Okt 072012
 

Die Debatte um „Geist & Gehirn“ ist derzeit wieder etwas aus dem Fokus geraten. Die „alten Matadore“ (wie zum Beispiel Gerhard Roth, Wolf Singer und Peter Janich) haben die Standpunkte hinreichend geklärt, um sich darin einig zu sein, nicht einig zu sein. Manfred Spitzer, Neuropsychiater und „führend“, wenn man „Geist & Gehirn“ als Suchbegriffe bei Google eingibt, erklärt dem Fernsehpublikum des Bayrischen Rundfunks auf dem Kulturprogramm BR alpha seit Jahren in 15 Minuten – Häppchen die Welt aus Sicht des Hirnforschers. Inzwischen gibt es 12 Staffeln oder 9 DVDs. Eine solche Welterklärung und neurophysiologische Aufhellung unseres Alltags (wie war eigentlich das Leben vor Spitzer?) bleibt nur medienbedingt unwidersprochen. Einer Studiosendung oder DVD lässt sich schlecht antworten. Guru-Level. Widersprochen wurde darum seiner ‚wissenschaftlichen‘ These, Internet verblöde, umso heftiger. Vielleicht hat ihn sein Kult-Status im BR zu sehr verwöhnt. Anyway.

Raffael, Schule von Athen (Wikipedia)

Die Diskussion um Hirnforschung und Geisteswissenschaft, um „mind & brain“, um eine mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeitenden Psychologie und Neurologie einerseits und der ‚geisteswissenschaftlichen‘ Philosophie und Theologie andererseits hat aber inzwischen doch einen gemeinsamen Nenner gefunden, der kaum mehr bestritten und unterschritten werden kann. Natürlich gibt es weiterhin Hirnforscher, die einen naturwissenschaftlichen Determinismus vertreten, so wie es weiterhin Philosophen gibt, die die Ergebnisse der Hirnforschung fröhlich ignorieren. Interessanter und weiter führender ist aber eine jüngere Generation Wissenschaftler, die bei Anerkennung unterschiedlicher wissenschaftlicher Methoden an der Einheitlichkeit unseres Begriffes von Wirklichkeit festhalten, also jenseits der „alten Kampfbegriffe“ von Dualismus und Monismus argumentieren. Der Bonner Neuropsychologe und (kath.) Theologe Christian Hoppe ist einer von ihnen. Aus seiner medizinisch-ethischen Praxis heraus (Klinik für Epileptologie) fasst er die wissenschaftliche „Leitidee“ der Hirnforschung wie folgt zusammen:

Die Leitidee der modernen Hirnforschung ist, dass sämtliche psychischen Vermögen und Phänomene, soweit wir diese kennen und überhaupt als solche identifizieren können, von Hirnfunktionen (bzw. den Funktionen eines Nervensystems) und letztlich vom intakten Organismus abhängen. Was Ihr Auge für das Sehen ist, ist Ihr Gehirn für die Gesamtheit Ihrer psychischen Vermögen, das heißt für Wahrnehmung, Gefühle, Erinnerungen, Denken usw. Anders formuliert lautet die These: Es gibt keine psychischen Phänomene ohne Hirnfunktion.

Er ordnet seine ebenso klar wie knapp formulierte Leitidee gleich selber ein und grenzt sie damit gegen Missverständnisse ab:

Die Leitidee fasst den aktuellen Stand nach sagen wir 150 Jahren Hirnforschung zusammen und definiert die Forschungsagenda für die nächsten Jahrzehnte. Sie ist eine naturwissenschaftliche, keine philosophische These. Wir bewegen uns jetzt auf der konzeptuellen Ebene und lassen die Details abertausender von Hirnforschungsstudien weiter hinter uns. Die Leitidee ist eine sehr minimale These, ohne große Spekulationen, der daher wohl die meisten Neurowissenschaftler zustimmen würden. Da nicht über mögliche Mechanismen spekuliert wird, macht sich die Leitidee in dieser Hinsicht auch nicht angreifbar. Sie beharrt lediglich auf einer Feststellung: nicht ohne Gehirn. (vgl. sein Buch „Ohne Hirn ist alles nichts„.)

In seinem Beitrag für den Blog WIRKLICHKEIT – Hirnforschung & Theologie (SciLogs) führt er dies umfassend und äußerst erhellend aus. Die Lektüre sei jedem Interessierten empfohlen. Ich kann mir diese Position gut zu eigen machen. Dahinter sollte man in der heutigen und künftigen Diskussion eben auch in der Philosophie (und Theologie) nicht mehr zurück fallen. Zwar betont Hoppe, dass es sich dabei um eine eher minimalistische Beschreibung handele, die gewissermaßen den ’state of art‘ der Neurowissenschaften festschreibt, dabei hält er an dem Anspruch fest, dass die Wirklichkeit eine sei und nicht in zwei ‚Wirklichkeiten‘ zerfalle. Daraus folgt dann schon ein Ausgehen von den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, aber genau deswegen, weil wir andere Erkenntnisse nicht zur Verfügung haben.

Die existenziell bedeutsame Frage nach dem Zusammenhang von Gehirn und Geist kann offensichtlich nur mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden bearbeitet werden. Erst seit wenigen Jahrzehnten sind wir überhaupt in der Lage, auf ungefährliche Weise hinter die Stirn bzw. unter die Schädeldecke eines Menschen zu schauen und sein Gehirn zu Lebzeiten zu beobachten; diese erstaunliche Möglichkeit macht die „moderne Hirnforschung“ erst modern. Ihre persönliche Meinung zu diesem Thema ist daher, mit Verlaub, irrelevant, da Ihnen ein beobachtender Zugriff auf die zugrunde liegenden Hirnprozesse ohne entsprechende Gerätschaften prinzipiell verwehrt ist. Niemand fragt Sie, ob Sie der Meinung sind, dass das Herz das Blut durch den Körper pumpt; hierbei handelt es sich um physiologische Fakten, die wir lediglich zur Kenntnis nehmen können, und es gibt hier keinen Bedarf für einen Dialog zwischen Kardiologie und Theologie.

Bevor es hier nun wieder gleich zum Widerspruch und Protest kommt über die „moderne“ Dominanz naturwissenschaftlicher Sichtweisen und Methoden, möchte ich an einen recht alten Schriftsteller und Dichter erinnern, der eigentlich etwas Ähnliches sagt. Natürlich kannte er die moderne Hirnforschung nicht, wie er überhaupt kein Mensch der Moderne, sondern des „klassischen“ Altertums war. Seine Auffassung von Mensch und Welt, von der Wirklichkeit der Natur und des Lebens ist aber erstaunlich modern. Er folgte bereits einem berühmten Lehrer, den zu unterdrücken sich die gesamte weitere christliche Kirchengeschichte über 2000 Jahre emsig bemüht hat. Der große Lehrer ist der griechische Philosoph Epikur, den man als „Lustmolch“ verunglimpft hat, und sein größter lateinischer Schüler ist Lucretius Caro, genannt Lukrez ( †~ 50 vuZ) in seiner berühmt-berüchtigten Schrift De rerum natura. Einen hervorragenden Zugang gewinnt man durch das aktuelle Buch von Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann, München 2011 (engl: The Swerve. How the World Became Modern, 2011).

Ich stelle hier nur die Überschriften aus der zusammenfassenden Inhaltsangabe von Lukrez‘ De rerum natura nach Greenblatt zusammen (vgl. dort das Kap. 8):

Alles Seiende ist aus unsichtbaren Teilchen zusammengesetzt. Diese elementaren Teilchen der Materie – die »Keime der Dinge« – sind ewig. Die elementaren Teilchen sind unendlich in ihrer Zahl, aber begrenzt in Gestalt und Größe. Alle Teilchen bewegen sich in einer unendlichen Leere. Das Universum hat keinen Schöpfer oder Designer. Alle Dinge entstehen infolge geringer Abweichungen (clinamen, swerve). Die zufällige Abweichung, der kleine Ruck ist Ursprung auch des freien Willens. Die Natur experimentiert unaufhörlich. Das Universum wurde weder wegen noch für die Menschen erschaffen. Nicht das Schicksal der Gattung (geschweige denn das des Einzelnen) ist der Pol, um den sich alles dreht. Menschen sind nicht einzigartig. Die menschliche Gesellschaft hat nicht mit einem Goldenen Zeitalter der Ruhe und der Fülle begonnen, sondern als urtümlicher Kampf ums Überleben. Die Seele ist sterblich. Es gibt kein Leben nach dem Tod. Der Tod berührt uns nicht. Alle organisierten Religionen sind abergläubische Täuschungen, Religionen sind allesamt grausam. Es gibt keine Engel, keine Dämonen und Geister. Das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist Steigerung des Genusses und Verringerung des Leidens. Nicht Leid ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Lust, sondern Täuschung. Der Versuch, Leid zu vermeiden, ist vollkommen vernünftig: Das Verstehen der Dinge und ihrer Natur weckt großes Staunen.

Statt „Lust“ und „Genuss“ würden wir heute eher „Glück“ sagen, oder Wohlstand. Dem Ziel möglichst „glücklich“ zu leben stimmt jedermann zu und bekräftigt es bei jedem Geburtstags-‚Glück’wunsch. Das Glück des Menschen sogar als politisches Ziel verfolgt die US-amerikanische Verfassung, wenn dort vom Grundrecht auf „life, liberty and the pursuit of happiness“ die Rede ist. Kein Wunder – Thomas Jefferson kannte und schätzte „seinen“ Lukrez. Man wundert sich bei dieser knappen Zusammenfassung des Lukrez auch nicht, wenn er ebenso wie sein geistiger Vater Epikur von der katholischen Kirche verfolgt bzw. unterdrückt und verdammt wurde. „Epikureismus“ war einer der beliebtesten Vorwürfe der Inquisition. Dabei wurde weniger an ausschweifenden Lebensstil gedacht (den pflegten die Bischöfe ja selber zu gerne), sondern an den Atomismus, der die „Wandlung“ des Altarsakraments bestritt, und an die Lehre von der Sterblichkeit der Seele, denn sie entzog dem Bußsakrament jegliche Legitimation. Die Kirche erkannte sehr schnell , das ihr damit die Axt an die Wurzel gelegt wurde. Dadurch gerät ihre Macht und somit ihre Existenzberechtigung ins Wanken. Ist Lukrez darum auch heute noch so wenig bekannt im „christlichen Abendland“? Jedenfalls ist das, was er sozusagen aus der Perspektive des natürlichen „gesunden Menschenverstandes“ dichterisch verfasst hat, eine Basis, die ganz nahe bei dem liegt, was heute „Leitidee“ der Hirnforschung und des Wissens vom Menschen überhaupt ist.

Nein, Geschichte wiederholt sich nicht, aber bisweilen entdeckt man Berührungen über einen Abstand von 2000 Jahren, die doch verblüffend sind. Jedenfalls stelle ich mir Lukrez als fröhlichen Mitdiskutanten vor auf dem Podium derer, die sich bis heute den Kopf darüber zerbrechen, was wir, – was der Mensch denn wissen kann und hoffen darf.

 7. Oktober 2012  Posted by at 16:51 Hirnforschung, Wissenschaft Tagged with:  Kommentare deaktiviert für Was zu wissen ist
Jun 292012
 

Drei Bemerkungen und eine Anregung zur weitergehenden Diskussion über das Kölner Beschneidungsurteil.

Die teilweise heftigen Reaktionen und Diskussionen auf die Berichterstattung zu dem Beschneidungs-Urteil der Kölner Richter (siehe vorigen Beitrag hier im Blog) offenbaren die erwartbaren Positionen. Da sind auf der einen Seite die Vertreter der Religionsgemeinschaften, insbesondere der betroffenen Juden und Muslime, die wie Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, oder Sprecher islamischer Verbände nach einem religiösen Ausnahmerecht rufen um der „Religionsfreiheit“ willen, übrigens in letzthin öfter gesehener Allianz mit der Katholischen Bischofskonferenz. Da sind auf der anderen Seite die zahlreichen Verteidiger des Urteils, überwiegend unter Berufung auf die allgemeine Verbindlichkeit und Gültigkeit der Menschenrechte, in diesem Falle des Rechts auf körperliche Unversehrtheit, und / oder auf die Grenzen, die auch der Religionsfreiheit gesetzt sind, die ja eine Freiheit des selbstbestimmten Einzelnen sei und nicht die vermeintliche Freiheit von Religionsgemeinschaften gegenüber dem Gesetz.

Drei Bemerkungen dazu:

1) Die Rufe nach einem Sonderrecht für Religionsgemeinschaften (Scharia?) sind schon etwas abenteuerlich, denn wodurch sollte ein solches Sonderrecht begründet werden? Allein die bestehenden Sonderrechte (Kirchen als Körperschaften Öffentlichen Rechts, Kirchensteuereinzug durch den Staat, Sonderrolle der Kirchen beim Arbeitsrecht, Eigenständigkeit eines Kirchenrechts „nach innen“) sind schon problematisch genug. Ihre Aufrechterhaltung nach 1945 ist nur aus der besonderen geschichtlichen Situation nach dem Ende des Nationalsozialismus zu erklären. Hier sind aber aufgrund der völlig veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen heute eher Veränderungen im Sinne der weiteren Begrenzung dieser Sonderrechte (vor allem im Arbeitsrecht) zu erwarten und zu wünschen, und keinesfalls eine Ausweitung.

2) Sowohl der Strafrechtler Putzke (siehe voriger Beitrag) als auch der ihn unterstützende Beitrag von Markus C. Schulte von Drach in der SZ (Gegenposition zu M. Drobinski) heben stark auf den „archaisch rituellen“ Charakter der Beschneidung ab. Hier gehe es um ein blutiges „Gottes-Opfer“ aus dem Kontext einer Gesellschaft vor über 4000 Jahren, das eine nicht rückgängig zu machende „Bevormundung“ der unmündigen Kinder darstelle und der aufgeklärten „Freiheit der mündigen Bürger“ widerspricht. Abgesehen davon, dass die Beschneidung religionsgeschichtlich weniger ein Gottesopfer als vielmehr ein Initiationsritus ist, dessen Schmerzhaftigkeit und prägender Erinnerungscharakter (Trauma) gerade ursprünglicher Sinn der Handlung ist, zeigt die sich in diesen Voten ausdrückende Haltung eine gewisse rationalistische Überheblichkeit gegenüber den Religionen. Wer einem religiösen Glauben anhängen möchte, darf das eigentlich nur als voll eigenverantwortlicher Erwachsener -, als sei religiöse Verbindlichkeit ein etwas antiquierter Makel, den man vernünftigen Menschen und kleinen Kindern schon gar nicht zumuten dürfe. Die Vertreter dieser Position sollten sich vielleicht etwas ernsthafter mit dem Phänomen der Religion und dem Sinn der Riten der Religionen beschäftigen. Die Tatsache, dass die Kirchen Mitglieder verlieren, bedeutet noch keineswegs, dass unsere Gesellschaft religionsloser würde: Im Gegenteil, die bunte Vielfalt religiöser Gruppen und Gemeinden und die Verbreitung esoterischer Interessen widerlegt den angeblichen areligiösen „Rationalismus“ unserer Gesellschaft augenscheinlich. Inwiefern diese Lebenswirklichkeit der Religionen mit der zu fordernden „weltanschaulichen Neutralität“ des Staates immer wieder kollidiert und die Grenzlinie zwischen Staat und Religion / Weltanschauung demnach immer wieder neu bestimmt werden muss, steht auf einem anderen Blatt. Es ist eine offenbar nie erledigte Aufgabe.

3) Unbehagen bereitet mir das Insistieren auf der „körperlichen Unversehrtheit“. Kein Missverständnis: das ist ein absolut wichtiges Grundrecht, dessen Beachtung und ggfls. strafrechtliche Durchsetzung für unsere Gesellschaft wesentlich ist. Aber die unbestrittene Rechtsnorm ist das eine, die faktische Erzwingung das andere. Warum sehen Rechtswissenschaftler und Richter jetzt den Zeitpunkt für gekommen, das, was „bisher [unter] einem gewissen Schutz … relativ ungestört vollzogen werden konnte“ (Putzke), nun vor den Schranken des Gerichts auszutragen? Die Feststellung, dass die Beschneidung „medizinisch sinnlos und unnötig sei“, kann allein der Grund kaum sein, denn das ist früher auch schon vertreten worden, oder ist man erst heute so weit, einer sehr eng geführten rein somatischen Konzeption von Gesundheit und Unversehrtheit entsprechen en zu können? Was ist mit der seelischen  Gesundheit und Unversehrtheit? Gehört die nicht zum „Körperlichen“? Bleibt ein umfassenderes psycho-somatisches Verständnis von Gesundheit und Unversehrtheit der Person nunmehr ausgeschlossen? Das wäre allerdings eine ganz erhebliche Gewichtsverlagerung, vielleicht sogar ein Paradigmenwechsel. Spielt da die weltanschauliche Dominanz des „physikalischen Realismus“ und die durch die Hirnforschung ausgelöste Debatte um „Geist und Gehirn“ eine Rolle? Welche durch diese juristische Neubestimmung damit zugunsten einer einseitigen Körper-Hirn-Ausschließlichkeit entschieden wäre?  Sicher ist jedenfalls, dass ein Verständnis von „körperlicher Unversehrtheit“, das auch die seelische, also psychische Gesundheit mit einbezieht, sehr viel schwieriger zu fassen und wahrscheinlich überhaupt nicht justitiabel wäre. Wie sollte man „Geborgenheit“, „Akzeptanz“, „Liebe“, „Zuwendung“ denn juristisch in der fälligen Beweisaufnahme fassen und bewerten? Oder ist der jetzt eingeschlagene Weg des Gerichts nur der Weg des geringsten Widerstands, der meint, dem „wissenschaftlichen Fortschritt“ entsprechen zu müssen?

Fazit: Vielleicht wäre das Kölner Gericht doch gut beraten gewesen, so weise zu entscheiden wie die Bundesrichter beim Verfassungs- und Verwaltungsgericht in der Frage des Schächtens (siehe voriger Beitrag). Denn hier wurde die Norm zwar behauptet, aber dennoch der Weg zu einer praktikablen und auflagenbewehrten Ausnahmeregelung für Religionsgemeinschaften beschritten. Könnte dieser Weg nicht auch in der Frage der Beschneidung gangbar sein? Wir werden sehen. Möglicherweise wird demnächst das Bundesverfassungsgericht zu entscheiden haben. Der gesellschaftliche Diskurs zu diesem Thema „Sinn und Grenzen der Religionen“ sollte weitergehen.

UPDATE 30.06.

Erstaunlich, auch in Israel gibt es eine kleine Bewegung gegen die Beschneidung, und das, wo das Judentum Staatsreligion und die Beschneidung gesetzliche Pflicht ist. Hier der FAZ-Artikel dazu.

UPDATE 01.07.

Ein differenziert argumentierender Beitrag von Marina Weisband mit einer recht typischen wenig ergiebigen Internet-Diskussion.

 29. Juni 2012  Posted by at 13:38 Freiheit, Geist, Gesellschaft, Hirnforschung, Kirchen, Kultur, Menschenrechte, Religion, Vernunft, Wissenschaft Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Reaktionen auf das Beschneidungsurteil
Jan 212012
 

Was ist die Seele? Gibt es sie? Ist der Begriff „Seele“ ein Konstrukt metaphysischer Vergangenheit? In den letzten Jahren sind erstaunlich viele Bücher erschienen, die der Frage nach der Seele als einer zentralen philosophischen Frage erneut nachgehen. Es geht also nicht um esoterische Literatur. Vielfach sind es Erörterungen, die an die Diskussionen über die bisherigen Ergebnisse der Hirnforschung anknüpfen. Offene Fragen wie die nach Willensfreiheit und Personalität werden in der aktuellen Philosophie des Geistes thematisiert. In diesem Zusammenhang ist ein geschichtlicher Rückblick auf die Entwicklung des Seelenbegriffs angebracht.

Unter dem Thema „Augustin oder: Die Reinigung der Seele“ bin ich dem Verständnis von „Seele und Geist in Geschichte und Gegenwart“ nachgegangen. Es ist dabei ein Beitrag zum Verhältnis von Religion und Psychologie entstanden, der aus dem Rückblick heraus die gegenwärtigen Aporien und festgefahrenen Antithesen des naturalistischen Reduktionismus und des ontologischen Dualismus in gleicher Weise vermeiden und überwinden helfen möchte. Kristallisationspunkt ist die Person Augustins geworden, weil sich in ihr das verdichtet, was das Verständnis der Seele in der abendländisch-christlichen Philosophie über Jahrhunderte geprägt hat. Gerade seine Verbindung psychologischer Selbstbetrachtung (in den Confessiones) mit der radikal negativen Anthropologie (Erbsünde) auf der Basis eines einseitigen Sexismus hat folgenschwere Konsequenzen gehabt bis in unsere Tage. Der Seelenbegriff ist nicht zuletzt durch Augustin geprägt und in gewisser Weise „vergiftet“ worden. Die Neuzeit hat sich dieses Begriffes weitestgehend entledigt. Statt dessen wurde Bewusstseinsphilosophie oder eben eine Philosophie des Geistes entworfen, die ohne Umschweife zu den heutigen Fragestellungen der Kognitionswissenschaften hingeführt haben. „Gehirn & Geist“, „theory of mind“ sind die heute aktuellen Stichworte einer Diskussion, die das Seelische als etwas Unwissenschaftliches der Esoterik überlassen hat – oder allenfalls als empirische Psychologie einzuholen trachtet.

Welchen Sinn hat es da, sich erneut mit dem Begriff „Seele“ herum zu schlagen? Dies soll in dem hier vorgestellten Beitrag aufgezeigt werden. Es gibt von unterschiedlicher Seite spannende Versuche, Vorschläge und Entwürfe, den Begriff „Seele“ als Katalysator in eine Diskussion einzubringen, die sich mit den Schwierigkeiten der sogenannten „Qualia“ nicht zufrieden geben kann. Vielleicht kann dadurch ein Weg gefunden werden, aus der unglücklichen Sackgasse der Antithetik entweder empirischer Naturalismus oder ontologischer Dualismus heraus zu kommen.

Der Beitrag steht frei im Netz zur Verfügung als der erweiterte Text eines Vortrages (HTML ) oder als eBuch (PDF).

Augustin oder: Die Reinigung der Seele.
Seele und Geist in Geschichte und Gegenwart
Ein Beitrag zum Verhältnis von Religion und Psychologie

 

 21. Januar 2012  Posted by at 17:27 Bewusstsein, Geist, Hirnforschung, Philosophie Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Seele und Geist
Feb 022009
 

>
Vögel werden unterschätzt. Es ist noch kaum ins allgemeinde Bewusstsein gelangt, dass unsere heutigen Vögel eine sehr alte Stammeslinie haben, die auf die Reptilien und Saurier der Kreidezeit zurückgeht und darüber hinaus reicht. Statt „Jurassic Park“ sollte man also besser unsere Vogelwelt studieren. Sie repräsentieren eine Entwicklung, die von der der Säuger ganz verschieden ist. Das zeigte sich auch in der lange Zeit verbreiteten Fehldeutung des Vogelhirns. Man  verglich es mit dem Hirn der hochentwickelten Säuger, fand keinen Neocortex und hielt Vögel damit für dumm und unterentwickelt. Das Vogelhirn aber ist anders strukturiert. Inzwischen weiß man auch einen großen Teil des Vogelhirns besser zu deuten, der offenbar eine Vielzahl derjenigen Funktionen übernommen hat, die bei uns Primaten der Neocortex, die Großhirnrinde, erfüllt. Eine neue Interpretation der Funktionen des Gehirns der Vögel lässt den Schluss zu, dass Vögel zu weit höheren Intelligenzleistungen fähig sind als bisher geglaubt.

Die Anlage dazu findet sich seit neuesten Forschungen schon bei einem Vorläufer unserer Vögel, dem Archaeopteryx. Zwei kleine Wülste (Eminentia sagittalis) seines Verwandten, des Odontopteryx, lassen eine erweiterte Sinnes- und Hirnleistung vermuten, die es diesem Vorläufer der heutigen Vögel ermöglichte, das große Sterben am Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren zu überleben. So angepasst konnten sich aus diesem Vogeltyp eine Vielzahl (60 %) unserer heutigen Vögel entwickeln. Sperlinge und Rabenvögel haben dabei die ausgeprägtesten Hirnwülste – und die verblüffendsten Intelligenzleistungen.
Diese Forschungsergebnisse dürfen ruhig als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Evolution noch immer Überraschungen bereit hält – und dass wir „Menschentiere“ uns nur nicht zu viel einbilden sollten…
 2. Februar 2009  Posted by at 07:12 Evolution, Hirn, Hirnforschung, Vögel Kommentare deaktiviert für >Clevere Vögel