Jul 252013
 

Die philosophischen Themen in diesem Blog haben ein eigenes Gewicht bekommen. Sie sind nicht immer von allgemeinem Interesse und passen auch nicht recht zu einem Meinungs-Blog. Philosophische Beiträge werde ich darum künftig in einem eigenen Blog veröffentlichen:

PhoMi – Philosophy of Min/e/d
Beiträge zur Philosophie der Gegenwart

Thema ist darin in einem ganz weiten Sinne das, was heute „Philosophy of Mind“ genannt wird, es wird dabei aber stets meine eigene Position sichtbar werden, also „Philosophy of Mine“. Die Beiträge sind in deutscher Sprache, auch wenn eine Vielzahl von Veröffentlichungen zum Thema heute in Englisch sind.

Die früheren philosophischen Beiträge bleiben zwar auch noch an alter Stelle erhalten, die Beiträge des zurück liegenden Jahres wurden aber auch ins neue Blog exportiert.

Hier in #publicopinia wird es weiterhin um netzpolitische und allgemein kulturelle Themen gehen.

 25. Juli 2013  Posted by at 12:47 Philosophie Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für PhoMi – Philosophy of Min/e/d
Jul 162013
 

In einigen Blog-Beiträgen haben ich empfehlend auf das Buch „Der Ego-Tunnel“ von Thomas Metzinger hin gewiesen. Es ist äußerst anregend zu lesen und enthält eine Fülle neurowissenschaftlicher Befunde und analytisch-philosophischer Überlegungen. Sein Phänomenales Selbst-Modell (PSM) ist eine hoch interessante Theorie einer Bewusstseinsphilosophie. Die in diesem Buch populärwissenschaftlich aufbereiteten Arbeiten Metzingers (ausführlich in „Being No One. The Self-Model Theory of Sujectivity, 2003) lohnen die geistige Auseinandersetzung mit dieser Theorie. Vieles klingt sehr überzeugend, ja faszinierend. Aber es ist bisher eine bloße Theorie, ein Denkmodell, das der neurologischen Begründung noch weitgehend entbehrt. Metzinger merkt bisweilen an, hierzu würden sich „gewiss“ bald die empirischen Nachweise finden lassen. Auf einige Phänomene und empirischen Befunde kann er verweisen (Out of Body Experience, Wachtraum), die aber doch eher randständig und vielleicht sogar pathologisch sind. Ob sie sich zur Verallgemeinerung eignen, sei dahin gestellt.

Grundsätzlicher ist die Kritik eines recht unbekümmerten Dogmatismus. Sein Modell wird unter der Hand zur gegebenen Faktizität, seine Theorie zur gewissen Beschreibung der Wirklichkeit, sogar zur einzig wahren und zutreffenden. Denn nur so lassen sich die letzten Kapitel erklären, in denen Metzinger eine recht eigenwillige Ethik des Mentalen, eine Bewusstseinsethik, skizziert. Er fordert eine Art „mentaler Hygiene“ und als Mittel dazu „flächendeckenden Meditationsunterricht“. Die Freigabe bewusstseineserweiternder Drogen und Praktiken gehört ebenso zu seinem Forderungskatalog wie die Kontrolle und Bekämpfung eines aus seiner Sicht überholten, falschen und darum gefährlichen Selbstverständnisses, wie es die Religionen auf „obskure“ Weise und oft gewalttätig anbieten. Hier berühren sich Metzingers Ansichten eng mit dem militanten Atheismus eines Richard Dawkins. Auch bei Metzinger ist die Selbstgewissheit bezüglicher der eigenen Theoriemodelle und die Selbstverliebtheit in die eigene ‘Wahrheit’ zum bestimmenden Interesse geworden. Was er aus vermeintlicher Sorge um die ethische Verantwortung der Neuro-Anthropologie fordert, läuft letztlich auf die Abschaffung einer philosophischen Anthropologie hinaus zugunsten einer neurotechnischen Bewusstseinsmanipulation.

Jan Matejko, Copernicus (Wikipedia)

Jan Matejko, Copernicus (Wikipedia)

Man mag bei manchen seiner Ausführungen den Kopf schütteln, aber man sollte sie ernst nehmen. So wie Metzinger es offen ausformuliert, denken offenbar manche, wenn nicht viele der Neuro- und Kognitionswissenschaftler sowie derjenigen Philosophen, die sich der analytischen Philosophie als Weltanschauung verschrieben haben. Wenn eine Methode der Theoriebildung ihre Vorläufigkeit vergisst und sich zum umfassenden, einzig gültigen Weltbild erhebt, dann ist das klassischer Dogmatismus. Die eigenen Voraussetzungen und Beschränktheiten werden nicht mehr reflektiert. Gegner der neuropsychologischen Theoriebildung und ihrer analytisch-philosophischen Weiterführung sind dann entweder dumm oder borniert, weil alten „falschen“ Vorstellungen vom Menschen verhaftet. Diese Strategie der Selbstimmunisierung gegenüber grundsätzlicher Kritik ist ein deutliches Zeichen des Dogmatismus: Neurowissenschaft als Ideologie. Leider ist Thomas Metzinger hierfür ein typisches Beispiel. Seine Theorien sind Denkmodelle und als solche interessant und hilfreich. Wie weit sie bei kritischer Sichtung und Diskussion Bestand haben können, muss sich erst noch zeigen.

Es ist allerdings ein weit verbreitetes Selbstverständnis der heute herrschenden Naturwissenschaft, wenn sie sich auf einen grundsätzlichen und unanfechtbaren Physikalismus (in unterschiedlichen Schattierungen, gute Übersicht bei Patrick Spaet) als Weltbild stützt. Denn es ist klar, der Grundsatz der kausalen Geschlossenheit und der Reduzierbarkeit aller Weltphänomene auf die physische Basis lässt nur dieses eine und kein anderes Weltbild neben sich zu. Der Physikalismus oder, wie er auch genannt wird, der physikalische Naturalismus, beschreibt die Weltwirklichkeit mit all ihren Elementen, Strukturen, Relationen in einem mathematischen Modell. Die Ergebnisse und daraus abgeleiteten technischen Umsetzungen sind beeindruckend. Aber es bleibt ein Denkmodell: „Nach dieser Auffassung ist eine wissenschaftliche Theorie ein mathematisches Modell, das unsere Beobachtungen beschreibt und kodifiziert.“ Und weiter: „Aus positivistischer Sicht lässt sich jedoch nicht bestimmen, was real ist. Wir können lediglich nach den mathematischen Modellen suchen, die das Universum beschreiben, in dem wir leben.“ (Stephen Hawking, zit. nach P. Spaet) Denkmodelle aber sind per se beschränkt und vorläufig. Sie sind nur innerhalb ihrer Grenzen aussagekräftig und erkenntnisleitend. Hypostasiere ich den Physikalismus zur allein möglichen „wahren“ Theorie, dann habe ich keine wissenschaftliche Theorie mehr, sondern eine dogmatische Weltanschauung. Viele Naturwissenschaftler scheinen sich das heute nicht mehr mehr bewusst zu machen. Wie Hawking und andere zeigen, gibt es aber durchaus heraus ragende Naturwissenschaftler, die auf die Grenzen der eigenen Theoriebildung hinweisen. Es wäre gut, wenn dies auch unter den Neurowissenschaften, insbesondere auch der sich ihnen andienenden analytischen Philosophie des Geistes bewusst bliebe und beachtet würde.

Denn es gibt genug Argumente, welche die Grenzen, Unstimmigkeiten und Unvollständigkeit des Physikalismus zeigen. Das am meisten verbreitete Denkmodell eines reduktiven Realismus krankt an dem bleibenden Dilemma, etwas Nicht-Physikalisches aus dem Rein-Physikalischen herleiten zu wollen, sei es in Form emergenten Verhaltens oder in der Relation der Supervenienz. Die vielstimmige und durchaus widersprüchliche Diskussion der letzten Jahrzehnte allein um diese Begriffe (Emergenz, Supervenienz) zeigt, wie unzureichend und im Grunde unbefriedigend diese „Lösung“ ist.

Oft wird darauf hingewiesen, das neue physikalische Weltbild und die nun erfolgende neuro-anthropologische Zuspitzung sei so etwas wie die Kopernikanische Wende dieses Jahrtausends. Das mag sein. Doch man beachte, dass auch das Weltbild des Kopernikus (in dem zum Beispiel Religion einen sicheren Platz hatte, Kopernikus war ein äußerst frommer Mensch) eigentlich „nur“ ein Wechsel der Perspektive war. Denn das geozentrische Weltbild entsprach und entspricht bis heute der alltäglichen Erfahrung: Wir sprechen nach wie vor von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang und lesen die Zeiten im Kalender. Erst der Wechsel des Standpunktes zum Fixsternhimmel zeigt, dass unsere planetarische Welt heliozentrisch ist. Alltäglich und geozentrisch gesehen bleibt der Sonnenaufgang und das Wandern der Sonne über den Himmel von Ost nach West also „richtig“. Nicht diese Perspektive war falsch, sondern die Dogmatisierung zum einzig möglich und anerkannten Standpunkt aller Wissenschaft. Erst ein Standpunkt außerhalb vermittelte das neue Wissen und die neue Weltsicht, das Weltbild der Kopernikanischen Wende.

Es ist zu wünschen, dass die Naturwissenschaft heute nicht erneut dem Dogmatismus verfällt und ihren physikalisch-kausalen Standpunkt zum allein möglichen und gültigen erklärt. Die Wirklichkeit, wie wir sie erleben, ist reicher und vielfältiger als die mathematische Abstraktion des naturwissenschaftlichen Denkens. Diese ist wichtig und hat uns ungeheure Fortschritte der Erkenntnis beschert. Aber der Physikalismus der Naturwissenschaft ist nicht der einzig mögliche Standpunkt für menschliche Erkenntnis. Er ist schon gar nicht das einzige Vorbild einer bedeutungsvollen Philosophie. Es ist schon erstaunlich, darauf besonders hinweisen zu müssen.

 16. Juli 2013  Posted by at 11:37 Ethik, Naturwissenschaft, Philosophie Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Dogmatismus in den Neurowissenschaften
Jun 292013
 

Die Wirklichkeit ist nicht so unzweifelhaft wirklich, wie sie auf den ersten Blick scheint – und wie sie von den „naiven“ Realisten voraus gesetzt wird. Es ist erstaunlich, wie alte philosophische Traditionen wie der antike erkenntnistheoretische Skeptizismus eines Sextus Empiricus plötzlich wieder ganz aktuell erscheinen. Natürlich muss ein neuer Name her, „eliminativer Phänomenalismus“ klingt auch gleich viel wissenschaftlicher. Die dahinter stehende Sache ist aber alt und durchaus ernst zu nehmen. Es ist erst recht bemerkenswert, dass diese radikale Position auf dem Hintergrund der Hirnforschung und der modernen Phänomenologie des Bewusstseins auftaucht. Thomas Metzinger, analytischer Philosoph und Bewusstseinsforscher, entwickelt eine hoch interessante, wenn auch im Blick auf die verfügbare empirische Datenbasis noch hoch spekulative Theorie des Ich und des Bewusstseins; auf sein anregendes Buch „Der Ego-Tunnel“ habe ich wiederholt hingewiesen. Mittels des Begriffs des „phänomenalen Selbstmodells“ (PSM) versucht Metzinger, auf der Höhe der empirischen Befunde der Neurowissenschaften eine evolutionär-funktionale Theorie des Bewusstseins zu entwickeln. Der Titel seines populärwissenschaftlichen Buches deutet schon das Ergebnis an: Wir leben in einem unbewusst selbst entworfenen „Ego-Tunnel“, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der aus dem Gehirn evolutionär entspringende Geist hat eine unglaublich komplexe und effektive Weise der Aneignung der Welt hervor gebracht mit dem Ziel, Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Dabei wird „die Welt“ aber allererst in einem Modell konstruiert, das durch die Sinnesorgane und die Verarbeitung im Gehirn transparent zur Verfügung gestellt wird. „Welt“, also äußere Realität, ist das, was mir zuhanden ist. Das „virtuelle“ Selbst erstellt eine virtuelle Welt, um darin als absichtsvoller Agent auftreten zu können. In einer wissenschaftlichen Theorie des Bewusstseins kann diese Funktionalität entdeckt und bewusst gemacht werden. Es bleibt aber ein Zirkel, denn das Bewusstsein spiegelt sich hierbei nur in sich selbst. Offenbar hat sich dieses Modell aber als Überlebensstrategie bestens bewährt. Es ist allerdings nur ein Modell.

Dass der Wirklichkeitsbezug erkenntnistheorerisch zweifelhaft bleibt, verdeutlicht eine zunächst recht exaltiert erscheinende Position. Metzinger beschreibt sie in einem fiktiven Gespräch so:

Das merkwürdige philosophische Konzept, das diese Traumgemeinschaft aus Naturwissenschaftlern entwickelt und zu ihrer Prämisse gemacht hat, ist unter dem Namen »eliminativer Phänomenalismus« bekannt. Wie der etwas übereifrige Doktorand Ihnen erklärt: »Eliminativer Phänomenalismus ist durch die These charakterisiert, dass die Physik und das neurowissenschaftliche Menschenbild eine radikal falsche Theorie sind; eine Theorie, die so fundamentale Defekte aufweist, dass sowohl ihre Prinzipien als auch ihre Ontologie irgendwann schließlich durch eine vollständig entwickelte Wissenschaft des reinen Bewusstseins ersetzt werden, statt problemlos auf diese reduziert zu werden.« Die gesamte Wirklichkeit ist demzufolge eine phänomenale Wirklichkeit. Die einzige Möglichkeit, aus dieser Wirklichkeit herauszufallen, besteht darin, die grandiose (aber fundamental falsche) Annahme zu machen, dass es tatsächlich eine Außenwelt gibt und dass Sie das Subjekt – das heißt das erlebende Selbst – dieser phänomenalen Wirklichkeit sind, dass es tatsächlich so etwas wie einen Bewusstseins-Tunnel gibt (ein Wurmloch, wie die Forscher im Traum-Tunnel es ironisch nennen) und dass es Ihr eigener Tunnel ist. Indem Sie sich diese Überzeugung ernsthaft zu eigen machen, würden Sie jedoch plötzlich unwirklich werden und sich selbst in etwas noch Geringeres als eine bloße Traumfigur verwandeln: in eine mögliche Person – genau das, was Ihr Kontrahent am Anfang der Diskussion behauptet hat. (Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel, S. 213f.)

Der „Ego-Tunnel-Blick“ ist also durchaus nicht nur erhellend. Aber richten wir unsere Überlegung auf etwas Anderes. Weniger bezweifelbar ist es, dass wir die Welt außerhalb nur vermittels unserer Sinne durch unsere geistige Aktivität wahrnehmen können. Dabei geschieht eine Interpretation der Sinneserfahrung, die uns das, was der Sinn vermittelt, allererst zugänglich und begreifbar macht. Das Auge gibt uns ein „Bild“ von etwas, das elektromagnetische Strahlung im „sichtbaren“ Bereich, also zwischen 380 nm und 780 nm Wellenlänge, reflektiert. Dies ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem gesamten Spektrum elektromagnetischer Strahlung, wie ein Schaubild (Wikipedia) verdeutlicht. Für akustische Sinneswahrnehmung gilt dasselbe, auch da steht unseren Sinnen nur ein kleiner Ausschnitt zur Verfügung, den wir als Töne und Klang wahrnehmen. Ein bestimmter Wellenbereich wird von unserem Tastsinn als Wärme empfunden. Auch dies ist eine Interpretation, denn das Gefühl von Wärme ist keine physikalische Eigenschaft. Wärme ist „thermische Energie, die in der ungeordneten Bewegung der Atome oder Moleküle eines Stoffes gespeichert ist.“ Gegenständlichkeit ist eine bestimmte Anordnung oder Struktur eines atomaren oder molekularen Verbandes, dessen Energie- und Masseeigenschaften von unseren Sinnen (Auge, Tastsinn) in ganz bestimmter Weise wahrgenommen und durch das Gehirn interpretiert werden können. Physikalisch gibt es allenfalls „Körper“, das heißt molekulare Strukturen mit bestimmten Eigenschaften. Auch hier gilt wiederum, dass wir mit unseren Sinnen nur einen Ausschnitt vorhandener Körper wahrnehmen können, die von Größe und Ausdehnung her unseren lebensweltlichen Anforderungen entsprechen. Was zu klein oder zu groß, zu langsam oder zu schnell, zu nah oder zu fern ist oder wofür wir überhaupt keinen Sinn haben, das nehmen wir nicht wahr, zumindest nicht ohne Hilfsmittel. Was wir auf keinerlei Art wahrnehmen können, ist für unsere „naives“ Realitätsempfinden nicht vorhanden. Für Radarimpulse oder Radioaktivität haben wir kein Sensorium, darum nehmen wir diese Strahlung und damit diese mögliche Gefahr unmittelbar nicht wahr. Das Zeitempfinden schließlich ist ebenfalls durch unseren Organismus bestimmt, indem unser Leben im Rhythmus des Herzschlages entlang des Rhythmus‘ von Tag und Nacht verläuft. Zeit „an sich“, also physikalisch, ist nur als Veränderung im Raum relativ zu anderen Systemen bestimmbar. Sie ist allerdings „gerichtet“, d.h.  unumkehrbar aufgrund des Zweiten Hauptsatzes der Wärmelehre (Entropie).

Molekülbewegung (Wikipedia)

Molekülbewegung (Wikipedia)

Über das „Gesetz“ der steten Zunahme der Entropie ließe sich genüsslich philosophieren, insbesondere was Entropie genau bedeutet. „Unordnung“ ist nur eine sehr ungenaue Interpretation, „Zunahme von Information“ (von Weizsäcker) schon eine sehr viel genauere. Hier sei nur fest gehalten, dass grob gesprochen die Welt der Physik (als Basiswissenschaft unseres naturwissenschaftlichen Weltbildes) von der Welt, wie wir sie wahrnehmen, erfahren und interpretieren, grundverschieden ist. Alles, was wir als inner- und alltagsweltliche Gegebenheiten kennen, kommt dort „nur“ als abstrakte Beschreibung von Massen und Energien, von Kräften und Wechselwirkungen, von Feldern und Konstanten vor. Beide Welten passen schon „irgendwie“ zusammen, aber sind ihrer Art nach doch völlig verschieden: In den Gesetzen der Physik findet sich nämlich überhaupt keine unsrer Empfindungen und mentalen Metaphern, Modelle, Bilder wieder.

Was ist nun wirklich: die Welt der Physik oder die Welt unserer Alltagserfahrung? Oder ist auch die Welt der Physik „nur“ ein Modell, ein sehr viel abstrakteres, genaueres, aber eben auch nur ein eben mathematisches Modell unseres Geistes, um all das („Welt“) zu erfassen und zu bestimmen („Erkenntnis“) und in seiner Funktionsweise („Gesetze“) zu erklären, was uns zunächst unsere Sinne naiv-real als zuhanden und darum vorhanden vermitteln? Zumindest machen diese Überlegungen deutlich, dass die Auffassung der alten Skeptiker bis hin zu den Geist-Theorien der Neuplatoniker (Welt als Emanation unseres Nous / Geistes) gar nicht so weit von dem entfernt sind, was auch heute zugespitzt formuliert wird wie oben zitiert: Dass sich die „reale“ Welt als reines Phänomen, als fiktives Modell, als mentale Repräsentanz des Bewusstseins eliminativ auflöst oder zumindest infrage gestellt sieht. „Darum soll es auch erst mal genug sein mit der Tunnel-Erkenntnistheorie“, beschließt Metzinger seinen Abschnitt. Wohl wahr, es ist verwirrend, aber eben auch spannend und nachdenkenswert. Die allzu forschen Realisten und physikalischen Materialisten sollten sich jedenfalls nicht allzu sicher wähnen. Der Hauptgegner des Skeptizismus von ehedem war der von ihnen so benannte und bekämpfte Dogmatismus. Das könnte zu denken geben.

 29. Juni 2013  Posted by at 11:53 Philosophie, Wissenschaftstheorie Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Eliminative Wirklichkeit
Jun 192013
 

Unsere Vernunft, die Ratio, ist ein mächtiges Werkzeug. Sie stellt Möglichkeiten bereit, die Welt als geordnet zu erkennen und mit Hilfe fester Regeln und Gesetzmäßigkeiten zu beschreiben. Seit mehr als zwei Jahrtausenden, jedenfalls solange wir schriftliche Zeugnisse haben, stellen Menschen ihre Vernunft in den Dienst der Welterkenntnis. Zunächst einmal war die Entwicklung der Ratio ein überlegenes Instrument zur Sicherung der Existenz und des Fortbestandes der eigenen Art. Beim Nahrungserwerb (Jagd, Ackerbau), bei der Behauptung und Verteidigung von geeignetem Lebensraum und bei der Nutzung von Vorteilen für die eigene Gruppe (Familie, Clan) konnte vernünftiges Handeln durch das Verfolgen von Strategien und durch Zweck-Mittel-Abschätzung das Erreichen von gewünschten Zielen sichern. Aber zugleich erwies sich die Vernunft auch als ein unerhört mächtiges Mittel, die Welt zu erkennen und ihre Ereignisse zu begreifen. Im Verlauf der Geschichte setzte sich die Vernunft immer mehr als einziges Mittel, als einzig legitime Weise der Welterkenntnis und der Weltbemächtigung durch. Ihr steht das magisch-symbolische Weltverhältnis gegenüber, wie es sich unter anderem in Religionen Ausdruck verschafft. Aber dieses „Verhalten zur Welt“ hat seinen ursprünglichen Anspruch, zugleich auch die Welt in ihrem Wesen zu erkennen, weitgehend eingebüßt. Die Vernunft hat heute das Monopol, das Funktionieren der Welt angemessen zu beschreiben. Sie tut dies mit Hilfe der unterschiedlichen Wissenschaften, die methodisch nachprüfbar die Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Welt- und Lebensbereiche aufzuweisen suchen. Die wissenschaftlich geschulte und methodisch eingesetzte Vernunft ist dabei ungeheuer erfolgreich gewesen. Sie ist sozusagen der dickste Knüppel, um dem großen Sack der Geheimnisse dieser Welt zu Leibe zu rücken. Der universale Anspruch der Vernunft auf Welterkenntnis und Welterklärung und in der Folge auch auf Weltbemächtigung besteht also aus guten Gründen. Die Ratio ist schlicht die erfolgreichste „Allzweckwaffe“ des homo sapiens.

Ein Problem besteht nun nicht darin, dass dadurch die religiös-mythologische Weltdeutung entwertet würde. Diese behält ihren Platz und ihr Recht durchaus in ihrem eigenen Bereich der unmittelbaren, emotional-sensitiven Welterfahrung. Wer die Bedeutung der Emotion, Empathie, Sensibilität verkennt, übergeht einen wesentlichen Bereich menschlichen Lebens, wie er sich etwa in Mystik und Kunst ausdrückt. Das Problem besteht vielmehr im Gebrauch der Ratio selber. Zu fragen ist nämlich nach der Rationalität der machtvollen Ratio, – ersichtlich eine Metafrage. Welches sind die Bedingungen und Grenzen der Aussagekraft vernünftiger, d.h. wissenschaftlicher  Theoriebildung? Was können sie erklären und beweisen? Karl Popper hat in seinem „kritischen Rationalismus“ die Auffassung vertreten, jede wissenschaftliche Erkenntnis beruhe darauf, durch Falsifizierung unzureichende Theorien auszuscheiden und auf diese Weise ex negativo der Wahrheit näher zu kommen. Dies erklärt heutige wissenschaftliche Verfahrensweisen aber nur zum Teil. Denn de facto will Wissenschaft stets beweisen, also eine positive Aussage über Existenz, Struktur, Funktion usw. machen. Versuche am CERN wollen ja gerade nicht die Unmöglichkeit des Higgs-Bosons, sondern seine Existenz nachweisen, um die bisher geltende Theorie der Teilchen und ihrer Wechselwirkungen zu bestätigen. Nach dem, was man liest, scheint das auch nahezu gewiss gelungen zu sein. Unter Physikern besteht daher die Zuversicht, auf einem guten Wege zu einer GUT (Grand Unified Theory) zu sein, die die Gesamtheit der Elementarteilchen ebenso umfasst wie die drei bzw. vier kosmischen Grundkräfte (die Gravitation kann man als vierte Kraft bisher noch nicht mit den drei anderen vereinheitlichen). Letztlich geht es bei einer GUT oder gar bei einer TOE (Theory of Everything) immer um eine Rückführung (lat. reductio) der Vielfalt der Erscheinungen und Ereignisse auf wenige einfache Grundgegebenheiten: Teilchen, Kräfte, Strukturen, Gesetze. Ziel ist die Vereinheitlichung und Vereinfachung der Komplexität auf der oberen Ebene der Wirklichkeit (Makro-Ebene) durch Reduktion auf die Grundgegebenheiten auf der untersten Ebene (Mikro-Ebene, hier Teilchenphysik). Der so erfolgreiche Reduktionismus ist daher faktisch zum leitenden Erkenntnisprinzip geworden.

Cellarius mundi, Tycho Brahe (Wikipedia)

Cellarius mundi, Tycho Brahe (Wikipedia)

Dies Verfahren setzt sich ebenso erfolgreich in anderen Bereichen der Wissenschaft durch. So versuchen die Neurowissenschaften, die Phänomene und Funktionen der geistigen Tätigkeiten auf ihre neuralen Grundlagen zurück zu führen. Auch hier gibt es gewaltige Erkenntnisfortschritte. Die analytische Philosophie angelsächsischer Prägung ist intensiv damit beschäftigt, die empirischen neurologischen Befunde und die biophysischen Theorien auf der Ebene einer Theorie des Geistes (theory of mind) zu verarbeiten. Auch hierbei hilft die Methode der Reduktion, die Vereinfachung und Rückführung in diesem Falle geistiger Fähigkeiten auf ihre neurale Basis (Korrelate) erfolgreich darzustellen. Grundlage des Reduktionismus ist stets ein methodischer (und meist auch ein ontologischer) Materialismus. Wir „sind“ mit unserer Ratio nichts anderes (‚nothing but‚) als Strukturen und Funktionen eines ungeheuer komplex-molekularen Zusammenhangs von Nervenzellen, so wie der Mensch als Ganzes Resultat eines Zusammenspiels biophysischer Strukturen und Prozesse ist. Noch einmal: Dies Verfahren und diese wissenschaftliche Methode ist unglaublich erfolgreich. Der ontologische Reduktionismus ist im Ergebnis jedem metaphysischen Dualismus überlegen.

Das Problem ist aber dadurch nicht beseitigt. Das Problem ist so komplex, wie die Sache, um die es geht. Das Problem besteht darin, dass man zum rationalen Erkennen und Begreifen von Erscheinungen in der Welt jeweils ein Modell braucht, eine erste Theorie, aufgrund derer überhaupt erst Hypothesen aufgestellt, Experimente durchgeführt und Schlussfolgerungen gezogen werden können. Jedes Theoriemodell beruht auf bestimmten ausgesprochenen oder unausgesprochenen Prinzipien. Besser ist es, sie offen zu legen, aber oftmals scheinen diese Prinzipien so selbstverständlich zu sein, dass darüber kein Wort verloren wird. Die wissenschaftlich formulierte, rational begründete Theorie, welche auch immer, geht von etwas aus und zielt auf etwas anderes ab. Das, worauf abgezielt wird, ist stets davon abhängig, was man als Ausgangspunkt gewählt hat. Im logischen Schlussverfahren ist eine petitio principii ‚verboten‘, weil vorausgesetzt wird, was zu beweisen ist. Wissenschaftliche Theoriebildung aber verfährt grundsätzlich auf der Basis einer petitio principii: Die Voraussetzung, der Geltungsrahmen und die angenommene Funktionsweise (Gesetzlichkeit) bestimmen das Ergebnis. Dies ist kein Verfahrensfehler. Dies ist innerhalb wissenschaftlicher Theoriebildung unvermeidlich. Die angenommenen Voraussetzungen mögen plausibel und gut begründet und bewährt sein, sie sind letztlich nicht ableitbar und werden von der theoretischen Vernunft (voraus) gesetzt. Zumindest sie selbst, die Funktionsweise der Ratio selbst, muss voraus gesetzt werden. Und welcher Art Ratio dann angewandt wird, kann  auch noch einmal streitig sein (deduktiv, intuitiv, inferentiell). Geht man von der Möglichkeit erkenntnismäßiger Reduktion als Weg zur Welterkenntnis aus, dann werden auch nur Ergebnisse folgen und anerkannt werden, die dem reduktiven Ziel entsprechen. Der Schritt von der epistemischen zur ontologischen Reduktion ist dann nur noch ein kleiner, wenn nicht unmittelbar das Erkannte selbst als wirklich fest gestellt wird.

Ein zweiter Aspekt des Problems betrifft das Verfahren, komplexe Verhältnisse auf der Makro-Ebene durch einfachere Verhältnisse auf einer Mikro-Ebene reduktiv zu erklären. Vorausgesetzt wird dabei, dass bei diesem Wechsel der Ebenen  nichts verloren geht. Der Einwand bezieht sich nicht nur auf den bekannten Satz des Aristoteles, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile, indem ein zusammen gesetztes Ganzes anders funktionieren könne als jedes seiner Teile. So formuliert ist es eine Trivialität. Natürlich ist zum Beispiel eine mechanische Uhr funktional „mehr“ als bloß die Einzelfunktion ihrer Zahnräder und Federn. Das Entscheidende des Problems liegt darin, dass jede Ebene der Wirklichkeit ihre eigenen Organisationsprinzipien und Funktionsgesetze hat. Beim Wechsel der Ebenen, bei der Reduktion also von oben nach unten, wird auf jeder Stufe von den Funktionszusammenhängen, also von der essentiellen Organistaionsweise der nächst höheren Stufe abgesehen. Betrachtet man in der Molekularbiologie die Arten und Strukturen der vorfindlichen Moleküle, so arbeitet man innerhalb eines ganz anderen Bezugsrahmens als zum Beispiel der Zellbiologe, der die Verhaltensweise von Zellen und Zellverbänden untersucht. Die jeweilige Ebene der wissenschaftlich erforschten Wirklichkeit hat ihre eigene spezifische Organisation und Funktionalität, die auf der reduktiv darunter liegenden Ebene bewusst ausgeblendet wird, sonst wäre ja keine vereinfachende Reduktion erreicht. Die Frage ist aber, ob bei dieser Reduktion nicht gerade das Entschiedende, Spezifische der höheren Koomplexitätsebene verloren geht, dass somit also durch die Reduktion gar nicht mehr die zunächst untersuchte Entität (das vormalig organisierte „Ganze“) in den Blick kommt. Auch dies ist kein methodischer Fehler, sondern liegt in der Sache des reduktiven Ansatzes selber begründet. Dass auf der unteren basalen Ebene der untersuchte Gegenstand / Prozess noch derselbe ist wie der komplex organisierte, bleibt bloße Behauptung. Am Beispiel Hirnforschung: Dass ich durch die Rückführung der geistigen Prozesse auf neurale Funktionen tatsächlich noch die geistigen Funktionen und nicht irgendein anderes Substrat vorfinde, bleibt Behauptung. Sie liegt bereits im Ansatz (petitio) der wissenschaftlichen Methode des Reduktionismus begründet.

Schließlich: Kann rationales Denken auch anders als reduktionistisch verfahren? Kann es andere Wege wissenschaftlich erfolgreicher, d.h. erklärungsfähiger Methoden geben, die der auf jeder Ebene zunehmenden Komplexität und Organisation der höheren Strukturen der Wirklichkeit besser gerecht werden? Danach wäre zu suchen. Carl Friedrich von Weizsäcker hat durch seine Interpretation des Entropiegesetzes als stete Zunahme von Information, also insbesondere durch Organisation und Struktur, einen interessanten Weg gewiesen – ein Ball, der in der Wissenschaftstheorie bisher kaum aufgenommen worden ist. Die Suche nach Alternativen in Ansatz und Methodik ist deswegen unerlässlich, weil es die Bedingungen der Ratio sind, dass jede Methodik eine ‚einseitige‘ Festlegung beinhaltet. Dieser rationalen Grenze der Rationalität lässt sich nicht entkommen, aber man kann ihr entgegenwirken durch eine Vielfalt der Methoden, also der Wege, die Welt vernünftig zu begreifen und zu gestalten. Wissenschaft braucht Pluralität, um nicht ideologisch zu versteinern. Der bisherige Siegeszug des Reduktionismus und des wissenschaftlichen Materialismus beruht in der Tat auf grandiosen Ergebnissen. Diese allein rechtfertigen aber nicht, die Rückfrage nach den Voraussetzungen und Rahmenbedingungen zu unterlassen, die der jeweiligen Theoriebildung zugrunde liegen. Wer weiß, vielleicht bringt einmal eine mehr (ja, wie soll ich es nennen?) „synthetische“ Herangehensweise zum Verständnis von Komplexität noch bessere und adäquatere Ergebnisse. Schließlich wären große wissenschaftliche Erkenntnis ohne die Intuition ihrer Entdecker *) kaum wirklich geworden.

*) Es gab einen schönen Vortrag von Ernst Peter Fischer, Die Nachtseite der Wissenschaft, als DVD leider vergriffen.

 

 19. Juni 2013  Posted by at 13:14 Philosophie, Vernunft, Wissenschaft Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ratio – Rationalität
Jun 122013
 

Einige traditionelle Streitpunkte der Philosophie und der Wissenschaft überhaupt beruhen auf den Möglichkeiten und Grenzen der Vorstellung. Sie treten nur dann als Probleme auf, wenn ihre Begrifflichkeit wörtlich, oder besser gesagt ontologisch verstanden wird. Betrachtet man diese Probleme aber im Rahmen von Denkmodellen unter den Bedingungen repräsentationaler Vorstellungen, dann erweisen sich die Problematiken mehr als Probleme des Erkennens denn als Probleme der Dinge selbst. An drei Beispielen möchte ich dies zeigen: 1. Der Teilchen – Welle – Dualismus in der Physik; 2. der Materie – Geist – Dualismus in der Philosophie und Neuropsychologie; 3. der Mensch – Maschine – Dualismus in der neueren Kulturwissenschaft. Hinter allen drei Problemstellungen verbirgt sich die gemeinsame Frage, in welcher Weise unser Denken, unsere begriffliche Welterkenntnis, die ‚Wirklichkeit‘ erfasst, oder anders, welcher Art die Wirklichkeit ist, die der Wirklichkeit unserer Vorstellungen entspricht.

1.) Die naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt geht immer von Denkmodellen aus, denen bestimmte Weltmodelle zugrunde liegen. Stets bestimmt dabei eine Grundannahme gleichsam als Apriori den weiteren Gang der Erkenntnis. So haben sich bereits im Altertum Materialisten (Stoiker) und Geistphilosophen (Platoniker) gegenüber gestanden. Sie treten ihrerseits das Erbe der Vorsokratiker an, die sich entsprechend in die Anhänger Heraklits und Demokrits einerseits und des Parmenides andererseits entgegen gesetzt positionierten. Schon die Erkenntnis der Naturphänomene selbst beruht auf Vorannahmen dessen, was überhaupt sein kann. – Ehe sich später das kopernikanische Weltmodell durchsetzen konnte, entsprach das ptolemäische Weltbild am besten dem Augenschein: Die Erde ruht, die Sonne bewegt sich. Der Streit um diese Weltmodelle wurde allerdings überlagert von den dogmatischen Interessen der herrschenden Kirche. Darum ist ein anderes Beispiel besser geeignet, die Prägung der Erkenntnis durch Modelle der Vorstellung zu verdeutlichen: Der sogenannte Welle-Teilchen-Dualismus, der die moderne Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Unruhe versetzte. Nach dem Modell der Wellen im Wasser erwartete man auch beim Licht, sofern es nach Christiaan Huygens (17. Jahrhundert) als Welle beschreibbar war, zwingend ein Trägermedium, den Äther. Nur in einem Medium war eine Wellenbewegung vorstellbar, auch wenn dieses Postulat vielfache Schwierigkeiten bereitete. Newton setzte deswegen auf die Korpuskel-Theorie, verstand also das Licht als Teilchenstrahl. Erst aufgrund der Entdeckungen und Theorien von Max Planck und Albert Einstein wies Louis de Broglie nach, dass Lichtteilchen auch Wellencharakter besitzen. Das berühmte Doppelspalt-Experiment machte dies sichtbar. Es zeigte sich, dass dieser Effekt auch für Elektronen gilt (Compton-Effekt), ja dass elektromagnetische Wellen generell auch Teilchencharakter besitzen und umgekehrt, dass Teilchen wie Wellen zum Beispiel am Kristallgitter gebeugt werden können. Die Quantentheorie brachte für diese experimentellen Befunde eine vernünftige mathematische Beschreibung. Die Schrödinger-Gleichungen ergeben durch eine Wellenfunktion die Aufenthaltswahrscheinlichkeit des Teilchens. Die bis dahin immer wieder vor allem vom interessierten Publikum gestellte Frage: Was ist denn nun das Licht in Wirklichkeit, Welle oder Teilchen? erweist sich als falsch gestellt. Denn diese Frage beruht auf Vorstellungen der Anschauung im normalen Leben. In der Alltagssprache und -Vorstellung hat es den Anschein eines Dualismus. Mathematisch ist da nirgendwo ein Dualismus, sondern allenfalls eine Unschärfe (Heisenberg), weil im Experiment und in der Theorie Ort und Impuls prinzipiell nicht gleichzeitig fest gestellt werden können. Das Kopenhagener Standardmodell (Niels Bohr) spricht hier von Komplementarität, aber auch dies ist eigentlich ein Zugeständnis an unser Vorstellungsvermögen. Werner Heisenberg macht in seinem Buch „Der Teil und das Ganze“ auf die grundsätzliche Problematik aufmerksam, wenn er fordert, dass ein physikalisches Phänomen erst dann wirklich verstanden ist, wenn es auch in der Sprache alltäglicher Erfahrung beschrieben werden kann. Das Denkmodell der Komplementarität ist ein Beispiel solcher Übersetzung. Allerdings hilft auch dieser Begriff nicht darüber hinweg, dass in weiten Teilen der heutigen Elementarteilchen-Physik die Anschaulichkeit nahezu vollständig verloren gegangen ist. Was sich mathematisch präzise (auch in der „Unschärfe“ präzise) quantenmechanisch formulieren und beschreiben lässt, kann oft nicht mehr in Modelle der Vorstellung übersetzt werden. (Nebenbemerkung: Das gilt bisweilen auch für die „Sprache“ der Mathematik. So dauerte es eine Weile, bis die Schrödingerschen Wellengleichungen und die Feynman-Diagramme als unterschiedliche Ausdrücke desselben Sachverhaltes erkannt und aufeinander zurück geführt werden konnten.) Dies Dilemma des vorstellenden Verstehens und der sprachlichen Beschreibung betrifft die Relativitätstheorie ebenso wie die Quantentheorie: „Es gab eine Zeit, als Zeitungen sagten, nur zwölf Menschen verstünden die Relativitätstheorie. Ich glaube nicht, dass es jemals eine solche Zeit gab. Auf der anderen Seite denke ich, sicher sagen zu können, dass niemand die Quantenmechanik versteht.“ (Richard Feynman, 1967, zitiert nach Wikipedia) Dies gilt heute für weite Bereiche der Physik, wie sie zum Beispiel am CERN betrieben wird, für die Molekularbiologie (was heißt denn „Doppelhelix“?) und für die Neurowissenschaften. Die Natur des ganz Kleinen (Teilchenphysik) ebenso wie die Natur des ganz Großen (Kosmologie) bleibt für uns letztlich unanschaulich und insofern (nur insofern!) ‚unverständlich‘. Unsere Vorstellung ist immer auf ein repräsentationales Weltmodell bezogen, das die für uns normalen Größenordnungen umfasst und uns über die alltägliche Welt perfekt angepasst ins Bild setzt. Was in diesem Rahmen nicht vorstellbar ist, wird nicht anschaulich begriffen – und dann treten Widersprüche und Dualismen auf, die eben genau auf unseren Vorstellungen beruhen. In der Natur gibt es keinen Welle-Teilchen-Dualismus, es gibt so etwas allenfalls in unserer beschränkten Vorstellung.

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

2.) Ich sehe ganz Ähnliches in dem zweiten Beispiel eines geschichtlich bedeutsamen Dualismus‘, im Dualismus von Materie und Geist. Entweder wird ein Dualismus zweier Prinzipien oder Substanzen behauptet (Substanz-Dualismus, vermeintlich in Anlehnung an Aristoteles) oder ein Monismus nur einer Seite; heute ist das durchgängig der Materialismus. In der Geistesgeschichte ist der Neuplatonismus (Plotin u.a.) ein Vertreter des entgegengesetzten Monismus, dass der Geist (Nous) alles und die Materie nichts ist, nur eine Projektionsfläche des Geistes. Dies wird, soweit ich sehe, heute nirgendwo mehr vertreten. Dagegen ist der naturwissenschaftliche Reduktionismus und daher Materialismus das gängige Denkmodell schlechthin. Speziell Deutschland und seine eigene Biografie betreffend bringt der Philosoph Thomas Metzinger die Situation auf den Punkt:

Ich hatte an einem eher traditionell orientierten philosophischen Institut studiert, an dem die politische Philosophie der Frankfurter Schule tonangebend war. Dort schien fast niemand die enormen Fortschritte in der analytischen Philosophie des Geistes zur Kenntnis genommen zu haben. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass in den wirklich überzeugenden, substanziellen Arbeiten an der Forschungsfront der Materialismus schon lange zur herrschenden Lehre, zur orthodoxen Doktrin im Hintergrund geworden war. Niemand schien auch nur im Entferntesten die Möglichkeit der Existenz einer Seele in Betracht zu ziehen. Es gab sehr wenige Dualisten – mit Ausnahme der Philosophen auf dem europäischen Kontinent. Es war sehr ernüchternd, zu erkennen, dass, rund vier Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nachdem praktisch die gesamte deutsch-jüdische Intelligenz und andere Intellektuelle entweder ermordet oder ins Exil vertrieben worden waren, viele philosophische Traditionslinien und fast alle Lehrer-Schüler-Beziehungen zerrissen waren und dass die deutsche Philosophie weitgehend vom globalen Diskussionszusammenhang abgekoppelt war. Die meisten deutschen Philosophen lasen nicht, was in englischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde. Plötzlich erschienen mir einige der philosophischen Debatten, deren Zeuge ich in deutschen Universitäten wurde, zunehmend als schlecht informiert, ein bisschen provinziell und ohne jedes Bewusstsein dafür, wo das große Menschheitsprojekt der Entwicklung einer umfassenden Theorie des Geistes in der Gegenwart eigentlich stand. Im Verlauf meines eigenen Vordringens in die Fachliteratur wurde ich schrittweise davon überzeugt, dass es tatsächlich keinerlei schlagende empirische Belege dafür gab, dass bewusstes Erleben außerhalb des menschlichen Gehirns stattfinden könnte, und davon, dass der allgemeine Trend an der Forschungsfront und in den allerbesten Beiträgen zur Philosophie des Geistes eindeutig in die entgegengesetzte Richtung zeigte. (Thomas Metzinger, Der Ego – Tunnel, TB S. 125)

Das „große Menschheitsprojekt“, damit ist die Konzentration der Philosophie auf das einheitliche, physiologisch-materiell bestimmte Verständnis der Funktionen von Gehirn und Geist zu verstehen. Dualismus gibt es hier nicht mehr, allenfalls Epiphänomenalismus oder Supervenienz des Geistigen. Für mich stellt sich allerdings die Frage, ob diese Reduktion auf neurologische Korrelate (d. h. Rückführung auf und Erklärung durch) nicht eine Einseitigkeit ist, die nur durch die begrenzte Vorstellungsmöglichkeit unserer Erkenntnis bedingt ist. Ebenso wie wir uns Modelle in der Teilchenphysik machen, die letztlich nur abstrakt mathematisch beschreibbar sind (z.B. die „String“-Theorie, also „Saitenschwingungs“-Modelle, Symmetrie-Modelle), und Naturphänomene verstehen helfen, so sind philosophische Modelle ebenfalls nur Versuche des Verstehens von etwas, was nun uns selbst, unser Denken, Vorstellen und Begreifen, betrifft. Was ist und wie funktioniert unser Bewusstsein und unser Denken auf physiologischer, neurologischer, psychologischer, mentaler, geistiger Ebene? Schon die unterschiedlichen Disziplinen der Forschung zeigen, dass es bei aller notwendigen Kooperation und tatsächlichen Überschneidung der Problemstellungen doch sehr verschiedene Zugangsweisen zur Analyse unseres Geistes gibt. Auch die repräsentationale Theorie des phänomenalen Selbstmodells nach Metzinger ist eben ein solches Denk-Modell. Es entzieht sich dem Gehirn-Geist-Problem auf seine Weise, und zwar nicht-dualistisch. Aber auch bei diesem Thema ist es mehr ein Problem unseres Vorstellungsvermögens als der Sache des Denkens selbst, das funktional erklärt und verstanden werden soll. Menschliches Vorstellungsvermögen kommt von dem Gegensatz von Materie und Geist nicht los. Die Alltagserfahrung verfährt da ganz pragmatisch: Entweder etwas ist ‚rein geistig‘ oder eben materiell, stofflich, oder eben beides ‚irgendwie‘ zusammen. Mag auch die analytische Philosophie den Begriff der Seele längst als obsolet verworfen haben, der normale Mensch kommt im Alltag des Lebens und Sterbens kaum von der Vorstellung einer Seele los. Sie ist einfach viel zu anschaulich. Und vielleicht bewahrt sie ja doch entgegen den materialistischen Grundannahmen der Neurowissenschaftler und der analytischen Philosophen eine Erkenntnis, die an einem ‚Mehr‘ oder ‚Anderem‘ gegenüber der ‚reinen‘ Materie fest hält. Es hat nicht lange gedauert, bis Einsteins berühmte Kurzformel E=mc² in die Alltagskultur Eingang gefunden hat. Allerdings wird es noch sehr lange dauern, wenn es denn überhaupt möglich ist, bis die darin liegende Erkenntnis zum Alltagsbestand unserer Vorstellung und unseres Wissens gehört: Dass nämlich Materie und Energie zwei Erscheinungsformen sind, die wechselseitig ineinander übergehen können. Man könnte weiter fragen: Erscheinungsformen von was? von einem Dritten? des Seins? so etwas wie Seinsweisen in den Formen von Aktualität und Potentialität, womit der alte Aristoteles wiederkehrte? Und noch schwieriger: Was ist überhaupt Materie, Masse, die doch in der heutigen Theorie so sehr des Higgs-Teilchens bedarf, was ist denn überhaupt Energie, was bedeutet ihrer beider Wechselwirkung in Feldern und Dimensionen, die ihren Raum und ihre Zeit selber mit sich bringen? Je näher man hineinschaut in das Innerste der Naturphänomene, desto mehr verschwinden Abgrenzungen und eindeutige Bestimmungen. Sind es Grenzen der Natur oder wiederum eher Grenzen unserer Erkenntnis, Grenzen unseres Vorstellungsvermögens? Ist das, was da immer als Zweierlei, möglicherweise als Gegensatz, als komplementäres Miteinander, aufzutreten scheint, im Grunde nur das Eine, Ganze in seiner ungeheuer vielfältigen Dynamik, die wir immer wieder nur als Zweierlei oder Mehrerlei distinkt bestimmen und gegeneinander abgrenzen wollen – und müssen, wenn wir’s denn verstehen wollen? Materie und Energie nur Eines? Materie und Geist nur ein Ganzes aus (mindestens) zwei Seiten? Mir scheint, die Geisteswissenschaften, die Neurowissenschaften, die Analytische Philosophie, könnten sehr viel von der Wissenschaftsgeschichte der Physik lernen. Carl Friedrich von Weizsäcker ist einer derjenigen, der genau in diese Richtung gewiesen hat. Klar ist aber auch, das diese Rückfrage nach dem Einen, Ganzen, nach den Grenzen unserer Vorstellung und Theoriebildung, das peinlich genaue Nachforschen und Erklären auf der Ebene der Neurologie und der analytischen Philosophie hinsichtlich des Erklärens dessen, was unser Bewusstsein eigentlich ist und tut, nicht nur nicht überflüssig macht, sondern allererst fordert und begründet. Es kann nur innerhalb dieser Begrenzung der Erkenntnis erkannt werden. Es sollte aber der Blick über diese Grenzen hinaus auf das Gemeinsame, das Eine in der Struktur, in der Potentialität, in der umfassenden wechselwirkenden Wirklichkeit – oder wie immer man es noch nennen will – ebenso begründet und aufrecht erhalten werden. Wer weiß, vielleicht ist die Materie ‚an sich‘ ebenso wenig geistlos, wie der Geist ‚an sich‘ immateriell wäre. Unterscheidungen, die wir aus guten Gründen präzisen Denkens und Forschens treffen, müssen nicht die Grenzen des Wirklichen und Tatsächlichen sein. Vielleicht enthüllt es sich für uns immer nur auf solch bruchstückhafte Weise der Annäherung.

3.) Das dritte Beispiel braucht, da es gerade in der heutigen Zeit en vogue ist, nur noch knapp skizziert zu werden. Denn der Gegensatz von Mensch und Technik, von Mensch und Maschine, ist zwar in aller Munde und scheint auch unsere Alltagserfahrung widerzuspiegeln. Aber auch dieser Gegensatz ist womöglich nur ein scheinbarer, wiederum verankert in unserem alltäglichen Vorstellen. Das unterscheidet klar zwischen dem Mir und dem Anderen, dem Drinnen und dem Draußen. Gefühl und inneres Wesen gehören zu mir, zu meiner inneren Natur. Technik, Maschinelles, dagegen steht mir entgegen, ist weder Ich noch Natur. Netz-Enthusiasten sehen nun durch die Möglichkeiten der Digitalisierung, der Miniaturisierung und der massiven Vernetzung den Unterschied von Mensch und Maschine verschwinden. Die Mensch-Maschine ist so für die einen Verheißung, für die anderen Abschreckung. Dabei ist der Gegensatz tatsächlich nur ein scheinbarer. Schon der Gebrauch unserer Hände, der Werkzeuggebrauch als verlängerte Hände, sind etwas funktional Technisches. Sprache ist eine Technik, eine Kulturtechnik. Unser gesamtes Leben in einer vom Menschen gestalteten Welt hat etwas Artifizielles. Auch der Werkzeug nutzende Primate erschafft sich bereits vermittels Technik seine eigene Welt. Volker Gerhardt hat in seinem Buch „Öffentlichkeit“ sehr schön beschrieben, wie weit und wie sehr Öffentlichkeit – Bewusstsein – Technik, wie sehr also Natur und Kultur zusammen hängen. Sie sind mehr als nur zwei Seiten einer Medaille, sie sind die Realform unserer menschlichen Existenz. Das reine ‚Naturwesen Mensch‘ (Rousseau) ist eine Fiktion, die mit der Wirklichkeit des alltäglichen Lebens wenig bis nichts zu tun hat. Aber über die Alltagserfahrung hinaus gilt es prinzipiell, dass der Mensch mit allen seinen Leistungen, sofern er nicht bloß träumt, nach außen tritt und sich zu seiner Welt (Umwelt, Mitwelt, Mitmenschen) ‚technisch‘ in Beziehung setzt. Der Geist selber ist technisch orientiert, sofern er zum Begreifen und Bewältigen des Lebens in dieser, in seiner Welt hilft. Der Ausdruck Mensch-Maschine spitzt zu, erschrecken sollte er einen nicht. Mensch – Technik – Natur – Kultur sind unterscheidbare, aber untrennbare Aspekte der gesamten einen Lebenswelt. Der homo sapiens sapiens ist er nur, indem er homo faber, homo technicus ist. Selbst in seinen Träumen holt er die Außenwelt nach innen und gestaltet sie nach seinen seelischen Bedürfnissen. Hier ist es wiederum unsere vorstellende Alltagserfahrung, die uns Innen und Außen, Subjekt und Objekt, trennen und als Gegensätze wahrnehmen lässt, wiewohl beides Funktionen und Erscheinungsweisen mentaler Repräsentationen sind. Mensch und Technik sind sehr grundsätzlich gesehen tatsächlich eine Einheit.

An diesen drei Themenkreisen, die ja in einen gewissen Zusammenhang miteinander stehen, kann der Unterschied zwischen unseren Vorstellungsmöglichkeiten, den Möglichkeiten der abstrakten Theorie- und Modellbildung einerseits und der tatsächlichen Gegebenheit der inneren (Bewusstsein) und äußeren Natur (Physik etc.) andererseits verdeutlicht werden. Auch überzeugte Realisten werden zugeben, dass sich die reale Welt nur durch unsere Sinne, durch Vorstellungen und Begreifen vermittelt. Jedes Modell des Denkens ist eben ein Denkmodell. Ein gutes erklärt und umfasst viel, ein weniger gutes eben nur weniges. Alles in einem ist nicht erkennbar, da es keine vollständige, allumfassende Theorie und schon gar keine Anschauung von ‚Allem und Einem‘ gibt. Der wissenschaftlichen, denkenden und erkennenden Redlichkeit aber sollte es geschuldet sein, kein Modell absolut zu setzen und als „die Wahrheit“ zu verkünden. Insofern ist auch der heute verbreitete und erfolgreiche wissenschaftliche Materialismus nur eine Arbeitshypothese – bis auf weiteres.

 12. Juni 2013  Posted by at 17:01 Geist, Natur, Philosophie, Wissenschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Grenzen der Vorstellung
Mai 252013
 

Der Mensch hat Zeit. – Dieser Satz gilt strikt. Der Mensch ist das Subjekt der Zeit. Die Zeit ist ihm zu eigen. Das Jetzt gibt es sogar ausschließlich für den Menschen. Gegenwart und Vergangenheit sind Interpretationen der Zeit. Zukunft ist das, was erwartet wird, – oder das, was einfach auf uns zu kommt. „Unsere“ Zeit ist ganz und gar etwas durch uns Geschaffenes.

Immanuel Kant definierte Raum und Zeit als „reine Formen der Anschauung“. Zeit ist für ihn ebenso wie der Raum etwas formal Vorgegebenes, das Anschauung und darauf hin Wahrnehmen und Begreifen überhaupt erst ermöglicht und begleitet. Er geht damit zwar über den „absoluten“ Raum Newtons und dem entsprechend über eine absolute Zeit hinaus und nimmt Raum und Zeit gewissermaßen das Objektive. Zugleich sind Raum und Zeit aber die a priori gegebenen Rahmenbedingungen jeglicher Erkenntnis, die auf Anschauung beruht. Die Zeit ist damit kein Gegebenes innerhalb der Welt, sondern die transzendentale Voraussetzung von Welterkenntnis überhaupt. Man kann nun in der Nachfolge Kants darüber streiten, ob damit Raum und Zeit als Rahmenbedingung aller Anschauung und somit aller Erkenntnis der Subjektivität des Menschen zuzuordnen ist, oder ob es sich bei den „reinen Formen“ doch eher um objektive Ideen geht, die menschliche Erkenntnis immer schon vorfindet. Letzteres wäre eine fast noch metaphysische Interpretation, Ersteres würde den Weg bahnen in ein streng subjektivistisches Verständnis von Raum und Zeit.

Curitiba, Brasil (Wikipedia)

Curitiba, Brasil (Wikipedia)

Bleiben wir bei der Zeit. Die heutige analytische Philosophie, speziell die Philosophie des Geistes, nimmt die Entwicklungen und vorläufigen Ergebnisse der Neurowissenschaften positiv auf, wenn sie den Geist des Menschen, sein Empfinden, Vorstellen und Begreifen, also den gesamten Bereich des Mentalen, als etwas denken und verstehen möchte, dem stets ein neurales Korrelat zugeordnet ist. Ich vermeide es mit diesem Ausdruck, die Art der Zuordnung irgendwie, womöglich einseitig kausal, zu bestimmen. Das mag sein oder auch nicht – es spielt für diese Überlegungen jetzt keine Rolle. Entscheidend ist der Versuch, die mentalen Phänomene, also Bewusstsein, Wahrnehmen, Vorstellen und schließlich Denken und Begreifen als an das menschliche Gehirn gebunden zu beschreiben. Lässt man sich auf diesen Weg einmal ein, dann gewinnt die Frage an Bedeutung, wie denn genau die Phänomene des Bewusstseins zu beschreiben sind, wie es entsteht, gebildet wird, sich ausprägt und entwickelt, wie also aus „einfacher“ Sinneswahrnehmung im Bewusstsein die eigene Welt des Menschen entsteht. Schließlich führt diese Überlegung weiter zu der spannenden Frage, wie das Selbst, das ‚Ich‘, phänomenal zu beschreiben ist, und wie höher stufige mentale Prozesse nicht nur gegenständliches Erkennen, also mithin das, was wir banal realistisch als Raum erfahren, sondern auch das eigene Gegenwärtigsein und Seiner-selbst-bewusst-Sein ermöglichen. Schließlich gehört es zu den evolutionär höchsten Leistungen des Geistes, in sich das Abbild einer Welt zu konstruieren als ein mentales Modell, und damit strikt ‚gleich-zeitig‘ auch das gegenwärtige Jetzt zu schaffen. Anders herum gesprochen: Abgesehen vom Bewusstsein eines Lebewesens wie des Menschen gibt es kein Jetzt, keine Gegenwart, keine Vergangenheit und auch keine Zukunft, so wie wir sie mit der Metapher des Zeitstrahls verstehen. Die Natur kennt keine Zeit in unserem Sinne, sondern nur Prozesse und Wechselwirkungen, die durch den Zweiten Hauptsatz der Wärmelehre, das heißt durch die unumkehrbar ‚gerichtete‘ Zunahme der Entropie bestimmt sind. Zudem ist das, was wir Zeit nennen, in gleichförmig bewegten Inertialsystemen relativistisch gestaucht oder gedehnt, also mitnichten ein objektiv gegebenes unveränderliches Maß.

Bleiben wir beim Augenblick, bei unserem Jetzt. Das Bewusstsein, so könnte man nun sagen, ‚modelliert‘ die Sinneswahrnehmung zu einer Welt, zumindest zu einer ‚Welt für mich‘ aus der exklusiven Perspektive des Jetzt. Das, was mir im Augenblick bewusst ist, konstituiert mein zeitliches Jetzt. Dies ist wiederum die Basis für das „Zeitfenster“ der Gegenwart. In Abgrenzung zum gegenwärtigen Jetzt kann das mentale Modell des Selbst auch eine Vergangenheit bestimmen, die durch die Erinnerung als vergangene Zeit repräsentiert wird. Mit der Zukunft ist es einfacher; sie ist eigentlich gar kein Zeitbegriff, sofern sie nur das bezeichnet, was unter unendliche vielen Möglichkeiten ‚als nächstes‘ passiert. Als vom eigenen Selbst geplante, erhoffte oder befürchtete Erwartung wird sie aber als eine noch nicht realisierte Zeitstruktur für das Ich als „Zukunft“ modelliert. Tatsächlich, so lässt es sich analytisch durchaus plausibel beschreiben, ist die Zeit, zumal die Gegenwart im Jetzt, etwas dem Menschen Ureigenes, nur ihm mental Zugängliches. Die Modelle mentaler Repräsentation schaffen nicht nur das ‚Selbst-Verständnis‘, sondern weit mehr: Sie konstituieren und konstruieren für mich eine Welt in der Zeit, in der allein ich sie und es und ‚alles‘ erleben kann: meine Welt in meiner Zeit.

Wie ’subjektiv‘ verschieden das Jetzt erlebt und gedeutet werden kann, zeigen die verschiedenen Zeiträume der ‚Gegenwart‘: Sprechen wir von der „Gegenwartskultur“, dann besteht diese Gegenwart aus Jahren oder Jahrzehnten. Beziehe ich mich auf den Ort, an dem ich mich „gegenwärtig“ aufhalte, dann kann diese Gegenwart ein Tag oder mehrere Tage sein. Spricht man von Geistesgegenwart, dann meint man eine augenblicklich aktuelle Reaktion, die Gegenwart schrumpft zum Nu dieses Augenblicks. Davon noch einmal zu unterscheiden ist natürlich die Empfindung, die wir beim Erleben unserer Zeit haben: die Minuten oder Sekunden, die so endlos dauern bis zum ersehnten Abpfiff eines Endspiels in Wembley…

Diese Überlegung ist nur eine Möglichkeit. Sie erklärt viel und lehrt uns, unser Erleben in der Welt, in Raum und Zeit, als jeweils eigenes Erleben anders und, wie ich meine, besser zu verstehen. Die heutige analytische „Philosophie des Geistes“ gehört zum Spannendsten, was es seit langem in der Philosophie zu denken gab.

Hinweis: Philosophisch informativ und einführend in die „Theorie des phänomenalen Selbstmodells“ ist Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel, 5. Auflage 2012.

 25. Mai 2013  Posted by at 17:59 Bewusstsein, Geist, Philosophie Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Zeit – Geist
Apr 272013
 

Der Mensch sei „ein zweibeiniges, federloses Geschöpf“, so habe Platon gesagt. Diogenes habe ihm daraufhin einen gerupften Hahn vorgehalten, das sei also Platons Mensch. Dieser habe dann ergänzt, „mit platten Nägeln“, was aber auch nicht ganz überzeugte, zumal in dieser Ergänzung ein Wortspiel mit dem Namen Platons enthalten war. Also wurde korrigierend noch einmal erweitert „der Vernunft und Wissenschaft teilhaftig“ – und damit haben wir den Salat. Auch wenn dieser aus kynischer Tradition überlieferte Wortwechsel zwischen Platon und Diogenes wohl nur legendarischen Charakter hat (eine entsprechende ‚Definition‘ findet sich nirgendwo in den Werken Platons, 1), so ist sie zumindest gut erfunden, macht sie doch genau das Problem deutlich: Was zeichnet den Menschen gegenüber den übrigen Lebewesen, insbesondere den Tieren, aus?

„Was ist der Mensch?“ Diese Grundfrage hat insbesondere die Philosophie zu allen Zeiten beschäftigt. Sie liegt aber auch aller Wissenschaft unausgesprochen zugrunde, wenn man durch Forschung und Wissen Aufschluss zu erhalten sucht über das, was einen selbst und die gesamte „Welt im Innersten zusammen hält“. Nun gut, könnte man meinen, da haben doch Biologie, Chemie, Physik, Medizin, aber auch Metaphysik, Anthropologie und nicht zuletzt die Überlieferung der Religionen einiges zusammengetragen. Besonders die neuzeitlichen Naturwissenschaften (science) haben inzwischen recht genau analysiert, wie sich der Mensch evolutionär entwickelt hat und wie er daraufhin physiologisch zu beschreiben ist. Die Neurowissenschaften bemächtigen sich derzeit mit erstaunlichen Fortschritten des menschlichen Gehirns, um seine basalen Zustände und Funktionsweisen zu erklären. Wenn auch längst noch nicht alles an und in unserem Gehirn verstanden ist, so kann man doch getrost davon ausgehen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die letzten Lücken geschlossen und neurophysiologisch und kognitionswissenschaftlich erkannt und verstanden sein werden. Die Frage ist nur: Hat man dann auch „automatisch“ die Frage beantwortet, was der Mensch eigentlich als besonderes Wesen ist? Wie steht es mit dem erklärenden Zusatz „der Vernunft teilhaftig“? Kurz – was hat es mit dem Geist des Menschen auf sich?

Da haben wir den Salat deswegen, weil über die Beantwortung der Frage nach dem Geist, nach den mentalen Fähigkeiten und „mentalen Phänomenen“, unter den Wissenschaftlern und Philosophen allergrößte Uneinigkeit besteht. Und es kann hierbei auch keineswegs die Zuversicht geben, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis auch darüber Einvernehmen hergestellt ist. Das Problem beginnt schon bei der näheren Bestimmung des zu untersuchenden Gegenstandes „Geist“. Ist das Denkvermögen gemeint, der Verstand, die Vernunft, die Urteilskraft, die Logik? Ist das alles ein und dasselbe oder wodurch unterschieden? Ist es mehr die Fähigkeit, sich zu erinnern, sich etwas vorzustellen, zu planen, absichtsvoll zu handeln? Und wie verhält sich das Bewusstsein, zumal das „phänomenale Bewusstsein“, zum Bereich des Geistigen, insbesondere das Selbstbewusstsein? Oder ist es nur so etwas wie ein „Aggregatzustand“ des Gehirns? Was ist mit Phantasie, Imagination, Intuition, und dann erst mit Empfindungen, Ahnungen, Gefühlen, die wir kennen und benennen? Was ist im Bereich des Geistigen das Objektive, was das Subjektive, oder ist schon diese Unterscheidung falsch? Was geschieht, wenn man die Frage „Was ist der Mensch“ umformuliert zu der Frage „Wie fühlt es sich an, ein Mensch zu sein?“

Menschen - Bilder (Vancouver)

Menschen – Bilder (Vancouver)

Diese letzte Frage nimmt das etwas provokante Thema des US-amerikanischen Philosophen Thomas Nagel auf, der 1974 in einem berühmten Aufsatz fragte „What is it like to be a bat?“, was man übersetzen muss mit „Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?“ Damit wurde mit einem Paukenschlag die bis heute andauernde Diskussion um die „Qualia“ eröffnet, die, wie die einen meinen, sich jedem pysikalischen Reduktionismus entziehen, was die „Reduktionisten“ oder „Emergentisten“ energisch bestreiten – mit einer Vielzahl an differenzierenden Zwischenpositionen. Qualia (Plural, Singular: Quale, abgekürzt für „mentale Qualitäten“ bzw. Qualitäten des phänomenalen Bewusstseins), scheinen sich einer biophysischen oder neurologischen Erklärung zu entziehen. Zwar kann man exakt angeben, was es elektrodynamisch und neurophysiologisch bedeutet, die Farbe Rot zu sehen, also zu beschreiben, welcher Vorgang beim Auftreffen des Lichtes auf die Zäpfchen in der Retina ausgelöst wird und schließlich an einer bestimmten Stelle optischer Wahrnehmung im Gehirn ankommt und „verarbeitet“ wird, man kann also erklären, was passiert, wenn man Rot sieht, aber damit, so die entscheidende Zuspitzung, ist noch längst nicht gesagt, wie es sich im Innern des Sehenden anfühlt, rot zu sehen. Ebenso kann man alle Funktionen und Eigenschaften einer Fledermaus genauestens beschreiben bis hin zu einem denkbaren molekularen Nachbau (Kopie) eines solchen Tieres, ohne je zu wissen, wie es sich als Fledermaus anfühlt, eben eine Fledermaus und nicht ein Mensch oder sonst ein anderes Lebewesen zu sein. Wenn man sich in dieses Problem vertiefen will, tun sich einem Bücherschränke an Literatur aus den jüngst vergangenen Jahrzehnten auf. An der Charakterisierung dieser Qualia scheint so viel zu hängen, weil man darin einen irreduziblen „Rest“ einer rein mentalen Fähigkeit erkennen will, die nicht von einem physikalischen Zustand verursacht ist. Hier scheinen also die hehren Retter der Unabhängigkeit des Geistes gegen die plumpen Naturwissenschaftler und Physikalisten zu stehen.

Ich betone „scheinen“, denn beim näheren Hinsehen sind auch die monistischen Positionen (im Gegensatz zu den Dualisten) weder plump noch geistesfremd. Es ist doch in der Tat die Frage, ob wir bei der Beschreibung dessen, was uns wissenschaftlich erkennbar ist, von einem einheitlichen, in sich kausal geschlossenen Weltbild ausgehen wollen, oder ob wir zwei verschiedene Ontologien, eine physikalische und eine geistige, meta-physische (darum Dualismus) behaupten wollen. Fragt man sich nun, warum der ganze Terz, ist das denn so wichtig? Kann man nicht einfach von zwei unterschiedlichen Wirklichkeiten (Ontologie = Seinslehre) ausgehen, wenn  einem eine einzige „rein“ physikalische nicht auszureichen scheint? Das Problem ist dann nur anzugeben, wie sich diese beiden Seinsweisen denn aufeinander beziehen, da sie doch im Menschen offenkundig gemeinsam versammelt sind. Damit sind wir flugs bei Platon, Aristoteteles, und und und. Will man aber ein einheitliches „konsistentes“ Weltbild zugrunde legen, wie es die naturwissenschaftliche Forschung de facto tut, dann bekommt man spätestens dann Schwierigkeiten, wenn  man die besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten beschreiben (um nicht zu sagen erklären) will, die für unverwechselbare Kennzeichen des Geistigen gehalten werden: Selbstbewusstsein, Erleben, Empfindung, Intuition, – von all dem, was man unter „Mystik“ zusammen fasst, einmal ganz zu schweigen. Woher kommt „Neues“ in die Welt? Was ist (nicht nur künstlerische) Kreativität? Wie verhält sich die Sprache zu unserer Erkenntnisfähigkeit? Wie soll man denjenigen Bereich des menschlichen Daseins verstehen, den Karl Popper so schön als „Welt 3“ kategorisiert, womit er die Welt geistiger „Gegenstände“ (Gedanken, Ideen, Kultur) meint? Kann ich das alles im Ursprung „reduktionistisch“ auf biophysische Vorgänge zurück führen, und wenn ja, was würde das genau bedeuten? Reduktion heißt ja nicht, verschwinden lassen, es bedeutet vielmehr eine Rückführung oder besser Verknüpfung der Erklärung und des Verstehens auf basale oder wenigstens vorgängige Strukturen und Funktionen, die unsere Welt, belebt und unbelebt, im Ganzen bestimmen und die wir unter anderem als Naturgesetze kennen. Dem unterliegt der Mensch doch auch sonst. Da kommen dann Begriffe wie Emergenz, Supervenienz und Epiphänomenalismus zur Geltung, die genau einen positiv gefüllten Begriff einer physikalistischen, monistischen Ontologie entfalten und erweitern wollen. Allein diese drei Begriffe zu erklären würde schon wieder einen längeren Aufsatz erfordern. Der Hinweis auf sie mag hier anzeigen, dass auch auf der Basis eines nicht-dualistischen Weltbildes die Dinge keineswegs einfacher liegen, als sie sich vermeintlich aus dualistischer Perspektive ergeben.

Eines allerdings, und darin sind sich fast alle Gegenwartsphilosophen einig, ist ‚verbotenes Land‘, zumindest vermintes Gebiete: die Metaphysik, gerne mit dem Adjektiv „traditionell“ versehen. Alle bisher beschriebenen Bemühungen sind in dem Bereich der Philosophie angesiedelt, den man als „analytisch“ bezeichnet, mit oder ohne  „linguistic turn“. Die analytische Philosophie wollte und will sich als Alternative zu metaphysischen Spekulationen anbieten, die man zum Beispiel im Deutschen Idealismus kulminieren und zu überwinden sieht. Ganz klar, zu Hegel & Co. gibt es kein zurück, und das ist auch gut so – aus meiner Sicht. Aber die Verheißungen der analytischen Philosophie, die Phänomene von Geist und ‚Sinn‘ einfacher, klarer und konsistenter zu beschreiben und zu verstehen, haben sich definitiv nicht erfüllt, fast möchte man sagen: eher im Gegenteil. Aber wenn auch neben vielen sehr guten Ergebnissen (wie die genauere Bestimmung von Qualia, Emergenz, Supervenienz, epistemischer oder nomologischer Ontologie und vielem anderen mehr) auch Abwege und Sackgassen deutlich werden, so ist damit auch viel gewonnen. Mir scheint besonders die extensive Diskussion der Qualia inzwischen in einem unergiebigen Abseits gelandet zu sein. In der Verlagsbeschreibung eines neueren Buches von Michael Pauen zum Thema Qualia heißt es sehr schön:

Wie kann das phänomenale Bewusstsein in unser naturwissenschaftliches Weltbild integriert werden, wenn doch, wie viele Philosophen des Geistes heute glauben, auch seine Abwesenheit mit allen naturwissenschaftlichen Tatsachen logisch vereinbar ist? Hier haben sich in der jüngsten Diskussion zwei Strategien heraus kristallisiert: Erstens die Strategie der phänomenalen Begriffe, derzufolge die explanatorischen Rätsel des phänomenalen Bewusstseins nichts mit einer ontologischen Kluft zwischen dem Physischen und dem Phänomenalen zu tun haben, sondern sich allein aus den Besonderheiten unserer phänomenalen Begriffe ergeben. Zweitens die Strategie des verfehlten Erklärungsmodells, derzufolge die gegenwärtigen Schwierigkeiten mit reduktiven Erklärungen phänomenaler Eigenschaften nichts mit unerklärbaren Besonderheiten des Bewusstseins zu tun haben, sondern einfach mit falschen Vorstellungen darüber, wie reduktive Erklärungen funktionieren.

Ja, an „verfehlten Erklärungsmodellen“ könnten viele der genannten Probleme wirklich liegen. Es geht also wieder einmal darum, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und dazu war in der Philosophie oft genug Anlass und ist immer eine besondere Anstrengung nötig.

Was also ist der Mensch, dieses „zweibeinig federlos Geschöpf, plattnägelig, der Vernunft und Wissenschaft teilhaftig“? Spannende Frage. Wir werden dran bleiben müssen.

___________

1) siehe in Margaret Billerbeck (Hrg.), Die Kyniker in der modernen Forschung, 1991, den Beitrag von C.W. Goettling, Diogenes der Kyniker, S. 43 (Google books)

 27. April 2013  Posted by at 12:19 Anthropologie, Philosophie Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Ein zweibeinig federlos Geschöpf
Apr 012013
 

Volker Gerhard hat uns mit seinem jüngsten Werk einiges zu lesen und zu denken aufgegeben. Das umfangreiche und im wahrsten Sinne vielseitige Werk trägt sein Programm zwar im Titel, nämlich „Öffentlichkeit als politische Form des Bewusstseins“ darzustellen, aber was dies für Gerhardt bedeutet, weiß man natürlich erst nach der Lektüre. Vermuten darf man bei diesem Titel eine Auseinandersetzung mit dem neuzeitlichen Phänomen Öffentlichkeit, erwarten kann man eine begriffliche Bestimmung dessen, was heute sinnvoll unter Öffentlichkeit zu verstehen ist im Zusam­menhang von individuellem Bewusstsein und allgemeiner Politik. Gleich auf den ersten Seiten formuliert darum Gerhardt sein Programm: eine neue, alles auf den Kopf stellende Lösung „eines der ältesten Rätsel“: „Das uns Nächste des individuellen Bewusstseins soll das Allgemeine der Gegenstände und Begriffe sein, während das scheinbar Erste der subjektiven Empfindungen und Gefühle sich als relativ später Eintrag einer individuellen Distanzierung erweist.“ Er möchte „das scheinbar Privateste, nämlich das Selbstbewusstsein des einzelnen Menschen, als ein[en] Spezialfall des Öffentlichen [verstehen], in dem alle verständigen Wesen verbunden sind.“ (13) Das klingt provokativ und ist auch so gemeint. Wie das genauer zu verstehen ist, skizziert Gerhardt in seiner Einleitung über die „Weltöffentlichkeit des Bewusstseins“.

*

Dies ist die Einleitung eines Textes, in dem ich mich ausführlicher mit Volker Gerhardts Buch „Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins“ (2012) auseinander setze. Ich gebe einen Überblick über den Aufbau und die einzelnen Kapitel des Werkes und gehe dann näher auf drei Problemkreise ein: auf den Gebrauch des Begriffs Öffentlichkeit; auf den Komplex Bewusstsein – Geist – Seele; auf die explizit aufklärerische Zielrichtung; auf die Ontologie des Naturalismus, die seiner Theoriebildung zugrunde liegt. Dabei stelle ich Anfragen nach dem rechten Verständnis, nach der Schlüssigkeit und nach den Voraussetzungen Gerhardts bei der Behandlung dieses großartigen Themas „Öffentlichkeit“.

Mein Text ist mit einigen Anmerkungen versehen, die auf die Hintergründe meiner Kritik verweisen. Die in runde Klammern gesetzten Zahlen sind stets Seitenangaben aus dem besprochenen Buch Gerhardts. Ich habe mich auf diese letzte und bislang umfassendste Darlegung Volker Gerhardts beschränkt; frühere Werke über Selbstbestimmung (1999), Individualität (2000) und Partizipation (2007) finden breiten und zum Teil veränderten Eingang in das vorliegende Buch. Einen guten Überblick über Gerhardts Wirken gibt der Wikipedia-Artikel. Meine Auseinandersetzung mit Gerhardt ist trotz der zehn Seiten recht komprimiert und vielleicht nicht immer klar  und  leicht genug zu verstehen. Zumindest habe ich versucht, die Voraussetzungen meines eigenen Denkens anzudeuten. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin mögen sich ihr eigenes Bild davon machen. Hier ist der Link zum Text (PDF):

Reinhart Gruhn, Bemerkungen zu Volker Gerhardt, Öffentlichkeit.
Die politische Form des Bewusstseins, München 2012

Öffentlichkeit

Öffentlichkeit (in Kempten)

UPDATE, am 4.4. gefunden:

„Mit ihrer Hilfe entwickeln sich jene Gesellschaften, denen wir schon im außermenschlichen organischen Leben begegnen, zu höheren Stufen gesellschaftlichen Lebens und schließlich zur Bildung eines sozialen Bewußtseins im Menschen… Sein Selbstbewußtsein gewinnt der Mensch durch das Medium gesellschaftlichen Lebens.“

Ernst Cassirer, 1944

Jan 312013
 

Altes Denken – neues Denken, das ist doch keine Alternative. Altes Denken ist eben alt, vergangen, ‚out‘; neues Denken ist modern, dran, ‚in‘. Seit Francis Bacon (†1626)  ist „das Neue“ Ausweis wirklichen Wissens und vorwärts treibende Kraft der Wissenschaft. „Wissen ist Macht“ – dieses Diktum wird ihm zugeschrieben, es kennzeichnet durchaus das, was Bacon mit seiner „Neuen Methodenlehre der Wissenschaft“ (1620) verband: den stetigen Fortschritt der Erkenntnis und eine wachsende Naturbeherrschung. Seine Gedanken haben das, was sich danach im neuzeitlichen Denken und Wissensbetrieb  abspielte, erstaunlich hellsichtig auf den Begriff gebracht. Bacon kennzeichnet damit die endgültige Abkehr vom mittelalterlichen Denken, dessen Gütesiegel eher darin bestanden hatte, wie die berühmten Alten zu denken und keine Neuerungen zu lehren. Denn das war ja gerade der Inbegriff der Ketzerei: Neues zu lehren und nicht mehr der Tradition zu folgen. Die Hinwendung zum fortschreitend Neuen kennzeichnet sehr präzise die Wende zur „Neu-Zeit“, nämlich zur ‚Zeit des Neuen‘. Klaus Peter Fischer hat in einem kleinen Vortrag „Als das Neue noch neu war“ sehr schön diesen Wandel der Perspektive des Denkens heraus gestellt.

Für uns heute ist diese Perspektive ganz vertraut, ganz selbstverständlich. Nur das Neue ist wirklich interessant. Nachrichten sind eo ipso „Neuigkeiten, „news“. ‚Altigkeiten‘ gibts nicht. Neue Ideen, neue Modelle, neue Lösungen sind gefragt. Im Zeitalter des Internets leben wir in einer ständig Neues produzierenden Welt: Neue ‚gadgets‘, neue ‚apps‘, neue (Facebook-) Freunde und Kontakte, das Neuste jeweils als „Gezwitscher“ im Netz, neue Bildung, neues Wissen usw. Manche sehen ja erst mit den Möglichkeiten des Internets die wirklich neue Neuzeit angebrochen. Im Denken zumindest gilt Älteres nur dann als interessant, wenn früher schon etwas Neues gedacht und eben nur nicht beachtet wurde. Das Alte als solches ist definitiv vorbei und uninteressant. Es wäre durchaus lohnend, einmal über das Zeitgefühl nachzudenken, das sich in dieser modernen Mentalität äußert. Der Hinweis, es sei eben zielgerichtetes Denken auf dem „Zeitpfeil“ und nicht mehr Denken in Kreisläufen, gibt eine einfache, vielleicht sogar zutreffende Deutung, reicht aber zur näheren Kennzeichnung und Erfassung dessen, was unser neuzeitliches Zeitverständnis ausmacht, noch längst nicht aus.

Bacon

Bacon, Great Instauration – Titel (Wikipedia)

Vielleicht liegt das auch daran, dass viele nur noch Kurzes lesen (wenn denn gelesen wird),  mal eben den Anfang einer Nachricht, einer Geschichte, eines Blogbeitrags („tl;dr“), – Lesen als literales Zappen gewissermaßen. Oft fehlt die Muße und die Mühe, ein größeres Werk in seinem Zusammenhang zu lesen, zu durchdenken, zur Kenntnis zu nehmen. Dies Verhalten ist natürlich nicht neu, wird aber durch die schnellen Medien und den Zwang zur Kürze (Twitter: 140 Zeichen) und durch die ständig einströmenden Meldungen der jeweiligen „timeline“ erheblich gefördert. Dabei lässt sich komplexes Denken, also ein Denken, das sich als größeres System begreift und ein Denkgebäude darstellt, kaum im Vorbeigehen erfassen. Das braucht Zeit, um in alle Räume dieses Denkens einzutauchen. Nur dann wird sich das Spezifische, das Eigentümliche, das Faszinierende und das vielleicht sogar Wahre dieses jeweiligen Denkentwurfs erschließen. Hinzu kommt, dass manche denkerischen Gebäude schwer zugänglich sind, man sich einlesen und eindenken muss, die Begrifflichkeit des Denkens lernen und verstehen muss, um überhaupt erst die „Denkräume“ begehen und erforschen zu können. Dies gilt übrigens nicht nur für Philosophen, die als „schwer“ gelten (Leibniz, Kant, Wittgenstein), sondern oft viel mehr für die vermeintlichen „Leichtgewichte“ im Verstehen, die sich so glatt weglesen (Platon, Jaspers), deren strenge und sehr präzisen Denkstruktur dann aber glatt übersehen oder gar nicht erfasst werden. Schon gar nicht gilt das für die „Modedenker“, zu denen ich hier einmal Niklas Luhmann, Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk rechne, wobei auf jeden Fall die beiden Erstgenannten in ihren eigenen Werken (weniger in den Popularisierungen) äußerst streng, präzise, vielschichtig und deswegen ’schwierig‘ sind. Sloterdijk legt es von vornherein, mit Sprache spielend, mehr aufs Feuilleton an, was die Gefahr der Fehleinschätzung als „oberflächlich“ eher noch erhöht.

Wer es aber unternimmt, in das Gebäude eines Denkens hinein zu gehen und es auszuforschen, einem Denker auf seinen Denkwegen zu folgen und auch dem nur Angedeuteten, Ungesagten nachzuspüren, dem erschließt sich eine ganz andere Welt, ja auch eine ’neue‘ Welt, nämlich unterschieden von dem, was einem bisher zu denken und verstehen gewohnt und vertraut war. Und dann spielt es auch kaum eine Rolle, ob es sich um einen „alten“ oder einen „modernen“ Denker handelt. Ja, es kann einem dann so ergehen, dass ein recht altes Denksystem, gerade weil es uns in seinen Zusammenhängen so fremdartig und unvertraut ist, völlig faszinieren und neue Räume öffnen und Denkmöglichkeiten erschließen kann, als käme es aus einer anderen Welt. Mir ist das so bei dem schon literarisch-technisch in der Tat schwer zugänglichen Werk Plotins († 270) ergangen. „Faszinierend“, um es mit Spock zu sagen. Beginnt man dieses platonische (neuplatonisch genannte) Denken eines so großartigen Denkers wie Plotin ein wenig zu begreifen, erkennt man eine Schönheit und Wahrheit („ja, das ist so“), die einen fast überwältigen kann. Klar, eine solche faszinierende Wirkung führt leicht dazu, über die Widersprüche und Fragwürdigkeiten hinweg zu sehen. Dennoch, es liegt ein besonderer Reiz in der Entdeckung solcher Denkwege und Denkmöglichkeiten. Beim genaueren Hinschauen ist dann zu merken, wie sehr doch viele Begriffe und Ideen eines Plotin und seines Schülers Porphyrios zum Beispiel Jahrhunderte später wieder kehren und in diesem Falle bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel fast in Reinform auftauchen. So nah liegt oft das Alte.

Ich komme darum immer mehr zu der Einsicht, dass es nur sehr wenig wirklich Neues im Denken und Verstehen gibt. Das Meiste, was uns neu erscheint, ist uns nur unbekannt gewesen, obwohl es schon längst da war und gedacht und beschrieben worden ist. Das trifft sich mit der Bemerkung des britischen Philosophen Alfred North Whiteheads († 1947), die abendländische Philosophiegeschichte bestehe aus „Fußnoten zu Plato“. Oft ist das jeweils Neue nur eine kleine Änderung der Perspektive, eine leichte Verschiebung des Gewichtes bestimmter Ansätze und Ausgangspunkt. So etwas kann man sehr schön bei Descartes im Vergleich zu seinen unmittelbaren Vorläufern und Zeitgenossen finden. Das Besondere und Geniale liegt dann, übrigens nicht nur im Denken, im rechten Zeitpunkt und im gefundenen Begriff. Auf die knappe Formulierung „cogito ergo sum“ muss man erstmal kommen, auch wenn der Sache nach Ähnliches schon lange vorher gedacht und geschrieben war. Mich interessiert darum immer wieder und oftmals stärker als manches Neue, das sich in Kürze als Geschwätz erweist, das Alte: Denkmöglichkeiten, die schon einmal erprobt, formuliert, vielleicht nur angedeutet waren. Wenn ich oder ein beliebiger anderer dies heute tut, geschieht es ja in einem ganz anderen zeitlichen Zusammenhang, in einer anderen Welt als derjenigen, in welcher der ursprüngliche Denker gelebt und gearbeitet hat. Schon die ‚Verfremdung‘ kann erhellend sein. Erneutes Nachdenken eines alten Gedankens ist dann eben doch auch zugleich ein erneutes Durchdenken und insofern ein ’neues Denken‘. Das Alte neu zu denken ist dann vielleicht das Spannendste, was es überhaupt zu denken gibt.

 31. Januar 2013  Posted by at 11:33 Geschichte, Philosophie, Wissen Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Altes Denken, neues Denken