Dez 232019
 

Von der Nachkriegszeit zur Vorkriegszeit


I. Gegenwärtige Situation

Jahresrückblicke sind gerade überall zu lesen und zu sehen. Bei allen Turbulenzen und medialen Aufgeregtheiten im Jahr 2019 wird leicht übersehen, dass es doch wieder ein sehr beständiges Jahr war. Zumindest gilt das für die wirtschaftliche Entwicklung, für Lohnzuwächse, sinkende Arbeitslosigkeit. Es ist zu erwarten, dass die Verkaufsstatistik zu Weihnachten wieder beste Umsätze melden wird. Die Zahl der Bezieher von Hartz IV bzw. ALG II ist erstmals wieder unter 4 Millionen gesunken. Das ist bei aller Klage über Armutsgefährdungen denn doch ein sehr guter Wert. Dazu kommen aber noch 1,1 Millionen Menschen, die Mittel aus der Grundsicherung erhalten. Dennoch bedeutet das andererseits, dass es über 70 Millionen Bürgern in Deutschland, also rund 90 %, recht gut bis sehr gut geht. Ein unglaublicher Erfolg unserer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme!

Dennoch ist ein Unbehagen in unserer Gesellschaft erkennbar geworden, das wahrscheinlich nicht so groß ist, wie es in den Medien bisweilen wirkt, aber dennoch unübersehbar. Ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass in den östlichen Bundesländern ein Viertel der Wählerinnen *) eine Partei rechts außen gewählt hat, die in wesentlichen Teilen antidemokratische und illiberale Ziele verfolgt. Im Westen sind es mit 10 – 15 % zwar weniger, aber doch mehr, als frühere Rechtsparteien erreicht hatten. Dieser Stimmungsumschwung, eine Tendenz zu einem eher illiberalen, nationalen, intoleranten Mainstream gibt zu denken. Nationalismus, Antipluralismus, Rassismus, Antisemitismus, Abschottung und Antiglobalisierung sind offenbar wieder Optionen geworden.

Merkwürdig ist schon, dass es uns dabei so gut geht wie nie zuvor in einem deutschen Staat und innerhalb Europas. „Wir sind nur von Freunden umgeben“ stimmt zum Glück, wenn man es auf die Europäische Union bezieht. Dass es auch dort Meinungsverschiedenheiten und Interessengegensätze gibt, beispielsweise zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Polen, ist nicht verwunderlich und eigentlich normal. Innerhalb der EU haben sich aber Staaten auf eine Rechts- und Friedensordnung verpflichtet unter Gleichen, die weltweit und historisch einmalig ist. Sie ist so selbstverständlich geworden wie die Luft zum Atmen, so dass nur noch gelegentlicher „Geruch“, also Dissonanz, auffällt. Aber noch einmal: Was Wunder, wenn 28, demnächst ohne UK 27 Staaten in einem Staatenverbund leben, der gleiches Recht für alle bietet und dessen Ziel es ist, gleiche Chancen für alle zu ermöglichen und bei Berücksichtigung unterschiedlicher Interessen in jedem Falle die Regelungen des gemeinsamen Rechts zu respektieren. Die EU ist eine beispiellose und bislang unbestritten erfolgreiche Friedensordnung auf einem Kontinent, der in den vergangenen zwei Jahrhunderten von verheerenden Kriegen, Zerstörungen und Vernichtungen geprägt war.

II. National

Es hilft aber nichts: Was allzu selbstverständlich ist, wird nicht mehr als etwas Besonderes wahrgenommen. Im Gegenteil, es fallen die politischen Unzulänglichkeiten, die bürokratischen Verfahren, die schwierige Kompromisssuche auf, die das Zusammenwirken erschweren und die manche meinen, nicht mehr hinnehmen zu wollen. „Auf einmal“ wird „Heimat“ und Nationales wieder wichtig, werden sogar Nationalismen im öffentlichen Diskurs wieder gepflegt, in benachbarten Staaten vielleicht noch ausgeprägter als (noch) bei uns in Deutschland, tritt aggressiver Rassismus aus der Ecke des Verpönten und schafft sich erst recht der Antisemitismus wieder öffentlichen Raum, der zwar nie weg war, aber sich eben nicht vorzuwagen traute. Heute traut er sich, offensiv, lautstark, gewalttätig. Ohne eine umfängliche Analyse des Antisemitismus anzustellen, – man kann mit einigem Recht sagen, dass das Vorhandensein von und der Umgang mit offenem Antisemitismus den Grad der Liberalität, Offenheit und Aufgeklärtheit einer Gesellschaft erkennen lässt. Und eben damit, mit Toleranz, Liberalität und Aufklärung, steht es heute nicht mehr zum Besten.

„Auf einmal“ hatte ich oben bereits in Anführungszeichen gesetzt. Es müsste erklärt werden. Gesellschaftliche Entwicklungen fallen ja nicht plötzlich vom Himmel, sondern kündigen sich an, haben Vorläufer und Vorgeschichten, Anlässe und Auslöser. Und dann wird „auf einmal“ etwas sichtbar, wenn ein kritischer Punkt in der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit erreicht ist. Das scheint heute der Fall zu sein. Antidemokratische Stimmen mehren sich, verstärken und bestätigen sich gegenseitig, eine Verunglimpfung der angeblich so schwachen und lächerlichen Demokratie, die sich tatsächlich Gender-Sternchen und Gender-Klos leistet. Wenn überhaupt noch Demokratie (und nicht gleich der erhoffte starke Führer), dann ist das für viele, zum Beispiel in der AfD oder „Lega“, die „Volksdemokratie“, das heißt die absolute Herrschaft der Mehrheit oder derjenigen, die sich für die Mehrheit halten, ohne Rücksicht auf Minderheiten oder Andersgesinnte. Der Übergang von einer solchen „Tyrannei der Mehrheit“ zu einer autoritären Herrschaft einer Partei oder eines Einzelnen *) ist naheliegend und manchmal fließend, wie die Beispiele in Polen oder der Türkei zeigen. Es muss dafür keinen Putsch geben, – ein quasi „hybrider“ Wechsel der Regierungsform reicht.

Vorausgeht aber immer der Stimmungswechsel im öffentlichen Diskussionen. Genauer gesagt geht es dabei um die Diskurshoheit. Der in den letzten Jahren oft zu hörende Satz, dieses oder jenes dürfe man ja nicht sagen, weil es angeblich unterdrückt werde, ist selber zu einem Mittel des Kampfes um die Vorherrschaft in der öffentlichen Meinung geworden. Insbesondere die illiberale, nationale Rechte stilisiert sich als die unterdrückte Mehrheit, zumindest des angeblichen „Volksempfindens“, und wenn das oft genug behauptet und verbreitet wird, dann wird es immer öfter auch geglaubt (Paradebeispiel: Breitbart). Dasselbe gilt für fake news und sogenannte alternative Fakten: Oft genug behauptet, wiederholt und verbreitet, graben sie sich in das Gedächtnis ein als „echte“ Fakten (Lüge und ihre soziale Wirkung: Erinnerungsverfälschung). Darum ist auch das Mittel des framing, das heißt der Einbettung von Nachrichten in bestimmte Zusammenhänge, so wichtig geworden: Dabei geht es nicht mehr um die Erklärung des Zusammenhangs eines Geschehens, sondern um die Konstruktion eines gewünschten, oft nicht-faktischen Bezugs-Hintergrundes, um die Meinungen und Erinnerungen zu manipulieren. Verschwörungstheorien kommen noch hinzu, – die Möglichkeiten des Internet und entsprechender Portale und Chatgruppen sind dafür grenzenlos.

III. International

Ehe man nach hausgemachten Ursachen sucht, die es zweifelsohne auch gibt, lehrt ein Blick in die Weltnachrichten, dass dieser Trend zu mehr Nationalismus und Abschottung viele Länder besonders der westlichen Welt erfasst hat. Von China und Russland, denken wir vielleicht, haben wir ohnehin nichts anderes erwartet. Aber erstens ist der nationalistische Virus bereits in vielen westlichen Ländern offensichtlich geworden, man denke nur an den „Brexit“, und zweitens gelten Russland und China manch einem nicht mehr als „Parias“, als abschreckende Beispiele nahezu totalitärer Herrschaften, sondern womöglich als Zukunftsmodelle für die eigene Welt. Nicht nur in afrikanischen Staaten ist das menschenrechts-immune Vorgehen Chinas hoch willkommen. Dabei ist es besonders erstaunlich, wie die lang andauernde Entwicklung zu weltweit arbeitsteiligen und regelbasierten Marktwirtschaften (Globalisierung) sich umzukehren scheint: Zollschranken werden errichtet und weiter angedroht, Entkopplungen riesiger Märkte wie des US-amerikanischen und des chinesischen, drohen, zuerst in einigen Bereichen, die sicherheitspolitisch relevant sind (Computer und Netze). Sie werden aber ausgeweitet durch Sanktionen und Embargos (Iran, Russland, Europa) und damit zu immer häufiger eingesetzten Mitteln der Behauptung eigener Stärke und Autarkie. Der weltweite Handel hat im letzten Jahr Einbußen erlitten, auch ohne dass bisher internationale Klimamaßnahmen überhaupt beschlossen oder wirksam waren. Dass die erhöhten Unsicherheiten in der globalen Wirtschaft nicht allein auf konjunkturelle Schwankungen zurückzuführen sind, sondern Anzeichen einer tiefergehenden Krise, ist offenkundig. Automobilindustrie und Anlagenbau sind besonders betroffen, und wenn es dort stockt, dann sind in der Folge weitere Branchen und Handelszweige gefährdet. Von einer durchschlagenden Digitalisierung und ihren möglichen Auswirkungen ist noch gar nicht die Rede, – das kommt erst noch. Und bei all dem droht die bisherigen Regulierungsfähigkeit der WTO zahnlos zu werden – ihre Schiedsgerichte sind durch den Willen einer Großmacht, in diesem Falle der USA, funktionsunfähig geworden.

Hong Kong protest 2019 – (c) Studio Incendo – Wikimedia Commons, CC BY 2.0,

Ebenso offenkundig und beunruhigend ist es, dass durch machtpolitische Umbrüche und akut gewordene Systemkonfrontationen die Karten global neu gemischt werden. Das Mächtedreieck China – USA – Russland stellt sich gerade neu auf, Europa spielt da zunächst keine eigene Rolle, allenfalls als Mitbetroffene. Interessensphären werden neu ausgereizt (Arktis, Südchinesisches Meer, Mittelmeer, Nordafrika) und abgesteckt, Handelspolitik wird als Mittel der nationalen Behauptung durch wirtschaftliche Stärke eingesetzt, der Kampf um den Zugriff auf Rohstoffe wird offener und brutaler als je zuvor. In unserer Nähe betrifft es neben Syrien vor allem Libyen, das zum neuen Schlachtfeld zwischen Russland, USA, Iran und der Türkei zu werden droht. Dort geht es vor allem um Öl und Gas – Klima hin, Klima her: der Zugriff auf Quellen fossiler Energie ist immer noch vorrangiger Streitpunkt. China rüstet seine Marine massiv auf, insbesondere mit Flugzeugträgern, zur Verstärkung der weltweiten strategischen Präsenz. Russland versucht mit eigenem Flugzeugträgern und arktischen Eisbrechern seine Herrschaft über Randmeere und Festlandsockel zu behaupten und wenn möglich auszudehnen. Nicht zu vergessen: Auch die NATO-Partner rüsten inzwischen wieder stärker auf, – das hat man sogar in Deutschland mitbekommen.

Das wirklich Bedrohliche ist die offenbar zunehmende Bereitschaft zu kriegerischen Auseinandersetzungen, sollten diplomatische Möglichkeiten und Wirtschaftssanktionen nicht mehr ausreichen. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs treten die Generationen, die noch Kriegserinnerungen haben, definitiv ab. Das „Nie wieder“ verliert seine Gültigkeit, neue Kriege offenbar ihren Schrecken – vermeintlich dank moderner Waffentechnik. Zunächst gibt es weiterhin die blutigen Stellvertreterkriege im Irak und Syrien, Afghanistan. Bisher konnte die direkte Konfrontation der Großmächte meist erfolgreich verhindert werden. Es gibt keinerlei Garantie, dass dies auch künftig gelingt. Einiges spricht dafür, dass mit einem neuen „Mitspieler“ im Macht-Monopoly, nämlich China, die Einsätze und Risiken höher werden. China ist schon im Verlauf seiner Geschichte niemals zimperlich gewesen, auch Menschenmacht (Soldaten) einzusetzen. Hongkong ist bisher ein Symbol des Protestes gegen die chinesische Übermacht – wie wird das enden? Die Ukraine hat es erlebt, was es bedeutet, dem Interessengebiet einer Großmacht, Russland, zu nahe zu rücken. Der andauernde Konflikt wird mit Absicht nicht befriedet. – Das Besorgniserregende der gegenwärtigen Entwicklung ist die Parallele zur Konstellation vor 120 Jahren. Geschichte wiederholt sich nicht, aber wie schon öfter gesehen, kann sie sich durchaus steigern und überbieten. Nationalismus, Autoritarismus, auch ein gewisser Chauvinismus beteiligter Staatsführer mit entsprechenden Eitelkeiten ist auch derzeit wieder zu beobachten. Jedenfalls gewinnt wieder rabiate Interessen- und Machtpolitik die Oberhand über Diplomatie, Verhandlungen und internationale Abkommen. Nüchtern betrachtet war die Kriegsgefahr, die auch Europa betreffen würde, auch während des Kalten Krieges nicht so groß wie in diesen Zeiten. Kriegerische Konflikte rücken auch wieder ganz nahe an Europa heran (Nordirland). Man glaube nur nicht, sich dann die Hände in Unschuld waschen zu können.

IV. Konsequenzen

Dass bei all diesen Entwicklungen auch noch die Anstrengungen zur Beherrschung des Klimawandels zunehmen müssen und nur dann erfolgreich sein können, wenn sie zu internationalen Vereinbarungen und Verträgen führen, kommt noch als weitere dringende Aufgabe hinzu. Derzeit sieht vieles danach aus, dass jeder und jede noch so viel wie möglich vom vorhandenen Kuchen ergattern möchte, koste es, was es wolle, siehe Brasilien, Indien, Australien. In solch einer Lage schreit eigentlich alles nach Kooperation, nach funktionierenden internationalen Institutionen, nach demokratischen Aushandlungsprozessen der Gutwilligen – kurz nach einer starken freiheitlichen und offenen Demokratie. Moralisierung und Technikfeindlichkeit sind absolut kontraproduktiv. „Moralismus ist die Praxis des Umschaltens vom Argument des Gegners auf das Argument der Bezweiflung seiner moralischen Integrität.“ (Rainer Hank im Verweis auf Hermann Lübbe, siehe FAZ-Artikel) Dabei brauchen wir heute so viel technische Innovation und soziale Bildungsteilhabe wie nie zuvor – und so viel klaren und nüchternen Verstand wie möglich: gegen die Feinde der Demokratie von vor allem rechts und links und gegen moralische Intoleranz und Inkompetenz zugleich (siehe das hingenommene Flüchtlingselend in Griechenland und das Ertrinken im Mittelmeer). Mögen im neuen Jahr 2020 die Verteidigerinnen von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, von Liberalität und Toleranz, von Aufklärung und Sachlichkeit, die Freundinnen von freier Wissenschaft und offenen Kulturen über die Grenzen hinweg zusammenstehen, Verbindungen knüpfen und stark bleiben!


*) Ich bemühe mich, das generische Femininum, welches das Maskulinum einschließt, zu gebrauchen anstelle von Gender-Sternchen. Wo es sich bei einer Verallgemeinerung tatsächlich fast nur um Männer handelt (zum Beispiel ‚Vergewaltiger‘), bleibt das Maskulinum bestehen.

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Sep 142011
 
>China also. Und vielleicht noch die BRIC – Staaten. Retter Europas, weil sie europäische Anleihen kaufen wollen. Aber zumindest Chinas „Angebot“ (es ist ja mehr ein Kuhhandel als ein „Tauschgeschäft“ mit dem Charakter der Erpressung: Wir kaufen nur eure Anleihen, wenn ihr uns endlich als Marktwirtschaft (!) anerkennt und das Waffenembargo nach dem Massaker vom Tian’anmen Platz 1989 aufhebt) handelt weder uneigennützig, noch ist es wirtschaftlich so stark und stabil, wie manchmal behauptet wird. Es ist gut, sich dieses immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, damit die Relationen und Einschätzung nicht völlig daneben liegen. Darauf weist auch Christian  Gleinitz in einem Kommentar für die FAZ zu Recht hin:

China ist reich – auf dem Papier

Die Schuldenturbulenzen in Europa und Amerika treffen China in einem kritischen Moment und könnten hier schlimmere Verwerfungen zeitigen als die zurückliegende Finanzkrise. Wegen der abgeschotteten Kapitalmärkte und der konservativen Kreditgeschäfte der Staatsbanken kam die Volksrepublik damals zunächst glimpflich davon. Auf den anschließenden Exportrückgang reagierten Regierung und Zentralbank mit der Dollar-Bindung des Renminbi und mit dem umfangreichsten Kredit- und Konjunkturpaket der Geschichte. Doch diese Waffen sind stumpf geworden. Die geldpolitischen Zügel lassen sich nicht lockern und die eingeleitete Renminbi-Aufwertung nicht zurückdrehen, ohne dass die Inflation weiter ausuferte. Kreditflut und Infrastrukturprogramme haben zu Überkapazitäten, faulen Krediten und zur Blasenbildung geführt. Es gibt Berechnungen, wonach mehr als die Hälfte der Liegenschaften überbewertet sind – ähnlich viele wie in der amerikanischen Hypothekenkrise vor dem Zusammenbruch.

Viele Gemeinden stehen vor der Insolvenz, weil ihnen das Konjunkturpaket zu viele Ausgaben zugemutet hat. Rechnet man diese und andere Schattenhaushalte mit ein, erreichen Chinas Schulden nicht, wie ausgewiesen, 17 Prozent der Wirtschaftsleistung, sondern bis zu 80 Prozent. Auf dem Papier ist der Zentralstaat reich. Da aber fast alle Reserven in Euro und vor allem in Dollar angelegt sind, steht und fällt ihr Wert mit der Attraktivität dieser Wirtschaftsräume. China ist noch immer stark, aber die jüngsten Krisen haben den asiatischen Riesen viel Kraft gekostet. Er leckt seine Wunden. Er wird die Welt diesmal nicht retten.“

 14. September 2011  Posted by at 15:49 China, Euro, Schulden, Wirtschaft Kommentare deaktiviert für >Nicht eben mal die Welt retten
Jun 032010
 
>Es ist also mindestens so heftig mit der fatalen Finanzpolitik der USA, wie schon früher beschrieben; n-tv berichtet heute unter der Schlagzeile „USA im Schuldenstrudel“. Da wartet also die nächste Blase – besser: das nächste Desaster. Es wird größer sein als alle bisherigen. Vielleicht sollte man in Yuan umdisponieren…
Uns in Deutschland geht es aber noch vergleichsweise gut, wie Finanzexperten bestätigen, selbstbewusstes Auftreten in der europäischen Finanzpolitik ist also durchaus angebracht.

 3. Juni 2010  Posted by at 06:30 China, Finanzkrise, Schulden, USA Kommentare deaktiviert für >Dollar kaputt
Apr 012009
 
>Da beginnt es also heute, das große Gipfeltreffen der 20 „Großen“ in London. Eigentlich ist alles an diesem Treffen „groß“, vor allem auch die Erwartungen ihm gegenüber. Groß wird dann auch die Enttäuschung sein oder, falls die Medien es hinreichend positiv „kommunizieren“, der fade Nachgeschmack, dass eigentlich ein Berg gekreist und doch nur wieder eine Maus geboren hat. Die Interessen sind zu unterschiedlich, auch wenn im Vorfeld das Gegenteil beschworen wird. 

Vielleicht ist darum auch die heimliche Mitte dieses Treffens das eigentliche Ereignis: das Treffen von Präsident Obama und des chinesischen Staatschefs Hu Jintao. China hat sich bisher nach eigener Einschätzung in der Krise gut geschlagen und bietet sein staatskapitalistisches System als zukunftsträchtiges Modell an. Dass darin Demokratie und individuelle Freiheit, Rechtssicherheit und Menschenrechte keine Rolle spielen, ist für die chinesische Führung ein besonderer Triumph, haben sie doch immer schon den „besonderen“ Weg Chinas gegenüber den westlichen Demokratien gepriesen. Das neue Selbstbewusstsein der Chinesen wird schon im Vorfeld spürbar: Sie äußern Sorge gegenüber der Stabilität des Dollars, Zweifel gegenüber der Kraft der amerikanischen Wirtschaft und Hoffnung auf eine neue Weltwährung, in der natürlich der Yuan eine größere Rolle spielen würde. Hoffentlich bringt sie das neue Kraftgefühl nicht vorschnell ins Stolpern.

Auch China ist tief in die globalisierte Wirtschaft verflochten. Als Hauptgläubiger der hochverschuldeten USA müssen sie am Wohlergehen ihres Klienten mehr interessiert sein als ihnen lieb ist. Umgekehrt haben sich die USA durch ihren enormen Kreditbedarf derart in China und den arabischen Ländern verschuldet und damit in Abhängigkeit gebracht, dass daraus schon eine neue Schicksalsgemeinschaft entstanden sein könnte. Die Interessengegensätze bleiben bestehen, aber der Zwang zur Kooperation ist gewachsen.
Das ist eigentlich das Beste am beginnenden G20-Gipfel: Alle teilnehmenden „großen“ Länder wissen, dass sie die Krise alleine nicht überwinden können, sondern dass sie eine gemeinsame „große“ Verantwortung tragen: dass entschlossene und wirksame Wege zu einer künftigen wirtschaftlichen Kooperation und finanziellen Kontrolle beschritten werden, die allen zum Nutzen gereicht, insbesondere den besonders betroffenen Ländern Afrikas. Wer redet, schießt nicht. Das ist vorerst das wirklich Tröstliche.
Denn Situationen wie diese heutige haben schon zu anderen Zeiten Gewalt als „Lösung“ empfohlen. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn das diesmal vermieden werden könnte. Noch sind wir nicht durch, aber die Chance einer kooperativen Entwicklung besteht. Hoffentlich sind sich die 20 „Großen“ dessen bewusst – und insbesondere die beiden großen „G2“.
 1. April 2009  Posted by at 05:48 China, G20, USA Kommentare deaktiviert für >G20 – G2
Mrz 102009
 
>Nach längerer Pause – umzugsbedingt – werfe ich wieder meinen öffentlichen Blick auf die mich umgebende Welt. Dabei geht es mir wie nach einer längeren Reise: Man kehrt zurück, schaut sich um und wundert sich, dass sich gar nichts verändert hat. Meist kann man auch die Zeitung einfach weiterlesen, und nur selten fällt es auf, dass man einige Wochen ausgeklinkt war. Diese Erfahrung spricht nicht unbedingt für die existenzielle Bedeutung der Jagd nach ’news‘ und Aktualität.

Nun denn also: Was geschieht? Die Krise geschieht, natürlich. Es hat noch mehr Geld gegeben, über Staatsübernahme und Enteignung wird geredet. Der AIG-Konzern, ein wirklicher global player,  ist schon faktisch verstaatlicht, weil seine bisherigen Eigentümer durch den Absturz der Aktie ins Bodenlose (bei derzeit 35 ct. an der NYSE ein penny stock) und dem drohenden Konkurs ihres Eigentums weitgehend verlustig gingen. Dass bei der Milliardenunterstützung durch die US-Regierung sogar die Deutsche Bank erheblich profitieren konnte, ist eine besondere Ironie der gegenwärtigen Finanzkrise.
Aber halt, was schreibe ich: Finanzkrise? Ist es nicht eine tiefgreifende Wirtschaftskrise, ja eine grundstürzende Systemkrise, eine Existenzkrise der westlichen Welt? Und bietet sich nicht gerade China – wiederum: welch Ironie der Weltgeschichte! – als Retter des Abendlandes an: „Fürchtet euch nicht, wir sind bei euch“? Nun, Krisen reizen immer wieder dazu, dass man sich darin badet: Immer noch schlimmer, noch tiefer, noch kritischer sei die Krise, hört man manche Fachleute verlautbaren. Dabei weiß inzwischen jedes Kind, dass in der Wirtschaft und erst recht in der Finanzwelt mindestens 50% Psychologie ist. Das ist wenig tröstlich, denn „Psychologie“, das bedeutet eben auch: nicht rational, nicht steuerbar, nicht vorherseh- und vorhersagbar. Insofern verhält sich die Wirtschafts- und Finanzwelt derzeit wie das Leben selbst: einerseits selbstgefällig, andererseits recht chaotisch. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht wieder irgend jemand den altbekannten und oft genutzten kriegerischen Weg wählt, um einen „Ausweg“ aus der Krise zu finden. Dass dies keine Schwarzmalerei, sondern ein sehr nüchterner Gedanke sein kann, das zeigt Thomas Strobel in seinem lesenswerten Blog „Chaos as usual“ über den Weltkrieg als Konjunkturprogramm.
Ansonsten geht es in der Welt zu wie immer: Tibet steht vor dem Abgrund, Nordkorea vor dem Abschuss , Obama vor dem Abheben und das Bankgeheimnis mancher europäischer Nachbarn vor dem Ableben, everything as usual. Echauffieren wir uns also nicht zu sehr, sondern hoffen auf den positiven Wandel: Der nächste Frühling kommt bestimmt, wenn auch noch nicht ganz sicher ist, wann und wo…
 10. März 2009  Posted by at 09:25 China, Finanzkrise, Obama Kommentare deaktiviert für >Und sie dreht sich weiter
Jan 312009
 
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Solche offenen, direkten Worte von Politikern sind wir hier nicht gewohnt. Präsident Obama hat öffentlich und sehr direkt und mit scharfen Worten („shameful“) das Verhalten von Bankmanagern getadelt, die Wasser predigen und Wein trinken: die ihre Boni einstreichen und sie sich sogar vom Staat bezahlen lassen. Vizepräsident Biden setzte noch einen drauf: Man solle sie ins Gefängnis werfen. Es lohnt sich, die klaren Worte nachzulesen. Den „Gipfel der Verantwortungslosigkeit„, so nannte es Obama. Recht unempfindlich reagiert auf die Bonus-Zahlungen die Schweizer UBS: Es müsse halt so sein und sei nur recht und billig. „Rechtens“ mag es sein, aber „billig“ und gerechtfertigt ist es keinesfalls.

Schade, dass man hierzulande öffentlich so wenig deutlich redet. Bei uns überlässt man die „klaren Worte“ nur den Wahlkämpfern, denen dann aber sowieso niemand glaubt. Das ist das Wichtigste der neuen Präsidentschaft Obamas: Überzeugend Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, im Reden und im Handlen, innerhalb der USA ebenso wie in der Welt. Wenn ihm das gelingt, hat er mehr gewonnen als alle derzeitigen europäischen Politiker zusammen. Selbst wenn es Kalkül war, sind diese wie andere Äußerungen Obamas wohltuend unter all der politischen Verlogenheit.
 31. Januar 2009  Posted by at 06:38 China, Finanzkrise, Obama, USA Kommentare deaktiviert für >Obamas neuer Stil
Jan 302009
 
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Man fasst es nicht: Der Papst und seine Vatikan-Berater wollen von den merkwürdigen Auffassungen der vier „traditionalistischen“, will sagen bekanntermaßen ultrakonservativen bis  reaktionären Bischöfe aus dem Dunstkreis Lefebvres nichts gewusst haben. Die hätten sich wohl damals nach dem II. Vaticanum „nur mal so“, weil ihnen die lateinische Messe so gut gefiel, aus der Mutterkirche verabschiedet. Von der engen Verquickung Lefebvres zum Beispiel mit der argentischen Militär-Junta hat man nichts mitgekriegt? Äußerungen von „Bischof“ Williamson und seinen Kumpanen, die Judenvernichtung habe es nie gegeben, hat man überhaupt nicht gekannt? Nachgefragt hat im Vatikan, der doch sonst so gut informiert ist, auch keiner? Was tun die da denn eigentlich, außer Messen zu zelebrieren? Nach dem gut katholischen Motto: Wer (s) glaubt, wird selig.

Dann Davos. Ach ja! Erdogan, wärst du nur sitzen geblieben. Aber so ist er aus dem Saal und der Live-Übertragung herausgestürmt wie ein wütender Pennäler. Was hat er denn von einer Diskussion mit Schimon Peres erwartet? Dass er die israelische Militäraktion gegen die Hamas als Missverständnis bedauert? Machen das die Diplomaten nicht so, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist? Nein, Erdogan rennt wutentbrannt und schimpfend aus dem Saal. Starker Auftritt – nein, Abgang… (Und die Türken feiern!)
Dann war da noch die Finanzkrise, die Weltwirtschaftskrise. Weil die Banker das alles so toll gemanaged haben, müssen sie am Ende doch belohnt werden! Nicht nur in den USA haben sie wieder Rekord-Boni eingefahren. Der Staat leistet Milliarden Unterstützung für notleidende Banken und gibt Garantien in Höhe von Hunderten Milliarden Dollar und Euro ab, und die Herren und Damen Banker streichen in aller Seelenruhe ihre Boni (das sind Extravergütungen im Erfolgsfall!) ein: allein in den USA mehr als 18 Milliarden Dollar zum Jahresende 2008. Wenigstens Obama tobt

Was gibt es noch? Generalstreik in Frankreich; alle Räder stehen still, weil der vereinte Arm der Gewerkschaften es will. Sarkozy muss schon viel leiden, der Arme. Bisher machte es so viel Spaß, Präsident zu spielen! Er mault und zieht sich schmollend in die Ecke zurück: „Frankreich ist nicht das einfachste Land, zu regieren“, sagte er, „es ist ein eruptives Land.“ Aha. Aus dem präsidialen Schmollwinkel. Aber irgendwie echt Sarkozy…
 „Mein Besuch in Deutschland bereitet mir wirklich eine gute Laune“, meinte gestern zu alledem der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao. Kann man gut verstehe bei solchen Nachrichten aus einer verrückten Welt!

Manchmal sind die Nachrichten eines Tages Realsatire pur. Ach, was sag ich: Das Leben ist knackiger als alle Satire…

 30. Januar 2009  Posted by at 06:44 China, Davos, Erdogan, Satire, Vatikan Kommentare deaktiviert für >Fröhliche Zeiten