Mrz 172017
 

Elite ist zum politischen Kampfbegriff geworden. Der Begriff ist im aktuellen medialen Gebrauch eindeutig negativ konnotiert. Er bezeichnet nicht einfach eine Gruppe besonders qualifizierter, also ‚herausragender‘ (= eligere) Personen, sondern unterstellt einer solchen nicht näher bestimmten Gruppe einen negativen Einfluss auf die öffentliche Meinung – wenn nicht sogar auf die ganze Gesellschaft. Elite steht für Abgehobenheit, Arroganz, Unkenntnis der Situation des normalen Bürgers bzw. des ‚kleinen Mannes‘, – in den politischen Reden von Martin Schulz ist es „der hart arbeitende Mensch“. Elite ist die Negativfolie für den Durchschnittsbürger, dessen Sprachrohr man mit dieser Kritik zu sein glaubt. Zugespitzt findet sich diese Umdeutung des Begriffs Elite in der Verächtlichmachung der Politiker/innen („die da oben“), der Presse („Lügenpresse“) und der Behauptung, selber „das Volk“ zu vertreten. Aber Elite als negativer Streitbegriff ist längst zu einem allgemeinen Topos gesellschaftlicher Kritik geworden. Da hilft es nicht, nach Unterscheidungen zu fragen, welche Elite denn gemeint ist, die Funktionselite, die Geldelite, die Bildungselite, die Machtelite, die Sportelite, die Finanzelite usw. Von Geburtselite ist allerdings gar nicht mehr die Rede, obwohl die Ungleichheit qua Geburt in Deutschland besonders ausgeprägt ist. Elite ist heute ungefähr so pauschal und negativ wie in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts der Begriff „Establishment“ (siehe zum Elite-Begriff den Wikipedia-Artikel).

„Establishment“ bezeichnete damals die konservative politische Führung samt Wirtschaftsbossen, Springer-Presse und Professoren sowie Richtern mit ihrem „Muff von 1000 Jahren unter den Talaren“. Der Kampf gegen das Establishment geschah mit aufklärerischem Pathos und linker, egalitärer Absicht. Noch die RAF bediente sich dieser antibourgoisen Ideologie pseudomarxistischer Couleur zur Rechtfertigung ihrer Gewalttaten. Der Wahlsieg Willy Brandts 1972 brachte zum ersten Mal so etwas wie das Anti-Establishment demokratisch an die politische Macht. Ein Reformsturm fegte durch die Flure des Establishments, so hofften viele, und in der Bildungsreform geschah ja auch einiges. Es war das Pathos eines Aufbruchs aus dem Mief und der Verlogenheit einer gerade wieder saturierten Nachkriegsgeneration, die mit Vergangenheitsbewältigung nicht viel am Hut hatte. Kiesinger, Globke, Filbinger und viele andere Politiker vor allem aus der CDU hatten eine reiche Nazivergangenheit. Die Kritik des Establishments der westdeutschen Republik in der Zeit des „Wirtschaftswunders“ brachte etwas in Bewegung, was trotz vieler Auswüchse die Gesellschaft in der damaligen Bundesrepublik offener, freier, unverkrampfter, ’sozialdemokratischer‘ und vor allem geschichtlich sensibler machte. Erst auf diesem Hintergrund konnten nach der Wende die späten Kohljahre, trotz der politischen Leistung der „Wiedervereinigung“, so bleiern und erstarrt erscheinen.

Einer der geistigen Wegbereiter und Wegbegleiter dieser Zeit war und ist Jürgen Habermas, welcher der aufklärerischen Luft der Frankfurter Schule und ihrer „Kritischen Theorie der Gesellschaft“ entstammt. Sein in vielen Jahren ausgearbeitetes und auf die sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse reagierendes  Konzept einer herrschaftsfreien Kommunikation reklamiert die Basis einer für alle Teilnehmer gleich verbindlichen deliberativen Rationalität in einer demokratischen Öffentlichkeit. Seine rationale Diskursethik setzt darauf, im fairen Austausch von Gründen und im Offenlegen von Interessen und Meinungen die gemeinsame Sache gesellschaftlicher Kommunikation zu einem die Gesellschaft zugleich befreienden und befriedenden Prozess zu machen. Bis heute ist seine Stimme eine kritische Begleitung gesellschaftlicher Entwicklungen im Namen aufgeklärter Rationalität und säkularer Liberalität. Ich verweise auf Habermas, weil er gewiß nicht der einzige, aber einer der politisch und kulturell bedeutendsten Intellektuellen Deutschlands ist. Er hat die vergangenen Jahrzehnte in seiner engagierten Weise begleitet und geprägt. Aktuell betritt er im Vorwahlkampf erneut die politische Bühne der Öffentlichkeit (siehe seine Diskussion mit Sigmar Gabriel.)

Multikulti stoppen

Multikulti stoppen (c) bpb

Der Hinweis auf Jürgen Habermas kann besonders klar verdeutlichen, was es heute mit der wohlfeilen Kritik der „Eliten“ auf sich hat. Sie geschieht auf einem Hintergrund, der in krassem Widerspruch steht zu den Positionen einer kritischen Gesellschaftstheorie, die sich aufgeklärter Rationalität verpflichtet weiß. Es ist der „linksliberale Mainstream“ der vergangenen Jahrzehnte, dem im Kampf gegen die Eliten endgültig der Garaus gemacht werden soll. Rationalität und Aufklärung sind out, Gefühl, hate speech, Populismus sind dafür in. Nicht reale Ungleichheit ist wichtig, sondern die gefühlte, nicht konkret benannte Ungerechtigkeit wird diskutiert, sondern das eigene Gefühl der Betroffenheit, nicht tatsächlicher Ausschluss von Aufstiegschancen wird problematisiert, sondern vermeintliches Abgehängtsein, nicht rational überprüfbare Fakten spielen in der öffentlichen Diskussion eine Rolle, sondern Meinungen, Stimmungen, Emotionen. Der Echoraum der „Sozialen Medien“ macht dies in beliebiger Verstärkung und Schrillheit sichtbar. Viele dieser Themen erscheinen in ihrer medialen Repräsentanz verzerrt und bekommen ein Gewicht, das einer Überprüfung anhand der wohl abgewogenen Fakten kaum standhält. Weder sind der Islam noch die Flüchtlinge noch Unterprivilegierung in einem solchen Ausmaß festzustellen, wie es der Dominanz dieser Themen in der Öffentlichkeit entspricht. Angst vor Überfremdung, vor Terrorismus, vor Einbrüchen, vor Verlusten durch die Globalisierung und vieles mehr vergrößern tatsächliche Phänomene und Probleme ins Überdimensionale – in einer Gesellschaft, der es wirtschaftlich und sozial so gut geht wie lange nicht mehr. Die öffentliche Diskussion kann diese diffusen Ängste nicht mehr kanalisieren und rationalisieren, sondern befeuert sie durch mediale Aufwertung (Talkshows). Die Gesellschaft, die sich in Teilen lautstarken Populisten öffnet, will mit ihren Stimmungen und Befindlichkeiten als bislang unterdrückte Stimme gehört und beachtet werden. Eine rationale und liberale Diskussionskultur erscheint bei diesen Erwartungen als Hohn einer abgehobenen „Elite“ derer, denen „das Volk“, sprich die jeweiligen Stimmungen und Meinungen, egal sind. Vieles, insbesondere in der Gender-Diskussion, mag überzogen ‚korrekt‘ und vor allem mit der selbstsicheren Attitüde der moralisch Überlegenen vorgetragen sein, – heute aber gilt dies als neumodisches Geschwätz, dass durch „Tacheles-Reden“ endlich beiseite geschoben werden soll. Vermeintliche neue Offenheit („Das wird man ja noch sagen dürfen“) ist aber nur die Maske eines dumpfen Gefühls, das sich absichtlich einer rationalen Einvernahme und Befriedung entzieht. Jede ernsthafte Diskussion wäre ja nur wieder ein erneuter Triumph der „Eliten“. Den neuen Rechten und ihren populistischen Strömungen geht es genau darum: Den links-liberalen und aufklärerisch-rationalen Diskurs der vergangenen Jahrzehnte zu beenden und ein Rollback von Nationalem, Völkischem und Irrationalem („Reichsbürger“) zu fördern. Die Offenheit von Kultur und Gesellschaft wird im Heimatkitsch erstickt: statt Globalisierung und offener Gesellschaft Eskapismus hinter nationalistischen Mauern.

Darum ist das derzeitige Erstarken des Populismus und Autoritarismus mit dem Eliten-Bashing nicht nur ein irgendwie merkwürdiges politisches Phänomen, das man mehr oder weniger erstaunt zur Kenntnis nimmt. Es ist auch nicht damit getan, es vorschnell zu erklären mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation in manchen Regionen oder mit einer behaupteten sich weiter öffnenden Einkommensschere oder mit einem wachsenden Prekariat oder mit der Angst der Mittelschicht vor sozialem Abstieg oder mit der Selbstgefälligkeit vieler Politiker oder, oder, oder. Das mögen im Einzelnen alles Punkte berechtigter Kritik sein, aber die gab es auch schon vor dem Erstarken des Populismus und vor der Ankunft der Flüchtlinge. Was da rumort, ist etwas anderes, tiefer Sitzendes: Das Ressentiment gegen die aufklärerische Vernunft, gegen Abwägung, Ausgewogenheit, Fairness, Differenzierung. Damit einher geht oft auch eine Abwertung der Intelligenz, der Studierten (es werden ja immer mehr…), eben derjenigen, denen man sich zumal im Prozess der Digitalisierung und Vernetzung unterlegen fühlt. Mit Fäusten und Geschrei aber macht man sich dagegen stark – und lautstark Stimmung. Es ist das dumpfe Aufbegehren gegen eine sich weiter ausdifferenzierende Gesellschaft, gegen eine globalisierte Wirtschaft, gegen zunehmende Rationalisierungen in einer immer komplexer werdenden Welt. Nur die Jungen und Erfolgreichen kommen da noch mit, – so behaupten es diejenigen, die sich überholt und zurückgelassen wähnen. Dabei ist die Verweigerung der Vernünftigkeit des offenen Gesprächs, des Sicheinlassens auf Veränderungen, neue Bewegungen, Kulturen und Horizonte und das damit einhergehende Sichabschließen in einer vermeintlich heilen Welt dessen, was schon immer so war, die größte Gefahr und die größte Illusion zugleich. So feiern alte Ideen von Nationalismus, Volk und autoritärem Führertum in einer simplen Schwarz-Weiß-Welt fröhliche Urstände. Wir hatten das alles schon vor knapp 100 Jahren. Geschichte wiederholt sich nicht, aber es gibt vergleichbare Entwicklungen, die Motive aus der Vergangenheit (Nazis) aufgreifen und neu gemixt zu einer gefährlichen Melange werden lassen.

Darum gilt es, nachdrücklich für die aufgeklärte Vernunft zu streiten und mit aller Geisteskraft und Phantasie nach wirklichen Alternativen zu suchen für eine Welt, die nicht in der Dummheit und Arroganz eines globalisierten Kapitalismus und Ökonomismus versinken darf.


Ich verweise auf einen Artikel vom September 2016 in der ZEIT:

Populismus lässt sich nicht durch Verführung erklären, sagt der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller. Ein Gespräch über die gefährliche Kraft gegen jeglichen Pluralismus

„Der Spuk geht nicht so schnell vorbei“

Jul 312013
 

Es ist Wahlkampf – und keiner merkts – wohl das Sommerloch. Mir fällt dabei auf, wie sehr die Meinungen innerhalb der Internet Society doch von der Meinung „da draußen“ abweichen, also in den öffentlichen Medien. Im Netz finden sich offenbar nur Kritiker der jetzigen Bundesregierung, Piraten und Anhänger der Grünen (die taz wird oft zitiert), und auch ein paar SPD’ler behaupten sich wacker im Netz. Lese ich so meine Twitter-TL (ok, bubble) oder in bekannteren Blogs und Kolumnen, dann ist das Urteil über die derzeitige Regierung vernichtend und die Hoffnung auf eine Veränderung durch die Wahlen groß. Allerdings liest man auch hier und da, dieses Mal sei es wirklich egal, ob die Regierung oder die Opposition gewinne.

Sommer und Strand

Sommer und Strand

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, dass auch die Umfragen diesen Eindruck bestätigen. Immerhin liegen Schwarz-Gelb dicht bei Rot-Rot-Grün, also ungefähr halbe-halbe. Nur ist Rot-Rot-Grün keine Regierungsoption, und die Kanzlerpräferenzen der Umfragen weisen in seltener Eindeutigkeit und Konstanz auf Angela Merkel, und zwar mit riesengroßem Abstand vor Steinbrück. Nimmt man die angestrebten Regierungskoalitionen zur Orientierung, dann führen derzeit CDU/CSU und FDP vor SPD und Grünen mit 46 % : 35 % (Forsa und Stern von heute). Das sagt zwar noch wenig darüber aus, wie die Wahl am Ende wirklich ausgehen wird, aber so ist eben der derzeit vielfach bestätigte Trend. Nochmal: Erstaunlich (oder nicht?), dass sich diese öffentliche Meinung in der Netzgemeinde nicht widerspiegelt. Dort liegen die Präferenzen gefühlt strikt entgegengesetzt. Das große Ansehen der Kanzlerin im Ausland findet hier nur müden Spott, das vorsichtige Taktieren, wie die einen sagen, wird innenpolitisch als „Aussitzen“ gegeißelt, der unideologische Pragmatismus als „purer Machterhalt“, und „Neuland“, dieses inzwischen gerne aufgegriffene Bonmot, wurde als Krone der Ahnungslosigkeit und Dummheit von den Netizens gebrandmarkt. Mag die Online- und die Offline-Welt im Grunde auch eine sein und in der Lebenswirklichkeit vieler Menschen zusammengehörig, jedoch in den Meinungen der meisten Beiträge im Netz findet sich eine klare Spaltung von der Meinung in der sonstigen Medien-Öffentlichkeit, insbesondere in den Umfragen. Das könnte zu denken geben, was den Realitätsbezug der Netzgemeinde betrifft.

Erst recht ist es erstaunlich, dass die vielfältige und breite Berichterstattung über PRISM, NSA, BND usw. die Mehrheit in der Bevölkerung wohl ziemlich kalt lässt. Zumindest sind keine Veränderungen in den Umfragedaten fest zu stellen. Die Piraten haben sogar wieder einen Punkt abgegeben (siehe Forsa). Umgekehrt gilt dafür, dass immer dann, wenn die Kanzlerin eine feste („harte“) Position in Sachen Euro und Bankenaufsicht verkündet (wie auch immer das dann von der Wirklichkeit gedeckt wird), ihre Punktzahl nach oben weist. So war es jedenfalls in den letzten Monaten, was nicht zuletzt die SPD zur kaum verhohlenen Verzweiflung getrieben hat. Man kann also nüchtern fest halten, dass die Netz Community ein politisches Realitätsproblem hat. Nun gut, fordern und wünschen kann man ja vieles, und manches „Teufelszeug“ in der Netzdiskussion wie das „LSR“ (Leistungsschutzrecht, also konkret ob Google kostenlos kleine Textschnipsel bei dem Verweis auf Zeitungsseiten veröffentlichen darf) erweist sich nunmehr als reine Schutzkampagne der Print-Protagonisten, – als Popanz. Inzwischen haben sich fast alle großen Medienhäuser (natürlich unter gewundenen Vorbehalten) mit der Snippet-Zitation durch Google einverstanden erklärt, wäre ja auch zu dumm, sich der Einnahmequelle der durch Google generierten Klicks zu berauben. Offenkundig ist also das LSR weder das Ende der Pressefreiheit noch der Einstieg in die Internetzensur. Alles halb so wild.

Leider ist dieser Hang zu Übertreibungen und zum Katastrophenalarm für die Netzgemeinde typisch, insbesondere was natürlich die Netzfragen, die Netzpolitik betrifft. Vermutlich wird ihr deswegen auch in der übrigen Öffentlichkeit geringe Aufmerksamkeit zuteil und nur wenig Glauben geschenkt – die Piraten waren ein schnell verbrennender Hype. Dabei wäre einem Alarm derzeit mit dem Bekanntwerden der umfassendsten Datenerfassungs-, Lausch- und Schnüffelaktionen aller Zeiten (Snowden) alle Aufmerksamkeit zu wünschen. Anscheinend verpufft der Alarmismus dieses Mal. Da müssen sich schon ein Schirrmacher, Leyendecker (FAZ) oder Prantl (Süddeutsche) stark machen, um die Gefährdung unserer Demokratie in ihren Grundlagen durch solche Praktiken des selbstverständlichen Totalüberwachens zu kennzeichnen. Das Vertrauen auf die Unversehrtheit des Privaten und das Recht auf Freiheit vom und Schutz vorm Staat gehören zu den elementaren Freiheitsrechten unserer Verfassung. Wenn diese dem „Supergrundrecht“ Sicherheit (Friedrichs) geopfert werden, droht die Rechtsordnung als Ganze ins Rutschen zu geraten. Darauf kann man nicht deutlich genug hinweisen. Das Gewicht des Themas als solches hat, wie das Sommerinterview zeigte, die Kanzlerin sehr wohl erkannt. Ob die Reaktion, vor allem die Taten, dann als ausreichend erachtet werden, muss jeder für sich entscheiden.

Es bleibt also zu hoffen, dass die wirklich wichtigen politischen Themen (also zum Bespiel die Freiheitsrechte, Europa und der EURO, Bildung, Niedriglöhne, Fortentwicklung des Rechtsstaats im Internetzeitalter), die natürlich auch in den Wahlauseinandersetzung gehören, nicht der Lethargie des Sommerlochs oder gar der Resignation „Die da oben machen eh was sie wollen“ anheim fallen. Schade wärs. Darum ist es, so hoffe ich, doch nur das Sommerloch…

UPDATE 02.08.:

Wer es mal von der „anderen“ Seite sehen möchte: in der WELT und bei n-tv.

 31. Juli 2013  Posted by at 12:34 Internet, Medien, Öffentlichkeit Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Nur das Sommerloch
Jul 262013
 

Der Tunnelblick ist ein bekanntes Phänomen. Der Begriff stammt zunächst aus der Augenheilkunde und meint dort die „konzentrische Einengung des Gesichtsfeldes auf einen zentralen Rest“ (Wikipedia). Umgangssprachlich bezeichnet der Begriff aber eher „im übertragenen Sinne die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, Dinge wahrzunehmen, die außerhalb dessen liegen, wofür sich der Betroffene aktiv interessiert“ (ebd.). Man sagt dann auch mit einem veralteten Bild, einer habe Scheuklappen auf. Mir scheint allerdings, dass der Tunnelblick ein recht allgemeines Phänomen der Wahrnehmung ist, das die Konzentration der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten, für wichtig erachteten Gegenstandsbereich kennzeichnet. Wenn diese Konzentration auf einen einzigen Bereich sehr stark und die Verengung der Wahrnehmung  länger anhaltend ist, dann wird daraus eben das, was man mit dem „Tunnelblick“ zutreffend bezeichnen kann. Es handelt sich um eine eingeschränkte Wahrnehmung meiner Umwelt.

Dass diese Einschränkung durchaus sinnvoll sein kann, zeigt die Bewegung im Straßenverkehr oder das Verhalten bei Gefahr. Alles kommt dann darauf an, sich auf das Wesentliche und Wichtigste zu beschränken. Damit liegt man im Allgemeinen richtig. Es kann aber durchaus passieren, dass man dabei einen plötzlich seitlich auftauchenden Fußgänger übersieht oder dass man einen etwas „abwegigen“ Ausweg aus einer Gefahr nicht erkennt. Die Konzentration der Wahrnehmung auf einen engeren Bereich, der durch unsere Alltagserfahrung definiert ist, hat also Vor-, aber auch Nachteile. Im Alltag dürften die Vorteile bei weitem überwiegen, sonst wäre diese evolutionäre Fähigkeit unseres Wahrnehmungsvermögens kaum so entwickelt, wie sie jetzt ist. Bei der Arbeit ist es wichtig, sich zu konzentrieren und nicht ablenken zu lassen. „Multitasking“ ist gut für Computer, offenbar weniger gut für Menschen.

Weltklima (Wikimedia)

Weltklima (Wikimedia)

In der öffentlichen Diskussion politischer Themen ist die Lage aber etwas anders zu beurteilen. Denn hier sollte es doch darum gehen, wichtige Themen umfassend und unter vielerlei Aspekten zu diskutieren. Außerdem sollte ein einzelnes Thema nicht andere, ebenso wichtige Themen verdrängen. Beides aber geschieht praktisch nicht. Themen werden möglichst vereinfacht und mit einer Schwarz-weiß-Schablone erklärt, und das Thema im Vordergrund lässt andere Themen in den Hintergrund treten oder ganz vergessen. Dieses Phänomen einfach mit der Funktionsweise der öffentlichen Medien zu erklären, die jeweils nur einen Fokus in den Mittelpunkt stellen und meist auch wenig differenziert darstellen (das zu tun wäre aber die erwartbare Leistung eines „Qualitätsjournalismus“), greift aus meiner Sicht zu kurz. Medien tun dies nur, weil die Aufmerksamkeit der Kunden und Nutzer – also von uns – meist nur auf einen einzigen Themenkomplex beschränkt ist. Sie tragen damit dem „Tunnelblick“ unserer Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung Rechnung.

Man kann das am Beispiel vieler Themen der letzten Zeit fest machen. Ohne dass jeweils ein bestimmtes Thema endgültig geklärt oder gar gelöst wäre, gerät es doch durch andere Themen in Vergessenheit. Oft reicht ein konkreter, spektakulärer Anlass, um solch eine Änderung des öffentlichen Fokus auszulösen. Derzeit ist das Thema Internet-Sicherheit und Belauschtwerden durch die Amerikaner dran (schon dies ist eine verkürzte, undifferenzierte Kennzeichnung). Die Person Snowden ist bereits aus dem Blickfeld.  Aber andere große Themen sind völlig in der Versenkung verschwunden, als ob sie gar nicht existierten – bis zum Zeitpunkt irgend eines aktuellen Anlasses, wo man sich dann plötzlich daran erinnert: Ja, da war doch schon mal was…

Nehmen wir das Thema Klimaveränderung und Erderwärmung. Es ist der Sache nach so dringend und aktuell wie eh und je, eher noch stärker, da sich viele Prognosen bestätigen, – es interessiert derzeit nur niemanden (abgesehen von den damit befassten Profis). Auch das Thema Energieversorgung ist ja mit dem Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland keineswegs erledigt, befriedigend gelöst und in nachhaltige Modelle umgewandelt. Bisher ist Deutschland hier eine Insel, und Insellösungen sind eben keine globalen Lösungen. Der vermehrte Einsatz von (billiger) Energie aus Kohle, Gas und Öl weltweit (Stichworte fracking, Ölschiefer etc.) treibt den CO2-Ausstoß jährlich auf neue Rekordhöhen. Von einer Umkehr der Richtung in Sachen Energie und Klima kann überhaupt nicht die Rede sein. Dennoch: Das Thema ist völlig weg, und zwar schon lange vor dem Sommerloch. Zu beobachten ist dabei auch, wie ursprüngliche Ein-Thema-Parteien (Grüne, Piraten) sehr schnell ihr Profil-Thema verlieren können.

Die bestehende und sich verschärfende Ungleichheit der Vermögensverhältnisse in der Welt scheint auch niemanden zu beunruhigen. Das Thema taugt allenfalls gelegentlich im Wahlkampf, wenn es um die Forderung nach Mindestlöhnen oder um die Begrenzung des Niedriglohnsektors geht. Passieren tut aber trotz klarer Erkenntnisse nichts, weder in der öffentlichen Diskussion noch im Handeln der Regierungen. Dabei müsste uns nicht nur die weltweite Verschuldung (also das Spiel mit dem Computer-Börsen-Geld) bzw. die konkrete Verschuldung einzelner Länder beunruhigen, sondern die Konzentration der exponentiell wachsenden Vermögen in immer weniger Händen. Ich nenne hier bewusst nicht die Einkommen, denn die sind eine ganz andere Frage. Das weltweite Kapital ist aber in den Händen einer recht kleinen Gruppe von Menschen in unglaublicher Menge verdichtet. Zwar war schon im Alten Rom der Hauptteil der Vermögenswerte in Form von Ländereien in den Händen weniger Patrizier, aber die heutigen Verhältnisse sprengen offenbar jede Vorstellung. Durch die Verzinsung wird dieses Kapital weiter wachsen – und no chance auf irgend eine Korrektur. Mögen auch die Ärmsten tendenziell besser gestellt werden, so laufen die Einkommen der Vermögenden in eine eigene Welt davon. Was dies für die soziale Wirklichkeit bedeutet, und zwar nicht nur national, sondern global, darauf machen nur ganz wenige aufmerksam. Mich wundert, wie das brisante Thema Reichtum – Armut (siehe derzeit Papst Franziskus in Brasilien) schon beim nächsten wirtschaftlichen Aufschwung und bei der nächsten Lohnerhöhung gänzlich vom Tisch ist.

Es gibt zahlreiche weitere unbestritten wichtige Themen: Die Bevölkerungspyramide (Schrumpfung bei uns – Wachstum weltweit), das Gesundheitssystem (industrielle Gesundmacher, die krank machen), die Erhaltung von Lebensräumen und Arten (Überfischung, Schutz der Ozeane, Regenwälder) oder auch die Frage nach der Machbarkeit und Wünschbarkeit technischer „Errungenschaften“ (Genmanipulation, Künstliche Intelligenz, Vernetzung, Langzeitwirkung von Plastikmüll). All diese Themen bezeichnen Probleme unserer heutigen Lebenswelt, die keineswegs nur eingebildet oder randständig sind. Sie betreffen samt und sonders unser alltägliches Leben und insbesondere das der künftigen Generationen. Aber auch da wirkt der Tunnelblick-Mechanismus geradezu perfide: Wir nehmen nur das wahr, was uns heute betrifft, nach uns die Sintflut. Keiner gibt das gerne zu, aber wir leben so. Über den Tellerrand zu schauen, diese Themen immer wieder an sich ran zu lassen, den Tunnelblick mit unserer Vernunft zu sprengen und sich auf eine öffentliche Diskussion der vielfältigen Aspekte unserer Lebenswelten einzulassen, all dies verlangte von uns wohl Übermenschliches. Eigentlich verlangte es nur ein kühles, vernünftiges Denken, ein ehrliches Anerkennen der offenkundigen Probleme und die Bereitschaft zu einem Handeln, das nicht bei den Anderen, sondern bei uns selbst beginnt.

Änderung der Wahrnehmung bedeutet Änderung der Lebenspraxis. Und das ist offenbar das Problem. Niemand verlässt gerne ohne Not den alten Trott. Und mit Scheuklappen und Tunnelblick kann man die „Not“, sprich Notwendigkeit schön ausblenden. Ehe wir auf andere (die Politik, die Medien, die Wirtschaft) mit dem Finger zeigen, sollten wir einfach auf uns selbst weisen. Das wäre ein Anfang.

 26. Juli 2013  Posted by at 11:30 Gesellschaft, Öffentlichkeit, Politik Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Tunnelblick
Apr 012013
 

Volker Gerhard hat uns mit seinem jüngsten Werk einiges zu lesen und zu denken aufgegeben. Das umfangreiche und im wahrsten Sinne vielseitige Werk trägt sein Programm zwar im Titel, nämlich „Öffentlichkeit als politische Form des Bewusstseins“ darzustellen, aber was dies für Gerhardt bedeutet, weiß man natürlich erst nach der Lektüre. Vermuten darf man bei diesem Titel eine Auseinandersetzung mit dem neuzeitlichen Phänomen Öffentlichkeit, erwarten kann man eine begriffliche Bestimmung dessen, was heute sinnvoll unter Öffentlichkeit zu verstehen ist im Zusam­menhang von individuellem Bewusstsein und allgemeiner Politik. Gleich auf den ersten Seiten formuliert darum Gerhardt sein Programm: eine neue, alles auf den Kopf stellende Lösung „eines der ältesten Rätsel“: „Das uns Nächste des individuellen Bewusstseins soll das Allgemeine der Gegenstände und Begriffe sein, während das scheinbar Erste der subjektiven Empfindungen und Gefühle sich als relativ später Eintrag einer individuellen Distanzierung erweist.“ Er möchte „das scheinbar Privateste, nämlich das Selbstbewusstsein des einzelnen Menschen, als ein[en] Spezialfall des Öffentlichen [verstehen], in dem alle verständigen Wesen verbunden sind.“ (13) Das klingt provokativ und ist auch so gemeint. Wie das genauer zu verstehen ist, skizziert Gerhardt in seiner Einleitung über die „Weltöffentlichkeit des Bewusstseins“.

*

Dies ist die Einleitung eines Textes, in dem ich mich ausführlicher mit Volker Gerhardts Buch „Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins“ (2012) auseinander setze. Ich gebe einen Überblick über den Aufbau und die einzelnen Kapitel des Werkes und gehe dann näher auf drei Problemkreise ein: auf den Gebrauch des Begriffs Öffentlichkeit; auf den Komplex Bewusstsein – Geist – Seele; auf die explizit aufklärerische Zielrichtung; auf die Ontologie des Naturalismus, die seiner Theoriebildung zugrunde liegt. Dabei stelle ich Anfragen nach dem rechten Verständnis, nach der Schlüssigkeit und nach den Voraussetzungen Gerhardts bei der Behandlung dieses großartigen Themas „Öffentlichkeit“.

Mein Text ist mit einigen Anmerkungen versehen, die auf die Hintergründe meiner Kritik verweisen. Die in runde Klammern gesetzten Zahlen sind stets Seitenangaben aus dem besprochenen Buch Gerhardts. Ich habe mich auf diese letzte und bislang umfassendste Darlegung Volker Gerhardts beschränkt; frühere Werke über Selbstbestimmung (1999), Individualität (2000) und Partizipation (2007) finden breiten und zum Teil veränderten Eingang in das vorliegende Buch. Einen guten Überblick über Gerhardts Wirken gibt der Wikipedia-Artikel. Meine Auseinandersetzung mit Gerhardt ist trotz der zehn Seiten recht komprimiert und vielleicht nicht immer klar  und  leicht genug zu verstehen. Zumindest habe ich versucht, die Voraussetzungen meines eigenen Denkens anzudeuten. Der geneigte Leser und die geneigte Leserin mögen sich ihr eigenes Bild davon machen. Hier ist der Link zum Text (PDF):

Reinhart Gruhn, Bemerkungen zu Volker Gerhardt, Öffentlichkeit.
Die politische Form des Bewusstseins, München 2012

Öffentlichkeit

Öffentlichkeit (in Kempten)

UPDATE, am 4.4. gefunden:

„Mit ihrer Hilfe entwickeln sich jene Gesellschaften, denen wir schon im außermenschlichen organischen Leben begegnen, zu höheren Stufen gesellschaftlichen Lebens und schließlich zur Bildung eines sozialen Bewußtseins im Menschen… Sein Selbstbewußtsein gewinnt der Mensch durch das Medium gesellschaftlichen Lebens.“

Ernst Cassirer, 1944

Nov 252012
 

Dieser Tage entdeckte ich mich in einer Art Blase gefangen. Der Filter waren aber keine Algorithmen, sondern das war ich selber. Ich hatte in meiner Wahrnehmung unbewusst eine Lupe benutzt: Teile der Wirklichkeit erschienen so sehr viel größer und bedeutender, als sie tatsächlich sind. Ich spreche vom Web 2.0.

Seit einigen Jahren organisiere ich Vortragsveranstaltungen in Kempten. Sie stehen jeweils unter einem Oberthema, zum Beispiel „Hirnforschung“ oder „Schöpfung und Evolution“. Anerkannte Wissenschaftler berichten dann aus ihrem Fachgebiet. Die Resonanz beim Publikum war durchweg gut. In diesem Winterhalbjahr hatte ich das Thema „Web 2.0 – Welt 2.0“ ausgewählt. Ich war mir sicher, damit etwas ganz Aktuelles und allseits Interessantes getroffen zu haben. Engagierte und in der „Szene“ bekannte Referenten aus München, Ulm, Freiburg konnten gewonnen werden. Nach zwei Veranstaltungen mit einer Publikumsresonanz knapp über Null haben wir (VHS als Trägerin) die Veranstaltungsreihe gestoppt und die weiteren Vorträge abgesagt. Das Thema des letzten Vortrages war die Entwicklung der Zeitungen im Zusammenhang des Internet; passte zufällig haargenau zu den gerade gemeldeten Schließungen der Frankfurter Rundschau und der Financial Times Deutschland. Null Erregung. Großes Erstaunen. Was ist passiert?

Filter Bubble by Eli Pariser

Natürlich fragt man sich zuerst danach, ob die Termine falsch lagen, ob es konkurrierende Veranstaltungen oder ob es Versäumnisse in der Werbung gab. All dies konnte man mehr oder weniger ausschließen, im Gegenteil, die Werbung für den letztgenannten Vortrag war auch überregional besonders intensiv, unterstützt von den Lokalzeitungen. Kempten ist zwar keine Großstadt, aber eine bedeutende Mittelstadt in einem ländlichen und touristischen Umfeld (Allgäu). Immerhin lebt die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands in solchen Mittelstädten, hier mit einer Hochschule und mit einem starken Mittelstand im Bereich Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik. Die „anderen“ Themen liefen ja auch, also nochmal: Was war passiert?

Offenbar lag eine Fehleinschätzung der Relevanz des Themas „Internet und Web 2.0“ in der interessierten Öffentlichkeit vor. Einen jüngeren Bekannten, studierend, den ich danach fragte, sagte mir: „Ich benutze zwar Facebook, aber das Internet als Thema interessiert mich nicht.“ So denken und empfinden offenbar viele. Man nutzt die Angebote des Netzes, ohne dass einen die Frage nach der Bedeutung des Internets und der neuen Medien im Allgemeinen interessiert oder zum Nachdenken / Nachfragen bewegt. Wenn ich dagegen meine Twitter Timeline beobachte, in Google+ stöbere oder mich interessierende Blogs und Blog-Portale besuche, bekomme ich einen völlig anderen Eindruck. Dann denke ich: Das Thema Internet und Web 2.0 bewegt die Welt. Da sind doch die „Twitter-Revolution“ in den arabischen Ländern, die Anti-ACTA-Proteste, die heißen Diskussionen über das Urheberrecht oder das Leistungsschutzrecht – und natürlich die Piraten. Da sind die zahllosen Beiträge in Zeitungen und Weblogs über die mediale Revolution durch das Internet, da sind hitzige Diskussionen und Shitstorms. All das bewegt doch offenbar die Öffentlichkeit. – Asche. Nichts davon stimmt so. Es ist nur die Lupe der eigenen Wahrnehmung und Interessen, die dieses Bild erzeugt und die Relevanz vergrößert. Auch abgesehen von dem Einzelfall meiner geschilderten Erfahrung mit den Vorträgen sieht die Wirklichkeit im Netz doch recht anders aus.

Zum Beispiel Twitter. Im April dieses Jahres wurde die Erfolgsmeldung von 4 Millionen Twitternutzern allein in Deutschland verbreitet. Man muss näher hinschauen, was Twitter-Nutzer sind. Von den 4 Mio. Accounts sind aktuell (November) nur 825.000 „aktive“ Nutzer.

Ein Account wird als „aktiv deutsch” bezeichnet, wenn darüber pro Woche mindestens ein deutschsprachiger Tweet versendet wird. Dabei wird eine Liste mit 400 eindeutig deutschsprachigen Begriffen wie „bitte“, „danke” oder „gestern“ zu Grunde gelegt. Diese Untersuchung lässt nur schwer Rückschlüsse auf tatsächlichen Nutzerzahlen von Twitter zu: Zum einen werden stumme Accounts, also solche, die nicht selbst aktiv senden, nicht erfasst. Zum zweiten ist nicht ersichtlich, wie viele Accounts von ein und derselben Person genutzt werden. … 310.000 Accounts haben im letzten Monat mehr als zehn Tweets abgesetzt, 99.000 sogar mehr als 30, im Schnitt also mindestens einen Tweet täglich. (Webevangelisten)

Das heißt, 2,5 % der Twitter-Accounts werden zum regelmäßigen, täglichen Gebrauch genutzt. 300 000 Nutzer generieren damit ca. 95 % der Tweets. Tun wir also das, was die meisten Twitter-User machen, nämlich nur lesen, dann erfahren wir die Infos und Meinungen von einer winzigen Minderheit von deutschlandweit 100.000 sehr aktiven „Netzwerkern“. Die allerdings „machen Meinung“ und Stimmung und prägen unsere Wahrnehmung. Das genau meine ich mit der Netz-Lupe: Eine kleine aktive Gruppe wird leicht für das Ganze des Webs genommen. Berücksichtigt man dann noch, dass mehr als die Hälfte der Zeitungs-Journalisten von sich sagen, regelmäßig Twitter zu beobachten und für ihre Artikel als bedeutende Nachrichtenquelle zu berücksichtigen, dann darf man sich nicht wundern, wenn auch die traditionellen Medien die Relevanz und Verbreitung der neuen Medien des „Web 2.0“ (= sozial, interaktiv!) überbewerten. Eine Fehleinschätzung, die multipliziert wird.

Ähnliches gilt für Facebook, auch wenn dieses soziale Portal eine andere Zielrichtung als Twitter hat. Genauere Nutzerstatistiken rückt Facebook öffentlich nicht heraus. Nur die Gesamtzahl „aktiver“ Facebook-Accounts wird kommuniziert:  Rund 25 Millionen Facebook-Nutzer gibt es in Deutschland. Andererseits weist t3n darauf hin, dass es im Juli erstmals einen deutlichen Knick im Zuwachs gegeben habe: es waren 200.000 Nutzer weniger. Wie dem auch sei, so muss auch hier nachgeschaut werden, was „aktive Facebook-Nutzer“ sind. Dazu heißt es: „Aktive Nutzer sind in diesem Fall alle Besucher, die sich in den vergangenen 30 Tagen bei Facebook angemeldet und mit dem Netzwerk interagiert haben.“ Was heißt „interagiert“? Kommentare hinterlassen oder einen Post liken. Also auch nur der eine Klick auf den Like-Button wird als Interaktion gezählt. Vermutlich ist also auch bei Facebook die Zahl derjenigen Nutzer, die regelmäßig eigene Statusmeldungen verfassen oder Fotos hochladen und mit anderen („Freunden“) schriftlich kommunizieren, nur ein Bruchteil der Zahl der Facebook-Accounts. Auch hier entpuppt sich die gewaltige Zahl von 25 Millionen Nutzern als eine Lupe, die die Realität größer und erscheinen lässt, als sie ist. Millionen mögen Facebook anklicken und lesen, aber nur ein viel kleinerer Teil nutzt dieses Portal aktiv.

Ein letzter Hinweis auf eine oft verstellte Wahrnehmungs-Lupe. Liest man über das derzeitige „Zeitungssterben“ zumal in einschlägigen Blogs und gut vernetzten Webbeiträgen , so gewinnt man den Eindruck, dass das Internet und die Sozialen Medien das allmähliche Ende der traditionellen Zeitung einläuten. Richtig an dieser Interpretation ist die wirtschaftliche Tatsache, dass die Tageszeitungen derzeit einen Rückgang ihrer Leserschaft (drastisch bei jüngeren Menschen) und den Zusammenbruch des Anzeigenmarktes und damit ihrer herkömmlichen Haupteinnahmequelle erleben. Das traditionelle Wirtschaftsmodell der Tages- und Wochenzeitungen ist am Ende. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bedeutung der Zeitungen als Gatekeeper des Zugangs zur den Geschehnissen in der Welt verloren gegangen wäre. Im Gegenteil. Zu der Gruppe der 10 meistbesuchten Websites in Deutschland gehören spiegel.de und bild.de, bald gefolgt von Focus online und Welt online. Die Online-Angebote der überregionalen (Tages-) Zeitungen haben einen enormen Zuspruch:

Online Verbreitung

„Im gleichen Zeitraum [Oktober 2012] ist die von der Prüfgemeinschaft für die Online-Medien festgestellte Gesamtnutzung deutlich angestiegen: So wurden im Oktober 2012 für 1156 der von der IVW gelisteten Internetangebote insgesamt rund 5,37 Mrd. Visits (Besuche, das heißt einzelne zusammenhängende Nutzungsvorgänge) und 40,27 Mrd. PageImpressions (einzelne Seitenaufrufe) festgestellt (September 2012: 1.162 gemeldete Angebote mit 4,93 Mrd. Visits und 37,67 Mrd. PageImpressions).“ (Quelle: IVW)

Online erreichen die Zeitungsmedien ungleich mehr Besucher und Leser, als sie in ihren Print-Ausgaben jemals hatten. Man muss deswegen wohl genauer von einer existenzgefährdenden Krise des herkömmlichen Wirtschaftsmodells der Zeitungen sprechen – die Zeitungsangebote im Internet dagegen erfreuen sich größter Beliebtheit. Nicht die Zeitung als Gatekeeper der Nachrichtenwelt ist am Ende, wie es die Diskussionen unter der „Netz-Lupe“ nahelegen, vielmehr steht das Wirtschaftsmodell der Tageszeitungen vor gravierenden Veränderungen und Anpassungen. Wer da den ‚turn‘ nicht schafft, verschwindet vom Markt.

Was also „lernt“ uns das? Mit der Lupe unserer Internet-Wahrnehmung bekommen wir hoch interessante Diskussionen, ja einen gesellschaftlichen Diskurs, zu Gesicht. Es ist aber wie eh und je der Diskurs einer kleinen Minderheit. Darum ist es gut, dann und wann diese Lupe beiseite zu legen und die Wirklichkeit der Gesellschaft zu betrachten, wie sie mit und ohne Netz ist. Fast jeder der Jüngeren nutzt das Netz, die meisten passiv als zusätzliches Medium, das konsumiert wird. Die wenigsten aber gehören zur Gruppe der aktiv sich beteiligenden Internet-Nutzer, die schreiben, diskutieren, bloggen usw. Man darf halt diesen Teil des „Web 2.0“ nicht für das Ganze nehmen. – Man sieht: Auch ein Flop kann lehrreich sein.

 25. November 2012  Posted by at 12:34 Internet, Öffentlichkeit, social media Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Die Web-Lupe