Mai 252013
 

Der Mensch hat Zeit. – Dieser Satz gilt strikt. Der Mensch ist das Subjekt der Zeit. Die Zeit ist ihm zu eigen. Das Jetzt gibt es sogar ausschließlich für den Menschen. Gegenwart und Vergangenheit sind Interpretationen der Zeit. Zukunft ist das, was erwartet wird, – oder das, was einfach auf uns zu kommt. „Unsere“ Zeit ist ganz und gar etwas durch uns Geschaffenes.

Immanuel Kant definierte Raum und Zeit als „reine Formen der Anschauung“. Zeit ist für ihn ebenso wie der Raum etwas formal Vorgegebenes, das Anschauung und darauf hin Wahrnehmen und Begreifen überhaupt erst ermöglicht und begleitet. Er geht damit zwar über den „absoluten“ Raum Newtons und dem entsprechend über eine absolute Zeit hinaus und nimmt Raum und Zeit gewissermaßen das Objektive. Zugleich sind Raum und Zeit aber die a priori gegebenen Rahmenbedingungen jeglicher Erkenntnis, die auf Anschauung beruht. Die Zeit ist damit kein Gegebenes innerhalb der Welt, sondern die transzendentale Voraussetzung von Welterkenntnis überhaupt. Man kann nun in der Nachfolge Kants darüber streiten, ob damit Raum und Zeit als Rahmenbedingung aller Anschauung und somit aller Erkenntnis der Subjektivität des Menschen zuzuordnen ist, oder ob es sich bei den „reinen Formen“ doch eher um objektive Ideen geht, die menschliche Erkenntnis immer schon vorfindet. Letzteres wäre eine fast noch metaphysische Interpretation, Ersteres würde den Weg bahnen in ein streng subjektivistisches Verständnis von Raum und Zeit.

Curitiba, Brasil (Wikipedia)

Curitiba, Brasil (Wikipedia)

Bleiben wir bei der Zeit. Die heutige analytische Philosophie, speziell die Philosophie des Geistes, nimmt die Entwicklungen und vorläufigen Ergebnisse der Neurowissenschaften positiv auf, wenn sie den Geist des Menschen, sein Empfinden, Vorstellen und Begreifen, also den gesamten Bereich des Mentalen, als etwas denken und verstehen möchte, dem stets ein neurales Korrelat zugeordnet ist. Ich vermeide es mit diesem Ausdruck, die Art der Zuordnung irgendwie, womöglich einseitig kausal, zu bestimmen. Das mag sein oder auch nicht – es spielt für diese Überlegungen jetzt keine Rolle. Entscheidend ist der Versuch, die mentalen Phänomene, also Bewusstsein, Wahrnehmen, Vorstellen und schließlich Denken und Begreifen als an das menschliche Gehirn gebunden zu beschreiben. Lässt man sich auf diesen Weg einmal ein, dann gewinnt die Frage an Bedeutung, wie denn genau die Phänomene des Bewusstseins zu beschreiben sind, wie es entsteht, gebildet wird, sich ausprägt und entwickelt, wie also aus „einfacher“ Sinneswahrnehmung im Bewusstsein die eigene Welt des Menschen entsteht. Schließlich führt diese Überlegung weiter zu der spannenden Frage, wie das Selbst, das ‚Ich‘, phänomenal zu beschreiben ist, und wie höher stufige mentale Prozesse nicht nur gegenständliches Erkennen, also mithin das, was wir banal realistisch als Raum erfahren, sondern auch das eigene Gegenwärtigsein und Seiner-selbst-bewusst-Sein ermöglichen. Schließlich gehört es zu den evolutionär höchsten Leistungen des Geistes, in sich das Abbild einer Welt zu konstruieren als ein mentales Modell, und damit strikt ‚gleich-zeitig‘ auch das gegenwärtige Jetzt zu schaffen. Anders herum gesprochen: Abgesehen vom Bewusstsein eines Lebewesens wie des Menschen gibt es kein Jetzt, keine Gegenwart, keine Vergangenheit und auch keine Zukunft, so wie wir sie mit der Metapher des Zeitstrahls verstehen. Die Natur kennt keine Zeit in unserem Sinne, sondern nur Prozesse und Wechselwirkungen, die durch den Zweiten Hauptsatz der Wärmelehre, das heißt durch die unumkehrbar ‚gerichtete‘ Zunahme der Entropie bestimmt sind. Zudem ist das, was wir Zeit nennen, in gleichförmig bewegten Inertialsystemen relativistisch gestaucht oder gedehnt, also mitnichten ein objektiv gegebenes unveränderliches Maß.

Bleiben wir beim Augenblick, bei unserem Jetzt. Das Bewusstsein, so könnte man nun sagen, ‚modelliert‘ die Sinneswahrnehmung zu einer Welt, zumindest zu einer ‚Welt für mich‘ aus der exklusiven Perspektive des Jetzt. Das, was mir im Augenblick bewusst ist, konstituiert mein zeitliches Jetzt. Dies ist wiederum die Basis für das „Zeitfenster“ der Gegenwart. In Abgrenzung zum gegenwärtigen Jetzt kann das mentale Modell des Selbst auch eine Vergangenheit bestimmen, die durch die Erinnerung als vergangene Zeit repräsentiert wird. Mit der Zukunft ist es einfacher; sie ist eigentlich gar kein Zeitbegriff, sofern sie nur das bezeichnet, was unter unendliche vielen Möglichkeiten ‚als nächstes‘ passiert. Als vom eigenen Selbst geplante, erhoffte oder befürchtete Erwartung wird sie aber als eine noch nicht realisierte Zeitstruktur für das Ich als „Zukunft“ modelliert. Tatsächlich, so lässt es sich analytisch durchaus plausibel beschreiben, ist die Zeit, zumal die Gegenwart im Jetzt, etwas dem Menschen Ureigenes, nur ihm mental Zugängliches. Die Modelle mentaler Repräsentation schaffen nicht nur das ‚Selbst-Verständnis‘, sondern weit mehr: Sie konstituieren und konstruieren für mich eine Welt in der Zeit, in der allein ich sie und es und ‚alles‘ erleben kann: meine Welt in meiner Zeit.

Wie ’subjektiv‘ verschieden das Jetzt erlebt und gedeutet werden kann, zeigen die verschiedenen Zeiträume der ‚Gegenwart‘: Sprechen wir von der „Gegenwartskultur“, dann besteht diese Gegenwart aus Jahren oder Jahrzehnten. Beziehe ich mich auf den Ort, an dem ich mich „gegenwärtig“ aufhalte, dann kann diese Gegenwart ein Tag oder mehrere Tage sein. Spricht man von Geistesgegenwart, dann meint man eine augenblicklich aktuelle Reaktion, die Gegenwart schrumpft zum Nu dieses Augenblicks. Davon noch einmal zu unterscheiden ist natürlich die Empfindung, die wir beim Erleben unserer Zeit haben: die Minuten oder Sekunden, die so endlos dauern bis zum ersehnten Abpfiff eines Endspiels in Wembley…

Diese Überlegung ist nur eine Möglichkeit. Sie erklärt viel und lehrt uns, unser Erleben in der Welt, in Raum und Zeit, als jeweils eigenes Erleben anders und, wie ich meine, besser zu verstehen. Die heutige analytische „Philosophie des Geistes“ gehört zum Spannendsten, was es seit langem in der Philosophie zu denken gab.

Hinweis: Philosophisch informativ und einführend in die „Theorie des phänomenalen Selbstmodells“ ist Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel, 5. Auflage 2012.

 25. Mai 2013  Posted by at 17:59 Bewusstsein, Geist, Philosophie Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Zeit – Geist
Mai 122013
 

Eines der spannendsten Gebiete der heutigen Wissenschaften befasst sich mit dem Geist, unter dem englischen Begriff einer Theory of Mind. Das Spannende ist, dass es bei der Frage nach dem menschlichen Geist nicht um das Spezialgebiet einer einzelnen Wissenschaft geht, sondern um eine Frage, die nur interdisziplinär angegangen werden kann. Neurowissenschaften, Kognitionswissenschaft, Psychologie und Philosophie, um die wichtigsten Disziplinen zu nennen, können offenbar nur miteinander unter jeweils eigenen, aber auf einander bezogenen Fragestellungen denjenigen „Gegenstand“ untersuchen, den man herkömmlich den „Geist“ nennt, darunter das Bewusstsein als einem Spezialbereich, die Frage nach dem Ich, nach dem Selbst, nach dem „computationalen“ Denkvermögen und vor allem nach der Physiologie und Funktionalität des Gehirns, das offenbar mit allen geistigen Prozessen unlösbar verbunden ist. Aber wie? (Einige frühere Beiträge in diesem Blog zeigen, dass mich diese Frage nicht los lässt.)

Und da ist sie auch schon, die Frage aller Fragen, an der sich die Geister (metaphorisch) scheiden. Weitgehend unbestritten ist es, von einer Korrelation zwischen neuralen Funktionen und geistigen Fähigkeiten zu sprechen. Aber was genau bedeutet diese Korrelation? Oder ist da mehr, nicht nur Korrelation, sondern Kausalität? Bedingen also physiologisch-neurale Prozesse alle Erscheinungen und Fähigkeiten des Geistes, des Bewusstseins? Neurologen formulieren meist, dass geistige Vermögen einschließlich des Bewusstseins auf neuralen Substraten „beruhen“. Aber was genau heißt dieses „beruhen“? Werden ausgelöst, verursacht, bedingt, beeinflusst? Oder „nur“ begleitet, ermöglicht, basal fundiert im Sinne von „kein Geist ohne Gehirn“?

Auf Seiten der analytischen Philosophie hat sich die Fragestellung lange Zeit auf die „Qualia“ konzentriert, also auf das sogenannte „phänomenale Bewusstsein“, das als „Gefühl von etwas“ beschrieben werden kann. Was die Wahrnehmung der Farbe „rot“ verursacht, wissen wir, aber können wir damit auch erklären, wie es sich anfühlt, „rot“ zu sehen, also diesen (oder jeden anderen) sensorischen Eindruck zu haben? Die Verneinung der Frage argumentiert mit der berühmten „Erklärungslücke“ (explanatory gap), die zwischen Bewusstsein und physiologischer Erklärung bestehe. Aber sind diese „sekundären Qualitäten“ wirklich Gegenstände, also objektivierbare Gegebenheiten unseres psycho-physischen Erlebens oder sind es eher sprachliche Zuschreibungen, also kein introspektives „Was“, sondern eben ein „Wie“, in dem sich unser Erleben ausdrückt? Neurokognitionswissenschaft und philosophischer, d.h. epistemischer und / oder ontologischer Reduktionismus sehen hier allenfalls ein Scheinproblem. Vielleicht ist die Zuspitzung auf die Qualia auch nur ein in der Diskussion immer stärker isolierter Aspekt, der inzwischen das eigentliche Problem verdeckt: Können wir das Bewusstsein in all seinen Funktionen und Phänomenen naturwissenschaftlich erklären?

Neuronen (Wikipedia)

Neuronen (Wikipedia)

Immerhin ist es auch in der Hirnforschung unbestritten, dass trotzt gewaltiger Fortschritte in den letzten Jahren noch sehr Vieles wenn nicht das Meiste der Arbeitsweise des Gehirns terra incognita ist. Wir stehen da erst ganz am Anfang. Dies betont auch immer wieder der analytische Philosoph und Vertreter der „Selbstmodell-Theorie der Subjektivität“, insbesondere des „phänomenalen Selbst-Modells“, Thomas Metzinger. Seine genial klingende Theorie der mehrfach gestuften Selbstmodellierung als der repräsentationalen Arbeitsweise des Geistes bzw. des Bewusstseins fragt immer wieder nach den neuralen Korrelaten dieser Theorie, die es erst noch zu finden gilt. So forderte der finnische Neuro-Kognitionswissenschaftler Antti Revonsuo Ende der neunziger Jahre eine „multidisziplinäre Bewusstseinswissenschaft“ (in „Grundkurs“ Bd. 1, siehe unten). Allein die „systematische Beschreibung des Bewusstsein“, also der phänomenologischen Ebene, sei „vielleicht die größte Herausforderung“. Ohne Zweifel ist man damit inzwischen schon etwas weiter, aber offenbar keineswegs am Ziel. Und das ist ja nur der erste Schritt.

Zu leicht macht es sich auf jeden Fall die populäre Rezeption der Bücher von Antonio Damasio, dass halt „alles“ im Denken und Empfinden „nur“ Prozesse auf der Basis von neuronalen Substraten seien. Der Geist wird rasch durch das elektrische Funken und biochemische Prozesse des Gehirns ersetzt. Das ist dann nichts anderes als die recht vereinfachende These der Reduktionisten. Wie schon vor einhundert Jahren hat der (damals verbreitete) „biologische Mechanismus“ den betörenden Vorteil eines einheitlichen und einfachen Weltmodells, nämlich des materialistischen. Wir werden um die relative Wahrheit dieses Ansatzes nicht herum kommen, aber man sollte den materialistischen Grundsatz auch nicht zum Glaubensbekenntnis der Wissenschaftstheorie hoch stilisieren. Oder ist er etwa nur ein Glaubenssatz, also ein weltanschauliches Axiom?

Abgesehen von der vor einigen Jahren in verschiedenen Feuilletons, Vorträgen und öffentlichkeitswirksamen Disputen behandelten Frage nach dem „freien Willen“ – Wirklichkeit oder Illusion – ist das Interesse an den Theorien und Ergebnissen der Neurowissenschaften und der analytischen Kognitionswissenschaften öffentlich kaum vorhanden. Die Aufmerksamkeits-Karawane ist heute woanders hin gezogen. Wen es dennoch interessiert und wer sich über den aktuellen Stand der Wissenschaft informieren will, der kann zu „Der Ego-Tunnel“ von Thomas Metzinger greifen (Taschenbuch 2009; 5. Auflage 2012): „Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik“. Diesem für das menschliche Selbstverständnis zentralen Thema, was denn „der Geist“ ist und wie das „Selbst“ zustande kommt, ist mehr Aufmerksamkeit zu wünschen. Denn die Wissenschaft vom Bewusstsein hat heute mindestens die Explanationsstufe „3.0“ erreicht.

[Die ausführliche Beschäftigung mit der analytisch-philosophischen Fragestellung anhand von zahlreichen klassischen Texten zu unterschiedlichen Positionen, jeweils kurz eingeleitet, ermöglicht  der dreibändige „Grundkurs Philosophie des Geistes“ von Thomas Metzinger, 2006 – 2009.]

 12. Mai 2013  Posted by at 13:15 Bewusstsein, Geist, Wissenschaft Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Theory of Mind 3.0
Okt 112012
 

Die Gültigkeit der Aussage „Nichts ohne Gehirn“ und die Eigenständigkeit des geistigen Bereiches („Layer“) innerhalb der einen Wirklichkeit habe ich in den vorigen beiden Beiträgen zu umreißen versucht. Es fehlt noch eine recht entscheidende Überlegung. Es geht um die Frage nach der Verbindung, nach der Bindung oder „Teilhabe“, wie früher gesagt wurde, zwischen der „Welt“ des Mentalen, Geistigen und der Wirklichkeit, wie sie „ist“, wie sie die Naturwissenschaften erfasst. Wie kommt man von dort nach hier und von hier nach dort? Was ist der vermittelnde „link“? Klingt auf dem ersten Blick vielleicht trivial, ist es aber ganz und gar nicht. Der heutige Begriff von Wissenschaft und Erkenntnis ist nicht gründlich genug bedacht, wenn diese Frage übergangen wird.

In einem TV-Beitrag zum Thema „Macht des Unbewussten“ (WDR 09.10.2012) erklärte ein Hirnforscher, es gebe zwar „die Welt da draußen“, nur hätte „ich“ sie noch nie gesehen, denn das einzige, was „ich“ wissen könne, seien die Bilder der Außenwelt, die mir mein Gehirn präsentiere. Ich wisse und erführe also nur, was mir Sinne und Gehirn ‚vorgaukeln‘. Vielleicht ist dieser Neurologe ja ein wenig philosophisch bewandert, dann weiß er auch, dass genau dies die These der klassischen griechischen Skepsis ist, mehr als 2000 Jahre alt. Eines ihrer Hauptargumente beruhte auf der Erfahrung, dass es subjektiv keine Möglichkeit gibt, zwischen einer „echten“ Wahrnehmung und einer Sinnestäuschung zu unterscheiden: Ich bin in meinem Erkennen und Wissen abhängig von dem, was mir die Sinne und das Gedächtnis vermitteln. Was „wirklich“ ist, vermag ich nicht zu erkennen (Pyrrhonische Skepsis). Heute ist es das Gehirn, das mir fast gänzlich unbewusst, aber im Lebensvollzug „transparent“ die Wahrnehmung der Umwelt verarbeitet und aufbereitet. Aus dem Gehäuse meines Kopfes komme „ich“ nicht heraus. Neurale Prozesse konstruieren „meine“ Wirklichkeit.

Die radikale Skepsis hatte schon in der Antike wenige Anhänger, denn allzu offensichtlich spricht die Alltagserfahrung doch dagegen: „Irgendwie“ orientiere ich mich eben doch ganz erfolgreich in der realen Außenwelt. In der Hirnforschung hat sich auch keineswegs Skepsis breit gemacht, sondern nur die Instanz verschoben, die den Kontakt zur Außenwelt vermittelt. Es ist nicht das wache Bewusstsein, sondern vielmehr die unbewusste Steuerung durch Sinneseindrücke und deren erfolgreiche Verarbeitung und Interpretation in den verschiedenen Arealen des Gehirns. Das Bewusstsein in der der Hirnrinde ist nur eines davon.

GPS Satellit im Orbit, Wikipedia

Die Frage ist also weniger, ob oder wie die Welt „draußen“ in mir repräsentiert wird (das geschieht offenbar, und sehr erfolgreich), sondern wie und auf welche Weise es zu einer Übereinstimmung kommt zwischen den geistigen Tätigkeiten, Vermögen,  Konstruktionen und den Realitäten der natürlichen Welt. Denn ebenso offenbar sind die „idealen“ Konstrukte  des Geistes keineswegs deckungsgleich mit ihren Entsprechungen in der tatsächlichen Welt. Den geometrischen Kreis kann ich zwar exakt berechnen, aber nie exakt zeichnen, und er kommt auch in der alltäglichen Welt nie exakt, sondern allenfalls annäherungsweise vor. So waren es gerade die geometrischen und mathematischen Erkenntnisse, die Welt der Zahlen und der Geometrie, die einen Platon zur Beschreibung der „Ideen“ als der „wahren“ Wirklichkeit hinter der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit führten. (Gunter Dueck sieht das etwas zu kurzschlüssig.) Sie schienen doch umso vieles genauer und wirklicher zu sein als alles, was wir sehen und messen  können. Und genau diese Erkenntnis ist dann Ausgangspunkt der enormen Leistungen unserer modernen Naturwissenschaft: die Welt mathematisch zu beschreiben und so zu verstehen und produktiv nutzen zu lernen.

Und jetzt können wir die offene Frage nach der „Verbindung“ genauer stellen: Wie kommt es, dass die mathematischen Produkte unseres Geistes die Welt der Dinge so unglaublich exakt und genau beschreiben können? Ist die natürliche Welt also „zahlenhaft“? Was aber, wenn die Mathematik, wie ein Erwin Schrödinger es formulierte, nur eine hervorragend geeignete Sprache wäre, also ein menschliches Konstrukt, um Naturdinge angemessen zu beschreiben? Wie kommt es dann zu der Übereinstimmung von Denken (in Zahlen) und Wirklichkeit (in Dingen)? Und noch zugespitzter: Finden oder erfinden wir „Naturgesetze“? Sind es überhaupt „Gesetze“ (wer hätte sie denn erlassen oder aufgestellt?) oder nur heuristische Prinzipien? Was ist aber mit der ungeheuren Exaktheit, mit der bestimmte Naturkonstanten (z. B. ‚h‘, ‚c‘, ‚G‘, anders aber ähnlich π) in Zahlenwerten bestimmbar und immer wieder experimentell und mathematisch bestätigt werden? Sind die Formeln und Regeln der Logik (hm, welcher?) nur Operanden unseres Denkens oder sind es Strukturen der Wirklichkeit „da draußen“? Worin besteht der „link“ zwischen den denkerisch erkannten, ‚geistigen‘ Strukturen und der realen, dinglichen Wirklichkeit?

Oder ist die Wirklichkeit doch nur das, zu was unser Erkennen (mit Sinnen und Geist, Hirn und Verstand) sie bestenfalls „machen“, „schaffen“ kann? Leuchtet da Platons Sonne tatsächlich von außen in die Höhle (das war ein Vorschlag für die Lösung des Problems des „missing link“) oder ist die „Sonne“ nur in uns, in unserem mentalen, geistigen Vermögen, womit wir wieder in der gefährlichen Nähe der Skepsis wären? Oder zeigt die Hirnforschung insofern einen Lösungsweg auf, als wir diese Selbstbezüglichkeit anerkennen und nutzen sollten, weil wir aus der „Falle“ der Selbstreferenz niemals heraus kommen können: Das Gehirn betrachtet und befragt das Gehirn, was es als Gehirn leistet und „denkt“? Schließlich sind auch die Erkenntnisse und Interpretationen der Hirnforscher selbst wiederum mentale Leistungen menschlicher Gehirne, – bauzperdauz.

Ich weiß die „Lösung“, sollte es eine geben, natürlich nicht. Ich lasse mich freilich auch nicht damit abspeisen, die Frage sei halt falsch gestellt, so what? Die Frage nach der adäquaten Verbindung, Entsprechung, Teilhabe, wie auch immer man es nennen mag, von „realen“ und „geistigen“ Inhalten bleibt ja bestehen, wenn man genauer hinsieht und weiter denkt. Vielleicht kann man das Problem tatsächlich nur „komplementär“ lösen, dass es eben je nach Ausgangspunkt der Fragestellung unterschiedliche Antwortmodelle geben wird. Dann ist es wie in der Quantenphysik: Es gibt keine „vorstellbare“ Beschreibung, nur eine exakte mathematische Lösung. Und das reicht immerhin, um die tollsten Computer und andere Sachen zu bauen…

 11. Oktober 2012  Posted by at 10:10 Bewusstsein, Naturwissenschaft, Philosophie Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Missing Link
Jun 132012
 

Die Aufregung über die Rede vom „intelligent design“ hat sich hierzulande nach wenigen Jahren gelegt. Nicht so in manchen Bereichen der Religionswissenschaft und der (katholischen) Philosophie. Da sind Emergenz-Theorien sehr beliebt. Selbst der „heilige Thomas“ wird gegen die Neurobiologen bemüht.

Der Zug für Gottesbeweise sollte seit Immanuel Kant eigentlich abgefahren sein. Zumindest dürfte es sich seit dem großen Kritiker nicht mehr so leicht über Metaphysik, Religion und Wahrheitsaussagen über Transzendenz spekulieren lassen. Transzendental, Kants erkenntnistheoretischer Leitbegriff, ist eben nicht die Erkenntnis des Jenseitigen, sondern die Klärung der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt. Die ist durch Zeit und Raum als „Formen der Anschauung“ bestimmt und begrenzt. Nur zur Erinnerung. Man mag das heute anders und moderner formulieren, aber diese Einsicht bestimmt seitdem unseren Begriff von Wissenschaft und dem, was menschliche Erkenntnis an Wahrheitsgehalt leisten kann. Dass über diesen Bereich hinaus für den Einzelnen persönlich noch Weiteres für wahr und wirklich angesehen werden und gelten kann (Glauben, Religion, Metaphysik), bleibt unbestritten. Nur allgemein verständlich und allgemein verbindlich, also intersubjektiv kommunizierbar im Sinne wissenschaftlicher Klarheit und Bestimmtheit ist dieser Bereich subjektiver „Wahrheiten“ nicht.

Für die kirchlichen Theologien eine unbefriedigende Situation. Kein Wunder, dass sie sich nach Phasen der Akzeptanz dieses neuzeitlichen Ausgangspunktes des Denkens (-> „existentiale Interpretation“ im Protestantismus) immer wieder bemüht, dem Gegenstandsbereich religiöser Vorstellungen und theologischen Denkens doch wieder einen „objektiven“ Charakter zu verleihen. Derzeit ist das wieder sehr in Mode. Gerne geschieht das unter dem Dach der „Religionswissenschaften“ (der Begriff  Theologie scheint kirchlich vereinnahmt und insofern belastet), die dann mit dem Anspruch wissenschaftlicher Exaktheit gegen meist naturwissenschaftliche Kritiker antreten. Zwei Richtungen fallen mir da auf:  die Lehre (ja, man muss das wohl so nennen) vom „intelligent design“ und die Emergenz-Theorien. Erstere finden sich vor allem in den evangelikalen Kreisen der USA (siehe die umfangreiche Sammlung von englisch sprachigen Webseiten zu dem Thema, z.B. http://www.intelligentdesign.org/, auch vom Wiener Kardinal Schönborn verteidigt), oft vertreten als die vermeintlich anspruchsvollere Variante des Kreationismus. – Letztere Emergenz-Theorien finden sich zwar auch im angelsächsischen Bereich, dort besonders innerhalb der Evolutionsforschung (vgl. Lewes und Morgan, siehe zur Übersicht den Wikipedia-Artikel zum Thema Emergenz), aber neuerdings wieder lebhaft im deutschsprachigen Bereich philosophischer Diskussion, vorwiegend katholischer Provenienz. Die Fragestellung wird dann als Kritik des (naturwissenschaftlichen, speziell neurobiologischen ) „Reduktionismus“ im Themenzusammenhang des „Leib-Seele-Problems“ verhandelt. Eine gute Übersicht gibt dazu der Sammelband „Die Aktualität des Seelenbegriffs“, herausgegeben von Georg Gasser und Josef Quitterer (Christlich-philosophisches Institut der Kath. Fakultät der Uni Innsbruck), 2010. In den darin enthaltenen Aufsätzen versuchen Dieter Sturma, Tobias Kläden und Josef Quitterer die „naturalistische Engführung“ durch eine Neuaufnahme des aristotelischen Hylemorphismus bzw. einer Repristination der thomistischen Anima-forma-corporis – Lehre zu überwinden. Bei allen Genannten spielen die „Lücken“ biologischer Erklärungsmodelle eine wesentliche Rolle. „Emergenz“ wird dann zum Schlüsselbegriff (so bei Franz Mechsner) einer ontologischen Bestimmung der qualitativen evolutionären Sprünge, die in der Entwicklung vom Einzeller zum Menschen festgestellt werden. Diese theoretischen Versuche sind durchaus anregend zu lesen, weil sich die Autoren meist die Mühe machen, zumindest den naturwissenschaftlichen Gesprächspartner ernst zu nehmen. Ob sie wirklich genau genug zuhören, ist eine andere Frage.

Das Modell der „Emergenzen“ ist aber nicht nur hier zum beliebten Schlüsselwort geworden. Es erscheint als elegant formulierter und erkenntnistheoretisch maskierter Ersatzbegriff für den traditionellen „Lückenbüßer“: Das, was naturwissenschaftlich-„reduktionistisch“ nicht vollends erklärt werden kann (und welche naturwissenschaftliche Theorie wäre nicht vorläufig und stünde nicht ständig auf dem empirisch-experimentellen Prüfstand?), wird flugs zum Einfallstor neo-metaphysischer oder theologischer Theoriebildung. So jedenfalls klingt es, wenn in dem wissenschaftlichen (!) Internet-Portal SciLogs in einer Buchvorstellung fröhlich ausgeführt wird:

Dass hierbei immer wieder vermeintliche Grenzen überschritten und vermeintlich feste Gesetze in neue Dimensionen hinein erweitert wurden, lässt sich kaum mehr leugnen und durchaus als Transzendenzgeschehen (von lateinisch transcendere = überschreiten) beschreiben. Und schon weil wir überhaupt nicht vorhersagen können, welche weiteren Systeme sich bilden und welche Eigenschaften diese hervorbringen werden, ist erkenntnistheoretische Demut angemessen. Ob schließlich doch nur ein Nichts oder eine Gottesschau der sich selbst in immer weiteren Verbindungen verwirklichenden Materie im Sinne etwa Teilhard de Chardins steht, kann nur geglaubt, nicht aber abschließend geklärt werden. (Michael Blume auf SciLog)

So kommt man von der vorsichtigeren Formulierung der Problemstellung „Religion und Evolution“ schnell zu der viel engeren Aussage „Evolution der Offenbarung“ (so der Titel des besprochenen Buchers von von Ulrich Lüke und Georg Souvignier). Klar, Teilhard de Chardin lässt grüßen. Aber auch andere wie Patrick Spät propagieren einen „graduellen Panpsychismus“, ebenfalls bei SciLog vorgestellt. Wem das als Stichwort zu abenteuerlich erscheint, lese selber nach. Klar, es darf keine Denkverbote geben, aber den Anspruch klarer Distinktion und sauberer Argumentation muss man doch in jedem Falle stellen, wenn derartige Diskussionsbeiträge über den engeren kirchlichen Rahmen hinaus ernst genommen werden wollen. Sonst nämlich sind sie das, als was sie auf den ersten Blick stark aussehen: reine Apologien, also nur eine modernistisch verkleidete Verteidigung traditioneller Denkkonzepte (der heilige Aquinate!). Emergenz – das gibts in der Evolution – da schaut doch klar der Herrgott hervor!

Ernst genommen werden sollte ohne Wenn und Aber die sehr prägnante begriffliche Klärung, wie sie Ansgar Beckermann (Philosoph an der Uni Bielefeld) in seinem Studienbuch „Das Leib-Seele-Problem. Eine Einführung in die Philosophie des Geistes“ (2011) zu den Bestimmungen „reduktionistisch“, „monistisch“ und „dualistisch“ vornimmt. Hinter diese Begriffsbestimmungen und Abgrenzungen sollte die heutige Diskussion nicht mehr zurück fallen. Wenn einzelne Definitionen zu eng oder voraussetzungsvoll befunden werden, dann sollte eine Kritik zumindest ebenso sachlich genau und definitorisch distinkt sein bei dem, was als Alternative vorgeschlagen wird. Dies muss man leider immer wieder vermissen.

Ein letzter Hinweis auf einen Artikel (ebenfalls bei SciLog), der eigentlich sehr gut und knapp formuliert, was Religionswissenschaft, Theologie, Philosophie und Psychologie nicht mehr ohne weiteres hintergehen können: nämlich den einfachen Satz „Ohne Hirn ist alles nichts“. Christian Hoppe erklärt im Anschluss an eine längeren Diskussion sehr schön, worauf es sachlich und begrifflich bei der Diskussion des Leib-Seele-Problems oder einer theory of mind bzw. dem Erklärungsanspruch der Neurowissenschaften ankommt. Es mag einem Geisteswissenschaftler nicht gefallen, aber daran vorbei sollte man sich nicht drücken. In jedem Falle sollte eine neue „Lückenbüßer-Theorie“, die Gott und das Transzendete in den Emergenzen sichtet oder gar zur Voraussetzung der Evolution erklärt, vermieden werden. Sie hat schon allzu oft versagt, weil sie stets nur bis zur nächsten naturwissenschaftlichen Entdeckung gilt. Die solcherart religionswissenschaftlich bemühte „Emergenz-Theorie“ ist doch nur neuer Wein in alten Schläuchen – oder noch anders gesagt, eine intellektuell elegante Form der einfacheren Rede vom „intelligent design“.

 13. Juni 2012  Posted by at 13:32 Bewusstsein, Fundamentalismus, Neurowissenschaften, Philosophie Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Abgefahrene Wissenschaft
Jan 212012
 

Was ist die Seele? Gibt es sie? Ist der Begriff „Seele“ ein Konstrukt metaphysischer Vergangenheit? In den letzten Jahren sind erstaunlich viele Bücher erschienen, die der Frage nach der Seele als einer zentralen philosophischen Frage erneut nachgehen. Es geht also nicht um esoterische Literatur. Vielfach sind es Erörterungen, die an die Diskussionen über die bisherigen Ergebnisse der Hirnforschung anknüpfen. Offene Fragen wie die nach Willensfreiheit und Personalität werden in der aktuellen Philosophie des Geistes thematisiert. In diesem Zusammenhang ist ein geschichtlicher Rückblick auf die Entwicklung des Seelenbegriffs angebracht.

Unter dem Thema „Augustin oder: Die Reinigung der Seele“ bin ich dem Verständnis von „Seele und Geist in Geschichte und Gegenwart“ nachgegangen. Es ist dabei ein Beitrag zum Verhältnis von Religion und Psychologie entstanden, der aus dem Rückblick heraus die gegenwärtigen Aporien und festgefahrenen Antithesen des naturalistischen Reduktionismus und des ontologischen Dualismus in gleicher Weise vermeiden und überwinden helfen möchte. Kristallisationspunkt ist die Person Augustins geworden, weil sich in ihr das verdichtet, was das Verständnis der Seele in der abendländisch-christlichen Philosophie über Jahrhunderte geprägt hat. Gerade seine Verbindung psychologischer Selbstbetrachtung (in den Confessiones) mit der radikal negativen Anthropologie (Erbsünde) auf der Basis eines einseitigen Sexismus hat folgenschwere Konsequenzen gehabt bis in unsere Tage. Der Seelenbegriff ist nicht zuletzt durch Augustin geprägt und in gewisser Weise „vergiftet“ worden. Die Neuzeit hat sich dieses Begriffes weitestgehend entledigt. Statt dessen wurde Bewusstseinsphilosophie oder eben eine Philosophie des Geistes entworfen, die ohne Umschweife zu den heutigen Fragestellungen der Kognitionswissenschaften hingeführt haben. „Gehirn & Geist“, „theory of mind“ sind die heute aktuellen Stichworte einer Diskussion, die das Seelische als etwas Unwissenschaftliches der Esoterik überlassen hat – oder allenfalls als empirische Psychologie einzuholen trachtet.

Welchen Sinn hat es da, sich erneut mit dem Begriff „Seele“ herum zu schlagen? Dies soll in dem hier vorgestellten Beitrag aufgezeigt werden. Es gibt von unterschiedlicher Seite spannende Versuche, Vorschläge und Entwürfe, den Begriff „Seele“ als Katalysator in eine Diskussion einzubringen, die sich mit den Schwierigkeiten der sogenannten „Qualia“ nicht zufrieden geben kann. Vielleicht kann dadurch ein Weg gefunden werden, aus der unglücklichen Sackgasse der Antithetik entweder empirischer Naturalismus oder ontologischer Dualismus heraus zu kommen.

Der Beitrag steht frei im Netz zur Verfügung als der erweiterte Text eines Vortrages (HTML ) oder als eBuch (PDF).

Augustin oder: Die Reinigung der Seele.
Seele und Geist in Geschichte und Gegenwart
Ein Beitrag zum Verhältnis von Religion und Psychologie

 

 21. Januar 2012  Posted by at 17:27 Bewusstsein, Geist, Hirnforschung, Philosophie Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Seele und Geist
Okt 232011
 

Es ist natürlich nichts Neues. Der Focus der öffentlichen Wahrnehmung, basierend auf der veröffentlichten Meinung, wechselt ständig. Da kann ich auch keinen Unterschied zwischen den klassischen Medien (Zeitungen, Radio, TV) und den neuen Medien, sozialen Plattformen und Blogs feststellen. Der Schwerpunkt der Themen und die Intensität, in der gerade aktuelle Themen behandelt, verbreitet und diskutiert werden, der kann allerdings unterschiedlich sein. So sind nach meiner Beobachtung diejenigen Themen, die mit dem Netz zu tun haben (Trojaner, Piraten, Netzsperren), in der Netz-Diskussion auch stärker verankert und intensiver als in den „alten“ Medien. Das verwundert ja auch nicht. Was mir jedoch auffällt, ist dies, dass der Fokuswechsel dort mindestens so schnell und häufig ist wie in der traditionellen Presse. „Occupy“ ist eine Woche nach den Demonstrationen nahezu vollständig als Thema verschwunden. Die Piraten tauchen seltener auf, seitdem auch die Umfragewerte nichts Neues mehr hergeben. Wurde das Ergebnis der ersten bundesweiten Umfrage nach den Berlin-Wahlen, als die Piraten nun auch auf Bundesebene 8 % Zustimmung erfuhren, noch in hoher Taktzahl retweetet, so erfahre ich die heutige Presseinfo, dass der Umfragewert der Piraten nach wie vor bei 10 % liegt, aus Online-Zeitungen und nicht von Twitter. Beschäftigen sich die klassischen Medien dagegen vorzugsweise mit dem Thema Euro-Rettung und allen verwandten Themen, so findet sich dieses in den social media viel weniger wieder; offenbar ist man dort des ständigen Hin und Her und Auf und Ab der offiziellen Politik müde und überdrüssig. Die TL enthält wieder sehr viel mehr private und spaßige Themen, eine Art Rückkehr zur Normalität, denke ich. Es ist eben auch hier nicht jede Woche die Stimmung für Drama und Alarm vorhanden. Und die Presse treibt dann irgend eine andere Sau durchs Dorf. Selbst der zwielichtige Tod Gaddafis war nach 3 Tagen „durch“.

Nun ist dies alles bestens bekannt und überhaupt nicht verwunderlich und kaum der Rede und des Nachdenkens wert. Wenn da nicht die kleine Hoffnung wäre, es könnte in den nicht-hierarchischen sozialen Medien etwas „nachhaltiger“ zugehen als bei den hektischen und auf Tagesaktualität um fast jeden Preis angewiesene Zeitungen, online wie gedruckt. In Foren findet man am ehesten das Dranbleiben an einem Thema, allerdings auch in einem  meist sehr geschlossenen Kreis. Dies gilt übrigens auch für manche längere und interessantere Threads zum Beispiel bei Google+: Es beteiligen sich „immer dieselben“ – und auch da gibt es Platzhirsche und Meinungsführer. Die ‚circles‘ grenzen aus und grenzen ein. Die fehlende Hierarchie ist oft nur eine technische oder theoretische Möglichkeit. Faktisch ist der öffentliche Diskurs eben doch nicht so öffentlich, so ‚demokratisch‘, wie einen manches Mal die ‚Netizens‘ glauben machen wollen. Vielleicht erliegen sie auch einer verständlichen Selbsttäuschung, in dem die eigene Netz-Affinität als Normalfall für die Öffentlichkeit genommen wird. Das aber ist noch lange nicht der Fall – und ob es jemals der Fall sein wird, steht auch dahin. Denn zur interessierten Öffentlichkeit gehört eben immer auch das Interesse, das politische, kulturelle, auch das pure Interesse an Diskussion. Freude an Rhetorik und Argumentation gehört dann eben auch dazu. Und dies scheint dann doch eben immer noch bei wenigen vorhanden zu sein. Konsumieren, auch im Netz, ist da allemal einfacher und von vielen bevorzugt und gewollt. Nur so kann ich auch den Erfolg des Apple-Modells verstehen, das ja weniger eine Beteiligungsstruktur hat, sondern eine perfekt organisierte Distributionsstruktur ist Nun, auch Rom wurde nicht in 3 Tagen erbaut; hoffen wir also, dass die Möglichkeiten öffentlicher, freier und nicht-hierarchisch geordneter Diskussion doch allmählich mehr und breiter genutzt werden. Diskussion allein wird da allerdings nicht reichen: Echte Beteiligung an Willensbildungen wäre dafür gewiss ein aktivierendes Motiv. Vielleicht haben ja die Piraten mit ihrem Modell der ‚liquid democracy‘ (bei allen Unzulänglichkeiten) doch ein wenig Erfolg – Veränderungspotential hat es jedenfalls.

 23. Oktober 2011  Posted by at 09:19 Bewusstsein, Demokratie, Internet, Medien, Politik Kommentare deaktiviert für Wahrnehmung
Okt 152011
 

Manchmal bin ich erstaunt, wie unterschiedlich offenbar die Welten sind, in denen wir einzelne leben, oder anders gesagt, wie unterschiedlich wir unsere Um- und Mitwelt wahrnehmen. Auf der einen Seite liest man in Blogs, Foren, auf einschlägigen Webseiten im weiten Umfeld von CCC und Piraten, Datenschützern und Gesellschaftskritikern, wie sehr sich unsere Welt durch das „Netz“ bereits verwandelt habe. Um ein neues Wirklichkeitsverständnis scheint es da zu gehen, um eine völlig neue Dimension sozialer Kontakte und sozial-medialen Verhaltens. Die begriffliche Unterscheidung von „online“ Kontakten und „echten“ Kontakten wird kritisiert, da reale Welt und Internet eben eines seien: Das Netz ist Teil der realen Welt. Zweifelsohne. Aber die  Überlegungen, die nun darüber hinaus angestellt werden, und die Schlüsse, die gezogen werden, gehen doch in eine sehr viel grundsätzlichere Richtung. Die Foren der Piraten geben drüber gut Aufschluss, aber auch Diskussionen bei Google+, und natürlich die Berichte über Tagungen und Barcamps wie gerade an diesem Wochenende „#om11„, also die „open mind“ – Wochenendtagung in Kassel. Die Themen dort klingen sehr interessant, und ich lese gerade die aktuellsten Kurzberichte dazu bei Twitter. Die Wirklichkeit der „Netzwelt“ ist bereits eine andere geworden als die „analoge“ Welt vorher und ohne Netz. Das stimmt schon. Dass das Internet neben veränderten Produktionsweisen auch ein verändertes Kommunikationsverhalten hervor bringt, steht auch außer Zweifel. Aber wie weit ist es damit her? Und wie ist es bisher zu bewerten? Muss ich da gleich eine neue Gesellschaftstheorie bemühen (Kommunitarismus?) oder neue Strukturen der Kommunikation erkennen, die das menschlich-soziale Verhalten grundlegend verändern würden? Ich bin da vorsichtiger und beobachte erst einmal. Viele der vollmundig propagierten neuen Sichtweisen und Theorien sind doch arg marktschreierisch und auf Effekte der medialen Beachtung hin ausgerichtet. Sascha Lobos Kolumne gehört auf jeden Fall zu Letzterem. Andere bemühen in enorm aufgeblasener intellektueller Attitüde Theorien des Strukturalismus, sehen Niklas Luhman als neuen / alten Leitstern der Netzkultur, entdecken die Transpositionsgrammatik Chomskys als Erklärungsmuster des neuartigen Kommunikationsverhaltens oder flüchten sich gleich in die Bewusstseinserweiterung durch NLP. Was Wunder, wenn einem da die sozialen Webseiten oft eher als digitale Spielwiesen vorkommen.Ok, neue Entwicklungen, neue Medien, neue Möglichkeiten, die durch Techniken wie Internet und Kommunikationsplattformen wie Twitter (Frage: wieviel wird nur getweetet, wieviel replies?), facebook, G+ u.a.m. bereit gestellt werden, erfordern auch neue Antworten. Schon richtig.

Aber die „reale“ Welt, die ich im Alltag erlebe, sieht doch noch sehr anders aus. Da gehe ich ein den Supermarkt einer großen süddeutschen Lebensmittelkette einkaufen und freue mich, dass ich hier die
Waren in meinem Korb selber einscannen kann und dann am Kassenterminal nur zu bezahlen brauche – und wieder einmal ist das System abgestürzt und eine lokale Fachfrau versucht, das Programm wieder neu zu starten. Gelingt nicht – es ist Wochenende. Das war schon öfter so. Also wieder an der Fließbandkasse anstehen. Beim Reifenwechsel später kann ich in dieser Filiale einer Reifenkette heute nicht mit Karte bezahlen, da das Kartenlesegerät defekt ist – oder die Verbindung nicht klappt oder was auch immer. Vor ein paar Tagen wird vermeldet, dass ein regionales Catering-Unternehmen erheblichen Schaden hatte, da seine Steuerungssoftware ausgefallen war und Schulen und Kindergärten nicht rechtzeitig mit Essen versorgt werden konnten. In der hiesigen VHS steht zwar Internet zur Verfügung, man könnte es als Dozent prima einsetzen, wenigstens das Netzwerk im eigenen Hause, wenn es denn problemlos funktionieren würde und wenn die Teilnehmer bereit wären, vom geliebten „Arbeitspapier“ in gedruckter Form abzulassen. Und das ist nicht nur bei Älteren so. In der Arztpraxis arbeitet man mit einem recht alten Datensystem auf Win2000-Basis – ‚bloß keine Änderung, das läuft wenigstens‚. Alles nur Anfangsfehler, Anfangsschwierigkeiten, technische Unzulänglichkeiten? Oder ist unsere Welt einfach noch gar nicht so weit, wie die Avantgarden in den Universitäten und entsprechenden IT-Firmen uns glauben machen wollen. Und wenn dann großartig gemeldet wird, endlich seien auch die Politiker, wenigstens einige, aufgewacht: „Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier ist der erste Unionspolitiker, der direkten Anschluss an die digitale Welt sucht“ (FAZ) und dieser dann im zitierten Teaser erklärt:

 „Bis vor kurzem wusste ich nichts vom Netz. Mir war die gesellschaftliche und politische Dramatik, die von der rasanten Evolution des Internet ausgeht, bislang nicht einmal im Ansatz klar.“ Erste Erfahrungen mit Twitter machte er vor drei Wochen: „Als ich in einem Tweet bekannte, dass ich nicht wisse, wie man auf dem Blackberry Umlaute schreibt, dauerte es keine vier Minuten, bis mich von allen Seiten Tweets erreichten, in denen das prompt erklärt wurde.“

dann zeigt das doch eher eine Banalität als eine Kulturrevolution. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich glaube sehr wohl, dass die Entwicklungen, die durch das Internet bisher angestoßen werden und teilweise schon realisiert wurden, sehr weit reichende Folgen haben und noch mehr haben werden. Es besteht aller Grund, sich über die „Netzwelt“ Gedanken zu machen. Aber dabei geht es doch in der Regel um Zukunft, um eine sich allmählich vollziehende Veränderung, die sehr viel langsamer in die Alltagswelt und in unser Alltagsverhalten eindringt, als viele Nerds und IT-Profis meinen. Man darf halt seine eigene digitale Welt nicht für die allgemeine halten. Das gilt natürlich auch für mich. Aber ich halte die Augen offen, beobachte, lese, frage nach – und denke mir vorläufig meinen Teil.

 15. Oktober 2011  Posted by at 09:14 Bewusstsein, digital, Internet Kommentare deaktiviert für Leben wir schon digital?
Jan 282009
 

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Präsident Obama hat in seinem Interview mit Radio Arabija am 27. Januar ein bemerkenswert offenes Angebot neuer Zusammenarbeit und neuen Vertrauens  gemacht. Diese Adresse an die muslimische Welt im allgemeinen und an den Iran im besonderen hat mehr als Symbolcharakter. Obama wies nämlich unter anderem darauf hin, „dass er in islamischen Staaten gelebt und muslimische Familienangehörige habe.“ Obama hatte einen Teil seiner Kindheit in Indonesien verbracht. Kenianische Verwandte väterlicherseits sind Muslime, sein Vorname Hussein zeugt davon. Genau dies zeigt noch einmal das Bemerkenswerte dieser Präsidentenwahl: Hier ist ein Mann an die Spitze des mächtigsten Staates der Welt gewählt worden, der aus seiner eigenen Geschichte eine ganz andere, neue Sichtweise und kulturelle Mitgift mitbringt als alle anderen Präsidenten der USA vor ihm und westliche Staatsmänner – und -frauen neben ihm. Die eigene Biographie kann eben doch auch zu veränderten Perspektiven und neuen Möglichkeiten verhelfen, die es sonst nicht gibt. Obama hat diese Chance. Es weht wirklich ein „wind of change“ vom Weißen Haus in Washington her, der in der Welt Veränderung bringen kann!

 28. Januar 2009  Posted by at 06:56 Bewusstsein, Obama Kommentare deaktiviert für >Obamas Sein schafft neues Bewusstsein