Apr 062014
 

[Kultur]

Es gibt zwei Begriffe, die nahezu selbstverständlich verwandt werden, um besondere Merkmale der postmodernen Gesellschaft zu kennzeichnen: Komplexität und Beschleunigung. Während der erste Begriff aus einer Popularisierung des Soziologen Niklas Luhmanns stammt, erfuhr der zweite Begriff seine soziologische Begründung durch Hartmut Rosa. Beide Begriffe sind auf den ersten Blick einleuchtend. Sie scheinen sehr direkt wesentliche Aspekte heutiger Lebens- und Welterfahrung abzudecken. „Alles wird immer komplizierter“ ist die mehr volkstümliche Version der Komplexität moderner Gesellschaften, festgemacht an Erfahrungen mit Bürokratie oder Technik. Und das andere ist: „Immer diese Hetze und Eile heute“, alles muss schnell gehen, keiner will warten.

Tatsächlich stimmt es ja, dass Verkehrsmittel dank moderner Technik und Infrastruktur so schnell sind wie nie zuvor, das Kommunikation mittels der Allgegenwart von Telefonen (Handys, Smartphones, Internet) instantan geschieht, dass Arbeitsabläufe in Produktion und Dienstleistung optimiert werden auf ihren Ressourcenverbrauch hin, und da ist Zeit eine wichtige Größe. Und es stimmt auch, dass die Handhabung vieler technischer Geräte sich keineswegs mehr auf den ersten Blick bzw. beim ersten Gebrauch erschließt, also komplizierter geworden ist, dass Verwaltung, Bürokratie, Serviceabteilungen eine wachsende Vielzahl von Vorschriften, Rechtssetzungen, Normen sowie unterschiedliche bis divergierende Kundenbedürfnisse berücksichtigen müssen. Wer einen Umbau plant, weiß ein Lied davon zu singen. Projekte wie BER und Stuttgart 21 sind ja nicht nur rein technisch-planerisch so kompliziert, sondern vor allem durch ihre gesellschaftlich und rechtlich genormte Einbettung.

ICE 3

ICE 3 Führerstand (Wikimedia)

Hält man beide Phänomene gegeneinander, so bekommt man den Eindruck einer gewissen Gegenläufigkeit, die die jeweils beschriebenen Effekte zumindest teilweise aufhebt. Zwar waren die Verkehrsmittel rein technisch noch nie so schnell und bequem wie heute, aber der Geschwindigkeitsgewinn wird durch Komplexitätsverluste konterkariert: Staus auf den Autobahnen verlängern die Reisezeit unkalkulierbar, Zugverspätungen oder Zugausfälle machen manche Fahrt durch Deutschland zum Alptraum, im Luftverkehr gibt es allzu oft Chaos durch betriebs- oder naturbedingte Störungen (Streik – Eis – Vulkanasche). Schon Rosa stellt fest, dass die Zeiteinheit pro schriftliche Kommunikation durch Email (SMS, Messages) gegenüber herkömmlichen Briefen zwar drastisch abgenommen hat, zugleich aber viel mehr Kommunikation pro Zeiteinheit produziert wird und zu verarbeiten ist. Hier ist also schon quantitativ eine Bremse eingebaut, von dem bedingt möglichen Qualitätsverlust / -gewinn ganz zu schweigen.

Zwar wachsen die technischen Möglichkeiten bei Planung und Ausführung von Projekten insbesondere durch den Einsatz von Digitaltechnik rasant und auf einer qualitativ neuen Stufe der Produktionsbedingungen, gleichzeitig aber nehmen die zu berücksichtigenden Faktoren der Umsetzung und Einbettung ebenso rasant zu: kein Hausbau ohne Umweltgutachten, keine Flughafenerweiterung ohne die Einbeziehung systemübergreifender, gesamtgesellschaftlicher Auswirkungen und Einflussfaktoren. Ähnliches gilt für Dienstleistungen aller Art. Zwar kann ich das jeweilige Kundencenter sehr „leicht & bequem“ (so das Versprechen) per Telefon oder Internet erreichen, aber dann beginnt das Elend langer Wartezeiten, nichtsahnender Callcenter, die Odyssee von Weitervermittlungen, am Ende ohne konkretes Ergebnis. Bei Behörden sind die Abläufe trotz vieler gegenteiliger Bemühungen für den Kunden intransparent, zeitraubend und oft im Ergebnis nicht zufrieden stellend. Mal eben aufs Amt zu gehen und eine Genehmigung abzuholen, das war mal. Und auf den Handwerker wartet man heute je nach Region so lange wie eh und je – oder länger.

Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren, und jeder und jede könnte etwas dazu beisteuern. Nun gut, könnte man resümmieren, komplexe Systeme sind halt störanfällig, da heben sich Beschleunigung und Komplexität wechselseitig auf. Ganz so gleichgewichtig ist es natürlich nicht, eher ein Pendeln mal in die eine, mal in die andere Richtung, so dass es schwer wird, diesbezüglich in der gesellschaftlichen Entwicklung eine wirkliche Tendenz heraus zu finden. Es bleibt aber auf jeden Fall der vorherrschende Eindruck in der Öffentlichkeit, die Zeit renne immer schneller und die Dinge würden immer komplizierter. Woher kommt das?

Zum einen ist hier mit Sicherheit auf die Alterung unserer Gesellschaft hinzuweisen. Die Klage über Eile und Hetze sowie über die Kompliziertheit der Lebensverhältnisse wird vielfach von Älteren geäußert: „Früher brauchte man doch bloß…“ Erhebliche und zeitlich gedrängte Veränderungen in den Lebensverhältnissen – und die sind unbestreitbar – treffen vor allem die ältere Generation, die sich dann in der heutigen Welt nicht mehr zurecht findet oder nicht mehr recht heimisch fühlt. Aber dies Generationenproblem gab es im Grunde zu allen Zeiten. Mit „komplizierter“ Technik hat die Jugend kein Problem, und mit Eile und Schnelligkeit auch nicht. Ein Zeitproblem tut sich in der jungen Generation dort auf, wo übergroße Ansprüche (meist der Eltern) den Kalender der Jugendlichen voll stopfen. Aber das ist ein anderes Problem. Eher macht es nachdenklich, dass gerade viele in der mittleren Generation, also der „Leistungsträger“ in ihrer Hauptschaffenszeit, über zunehmenden Druck am Arbeitsplatz klagen, sowohl was die Quantität (Zeit) als auch was die Qualität (Komplexität) angeht. Hier scheint es in der Tat für bestimmte Gruppen in der Gesellschaft einen Trend der Arbeitsverdichtung zu geben, dem keine eingebaute Bremse entgegensteht – es sei denn man rechnet Burn-out dazu. Dafür sind die Einflüsse aber vielfältig; sie lassen sich nicht auf die griffigen Kategorien „Komplexität und Beschleunigung“ reduzieren.

Auch für diese Ambivalenz ließen sich weitere Beispiele anführen. Mir wird deutlich, dass „Beschleunigung“ und „Komplexität“ zu oberflächlichen Schlagworten geworden sind mit geringem analytischen Wert. Es sind unscharfe Worthülsen, in die sich sehr unterschiedliche und verschiedenartige Phänomene unserer Gesellschaft hinein packen lassen. Die gewachsenen Freiräume für „Easy-going“, für Geselligkeit, Freizeit und Sport sind dabei noch gänzlich außen vor gelassen. Die Vielschichtigkeit unserer Gesellschaft, ihr Wandel durch technische Entwicklungen, Zuwanderung, kulturelle Vielfalt usw. ist unübersehbar. Die Frage ist nur, ob oder wem das Angst macht und ob oder wann wir es einfach als Gegebenheiten einer neuen Zeit, unseres Heute, ansehen können mit (wie immer) vielen Chancen und Gefahren, die zu ergreifen und auszutarieren („work-life-balance“) am Einzelnen liegt. That’s life.

Die beliebten Begriffe „Beschleunigung“ und „Komplexität“ gaukeln eine analytische Kraft vor, die der Nachprüfung nicht stand hält. Es sind Schlagworte, Begriffsblasen, die allenfalls etwas Diffuses anzeigen, aber nichts erklären. Sie wie Selbstverständlichkeiten zu benutzen und in der Argumentation stillschweigend voraus zu setzen, macht nichts besser und klarer. Vielleicht sollten wir eine Weile auf sie verzichten.

 6. April 2014  Posted by at 12:52 Gesellschaft, Kultur, Moderne Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Komplexität und Beschleunigung
Apr 212013
 

Es ist schwierig, die gegenwärtige Zeit in Gedanken zu fassen. Das liegt weniger daran, dass die Gegenwart so schwierig wäre, sondern verweist auf ein grundsätzliches Problem. Die unmittelbare Nähe und Distanzlosigkeit des Erlebens der jeweils aktuellen Zeit macht es nahezu unmöglich, in der Gegenwart etwas „objektiv“ zu sehen, denn das hieße ja: aus der Distanz, mit Abstand. „Mit Abstand von einigen Jahren“ sieht bekanntlich alles ganz anders aus. Der subjektive Gesichtswinkel, aus dem heraus man jeweils seine Zeit wahr nimmt und beurteilt, ist ebenfalls unvermeidbar, solange die unmittelbare Mitbetroffenheit im Verlauf gegenwärtiger Ereignisse und Erscheinungen die neutrale Position aus der Perspektive eines Dritten unmöglich macht. Es ist das oft zitierte Problem, den Vogel aktuell im Fluge zu zeichnen. Ohne die Richtung und das Ziel zu kennen, ist das ein schier unmögliches Unterfangen. Völlig anders ist die Situation, wenn man die mediale Aufzeichnung desselben Vogelfluges betrachtet. Da ist dann jegliche Beschreibung und Analyse sehr leicht möglich, weil der Gesamtverlauf bekannt ist.

Wiewohl die Beurteilungen von Zeiterscheinungen also stets und prinzipiell schwierig sind, gibt es doch Dinge und Erscheinungen, deren „Gegenwart“ sich bereits eine Zeit lang hin dehnt, die also rückblickend einen Verlauf aufweisen. Hier ist es schon leichter, zu Beurteilungen zu gelangen, da ihre jeweilige Gegenwart bereits einen Teil (naher) Vergangenheit und somit Distanz enthält. Offensichtlicher sind daneben solche Phänomene der Gegenwart, die sich leicht als Modeerscheinung, als ‚Hype‘, erkennen lassen, weil sie vielfach medial verstärkt gleichsam von allen Dächern zugleich herab tönen und in vielen gesellschaftlichen Bereichen zugleich auftreten. Ihre mediale Verstärkung macht sie nur scheinbar übermächtig. Zwischen noch unklaren Ereignissen der Gegenwart mit ungewissem Ausgang und unsicherer Bedeutung einerseits und klar erkennbaren Modeerscheinungen der Alltagsöffentlichkeit andererseits liegen Trends. Trends können eine tatsächliche Richtung, ein wirkliches Gefälle (‚bias‘) der Entwicklung anzeigen, sie können aber auch ganz in die Irre gehen oder in eine Sackgasse führen. Da ist man erst hinterher schlauer. Wer einen ‚richtigen‘ Trend erkennt (zum Beispiel an den Börsen, in der kulturellen oder auch technologischen Entwicklung), gilt dann im Nachhinein als ein besonders schlauer oder genau analysierender Zeitgenosse, – dabei hat er wahrscheinlich in einem konkreten Fall nur Glück gehabt. Über erfolgreiche Trends wird berichtet, – falsch erkannte Trends werden schnell vergessen.

Mit dieser vorsichtigen Annäherung und durch Hinweis auf die möglichen inkludierten Schwierigkeiten einer Zeitbeschreibung möchte ich nun doch ein paar Beobachtungen über die Gegenwart aus versuchter Distanz heraus mitteilen. Es gibt eine Reihe von Dingen und Zuschreibungen, die zwar wieder und wieder geschrieben und verbreitet werden, die also so etwas wie eine öffentliche Übereinkunft über den Zustand der Gegenwart darstellen, die aber nichts desto weniger fragwürdig und bezweifelbar und also keineswegs selbstverständlich sind.

Ein Beispiel ist die Aussage, die gegenwärtige Zeit sei besonders „beschleunigt“. Das bezieht sich dann auf gesellschaftliche Veränderungen einerseits und auf technologische  Entwicklungen andererseits. Oft wird die Feststellung einer Beschleunigung auch mit dem Hinweis auf die Hektik des Alltags begründet. Das aus meiner Sicht einzig konkret fassbare Datum (=Gegebene) aber ist die zunehmende Verdichtung von mancherlei Arbeits- und Produktionsprozessen. Hier ist die Aussage einer Beschleunigung sicher zutreffend. Ob das aber im Blick auf das Leben insgesamt gilt, ist für mich eher zweifelhaft. Konkrete Alltagsbeobachtungen sprechen eher dagegen. Ob man sich gerne in jeden Trubel stürzt und möglichst viel mit bekommen will oder ob man bedächtiger und behutsamer Schritt für Schritt an Dinge und Entscheidungen heran geht, ist eine Frage der persönlichen Einstellung, der Mentalität. Die angeblich so verbreitete Beschleunigung der Lebensverhältnisse und ihrer Veränderungen besteht zum einen aus der Verwechslung von Beschleunigung mit selbst induzierter Hektik (man macht sich Stress) vermittels übersteigerter Ansprüche, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erleben, zum anderen darin, dass der erlebnishafte Vergleich mit der Vergangenheit fehlt. Liest man zeitgenössische Berichte zum Beispiel aus den „goldenen Zwanzigern“ des vorigen Jahrhunderts in Berlin, so ist die Klage oder Freude über eine übergroße Hektik („Jubel, Trubel, Heiterkeit“) kaum zu übersehen. So neu scheint das Phänomen der Beschleunigung also gar nicht zu sein. Dass die jeweilige Zeit hektisch und überstürzt sei, wurde eigentlich zu vielen Zeiten gesagt (vgl. Renaissance). Darüber hinaus zeigt uns die Sozialforschung, dass sich Einstellungen und Mentalitäten nur sehr allmählich, im Grunde nur von Generation zu Generation wirklich ändern und verschieben. Was also ist heute so „beschleunigt“?

Times Square NY

Times Square NYC

Am ehesten scheint das auf die technologischen Entwicklungen zuzutreffen. Die Taktzahl der allfälligen Neuerscheinungen hat sich gewaltig erhöht; alle halbe Jahr gibt es neue technische Geräte, insbesondere im Bereich von Medien und Kommunikation (Handys!). Doch marktgetriebene Neuerungen sind selten eine wirkliche Beschleunigung, entpuppen sich doch die meisten Neuheiten als nur geringfügig verbesserte Altversionen. Auch technologische Entwicklungsschübe bleiben weitaus seltener, als es die medialen promotions (PR!) glauben machen. Wie das Automobil in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die künftige Entwicklungen verändernde und bestimmende Neuerung war, so dürfte wohl die Verbreitung des Mediums Internet zu den wegweisenden Neuerungen dieses Jahrhunderts gehören. Ein neues iPhone allerdings macht wie eine Schwalbe noch längst keinen ‚beschleunigten‘ Sommer. In diesem Sinne sind konsumorientierte Neuheiten eigentlich nichts, was eine Beschleunigung des Lebens des Einzelnen bewirken könnte. Auch hier zeigt sich beim näheren Hinsehen, dass sich Verbraucherverhalten nur sehr allmählich ändert und auf neue Verhältnisse einstellt. Hier muss man manche „Internetfuzzis“ bei aller Begeisterung einfach mal auf den Boden der Tatsachen zurück holen.

Ein anderes Phänomen ist der Burn-Out. Unter Medizinern ist es nach wie vor umstritten, ob es sich dabei um ein eigenes Krankheitsbild handelt, und wenn ja, um welches, oder ob es sich um eine unscharfe Bezeichnung für ein Art von Depressionen oder depressivem Verhalten handelt. Schaut man in die Medien, bekommt man allerdings den Eindruck, es handele sich um eine neue Volksseuche. Nun ja, vor einhundertfünfzig Jahren gehörte es in der Damenwelt zum guten Ton, regelmäßig in Ohnmacht zu fallen. Mir scheint das, was man mit Burn-out-Syndrom bezeichnet, eher ein symptomatischer Ausdruck für ein Gefühl der Selbstüberforderung zu sein. Die kann natürlich auch handfeste klinische Befunde verursachen. Die Leidenserfahrung Betroffener will ich weder klein reden noch ignorieren. Nur könnten die Ursachen und Zusammenhänge von anderer Art sein, als es die „Modekrankheit“ Burn-Out anzeigt. Das Ausgebranntsein hat zwar auch etwas mit Selbstüberschätzung bzw. Selbstüberforderung zu tun, vor allem aber verweist es auf eine Desorientierung und vielleicht sogar Desillusionierung innerhalb der umgebenden Lebenswelt.

Damit kommen wir zu einem dritten Bereich, der als letztes Beispiel dienen soll. Es handelt sich um die viel beschworene zunehmende Komplexität unserer Gesellschaft und Lebensverhältnisse. Dabei ist es zunächst einmal gleichgültig, ob diese Zunahme der Komplexität real abbildbar ist, oder ob sie als solche lediglich erlebt wird. Letzteres ist offenkundig der Fall, bei Ersterem bin ich mir nicht so sicher. Meine These ist dabei, dass es weniger die objektiven Verhältnisse unseres Lebens sind, die so viel ‚komplexer‘ geworden sind, als vielmehr die Art und Weise, wie wir mit den Gegebenheiten und Zufälligkeiten der Ereignisse des Lebens umgehen. Leben ist immer und an sich von großen Zufälligkeiten und überraschenden Veränderungen geprägt, eine Allerweltsweisheit. Dem sollten in früheren, zum Beispiel eher ständisch organisierten Gesellschaften, klare Orientierungsrahmen entgegenwirken, die als Lebensordnungen bestimmten Werten folgten und einigermaßen klare Verhaltensweisen in den Unfällen des Lebens ermöglichten. Der Aufbruch in eine offene Gesellschaft der individuellen Freiheit, der Auswahl eigener Werte ohne vorgegebenes Wertesystem, die zunehmende Eigenverantwortlichkeit für die Gestaltung des eigenen Lebensverlaufs, sind große neuzeitliche Errungenschaften für die Selbstwerdung als freie Person, werden aber mit einem Verlust an selbstverständlicher Stabilität und Systemorientierung  erkauft. Ein guter Teil dessen, was heute als Zunahme objektiver Komplexität beschrieben wird, ist viel mehr der subjektiven Seite des Umgangs mit stets unsicheren und wechselhaften Lebensverhältnissen zuzuschreiben. Wenn es keine oder kaum selbstverständliche Verhaltensweisen im Umgang mit den Zufälligkeiten und Wechselfällen des Lebens gibt, muss sich jeder einzelne stets aufs Neue damit für sich auseinandersetzen und einen Ausweg finden. Das ist der Preis der Freiheit, der Offenheit und der Individualisierung unserer Lebensverhältnisse. Wer sie nicht missen möchte (ich gehöre jedenfalls dazu), muss damit leben, dass die Verhältnisse und Gegebenheiten jeweils eine eigene Entscheidung erfordern, dass eigene Werte und Verbindlichkeiten gesucht und freiwillig befolgt werden wollen und dass diese Freiheit und Offenheit in unserer modernen Gesellschaft der Individuen eben auch anstregend sein kann. Sich Übersicht zu verschaffen über die eigenen Lebensumstände und Ziele und hierbei eigene Prioritäten zu setzen fernab von gesellschaftlich verbindlichen Konventionen muss erlernt und geübt werden. Was Wunder, wenn sich da bisweilen das Gefühl der Überforderung und der „Überkomplexität“ der Lebensverhältnisse breit macht. Die offene Gesellschaft freier Individuen in der modernen Zeit („everything goes“) gibt es tatsächlich nicht zum Nulltarif.

Dies sind nur einige Aspekte der Betrachtung unserer Gegenwart. Vor allem was den Blick auf die Entwicklung der modernen Gesellschaft betrifft,  ist hier nur ein einziger, wenngleich grundsätzlicher Aspekt genannt worden. Selbstverständlich sind die politischen Verhältnisse, Machtstrukturen, kulturelle Bindungen und Verflechtungen, globalisierte Entwicklungen usw. usw. in eine genauere Analyse einzubeziehen. Hier geht es nur um einige Beobachtungen und Anregungen, die gegenwärtige Zeit und einige ihrer Entwicklungen ruhig in den Blick zu nehmen. Das Bild ließe sich um viele Aspekte ergänzen, erweitern, korrigieren. Nur der Versuch der vorsichtigen Distanzierung (Abstand gewinnen) kann hierbei weiter helfen.

 21. April 2013  Posted by at 11:04 Gesellschaft, Moderne Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Zeiterscheinungen
Feb 172013
 

„2012 DA14“ – So lautet die astronomische Kennzeichnung des Asteroiden, der Freitag Abend, am 15.02. gegen 20:30 h, in nur 27.500 km Entfernung an der Erde vorbei flog. Dieses Kürzel „2012 DA14“ wird man schnell wieder vergessen haben. Die Aufregung über den über Russland am Ural nieder gegangenen Meteoriten war sogar größer, weil er sichtbaren Schaden angerichtet hat – und weil es so schöne Videos von dem Feuerball auf YouTube gab. Aber ansonsten ist nichts gewesen. Das durch den Maya-Kalender am 21. Dezember vergangenen Jahres angeblich vorausgesagte Weltende hat jedenfalls sehr viel mehr und anhaltender Aufmerksamkeit erregt. Die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit, die „Voreinstellung“ unserer Psyche, ist schon sehr merkwürdig. Sie reagiert nur auf einzuordnende, also bekannte Gefahren, die man sieht. Ein mythologischer „Weltuntergang“ à la Maya scheint jedenfalls vertrauter und darum begreifbarer zu sein als der wahrlich gefährliche Vorbeiflug (besser: Beinahe-Kollision) eines Asteroiden, den man sich ohnehin nicht vorstellen und dessen Gefahrenpotential man deswegen auch gar nicht einschätzen kann. Gut, es ist nichts passiert, nur ein paar Fensterscheiben am Ural kaputt, so what?

Wer etwas mehr wissen will, kann in den Medien auf den Wissens-Seiten einiges Informative über die Möglichkeiten der Beobachtung und Abwehr von Meteoriten und Asteroiden erfahren, gut aufgemacht mit allerlei Bildchen und erläuternden Grafiken. Das klingt alles sehr seriös mit Gewährsleuten von NASA und ESA. Ja, rechtzeitig muss man es nur wissen, ja und einigermaßen erkennbar müssen die Dinger sein, das sind dann ohnehin nur größere Objekte, also so ein Klecks wie der über dem Ural, den könne man glatt vergessen, ist vorher nicht zu erkennen, ja dann könne man etwas machen, wenn man so ca. 4 Jahre Vorlaufzeit hat, kein Problem, da tauschen sich die Wissenschaftler und Techniker jetzt international aus, da gibt es ja verschiedenen Szenarien, solch einen Himmelskörper abzulenken und aus der Bahn zu werfen, wie genau wisse man natürlich noch nicht, erprobt sei da gar nichts, manches könne man sich halt vorstellen, dass es funktionieren könnte, Testmöglichkeiten gäbe es dazu ja leider keine, jaja, gleich der Ernstfall, aber der wird schon nicht so schlimm sein, ist äußerst unwahrscheinlich, Wahrscheinlichkeit etwa so groß wie vom Haifisch gebissen zu werden – ach, das passiert oft? Naja, ist eben alles relativ, und manche Ideen mögen nicht viel mehr sein als die „blanke Verzweiflung“ – uups? wie war das? Verzweiflung? Wieso das denn? Ach so, die Dinosaurier…

2012 - DA14

2012 – DA14 (NASA)

Denn das ist nirgendwo klar zu lesen, allenfalls rutscht mal am Ende eines Artikels so etwas raus wie hier im n-tv-Bericht die zitierte „blanke Verzweiflung“: Dass wir eigentlich überhaupt nicht wissen, was wir gegen eine Kollision mit einem Asteroiden machen können, – gegen Meteoriten ist absehbar schon gar nichts möglich: zu viele, zu schnell, zu klein. Wahrscheinlich muss man zugeben, derzeit über keinerlei sichere Mittel bzw. Technologie zu verfügen, um die Erde vor einem Aufprall durch einen Asteroiden von der Größe „2012 DA14“ (50 m Durchmesser) oder mehr bewahren zu können. Schwer zuzugeben: Da ist eine nicht unerhebliche Gefahr, und wir können wahrscheinlich nichts Erfolgversprechendes dagegen unternehmen. Eine solche Erkenntnis, ein solcher Satz ist für unser heutiges (Selbst-) Bewusstsein inakzeptabel, unbegreiflich, schlicht nicht nachzuvollziehen oder gar hinzunehmen. Das kanns nicht geben.

Genau das ist aber sehr problematisch. Menschliches Wissen und Können ist immer begrenzt, schon ganz besonders im Hinblick auf die universalen Kräfte in der Natur. Weil es uns seit der Neuzeit aber so gut gelungen ist, die Kräfte der Natur auf der Erde anscheinend in den Griff zu bekommen, hat sich das Bewusstsein breit gemacht, es gäbe prinzipiell nichts mehr, was nicht mit geeigneten Technologien zu bewältigen wäre. Unmöglich ist verboten. Nicht die Anerkenntnis von Grenzen und Unmöglichem, sondern Lösungen sind gefragt. Es gibt immer welche, sagt man. Dies nenne ich die Hybris der Neuzeit. Sie ist die vielleicht verderblichste Grundeinstellung des heutigen Menschen überhaupt. Verderblich ist wörtlich zu nehmen: weil sie ihn irreparabel ins Verderben führt. Dies gilt auf vielen Gebieten, der Beispiele sind Legion: Klimaveränderung, Umweltverschmutzung insbesondere der Ozeane, Vernichten der Biodiversität sind die Hauptthemen. Änderungswille ist kaum vorhanden, solange es noch irgendwie weiter geht. Typisch ist die vor allem in den USA verbreitete technizistische Auffassung zum Klima: Da wir den CO2-Ausstoß kaum vermindern können, lasst uns lieber höhere Deiche bauen.

Alles ist machbar? Es scheint nur so. Die Erfolge der technologischen Entwicklungen der vergangenen zweihundert Jahre sind so überwältigend, dass eine Grenze menschlicher Verfügungsmacht überhaupt nicht mehr in den Blick genommen wird. Es gibt sie einfach nicht. Was vom neuzeitlichen Bewusstsein nicht als real anerkannt wird, ist nicht. Natürliche Grenzen sind halt nicht „real“, denn alles ist möglich: Om – om – om. Man muss nicht ins Weltall schauen, um die Grenzen der menschlichen Fähigkeiten zu entdecken. Es reicht der Blick auf die Verhältnisse auf unserem Planeten. Sogar die viel gerühmten und oft beschworenen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters machen davor keinen Halt: Nach Aussagen einiger Fachleute haben wir zum Beispiel die Kontrolle über die selbständig in Hochgeschwindigkeit interagierenden Computersysteme an den Börsen längst verloren; selbst Insider verstehen nicht mehr, was da abläuft (siehe Schirrmacher, Mirowski).

Angesichts der möglichen Kollisionen mit größeren Himmelskörpern sind wir bis auf Weiteres völlig machtlos. Zwar hat die menschliche Kreativität bisher immer wieder Erstaunliches zu Wege gebracht, aber hier geht es um Dimensionen, gegenüber denen die Hiroshima-Bomben Kinderspielzeug waren. Schon 2029 nähert sich ein nächster Asteroid, 2040 ein noch größerer. „Auch nach der Kollision mit einem Asteroiden würde sich die Erde weiterdrehen, und es gäbe noch Leben auf dem Planeten. Doch die Zerstörungen wären mitunter großflächig.“ (n-tv) Dieser Satz ist halbwegs realistisch, klingt aber noch schönfärberisch. Ein Asteroiden-Impact von der Größe und den Zerstörungsausmaßen von Flagstaff, Arizona, würde langfristige Veränderungen des Klimas bewirken – schon die Asche bei Vulkanausbrüchen beeinträchtigt unser modernes Leben erheblich, siehe Eyafjallayökull (2010). Ein Asteroidenaufprall würde mit Gewissheit unser Leben völlig verändern, ganz abgesehen von den unmittelbaren Schäden und Toten. Da bliebe nichts mehr, wie es war.

Alles ist möglich? Ja, – aber eben nicht dem Menschen. Der sollte sich seiner Begrenztheit, gerade auch der Grenzen seines Wissens, seiner Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten immer bewusst bleiben. Das macht nüchtern und trägt dazu bei, sich mehr auf das zu konzentrieren, was wir wirklich erreichen können im Blick auf unseren Planeten. Auch im Hinblick auf die Gefahren aus dem Weltall sind alle Anstrengungen nötig, klar. Aber auch da werden Grenzen bleiben, Grenzen, die wir anerkennen und aussprechen sollten. Das macht uns vielleicht ein bisschen realistischer und bescheidener. Der Rest erledigt sich von alleine.

 17. Februar 2013  Posted by at 10:41 Mensch, Moderne, Natur, Neuzeit Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Das Unvorstellbare denken
Jan 262013
 

Im politisch-feuilletonistischen Kontext stößt man heute oft auf die Redeweise von der „Komplexität der Gesellschaft“, der Zunahme „sozialer Ausdifferenzierung“ und des „Bedeutungsverlustes von Sinnsystemen“. Dass unsere moderne Gesellschaft durch ein neuartiges Maß von Komplexität gekennzeichnet ist, gehört zum Allgemeingut, fast schon zum selbstverständlichen Hintergrundwissen, wenn man mit einer Kurzformel direkt oder indirekt unsere heutige Gesellschaft im Gegensatz zu früheren Gesellschaften charakterisieren will. Die Beschreibung der Komplexität wird ergänzt oder präzisiert mit dem Hinweis auf die breite soziale Ausdifferenzierung, die frühere statische Hierarchien bzw. Klassen abgelöst hätten. Übergangsweise (zeitlich wie sachlich) spricht man auch gerne von mehreren in sich noch einmal strukturierten Schichten oder von einer breiter ausgefächerten, zur Nivellierung tendierenden „Mittelstandsgesellschaft“ (Schelsky). Hinzu kommt die Feststellung, dass fest abgegrenzte und allgemein anerkannte Sinn vermittelnde Institutionen an Bedeutung bzw. „Glaubwürdigkeit“ verloren haben („Krise der Institutionen“). Bisweilen wird auch eine zunehmende Entpolitisierung der Gesellschaft diagnostiziert, verbunden mit dem Rückzug ins Private, zu Freizeitvergnügen und Spaß. Damit sind Vorstellungen und Begriffe genannt, wie sie einem in Artikeln, Beiträgen und Diskussionen wie selbstverständlich begegnen. Ich stutze dabei freilich immer öfter.

Woher kommen diese gängigen Zuschreibungen zur Kennzeichnung unserer Gesellschaft? Es handelt sich dabei, wie auch kaum anders zu vermuten, um Popularisierungen bestimmter sozialwissenschaftlicher Theorien und Modelle (vgl. N. Luhmann). Es braucht allerdings schon eine hohe heuristische Qualität, wenn soziologische Theoriebildungen ihren Weg in die Alltagsdiskussion finden sollen, sprich: Diese Theorien müssen recht offenkundig etwas ansonsten Unverstandenes erklären und aufhellen können. Dann haben sie das Zeug, in das Bewusstsein der Allgemeinheit, in politische oder kulturelle Diskussionen einzudringen und sie als festes Hintergrundwissen prägen zu können. Dies ist für sich genommen ganz wertfrei ein normaler Prozess, wie „Weltbilder“ oder „Denkmodelle“ die jeweils erfahrbare Welt verstehen und begreifen helfen. Aber damit erhalten wissenschaftliche Erklärungsmodelle, die an sich immer nur partielle Beschreibungen und vorläufige Deutungen eines Aspekts der Wirklichkeit liefern können, universellen, bisweilen sogar „totalitären“ Charakter und werden zur Ideologie, zur vereinfachenden und verzerrenden, eindimensionalen und polarisierenden Darstellung einer an sich äußerst vielgestaltigen und vielschichtigen Wirklichkeit.

Ich habe den Eindruck, dass zumindest in Teilen der interessierten Öffentlichkeit heute die „Systemtheorie“ die wesentlichen soziologisch relevanten Deutungsmuster und Kategorien zum Verständnis unserer Gesellschaft liefert. Als populäre Derivate kann man jetzt auf die „Komplexität“ der gesellschaftlichen Systeme und auf den Verlust von „Sinnsystemen“ verweisen. Ja, Komplexität wird im Gefolge dieser soziologischen Theorien zum Ausweis einer modernen Gesellschaft überhaupt, die sich in vielfältigen Institutionen und Teil- und Subsystemen strukturiert und entsprechend differenziert kommuniziert. Eine inhaltliche Nähe zu den Strukturen digitaler Netzwerke scheint sich anzubieten, um auf diese Weise Kategorien und Begriffe aus der soziologischen Theorie bzw. der Technikwelt in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu übernehmen oder doch zu übersetzen. Gerade in der Netzdiskussion findet man häufig systemorientierte Interpretamente.

Struktur (Metall)

Struktur (Metall)

Die Komplexität unserer Gesellschaft in funktionalen Systemen gilt als das unterscheidende Merkmal der modernen Gesellschaften gegenüber „traditionellen“, hierarchisch strukturierten und in vertikalen Ständen oder horizontalen Verbänden gegliederten Gesellschaften. Vielleicht sollte man aber besser von einer Zunahme der Dynamisierung gesellschaftlicher Prozesse sprechen, beginnend mit der Industrialisierung – und mit der Allgewalt des Finanzkapitals noch lange nicht endend. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, inwiefern unsere heutigen (westlichen) Gesellschaften apriori komplexer sind und sich aller erst durch Komplexität konstituieren im Vergleich zu anderen (auch früheren) Gesellschaftsformen. Diese Sichtweise erscheint mir als zu eng.

Entsprechendes gilt für den allseits diagnostizierten Verlust von „Sinnsystemen“. Ohne Zweifel hat die Selbstverständlichkeit einiger „Sinn-Agenturen“ wie Kirchen und Gewerkschaften erheblich nachgelassen. Daraus wird man aber kaum einen Verlust an Sinn vermittelnden Instanzen ableiten können, allenfalls eine Verschiebung hin zu anderen Instanzen und Institutionen, denen sich der Einzelne selber verbunden fühlen kann. Der gesellschaftliche Zwang, bestimmten vorgegebenen Sinnagenturen zu folgen (der Kirche, der bürgerlichen Moral, dem Brauchtum), ist geschwunden. An deren Stelle ist die individuelle Suche und Wahl einer Verbindlichkeit getreten, die vielfältige plurale Angebote bereit stellen.

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Ich möchte einmal einen anderen Blickwinkel vorschlagen: nicht den systemtheoretisch voreingestellten Blick ‘von oben’, sondern den Blick ausgehend vom Einzelnen, wie er sich in seiner Welt sieht. Der Einzelne steht stets in Beziehungen zu anderen, mit denen er interagiert. Die anderen sind für ihn jeweils Vermittlungsstellen („Knoten“) seines Weltbezuges, die ihrerseits wiederum mit weiteren verbunden sind. Entweder sind das fremde oder ihm ebenfalls bekannte Individuen / „Knoten“. Die Beziehungen sind sehr unterschiedlich strukturiert und regelgeleitet: Die Beziehung zum Partner ist eine andere als die Beziehung zum Chef; die Beziehungen in der Familie sind anders als die am Arbeitsplatz, die im Sportverein wieder anders als die in der Nachbarschaft usw. Dies lässt sich gut im Bild eines Netzwerks beschreiben, wobei die meisten Verbindungen reziprok sind. Von der Valenz her, also der Qualität nach sind sie aber jede für sich unterschiedlich gewichtet und unterliegen sehr unterschiedlichen Regeln und Normen. Zudem sind einige Beziehungen vorgegeben (Eltern-Kinder), andere selbst gewählt und präferiert, einige dauerhaft (Kind der Eltern; bester Freund), andere eher lösbar oder gar nur auf Zeit angelegt (Arbeitsverhältnis). Dies wäre noch weiter auszuführen und differenzierter zu bestimmen, ich belasse es bei dieser Skizze. Entscheidend ist, dass sich die Weltsicht für den Einzelnen praktisch aus seinen Beziehungen ergibt und sich zugleich in seinen Beziehungen spiegelt. Das alte Sprichwort „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist“ beschreibt einen Aspekt dieses Wechselverhältnisses von Leben-in-Beziehungen und Ich-Konstitution. Oder noch anders: Der Mensch als soziales Wesen konstituiert sich auch als Individuum nur in und durch Beziehungen zu anderen. Das durch andere vorgängig vermittelte Wissen und Leben-in-Beziehung schließt dem Menschenkind aller erst seine Welt auf.

Fragen wir also danach, wie sich die Wirklichkeit im Leben des Einzelnen zeigt, so geht es nicht um objektiv ermittelte Strukturen, also auch nicht um ein von außen oder ‘oben’ auferlegtes Raster, sondern um das, was sich konkret in lebendiger Vielfalt als Welt-in-Beziehung zeigt. Das, was sich da zeigt (Welt-in-Beziehung), kann nun als verständlich, übersichtlich und vertraut erfahren und gedeutet werden oder als unübersichtlich und verwirrend. Meist sind beide Komponenten gegeben, das Vertraute-Klare und das Unvertraute-Unsichere in jeweils unterschiedlichen ‘Mischungsverhältnissen’. Beständige Beziehungen werden eher dem Feld des Eindeutigen und Vertrauten und darum Sicherheit Gewährenden zuzuordnen sein, kurzfristige, instabile Beziehungen eher dem Bereich des Unklaren, Unsicheren. Je mehr sich das Leben des Einzelnen in solchen Beziehungen wieder findet, die Verständlichkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit geben, desto verständlicher, einfacher und gewisser wird ihm seine Welt erscheinen, und umgekehrt: Je unsicherer die Beziehungen, desto unübersichtlicher und unverständlicher wird ihm seine Welt.

Wir können nun heute feststellen, dass sich gerade in den Beziehungen des einzelnen Menschen innerhalb seines Lebens erhebliche Veränderungen abspielen, die eine Folge der Dynamik der gesellschaftlichen Anpassungen und der wirtschaftlichen Veränderungen sind. Bestimmte Erwartungen ‘sicherer’ Beziehungen etwa durch eine lebenslange Partnerschaft, ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis, eine Verwurzelung an einem bestimmten Wohnort (Heimat) weichen immer öfter flexiblen Lebensverhältnissen mit einem „Lebensabschnittspartner“, einer befristeten Arbeitsstelle und einem nur zeitweisen Wohnort. Dies nur als markante, gut belegte Beispiele. Aus der Sicht des Einzelnen ist seine Welt also nicht „komplexer“, sondern schlicht unübersichtlicher und unsicherer geworden. Selbst wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse („Systeme“) auf relativ einfachen Strukturen und Mechanismen beruhten – und ich glaube, dies ist tatsächlich der Fall – , wäre die Gesellschaft doch aus der Sicht und auf Grund der Erfahrung des Einzelnen ‘kompliziert’ im umgangssprachlichen Sinne, weil sie sich in seinen Beziehungen als unübersichtlich und unsicher darstellt, zum Teil auch deswegen, weil ökonomisch-politische Abläufe und Zwänge sowohl unverstanden als auch an sich unverständlich sind.

Es ist also die Unübersichtlichkeit und Unsicherheit, die dem Einzelnen in seiner Welterfahrung widerfährt. Dies ist als solches kein neues Phänomen, jede Epoche (zumal bei Jahrtausendwenden!) hatte ihre Krisen und Unübersichtlichkeiten und dementsprechend ihre „Neurosen“ beim Einzelnen wie in der Gesellschaft. Heute allerdings ist die Dynamisierung der Lebens- und Wirtschaftsvollzüge derart angewachsen (manche nennen es ‘beschleunigt’), dass die Weltsicht fast zwangsläufig fragwürdig, unübersichtlich und diffus wird. Was gilt noch? Was gibt Sicherheit? Wo finde ich Bestätigung? Wo Geborgenheit? Welchen Sinn macht es / alles? Sowohl die Irritationen in den menschlichen Interaktionen als auch die fast zwanghafte Suche nach Stabilisierung und persönlicher Vergewisserung (-> Neurotisierung) erklären sich durch diese veränderten Beziehungsverhältnisse. Mal sehr platt formuliert ist es die Frage, ob der geeignete Mensch für diese Dynamik globaler Veränderungen überhaupt schon geboren ist.

Wir sind von den Schlagworten wachsender Komplexität und sinkender Sinnvermittlung ausgegangen. Statt objektiv von wachsender Komplexität schlage ich darum vor, lieber subjektiv von einer faktischen Unübersichtlichkeit zu sprechen, die unsere Epoche kennzeichnet. Die Kategorien „komplexer Systeme“ verführen zu einer theoretischen Eindeutigkeit, die es so praktisch nicht gibt. Wir sind auf der Suche, unsere Welt zu verstehen, jeder für sich und „in Beziehung“. Nur in und durch seine wirklichen Lebensvollzüge in konkreten Lebensbeziehungen kann der Einzelne seine Welt bewältigen und begreifen. Die Suche nach Sinn spiegelt nur die Suche nach stabilen Beziehungen in den eigenen Weltverhältnissen wider. Die Gesellschaft als Ganzes ist ‘mehr’, vor allem anders als die Summe ihrer Individuen. Und doch macht erst der seiner selbst bewusste und gewisse Einzelne in seinen konkreten Beziehungen und den ihnen eigenen Normen und Strukturen den Kern unserer Gesellschaft aus. Ihre Dynamik hängt letztlich auch von ihm ab. Insofern ist es zutreffender, von „Individualität-in-Beziehung“ als Kennzeichen unserer Moderne zu sprechen.

[27.01.: Gekürzt. Die Langfassung findet sich hier.]

 26. Januar 2013  Posted by at 18:46 Gesellschaft, Individuum, Moderne Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Verführerische Komplexität
Okt 162012
 

Die Entwicklung der modernen Welt ist an einem Punkt angelangt, an dem die Dimension der quantitativen Veränderung diverser Parameter der Sozioökonomie einen qualitativen Sprung, umgangssprachlich einen „Quantensprung“, anzuzeigen scheint. Angesichts der globalen Bedeutung und Auswirkungen der gegenwärtig stattfindenden Prozesse kann von einer Art Paradigmenwechsel gesprochen werden. Das Ende der „Westzentrierung“ ist eingeläutet. Dies jedenfalls ist die zentrale These von Volker Schmidt, derzeit als Professor für Soziologie in Singapur tätig.

Die Größenordnung und Tragweite des sozialen und technologischen Wandels, der sich in den letzten ca. zwei bis drei Jahrzehnten zugetragen hat, übersteigt in mehreren Dimensionen diejenige aller vergleichbaren Phasen früheren Wandels, in manchen den kumulativen Effekt bzw. Entwicklungsertrag der voranliegenden 150 Jahre. – Der globale Durchbruch moderner Lebensverhältnisse … ist ein Novum von welthistorischer Bedeutung, das wissenschaftlich noch kaum verarbeitet ist. Er markiert die Heraufkunft einer „anderen Welt“, einer Welt, die uns in vielerlei Hinsicht vertraut ist, sich jedoch zugleich radikal von ihren Vorläufern unterscheidet. … Dabei spricht einiges dafür, dass er in der Summe seiner Einzelerscheinungen, womöglich auch in seinen Konsequenzen, alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

In mehreren Beiträgen des SOZBLOGs beleuchtet Volker Schmidt, ausgehend von der thematischen Eröffnung unter der Überschrift „Durchbruch der globalen Moderne“ (12. September 2012), verschiedene Aspekte dieses epochalen Wandels. Insbesondere beziehe ich mich dabei noch auf den Beitrag vom 10. Oktober 2012, „We ain‘t seen nothing yet“ (siehe Bachman Turner Overdrive 1974), frei übersetzt: Das hat die Welt noch nie gesehen.

Schon die Transformationen des 19. und 20. Jahrhunderts haben zeitgenössische Beobachter immer wieder in ungläubiges Staunen versetzt. Aber nicht nur mit dem Übergang zum modernen Zeitalter, auch innerhalb desselben nimmt die Intensität und Extensität des Wandels von Phase zu Phase zu. Es steht zu erwarten, das auch die gegenwärtige Phase, die Phase der globalen, polyzentrischen Moderne das Wandlungsgeschehen nochmals beträchtlich dynamisiert. Die Transformationskraft und das Transformationspotential der globalen Moderne sind nämlich ungleich größer als diejenigen früherer Phasen der Modernität.

In Anlehnung an Parsons‘ Unterscheidung von Gesellschaft, Kultur, Person und Verhaltensorganismus („heuristisch fruchtbar“)  und unter Zuhilfenahme systemtheoretischer Konzepte Luhmanns („Expansionismus der Funktionssysteme“) skizziert Schmidt das exponentielle Wachstum in den Bereichen Produktion, Wohlstand, Bildung, Forschung, Rationalisierung, Individualisierung, Alphabetisierung, Frauenrechte usw. Er zitiert in beeindruckender Weise verfügbare globale Datensätze und Veröffentlichungen der UNO / UNESCO, Statistischer Ämter und Einzeluntersuchungen. Dabei kommt ihm sein „asiatischer“ Blickwinkel zugute, der ihn manche Entwicklungen und Bewertungen bei uns als Sichtweisen „westlicher“ Dominanz erkennen lassen. Diese aber gehe seit der Jahrtausendwende offensichtlich zu Ende.

Nimmt man eine globale Perspektive ein und orientiert man sich an den im 20. Jahrhundert geläufigen Indikatoren für Modernität, dann scheint es nämlich nur wenig übertrieben zu sagen, die Transition zur Moderne befinde sich in gewisser Weise noch am Anfang, weil moderne Strukturmuster in großen Teilen der Welt erst jetzt auf breiter Front Wurzeln zu schlagen beginnen. Vor diesem Hintergrund erscheinen die genannten Begriffe als Ausdruck einer bemerkenswert parochialen Sichtweise. Denn abgesehen von ihrem analytisch ohnehin zweifelhaften Wert konnte man, wenn überhaupt, dann nur in Europa und Nordamerika auf die Idee kommen, man befände sich inmitten einer Phase des Übergangs zu einem neuen, nachmodernen Zeitalter. Wer so denkt, denkt die gesamte Welt vom Westen her, behandelt den Westen als Nabel der Welt und den „Rest“ als sozialtheoretisch vernachlässigbare Größe.

Schon die Vergleiche und Entwicklungslinien seit 1900 und dann erst recht ihre Dynamisierung seit 2000 (+/- 20 Jahre, wie er eingrenzt) sind beachtlich. Zwar beschleicht mich ein etwas ungutes Gefühl, wenn Schmidt als Grundlage seiner Analyse rein quantitative Größen verwendet, andererseits kann man bei Daten nichts anderes erwarten als Quantifizierbarkeit. Die dieser Datenlage entsprechende Qualität ist dann Sache der Interpretation bzw. des analytischen Modells sei es der vier Dimensionen gesellschaftlicher Entwicklung nach Parsons, sei es der Zunahme funktionaler Systeme nach Luhmann – oder eines anderen brauchbaren Modells. Und gewiss richtig, wenn auch nicht mehr neu ist es, den Fokus der Betrachtung auf Asien zu setzen.

Pepsi in Indonesien – Wikipedia

In jedem Falle sind Schmidts Überlegungen äußerst anregend, zumal er erstaunlicherweise und gegen den Trend nicht aufs globale „Netz“ und soziale Netzwerke Bezug nimmt, ansonsten die „üblichen Verdächtigen“ als „Marker“ des Modernisierungsprozesses. Zu fragen wäre allerdings, ob dieses Modell nicht zu optimistisch ist (nach dem „zu optimistisch“ fragt Schmidt nur bezogen auf die zukünftige Entwicklung der Datenreihen), zu fortschrittsgläubig. Den vielen deutlichen Steigerungen des Wohlstands und von Bildung und Wissenschaft stehen doch entsprechende Zunahmen der „Opfer“ gegenüber: Zurückgelassene der Modernisierung, Verslumung der Metropolen, Plünderung der natürlichen Ressourcen, Beschädigung der Umweltsysteme (Asien!), wachsende Armut-Reichtum-Drift, Renationalisierung, Fundamenalisierung, „failed states“, Klimaveränderung, um nur die wesentlichen Problembereiche und negativen Themen zu nennen. (Auch hierbei darf der Fokus durchaus auch auf Asien liegen.) „Das hat die Welt noch nicht gesehen“ – das trifft eben auch auf die weltweite Armut, die Gewaltanwendung gegenüber der Landbevölkerung (China), den Menschenhandel und den Drogenkonsum zu. Die italienische Mafia des 19. und 20. Jahrhunderts ist doch Killefit gegenüber der mächtigen, wachsenden organisierten Kriminalität ganzer Staaten und „Eliten“ heutzutage.

Kurz: Ich vermag diesen Optimismus hinsichtlich des „Durchbruchs der globalen Moderne“ nicht zu teilen. Ich halte schon die enthusiastische Beurteilungen des Siegeszuges egalitärer und freiheitlicher Strukturen allein durch die globale Vernetzung und den Gebrauch sozialer Medien für vermessen, wenn nicht realitätsfremd. Das Ausrufen des Zeitalters der „Globalen Moderne“, die uns um ein „Vielfaches reicher [… macht] als das … vor 150 Jahren“ der Fall war, erscheint mir recht einseitig aus der Sicht der Gewinner geurteilt. Und die Behauptung, letztendlich seien ja alle auf der Gewinnerseite, stellt Schmidt ausdrücklich nicht auf, wenngleich sie mit schwingt und immer wieder zu hören und zu lesen ist. Auch den Ärmsten der Welt gehe es besser als früher. Das mag sein, nur werden sie weiterhin immer stärker abgehängt. Weder das „Netz“ noch der globale „Fortschritt“ werden das Paradies auf Erden bringen. Wir sollten uns vielmehr anstrengen zu verhindern, dass die zukünftige Welt die Hölle wird.

 16. Oktober 2012  Posted by at 10:28 Bildung, Moderne, Wissenschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Globales Glück?
Okt 022012
 

Wir haben uns daran gewöhnt, in einer „christlich – abendländischen“ Tradition zu leben. Unsere europäische Welt ist aus dem „christlichen Abendland“ hervor gegangen, heißt es. Manche bezeichnen auch die Gegenwart noch als geprägt durch die „christlich-abendländischen Werte“. Dies wird mit besonderer Emphase gegen den Satz ins Feld geführt, der Islam gehöre zu Deutschland. Ganz abgesehen davon, dass es ziemlich unklar bleibt, welches denn die christlich-abendländischen Werte eigentlich sind, denen man sich verpflichtet fühlt, dient der Begriff „christliches Abendland“ eher als Parole in einem kulturpolitischen Abwehrkampf denn als klare Beschreibung einer geschichtlichen Wirklichkeit. Das so oft bemühte Bild vom „christlichen Abendland“ bedarf einer grundlegenden Revision.

In einem Kommentar von Thomas Urban in der heutigen Süddeutschen Zeitung (02.10.12 S. 3) über das Streben einiger spanischer Regionen nach Unabhängigkeit lese ich folgendes:

Auch im heißen Andalusien, der bevölkerungsreichsten Region Spaniens, hat sich ein starkes kulturelles Bewusstsein entwickelt. Es schöpft seine Kraft aus der Rückbesinnung auf das maurische Erbe. Dieses wurde jahrhundertelang im katholischen Spanien zerstört und aus dem Gedächtnis gestrichen. Doch nimmt ein wachsender Teil der heutige Elite Andalusiens das Kalifat von Córdoba und das Sultanat von Granada als Hochkultur wahr, die von Kastilien brutal zerschlagen wurde.

Averroes, aus Wikipedia

Genauer gesagt: Vom katholischen Kastilien wurde im Namen der Päpste und wiederholt unter dem Titel eines „Kreuzzuges“ das Unternehmen „reconquista“ durchgeführt (Hauptphase im 11. Jhdt.) zur „Rückeroberung“ Spaniens von den Mauren. Dies klingt nach einer Episode spanischer Geschichte in einem „Winkel“ Europas. Das Gegenteil ist der Fall. Die „Mauren“ in Spanien haben in einem kaum hoch genug zu schätzenden Ausmaß Wissenschaft, Denken und Kultur Europas insgesamt geprägt und beeinflusst, ja man kann zuspitzen: überhaupt erst ermöglicht.

Die Entwicklung des abendländischen Denkens ist ohne die Rezeption der arabisch-islamischen Kultur überhaupt nicht zu verstehen. Die Kenntnis der griechischen Philosophie, der indischen Mathematik, der morgenländischen Medizin und Astronomie gelangte ausschließlich über das maurische Spanien, also über Al-Andalus zu uns. Die Wiederentdeckung des Aristoteles war überhaupt erst möglich, seit man seine Schriften zuerst aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzte (Übersetzer-„Schule“ von Toledo), ehe man Jahrhunderte später während der Renaissance nach den griechischen Originalen stöberte. Bis dahin waren von Aristoteles nur die Logik und Dialektik bekannt, „propädeutische“ Schriften gewissermaßen. Insofern war dann auch die Wiederbelebung der Antike im 14. und 15. Jahrhundert (Renaissance) nur auf dem Hintergrund der spanisch-arabischen Vermittlung möglich.

Es ging nicht nur um die „alten“ griechischen Philosophen. Es ging um  das gesamte griechisch-hellenistische Erbe und seine Weiterentwicklung im arabisch-islamischen Kulturraum. Nachdem der oströmische Kaiser Theodosius 391/392 der griechisch-„heidnischen“ Tradition den Kampf angesagt und die griechische Philosophie unter Kaiser Justinian 590 verboten wurde (Schließung der „Akademie“ Athen), war das griechisch-römische Erbe mehr oder weniger verwaist. Die (uns heute völlig unbekannt gewordenen) islamischen Philosophen waren es, die sich dieses Erbes annahmen, es pflegten und weiter entwickelten: Alkindi (†873), Alfarabi (†950), Avicenna (†1037), Avepacem (†1138), Averroës (†1198) u.a.m. waren bedeutende Denker und Wissenschaftler, zum Teil Ärzte, in Bagdad, Teheran, Cordoba, Malaga, Fez, welche die Grundlagen für das mittelalterliche Denken und Wissen im Abendland legten. Ihre Schriften, besonders die Aristoteles-Kommentare des Averroës, wurden „Standardliteratur“ in dem geistesgeschichtlichen Aufholprozess des Abendlandes, der unter anderem in die sogenannte „Scholastik“, also „Schulphilosophie“, führte.

Das Denken und die Schriften der mittelalterlichen „Großen“ wie Thomas von Aquin (Rom, Neapel), Duns Scotus (Paris), Albert dem Großen (Köln) und Meister Eckhart (Erfurt, Straßburg, Paris) gründete auf der arabisch-griechische Philosophie und / oder stand in steter Auseinandersetzung mit ihr. Noch ein Nikolaus Cusanus (†1464), der als Ausklang des Mittelalters und Wegbereiter der europäischen Neuzeit gilt, fußt auf den Traditionen Avicennas und Averroës‘. Dies ist alles seit Jahrzehnten bekannt und wird entsprechend selbstverständlich seit langem in Philosophie und Geschichtswissenschaft diskutiert. Der „deutsche Mystiker“ Eckhart ist längst als Phantasieprodukt einer nationalen Romantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts entlarvt. Das Mittelalter und seine „Aufklärung“ im 13. Jahrhundert war sehr anders und viel lebendiger, als es uns heute meist im Gedächtnis ist (wenn überhaupt).

Die abendländische kulturelle Tradition speist sich also aus sehr unterschiedlichen Quellen und Strömen, das jüdische Erbe gehört dazu, das hellenistisch-römische, das islamisch-arabische, das christliche, um nur die Hauptlinien zu nennen. Darum ist es für das Verständnis und für die Kennzeichnung unserer abendländischen Tradition, ihrer Denkweisen und Werte, allererst abzuklären, welche Rolle das spezifisch Christliche dabei gespielt hat. Diese Rolle dürfte nüchtern betrachtet sehr viel negativer und ambivalenter ausfallen, als es der heutige Sprachgebrauch vermuten lässt. Die Spanier in Andalusien schicken sich an, ihr Geschichtsbild neu zu schreiben und das Erbe von Al-andalus wieder zu entdecken.

Dasselbe täte uns im Großen und Gesamt Europas not. Die abendländische Tradition ist ungemein vielfältig, widersprüchlich und verschlungen, viele uns heute selbstverständliche Denkweisen mussten oft erst gegen die „Mächte“ (vor allem Roms) errungen werden. Das „christliche Abendland“ ist ein apologetisches Zerr- oder Wunschbild (je nach Standpunkt) unserer Neuzeit. Zur Gewinnung einer sachlichen, nüchternen und religions-neutralen Betrachtung aber ist eine Revision unseres traditionellen Geschichtsbildes erforderlich. Es ist dran. Es täte uns  auch hinsichtlich der gegenwärtigen Diskussion um „Christentum“ und „Islam“ nur gut. Es wäre die Wiedergewinnung einer säkularen Geschichtsinterpretation.

 2. Oktober 2012  Posted by at 18:03 Europa, Geschichte, Kultur, Moderne, Neuzeit, Philosophie, Religion, Rom Katholisch, Wissen Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Revision eines Geschichtsbildes
Jul 152012
 

Schrille Töne in einer erneuerten Debatte um das Recht auf Beschneidung kleiner Jungen. Details aus dem „Fall Köln“ geraten in die Schlagzeilen und emotionalisieren. Es bleibt das Erfordernis der Sachlichkeit und der Güterabwägung über die Anerkennung des „Anderen“.

Nachdem zwei Wochen ins Land gegangen sind, seit das Kölner Landgericht die Beschneidung eines vierjährigen Jungen als Körperverletzung wertete, hatte sich die anfänglich aufgeregte Diskussion gelegt. Zuletzt gab es mehrere Verlautbarungen von Politikern unterschiedlichster Parteien (ausgenommen Die Linke), dass man jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland weiterhin ermöglichen wolle, dass darum die Rechtslage umgehend so geändert werden müsse, dass die religiös-kultische Beschneidung von kleinen Jungen straffrei möglich würde. Diese rechtliche Klärung sei im Interesse der Religionsfreiheit und der kulturellen Vielfalt in unserem Lande.  Juden und Muslime müssten nicht nur ohne Strafandrohung, sondern unter wohlwollender Akzeptanz ihrer religiös-kulturellen Eigenheiten leben dürfen und eben auch die gebotene Jungen-Beschneidung ausführen lassen dürfen – medizinisch einwandfrei, versteht sich. Schließlich bestätigte der Regierungssprecher Seibert, „verantwortungvoll durchgeführte Beschneidungen müssen in diesen Land straffrei möglich sein“, und zwar aus Sorge um den Rechtsfrieden. Das ist dann zwar kein besonders juristisch ausgezeichnetes Argument, sondern ein politisches, aber ein immerhin nachvollziehbares.

Nun werden nähere Einzelheiten aus der Vorgeschichte des Falles bekannt, der zu dem Kölner Gerichtsurteil führte. Und schon werden die Stimmen wieder lauter und vor allem schriller. Von „Beschneidung in Notaufnahme“, einem „Gemetzel in Köln“, „brisanten Komplikationen“ sowie einem „zerfressenen Penis“ ist allein schon in den Schlagzeilen die Rede. Zu den besonnenen Äußerungen gehört die gut fundierte Recherche zur Vorgeschichte und zu den bekannt gewordenen Details des in Köln verhandelten Falles, die Philip Eppelsheim heute in der FAS (FAZ.Net) vorgelegt hat. Aufgrund dieser detaillierten Schilderung des Falles und zugleich des Ursprungs der dem Urteil zugrunde liegenden Rechtsauffassung stehen weitere Informationen bereit, die zur Grundlegung eines eigenen Urteils beitragen können. Der in den reißerischen Meldungen enthaltene Generalverdacht, Beschneidung sei eine medizinisch höchst zweifelhafte, unsaubere und quälerische Angelegenheit religiöser Fundamentalisten, trägt allerdings wenig zur Versachlichung bei. Im Gegenteil, nun wird das Urteil zum Erweis eines ethisch gebotenen Verhaltens um der reinen Humanität willen gegenüber archaischen religiösen Miss-Bräuchen, die in unserer aufgeklärten Gesellschaft keinen Raum haben dürften. Gruselvorstellungen allein durch die Zusammenstellung der Begriffe „Amputation“ und „männliches Glied“ werden verbreitet und wecken Urängste vor Entmannung. Die Beschneidung zu verbieten wird so zum Gebot der Menschlichkeit, zu einer Forderung gemäß den Menschenrechten und zu einer Selbstverständlichkeit säkularer Vernunft.

Dies alles aber bestätigt zwar viele möglichen Vorurteile, hilft aber wenig zur Klärung der anstehenden Frage, ob und wie der religiöse Ritus der Beschneidung von unserer Gesellschaft als möglich und vertretbar akzeptiert und zumindest straffrei gestellt werden kann. Die Klärung dieser Frage kann nur in einer grundsätzlichen Erwägung über die Reichweite der Freiheit der Religionen zur Ausübung ihrer Gewohnheiten und Bräuche und der Reichweite des Anspruchs der Allgemeingültigkeit des Rechtes jedes Individuums auf körperliche Unversehrtheit erfolgen. Dabei geht es, das liegt auf der Hand, um eine schwierige Güterabwägung. Überlegungen der politischen Praktikabilität (Rechtsfriede, kulturelle Vielfalt, straffreie Ausnahmeregelung) dürfen dabei selbstverständlich ebenfalls eine Rolle spielen, denn Recht bildet sich nie fern der Kultur und der gelebten Lebenswirklichkeit. Zu letzterer gehört es aber eben auch, dass Religionen, religiöse Erziehung und religiöse Selbstbestimmung bei uns einen Raum haben. Bisher herrschte mehr oder weniger Konsens darüber, dass Religion im Alltag, wiewohl nicht rational begründbar, dennoch emotional und traditionell verankert einen wesentlichen Bereich menschlichen Selbstverständnisses, menschlichen Verhaltens und menschlicher Kultur darstellt. Und zu religiösem Leben gehören eine Fülle sogenannter „archaischer“ Riten wie Opfergaben, Niederknien, Anbetung vor Altären, Segnungen, Amulette und Bildnisse, Initiationsriten und Riten an den „Übergangspassagen“ (rites de passage) menschlichen Lebens. Religiöses Leben ist äußerst komplex und facettenreich, dazu später einmal mehr. Hier geht es nun aktuell darum, wieweit sich eine säkulare und humanitären Werten verpflichtete Gesellschaft „etwas“ in sich und neben sich und mit sich er-tragen, also im eigentlichen Sinne tolerieren kann und will, was vielleicht vielem, sicher jedoch manchem der heutigen Wertvorstellungen, Rechtsauffassungen und wissenschaftlich-kulturellen Erkenntnissen widerspricht. Es wäre dies ein Zeichen gelebter Liberalität, die auch die geschichtliche und soziale Bedingtheit von Werten und Ordnungen in einer Gesellschaft bedenkt und sich davor hütet, sich selber absolut zu setzen.

Ich erhoffe mir immer noch eine grundsätzliche und zugleich pragmatische Diskussion in der Öffentlichkeit darüber, welche Chancen und welche Grenzen religiöses Leben in der säkularen Gesellschaft haben darf. Vernunft ist dabei ein wesentlicher, aber nicht der alleinige Maßstab. Das tradierte „Andere“ anders sein zu lassen und dieses in den Grenzen unserer gesellschaftlichen Ordnung zuzulassen, wäre ein Merkmal einer umfassenden Humanität und einer wohlverstandenen Säkularität. Es ist die Probe darauf, was uns kulturelle Vielfalt wert ist und was sie uns in der Praxis an den Grenzen unserer Werte abverlangt. Insofern kann es ein guter und hilfreicher Diskurs sein, der die Überlegungen zu einer eventuell neuen gesetzlichen Regelung begleitet.

 15. Juli 2012  Posted by at 12:03 Aufklärung, Freiheit, Gesellschaft, Islam, Judentum, Kinder, Mensch, Menschenrechte, Moderne, Religion Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Beschneidungsurteil reloaded
Jun 052012
 

Geschichte als solche ist nicht „lehrreich“. Wir können sie allerdings dazu machen. Dann bekommen manche geschichtliche Ereignisse und Gestalten neue Leuchtkraft und erhellen die Gegenwart. Herfried Münklers Darstellungen gelingt das immer wieder.

 

Geschichte ist nicht einfach „interessant“ oder „lehrreich“, denn für sich genommen ist das, was war, eben das, was vergangen ist, und insofern im wörtlichen Sinne die Voraussetzung für das, was heute ist, und mehr nicht. „Geschichte“ wird das Vergangene erst durch den Akt intellektueller Aneignung, Wahrnehmung, Betrachtung, Analyse, Deutung, Bewertung usw. Geschichte in diesem Sinne ist also Konstruktion, aber natürlich keine willkürliche. Methodisches Herangehen und kritisches Sichten des „Materials“ (Dokumente und Daten aller Art) sollen zumindest sicher stellen, dass eine historische Darstellung an ihre Quellen gebunden bleibt, wenn auch der Anspruch eines Ranke, einfach darzustellen, „was war“, nicht einlösbar ist. Es gibt eben keinen Zugang zu Vergangenem, der nicht mindestens ebenso vieldeutig und interessegeleitet ist wie die Wahrnehmung und Beurteilung der jeweiligen Gegenwart. Im Gegenteil, diese „Multivalenz“ und Multiperspektivität“ nimmt mit dem Abstand von der Gegenwart eher noch zu. So weit, so bekannt, so gut.

Dennoch aber kann die Betrachtung eines bestimmten Zeitraums oder konkreter geschichtlicher Gestalten insofern „interessant“, also unser Interesse weckend und befriedigend, sein, als man Linien sozialer, wirtschaftlicher, politischer, kultureller, meinetwegen auch ‚ideengeschichtlicher‘ Art aus der Vergangenheit, aus einer bestimmten historischen Epoche, in die Gegenwart ziehen kann. Dabei sollte man sich dessen bewusst bleiben, dass epistemologisch die Blickrichtung ja entgegengesetzt verläuft, indem ich aus meiner heutigen Perspektive mit meinen jetzigen Erkenntnissen und Fragen an „die Geschichte“ herantrete. Mit diesen metatheoretischen Erwägungen im Hinterkopf kann es dann nicht nur unterhaltsam, sondern sogar äußerst lehrreich werden, strukturelle Parallelen, typologische Ähnlichkeiten,  Muster menschlichen / politischen Verhaltens, ursächliche Bedingungen und Wirkungen zu erheben und auszuwerten. Oft gelingt auch erst aufgrund eines anders gelagerten Selbstverständnisses des jeweiligen Historikers in seiner Jetzt-Zeit, neue Motive, Charakterisierungen oder gar „Paradigmen“ zu entdecken. Wir sagen dann, wenn eine solche Darstellung gut, also einleuchtend und überzeugend gelungen ist, dass sie uns einen historischen „Ort“ (Topos) oder eine geschichtliche Person neu erschlossen hat, neue bemerkenswerte Facetten der Vergangenheit entdeckt hat, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte vielleicht hier und da wieder aufspüren lassen und die sogar ein neues Licht auf unsere Gegenwart werfen können. So schließt sich dann ein Kreis der geschichtlichen Reflexion, wenn sie bestenfalls zur erneuten, d.h. erneuerten Selbstreflexion unserer Zeit geführt hat. Insofern möchte ich Geschichte als „lehrreich“ bezeichnen.

Dies kann man je nach eigener Meinung und eigenem Standpunkt nicht von allen, aber doch von vielen Werken der Historiker sagen. Insbesondere möchte ich diese interessierte und mich mit Interesse ansteckende Vorgehensweise der Beschäftigung Herfried Münklers mit Niccolò Machiavelli (Münklers Dissertationsschrift von 1982) attestieren. Dies Buch und seine sich darin gut erschließende Argumentation sollte eigentlich das leichtsinnige Reden vom „Machiavellismus“ im Sinne von rücksichtslos egoistischer Machtpolitik unmöglich gemacht haben. Vielleicht ist das Buch zu dick, als dass Politiker/innen das lesen könnten. Die Gedanken und Analysen sind nach dreißig Jahren noch genauso wichtig und erkenntnisfördernd wie zum Zeitpunkt ihrer schriftlichen Niederlegung. Der äußerst niedrige Preis in den Antiquariaten und sein Erscheinen als Taschenbuch 2005 macht den Zugang zu diesem Werk und seiner Themenstellung eigentlich leicht. Zu lesen ist es aber durchaus anstrengend; darum habe ich den Eindruck, seine Wirkung sei verpufft. Dabei könnte es doch … nun ja. Schön für einen selber, wenn man dann ein hoch interessantes „Fündlein“ entdeckt zu haben glaubt.

Ich möchte als ein Beispiel eine kleine Textpassage zitieren, die gar nicht auf Machiavelli gemünzt ist, sondern die sich mit Polybios beschäftigt, dem Geschichtsschreiber und „Staatsphilosophen“ aus dem 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, der den Niedergang von Griechenland – Makedonien und den Aufstieg Roms zur größten imperialen Blüte nach dem letzten der drei Punischen Kriege mit der Zerstörung Karthagos 146 vuZ beschrieben hat. Zugleich hat  Polybios über den zyklischen Wechsel der Staatsformen nachgedacht und war insofern ein gewichtiger Vorläufer und Ideengeber für Machiavelli. Münkler kommt da zu einer Beschreibung des Polybios, die einem heute noch ganz anders in den Ohren klingen mag als vor dreißig Jahren:

Der griechische Intellektuelle, den politischen Abstieg seiner Heimat vor Augen, ist von der Wucht und dem Erfolg der expansionistischen römischen Außenpolitik seit dem 2. Punischen Krieg fasziniert, die er allein aus dem Charakter der römischen Verfassung heraus zu begreifen vermag. In Anlehnung an die Entwürfe der mittleren Stoa, insbesondere die des Panaitios, die den römischen Waffen die Aufgabe zuwiesen, das Licht der hellenistischen Zivilisation über die ganze Erde zu verbreiten, entwarf Polybios den Gedanken einer Vereinigung der Menschheit zu einer einzigen, die gesamte Erde (oikumene) umfassenden, universalen Polis, in der Rom die Exekutivgewalt zufallen werde. Damit rechtfertigte er die imperialistische Außenpolitik Roms in ihrer ganzen Breite. Ein letzter Rest der klassischen Verknüpfung von Ethik und Politik schimmert dennoch durch: Kriege dürfen nur, so legt Polybios fest, um eines moralischen Zwecks willen geführt werden. Gerade diesen moralischen Zweck aber besaßen die römischen Legionen, solange der zivilisatorische Fortschritt im Gefolge ihrer Waffen einherschritt. Dilthey hat geglaubt, aus dem Gedanken der römischen Weltherrschaft, wie er von Polybios erstmals literarisch erfaßt worden ist (der aber sicher in der mittleren Stoa weit verbreitet war), eine Geschichtsphilosophie des Fortschritts heraus lesen zu können. Er übersah dabei jedoch den zutiefst pessimistischen Zug, der das Denken des hellenistischen Historikers beherrschte… [a.a.O. S. 126]

Eigentlich bin ich versucht, an die Stelle von „Rom“ im Text entweder „London“ zur Zeit Victorias (am britischen Wesen sollte die Welt genesen) oder eben Washington (am american way of life und an der US hard power soll die Welt genesen) zu setzen. Die „Rechtfertigung imperialistischer Außenpolitik“ und ihre moralische Unterfütterung verläuft wohl stets nach demselben Muster. Auch die These vom Aufstieg und Niedergang von Imperien (Münkler selbst hat dazu einen Klassiker geschrieben: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2005) leitet sich von derartigen Darstellungen und Beurteilungen ab. Das ist nicht allein deswegen interessant, weil man dann allzu schnell meint Parallelen ziehen zu können („siehste, die Amis gehn unter“), sondern weil einem beim genaueren Hinschauen neben Strukturparallelen auch vergleichbare (oder eben unvergleichliche) Voraussetzungen und Bedingungen zu Gesicht kommen, die einen zum genaueren Hinsehen auf die Umstände und Bedingungen heute motivieren kann. Jedenfalls erscheint einiges an Machiavelli, so wie Münkler sein Leben und Denken heraus gearbeitet hat, durch aus „modern“ und aktuell genug zu sein, um sich damit in den heutigen Krisensituation zu befassen. Denn „Krisen“ sind offenbar immer wieder sehr produktiv. Erst dann entfalten sich neue Möglichkeiten; sie können erst Wirklichkeit werden, wenn manches Alte nicht mehr taugt. Machiavelli war in den Wirrungen seiner Florentinischen Stadtrepublik äußerst an Stabilität interessiert, ja die Frage nach „Beständigkeit“ von Gesellschaft (sic!) und Herrschaft ist nach Münkler sein leitendes Motiv das gesamte Werk und die ganze Lebenszeit hindurch. Was hält noch, nachdem die mittelalterliche Versicherung der religiös-metaphysischen Garantiewelt dahin gegangen ist? Was kann heute Basis und Zielvorstellung politischen und gesellschaftlichen Handelns sein, wenn Machtpolitik de facto multi-polar und Finanzpolitik uni-global geworden sind? Machiavellis Losung „Beständigkeit“ bei allem Schwanken von virtù (Mut, Entschlossenheit und Nüchternheit) und necessità (notwendige sachliche Gegebenheiten) sollte zumindest auch das Leitmotiv bei der gegenwärtigen Bewältigung der EU- und Eurokrise sein. Allerdings scheint da „Beständigkeit“ oftmals mit starrköpfigem Festhalten an eigentlich unhaltbar gewordenen Positionen (Kanzlerin-Veto) verwechselt zu werden. Das ist nie gut. Machiavelli hat zumindest in seiner politischen Praxis sehr viel Flexibilität (contra Medici, pro Medici, contra Medici) gezeigt; geholfen hat es ihm persönlich allerdings wenig. Er landete auf dem politischen Abstellgleis als Schriftsteller. Florenz allerdings ging in der Folgezeit ebenfalls unter und verlor alle seine frühere Bedeutung…

 5. Juni 2012  Posted by at 12:52 Geschichte, Gesellschaft, Moderne, Politik Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Lehrreiche „Geschichte“
Mai 172012
 
Was der eine „Kultur der Ambiguität“ nennt, fasst ein anderer in die Forderung nach einer „Toleranzkultur“ der „Mehrwertigkeiten“. Die zufällige Begegnung zweier Bücher, die sich nicht zu kennen scheinen.

Zufällig las ich nach dem Buch von Thomas Bauer (siehe voriger Beitrag) Peter Sloterdijks aktuelle knappe Kulturtheorie der Religionen: „Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen„, 2007. Leider nimmt Bauer 2011 auf dieses Buch keinerlei Bezug, erwähnt es auch nicht im Literaturverzeichnis, obwohl es in demselben „Verlag der Weltreligionen“ (Insel) erschienen ist. Vielleicht ordnet er Sloterdijk unter die traditionellen Interpreten eines von Haus aus gewaltsamen Islam ein und übergeht ihn darum. Dabei sind die Parallelen nicht zu übersehen. Nach einer umfassenden Durchsicht der drei Monotheismen und ihrer „polemogenen“ Valenzen, die Sloterdijk wesentlich in ihrem Eifer für eine „einwertige“ Wahrheit (also ohne die Möglichkeit der Falschheit und Kritik) begründet sieht, kommt er ausdrücklich auf die Thesen von Jan Assmann zu sprechen, der den Ursprung des Monotheismus in der polemischen Ausformung einer ausgrenzenden und ausschließlichen „Gegen-Religion“ zu ägyptisch-orientalen Kulten sieht. In diesem Zusammenhang skizziert Sloterdijk die Aufgabe eines „Kulturvergleichs, in dem sich die Intoleranzkulturen des Nahen Ostens und Europas mit dem Wiederkehrrecht einer vergessenen und verdrängten Toleranzkultur ägyptischen (potentiell auch mittelmeerischen und indischen) Typs auseinanderzusetzen hätten“ (a.a.O. S. 210) In einer sprachlich und gedanklich gelungenen Paraphrase und Interpretation von Lessings Ring-Parabel hatte Sloterdijk schon im Kapitel vorher auf die Notwendigkeit und Unabweisbarkeit „mehrwertigen“ Denkens verwiesen, das sich des eifernden Reduktionismus auf die monotheistische „Einwertigkeit“ des Wahrheitsanspruchs in all ihren religiösen und nachreligiösen Spielarten verweigert. Mit diesen Gedanken kommt Sloterdijk dem sehr nahe, was Thomas Bauer mit der „Kultur der Ambiguität“, also der ’schwebenden‘ Wahrheiten ausgedrückt hatte; jedenfalls drängen sich mir die Parallelen bei dieser zufällig aufeinander folgenden Lektüre beider Werke auf.

Einig sind sich beide Autoren darin, dass es an Stelle des ‚Dialogs‘ oder ‚Trialogs‘ von Theologen und Theologien und auch an Stelle der thematischen Blickverengung reiner Religionswissenschaften und metaphysisch spekulierender Philosophien einer umfassenden Kulturwissenschaft bedarf, die sich des kulturell-evolutiven Erbes der Menschheit explizit widmet. Sloterdijk ist zuzustimmen, wenn er am Ende seines Buches fast als Appell  formuliert:

In allen Formen des metaphysisch-religiösen Eiferertums meint der Diagnostiker einen  kryptosuizidalen Drang zu einer jenseitigen Welt nachweisen zu können, in der begreiflicherweise vor allem diejenigen reüssieren möchten, die an den diesseitigen Tatsachen scheitern. … Globalisierung heißt: Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig. Das Jüngste Gericht mündet in die alltägliche Arbeit. Die Offenbarung wird zum Umweltbericht und zum Protokoll über die Lage der Menschenrechte. Damit komme ich auf das Leitmotiv dieser Überlegungen zurück, das im Ethos der Allgemeinen Kulturwissenschaft gründet. Ich wiederhole es wie ein Credo und wünsche ihm die Kraft, sich mit Feuerzungen auszubreiten. Der zivilisatorische Weg ist allein noch offen.“ (a.a.O. S. 216 f.)

 17. Mai 2012  Posted by at 09:29 Kultur, Moderne, Philosophie, Vernunft Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Toleranzkultur der Mehrwertigkeiten
Mai 142012
 
Die Kultur der Ambiguität neu zu entdecken schlägt ein Buch von Thomas Bauer über den Islam vor. Eigentlich ist es aber ein Plädoyer, die eigene Geschichte der westlichen Zivilisation neu zu denken und die Kunst der Ambiguität zu pflegen.

Bei aller Begeisterung und allem Interesse für die Chancen und Möglichkeiten der modernen Kommunikations-Technologien und Computer-Welten bleibt für mich doch die Frage nach den Bedingungen und Grenzen unserer gegenwärtigen technisch dominierten Zivilisation zentral. Allzu deutlich scheinen die Probleme auf, die zu beseitigen einst der wissenschaftlich-technische „Fortschritt“ (seit David Hume) angetreten ist. Der moderne, genauer der westliche Mensch bemächtigt sich der Natur mit ihren „Gesetzen“ und schafft sich seine eigene technisch-mathematische Welt der Produkte und Waren. Dabei zerstört er die ’natürlichen‘, eigenmächtigen Grundlagen menschlichen Daseins als Lebewesen unter vielen in einer begrenzten planetarischen ‚Biosphäre‘. Bleibt also die Frage, wie es dazu kam, dass der westliche Mensch seit der Renaissance die Weltbühne betrat, um sie zu erobern, zu verbessern (Leiden zu verringern) und ’seine‘ Welt sich und seinen eigenen Ideen und Wahrheiten als den nunmehr absolut gültigen  zu unterwerfen, mit einem Wort: sie westlich zu zivilisieren begann. Dass viele Verheißungen sich dabei nicht erfüllt haben, wird nur denjenigen enttäuschen, der bisher alle geglaubt hat: Armut ist nicht beseitigt, Krankheiten wurden nicht endgültig ausgerottet, menschliches Unglück und Leid nicht verringert, nur verändert. Zudem hat der westliche Zivilisationsschub durch Kolonialismus und Nationalismus der Weltgeschichte zwei Geißeln beschert, die wie in kaum einem Zeitalter zuvor zu Kriegen und Massenausrottungen geführt haben. Wenn wir nun dank Wachstum und Industrieproduktion zwar einerseits ‚Wohlstand‘ schaffen, andererseits die Ressourcen der Erde restlos und unwiederbringlich ausplündern, das Angesicht der Erde nachhaltig verändern und all diejenigen Kulturen durch Verdrängung oder Assimilierung beseitigen, die ein anderes Wissen und einen anderen Umgang mit Mensch, Tier und Natur insgesamt pflegen, dann hat man eher den Eindruck, die westliche Kultur sei das Krebsgeschwür geworden, an dem die Welt als Ganze leidet. Ob eine Heilung dieses selbstzerstörerischen Prozesses überhaupt noch möglich ist, selbst wenn es gewollt wäre, ist nicht einmal sicher. Was aber hat zu dieser Entwicklung geführt, die in ihren Ergebnissen auf den ersten Blick so zweischneidig, so ambivalent ist?

Auch hierzu gibt es natürlich schon lange vielfältige Überlegungen. Ich bin nun auf ein Buch gestoßen, das mir doch sehr viel ergiebiger zu sein scheint als vieles, das ich bisher zu diesem Thema an Kritischem und Erhellendem gelesen habe. Das Buch und sein Autor sind auch deswegen so interessant, weil sie gar nicht eine „kritische Theorie“ des Westens intendieren, sondern eine recht aufschlussreiche Darstellung der islamischen Kultur bieten. Es geht ausdrücklich um die Erzählung einer „anderen Geschichte des Islams“: Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011. Der Münsteraner Islamwissenschaftler und Professor der Arabistik unternimmt hier eine von großer Sachkenntnis der arabischen Literatur geprägte Gedankenreise in die Welt der unentschiedenen Wahrheiten, in die Kultur der Ambiguität. Er greift auf Überlegungen unter anderem von Zygmund Bauman, dem polnisch-britischen Philosophen der Post-Moderne, zurück („Modernity and Ambivalence“, 1991) und definiert seinen erkenntnisleitenden Begriff Ambiguität so:

Ein Phänomen kultureller Ambiguität liegt vor, wenn über einen längeren Zeitraum hinweg einem Begriff, einer Handlungsweise oder einem Objekt gleichzeitig zwei gegensätzliche oder mindestens zwei konkurrierende, deutlich voneinander abweichende Bedeutungen zugeordnet sind, wenn eine soziale Gruppe Normen und Sinnzuweisungen für einzelne Lebensbereiche gleichzeitig aus gegensätzlichen oder stark voneinander abweichenden Diskursen bezieht oder wenn gleichzeitig innerhalb einer Gruppe unterschiedliche Deutungen eines Phänomens akzeptiert werden, wobei keine dieser Deutungen ausschließliche Geltung beanspruchen kann. (a.a.O. S. 27)

Es geht also nicht um Toleranz und auch nicht um Ambivalenz, denn beides setzt voraus, dass das Entgegengesetzte oder Widersprüchliche bekannt und definiert ist. Ambiguität verweigert sich gerade einer genauen Definition; sie hält zwei perspektivische Wahrheiten in der Schwebe. Nicht zufällig zitiert Bauer eingangs des zweiten Kapitels und später erneut Max Born, den Physiker der Quantentheorie, hat doch auch diese zur Anerkennung der Gleich-Gültigkeit zweier scheinbar widersprüchlicher Theoriemodelle im Bereich der Physik geführt. Was im Bereich der Quantenphysik die „Superposition“ ist bzw. die quantenmechanische Verschränkung, das kommt in ähnlicher Weise im Bereich der Literatur- und insgesamt der Kulturwissenschaften als Ambiguität heraus. Bauer legt  in dem zitierten zweiten Kapitel seines Buches über den Begriff der „Kulturellen Ambiguität“ ausführlich Rechenschaft ab. Überhaupt sei hier auf einige Rezensionen zur Anlage und zum Inhalt des Buches bei Amazon (siehe oben den Buch-Link) verwiesen.

Spannend ist, wie Bauers Blick auf die nachformative Phase des Islam und der arabischen Kultur  („sunni revival“, 10. – 13. Jahrhundert) zum analytisch-kritischen Rück-Blick auf  die eigene westliche Kultur wird, die sich nun unter dem Stichwort der Ambiguitätsintoleranz kennzeichnen lässt. Seit Descartes‘ berühmter methodischen Forderung des „clare et distincte“ in Definition und Argumentation gehört es zum Grundbestand westlichen Denkens, Unsicherheit und Unschärfe auszumerzen; sie scheint das große Übel zu sein, das sich dem zugreifend – objektivierenden analytischen Verstand widersetzt. Also besteht nun alle geistige wie technisch-wissenschaftliche Anstrengung darin, Eindeutigkeiten in Natur und Kultur herzustellen, denn nur sie ermöglichen Beherrschung, Ausbeutung und Dienstbarmachung: Zivilisation und Kultivierung im westlichen Sinne. Bestenfalls – und das ist nach einigen weltzerstörerischen Kriegen schon eine positive Leistung – kann die Duldung, also die Toleranz von widerstreitenden Ideen gefordert werden in der Hoffnung, dass sich im demokratischen Diskurs schon das „Wahre“ herausstellen, also Eindeutigkeit wieder hergestellt werde. Ambiguitätstolerantes Denken aber setzt anders an; es geht von dem Schwebezustand unterschiedlicher „perspektivischer Wahrheiten“ aus, die eben nicht eindeutig entschieden werden können.

Bauers Kapitel über die Geschichte westlicher und orientalischer Sexualität gehört zu den großartigen Beispielen, die die Fruchtbarkeit seines ambiguitätsorientierten Ansatzes aufzeigt. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis verweist auf die thematisch breit gestreuten und profunden Kenntnisse Thomas Bauers. Hier findet man manches, was es erst noch zu entdecken gilt, will man diesem Denken, wie Bauer es vorschlägt, näher nachgehen. Verheißungsvoll ist es allemal, weil es auf eine Dimension hinweist, die eigentlich im Leben alltäglich, aber umso verdrängter ist: Dass es selten eindeutige Klarheit gibt bei Lebensumständen und -entscheidungen, kein eindeutiges Richtig oder Falsch, sondern vielmehr Unschärfen, Ambivalenzen und eben vielleicht auch Ambiguitäten. Wir müssten uns nur aus der Nische der Kunst entlassen, uns wieder neu auf sie einlassen und sie als Chancen eines offneren und nachhaltigeren Menschseins begreifen. Wir müssten die Kunst der Ambiguität erst wieder lernen, sollte auch aus der westlich-zerstörerischen Kultur einmal wieder eine duldsame und nachhaltige Kultur der Ambiguität werden.

 14. Mai 2012  Posted by at 17:48 Geschichte, Islam, Kultur, Moderne, Neuzeit Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Die Kunst der Ambiguität