophie, der indischen Mathematik, der morgenländischen Medizin und Astronomie gelangte ausschließlich über das maurische Spanien, also über Al-Andalus zu uns. Die Wiederentdeckung des Aristoteles war überhaupt erst möglich, seit man seine Schriften zuerst aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzte (Übersetzer-„Schule“ von Toledo), ehe man Jahrhunderte später während der Renaissance nach den griechischen Originalen stöberte. Bis dahin waren von Aristoteles nur die Logik und Dialektik bekannt, „propädeutische“ Schriften gewissermaßen. Insofern war dann auch die Wiederbelebung der Antike im 14. und 15. Jahrhundert (Renaissance) nur auf dem Hintergrund der spanisch-arabischen Vermittlung möglich.

Es ging nicht nur um die „alten“ griechischen Philosophen. Es ging um  das gesamte griechisch-hellenistische Erbe und seine Weiterentwicklung im arabisch-islamischen Kulturraum. Nachdem der oströmische Kaiser Theodosius 391/392 der griechisch-„heidnischen“ Tradition den Kampf angesagt und die griechische Philosophie unter Kaiser Justinian 590 verboten wurde (Schließung der „Akademie“ Athen), war das griechisch-römische Erbe mehr oder weniger verwaist. Die (uns heute völlig unbekannt gewordenen) islamischen Philosophen waren es, die sich dieses Erbes annahmen, es pflegten und weiter entwickelten: Alkindi (†873), Alfarabi (†950), Avicenna (†1037), Avepacem (†1138), Averroës (†1198) u.a.m. waren bedeutende Denker und Wissenschaftler, zum Teil Ärzte, in Bagdad, Teheran, Cordoba, Malaga, Fez, welche die Grundlagen für das mittelalterliche Denken und Wissen im Abendland legten. Ihre Schriften, besonders die Aristoteles-Kommentare des Averroës, wurden „Standardliteratur“ in dem geistesgeschichtlichen Aufholprozess des Abendlandes, der unter anderem in die sogenannte „Scholastik“, also „Schulphilosophie“, führte.

Das Denken und die Schriften der mittelalterlichen „Großen“ wie Thomas von Aquin (Rom, Neapel), Duns Scotus (Paris), Albert dem Großen (Köln) und Meister Eckhart (Erfurt, Straßburg, Paris) gründete auf der arabisch-griechische Philosophie und / oder stand in steter Auseinandersetzung mit ihr. Noch ein Nikolaus Cusanus (†1464), der als Ausklang des Mittelalters und Wegbereiter der europäischen Neuzeit gilt, fußt auf den Traditionen Avicennas und Averroës‘. Dies ist alles seit Jahrzehnten bekannt und wird entsprechend selbstverständlich seit langem in Philosophie und Geschichtswissenschaft diskutiert. Der „deutsche Mystiker“ Eckhart ist längst als Phantasieprodukt einer nationalen Romantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts entlarvt. Das Mittelalter und seine „Aufklärung“ im 13. Jahrhundert war sehr anders und viel lebendiger, als es uns heute meist im Gedächtnis ist (wenn überhaupt).

Die abendländische kulturelle Tradition speist sich also aus sehr unterschiedlichen Quellen und Strömen, das jüdische Erbe gehört dazu, das hellenistisch-römische, das islamisch-arabische, das christliche, um nur die Hauptlinien zu nennen. Darum ist es für das Verständnis und für die Kennzeichnung unserer abendländischen Tradition, ihrer Denkweisen und Werte, allererst abzuklären, welche Rolle das spezifisch Christliche dabei gespielt hat. Diese Rolle dürfte nüchtern betrachtet sehr viel negativer und ambivalenter ausfallen, als es der heutige Sprachgebrauch vermuten lässt. Die Spanier in Andalusien schicken sich an, ihr Geschichtsbild neu zu schreiben und das Erbe von Al-andalus wieder zu entdecken.

Dasselbe täte uns im Großen und Gesamt Europas not. Die abendländische Tradition ist ungemein vielfältig, widersprüchlich und verschlungen, viele uns heute selbstverständliche Denkweisen mussten oft erst gegen die „Mächte“ (vor allem Roms) errungen werden. Das „christliche Abendland“ ist ein apologetisches Zerr- oder Wunschbild (je nach Standpunkt) unserer Neuzeit. Zur Gewinnung einer sachlichen, nüchternen und religions-neutralen Betrachtung aber ist eine Revision unseres traditionellen Geschichtsbildes erforderlich. Es ist dran. Es täte uns  auch hinsichtlich der gegenwärtigen Diskussion um „Christentum“ und „Islam“ nur gut. Es wäre die Wiedergewinnung einer säkularen Geschichtsinterpretation.

 2. Oktober 2012  Posted by at 18:03 Europa, Geschichte, Kultur, Moderne, Neuzeit, Philosophie, Religion, Rom Katholisch, Wissen Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Revision eines Geschichtsbildes
Jul 282012
 

Geschichte erzählt mehr als nur Geschichten. Die eigene Geschichte zu vergessen macht leichtfertig und blind für die Gegenwart. Glaube an Geld und Fortschritt sind die Dogmen der Moderne. Obs für die Zukunft reicht, wird sich zeigen.

Sich mit „der Geschichte“ zu befassen, hat Hochkonjunktur. So sieht es jedenfalls aus, wenn man die Vielzahl von TV-Sendungen zu historischen Themen in szenischen Darstellungen zum Maßstab nimmt oder die stetig anschwellende Menge populärer Literatur zu Geschichtsepochen und Größen der Geschichte. Offensichtlich kann der heutige Mensch nicht genug bekommen von „Ägypten“, „Rom“, „Friedrich Barbarossa“ und überhaupt den Kaisern, Päpsten und Herrschern der Vergangenheit. Ein wenig im Schatten blüht aber auch die Literatur zur Sozialgeschichte, also sozusagen zur Geschichte des „kleinen Mannes“. Die ist allerdings nicht ganz so attraktiv. Nur in den beliebten touristischen Ritterspielen, in denen man das Mittelalter aufleben lassen möchte, kommen dann die „einfachen Leute“ vor, schön pittoresque als Marketender oder Kräuterfrau in Szene gesetzt. So lieben wir das Mittelalter. Überhaupt, so als Spielfilm, als dramatische Inszenierung und als Turnierspektakel möglichst mit einer mittelalterlichen Burg als Kulisse, so mögen wir „Geschichte“, als „event“ eben.

Daneben aber ist in der Entwicklung der Geschichtswissenschaft fast der entgegengesetzte Trend festzustellen. Nicht etwa fehlendes Interesse an Geschichte meine ich, sondern die zur bewussten Reflexion gewordene Problematisierung dessen, was Geschichtswissenschaft überhaupt leisten kann. Historiker, so heißt es kritisch, können Geschichte gar nicht anders darstellen als in einer großen „Erzählung“, also einem dichterischen Akt der Konstitution von Geschichte. Die „bruta facta“ treten dann auf einmal völlig zurück hinter einem jeweils entworfenen Geschichtsbild, das viel eher die Fragen und Kategorien der Gegenwart wiedergibt als wirklich „das, was war“. Geschichtswissenschaft, so hören wir, sei entweder eine Sonderform von Literatur und Dichtung, also der Teilnahme an der Erzählung von „Geschichten“, gar nicht so weit entfernt vom Mythos, oder eben eine Konstruktion gegebener Fakten gemäß einer vorgefassten Sinn stiftenden Geschichtsphilosophie. In beiden Fällen scheint der erstrebte Gegenstand der Geschichte, die Tatsachen der Vergangenheit, also das Auffinden und Darstellen dessen, was früher einmal der Fall war, hinter unseren gegenwärtigen Denkschemata, Interessen und Fragestellungen zurück zu treten. Und weiter: Einerseits haben wir das Erbe des Historismus übernommen und sehen uns als durch Geschichte bedingte und in Geschichte verwickelte Menschen an, existieren also bewusst „geschichtlich“, auf der anderen Seite kann das „Ende der Geschichte“ verkündet und als „Posthistoire“ übertrumpft werden. Die Geschichte scheint so zur ewigen Gegenwart zu kondensieren, weil nur die Gegenwart wirklich ist und das Vergangene nicht mehr existiert. Geschichte als eigene Wissenschaft zeigt sich so als in sich selbst fragwürdig.

Es liegt auf der Hand, dass sich gegenüber solch radikalen Thesen Widerspruch geregt hat. Weiterhin forschen Generationen von Historikern akribisch an Quellen und Funden, lesen Texte, studieren Artefakte, orientieren sich an Dokumenten ebenso wie an Bauwerken und Symbolen. Offenbar ist da doch etwas an der Vergangenheit, was zwar so nicht mehr da ist, aber in vielerlei Hinsicht in die Gegenwart hinein reicht und uns in unserer Zeit beschäftigt und bewegt. Bisweilen ist es sogar so, dass nicht nur wir Heutigen Fragen an „die Geschichte“ haben, sondern dass es aus geschichtlichen Ereignissen heraus zu Anfragen an unsere Gegenwart kommt. Die Historismusdebatte und der heftige Historikerstreit zum Ende des 20. Jahrhunderts haben zumindest dieses erbracht: Es hat nicht nur die historisch arbeitenden, sondern uns „moderne“ Menschen überhaupt sensibilisiert für das Gewordensein, für die menschliche Verantwortung für „seine“ Geschichte, für die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, für die Relativität und Bedingtheit von Kulturen (ja, Plural!), Wissenschaften, Staatsformen und Rechtsbestimmungen. So dämmert es uns eben doch recht allmählich, dass wir westlichen Menschen bei allen Erfolgen und Leistungen – und Misserfolgen und Katastrophen – nicht allein der Nabel der Welt sind.

Umso mehr sollten uns geschichtliche Themen und Fragestellungen interessieren, weil sie nämlich zugleich unsere Vergangenheit und  unsere Gegenwart in einer zutiefst verunsichernden Vorläufigkeit und Unabgeschlossenheit erkennbar werden lassen. Verunsicherung darüber, was aus dem, was war, geworden ist, und was daraus denn wohl entstehen könnte. Denn eines zeigen geschichtliche Studien und Betrachtungen auch: Dass es fast nichts gibt, was unmöglich ist, dass scheinbar sichere Entwicklungslinien abrupt abbrechen und etwas völlig Unerwartetes zur Verwirklichung kommt. Die prinzipielle Unabgeschlossenheit, Offenheit der Gegenwart macht jedes ‚abschließende‘ Urteil über gegenwärtige Entwicklungen obsolet. Das ist tatsächlich die Tücke mit der Geschichte: Wir erkennen nur im Nachhinein, was damals in der damaligen Gegenwart wirklich war. Es ist nicht erst das Problem der Zukunft, dass wir nicht wissen, was kommt! Der daraus zu ziehende Schluss sollte also Bescheidenheit und Vorsicht im Urteil darüber sein, was gegenwärtig ist und welche Möglichkeiten und Perspektiven sich ergeben. Es sind allenfalls Wahrscheinlichkeiten, und nicht einmal die lassen sich angemessen bewerten.

Ich möchte noch einen weiteren Blickwinkel für die Betrachtung wählen. Die manifeste Realität der Gegenwart umgibt sich mit einem Charakter von Allmacht: So wie jetzt, war es noch nie; so weit wie heute, hat es noch kein Mensch je gebracht; so klug, erfinderisch und voller technischer Möglichkeiten ist noch kein anderes Zeitalter je gewesen. Wir sind einzigartig, und unsere Gegenwart ist einzigartig, darum muss doch auch unsere Zukunft einzigartig, voller Potentiale und ungeahnter neuer Möglichkeiten sein. Die Zukunft wird so zum absoluten Faszinosum, das schon die Gegenwart als Übergangszeit des „Noch nicht“ bestimmt. Besonders die Entwicklung der Computertechnologie verführt zu solch atemlosen Vorwärtsdrängen, als könne man die nächste Stufe dieser herrlichen Entwicklung kaum erwarten. Das Reich der Freiheit, der unendlichen Möglichkeiten, des Endes von aller Entfremdung und Fremdbestimmung liegt zum Greifen nahe vor uns. So klingt es aus manchen enthusiatischen Beschreibungen der neuen Ära des Internets, die schon zu einer neuen Evolutionsstufe des Menschen verklärt wird. Gewiss ist allerdings nur eines: Dass es auch ganz anders kommen kann und dass hier eine verständliche, aber nichtsdestoweniger gedankenlose und geschichtsvergessene Verwechslung von Wunsch und Wirklichkeit vorliegt. Zunächst ist, nüchtern betrachtet, die Technologie der Elektronik eine Sache erstaunlicher Miniaturisierung. Erst seit integrierte Schaltkreise auf Bruchteilen eines Quadratmillimeters aufgebaut werden können, sind Smartphones überhaupt möglich geworden. Es liegt also zunächst eine besondere Skalierung vor, die es so vordem noch nicht gab. Welchen Geist wir aber aus der Nano-Flasche entlassen, wissen wir noch nicht. Gleichzeitig liegt eine besondere, so noch nicht da gewesene Skalierung zur anderen Seite hin vor: Noch nie zuvor haben Menschen ihre Welt, die heute global, d.h. zum überschaubaren Globus geworden ist, in einer solchen Größenordnung beeinflusst, verändert und über die bisherigen „natürlichen“ Grenzen hinaus belastet wie heute. Es gab zwar auch schon zu Zeiten der Römer für immer gerodete Wälder, die dem Flottenbau zum Opfer fielen, aber das war nur „Fliegenschiss“ im Vergleich zur Klimaveränderung, wie wir sie heute erleben. Und noch ein drittes Beispiel für ein Skalierungsproblem: Nie zuvor war die Geldwirtschaft in Form des Kapitalismus so allgegenwärtig und alles beherrschend und durchdringend wie heute. Bedenkt man, dass das Vertrauen in die Macht des Geldes (nicht allein des Euro, sondern des Geldes überhaupt) allein eine Glaubenssache ist, gewissermaßen das Grunddogma unserer kapitalbasierten und renditegetriebenen „Marktwirtschaft“, und Misstrauen jede Währung zerstört, so wird ahnungsweise deutlich, wie fragil der Boden ist, auf dem unser gegenwärtiges „normales“ Leben beruht. Wahrscheinlich ist es eben überhaupt nicht „normal“ so, wie es jetzt ist, also keine Norm für die Zukunft. Aber auch dies wissen wir nicht, es wird sich allererst zeigen.

Der Blick auf die Geschichte kann lehren, auch das, was uns selbstverständlichste Grundlage zu sein scheint, eben nicht als selbstverständlich und naturgegeben anzusehen. Schon die ideengeschichtliche Basis unseres heutigen Bewusstseins, der Fortschrittsgedanke, ist eine geschichtliche „Erfindung“, ein Produkt der frühen Neuzeit. Dies ist das eigentliche Dogma der Moderne. Der Glaube an die Sicherheit des Geldes und an die Gewissheit des Fortschritts machen eigentlich die Welt zu der, die sie gegenwärtig ist, im Guten wie im Schlechten. Es ist dies sozusagen die säkulare „Religion der Moderne“. Aber ein Glaube verliert seine Kraft, wenn der Zweifel wächst. Der Blick in die Geschichte kann vor einem allzu tiefen Fall bewahren. Ob allerdings überhaupt auf die „Geschichte“ geachtet wird und ob so etwas wie Lehren daraus gezogen werden können, ist ebenfalls überaus zweifelhaft. Es gab geniale Geister, Erfinder und Entdecker lange vor uns; wir haben ihre Namen vergessen (zum Beispiel Lukrez, Alhazen, Zheng He). Die Zukunft jenseits der Dogmen der Moderne wird zeigen, ob man sich an uns einmal erinnern kann.

NACHTRAG:

Wenigstens noch zwei weitere Literaturhinweise:

Hans-Jürgen Görtz, Unsichere Geschichte, Stuttgart 2001 (Reclam)

Johannes Rohbeck, Technik – Kultur – Geschichte. Eine Rehabilitierung der Geschichtsphilosophie, Frankfurt 2000 (Suhrkamp TB)

 28. Juli 2012  Posted by at 19:44 Geschichte, Kultur, Neuzeit Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Dumme Geschichte mit der Geschichte
Mai 312012
 
 Reicht „wissenschaftlich“ als Kriterium der Wirklichkeit? In welcher Perspektive wird geforscht und gedacht? Welches sind unsere speziellen kulturellen Bedingtheiten? Keine neuen Fragen, aber stets wichtige. Und aktuell besonders notwendige.

Wir neigen oft dazu (und ich kann mich selbstverständlich nicht davon frei sprechen), die Ereignisse um uns herum aus einer sehr einseitigen Perspektive wahrzunehmen. Zusätzlich zu unseren subjektiven Bedingtheiten und zu unseren individuellen Vorlieben setzen wir unsere geistigen Auseinandersetzungen, Diskussionen und Diskurse in Buch, Zeitschrift oder im Netz auf eine Perspektive auf, die durch unser Herkunftsland und -sprache bestimmt ist. Es ist deswegen normalerweise die deutsche Perspektive. Manchmal gelingt uns auch schon eine europäische Perspektive, allerdings selten genug, wie sich gerade in der sehr nationalstaatlich geführten Politik-Debatte über die Euro-Schulden-Sonstwas-Krise zeigt. Geschichtsbetrachtungen freilich, seien es mehr belletristisch-feuilletonistische Essays oder historische Rekonstruktionen auf der derzeit gültigen wissenschaftlichen Basis, lassen sich schwerlich auf eine nationale Perspektive begrenzen, ist die nationale Idee und die Praxis der Nationalstaaten doch eine recht junge Erscheinung in Europa. Litereraturgeschichte, Kunstgeschichte, Musikgeschichte, Philosophiegeschichte, Wissenschaftsgeschichte usw. sprengen den nationalstaatlich begrenzten Rahmen. Kultur ist international, sagen wir dann leichthin, meinen damit aber im Allgemeinen nur, dass sie nicht nur rein „deutsch“ verständlich zu machen ist. Meist unbedacht bleibt dabei aber die Voraussetzung, dass es selbstverständlich eine europäische Betrachtungsweise ist. Denn Kultur- und „Geistesgeschichte“ gibt es nur in Europa, oder etwa nicht?

Dumme Frage, natürlich nicht, klar. „Natürlich“ gibt es anderswo auch Kultur und Geist und Geschichte, aber eben halt eine „andere“, und die hat mit „unserer“ europäischen wenig zu tun, hat es den Anschein, – zumindest sehr wenig zu tun mit der Perspektive, aus wir tagtäglich lesen – schreiben – denken – reden – diskutieren. Die „andere“ Kultur kommt allenfalls als etwas Exotisches, Touristisches in den Blick, in der großstädtischen Nachbarschaft allenfalls als „Multi-Kulti“, aber „normalerweise“ sind wir eben nur „bei uns“ daheim. „Bei uns“ ist dann die spezifisch deutsche – europäische – westliche – abendländische (womöglich noch christlich geprägte) Umgebung. Sie prägt uns in alltäglicher Handlung wie im alltäglichen Denken viel mehr und stärker, als es uns bewusst ist. Für den Alltag reicht das doch auch, meinen wir.

Ich bin da nicht mehr so sicher.  Schaut man nämlich genauer hin, dann wird es auch bei heute aktuellen Diskussionsthemen (z.B. Urheberrecht bzw. Einstellung zur „Kopie“, oder Energiepolitik oder ‚digitaler Revolution‘) zu unterschiedlichen Beurteilungen führen je nach dem, welchen Standpunkt ich „global“ einnehme und welche Perspektive ich wähle. Ich möchte das an einem Punkt verdeutlichen, der zum allgemeinen Konsens in unserer Kultur zählt, dass nämlich die wissenschaftlich-technisch-industrielle Revolution auf den spezifisch abendländischen Tugenden und Voraussetzungen beruht. Dies aber kann begründet bezweifelt werden. Lesen wir dazu einmal bei dem US-Historiker Robert B. Marks nach, was der über den oft hergestellten Zusammenhang zwischen abendländischer Wissenschaft und industrieller Revolution schreibt:

Es gibt jedoch kaum Anhaltspunkte dafür, die europäische Wissenschaft in Verbindung mit den Anfängen der Industriellen Revolution oder mit ihren revolutionären technischen Neuerungen zu bringen. Dies hat vielerlei Gründe….

So lange man glaubte, die Industrielle Revolution sei von der Suche nach Arbeit sparenden Maschinen in Gang gesetzt worden, mag es sinnvoll gewesen sein, den technologischen Fortschritt als entscheidendes Merkmal anzusehen. Woran es aber tatsächlich mangelte, war – wie oben gezeigt – Boden, nicht Arbeit: Folglich waren es Kohle und Kolonien, die diesen Mangel behoben und es England ermöglichten, sich als erstes Land zu industrialisieren. Grundsätzlich waren die Prinzipien der in der Industriellen Revolution verwendeten Technologien in China bereits bekannt. Was ihre Entwicklung in England statt in China möglich machte, waren – wie zuvor angedeutet – die besonderen Umstände in England, die den Brennstoff [Kohle] für die ersten, außergewöhnlich ineffizienten Dampfmaschinen praktisch frei verfügbar machten. China hatte dieses Glück nicht.

Selbst wenn wir den neuen Technologien – besonders Dampfmaschinen, der Eisen- und später Stahlproduktion – eine namhafte Rolle in der Industriellen Revolution beimessen wollen, gibt es kaum Belege dafür, dass die Mechaniker und Tüftler, die solche Maschinen erfanden, „Wissenschaftler“ waren oder dass sie überhaupt wissenschaftliche Kenntnisse besaßen….Industrialisierung in England war also durch eine Unmenge Faktoren bedingt, zu denen freilich die wissenschaftliche Revolution nicht gehörte. [Robert B. Marks, Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte, 2006 (US: 2002), S. 133f.]

Vielmehr lagen die „besonderen Umstände“ unter anderem im Silberbedarf des frühneuzeitlichen Chinas begründet, den man mit dem südamerikanischen Silber, also aus kolonialer Ausbeutung der Erze, befriedigen und damit Handelsströme umlenken und Machtgewichte neu bestimmen konnte. Sind „Kohle und Kolonien“ (und Sklaven) dann also nur die historischen „Zufälle“, die zum überraschenden Überholen und dann Vorsprung des Westens gegenüber Indien und China führten? So liest es sich bei Marks. Der „ideengeschichtliche“ und durch wissenschaftliche Forschung getriebene „Fortschritt“ erweist sich dann als Mythos, gewissermaßen als Gründungsmythos der Überlegenheitsepoche der abendländischen Zivilisation. Ganz kurz auf die Gegenwart geschlossen: Die heutige (Wirtschafts-) Politik Chinas und Indiens holt also nur einen Entwicklungsschub nach, natürlich heute unter ganz anderen globalen Bedingungen, den die westliche Welt im 18. / 19. Jahrhundert begründete und durch mehrere „Weltkriege“ (auch der Krimkrieg war ein solcher) zu einseitigem Vorteil zu zementieren suchte. Aus chinesischer Perspektive muss allein um der eigenen kulturellen Tradition und Selbstbehauptung willen sowohl die Debatte um die in der abendländischen Aufklärung begründeten „Menschenrechte“ als auch um das Eigentumsrecht an „Originalen“ und die Verteufelung und letztlich Kriminalisierung von „Kopien“ ganz anders geführt und mit sehr anders gelagerten Begründungen und Selbstverständnissen unterfüttert werden, als „uns“ das westlich selbstverständlich und aufgeklärt-humanitär gerechtfertigt zu sein scheint. Auch „Wissenschaft“ hilft da nicht so einfach weiter, weil das Verständnis von dem, was als „wissenschaftlich“ zu gelten hat, ebenfalls kulturell und damit perspektivisch bedingt ist.

Was hilft, ist zu aller erst die Augen über den Tellerrand der abendländischen Perspektive zu erheben. Es ist darum sehr hilfreich, wenn auch einmal „Weltgeschichte“ nicht aus europäisch-abendländischer“ Perspektive geschrieben wird, sondern aus einer globalen Perspektive heraus (siehe das zitierte lesenswerte Buch von Robert Marks), die sich natürlich nie vollständig von der eigenen Herkunft lösen kann. Und das muss ja auch nicht sein. Nur bewusst sollte es sein, aus welcher Perspektive man denkt, liest, redet, schreibt, diskutiert. Der seitens mancher „Netizens“ oft etwas verbissenen ideologischen Diskussion um das Ausmaß und die inhaltliche Tragweite („Paradigmenwechsel“) dessen, was zunächst einmal mit dem Arbeitstitel „digitale Revolution“ versehen werden kann, täte es auch sehr gut, sich ihrer eigenen westlich-wissenschaftlichen „Borniertheit“ bewusst zu werden und das, was jetzt aus „unserer“ Sicht selbstverständlich „dran“ ist, in den weiteren Horizont einer globalen, wirklich interkulturellen Diskussion und Perspektive zu stellen. Den Diskurs dazu muss man allerdings erst erfinden. Das „Weltwirtschaftforum“ in Davos allein (Vorsicht, Ironie) kann es ja wohl kaum sein.

 31. Mai 2012  Posted by at 13:29 Europa, Geschichte, Kolonialismus, Kultur, Neuzeit, Wissenschaft Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Wessen Wirklichkeit treibt die Wissenschaft?
Mai 142012
 
Die Kultur der Ambiguität neu zu entdecken schlägt ein Buch von Thomas Bauer über den Islam vor. Eigentlich ist es aber ein Plädoyer, die eigene Geschichte der westlichen Zivilisation neu zu denken und die Kunst der Ambiguität zu pflegen.

Bei aller Begeisterung und allem Interesse für die Chancen und Möglichkeiten der modernen Kommunikations-Technologien und Computer-Welten bleibt für mich doch die Frage nach den Bedingungen und Grenzen unserer gegenwärtigen technisch dominierten Zivilisation zentral. Allzu deutlich scheinen die Probleme auf, die zu beseitigen einst der wissenschaftlich-technische „Fortschritt“ (seit David Hume) angetreten ist. Der moderne, genauer der westliche Mensch bemächtigt sich der Natur mit ihren „Gesetzen“ und schafft sich seine eigene technisch-mathematische Welt der Produkte und Waren. Dabei zerstört er die ’natürlichen‘, eigenmächtigen Grundlagen menschlichen Daseins als Lebewesen unter vielen in einer begrenzten planetarischen ‚Biosphäre‘. Bleibt also die Frage, wie es dazu kam, dass der westliche Mensch seit der Renaissance die Weltbühne betrat, um sie zu erobern, zu verbessern (Leiden zu verringern) und ’seine‘ Welt sich und seinen eigenen Ideen und Wahrheiten als den nunmehr absolut gültigen  zu unterwerfen, mit einem Wort: sie westlich zu zivilisieren begann. Dass viele Verheißungen sich dabei nicht erfüllt haben, wird nur denjenigen enttäuschen, der bisher alle geglaubt hat: Armut ist nicht beseitigt, Krankheiten wurden nicht endgültig ausgerottet, menschliches Unglück und Leid nicht verringert, nur verändert. Zudem hat der westliche Zivilisationsschub durch Kolonialismus und Nationalismus der Weltgeschichte zwei Geißeln beschert, die wie in kaum einem Zeitalter zuvor zu Kriegen und Massenausrottungen geführt haben. Wenn wir nun dank Wachstum und Industrieproduktion zwar einerseits ‚Wohlstand‘ schaffen, andererseits die Ressourcen der Erde restlos und unwiederbringlich ausplündern, das Angesicht der Erde nachhaltig verändern und all diejenigen Kulturen durch Verdrängung oder Assimilierung beseitigen, die ein anderes Wissen und einen anderen Umgang mit Mensch, Tier und Natur insgesamt pflegen, dann hat man eher den Eindruck, die westliche Kultur sei das Krebsgeschwür geworden, an dem die Welt als Ganze leidet. Ob eine Heilung dieses selbstzerstörerischen Prozesses überhaupt noch möglich ist, selbst wenn es gewollt wäre, ist nicht einmal sicher. Was aber hat zu dieser Entwicklung geführt, die in ihren Ergebnissen auf den ersten Blick so zweischneidig, so ambivalent ist?

Auch hierzu gibt es natürlich schon lange vielfältige Überlegungen. Ich bin nun auf ein Buch gestoßen, das mir doch sehr viel ergiebiger zu sein scheint als vieles, das ich bisher zu diesem Thema an Kritischem und Erhellendem gelesen habe. Das Buch und sein Autor sind auch deswegen so interessant, weil sie gar nicht eine „kritische Theorie“ des Westens intendieren, sondern eine recht aufschlussreiche Darstellung der islamischen Kultur bieten. Es geht ausdrücklich um die Erzählung einer „anderen Geschichte des Islams“: Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011. Der Münsteraner Islamwissenschaftler und Professor der Arabistik unternimmt hier eine von großer Sachkenntnis der arabischen Literatur geprägte Gedankenreise in die Welt der unentschiedenen Wahrheiten, in die Kultur der Ambiguität. Er greift auf Überlegungen unter anderem von Zygmund Bauman, dem polnisch-britischen Philosophen der Post-Moderne, zurück („Modernity and Ambivalence“, 1991) und definiert seinen erkenntnisleitenden Begriff Ambiguität so:

Ein Phänomen kultureller Ambiguität liegt vor, wenn über einen längeren Zeitraum hinweg einem Begriff, einer Handlungsweise oder einem Objekt gleichzeitig zwei gegensätzliche oder mindestens zwei konkurrierende, deutlich voneinander abweichende Bedeutungen zugeordnet sind, wenn eine soziale Gruppe Normen und Sinnzuweisungen für einzelne Lebensbereiche gleichzeitig aus gegensätzlichen oder stark voneinander abweichenden Diskursen bezieht oder wenn gleichzeitig innerhalb einer Gruppe unterschiedliche Deutungen eines Phänomens akzeptiert werden, wobei keine dieser Deutungen ausschließliche Geltung beanspruchen kann. (a.a.O. S. 27)

Es geht also nicht um Toleranz und auch nicht um Ambivalenz, denn beides setzt voraus, dass das Entgegengesetzte oder Widersprüchliche bekannt und definiert ist. Ambiguität verweigert sich gerade einer genauen Definition; sie hält zwei perspektivische Wahrheiten in der Schwebe. Nicht zufällig zitiert Bauer eingangs des zweiten Kapitels und später erneut Max Born, den Physiker der Quantentheorie, hat doch auch diese zur Anerkennung der Gleich-Gültigkeit zweier scheinbar widersprüchlicher Theoriemodelle im Bereich der Physik geführt. Was im Bereich der Quantenphysik die „Superposition“ ist bzw. die quantenmechanische Verschränkung, das kommt in ähnlicher Weise im Bereich der Literatur- und insgesamt der Kulturwissenschaften als Ambiguität heraus. Bauer legt  in dem zitierten zweiten Kapitel seines Buches über den Begriff der „Kulturellen Ambiguität“ ausführlich Rechenschaft ab. Überhaupt sei hier auf einige Rezensionen zur Anlage und zum Inhalt des Buches bei Amazon (siehe oben den Buch-Link) verwiesen.

Spannend ist, wie Bauers Blick auf die nachformative Phase des Islam und der arabischen Kultur  („sunni revival“, 10. – 13. Jahrhundert) zum analytisch-kritischen Rück-Blick auf  die eigene westliche Kultur wird, die sich nun unter dem Stichwort der Ambiguitätsintoleranz kennzeichnen lässt. Seit Descartes‘ berühmter methodischen Forderung des „clare et distincte“ in Definition und Argumentation gehört es zum Grundbestand westlichen Denkens, Unsicherheit und Unschärfe auszumerzen; sie scheint das große Übel zu sein, das sich dem zugreifend – objektivierenden analytischen Verstand widersetzt. Also besteht nun alle geistige wie technisch-wissenschaftliche Anstrengung darin, Eindeutigkeiten in Natur und Kultur herzustellen, denn nur sie ermöglichen Beherrschung, Ausbeutung und Dienstbarmachung: Zivilisation und Kultivierung im westlichen Sinne. Bestenfalls – und das ist nach einigen weltzerstörerischen Kriegen schon eine positive Leistung – kann die Duldung, also die Toleranz von widerstreitenden Ideen gefordert werden in der Hoffnung, dass sich im demokratischen Diskurs schon das „Wahre“ herausstellen, also Eindeutigkeit wieder hergestellt werde. Ambiguitätstolerantes Denken aber setzt anders an; es geht von dem Schwebezustand unterschiedlicher „perspektivischer Wahrheiten“ aus, die eben nicht eindeutig entschieden werden können.

Bauers Kapitel über die Geschichte westlicher und orientalischer Sexualität gehört zu den großartigen Beispielen, die die Fruchtbarkeit seines ambiguitätsorientierten Ansatzes aufzeigt. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis verweist auf die thematisch breit gestreuten und profunden Kenntnisse Thomas Bauers. Hier findet man manches, was es erst noch zu entdecken gilt, will man diesem Denken, wie Bauer es vorschlägt, näher nachgehen. Verheißungsvoll ist es allemal, weil es auf eine Dimension hinweist, die eigentlich im Leben alltäglich, aber umso verdrängter ist: Dass es selten eindeutige Klarheit gibt bei Lebensumständen und -entscheidungen, kein eindeutiges Richtig oder Falsch, sondern vielmehr Unschärfen, Ambivalenzen und eben vielleicht auch Ambiguitäten. Wir müssten uns nur aus der Nische der Kunst entlassen, uns wieder neu auf sie einlassen und sie als Chancen eines offneren und nachhaltigeren Menschseins begreifen. Wir müssten die Kunst der Ambiguität erst wieder lernen, sollte auch aus der westlich-zerstörerischen Kultur einmal wieder eine duldsame und nachhaltige Kultur der Ambiguität werden.

 14. Mai 2012  Posted by at 17:48 Geschichte, Islam, Kultur, Moderne, Neuzeit Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Die Kunst der Ambiguität
Apr 062012
 
Die  Kirchen sollten ihr Glaubensangebot etwas bescheidener als ein pluralistisches Sinnangebot unter vielen darstellen. Alles andere ist Dogmatismus oder schlimmer noch: christlicher Fundamentalismus. Ob nun evangelikal oder päpstlich: darin zeigt sich nur der arroganter Herrschaftsanspruch einer vormodernen Tradition. Dem sollte gerade zu Ostern widersprochen werden.

Es ist schon merkwürdig: Alle Jahre wieder zu den sogenannten „hohen“ christlichen Feiertagen machen sich die klassischen Medien Zeitung, Radio, Fernsehen zum Diener des Christenglaubens.  Da werden auf einmal in den Nachrichten Glaubensinhalte als „news“ verbreitet. Der Papst wäscht 12 Priestern die Füße, „so wie es der Überlieferung nach Jesus am Gründonnerstag beim Abendmahl getan hat“. So etwa wurden in der Tagesschau Bilder aus dem Petersdom kommentiert. Entsprechendes kann man dann zum Karfreitag und bei den Nachrichten über das Osterfest hören und sehen, wo Christen (immerhin, diese Einschränkung wird heute gemacht) „die Auferstehung Jesu feiern“. Das bedeutet die Vermischung von Glaubensaussagen mit Tatsachenbehauptungen. Und dies sollte es eigentlich in religiös neutralen Medien nicht mehr geben. Es ist nur Liebedienerei vor dem Universalanspruch des christlichen Weltbildes seitens der Kirchen und ihrer Amtsträger, insbesondere des Papstes.

Religiöse Weltbilder beruhen auf Glaubensinhalten, die sich entweder dem Bereich vernünftigen Weltzugangs entziehen und / oder im Bezug auf gegebene Wirklichkeit symbolischen Charakter haben, also Deutungsmuster der Wirklichkeit liefern. Glaubensinhalte haben es aber nie mit Tatsachen zu tun, die in Raum und Zeit eindeutig als Geschehen zuzuordnen sind. Wenn Religion dies tut, für ihre Glaubensgegenstände faktische Tatsächlichkeit im Sinne allgemein vernünftiger Zugänglichkeit und Verifizierbarkeit zu behaupten, dann begeht sie eine unzulässige Grenzüberschreitung. Religiöse Menschen und Funktionäre der Kirchen mögen das als legitim und ihrer „Sache des Glaubens“ gemäß ansehen, aber dagegen muss sich die säkulare, historisch aufgeklärte Vernunft entschieden wehren. Glaubensinhalte und sogenannte „Glaubenstatsachen“ können keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und vernünftige Anerkenntnis erheben. Was geglaubt wird, liegt im Bereich der Religionen und ihrer Anhänger. Die tatsächlichen Dinge, die eben als solche „der Fall sind“, gehören in den Bereich der menschlichen Ratio, des vernunftgeleiteten Weltzugangs und Weltwissens.

Beide Bereiche, in Stichworten „Glauben und Wissen“, eben gewissenhaft zu trennen und keine Übergriffe zu dulden, weder von Seiten des Glaubens in den Bereich z.B. der Naturwissenschaft noch von Seiten der Wissenschaft in den Bereich geglaubter Sinngehalte, gehört zu den Errungenschaften aufgeklärten Denkens und zu den Grundlagen der Neuzeit. Religion ist in Sachen des Glaubens so frei, wie es die Wissenschaft im Bereich der Vernunfterkenntnis und tatsächlicher Weltbewältigung ist. Ein Übergriff der säkularen Vernunft gegenüber dem religiösen Glauben welcher Provenienz auch immer wäre ein zu kritisierender rationalistisch-dogmatischer Säkularismus; ein Übergriff des Glaubens auf den Bereich vernünftiger Welterkenntnis und Weltbewältigung wäre ein ebenso zu kritisierender religiös-dogmatischer Fundamentalismus. Gerade die katholische Kirche tut unter ihren letzten Päpsten alles, um diesem religiösem Dogmatismus wieder zur Vorherrschaft zu verhelfen – denn um Herrschaft geht es dabei. Dem muss entschieden entgegengetreten werden.

Ebenso muss dem immer noch und immer wieder bemühten Eindruck begegnet werden, als handle es sich bei den „Osterereignissen“ der christlichen Religion um historische Tatsachen. Die historisch-kritische Erforschung der Bibel seit dem 18. Jahrhundert und ihre durchaus kritische Aneignung in der wissenschaftlichen Theologie der Neuzeit bis in unsere Tage hinein hat erbracht, dass die Schriften der Bibel eben nicht als „Tatsachenberichte“, sondern als Glaubensverkündigung gelesen sein wollen. Einigen der in den neutestatemtlichen Schriften geschilderten „Ereignisse“ mag jeweils ein historischer Kern oder besser Anlass zugrunde liegen, den herauszuarbeiten durchaus schwierig und oft strittig ist. Die Glaubensgeschichte selber aber hat und braucht keinerlei Anhalt an historischer Tatsächlichkeit, bestenfalls deutet und interpretiert sie „Geschichte“, d.h. bestimmte historische Geschehnisse.

Die Vermischung von Glaubensgeschichte und historischer Tatsächlichkeit führt zu solch merkwürdigen Nachrichten-Meldungen und Kommentaren, wie wir sie immer an den christlichen Feiertagen erleben. Unerlaubte Grenzüberschreitungen sind es, die nur eine Grunderkenntnis verwischen, dass nämlich Glaubensinhalte und historische Ereignisse zwei ganz verschiedene Dinge in zwei ganz unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit sind. Es sollte inzwischen auch in den Redaktionen von Zeitungen, Radio und Fernsehen zum Allgemeinwissen gehören, dass die christliche „Passionsgeschichte“ nur eine besondere Art religiöser Legende ist. Über ihren Sinn mag man trefflich streiten und sich darüber austauschen. Tatsächlichkeit zu behaupten ist Unfug. Allenfalls das reine Dass des gewaltsamen Todes eines gewissen Jeshua kann als historisch einigermaßen gesichert gelten, alles weitere ist religiöse Deutung und dogmatisches Interpretament. In Sachen „Schöpfungslehre“ und Evolution ist die missbräuchliche Grenzüberschreitung und Kategorienvermischung mindestens ebenso deutlich und verhängnisvoll; dies wird durch den Trick der Rede vom „intelligent design“ nur bewusst verschleiert. Aber das ist ein anderes Thema.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man sich in den öffentlichen Medien zu Ostern einer klaren begrifflichen weil sachlichen Trennung bewusst wäre. Man würde dann nicht mehr so naiv einer Historisierung von Glaubensinhalten Vorschub leisten. Denn das ist nur Volksverdummung, die leider die Kirchen im Interesse der Vorherrschaft ihres Weltbildes immer wieder betreiben.

 6. April 2012  Posted by at 12:25 Aufklärung, Dummheit, Fundamentalismus, Geschichte, Kirchen, Nachrichten, Neuzeit, Papst, Religionskritik, Vatikan Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Arroganz der Religion
Mrz 042012
 

Fortschritt ist eine zwiespältige Kategorie. „Online“ zu sein scheint heute unvermeidlich. Aber den „Onlinern“ stellen sich „Offliner“ entgegen. Noch ist es zu früh, von einer Gegenbewegung zu sprechen. Aber was nicht ist, kann schnell werden. – Ein Plädoyer für mehr kritische Distanz.

Mit dem Fortschritt ist das so eine Sache.  Der Ausdruck unterstellt ein ‚Fort-Schreiten‘, wobei das „fort“ ja nur eine Distanzierung, ein ‚weg von‘ ausdrückt. Einen Schritt tun zeigt eigentlich dasselbe an: sich von einer Stelle weg bewegen. Es wird weder etwas über die Geschwindigkeit noch über die Richtung ausgesagt, in die man sich bewegt. Auch ist damit noch nichts über die Qualität der Bewegung ausgesagt. ‚Fortschritt‘ ist also von der reinen Wortbedeutung her ein wertneutraler Begriff.

Dem ist aber im Sprachgebrauch des Begriffes ‚Fortschritt‘ mitnichten so. Umgangssprachlich wird Fortschritt meist mit ‚Innovation‘ oder ‚Verbesserung‘ konnotiert. Kulturphilosophisch geht dieser positive Gebrauch des Wortes auf den Fortschrittsgedanken der Aufklärung zurück. Der Mensch entwickele sich nach den aufklärerischen Ideen durch seinen Entschluss, sich aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien (Kant), stetig ’nach oben‘, also weiter ‚fort‘ zu etwas Besserem, Höherem, womöglich ihm Zukommenden, ihm Bestimmten.  Die Geschichte wird danach als lineare Aufwärtsentwicklung gesehen, sei es nur ‚immer besser, immer schneller, immer weiter‘ (optimistisch), sei es hin auf ein vermutetes oder gedachtes Ziel (teleologisch) oder naturhaft zwangsläufig (evolutionär).

Zwei Weltkriege und mancherlei andere Katastrophen haben den Fortschrittsoptimismus zwar desavouiert, aber nicht beseitigen können. Wir haben ihn heute im Wesentlichen technologisch übersetzt: Fortschritt ist dann gleich bessere Technik, mehr Fertigkeiten, neue technische Möglichkeiten. Über einen Fortschrittsoptimismus in kultureller oder moralischer Hinsicht besteht eher Zweifel. Wird vom Fortschritt im Zusammenhang des Prozesses der Globalisierung gesprochen, dann wird der Begriff erst recht ambivalent. Es stellt sich dann die Frage nach den Werten und Zielen, die man mit einem positiven ‚Fortschritt‘ verbinden möchte. Da gibt es zwischen der Chefetage der Deutschen Bank und der Occupy-Bewegung naturgemäß Differenzen.

Das durch einen Tsunami verursachte Unglück im Kernkraftwerk Fukushima, aber viele Jahrzehnte früher schon das Giftunglück von Seveso (unbekannt? hier gibts Infos), die Müllverklappung in den Ozeanen, schließlich Schweinepest und Rinderwahn haben die Zweifel hinsichtlich der allumfassenden technischen Machbarkeit erheblich geweckt und bestärkt. Die Fragwürdigkeit von Großprojekten der Infratstruktur, seien es Bahnhöfe, Flughäfen oder Schnellstraßen, ja auch Stromtrassen und Schienenstrecken, wird vor allem von Anliegern und Betroffenen, aber eben nicht nur von diesen, betont. Statt einer ‚Fortschrittsgläubigkeit‘ mit einer inkriminierten Gigantomanie wird dann der Langsamkeit, der Natürlichkeit, der ‚Nachhaltigkeit‘ (das Modewort dieses beginnenden Jahrhunderts) das Wort geredet. BIO ist in jeder Hinsicht (und fast zu jedem Preis) positiv besetzt und attraktiv, „fleischlos“ essen ist chic geworden, sogar Veganer erfreuen sich der Aufmerksamkeit einer trendbewussten Öffentlichkeit. Die Frage ist also unüberhörbar gestellt: Technologischer Fortschritt – wohin? wozu? zu welchem Preis? Nicht erst Rousseau hat ja den Schlachtruf „Zurück zur Natur“ geprägt, sondern es ist altes stoisches Gedankengut, vom „Leben im Einklang mit der Natur“ zu sprechen. Ob es sich dabei um die wirkliche Natur oder um ein idealisiertes Traumbild von Natur handelt, sei dahin gestellt.

Eine ähnliche Skepsis gegenüber einer umgebremsten Entwicklung, eines kapitalgetriebenen Fortschritts,  scheint sich mir heute gegenüber den digitalen Entwicklungen abzuzeichnen. Von den einen nahezu als Mittel auf dem Weg zum kommunikativen Paradies hoch gelobt, von den anderen als Vergewaltigung und Preisgabe der Privatsphäre verteufelt, ist das Internet fast zum Inbegriff des modernen Zwiespalts gegenüber dem ‚Fortschritt‘ geworden. Den „Onlinern“ stellen sich, man lese und staune, gezielt und bewusst „Offliner“ entgegen, die auf Smartphones, Facebook und andere Segnungen medialer Technik bewusst verzichten. Wird bisweilen von der „technologischen Lücke“ der 25 % bis 30 % gesprochen, die noch (!) nicht regelmäßig oder ständig online sind, so suggeriert dies sofort den Anspruch, dass diese Lücke so schnell wie möglich zu schließen sei. Rasche Umstellung auf Online-Shopping, Online-Banking, Online-Verwaltung in den Komunen, werde diesen Teil der Bevölkerung schon bald zu ihrem Glück zwingen. Oder ist es doch nur ein riesiger Marketing-Trick? Zumindest bleibt es ja mehr als fragwürdig, dass zum Beispiel einem eBook-Käufer sehr viel weniger Rechte ‚gewährt‘ werden als dem Käufer eines gedruckten Buches. Und es gibt viele solcher Beispiele (CD gegen Download; Briefgeheimnis gegen Email u.v.a.m.)

In den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es die überzeugten Fernseh-Verweigerer. Sie sind im Laufe der Zeit zu einer marginalen Gruppe (von Anthroposophen) geschmolzen. Doch die Zeiten und Kommunikations- und Multiplikationsformen haben sich gewandelt. Es sollte mich nicht wundern, wenn die Offliner sich zu einer Bewegung formieren, die gegen die fortschreitende Digitalisierung und Vernetzung der Lebenswelt angehen durch Verweigerung. Zumindest könnte eine solche Bewegung zu recht die Frage nach dem Wohin, also nach dem Sinn und Zweck der Digitalisierung stellen. Dass eine Sache möglich ist und dass sie Schnelligkeit verspricht, ist ja noch kein inhaltliches Argument. Die Netz-Träumereien der „Piraten“ sind eben nur die eine Seite der möglichen technischen Entwicklung. Man wird sehen, welche blinde Flecken sich in dieser enthusiastischen Internet-Bewegung noch zeigen werden. Etwas mehr kritische Reserve ist wünschenswert. Vor allem auch die Fragen: „Wem nützt es? Inwiefern brauche ich das?“ sind immer angebracht. Kritische Distanz und ein sachkundiges Urteil sind vonnöten, wenn Entwicklungen ‚zu schnell‘ fortschreiten und ‚alternativlos‘ zu sein vorgeben. Es geht nicht nur um die Kultivierung der Langsamkeit, nicht nur um den medialen Graben (und entsprechende Grabenkämpfe) in der globalisierten Welt, nicht nur um Datenschutz und Urheberrecht. Um all diese wichtigen Dinge geht es in der Tat auch. Es geht aber vor allem um Weichenstellungen für eine Welt, in der künftige Generationen menschlich (!) leben möchten, eine Welt, die hoffentlich auch noch irgendwie funktioniert, wenn es einen größeren Stromausfall gibt (was zu erwarten ist).

Wenn  man nicht gerade im Fahrstuhl fest steckt, könnte man dann ja ein gutes Buch, gedruckt versteht sich, lesen…

 4. März 2012  Posted by at 11:20 Aufklärung, Internet, Moral, Neuzeit Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Fortschritt und Verweigerung