Nov 102019
 

Technologie als Kultur-Ersatz

Zwei Themen begegneten mir kürzlich, die scheinbar kaum etwas miteinander zu tun haben. Einmal geht es um den Transhumanismus, also um die Vervollkommnung oder Überwindung des natürlichen Menschen. Zum andern erregte der Abgesang auf die Geisteswissenschaften von Hans Ulrich Gumbrecht (NZZ) Aufsehen und blieb nicht unwidersprochen (Andreas Kablitz, FAZ). Gemeinsam ist beiden Themen die Aufkündigung eines Kulturverständnisses, das die Förderung und Bildung des Individuums in einen gesellschaftlichen Zusammenhang einbettet, die Humanität sozial verortet (kategorischer Imperativ) und sie auch mittels wissenschaftlicher Weltdeutung („Aufklärung“) kritisch begleitet. Ein solcher Umbruch, wenn er sich denn tatsächlich vollziehen würde, wäre eine Ansage an die Gegenwart, die öffentlicher Diskussion bedürfte.

Da die beiden Artikel von Gumbrecht und Kablitz für sich selber sprechen, muss erläutert werden, was es mit dem Transhumanismus auf sich hat. Deutlich wurde die Problematik in einem Vortrag von Michael Hauskeller (Liverpool) im Rahmen der Ringvorlesung des Zentrums für Wissenschaftstheorie und des Centrums für Bioethik an der Westfälischen Wilhelms – Universität Münster. Wenngleich die Begriffe Humanismus, Posthumanismus und Transhumanismus schillernd sind, so ist dieser überwiegend angelsächsischen Bewegung gemeinsam, den auf Renaissance und Aufklärung beruhenden Humanismus radikal weiterzuführen, sei es durch Überwindung, sei es durch überbietende Vollendung. Mittel dafür sind die rasant wachsenden technologischen Möglichkeiten und Fähigkeiten des heutigen Menschen, sich der gezielten Genmanipulation, der Künstlichen Intelligenz (AI / KI) und der Mensch-Maschine-Kopplung zu bedienen. Der natürliche Mensch, wie ihn die „Bio-Konservativen“ sehen, ist aus dieser Sicht defizitär insbesondere hinsichtlich Krankheit, Leid und Tod. Gibt es das Wissen und die Mittel, diese Defizite zu beseitigen, ist der Mensch geradezu verpflichtet, sich selbst zu entgrenzen und eine neue Seinsform als Transhumanum zu verwirklichen. Science Fiction – Themen berühren sich mit utopischen Gedanken bei Vertretern dieser Bewegung, gehen darin aber nicht auf (siehe zum ersten Überblick Wikipedia deutsch, vor allem aber den ausführlichen Artikel Wikipedia englisch.) Es ist die ernst gemeinte und philosophisch formulierte These, dass die Aufklärung als Aufbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit (Kant) erst noch bio-technologisch und KI-basiert ins Werk gesetzt werden, sie je nach Sichtweise vollendet oder überwunden werden müsse. Der natürliche Mensch selber (und nicht bloß seine Befindlichkeiten, Ansichten und Haltungen) ist zum Gegenstand der Kritik und Korrektur geworden. Ein neues transhumanes Design wird geschaffen.

Die dadurch aufgeworfenen ethischen Fragen sind erheblich und berühren die Grundlagen des menschlichen Selbstverständisses. Sie sind aber vor allem gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Biochemische Mittel zur körperlichen und intellektuellen Leistungssteigerung sind allenthalben im Umlauf, – nicht nur im Sport ist „Doping“ ein zentrales Problem. Die Frage der Steuerung menschlicher Reproduktion ist zunächst durch Vorauswahl von Gendefekten in den Bereich des bei Schwangerschaften Alltäglichen gerückt. Zumindest verläuft die Entwicklung der Medizin und der Prothetik in eine Richtung, die neben der Heilung auch Verbesserung, Optimierung ermöglicht. Die Perspektiven der Transhumanisten mögen noch extravagant oder abwegig erscheinen, sie sind gleichwohl real gegebene Möglichkeiten wissenschaftlich-technischer Entwicklung und Manipulation. Schon allein deswegen sollte man sich damit auseinandersetzen.

Transhumanisten Symbol
Transhumanisten – Symbol (c) Wikimedia Commons

Demgegenüber scheint der Abgesang auf die Geisteswissenschaften als universitäre Disziplinen vergleichsweise harmlos. Die Replik von Kablitz auf Gumbrechts Provokation (wenn sie denn überhaupt als solche empfunden wird) ist bestimmt noch nicht alles, was dazu zu sagen wäre. Gumbrecht beschreibt doch schlicht die angelsächsische Wirklichkeit, die schon durch entsprechende Begriffe angezeigt wird: „Science“ ist evidenzbasierte Naturwissenschaft, alles andere sind die „humanities“, das Menschlich-Allzumenschliche in Geschichte, Literatur, Kunst, das Gumbrecht nur noch für den Zweck ästhetischen Konsums gerechtfertigt hält. Es fallen allerdings neben der Geschichte die Soziologie, Psychologie, Jurisprudenz und wohl auch die Ökonomie durch das Raster, sofern sie sich nicht ausschließlich erfahrungsbasiert, sondern ebenso hermeneutisch und normativ definieren. Ausschließlich datengetriebene Kulturwissenschaften wären eher das Gegenteil von dem, was wir gemeinhin als liberale, aufgeklärte, gesellschaftsbezogene Kulturwissenschaften verstehen. Die Restriktion der Wissenschaft auf Empirie, Evidenz, Daten und Technologie mag zu einer enormen wirtschaftlichen Steigerung der Verwertbarkeit des Wissens beitragen, Produktivkräfte geradezu entfesseln, so dass umfassende Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, die sich ihren kritischen, analytischen, exemplarischen Anspruch nicht rauben lassen, an den Rand gerückt werden. Die Auswirkungen solcher Tendenzen zu immer stärkeren Verwertungsinteressen („Drittmittel“) lassen sich auch an deutschen Universitäten beobachten.

Und hier trifft sich das Fortschreiten der technischen (Natur-) Wissenschaften als einer Art wissenschaftlicher ‚Säkularisierung‘ mit den Zielen des Transhumanismus, – zumindest passt es allzu gut zusammen. Zu machen und zu verwirklichen, was immer möglich ist, dient vor allem der Selbstvervollkommnung, das heißt der Perfektionierung des Einzelnen, der sich selber als ‚transhumanes‘ Ego neu erschafft. Kultur und Gesellschaft, ihre Prägungen und Verpflichtungen, sind da nur hinderlich, lassen sich allenfalls noch individuell ästhetisch goutieren. Der wahre Mensch aber soll der neugeschaffene Mensch sein, der sich seiner Fesseln und Schranken entledigt, – alte Mythen und Utopien lassen grüßen. Nur ist es heute ’science‘, die dabei hilft. ‚Humanities‘ sind dann nur noch etwas für die „Bio-Konservativen“ als zukünftige „Amish-People“. So nennen Transhumanisten ihre Gegner. Das passt erstaunlich gut zusammen.

Nimmt das Programm ernst, ist schnell zu erkennen, dass es dabei letztlich um reine Machtfragen geht, darum nämlich, wer die begrenzten technischen Ressourcen verwaltet und zuteilt, wer die Maßstäbe setzt für das Mögliche und unbedingt zu Erreichende, wer dem Kreis der Erwählten und biotechnisch Optimierten angehören darf und wer als bloß bionatürlicher Rest, selbst wenn es die große Mehrheit ist, ausgeschlossen bleibt. Danach aber wird bei den Transhumanisten gar nicht gefragt. Ob das vorgeblich Gute und Richtige, das es mit dem Transhumanum zu erreichen gilt, tatsächlich bei der Verschmelzung von ‚wissenschaftlichen‘ Evidenzen und Daten gleichsam von selbst „ausfällt“, ob also der so ersehnte Fortschritt etwas anderes ist als eine neue Form eines technologischen Totalitarismus, wird weder bedacht noch diskutiert. Naturwissenschaft allein reicht eben nicht für Gesellschaft und Kultur. Es wird Zeit für eine solche Diskussion, und Ethik und Kritik sind gefragt, wenn darüber entschieden wird, welchen Weg die Menschheit nehmen soll.

Update:
Claus Pias beschreibt in der FAZ „Gestern und morgen sind abgeschafft!“ eine vergleichbare Entwicklung im Blick auf den „Präsentismus“ der digitalen Medien, nämlich als eine Art self-fullfilling prophecy des silicon valley – brilliant beobachtet und geschrieben! (FAZ plus).

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Jun 052014
 

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ (Albert Schweitzer)

[Kultur]

Albert Schweitzer ist kaum mehr bekannt. Dabei ist der 1965 in seiner langjährigen Wirkungsstätte Lambarene (Gabun) verstorbene Arzt, Theologe, Philosoph und Humanist eigentlich erstaunlich aktuell. Seine ethische Maxime „Ehrfurcht vor dem Leben“ prägte sein Handeln und sein Lebenswerk (siehe den Wikipedia-Artikel). Vegetarier können sich auf ihn berufen, heute vielleicht sogar die modischen Veganer. Vielleicht aber auch gerade nicht. Denn dass Schweitzer trotz einer weltumspannenden Ökologie- und Naturbewegung weitgehend in Vergessenheit geraten ist, hängt vielleicht gerade mit seiner ethischen Formulierung „Ehrfurcht vor dem Leben“ zusammen. Verantwortung für Umwelt, für nachfolgende Generationen, Erhaltung der Artenvielfalt, Sammlung und Bewahrung des natürlichen Genpools, Nachhaltigkeit – sustainability, dies Zauberwort unserer Zeit – , all das sind Stichworte unseres gewachsenen Umweltbewusstseins, wie wir sagen. Die veganische Lebensweise („nichts essen, was ein Gesicht hat“) ist nur die emotionalisierte, etwas naive oder extravagante Ausdrucksform dieser Haltung. Sie passt in die Zeit. „Ehrfurcht vor dem Leben“ – das passt allerdings überhaupt nicht mehr.

Allein schon das Wort „Ehrfurcht“. Es stammt aus einem religiösen oder höfischen Kontext. Es ist altertümlich. Es passt nicht zu dem Selbstverständnis als freie und selbstbestimmte Menschen, deren Bedürfnisse oberste Richtschnur sind. Oft ist diese Freiheit aber nur ökonomische Freiheit, und die Bedürfnisse müssen schon auch Spaß machen. Die weltweite Überwachung mag manche erschrecken und in Alarmstimmung versetzen, weil die persönliche Freiheit und Privatheit verletzt wird, aber wieder ist allenfalls das menschliche Individuum und seine Bedürfnisse und Ansprüche das Maß. Das ist keineswegs falsch, und Wachsamkeit bzw. Protest ist hier offenkundig vonnöten. Nur mit Ehrfurcht hat das alles gar nichts zu tun. „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ – Protagoras, gestorben vor 2500 Jahren. Das gilt auch heute. Gestritten werden kann allenfalls darüber, welcher Mensch da gemeint ist: der ökonomische oder der kulturelle, der öffentliche oder der private, der gesellschaftliche oder der individuelle, der fromme oder der säkulare usw. Im Zweifelsfall ist es ein Querschnitt aus all diesen (und noch mehr) Aspekten. Jedenfalls ist der moderne Mensch das Maß unserer Welt, und das „nachhaltig“.

„Ehrfurcht vor dem Leben“ meint etwas recht anderes. Vielleicht trifft es das heute gebrauchte Wort „Achtsamkeit“ etwas besser, das in eine ähnliche Richtung weist. Beide Begriffe, Ehrfurcht und Achtsamkeit, sind relational, sie weisen auf etwas / jemanden anderes hin, gegenüber dem Ehrfurcht oder Achtsamkeit aufzubringen ist. Sie weisen jedenfalls vom alleinigen Maßstab Mensch weg. Während der Begriff Ehrfurcht auf etwas Größeres, Übergeordnetes hinzuweisen scheint, ist „Achtsamkeit“ nicht hierarchisch gemeint. Achtsamkeit gebührt demjenigen Er / Sie / Es, das mir wichtig ist, das ein eigenes Recht hat, das es zu beachten gilt, das auf mein Achtgeben angewiesen ist, wenn es nicht übersehen oder verloren gehen soll. Beide Begriffe scheinen mir komplementär und sehr gut geeignet zu sein, das zu beschreiben, worum es beim Nachdenken über das Leben geht.

Das Wort „Leben“ ist in diesem Zusammenhang mehrsinnig. Frage ich, worum es im Leben geht, so versteht man es allgemein so, dass da von meinem Leben die Rede ist, also worum es mir in meinem Leben geht. Vielleicht schwingt noch eine weitere Bedeutung mit, worum es nämlich im menschlichen Leben überhaupt geht. Worum es im Leben geht, fragt nicht danach, worum es im Leben der Kuh geht. Selbst Leben überhaupt wird zu allererst als menschliches Leben verstanden. Man muss zur Biologie überwechseln, wenn man einen Begriff Leben zu Gesicht bekommen will, der alles Leben umfasst. Allerdings kommt in der Naturwissenschaft sogleich der ordnende, analysierende, erklärende und instrumentelle Geist des Menschen zum Zuge und insofern auch ein Allgemeinbegriff von Leben, welcher der Einordnung („Bestimmung“), Analyse, Erklärung und zielgerichteten Instrumentalisierung  und Manipulation von Leben dient. Eigentlich ist also nicht das Leben Gegenstand der Wissenschaft Biologie und all ihrer heutigen Erweiterungen und Spezialisierungen, sondern Gegenstand sind lebendige Organismen. Das ist nochmal etwas anderes.

Grand prismatic spring

Grand prismatic spring, Yellowstone (Wikimedia)

„Ehrfurcht vor dem Leben“ meint Leben schlechthin, Leben als umfassende Weise des Existierens, des Vorhandenseins von Lebendigem im Unterschied zu Leblosem, Totem. Dieser Allgemeinbegriff von Leben schließt das individuelle Leben ein, geht aber darüber hinaus auf alles Leben, das überhaupt vorkommt und gefunden wird. Ich bin Teil dieses Lebens, darum gilt Schweitzers Satz: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Leben will leben, heißt es hier zurecht. Leben ist kein bloßes Gegebensein, sondern Leben ist ein Prozess. Es ist kein ungeordneter, zielloser Prozess, sondern ein gerichteter. Leben hat ein Ziel: zu leben, am Leben zu bleiben, zu überleben. Leben muss sich also ständig gegenüber dem Nicht-Leben, dem Toten, behaupten. Zudem muss es sich gegenüber anderem Leben bewähren. Leben überhaupt ist, so Schweitzer, Wille zum Leben. Gibt es einen gewissermaßen natürlichen Wert des Lebens, dann ist es zuerst dieser: am Leben zu bleiben. Albert Schweitzer schreibt: „Als gut gilt ihm: Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen; als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederhalten.“ „Dies ist das denknotwendige, absolute Grundprinzip des Sittlichen.“ Statt Sittlichkeit würden wir heute sagen: Grundprinzip der Ethik des Lebendigen. Diese Beziehung auf das Ganze des Lebens, das mich umgreift und über mich hinaus geht, meint der Begriff Ehrfurcht. Man kann dieser Richtung der Aussagen Schweitzers durchaus heute folgen.

Das Ganze des Lebens bedarf meiner Achtsamkeit. Es ist damit zu allererst das Achten darauf gemeint, dass es neben meinem Leben noch anderes Leben gibt, dass da noch andere Menschen sind. Aber es meint ebenso sehr, dass da noch anderes Lebendiges ist, das nicht Mensch ist, das vielleicht auch keinen Zweck für den Menschen erfüllt, das einfach anders da ist als etwas Lebendiges. Genau darauf gilt es zu achten: nicht weil es mir, dem Menschen, in irgendeiner Weise dienlich ist, ich darin also irgendeinen Zweck erkennen kann, sondern einfach weil es als anderes Leben da ist und neben mir, mit mir, gegen mich und ohne mich lebt. Achtsamkeit ist besonders nach unten gerichtet, nach dem, was anfällig, hilflos, übersehen, verloren scheint. Auch Achtsamkeit hat das Ganze, den Zusammenhang, den Prozess des Lebendigen im Blick, aber mit besonderer Aufmerksamkeit für das bedrohte Leben, das an das Nicht-Leben, das Tote, verloren gehen könnte. Schweitzer hatte das ebenfalls im Blick. Insofern halte ich beide Begriffe, Ehrfurcht und Achtsamkeit, für komplementär: Ehrfurcht schaut auf den Zusammenhang des Lebendigen, sofern es mich umgreift und mir „über“ ist (vielleicht oft auch überlegen ist), Achtsamkeit schaut auf den Zusammenhang des Lebendigen, sofern es von mir übersehen wird, mir untergeordnet zu sein scheint, sofern es ohne meine Achtung jeden Wert und schließlich sein Lebendigsein verliert. Beide Begriffe überschneiden sich in dem dritten Begriff Respekt. Darum geht es, um den Respekt vor dem Leben, um das Respektieren alles Lebendigen.

Leben gab es nicht immer und gibt es nicht überall. Der Kosmos ist, soweit er uns heute außerhalb der Erde bekannt ist, leblos. Leben hat sich auf der Erde zu einer bestimmten Zeit entwickelt. Wir kennen zwar recht genau den Zeitraum, wann auf der Erde das Leben entstand (vor 3,9 – 3,5 Milliarden Jahren, also ungefähr eine Milliarde Jahre nach der Entstehung der Erde selbst), aber bis heute gibt es kein zuverlässiges Wissen darüber, wie genau das Leben entstanden ist, es gibt nur verschiedene Theorien. Als Leben bezeichnen wir das, was stofflich abgegrenzt, organisiert, auf Stoff- und Energiewechsel beruhend und sich selbst vervielfältigend, also fortpflanzend existiert. Wir kennen nur Leben auf der Basis von Kohlenstoff, eingebunden in RNS und DNA (Ribonukleinsäure und Desoxyribonukleinsäure). Unsere Kenntnisse der besonderen atomaren Struktur des Kohlenstoffs lassen es fraglich sein, ob überhaupt anderes als kohlenstoffbasiertes Leben möglich ist. Auch eine Reproduktion der Entstehung von Leben im Labor ist bisher nicht gelungen. Das ist nicht weiter erstaunlich, da der Prozess der wirklichen Entstehung von Leben noch völlig im Dunkeln liegt. Theorien allerdings gibt es manche. In den Bereich der Spekulation gehören dagegen alle Überlegungen, ob und wenn ja, unter welchen Bedingungen anderswo als auf dem Planeten Erde Leben vorhanden ist. Vieles scheint für diese Möglichkeit zu sprechen , manches aber auch gerade nicht. Es müssen nämlich schon sehr spezielle Bedingungen vorliegen. Spekulationen über außerirdisches Leben helfen solange nicht, wie nirgendwo solches Leben entdeckt ist. Bisher wurde da nichts gefunden. Es besteht also die Möglichkeit, dass es Leben nur auf dieser Erde gibt.

Die Frage der Wissenschaften, wie Leben entstehen konnte, lässt noch völlig außer Acht zu fragen, warum Leben entstanden sein könnte. Die Warum-Frage wird von der Naturwissenschaft meist abgelehnt, weil die Theorie der zufälligen Evolution aufgrund des Kausalnexus nur ein Wie, aber kein Warum und Wozu als Frage zulässt. Aber natürlich dürfen wir so fragen, wir müssen es sogar. Leben will leben, sagten wir, und da liegt die Frage ja nahe: Warum will es leben, wozu will es leben? Warum dieser Drang des Lebens, sich gegenüber dem Nicht-Leben, dem Rückfall ins Tote zu behaupten? Was zeichnet Lebendiges gegenüber unbelebter Materie aus? Ist es nicht genau diese Gerichtetheit, diese Ausrichtung auf Lebenbleiben, auf Selbsterhaltung und Weitergabe dessen, was eine konkrete Lebensform jeweils ermöglicht, des Erbgutes? Solange die Naturwissenschaft nur die Frage der Kausalität (mit allen Spielarten des Zufalls, der Determination, der Selbstorganisation, der Entropie usw.), also der Herkunft des Lebens zu erhellen sucht und die Frage der Finalität, also des Ziels, vorsichtiger gesagt, der Gerichtetheit, der Entelechie des Lebens unbeantwortet lässt, ist das Ganze des Lebens, ist der Gesamtprozess des Lebendigen noch nicht recht in den Blick genommen. Auch diese Blickrichtung der Finalität muss rational verantwortet werden und also nach wissenschaftlichen Regeln erfolgen und sollte nicht weltanschaulichen Spekulanten überlassen bleiben. Es wäre allerdings eine erweiterte Fragestellung und Begrifflichkeit der Wissenschaft notwendig, die über das eng gefasste und nahezu dogmatisch verteidigte Weltbild der heutigen Naturwissenschaften hinaus geht.

In diesem Zusammenhang ist auch das Verhältnis von Gattung und Individuum genauer zu klären. Dem allgemeinen Leben, dem Leben in freier Wildbahn sozusagen, komme es nur auf die Erhaltung der Art an, sagen die Biologen, sagen wir leichthin, um aber sofort darauf hinzuweisen, dass das bei intelligenten Lebewesen wie dem Menschen natürlich nicht mehr so gelte, denn da stehe das Individuum und sein individuelles Recht auf Leben und Unversehrtheit, eben mit den Menschenrechten auf dem Plan. Woher wissen wir das so genau, dass das Recht auf Individualität nur für Menschen gilt? Zeigen uns nicht die Verhaltensforscher sehr deutlich, wie ähnlich tierisches und menschliches Verhalten in vielerlei Hinsicht ist, besonders unter den Primaten, aber keineswegs nur dort? Warum sollte es nicht tierische Individualität mit gleichem Recht geben wie menschliche? Damit fangen die ethischen Fragen erst an. Genauso spannend wäre zu fragen: Wann und womit begann die Differenzierung zwischen Gattung, Gruppe und Einzelnem? Was ist die Intelligenz, gar die „Individualität“ der Biene oder Ameise – und kann man so überhaupt berechtigt fragen? Wie spielt die Entstehung und Bewertung von Bewusstsein, insbesondere von Selbstbewusstsein da hinein? Auch bei diesen Fragestellungen würden die Abgrenzungen sicher irgendwo konkret zu ziehen sein, aber ganz gewiss nicht zwischen Menschen und allen übrigen Lebewesen verlaufen. Es sind hier sehr viele Fragen offen, Begriffe und Sachverhalte zu klären und eine gerechtfertigte Theoriebildung zu leisten. Auch die Bewusstseinsforschung (des Lebendigen!) steht da erst am Anfang. Man sollte darauf achten, dass nicht die Prämissen so eng gefasst und die Prinzipien der Erkenntnis kategorial so zugeschnitten werden, dass nur Altbekanntes heraus kommen kann.

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Dieser Satz enthält viel Wahrheit. Er enthält zudem das vielleicht spannendste Programm, dem unser Wissen und Fragen sich verschreiben kann.  Genau genommen ist es die Frage nach der Gerichtetheit, der Finalität des gesamten Kosmos. Das Universum hat Leben und Bewusstsein hervorgebracht. Wozu, mit welchem möglichen Ziel? Der Satz Albert Schweitzers ist weit mehr als nur eine ethische Maxime, aber immer hin auch das. Mit Ehrfurcht vor dem Leben und Achtsamkeit, Respekt gegenüber allem Lebendigem wäre schon viel gewonnen.

Update 21.09.2014:

Gestern erschien im FAZ.NET ein sehr lesenswerter Artikel zum Thema Tierethik von Jörg Albrecht unter dem Titel „Schreien Fische stumm?“

 5. Juni 2014  Posted by at 17:18 Ethik, Kultur Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Leben – Ethik des Lebendigen
Jul 162013
 
In einigen Blog-Beiträgen haben ich empfehlend auf das Buch „Der Ego-Tunnel“ von Thomas Metzinger hin gewiesen. Es ist äußerst anregend zu lesen und enthält eine Fülle neurowissenschaftlicher Befunde und analytisch-philosophischer Überlegungen. Sein Phänomenales Selbst-Modell (PSM) ist eine hoch interessante Theorie einer Bewusstseinsphilosophie. Die in diesem Buch populärwissenschaftlich aufbereiteten Arbeiten Metzingers (ausführlich in „Being No One. The Self-Model Theory of Sujectivity, 2003) lohnen die geistige Auseinandersetzung mit dieser Theorie. Vieles klingt sehr überzeugend, ja faszinierend. Aber es ist bisher eine bloße Theorie, ein Denkmodell, das der neurologischen Begründung noch weitgehend entbehrt. Metzinger merkt bisweilen an, hierzu würden sich „gewiss“ bald die empirischen Nachweise finden lassen. Auf einige Phänomene und empirischen Befunde kann er verweisen (Out of Body Experience, Wachtraum), die aber doch eher randständig und vielleicht sogar pathologisch sind. Ob sie sich zur Verallgemeinerung eignen, sei dahin gestellt.

Grundsätzlicher ist die Kritik eines recht unbekümmerten Dogmatismus. Sein Modell wird unter der Hand zur gegebenen Faktizität, seine Theorie zur gewissen Beschreibung der Wirklichkeit, sogar zur einzig wahren und zutreffenden. Denn nur so lassen sich die letzten Kapitel erklären, in denen Metzinger eine recht eigenwillige Ethik des Mentalen, eine Bewusstseinsethik, skizziert. Er fordert eine Art „mentaler Hygiene“ und als Mittel dazu „flächendeckenden Meditationsunterricht“. Die Freigabe bewusstseineserweiternder Drogen und Praktiken gehört ebenso zu seinem Forderungskatalog wie die Kontrolle und Bekämpfung eines aus seiner Sicht überholten, falschen und darum gefährlichen Selbstverständnisses, wie es die Religionen auf „obskure“ Weise und oft gewalttätig anbieten. Hier berühren sich Metzingers Ansichten eng mit dem militanten Atheismus eines Richard Dawkins. Auch bei Metzinger ist die Selbstgewissheit bezüglicher der eigenen Theoriemodelle und die Selbstverliebtheit in die eigene ‘Wahrheit’ zum bestimmenden Interesse geworden. Was er aus vermeintlicher Sorge um die ethische Verantwortung der Neuro-Anthropologie fordert, läuft letztlich auf die Abschaffung einer philosophischen Anthropologie hinaus zugunsten einer neurotechnischen Bewusstseinsmanipulation.

Jan Matejko, Copernicus (Wikipedia)

Jan Matejko, Copernicus (Wikipedia)

Man mag bei manchen seiner Ausführungen den Kopf schütteln, aber man sollte sie ernst nehmen. So wie Metzinger es offen ausformuliert, denken offenbar manche, wenn nicht viele der Neuro- und Kognitionswissenschaftler sowie derjenigen Philosophen, die sich der analytischen Philosophie als Weltanschauung verschrieben haben. Wenn eine Methode der Theoriebildung ihre Vorläufigkeit vergisst und sich zum umfassenden, einzig gültigen Weltbild erhebt, dann ist das klassischer Dogmatismus. Die eigenen Voraussetzungen und Beschränktheiten werden nicht mehr reflektiert. Gegner der neuropsychologischen Theoriebildung und ihrer analytisch-philosophischen Weiterführung sind dann entweder dumm oder borniert, weil alten „falschen“ Vorstellungen vom Menschen verhaftet. Diese Strategie der Selbstimmunisierung gegenüber grundsätzlicher Kritik ist ein deutliches Zeichen des Dogmatismus: Neurowissenschaft als Ideologie. Leider ist Thomas Metzinger hierfür ein typisches Beispiel. Seine Theorien sind Denkmodelle und als solche interessant und hilfreich. Wie weit sie bei kritischer Sichtung und Diskussion Bestand haben können, muss sich erst noch zeigen.

Es ist allerdings ein weit verbreitetes Selbstverständnis der heute herrschenden Naturwissenschaft, wenn sie sich auf einen grundsätzlichen und unanfechtbaren Physikalismus (in unterschiedlichen Schattierungen, gute Übersicht bei Patrick Spaet) als Weltbild stützt. Denn es ist klar, der Grundsatz der kausalen Geschlossenheit und der Reduzierbarkeit aller Weltphänomene auf die physische Basis lässt nur dieses eine und kein anderes Weltbild neben sich zu. Der Physikalismus oder, wie er auch genannt wird, der physikalische Naturalismus, beschreibt die Weltwirklichkeit mit all ihren Elementen, Strukturen, Relationen in einem mathematischen Modell. Die Ergebnisse und daraus abgeleiteten technischen Umsetzungen sind beeindruckend. Aber es bleibt ein Denkmodell: „Nach dieser Auffassung ist eine wissenschaftliche Theorie ein mathematisches Modell, das unsere Beobachtungen beschreibt und kodifiziert.“ Und weiter: „Aus positivistischer Sicht lässt sich jedoch nicht bestimmen, was real ist. Wir können lediglich nach den mathematischen Modellen suchen, die das Universum beschreiben, in dem wir leben.“ (Stephen Hawking, zit. nach P. Spaet) Denkmodelle aber sind per se beschränkt und vorläufig. Sie sind nur innerhalb ihrer Grenzen aussagekräftig und erkenntnisleitend. Hypostasiere ich den Physikalismus zur allein möglichen „wahren“ Theorie, dann habe ich keine wissenschaftliche Theorie mehr, sondern eine dogmatische Weltanschauung. Viele Naturwissenschaftler scheinen sich das heute nicht mehr mehr bewusst zu machen. Wie Hawking und andere zeigen, gibt es aber durchaus heraus ragende Naturwissenschaftler, die auf die Grenzen der eigenen Theoriebildung hinweisen. Es wäre gut, wenn dies auch unter den Neurowissenschaften, insbesondere auch der sich ihnen andienenden analytischen Philosophie des Geistes bewusst bliebe und beachtet würde.

Denn es gibt genug Argumente, welche die Grenzen, Unstimmigkeiten und Unvollständigkeit des Physikalismus zeigen. Das am meisten verbreitete Denkmodell eines reduktiven Realismus krankt an dem bleibenden Dilemma, etwas Nicht-Physikalisches aus dem Rein-Physikalischen herleiten zu wollen, sei es in Form emergenten Verhaltens oder in der Relation der Supervenienz. Die vielstimmige und durchaus widersprüchliche Diskussion der letzten Jahrzehnte allein um diese Begriffe (Emergenz, Supervenienz) zeigt, wie unzureichend und im Grunde unbefriedigend diese „Lösung“ ist.

Oft wird darauf hingewiesen, das neue physikalische Weltbild und die nun erfolgende neuro-anthropologische Zuspitzung sei so etwas wie die Kopernikanische Wende dieses Jahrtausends. Das mag sein. Doch man beachte, dass auch das Weltbild des Kopernikus (in dem zum Beispiel Religion einen sicheren Platz hatte, Kopernikus war ein äußerst frommer Mensch) eigentlich „nur“ ein Wechsel der Perspektive war. Denn das geozentrische Weltbild entsprach und entspricht bis heute der alltäglichen Erfahrung: Wir sprechen nach wie vor von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang und lesen die Zeiten im Kalender. Erst der Wechsel des Standpunktes zum Fixsternhimmel zeigt, dass unsere planetarische Welt heliozentrisch ist. Alltäglich und geozentrisch gesehen bleibt der Sonnenaufgang und das Wandern der Sonne über den Himmel von Ost nach West also „richtig“. Nicht diese Perspektive war falsch, sondern die Dogmatisierung zum einzig möglich und anerkannten Standpunkt aller Wissenschaft. Erst ein Standpunkt außerhalb vermittelte das neue Wissen und die neue Weltsicht, das Weltbild der Kopernikanischen Wende.

Es ist zu wünschen, dass die Naturwissenschaft heute nicht erneut dem Dogmatismus verfällt und ihren physikalisch-kausalen Standpunkt zum allein möglichen und gültigen erklärt. Die Wirklichkeit, wie wir sie erleben, ist reicher und vielfältiger als die mathematische Abstraktion des naturwissenschaftlichen Denkens. Diese ist wichtig und hat uns ungeheure Fortschritte der Erkenntnis beschert. Aber der Physikalismus der Naturwissenschaft ist nicht der einzig mögliche Standpunkt für menschliche Erkenntnis. Er ist schon gar nicht das einzige Vorbild einer bedeutungsvollen Philosophie. Es ist schon erstaunlich, darauf besonders hinweisen zu müssen.

 16. Juli 2013  Posted by at 11:37 Ethik, Naturwissenschaft, Philosophie Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Dogmatismus in den Neurowissenschaften
Jun 042013
 

Religiöse Intervention in Bio- und Medizinethik. Bericht über einen Vortrag von Prof. Dr. Thomas Gutmann, Rechtswissenschaft, Universität Münster

Im Rahmen des Forums Offene Wissenschaft der Universität Bielefeld hielt der Münsteraner Rechtswissenschaftler und Bioethiker Prof. Dr. Thomas Gutmann einen bemerkenswerten Vortrag: klar gegliedert, konzentriert auf wesentliche Punkte, eindeutig in der Zielrichtung. Es geht darin um die Frage der Begründung rechtlicher Normen im liberalen Rechtsstaat.

Gutmann skizziert die jüngere Geschichte der Säkularisierung des Rechts, die mit dem Prozess der Säkularisation und der funktionalen Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft einher ging. Das säkularisierte Recht transformierte das Erbe der christlich-abendländischen Tradition zum Beispiel hinsichtlich der universellen Gültigkeit des Rechts und der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Das Recht musste sich von seinen religiösen Verankerungen lösen und auf der Autonomie der Vernunft und der durch sie bestimmten freien Person gründen. Die Formulierung von Menschenrechten und die Behauptung einer allgemein gültigen Menschenwürde wurden dabei gegen das bis dahin herrschende kirchliche Rechtsverständnis durchgesetzt, das noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Gültigkeit autonom begründeter Menschenrechte bestritt. Der Prozess der Säkularisierung lässt sich generell auf dem Hintergrund der Erfahrungen verheerender Religionskriege und des Zerfalls der selbstverständlichen Gültigkeit religiöser (christlich-kirchlicher) Normen beschreiben. Die aufgeklärte Vernunft trat an die Stelle eines religiösen Absolutheitsanspruchs. Im säkularen Staat haben alle Bürger gleiche Rechte unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung. Religiöse Normen können nicht mehr aus sich heraus Normen des Rechts sein. Am Beispiel der Gotteslästerung (§ 166 StGB) zeigt sich, wie das Rechtsverständnis aus einem ursprünglichen Schutzrecht Gottes, wie fragwürdig auch immer, nun ein Schutzrecht des inneren Friedens konstruiert. Es erhebt sich die Frage, ob diese Begründung rechtlich konsistent oder nur als ausweichendes Hilfsargument verstanden werden kann. Klarer liegt der Fall bei der Begründung der Sittenwidrigkeit der Körperverletzung bei Einwilligung der verletzten Person (§ 228 StGB). Bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts war dieser Paragraph das „Einfallstor für das katholische Naturrecht“. Mit ihm wurde zu Beispiel das Verhalten eines Arztes, der dem frei geäußerten Wunsch einer über dreißig jährigen Mutter von drei Kindern nach Sterilisation nachkam, wegen „Sittenwidrigkeit“ mit Strafe bedroht. Erst in einer Entscheidung des Bundesgerichtshofes von 2005 wird das Recht ausformuliert, über sich und seinen Körper autonom zu bestimmen – mit Einschränkungen, wie die weiter unten beschriebene Debatte zeigt.

Auf dem Hintergrund dieser geschichtlichen Entwicklung fragt Gutmann nach der Funktion religiöser Argumentation zur Begründung von Normen im liberalen Rechtsstaat. Bezugnehmend auf John Rawls und Jürgen Habermas verweist er auf die Entkoppelung des Rechts von religiösen Normen. Im liberalen Rechtsstaat kann allein der öffentliche Vernunftgebrauch als Maßstab für ein Recht gelten, das für alle gilt und von allen vernünftig nachvollziehbar ist. Rawls spricht hier vom „vernünftigen Pluralismus“, der um des Friedens willen gute Gründe habe, im öffentlichen Raum nur relative und keine absoluten Wahrheiten gelten zu lassen. Rechtliche Normen müssen daher in einem vernünftigen Diskurs mit Gründen vertreten werden. Auch eine Mehrheit unterliegt dieser Grenze der Rechtfertigung durch die allgemeine Vernunft und darf im liberalen Rechtsstaat nicht einfach religiös oder anderweitige weltanschaulich begründete Normen durchsetzen. Zwar sind sich Rawls und Habermas darin einig, dass der öffentliche Vernunftgebrauch den Anspruch der Religionen auf normative Wahrheiten begrenzt, beide weisen aber etwas unterschiedlich auf das Übersetzungsproblem hin. Rawls möchte religiöse Sprache und Gründe im öffentlichen Diskurs solange gelten lassen, wie sie für alle verständlich und nachvollziehbar sind. Er denkt dabei an die Erfahrungen mit der (US-) amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und deren Anführer Pastor Martin Luther King. Habermas betont mehr das Übersetzungsgebot, das religiös fundierte Bürger im pluralistischen Staat auferlegt, ihre Anliegen und normativen Vorstellungen in solche Worte und Werte zu übersetzen, dass sie für den allgemeinem Vernunftgebrauch nachvollziehbar und einsehbar sind. Er unterscheidet hinsichtlich der institutionellen Trennung von Kirche und Staat zwei unterschiedliche Bereiche von Öffentlichkeit: Die „offizielle“, institutionelle Öffentlichkeit (z. B. Parlamente, Gesetze) darf ihren Diskurs nur mit Gründen der Vernunft führen; für sie kann Normativität nur säkular begründet werden. Die allgemeine Öffentlichkeit aber könne religiöser Argumentation durchaus zugänglich bleiben, solange das „Abstinenzgebot“ des Staates gegenüber den Religionen beachtet werde und solange der Diskurs auf das wechselseitige Verständnis abziele. Für einen Ethikrat beispielsweise, der von einer Landes- oder der Bundesregierung eingerichtet werde, gelte aber in jedem Falle das strikte Gebot weltanschaulicher Neutralität durch Beteiligung unterschiedlicher religiöser bzw. weltanschaulicher Gruppen. Dies sei derzeit nicht der Fall.

Petrischale (Wikipedia)

Petrischale (Wikipedia)

Der Forschungsstand der Lebenswissenschaften und die erweiterten technischen Möglichkeiten lassen heute den Ruf nach „absoluten Grenzen“ wieder legitim erscheinen. Es sind hierbei aber deutlich „Restbestände theologischer Figuren“ des Denkens und Begründens erkennbar. Die umfassendste Diskussion hat es zum Thema Abtreibung gegeben. Heute stellt die humane Reproduktionsmedizin eine Herausforderung dar. Gilt die Autonomie der freien Person im liberalen Rechtsstaat auch gegenüber dem (eigenen) Leben? Die kontroverse Diskussion um das Thema Sterbehilfe (sie zeigte bekannte „Versteinerungen“) hat erneut das ursprüngliche Selbstbestimmungsrecht zur Geltung gebracht, indem nach freier Willensbezeugung die Unterlassung von lebenserhaltendem Zwang als rechtlich erlaubt gilt, insbesondere auf der Grundlage einer Patientenverfügung. Kritischer zu beurteilen ist die Rechtsdiskussion bei der aktiven Sterbehilfe. Die strafbewehrte „Tötung auf Verlangen“ (§ 216 StGB) sieht Gutmann als „religiöses Relikt“, das in bestimmten Fällen eindeutig nicht haltbar sei. Dieser Paragraph sei die „christliche Endmoräne“ einer rechtlich nicht fassbaren Schöpfungstheologie gegenüber der personalen Autonomie. Der Rekurs auf einen gesetzlich zu schützenden „Respekt vor dem Leben“ oder seiner „Unverfügbarkeit“ ist ein argumentatives Relikt, das einer „aufgeklärten, beständigen, freiwilligen Entscheidung zum Sterben“ nicht entgegen gesetzt werden darf.

Das aktuellste Beispiel dieser Diskussion um die Begründung rechtlicher Normen liefert der Bereich der Humangenetik. Deutschland hat sich mit seiner restriktiven Entscheidung zur Stammzellenforschung weitgehend ins Abseits gestellt. Aber die Forschung am menschlichen Genom verursacht „theologische Phantomschmerzen“, die zur Erfindung einer „Gattungswürde“ (Grimm u.a.) geführt haben, die nun in Art 1, 1 GG hinein interpretiert wird. Dies ist nicht nur eine rechtliche Wiederbelebung des Schöpfungsbegriffs, sondern stellt letztlich den unbedingten Schutz des Individuums vor allgemeinen Zwecken des Staates oder eben der Gattung infrage und zerstört damit den Sinn des Artikel 1 GG. Gutmann ermutigte dazu, weltanschaulich unverkrampfter und damit vernünftiger an den Bereich der Humangenetik heranzugehen, statt sich in religiös oder naturrechtlich begründete Rückzuggefechte zu verlieren.

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Es ist deutlich geworden, dass der Prozess der Säkularisierung des Rechts keineswegs abgeschlossen ist. Angesichts einer behaupteten „Rückkehr der Religionen“, angesichts des Erstarkens eines christlichen wie islamischen Fundamentalismus, angesichts des Geltungsanspruchs theologischer Rechtsnormen zum Beispiel durch die Scharia auch in unserem kulturellen Bereich ist es notwendig, die Diskussion um den Wert des liberalen, pluralistischen Rechtsstaates offensiv zu führen. Die Befreiung von der Vormundschaft durch die Religionen (die ursprüngliche Bedeutung von „Aufklärung“) ist eine Errungenschaft, die es wert ist und lohnt, im öffentlichen Diskurs verteidigt und behauptet zu werden. Religiöse und weltanschauliche Fundamentalismen führen zu weit Schlimmerem als nur zur Gefährdung des inneren Friedens.

zur Person Prof. Dr. Thomas Gutmann:

2006 Habilitation an der Juristischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München („Iustitia Contrahentium. Zu den gerechtigkeitstheoretischen Grundlagen des deutschen Schuldvertragsrechts“; venia legendi für Bürgerliches Recht, Medizinrecht, Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Neuere Privatrechtsgeschichte und Juristische Zeitgeschichte). Rufe an die Universitäten Münster, Bremen und Gießen.

Seit 2006 Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Rechtsphilosophie und Medizinrecht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Seit 2007 Mitglied (Principal Investigator) des Exzellenzclusters „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Seit 2009 Sprecher der Kolleg-Forschergruppe 1209 „Theoretische Grundfragen der Normenbegründung in Medizinethik und Biopolitik / Centre for Advanced Study in Bioethics“ an der WWU Münster.

 4. Juni 2013  Posted by at 13:48 Ethik, Recht Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Säkulare Normen des Rechts
Mrz 272013
 
Im vorigen Blogpost über die Ethik der Tiere ist ein Aspekt denn doch zu kurz gekommen. Bei der Frage nach einer „Würde aller Lebewesen“ habe ich auf die „brutale“ Distanzierung des Menschen vom Tier hingewiesen. Nicht als Objekt sollte das Tier behandelt werden, sondern als Subjekt, als „Mitgeschöpf“, als ‚beseeltes Lebewesen‘ muss es in den Blick einer ethischen Betrachtung genommen werden. Dies gilt nicht nur nach der negativen Seite hin (Tierquälerei, Massentierhaltung), sondern auch nach der positiven Seite: Das Tier als ‚bester Freund des Menschen‘.

Tiere hatten zu allen Zeiten eine ganz besondere Rolle in der Entwicklung und Ausgestaltung der menschlichen Kultur. In den verschiedensten Kulturen und religiösen Kulten spielen „heilige“ Tiere eine ausgezeichnete Rolle. Bei Löwen und Stieren mag man das ja noch leicht verstehen als lebendige Symbole der Kraft, aber erstens ist das, schaut man näher hin, doch nicht so einfach mit der Deutung als simples Kraftsymbol, zweitens tauchen da noch ganz andere Tiere auf: die Schlange, der Affe, bestimmte Vögel, Kühe, Gänse, der Wolf, der Wal, der Reiher – die Reihe ließe sich noch lang fortsetzen. Gemeinsam sind nicht bestimmte, gleichartige Eigenschaften dieser Tiere, sondern ihre besondere Bedeutung. Sie sind Träger des Göttlichen; in ihrer Gleichartigkeit und Unterschiedenheit vom Menschlichen stehen sie für die geheimnisvolle Macht der Götter und Geister, die auf eigentümliche Weise in die Lebenswelt der Menschen hinein wirken und sich dem Menschen zugleich entziehen. Tiere gehören damit zu dem, was den Alltag und die eigene Natur des Menschen transzendiert; bestimmte „heilige“ Tiere haben dafür eine besondere Symbolkraft gewonnen. Symbol ist mehr als bloßes Zeichen: Das Symbol wirkt, wofür es steht. Mir scheint, hier ist das Wissen kondensiert, dass Mensch und Tier zwar besonders zusammen gehören, aber ebenso eigentümlich von einander unterschieden sind, so wie es auch für das Göttliche, die Geister und Ahnen gilt.

Grotte Chauvet (Wikipedia)

Grotte Chauvet (Wikipedia)

In anderer Weise sind Tiere zu lebensnotwendigen Partnern geworden: bei der Jagd, als Wächter, als Last- und Zugtiere, als Hilfen zur Fortbewegung wie Pferde, Kamele, Huskies. Hier ergänzt das Tier mit seinen Fähigkeiten das, was der Mensch nicht so gut oder gar nicht kann. Eine Kulturgeschichte zu schreiben ist ohne eine Geschichte der „Kultivierung“ der Tiere nicht möglich. Erst durch Mechanisierung und Technisierung haben die Tiere ihre wichtige Funktion als Helfer des Menschen weitgehend verloren. Der Mensch hat damit aber auch das lebendige Gegenüber verloren, das ihm seine Grenzen gezeigt und sich mit seinen ganz eigenen Fähigkeiten besondere Wertschätzung, ja Respekt, erworben hat. Heute sind viele Tierarten nur noch auf den „Nutzen“ für die Ernährung des Menschen zusammen geschrumpft. Das ist kulturgeschichtlich eine recht neue Entwicklung, die mit der Industrialisierung zusammen hängt. Sie ist offenbar auch die Ursache für eine massive Veränderung des Verhaltens der Menschen gegenüber den Tieren.

Zu dieser Veränderung gehört auch das Phänomen der Haus- und Lieblingstiere. Tiere als des Menschen bester Freund gab es zu allen Zeiten (der treue Hund, das anhängliche Pferd). Nie zuvor allerdings hat das Tier als Haus-, besser Wohnungstier eine solche Rolle gespielt wie heute bei den Stadtmenschen. Es gibt in Deutschland Millionen von Hunden, Katzen („Stubentiger“), Vögeln, die die Wohnungen bevölkern. Sie sind Teil der Familie und Begleiter im Alter und bei Einsamkeit. Sie sind der Mode unterworfen und gehören bisweilen zu den Statussymbolen. Sie werden geliebt, verhätschelt, – und immer wieder auch vernachlässigt und ausgesetzt. Die Hersteller und Verkäufer von (Haus-)  Tiernahrung und Tierartikeln sind eine wichtige Branche geworden, die Tiermedizin nicht zu vergessen. In den städtischen Parks laufen oft mehr Menschen mit Hunden als mit Kindern herum. Bei manchen mag tatsächlich der Hund als „Investition“ besser zu kalkulieren sein als ein Kind. Dies alles zeigt, wie sehr der Mensch sich immer wieder zum Tier hingezogen fühlt, wie sehr er in ihm etwas Gleichartiges erkennen kann. Oft ist hier die Grenze der Vermenschlichung überschritten, und auch dies ist dann ein Fall von Missachtung der Würde des Tieres. Es gibt Beispiele von einseitigen Zucht-„erfolgen“, von Tier-Modenschauen und Wettbewerben, in denen nur scheinbar das Tier, in Wirklichkeit aber „sein“ Mensch im Mittelpunkt steht, der es für sich zugerichtet und vereinnahmt hat.

Man kann also die Würde des Tieres nach beiden Seiten hin verletzen: durch Vergegenständlichung (Tier als Sache) und durch Vermenschlichung (Tier als Ersatzmensch). Die Würde des Tieres ist nur da gewahrt, wo es als Tier, in seiner eigentümlichen Subjektivität, mit seinem Eigensinn und Eigenwillen ernst genommen und respektiert wird. Dann aber kann ein Tier als ein beeindruckendes Mitgeschöpf wahrgenommen werden, das seinen Charakter und seine Sensibilität umso mehr zeigen kann, je mehr nicht nur der Mensch das jeweilige Tier, sondern ebenso sehr das Tier den jeweiligen Menschen als seinen „Partner“ erwählt hat. Wenn dies gelingt, ist es immer wieder überraschend zu sehen, wie sehr das Tier zum besten Freund des Menschen werden kann.

Dies gilt auch in einem letzten Bereich, den ich nur noch erwähnen möchte: nämlich den Bereich der „wilden“, in freier Natur lebenden Tiere. Es ist eine ganz eigene Überlegung wert, inwiefern hier das Tier zum Spiegel für den Menschen wird: Wo kein Tier mehr leben kann, wird es auch mit dem Menschen nicht mehr weit her sein. Umgekehrt gilt aber: Wo kein Mensch mehr leben kann, da können Paradiese für Tiere sein! Die Bedeutung der Tiere für die Ökologie des Menschen wäre also noch einmal ein ganz neues Thema. Aber kehren wir zurück zu unserem Thema, der Würde der Tiere, der Würde aller Lebewesen. Sie gilt es, in einer „Ethik aller Lebewesen“ zu beschreiben und in ihren Konsequenzen für den Alltag aufzuzeigen. Auch der Mensch als „Mitgeschöpf“ kann dabei nur gewinnen.

 27. März 2013  Posted by at 11:05 Ethik, Mensch, Tier Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Tierethik II
Mrz 232013
 
Der Titel dieser Problemskizze formuliert das Thema, muss aber noch erklärt werden. Gemeint ist eine Ethik, die sich auf Tiere bezieht (im Titel also ein genetivus objectivus), näherhin  geht es um eine Ethik aller Lebewesen, also um eine Ethik gegenüber aller Kreatur. Wenn man dazu googeln möchte, sollte man als Suchworte „Würde der Tiere“ verwenden. Zu „Ethik der Tiere“ findet man wenig im deutschsprachigen Raum, zu „Würde der Tiere“ schon sehr viel mehr, besonder aus der Schweiz. Das hat seinen Grund.

Bekannt ist die Formulierung Artikel 1 Abs. 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. “ Weniger bekannt ist, dass von Tieren im Grundgesetz erst seit 2002 im Artikel 20a  über die Schutzziele des Staates die Rede ist: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“ Damit hat der Tierschutz in Deutschland Verfassungsrang erlangt. „Allerdings ist die Staatszielbestimmung Tierschutz … eine verfassungsrechtliche Wertentscheidung, die von der Politik bei der Gesetzgebung und von den Verwaltungsbehörden und Gerichten bei der Auslegung und Anwendung des geltenden Rechts zu beachten ist. Aus einer Staatszielbestimmung können die Bürger allerdings keine individuellen Ansprüche herleiten.“ (Erläuterung des BMELV) Von einer „Würde der Tiere“ wird dagegen nirgendwo gesprochen, nicht einmal im Tierschutzgesetz (2006). Dort heißt es als erster Grundsatz: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Immerhin „Mitgeschöpf“ wird das Tier genannt, das, wie im Folgenden ausgeführt wird, „artgerecht“ oder „gemäß seiner Art“ zu behandeln ist. Von „Würde “ zu sprechen hat man vermieden.

Geht es auch anders? Ja, in der Schweiz – darum in der Google-Suche auch die zahlreichen Links auf Schweizer Texte einer breiten gesellschaftliche Diskussion. In der schweizerischen Bundesverfassung heißt es seit 1992 (Volksabstimmung vom 17. Mai) in Art. 120 zum Thema Gentechnologie: „Der Bund erlässt Vorschriften über den Umgang mit Keim- und Erbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Er trägt dabei der Würde der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung…“ Das Tierschutzgesetz der Schweiz (2008) formuliert als Gesetzeszweck, dass „die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen” sei. Das ist schon recht weit gehend, auch wenn Oliver Tolmein in der FAZ im Jahre 2010 resümmiert: „Was das heißt, inwieweit sich die Würde des Tieres von der des Menschen unterscheidet und warum, ist offenbar auch bei den Eidgenossen umstritten.“ Inzwischen gibt es, angeregt durch die schweizerische Gesetzgebung und die dortige Diskussion und Stellungnahmen von Ethik-Kommissionen, auch bei uns eine wenig beachtete Debatte darüber, was „Würde aller Kreatur“, „Würde aller Lebewesen“ und speziell die „Würde der Tiere“ bedeuten soll. Tierschutzkreise wünschen sich, die Würde der Tiere bzw. der Kreatur insgesamt in den Grundwertekatalog des Grundgesetzes aufzunehmen. Eine Umsetzung ist bisher ohne Chance, im Gegenteil, die jüngste Novelle des Tierschutzgesetzes von 2012 kann auch als Verwässerung verstanden werden, siehe die Stellungsnahme der Albert-Schweitzer-Stiftung.

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Tierschutz Briefmarke 1981

Landwirtschaft und Industrie warnen regelmäßig vor einem „übertriebenen“ Schutz der Tiere. In der Öffentlichkeit kommt es nur dann zu Diskussionen, wenn es aktuellen Anlass zu Berichten über Tierversuche gibt. Massentierhaltung dagegen wird mehr aus der Perspektive der Gefährdung unserer Nahrungsmittel, also des Menschen, wahrgenommen als aus der Perspektive der Tiere. Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen gelten oftmals als einseitig und romantisierend. Nur Aktionen gegen den Walfang und gegen die Robben-Erschlagung (Robin Wood) sind einigermaßen „populär“. Aber das ist weit weg von der eigenen Lebenswelt. Die neuere Literatur ist auch dünn, hingewiesen sei auf Peter Kunzmann sowie auf das Buch von Martin Liechti, Die Würde des Tieres, 2002. Erwähnenswert sind auch Eugen Drewermann und Julian Nida-Rümelin (siehe Wikipedia Tierethik). Symptomatisch ist allerdings die Webseite der „Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik„, die lapidar vermeldet: „Achtung! Die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Tierethik (IAT) der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ist derzeit leider inaktiv.“ Die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Tieren ist völlig disparat: Für ein verirrtes Kätzchen rückt schon mal die Feuerwehr aus, worüber die Lokalpresse berichtet; Hundebesitzer haben Narrenfreiheit; lärmende und dreckende Krähen werden dagegen, obwohl unter Schutz stehend, vergrämt – und Kormorane, ebenfalls geschützt, sind der Angler liebster Feind. So weit zur Lage.

Ich möchte grundsätzlich fragen, was Menschen berechtigt, Tiere als „Sachen“ anzusehen, die uns nach Belieben und zu unserem Nutzen zur Verfügung stehen. Tiere als Sachen zu betrachten wie es zum Beispiel konkret bei Versicherungen geschieht (Tierschäden gehören zu den Sachschäden), ist eine neuzeitliche Tradition und geht unter anderem auf René Descartes zurück. Für ihn sind Tiere mechanisch zu erklärende Wesen ohne ethische Relevanz. Das neuzeitliche Denken ist ihm darin weit gehend gefolgt, wobei die mechanische in eine naturwissenschaftliche Sichtweise übergegangen ist. Erst auf diesem Hintergrund wird es verständlich, dass man darüber diskutieren konnte, ob Tiere eine „Seele“ haben. Seit der Seelenbegriff insgesamt obsolet geworden ist, wird eher danach gefragt, wie weit Tiere ein Bewusstsein oder gar ein Selbstbewusstsein haben (können). Generell wird allerdings von einem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier ausgegangen: Der Mensch hat als „Krone der Schöpfung“ nach wie vor eine ethische Monopolstellung.

Die Naturwissenschaften (Biologie, Genetik, Evolutionsforschung) wissen aber längst, dass diese Grenzziehung recht willkürlich ist. Die Entwicklung des Menschen ist nur ein Fall, wenngleich ein besonderer, in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen, insbesondere der Säugetiere (mammals). Die genetische Gemeinsamkeit ist groß; der oft zitierte Hinweis, das Genom der Schimpansen stimme zu 98% mit dem des Menschen überein, ist allerdings wenig aussagekräftig, weil in den 2 % ja genau der wesentliche Unterschied liegen könnte. Immerhin weiß die Biologie und die Neurowissenschaften, dass die physische und mentale Ausstattung des Menschen in großen Teilen von den Tieren nicht zu unterscheiden ist, dass gerade im Bereich der unbewussten Steuerung menschlichen Verhaltens die Herkunft aus sehr „ursprünglichen“ Verhaltensweisen nicht zu übersehen ist. Wie sollte es auch anders sein, wenn Tier und Mensch eine gemeinsame Entwicklungslinie haben. Natürlich gibt es in den geistigen Fähigkeiten, also in dem, was heute dem mentalen Bereich zugerechnet wird, erhebliche Unterschiede in den Fähigkeiten und Dispositionen. Aber ob diese Unterschiede nun qualitativ differierend oder eher graduell fließend zu beschreiben sind, ist wohl eher Interpretationssache. Die neuzeitliche Herabsetzung des Tieres hat, wie mir scheint, einige Gemeinsamkeit mit der Homophobie: Die geahnte Nähe zum Tierischen bringt den Menschen dazu, sich möglichst deutlich und brutal vom Tier abzusetzen.

Vielleicht hilft es, sich über den Sprachgebrauch Gedanken zu machen. „Tierisch“ ist, wenn es nicht rein deskriptiv gebraucht wird, eher negativ konnotiert, gesteigert durch „viehisch“ und bedeutet wild, dreckig, niedrig, hinterhältig. Als früheres Modewort konnte es dagegen eine reine Steigerung ausdrücken: ‚Ich hab tierisch Appetit auf Eis.‘ – heute ungebräuchlich. Den Menschen als „Tier“ zu bezeichnen, klingt immer noch provokativ und veranlasst Illustrierten-Schlagzeilen wie „Das Tier in uns“ – und suggeriert dann einen Bericht über Wildes, Unmoralisches, Verbotenes. Das Tier in uns ist tabu. Als Menschen mit eigener Würde fühlen wir uns da meilenweit überlegen. Merkwürdig, dass dann dennoch das „Tierische“ zugleich so verlockend ist.

Viel geeigneter ist das aus dem Lateinischen stammende Wort animal (engl. und franz.) für die tierischen Lebewesen. Es enthält noch den Stamm anima = Lebensatem, Seele. Tiere sind demnach beseelte Wesen, Lebewesen, denn für Griechen und Lateiner ist die Bedeutung von ‚beseelt‘ und ‚belebt‘ gleich: Die Seele ist genau das, was den Unterschied zwischen Lebendigem und Totem kennzeichnet. Diese weite Bedeutung ist unserem Tier-Begriff nicht eigen, am ehesten kommt dem der Begriff ‚Lebewesen‘ nahe. „Animalisch“ ist gleich wieder negativ besetzt ähnlich wie ‚tierisch‘. ‚Lebewesen‘ hat aber im Deutschen einen kaum mehr differenzierten Bedeutungsgehalt im Unterschied zu animal. Pflanzen sind auch Lebewesen, aber eben keine ‚animals‘. Die Schweizer Bundesverfassung hat sich mit dem Wort „Kreatur“ aus der begrifflichen Affäre gezogen, obwohl oder gerade weil dieses Wort einen religiösen Hintergrund hat: „Geschöpf“ (Gottes) zu sein. Von da aus liegt dann auch die Frage nach der aller Kreatur eigenen Würde nahe, also eine nicht unüberlegte Wortwahl. Jedenfalls kommen die Begriffe ‚Kreatur‘ und ‚animal‚ dem Anliegen sehr viel näher, den Zusammenhang von Mensch und Tier, von kreatürlichem Mensch und kreatürlichem Tier als ‚beseelten Lebewesen‘ (ein Pleonasmus) auszudrücken. Der Begriff „Mitgeschöpfe“ aus dem deutschen Tierschutzgesetz nimmt erstaunlicherweise diesen Gedanken auf. In ihm steckt viel Potential.

Wir neuzeitlichen Menschen sollten (wieder) lernen, was in vielen Kulturen und ihren Erzählungen und Gebräuchen bewahrt wird: das Wissen von der Gemeinschaft von Menschen und Tieren als lebendigen Wesen, ‚Geschöpfen‘ auf dieser Erde, mit gemeinsamer Herkunftsgeschichte und wohl auch gemeinsamer Zukunftsperspektive. Nach wie vor höchst aktuell erscheinen mir Sätze von Albert Schweitzer, sein Konzept der „Ehrfurcht vor dem Leben“: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Dies gilt es allerdings, in unserer heutigen Zeit und auf dem Hintergrund heutiger Wissenschaft und dem damit verbundenem Problembewusstsein neu auszubuchstabieren.

  • Was bedeutet es, wenn wir biologisch keinen Anlass haben, Tieren Bewusstsein, ja sogar in einzelnen Fällen Selbstbewusstsein abzusprechen? Ist die mentale Ähnlichkeit mancher hoch entwickelter Lebewesen nicht Grund genug, Tiere als individuelle Subjekte und eben nicht nur als Objekte (Sachen) anzusehen.?
  • Was bedeutet es, dass wir uns als Menschen aufgrund unserer gattungsgemäßen Gleichartigkeit zwar vorstellen können, wie ein anderer Mensch ‚tickt‘, also denkt und fühlt, ja dass wir uns sogar in einen anderen Menschen partiell hinein versetzen können (Empathie), dass es uns aber völlig unmöglich ist, uns vorzustellen, wie es ist, ein Tier zu sein, ein Hund, eine Krähe, ein Affe? Der grundsätzliche Unterschied der Gattungen macht hier Empathie nur in einem analogen Denkmodell sinnvoll. Aber könnte diese Analogie nicht ausreichen, das Gefühl vom Schmerz, Freude, Vertrauen, Angst, Zuneigung, Todesnähe usw. beim Tier als Ausdruck seiner (nicht menschlichen, aber) geschöpflichen Gleichartigkeit (‚Seelenwesen‘) anzusehen?
  • Müssten wir dann nicht konsequenterweise auch die dem Tier wie jedem Lebewesen eigene Würde anerkennen und darüber nachdenken, was diese Würde des Tieres in ihrer Besonderheit, d.h. in Gleichheit und Unterschied zur Würde des Menschen, konkret bedeutet?
  • Könnte es sein, dass wir uns so dagegen wehren, weil wir ahnen, dass diese Überlegungen weit reichende Konsequenzen für unser alltägliches Leben haben könnten, wenn wir Menschen uns nur als „Mitgeschöpfe“ mit eingeschränkten Rechten begreifen würden, um die den Tieren eigene Würde zu achten und ihre Rechte zu respektieren?
  • Was hieße es also konkret, von Tieren als „Mitgeschöpfen“ zu sprechen, wenn es mehr sein soll als ein ungefüllter Begriff, der letztlich auf die Praxis im sogenannten „Tierschutz“ kaum Auswirkungen hat und allenfalls das Schlimmste verhütet (nämlich „ohne vernünftigen Grund“ zu quälen)?
  • Müsste eine Besinnung auf das gemeinsame Erbe und die Bestimmung als ‚Seelenwesen‘ (ich gebrauche einmal dieses alt-neue Wort), also als Teilhaber an der wunderbaren Entfaltung und Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten, nicht auch das Selbstverständnis des Menschen und seine Rolle innerhalb all dessen, was lebt, verändern?

Man muss nicht gleich zu Vegetariern werden, aber zumindest sollte auch beim Fleischkonsum das bedacht und beachtet werden, was noch in den alten Vorstellungen von Tieropfern lebendig ist: Dass es etwas besonders Wertvolles ist, wenn ein Tier geopfert und vom Menschen verzehrt wird. Man wird dadurch zwar nicht zum „Menschenfresser“, aber doch zum ‚Verbraucher‘ eines Lebewesens. Wir werden insgesamt nicht umhin können, auch den Verbrauch von Lebewesen als unserer Gattung gemäß anzusehen. Denn wo sollte die Grenze zwischen unterschiedlichen Lebensformen gezogen werden? Nur bei Mücken, wenn sie uns stechen wollen?

Es ginge also darum, über die Würde aller Lebewesen nachzudenken und diese Würde jeweils konkret und differenziert zu bestimmen, was unseren Umgang und unser Verhalten gegenüber Tieren und darüber hinaus allen Lebewesen angeht. Auch Extrem-Züchtungen und Verhätschelungen können die Würde von Lebewesen verletzen. Das Gespräch über die Würde aller Lebewesen ist deswegen so notwendig und so hilfreich, weil es auch uns Menschen zu einem neuen Selbstverständnis verhilft und uns ein Stück weit auf den“Teppich“ der natürlichen Gegebenheiten bringen kann, also unseren geschöpflichen Dünkel nivelliert. Man wird dadurch nicht gleich ein besserer Mensch, und pessimistisch kann man schon fragen, wie man erwarten kann, dass Menschen sich in ihrer Gier nach Reichtum und Macht gegenüber Tieren ‚anständig‘ verhalten sollen, wenn sie das ja nicht einmal gegenüber ihren Mitmenschen tun. Dies ist aber eine Anfrage an alle Ethik und Moral. Es wird nur Zeit, dass wir gegenüber den Tieren dasjenige Niveau der Diskussion über Würde herstellen, das wir bisher für den Menschen exklusiv gepachtet haben. Es gibt keinen „vernünftigen Grund“, diese Diskussion nicht ernsthaft und konsequent zu führen.

 23. März 2013  Posted by at 12:04 Ethik, Mensch, Tier Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ethik der Tiere
Feb 142013
 
„Damit es uns gut geht, muss es anderen schlecht gehen – dies ist leider so.“

Dieser Satz, gestern in einem Blog gefunden (dazu später mehr), ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Es ist ein sehr einfacher Satz, der ein ganz einfaches Quid-Pro-Quo ausdrückt. Die darin enthaltene Aussage ist ebenfalls ganz einfach. Es gibt keine Win-Win-Situation. Jegliches Verhalten und Tun hat Kosten, die irgend jemand bezahlen muss. Leben geht immer „zu Lasten Dritter“. Wenn es uns gut gehen soll, muss das einen Ausgleich auf der negativen Seite finden: Einem anderen muss es dafür schlecht gehen. Damit es uns besser geht, muss es anderen schlechter gehen. Statt Win-Win also ein Nullsummenspiel. „Dies ist leider so.“ – Ist das so?

Der erste Augenschein spricht dagegen. Warum sollte es einem anderen schlechter gehen, nur weil es mir heute besser geht, besser als gestern, besser als früher? Ich will doch niemandem etwas zu Leide tun. Und überhaupt: Die Sonne scheint, ich fühle mich gut. Was hat das mit anderen zu tun?

Ok, eine erste nähere Bestimmung ist fällig. „Gut gehen“ kann in dieser Aussage nicht einfach meinen „gut fühlen“. Gut fühlen kann ich mich auch völlig unabhängig von äußeren Einflüssen, zumindest von mir bewussten äußeren Einflüssen. Ich habe gut geschlafen, es ist ein schöner Tag draußen, ich bin unternehmungslustig, es geht mir gut. Solange ich nur mich und mein Gefühl betrachte, ist die momentane Situation unabhängig von Dritten, geht also auch nicht „zu Lasten Dritter“. Wenn ich allerdings weiter frage, was es denn für Bedingungen dafür gibt, dass ich mich heute so gut fühle, dann wird es schon schwieriger.

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Netz

Einige ganz einfache Voraussetzungen für mein „gutes Gefühl“ sind eine warme Wohnung, ein bequemes Bett, ein leckeres Frühstück, eine freundliche Aussicht, meine Gesundheit, die fast selbstverständliche Tatsache, dass ich mir über mein Auskommen heute und morgen keine Sorgen machen muss. Diese Voraussetzungen teile ich allerdings keineswegs mit allen lebenden Menschen auf Erden. Ich vermute, ich teile sie nur mit den Wenigsten. Man kann ja einmal probehalber die sechs einfachen Voraussetzungen für sich durchgehen. Spätestens bei der Sorglosigkeit über das Auskommen heute und morgen muss die überwältigende Mehrheit der Menschen die Segel streichen. Mir dürfte klar werden, dass ich mit der Gegebenheit dieser Voraussetzungen zu einer kleinen Gruppe privilegierter Menschen auf diesem Planeten gehöre. Nur Gesundheit scheint da nicht recht hinein zu passen, weil die ja nicht sozial beeinflussbar, sondern naturgegeben sei – o weh, nicht sozial beeinflussbar? Da sagen aber alle Untersuchungen und Ergebnisse der Gesundheitsforschung etwas ganz Anderes. Von mir persönlich nicht beeinflusst ist allenfalls die genetisch bedingte Konstitution, die mir in die Wiege gelegt wurde. Aber die jeweilige „Gen-Expression“ kann dann wiederum durch äußere Einflüsse bedingt und sozial vermittelt sein. Und schon wieder bin ich bei den Verhältnissen, in denen ich lebe, und bei den Voraussetzungen meines „guten Gefühls“.

Denn mein ‚“gutes Gefühl“ kommt wesentlich daher, dass es mir tatsächlich gut geht. Die Voraussetzungen und Bedingungen meines Lebens müssen schon einigermaßen stimmen, damit ich mich gut fühlen kann. Das jeweilige Maß der Voraussetzungen ist gewiss individuell variabel. Auch bei größter Disziplin, Enthaltsamkeit und Selbstbescheidung müssen von den genannten Voraussetzungen doch die meisten wenigstens einigermaßen zufriedenstellend erfüllt sein. Und damit ich eine gute Wohnung, ein angenehmes Bett, ein verlockendes Frühstück, einen netten Blick aus dem Fenster und alles in allem auch keine große Sorgen betreffs meines Einkommens haben kann, müssen schon eine Menge Menschen etwas getan haben – für mich. Es muss mir nicht bewusst sein, „aber es ist so“.

Ich hänge von der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ab, von der Qualität des Sozialsystems, von der Verfügbarkeit der Bildungsmöglichkeiten, von der Nutzbarkeit der Bildungschancen für mich konkret, hänge davon ab, dass Lebensmittel und Wohnung bezahlbar vorhanden sind und dass meine beruflichen Aussichten positiv oder zumindest gesichert sind. Durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung hänge ich aber wie der Faden an der Nadel des globalen Austausches von Waren und Dienstleistungen aller Art. Praktisch zeigt mir das schon ein Blick auf das Angebot des Edeka-Ladens bei mir um die Ecke. Es wird schnell klar und dürfte auch für jeden als Information verfügbar sein, dass unsere „moderne“ Wohlstandsgesellschaft durchaus nur „zu Lasten Dritter“ funktioniert.
Es sind nicht nur die billigen Arbeitskräfte, die für Apple oder Amazon (gestern ARD Dokumentation) und für sonst wen, Nestle, United Fruit (heute Chiquita Brands Int.), McDonalds uvam, schuften, es sind auch die Kosten am Verbrauch von Rohstoffen, Energie, an Lebensressourcen überhaupt, die nicht nur zu Lasten lebender Dritter gehen, sondern vor allem auch zu Lasten künftiger Generationen. Auch dies ist bekannt, „es ist leider so“. Dazu kommt, dass die Ressourcen endlich sind, dass auch alle Phantasie des Menschen diese Endlichkeit nur verzögern, aber nicht aufheben kann, weil der Planet Erde räumlich endlich und zeitlich begrenzt existiert. Dasselbe gilt für die Gattung  Mensch. Woher immer das Leben kommt, es ist endlich und vergänglich. Das Leben insgesamt ist als eine Art „Entropie-Verzögerung“ ein riesiger Prozess „zu Lasten Dritter“: Jede Energie verbraucht sich einmal, um auf den niedrigsten stabilen Level zurück zu kehren.

„Damit es uns gut geht, muss es anderen schlecht gehen – dies ist leider so.“ Es zeigt sich, dass dieser Satz ein wahrer ist. Das „leider“ zeigt die gewisse Trauer über die Unabänderlichkeit dieser Tatsache an. Und doch leben wir, wollen wir gut leben und tun alles, um möglichst gut zu überleben, und sei es auch „zu Lasten Dritter“. Dies ist so. Nicht Fatalismus, sondern Realismus ist angesagt. Die Bedingungen und Voraussetzungen unseres Lebens sind so, wir können sie kaum beeinflussen. „Kaum“ heißt nicht „gar nicht“. Es wäre schon viel gewonnen, sich darüber bewusst zu werden und so viel wie möglich dazu beizutragen, dass durch unser einzelnes Gutgehen andere möglichst wenig „bezahlen“ müssen, also möglichst eine Win-Win-Situation anzustreben. Ob das überhaupt möglich ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber das Bewusstsein über diese Zusammenhänge hilft schon viel. Es schützt vor Überheblichkeit und Übermut.

Der zitierte Satz geht übrigens noch weiter: „- dies ist leider so, interessiert in der heutigen Zeit aber immer weniger Menschen.“ Wenigstens das lässt sich ändern.

Das Zitat stammt aus einem Blogbeitrag von „Caschy“ Carsten Knobloch über die ARD-Dokumentation zu Amazon. Caschy’s Blog, Carsten Knobloch, zeichnet sich nicht nur durch gute und locker präsentierte Informationen aus, sondern immer wieder durch eine Haltung sehr bewusster „Alltags-Ethik“, die ich bewundere und für vorbildlich halte.

 14. Februar 2013  Posted by at 10:30 Ethik, Wissen Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Ethik im Alltag