Mai 052013
 

Die Fixierung der Gegenwart auf die Gegenwart ist oft erstaunlich. Die „Normativität des Faktischen“ (Georg Jellinek) hat eine kaum hoch genug einzuschätzende Kraft. Allenfalls ein wenig in die Zukunft reicht der Blick, aber nur, soweit sie abzuschätzen ist. Und das ist nicht allzu weit. Karl Valentin wird bekanntlich die Äußerung zugeschrieben: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“. Das Handeln im Alltag ist durchweg von recht kurzfristigen Überlegungen geleitet. Große Firmen denken sich gelegentlich langfristige Strategien aus, und die klappen allenfalls teilweise, siehe Valentin. Etwas anders liegt es bei Zielen, die man sich steckt, individuell wie generell. Über ihre Erreichbarkeit ist damit aber noch überhaupt nichts gesagt. Großer Elan im Blick auf die Zukunft ist stets von Wunschbildern geprägt. Dies alles gilt sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Letztere ist wahrscheinlich noch viel stärker auf Beharrung und Idealisierung fest gelegt.

Der Blick zurück in die Vergangenheit gilt als wenig verlockend, wenn es um gegenwärtiges Handeln geht. Selbst Erlebnisse von katastrophalen Ausmaßen verblassen spätestens in der nächstfolgenden Generation. Die politisch oft zitierte Aufforderung „Niemals vergessen!“ ist durchweg von einem speziellen Bild einer bestimmten Vergangenheit geprägt und wird instrumentell im Blick auf gegenwärtige Ziele benutzt. Die Mahnung, nicht zu vergessen, sagt meist mehr über die Gegenwart dessen aus, der ein bestimmtes Bild der Vergangenheit beschwört, als über die Vergangenheit selbst. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass ‚der Mensch‘ (sorry für diese Pauschalierung) so schrecklich wenig aus der Geschichte und so gar nichts aus der nahen Vergangenheit lernt. Der heutige Umgang mit dem Nationalsozialismus und den Weltkriegen ist davon nur vordergründig eine Ausnahme.

Ein Beispiel. Die gegenwärtigen globalen politischen Verhältnisse sind von Nationalstaaten geprägt. Die Basis stabiler (welt-) politischer Verhältnisse ist der geregelte Umgang der Staaten miteinander, und diese Staaten sind weitgehend national definiert. Die gesamte Idee der UNO beruht – nach dem gescheiterten Völkerbund – darauf, dass Nationalstaaten ihre Verhältnisse nach innen souverän (keine Einmischung) und nach außen gemäß dem Völkerrecht (also Nationenrecht) gestalten. Grenzen liegen ein für allemal fest. Ausnahmen (Kosovo) werden als solche deutlich gekennzeichnet und gerechtfertigt. Der Zusammenbruch der UdSSR verlief in weiten Teilen als eine verspätete Bildung von Nationalstaaten auf dem Territorium der UdSSR. In China wäre wohl Ähnliches zu erwarten, wenn es – aus welchen Gründen auch immer – zu seinem Zerfall der Zentralmacht käme, wie es schon so oft in der chinesischen Geschichte der Fall war. Im Grunde ist es die Globalisierung eines europäischen Modells: die Bildung von Staaten auf der Basis eines einheitlichen Staatsgebietes, Staatsvolkes und einer effektiven Staatsgewalt (dreifach Definition von Jellinek). Dieses Modell ist in Europa als Ergebnis Jahrhunderte langer Machtkämpfe und Revolutionen entstanden (vom dreißigjährigen Krieg ab 1618 über den Westfälischen Frieden 1648 und die Französische Revolution 1789 bis zum Wiener Kongress 1814/15). Die daraus erwachsenen Nationalstaaten wurden dann besonders auf dem Hintergrund der Erfahrungen zweier „Weltkriege“ zu Blaupausen für die internationale Staatlichkeit, verfasst in der UNO, und der Ausbildung eines „Völkerrechts“, also eines Rechtes der Nationen. Das entsprach dem Bedürfnis nach internationaler und nationaler staatlicher Stabilität und ist bisher auch einigermaßen erfolgreich gewesen.

UN Building (wikiarchitectura)

UN Building (wikiarchitectura)

Das Problem steckt schon in der Definition des Begriffes „national“. Inwiefern sind die Deutschen (nur als Beispiel) eine Nation? Sprachlich würden auch die Österreicher dazu gehören und ein Teil der Schweizer – die alte Idee eines „Großdeutschland“ wurde bekanntlich zuletzt von Nazi-Deutschland gewaltsam durchexerziert. Aber schon die Reichsgründung 1871 bezog sich auf eine nationalstaatliche Lösung, die unter der Dominanz Preußens einige Kleinstaaten (deutsche Fürstentümer) und sogar das Königreich Bayern integrierte. Das geschah also keineswegs auf der Grundlage eines klaren Nation-Begriffes, sondern aus machtpolitischen Zweckmäßigkeiten und ambivalenten Möglichkeiten. Die Zweistaatlichkeit (1949 – 1989) auf dem Boden des ehemaligen Deutschen Reiches entsprach viel eher früheren geschichtlichen Erfahrungen. Wie schwierig auch unter anderen europäischen Nationalstaaten die Definition des Staatsvolkes auf nationaler Basis ist, zeigen einerseits die nationalen Minderheiten (zum Beispiel die Basken) wie auch die nationalen Eigenständigkeiten selbst unter dem Dach einer konstitutionellen Monarchie (Great Britain aus England, Schottland, Wales und überseeischen Gebieten). Zuletzt hat auf mitteleuropäischem Boden der Zerfall Jugoslawiens in zerbröckelte Nationalstaaten zu Krieg und instabilen Verhältnissen geführt bis auf diesen Tag. Normal, ’natürlich‘, unveränderlich ist da gar nichts. Die Beispiele aus Indien (Trennung Bangladeschs 1971), Indochina (Vietnam) und erst recht Afrika (Somalia) lassen sich leicht ergänzen. Nationalstaatlichkeit ist offenbar keine allgemein gültige Gegebenheit mit Ewigkeitswert. Der Streit über Minderheiten, Sprachen, Kulturen inklusive unterschiedliche Religionen haben Nationalstaaten heutiger Prägung immer wieder zu einem Pulverfass gemacht. Es sind meist nicht mehr als momentan ‚eingefrorene‘ Staatlichkeiten aufgrund konkreter veränderlicher Machtverhältnisse.  Aktuelles Beispiel: Syrien. Es gibt übrigens auch keinerlei Gewähr, dass es sich in Europa im Prinzip anders verhält. Nichts ist hier sicher und von Ewigkeitswert, ganz gewiss auch nicht durch den Euro.

Große Reiche waren in der Vergangenheit stets „Vielvölkerstaaten“, d.h. Staatsgebilde, deren konstitutives Element nicht eine Nation (nicht einmal den Begriff gab es), sondern die Machtausübung einer bestimmten aristokratischen Herrschaftsgruppe / Clan war. Das gilt noch bis zum Osmanischen Reich und ebenso für die habsburgische „Donaumonarchie“ Maria Theresias. Die Probleme und das Ende dieses letzten Vielvölkerstaates auf europäischem Boden sind eng mit dem Entstehen des Nationalismus verbunden. Aber auch ganz andere Staatsgebilde wie die griechischen Poleis waren keineswegs auf einer Nation aufgebaut, sondern eben auf die Lebens- und Wirtschaftsform einer Stadtkultur. Nicht einmal das Recht musste in einem Staatsgebiet einheitlich sein. Für die Ostgoten (Theoderich) in Italien galt stets deren eigenes Recht nur für die eigenen Leute, während die eroberte Region ihr altes Recht behielt. Was hieß überhaupt ‚Eroberung‘? Zunächst Plünderung und dann Tributpflicht als Anerkennung der neuen Oberherrschaft. So jedenfalls hielten es die ‚Römer‘ in ihren Reichen. Interessant ist insbesondere bei den Römern, dass im Verlauf des Römischen Reiches die „Romanitas“ immer stärker als Idee und viel weniger als Volks- oder Herkunftsbezeichnung verstanden wurde. Die meisten römischen Kaiser vor allem der Spätzeit waren mitnichten ‚Römer‘ von Geburt. – Noch ein Hinweis auf die Vielfalt des Rechtes, die in einem Territorium gelten konnte: Im Mittelalter bis zur Neuzeit konnte in deutschen Ländern / Fürstentümern unterschiedliches Recht gelten: ein Hamburger, der in Köln vor Gericht stand, konnte nach hanseatischem Recht beurteilt zu werden beanspruchen. Erst unter Napoleon setzte sich ein einheitliches Recht für alle „Bürger“ durch, der Code Napoleon (Bürgerliches Recht und Strafrecht + weitere). In summa: Das, was uns als selbstverständliche Gegebenheit staatlicher Organisation erscheint, der Nationalstaat (selbst innerhalb der EU), ist weder selbstverständlich noch vorgegeben. Unsere heutige ‚Normal-Staatlichkeit‘ ist ebenso geschichtlich geworden und veränderlich wie alles Geschichtliche überhaupt. Insofern sind auch Nationalstaaten nur eine Episode.

Und was kommt danach? Multipolare, technokratische Großmacht-Staaten, wie in Ansätzen die USA, China und – mit Einschränkung – in Russland, Indien, Brasilien? Zerfall der bisherigen Nationalstaaten in kleinere quasi staatliche Verbände von Volksgruppen bzw. Machteliten (Afrika, aber auch Spanien, Balkan, Kaukasus, EU)? Neuartige Hypermacht-Kontrollorganisationen, die ein technisch geschlossenes System informeller Herrschaft etablieren (weit entwickelte Ansätze dazu im US-Einreiseverfahren und dem Datenaustausch mit ähnlichen Verfahren in Europa (geplant) und Australien; weltweites „Homeland Security Office“; ebenso die Totalüberwachung des Netzes und dadurch der Menschen in China)? Tendenzen zu einer neuen antagonistischen Dualität von „Cyber-Gov’s“ in Washington und Peking, dem sich der Rest der Welt entweder unterordnet oder chaotisch-terroristisch entzieht? Nobody knows. Was immer sich entwickeln wird, welche neuen machtpolitischen Konstellationen Bedeutung erlangen, inwiefern neue Technologien zu neuen effektiveren Formen von Dominanz und Herrschaft führen werden, ist offen. Ob auch die freiheitliche Demokratie westlichen Zuschnitts nur eine weltgeschichtliche Episode bleibt, ist ebenfalls offen, aber nicht unwahrscheinlich. Demokratisch verfasste Nationalstaaten leiden an einer doppelten historischen Relativität: westlich-demokratisch und national zu sein. Soviel ist sicher: Die Welt der Staaten, so wie sie heute ist und Ewigkeitswert beansprucht, ist nur eine Übergangsform aufgrund der besonderen politischen Konstellationen nach 1945. Das ist lange her. Umso wahrscheinlicher, dass sich etwas Neues ankündigt.

 5. Mai 2013  Posted by at 10:00 Geschichte, Nation Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Die Vergangenheit der Nation
Jul 062012
 

Streit nur unter Ökonomen? Lieber eine streitige Diskussion um Europa. Offen Positionen zu benennen und Argumente auszutauschen ist dran. Die Form unseres demokratischen und partizipativen Umgangs steht unter Bewährung. Politik darf sich davor nicht drücken.

Als „Ökonomengezänk“ oder höflicher als „Streit innerhalb der Ökonomenzunft“ (FAZ) werden die gerade aktuellen Aufrufe und Kommentare und Gegenbriefe und Gegenkommentare bezeichnet. Ich erspare es mir, hier alles mit entsprechenden Links zu unterlegen; man findet Einschlägiges dazu bei jeder Zeitungs- oder Newsseite. Ob es angemessen oder unangemessen ist, statt von Banken-Rekapitalisierung von einer Übernahme von Risiken und Schulden zu sprechen, lasse ich dahin gestellt. Ich bin kein Ökonom, verstehe zwar den Unterschied, aber nicht, wie weit sich eines vom anderen im Endeffekt abgrenzen lässt. Auch alarmistische Töne oder ein nationalistischer Zungenschlag bzw. die „von nationalen Klischees geprägte Sprache“ (Rürup) des zuerst veröffentlichten Aufrufes der 172 WiWi’s im Gefolge von Werner Sinn werden moniert. Es gibt sogar einen textkritischen Vergleich unterschiedlicher Fassungen dieses Aufrufes im Handelsblatt. Ok, Aufreger wieder langsam runter fahren. Um was geht es?

Klar, es geht um eine angemessene Bewertung der jüngsten EU-Gipfelbeschlüsse insbesondere zur Unterstützung notleidender Banken und der künftigen Mittel und Möglichkeiten des ESM. Nun sind diese Beschlüsse reichlich kryptisch, diplomatisch formuliert und in ihrer Bedeutung für mich zunächst einmal nicht verständlich und abschätzbar. Zuviel steckt auch im „Subtext“. Der Streit um die „richtige“ politische Interpretation setzte ja noch in der selben Nacht ein (Monti, Merkel, Hollande – „kommunikatives Desaster“) und erwies sich schnell als recht vieldeutig. Was ist denn nun eigentlich beschlossen worden? Welche konkreten Absichten stehen hinter dem jeweiligen Wortlaut? Wo sind es nur Kompromissformeln, die das eigentliche Problem verdecken? Wenn schon die Politiker darüber streiten, was genau beschlossen bzw. mit den Beschlüssen beabsichtigt ist (bzw. „wer gewonnen hat“), dann darf man sich nicht wundern, wenn erst recht die Ökonomen, die ja gerne in den Medien als Fachleute gerufen werden bzw. sich ebenso gerne selber als solche präsentieren, darüber äußerst uneins sind. In der „Ökonomenzunft“ steigert sich die Uneinigkeit noch einmal, weil es jedem von ihnen nicht nur um die „nackten Tatsachen“ der Beschlüsse geht, sondern um die vermuteten Auswirkungen und Nebenwirkungen, um die Bewertung (!) der Richtung, in die diese Gipfelbeschlüsse zielen, und um das Hervorrufen von Aufmerksamkeit dafür, was man „immer schon“ gefordert bzw. wovor man „immer schon“ gewarnt habe. Also um die jeweiligen Vor-Urteile und Wert-Urteile geht es. Davon sind insbesondere Ökonomen nicht frei, denn eine „wertfreie“ ökonomische Wissenschaft gibt es nicht. Selbst die Nobelpreise für Ökonomie zeigen über die Jahre am Beispiel der Laureaten völlig unterschiedliche, ja gegensätzliche Positionen. „Ökonomengezänk“ ist also nicht nur nicht neu, sondern recht alltäglich. Da stehen dann auch die jeweiligen Institute, gewerkschafts -oder arbeitgebernah, und ihr Kampf um Einfluß (und Geld) auf dem Markt der Meinungsbildung gegeneinander. Nochmal: Warum dann die große Aufregung?

Ich denke, abgesehen von der versuchten politischen Einflussnahme (siehe Schäubles Protest) ist die Aufregung ganz auf unserer Seite: auf der Seite der Leser und Diskutanten. Denn nicht nur im Netz bewegt uns Bürger heute die Frage nach der Zukunft des Euro, nach den Problemen Europas und ihren möglichen Lösungen, verbunden mit konkreten Ängsten und Bedrohungsgefühlen: Da will wer an „unser“ (gefühlt: „mein“) Geld. Und schon sind da alte Ressentiments („die Franzosen“), neue Affekte („die faulen Griechen“) und platte Lösungen („raus aus dem Euro“, wobei „die“ oder „wir“ gemeint sein können) in der Diskussion. Schnell ist man dann beim Vorwurf, der eine oder die andere sei zu viel / zu wenig „europäisch“ oder zu viel / zu wenig „deutsch“. Das sind eigentlich alles ungute, wenngleich verständliche Reflexe der Unsicherheit, des Nichtverstehens, des Verdachtes, wieder einmal „von denen da oben“ verschaukelt zu werden. Darum plädiere ich in jedem Falle zuerst für weniger weniger Aufregung und mehr Gelassenheit, sodann für Sachlichkeit und Nüchternheit.

Dazu ist aber, wie schon an anderer Stelle verlangt, mehr Aufklärung, deutlichere Erklärung, auch ein Aufzeigen der Unwägbarkeiten und Aporien seitens der handelnden Politiker nötig, zu aller erst gegenüber dem Parlament, dann aber sofort auch gegenüber der Öffentlichkeit, dem Bürger. Es dürfte in der heutigen Situation auch nicht sogleich als Mangel und Fehler verstanden werden, wenn zu einzelnen Punkten gesagt werden müsste, dass man da auch noch nicht so genau wisse, wie es damit weiter gehen solle. Das ist ja auch der Sinn von Maßnahmen, die erst einmal „Zeit kaufen“. Irgendwann wird es zu Lösungen auf europäischer und nationaler Ebene kommen müssen: ob mehr oder weniger „Europa“, ob Verzicht auf Souveränitätsrechte oder nicht, ob mehr Kontrolle, ob und wann ein Referendum, und wenn ja, zu welcher konkreten Frage. Um recht verstandene Solidarität geht es, um den akzeptablen Eigennutzen und das Recht und die Grenzen nationaler Interessen. Darum muss gerungen, gestritten, diskutiert werden und gerade auch von den politischen Akteuren eine klare Stellungnahme und Position gefordert werden. Vor allem sollten die Regierenden und Verantwortlichen aller Parteien in der derzeitigen Situation ihre Aufgabe nicht in weniger Information und Beschlüssen in Hinterzimmern suchen, sondern offensiv in mehr Information, Offenheit und Beteiligung der Bürger am Prozess der Meinungsbildung. Insofern steht derzeit die Form unseres demokratischen und partizipativen Umgangs unter Bewährung. Auch die öffentlichen Medien sollten ihren Teil zur Aufklärung und offenen Diskussion beitragen – Blogger und Netizens tun das schon längst. Kontrovers darf es dabei ruhig zugehen, muss es sogar. Aber wenn irgend etwas, dann ist es das Thema „Europa“, das heute in die öffentliche Diskussion gehört.

Und eines sollte dabei auch gesagt werden: Es wird kosten, so oder so, eine „billige“ Lösung wird es nicht geben. Das darf man getrost vermuten. Wir Deutschen haben bisher erheblich von Europa und dem Euro profitiert (Wiedervereinigung!). Irgend wann ist dafür der Preis zu bezahlen.

UPDATE:

Eine gute Übersicht über die Aufrufe gibt CARTA; eine Übersicht über die unterschiedlichen Argumentationen der Ökonomen gibt die FTD.

 6. Juli 2012  Posted by at 12:22 Aufklärung, Banken, Demokratie, Euro, Europa, Finanzkrise, Medien, Nation, Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft Tagged with:  Kommentare deaktiviert für Nur Ökonomengezänk?
Okt 052011
 

>Nachträgliche Gedanken zum „Tag der Deutschen Einheit“

Nach dem „Tag der Deutschen Einheit“ gehen mir immer wieder Gedanken durch den Kopf, welche Möglichkeiten in solch einem Tag liegen. Es geht vielleicht nicht allein um das Gedenken der Wiedervereinigung, die am 3. Oktober 1990 Rechtskraft erlangte. Besonders im vergangenen Jahr, dem 20. Jahrestag, stand dies Erinnern naturgemäß im Vordergrund. Aber in diesem Jahr fiel mir zum ersten Male auf, dass an einigen wenigen Stellen in den Medien vom „Nationalfeiertag“ gesprochen wurde. Das ist formal völlig richtig, denn dieser 3. Oktober, der „Tag der Deutschen Einheit“, ist der einzige durch Bundesgesetz festgelegte „gesetzliche Feiertag“, also ein Feiertag für das gesamte vereinigte Deutschland, nicht nur eines oder einzelner Bundesländer wie alle übrigen gesetzlichen Feiertage. Damit hat dieser Tag tatsächlich formal den Charakter eines nationalen Feiertages.

Ich denke aber mehr an die inhaltlichen Möglichkeiten, die sich vielleicht schon in diesem Jahr ein wenig  gezeigt haben (in Berlin mehr als in Bonn, wenn man der Berichterstattung glauben darf). Die Erinnerung an die Einigung des vorher zweigeteilten Deutschlands steht ja nicht geschichtslos da. Das zeigten schon vor 21 Jahren die Überlegungen, welches Datum denn für diesen Gedenktag in Frage kommen könne und welches nicht; der thematische Artikel in der Wikipedia erinnert an die damals genannten und zu Recht verworfenen Alternativen. Wenn es negative Ereignisse in der deutschen Geschichte gibt, an die möglicherweise zu erinnern ein unpassendes Datum des „Tages der Deutschen Einheit“ nahe gelegt hätte, so ist es doch heute viel interessanter und vielleicht Zukunft weisender, an diesem Tag auch an diejenigen Ereignisse in der deutschen Geschichte zu erinnern, die sagen wir einmal ‚positiv besetzt‘ sind, also an die Geschichte der demokratischen Bewegung zu erinnern, die zwar nicht so erfolgreich war, das imperialistische Kaiserreich und die nationalsozialistische und danach die kommunistische Tyrannei zu verhindern, die es aber doch gab und an die zu erinnern ein Nationalfeiertag geeigneten Anlass böte. Natürlich müsste genauer geprüft werden, welche geschichtlichen Zusammenhänge hier ins nationale Gedächtnis gerufen zu werden verdienen und ob hier nicht auch eine gewisse Offenheit wünschenswert wäre. Ich denke da einmal ganz vorläufig und ungeschützt beispielsweise an die Frankfurter Nationalversammlung, die 1848/49 in der dortigen Paulskirche tagte („Paulskirchenversammlung“), die immerhin die Grundlagen für die spätere parlamentarische Demokratie in Deutschland legte, aber auch an die Gründung der Weimarer Republik 1919 als erster im neuzeitlichen Sinne demokratischen Staatsform auf gesamtdeutschem Boden; unser Grundgesetz ist ohne die Weimarer Reichsverfassung kaum zu verstehen. Ich meine dies weniger im Sinne eines sog. „Verfassungspatriotismus“ (Richard von Weizsäcker, Jürgen Habermas, für mich schon begrifflich ein Unding), als vielmehr im Sinne der Intention, geschichtlich bedeutsame Ereignisse oder besser Linien und Ideen ins Gedächtnis zu heben, die für die Existenz und das Verstehen unserer Verfassung, eben des Grundgesetzes (z.B. auch warum dies nicht Verfassung heißt) notwendig sind, die also für die positive Vorgeschichte eines demokratischen, freiheitlichen und friedlichen Deutschlands wesentlich sein können.

Auf diese Weise könnte auch ein Bewusstsein entwickelt und geschärft werden, das sich auf Deutschland als Ganzes bezieht – und nicht nur auf einzelne Bundesländer (z.B. „Wir in NRW“) oder Regionen („Franken“, „Westfalen“ usw.). Es ist aus meiner Sicht etwas dürftig, Patriotismus nur bei Fußballereignissen als angemessen zu betrachten. Das zeigt allenfalls eine Fehlstelle: weil uns in Deutschland nach 1945 verständlicherweise und zu Recht ein „Nationalbewusstsein“ fehlt: Es gab entschieden zu viel davon mit verheerenden Folgen. Es ist allerdings ebenso berechtigt zu fragen, ob dies für alle jetzt lebenden und nachwachsenden Generationen so bleiben muss. Es wird schwer, sich als „Europäer“ zu verstehen, wenn sogar eine „deutsche“ Identität fehlt. Sie wäre neu zu entwickeln und in Formen zu fassen, als kulturelle, sprachliche, wertbestimmte Identität, die offen ist für Andere und Neues – und eben nicht national-konservativ und borniert wie früher so oft. Das Bedürfnis für ein solches freiheitliches und demokratisches Nationalbewusstsein sehe ich durchaus vorhanden, nur schafft es sich heute in vielerlei regionalen Identitäten Raum; diese können jenes zwar bereichern, aber nicht ersetzen. Denn auch in den regionalen Identitätsvollzügen kommt immer wieder viel Enges, Kleinkariertes, Borniertes zum Ausdruck („Mia san mia“ – eine dumme Parole!), das in einem bewusst gestalteten offenen (!) kulturellen „Nationalbewusstsein“ korrigiert und erweitert werden könnte. Gerade dafür könnte ein erweitertes Themenspektrum für den „Tag der Deutschen Einheit“ genutzt werden, und dann könnte dieser Tag auch über die „runden“ Jahrestage, bezogen auf 1990, hinaus zu einem positiven und inhaltlich gefüllten Nationalfeiertag werden. Ich meine, diese Chance hätte er verdient.

 5. Oktober 2011  Posted by at 16:51 Deutsche, Deutschland, Nation Kommentare deaktiviert für >Der Sinn eines Nationalfeiertages