Apr 062012
 
Die  Kirchen sollten ihr Glaubensangebot etwas bescheidener als ein pluralistisches Sinnangebot unter vielen darstellen. Alles andere ist Dogmatismus oder schlimmer noch: christlicher Fundamentalismus. Ob nun evangelikal oder päpstlich: darin zeigt sich nur der arroganter Herrschaftsanspruch einer vormodernen Tradition. Dem sollte gerade zu Ostern widersprochen werden.

Es ist schon merkwürdig: Alle Jahre wieder zu den sogenannten „hohen“ christlichen Feiertagen machen sich die klassischen Medien Zeitung, Radio, Fernsehen zum Diener des Christenglaubens.  Da werden auf einmal in den Nachrichten Glaubensinhalte als „news“ verbreitet. Der Papst wäscht 12 Priestern die Füße, „so wie es der Überlieferung nach Jesus am Gründonnerstag beim Abendmahl getan hat“. So etwa wurden in der Tagesschau Bilder aus dem Petersdom kommentiert. Entsprechendes kann man dann zum Karfreitag und bei den Nachrichten über das Osterfest hören und sehen, wo Christen (immerhin, diese Einschränkung wird heute gemacht) „die Auferstehung Jesu feiern“. Das bedeutet die Vermischung von Glaubensaussagen mit Tatsachenbehauptungen. Und dies sollte es eigentlich in religiös neutralen Medien nicht mehr geben. Es ist nur Liebedienerei vor dem Universalanspruch des christlichen Weltbildes seitens der Kirchen und ihrer Amtsträger, insbesondere des Papstes.

Religiöse Weltbilder beruhen auf Glaubensinhalten, die sich entweder dem Bereich vernünftigen Weltzugangs entziehen und / oder im Bezug auf gegebene Wirklichkeit symbolischen Charakter haben, also Deutungsmuster der Wirklichkeit liefern. Glaubensinhalte haben es aber nie mit Tatsachen zu tun, die in Raum und Zeit eindeutig als Geschehen zuzuordnen sind. Wenn Religion dies tut, für ihre Glaubensgegenstände faktische Tatsächlichkeit im Sinne allgemein vernünftiger Zugänglichkeit und Verifizierbarkeit zu behaupten, dann begeht sie eine unzulässige Grenzüberschreitung. Religiöse Menschen und Funktionäre der Kirchen mögen das als legitim und ihrer „Sache des Glaubens“ gemäß ansehen, aber dagegen muss sich die säkulare, historisch aufgeklärte Vernunft entschieden wehren. Glaubensinhalte und sogenannte „Glaubenstatsachen“ können keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und vernünftige Anerkenntnis erheben. Was geglaubt wird, liegt im Bereich der Religionen und ihrer Anhänger. Die tatsächlichen Dinge, die eben als solche „der Fall sind“, gehören in den Bereich der menschlichen Ratio, des vernunftgeleiteten Weltzugangs und Weltwissens.

Beide Bereiche, in Stichworten „Glauben und Wissen“, eben gewissenhaft zu trennen und keine Übergriffe zu dulden, weder von Seiten des Glaubens in den Bereich z.B. der Naturwissenschaft noch von Seiten der Wissenschaft in den Bereich geglaubter Sinngehalte, gehört zu den Errungenschaften aufgeklärten Denkens und zu den Grundlagen der Neuzeit. Religion ist in Sachen des Glaubens so frei, wie es die Wissenschaft im Bereich der Vernunfterkenntnis und tatsächlicher Weltbewältigung ist. Ein Übergriff der säkularen Vernunft gegenüber dem religiösen Glauben welcher Provenienz auch immer wäre ein zu kritisierender rationalistisch-dogmatischer Säkularismus; ein Übergriff des Glaubens auf den Bereich vernünftiger Welterkenntnis und Weltbewältigung wäre ein ebenso zu kritisierender religiös-dogmatischer Fundamentalismus. Gerade die katholische Kirche tut unter ihren letzten Päpsten alles, um diesem religiösem Dogmatismus wieder zur Vorherrschaft zu verhelfen – denn um Herrschaft geht es dabei. Dem muss entschieden entgegengetreten werden.

Ebenso muss dem immer noch und immer wieder bemühten Eindruck begegnet werden, als handle es sich bei den „Osterereignissen“ der christlichen Religion um historische Tatsachen. Die historisch-kritische Erforschung der Bibel seit dem 18. Jahrhundert und ihre durchaus kritische Aneignung in der wissenschaftlichen Theologie der Neuzeit bis in unsere Tage hinein hat erbracht, dass die Schriften der Bibel eben nicht als „Tatsachenberichte“, sondern als Glaubensverkündigung gelesen sein wollen. Einigen der in den neutestatemtlichen Schriften geschilderten „Ereignisse“ mag jeweils ein historischer Kern oder besser Anlass zugrunde liegen, den herauszuarbeiten durchaus schwierig und oft strittig ist. Die Glaubensgeschichte selber aber hat und braucht keinerlei Anhalt an historischer Tatsächlichkeit, bestenfalls deutet und interpretiert sie „Geschichte“, d.h. bestimmte historische Geschehnisse.

Die Vermischung von Glaubensgeschichte und historischer Tatsächlichkeit führt zu solch merkwürdigen Nachrichten-Meldungen und Kommentaren, wie wir sie immer an den christlichen Feiertagen erleben. Unerlaubte Grenzüberschreitungen sind es, die nur eine Grunderkenntnis verwischen, dass nämlich Glaubensinhalte und historische Ereignisse zwei ganz verschiedene Dinge in zwei ganz unterschiedlichen Bereichen der Wirklichkeit sind. Es sollte inzwischen auch in den Redaktionen von Zeitungen, Radio und Fernsehen zum Allgemeinwissen gehören, dass die christliche „Passionsgeschichte“ nur eine besondere Art religiöser Legende ist. Über ihren Sinn mag man trefflich streiten und sich darüber austauschen. Tatsächlichkeit zu behaupten ist Unfug. Allenfalls das reine Dass des gewaltsamen Todes eines gewissen Jeshua kann als historisch einigermaßen gesichert gelten, alles weitere ist religiöse Deutung und dogmatisches Interpretament. In Sachen „Schöpfungslehre“ und Evolution ist die missbräuchliche Grenzüberschreitung und Kategorienvermischung mindestens ebenso deutlich und verhängnisvoll; dies wird durch den Trick der Rede vom „intelligent design“ nur bewusst verschleiert. Aber das ist ein anderes Thema.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn man sich in den öffentlichen Medien zu Ostern einer klaren begrifflichen weil sachlichen Trennung bewusst wäre. Man würde dann nicht mehr so naiv einer Historisierung von Glaubensinhalten Vorschub leisten. Denn das ist nur Volksverdummung, die leider die Kirchen im Interesse der Vorherrschaft ihres Weltbildes immer wieder betreiben.

 6. April 2012  Posted by at 12:25 Aufklärung, Dummheit, Fundamentalismus, Geschichte, Kirchen, Nachrichten, Neuzeit, Papst, Religionskritik, Vatikan Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Arroganz der Religion
Jan 062012
 

Beim Thema Bundespräsident Wulff geht in der teilweise etwas hitzigen medialen Diskussion einiges durcheinander. Ich versuche ein paar einfache Klärungen.

Frage: Muss Wulff zurücktreten?

Nein. Kein Politiker muss zurücktreten. Ein Politiker scheidet aus dem öffentlichen Amt, wenn die Amtszeit regulär abläuft oder aus gesetzlichen Gründen vorzeitig endet (z.B. Kanzler: konstruktives Misstrauensvotum). Alles andere sind Willensbekundungen oder Appelle aufgrund persönlicher und / oder öffentlicher Einschätzungen der allgemeinen Moral und des politischen Anstands.

Frage: Kann Wulff sein Amt jetzt noch unbefangen und angemessen (oder würdig oder was da sonst alles genannt wird) ausüben?

Es wird sich zeigen, ob er das „kann“. Dazu braucht er nur ein ausreichend dickes Fell. Das Rezept „Aussitzen“ ist für viele Politiker ein probates und erfolgreiches Mittel des Sich-Durchsetzens (-> Sauerland). – Ob Wulff sich dazu in der Lage sieht und sich das „antun“ will, ist eine persönliche Frage, die er nur alleine für sich beantworten kann.

Frage: Ist das Verhalten des Bundespräsidenten nicht dennoch unanständig und inakzeptabel?

Inakzeptabel für wen? Und was sollte es Wulff kümmern? Selbst die Kanzlerin, die ihn „installiert“ hat, kann ihm kaum etwas anhaben. Rechtlich nicht, siehe oben, und politisch auch nicht: Was sollte sie einem Bundespräsidenten schon noch anbieten oder womit Druck machen können? Er ist in jedem Falle politisch „tot“.

Frage: Wo bleibt da der Vorbildcharakter?

Gegenfrage: Wer sich in seinem Verhalten als Ministerpräsident schon am Rande des Erlaubten bewegt hat, wer um einiger 100 Euro Zinsvorteil willen seinen „Amtsbonus“ nutzte, wer meint, er gehöre nun zur Welt der Chicen und Reichen, darf man von demjenigen dann in einem neuen, höheren Amt Anstand erwarten? Er benimmt sich, wie er sich als Politiker immer benommen hat. Da kann man kaum anderes erwarten.

Frage: Ist es nicht doch nur eine Medienhetze, die dem armen Wulff so zusetzt, Stichwort „Meute“?

Wenn Wulff sich da als Opfer bezeichnet (siehe Interview), dann ist das zwar medial geschickt und Mitleid heischend, aber von der Sache her unzutreffend. Politiker agieren per definitionem öffentlich, sie erlangen ihr Amt durch Einwirkung auf die und Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit. Platt gesagt: Politiker brauchen die Medien, um in der öffentlichen Aufmerksamkeit zu bleiben. Dass die mediale Aufmerksamkeit aber auch zu Ungunsten eines Politikers und Amtsträgers ausgehen kann, merken viele Politiker erst, wenn es zu spät ist. Wer da meint, er sei immer „everybody’s darling“, leidet unter Realitätsverlust.

Frage: Hat Wulff nicht ein Anrecht auf Privatsphäre?

Hat er, wie jeder andere Bürger auch. Nur ist die Grenzziehung zwischen öffentlich und privat bei einer Person des „öffentlichen Lebens“ naturgemäß anders als bei Otto und Lieschen Müller – und entsprechend schwieriger. Nur die Extreme sind da mehr oder weniger eindeutig gesetzlich geschützt (persönliche Herabsetzung, ‚Ehrverletzung‘). Wenn ein Amtsträger aber selber zu privaten Dingen öffentlich Stellung genommen hat, dann muss es für die Medien auch das Recht geben, ihrerseits Stellung zu nehmen und gegebenenfalls weitere Fakten zu veröffentlichen. Wer in und von der Öffentlichkeit lebt, muss da schon einiges hinzunehmen bereit sein.

Frage: Sollte BILD den Mailbox-Anruf trotz Einspruch Wulffs veröffentlichen?

Das muss die BILD entscheiden. Sie kann sicher, ob es für sie klug ist, ist eine andere Frage. Aber es muss ja nicht die BILD sein, die plötzlich dieses Material hat und veröffentlicht… Ich bin sicher, wir werden es bald lesen.

Frage: Was lehrt uns das?

Seufz… Politiker sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren… – aber genau das, wozu auch wir sie gemacht haben.

 6. Januar 2012  Posted by at 08:20 Dummheit, Politik Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Sach- und Stilfragen
Feb 052009
 

>Es ist erstaunlich: Es gibt unter uns einen ausdrücklichen und sogar ausgeprägten Willen, nicht zu lernen. Menschen neigen dazu, die harte Realität zu verdrängen und darum auch aus den Erfahrungen anderer nicht zu lernen. Das Leben als russisches Roulette: Solange es mich nicht betrifft, bin ich ja auf der sicheren Seite.

Es gibt aber auch das absichtliche Verschweigen von Problemen, das Kleinreden von Risiken und das absichtsvolle Beschönigen von Mängeln. Gelegentlich neigen wir vielleicht selber dazu, wenn es darum geht, einen vorteilhaften „deal“ zu lancieren, zu unseren eigenen Gunsten natürlich. Bei Ebay-Angeboten zum Beispiel sollen immer wieder einmal Zeitgenossen versuchen, andere über den Tisch zu ziehen…
Was mich zu diesen Gedanken über „die verdorbene menschliche Natur“ veranlasst, ist ein Artikel in der heutigen FAZ über ein bestimmtes Produkt der Frankfurter Sparkasse. Es geht um eine besondere Form einer Anleihe, eine „Credit Linked Note“, offenbar ein äußerst riskantes Papier. Man lese die Darstellung im Wirtschaftsteil der FAZ.
Es ist schon eine bodenlose Dreistigkeit, wenn eine Sparkasse, also ein öffentlich-rechtliches Bankinstitut, mitten in der Finanzkrise ein Risikoprodukt anbietet, dessen Präsentation offenbar die erheblichen Risiken nach allen Regeln der Täuschungskunst verschleiert. Der Kunde wird also kaltlächelnd über den Tisch gezogen und für dumm verkauft. Wer meint, bei einer „Staatsbank“ (denn das sind die Sparkassen in gewisser Weise) besonders gut und sicher aufgehoben zu sein, hat sich also gründlich getäuscht. Die Raffgier, sprich der dummdreiste Kundenfang, geht weiter, als wäre nichts gewesen, als gäbe es keine faulen Kredite und keine bankrotten deutschen Banken, die Staatsbanken insbesondere (IKB, WestLB usw.). Ob die Damen und Herren der Frankfurter Sparkasse dies Produkt derzeit tatsächlich gut verkaufen? Möglich. Die menschliche Dummheit ist ja leider grenzenlos…
 5. Februar 2009  Posted by at 17:11 Banken, Dummheit, Finanzkrise Kommentare deaktiviert für >Der Wille, nicht zu lernen
Feb 042009
 

>Nein so was: eine Feministin hatte den ehemals abtrünnigen Bischof Williamson interviewt, als er die verheerende Leugnung des Holocaust zu Protokoll gab, eine Feministin! Ja dann, dann ist doch alles ganz anders, das erklärt ja alles, dann liegt der Skandal ja bei der Interviewerin – und natürlich dem schwedischen Fernsehen: Das habe ein Komplott geschmiedet gegen den Papst! Weiß Gott (weiß er’s?), jetzt wird es „schmutzig“ !

Es ist nicht zu fassen, aber sollte der Vatikan wirklich so naiv sein, wie er sich jetzt gibt? Was ist schlimmer: Dummheit oder Dreistigkeit? oder beides? Rom und seine „Ultras“ sind wohl ein eigenes Kapitel wert, das erst noch richtig aufgearbeitet werden muss. Bin gespannt, was als nächste kommt! Ach, da lese ich schon was: „Der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt warnte Merkel davor, „sich weiterhin als Lehrmeisterin des Papstes zu gerieren“- siehe n-tv. Pfui, Angela, so etwas tut man auch nicht! Vom Papst lernen heißt siegen lernen? O tempora, o mores!
 4. Februar 2009  Posted by at 12:20 Dummheit, Papst, Rom, Vatikan Kommentare deaktiviert für >doch noch nicht durch