Nov 062016
 

Die ‚digitale Welt‘ ist allgegenwärtig, besser gesagt: die Digitalisierung der Welt durch Vernetzung. War es vor einiger Zeit noch modern, von „Welt 2.0“ zu sprechen, so wird heute die Version 3.0 übersprungen und allenthalben von „XY 4.0“ geschrieben. „Industrie 4.0“ ist dabei der Slogan der digitalen Marketing-Strategen. „Smart Home“ sei der nächste technische Schritt der Totalvernetzung und -steuerung. Die wirklich spektakuläre Evolutionsstufe aber wird mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI / AI) angestrebt. Sie ist das eigentliche Ziel all dessen, was mittels Big Data und vernetzten Rechenkapazitäten alsbald erreicht werden soll. Nun, die Vorkämpfer der digitalen Kulturrevolution werden nicht müde, neue Ziele auszumalen, die durch die technisch-digitale Bewältigung der Welt möglich und erstrebenswert würden. Nicht weniger als die technische Vervollkommnung des Menschen auf einer neuen Evolutionsstufe (‚homo digitalis‘) wird da verheißen.

Vernetzung

Vernetzung (c) Pixabay

In manchen Bereichen ist das Schlagwort „Digitalisierung“ zum reinen Selbstzweck geworden. Besonders im Bildungsbereich wird der Einsatz von Computern / Tablets sowie vernetzter Lehr- und Lernformen von einigen Enthusiasten als Ziel an sich proklamiert. Diskussion über Inhalte scheint fast überflüssig zu werden: The medium is the message. Das ist auf dem Hintergrund der Überzeugung erklärlich, dass Digitalisierung plus Internet als solche sowohl anthropologisch positiven als auch emanzipativen Charakter haben. Diese Idee des emanzipativen, Freiheit und Egalität fördernden Netzes („Wissen frei für alle“) mag in den frühen Jahren des Internets eine begründete Hoffnung gewesen sein. Sie heute noch zu beizubehalten und zu vertreten, bedeutet die Aufrechterhaltung einer Ideologie, die von der Wirklichkeit längst als ’schöner Schein‘ entlarvt wird.

Statt emanzipativer Wirkungen hat das Netz aufgrund des inzwischen hohen Grades an digitaler Durchdringung eher verblendende, freiheitsbeschränkende und dissoziale Auswirkungen, die nur die Inbesitznahme digitaler Strukturen durch globale Konzerne und autoritäre Regierungen widerspiegelt. Totalüberwachung ist nicht nur möglich, sondern real. Social bots steuern Meinungen und Haltungen, beeinflussen massiv demokratische Wahlprozesse. Attacken im und auf das Netz (‚cyber war‘) sind ebenfalls Realität, aktuelle Testläufe (Mirai-Botnetz) zeigen die Möglichkeiten und Auswirkungen. Weder der ‚Brexit‘ noch die US-Wahlen sind ohne die Einflüsse und Inszenierungen (kontrafaktische Strategien der Desinformation) durch digitale Multiplikatoren mehr beschreibbar. Längst ist das Internet im Bereich der Medien zu einem weiteren, sehr viel effektiveren Distributionskanal geworden, dessen eine Richtung der Verhaltenssteuerung und dem Erreichen von Marktzielen, also dem Verkaufen, dient, dessen „Rückkanal“ aber fast ausschließlich die Erhebung und Verwertung von Daten der Anwender liefert. Emanzipativ und egalitär ist hier gar nichts. Man kann dies sogar in Zahlen wiedergeben anhand des Verhältnisses von verfügbaren Downstream- zu Upstream-Bandbreiten, üblicherweise hierzulande mindestens 10 : 1. Zu Zeiten der ISDN-Technologie für das Internet war es zumindest möglich, synchrones ISDN zu mieten, obwohl schon damals das Überwiegen des asynchronen Netzs deutlich wurde.

Digitalisierung in den Bereichen Konstruktion, Produktion, Distribution sowie datenbasierte Dienstleistungen (z.B. Banken, Börsen) bringen enorme Produktivitätsgewinne, die allerdings ebenfalls ‚asynchron‘, also einseitig verwirklicht und angeeignet werden. Im digitalen Netz ist die Globalisierung eine Einbahnstraße. Die von Kritikern und zugleich Visionären wie Jaron Lanier geforderte „Demokratisierung“ des Netzes durch geldwertes synchrones Geben und Nehmen war bisher nicht mehr als eine schöne Idee: irrelevant. Auch die Idee der digitalen Allmende (open source, open science, open informtion) ist bisher mangels Unterstützung durch die Marktmächtigen kaum in den Bereich der kritischen Masse geraten. Ein Schritt vorwärts hier steht im Wettstreit mit 100 Schritten voran in der digital vernetzten Umstrukturierung von ökonomischer und politischer Macht. Den Wettlauf kann man nicht gewinnen. Hinzu kommt die Entwicklung des durch Facebook, Google & Co monopolisierten Netzes zu einer einzigen Integrationsplattform aller bisherigen Medien. Vorteil aus Sicht der Anbieter: personen- und situationsgenaue Erreichung des ‚Kunden‘ (eher Opfers) zwecks Meinungs- und Verhaltensmanipulation. Opfer passt deswegen besser, weil ‚Kunde‘ noch eine selbstbestimmte Entscheidungsmöglichkeit suggeriert in einem offenen Handlungsprozess. De facto ‚weiß‘ der Algorithmus längst und besser, wie die Entscheidung des ‚Kunden‘ höchstwahrscheinlich fällt und kann entsprechend verstärken oder kompensieren. Nicht die Entscheidungsfindung ist transparent, sondern ‚transparent‘ ist allenfalls die Abschöpfung des wichtigstens digitalen ‚Kapitals‘: der Daten über Einstellungen und Verhalten.

Es wird in Äußerungen der enthusiastischen Vorkämpfer der digitalen Netzrevolution viel von „disruption“ gesprochen, also der usprünglich ökonomische Begriff ’schöpferischer Zerstörung‘ (Schumpeter) verwandt. Er soll positiv besetzt darstellen, auf welche Weise der radikale Bruch mit dem ‚Alten‘ notwendigerweise die schöne neue Welt digital-vernetzten Fortschritts ermöglicht. Kapitalistische Ökonomie wird hier offen zum Urbild einer passgerecht digitalisierten und un-informierten Gesellschaft. Information, die nur massenhaft und scheinbar unstrukturiert verfügbar ist, bewirkt das Gegenteil von Informiertheit, nämlich Desinformation und Orientierungslosigkeit. Wir erleben das politisch und gesellschaftlich allenthalben; der Ruf nach Populisten soll in dieser Orientierungslosigkeit neue Richtung geben – möglichst einfach und dekomplex. So zeigt sich eine fatale Umkehrung der ersehnten Hoffnungen: Statt der Disruption im Interesse der Emanzipation und der unzensierten Wissensverbreitung und des egalitären Wissenserwerbs tritt die monopolistische Information der digitalen Schlüsselinhaber im Interesse der Desinformation und schrankenlosen Manipulierbarkeit aller anderen, die im digitalen Netz an der Nadel hängen, womöglich ohne es direkt zu merken. Vollständig ‚transparente‘, also unsichtbare Auswertung von Daten und Profilen lassen das (juristische) Ideal der „informationellen Selbstbestimmung“ zur überholten Lachnummer verkommen.

Die Disruption durch Digitalisierung wendet sich gegen ihre Kinder: Sie verwandelt sich in die Disruption der vernetzten Digitalisierung selber. Die positiven Möglichkeiten der fortschreitenden Digitalisierung und Vernetzung scheinen von den negativen „collaterals“ verschlungen zu werden. Das ‚resiliente‘ Netz wird zur Hydra, aus der es kein Entkommen mehr gibt. Sogenannte KI / AI (computergestützte, rekursiv optimierende Simulationen) zeigt sich darum auch eher als Chimäre zwischen Bedrohung und Verheißung. Man muss sich darin einrichten.

 

UPDATE 09.11.2016

In einem Kommentar zum Ausgang der US-Präsidentschaftwahl schreibt MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON (FAZ) über „Die zwiespältige Rolle der sozialen Medien“:

So langsam muss man die großen Fragen stellen: Hat das digitale Netz, das jetzt in seiner populär zugänglichen Form des WWW mehr als zwanzig Jahre besteht, die Gesellschaft vorangebracht? Hat das Internet zu einem harmonischeren Zusammenleben geführt, hat es die Demokratie gestärkt, so wie die Protagonisten es einst erhofften?

Noch nie konnten sich Menschen ja so gut über die Hintergründe und auch Fakten der Politik und ihrer Akteure informieren. Noch nie gab es soviel Material, um eine abgewogene Entscheidung zu fällen. Noch nie war es so einfach, einen Kandidaten wie Donald Trump der Lüge zu überführen. Zumindest theoretisch. Doch gleichzeitig arbeiten viele Mechanismen der digitalen Kommunikation gegen Aufklärung und Verständigung. Noch nie zuvor wurde eine Wahl so sehr durch die Stimmung in den sozialen Medien beeinflusst.

Es mag später einmal wie einer dieser unglücklichen Zufälle der Weltgeschichte aussehen. Mit Facebook, Twitter, Snapchat und WhatsApp jedenfalls haben die Wut-Bewegungen dieser Welt eine nahezu perfekte Technologie an die Hand bekommen. Sie hat den Charakter des Internets zu einer Zeit grundlegend verändert, in der sich Empörung in politischen Bewegungen bündelt, die wiederum dankbar die Mechanismen der digitalen Laut-Verstärkung aufgreifen. Statt Wissen zu demokratisieren, dient das Netz mittlerweile vielen zuvörderst, um Emotionen zu vervielfältigen.

aus FAZ.NET vom 09.11.2016

Nov 282013
 

[Kultur]

Kann Technik obszön sein? Obszön bedeutet im allgemeinen Sinne „das Moralgefühl verletzend“ (so Langenscheidt). Moral und Anstand verletzen kann aber nur ein Verhalten, keine Sache. Sofern bei Technik nur an Gegenstände, Artefakte, gedacht wird, kann das nicht obszön genannt werden. Meint Technik hingegen in einem weiteren Sinne die technische Lebenswelt, ist menschliches Verhalten darin eingeschlossen. Dann sind Wertungen eines Verhaltens als obszön, anstößig, die allgemeinen Werte und Sitten betreffend, möglich.

Ist Technik im Sinne der technischen Lebenswelt obszön? Es mag sinnvollen und weniger sinnvollen Gebrauch von Technik geben, es mag technische Einrichtungen geben, deren Nutzen unmittelbar auf der Hand liegt und für alle ersichtlich und darum erstrebenswert ist (z. B. Waschmaschinen) ebenso wie es technische Apparate gibt, deren Funktion und Zweck fast ausschließlich negativ bewertet werden müssen (z. B. Atombombe, selbst wenn US-Militärhistoriker es noch als positiv anführen, einen für die eigene Seite verlustreichen Krieg schnell beendet zu haben). Man könnte nun fast alles moderne Kriegsgerät anführen, dessen technische Perfektionierung stets der Vernichtung und Zerstörung dient, deren „Verbesserung“ allenfalls in der größeren Zielgenauigkeit, effektiveren Wirkungsweise oder der Vermeidung bzw. Herbeiführung bestimmter verheerender Nebenwirkungen besteht.

Schon hier könnte es nahe liegen, von obszöner Technik zu sprechen. Meine Anführungsstriche beim Wort „Verbesserung“ zeigen das an. Verbesserte Waffen sind solche, deren Vernichtungsfähigkeit verbessert wird, die also letztlich tödlicher, zerstörender, grausamer sind (z. B. Streubomben). Streubomben sind zwar von einigen Staaten geächtet, aber nicht von den Großmächten und von keinem Staat im Nahen Osten. Selbst bei einer völkerrechtlichen Ächtung einer bestimmten Waffenart (z. B. Landminen) wird weder deren heimliche Produktion noch tatsächlicher Einsatz verhindert. Außerdem hat bisher die technologische Weiterentwicklung der Waffenarsenale eher dazu geführt, dass für eine geächtete bzw. überholte Art längst modernere und effektivere Alternativen zur Verfügung stehen.

Solange Menschen, Gruppen, Staaten existieren, die um Macht und Einfluss konkurrieren, wird es auch Waffen zur Durchsetzung eigener Interessen und zur Bekämpfung und Vernichtung der Gegner geben. Zu Feinden erklärt entbehren Individuen sogar oft jedes menschenrechtlichen Schutzes (Folter, Tötung). Technik steht zu einem großen (größten?) Teil im Dienst der Militärs und der Waffenindustrie. Der militärisch-industrielle Komplex ist eine mächtige Realität (Geheimdienste, Rüstungsforschung, Waffenexporte). Die Stichworte zeigen, dass kein Land davon aus zu nehmen ist, auch Deutschland nicht. Dass technischer Fortschritt dem Leben dient und bessere Lebensverhältnisse schafft, klingt demgegenüber wie Hohn. Kann man Kriegstechnik darum nicht zu Recht als obszön bezeichnen?

Monokultur

Unangenehmes Thema. Wir lieben doch Technik und unsere technischen Spielzeuge. Was soll an einem E-Mobil oder Smartphone schon verwerflich sein? Nun ja, so einfach ist das leider auch hierbei nicht. Nicht allein dass die Bedingungen der Produktion problematisch sind (Auslagerung in Billiglohnländer ohne Sozial- und Umweltstandards), sondern auch der verstärkte Einsatz Seltener Erden insbesondere bei Schlüsseltechnologien (IT, Chemie, Feststoffe) ist grundsätzlich  problematisch. Seltene Erden sind überwiegend giftige „Metalle“, deren Auswirkungen auf Organismen nur wenig erforscht sind. Hinzu kommen erhebliche Probleme beim Abbau und Umgang mit diesen Elementen.

Mining, refining, and recycling of rare earths have serious environmental consequences if not properly managed. A particular hazard is mildly radioactive slurry tailings resulting from the common occurrence of thorium and uranium in rare earth element ores.[60] Additionally, toxic acids are required during the refining process.[15] Improper handling of these substances can result in extensive environmental damage. [Wikipedia, engl.]

Auch bei der Verbesserung der Batterieleistung von E-Mobilen spielen Seltene Erden eine große Rolle. Offenbar handeln wir uns da Probleme ein, deren Auswirkungen bisher kaum bekannt geschweige denn öffentlich diskutiert und angemessen bewertet sind, ganz zu schweigen davon, dass Seltene Erden eben selten sind und damit eine strategische Bedeutung gewinnen. Damit ist klar: Weder E-Mobilität noch IT-Technik ist eindeutig und nur positiv zu bewerten. Dass die negativen Implikationen und Folgen so wenig bekannt sind und kaum diskutiert werden, macht die Gefahren eher noch größer. Die bisweilen von technikverliebten Zeitgenossen skandalisierte Zweiteilung der Gesellschaft in IT-Besitzer und IT-Habenichtse (oft verkürzt auf eine Online- bzw. Offline-Generation) ist nun wirklich das geringste Problem. Es ist ein typisches sekundäres Luxus-Problem, das von den primären Problemen allenfalls ablenkt.

Man könnte nun weitere Technologien (im Sinne von Technik-Systemen) durchgehen und auf deren jeweilige Ambivalenz (vorsichtig gesagt) hinweisen: Der drohende Mangel an lebenswichtigem Phosphat, der in der Phosphatdüngung bislang hemmungslos (wörtlich: ohne Hemmung, weil ohne Problembewusstsein) eingesetzt wird, siehe die Infos bei ARTE Futur. Oder das weltweit in den Ozeanen vagabundierende Plastik, das in die Nahrungsketten eindringt und dem man bisher außer Achselzucken nichts entgegen setzt. Oder die bislang nur recht verschwiegen behandelten Langzeitgefährdungen durch den massiven Einsatz von Pestiziden (neueste Technik: „gebeiztes“, d. h. mit Pestiziden imprägniertes Saatgut) und da besonders durch Neonicotinoide. Wer nach so viel Negativem noch mag, schaue sich die gestrige Sendung von NetzNatur (SRF, 3sat) an. Das Bienensterben ist nur die Spitze des Eisberges; das Verschwinden der Biodiversität in unseren agrotechnischen Lebensräumen ist offenbar eine biologische Zeitbombe – und keineswegs ein Anlass zu romantischer Naturschwärmerei.

Von den Folgen und Auswirkungen der sog. Ersten Technischen Revolution, also der klassischen Industrialisierung, habe ich noch gar nicht geredet und will es auch nur als Stichwort erwähnen. Dieser Themenbereich ist zumindest weitgehend bekannt und gut dokumentiert. In Geschichte sind wir gut, in Zukunft weniger.

Beim näheren Hinsehen zeigt sich, dass unsere durch Technik geprägte Lebenswelt vorsichtig gesagt ambivalent ist, allerdings ambivalent nur der Sache nach. Denn technische Instrumente haben ja an sich keinen positiven oder negativen Wert. Den gewinnen sie erst durch ihren Zweck und ihren Gebrauch. Allenfalls eine eher positive oder eher negative Möglichkeit steckt in den Apparaten, weil sie bereits durch den menschlichen Geist und dessen Interessen und Absichten konstruiert sind. [Die möglicherweise weit reichenden Implikationen dieses Gedankens möchte ich hier nicht weiter verfolgen.]

Wird Technik aber verwirklicht, „gebaut“ und eingesetzt, verliert sie einen großen Teil der Ambivalenz. Sie dient nun dem für sie bestimmten Zweck, bisweilen bringt sie auch noch Folgezwecke und Folgenutzen – und unerwartete Folgewirkungen mit sich. Diese Zwecke technischer Instrumente sind fast durchweg ideologisch verbrämt. Technik, so hört man, dient der Erleichterung von schwerer menschlicher Arbeit. Technik dient der Mobilität, dem Komfort und damit (unterstellt) höherer Lebensqualität. Technik ermöglicht bessere Kommunikation und Beteiligung usw. Irgendwo stimmt das ja auch. Aber es ist nur die halbe Wahrheit, oft, so vermute ich, weit weniger als die halbe Wahrheit. Und genau da beginnt es obszön zu werden. Denn die Kosten im Bereich der Biosphäre und im Bereich „Arbeit & Soziales“ werden regelmäßig und absichtlich unterschlagen. Das konnte nicht nur die Atomindustrie gut.

Der Einsatz von technischen Mitteln dient nüchtern betrachtet zum größten Teil einem lebensbedrohenden Vernichtungspotential (Militär) oder einer massiven Gewinnmaximierung bzw. Kapitalvermehrung (Monopole und monopolähnliche Firmenkomplexe, weniger Google als vielmehr z. B. Monsanto, Syngenta uva.). Der jeweilige Technik-Nutzen dient in erster Linie macht- und wirtschaftpolitischen Zwecken, was oft genug zusammen fällt. Man muss wahrlich kein Marxist sein, um dies zu erkennen. Jede noch so abwegige technische Spielerei wird als lebensdienlich oder Komfort erhöhend verkauft („life companion“). Die sozialen und vor allem auch ökologischen Folgelasten werden tunlichst verschwiegen oder klein geredet. Da das Ausmaß der Schäden durch unsere technisch-industriellen Lebenswelten noch kaum zu ermessen, aber in der Klimaveränderung bereits mehr als nur zu ahnen ist, da dieses Ausmaß aber die menschliche Lebensbasis, die Lebenstauglichkeit unseres Planeten für künftige Generationen angreift und gefährdet, da die Lernfähigkeit und die Bereitschaft und Willigkeit für entscheidende Änderungen der Lebensstile, insbesondere unserer westlichen Überflussgesellschaften kaum vorhanden ist, da also die rasant wachsenden Möglichkeiten der Technik das Potential der Gefahren Weltzerstörung und Selbstvernichtung des Menschen ebenso rasant vergrößern, da – – – ich halte ein.

Ich kann es kaum anders denn als obszön bezeichnen, was sich vor unseren Augen und in unserer Lebenswirklichkeit abspielt. Die Verklärung von Technik, Technikkultur und technologischen Zukunftsvisionen steht in schreiendem Gegensatz zur tatsächlichen Gegebenheit, Produktion und Indienstnahme von Technik. Dazu braucht es nicht erst die NSA. Die Obszönität, die Unmoral liegt im Auseinanderklaffen von vorgespiegelter Glücksverheißung und welt- wie selbstzerstörerischer Wirklichkeit. Vielleicht ist es tatsächlich ein faustisches Problem: Der Geist der technischen Weltveränderung geht nicht, geht nie wieder in die Flasche zurück. Es könnte ein heilender Geist sein, die Möglichkeit zum Guten und zum Nutzen für das Leben sind ja da. Für einen kleineren Teil der Menschheit haben sich die Lebensbedingungen durch den Einsatz moderner Technologien drastisch verbessert (Gesundheit, Wohlstand), aber zu einem hohen Preis für die große Mehrheit und zu Lasten der Biosphäre. De facto haben sich bisher stets die zerstörerischen Kräfte durchgesetzt. Gewalt, Macht und Gier sind einfach zu real, zu dominant. Solange der Mensch Mensch ist, wird sich das kaum ändern. [Absatz update 29.11.]

[Update 21.12.: Link zum Thema Seltene Erden ]

 28. November 2013  Posted by at 14:46 Kultur, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Obszöne Technik
Nov 132013
 

1. Die Euphorie der letzten Jahre ist vorbei. Die Digitalisierung und das Internet haben den Glorienschein purer Glücksverheißung verloren. Mittels der Always on – Kommunikation in sozialen Netzwerken, durch allfällige Statusmeldungen auf Twitter oder Facebook, durch unmittelbare Kommunikation mit vielen ‚Freunden‘ überall auf der Welt ist weder das Glück des Einzelnen realisiert noch Gerechtigkeit und Demokratie verwirklicht worden. Die „Piraten“ sind dafür ein schon fast vergessenes Symbol: Die Luft ist raus, der NSA-Ballon geplatzt.

2. Man könnte altklug bemerken, das kommt davon, wenn man eine Technik glorifiziert und als solche zur Trägerin einer Glücksverheißung macht. Die Digitalisierung und Vernetzung der Welt bringt aus sich heraus keinerlei positive oder negative Bedeutung mit sich. Es handelt sich um Techniken, Instrumente. Techniken wollen genutzt werden, ihr Gebrauch kann im Blick auf bestimmte Werte nützlich oder schädlich sein. Sie sind Instrumente der menschlichen Vernunft und der öffentlichen, politisch-kulturellen Praxis. Als solche tragen sie zwar bestimmte Möglichkeiten und Potentiale in sich, die sich allerdings auch erst innerhalb konkreter Praktiken und Anwendungen zeigen und entfalten. Techniken stellen Funktionen und Mittel bereit, die so nur schwer auf anderem Wege oder überhaupt nicht zu haben sind. Das ist die innovative Kraft, die Technologien inne wohnt.

3. Gemeinhin wird die Erfindung der Dampfmaschine oder besser ihre Einführung in den produktiven Prozess als Beginn der ersten industriellen Revolution bezeichnet. Sie begann Mitte des 18. Jahrhunderts zuerst in England. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert weitete sich die industrielle Produktion unter anderem durch Elektrifizierung zur durchgehenden Mechanisierung und Massenproduktion aus. Die Einführung und Nutzung neuer Technologien (Dampfkraft, Elektrizität, Mechanik) bewirkte einen gesellschaftlichen Wandel ungeahnten Ausmaßes. Die Folgen waren aber nicht der verheißene allgemeiner Reichtum und neues Glück durch Befreiung des Einzelnen von erniedrigender Arbeit mittels Maschinen, sondern eine breite Verelendung der Bevölkerung und die Ausbildung eines Industrieproletariats. Der Reichtum akkumulierte sich in den Händen ganz weniger, und zwar in einem Ausmaß, wie es die frühere agrarische Gesellschaft nicht gekannt hatte. Es dauerte viele Jahrzehnte, beinahe eineinhalb Jahrhunderte, es brauchte viele Kämpfe und Opfer, um die gesellschaftlichen und kulturellen Folgen der industriellen Revolution und ihrer einseitigen Nutzung durch Kapitalinteressen einigermaßen sozial verträglich einzudämmen. Wir sind heute im Grunde immer noch mit eben diesem Bemühen beschäftigt.

4. Es zeigt sich, dass die neuen Techniken der industriellen Produktion als solche keinerlei Automatismus zur Entwicklung von mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie mit sich brachten. Um die Potentiale der neuen Technologien für die Verbesserung der Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten zu nutzen, bedurfte es eine politischen Rahmens für die Nutzung und Anwendung der Techniken im gesellschaftlichen Produktionsprozess. Die Errungenschaften der modernen Industriegesellschaft sind weniger Ergebnisse neuer Techniken als Ergebnis eines gesellschaftlichen Prozesses, der die Möglichkeiten und den Nutzen dieser neuen Techniken möglichst breiten Schichten in der Gesellschaft zugänglich machen will. Dies ist aber ein eminent politischer, ein insgesamt betrachtet sozio-kultureller Prozess, der sich der Instrumente neuer Technologien zum Zwecke breiterer Nutzung und besserer Lebensverhältnisse bedient. Sie zu einem positiven Nutzen zu führen bedarf also einer gesellschaftspolitischen Gestaltung. Erst diese kann die Möglichkeiten industrieller Produktionstechnik in eine neue Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens überführen und die Ausgestaltung einer Industriekultur entwickeln.

5. Kurz gesagt: Die Technik allein macht noch gar nichts, sie stellt lediglich neue oder vielleicht nur erweiterte, verbesserte Mittel, Instrumente bereit. Ihr Gebrauch, ihre Nutzung und ihr gesellschaftlicher Einsatz sind das Entscheidende dafür, wie weit neue Techniken zu einer allgemeinen Verbesserung der Lebensverhältnisse und somit auch zu einem größeren individuellen Glück beitragen können. Die Werte, die das technologisch orientierte Handeln leiten, sind für eine Beurteilung des Nutzens von Techniken maßgeblich. Die politische Praxis machts, diese Instrumente recht zu nutzen.

6. Heute besteht in unserer Gesellschaft weitgehend Konsens darüber, dass Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Nachhaltigkeit zu den wichtigsten gesellschaftlichen Werten und Zielen gehören, wie auch immer man diese Begriffe nun im Einzelnen genauer bestimmt. Daran müssen sich auch die heutzutage „neuen“ Techniken der Digitalisierung und der weltweiten Vernetzung messen lassen. Diese Techniken, vor allem die umfassende Digitalisierung der „Welt der Dinge“, bergen ohne Zweifel enorme Potentiale zur Veränderung der Lebensverhältnisse. Das gilt insbesondere für die Verbindung von Digitalisierung und weltweiter Vernetzung. Je größer das Veränderungspotential einer Technologie ist, desto größer ist auch das kombinierte Potential an Risiken und Chancen. Will man nicht all die Fehler der ersten industriellen Revolution wiederholen, tut man gut daran, diese Techniken möglichst nüchtern als Instrumente menschlicher Vernunft und Interessen (!) sowie als Mittel zu einer möglichen Verbesserung der Lebensverhältnisse aller einzuschätzen. Dieser nüchterne Bewertungsprozess scheint nun die Ebene gesellschaftlicher Öffentlichkeit und Diskussion erreicht zu haben. Die Abhöraffären (NSA usw.) könnten dafür so etwas wie ein Katalysator sein.

7. Dafür ist zunächst einmal der Abschied von allen Ideologien der Glücksverheißung seitens der Technik-Freaks die Voraussetzung. Weder eine ideologische Beschwörung einer Mensch-Maschine-Evolution noch die Inszenierung einer Post-Privacy-Transformation können bei einer sachlich bewertenden Einschätzung der Potentiale und Risiken der neuen Technologien helfen – im Gegenteil. Sie verschleiern nur die jeweiligen Interessen hinter dem Gebrauch dieser Technologien. Technik-Freaks und Netz-Avantgarde, Google und Amazon können nicht als Maßstab für eine sachlich-neutrale Bewertung gelten. Die einen träumen vom digitalen Paradies, die anderen setzen unterdessen ihre Kapitalinteressen rigoros um. Es wird höchste Zeit, die Technikrevolution der Digitalisierung und der Vernetzung in einen gesellschaftlichen und politischen Prozess zu überführen, der ihre Risiken klar benennt, die Potentiale sozial und kulturell verträglich erschließt und somit den allgemeinen Nutzen allererst herstellt.

8. Bisher ist der Nutzen sehr einseitig bei der NSA (und Konsorten), Google, Amazon & Co. kumuliert. Der Einzelne wird mit technischen Spielereien beglückt. Man darf dies ruhig als perfekte Verschleierung und Ablenkung bezeichnen. So langsam dämmert es, dass Verfügung über Daten Macht bedeutet – und Macht zu Geld wird. Den Machtkampf dieser digitalen Revolution gilt es allererst aufzunehmen. Die digitale Dividende sind eben nicht einfach nur mehr preiswerte Breitbandanschlüsse; das ist das Geschäftsmodell der Digital-Konzerne. Die digitale Dividende kann in mehr Beteiligung, besserer Bildung, öffentlich einfacherer Diskussion und kultureller Bereicherung bestehen. Das fällt nicht vom Himmel, das bringen die Technologien schon gar nicht von alleine mit. Das muss erkämpft, erstritten werden. Dazu bedarf es der Information und Aufklärung, der Setzung internationaler wie nationaler Rahmenbedingungen und der Beschränkung der Macht reiner Kapitalinteressen. Google ist nicht „dein Freund“, Google ist ein großartiger Verkäufer, der alles will: unsere Daten, unser Geld, unser digitales Ich. Googles staatliches Ebenbild ist die NSA; sie steht hier stellvertretend für alle anderen ähnlich operierenden Dienste. Es ist müssig zu fragen, was da früher war. Der militärisch-industrielle Komplex hat stets bestens funktioniert.

9. Es wird Zeit, dass wir dagegen Grenzen setzen und nach dem wirklichen Nutzen der digitalen Technologien fragen für uns, für unsere Gesellschaft und für die Menschheit insgesamt. Es ist Zeit, die gesellschaftliche Debatte über die Auswirkungen der digitalen Revolution breit zu führen und politisch wirksam zu gestalten. Neue Techniken können großartige Instrumente sein, um die Lebensverhältnisse zu verbessern, unsere humanitären Werte angemessener umzusetzen und Bildung und Kultur allen zugänglich zu machen. So könnte sich so etwas wie „Weltkultur“ entwickeln. Ob digitale Techniken dann zum individuellen Glück beitragen, steht ohnehin auf einem anderen Blatt.

 13. November 2013  Posted by at 14:45 Gesellschaft, Internet, Technik Tagged with:  Kommentare deaktiviert für Instrumentelle Praxis statt digitale Glücksverheißung
Mrz 192013
 

Ist das die Frühjahrsmüdigkeit? Oder die Kältestarre des langen Winters? Es ist erstaunlich ruhig an der „digitalen Front“: keine aktuellen Aufreger, keine Neuheiten, die einen vom Hocker reißen – business as usual. Der Bundestrojaner ist medial eingeschlummert, das LSR ist in einer rudimentären Form verabschiedet, der Streit ums Urheberrecht köchelt auf niedriger Flamme vor sich hin, und auch die Piraten haben kaum mehr Nachrichtenwert. Facebook, Twitter und andere social media Dienste haben an Neuigkeitswert verloren. Der Neugier-Effekt ist weg, es wird halt genutzt, mehr oder weniger. Bei den Online-Kritikern müssen wieder einmal die ‚gefährlichen‘ Internetspiele herhalten, also nichts Neues, nichts von Nachrichtenwert. Auf der Leipziger Buchmesse versuchten Verleger recht gequält, aus der Kritik an Amazon – Beschäftigungsverhältnissen Wasser auf die Mühlen des stationären Buchhandels zu leiten. Wird wohl nicht viel fruchten, darf man vermuten. Machte man die Amazon-Kritik zum Maßstab, dürften schon gar kein iPhone oder Smartphone, keine T-Shirts und Jeans und auch viele Lebensmittel (Fleisch!) nicht mehr gekauft werden. Übrig bleibt ein General-Vorbehalt gegenüber der modernen technisierten Welt. Der kann berechtigt sein, ohne Zweifel. Aber dann müsste er auch  grundsätzlich diskutiert werden. Auch das geschieht ja bei einigen, doch so recht will keine große Diskussion in Gang kommen, ein ‚Diskurs‘ schon gar nicht. Die Spät-, Nach- Postmoderne plätschert so vor sich hin.

Schaut man näher hin, so tut sich allerdings doch einiges. Man kann das an der Reaktion der Schwergewichte der digitalen Technik bzw. der Internetwelt sehen: Apple, Google, Amazon merken offenbar, dass auch sie nur mit Wasser kochen und versuchen, die ‚Hoheit‘ über ihren Geschäftsbereich und ihr Geschäftsmodell zu behalten, doch der Niedergang von Größen wie Microsoft und Nokia, Yahoo und Dell steht ihnen jederzeit vor Augen. Klar, Microsoft verdient immer noch eine Masse Geld, aber das Geschäft mit dem PC-Betriebssystem und der Office-Software ist ein Auslaufmodell. So schnell kann das gehen. Wenn Google jetzt beliebte Dienste zusammen streicht und alles unter das Dach Google+ zwingt, muss das auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein und kann eher als Zeichen gewertet werden, dass man mit notwendigen Veränderungen den künftigen Entwicklungen vorbeugen will. Obs nützt oder in die Hose geht, wird sich zeigen. Die digitale Entwicklung war bisher so rasant, dass auch sehr schnell aus Siegern Verlierer werden können. Das wiederum ist auch gar nicht so schlecht. Eine neue Technik und ein neues Geschäftsmodell pustet jederzeit Altes von der Bildfläche. Derzeit ist da allerdings noch nichts Konkretes in Sicht. Google hofft zwar, dass es die „glasses“ sind, aber, aber…

DigitalTechnikAlt-640

(Ur-) Alte Technik

Diese Verschnaufpause könnte dazu genutzt werden, bei der digitalen Entwicklung im Alltag etwas aufzuholen. Da liegt nämlich einiges im Argen. Der schnelle Mobilfunk (LTE) kommt eher langsam voran, auch die G3-Mobilfunktechnik ist keineswegs flächendeckend und befriedigend verfügbar. Verlässt man die Ballungszentren, ist man bald auf EDGE-Niveau. Einheitliche Online-Zahlungssysteme: Fehlanzeige. Ein weiterhin bestehendes Ärgernis ist die Beschränkung, welche die Verbreitung und Nutzung von WLAN im öffentlich Raum durch die rechtsunsichere Störerhaftung erfährt. Nicht der Gesetzgeber, sondern der Richter soll hieran etwas ändern – ein Schulterzucken der Politik also, recht armselig und wenig innovativ. – In deutschen Hotels wird man immer noch fürs WLAN extra zur Kasse gebeten, sofern denn überhaupt Internet in den Zimmern verfügbar ist. Strom für die Nachttischlampe muss man ja auch nicht extra bezahlen. Es zeigt nur, wie wenig die Verfügbarkeit des Netzes schon als grundlegendes Allgemeingut gilt – wie Wasser, Strom und TV. Genau an dieser Einstellung gilt es zu arbeiten. Hier hinken Deutschland und große Teile Europas gegenüber anderen Hightech-Ländern deutlich hinter her. Wie groß der Unterschied ist, merkt man bei Reisen in die USA, nach Kanada, Hongkong oder Australien sehr schnell. Zurück in Deutschland fühlt man sich in der digitalen Provinz.

Dabei ist digitales Knowhow nun wirklich bei uns vorhanden. Klar, deutsche Firmen können dem Silicon Valley vom Volumen her (Ideen, Patente, Kapital) nicht das Wasser reichen, aber unser Maschinenbau besonders im Bereich von Spezialtechniken dürfte zu den weltweit führenden Branchen in der Umsetzung digitaler Techniken gehören. Dies verdient viel mehr Beachtung, denn  hier ist entsprechend ausgebildeter und kreativer Nachwuchs gefragt, und der fällt nicht vom Himmel. Das haben auch manche Berichte von der CeBIT deutlich gemacht. Da gilt wieder einmal, dass „der Mittelstand“ unsere Stärke ist. Stärken gilt es auszubauen, und das sollte auch im Schul- und Bildungssystem seinen deutlichen Niederschlag finden. Auch hier geht vieles zu zögerlich voran: Ein Laptop im Klassenzimmer macht noch keinen digitalen Frühling.

Aber vielleicht wird es ja besser, wenn erst einmal der echte Frühling die Lebensgeister aus der Kältestarre weckt…

 

 19. März 2013  Posted by at 11:49 Gesellschaft, Internet, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Digitale Pause
Mrz 062013
 

Während sich das digital interessierte Deutschland monatelang über das Leistungsschutzrecht (LSR) zerriss und sich in einer typisch deutschen Art ideologisch hinter Verlegern oder Netzverteidigern verbarrikadierte (ein Nebenkriegsschauplatz des Schlachtfeldes „Urheberrecht“, auf dem schließlich ein Nonsens-Gesetz verabschiedet wurde), deuten sich weit reichende Veränderungen auf zwei ganz anderen Feldern an. Das, was sich da im Bereich „Digitale Fabrikation“ und „Biotechnologie“ tut und offenbar kurz vor dem entscheidenden „turn“ steht, wird hierzulande öffentlich kaum wahrgenommen. Die sogenannte „Netzelite“ tummelt sich lieber auf den quasimetaphysischen Höhen von „Mensch-Maschine“-Spekulationen.

Der eine Bereich ist der 3D-Druck. Ich habe das bisher eher als eine Spielerei nach Art des 3D-TV abgetan. Das ist es aber mitnichten. 3D-Drucker, die bisher nur aus einem einzigen Material (Kunststoff) aus digitalen Vorlagen schichtweise räumliche Gegenstände produzieren, sind allererst der Anfang einer völlig neuen Produktionsweise: der ubiquitären digitalen Fertigung, um „Daten in Dinge und Dinge in Daten zu verwandeln“. Sehr erhellend ist dazu ein Interview mit dem MIT-Wissenschaftler Neil Gershenfeld neulich in der FAZ. (Weiteres findet man bei Heise.) Ein „digital fabricator“ wird in der Lage sein, komplexe Werkstücke herzustellen, weit mehr, als es bisher 3D-Drucker können. „Im MIT haben wir einen Prototyp entwickelt, den PopFab, einen tragbaren 3D-Drucker, der in einen Koffer passt und mit dem man schneiden, fräsen und bohren kann, wenn man ihn mit einem Computer verbindet.“ Die Umwälzung liegt darin, dass langfristig die Herstellung von Gebrauchsgegenständen aller Art auf ein digitales Muster schrumpft, das an beliebigen Orten der Welt beliebig oft von einem „digital fabricator“ materiell hergestellt werden kann – oder auch nur in einem einzigen Exemplar, wenn ich mein persönliches Design in die Produktionsdaten eingegeben habe. So wie sich das entwickelte und gedruckte Foto in eine digitale Vorlage verwandelt hat, deren Zahlencode keine Unterscheidung von Original und Kopie mehr zulässt, genau so wird auch die Herstellung von Möbeln, Fahrrädern, Gebrauchsgegenständen nur noch in der handgreiflichen Umsetzung aus einer digitalen Vorlage bestehen. Wie beim digitalen Foto, Buch oder MP3-Musikstück sinkt der Wert der einzelnen Reproduktion gegen Null, weil aller Wert im digitalen Muster selber enthalten ist. Dieses kann man nicht mehr eigentlich „haben“, sondern nur noch „nutzen“. Das, so kann man jetzt schon absehen, wirft Fragen des Urheberrechtes von ganz neuer Tragweite auf.

Digitale Fertigung scheint das Zeug zu haben, die Produktionsweise von Gütern aller Art über die bekannten CAD-Verfahren hinaus gründlich zu verändern. Was bisher allenfalls für die Herstellung von hoch spezialisierten Elektronikbauteilen galt (Displays, Chips: das „Original“ ist beispielsweise das reine Prozessor-Design, das mit entsprechenden Fertigungsanlagen an beliebigen Orten beliebig oft „produziert“ werden kann, siehe das Geschäftsmodell von ARM), könnte durch die weiter entwickelten 3D-Drucker zu „fabbern“ die Herstellung von Gebrauchsgegenständen, Ersatzteilen, Einzelstücken aller Art völlig umwälzen. Jedenfalls weisen die 3D-Drucker den Weg in diese Richtung. Mit der Veränderung der Produktionsweise und der Produktionsmittel würden sich wohl auch die Produktionsverhältnisse tief greifend verändern können. Gershenfeld spricht von der Möglichkeit einer „Demokratisierung der Produktion“. Nun, das wird sich zeigen, denn diese Veränderung könnte auch ebenso sehr zu einer Kannibalisierung von Produktion und Produkten führen: Wer schafft und „verdient“ dann noch welche Werte? Insofern ist offenbar das, was wir bisher als „Digitalisierung“ kennen und feiern, der allererste Anfang einer sehr viel weiter gehenden Veränderung unseres Verhältnisses zu den „Dingen“: nämlich die konsequente Verwandlung der Dinge in Daten und der Daten in Dinge.

Stammzelle (Wikipedia)

Stammzelle (Wikipedia)

Ein anderes technologisches Feld, auf dem man ebenso vom Erreichen des „turns“ spricht, ist die Biotechnologie: Hier werden in Bioreaktoren aus Stammzellen beliebige eigene Körperzellen gewonnen, zum Beispiel Herzzellen, die den biologischen Muskelzellen vollkommen gleichen und sich dem entsprechend selbständig rhythmisch zusammenziehen und so „arbeiten“. Der Stammzellenforscher George Kensah von den „Leibniz Forschungslaboratorien für Biotechnologie und Künstliche Organe“ in  Hannover, spricht hier davon, dass es bereits jetzt schon „ganz klar Richtung Massenproduktion“ geht. Die Transplantations- und biotechnische Molekularmedizin steht vor einem gewaltigen Schritt zur Regeneration defekter Organe aus bestenfalls eigenem Gewebe. Man lese hierzu den eindrücklichen Artikel jüngst in der FAZ. Auch hier deutet sich eine Veränderung an, die zu bewältigen noch einiger ethischer Diskussion bedarf, die über die bisherige Stammzellendiskussion weit hinaus führt.

Es geht tatsächlich um die Fähigkeit, durch „bio-engineering“ organisches Gewebe neu zu schaffen und medizinisch anzuwenden – keine Zukunftsmusik, denn es geschieht schon in der Forschungspraxis. An dieser Stelle schürzt sich übrigens der Knoten der beiden von mir vorgestellten Entwicklungsfelder: „In Schottland hat man unlängst embryonale Stammzellen mit einem schonenden 3D-Drucker „ausgedruckt“ und damit kleine definierte Kugelzellhaufen geschaffen.“ Gerade diese Möglichkeit zur einfachen Vervielfältigung unterstreicht den Trend zur Massenproduktion. Es geht dabei schlicht um die Umprogrammierung körpereigener Zellen, um dann dort eingesetzt zu werden, wo krankes Gewebe ersetzt werden muss. Die Biotechnologie rund um die Stammzellenforschung ist offenbar das andere Standbein innerhalb der Molekularbiologie, dem neben der spektakulären Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor gut zehn Jahren kaum zu überschätzende Bedeutung zukommt. Überhaupt scheint mir die Biotechnologie durch erfolgreiche Zellprogrammierung ein in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Feld umwälzender Veränderungen zu sein. Vielleicht ist es auch gut so, dass hier nicht marktschreierische Schlagzeilen und Verkürzungen Verunsicherung schaffen.

Es geht in beiden Bereichen der Entwicklung neuer digitaler und biologischer Technologien in aller Ruhe Schritt für Schritt voran – bis jenseits des „turns“ eine neue Realität da ist. Wir brauchen dann nur noch die Augen auf zu machen.

 6. März 2013  Posted by at 11:16 Daten, Medizin, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Techniken vor dem „turn“
Jan 202013
 

Wer hier seit einiger Zeit mit liest, wird mein Interesse an Technik und Kultur, auch an „Technikkultur“ (welch merkwürdiger Ausdruck) mitbekommen haben, desgleichen auch meine Skepsis, die jüngsten Entwicklungen in der digitalen Welt nunmehr als Vorstufe zum Paradies zu feiern. Ich kann nicht umhin, hier immer wieder zu mehr Nüchternheit und Distanziertheit zu mahnen, denn immer wieder gibt es neue Hypes und neue Schlagworte, welche die ganz neue und bisher noch nie erreichte Qualität der Entwicklung der glorreichen Humanitas einschließlich ihrer phantastischen Aussichten unterbreiten und unterstreichen wollen.

Was haben wir nicht schon alles gehört und gelesen? Also erst einmal die Liste all der Dinge, Einrichtungen und Verhaltensweisen, die vom digitalen Fortschritt auf den Müllhaufen der Geschichte gekehrt werden, oder um es feiner auszudrücken, die „obsolet“ geworden sind. Es mag sie noch geben, aber eigentlich sind sie schon von gestern, gänzlich überholt, also in Wahrheit schon gar nicht mehr richtig da, und wenn doch, dann nur in letzten Zuckungen.

Da ist das traditionelle Fernsehen als aller erstes zu nennen, bekanntlich ohne Rückkanal, nicht sozial vernetzt, also völlig unidirektional und damit eindimensional und in unserer multidimensionalen Medienwelt völlig out. Die zig Millionen, die noch immer sei es tagsüber nebenher, sei es allabendlich die Glotze laufen haben, befinden sich halt auf dem zukunftsunfähigen Abstellgleis. Dass sich das TV schon längst erheblich gewandelt hat, Filme auf Abruf bietet, Sendungen in Mediatheken (ÖRR) jederzeit auch im Internet verfügbar macht, dass dank Tablets der „second screen“ zur realen und sozialen, also sozial-medialen Kategorie wird und praktisch mehr und mehr von Bedeutung ist, wird dabei geflissentlich übersehen.

Zeitungen sind das nächste Medium, das dem Fortschrittstod geweiht ist. Wird ein Blatt eingestellt (FTD), so ist das ein willkommenes Menetekel für diejenigen, die Blogs, Facebook und Twitter als die wahren Nachrichtenkanäle der Zukunft sehen. Dass auch früher schon mal Zeitungsverlage Pleite gingen, dass hier auch Missmanagement ursächlich sein könnte, wird gerne übersehen. Keine Frage, die Tageszeitungen, verächtlich „Holzmedien“ genannt, müssen ihr Geschäftsmodell bezüglich der gedruckten Werbung und aufgrund veränderten Verhaltens hinsichtlich des Nachrichtenkonsums (Netz-News) ändern und anpassen. Lief die Cross-Finanzierung der aufwändigen Redaktionen bisher eben über Anzeigenwerbung, so sind heute neue Modelle der Crossfinanzierung gefragt – und die viel gescholtenen großen Zeitungsverlage sind alle schon recht fleißig dabei. Dass hier manches langsam und vielleicht zu wenig phantasievoll vonstatten geht – geschenkt. Das gilt aber in fast allen Wirtschaftsbereichen. Wirkliche Knall-Ideen gibt es immer nur wenige – und die müssen auch zur rechten Zeit kommen, wenn sie sich durchsetzen sollen. Ich behaupte mal, die regionalen wie überregionalen Zeitungen sind schon längst in der digitalen Welt angekommen, man merkt es nicht sogleich und übersieht die stetigen Veränderungen leicht.

Das nächste Feld, das als digital obsolet gebrandmarkt wird, sind – die Bibliotheken. Kaum dass sich eBooks richtig durchsetzen, wird bereits das Totenglöckchen der öffentlichen Bibliotheken geläutet, wie ich gelesen habe durchaus von solchen Nerds, die zugeben, nie eine Bibliothek von innen gesehen zu haben. Das ist ungefähr so, als wäre das Kino der Tod des Theaters gewesen. Wie wir sehen, gibt es beides noch in wachsender Lebendigkeit und zu allseitigem Nutzen und allseitiger Freude. Ich bin sicher, das wird auch für Bibliotheken künftig gelten.

Nun kommt die Pädagogik dran, das Lernen. Nein, nicht der PC im Klassenzimmer ist gemeint (welch digitale Steinzeit-Vorstellung) oder das Schulbuch oder Arbeitsblatt in elektronischer Form auf dem Notebook bzw. Tablet, sondern um das Lernen selbst geht es. Die Internetwelt voll von Wikis neben der einen großen Wikipedia (in diesem Wort selbst steckt ja schon ein pädagogisches Programm), voller Links zu eLearning, MicroLearning, MOOC (hier wirds erklärt), Bildung nicht nach Wissensgebieten aufgefächert, sondern, da Wissen ja „tot“ sei bzw. stets im Netz abrufbar steht, als Prozess der Vermittlung von – ja was denn eigentlich? sozialen Dimensionen? Howto? technische Erweiterung der Kapazitäten unseres beschränkten „brains“? Prozess „massiver“ Vernetzung, sprich Rückkopplung an die Erfahrungen, Einstellungen und Gefühle anderer Online-Teilnehmer/innen? Und was wird da gelernt? Wie man Probleme löst? also nicht das berühmte Was, sonder das ebenso berühmte Wie? Nur zu dumm, dass ich meist das Wie erst mittels der Möglichkeiten des Was heraus finden kann. Es scheint denn doch kaum eine Alternative zum eigenen Sach- und Fachverstand zu geben, der sich heute allerdings in ganz anderer, vieldimensionaler „digitaler“ und sozialer Weise nutzen, erproben, bewähren und verändern = entwickeln kann. Das allein ist doch eine feine Sache. Ich schätze die Wissens- und Erkenntnismöglichkeiten durch das Netz und manchmal auch durch soziale Medien. Aber sie ersetzen in keiner Weise das eigene Denken, Beurteilen, die Fähigkeit (beruht auf Befähigung, also einem Lernprozess) zu Kritik und Weiterführung, zu „Genius“ und Erfahrungspraxis. Vielleicht sollten einfach die Apostel der „neuen“ Lernerfahrungen, am liebsten noch verschränkt und begründet mit Schlagwortwissen aus der Hirnforschung, den Mund ein bisschen weniger voll nehmen und ihre Beiträge in aller Bescheidenheit als Vorschläge zu einem effektiveren wie humaneren Wissenserwerb („Fähigkeiten, Fähigkeiten, Fähigkeiten“…) vorbringen. Ich jedenfalls würde ihnen dann auch lieber zuhören.

Google Rechenzentren

Google Rechenzentren

Der digitale Mensch wird erfunden: nicht mehr Herr seiner selbst, also seiner Existenz in Form seiner Daten, öffentlich und gläsern – oder borniert und sich der digitalen Zukunft „verweigernd“; ständig vernetzt, multitasking, ohne Kontrolle dessen was um ihn herum abläuft, aber selber Teil der großen neuen Gemeinde derer, die im weltweiten Spinnennetz zappeln. Es gibt ihn, diesen neuen Menschen, als Phantasieprodukt oder auch als Horrorprojektion. Nur mit der Wirklichkeit hat er recht wenig zu tun. Nicht die „Freiheit des Netzes“ steht auf der Agenda der Weltpolitik, nicht der neue, digital selbst bestimmte Mensch, frei, kritisch, sozial, morgens Handwerker, mittags Fischer, abends Dichter (frei nach Marx), nicht die Befreiung und Befriedung der Welt dank einer allseits verwirklichten Transparenz -, nein eher das Gegenteil. Zumindest lassen sich auch diametral andere Tendenzen erkennen: Die Netzfreiheit wird zur Freiheit, sich zu Tode zu amüsieren; das Netz selbst wird immer stärker politisch und staatlich kontrolliert und fragmentiert (die vergangene Tagung der ITU in Dubai war ja wohl erst der Auftakt, ein Vorgeschmack künftiger Interessenkämpfe), die Parole des „Kampfes gegen den Terrorismus“ öffnet auch die letzten Schleusen zur Total-Erfassung und Total-Überwachung; die digitale Schere öffnet sich durchaus weiter, indem große Teile der Welt vom freien Zugang zum Netz abgeschnitten sind (nicht nur in China wird zensiert, auch in den USA, siehe die Zensur „unangemessener“ Suchbegriffe und Buchtitel durch Google, Amazon usw.), so dass auf der anderen Seite auch die Haltung bewusster Verweigerung gegenüber der Allgegenwart des Netzes, der digitalen Erfassung und automatisierten Erkennung („big data“), eine immer größere Plausibilität gewinnt. Zumindest sollte man darüber nachdenken dürfen.

Denn der Mensch, so meine Erfahrung, darum auch meine These, bleibt im Wesentlichen, wie er ist. Evolutionäre Anpassungen verlaufen aus der Sicht des individuellen Lebens im absoluten Schneckentempo. Im Grunde hat sich die psychische Struktur des Menschen seit der Steinzeit kaum verändert. Die jauchzenden Römer bei der Tier- und Menschenhatz in den Zirkussen des Reiches sind genau solche homines sapientes gewesen, wie wir es sind. Nur unsere Formen des Auslebens von Gewalt und Schmerz, von Leid und Mitleid, von heilsamem Schrecken und Angst vor der Leere sind andere geworden. Wir gehen dazu ins Kino oder reagieren uns beim Sport oder, wenns gut geht, an Computerspielen ab. So what, nicht viel Neues unter der Sonne. – Ich finde es viel spannender, diesen doch immer noch recht im Verborgenen wirkenden Strukturen des Menschlichen auf die Schliche zu kommen, also die Fragen der Anthropologie (psychisch, neurologisch, sozial, religiös, ethisch, meW kulturell) neu zu stellen und wieder und wieder zu beantworten suchen. Man kann sich daran abarbeiten, denn diese Aufgabe erledigt sich niemals. Und dafür können wir wunderbar die Möglichkeiten des Netzes, der „digitalen Welt“ zur Hilfe nehmen. ZUR HILFE! Das ist das Beste, was menschliche Erfindungen und Entdeckungen sein können: eine praktische Hilfe zum Verstehen, zum besseren Leben für möglichst viele. Das Netz ist also kein Evangelium und braucht keine Missionare. Nüchterne Pragmatiker sind gefragt.

 20. Januar 2013  Posted by at 13:00 Kultur, Medien, Technik Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Kein Evangelium
Dez 212012
 

Das Netz und die Nutzung des Netzes haben sich weiter entwickelt.  Das ist das Mindeste, was man im Rückblick auf die vergangenen Monate fest stellen kann. Um diesem ersten Satz etwas mehr Farbe und Aussage zu geben, müsste man schon bewerten, wie sich das Internet weiter entwickelt hat. Und da gehen dann die Meinungen schon auseinander.

Vieles, was auf den ersten Blick als eine durch das Netz und vor allem durch seine sozialen Plattformen induziert zu sein schien, entpuppte sich im Nachhinein entweder als Fehlurteil oder als wenig dauerhaft. Die „Arabellion“, gerne auch als „Twitter-Revolution“ gekennzeichnet, war allenfalls vordergründig eine „Internet-Revolution“. Genauere Analysen haben gezeigt, dass die neuen Medien eine offenbar viel geringere Rolle gespielt haben, als es in der Presse und in eben diesen „neuen Medien“ behauptet worden war (siehe zum Beispiel hier). Von einer anderen sozialen Bewegung, die fest mit den social media konnotiert wurde, nämlich der „Occupy-Bewegung“, ist in diesem Jahr gar nichts mehr zu hören und zu lesen gewesen, nichts, was auf Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit schließen ließe, also eher eine „klassische Eintagsfliege“. Von zahlreichen Aufrufen zu Protesten gegen befürchtete Beschränkungen der Freiheit des Netzes wie das Handelsabkommen ACTA (Stopp ACTA), vom Streit um das Urheberrecht, von den Protesten gegen den Gesetzentwurf zum Leistungsschutzrecht (LSR), von den viel leiser vernehmbaren Einsprüchen gegen die Einrichtung von INDECT, war nur der Anti-ACTA-Protest eine erfolgreiche Bewegung (Übersicht hier). Wie weit allerdings die Proteste im Internet und auf den Straßen tatsächlich zur Verhinderung dieses Anti-Piraterie-Abkommens geführt bzw. dazu beigetragen haben, wäre noch eigens zu untersuchen. Es gab dabei eine Menge recht divergierender Interessen, die letztlich eine Verhinderung des Abkommens und die Absetzung des ACTA-Verfahrens beim Europäischen Gerichtshof seitens der EU-Kommission zur Folge hatten. Weder der Streit ums Urheberrecht im digitalen Zeitalter noch der Streit ums LSR waren in irgend einer Weise „massentauglich“. Eher sind dies wenngleich wichtige, so doch spezielle juristische Fragen, die besonders die „Netz-Elite“ interessieren. Doch die ist eine verschwindend kleine Minderheit. Ein Blick auf die aktiven Nutzerzahlen von Twitter in Deutschland zeigt, dass nur wenig mehr als 100.000 Nutzer häufig und regelmäßig tweeten (siehe hier).

Überhaupt die „Minderheit“ der Netz-Aktivisten. Vielleicht am erstaunlichsten war in den vergangenen Wochen und Monaten der rasante Absturz der „Piraten“ aus dem öffentlichen Interesse – und der entsprechende Rückgang der Unterstützer bei der berühmten „Sonntagsfrage“: Laut „Deutschlandtrend Dezember“ (tagesschau.de) liegen sie bei 3% Wählerzustimmung. Der Höhenflug dieses „Themas“ ist also vorläufig beendet. Auf der anderen Seite scheinen sich einige Voraussagen für das durch die sozialen Medien und Blogs beförderte Ende der traditionellen Print-Zeitungen erstmals zu materialisieren: Gleich zwei überregionale Tageszeitungen mussten ihre Einstellung ankündigen: Financial Times Deutschland (bereits eingestellt) und die Frankfurter Rundschau (wegen Insolvenz Galgenfrist noch bis Ende Januar 2013). Dabei ist allerdings zu fragen, wie weit hier das Internet „Schuld“ war oder ob nicht viel mehr ganz andere wirtschaftliche Faktoren ursächlich sind. Immerhin hat die FTD während der dreizehn Jahre ihres Bestehens durchweg Verluste gemacht, und die FR ist seit mehreren Jahren wiederholt am Absturz vorbei geschrammt. Die großen überregionalen Zeitungen wie SPIEGEL, ZEIT, Süddeutsche, FAZ sind gerade dabei, bei recht konstanter Leserschaft ihr Geschäftsmodell zu ändern, nachdem die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft rasant weg gebrochen sind.

Viel wird da im Netz, in den einschlägigen Blogs und Plattformen, über die „hochnäsigen“ Journalisten geschimpft oder sich überhaupt über den „guten Journalismus“ lustig gemacht (Wolfgang Michal bei CARTA), der doch gegenüber der Schnelligkeit und „Schwarmintelligenz“ (vielleicht das Modewort des Jahres) des Netzes hoffnungslos unterlegen und also von vorgestern sei – und außerdem nur noch zum Boulevard verkomme. Gleichzeitig, welch erstaunliche Wendung der Netz-„Elite“, ist eben dieser antiquierte Journalismus Schuld, wenn Deutschland beim Ranking der Sozialen Medien zu „schlecht“ abschneidet. Laut der Wirtschaftswoche und dort dem Blog von Michael Kroker liegt DE bei der Nutzung sozialer Online-Netzwerke mit 34% nur im  unteren Drittel vergleichbarer Industrieländer und weist zudem 46% „Verweigerer von sozialen Netzwerken“ auf. Schlimme Sache, wie Marcel Weiss bei CARTA meint. Denn darin drücke sich nicht nur „Skepsis der Deutschen gegenüber neuen Technologien“ (Kroker) aus, sondern die „starke Risikoaversion unserer Gesellschaft“ (Weiss). Die von ihm im selben Satz diagnostizierte deutsche „Vorliebe von geordneten vor chaotischen Verhältnissen“ ist anscheinend etwas ganz Schlechtes und Verwerfliches. Dass dahinter ein durchaus rationales Kalkül stecken könnte, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Und nun kommt’s: Schuld an dieser Misere sind – die so viel gescholtenen Print-Medien und das Fernsehen: „Sowohl Print als auch TV berichtet hierzulande seit Jahren fast ausschließlich negativ über das Internet und dabei natürlich besonders über das Trendthema der letzten Jahre, die Social Networks. Große Titelstories sind immer mit Skandalen oder Risiken verbunden.“ Kein Wunder, dass darum Deutschland „erschreckend“ digital-technologisch hinterher hinke. [Nebenbemerkung: Welches Bild ergäbe sich wohl, wenn man die Nutzung neuer Technologien zur nachhaltigen Energiegewinnung in Deutschland als Maßstab anlegen würde? Aber das hat ja mit „digital“ und dem intelligenten „Netz“ nichts zu tun.] Verquere Welt. Immer Ärger mit diesen Internet-„Verweigerern“ und „Wohlfühljournalisten“!

Google Earth at Night

Google Earth at Night

Von einer ganz anderen, sehr nachdenkenswerten Seite nähert sich dem aktuellen Zustand der Internet-Kultur und der netz-obligaten Transparenzforderung  der Berliner Philosoph und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han im SZ-Magazin. Er konstatiert im Blick besonders auf Facebook einen Prozess der “Glättung” durch das Netz, die “alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt”. „»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.“ so Han. Und Sean fragt in einer Anmerkung zu meinem Blogbeitrag „Kultur und Fortschritt – und weiter?„: „Gibt es eine Entropie der Kultur?“ Ein interessanter Gedanke. Mir fällt dazu der von +Jürgen Kuri wiederholt geäußerte Ausspruch von der „Langsamkeit des Internets“ ein. Aus einer Fülle allzu schneller Information, basierend auf Gerüchten, Vermutungen, Vor-Urteilen, auf den sozialen Plattformen mit einem Klick in Windeseile weiter verbreitet, kristallisiert sich erst nach Abflauen des Erregungs- und Aufmerksamkeits-Hypes der tatsächliche Informationsgehalt heraus, oft genug durch genau recherchierende Journalisten.

Hinzu kommt eine der übelsten Seuchen des Internet, der „shitstorm“, also so etwas wie der digitale Schandpfahl, gegenüber dem man ohne nachzufragen und im Schutz der (anonymen) Öffentlichkeit schimpfen, beleidigen und verleumden kann nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf Konsequenzen. Es ist eine sozialpsychologisch beschreibbare Blitzableiter-Funktion (eigener Frust?), die sich hier manifestiert. Erklärbar bedeutet aber nicht entschuldbar, erst recht nicht aus der Sicht der betroffenen Opfer.

Abgesehen von solchen Exzessen, abgesehen auch von gelegentlichen Aufmerksamkeits-Stürmen (als Stichworte reichen bisweilen Namen: Wulff, Ponader, Weisband) stellt sich die Allgegenwart des Netzes doch recht durchschnittlich und unaufgeregt dar. Millionen Menschen in Deutschland nutzen Email, Skype, WhatsApp, weiterhin SMS (!), kaufen und buchen online, lassen sich Bahnverbindungen anzeigen und kaufen Fahrkarten übers Web, lesen Nachrichten, spielen Internetspiele, kaufen und sehen Filme, informieren sich über alles, was sie gerade interessiert. Nicht zufällig gehört das Wort googeln seit langem zum deutschen Wortschatz. Trotz mancher überzogenen Warnungen nutzen ebenfalls Millionen Internet-Banking, mehr und mehr über mobile Geräte, Smartphones und auch mittels der sich erst allmählich verbreitenden Tablets. Da vollzieht sich eine langsame, aber unaufhörliche und ganz selbstverständliche Anpassung des Lebensstile an die Gegebenheiten, Möglichkeiten und den praktischen Nutzen des Netzes. Das hat wenig mit einer „digitalen Evolution“ oder einem neuen technisch-kulturellen Menschsein zu tun. Internet und der Spaß an neuen Geräten (‚Spielzeugen‘) ist auch bei uns Alltag geworden. Klar, dazu gesellt sich zu Recht manche Skepsis, manche Angst vor Überforderung, manche Unsicherheit und Zurückhaltung, auch im Blick auf die Privatsphäre. Warum auch nicht, sollen doch andere Mutigere erst einmal ausprobieren, was geht und was nicht geht, was etwas taugt und was nicht. Das ist eine sehr pragmatische Haltung. Ich finde sie verständlich und begrüßenswert.

 

Und vieles, was sich dann so an Diskussionen, Meinungen (@Christoph Kappes seufzt in einem Tweet: „Meinungen, alles voller Meinungen“ – ja was denn sonst?), Äußerungen, „Statusmeldungen“, Gefühlsausbrüchen, Ansichten usw. –  oder auch an Spaß, Ulk und Nonsens im Netz, in den social media – Netzwerken kundtut, kommt mir vor wie ein weißes Rauschen, in dem wesentliche Unterschiede kaum auszumachen sind. Das Netz als das Hintergrundgeräusch unserer Gegenwart, mal lauter, mal leiser, immer mit Wispern und Zwitschern beschäftigt, selten mit inhaltlicher Klarheit und Bestimmtheit, dafür ein auf- und abschwellender Lärmpegel, der einfach heute dazu gehört. Man kann dieses ‚Hintergrundrauschen der Moderne‘ kaum überhören, erst recht nicht abstellen (nur ganz privat von Zeit zu Zeit), aber man muss es auch nicht zu wichtig nehmen. Manchmal möchte man einfach rufen: „Stop making noise“ – aber auch das Originalzitat „Stop making sense“ gäbe durchaus einen Sinn. Aber Abschalten und Pause liegen ja in der Hand eines jeden. Man muss nur wollen.

 

 21. Dezember 2012  Posted by at 18:20 Internet, Netzkultur, social media, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Weißes Rauschen
Dez 132012
 

Ich lese des öfteren vom Problem einer „Mensch-Technik-Dichotomie“, ihrem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein. In der Mehrzahl sind es Beiträge, die eine solche Dichotomie, also einen Gegensatz zwischen Mensch und Technik, bestreiten. Ich kenne allerdings niemanden, der einen solchen Gegensatz ernsthaft behauptet. Ein Streit um Worte, ein Kampf gegen Windmühlen? Es scheint so.

Technik ist eine Kulturleistung, und jede Kulturleistung ist ein Produkt des Menschen. Nimmt man „den Menschen“ weg, verschwindet auch die Technik (spätestens wenn die Energieversorgung zusammen bricht). Hier von einer Dichotomie zu sprechen ist ebenso abwegig, wie wenn man eine Dichotomie zwischen Mensch und Musik behaupten oder bestreiten würde. Auch Musik wie alle Bereiche der Kultur ist ein Produkt des Menschen. Nimmt man den Menschen weg, ist auch die Musik verschwunden. Zurück bleiben allenfalls Töne.

Bisweilen habe ich den Eindruck, manche wenden sich deswegen so energisch gegen eine „Mensch-Technik-Dichotomie“, weil man sich grundsätzlich gegen bestimmte Warnungen oder Vorwürfe wehren will wie zum Beispiel gegen die der „Technikgläubigkeit“, der „Technikverliebtheit“ oder des „Machbarkeitswahns“. Letzterer ist nicht spezifisch auf Technik bezogen, und die ersten beiden Vorwürfe beziehen sich auf ein Gefühl der Übertreibung, wie die Wortbestandteile „Gläubigkeit“ und „Verliebtheit“ zeigen. Auch solche Gefühle sind nicht spezifisch gegen Technik gerichtet, es gibt sie in allen Bereichen menschlicher Betätigung: übertriebene Sportbegeisterung, Star-Kult und anderes mehr. Solche Gefühle der Übertreibung mögen zu Recht oder zu Unrecht eine Abneigung anzeigen, sind aber selten begründete Argumente. Schon gar nicht enthalten sie eine grundsätzliche Kritik. Allerdings kann sich darin eine ideologische Position spiegeln; dann wäre diese Position erst zu erheben. Das behauptete Problem „Mensch-Technik-Dichotomie“ ist also eine Chimäre.

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Dahinter verschwindet ein wirklich grundsätzlicher Unterschied, und das ist der Unterschied zwischen Mensch und Natur. Natur ist kein Produkt des Menschen, sondern umgekehrt: Der Mensch ist ein „Produkt“ der Natur. Die Anführungszeichen sind deswegen gesetzt, weil hier der Begriff Produkt nur in einem übertragenen Sinne gebraucht wird. Streng genommen ist der Mensch kein Produkt der Natur, sondern Teil der Natur. Der Mensch ist Natur. Eine Unterscheidung zwischen Mensch und Natur ergibt sich nur im Hinblick auf die originär menschlichen Hervorbringungen, also auf das, was wir Kultur nennen, seine materiellen (Artefakte) und geistigen Werke. In alledem bleibt der Mensch aber Naturwesen. Kultur wird zum Teil seiner Natur, meinetwegen zu seiner „zweiten Natur“.

Der Unterschied zur Technik liegt auf der Hand. Technik kann der Mensch machen, verändern, beherrschen. Die Regeln des Gebrauches der Technik setzt der Mensch selbst. Die Natur aber beherrscht den Menschen. Er kann sich Natur immer nur sehr partiell „dienstbar“ machen, sie seinen Bedingungen anpassen und in ihrer Auswirkung verändern. Die Naturgesetze (es bleibe hier unerörtert, was das eigentlich ist) kann der Mensch aber nicht verändern. Sie sind so, wie sie sind, und der Mensch ist ihnen unterworfen. Das hindert den Menschen „natürlich“ nicht daran, sie so weit es geht zu seinem (vermeintlichen) Nutzen zu manipulieren. Auch dieser Eingriff in den Naturverlauf und ihre Nutzbarmachung gehört zur Natur des Menschen, zu seinen natürlich gegebenen schöpferischen Fähigkeiten. Natur zu verändern ist unsere Natur.

Diese Fähigkeiten sind allerdings sehr weitreichend. Ohne dass dem Menschen alle Zusammenhänge schon bekannt sind oder jemals bekannt sein können bzw. werden, beeinflusst und verändert er Faktoren in den Naturzusammenhängen, so dass sich andere zum Teil erwünschte, zum Teil unerwünschte Folgen ergeben. Energiegewinnung aus Kohlenstoff-Ressourcen ist erwünscht, die dadurch beschleunigte Klimaerwärmung ist unerwünscht. So ist es in vielen, um nicht zu sagen in allen Bereichen der menschlichen Eingriffe in Naturzusammenhänge. Wie das Wort schon sagt: Es sind Zusammenhänge, also äußerst komplexe Strukturen, Regelkreise, labile (Un-) Gleichgewichte („Strömungsgleichgewichte“), die zu erkennen und zu durchschauen wir Menschen in vielen grundlegenden Bereichen noch weit entfernt sind, siehe das Wettergeschehen, das Klimageschehen, die Funktionsweise des Gehirns und vieles andere. Optimisten werden sagen: Noch nicht, aber absehbar bald. Skeptiker werden zu bedenken geben, dass es aufgrund unserer eigenen Verwicklung in Natur, weil wir also selber Natur sind, vielleicht manche grundsätzlichen Hindernisse gibt, bestimmte Zusammenhänge zu durchschauen. Es ist immer schwierig, wenn der Beobachter sich selber beobachtet (Rückkopplungen, Beeinträchtigungen eines objektiven Ergebnisses).

Also auch als Produzent erstaunlicher Technik bleibt der Mensch Natur, ist er ein Naturwesen. Dieses zu verkennen und außer Acht zu lassen, ist ein sehr schwerwiegender methodischer und sachlicher Mangel, wenn wir uns über den Zusammenhang von Mensch und Technik Gedanken machen wollen. Es geht nur im Zusammenhang von Natur, Mensch und Technik (Kultur). Als „Techniker“ sind wir geneigt, unsere natürlichen Rahmenbedingungen und Konstitutionsmerkmale zu vernachlässigen. Denn nur dann bleibt Technik vollständig machbar und einigermaßen kontrollierbar. Das ist sie dann aber ganz und gar nicht, wenn wir den Menschen einmal als Gefühlswesen, also als von seiner natürlichen Ausstattung bestimmtes und begrenztes Lebewesen zugrunde legen. Das sogenannte Limbische System ist allemal mächtiger als all unsere Bewusstseinsprozesse – unbewusste Natur tief in uns drin.

Dass es nicht zum Atomkrieg gekommen ist (bisher nicht), verdanken wir weniger der menschlichen Fähigkeit, seine Technik zu beherrschen, als der Urangst vor Selbstvernichtung, die zumindest 1962 die entscheidenden Politiker in den USA und der UdSSR bestimmt hat. Das Zeitalter der Drohnen setzt allerdings ganz andere Maßstäbe und Möglichkeiten frei. Umso wichtiger, vielleicht sogar überlebenswichtig, bleibt es, uns Menschen als Natur zu begreifen. Bisher bedeutet das: Wir begreifen alles Mögliche, nur uns selbst, unser eigenes Leben nicht.

 13. Dezember 2012  Posted by at 12:14 Kultur, Natur, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Technik – Mensch – Natur