Feb 222013
 

Der Senat tritt im Capitol zusammen, um eine Gesetzesvorlage zu beraten. Senat? Capitol? Gesetze? Klar, Washington, US – Politik. Oder doch Rom, zum Beispiel im Jahr 79 v.u.Z.? Und der Regierungschef hieß nicht Obama, sondern Sulla? Allerdings hielt auch dieser eine Rede von der Art „State of the Union“ und zog sich dann auf seinen Landsitz zurück. Sullas „Camp David“ lag in Puteoli. Worin besteht die Gemeinsamkeit, oder sind es nur die zufällig gleichen Namen? Nein, zufällig ist hier nichts. Namen sind Programm. Und die Gemeinsamkeiten gehen weit über diese Namen hinaus. Wenn man in Washington auf die Architektur der Regierungsgebäude blickt, kommt einem fast zwangsläufig Rom in den Sinn, – anders natürlich, irgendwie „neo-klassizistisch“. Auch da wird ein Anspruch deutlich: Ein Imperium, das neue Rom. Das aber wollten schon viele sein: Byzanz, Alexandria, Moskau…

Bei aller Faszination, die solche Vergleiche ausüben und die darum immer wieder angestellt werden, ist doch große Vorsicht geboten. Über zweitausend Jahre Zeitunterschied sind kein Pappenstiel, der „garstige Graben der Geschichte“ ist nicht einfach feuilletonistisch zu überfliegen. Dennoch kann man natürlich Linien aufzeigen, die sich über die Zeiten hinweg, wenn auch gebrochen, durchgehalten haben, Einflüsse, Auswirkungen, Fernwirkungen, Übereinstimmungen und Abgrenzungen, bewusst oder unbewusst. Umgekehrt gilt auch, dass immer wieder versucht wurde, an „Rom“ anzuknüpfen und das „neue Rom“ zu sein, und sei es auch nur religiös, „Rom“ als Mittelpunkt einer Weltkirche. Das Römische Reich als Republik, als Kaiserreich, als Militärdiktatur, bis hin zu seinem Niedergang, hat immer wieder als (vermeintliche) Vorlage gedient, um jeweils aktuelle Interessen und Ansprüche „historisch“ zu legitimieren. Und wenn US-Senatoren einen US-Präsidenten an der Leine des „Filibusters“ zappeln lassen, so werden auch darin uralte Konfliktmechanismen zwischen einem gleichnamigen Kollegial- und dem Exekutivorgan sichtbar.

Maccari-Cicero-Senate

Römischer Senat (Maccari – Wikipedia)

Vom „Imperium Romanum“ haben wir noch viel mehr geerbt als das Capitol, den Senat und den imperialen Anspruch „Roms“. Auch die „Republik“ (res publica) kommt aus der römisch-lateinischen Tradition, wohingegen die Demokratie auf ihre Ursprünge in der griechischen Polis verweist. Die Unterscheidung von öffentlich und privat kommt aus dem römischen Recht, auch die Zivilgesellschaft ist ein Erbe der römischen „civitas“, des „civis romanus“. Der römische Bürger, welch Privileg, ist allein Teilhaber der römischen Civitas und lebt soziokulturell im Raum dessen, was man später mit „romanitas“, Romanität, bezeichnet hat. Beiläufig habe ich eben das römische Recht erwähnt, das noch in unserer Zeit eine wesentliche Rechtsquelle des Bürgerlichen Gesetzbuches darstellt. Nicht zufällig ist darin so viel von Eigentum, Besitz und der Unterscheidung dieser beiden Begriffe die Rede.

Sozialgeschichtliche Studien sind faszinierend, insbesondere zum Römischen Reich. Man lernt dabei nicht nur die Ursprünge des „Populismus“ kennen, sondern auch des „Plebejers“ und sogar des „Proleten“: Der „proles“ hatte nämlich nichts an Besitz als nur seine Nachkommen, die Kinder. Marxistische Geschichtsschreibung hat darum immer wieder versucht, die Sozialgeschichte Roms als die Ursprünge einer Klassengesellschaft zu beschreiben. Das mag einen nicht unbedingt überzeugen, aber dieser Nachdruck, der in dieser weltanschaulichen Betrachtung auf die Sozialgeschichte gelegt wurde, hat doch sehr viel Erhellendes und Wichtiges angestoßen und zu Tage gebracht. Schaut man heute auf die durchaus aktuelle Literatur zur Sozialgeschichte des Römischen Reiches, so kann man damit bzw. mit den zahlreichen Einzelstudien Bibliotheken füllen. Wer die Mühe nicht scheut, das umfangreiche deutschsprachige Standardwerk von Géza Alföldy (G. Alföldy, Römische Sozialgeschichte, 4. Aufl. 2011) zu lesen, wird reich belohnt. Es erschließt sehr anschaulich einen großen Teil der sozialen Wirklichkeit des Römischen Reiches.

Die Verführung, Verbindungen zur Jetztzeit zu ziehen und entsprechende Vergleiche anzustellen, ist groß. Tut man dies mit der gebotenen Vorsicht, eben nicht vorschnell Ungleiches gleich zu setzen, so eröffnen sich vielfältige Perspektiven auf unsere politischen Wirklichkeiten, die zeigen, dass Vieles gar nicht so neu ist, dass es tatsächlich vergleichbare Strukturen und Verhaltensweisen gibt über die Jahrtausende hinweg. Vor allem im Blick auf den Umgang mit Macht lässt sich viel Erkenntnis gewinnen. Hier fällt das Gleichartige besonders in die Augen. Was zu Beginn der Renaissance Niccolò Macchiavelli in seinem „Il Principe“ auf den Begriff gebracht hat, galt schon Jahrhunderte vorher – und gilt offenbar ebenso Jahrhunderte nach ihm. Es gibt offenbar so etwas wie Grundstrukturen des Umgangs der Menschen mit Macht und Gewalt, die sich trotz Humanismus und Aufklärung kaum geändert haben. Wen das erschreckt, der hat sich offenbar bisher über die Grundstrukturen des Menschlichen getäuscht. Jedenfalls gibt es keinen Anlass, erst das 20. Jahrhundert als das „Jahrhundert der Gewaltexzesse“ zu kennzeichnen. Massive Gewalt zur Durchsetzung von Macht ist offenbar zu allen Zeiten erste Wahl derer, die herrschen (wollen).

Öffentlichkeit, Demokratie, bürgerschaftliche Diskurse, Zivilgesellschaft, Kommunikation durch neue Medien – auch dies ist als Gegengewicht gegen die Gewalt der Mächtigen stets in irgend einer Form da gewesen, heute hoffentlich kraftvoller als früher. „Hoffentlich“, schreibe ich, denn sicher bin ich mir da keineswegs. Die römische Gesellschaft baute auf Besitz, auf Grundbesitz, und schon damals floß Geld zu Geld. Auch heute noch ist „Grundbesitz“ eine wesentliche Ressource des Reichtums, wenn auch nicht die einzige und auch nicht mehr in Form „preußischer Junker“, sondern als BHP, Exxon und Gazprom – und all derer, die sich daran teilhabend bereichern. Wie Reichtum entsteht und bewahrt, wie er geraubt und verteidigt wird, das zeigen sozialgeschichtliche Studien mit aller Deutlichkeit. Man müsste sich dazu mehr Gedanken machen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 22. Februar 2013  Posted by at 12:09 Geschichte, Politik, Rom Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Unvergleichliche Geschichte
Feb 112013
 

Zweimal im Wochenabstand hat Günther Jauch das Thema Katholische Kirche in seiner Sendung gehabt. Den thematischen Anlässen gilt mein Zwischenruf nicht. Dazu hat heute Morgen zum Beispiel in FAZ Online Frank Lübberding Treffendes und Treffliches geschrieben. Ich wende mich vielmehr der Zurückhaltung des EKD-Ratspräsidenten Nikolaus Schneider zu. Er vertrat „den“ Protestantismus in der Runde. Seine Loyalitätsadresse (so muss man es ja wohl nennen) an den katholischen „Partner“ ist mir unangenehm aufgestoßen. Wenn ein Protestant nicht mehr zu dem aktuellen Zustand des Katholizismus zu sagen hat, dann ist das recht erbärmlich. Höflichkeit in allen Ehren, aber ein klarer Standpunkt hätte in der Runde durchaus vertreten werden dürfen. Vielleicht fühlt sich der EKD-Ratspräsident aber ebenfalls viel zu sehr in der Defensive seines Glaubens, als dass er gegenüber diesem Katholizismus noch aufzumucken wagte.

Jauch

Jauch

Es sei nur daran erinnert, dass sich das Wort „Protestant“ vom Protest, vom Widerstand der „Evangelischen“ Reichsstände gegen die katholische Mehrheit auf dem zweiten Reichstag in Speyer 1529 herleitet. Kaiser Karl V. hatte hier den aufweichenden Beschluss des ersten Speyrer Reichstages bezüglich des Wormser Edikts (1521, Reichsacht über Martin Luther) durch eine harte, konservative Regelung rückgängig machen wollen. Dagegen protestierten die evangelischen Fürsten und Reichsstädte. Das war die Geburtsstunde zumindest der Bezeichnung „Protestanten“. Der Sache nach traf das aber viel tiefgründiger. Aus unterschiedlichsten Interessen heraus hatten sich der Reformator Martin Luther mit seinen Anhängern und eine Reihe von Reichsfürsten und freien Reichsstädten gegen die katholische Mehrheit verbündet. Man lese Einzelheiten dazu an geeigneter Stelle nach (Wikipedia zum Beispiel). Es hatte dem theologisch und biblisch begründeten Widerstand Luthers gegen den herrschenden römischen Katholizismus eine wirkungsvolle politische Basis verliehen. Aus dem „kleinen Mönchlein“ aus Erfurt bzw. Wittenberg war eine machtpolitische Größe geworden, ohne die die Entstehung des Protestantismus und der protestantischen (Landes-) Kirchen nicht möglich gewesen wäre. Ohne hier auf die kontrovers diskutierten verwickelten geschichtlichen Verhältnisse und Prozesse der „Reformationszeit“ eingehen zu können bzw. zu wollen, kann man doch so viel sagen: Keimzelle des Protestantismus war das Aufbegehren, der innerkirchliche und dann sogar machtpolitische Widerstand gegen eine als verrottet und unreformierbar erlebte römisch-katholische Kirche.

Nun, damit sind wir bei allen Unterschieden der heutigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, in denen sich Katholizismus und Protestantismus arrangieren, gar nicht so weit von der Zeit vor 500 Jahren entfernt. Heute deutlicher als noch vor wenigen Jahrzehnten wird die Katholische Kirche in großen Teilen als ein moralisch verrottetes, konservativ verknöchertes, offenbar dem puren Selbsterhalt der kirchlichen Macht alter Männer dienendes System sichtbar. Wahrlich ein Anlass zu „Protestation“ und Widerstand! Die faktische Bedeutungslosigkeit und Selbstüberschätzung der katholischen Amtsträger beschreibt Lübberding sehr zutreffend: „Im Grunde nimmt man ihn [den kath Klerus] nur noch ernst, weil er halt noch da ist.“ Offenbar sind heute Journalisten und Medienleute die besseren und sachgerechteren „Protestanten“. Den Auftritt von Nikolaus Schneider empfand ich als „Protestant“ nur als peinlich berührendes Wegducken. So kann man auch als Protestant heute keinen Blumentopf gewinnen.

Der Protestantismus wollte bei seinem Aufbruch die „bessere“ christlich-kirchliche Alternative sein. Ob ihm das in knapp 500 Jahren gelungen ist, mag man mit Fug und Recht bezweifeln. Zumindest war er aber oft genug der Stachel im Fleisch einer saturierten und strukturell erstarrten Christenheit, wie sie sich im zumal deutschen Katholizismus zeigte und zeigt. Es wäre an der Zeit, gerade auch im Blick auf das 2017 anstehende Reformationsjubiläum, als Protestant christlich und kirchlich, freiheitlich und persönlich (auch personell!) „klare Kante“ zu zeigen, insbesondere gegenüber dem morbiden römischen Katholizismus. Unsere Gesellschaft hätte das durchaus nötig, das heutige Christentum sowieso. Den typischen Katholizismus, zu allerletzt den eines Martin Lohmann, haben sie, haben wir aber wirklich nicht verdient.

 

UPDATE 13:00h

Mein Zwischenruf wird von der Wirklichkeit überholt: Papst will zurücktreten
http://www.n-tv.de/panorama/Papst-Benedikt-XVI-gibt-Pontifikat-auf-article10098531.html

 11. Februar 2013  Posted by at 11:50 Katholisch, Kirchen, Protestantismus Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Zwischenruf: Religion bei Jauch
Okt 022012
 

Wir haben uns daran gewöhnt, in einer „christlich – abendländischen“ Tradition zu leben. Unsere europäische Welt ist aus dem „christlichen Abendland“ hervor gegangen, heißt es. Manche bezeichnen auch die Gegenwart noch als geprägt durch die „christlich-abendländischen Werte“. Dies wird mit besonderer Emphase gegen den Satz ins Feld geführt, der Islam gehöre zu Deutschland. Ganz abgesehen davon, dass es ziemlich unklar bleibt, welches denn die christlich-abendländischen Werte eigentlich sind, denen man sich verpflichtet fühlt, dient der Begriff „christliches Abendland“ eher als Parole in einem kulturpolitischen Abwehrkampf denn als klare Beschreibung einer geschichtlichen Wirklichkeit. Das so oft bemühte Bild vom „christlichen Abendland“ bedarf einer grundlegenden Revision.

In einem Kommentar von Thomas Urban in der heutigen Süddeutschen Zeitung (02.10.12 S. 3) über das Streben einiger spanischer Regionen nach Unabhängigkeit lese ich folgendes:

Auch im heißen Andalusien, der bevölkerungsreichsten Region Spaniens, hat sich ein starkes kulturelles Bewusstsein entwickelt. Es schöpft seine Kraft aus der Rückbesinnung auf das maurische Erbe. Dieses wurde jahrhundertelang im katholischen Spanien zerstört und aus dem Gedächtnis gestrichen. Doch nimmt ein wachsender Teil der heutige Elite Andalusiens das Kalifat von Córdoba und das Sultanat von Granada als Hochkultur wahr, die von Kastilien brutal zerschlagen wurde.

Averroes, aus Wikipedia

Genauer gesagt: Vom katholischen Kastilien wurde im Namen der Päpste und wiederholt unter dem Titel eines „Kreuzzuges“ das Unternehmen „reconquista“ durchgeführt (Hauptphase im 11. Jhdt.) zur „Rückeroberung“ Spaniens von den Mauren. Dies klingt nach einer Episode spanischer Geschichte in einem „Winkel“ Europas. Das Gegenteil ist der Fall. Die „Mauren“ in Spanien haben in einem kaum hoch genug zu schätzenden Ausmaß Wissenschaft, Denken und Kultur Europas insgesamt geprägt und beeinflusst, ja man kann zuspitzen: überhaupt erst ermöglicht.

Die Entwicklung des abendländischen Denkens ist ohne die Rezeption der arabisch-islamischen Kultur überhaupt nicht zu verstehen. Die Kenntnis der griechischen Philosophie, der indischen Mathematik, der morgenländischen Medizin und Astronomie gelangte ausschließlich über das maurische Spanien, also über Al-Andalus zu uns. Die Wiederentdeckung des Aristoteles war überhaupt erst möglich, seit man seine Schriften zuerst aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzte (Übersetzer-„Schule“ von Toledo), ehe man Jahrhunderte später während der Renaissance nach den griechischen Originalen stöberte. Bis dahin waren von Aristoteles nur die Logik und Dialektik bekannt, „propädeutische“ Schriften gewissermaßen. Insofern war dann auch die Wiederbelebung der Antike im 14. und 15. Jahrhundert (Renaissance) nur auf dem Hintergrund der spanisch-arabischen Vermittlung möglich.

Es ging nicht nur um die „alten“ griechischen Philosophen. Es ging um  das gesamte griechisch-hellenistische Erbe und seine Weiterentwicklung im arabisch-islamischen Kulturraum. Nachdem der oströmische Kaiser Theodosius 391/392 der griechisch-„heidnischen“ Tradition den Kampf angesagt und die griechische Philosophie unter Kaiser Justinian 590 verboten wurde (Schließung der „Akademie“ Athen), war das griechisch-römische Erbe mehr oder weniger verwaist. Die (uns heute völlig unbekannt gewordenen) islamischen Philosophen waren es, die sich dieses Erbes annahmen, es pflegten und weiter entwickelten: Alkindi (†873), Alfarabi (†950), Avicenna (†1037), Avepacem (†1138), Averroës (†1198) u.a.m. waren bedeutende Denker und Wissenschaftler, zum Teil Ärzte, in Bagdad, Teheran, Cordoba, Malaga, Fez, welche die Grundlagen für das mittelalterliche Denken und Wissen im Abendland legten. Ihre Schriften, besonders die Aristoteles-Kommentare des Averroës, wurden „Standardliteratur“ in dem geistesgeschichtlichen Aufholprozess des Abendlandes, der unter anderem in die sogenannte „Scholastik“, also „Schulphilosophie“, führte.

Das Denken und die Schriften der mittelalterlichen „Großen“ wie Thomas von Aquin (Rom, Neapel), Duns Scotus (Paris), Albert dem Großen (Köln) und Meister Eckhart (Erfurt, Straßburg, Paris) gründete auf der arabisch-griechische Philosophie und / oder stand in steter Auseinandersetzung mit ihr. Noch ein Nikolaus Cusanus (†1464), der als Ausklang des Mittelalters und Wegbereiter der europäischen Neuzeit gilt, fußt auf den Traditionen Avicennas und Averroës‘. Dies ist alles seit Jahrzehnten bekannt und wird entsprechend selbstverständlich seit langem in Philosophie und Geschichtswissenschaft diskutiert. Der „deutsche Mystiker“ Eckhart ist längst als Phantasieprodukt einer nationalen Romantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts entlarvt. Das Mittelalter und seine „Aufklärung“ im 13. Jahrhundert war sehr anders und viel lebendiger, als es uns heute meist im Gedächtnis ist (wenn überhaupt).

Die abendländische kulturelle Tradition speist sich also aus sehr unterschiedlichen Quellen und Strömen, das jüdische Erbe gehört dazu, das hellenistisch-römische, das islamisch-arabische, das christliche, um nur die Hauptlinien zu nennen. Darum ist es für das Verständnis und für die Kennzeichnung unserer abendländischen Tradition, ihrer Denkweisen und Werte, allererst abzuklären, welche Rolle das spezifisch Christliche dabei gespielt hat. Diese Rolle dürfte nüchtern betrachtet sehr viel negativer und ambivalenter ausfallen, als es der heutige Sprachgebrauch vermuten lässt. Die Spanier in Andalusien schicken sich an, ihr Geschichtsbild neu zu schreiben und das Erbe von Al-andalus wieder zu entdecken.

Dasselbe täte uns im Großen und Gesamt Europas not. Die abendländische Tradition ist ungemein vielfältig, widersprüchlich und verschlungen, viele uns heute selbstverständliche Denkweisen mussten oft erst gegen die „Mächte“ (vor allem Roms) errungen werden. Das „christliche Abendland“ ist ein apologetisches Zerr- oder Wunschbild (je nach Standpunkt) unserer Neuzeit. Zur Gewinnung einer sachlichen, nüchternen und religions-neutralen Betrachtung aber ist eine Revision unseres traditionellen Geschichtsbildes erforderlich. Es ist dran. Es täte uns  auch hinsichtlich der gegenwärtigen Diskussion um „Christentum“ und „Islam“ nur gut. Es wäre die Wiedergewinnung einer säkularen Geschichtsinterpretation.

 2. Oktober 2012  Posted by at 18:03 Europa, Geschichte, Kultur, Moderne, Neuzeit, Philosophie, Religion, Rom Katholisch, Wissen Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Revision eines Geschichtsbildes
Jun 072012
 

„Es gibt keinen Gott im Netz.“ Na sowas! Das hat man doch immer so geglaubt, oder nicht? Über etwas Abseitiges in der Netzdiskussion. Über das Gewicht der Religion. Und über Wichtigeres für die politische Diskussion.

Ach ja, die Religion, noch immer treibt sie ihr Unwesen… (großer Seufzer) und wird noch immer nicht / immer weniger in ihrer Funktionsweise verstanden (noch größerer Seufzer). Wer offenkundig überhaupt nichts davon versteht, ist Sascha Lobo. In seiner jüngsten Spiegel-Online-Kolumne „Mensch – Maschine“ legt er in breiten Ausführungen beredt davon Zeugnis ab, dass er in Sachen Religion ein völliger Ignorant ist. Es geht um die in den letzten Woche durchs Netz geisternde Diskussion um den „quasireligiösen“ Charakter des Internet-Wunderglaubens mancher Nerds oder auch nur Technik-Freaks und ihrer politischen Ableger (Piraten). Andrian Kreye und Matthias Matussek hatten davon gesprochen und provokant, aber begründet darauf aufmerksam gemacht, dass manche Meinungen und Haltungen von Internet-„Anhängern“ (eben nicht nur „usern“) das Netz als neues Heilsversprechen begreifen, das die Übelkeiten der jetzigen Welt (Kapitalismus, Intransparenz, Unwissen) schlagartig beseitigen könne. Die Technikgeschichte zeigt immer wieder, wie das säkulare Bewusstsein im Glauben an die Macht der Technik religiöse Elemente eines Heilsglaubens übernimmt und „säkularisiert“. Dies geschieht immer wieder, und übrigens nicht nur im Bereich der Technik. Religion als Überwältigtwerden von etwas Größerem / Höherem (Schleiermacher sprach vom „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“) und Glaube an eine Erlösung aus allen Übeln ist offenbar tief im Menschen verwurzelt. Sie kann die unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen annehmen, dabei selten den Charakter eines unvermittelten Glaubens („ideologisch“) und eines tiefsitzenden Sendungsbewusstseins („missionarisch“) verleugnen. Dies könnte man vielmehr als die Erkennungszeichen religiöser Mentalitäten benennen. Dazu hat die Religionswissenschaft mit all ihren Spezialisierungen (Religionspsychologie, Religionssoziologie, Religionsphilosophie, Religionsgeschichte usw.) klärend beigetragen. Es ist durchaus bedeutsam, dass heute oftmals eher von Kulturwissenschaft gesprochen wird, weil „Religionswissenschaft“ zu unpräzise ist, um ein bestimmtes Gegenstands- und Aufgabenfeld zu beschreiben. Es ist vielmehr eine Querschnittsaufgabe anthropologischer Fundamentalwissenschaften, die Bedeutung der „Religion“, also religiöser Vorstellungen und Verhaltensweisen des Menschen, zu beschreiben, zu systematisieren und in ihren Formen und Wirkungen zu erkennen. Ins Blickfeld kommt dabei natürlich (!) Religion als ein mentales oder besser kulturelles Produkt des Menschen; etwas Übernatürliches ist im Bereich der Religions- und Kulturwissenschaften jedenfalls nicht zu finden.

Wenn nun Sascha Lobo den als Vorwurf verstandenen Aufweis religiöser Strukturen in Internet-Diskussionen und -Verheißungen mit dem Satz begegnen möchte „Im Internet gibt es keinen Gott“, dann ist das einfach dümmlich. Der Zusammenhang machts nicht besser:

Das gefährlich Religionsähnliche entsteht, wenn man vergisst, dass das Netz von Menschen absichtlich geschaffen ist und von Menschen gestaltbar. Jeder Pixel ist an seinem Platz, weil irgendjemand es so wollte (oder die Folgen nicht überblickte), irgendjemand ist verantwortlich, es gibt keinen Gott im Netz  und damit kein Schicksal, in das man sich klaglos fügen müsste. Es herrsche also der Zweifel, der Widerspruch: das Gegenteil des Glaubens. (Sascha Lobo, SpOn)

Nun, Glaube und Zweifel gehören immer zusammen, und „menschengemacht“ ist eben überhaupt kein Argument gegen Religion, sondern die heutige Beschäftigung mit Religion geht gerade davon aus, dass sie zum Menschen gehört wie Neugier, Sex und Wissenschaft. Ob der Einzelne den Gegenstand der Religion dann für sich selbst hypostasiert und subjektiv zu etwas Übernatürlichem erhöht, ist eine Frage der eigenen Befindlichkeit oder (salopp gesagt) des persönlichen Geschmacks. „Es gibt keinen Gott im Netz“ ist jedenfalls keine Aussage, die irgend etwas mit dem Nachweis religiöser Strukturen und Denkformen „im Netz“ zu tun hat. Auch der Atheist, der sagt: „Es gibt keinen Gott.“ kann zutiefst religiös sein; meist ist das religiöse „Objekt“ nur verschoben. So vertrackt ist das mit der Religion. Abgesehen von der Vielzahl religiöser und religiös-fundamentalistischer Webseiten (Religiöses steht da an zweiter, manche behaupten sogar an erster Stelle der Anzahl und Verbreitung von Webseiten) hat das auch niemand behauptet. [Nebenbei: Vielleicht ist nur der absolute Skeptiker, der für sich jeden, aber auch wirklich jeden gewissen Erkenntnis- und Lebens- Wert ausschließt, wirklich areligiös; aber obs den wirklich gibt, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden.] Sich mit religiösen Strukturen und Verhaltensweisen im Netz und seitens der Netizens zu beschäftigen, ist also eine durchaus sinnvolle Aufgabe; sie geht natürlich weit über die knappen Bemerkungen von Andrian Kreye und Matthias Matussek hinaus. Wenn sich dann ein angeblich nüchtern-gottloser Netzaktivist von der Diskussion genervt wie folgt äußert, dann zeigt das nur, dass man mit dem Thema offensichtlich ins Schwarze getroffen hat.

„Nach der großen Spirtualität, dem AllEinen und diversen Analogien, die schwefliger und hinkender kaum sein können, wäre es jetzt an der Zeit, wenn die Phärisäer und die Sadduzäer des Internet ihre Brotzeit einpacken und weiterziehen zur Nanotechnologie, synthetischen Biologie oder sonstwohin. Ich kriege langsam Plaque wegen all diesem Gebelle.“ +Jörg Wittkewitz

Wie heftig Religionen unsere ach so säkularen Gesellschaften der Moderne (und meinetwegen auch der Postmoderne oder welcher Moderne auch immer) sogar im aufgeklärten Westeuropa gestalten, zeigt sich gerade heute wieder, an diesem merkwürdigen kirchlichen Feiertag Fronleichnam. Im Internet, zum Beispiel bei Wikipedia, aber auch an vielen anderen Stellen, kann man sich recht schnell darüber orientieren, dass dieses katholische Fest die Feier der Selbstermächtigung der römischen Kirche über Heil und Ewigkeit ist. Nach dem Anspruch der klerikalen Macht, durch den Priester das reale Brot in den ebenso realen „Leib Christi“ zu verwandeln (dogmatisiert auf dem IV. Laterankonzil 1215), folgte die Proklamation des Festes des „heiligen Leichnams“ auf dem Altar als allgemeiner Feiertag der katholischen Christenheit durch Papst Urban IV, 1264. Fronleichnam gehört damit seit Jahrhunderten zum Kernbestand katholischen Kirchen- und Heilsverständnisses. Während der Gegenreformation beim Trienter Konzil (1545 – 1563) wurde es nocheinmal betont als Abgrenzung gegen jeglichen „Protestantismus“. Fronleichnam gehört also zum „Markenkern“ der katholischen Kirche und Frömmigkeit. Das sei nur betont, damit mit niemand so tue, als ginge es heute bei den Prozessionen nur um frommes Brauchtum oder irgendein frömmlerisches Allotria. Fronleichnam ist nach kirchlichem Selbstverständnis immer eine Machtdemontration der römisch-katholischen Kirche (die Orthodoxie kennt ein solches Fest nicht), eine antisäkulare Selbstdarstellung des christlichen Glaubens römischer Provenienz in einer säkularen Welt. Noch knapp die Hälfte der Bundesländer in (Süd-) Deutschland begeht dieses Fest als gesetzlichen Feiertag. Wenn sich also jemand über das religiös-kirchliche „Gebelle“ (Wittkewitz) aufregen möchte, dann hätte er hier viel Gelegenheit dazu.

Aber dies ist nicht wirklich wichtig. Niemand will den katholisch-frommen Süddeutschen einen arbeitsfreien Tag madig machen. Irgendwann wird die teilweise immer noch „barocke“ Mentalität vieler kirchlichen Süddeutschen von selber auf den Trichter kommen, was ihnen die Kirchen eigentlich heute noch zumuten. Viel wichtiger sind Nachrichten, nur so zufällig heute Morgen herausgegriffen, wie diese: Die SCHUFA will mit Facebook-Datensammlungen so richtig Kasse machen. Datenbeauftragte und Verbraucherschützer sind entsetzt über diese „Grenzüberschreitung“. Astrid Kasper, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Schufa, kann dagegen nichts Schlimmes an der Ausforschung finden. Es gehe lediglich „um die wissenschaftlichen Möglichkeiten der Einsichtnahme, aber auch der Bewertung von Informationen aus dem Netz“. (so in der Berliner Morgenpost). Das wäre doch ein Punkt zum Nachdenken und zu kritischem Engagement, Freunde! (siehe +Christoph Kappes‘ besonnene Beurteilung dazu.) Oder auch diese Meldung hier: „Erde steht vor dem Kollaps.“ Es gibt also wahrlich genug Sinnvolles zu tun. Weniger das Göttliche im Netz als das Menschliche auf der Erde steht an. Und wenn das Netz dabei als Technik und Werkzeug helfen kann, umso besser!

UPDATE: Diskussion dazu bei Google+.

 7. Juni 2012  Posted by at 10:36 Internet, Kultur, Religion, Rom Katholisch Tagged with: , ,  1 Response »
Mai 012012
 
Walpurgisnacht und Hexenverfolgung, zwei Themen, die eng zusammen gehören und zeigen, dass die Kirchen ihre Schularbeiten in Sachen Bewältigung schuldvoller Vergangenheit immer noch nicht gemacht haben.

Die Nacht zum 1. Mai, „Walpurgisnacht“, ist dieses Jahr offenbar in den Großstädten friedlich abgelaufen. Sehr erfreulich, denn ausgelassenes Feiern war von jeher ein Kennzeichen der Walpurgisnächte und den losen und frivolen Tagen des Monats Mai. Erst die kirchliche Verdammung und Verleumdung dieser Frühlingsfeiern als „Hexensabbat“ hat die negative Bewertung begründet. Und in den vergangenen Jahren kam in den einschlägig bekannten Stadtvierteln der ideologische Missbrauch mit der Lust zum Krawallmachen hinzu.

Interessant ist der ausführliche Beitrag in Welt Online zur Erklärung der Herkunft des „Hexensabbat“. Das Kapitel Hexen und Hexenverfolgung gehört nun wahrlich nicht zum Ruhmesblatt der Kirchengeschichte, dabei lassen sich die Bräuche der keltisch-germanischen Walpurgisnächte ohne weiteres mit den klerikalen Usancen zu Fronleichnam vergleichen: Über Glaube und Aberglaube entscheidet bekanntlich nur der sachlich nicht aufzuklärende eigene Standpunkt.

Wie wenig sich die Kirchen mit der Skandalgeschichte der Hexenverfolgung auseinander gesetzt haben, zeigt ein kurzer Blick auf die offiziellen Webseiten: Bei der Suche auf der Webseite der Deutschen Bischofskonferenz findet sich zum Begriff „Hexenverfolgung“ nur ein Eintrag: In einer Predigt vom 23.09.2004 vertrat Erzbischof Schick die Ansicht, dass der Kritiker nur „die Hexenverfolgungen kennt – und das noch einseitig – und nichts von den Segnungen des Christentums und der Kirche im Schul- und Erziehungswesen, im Krankenhaus- und Sozialwesen, bei der Formulierung und Inkraftsetzung der Menschenrechte weiß?“ Ja, zu dumm, dass man über die Hexenverfolgungen nur „einseitig“ informiert wird. Übrigens ist es falsch, diese Verfolgungen ins „finstere Mittelalter“ zu verlegen. Sie geschahen im Zeitalter der Barock, im 17 bis ins 18. Jahrhundert hinein, also schon mitten in der glorreichen Neuzeit.

Auf den Webseiten der Evangelischen Kirche (EKD) finden sich zum Suchbegriff „Hexenverfolgung“ vierundzwanzig Einträge zu jüngeren Texten, die sich mit der (selbst)kritischen Aufarbeitung der Hexenverfolgung befassen. Immerhin, denn dieser Hexenwahn wurde auch von evangelischen Geistlichen befördert. Noch radikaler geht die Berner Pfarrerin Renate von Ballmoos mit der Walpurgisnacht um, wenn sie in diesem Jahr mit einer Kollegin dazu aufruft, die Walpurgisnacht als Fest der Frauen und der Lebensfreude zu feiern und es so begründet:

„Die Walpurgisnacht ist ein Fest, an dem man traditionellerweise die weibliche Kraft feierte. Dabei geht es um Fruchtbarkeit, Sexualität und Lebensfreude, was in jeder patriarchalisch geprägten Religion verpönt war. Deshalb ist die Walpurgisnacht, oder Beltane wie das Fest bei den Kelten hiess, auch das einzige der acht Jahreskreisfeste, das die Kirche nicht übernommen hat.“

Ja ihr Lieben, das hat was! Das unterscheidet sich wohltuend von dem etwas gequälten Umgang mit Walpurgis und Lebensfreude und Fruchtbarkeit, das noch der frühere EKD-Bischof Huber an den Tag legt, wenn er in seinen Gedanken zum 1. Mai  2007 erklärte:

„Erich Kästner nennt den Mai den „Maler des Kalenders“; denn kein anderer Monat hält schönere Farben bereit. Manche verbrämen den „Tanz in den Mai“ zu einer pseudoreligiösen „Walpurgisnacht“-Party. Als ob sie die hellen Farben des Frühlings nicht aushalten könnten!“

So schnell kommt der Klerikale nicht aus seiner weltfremden und sexfeindlichen Haut, auch nicht auf protestantischer Seite, obwohl man es hier besser wissen müsste, was das Symbol der „Fleischwerdung “ auch bedeuten könnte, siehe Frau von Ballmoos. Da kommt der frauenfeindliche Katholizismus natürlich nicht mit, der sich nach wie vor schwer tut, seine eigenen pädophilen Priester in Zaum zu halten. Gerade erst wurde wieder ein Bamberger Domkapitular, also ein höherer katholischer Amtsträger, wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen von einem Kirchengericht (!) in den Ruhestand versetzt. Warum eigentlich Kirchengericht und nicht ziviles Gericht? Ach ja, in Bayern ticken die Uhren immer noch anders – kerikal verstellt.

Es ist sehr zu unterstreichen, was der eingangs zitierte Welt-Artikel von Claudia Becker eindrucksvoll beschreibt:

„Was die verschiedenen Bürgerinitiativen und Vereine aber von den Kommunen und Kirchen verlangen, ist die Ehrenrettung der Frauen und Männer, die der Verfolgung zum Opfer gefallen sind. 1996 machte die hessische Stadt Idstein den Anfang. Eine Gedenktafel wurde am Hexenturm angebracht, bei einem ökumenischen Gottesdienst bekannte die Kirche, dass hier großes Unrecht geschehen war. … Ein Stein, das ist vielen Kämpfern für die Ehrenrettung der vermeintlichen Hexen nicht genug. Zu ihnen gehört der evangelische Theologe Hartmut Hegeler. Der pensionierte Pfarrer aus Unna, Gründer des „Arbeitskreises Hexenprozesse“, engagiert sich seit mehr als zehn Jahren mit Vorträgen, Ausstellungen und Publikationen für das Gedenken an die Opfer der Hexenverfolgung.“

Das wäre ein angemessenes Thema für kirchliche Gedanken zur Walpurgisnacht!

 1. Mai 2012  Posted by at 10:35 Hexenwahn, Katholisch, Missbrauch, Protestantismus, Sexualität, Zivilgesellschaft Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Der Pakt mit dem Teufel
Apr 062012
 
Die  Kirchen sollten ihr Glaubensangebot etwas bescheidener als ein pluralistisches Sinnangebot unter vielen darstellen. Alles andere ist Dogmatismus oder schlimmer noch: christlicher Fundamentalismus. Ob nun evangelikal oder päpstlich: darin zeigt sich nur der arroganter Herrschaftsanspruch einer vormodernen Tradition. Dem sollte gerade zu Ostern widersprochen werden.

Es ist schon merkwürdig: Alle Jahre wieder zu den sogenannten „hohen“ christlichen Feiertagen machen sich die klassischen Medien Zeitung, Radio, Fernsehen zum Diener des Christenglaubens.  Da werden auf einmal in den Nachrichten Glaubensinhalte als „news“ verbreitet. Der Papst wäscht 12 Priestern die Füße, „so wie es der Überlieferung nach Jesus am Gründonnerstag beim Abendmahl getan hat“. So etwa wurden in der Tagesschau Bilder aus dem Petersdom kommentiert. Entsprechendes kann man dann zum Karfreitag und bei den Nachrichten über das Osterfest hören und sehen, wo Christen (immerhin, diese Einschränkung wird heute gemacht) „die Auferstehung Jesu feiern“. Das bedeutet die Vermischung von Glaubensaussagen mit Tatsachenbehauptungen. Und dies sollte es eigentlich in religiös neutralen Medien nicht mehr geben. Es ist nur Liebedienerei vor dem Universalanspruch des christlichen Weltbildes seitens der Kirchen und ihrer Amtsträger, insbesondere des Papstes.

Religiöse Weltbilder beruhen auf Glaubensinhalten, die sich entweder dem Bereich vernünftigen Weltzugangs entziehen und / oder im Bezug auf gegebene Wirklichkeit symbolischen Charakter haben, also Deutungsmuster der Wirklichkeit liefern. Glaubensinhalte haben es aber nie mit Tatsachen zu tun, die in Raum und Zeit eindeutig als Geschehen zuzuordnen sind. Wenn Religion dies tut, für ihre Glaubensgegenstände faktische Tatsächlichkeit im Sinne allgemein vernünftiger Zugänglichkeit und Verifizierbarkeit zu behaupten, dann begeht sie eine unzulässige Grenzüberschreitung. Religiöse Menschen und Funktionäre der Kirchen mögen das als legitim und ihrer „Sache des Glaubens“ gemäß ansehen, aber dagegen muss sich die säkulare, historisch aufgeklärte Vernunft entschieden wehren. Glaubensinhalte und sogenannte „Glaubenstatsachen“ können keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und vernünftige Anerkenntnis erheben. Was geglaubt wird, liegt im Bereich der Religionen und ihrer Anhänger. Die tatsächlichen Dinge, die eben als solche „der Fall sind“, gehören in den Bereich der menschlichen Ratio, des vernunftgeleiteten Weltzugangs und Weltwissens.

Beide Bereiche, in Stichworten „Glauben und Wissen“, eben gewissenhaft zu trennen und keine Übergriffe zu dulden, weder von Seiten des Glaubens in den Bereich z.B. der Naturwissenschaft noch von Seiten der Wissenschaft in den Bereich geglaubter Sinngehalte, gehört zu den Errungenschaften aufgeklärten Denkens und zu den Grundlagen der Neuzeit. Religion ist in Sachen des Glaubens so frei, wie es die Wissenschaft im Bereich der Vernunfterkenntnis und tatsächlicher Weltbewältigung ist. Ein Übergriff der säkularen Vernunft gegenüber dem religiösen Glauben welcher Provenienz auch immer wäre ein zu kritisierender rationalistisch-dogmatischer Säkularismus; ein Übergriff des Glaubens auf den Bereich vernünftiger Welterkenntnis und Weltbewältigung wäre ein ebenso zu kritisierender religiös-dogmatischer Fundamentalismus. Gerade die katholische Kirche tut unter ihren letzten Päpsten alles, um diesem religiösem Dogmatismus wieder zur Vorherrschaft zu verhelfen – denn um Herrschaft geht es dabei. Dem muss entschieden entgegengetreten werden.

Ebenso muss dem immer noch und immer wieder bemühten Eindruck begegnet werden, als handle es sich bei den „Osterereignissen“ der christlichen Religion um historische Tatsachen. Die historisch-kritische Erforschung der Bibel seit dem 18. Jahrhundert und ihre durchaus kritische Aneignung in der wissenschaftlichen Theologie der Neuzeit bis in unsere Tage hinein hat erbracht, dass die Schriften der Bibel eben nicht als „Tatsachenberichte“, sondern als Glaubensverkündigung gelesen sein wollen. Einigen der in den neutestatemtlichen Schriften geschilderten „Ereignisse“ mag jeweils ein historischer Kern oder besser Anlass zugrunde liegen, den herauszuarbeiten durchaus schwierig und oft strittig ist. Die Glaubensgeschichte selber aber hat und braucht keinerlei Anhalt an historischer Tatsächlichkeit, bestenfalls deutet und interpretiert sie „Geschichte“, d.h. bestimmte historische Geschehnisse.

Die Vermischung von Glaubensgeschichte und historischer Tatsächlichkeit führt zu solch merkwürdigen Nachrichten-Meldungen und Kommentaren, wie wir sie immer an den christlichen Feiertagen erleben. Unerlaubte Grenzüberschreitungen sind es, die nur eine Grunderkenntnis verwischen, dass nämlich Glaubensinhalte und historische Ereignisse zwei ganz verschiedene Dinge in zwei ganz unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit sind. Es sollte inzwischen auch in den Redaktionen von Zeitungen, Radio und Fernsehen zum Allgemeinwissen gehören, dass die christliche „Passionsgeschichte“ nur eine besondere Art religiöser Legende ist. Über ihren Sinn mag man trefflich streiten und sich darüber austauschen. Tatsächlichkeit zu behaupten ist Unfug. Allenfalls das reine Dass des gewaltsamen Todes eines gewissen Jeshua kann als historisch einigermaßen gesichert gelten, alles weitere ist religiöse Deutung und dogmatisches Interpretament. In Sachen „Schöpfungslehre“ und Evolution ist die missbräuchliche Grenzüberschreitung und Kategorienvermischung mindestens ebenso deutlich und verhängnisvoll; dies wird durch den Trick der Rede vom „intelligent design“ nur bewusst verschleiert. Aber das ist ein anderes Thema.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man sich in den öffentlichen Medien zu Ostern einer klaren begrifflichen weil sachlichen Trennung bewusst wäre. Man würde dann nicht mehr so naiv einer Historisierung von Glaubensinhalten Vorschub leisten. Denn das ist nur Volksverdummung, die leider die Kirchen im Interesse der Vorherrschaft ihres Weltbildes immer wieder betreiben.

 6. April 2012  Posted by at 12:25 Aufklärung, Dummheit, Fundamentalismus, Geschichte, Kirchen, Nachrichten, Neuzeit, Papst, Religionskritik, Vatikan Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Arroganz der Religion
Mrz 282012
 

Katholische Kirche aktuell – da fällt mir nichts mehr zu ein. Mein voriger Post war noch untertrieben und zu harmlos. Es fehlt mir einfach die Phantasie um vorzustellen, wozu die reaktionäre Papst-Mafia fähig ist.

Pädophile im Bistum Trier

Kinderschänder feiert Messe mit Kindern

Die Kirche beschäftigt einen wegen sexueller Übergriffe auf Kinder vorbestraften Priester nicht nur weiterhin, sie lässt ihn sogar Gottesdienste mit Kindern feiern. Als dies bekannt wird, erklärt das Bistum, man habe nicht gewusst, dass Kinder kommen würden.

Hier der ganze Artikel: n-tv Ganz klar, das ist kein Zufall, das hat System. Systemisch pervers und krank. OK.

 28. März 2012  Posted by at 21:04 Papst, Rom Katholisch Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Kindermesse mit Kinderschänder
Mrz 252012
 
Der Papst wird in Mexiko mit heftigen Vorwürfen der Missbrauchsopfer vergangener Jahre konfrontiert. Solange er dazu schweigt, wird jedes der salbungsvollen Papstworte unglaubwürdig, sind sie blanker Zynismus. Die Papstkirche ist systemisch krank, unbelehrbar, nicht reformierbar – organisierte Lüge und Vertuschung.

Man sollte meinen, das Thema sei nun hinreichend aufgeklärt. Zahllose Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche gegenüber ihr anvertrauten Kindern und Jugendlichen durch ihre eigenen Priester und Bischöfe weltweit und vor allem auch in Deutschland und Österreich sind vor wenigen Jahren aufgedeckt worden. Untersuchungskommissionen wurden gebildet, Berichte verfasst, Besserung gelobt, ein wenig Wiedergutmachung in Aussicht gestellt. Davon ist allerdings wenig geschehen. Die Kirche hat es weit von sich gewiesen, dass die Missbrauchsfälle etwas mit dem „System“ zu tun haben, mit dem Zölibat, mit der Sexualfeindlichkeit, mit der Verdrängung aller Aufklärung aus dem katholischen Raum. Das war zwar unaufrichtig und zeigte wenig wirkliche Einsicht in die Perversität des „Systems Kirche“, war aber kaum anders zu erwarten.

Und nun dies. Innerhalb von wenigen Tagen drei Meldungen, die so horribel sind, dass man sie kaum glauben mag. Alte Fälle zum Teil, aber auch erschreckende Heuchelei in der Gegenwart. Fangen wir mit dem letzten an. Da ist die Meldung, dass der katholische Missbrauchsbeauftragte, Bischof Ackermann (Trier), in seinem Bistum sieben als pädophil bekannte und teilweise verurteilte Priester weiterhin als Seelsorger beschäftigt:

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann beschäftigt nach SPIEGEL-Informationen in seinem Bistum sieben als pädophil aufgefallene Pfarrer. Einer von ihnen soll sexuelle Beziehungen zu einem Schüler gehabt haben, zwei weitere sind wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt. (Spiegel Online)

Da hat man offenbar den Bock zum Gärtner gemacht – in schamloser Offenheit. Noch unglaublicher sind Meldungen, dass von der katholischen Kirche in den fünfziger Jahren in den Niederlanden missbrauchte Jugendliche offenbar zur Strafe und Abschreckung, von sich aus an die Öffentlichkeit zu gehen, kastriert wurden. Einzelne Fälle können nun dokumentiert werden.

Laut dem Bericht des liberalen Handelsblad hatte Heithuis 1956 bei der Polizei Anzeige erstattet und angegeben, in dem Jungeninternat der katholischen Kirche in Harreveld in der Provinz Gelderland sexuell missbraucht worden zu sein. Statt die Vorwürfe zu untersuchen, wurde er nach seiner Aussage bei der Polizei in die psychiatrische Einrichtung „Huize Padua“ in der Provinz Nordbrabant eingeliefert. Diese Einrichtung wurde ebenfalls von katholischen Priestern geleitet. Hier wurde Henk Heithuis die Schuld am sexuellen Missbrauch angelastet. Es habe geheißen, er habe die Priester verführt, berichtet Cornelius Rogge.
Heithuis sei dann kastriert worden. Er sei total verstümmelt gewesen, berichtet Rogge. Der Eingriff sei vorgenommen worden, um Heithuis von seinen homosexuellen Neigungen zu heilen. Das Handelsblad verfügt nach eigenen Angaben über Hinweise, dass die katholische Kirche noch mindestens zehn Minderjährige in den 50er Jahren kastrieren ließ. (taz)

Es ist einfach unfasslich. Es wurde und wird totgeschwiegen. Nur mit Mühe lassen sich die alten Fälle unglaublicher Grausamkeit und eines kaum überbietbaren Zynismus aufdecken. Die römische Kirche trägt ihrerseits weiterhin zur Vertuschung bei. Informationen müssen recherchiert und der Amtskirche mühsam entlockt werden. Keine Stellungnahme. Keine Einsicht. Keine Reue. Kein Versuch der Selbstkritik. Immer sind es nur „Einzelfälle“. Die allerdings massenhaft und ebenso offensichtlich systematisch – im ursprünglichen Sinn des Wortes: vom System Kirche bedingt und verursacht.

Und nun heute die Meldungen über die Vorwürfe gegenüber dem Papst in Mexiko. Er hat als Chef der Glaubenskonkregation offenbar von den Missbrauchsfällen um den Ordensoberen Marcial Maciel (verst. 2008) genau Bescheid gewusst. Natürlich alles vertuscht und verleugnet. Heute klagen die Opfer Benedikt an, dass er so lange zu den Verbrechen dieses „Ordensbruders“ geschwiegen hat.

Opfer sexuellen Missbrauchs in Mexiko erhoben am Samstag schwere Vorwürfe gegen den Papst. Der 84-Jährige habe in seiner Zeit als Chef der Glaubenskongregation im Vatikan die Aufklärung des Missbrauchskandals um den inzwischen verstorbenen Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Marcial Maciel, behindert, heißt es in einem Manifest. Einer der Betroffenen, José Barba, beklagte, dass sie über Jahre nicht gehört worden seien. Sie kritisierten zudem, dass das Thema beim Papstbesuch nicht zur Sprache kommen soll. Treffen von Benedikt XVI. mit Opfern pädophiler katholischer Priester wie in den USA oder Irland waren in Mexiko nicht geplant. (Focus)

Der Papst meidet das Thema. Treffen mit Opfern sind nicht geplant. Die Papstkirche hat nichts dazu zu sagen. Die Papstkirche hat nichts gelernt aus all den Verbrechen, dem Missbrauch, den Täuschungen, Lügen und Abstreitereien. Solange sich die katholische Kirche so zeigt und verhält, wird jedes der salbungsvollen Papstworte unglaubwürdig, ja sind sie nur blanker Zynismus. Der Katholizismus führt sich ad absurdum und widerlegt sich selbst. Diese Papstkirche ist systemisch krank, unbelehrbar, nicht reformierbar. Das Kürzel „RK“ für „römisch katholisch“ muss eher lauten „OK“: „Organisierte Kriminalität“ – organisierte Lüge und Vertuschung eigener Verbrechen.

Sep 252011
 

>Wie eine überaus passende Ergänzung zu meinem letzten Blog-Beitrag „Protestanten sind Protestanten“ erscheint mir der Artikel von Reinhard Bingener in der FAZ – soeben online verfügbar. Anders als Daniel Deckers begeisterte Zustimmung zum ‚heiligen‘ Benedikt in derselben Zeitung (online hier) durchweg aus katholischer Sicht zeichnet Bingener ein differenziertes Bild von Ratzingers Haltung, die ich voll und ganz teile. Dieser Papst weiß genau, was er tut, und er tut es gezielt und beharrlich: den ultrakonservativen Katholizismus stärken. Die Rücknahme der Exkommunikation des rassistischen Bischofs Williamson und die nachdrückliche Unterstützung der Pius-Bruderschaft waren kein dummer Zufall eines Unbedarften, wie oft vermutet, sondern offenkundig gezielte Strategie. Auch Ratzingers „Zurückhaltung“ gegenüber den Missbrauchs-Opfern entspricht seiner Auffassung einer in sich reinen und sündlosen römischen Kirche. Fehler gib ets nur vereinzelt und als Fehltritte einzelner, die nicht genug glauben und mit Rom „verbunden“ (= gehorsam) sind. Ratzingers Freiburger Rede lässt keinen Zweifel an seiner abgrundtiefen Verachtung für alles Neuzeitliche, Freie und Individuelle. Recht setzt nach ihm nur die römische Kirche; alles andere ist weltliches Unrecht, Beliebigkeit, Irrung und Wirrung. Da fügt sich sein Verhalten gegenüber der protestantischen Delegation nahtlos ein: es war ein glatter Affront, Und das passt in Ratzingers Welt- und Kirchenbild, wie Bingener schreibt:

„Und ähnlich wie seine Regensburger Rede konnte man auch seine Rede im Bundestag so lesen, dass es letztlich der Protestantismus ist, auf den die liberalen Verirrungen zurückgehen. Man mag das für unzutreffend oder eine Überschätzung des religiösen Moments halten. Aber es erklärt, warum der Papst im Verhältnis zu den evangelischen Kirchen nicht die Übereinstimmung, sondern die Abgrenzung sucht.“

Es ist wiederum kein Zufall, dass sich dieser Papst der ebenfalls autoritären östlichen Orthodoxie mit ihren mittelalterlichen Strukturen und Riten viel mehr verbunden weiß. Auch mit dem Islam kommt er ja gut klar, denn den „Gottesstaat“ , siehe Vatikan, und die Scharia, in seinem Fall der Corpus Iuris Canonici, das römische Kirchenrecht, beanspruchen beide die Regelung aller Lebensbereiche und die Ablehnung des „westlichen“ Liberalismus mit seiner „dekadenten“ Lebensweise. Da haben sich bei diesem Papst Seelenverwandtschaften aufgetan, die einen nur erschrecken lassen. Man kann darum heute zugespitzt formulieren: Islamismus und Katholizismus sind strukturell derselbe religiöse Fundamentalismus!

 25. September 2011  Posted by at 17:42 Fundamentalismus, Islamismus, Papst, Protestantismus, Rom Katholisch Kommentare deaktiviert für >Neo-Fundamentalismus
Sep 252011
 

>Protestanten haben von einem Papst nichts zu erwarten, von diesem Benedikt nicht, wohl auch von keinem anderen; er müsste denn aufhören, Papst zu sein.

Allzu leicht wird im sogenannten „ökumenischen Dialog“, also auch auf wohlmeinender römisch-katholischer Seite ebenso wie auf engagierter evangelischer Seite verkannt, dass es zwischen Evangelischen und Katholiken gar nicht ausschließlich und vielleicht nicht einmal in erster Linie um Fragen des Glaubens geht, sondern viel  mehr um Struktur- und Machtfragen, um Fragen der Deutungsmacht in Sachen des Glaubens und Denkens und um Herrschaftsstrukturen innerhalb der Kirche: um Macht über Geldmittel (Kapital) und Seelen (Gewissen). Diese Fragen waren der wesentliche Anlass für die „Protestation“ der evangelischen Stände gegen die erneute Inkraftsetzung des Wormser Edikts (1521) und damit gegen die kompromisslose Durchsetzung des Vormacht- und Herrschaftsanspruchs der katholischen Stände, vor allem der „geistlichen“ Reichsfürsten, im Namen des römischen Papstes und seines Kaisers Karl V. auf dem Reichstag zu Speyer 1529. Von da an wurden die Gegner des Papstes, die sich auf das Evangelium und ihr Gewissen beriefen, „Protestanten“ genannt. Ein guter Name für eine Reformbewegung, deren Wesenskern die fundamentale Neubestimmung der Religion und des Einzelnen in der Neuzeit einleitete.

Der Papst Ratzinger nahm jetzt in Erfurt bei seinem Gespräch mit den Protestanten Bezug auf Luthers Frage, die da laute, „wie steht Gott zu mir, wie stehe ich vor Gott?“. Dies sei eine „brennende Frage“, betonte der Papst, sie „muss wieder neu und gewiss in neuer Form auch unsere Frage werden“. Das war alles. Bernd Buchner von der offiziellen Internetplattform evangelisch.de beschreibt klar und deutlich, „wie die evangelischen Erwartungen enttäuscht wurden“. Nun, viele Erwartungen waren und bleiben einfach eine Illusion. „Der Papst hielt zwei Reden, eine im geschlossenen Kreis, eine in der Öffentlichkeit. In der ersten ging er auf Luther ein, würdigte Luthers lebenslange Suche nach einem gnädigen Gott. Kein Wort aber zur Reformation als solcher, ebenso wenig in der öffentlichen Predigt, in der auch Luther nicht mehr vorkam.“ Und Buchner spricht zu Recht von einer „schallenden Ohrfeige“, die der Papst den protestantischen Gesprächspartnern verpasste: „Mehr noch: Benedikt XVI. ging von sich aus auf das vermeintliche „ökumenische Gastgeschenk“ ein und schmetterte jenen, die auf derlei gehofft hatten, ein klares „Nein“ entgegen. Der Glaube könne nicht auf Kompromissen beruhen, auf der Abwägung von Vor- und Nachteilen. „Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos“, so der Papst.“ Das ist seit Jahrhunderten die Sicht der römischen Kirche, die von „Kirche“ übrigens stets in der Einzahl spricht: Es gibt aus päpstlicher Sicht eben nur eine Kirche, die römisch-katholische. Mag ein Papst auch Luthers Frage nach dem „gnädigen Gott“ würdigen und betonen, wie wichtig doch die lebenslange Suche nach Gott sei, besonders in einer säkularen Welt, so weiß er doch immer schon die Antwort, und sie schwingt in allen Äußerungen eines, dieses Papstes mit: Gefunden wird die Antwort nur „in der Gemeinschaft der Kirche“, sprich im Schoße der römischen Papstkirche. Alles andere, liebe Protestanten, ist eben „ein selbstgemachter Glaube“, sprich Irrtum, Lüge. Da kann es für einen römischen Oberhirten keinen Kompromiss geben, jetzt nicht und in Zukunft nicht. Wer anderes hofft, hängt einer Illusion an.

Luthers theologische Erkenntnisse, die „reformatorische Entdeckung“ im Römerbrief, die unter anderem in der objektiven Gerechtigkeit Gottes gipfelte, nach der Gott seine Rechtfertigung frei und voraussetzungslos schenkt, die der Mensch dann im Glauben nur anerkennen kann, diese Entdeckung ist ja nur die eine Seite Luthers. Die andere große, für Luther viel niederschmetterndere Entdeckung war, dass er den Hauptgegner  der evangelischen Wahrheit, des christlichen Glaubens überhaupt, dass er diesen endzeitlichen Feind, den „Antichrist“, mitten in der Kirche vorfand, auf dem Stuhle Petri sitzend. Der Papst, der Papst, das ist der Antichrist, schrie und schrieb Luther wieder und wieder. Das monarchische Episkopat mit Rom an der Spitze, die bedingungslose Gewalt („Schlüsselgewalt“), die jeder Papst über die Seelen seiner Gläubigen beansprucht, die durchgesetzte Weltherrschaft mittels Geld und Soldaten und ihm willfährigen Kaisern (wie es Karl V. zumindest zeitweise war), – all dies war neben den bekannten „Missständen“ in den Klöstern und bei den sog. Bettelmönchen der Hauptgrund für Martin Luther, sich dem Kampf gegen die „Papstkirche“ zu verschreiben. Es war sehr bald kein Eintreten mehr für eine Kirchenreform, es wurde spätestens ab dem Reichstag zu Worms 1521 ein Kampf um die wahre Kirche, um den rechten Glauben, um die Freiheit der Gewissen und um den Vorrang der Vernunft des Einzelnen vor den autoritären und mächtigen Institutionen wie Papst und Konzil. Hatte Luther noch 1517 beim Thesenanschlag (allerdings in der überlieferten Form wohl nicht historisch gesichert) an ein allgemeines Konzil appelliert, so entdeckte und bekannte er bald, dass auch Konzilien irren können (Leipziger Disputation 1519) und im Falle Johann Hus 1415 in Konstanz auch geirrt hätten. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 formulierte er nach den Reichstagsakten so: „„… wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde; denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“ Das war nicht nur ein Bruch mit der bisherigen kirchlichen Tradition, das war zugleich die Kampfansage an die verfasste Papstkirche. Genau so wurde seine Erklärung auch richtig verstanden. Und genau dies gilt auch heute noch mit gleicher Deutlichkeit.

Der „Antichrist“ in der Kirche, formulieren wir es weniger chiliastisch, dramatisch: der Widersacher des christlichen Glaubens und eines freien Bekenntnisses mitten in der Kirche – das war ein Schock, für Luther damals, und trotz aller ökumenischen Begeisterung, das gilt auch noch heute. Denn die Papstkirche hat sich keineswegs verändert, eher das Gegenteil ist eingetreten. Seit dem Konzil von Trient (1545 – 1563) ist die Macht der Päpste noch stärker geworden, bekräftigt und ausgebaut. Auf dem 1. Vatikanischen Konzil 1870 ließ Papst Pius IX. Glaubens- und Lehrentscheidungen des römischen Papstes als „unfehlbar“ dogmatisieren. Mittels dieses Dogmas wurde 1950 (!) durch Papst Pius XII. die „leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel“ dekretiert und als unfehlbares Dogma zur Glaubenspflicht aller römisch-katholischen Christen erklärt. Versuche von Papst Johannes XXIII., durch das 2. Vatikanische Konzil (1962 – 1965) den Gedanken einer kollegialen Führung der römischen Kirche neu zu beleben, führten letztlich zu keiner Veränderung. Unter Papst Johannes Paul II. (Wojtyla) und jetzt unter Josef Ratzinger als Papst Benedikt XVI. ist eher wieder eine Stärkung des monarchischen Episkopats und der alleinigen Autorität Roms festzustellen. Der Impuls vom Vatikanum II ist völlig ins Leere gelaufen.

Fragen des Glaubens und der Theologie sind längst nicht mehr „kirchentrennend“: Es gibt innerhalb der protestantischen Theologie ebenso viele Spiel- und Denkarten (von streng-lutherisch bis liberal reformiert) wie auf katholisch-theologischer Seite. Karl Rahner und Hans Küng sind als Theologen oft ebenso „evangelisch“ wie „katholisch“. Sich um die Rechtfertigungslehre zu streiten und um Kompromissformeln zu bemühen wie in der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ von 1999 (die zudem nie ratifiziert wurde und damit unverbindlich blieb) ist völlig müßig und durch die Zeitläufe überholt. Der „Knackpunkt“ zwischen römischen Katholiken und Protestanten ist und bleibt der Papst: nicht nur das Bischofsamt, sondern dessen monarchisch-autoritäre Form; nicht nur ein Papst als oberster Repräsentant einer Kirche, sondern der Papst als Feudalherrscher über Seelen und Gewissen, mit angemaßter Gewalt über ewigen Frieden und Seligkeit; nicht nur ein Kirchenstaat à la Vatikan, sondern ein multinationaler Konzern („Weltkirche“) mit mafiösen Strukturen und Praktiken, die nahe ans Kriminelle grenzen; nicht nur die Starrheit und Unbelehrbarkeit der römischen Kirchenoberen, sondern deren kriminelle Vertuschung des weltweit verbreiteten Missbrauchs von Kindern und Abhängigen; gerade Letzteres macht die römisch-katholische Kirche zu einer Art „organisierter Kriminalität“ – nicht „rk“, sondern „OK“.

Liest man die große Reportage des SPIEGEL (19.09.1911 Nr. 38: „Der Unbelehrbare“) über das Vordringen des rechts-konservativen Katholizismus und seiner Bischöfe in Ämtern und Positionen hierzulande und weltweit, so kann einem nur das Gruseln kommen. Mag der Artikel auch einseitig sein, so sind die berichteten Fakten eben doch mindestens die eine Seite, bei diesem Ratzinger-Papst sogar die dominierende; es ist halt doch der ehemalige Chef der „Heiligen Inquisition“, neuerdings „Glaubenskongregation“ genannt, der hier Papst geworden ist: der Wolf im Schafspelz.

Es ist gut, dass es gegenüber diesem römischen Machtapparat und seinem vorneuzeitlichen Feudalismus eine große Gruppe von reformatorischen Kirchen gibt, die sich dem religiösen Diktat und Machtanspruch Roms widersetzen, die gegen den Fundamentalismus und die Doktrination, gegen die Gewissensknechtung und die Heuchelei, eben gegen die anti-freiheitliche und anti-moderne Papstkirche eines Ratzingers „protestieren“.

Eben drum: Protestanten sind Protestanten – und das ist auch gut so.

 25. September 2011  Posted by at 08:50 Neuzeit, Papst, Protestantismus, Religionskritik, Rom Katholisch Kommentare deaktiviert für >Protestanten sind Protestanten!