Feb 222013
 

Der Senat tritt im Capitol zusammen, um eine Gesetzesvorlage zu beraten. Senat? Capitol? Gesetze? Klar, Washington, US – Politik. Oder doch Rom, zum Beispiel im Jahr 79 v.u.Z.? Und der Regierungschef hieß nicht Obama, sondern Sulla? Allerdings hielt auch dieser eine Rede von der Art „State of the Union“ und zog sich dann auf seinen Landsitz zurück. Sullas „Camp David“ lag in Puteoli. Worin besteht die Gemeinsamkeit, oder sind es nur die zufällig gleichen Namen? Nein, zufällig ist hier nichts. Namen sind Programm. Und die Gemeinsamkeiten gehen weit über diese Namen hinaus. Wenn man in Washington auf die Architektur der Regierungsgebäude blickt, kommt einem fast zwangsläufig Rom in den Sinn, – anders natürlich, irgendwie „neo-klassizistisch“. Auch da wird ein Anspruch deutlich: Ein Imperium, das neue Rom. Das aber wollten schon viele sein: Byzanz, Alexandria, Moskau…

Bei aller Faszination, die solche Vergleiche ausüben und die darum immer wieder angestellt werden, ist doch große Vorsicht geboten. Über zweitausend Jahre Zeitunterschied sind kein Pappenstiel, der „garstige Graben der Geschichte“ ist nicht einfach feuilletonistisch zu überfliegen. Dennoch kann man natürlich Linien aufzeigen, die sich über die Zeiten hinweg, wenn auch gebrochen, durchgehalten haben, Einflüsse, Auswirkungen, Fernwirkungen, Übereinstimmungen und Abgrenzungen, bewusst oder unbewusst. Umgekehrt gilt auch, dass immer wieder versucht wurde, an „Rom“ anzuknüpfen und das „neue Rom“ zu sein, und sei es auch nur religiös, „Rom“ als Mittelpunkt einer Weltkirche. Das Römische Reich als Republik, als Kaiserreich, als Militärdiktatur, bis hin zu seinem Niedergang, hat immer wieder als (vermeintliche) Vorlage gedient, um jeweils aktuelle Interessen und Ansprüche „historisch“ zu legitimieren. Und wenn US-Senatoren einen US-Präsidenten an der Leine des „Filibusters“ zappeln lassen, so werden auch darin uralte Konfliktmechanismen zwischen einem gleichnamigen Kollegial- und dem Exekutivorgan sichtbar.

Maccari-Cicero-Senate

Römischer Senat (Maccari – Wikipedia)

Vom „Imperium Romanum“ haben wir noch viel mehr geerbt als das Capitol, den Senat und den imperialen Anspruch „Roms“. Auch die „Republik“ (res publica) kommt aus der römisch-lateinischen Tradition, wohingegen die Demokratie auf ihre Ursprünge in der griechischen Polis verweist. Die Unterscheidung von öffentlich und privat kommt aus dem römischen Recht, auch die Zivilgesellschaft ist ein Erbe der römischen „civitas“, des „civis romanus“. Der römische Bürger, welch Privileg, ist allein Teilhaber der römischen Civitas und lebt soziokulturell im Raum dessen, was man später mit „romanitas“, Romanität, bezeichnet hat. Beiläufig habe ich eben das römische Recht erwähnt, das noch in unserer Zeit eine wesentliche Rechtsquelle des Bürgerlichen Gesetzbuches darstellt. Nicht zufällig ist darin so viel von Eigentum, Besitz und der Unterscheidung dieser beiden Begriffe die Rede.

Sozialgeschichtliche Studien sind faszinierend, insbesondere zum Römischen Reich. Man lernt dabei nicht nur die Ursprünge des „Populismus“ kennen, sondern auch des „Plebejers“ und sogar des „Proleten“: Der „proles“ hatte nämlich nichts an Besitz als nur seine Nachkommen, die Kinder. Marxistische Geschichtsschreibung hat darum immer wieder versucht, die Sozialgeschichte Roms als die Ursprünge einer Klassengesellschaft zu beschreiben. Das mag einen nicht unbedingt überzeugen, aber dieser Nachdruck, der in dieser weltanschaulichen Betrachtung auf die Sozialgeschichte gelegt wurde, hat doch sehr viel Erhellendes und Wichtiges angestoßen und zu Tage gebracht. Schaut man heute auf die durchaus aktuelle Literatur zur Sozialgeschichte des Römischen Reiches, so kann man damit bzw. mit den zahlreichen Einzelstudien Bibliotheken füllen. Wer die Mühe nicht scheut, das umfangreiche deutschsprachige Standardwerk von Géza Alföldy (G. Alföldy, Römische Sozialgeschichte, 4. Aufl. 2011) zu lesen, wird reich belohnt. Es erschließt sehr anschaulich einen großen Teil der sozialen Wirklichkeit des Römischen Reiches.

Die Verführung, Verbindungen zur Jetztzeit zu ziehen und entsprechende Vergleiche anzustellen, ist groß. Tut man dies mit der gebotenen Vorsicht, eben nicht vorschnell Ungleiches gleich zu setzen, so eröffnen sich vielfältige Perspektiven auf unsere politischen Wirklichkeiten, die zeigen, dass Vieles gar nicht so neu ist, dass es tatsächlich vergleichbare Strukturen und Verhaltensweisen gibt über die Jahrtausende hinweg. Vor allem im Blick auf den Umgang mit Macht lässt sich viel Erkenntnis gewinnen. Hier fällt das Gleichartige besonders in die Augen. Was zu Beginn der Renaissance Niccolò Macchiavelli in seinem „Il Principe“ auf den Begriff gebracht hat, galt schon Jahrhunderte vorher – und gilt offenbar ebenso Jahrhunderte nach ihm. Es gibt offenbar so etwas wie Grundstrukturen des Umgangs der Menschen mit Macht und Gewalt, die sich trotz Humanismus und Aufklärung kaum geändert haben. Wen das erschreckt, der hat sich offenbar bisher über die Grundstrukturen des Menschlichen getäuscht. Jedenfalls gibt es keinen Anlass, erst das 20. Jahrhundert als das „Jahrhundert der Gewaltexzesse“ zu kennzeichnen. Massive Gewalt zur Durchsetzung von Macht ist offenbar zu allen Zeiten erste Wahl derer, die herrschen (wollen).

Öffentlichkeit, Demokratie, bürgerschaftliche Diskurse, Zivilgesellschaft, Kommunikation durch neue Medien – auch dies ist als Gegengewicht gegen die Gewalt der Mächtigen stets in irgend einer Form da gewesen, heute hoffentlich kraftvoller als früher. „Hoffentlich“, schreibe ich, denn sicher bin ich mir da keineswegs. Die römische Gesellschaft baute auf Besitz, auf Grundbesitz, und schon damals floß Geld zu Geld. Auch heute noch ist „Grundbesitz“ eine wesentliche Ressource des Reichtums, wenn auch nicht die einzige und auch nicht mehr in Form „preußischer Junker“, sondern als BHP, Exxon und Gazprom – und all derer, die sich daran teilhabend bereichern. Wie Reichtum entsteht und bewahrt, wie er geraubt und verteidigt wird, das zeigen sozialgeschichtliche Studien mit aller Deutlichkeit. Man müsste sich dazu mehr Gedanken machen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 22. Februar 2013  Posted by at 12:09 Geschichte, Politik, Rom Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Unvergleichliche Geschichte
Mrz 052010
 

>Sexualverbrecher Nr. 1 ist offenkundig die katholische Kirche. Man kann es nur noch als „OK“, als organiserte (Sex-) Kriminalität bezeichnen. Wer schützt die Kinder und Jugend vor ihr? Normalerweise gehören solche Organisationen gesetzlich verboten und aufgelöst. Das Ausmaß übersteigt meine schlimmsten Befürchtungen. Wann ist Rom selber dran?

Ich fasse es selbst im fernen Australien nicht.

 5. März 2010  Posted by at 12:41 Katholisch, Kirchen, Rom Kommentare deaktiviert für >Sex-Verbrecher Nr. 1
Feb 072010
 

>Ja, das gibt es bei uns, eine „vorsintflutliche Religion“; eine Religion und ihre Organisation, die sich weitestgehend gegenüber neuzeitlichem Denken immunisiert, archaische Riten pflegt, nach wie vor eine moralische und theologische Exklusivität verficht und den Zeiten hinterher trauert, als sie noch viel mächtiger war. Ich schreibe nicht vom Islam – ich denke an die römisch-katholische Kirche. In gewisser Weise gilt das allerdings auch für einen konservativ-kämpferischen oder süßlich-introvertierten Protestantismus. Im Katholizismus kommt insbesondere die mittelalterliche Hierarchie dazu, die dem System Stabilität und der Archaik und Rückwärtsgewandheit Methode verleiht. Auch die derzeit die Öffentlichkeit bewegenden Missbrauchsfälle in katholischen „pädagogischen“ Einrichtungen, seien es Kindergärten oder seien es Jesuiten-Schulen wie das Canisius-Internat in Berlin, haben durchaus System. Sogar der Leiter des Canisius-Gymnasiums und Jesuitenpater kann nicht mehr umhin, öffentlich von einem „vertuschenden System“ und „Strukturen“ der Angst zu sprechen. Dabei handelt es sich nun aber nicht um den Zölibat oder das elitäre System der Jesuiten-Bruderschaft, woran da vorschnell erinnert wird. Das sind nur einige vordergründige Phänomene. Der Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken (AEK) in der CDU, Martin Lohmann, ahnt wohl genauer, was auf dem Spiel stehen könnte, wenn er in einem Beitrag für die FAZ jedes Systemversagen kategorisch ausschließt, auf die alleinige Verantwortung der einzelnen verirrten Schäfchen verweist und im Übrigen die besondere „Kostbarkeit“ der Sexualmoral der katholischen Kirche preist, die ein Bollwerk gegen „Verirrungen im Namen angeblicher Freiheit … in einer herrschenden durchsexualisierten Diktatur des Relativismus“ (sic!) sei (FAZ vom 06.02.2010 S. 10). Ja, wie gut dass es die katholische Kirche gibt in dem Sodom und Gomorrha der modernen Welt – dabei fällt unter den Tisch, dass es gerade die katholische Kirche selber ist, die sich in ihrem eigenen „Sodom und Gomorrha“ zufrieden eingerichtet hat. Erst Jahrzehnte später kommt dies Unwesen an den Tag, nicht aus eigener Schuldeinsicht, sondern weil die Opfer nicht mehr schweigen konnten.

Es ist dies nur die Spitze des Eisberges einer prinzipiell rückwärtsgewandten, anachronistischen Form der christlichen Religion, wie sie die römisch-katholische Kirche darstellt. Wenn ihr Papst, ein angeblich doch hochgebildeter Theologe, jüngst ein Buch über Jesus veröffentlicht, das die Ergebnisse der literarischen und historischen Erforschung der Bibel in den letzten 200 Jahren schlicht ignoriert und gar nicht erst zur Kenntnis nimmt, um den Gläubigen im Namen der allzeit gültigen katholischen Lehre ein völlig voraufklärerisches, mythisches Jesusbild zur Erbauung der Seelen zu skizzieren, dann spricht das für sich. Es nimmt Wunder, dass die Öffentlichkeit dieses Jesusbuch von Josef Ratzinger so wenig kritisch aufgegriffen, eher peinlich berührt beiseite gelegt hat. Von katholischen Theologen ist heute zwar wieder viel vom allumfassenden katholischen Glauben, der einen wahren Kirche und des beständig bleibenden Vorrechts der Verwaltung der Mysterien in einer gottgegebenen Hierarchie zu hören und zu lesen, außerdem von einem Alleinvertretungsanspruch des Christlichen und seiner allein wahren und selig machenden Kirche, wie man es nur im hohen Mittelalter und in den der Reformationszeit folgenden Auseinandersetzungen zu hören bekam. Kein Wunder auch, dass sich der römische Katholizismus auf einmal so gut versteht mit der reaktionärsten Form des Christentums überhaupt, mit der zur reinen staatstragenden Mysterienreligion mutierten russischen Orthodoxie. Kein Wunder auch, dass sich Rom gemeinsam mit Sprechern des Islam regelmäßig gegen eine säkulare Öffentlichkeit wendet, wo Burka, Kutte und Kruzifix dann zu gleichwertigen religiösen Symbolen werden, die durch die Verfassung geschützt seien. Auch von der katholischen Universitätstheologie, die doch staatlich finanziert ist wie die die protestantische auch, ist nun seit vielen Jahren gar nichts mehr zu hören und zu lesen, was an einen Diskurs mit den Themen der heutigen Welt erinnern könnte, außer den apologetischen Verteidigungsreden, dass die katholische Moraltheologie und Soziallehre „es“ schon immer gewusst und gesagt habe. Fundamentalistischer Islam und ultrakonservativer Katholizismus treffen sich auf einmal in einer unheiligen Allianz: der Pius-Bruder Bischof Williamson befindet sich in der Leugnung des Holocaust mit dem iranischen Hardliner Ahmadinedschad auf gleicher Wellenlänge. Dies eben sind keine Zufälle, dies ist begründet in einem strukturgleichen System: les extrêmes se touchent.

Wo der Geist der Aufklärung und die Methode kritischer Wissenschaft, anders gesagt wo der Freiraum der kritischen Rationalität unterdrückt und ausgeschlossen wird, da treten sogleich Dogmatismus und Fundamentalismus auf den Plan. Die christliche Religion hat einmal, vor fast 500 Jahren, den Versuch unternommen, ihr dogmatisches Erbe zu entrümpeln und sich daraufhin mit den Erkenntnissen kritischen Denkens zu messen. Es ist ihr in erstaunlicher Weise geglückt, auch wenn es mehr als einen Versuch auch auf protestantischer Seite gegeben und weithin gibt, das Rad zurück zu drehen und seinerseits nun auch wieder dogmatisch und borniert individualistisch-innerlich zu werden. Immerhin war die Reformation der geschichtlich einzigartige Versuch, die Traditionen der eigenen Religion und Kirche zum Gegenstand der ihrer selbst bewusst gewordenen neuzeitlich Subjektivität zu machen. Die Aufklärung zog daraus nur die Konsequenzen. Religion wurde dadurch mitnichten zerstört, sondern ihres dogmatisch-autoritären Mantels entkleidet. Einige „Kerne“ erwiesen sich dabei allerdings auch als zweifelhaft und doktrinär. Dogmatisches Denken ist und bleibt das einfachere Angebot, weil es da in der Regel nur um Schwarz oder Weiß geht; das kennen auch die Evangelischen; sie sind vor Dünkel also nicht gefeit, siehe den konservativ bis reaktionär-evangelikalen Protestantismus us-amerikanischer Prägung, den es auch hierzulande gibt.

Dogmatisches Denken und eine selbstimmunisierende, mythologisierende Praxis bleiben eine ewige Versuchung der Religionen. Solche Religionssysteme machen per definitionem keine „Fehler“, nur der einzelne kann fehlen wie die Jesuitenbrüder am Canisius-Kolleg oder ihre Kumpel an irischen Kirchenschulen. Um ihrer selbst willen sollten insbesondere die abendländischen Religionen nach „Aufklärung“ streben, nicht nur ihrer Untaten und religiösen Gewaltexzesse, sondern zu aller erst ihres Denkens und Glaubens. Sie sind es uns heute, im 21. Jahrhundert, schuldig.

 7. Februar 2010  Posted by at 06:43 Amerika, Aufklärung, Gewalt, Katholisch, Religion, Rom Kommentare deaktiviert für >Vorsintflutliche Religion
Feb 042009
 

>Nein so was: eine Feministin hatte den ehemals abtrünnigen Bischof Williamson interviewt, als er die verheerende Leugnung des Holocaust zu Protokoll gab, eine Feministin! Ja dann, dann ist doch alles ganz anders, das erklärt ja alles, dann liegt der Skandal ja bei der Interviewerin – und natürlich dem schwedischen Fernsehen: Das habe ein Komplott geschmiedet gegen den Papst! Weiß Gott (weiß er’s?), jetzt wird es „schmutzig“ !

Es ist nicht zu fassen, aber sollte der Vatikan wirklich so naiv sein, wie er sich jetzt gibt? Was ist schlimmer: Dummheit oder Dreistigkeit? oder beides? Rom und seine „Ultras“ sind wohl ein eigenes Kapitel wert, das erst noch richtig aufgearbeitet werden muss. Bin gespannt, was als nächste kommt! Ach, da lese ich schon was: „Der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt warnte Merkel davor, „sich weiterhin als Lehrmeisterin des Papstes zu gerieren“- siehe n-tv. Pfui, Angela, so etwas tut man auch nicht! Vom Papst lernen heißt siegen lernen? O tempora, o mores!
 4. Februar 2009  Posted by at 12:20 Dummheit, Papst, Rom, Vatikan Kommentare deaktiviert für >doch noch nicht durch
Feb 032009
 

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Zum Bild: Verstecken hilft jetzt nicht mehr! Die Nachrichten überschlagen sich, die Entrüstung wächst. Einen guten Überblick über die jüngsten Reaktion zum Papst-Verhalten ist hier bei n-tv zu finden.

Die Wahl des neuen Weihbischofs von Linz ist ein weiterer Mosaikstein auf dem Weg in die Vergangenheit. Warten wir die nächsten Entscheidungen ab; vorerst ist das Thema für mich durch.
 3. Februar 2009  Posted by at 18:27 Katholisch, Papst, Rom Kommentare deaktiviert für >Noch einmal der Papst