Mai 252017
 

Aufsehen erregte gestern eine Kunst- und Protestaktion der Giordano-Bruno-Stiftung bei der Eröffnung des Evangelischen Kirchentags in Berlin. Unter dem Titel „Die nackte Wahrheit über Martin Luther“ wird unter einem nackten Mannsbild im schwarzen, geöffneten Talar Karl Jaspers zitiert: „Luthers Ratschläge gegen die Juden … hat Hitler genau ausgeführt.“ (1962) Die Pünktchen lassen etwas aus, das Jaspers-Zitat ist länger und im Grunde noch härter: „Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern“. Es stimmt also die Tendenz. Mit dieser Aktion, die sich kritisch mit der Finanzierung des Kirchentages und mit den Schattenseiten Luthers auseinandersetzt, ist große Aufmerksamkeit erzielt worden. Luthers Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ von 1543 ist skandalös. Das nicht zu vergessen oder zu verstecken, ist gut so.

Es ist eine gelungene Provokation. Ja, es ist was dran. Von Luther sind weitere heftige antisemitische Äußerungen überliefert. Er war ein Kind seiner Zeit, und Antisemitismus und judenfeindliche Progrome waren dann und wann in Europa und in Deutschland gesellschaftsfähig. Besonders wenn man Schuldige suchte für Pest, Brand, Unglück usw.. Dann ging es gegen Juden, Hexen und andere Minderheiten – besonders aber gegen die Juden. Hitler als „Vollender“ Luthers zu bezeichnen, ist vielleicht überspitzt. Antisemitismus war und ist eine starke Strömung in Deutschland (und Europa), darauf konnte Hitler aufbauen. Besonders das konservative Bürgertum war dafür anfällig. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung sind zum Stichwort „Antisemitismus“ viele gute Beiträge zu finden. Ein Beitrag befasst sich mit der „Judenfeindschaft von der Antike bis zur Neuzeit“, ein guter Einstieg.

Luther Collage

Luther – Collage (Google)

Der Antisemitismus Luthers ist auch in den Kirchen inzwischen als „Verfehlung“ oder „dunkle Seite“ anerkannt, wenn auch nur leise. Luther ist aber auch in seinen theologischen Lehren Kind seiner Zeit, für mich in den meisten Dingen nicht mehr nachvollziehbar. Das sehen viele in der evangelischen Kirche anders. Aber die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders, der Suche nach dem gnädigen Gott, die fatalistische Endzeitstimmung sind zutiefst mittelalterlich und für uns ohne Interpretation und Übertragung in neuzeitliches Denken und Argumentieren kaum mehr nachvollziehbar. Geschichtlich wichtig ist in jedem Falle der reformatorische Impuls, der zur Vorgeschichte der neuzeitlichen Aufklärung gehört und das Individuum, mit Vernunft begabt und zur Freiheit bestimmt, in den Mittelpunkt stellt. Luther zum Vorläufer der Aufklärung zu stilisieren, ist allerdings entschieden zu viel der Ehre. Aber sein reformatorischer Protest und die weitere Geschichte der Reformation und ihrer Auswirkungen gehören zur Vorgeschichte der neuzeitlichen Wendungen, die zur Freiheit des Individuums, zu Vernünftigkeit und Wissenschaft, zur Anerkennung allgemeiner unveräußerlicher Menschenrechte führten. 500 Jahre Reformationsereignisse sind vielleicht kein Grund zum stolzen Feiern, aber wohl zum ernsthaften Nachdenken über Anstöße und Kritiken, über Verfehlungen und notwendige Korrekturen, die uns die Geschichte, unsere Geschichte, nachhaltig und nachwirkend auferlegt. Wenn der Evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg dazu einen kleinen Beitrag leistet und Menschen zum kritischen und fröhlichen Glauben zusammenführt, dann ist es gut. Solche Kunstaktionen wie die der Giordano-Bruno-Stiftung gehören genau dazu.

 25. Mai 2017  Posted by at 08:53 Geschichte, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Luther und der Kirchentag
Aug 312016
 

Gutmensch ist das Unwort des Jahres 2015.  Die Darmstädter Jury erklärt dazu:

„Als ‚Gutmenschen‘ wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Mit dem Vorwurf ‚Gutmensch‘, ‚Gutbürger‘ oder ‚Gutmenschentum‘ werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert.“ Die Jury weist darauf hin, dass der Ausdruck Gutmensch zwar überwiegend vom rechten Lager benutzt wird, aber auch in den breiteren Journalismus Eingang gefunden hat. „Die Verwendung dieses Ausdrucks verhindert somit einen demokratischen Austausch von Sachargumenten.“

„Naiv, dumm und weltfremd“, – also sind Gutmenschen das, was man früher als hoffnungslosen Idealisten, Traumtänzer, Weltverbesserer bezeichnet hat, der in Wolkenkuckucksheim lebt, an das Gute im Menschen glaubt und die Realität nicht wahrnimmt. Dagegen steht der Realist, in der Politik der Realpolitiker, der sich nicht von Gefühlen und moralischen Bewertungen leiten lässt, sondern nüchtern und sachlich Kräfteverhältnisse abwägt, Interessen artikuliert und eine Rangliste von Zielen erstellt. Steht also Sach- und Realpolitik gegen Moral und Ideal?

Unwort 2015: Gutmensch

Unwort 2015: Gutmensch

Vielleicht führt der Gegensatz von Verantwortungsethik und Gesinnungsethik weiter. Max Weber hat diese Begriffe geprägt und sich klar für die Verantwortungsethik ausgesprochen. Allein – auch dies ist bereits eine moralische Wertung, denn für den Verantwortungsethiker spricht sein Denken und Handeln für andere, während der Gesinnungsethiker nur der Reinheit der eigenen Gesinnung folgt. Der Hinweis auf Max Weber führt zu einem weiteren oft zitierten Begriffs-Tripel Webers:  Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Diese drei Qualitäten zeichnen idealtypisch (auch ein Weber-Begriff) den Berufspolitiker aus. Dabei ist mit Leidenschaft das engagierte Eintreten für eine Sache gemeint, die eben Sachlichkeit einschließt; mit Verantwortungsgefühl sowohl die Verpflichtung gegenüber der Sache als auch gegenüber dem Ganzen des Staates (wir möchten heute ergänzen: und seiner Bürger) und mit Augenmaß „die Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen, also: der Distanz zu den Dingen und Menschen.“ (Max Weber, Politik als Beruf, 1919) Alle drei Eigenschaften sind aber immer schon an den zugrundeliegenden Wertekanon gebunden, dem sich ein Mensch sei es als Wissenschaftler, sei als Politiker verpflichtet fühlt. Die strikte Sachlichkeit rettet gewissermaßen vor gesinnungsethischer Beliebigkeit, die Weber in anderem Zusammenhang zum komplizierten Begriff der Wertfreiheit führt. In der Politik ist es das Augenmaß, das die Distanzierung zu beteiligten Dingen und interessierten Menschen gewährleistet.

Zurück zum ‚Gutmenschen‘. Der Begriff macht also einen Gegensatz auf, der so gar nicht besteht. Jede politische Haltung oder Meinung ist einer Sachlage und ihrer Bewertung verpflichtet. Als Unwort brandmarkt der Vorwurf ‚Gutmensch‘ eine bestimmte Haltung als falsch und naiv, nur weil man selber eine andere Wahrnehmung der Dinge und eine andere Haltung teilt, die zu anderen Handlungsmöglichkeiten führt. Sache und Moral sind in jedem Falle eng miteinander verknüpft. Die moralische Grundeinstellung führt zu einer anderen Wahrnehmung und Bewertung einer Sachlage. ‚Gutmensch‘ ist insofern tatsächlich ein ideologischer Kampfbegriff und meint: Ich habe Recht und du hast Unrecht, weil du naiv bist und bestimmte Realitäten nicht anerkennst. Der wirkliche Streit müsste also um die ‚wirklichen Realitäten‘ gehen und um die Wertungen, die ein jeder mit diesen Realitäten verbindet und die ihn zu bestimmten Handlungen veranlassen oder diese eben verbieten. Dabei wird dann durchaus auch über Ideale und über die Einstellung zum Menschen und zur Menschlichkeit zu diskutieren sein – und genauso über das, was sich überhaupt als ‚Lage der Dinge‘ erkennen und sachgemäß beurteilen lässt. Weder Schönfärberei noch Dramatisierung helfen da weiter.

Wie steht es damit angesichts der Flüchtlinge, die nach Europa und insbesondere Deutschland kommen und hier unter uns leben wollen? Bei der Polarisierung dieser Diskussion gibt es die einen, die eine gesellschaftliche Veränderung durch Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen, insbesondere islamischen, ablehnen. Die tatsächlich anstehende ‚Veränderung‘ wird als Überfremdung, als Angriff auf die eigene Identität, als Eindringen einer feindlichen Welt und Lebensweise in die bisher als wohlgeordnet empfundenen Verhältnisse angesehen. „Grenzen dicht“ bedeutet dann schlicht, alles Fremde soll draußen bleiben und sehen, wie es klar kommt, basta. Diese Haltung ist anschlussfähig an alle möglichen nationalistischen und rassistischen Tümeleien, die zunächst mit der Lage der Flüchtlinge überhaupt nichts zu tun haben. Es braut sich dann ein von rechts vereinnahmtes und befeuertes Angst- und Unsicherheitsgefühl zusammen, das wir heute verbreitet erkennen können. – Auf der anderen Seite gibt es praktisch niemanden mehr, der einer unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen das Wort redet, sondern die Fähigkeit zur geregelten und befristeten Aufnahme sowie zur Integration in unsere Lebensverhältnisse als Maßstab dafür nimmt, was human möglich und angesichts der Leides vieler Flüchtlinge verantwortet werden kann. In Schäubles Bonmot vom „Rendezvous mit der Globalisierung“  steckt viel Wahres, aber das allein hilft noch nicht. Fähigkeit, Möglichkeit, Mittel und Wille gehören zusammen, um auf diese Herausforderung in einer offenen Welt zu antworten – und dabei humane Prinzipien, bürgerschaftliche Ideale und freiheitliche Werte nicht zu vernachlässigen.

Der verunglimpfte ‚Gutmensch‘ erweist sich als der politische Mensch mit weiterem Blick und größerer Verantwortungsbereitschaft, ebenso mit größerer Sachlichkeit und tieferer Leidenschaft als sein sich abschließendes Gegenüber. Leidenschaft schließt in der Tat auch ein, dass man sich über die Leiden im Klaren ist, die Menschen aus ihrer Heimat treiben und die auch hier, in einer neuen, fremden Umgebung in anderer Weise aufbrechen, und zwar auf beiden Seiten. Man kann auch an einer Welt leiden, die Menschen entwurzelt und sozial erniedrigt, einer Welt, die nicht ansatzweise in der Lage ist, Reichtum und Entwicklungsmöglichkeiten einigermaßen menschengerecht zu verteilen. Der Gutmensch sieht eben keineswegs nur das Gute im Menschen, sondern kennt die Enttäuschungen durch Gewalt, Gier und Bosheit. Der ‚Schlechtmensch‘ aber sieht Gutes nur bei sich und seinesgleichen und erkennt im Anderen, Fremden allenfalls die Bosheit, Niedertracht und Gewaltbereitschaft, die ihm von sich selber vertraut sein dürften. Beides sind eben mehr oder weniger moralische Standpunkte.

Die Sache selbst aber wird strittig bleiben, und über sie muss weiter engagiert diskutiert werden: Wohin nämlich eine Welt treibt, die sich erneut abzuschotten droht: Arm gegen Reich, West gegen Ost, Nord gegen Süd, Christen gegen Muslime usw. usw. Der neue Trend zur nationalen Abschottung, zum Neo-Merkantilismus, zur puren Machtpolitik und Missachtung von Verträgen, zur Überwachung und Stigmatisierung (Stichwort Populismus) ist ein Wind, der bereits kräftig Fahrt aufnimmt und zum Sturm werden kann. Der Kampf gegen den Terrorismus wird dann leicht zur Blankovollmacht, eben jene Werte aufzugeben, zu deren Verteidigung eine lebendige Demokratie selbstbewusst in der Lage sein sollte. Ein paar ‚Gutmenschen‘ sind da durchaus hilfreich.

 31. August 2016  Posted by at 12:32 Allgemein, Moral, Politik Tagged with: , , , ,  1 Response »
Apr 192016
 
Der Islam ist Religion und Ideologie. Einige Differenzierungen sind nötig. Erst dann können Gespräche mit Muslimen gelingen. Die Reformer sind die Chance für einen erneuerten Islam, der seine dunklen ideologischen Seiten überwindet.

Eine sinnvolle Debatte über den Islam sollte einiges unterscheiden können. Der Islam als eine Weltreligion mit reicher Geschichte hat sich in mehrere Hauptrichtungen und vielfältigen theologischen Ausprägungen ausdifferenziert. Sich hierüber einen Überblick zu verschaffen lädt zu einer religionsgeschichtlichen und religionswissenschaftlichen Erkundung ein. Dabei wird er auch als eine Quelle der abendländischen Traditionen sichtbar.

Da der Islam eine gelebte Religion ist, gehört die Kenntnisnahme der unterschiedlichen Lebensweisen und Traditionen muslimischer Gemeinschaften wesentlich zu dem Bild dessen hinzu, was ‚Islam‘ gegenwärtig ist. Neben einer weltweiten Sicht wird auch der Blick auf den Islam in Deutschland ein vielfältig gestaltetes Bild ergeben mit unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen und verschieden ausgerichteten Moscheegmeinden und Dachorganistaionen.

Noch einmal anders ist das Bild, das einzelne Muslime vermitteln in der ganzen Bandbreite, in der sich heutiges Leben eben darstellt, sei es in Europa, sei es in überwiegend islamisch geprägten Ländern. In Deutschland pflegt der überwiegende Teil muslimischer Menschen die eigene Religion mehr oder weniger eng als identitätsstiftende Herkunftstradition. Sie kann sich in das plurale Bild unserer Gesellschaft einfügen.

Dann gibt es den Islam als herrschendes politisches System. Der Streit beginnt schon bei dieser Formulierung, denn manche drücken es lieber so aus, dass gewisse Herrschaftssysteme sich wiederum bestimmter islamischer Traditionen und Motive bedienen für eine politische Ideologie zur Legitimation eigener Herrschaft. Egal wie man es wendet, gemeint sind ‚islamische Staaten‘ wie Iran (schiitisch) und Saudi-Arabien (sunnitisch), aber auch andere überwiegend muslimisch geprägte Gesellschaftssysteme wie in Pakistan und Indonesien. Den Unterschied macht hier die Frage, ob der Islam geradezu als Verfassung gilt (Iran, Saudi-Arabien) oder ob ein formal säkularer Staat im Wesentlichen auf islamische Tradition und Gesellschaftsordnung baut (Pakistan, Indonesien, immer stärker auch die Türkei). Als politische Ideologie ist der Islam zu analysieren und zu kritisieren wie andere Herrschaftsideologien auch.

Schließlich ist da der Islam in seiner offensiv-reaktionären Ausprägung als Salafismus. Schließt dieser Gewalt und Terror zur Etablierung einer entsprechend ausgerichteten islamischen Herrschaft ein (IS oder ISIS), dann sprechen wir vom Islamismus. Terrorismus und fanatischer Fundamentalismus aber können nur bekämpft werden.

Al Azhar, Wikimedia

Al Azhar, Wikimedia

So nützlich diese Differenzierungen sind, so unzureichend und abstrakt sind sie in der Praxis. Die Bilder der einen Form oder Ebene überlagern die Bilder der anderen Ebene, eines vermischt sich in allen möglichen Übergängen mit dem anderen. Erschwerend kommt hinzu, dass der offiziell gelehrte Islam, sei es in seiner schiitisch-iranischen Gestalt, sei es in seiner sunnitischen Mehrheitsform (Al Azhar) kaum zur Stärkung solcher Unterscheidungen beiträgt, im Gegenteil. Radikale Gewalt lehnt die Azhar zwar ab, aber der „moderate“ Islam ist immerhin derjenige der Muslimbrüder, nimmt also möglichst die gesamte Gesellschaft und Politik in den Blick und als Ziel – dort, wo es möglich ist. Es ist auch diese Ambivalenz (Wohlmeinende sprechen von Ambiguität, siehe der Islamforscher Thomas Bauer), welche die Haltung der obersten Gelehrten prägt, von der man nie weiß, ob sie aus Überzeugung oder aus bloßer Opportunität geäußert wird. Die negativen Schlagzeilen des Islam werden dabei schlicht geleugnet: Sie hätten mit dem Islam nichts zu tun.

So ist die hilfreiche und notwendige Differenzierung doch nur eine an den Islam herangetragene Diskussion. Der Weg zu einer einsichtsvollen Veränderung des Islam in religiöser, politischer und sozialer Hinsicht müsste allerdings über eine gewollte Selbstaufklärung und Selbstkritik führen. Die Reformer sind die Chance für einen erneuerten Islam, der seine dunklen ideologischen Seiten überwindet.

Update:

Sehr gut und passend zum Beitrag ist der Artikel von Rainer Hermann, Islam und Demokratie in FAZ.NET .

 19. April 2016  Posted by at 10:11 Islam, Islamismus, Politik Tagged with: , , ,  1 Response »
Apr 192015
 

[Kultur]

Ayaan Hirsi Ali: „Reformiert euch!“ Warum der Islam sich ändern muss.

Wir haben uns angewöhnt, im öffentlichen Diskurs zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden. Islam meint dann die reine Religion Mohammeds, deren Anhänger friedlich und unauffällig überall auf der Welt leben (wollen). Der Islam wird als monotheistische Religion hervor gehoben und der Familie der „modernen“ vorderorientalischen Religionen wie Judentum und  Christentum zugerechnet. Alle drei großen Weltreligionen sind zwar nacheinander entstanden, speisen sich aber aus gemeinsamen Quellen. Dies verbindet sie und kann den Blick nach nebenan als den Blick zu einem „Bruder /Schwester im Geiste“ verklären (wie bei Goethe). Solch einem Islam und seinen Glaubensinhalten gebühre Achtung und Respekt.

Ganz anders der Islamismus. Er gilt als eine radikale, fundamentalistische und tendenziell terroristische Ideologie, die mit dem wahren Islam wenig oder gar nichts zu tun habe. Seine Anhänger sind politisch desorientierte und sozial destabilisierte Einzelne, die sich zu Unrecht auf den Islam berufen und mit ihren schwarzen Fahnen und Allahu-akbar-Rufen die eigene Religion im Mißkredit bringen. Bei jedem terroristischen Anschlag mit islamistischem Hintergrund kann man sicher sein, diese Unterscheidung sofort von Politikern und offiziellen Religionsvertretern zu hören. Das ist schon reflexhaft und gilt als politisch korrekt. Jede andere Meinung sieht sich schnell dem Verdacht und dem Vorwurf der „Islamophobie“ ausgesetzt.

Die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus ist so einfach und praktisch, dass auch ich selber sie bisher benutzt und vertreten habe. Sie ist aber wahrscheinlich grundfalsch. Islam und Islamismus hängen viel enger zusammen, als beschwichtigend behauptet wird. Unterscheiden muss man sehr wohl zwischen friedlichen und gewaltbereiten bzw. gewalttätigen Muslimen. Aber die Grundlagen der Ideologie des Islamismus liegen im Islam selber, offen sichtbar – in einem Islam, wie er heute zumindest in der islamischen Welt mehrheitlich und öffentlich vertreten wird.

Wir müssen vielmehr erkennen, das hinter diesen Gewaltakten eine politische Ideologie steht, eine Ideologie, die im Islam selbst verwurzelt ist, in dessen heiligem Buch, dem Koran, sowie in den „Hadith“ genannten Überlieferungen über das Leben und die Lehren des Propheten Mohammed. – Lassen Sie es mich ganz einfach formulieren: Der Islam ist keine Religion des Friedens.

Dies schreibt programmatisch Ayaan Hirsi Ali in der Einleitung ihres gerade erschienenen Buches „Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss“. Hirsi Alis bewegte Biographie einschließlich der Konflikte in Holland um ihre Person kann man in der Wikipedia nachlesen. Ihr neues Buch ist kein soziologisches, historisches oder religionswissenschaftliches Werk. Man müsste es wohl als mutige Streitschrift gegen den islamischen und multikulturellen Mainstream kennzeichnen. Darum kann man es auch einseitig nennen – sofern auch Schriften gegen Stalinismus, Nationalsozialismus und Neonazis naturgemäß einseitig sind. Hirsi Ali liefert eine eingagierte Stellungnahme für die Aufklärung und für die westlichen Grundrechte und Freiheiten. Das Material, das sie zusammen trägt und darlegt, ist beeindruckend. Man mag Einzelheiten und Fehler kritisieren (so ihr Hinweis auf die Scharia-Polizei in Wuppertal). Die Fülle ihrer Beispiele ist gut belegt und entspricht auch dem, was ein interessierter Beobachter der Zeitgeschichte nachvollziehen und bestätigen kann. Man muss sich also mit diesem Buch sehr ernsthaft auseinander setzen.

Dabei ist Hirsi Alis Absicht eine positive und ihre Einstellung, wie sie selbst schreibt, „optimistisch“. Mit vielen anderen Muslimen und nicht-muslimischen Kritikern fordert Ali eine Reformation des Islam. Es sind vor allem fünf Punkte, die Ali zu reformieren fordert, weil sie die fundamentalistische Verharrung des Islam begründen:

1. Mohammeds Status als Halbgott und Unfehlbarer sowie die wörtliche Auslegung des Korans, vor allem jener Teile, die in Medina offenbart wurden.
2. Die Ausrichtung auf das Leben nach dem Tod statt auf das Leben vor dem Tod.
3. Die Scharia, die aus dem Koran abgeleiteten Rechtsvorschriften, die Hadithen sowie der Rest der islamischen Rechtslehre.
4. Die Praxis, Einzelne dazu zu ermächtigen, das islamische Recht durchzusetzen, indem sie das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten.
5. Die Notwendigkeit, den Dschihad beziehungsweise den »heiligen Krieg« zu führen.

Diese fünft Punkte begründet Ali in ihrem Buch ausführlich. Kern ihrer kritischen Analyse ist der Nachweis, dass der heutige Islam seitens seiner offiziellen Vertreter (z.B. Mullahs im Iran, Islamgelehrte der Al-Azhar in Kairo) in einer fundamentalistischen Verengung gefangen ist, die den wahren Islam nur in seiner ursprünglichen Form des 7. Jahrhunderts erkennen. Alle Neuerung ist Verschlechterung und Abweichung. Darin liegt auch die fehlende Transformation in die Moderne begründet. Insbesondere das sich seit der ersten Häfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitende ideologische Konzept der Muslimbruderschaft (Gründer al-Banna, Sayyid Qutb, ähnlich bedeutsam in Pakistan Ala Maududi) beinhaltet eine streng rückwärts gewandte, konservative Auffassung des Islam (Koran und Sunna), wie sie ebenfalls bei den Wahhabiten (vorherrschend in Saudi Arabien) und den Salafisten zu finden ist. Diese im Grunde aus der Stämmegesellschaft der arabischen Halbinsel des 7. Jahrhunderts stammende Ausprägung des Islam ist heute die dominierende. Hirsi Ali beschreibt diese Wirklichkeit auf dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen.

Folgt man ihrem Gedankengang, wird deutlich, dass es in der Geschichte des Islam zwar andere Weisen des Umgangs mit der eigenen Tradition gegeben hat (z.B. Mu’taziliten), dass während des „Goldenen Zeitalters“ des Islam (8. – 12. Jahrhundert) ein hohes Maß an Ambiguität aufrecht erhalten und gelebt werden konnte (vgl. Thomas Bauer), dass aber der heute herrschende Islam alle Möglichkeiten unterschiedlicher Interpretationen abgeschnitten hat. Wenn weder der Koran als „Literatur“ erforscht werden kann noch die Scharia als mittelalterliches Recht veränderbar ist noch die Anwendung von „geboten“ und „verboten“ Spielraum lässt, dann kommt eine Religion des Islam heraus, die sich entweder konservativ in sich selbst verschließt (das nennt Ali den „Mekka-Islam) oder aggressiv im Dschihad die Welt erobern und unter das einzig gültige „Richtig“ und „Falsch“ (halal – haram) der Ulama (Scharia und Fatwas)  zwingen will (das nennt Ali den Medina-Islam).

Freiheit geh zur Hölle - Wikimedia

Freiheit geh zur Hölle – Wikimedia

Dieser heute auf dem Vormarsch befindliche Islam ist eine das gesamte Leben bestimmende politische Ideologie, die zwischen Moschee und Staat nicht unterscheidet. Es ist nichts anderes als eine totalitäre Ideologie in der Form eines fundamentalistischen Islam. Wo der Islam politisch aktiv wird und Zwang (Gewalt) anwendet, nennen wir es Islamismus. Der findet sich eben nicht nur in terroristischen Anschlägen und Gruppen wie IS oder Boko Haram, sondern genauso im sunnitischen Staatsislam Saudi Arabiens und dem schiitischen Gottesstaat Iran. Die Verbreitung der Scharia (mittelalterliches „Gottesrecht“) wird außerdem in Pakistan, Afghanistan, Indonesien und vielen Teilen Afrikas angewandt. Der IS hat nur die „beste“ publicity.

Dass dies alles nicht der einseitigen, häretischen, ja viel schlimmer der apostatischen Phantasie von Hirsi Ali entspringt (Häresie = Falschglaube und Apostasie = Unglaube, „Abfall“, sind im Islam todeswürdige Verbechen), zeigt eindrücklich das kleine Büchlein „1000 Peitschenhiebe“ des saudischen Gefangenen Raif Badawi. Es zu lesen ist bedrückend. Tausend Peitschenhiebe sind eine Folter, die faktisch zum Tode führt. Diese offizielle Strafe im Staat Saudi Arabien wurde verhängt wegen einiger Internet-Beiträge Badawis, die in diesem Büchlein abgedruckt sind (im Netz sind sie nicht mehr auffindbar). Badawi ist ein junger Muslim, der nichts anderes will als zu „sagen, was ich denke“. Badawi will ebenso wie Hirsi Ali ein „selbstbestimmtes Leben in der Gegenwart. Badawi fordert Liberalismus, Toleranz, Pluralität, Meinungsfreiheit und Menschenrechte.“ Was man bei ihm zu lesen bekommt, ist für uns in Europa durchweg eine Selbstverständlichkeit. Die Texte als solche enthalten nichts Neues – für uns. Im islamischen Staat Saudi Arabien sind sie todeswürdig. So viel zur Realität des gegenwärtigen Islam.

Darum fordert Hirsi Ali zu recht mit vielen anderen vorwiegend im Westen lebenden (weil aus den islamischen Staaten geflüchteten) Reform-Muslimen eine „Reformation“ des Islam von Grund auf. Der Kampf gilt einer Religion, die sich als eine religiös verbrämte Ideologie der Herrschaft und der Apartheid darstellt. Die Apartheids-Ideologie des Islam ist ebenso subtil wie umfassend. Die Herabsetzung der Frau unter die Gewalt des Mannes, ihr Einsperren in Schleier und Haus, das strikte Verbot der Gemeinschaft von Männern und Frauen in der Öffentlichkeit ist eine andere Form der Apartheid. „Nur für Frauen“ – nur für Männer, das findet man in der Metro von Teheran (siehe den ARTE-Film „Im Bazar der Geschlechter“, zuletzt gezeigt bei Einsfestival, im Netz leider nicht mehr abrufbar), das bestimmt den Alltag in allen islamischen Ländern. Es wäre zu wünschen, dass gegen diese Ideologie der Apartheid des Islam genauso nachdrücklich und öffentlich protestiert wird wie einst gegen die Apartheidspolitik in Südafrika. Damals ging es um einen einzigen Staat, bei der islamischen Apartheid geht es um eine Vielzahl von islamischen Ländern.

Und noch ein Verdienst kommt dem Buch Hirsi Alis zu: Dass sie sehr klar die beschwichtigende, letztlich jeden Konflikt scheuende und ein genaues Hinsehen verweigernde Haltung mancher „Liberaler“ im Westen benennt, die unter dem Deckmantel der liberalen Toleranz religiöse Intoleranz und massive Verletzungen der Menschenrechte und sogar eine neue Ideologie der Apartheid hinnimmt. In unseren westlich geprägten Ländern sollten wir schon klar sagen, was im Islam und in islamischen Staaten (nicht erst in islamistischen Organisationen) falsch läuft, was unseren Widerstand findet und was dringend reformiert werden muss. Darum Alis Aufforderung: „Reformiert euch!“ Reformiert den Islam. Das ist das Gegenteil von „Islamophobie“, denn allein eine solche Reform des Islam kann ihm einen Platz in der Moderne schaffen und seine geistlichen Schätze würdigen. Solch eine Reformation wird schwierig sein, weil sie Mächtige bedroht, aber sie kann eine Hoffnung sein für all diejenigen Menschen, die Muslime sein wollen und zugleich vom Wert der Menschenrechte, der Freiheit und der Trennung von Religion und Staat überzeugt sind. Dass diese Reformation bereits „unterwegs“ ist, wie Ali schreibt, sollte als konkrete Hoffnung und als Programm unsere Unterstützung finden.

Jan 102015
 

[Religion]

 It’s religion stupid!

In der gegenwärtigen Diskussion ist die Unterscheidung von Islam und Islamismus von großer Bedeutung. Als Beispiel nenne ich die Aussage von Rainer Hermann in der FAZ: „Die Behauptung, der Koran sei in seiner Gesamtheit ein Werk, das zu Gewalt aufruft und dem Gewalt inhärent ist, trifft nicht zu. Jeder liest heraus, was er will.“ Klingt gut und aufgeklärt, ist aber nur die halbe Wahrheit.

Dieselbe Aussage ließe sich auch für die Bibel machen, und zwar für Altes und Neues Testament. Gerade das Alte Testament galt immer wieder als zu blutrünstig und darum dem Geist des Neuen Testaments eigentlich fremd. Die christlich-theologische Lösung hieß, man dürfe das Alte Testament nur „von Christus her“ lesen. Aber auch die neutestamentliche Bibel ist nicht zimperlich, wenn man die Apokalypsen (insbesondere die Offenbarung des Johannes) liest. [Ich beschränke mich hier auf Judentum, Christentum, Islam. Auch in den Schriften anderer Religionen wird man zum Thema Gewalt schnell fündig.]

Kann also jeder aus den heiligen Schriften der Religionen heraus lesen, was er will? Die Sache ist die: Gewalt ist jeder Religion inhärent.

In der Religion geht es immer um Grenzerfahrungen des Menschen, um Tod und Leben, um heilig und profan, um gut und böse. Das Verhältnis des Menschen zum Göttlichen bzw. zu Gott ist ambivalent und muss durch Rituale geregelt werden. Denn als die entscheidende Macht hinter und über den Dingen der Welt wird Gott / das Göttliche gesehen, das die Welt bestimmt und begrenzt. Gewalt spielt in der Religion von Anfang an eine entscheidende Rolle, ist es doch die Erfahrung der Übermacht, die der Mensch in der Religion zu bändigen sucht.

Die soziale Funktion der Religionen besteht unter anderem darin, Gewalt einzudämmen. „Gott“ hat sozusagen das Gewaltmonopol. Menschliche Gewaltausübung kann dann nur im Namen Gottes geschehen, entweder um seinen Willen (bzw. was man als solchen erkannt hat) durchzusetzen oder um Angriffe auf die Herrschaft Gottes abzuwehren – oder, wenn einem Gewalt widerfährt, dies als Schicksal bzw. Strafe Gottes zu verstehen. In dieses Schema passen alle biblischen  und koranischen Textbefunde zum Thema Gewalt.

Die Funktion der Religion besteht also zunächst in einer Eindämmung blindwütiger Gewaltanwendung. Schon das alttestamentliche Gebot „Auge um Auge“ diente eben diesem Zweck, gewalttätige Rache zu begrenzen. Die sogleich folgende Frage ist die, wer über die erlaubte Gewalt entscheidet. Es sind dies die Priester bzw. die (gesalbten) Könige oder Propheten. Eine solche Strafgewalt im Namen Gottes wird im Alten Testament oft mit „den Bann vollstrecken“ umschrieben. Im Neuen Testament ist die Ankündigung und Ausmalung des letzten Strafgerichts Gottes über seine Feinde voller Gewalt, denn nur gewalttätig verschafft sich Gott (mit Hilfe seiner Heerscharen) Recht. Der Koran schreibt diese Linie ungebrochen fort. Mohammed ist Feldherr und Gewaltherrscher im Namen seines Gottes.

Raffael, Konstantins Taufe (Vatikan)

Raffael, Konstantins Taufe (Vatikan)

Die Geschichte des Judentums, des Christentums und des Islam ist immer zugleich eine Gewaltgeschichte. Das biblische „Volk Israel“ hat allerdings im Endeffekt mehr Gewalt erlitten als ausgeübt. Die Christentumsgeschichte ist dagegen voller Gewalt im Namen des Christengottes. Schon der berühmte römische Kaiser Konstantin wurde durch siegreiche Schlachten von der Stärke des christlichen Gottes überzeugt (siehe die Legende vom Kreuz als Standarte in der Schlacht gegen den Konkurrenten Maxentius 312: „In diesem Zeichen sollst du siegen.“) Karl der Große führte seine mehrfachen Feldzüge gegen die Sachsen mit allen blutigen Gemetzeln ganz ausdrücklich im Namen des Christentums und unter Androhung der Zwangstaufe. Dann die Kreuzzüge, der Dreißigjähre Krieg, die Feldpredigten im Ersten Weltkrieg. Die Geschichte von Christentum und Gewalt ist endlos lang.

Der Islam ist 600 Jahre jünger und müsste mit dem Christentum im 15. Jahrhundert verglichen werden. Damals waren christliche Fanatiker mindestens ebenso blutrünstig und gewalttätig wie heute die Islamisten. Religion und Gewalt – das lässt sich gar nicht trennen.

Spannender ist die Frage, was Judentum und Christentum dazu gebracht haben, den Hang zur weltlichen Herrschaft, zur Macht- und Gewaltausübung aufzugeben? Beim Judentum war es die faktische Ohnmacht in den vergangenen 2000 Jahren. Beim Christentum war es die Geschichte von Reformation und vor allem der Aufklärung mit der ideologischen und dann auch tatsächlichen Trennung von Staat und Kirche, von religiöser („geistlicher“) und weltlicher Macht. Die Französische Revolution mit ihrem Laizismus, die Napoleonischen Kriege mit der folgenden Säkularisation (Reichsdeputationshauptschluss 1803), die Schriften der Aufklärung, die historisch-kritische Erforschung und Relativierung der „heiligen“ Schriften wie der Bibel und später des Koran (vom Islam nicht anerkennt) sind hier Meilensteine einer Transformation. Die Aufklärung führte dazu, Religion als eine wenngleich wichtige, so doch menschliche Kulturerscheinung zu verstehen. Sie ließ sich historisch, sozial und psychologisch erforschen, erklären und kritisieren (Feuerbach, Marx, Freud, Nietzsche). Hinter diese Errungenschaft der Aufklärung darf das Christentum als Religion nicht mehr zurück fallen.

Es ist leicht erkennbar, dass der Verzicht auf Gewalt und direkte weltliche Macht vom Christentum aus nicht freiwillig geschah. Es musste dieser Religion und ihrem Machtanspruch (Papsttum) abgetrotzt werden, sie musste gesellschaftlich und politisch in ihre Schranken gewiesen werden. Erst dann setzte auch ein Prozess der Selbstkritik und Selbstbeschränkung ein, wie er heute insbesondere für die protestantischen Kirchen kennzeichnend ist. Diesen Prozess der Neuzeit nenne ich den Prozess der Einhegung der Religion, um ihr inhärentes Gewaltpotential zu neutralisieren.

Der Islam hat solch einen Prozess der Kritik, der Selbstkritik, der Relativierung und (Selbst-) Beschränkung noch nicht, noch nirgendwo durchlaufen. Auch der westlich-liberale Islam kennt noch keine theologisch verantwortete historisch-kritische Forschung. Es handelt sich bei ihm mehr um eine pragmatische Anpassung und faktische Relativierung innerhalb der westlichen kulturellen Vielfalt. Die grundsätzliche kritische Auseinandersetzung mit der eigenen religiösen und historischen Tradition einschließlich ihrer Gewaltgeschichte fehlt dem Islam bis heute. Seine „Aufklärung“ steht noch aus. Das muss die Religion des Islam in ihrer Vielfalt selber leisten.

Insofern ist Hermanns Satz „Jeder liest heraus, was er will.“ ein Satz, der so nur auf Fundamentalisten aller Couleur (also auch auf christliche) zutrifft. Kritische Forschung und eine aufgeklärte Theologie lässt eben nicht mehr alles und jedes an Bedeutung und Interpretation zu. Aber auch dieses gilt: Es geht nicht nur um den Islam. „It’s religion“ soll sagen: Auch andere, auch die christliche Religion muss sich ständig fragen und kritisieren lassen, inwiefern sie Waffen segnet, nach Macht strebt, wenn auch heute sublimer, oder gar in ihren fundamentalistischen Strömungen die Ergebnisse der Aufklärung ignorieren oder ungeschehen machen will. Wer seine eigene Wahrheit mit der Wahrheit Gottes gleichsetzt, hat den Kampf gegen die Gewalt in der eigenen Religion schon verloren.

Weil Religion diese totalitäre gewalttätige Tendenz haben kann, muss sie eingehegt werden.

UPDATE:

In Fortführung seiner oben zitierten Gedanken schreibt Rainer Hermann einen ausgezeichneten Kommentar in der heutigen FAZ, der soeben auch als Artikel online gestellt ist: Die flexible Weltreligion.

 10. Januar 2015  Posted by at 12:26 Religion Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Einwurf: Religion und Gewalt
Aug 172014
 

[Islam]

Was derzeit in Syrien und im Irak vor sich geht, ist beunruhigend und schockierend. Der Bürgerkrieg in Syrien läuft ja schon seit Jahren, blutig, grausam, ohne dass ein Ende der Gewalt abzusehen wäre. Da nichts Neues geschieht, ist es kaum mehr eine Nachricht wert. Neu waren in den vergangenen Wochen und Monaten die raschen Erfolge der ISIS – Kämpfer vor allem im Irak. Auch hier sind sie schon länger als kämpfende Terrorgruppe unterwegs. In letzter Zeit waren die Nachrichten über die schnellen Erfolge, das nahezu ungehinderte Vorrücken und die ausgeübten Grausamkeiten in den Schlagzeilen. „IS“, Islamischer Staat, nennt diese Terrorgruppe ihr Herrschaftsgebiet und erhebt den Anspruch, ein Kalifat zu errichten. Terroristen ist als Bezeichnung wenn irgendwo dann bei dieser Gruppe richtig: Sie üben ihre Macht mit Gewalt und Terror aus, verbreiten ihre Gewalttaten propagandistisch über das Internet als gerechte Strafe für alle Ungläubigen und verbreiten dadurch Angst und Schrecken. Tausende fliehen vor den Todesdrohungen dieser islamistischen „Mörderbande“, um Außenminister Steinmeier zu zitieren. Die Not der Flüchtlinge, Yeziden, Christen, Schiiten, ging durch die Medien und veranlasste letztendlich sogar Obama zu gezielten Luftangriffen.

Ich denke, den meisten von uns hier in Europa, hier in Deutschland, ist es, wenn man auch nur einmal kurz inne hält und über die Nachrichten nachdenkt, völlig unbegreiflich, was da eigentlich abgeht.

„Wir verstehen das wirklich Böse, das organisierte Böse nicht gut genug“, sagte Crocker. Leute wie Abu Bakr al Bagdadi, der den Islamischen Staat anführt, „befinden sich seit einem Jahrzehnt im Kampf. Sie haben eine messianische Vision, und sie werden nicht aufhören.“ (der frühere US-Botschafter im Irak, Ryan Crocker, FAZ.NET)

Wie unter Drogen scheinen Menschen hier im Namen ihrer Religion einen Gefallen daran zu finden, andere Menschen, die sich ihnen nicht anschließen wollen, öffentlich und mit medialer Unterstützung abzuschlachten. Wie kann man das nur tun, was bringt Menschen dazu? Inwiefern hat das etwas mit Religion, mit dem Islam zu tun? Und – was kann man dagegen tun?

Klar, dagegen kann man nur ankämpfen, und zwar zu allererst ganz direkt, Waffe gegen Waffe, Mann gegen Mann. Alles Gerede über humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge, so richtig und wichtig es für die Betroffenen ist, hilft nicht darüber weg, dass die militärisch operierenden Terrorbanden der ISIS nur mit Gewalt gestoppt und zurück gedrängt werden können. Diejenigen, die gegen sie kämpfen wollen und müssen, also vor allem die Kurden in Syrien und im Irak, brauchen unsere Unterstützung. Sie brauchen all die modernen Waffen und Waffensysteme, die die ISIS aus den dank der USA modernsten Beständen der irakischen Armee erbeutet haben. Das haben nun offenbar auch die europäischen Regierungen und auch die Bundesregierung begriffen. Sie möge nur recht bald „an die äußersten Grenzen des politisch und rechtlich Möglichen“ gehen, wie Steinmeier sich ausdrückt, wenn er Waffenlieferungen meint. Es ist die äußerste Notlage, die die Terrorgruppen herbei geführt haben, die zur Gegengewalt zwingt und darum auch Waffenlieferungen in ein „Krisengebiet“ (wie schönfärberisch das klingt) sowie weitere logistisch-strategische Unterstützung (AWACS) legitimiert. Gewalt und Gegengewalt, so notwendig das derzeit ist, löst allerdings das eigentliche Problem nicht.

Zwei Dinge sind dazu nötig, wie jedermann weiß: eine politische Lösung unter Beteiligung der verfeindeten Gruppen und Parteien in Syrien und im Irak sowie ihrer Schutzmächte im Hintergrund – das ist das Fernziel, als Problem wahrlich ein gordischer Knoten – und vor allem ein Unterbinden des Nachschubs und der finanziellen Unterstützung der ISIS – das ist das Nahziel. Nur dazu möchte ich mich hier noch äußern.

Mohammed receiving the submission of the Banu Nadir - Wikimedia

Mohammed receiving the submission of the Banu Nadir – Wikimedia

Man konnte es begrüßen, dass der Sicherheitsrat der UNO in seltener Einmütigkeit eine Resolution gegen den Terror der ISIS im Irak und der Al-Nusra-Front in Syrien beschlossen und sechs ihrer Hintermänner mit Sanktionen belegt und Geschäfte mit den Extremisten verboten hat. Diese Hintermänner sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt, und die Verbote sind wohl kaum international zu kontrollieren. Wahrscheinlich haben deswegen auch alle zugestimmt. Denn es gibt Förderer und Unterstützer des Nährbodens für islamische Extremisten und Kalifatskämpfer, die allseits bekannt sind, an die aber niemand wirklich heran will. Das ist das Saudische Königshaus mit seiner Unterstützung des Wahhabismus weltweit, und der Emir von Katar, Hamad bin Khalifa al-Thani. Das Saudische Königshaus ist unantastbar als enger Bündnispartner des Westens und der USA, das Katarische Fürstenhaus wird mit einer Fußball-WM beglückt und darf sich internationaler Unterstützung durch Firmen und Einzelpersonen (Beckham) als Werbepartner sicher sein. Der Wahhabismus kann als Spielart des ultrakonservativen Salafismus gelten, der einen Gottesstaat nach (angeblich) altem Vorbild anstrebt. Katar unterstütz mit viel Geld mehr oder weniger offen die Muslimbrüder und die Hamas:

Dass Katar einerseits den Vermittler zwischen Israel und der arabischen Welt gibt, andererseits aber die radikalislamische Hamas-Organisation im Gazastreifen, die Muslimbrüder in Ägypten und die islamische Ennahda-Regierungspartei in Tunesien mit Geld und Sendezeit im Herrscher-TV von Al Jazeera unterstützt, ist in Paris allenfalls ein Nischenthema. Auf Hinweise, dass so genannte Hilfsorganisationen aus Katar eben jenen Islamisten in Mali logistische Hilfe andienten, gegen die Frankreichs Präsident François Hollande eigene Soldaten ins Feld schickte, reagiert Doha kühl: „Dafür soll man uns erst einmal Beweise liefern.“ (Zeit online)

Schließlich ist auch noch der Iran zu nennen, die Schutzmacht aller Schiiten und ihrer Kämpfer und Extremisten im Nahen Osten, vor allem in Syrien, im Irak und im Libanon (Hisbollah). Diese kapitalkräftigen Mächte mischen nicht nur im Kampf um Einflusszonen im Nahen Osten mit, sie tragen die Ideen des Islamismus auch unmittelbar nach Europa und in andere Teile der Welt (Indonesien). Der Kampf gegen die ISIS im Irak fängt also auch bei uns im eigenen Lande an. Es gilt viel entschlossener als bisher die islamistische Indoktrinierung und Werbung für den Dschihad in Deutschland zu bekämpfen, diesen Sumpf der Gewalt auszutrocknen: „Salafistische „Gebetsflashmobs“, massive Einschüchterungen: Von Hamburg bis Berlin gewinnen radikale Islamisten an Einfluss in den Schulen – vor allem an Brennpunkten. Die Politik muss jetzt entschlossen handeln.“ (Tagesspiegel im Juli 2014).

Und schon sind wir beim heikelsten Thema dieses ganzen Problemzusammenhangs: Was hat der Islamismus mit dem Islam zu tun? Manche möchten den Begriff Islamismus als reine propagandistische, antiislamische Erfindung des Westens am liebsten aus der Diskussion verbannen, für andere ist Islamismus der Inbegriff des Islam als einer vormodernen, gewalttätigen Religion. So zugespitzt ist beides falsch. Islam ist absolut nicht gleich Islamismus, und Islamismus als doktrinäre Ideologie zur Ausübung von politischer Macht und Herrschaft ist keine Erfindung des Westens. Die meisten Muslime in Deutschland und in der Welt wollen mit dem Islamismus als Ideologie nichts zu tun haben. Der Islam „an sich“ hat mit Gewalt ebenso viel zu tun wie jede Religion, auch wie die christliche. Dazu hat der Münchner emeritierte Theologie Friedrich Wilhelm Graf zuletzt in der FAZ unter dem Titel „Mord als Gottesdienst“ Erhellendes geschrieben. Überhaupt ist die Literatur zu diesem brisanten Thema uferlos, teilweise gut und sachlich, teilweise kämpferisch und agitatorisch im Stile eines Kulturkampfes. Doch genau darum sollte es nicht gehen; man wäre den Extremisten und Eiferern damit in die erste Falle gegangen. Man sollte sich allerdings kundig machen über den Islam und seine Geschichte, über die Vielgestaltigkeit seiner Lebensformen, gerade auch während seiner Blütezeit vom 8 . bis zum 12. Jahrhundert, seiner Fähigkeit zur Anpassung (wie beim Christentum auch) und insbesondere zu dem, was der Münsteraner Islam-Wissenschaftler Thomas Bauer als „Ambiguitätstoleranz“ bezeichnet. (Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islam, 2011).

Auf ihn weist zu Recht der Nahe-Osten-Korrespondent der FAZ, Rainer Herrmann, hin. Er hat neulich einen kleinen Artikel geschrieben, in welchem er sehr knapp und klar das Problem Islam – Islamismus benennt und erklärt: „Wer den Islam mit den Islamisten gleichsetzt, geht den Radikalen auf den Leim. Und verkennt, wie viele liberale Muslime es gibt, die ihren Glauben an die Erfordernisse der modernen Welt anpassen.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Man sollte hier nichts verharmlosen, aber auch nichts pauschal verurteilen, sondern differenziert beurteilen. Dazu gehört allerdings, dass gegenüber dem Terror der ISIS und seiner Gesinnungsgenossen nur Widerstand angebracht ist, massiv und entschlossen. Denn was immer sie mit Religion und Islam im Sinn zu haben vorgeben, es sind Mordgesellen und hoch gefährliche Terroristen. Da hilft kein Diskutieren. Da wünsche ich mir auch Eindeutigkeit und Entschlossenheit bei europäischen Regierungen und besonders auch bei der deutschen.

UPDATE 18.08.2014

Von Al Qaida redet niemand mehr. Denn eine viel größere Gefahr versetzt heute den Nahen Osten und die Welt in Angst und Schrecken: die Terrorgruppe des „Islamischen Staats“. Die arabische Welt befindet sich in der tiefsten Krise seit dem Mongolensturm des 13. Jahrhunderts und der Zerstörung von Bagdad im Jahr 1258. Das Vordringen des „Islamischen Staats“ steht für zwei Aspekte dieser Krise: für den Zerfall von Staaten und für die Konfessionalisierung der Konflikte. (Rainer Hermann in der FAZ – lesenswert.)

UPDATE 20.08.2014

Dutzende von dschihadistischen Videos liefern den Beweis für dieses brutale steinzeitliche Ritual. Die Umstehenden, die diesen entscheidenden, alle Grenzen überwindenden Moment miterleben, sind nervös, weil der Killer nicht immer sicher ist und seine Hand vielleicht noch zittert. Sie rufen „Allahu akbar“, um ihn darin zu bestärken, dass er den letzten Rest an Zweifeln, die vielleicht noch in ihm sind, endgültig über Bord wirft. Er führt das Messer und macht aus dem Gefangenen ein geschlachtetes Tier. Von nun an ist er durch nichts mehr an eine moralische Welt gebunden. Er kann jetzt töten und Befriedigung darin finden, und seine Gefährten respektieren ihn. Er hat die Fesseln der Zivilisation gesprengt. (Leon de Winter, Im Namen des Schwertes, FAZ.NET)

 

 17. August 2014  Posted by at 11:42 Gewalt, Islam, Terrorismus Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Islamismus ungleich Islam
Apr 172013
 

In einem Vortrag des Forums Offene Wissenschaft der Uni Bielefeld sprach der linke Altmeister der deutschen Politologen Arno Klönne zum Thema „Christliche Fundamentalisten in Deutschland – Konsequenzen des Abschieds von der Volkskirche“. Er legte dar, wie die wachsende Zahl „fundamentalistischer“ Gruppierungen innerhalb und außerhalb der christlichen Großorganisationen (evangelische und katholische „Volkskirchen“) als eine Reaktion auf die Moderne, nämlich als deren Ablehnung und Abwendung von ihr, verstanden werden kann. Dabei unterstrich Klönne, dass der Begriff „Fundamentalismus“ recht unscharf gebraucht und oftmals mit Terrorismus verbunden werde und darum näher bestimmt werden müsse. Er markierte vier Kennzeichen christlich-fundamentalistischer Gruppen und Strömungen:

  1. Enthistorisierung des eigenen Weltbildes
  2. Abkehr vom pluralistischen Wertesystem
  3. Unfähigkeit zum Dialog
  4. Aggressiver Hang zur „Missionierung“

1. Enthistorisierung meint, dass die eigenen Glaubensinhalte und Wertvorstellungen, die das jeweilige religiöse Weltbild prägen, als unverrückbar und dem historischen Wandel entzogen gelten. Die eigenen Glaubensaussagen werden entweltlicht und haben quasi Ewigkeitscharakter. Dementsprechend sind auch die Wertvorstellungen unhinterfragbar vorgegeben, zum Beispiel in der Familienethik oder Sexualmoral.

2. Dieser Herauslösung der eigenen Glaubensinhalte und Wertvorstellungen aus dem Fluss des geschichtlichen Wandels hypostasiert diese zu über- oder ungeschichtlichen Größen. Sie sind damit auch der gemeinschaftlichen Diskussion oder auch der gesellschaftlichen Kommunikation entzogen. Es geht allenfalls um die zeit- und situationsgerechte Anwendung dieser unverrückbaren Wahrheiten. Gleichrangige andere Glaubens- und Wertsysteme sind damit undenkbar geworden. Die eigenen Glaubensinhalte und Wertsysteme werden zur ewigen Wahrheit erklärt, die aus pluralistischen Denk- und Lebensweisen heraus fallen.

3. Aus dieser hochgradigen Selbstbezogenheit und Selbstgewissheit, im Besitz der allein richtigen und unwandelbaren Wahrheit zu sein, ergibt sich die Unfähigkeit zum Dialog. Ein Gespräch mit Andersgläubigen (auch ‚andersgläubigen‘ Christen und Mitgliedern der eigenen Kirchen) kann nur nach taktischen Gesichtspunkten erfolgen, um den „Dialogpartner“ für sich zu gewinnen. Der eigene Standpunkt steht dabei niemals ernsthaft zur Disposition. So wird das Gespräch letztlich nur monologisch geführt unter der taktischen Hülle eines „Dialogs“.

4. Glaubt man sich selber im Besitz letztgültiger Wahrheiten, eingeschlossen in vorgegebenen Glaubensgrundlagen und Grundsätzen (Fundamenten), dann kann sich mit der eigenen Haltung ein massiver Drang zur Missionierung verbinden, um „die Welt“ vom „falschen“ Weg zu retten und die Anerkennung der Wahrheit und der Wirklichkeit der als allmächtig verehrten eigenen Gottheit zu erzwingen. Spätestens hier werden fundamentalistische Glaubensgruppen politisch bedeutsam.

5. Zusammenfassend kann man diese so bestimmten „fundamentalistischen“ Gruppierungen innerhalb und außerhalb der christlichen Großorganisationen als eine Reaktion auf den pluralistischen Wertewandel der Moderne begreifen und sie als antimodernistische Reaktion verstehen. Durch die Enthistorisierung allgemein gültiger Wahrheiten sieht man sich dem nivellierenden Wandel der Zeiten entzogen.

Klönne wies darauf hin, dass solche christlichen Gruppierungen dann und dadurch eine besondere Problematik begründen, dass sie sich immer öfter mit spezifisch „rechtem“ politischen Gedankengut verbänden (Rettung des christlichen Abendlandes) und ihrerseits von rechten Gruppen und ihren Organen („Junge Freiheit„) für sich vereinnahmt würden (Rettung vor Islamisierung und Überfremdung). Gerade die sich bürgerlich gerierende Wochenzeitung „Junge Freiheit“ spielt hierbei eine bedeutende Rolle als intellektueller Türöffner. Von den Piusbrüdern bis zu bestimmten evangelikalen Kreisen eröffnet sich in Deutschland ein Feld christlich-fundamentalistischer und zugleich rechts-reaktionärer Strömungen, die besonders dann gefährlich verführerisch werden können, wenn soziale Verwerfungen in unserer Gesellschaft zunehmen. Klönne nannte die wachsende Schere zwischen Arm und Reich und ging davon aus, dass sich Deutschland mittelfristig kaum von den wirtschaftlichen und sozialen Problemen der übrigen Europäischen Union abkoppeln könne. Genau hier erkannte er die gesellschaftliche und politische Gefahr, die von christlichen Fundamentalisten und ihren rechten Gesinnungsgenossen ausgehen können, wenn sie mehr und mehr in die Mitte der Gesellschaft drängen.

Pfingstler

Pfingstler

Man kann der Meinung sein, dass dieses gezeichnete Bild aus verschiedenen Gründen unwahrscheinlich und zu negativ akzentuiert sei, – ganz von der Hand zu weisen ist diese Perspektive allerdings nicht. Gerade dem bürgerlichen und biederen Deckmäntelchen der „christlichen Rechten“ kommt einige Bedeutung zu, auch wenn die Verhältnisse bei uns in Deutschland noch meilenweit von der politischen Aggressivität der christlichen Rechten in den USA verschieden sind. Zumindest scheint mir die Aufforderung Klönnes gut begründet zu sein, diesen Gruppierungen in unserer Gesellschaft mehr kritische Aufmerksamkeit zu schenken.

Auch der Hinweis darauf, dass sich manche „fundamentalistischen“, insbesondere evangelikalen Gruppen völlig unpolitisch begreifen und sich und die Ihren „nur“ von den verderblichen Einflüssen des modernen Wertepluralismus fernhalten und abschotten wollen, macht deren Einfluss nicht weniger brisant. Zum einen betonte Klönne, dass sich gerade auch rechte Gruppen im kommunalen Umfeld bewusst scheinbar „unpolitisch“ verhielten, zum anderen zeigen die Konfliktfelder der evangelikalen Abgrenzung (Schulausflüge, Klassenfahrten, koedukativer Sportunterricht, Verweigerung der Teilnahme am Sexualkundeunterricht, Kreationismus) durchaus gesellschaftspolitische Sprengkraft. Werden hier um des lieben (Schul-) Friedens willen vorschnell und übereifrig Kompromisse im Sinne von Zugeständnissen gemacht, gibt man diesen antimodernistischen Strömungen de facto mehr und mehr Raum mitten in der Gesellschaft. Allein diese Auswirkung sollte von all denen, denen Pluralismus, Individualismus und Liberalität als Kennzeichen der Moderne lebenswichtig sind, genauestens beobachtet werden, um dem fundamentalistischen Anspruch angemessen begegnen zu können.

Leider fehlten in dem klaren und anregenden Vortrag Arno Klönnes (ich habe ihn aus meiner eigenen Sicht paraphrasiert) Zahlen: Wie groß sind diese fundamentalistisch genannten Gruppen, gibt es belegte Zahlen des Wachstums oder nachprüfbare Untersuchungen über ihren gesellschaftlichen Einfluss? Eine erste Übersicht über christliche Gruppen („Kirchen“ und „Sekten“) verschaffen die Aufstellungen des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes. Will man hier aber weder einem selbst gebastelten Feindbild noch der Euphorie eines interreligiösen / interkulturellen Dialogs aufsitzen, sind belastbare Zahlen und wissenschaftlich gesicherte Ergebnisse vonnöten. Das von Klönne skizzierte Szenario möglicher christlich-fundamentalistischer Gefährdungen reicht für sich genommen noch nicht zur Beurteilung der Tragweite dieser Phänomene aus, wenngleich von ihm wertvolle und weiter zu verfolgende Analysen und Hinweise gegeben wurden.

Ferner ist nach Parallelen und Übereinstimmungen mit den Fundamentalismen anderer Religionen zu fragen. Vieles oben Skizzierte ließe sich sicher auch über den islamischen Fundamentalismus aussagen. Dem steht aber zum Beispiel die Interpretation von Olivier Roy entgegen, der den fundamentalistischen Islamismus als eine spezifisch moderne Erscheinung analysiert, nämlich als eine besondere Form der postkolonialen Aneignung der Moderne. Das lässt eine spannende Ambivalenz des Phänomens „neuzeitlicher Fundamentalismus“ erkennen und regt zu weiteren Überlegungen und Forschungen an.

Insgesamt war es ein erfrischend klarer und anregender Vortrag dieses zweiundachtzig jährigen Großmeisters der deutschen Politologie.

 17. April 2013  Posted by at 09:56 Christentum, Fundamentalismus, Gesellschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Fundamentalismus als Antimoderne
Mrz 032013
 

Kaum ist man ein paar Tage weg, schon tritt der Papst zurück. Sollte ich öfter verreisen?- Anyway. Anlässlich des Machtwechsels in der katholischen Kirche gerät das Christentum für einen Moment in den medialen Fokus. Ein guter Zeitpunkt, einige immer wieder geäußerte Irrtümer über das Christentum aufzuklären. Manche dieser Irrtümer sind derart verbreitet, dass sie sogar von den Kritikern der Kirchen geteilt werden. Mit „Irrtümern“ meine ich nicht die christlichen Glaubensinhalte, denn die sind eben eine Sache des Glaubens und nicht des Wissens. Ein Glaube kann darum nicht eigentlich „irren“. „Irrglaube“ ist ein Widerspruch in sich, wird aber gerne als Begriff zur Denunziation von Gegnern der jeweiligen Glaubensrichtung benutzt. Mir geht es um die Dinge, die historisch gut belegt sind und deren Tatsächlichkeit aufklärbar ist.

Ein erster, sehr genereller Irrtum ist die Aussage, es gäbe „das Christentum“.  Es gibt dagegen sehr verschiedene Spielarten einer Glaubensrichtung, die sich mehr oder weniger ausdrücklich auf einen „Christus“ beruft, an den sich bestimmte Glaubensinhalte heften. In den Hauptrichtungen des „Christentums“ findet sich zwar eine recht große Schnittmenge von Gemeinsamkeiten, aber die Menge der Unterschiede ist von erheblicher Größe. Je nachdem man nur auf Glaubensformeln oder auch auf Traditionen, Lebensweisen und innerreligiöse Machtverhältnisse abhebt, können diese Unterschiede eher größer als die Menge der Gemeinsamkeiten sein. Dies gilt schon für die Hauptströmungen (siehe unten) der römisch-katholischen, der orthodoxen und der reformatorischen Glaubensrichtungen („Kirchen“), erst recht für die viel zahlreicheren Nebenströmungen (siehe unten) der „erwecklichen“, „pfingstlerischen“, rigoristisch-ethischen oder neo-gnostischen bzw. dualistischen Ausprägungen des Christentums. Das, was wir im Allgemeinen „Christentum“ nennen, war von Anfang an ein bunter Strauß sehr unterschiedlicher religiöser Glaubensformen mit einigen gemeinsamen Bezugspunkten („Christus“, „Offenbarung“).

Die üblich gewordene Redeweise von „Kirchenspaltungen“ ist eine sehr tendenziöse Ausdrucksweise jeweils aus der Sicht derer, die sich als die einzig richtige, darum „rechtgläubige“ Hauptrichtung verstehen. Die von mir verwandten Begriffe „Haupt- bzw. Nebenströmung“ beziehen sich ausschließlich auf die geschichtliche Ausprägung von quantitativ unterschiedlich zu gewichtenden Glaubensformen des Christlichen, unabhängig vom jeweiligen Selbstverständnis, die allein „rechtgläubige“ und darum legitime Verkörperung des Christentum zu sein. Denn dieses Selbstverständnis haben alle Strömungen des Christentums, gerade auch ohne Berücksichtigung der zahlenmäßigen Größe: Auch die kleinsten Gruppen können sich zu den „einzig wahren“ Christen radikalisieren. Die Unterscheidung „Haupt-“ und „Neben-“ trägt also nur der historischen Faktizität Rechnung, dass es zahlenmäßig besonders bedeutsame Gruppierungen gibt, die sich gegeneinander als „allumfassend“ (=katholisch), als „rechtgläubig“ (=orthodox) oder als „evangelisch“ (= dem Evangelium gemäß) verstehen. „Reformatorisch“ oder „protestantisch“ sind dagegen Selbstbezeichnungen bestimmter abendländischer „Kirchen“, die auf die Interpretation ihrer Entstehungsgeschichte („Reformbewegung“) oder auf bestimmte historische Fakten (Reichstags-Protest) abheben.

Dieser mainstream des Christentums hat sich aber keineswegs, wie stets behauptet, als die „wahre Kirche“ aufgrund ihrer „Wahrheit“ durchgesetzt, sondern vielmehr unter jeweils sehr unterschiedlichen geschichtlichen Bedingungen aufgrund von sehr konkreten Machtverhältnissen, Machtansprüchen oder Koalitionen mit den jeweils Mächtigen. Damit ist zugleich das weite Feld äußerst verwickelter Interessenkollisionen und / oder -koalitionen unter den jeweiligen kulturellen und politischen Machtverhältnissen angesprochen. Die Christen haben das auch oft genug offen zugegeben, diese Tatsachen aber religiös uminterpretiert durch die schon dem „Kirchenvater“ Augustin zugeschriebene Formel „confusione hominum, Dei providentia“, das heißt „trotz Irrtümer der Menschen durch Gottes Vorsehung (geschehen)“. Die „Vorsehung“ war dann stets auf der Seite der siegreichen Partei. Dass sich die genannten drei Hauptströmungen des Christentums durchgesetzt haben, hat also mit sehr konkreten „Verbandelungen“ mit den Interessen der jeweils Mächtigen zu tun und zum geringsten Teil mit dem vermeintlichen „Wahrheitsanspruch“. Immerhin war der noch heute allgegenwärtige Augustin zu seiner Zeit ein recht umstrittener und als eigensinnig verschriener Bischof (siehe Kurt Flasch, Augustin). Die geschichtlichen Bedingungen der Durchsetzbarkeit der römisch-katholischen, der orthodoxen und der reformatorischen Glaubensrichtungen waren sehr unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen aber die Übereinstimmung mit den Herrschenden bzw. einer Gruppe von Herrschenden zu ihrer Zeit. Geschichtsmächtig wurde also das, was in der Geschichte die Macht auf seiner Seite hatte. Das gilt nicht nur für die Ausformungen der christlichen Religion(en), aber für diese ganz bestimmt.

Im Interessenkonflikt von Macht und Politik haben sich nicht nur organisatorische Strukturen (Cäsaropapismus, Vorrang des römischen Bischofs als „Papst“, der Sum-Episkopat der Fürsten) der heute verbreiteten christlichen „Kirchen“ durchgesetzt, sondern de facto auch ihre Glaubenslehren. Das beginnt bei dem oft zitierten gemeinsamen „Glaubensbestand“ der altkirchlichen „ökumenischen Konzilien“ immerhin mit den zentralen Dogmen der Trinität und der „tatsächlichen“ Gottessohnschaft des Christus, setzt sich in dem sich während des Mittelalters herausbildenden Machtprimat des römischen Papstes (nicht nur eines „Ehrenprimats“) fort und findet unter dem russisch-orthodoxen „revival“ unter Jelzin – Putin noch lange nicht sein Ende. Die derzeit anstehende Papstwahl in Rom ist in erster Linie mitnichten ein „geistliches“, d.h. spirituelles Ereignis, sondern eines von extremer machtpolitischer Relevanz. Liest man dazu die derzeit einschlägigen Berichte, dann gibt es im Vatikan wieder einmal ein großes Hauen und Stechen, Tricksen und Treten. Genau dies hat über Jahrhunderte Tradition – und führte nicht zuletzt zu langjährigen Doppel- ja Dreifach-Päpsten. Der Vatikan setzt nur auf die Vergesslichkeit der Gläubigen – und auf eine perfekt inszenierte „Heiligkeit“. De facto verbirgt sich im römischen Katholizismus ein heute fast unglaublicher machismo , ein Kampf alter Männer um die Macht innerhalb und außerhalb der „Kirche“ (Finanzwelt). Ähnliches ließe sich für die orthodoxen Gruppen zeigen, die stets einen Hang zu den Mächtigen hatten, ob es nun Russen, Serben oder Griechen während der Militärdiktatur waren bzw. sind.

Will man erkennen, was sich sonst noch alles unter dem Sammelbegriff „Christentum“ an interessanten und kuriosen Blüten finden lässt, dann muss man sich denjenigen Gruppen zuwenden, die von den machtvollen Hauptvertretern des Christentums als „Sekten“ oder „Ketzer“ diffamiert und ausgegrenzt wurden. Auch dies begann gleich von Beginn dessen an, was wir Christentum nennen. Schon in der „Bibel“, dem energisch formierten Erfolgsbuch der Mehrheitschristen, lassen sich Spuren ernster Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Glaubensrichtungen (Pauliner, Petriner, Jakobus-Anhänger, Johannes-Christen) finden. Das setzt sich fort mit den Gnostikern, den Thomaschristen, den Apokalyptikern, den Arianern, den Marcioniten, den Manichäern, den Miaphysiten, den – springen wir über die Jahrhunderte, weil die Liste sonst zu lang würde – den Katharern (aus denen eben die „Ketzer“ wurden), den Averroisten, den Armutschristen, – und wieder später den Mennoniten, den Adventisten, den Mormonen, den Waldensern, den vielen Alt-, Neu-, Frei-Kirchen. Ein Buch über das Christentum müsste all diese Bewegungen und Glaubensrichtungen mit im Blick haben, wenn man die religiöse Breite dessen darstellen will, was sich unter dem Dach „Christentum“ finden lässt. Die Konzentration auf die „geschichtsmächtig“ gewordenen Hauptströmungen ist durch nichts anderes als durch eine machtpolitische Perspektive der Kirchenhistoriker bedingte, interessegeleitete Verengung, Zuspitzung, Auswahl.

Es gehört zu den unausrottbaren Irrtümern der Zeitgenossen, das Christentum nur aus dem Blickwinkel der großen Kirchen zu betrachten. Diese legen es allerdings gerade darauf an und prägen auf diese Weise noch Blickwinkel und Zugangswege auch der Kritiker. Christentum ist weit mehr als seine Machtorganisationen und Hauptströmungen. Eigentlich ist die interessanteste Geschichte des „Christentums“ seine „Ketzergeschichte“. Aber auch die sogenannten Ketzer sind keineswegs „die Guten“, sind ebenso selbstgerecht und unduldsam, eigensinnig und rechthaberisch („wahre Kirche“) wie der mainstream. Aber oftmals finden sich bei ihnen verschüttete Gedanken und Impulse, die sich mit entsprechenden Erfahrungen anderer Religionsformen als der christlichen berühren, überschneiden, befruchten und so die Vielfalt religiöser Ausdrucks- und Lebensformen im Verlauf der menschlichen Kulturgeschichte zeigen.

Es gibt nicht die „wahre Religion“, auch nicht diejenige (humanistische) Religion aus Lessings „Ringparabel“. Der Wahrheitsanspruch ist schon der verkehrte Weg. Ob dieser exklusive und gewalttätige Wahrheitsanspruch erst durch die monotheistischen Religionen in die Welt gekommen ist, wie eine interessante These behauptet (Jan Assmann, Die mosaische Unterscheidung), oder ob das Rechthabenwollen („Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.“) doch mehr zum Fundament des Menschlichen gehört, kann dahin gestellt bleiben. Religion als ein eigenständiger Bereich des Menschlichen kann das Leben des Einzelnen bereichern und erfüllen, kann auch Sinn und Hoffnung vermitteln, kann Impulse zu solidarischem Handeln geben, überhaupt Verantwortung und Gemeinschaft stiften. Darum sollte man Religionen, auch das „Christentum“, eben nicht nur kirchenhistorisch (dominante Sicht der Mehrheit) und auch nicht nur religionshistorisch, (verengt auf eine religiöse Geschichte ohne ihre Interessen an Macht, Geld und  Einfluss) betrachten, sondern allgemein kulturgeschichtlich, soziologisch, psychologisch, sozialgeschichtlich mit all den dort zur Verfügung stehenden Methoden und Modellen.

Bischöfe

Ein letzter Irrtum als aktuelle Zuspitzung. Wenn in Rom ein neuer Papst gewählt wird, so geht es um handfeste Machtpolitik, auch wenn viele Katholiken kindlich von einem neuen „heiligen Vater“ träumen. Die Machtstrukturen der römischen Kirche erfordern deren Selbsterhalt, und sei es um des Selbsterhaltes willen: wegen der Privilegien, der Finanzströme, der Abhängigkeiten, der „Leichen“ und Skandale, die unter Verschluss gehalten werden müssen. Damit steht diese „Weltkirche“ tatsächlich repräsentativ für das offizielle „Christentum“ da: Das Christentum ist die geschichtlich vielleicht wirkungsvollste religiöse Form politischer Macht – und die politische Form religiöser Macht überhaupt. Da ist der theokratische Islam im Iran oder in Saudi Arabien nur ein schwacher Abklatsch, wie überhaupt der Islam vom Christentum machtpolitisch viel gelernt hat. Mag einem manche Struktur überholt, „von gestern“ und im Niedergang begriffen erscheinen, so sollte man die Virulenz der „alten Männer“, ihrer Dogmen und Herrschaft über die „Seelen“ nicht unterschätzen. Christentum ist geschichtliche Gestalt gewordene institutionelle religiöse Macht in unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen. Sie teilt mit aller Macht und allen Mächtigen die Fähigkeit, sich in eigenem Interessen zu wandeln, zu transformieren, selbst unter dem Deckmantel der Tradition. Genau diese Fähigkeit hat den tatsächlichen Erfolg des Christentums begründet. In dieses Schema muss und wird auch der neue „Papst“ passen.

 3. März 2013  Posted by at 12:44 Geschichte, Kirchen, Kultur, Religion Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Irrtümer des Christentums
Feb 042013
 

Wieder einmal fiel mir auf, wie leicht man – absichtlich oder unabsichtlich – sprachlich die Ebenen verwechselt. Beide Male waren es religiös-kirchliche Kurzbeiträge im Radio. Es könnte einem so ähnlich aber auch in anderem Zusammenhang begegnen.

Da hieß es einleitend, der Mensch bestehe ja nicht nur aus Körper, sondern auch aus Seele und Geist. Damit wird an das herkömmliche allgemeine Vorverständnis appelliert, so als habe sich nie etwas geändert, als gäbe es keine Hirnforschung und keine aktuelle Diskussion dazu. Wie immer man dazu steht, dürfte man nicht mehr selbstverständlich und kommentarlos von der tatsächlichen Gegebenheit von drei – ja was denn?  Wesenheiten? Dingen? Gegenständen? reden, die da heißen Körper, Geist und Seele. Der menschliche Körper ist, anatomisch gesehen, ein klar definierter Gegenstand, eine tatsächliche Gegebenheit, ein „Ding“. Ebenso klar ist auch, dass der Mensch als Person nicht ohne Körper denkbar ist. Der tote Körper, der Leichnam, ist keine Person mehr. Er wird nicht nur begrifflich vom lebendigen Köper unterschieden, sondern auch rechtlich. Der tote Körper ist kein Rechtssubjekt mehr. Er ist etwas anderes als „Mensch“, eben die Leiche. Aber auch diese bleibt gegenständlich, tatsächlich, nur in einem anderen Zustand als der belebte Körper.

Seele und Geist sind dagegen Interpretamente der Belebtheit des Menschen, Aspekte der menschlichen Person. Es sind keine Gegenstände oder Dinge, so wie ein Arm oder Bein beispielsweise ein Objekt medizinischen Handelns ist. Ob dem Geist und der Seele des Menschen eine eigenständige, vom Körper unabhängige Existenz zukommt, ist gerade umstritten. Die Hirnforschung, speziell die Neuropsychologie haben zumindest dies erbracht, dass geistige und seelische („mentale“) Fähigkeiten des Menschen nicht ohne seinen Körper, nicht ohne das Organ Gehirn wissenschaftlich betrachtet werden können. Wie man diese Fähigkeiten bewertet, einordnet, welche besondere Bedeutung man ihnen für die Persönlichkeit des Menschen zumisst, ist dann Sache einer ganz anderen Betrachtung. Sie „interpretiert“ gewissermaßen das Menschsein unter den Aspekten seiner geistigen oder seelischen Vermögen. Die Reduktion aller mentaler Fähigkeiten auf physiologische Prozesse wird zwar ebenfalls wissenschaftlich vertreten, ist aber nicht die einzige und auch nicht die plausibelste wissenschaftlich gestützte Position. Darüber hinaus spielt natürlich auch die jeweilige weltanschaulich-religiöse Grundeinstellung eine Rolle, die unsere Sicht auf „Leib, Seele und Geist“ bestimmt.

Klar ist nur so viel, dass sich „Körper“ einerseits und „Seele“ und „Geist“ auf der anderen Seite auf unterschiedlichen Ebenen möglicher Gegenstände rationaler Betrachtung befinden. Diese sollten nicht verwechselt werden, auch nicht mehr in der Alltagssprache. Seele und Geist können nur in einem anderen, uneigentlichen Sinne als „Objekte“ der Untersuchung gelten, sie sind besser als spezifische personale Aspekte des Menschseins zu bezeichnen, die sich als Fähigkeiten, als Vermögen fassen und beschreiben lassen. Jedenfalls sollte man nicht den Eindruck erwecken, der Mensch sei ein „Mischwesen“ aus drei verschiedenen Wesenheiten. Diese Redeweise verharrt in einem Weltbild, das unserem Wissen und unserer Sicht auf den Menschen nicht mehr entspricht.

Creation

Giovanni di Paolo – Creation (Wikipedia)

Ein wenig anders verhält es sich mit der Bemerkung, religiöse Überlieferungen und Geschichten würden uns etwas „berichten“. Konkret gesagt: Biblische Geschichten – ebenso wenig wie Koranische Verse – sind keine „Berichte“, das heißt Auskünfte über historisch positive Tatsachen („news“), und wollen es auch gar nicht sein. Es sind von bestimmten religiösen Überzeugungen geprägte Erzählungen, „Geschichten“, die ihre Wahrheit nicht im Tatsachen-Geschehen haben, sondern in der von und in ihnen intendierten Aussage bezüglich einer religiösen „Wahrheit“. Die moderne kritische Bibelwissenschaft spricht daher davon, dass biblische Geschichten immer zu allererst „Verkündigung“ sind, Predigten, die auf Überzeugung und Vergewisserung der Gläubigen zielen. Was sich über Jesus oder Mohammed historisch als tatsächlich heraus finden lässt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Religionsgemeinschaften neigen allerdings dazu, die narrative Ebene mit der Ebene historischer Faktizität zu verwechseln, zu vermischen oder gar die Historizität von religiöser Narration zu behaupten. Dies hilft weder der Religion als Sinn- und Symbolsystem noch dem heutigen Menschen, der bei „Berichten“ gleich an Tatsächlichkeit denkt. Die Wahrheit der Religionen stützt sich nur zum geringsten Teil auf historische Tatsächlichkeit, sondern viel mehr auf die Bedeutung eines Geschehens, das seinen Wert und seine Wahrheit aus dem religiösen Verweiszusammenhang erhält. Die möglicherweise dahinter stehende historische Tatsächlichkeit kann oft kaum mehr erhoben werden. Historie ist da die falsche Kategorie, die falsche Ebene, die nur zu einem ideologischen Fundamentalismus führt. Dieser nämlich macht aus religiösen Erzählungen von Bedeutung eine tatsächliche Gegebenheit, historische Faktizität. Da wird dann auf einmal die Schöpfungserzählung aus der Bibel zum naturwissenschaftlichen Tatsachenbericht. Das aber geht am religiösen Text – und am Menschen vorbei.

Es ließen sich noch mehr Beispiele solcher implizit-tatsächlichen Redeweisen nennen, die auf einer absichtlichen oder unabsichtlichen Verwechslung von Aussage- und Bedeutungsebene beruht. Hier besser zu unterscheiden schafft eine Klarheit, an der auch die sich historisch begründenden Religionen interessiert sein sollten, und sei es auch nur, um Anschluss an heutiges Weltverstehen zu halten. Es wäre zudem ein Gebot der Redlichkeit.

 4. Februar 2013  Posted by at 13:31 Religion, Wissenschaft Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Verwechslung der Ebenen
Dez 162012
 

Hans Ulrich Gumbrecht hat in seinem FAZ-Blog Digital/Pausen einen bemerkenswerten Beitrag zum Thema Segen geschrieben. Er geht von seiner persönlichen Erfahrung als „durchschnittlicher Agnostiker“ und Großvater aus. Am Ende eines Besuches bei seinen Enkelkindern möchte er ihnen beim Abschied etwas mitgeben. Er ertappt sich bei einem eigentümlichen Gefühl:

…  dann möchte ich immer gerne eine Geste haben, eine körperliche Geste und eine Formel aus Wörtern, welche die beiden bis zur nächsten Begegnung beschützen könnte – ganz so wie mir mein Vor-Bewusstsein einflüstert, dass ihnen nichts passieren kann, solange ich bei Ihnen bin … Problematisch zumindest erscheint der Glaube, es ließe sich in Abwesenheit irgendetwas ausrichten für die Sicherheit meiner Enkelkinder; wie eine Illusion fühlt sich der Gedanke an, dass dies durch eine kombinierte Form aus einer Geste und Worten bewirkt werden könnte; und peinlich vor allem ist mir, wie sehr diese Vorstellung an die religiöse Institution des Segnens erinnert.  So bleibt es dann, aus Gründen akkumulierter potentieller Peinlichkeit eben, stets bei einer – bis zum nächsten Mal – letzten Umarmung, die allerdings etwas enger und länger ausfällt als sonst, und von der ich auch tatsächlich möchte, dass sie als besonders intensiv wahrgenommen wird.

Und er fragt sich „Wie sollte ein Segen mir, dem Agnostiker, helfen, und wie könnte es meinen Enkelkindern nutzen, wenn ich Agnostiker sie segnete?“ und fragt dies auch seine „Pastoren-Freundin Antje Lewitz-Danguillier“. Er gibt im Blog ihre ausführliche Antwort wieder. Man kann es an Ort und Stelle nachlesen. Es ist eine typische modern-evangelische Antwort, wie man sie so oder ähnlich auch hier bei uns von vielen jüngeren Pastorinnen (junge evangelische Pastoren gibt es kaum noch) zu hören bekommen könnte, sehr gefühlvoll, sehr „ganzheitlich“, manchmal etwas nach Yoga klingend, auf jeden Fall recht konservativ spirituell: Segen als „Erfahrungsform für Gottes lebendigen Geist im Leben“, als „spürbare Energie“, als „tieferes Berührtwerden“, als „körperliche Erfahrung“ der Gegenwart und „besonderen Energie“ (so mehrfach) Gottes und ihrer „Resonanz“ in mir, usw. Man kann dem glaubend zustimmen oder auch nicht. Man könnte es auch anders beschreiben. Aber einen Satz aus der Antwort der Pastorin möchte ich noch festhalten, wenn sie über die Wirkung ihres Segnens schreibt: „Dabei geht es um tief empfundene, manchmal schon vergessen geglaubte Gefühle.“

Christus in Rio

Hier interessiert mich nun, wie Hans Ulrich Gumbrecht, der umfassend gebildete Literaturwissenschaftler, Literat und Philosoph, mit seinem Gefühl und mit dieser Antwort umgeht, soweit er uns davon in seinem Blog wissen lässt. Er wägt die erhaltene Antwort ab im Zusammenhang der katholischen Tradition, der er selber entstammt, und seiner eigenen Haltung der Agnostik: „Denn ich selbst habe keinen Gott, den ich verkörpern oder dessen Kraft ich wenigstens vermitteln könnte.“ Die „Geste des Segnens“ beeindruckt ihn, drängt sich ihm auch gegenüber seinen Enkeln auf, wiewohl sie „nichts mit Magie zu tun“ hat, wie er betont, keine „unmittelbare Heraufbeschwörung“ ist. Dennoch fühlt er sich positiv eingenommen gegenüber einer solchen Segenshandlung:

Einem so starken Gefühl nun eine von mehreren möglichen Formen, eine von mehreren möglichen rituellen Formen zu geben (nicht unbedingt „seine eigene“ rituelle Form), das gelingt offenbar vor allem dann, wenn diese Formen eine ansonsten wenig konturierte Sequenz des Verhaltens sichtbar beschließen  (wie es der Segen am Ende des Gottesdienstes tut). Natürlich, ich habe kein Recht zu hoffen, dass ein säkularer Segen (mehr kann ich ja nicht beanspruchen) meine Enkel beschützen wird, während ich abwesend bin. Aber er würde meine Liebe und meine Sorge für sie vielleicht zu einem spürbaren Geschenk machen – und mich damit in einer Weise für sie gegenwärtig halten. So könnte ihnen tatsächlich der Segen ihres ungläubigen Großvaters nutzen.

Dies ist beeindruckend ehrlich und sensibel geurteilt. Aus meiner Sicht brauchte sich Gumbrecht aber keineswegs zu entschuldigen, wenn er sich nun seinerseits beinahe peinlich berührt wiederholt als „Agnostiker“ bezeichnet, der mit der Realität Gottes hadert. Warum dies? Warum die entschiedene Abwehr des Gedankens, es könnte sich um eine magische Vorstellung handeln? Denn natürlich ist die Segenshandlung religionsgeschichtlich eine sublime Form der Magie, der Beschwörung. Warum sonst haben Priester aller Religionen immer auch gerne die in die Schlacht ziehenden Heere gesegnet? Ist es dem aufgeklärten Agnostiker Gumbrecht zuwider, bei sich selbst ein so archaisches Motiv zu entdecken, wie es die Spendung eines Segens, die Beschwörung guter Geister, eben auch ist?

Gott-los in theistischer oder in deistischer Form muss nun wirklich nicht gleichbedeutend sein mit religionslos. Betrachten wir an der Religion die subjektive Seite (nur über diese sind verlässliche Aussagen möglich), so finden wir Bedürfnisse, Gefühle und Handlungsebenen, die offenbar tief im Menschen verankert sind, also die Mentalität im vor- und unbewussten Bereich prägen. Das Gefühl der Abhängigkeit (Ohnmacht) gegenüber dem „Schicksal“ gehört dazu, die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Trost und Vergebung, der Zuspruch von Güte und Heil (Segen). Ich habe das Wort „Zuspruch“ absichtlich verwandt, denn vieles im Kultisch-Rituellen ist „Wortgeschehen“, ist „performative Rede“, die der „Zeichenhandlung“ (symbolischer Realität) zur Seite steht. Performative Rede oder Akte sind unmittelbares Wirksamwerden des Gesagten bzw. Getanen. Der Richterspruch ist solch ein performativer Akt, der neue Wirklichkeit im Aussprechen setzt. Vergleichbar ist das Segnen mit der Segensformel ein performativer Sprechakt: Das Wort tut, was es sagt. So der Glaube.

Und genau dies ist der entscheidende Faktor in allem religiösem Tun und Reden: Der Glaube, dem das Tun gilt bzw. der das Wort hört und annimmt. Ihm wird dann das Wort zur Realität, der Segen erfahrbar, wirksam. „Glaubst du, so hast du.“ ist einer der Kernsätze des Reformators Martin Luther, dem ich ansonsten in Wenigem, dafür in diesem Punkt gerne folge. Der Satz lässt sich auch umkehren: Glaubst du nicht, so hast du nichts. „So ist es nun der Glaube, der Gott und Abgott macht.“ (Luther). Ein wahres Wort, weil man für Abgott auch Nicht-Gott setzen kann. Die Subjektivität, das glaubende Ich, ist im religösen, im kultischen und rituellen Vollzug der entscheidende Träger aller religiösen Wirklichkeit. Alles andere ist nur Folklore.

Darum stimme ich diesem einen Satz der befreundeten Pastorin Gumbrechts zu: Beim Segen „geht es um tief empfundene, manchmal schon vergessen geglaubte Gefühle.“ Der religiöse Mensch ist in all den Formen des modernen Menschseins eben nicht so leicht tot zu schlagen. – Und der Schlussbemerkung Gumbrechts stimme ich zu, dass seine Segensworte zum Abschied „meine Liebe und meine Sorge für sie vielleicht zu einem spürbaren Geschenk machen“. Das allein ist wichtig, das allein ist entscheidend und aller Grund, es so zu tun, nämlich das, was seine Enkelkinder dabei empfinden, was sie als ihres Großvaters „Geschenk“ spüren können: seine Hand, den Atem seiner Seele. So kann die performative Geste des Abschieds, sein Segenswort, der „Segen des ungläubigen Großvaters“, sehr wohl bei seinen Enkelkindern wirken, und insofern auch „tatsächlich nutzen“. Das ist dann keine „Illusion“.

 

Natürlich weiß dies alles auch Hans Ulrich Gumbrecht. Ich brauche den kundigen Literaturwissenschaftler nicht über „Sprechakte“ zu belehren. Ich wollte es in diesem Zusammenhang nur in Erinnerung rufen. Es ist kein Umweg über den Theismus nötig, und Magie und „Wirk-Worte“ sind uns im Alltag oft viel gegenwärtiger, als wir meinen.

Und außerdem „wirkt“ natürlich immer eine ausgefeilte frühkindliche Imprägnierung, wie sie katholische Erziehung in Jahrhunderten erprobt und verfeinert hat. Das wirkt lebenslänglich, da hilft auch kein Bekenntnis als Agnostiker. Also doch auch ein Beispiel für „einmal katholisch, immer katholisch“?

 16. Dezember 2012  Posted by at 12:12 Religion, Symbole Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Der Segen des Agnostikers