Feb 092013
 

Seit einiger Zeit „im Netz unterwegs“ (was für eine Formulierung…) stelle ich fest, dass ich mich öfter als zuvor auf den sozialen Plattformen langweile. Facebook habe ich seit längerem links liegen lassen, bin dort inzwischen abgemeldet, in die Timeline bei Twitter und auf die Mitteilungen bei Google+ schaue ich seltener. Natürlich sinkt damit auch die Häufigkeit meiner aktiven Beteiligung, meiner eigenen Beiträge. Blogs mag ich, aber sehr genau ausgewählt. Die konsumiere ich eigentlich nicht anders als Zeitungen, nur mit der leichteren Möglichkeit direkt zu reagieren. Das tue ich aber auch nicht oft, allenfalls mal ein „1+“, und manchen angefangenen Kommentar habe ich nach der ersten Zeile wieder gelöscht und lasse es dabei. Wie kommts?

Zum einen ist es sicher ein gewisser Gewöhnungseffekt. Der Reiz des Neuen lässt nach. Da schaue ich eher danach, was es mir bringt. Denn eines ist auch klar: Sich im Netz zu bewegen ist zeitaufwändig. Lesen, weiterklicken, einen Diskussionsstrang verfolgen, nachschauen, überprüfen, sich eventuell anderweitig schlau machen – all das kostet viel Zeit. Ich bin nur noch dann bereit, diese Zeit aufzubringen, wenn ich einen Nutzen für mich erkenne: Wenn ich etwas Interessantes entdecke, auf einen neuen Gedanken aufmerksam gemacht werde, einen mir bisher unbekannten Zusammenhang entdecke oder gar ein ganz anderes Themenfeld finde, das mir so bisher noch nicht begegnet ist. Wenn es der Fall ist, interessiert mich der Beitrag und ich beschäftige mich damit, beteilige mich wohl auch gelegentlich an einer Diskussion. Insgesamt ist das Ergebnis aber äußerst dünn, besonders in den Diskussionsbeiträgen. Es geschieht doch sehr selten, dass man einen wirklich guten Gedanken findet, sei er nur kurz wie ein Aphorismus, sei er länger ausgeführt und begründet. Etwas Interessantes, Neues, Weiterführendes im Netz, in sozialen Medien, in Blogs zu finden ist etwa so selten, – ja eben wie ein wirklich gutes Buch selten ist, wie ein treffender und gelungener (Zeitungs-) Artikel selten ist. Es ist dabei ziemlich egal, obs Online oder Print ist. Diese Feststellung als solche ist nicht neu, das war eigentlich schon immer so.

Vuvuzela

Vuvuzela

Das hängt natürlich von den eigenen Erwartungen und Standards ab. Ich lasse mich bereitwillig von gekonnt formulierten Anstößen interessieren, folge gerne einer klaren, womöglich zwingenden Argumentation, möchte über den verhandelten Gegenstand etwas mir bisher Unbekanntes erfahren. Texte und Beiträge reizen mich also, wenn sie etwas Verschlossenes neu und anders erschließen, Dunkles aufdecken, Neuland skizzieren. Dann lasse ich mich auch gerne auf neue Begrifflichkeiten und Denkmuster ein, prüfe die neuen Kategorien und versuche für mich Klarheit darüber zu bekommen, was darin nun an wirklichem Erkenntniswert liegt, inwiefern eine neue Art zu denken auch neue Wirklichkeit erschließt, deutet, interpretiert, erklärt, welche Aspekte mir bisher so einfach nicht klar waren. Das klingt sehr hoch gestochen, ist aber ganz praktisch und pragmatisch gemeint. Es muss mich interessieren, es sollte stilistisch und formal ansprechend rüber kommen, und ich darf danach möglichst nicht bereuen, extra Zeit aufgewendet zu haben. Ich gebe zu: Zeit zu vergeuden ist für mich inzwischen ein schrecklicher Gedanke.

Es braucht niemand sonst diese Haltung zu teilen, es ist eben meine Haltung. Da ist mir zunächst einmal egal, was andere denken und meinen. Allerdings möchte ich irgendwann auch über bestimmte Gedanken und Erkenntnisse kommunizieren. Das geht in Diskussionen, Arbeitsgruppen, bei einer Tagung oder auch im freundschaftlichen Gespräch. Dabei ist es ziemlich egal, ob dieser Austausch direkt persönlich oder medial vermittelt geschieht. Natürlich macht eine persönliche Begegnung etwas anderes aus als eine medial vermittelte wie zum Beispiel bei einem Diskussionstrang in einem Forum. Das direkte persönliche Gegenüber schafft eine eigene Atmosphäre der (auch sensualen) Verständigungssmöglichkeiten, die indirekte mediale Kommunikation nicht bietet. Dennoch, es geht auch in der Distanz. Was mich dann stört und zunehmend nervt und langweilt, ist die Oberflächlichkeit der Argumentation, die Rechthaberei, das Nichtzuhören bzw. Lesen dessen, was gesagt, geschrieben und gemeint ist. Die Diskussionswirklichkeit im  Netz ist da eher sehr enttäuschend und dürftig, jedenfalls in dem Bereich und in den Fällen, wo ich es mit bekommen habe. Das betrifft eben nicht nur das lautstarke Tönen des SPON-Papstes. Der Eindruck bleibt natürlich immer subjektiv, siehe auch die Gefahr der Filter-Bubble. Trotzdem würde ich einfach behaupten, dass mein Eindruck nicht ganz einsam und verkehrt ist. Andere haben  Ähnliches beschrieben.

So finde ich „im Netz“ eigentlich all das wieder, was ich sonst auch in öffentlichen Diskussionen antreffen kann: Die Vielredner, die Lauten und Rechthaber, die Eiferer und Verbohrten, die Ideologen, die einfach nur Oberflächlichen und Dummen (in dem was sie da sagen), die Nerver und Eitlen, Selbstgefälligen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es davon in den offenen Foren des Netzes mehr gibt, als mir in den letzten Jahren leibhaftig begegnet sind. Das liegt gewiss auch daran, dass ich solchen Leuten aus dem Weg zu gehen pflege. Ich fetze mich da nicht mehr, ist Zeitverschwendung, unnötig. Was ich nun als Effekt der Langeweile bei mir beobachte, hat vielleicht genau mit derselben Haltung zu tun. Ich mag nicht diese überheblichen Ideologen, die Evangelisten des Netzes, die nun in den social media eine wunderbare Plattform haben, ihre verqueren Ansichten öffentlich auszubreiten. Mögen sie es gerne tun, aber ich muss es ja nicht zur Kenntnis nehmen. Wenn darüber gestöhnt wird, dass das „Merkel-Deutschland“ einer „neobürgerliche Post-Adenauer-Vergangenheit“ verhaftet sei, wenn linker Eifer im Kielwasser der Achtundsechziger sich mit digital-technizistischen Netzphantasien paart, wenn der erkennbare Frust, es im akademischen Betrieb vielleicht zu nichts gebracht zu haben, sich umso hämischer über das Desaster „politischer Dissertationen“ auslässt, wenn im schönsten Boulevardstil jede Woche eine neue Ismus-Sau durchs mediale Dorf getrieben wird, alte und neue Medien Hand in Hand, – aus oft nichtigem Anlass, nur aus dem Ungefähren, also aus dem Bauch raus, aber immer mit dem unüberhörbaren Anspruch, in jedem Falle Recht zu haben und es ja besser zu wissen, ja dann habe ich eigentlich genug. Dieser Öffentlichkeit des Netzes gehe ich dann umso lieber aus dem Weg, wie ich es IRL (in real life) und in TV-Talkshows längst tue. Das muss ich mir nicht antun, das ist pure Zeitvergeudung.

Darum schaue ich zwar seltener auf die Diskussionen in den (Netz-) Medien, aber umso öfter in gute Blogs und Zeitschriften und auf ausgezeichnete Beiträge, die mir heute dank Internet viel leichter auffindbar und zugänglich sind, als es beim Stöbern durch Buchläden, Bibliotheken und Literaturverzeichnisse ehedem möglich war. Ich bin darum wahrlich kein Verächter der vielfältigen Möglichkeiten des Netzes. Allerdings bin ich eher gelangweilt durch die atem- und gedankenlose Hektik im Netz, auf Twitter oder sonst wo. Nettes, harmloses Geplänkel ist mir dann allemal lieber als verbohrtes Sektierertum. Das gibts nämlich im Netz zu Hauf. „Nischenkultur“ nennt man das wohlwollend. Meinetwegen, nur mich muss das nichts angehen. Denn gegen die Langeweile im Netz gibt es ein probates Mittel: Interessantes Lesen und selber denken.

UPDATE, 21:51 h

Lese eben bei Heise, was recht gut zu meiner Auffassung passt und sich auf Facebook bezieht. Das ließe sich durchaus als Symptom verallgemeinern:
http://www.heise.de/newsticker/meldung/Studie-Viele-machen-Facebook-Ferien-1801186.html

 9. Februar 2013  Posted by at 13:47 Netzkultur, social media Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Mediale Langeweile
Dez 212012
 

Das Netz und die Nutzung des Netzes haben sich weiter entwickelt.  Das ist das Mindeste, was man im Rückblick auf die vergangenen Monate fest stellen kann. Um diesem ersten Satz etwas mehr Farbe und Aussage zu geben, müsste man schon bewerten, wie sich das Internet weiter entwickelt hat. Und da gehen dann die Meinungen schon auseinander.

Vieles, was auf den ersten Blick als eine durch das Netz und vor allem durch seine sozialen Plattformen induziert zu sein schien, entpuppte sich im Nachhinein entweder als Fehlurteil oder als wenig dauerhaft. Die „Arabellion“, gerne auch als „Twitter-Revolution“ gekennzeichnet, war allenfalls vordergründig eine „Internet-Revolution“. Genauere Analysen haben gezeigt, dass die neuen Medien eine offenbar viel geringere Rolle gespielt haben, als es in der Presse und in eben diesen „neuen Medien“ behauptet worden war (siehe zum Beispiel hier). Von einer anderen sozialen Bewegung, die fest mit den social media konnotiert wurde, nämlich der „Occupy-Bewegung“, ist in diesem Jahr gar nichts mehr zu hören und zu lesen gewesen, nichts, was auf Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit schließen ließe, also eher eine „klassische Eintagsfliege“. Von zahlreichen Aufrufen zu Protesten gegen befürchtete Beschränkungen der Freiheit des Netzes wie das Handelsabkommen ACTA (Stopp ACTA), vom Streit um das Urheberrecht, von den Protesten gegen den Gesetzentwurf zum Leistungsschutzrecht (LSR), von den viel leiser vernehmbaren Einsprüchen gegen die Einrichtung von INDECT, war nur der Anti-ACTA-Protest eine erfolgreiche Bewegung (Übersicht hier). Wie weit allerdings die Proteste im Internet und auf den Straßen tatsächlich zur Verhinderung dieses Anti-Piraterie-Abkommens geführt bzw. dazu beigetragen haben, wäre noch eigens zu untersuchen. Es gab dabei eine Menge recht divergierender Interessen, die letztlich eine Verhinderung des Abkommens und die Absetzung des ACTA-Verfahrens beim Europäischen Gerichtshof seitens der EU-Kommission zur Folge hatten. Weder der Streit ums Urheberrecht im digitalen Zeitalter noch der Streit ums LSR waren in irgend einer Weise „massentauglich“. Eher sind dies wenngleich wichtige, so doch spezielle juristische Fragen, die besonders die „Netz-Elite“ interessieren. Doch die ist eine verschwindend kleine Minderheit. Ein Blick auf die aktiven Nutzerzahlen von Twitter in Deutschland zeigt, dass nur wenig mehr als 100.000 Nutzer häufig und regelmäßig tweeten (siehe hier).

Überhaupt die „Minderheit“ der Netz-Aktivisten. Vielleicht am erstaunlichsten war in den vergangenen Wochen und Monaten der rasante Absturz der „Piraten“ aus dem öffentlichen Interesse – und der entsprechende Rückgang der Unterstützer bei der berühmten „Sonntagsfrage“: Laut „Deutschlandtrend Dezember“ (tagesschau.de) liegen sie bei 3% Wählerzustimmung. Der Höhenflug dieses „Themas“ ist also vorläufig beendet. Auf der anderen Seite scheinen sich einige Voraussagen für das durch die sozialen Medien und Blogs beförderte Ende der traditionellen Print-Zeitungen erstmals zu materialisieren: Gleich zwei überregionale Tageszeitungen mussten ihre Einstellung ankündigen: Financial Times Deutschland (bereits eingestellt) und die Frankfurter Rundschau (wegen Insolvenz Galgenfrist noch bis Ende Januar 2013). Dabei ist allerdings zu fragen, wie weit hier das Internet „Schuld“ war oder ob nicht viel mehr ganz andere wirtschaftliche Faktoren ursächlich sind. Immerhin hat die FTD während der dreizehn Jahre ihres Bestehens durchweg Verluste gemacht, und die FR ist seit mehreren Jahren wiederholt am Absturz vorbei geschrammt. Die großen überregionalen Zeitungen wie SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche, FAZ sind gerade dabei, bei recht konstanter Leserschaft ihr Geschäftsmodell zu ändern, nachdem die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft rasant weg gebrochen sind.

Viel wird da im Netz, in den einschlägigen Blogs und Plattformen, über die „hochnäsigen“ Journalisten geschimpft oder sich überhaupt über den „guten Journalismus“ lustig gemacht (Wolfgang Michal bei CARTA), der doch gegenüber der Schnelligkeit und „Schwarmintelligenz“ (vielleicht das Modewort des Jahres) des Netzes hoffnungslos unterlegen und also von vorgestern sei – und außerdem nur noch zum Boulevard verkomme. Gleichzeitig, welch erstaunliche Wendung der Netz-„Elite“, ist eben dieser antiquierte Journalismus Schuld, wenn Deutschland beim Ranking der Sozialen Medien zu „schlecht“ abschneidet. Laut der Wirtschaftswoche und dort dem Blog von Michael Kroker liegt DE bei der Nutzung sozialer Online-Netzwerke mit 34% nur im  unteren Drittel vergleichbarer Industrieländer und weist zudem 46% „Verweigerer von sozialen Netzwerken“ auf. Schlimme Sache, wie Marcel Weiss bei CARTA meint. Denn darin drücke sich nicht nur „Skepsis der Deutschen gegenüber neuen Technologien“ (Kroker) aus, sondern die „starke Risikoaversion unserer Gesellschaft“ (Weiss). Die von ihm im selben Satz diagnostizierte deutsche „Vorliebe von geordneten vor chaotischen Verhältnissen“ ist anscheinend etwas ganz Schlechtes und Verwerfliches. Dass dahinter ein durchaus rationales Kalkül stecken könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Und nun kommt’s: Schuld an dieser Misere sind – die so viel gescholtenen Print-Medien und das Fernsehen: „Sowohl Print als auch TV berichtet hierzulande seit Jahren fast ausschließlich negativ über das Internet und dabei natürlich besonders über das Trendthema der letzten Jahre, die Social Networks. Große Titelstories sind immer mit Skandalen oder Risiken verbunden.“ Kein Wunder, dass darum Deutschland „erschreckend“ digital-technologisch hinterher hinke. [Nebenbemerkung: Welches Bild ergäbe sich wohl, wenn man die Nutzung neuer Technologien zur nachhaltigen Energiegewinnung in Deutschland als Maßstab anlegen würde? Aber das hat ja mit „digital“ und dem intelligenten „Netz“ nichts zu tun.] Verquere Welt. Immer Ärger mit diesen Internet-„Verweigerern“ und „Wohlfühljournalisten“!

Google Earth at Night

Google Earth at Night

Von einer ganz anderen, sehr nachdenkenswerten Seite nähert sich dem aktuellen Zustand der Internet-Kultur und der netz-obligaten Transparenzforderung  der Berliner Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han im SZ-Magazin. Er konstatiert im Blick besonders auf Facebook einen Prozess der “Glättung” durch das Netz, die “alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt”. „»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.“ so Han. Und Sean fragt in einer Anmerkung zu meinem Blogbeitrag „Kultur und Fortschritt – und weiter?„: „Gibt es eine Entropie der Kultur?“ Ein interessanter Gedanke. Mir fällt dazu der von +Jürgen Kuri wiederholt geäußerte Ausspruch von der „Langsamkeit des Internets“ ein. Aus einer Fülle allzu schneller Information, basierend auf Gerüchten, Vermutungen, Vor-Urteilen, auf den sozialen Plattformen mit einem Klick in Windeseile weiter verbreitet, kristallisiert sich erst nach Abflauen des Erregungs- und Aufmerksamkeits-Hypes der tatsächliche Informationsgehalt heraus, oft genug durch genau recherchierende Journalisten.

Hinzu kommt eine der übelsten Seuchen des Internet, der „shitstorm“, also so etwas wie der digitale Schandpfahl, gegenüber dem man ohne nachzufragen und im Schutz der (anonymen) Öffentlichkeit schimpfen, beleidigen und verleumden kann nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Es ist eine sozialpsychologisch beschreibbare Blitzableiter-Funktion (eigener Frust?), die sich hier manifestiert. Erklärbar bedeutet aber nicht entschuldbar, erst recht nicht aus der Sicht der betroffenen Opfer.

Abgesehen von solchen Exzessen, abgesehen auch von gelegentlichen Aufmerksamkeits-Stürmen (als Stichworte reichen bisweilen Namen: Wulff, Ponader, Weisband) stellt sich die Allgegenwart des Netzes doch recht durchschnittlich und unaufgeregt dar. Millionen Menschen in Deutschland nutzen Email, Skype, WhatsApp, weiterhin SMS (!), kaufen und buchen online, lassen sich Bahnverbindungen anzeigen und kaufen Fahrkarten übers Web, lesen Nachrichten, spielen Internetspiele, kaufen und sehen Filme, informieren sich über alles, was sie gerade interessiert. Nicht zufällig gehört das Wort googeln seit langem zum deutschen Wortschatz. Trotz mancher überzogenen Warnungen nutzen ebenfalls Millionen Internet-Banking, mehr und mehr über mobile Geräte, Smartphones und auch mittels der sich erst allmählich verbreitenden Tablets. Da vollzieht sich eine langsame, aber unaufhörliche und ganz selbstverständliche Anpassung des Lebensstile an die Gegebenheiten, Möglichkeiten und den praktischen Nutzen des Netzes. Das hat wenig mit einer „digitalen Evolution“ oder einem neuen technisch-kulturellen Menschsein zu tun. Internet und der Spaß an neuen Geräten (‚Spielzeugen‘) ist auch bei uns Alltag geworden. Klar, dazu gesellt sich zu Recht manche Skepsis, manche Angst vor Überforderung, manche Unsicherheit und Zurückhaltung, auch im Blick auf die Privatsphäre. Warum auch nicht, sollen doch andere Mutigere erst einmal ausprobieren, was geht und was nicht geht, was etwas taugt und was nicht. Das ist eine sehr pragmatische Haltung. Ich finde sie verständlich und begrüßenswert.

 

Und vieles, was sich dann so an Diskussionen, Meinungen (@Christoph Kappes seufzt in einem Tweet: „Meinungen, alles voller Meinungen“ – ja was denn sonst?), Äußerungen, „Statusmeldungen“, Gefühlsausbrüchen, Ansichten usw. –  oder auch an Spaß, Ulk und Nonsens im Netz, in den social media – Netzwerken kundtut, kommt mir vor wie ein weißes Rauschen, in dem wesentliche Unterschiede kaum auszumachen sind. Das Netz als das Hintergrundgeräusch unserer Gegenwart, mal lauter, mal leiser, immer mit Wispern und Zwitschern beschäftigt, selten mit inhaltlicher Klarheit und Bestimmtheit, dafür ein auf- und abschwellender Lärmpegel, der einfach heute dazu gehört. Man kann dieses ‚Hintergrundrauschen der Moderne‘ kaum überhören, erst recht nicht abstellen (nur ganz privat von Zeit zu Zeit), aber man muss es auch nicht zu wichtig nehmen. Manchmal möchte man einfach rufen: „Stop making noise“ – aber auch das Originalzitat „Stop making sense“ gäbe durchaus einen Sinn. Aber Abschalten und Pause liegen ja in der Hand eines jeden. Man muss nur wollen.

 

 21. Dezember 2012  Posted by at 18:20 Internet, Netzkultur, social media, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Weißes Rauschen
Nov 252012
 

Dieser Tage entdeckte ich mich in einer Art Blase gefangen. Der Filter waren aber keine Algorithmen, sondern das war ich selber. Ich hatte in meiner Wahrnehmung unbewusst eine Lupe benutzt: Teile der Wirklichkeit erschienen so sehr viel größer und bedeutender, als sie tatsächlich sind. Ich spreche vom Web 2.0.

Seit einigen Jahren organisiere ich Vortragsveranstaltungen in Kempten. Sie stehen jeweils unter einem Oberthema, zum Beispiel „Hirnforschung“ oder „Schöpfung und Evolution“. Anerkannte Wissenschaftler berichten dann aus ihrem Fachgebiet. Die Resonanz beim Publikum war durchweg gut. In diesem Winterhalbjahr hatte ich das Thema „Web 2.0 – Welt 2.0“ ausgewählt. Ich war mir sicher, damit etwas ganz Aktuelles und allseits Interessantes getroffen zu haben. Engagierte und in der „Szene“ bekannte Referenten aus München, Ulm, Freiburg konnten gewonnen werden. Nach zwei Veranstaltungen mit einer Publikumsresonanz knapp über Null haben wir (VHS als Trägerin) die Veranstaltungsreihe gestoppt und die weiteren Vorträge abgesagt. Das Thema des letzten Vortrages war die Entwicklung der Zeitungen im Zusammenhang des Internet; passte zufällig haargenau zu den gerade gemeldeten Schließungen der Frankfurter Rundschau und der Financial Times Deutschland. Null Erregung. Großes Erstaunen. Was ist passiert?

Filter Bubble by Eli Pariser

Natürlich fragt man sich zuerst danach, ob die Termine falsch lagen, ob es konkurrierende Veranstaltungen oder ob es Versäumnisse in der Werbung gab. All dies konnte man mehr oder weniger ausschließen, im Gegenteil, die Werbung für den letztgenannten Vortrag war auch überregional besonders intensiv, unterstützt von den Lokalzeitungen. Kempten ist zwar keine Großstadt, aber eine bedeutende Mittelstadt in einem ländlichen und touristischen Umfeld (Allgäu). Immerhin lebt die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands in solchen Mittelstädten, hier mit einer Hochschule und mit einem starken Mittelstand im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik. Die „anderen“ Themen liefen ja auch, also nochmal: Was war passiert?

Offenbar lag eine Fehleinschätzung der Relevanz des Themas „Internet und Web 2.0“ in der interessierten Öffentlichkeit vor. Einen jüngeren Bekannten, studierend, den ich danach fragte, sagte mir: „Ich benutze zwar Facebook, aber das Internet als Thema interessiert mich nicht.“ So denken und empfinden offenbar viele. Man nutzt die Angebote des Netzes, ohne dass einen die Frage nach der Bedeutung des Internets und der neuen Medien im Allgemeinen interessiert oder zum Nachdenken / Nachfragen bewegt. Wenn ich dagegen meine Twitter Timeline beobachte, in Google+ stöbere oder mich interessierende Blogs und Blog-Portale besuche, bekomme ich einen völlig anderen Eindruck. Dann denke ich: Das Thema Internet und Web 2.0 bewegt die Welt. Da sind doch die „Twitter-Revolution“ in den arabischen Ländern, die Anti-ACTA-Proteste, die heißen Diskussionen über das Urheberrecht oder das Leistungsschutzrecht – und natürlich die Piraten. Da sind die zahllosen Beiträge in Zeitungen und Weblogs über die mediale Revolution durch das Internet, da sind hitzige Diskussionen und Shitstorms. All das bewegt doch offenbar die Öffentlichkeit. – Asche. Nichts davon stimmt so. Es ist nur die Lupe der eigenen Wahrnehmung und Interessen, die dieses Bild erzeugt und die Relevanz vergrößert. Auch abgesehen von dem Einzelfall meiner geschilderten Erfahrung mit den Vorträgen sieht die Wirklichkeit im Netz doch recht anders aus.

Zum Beispiel Twitter. Im April dieses Jahres wurde die Erfolgsmeldung von 4 Millionen Twitternutzern allein in Deutschland verbreitet. Man muss näher hinschauen, was Twitter-Nutzer sind. Von den 4 Mio. Accounts sind aktuell (November) nur 825.000 „aktive“ Nutzer.

Ein Account wird als „aktiv deutsch” bezeichnet, wenn darüber pro Woche mindestens ein deutschsprachiger Tweet versendet wird. Dabei wird eine Liste mit 400 eindeutig deutschsprachigen Begriffen wie „bitte“, „danke” oder „gestern“ zu Grunde gelegt. Diese Untersuchung lässt nur schwer Rückschlüsse auf tatsächlichen Nutzerzahlen von Twitter zu: Zum einen werden stumme Accounts, also solche, die nicht selbst aktiv senden, nicht erfasst. Zum zweiten ist nicht ersichtlich, wie viele Accounts von ein und derselben Person genutzt werden. … 310.000 Accounts haben im letzten Monat mehr als zehn Tweets abgesetzt, 99.000 sogar mehr als 30, im Schnitt also mindestens einen Tweet täglich. (Webevangelisten)

Das heißt, 2,5 % der Twitter-Accounts werden zum regelmäßigen, täglichen Gebrauch genutzt. 300 000 Nutzer generieren damit ca. 95 % der Tweets. Tun wir also das, was die meisten Twitter-User machen, nämlich nur lesen, dann erfahren wir die Infos und Meinungen von einer winzigen Minderheit von deutschlandweit 100.000 sehr aktiven „Netzwerkern“. Die allerdings „machen Meinung“ und Stimmung und prägen unsere Wahrnehmung. Das genau meine ich mit der Netz-Lupe: Eine kleine aktive Gruppe wird leicht für das Ganze des Webs genommen. Berücksichtigt man dann noch, dass mehr als die Hälfte der Zeitungs-Journalisten von sich sagen, regelmäßig Twitter zu beobachten und für ihre Artikel als bedeutende Nachrichtenquelle zu berücksichtigen, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch die traditionellen Medien die Relevanz und Verbreitung der neuen Medien des „Web 2.0“ (= sozial, interaktiv!) überbewerten. Eine Fehleinschätzung, die multipliziert wird.

Ähnliches gilt für Facebook, auch wenn dieses soziale Portal eine andere Zielrichtung als Twitter hat. Genauere Nutzerstatistiken rückt Facebook öffentlich nicht heraus. Nur die Gesamtzahl „aktiver“ Facebook-Accounts wird kommuniziert:  Rund 25 Millionen Facebook-Nutzer gibt es in Deutschland. Andererseits weist t3n darauf hin, dass es im Juli erstmals einen deutlichen Knick im Zuwachs gegeben habe: es waren 200.000 Nutzer weniger. Wie dem auch sei, so muss auch hier nachgeschaut werden, was „aktive Facebook-Nutzer“ sind. Dazu heißt es: „Aktive Nutzer sind in diesem Fall alle Besucher, die sich in den vergangenen 30 Tagen bei Facebook angemeldet und mit dem Netzwerk interagiert haben.“ Was heißt „interagiert“? Kommentare hinterlassen oder einen Post liken. Also auch nur der eine Klick auf den Like-Button wird als Interaktion gezählt. Vermutlich ist also auch bei Facebook die Zahl derjenigen Nutzer, die regelmäßig eigene Statusmeldungen verfassen oder Fotos hochladen und mit anderen („Freunden“) schriftlich kommunizieren, nur ein Bruchteil der Zahl der Facebook-Accounts. Auch hier entpuppt sich die gewaltige Zahl von 25 Millionen Nutzern als eine Lupe, die die Realität größer und erscheinen lässt, als sie ist. Millionen mögen Facebook anklicken und lesen, aber nur ein viel kleinerer Teil nutzt dieses Portal aktiv.

Ein letzter Hinweis auf eine oft verstellte Wahrnehmungs-Lupe. Liest man über das derzeitige „Zeitungssterben“ zumal in einschlägigen Blogs und gut vernetzten Webbeiträgen , so gewinnt man den Eindruck, dass das Internet und die Sozialen Medien das allmähliche Ende der traditionellen Zeitung einläuten. Richtig an dieser Interpretation ist die wirtschaftliche Tatsache, dass die Tageszeitungen derzeit einen Rückgang ihrer Leserschaft (drastisch bei jüngeren Menschen) und den Zusammenbruch des Anzeigenmarktes und damit ihrer herkömmlichen Haupteinnahmequelle erleben. Das traditionelle Wirtschaftsmodell der Tages- und Wochenzeitungen ist am Ende. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bedeutung der Zeitungen als Gatekeeper des Zugangs zur den Geschehnissen in der Welt verloren gegangen wäre. Im Gegenteil. Zu der Gruppe der 10 meistbesuchten Websites in Deutschland gehören spiegel.de und bild.de, bald gefolgt von Focus online und Welt online. Die Online-Angebote der überregionalen (Tages-) Zeitungen haben einen enormen Zuspruch:

Online Verbreitung

„Im gleichen Zeitraum [Oktober 2012] ist die von der Prüfgemeinschaft für die Online-Medien festgestellte Gesamtnutzung deutlich angestiegen: So wurden im Oktober 2012 für 1156 der von der IVW gelisteten Internetangebote insgesamt rund 5,37 Mrd. Visits (Besuche, das heißt einzelne zusammenhängende Nutzungsvorgänge) und 40,27 Mrd. PageImpressions (einzelne Seitenaufrufe) festgestellt (September 2012: 1.162 gemeldete Angebote mit 4,93 Mrd. Visits und 37,67 Mrd. PageImpressions).“ (Quelle: IVW)

Online erreichen die Zeitungsmedien ungleich mehr Besucher und Leser, als sie in ihren Print-Ausgaben jemals hatten. Man muss deswegen wohl genauer von einer existenzgefährdenden Krise des herkömmlichen Wirtschaftsmodells der Zeitungen sprechen – die Zeitungsangebote im Internet dagegen erfreuen sich größter Beliebtheit. Nicht die Zeitung als Gatekeeper der Nachrichtenwelt ist am Ende, wie es die Diskussionen unter der „Netz-Lupe“ nahelegen, vielmehr steht das Wirtschaftsmodell der Tageszeitungen vor gravierenden Veränderungen und Anpassungen. Wer da den ‚turn‘ nicht schafft, verschwindet vom Markt.

Was also „lernt“ uns das? Mit der Lupe unserer Internet-Wahrnehmung bekommen wir hoch interessante Diskussionen, ja einen gesellschaftlichen Diskurs, zu Gesicht. Es ist aber wie eh und je der Diskurs einer kleinen Minderheit. Darum ist es gut, dann und wann diese Lupe beiseite zu legen und die Wirklichkeit der Gesellschaft zu betrachten, wie sie mit und ohne Netz ist. Fast jeder der Jüngeren nutzt das Netz, die meisten passiv als zusätzliches Medium, das konsumiert wird. Die wenigsten aber gehören zur Gruppe der aktiv sich beteiligenden Internet-Nutzer, die schreiben, diskutieren, bloggen usw. Man darf halt diesen Teil des „Web 2.0“ nicht für das Ganze nehmen. – Man sieht: Auch ein Flop kann lehrreich sein.

 25. November 2012  Posted by at 12:34 Internet, Öffentlichkeit, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Die Web-Lupe
Sep 142012
 

Einige Wochen auf Reisen außer Landes und mit gänzlich anderen Dingen beschäftigt können einiges bewirken. Dank Internet ist man natürlich nicht „aus der Welt“, aber man schaut doch nur gelegentlich auf deutsche Webseiten und soziale Foren. Ist auf einmal gar nicht mehr so interessant und wichtig, weil einen andere, neue Erfahrungen in einer ganz anderen Welt in Beschlag nehmen und das Interesse wecken. Man gewinnt Abstand zu dem, was einen zu Hause doch täglich beschäftigt hat. Das hat einen äußerst positiven Effekt.

Die Nachrichten. Eigentlich interessieren einen „News“ nur noch dann, wenn sie wirklich weltpolitisch wichtig sind, wenn also irgendwo etwas von ein Bedeutung passiert ist. Man merkt sehr schnell: Das ist gar nicht so oft der Fall. Ein Glück übrigens. Man schaut die Nachrichten des jeweiligen Gastlandes, schmunzelt über manches Ungewohnte oder Skurrile – und schaltet auf etwas anderes um. Man wirft einen Blick auf deutsche Nachrichtenseiten im Netz und sieht, dass da eigentlich auch nichts wirklich Neues oder Wichtiges gemeldet wird: Alles immer wieder der bekannte Kram. Wegklicken, ist jetzt egal. Und nach einige Zeit merkt man, dass man gar nicht mehr täglich nach den „News“ geschaut hat. Kann also so wichtig nicht sein. Die Headlines bei irgend welchen Katastrophen oder besonderen politischen Ereignissen (Umsturz! Revolution!) sieht man auch spätestens auf irgendwelchen öffentlichen Bildschirmen. Ich muss sagen, das reicht eigentlich auch.

Ich nehme mir vor, zu Hause öfter mal „nachrichtenfreie“ Tage einzulegen. Man verpasst nämlich gar nichts. Das stelle ich erst recht fest, seit ich wieder in der Heimat bin. Sehe oder lese ich die Nachrichten, dann merke ich überhaupt nicht, dass ich lange Zeit weg war. Es sind immer noch dieselben Themen. Es hat sich kaum etwas bewegt oder verändert. Eigentlich auch gut so. Die tägliche Up-to-date-Hektik mit den neuesten News ist völliger Blödsinn. Entweder es sind keine „News,“ oder es ist nichts Neues. Die News -Agenturen machen News, um jeden Tag Aufmerksamkeit zu erregen. In Wirklichkeit ist da eigentlich oft gar nichts Berichtenswertes. Das zuzugeben wäre freilich katastrophal – für die Nachrichten-Verbreiter. Schließlich leben sie davon. Aber man muss es ihnen ja nicht glauben. Eigentlich auch gut so, dass so viel Wichtiges gar nicht passiert. Oder wenn es wichtig ist, es eben so lange breit getreten wird, dass man das jeweilige Thema (z.B. Euro!) getrost einige Tage oder Wochen ignorieren kann.

Das Internet. Ach ja, und die „sozialen Medien“, also besser gesagt die sozialen Foren im Netz. Facebook, das sieht man in Nordamerika sehr schnell, ist gewiss das meist genutzte soziale Forum überhaupt. Nur darf man dort keine „Diskussionen“ erwarten. Small talk allenfalls. Austausch von Kochrezepten. Verabredungen, Klatsch und Tratsch unter Freunden oder solchen, die sich dafür halten. Bildertausch. Alles ganz nett und manchmal praktisch, aber bestimmt keine „Revolution“. Das gilt auch für das angeblich diskussionsfreudigere Google+. Viele der dort geführten Diskussionen (ich beteilige mich ja selbst gelegentlich daran) sind doch nur bessere Kneipengespräche. Die können ja bisweilen auch ganz ordentlich und auf jeden Fall nett sein. Aber hilft das zu einem „politischen Diskurs“? Dazu gehörte wohl überlegtes, auch Zeit zum Nachdenken einräumendes Diskutieren und begründetes Argumentieren. Also genau das Gegenteil dessen, wofür man soziale Plattformen lobt: „instant“ zu sein. So sind denn viele Threads auch nach dem Motto: Erst die Tastatur, dann (wenn überhaupt) der Kopf. Eher schon der Bauch, das Gefühl. Daraus entstehen diese allfälligen Aufgeregtheiten über alles mögliche angeblich so Netz-Relevante. Urheberrecht. Leistungsschutzrecht. Vorratsdatenspeicherung. Gewiss alles wichtige Themen, da stimme ich zu. Doch vieles, was ich dazu in Foren und Blogs gelesen, ist recht einseitig und oft nur „aufgeregt“, alarmistisch.

Ja, da war doch diese Spitzer-Diskussion letztens. Ich hab davon ein wenig am Rande mit gekriegt. O je. Ein begnadeter Selbstvermarkter mit hohem narzistischen Potential wie Spitzer (man sollte ihn aus Büchern und TV kennen) wirft zugespitzte Thesen auf den Markt, in Buchform natürlich. Er muss sich grün geärgert haben über den verkaufsstrategischen Coup eines Sarrazin. Also wird eins drauf gelegt: Internet macht blöde. Toll. Lässt man all seine provozierenden Nadelstiche weg, bleibt als rationaler Rest: Wer sich ausschließlich mit Spielen und Klicken im Netz beschäftigt, unterfordert seine Intelligenz. Früher hieß das: Wer nur vorm Fernseher sitzt und zappt, verblödet. Na ja, wenn man das so formuliert mit „nur“ und „ausschließlich“, dann ist das eine Trivialität. Also hat Spitzer nur provoziert, um sein Buch nun bestens zu verkaufen. Denn, ich konnte es nicht fassen, die „Internetgemeinde“ fährt drauf ab wie auf einer  ausgelegten Leimrute. Selbst Forenteilnehmer, die ich eigentlich schätzte, regen sich wer weiß wie auf, beteiligen sich am Alarmismus und/oder an der Betroffenheit über die Unverfrorenheit, so einfach das Inter.Nest zu beschmutzen, – und folgen dem Protestgeschrei der Netzfans. Zu wenig Nachdenken, kein Abstand.

Der Abstand aber machts. Er ist gelegentlich heilsam und nötig, um Dinge wieder ins rechte Verhältnis zu setzen, um Blickrichtungen und sachliche Gründe wieder ins Lot zu bringen. Das Internet samt allen Foren, Medien, „instant“ Präsenzen, Informationskanälen usw. ist selbst nur ein Medium, ein Mittel mit großen Möglichkeiten. Man kanns sinnvoll nutzen, man kanns missbrauchen, man kann einfach Blödsinn damit machen. Alles gut, alles ok zu seiner Zeit. Aber das Netz ist keine heilige Kuh, auch dann nicht, wenn sie ein Spitzer durchs (Netz-) Dorf treibt.

Viel weniger ideologisch oder idealistisch befrachtet als hierzulande, dafür aber sehr viel mehr im täglichen praktischen  Gebrauch ist das Netz dort drüben überm großen Teich. Viel Business, viel Kommerz, klar, viele Gadgets, viel Hype um das Neuste und Attraktivste. Man muss einmal einen Apple Store zum Beispiel in Toronto gesehen haben. Da drängen sich viele Junge und Ältere, besonders viele junge Frauen und fassen die tollen Geräte an, prüfen Aussehen und Farbe, obs auch chic ist – und kaufen. (Wo kann man Android – Geräte so „anfassen“?) Ich kenne hiesige Apple Stores. Da gehts eher bedächtig zu. Das nur als Beispiel. Es ist damit dann eher wie beim Autokauf: Muss gut aussehen, man muss damit ein gutes Gefühl haben und man muss tolle Sachen damit machen können. Das ist eine Produktstrategie. Das ist kein Evangelium. Aber das ist es, was man mit dem Internet machen kann. Viel mehr eigentlich nicht.

Der Abstand machts, sich nicht so viel vormachen zu lassen. Ist gut so.

 14. September 2012  Posted by at 17:56 Medien, Netzkultur, News, Politik, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Der Abstand machts
Apr 142012
 
Man hat oft den Eindruck, gleichzeitig in vielen Welten zu leben. Viele Welten bedeutet viele Weisen, die Welt in den Blick zu nehmen und sich auf möglichst breiter Basis eine Meinung zu bilden. Das Netz ist ein weiteres Medium dazu mit eigenen Kommunikationsweisen. Aber es ist zum Glück nicht das einzige. Die Welt wäre sonst wirklich zu eindimensional.

Immer wieder bekomme ich den Eindruck, ich lebte gleichzeitig in vielen Welten. Nun, sagen wir besser: in vielen sehr unterschiedlichen Ausschnitten der Wirklichkeit. Ich meine weniger die unterschiedlichen Rollen, die man selber in verschiedenen sozialen Umgebungen spielt, sondern mehr diejenige Sicht auf die Welt, wie sie sich mir aus den unterschiedlichsten Medien darstellt. Gerade auf die Schwerpunktthemen kommt es mir an. Die sind total unterschiedlich (geworden). Höre ich hier in Bayern Radio, dann ist heute die Verabschiedung von Magdalena Neuner immerhin eine Top-Meldung der Nachrichten, dazu weiteres meist Lokales / Regionales. Das Günther Grass – Gedicht neulich hat den Blätterwald der Zeitungen mächtig aufgemischt, und sogar die Tagesschau / Tagesthemen haben sich dem Thema gewidmet. In meinem mehr privaten Umfeld (ok, daran mags liegen!) hat das niemanden wirklich interessiert, mich selber eigentlich auch nicht, habe von Grass noch nie viel gehalten. Die Aufmacher der TV-Nachrichten in den letzten Tagen waren überwiegend dem Syrien-Konflikt gewidmet, allenfalls noch den Benzinpreisen zu Ostern. Mmh, war das wichtig, oder inwiefern ist das nun gerade wichtig? Schaue ich ins Web und lese bei Twitter, Google und in diversen Blogs, dann sind es ganz andere Themen, die vorherrschend sind, wie zum Beispiel das Urheberrecht (der Brief der 51 Tatort-Autoren machte viel Wirbel) oider die positiven Umfragewerte für die Piraten. Die regionalen Beiträge über NRW und SH sind natürlich oft vom Wahlkampf dort bestimmt, aber auf mein Display kommt da nicht so viel. Und als ein erstaunlicherweise viel diskutiertes „Aufmerksamkeits-Thema“ war und ist die Neugestaltung des Layouts bei Google+. Letzteres zeigt allerdings sehr deutlich die enge Brille auf die eigene Welt, die Netzthemen oft haben.

Überhaupt scheinen mir die Themen des Netzes immer deutlicher unterschieden von den Themen – nein nicht der real world, sondern der Themen der Zeitungen (online) und TV-Nachrichten und Magazine. Sieht man einmal vom Thema ACTA ab, das ja ein europäisches, also kein nur nationales Thema ist, dann sind aus meiner Sicht die meisten Netzthemen doch sehr national begrenzt, eigentlich erstaunlich. Ob Urheberrecht oder Vorratsdatenspeicherung, ob Piraten oder „Netzpolitik“ (was Internet-relevante Themen bedeutet), ob befürchtete Zensur oder seinerzeit eben der „Bundes-Trojaner“, stets sind es rein national begrenzte Themen. Das Thema Transparenz, immerhin aus interationalen Kampagnen gegen Korruption bekannt und bestimmt, findet sich in den sozialen Netzwerken wiederum als rein deutsches Netzthema wieder als die Forderung nach mehr Offenheit und Verständlichkeit mit dem Ziel der Mitwirkung bei der öffentlichen, also politischen Willensbildung. Und das Thema EURO oder Energiewende, mit allem, was dran hängt, ist im Sozialen Netz nicht nur bei den Piraten ein Non-Thema.

Nun sind die Themen bei Twitter und G+ ja stets davon abhängig, welche Auswahl im Following bzw. in den Kreisen man  getroffen hat, sind also von vornherein subjektiv eingegrenzt. Aber auch bei einer durchaus breiter gestreuten Auswahl kommen etwa durch Retweets und erneutes Teilen (Weitergabe von Infos) kaum wirklich neue Themen und Meinungen ans Licht. Ich will hier nicht über die Theorie der „Filter-Blase“ spekulieren, aber mir drängt sich der Eindruck auf, dass internationale Themen kaum echte Netzthemen sind. Ausnahme: Occupy, aber der Hype ist auch wieder verflogen. Und wenn das richtig ist, wäre das mehr als erstaunlich: Web-Themen verengen den Horizont und begrenzen den Tellerrand, anstatt ihn zu erweitern.

Da bin ich dann froh, zum Beispiel im Auslandsjournal (ARD) oder bei 3SAT und sogar in den Tagesthemen oder im Heute-Journal und erst recht im politischen Teil der Presse über Themen des Auslands wirklich Informationen zu erhalten und über Entwicklungen wie zum Beispiel derzeit in Tunesien und Ägypten ‚aufgeklärt‘ zu werden. Das „Netz“ hilft mir da wenig. Insofern ist es gut, die Wirklichkeit aus unterschiedlichen Medien und Perspektiven wahrzunehmen. Viele Welten bedeutet viele Weisen, die Welt in den Blick zu nehmen und sich auf möglichst breiter Basis eine Meinung zu bilden. Das Netz ist ein weiteres Medium dazu mit eigenen Kommunikationsweisen. Aber es ist zum Glück nicht das einzige. Die Welt wäre sonst wirklich zu eindimensional.

 14. April 2012  Posted by at 10:01 Internet, Medien, Nachrichten, Politik, social media Tagged with: ,  2 Responses »
Mrz 302012
 
Die kulturelle Revolution ausgelöst durch das Internet ist Fakt. Die Chancen und Folgen für Teilhabe und Transparenz sind immens.  Negative Aspekte wie Nationalisierung und Fragmentierung des Netzes und der Gesellschaft kommen dabei oft zu kurz. Wer definiert, was das Web 2.0 sein soll?

Das „Web 2.0“, d.h. die Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten des digitalen Zeitalters stellen eine kulturelle Revolution dar. Es wird zu Recht unermüdlich (bisweilen mit fast missionarischem Eifer) in den Kreisen der Netzdiskussion auf die enormen Chancen und Veränderungen hin gewiesen, die mittels der Techniken das Internets eingeleitet sind. Dass es nicht nur um den Gebrauch einer „neuen Technik“ geht, man auch nicht mehr „ins Netz“ geht, so wie man einst telefonierte, (Th. Knüwer), sondern dass es sich um ein vernetztes soziales Verhalten handelt; dass es nicht nur um „facebook for fun“ geht, sondern um die Nutzung einer neuartigen „Plattform“ der Teilhabe (Stichwort „Plattformneutralität, wie M. Seemann nicht müde wird zu betonen); dass auf dem Hintergrund der digitalen „Medien“ (besser: Beiträge eines jeden Wort- und Bild- und Ton-Produzenten) um ein völliges Neudenken des „Verwertens“ und des sog. Copyrights geht (Stichwort: Urheberrecht, siehe z.B. M. Beckedahl); dass es – mit einem treffenden Wort der Piraten, schlicht um ein neues „Betriebssystem“ unserer Gesellschaft geht (M. Weisband) mit den Werten der gleichberechtigte Teilhabe, Netzneutralität, umfassenden Bildung, Transparenz und (basis)demokratischer Willensbildung und Beteiligung; dass es mithin um einen Schub an Demokratisierung in unserer Gesellschaft mit dem Aufbrechen überkommener Machtverkrustungen geht, gar um das Entlarven der „Nachhaltigkeitslüge“ (S. Nerz), um mehr Beteiligung, Mitbestimmung, Offenheit, Authentizität im Miteinander, dass also das Web 2.0 dazu beitragen kann, es gar bewirken kann, dass die negativen Folgen der industriellen Moderne durch einen Schwung positiver Möglichkeiten der netzaffinen Postmoderne überwunden werden können – all dies ist gut und richtig und aller Mühe wert, weiter durchdacht, gemacht, ausprobiert zu werden. Diese positive Sicht des Web 2.0 hat zu einer ungeahnten Aufbruchsstimmung geführt, siehe die „Piraten“.

Was das „Internet“ für die politischen Institutionen bedeuten kann oder muss, das wird in der Enquetekommission des Deutschen Bundestages „Internet und digitale Gesellschaft“ verhandelt und ist in einer öffentliche Anhörung zum „Strukturwandel der politischen Kommunikation und Partizipation“ am 19. März thematisiert worden. Der ausführliche Beitrag von Christoph Kappes zum Thema dieser Anhörung gehört zum Besten, was derzeit dazu zu lesen ist. So weit, so gut. Ich selber teile weithin den Enthusiasmus über all das, was derzeit im Netz und durch das Netz geschieht; es sind wirklich spannende Zeiten!

Ja, nun kommt das Aber. Denn mir kommen in dieser Diskussion gerade von seiten der „Netzgemeinde“ (bei aller Problematik, dieser Begriff ist als Kürzel einfach brauchbar…) einige Aspekte zu kurz. Es ist vielleicht die Begeisterung über die Chancen des Neuen, dass da weniger auf das Negative geschaut wird. Aber es gibt nichts von Menschen Gemachtes, das nicht stets zwei Seiten hätte. Das Augenmerk auf beide Seiten zu legen, trägt zur Nüchternheit und zum Realismus bei.

Erhellend ist für mich die jüngste Sinus-Studie zum Thema „Vertrauen im Internet im Internet“ im Auftrag der DIVSI. „Rund 27 Millionen Menschen in Deutschland leben komplett oder nahezu komplett ohne Internet. Damit sind hierzulande fast doppelt so viele Personen offline wie bislang angenommen.“ Es ist die Gruppe der sog. Digital Outsiders: „Die Digital Outsiders sind entweder offline oder stark verunsichert im Umgang mit dem Internet. Das Internet stellt für sie eine digitale Barriere vor einer Welt dar, von der sie sich ausgeschlossen fühlen und zu der sie keinen Zugang finden.“ Dazu werden mehr als ein Drittel der Bevölkerung gerechnet. Dass weitere 40% als digital affin („natives“) und aktiv („immigrants“) verortet werden, mag trösten. Dennoch besteht ein gewaltiger „digitaler Graben“ in unserer Gesellschaft, der nur zum Teil auf fehlender Bildung und Unvermögen beruht; zum geringeren Teil ist es auch eine Haltung bewusster kritischer Abstinenz. Dies gilt es recht zu bedenken und ernst zu nehmen.

Diese Kritik in Sachen ‚Internet und Web 2.0‘ könnte sich an folgenden Punkten fest machen. Ich zähle stichwortartig einige negative Aspekte auf, die mir in der engagierten Netzdiskussion oft zu kurz kommen:

1. Kontrollierung des Netzes und seiner Standards durch dominante Internet- u. Medienkonzerne (Google, Facebook, Fox-TV u.a., sämtlich in USA)
2. Fragmentierung des Web: WWW ist faktisch US-W oder WW = westliches Web. Staaten wie China, Iran und andere islam. Staaten haben sich ausgeklinkt.
3. Nationalisierung des Netzes durch einzelstaatliche Reglementierung und “Zensur” (-> Frankreich; Australien)
4. Algorithmen gesteuerte Überwachung des Einzelnen (z.B durch DHS in den USA); präemtives Profiling
5. Apple-Effekt: Torwächter-Monopole; was das iPad nicht darstellt, ist im Web “nicht vorhanden”.
6. Es gibt kaum einen länderübergreifenden Diskurs; “Netzgemeinde” = nationale Blase?
7.  Bereitschaft zum politischen Diskurs, zu aktiver Beteiligung bleibt gering (siehe Jugend-Studie); Netz-„Konsumenten“ dominieren über „Netz-Gestaltern“.
8. Die Tendenzen zur Kontrolle des Netzes nehmen eher zu als ab. Sicherheit vor „Kontrollverlust“. Industrie dominiert; Macht vor Recht?
9. Die Verletzbarkeit und Störanfälligkeit des Netzes nimmt durch monopolartige Zugangs-Strukturen und durch Instabilität der ‚Energieversorung und -netze zu.
10. Wie schafft man den Spagat zwischen Transparenz und Vertrauen, zwischen Offenheit und Persönlichkeitsschutz, zwischen technisch Machbaren und human Wünschbaren?

Mit den Fragestellungen des letzten Punktes wird der Bereich geöffnet zu dem weiten Feld an Problematiken, die sich aus den vielfältigen technischen und industriellen Möglichkeiten der „Postmoderne“ ergeben. Ulrich Beck hat vorausschauend darauf hin gewiesen, was es bedeutet, in der „Weltrisikogesellschaft“ zu leben, auch wenn er in dem gleichnamigen Buch (2008) noch kaum auf die digitale Herausforderung Bezug nimmt. Seine kritischen Analysen können auch die Diskussion um „das Netz“ hilfreich aufklären. „Definitionsverhältnisse sind Machtverhältnisse.“ Einer seiner Kernsätze. Wer also definiert, was das Web 2.0 ist, sein wird, was es kann und soll?

UPDATE:

Ich finde eben den Beitrag von Constanze Kurz (CCC) im FAZ-Blog über das ungelöste Problem der Wahl-Computer, die dennoch nach und nach die großen Demokratien erobern und Wahlen der manipulativen Undurchschaubarkeit ausliefern – ein weiterer kritischer Aspekt.

 30. März 2012  Posted by at 09:55 Demokratie, Internet, Moderne, Netzkultur, Revolution, Sicherheit, social media, WWW Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Brave New World 2.0
Mrz 242012
 
Das Internet macht mehr Partizipation, Transparenz, direkte Demokratie möglich. Das jedenfalls ist die Hoffnung vieler Netz-Aktiven. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Die „Netzgemeinde“ bei uns stellt sich derzeit doch eher als eine länderspezifische „Subkultur“ dar. Da ist weiterer Diskussionsbedarf vorhanden.

Anfang dieser Woche tagte die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Deutschen Bundestages, siehe den offiziellen Bericht davon (inkl. dreistündiger Mitschnitt!). Die im Online-Text kurz angerissenen Beiträge der Sachverständigen zeichneten ein recht diffuses Bild, das thematisch vom Beklagen der „Gefahr der digitalen Spaltung“ über die festgestellte bildungsmäßige Disparität bis zum Spannungsverhältnis von Transparenz und Vertrauen / Vertraulichkeit reichte. Am weitesten ging vielleicht der Beitrag von Christoph Kappes, der zwar eine Fülle von Innovationen durch den „social layer“ des Webs und neue „Regel-Sets“ der Gesellschaft anpries, dabei aber nicht immer klar und verständlich blieb. Insgesamt fand er die Diskussion „enttäuschend“, da er sein Anliegen nicht richtig rüber bringen konnte.

Dies geht möglicherweise vielen so, und nicht nur bei den Beiträgen und Diskussionen der Enquete-Kommission. Kappes weist zu Recht darauf hin, dass wir die Entwicklungen im Internet derzeit „im Embryonenzustand“ beobachten und Schlussfolgerungen daraus naturgemäß schwierig sind. Die lange Liste der künftigen Möglichkeiten der Kommunikation im Internet fasst er mit positiver Perspektive so zusammen:

Trotzdem muss ich Erwartungen an die deliberative Kraft des Internets eher dämpfen. Die heutige „Netzgemeinde“ wird vor allem beeinflusst von einer überschaubaren Gruppe gebildeter und diskursfähiger Berufskommunikatoren. Eine Verallgemeine­rung ist nicht möglich. Youtube-Blogger und Facebook-Aktivisten sind eher die Vorbo­ten da­von, dass sich sehr unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen des Internets bedie­nen. Wie aufgeklärt der Aktivismus aus dem Netz sein wird, ist heute ungeklärt. Es spricht vieles dafür, dass sich im Internet mehr und mehr alle gesellschaftlichen Grup­pen wiederfin­den und diese es für ihre politische Tätigkeit nutzen.

Torsten Kleinz berichtet in ZDF-Blog Hyperland über die Jahrestagung der „Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis“, die derzeit unter der Überschrift “Social Media und Web Science – Das Web als Lebensraum” in Düsseldorf stattfindet. Fazit: Das Internet hat die Lebengrundlage aller Informationsarbeiter grundlegend verändert. Nach dem ersten Tag herrschte aber offenbar mehr Ratlosigkeit als echter Erkenntnisfortschritt darüber, was nun die soziale Dimension des Internets an Neuem bringt und wie sie wirkt:

Doch wie die Dynamik im Internet überhaupt funktioniert, ist den Wissenschaftlern nicht ganz klar. Eins ist jedoch steht außer Frage: Alleine durch Informatik und Informationstheorie kommt man dem Rätsel nicht näher. … Das Web ist eine soziale Maschine: Die technischen Grundlagen sind relativ simpel, wie sie jedoch die Realität formen und gestalten entscheidet jedoch der Mensch. … Die ersten Experimente bringen nur sehr, sehr begrenzte Erkenntnisse über die Funktionsweise des Netzes und dem Verhalten der Menschen darin.

Aufschlussreich ist immerhin die Kampagne um den Kriegsverbrecher Kony. Warum sie so erfolgreich war, zeigen erste Analysen, gerade auch, inwiefern sich diese Aktion als eine gezielte Kampagne dechiffrieren lässt, gesteuert aus einem speziellen US-amerikanischen politisch-religiösen Milieu („Invisible Children“). Diese Analyse lässt daran zweifeln, dass Interaktion in den sozialen Medien stets spontan und „chaotisch“ verläuft. Hinter dem scheinbaren Chaos der Klick-Raten, Likes und Retweets können ebenso gut Akteure stehen, die die Funktionsweise der Internet-Kommunikation genau einzusetzen und zu steuern wissen. Und genau dies bringt mich zum Nachdenken und Nachfragen, die ich in die Form einiger Thesen fasse.

1. Zweifellos ist das Internet die größte technische Revolution unserer Zeit. Inwiefern es sich zu einer sozialen und politischen „Revolution“ entwicklen wird, ist noch offen.

2. Der Kommunikation und Interaktion über lokale und temporale Grenzen hinweg bietet ungeheure Möglichkeit der Partizipation (Teilnahme und Teilhabe). Inwieweit dies zu mehr Nähe und Verstehen, Kritik und Dialog, Engagement und Mitwirkung führen wird, und / oder auch zu mehr Kontrolle, Mainstreaming und Hypes bei gleichzeitig  desinteressierter Konsumhaltung, ist noch offen.

3. Viele neue Möglichkeiten bedeutet immer auch: viele mögliche Nebeneffekte („usus“ und „abusus“). So ist zum Beispiel mehr Transparenz  möglich und oft wünschenswert, muss aber, wenn es nicht zum institutionalisierten „stalking“ werden soll, sozial und individual begrenzt bleiben und mit Vertrauensschutz einher gehen.

4. Der schon oft zitierte und beklagte „digitale Graben“ muss ernst genommen werden, und zwar nicht nur als ein zu beseitigender Fehler bzw. Missstand, sondern als de-facto-Verhalten und insofern auch Meinungsäußerung eines erheblichen Teiles der Bevölkerung. Es scheint mir zu kurz geschlossen, Internet-Abstinenz nur als ein Generationenproblem abzutun.

5. Die Diskussion über die Chancen und Wirkungen des Internet  als „social medium“ nur national zu führen, ist widersinnig. Noch sind auch im Internet die sprachlichen Grenzen zugleich Grenzen des Diskussionraums. Natürlich gibt es deutsche Beiträge in Englisch, es ginge aber um eine selbstverständliche Beteiligung deutscher Internet-User an z. B. englischen, skandinavischen, spanischen oder französischen Diskursen und umgekehrt.

6. Ein besonderes Phänomen sind die Aktivitäten politischer Blogger aus Konfliktländern und -zonen (siehe derzeit Syrien) und internationale Kampagnen wie bei den Occupy-Aktionen. Scheinbar grenzenlose Mobilisierung kocht in kürzester Zeit hoch, um nach wenigen Wochen wieder in sich zusammen zu fallen. Da entpuppt sich die Wirkung des neuen Mediums als klassisches Strohfeuer.

7. Die Haltung zum Internet stellt sich in verschiedenen europäischen Ländern politisch und gesellschaftlich offenbar sehr unterschiedlich dar. Hier müsste es überhaupt erst einmal zu einer inter-europäischen Diskussion, ja Wahrnehmung der jeweiligen Internetgruppen  und -interessen kommen.

So ist in Frankreich trotz intensiver Internet-Nutzung eine breitere Internet-affine  Gruppierung kaum vorhanden: „Die Mehrheit der Franzosen nimmt dies [Sarkozys restriktive Netzpolitik] offenbar mit einem gewissen Gleichmut hin. Trotz der europäischen Spitzenreiterposition in verbrauchter Bandbreite und täglicher Internetnutzung spielt Netzpolitik in den politischen und gesellschaftlichen Mainstream-Debatten kaum eine Rolle.“ (Joh. Kuhn in der SZ gestern).

8. Auch hierzulande schwankt die Thematik „Internet“ sehr stark im öffentlichen (= veröffentlichten) Interesse. Der „Bundestrojaner“ und die ACTA-Diskussionen haben für etwas mehr Aufmerksamkeit gesorgt, aber insgesamt bleibt die deutsche Öffentlichkeit (Zeitungen, TV, Radio) von den Bewegungen in den „Netzwelten“ recht unberührt. Dass z. B. Radiosender Facebook-Seiten aktiv nutzen und in Sendungen integrieren, ist zunächst nur ein weiteres zielgruppenbestimmtes „cooles“ Mittel des Mediums Radio. Thomas Gottschalks Versuch, statt Live-Publikum Twitter und Facebook zur Interaktion zu nutzen, hat sich als Fehlschlag erwiesen.

9. Internet-Aktivisten neigen dazu, den eigenen Standpunkt und das eigene Interesse gesellschaftlich zu überschätzen, weil sie ihre neue Weltsicht, die „digitale“ nämlich, vorschnell als allgemeingültig setzen und eine rein technische Möglichkeit sozial verabsolutieren.  So hat auch das Interesse an den „Piraten“ erheblich nachgelassen (vgl. Umfragewerte), weil sie wenig zu nicht-netzspezifischen Themen wahrgenommen werden. Und aktive Twitterer gibt es von Kappes geschätzt weniger als 2 % …

10. Trotz allen Enthusiasmus‘ und weit ausgreifender Thesen und Perspektiven zur Zukunft des Internets stellt sich die „Netzgemeinde“ bei uns derzeit doch eher als eine länderspezifische „Subkultur“ dar. Dabei ist „sub-“ nicht abwertend gemeint, sondern bezeichnet eine Teilmenge; man könnte auch Nebenkultur sagen. Sie ist durch die eigene Netz-Affinität, durch eigene Netzaktivitäten (teilweise auch beruflich) und Social-Media-Sozialisation geprägt. Der Begriff „Netzgemeinde“ wurde zwar jüngst als quasi-religiös kritisiert (siehe Thomas Knüwer, Indiskretion Ehrensache), trifft aber den derzeitigen Stand aus meiner Sicht am besten.

11. Diskussionen um die Bedeutung und Auswirkungen der „digitalen Revolution“ sind gut, sinnvoll und erforderlich;  auch Enthusiasmus und das Aufzeigen von Chancen helfen weiter (= über den Tellerrand hinaussehen). Die „Internet-Gemeinde“ entwickelt sich doch gerade erst auf einen öffentlichen Diskurs hin. Darum ist auch dieser Beitrag in einem Blog natürlich ein Beitrag an die – „Netzgemeinde“ !

 24. März 2012  Posted by at 12:09 Demokratie, Internet, Medien, Netzkultur, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Netzgemeinde als Subkultur
Jan 082012
 
Die derzeitige Bedeutung der Sozialen Medien wird weit überschätzt. Der Informationsgehalt von Weblogs und Diskussions-Plattformen ist oft gering und stellt überwiegend „Meinung“ dar. „Wissen“ wird schon alles genannt, was ungeprüft aus zweiter Hand übernommen wird. Die Verbindung mit der tatsächlichen Welt darf nicht verloren gehen, wenn die Kommunikation im Internet nicht in eine Pseudowelt abheben soll.

Social media ist in aller Munde – liest man, denkt man. Zumindest wird in den vergangenen Monaten hierzulande sehr viel öfter darüber geschrieben und diskutiert als sagen wir mal im Jahr 2010. Dass die Rebellionen in den nordafrikanischen Staaten eine neue Art Revolution geboren haben, nämlich die Twitter-Revolution, dass soziale Medien wie Facebook und Twitter die Welt schneller verändern, als es das Fernsehen je konnte, dass mit den neuen Kommunikationsstrukturen die Institutionen der alten „analogen“ Welt völlig überrollt und überflüssig würden, ja dass eine neue Form direkt partizipierender Demokratie möglich und teilweise schon wirklich würde, siehe die „Piraten“ mit ihrer „liquid democracy“, die alle Mängel der „abgewirtschafteten“ parlamentarischen Formen und Parteien beheben werde, dies alles gehört zu den weithin verbreiteten Ansichten „im Netz“: Jeder kann mit machen, „end to end“ kommunizieren anstatt auf die Vermittlung von eindimensionalen Medien und papiernen Stimmzetteln angewiesen zu sein. Wissen strukturiere sich neu, die „Cloud“ ermögliche nun die instant Verfügbarkeit aller nur irgendwie und irgendwo erwünschten Informationen, und dies alles gehe so schnell vonstatten, dass wir den epochalen Umbruch kaum richtig merkten, er aber faktisch vorhanden sei. „Ich kann mir ehrlich gar nicht vorstellen, wie die Wissenschaft in ihren überfrachteten Strukturen da je auf einen Nenner kommen will. Die Welt ist viel zu schnell geworden für Doktorarbeiten.“ So heißt es sehr typisch in einem Blog.

Überhaupt die Weblogs. Obwohl auch hier vereinzelt darüber räsonniert wird, sie entsprächen von ihrer Struktur her noch viel zu sehr den „alten“ unidirektional verlaufenden Kommunikationen und seien daher den Threads in Medien wie Google+ unterlegen bzw. dadurch bald ablösbar, so repräsentieren Blogs doch bis heute neben den nicht zu unterschätzenden Themenforen überwiegend die Art der Meinungsbildung und -verbreitung im Internet. Blogs sind die Zeitung des „kleinen Mannes“, heißt es, wobei auf einzelne Beispiele verwiesen wird, wo Blogs tatsächlich an den Umfang und die Qualität von klassischen Medien heran reichen wie z.B. die „Huffington Post„, – wobei gerade dieses Beispiel zeigt, wie ein Blog zu einem klassischen Online-Medium und News-Portal mutiert ist (sehr interessant ist die Studie von Lisa Sonnabend:  Das Phänomen Weblogs – Beginn einer Medienrevolution?). Ohne Zweifel, es gibt eine Vielzahl interessanter und inhaltlich qualifizierter Blogs, insbesondere Themen-Blogs. Wirkliche „Perlen“ findet man aber wie so oft eher zufällig; es sind nicht unbedingt diejenigen Blogs, die das beste Ranking haben.

Und damit komme ich auch schon zur anderen Seite der Medaille. Es gibt eine unüberschaubare Menge an Blogs allein in deutscher Sprache, aber wenn man einige davon zufällig auswählt und eine Zeit lang verfolgt, dann fällt einem doch auf, wie wenig Information sie wirklich enthalten. Das Meiste ist eben doch Meinung, persönliche Ansicht, sind Gedankenfetzen, Ideen, Einfälle, aber ohne weitere Begründung oder auch später erfolgende gedankliche Ausformulierung. „Denken per Blog heißt: release early, release often. Man kann die Vorgänge nur iterativ begleiten, immer wieder zur Diskussion stellen, korrigieren, umdenken, denn die Ereignisse werfen schon morgen wieder die eine oder andere Annahme um.“ (M. Seemann alias mpr0) Genau das aber ist kein Nachdenken, sondern allenfalls ein oft recht wirres Assoziieren. Spontane Einfälle ersetzen eben nicht Denken, sondern nur Augenblicks-Empfindungen oder situativ entsprungene Ansichten. Die dadurch entstehende Information hat einen sehr geringen und flüchtigen Gehalt. „Iterativ“ heißt eben auch: kommt und geht schnell. Mit Wissen und seinem Erwerb und seiner Verarbeitung hat das wenig zu tun. Ich gebe zu: Wissenserwerb ist mühsam, nicht so einfach spontan und nur kreativ zu machen! Hier aber wird „Nachdenken“ zur naiven Mitmach-Aktion. Eben dies spiegeln viele Blogs und erst recht „Diskurse“ auf Netzplattformen wie Google+. Die Anführungszeichen deswegen, weil ich dort das, was man bisher unter Diskurs (= ein ernsthafter, gedankliche anstrengender Austausch von begründeten Argumenten) versteht, so gut wie noch nie gefunden  habe.

Das angeblich jetzt überall frei verfügbare Wissen ist eine weitere Fiktion. Was ist denn dieses Wissen, das zum Beispiel bei Wikipedia (nutze ich viel und gern zum ersten Überblick) abrufen kann? Es ist in der Regel „zweiter Aufguss“, d.h. Darstellung vom Wissen und wissenschaftlich begründeten Erkenntnissen anderer. Dazu ist ein Lexikon ja auch da. Bei Themen-Portalen und Themen-Blogs ist das genau so, oft noch stärker: Da wird woanders erworbenes Wissen meist vereinfacht online dargestellt. Wissen selbst aber gewinnt man nur durch intensives Studium von Quellen, von Originaltexten oder aus Veröffentlichung von experimentellen Verfahren und Ergebnissen. Diese sind wiederum so gut wie nie „frei verfügbar“. Außerdem würden sie nur von sehr wenigen verstanden. Das Internet ist also kein eigentlicher Wissensspeicher, sondern ein weites Feld populärwissenschaftlicher Vereinfachung – bestenfalls. Denn meist findet sich dort neben allerlei Abstrusem (jedem Tierchen sein Pläsierchen) persönliche Meinung und eigene Ansichten. Das ist völlig ok und mag auch zur eigenen Meinungsbildung beitragen. Aber es ist kein grundlegendes Wissen, es ersetzt schon gar nicht die eigene Lektüre und gedankliche Aufarbeitung eines bestimmten Themas. Auch dies macht Mühe und braucht Zeit – beides ist aber ein Luxus, den sich das schnelllebige Netz mit seinen „Netizens“ nicht gönnt. Statt dessen wird viel „Unterhaltung“ geboten, und wenn sie gut und kreativ ist, dann ist das ja auch etwas Positives.

Ich bleibe noch einmal kurz bei der These, das Netz ersetze jetzt schon traditionelle Zeitungen und Nachrichtenmedien wie Radio oder Fernsehen. Abgesehen davon, dass ich das zahlenmäßig überhaupt nicht realisieren kann (siehe unten), möchte ich aus eigenen Erfahrung auf Zeitungen und auf die Kompetenz von Journalisten und Redakteuren keinesfalls verzichten. Die Zeitung muss nicht auf Papier sein, lieber sind mir Online-Ausgaben, egal ob kostenfrei oder im Abo (diese sollten aber, wenn sie den redaktionellen Volltext bieten, deutlich preisgünstiger sein als bisher). Kein Blog oder mir bekanntes News-Portal, das nicht mit der Professionalität einer Zeitungsredaktion ausgestattet ist, kommt auch nur annähernd an die Qualität der Informationen letzterer heran. Twitter mag sehr viel schneller und manchmal aktueller sein, aber erstens ist Schnelligkeit nicht alles, was ich erwarte, und zweitens sind auch Online-Redaktionen lernfähig, wie sich zeigt. Gründlichkeit der Recherche, eigene unabhängige Beobachter und Reporter vor Ort (Syrien!), vor allem dann Hintergrundinformationen und davon unterschieden bewertende Analyse des Geschehens sind wesentliche Teile von gehaltvollen Newsmedien. Ich jedenfalls möchte darauf nicht verzichten. Ich möchte möglichst viele Fakten zu einem mich interessierenden Thema erfahren und Gründe, die zu meiner Meinungsbildung führen, nachprüfen können. Nur dann ist ein eigener, selbstbewusster und kritischer Umgang mit Nachrichten möglich. Sonst sind es halt nur schnelle „news“, deren Meldung als solche irgend eine Wirklichkeit „reflektieren“, die aber erstens schnell vergessen wird, zweitens mit den tatsächlichen Gegebenheiten nicht abgeglichen werden kann und soll. Dann stimmt McLuhens These „the medium is the message“ – aber diese message ist eigentlich ohne Informationsgehalt. Darauf kann man gerne verzichten. Eben so wie ich auf 95% der Tweets verzichten kann, sie haben null Info. Der Spaßfaktor kann hoch sein, aber das ist ein anderes Bewertungskriterium. Begründete Meinung und sachlich fundierte Diskussion sind in Blogs und Foren auch selten zu finden. Deswegen die vielen Blogs zu durchforsten ist, als suche man die Nadel im Heuhaufen. Auch darauf kann ich gerne verzichten. Wie schrieb jüngst jemand bei Twitter? „Mit Wissenschaft hat es Social Media nicht so.“

Schlussendlich: Um wen geht es bei den Netznutzern, den Schreibern und Lesern von Blogs und Twitter und G+ eigentlich? (Facebook lasse ich hier unberücksichtigt, weil das aus meiner Sicht eine eigene Kategorie von Medium zur Selbstdarstellung und sozialen Verknüpfung der eigenen Person ist.) Es ist trotz beeindruckender Zuwächse doch nur eine noch marginale Minderheit in unserem Land. Die Google+ Nutzerzahl in Deutschland liegt bei unter 1 Million laut nicht überprüfbarer Angabe im Googleplusblog, wobei unklar ist, wieviele davon regelmäßig aktiv sind. Bei Twitter sind es nur 500.000 Accounts laut Socialmedia-Blog. Auch dies nur als ungefährer Anhaltspunkt, da die Zahlen nicht verifizierbar sind bzw. die Account-Angabe noch wenig über die tatsächliche Nutzung aussagt. Dafür wären genaue demoskopische Untersuchungen nötig; mir ist dazu noch keine bekannt, allenfalls zur Internetnutzung im Allgemeinen. Diese Größenordnungen der User von Social Media bei uns stellen also im Vergleich zur Reichweite von Radio, TV und sogar Tageszeitungen (48 Millionen Leser täglich laut die-zeitungen.de) nur einen Bruchteil dar. Bevor man da von tiefgreifenden Veränderungen oder „Internet-Revolution“ sprechen kann, muss also noch sehr viel Wasser den Rhein, die Elbe, die Oder und die Donau hinunter fließen.

Fazit: Die Bedeutung von Sozialen Medien wird derzeit weit überschätzt, am meisten von den Nutzern derselben, was ja kein Wunder ist. Dass sich da etwas tut und langfristig verändert, steht außer Frage. Aber in welche Richtung die Entwicklung geht und was davon wirklich wünschenswert und positiv ist, ist noch offen und außerdem natürlich Ansichtssache. Jedenfalls wäre es schon nicht schlecht, wenn sich die selbsternannten Gurus des Internet-Zeitalters etwas mehr Bescheidenheit angewöhnen würden und vor allen Dingen eines tun, was beim schnellen Texteingeben und Absenden fast immer zu kurz kommt: Erst nachzudenken und dann zu schreiben. Das Internet wäre um sehr viel überflüssigen Mist ärmer. Die Verbindung mit der tatsächlichen Welt darf nicht verloren gehen, wenn die Kommunikation im Internet nicht in eine Pseudowelt abheben soll.

 8. Januar 2012  Posted by at 11:14 Internet, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Social Media – eine Pseudowelt?