Mai 072017
 

Warum scheint sich derzeit alles zu verändern, die Welt „aus den Fugen zu geraten“, wie es gern formuliert wird? Dass irgendetwas zu kippen droht, kann man als Wahrnehmung ‚gefühlt‘ so feststellen, aber ist diese Wahrnehmung auch belegbar? Betrachtet man das Geschehen auf unserem Planeten quasi aus dem Orbit, kommt ein verknotetes Netz unterschiedlicher Entwicklungen in den Blick. Es scheint in so ziemlich allen Lebens- oder Funktionsbereichen Veränderungen in ein Ausmaß zu geben, die kumuliert eine Totalrevision unserer Lebensverhältnisse bedeuten. Dies gilt für hoch entwickelte Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften ebenso wie für Schwellen- oder Armutsländer.

  • Kapitalströme mit Entscheidungen im Takt von Nanosekunden, Warenaustausch auf globalisierten Märkten, auf denen die Transportraten gen Null gehen, Arbeitsplatzkonkurrenz der Niedriglöhne mit den geringsten Sozialstandards weltweit, Beschleunigung der Kapitalakkumulation, also der Konzentration des Kapitals in immer weniger Händen;
  • Umweltveränderungen durch menschliche Eingriffe in planetarischen Ausmaßen: rasantes Verschwinden von Arten, Überfischung, Klimaveränderung, irreversible Infiltration der Nahrungskette durch Plastikpartikel, Ausbeutung der Tiefsee, fossile Energiegewinnung, Pestizideintrag in Böden;
  • Kulturkonfrontationen durch ökonomische, geostrategische und militärisch geprägte Machtpolitik, Flüchtlingsströme weltweit, Entwurzelung durch Kriege, Klimaveränderung und großindustrielle Bodenbewirtschaftung;
  • Bedeutungszunahme von Religionen, religiösen Phänomenen und Ideologien zwecks kontrafaktischer Selbstvergewisserung und Selbstverortung, Vereinfachung und Umdeutung komplexer transpersonaler Zusammenhänge; Misstrauen gegenüber Informationen und Regierungen („Eliten“); Bestreitung der ‚offiziellen‘ Deutungshoheit des pluralistischen mainstream; 
  • Kontra- und post-faktische Informationsvermittlung als pseudo-alternative Deutungsmöglichkeit, Desinformation durch massive ‚Information‘ (MUD: massive ubiquitious disinformation);
  • Populismus, Diskreditierung demokratischer Verfahrensweisen, zunehmende Unterstützung von autoritären bis diktatorischen Regierungsformen, Delegitimierung nationaler und insbesondere internationaler Institutionen, Bestreitung der Allgemeingültigkeit von Rationalität und Menschenrechten, antiliberale Ressentiments inkl. Rassismus und Antisemitismus;
  • Rasante technologische Entwicklung und Verbreitung digitaler, robotergesteuerter Prozesse und Produkte, das algorithmische Paradigma, Transhumanismus etc.

In all diesen soziopolitischen Feldern, personalen Lebensbereichen und ihren jeweils typischen Aktionsmöglichkeiten hat etwas an Bedeutung gewonnen, das bei aller Veränderung allen gemeinsam ist: Das NETZ. Es ist dies eine Vermutung, aber eine nicht unbegründete. Das Internet in all seinen Formen (von der cloud über facebook bis zum dark net) ist weit mehr als ein zusätzliches Hintergrundrauschen. Es scheint mir vielmehr ein sehr spezieller Katalysator der unterschiedlichsten technischen, sozialen und politischen Prozesse zu sein, der die eigentümlichen Phänomene zum Teil hervorbringt, sie zum Teil aber radikal zuspitzt und wie ein Turbo beschleunigt.

Zunächst ist das Netz eine digitale Technik unter anderen, die wie jede technische Erneuerung zuerst zu quantitativen, dann vor allem zu qualitativen Veränderung führt. Das galt für die Druckerpresse genauso wie für die Dampfmaschine und das elektrische Netz. ‚Disruption‘ gab es auch früher schon, und Schumpeters „schöpferische Zerstörung“ ist als auf den entwickelten Kapitalismus gemünzte Theorie vor-digital (1942). Die „digitale Revolution“ hat aber über die technische Umwälzung von Produktions-, Distributions- und Kapitalisierungsprozessen hinaus zu einer Beschleunigung und Transformation sozialer Verhältnisse geführt, deren Auswirkungen wir derzeit nur in Ansätzen erkennen können. Begriffe wie „fake news“ und „post-faktisch“ können als marker dieser Veränderung gelten. In der Allgegenwart des Internets und seiner rein digitalen (Selbst-) Darstellung wird Realität flüssig: Was ist Original, was Kopie, was ist echt, was gefälscht, was ist real, was ’nur‘ virtuell? Es geht also um die Grundkategorien der Erkenntnis von und des Verhaltens gegenüber Wirklichkeit, meiner eigenen und der „sozial konstruierten“. Dass die eher philosophischen oder soziokulturellen Thesen des (De)Konstruktivismus nun zeitlich genau mit der Verbreitung digitaler Netztechniken zusammenfällt, ist wohl ein Zufall (ihre Schöpfer hatten mit dem Internet noch nichts am Hut), aber ein folgenschwerer. Im gesellschaftlichen Diskurs und darauf folgend in der populären medialen Verbreitung sickerten die Theoreme durch als „es ist alles nur gemacht“ (womöglich „alles nur geraubt“, Die Prinzen) und gesellschaftlich bedingt. Die Gender-Debatte ist ohne diesen Ausgangspunkt gar nicht verständlich. Die Transformation jeglicher analogen Information in die digitale Wirklichkeit des Netzes gibt dem Ganzen einen virtuellen Untergrund: Nichts ist mehr real und sicher, alles ist konstruierbar, behauptbar, machbar, alternative Wirklichkeit und Wahrheit – post-faktisch eben.

GCHQ Headquarter

GCHQ United Kingdom (c) The Japan Times

Dagegen entsteht als Reaktion der ‚alt-right‘- oder rechtspopulistische Bezug auf das scheinbar einzig Echte, Verlässliche, Unveränderliche: Nation, Rasse, Männlichkeit, weiße Vorherrschaft, „Volk“ (andernorts Religion, „Islam“) als quasi-transzendentale Deutungskategorie. Ohne die Beschleunigung der Nachrichtenverbreitung, der massiven ‚viralen‘ Verbreitung von news und memes, der kaum noch möglichen Entwirrung von Realistischem und Gefaktem lässt den Rückzug in die individuelle, gewaltsame Selbstbehauptung gegenüber anonymen „Faktenschleudern“ („Lügenpresse“) noch einen Rest von Rationalität. Politik wird de facto als virtuell, als geisterhaft abgehoben begriffen, als ein Geflecht von Fälschung und Interessen zwecks persönlicher Bereicherung. Dass in den USA das Urbild eines archaischen, irrationalen Selbstbereicherungs-Typs als populistischer Präsident gewählt wurde, ist nur scheinbar ein Widerspruch. Im Chaos kann es richtig scheinen, den Bock zum Gärtner zu machen.

Um es noch einmal deutlich zu machen: Die Digitalisierung einschließlich vernetzter Rechner ist eine grundstürzende technologische Innovation, die wie alle Verbreitung neuer Basistechnologien enorme gesellschaftliche Folgen hat, gute wie schlechte, mit Gewinnern und Verlierern. Wie bei allen Innovationen ist die Hoffnung die, dass die positiven Auswirkungen die negativen überwiegen und insofern einen echten „Fortschritt“ für alle darstellen. Dies betrifft die oben aufgezählten Bereiche der Ökonomie, der Finanzwelt, der Produktion, Distribution, der Dienstleistungen und Administration. Auch viele Bereiche des kulturellen Betriebes profitieren, was die instantane Verfügbarkeit von Medien aller Art deutlich macht, aber auch die Grenzen des Urheberrechtes zeigt. Diese technologische Umwälzung mit der Entwicklung von Gentechnik, KI, Robotik usw. stellt ein gewaltiges Potential an Veränderung bereit. Wieviel davon Disruption und positive Innovation sein wird, wird sich im Laufe der Zeit zeigen.

Ganz anders verhält es sich mit dem zweiten Aspekt der digitalen Revolution, nämlich der Digitalisierung von Information und Kommunikation über das Internet. Die Einebnung von wahr und falsch, von Original und Fälschung, die beliebige Kopierbarkeit jedweder digitaler Daten, egal ob Text, Bild, Ton, Verlaufsdaten und ihre grundsätzlich stets mögliche und heute zunehmend realisierte Kompromittierbarkeit untergräbt die Vertrauensbasis gesellschaftlicher, interpersonaler Kommunikation. Die Nachvollziehbarkeit aller Kommunikation macht Vertraulichkeit zur Farce oder zur Falle: wenn nämlich bei vermeintlicher Vertraulichkeit durch Verschlüsselung backdoors bestehen, durch die Verschlüsselung jederzeit aufgehoben werden kann. Ob dies innerhalb oder außerhalb der (nationalen) Legalität geschieht , spielt für die grundsätzliche Unsicherheit auch der verschlüsselten Kommunikation keine Rolle. Wenn dazu noch Geschäfts-, also Kapitalinteressen kommen, wird aufgrund der privatwirtschaftlichen Monopolisierung des Internets (Google, Facebook, Amazon) der Graubereich wahr – falsch – absichtsvoll – zufällig – fake – joke – Manipulation – Betrug ununterscheidbar. Der hierdurch ausgelöste Kulturschock beginnt gerade erste Auswirkungen zu zeigen. Die von der populistischen Rechten skandalisierte und skandierte „Lügenpresse“ ist dann nur das vergleichsweise harmlose Vorspiel gewesen. Wo keine Wahrheit mehr festzustellen ist, gibt es gar keine oder nur ganz viele Wahrheiten bzw. Überzeugungen, die sich alle als gleichberechtigt aufführen. Die größte Errungenschaft der Aufklärung, nämlich die Herrschaft des rationalen Diskurses und der faktenbasierten Rechtfertigunspflicht gehen dabei verloren. Das Netz wird zum postfaktischen Lügen-Netz.

 

Aus aktuellem Anlass: Bericht über Kasparows Beitrag bei der re:publica.

Aug 112015
 

[Gesellschaft, Internet]

Windows 10 ist da. Alle Welt freut sich. Alle Welt? Nicht ganz, da ist ein kleines globales Dorf von Datenschützern… Leider endet damit schon die Anspielung. Denn im kleinen Dorf der Datenschützer und Bürgerrechtler gibt es keine pfiffigen Ideen und auch keinen Zaubertrank, der ‚Macht‘, also maßgeblichen Einfluss garantierte. In der fröhlichen und bunten Welt der Netzenthusiasten, Nerds und digitalen ‚Natives‘ werden Warner eher als Störenfriede abgetan und als von Verfolgungswahn getriebene „Aluhüte“ lächerlich gemacht. Es sind halt nur Ewiggestrige und Modernisierungsverweigerer, die sich mit dem massenhaften Datensammeln, mit Ausschnüffeln und Überwachen ihrer Privatsphäre nicht einfach abfinden wollen. Die Beliebtheit von Facebook, Google, Apple beweist doch, das sich Lisa und Otto Normalo kaum darum scheren, was eigentlich mit den hübschen Geräten (darf man das noch sagen? ich meine ‚Gadgets‘), die man kaum noch aus der Hand geben mag, geschieht, was da alles dran hängt. Es ist nicht nur die unbedarfte Einstellung „Ich hab ja nichts zu verbergen“, die immer wieder anzutreffen ist (so wird berichtet), sondern schlicht die Faszination, die von den vielen Möglichkeiten des Entdeckens, des Spielens, des Kontakts, des Teilens von Fotos und Einfällen (oder auch nur von blöden Bemerkungen) mit Smartphones und Tablets ausgeht. Wer wollte da den offensichtlichen Spaß verderben? Dennoch: Eine Soziopsychologie dieser neuen Netzwelt-Geräte muss erst noch geschrieben werden.

Und jetzt also auch Microsoft. Nachdem der Windows- und Office-Konzern den Anschluss an die Internetwelt eine Zeit lang verpasst zu haben schien, holt er nun mit seinem Paradestück Windows 10 mächtig auf. Zwar gab es auch schon unter Windows 8 die Verknüpfung des Betriebssystems mit einem Microsoft -„Konto“, also dem Anmelden an einem Microsoft-Server, aber erst mit Windows 10 betritt der Softwarekonzern konsequent die vernetzte Welt und wird zum Internet-Konzern. Anders als beim Smartphone und Tablet, wo Microsoft nach wie vor nur eine Nischenrolle spielt, besteht nun die Chance, die Netzherrschaft auf dem Markt der Home-PC’s und Notebooks zurück zu gewinnen, auch wenn dieser Markt gegenüber den reinen Netzgeräten schrumpft. Mit Windows 10 möchte sich Microsoft nun endlich auch auf breiter Front dem Geschäft mit ‚Big Data‘ widmen. Der Nutzer des neuen Standard-Betriebssystems für PC und NB soll sich gleich beim Start des Computers in der Microsoft-Cloud anmelden (MS-Konto) und bei der Nutzung des PC’s fortwährend Daten seines Nutzerverhaltens liefern, egal welches Programm oder welche App er gerade ausführt. Standardmäßig wird jeder Windows-Nutzer mit einer festen ID versehen, die das tut, was die Abkürzung sagt: seine Identität bei jedem Vorgang internetweit eindeutig erkennbar machen. Facebook ist auf diese Idee schon viel früher gekommen und hat sie perfektioniert, und von Google weiß man es nicht so genau. Dies dient zum einen einer optimal  personalisierten Werbung, zum andern aber auch ganz anderen Möglichkeiten, Nutzerverhalten zu kennen und zu beeinflussen. Microsoft möchte alles aufzeichnen und speichern, was auf dem PC mit Apps und Programmen geschieht, ferner den Browserverlauf, also die Adressen aller besuchten Webseiten, alle „Informationen zum eigenen Schreibverhalten“, gemeint sind alle Tastatureingaben sprich: alle geschriebenen Texte, und alle Sprachaufzeichnungen und -suchen, die mittels der neuen Sprach-Wunderwaffe Cortana erfasst werden. Dies ist der Liste der „Datenschutzoptionen“ in Windows 10 zu entnehmen. Es sei sogleich darauf hingewiesen, dass sich all diese genannten Punkte deaktivieren lassen, aber wie weit diese Deaktivierung wirkt, bleibt das Geheimnis des Konzerns. Auch die Anmeldung am PC geht ohne Internet-Verbindung und ohne Microsoft-Konto, und selbst die Nutzung der eigenen WLAN-Bandbreite für die anderweitige Verteilung von Microsoft Updates (eigenes Thema) lässt sich unterbinden. Entscheidend ist aber, dass all dies standardmäßig aktiviert ist und wohl nur von kundigeren Nutzern mit einigem Bemühen deaktiviert und abgestellt werden kann. Microsoft geht wohl zu Recht davon aus, dass 99 % der Nutzer das neue Windows 10 so nutzen, wie es installiert und standardmäßig eingerichtet ist. Der daraus zu erwartende Datenstrom ist unermesslich.

Windows 10 - Microsoft

Windows 10 – Microsoft

Dass das Upgrade auf Windows 10 für bisherige Benutzer von Windows 7 und 8 ein Jahr lang „gratis“ zur Verfügung steht, ist schon der Ausdruck einer Täuschung: Bezahlt wird mit den eigenen Daten. Wenn man darüber hinaus Windows 10 gesondert erwerben möchte, muss man noch zusätzlich einen „normalen“ Preis für die Nutzung der Software bezahlen (zwischen 100 und 150 Euro). Das ist eigentlich eine doppelte Abschöpfung, denn man bezahlt ja weiterhin mit den munter fließenden Daten. Für Facebook- und Google-Dienste wird kein „Nutzungsbeitrag“ erhoben, sondern man bezahlt ausschließlich mit seinen Daten. Wenn es in einem Bericht der WELT über die Warnungen der Verbraucherberatungen vor Windows 10 heißt, „Nutzer digitaler Geräte werden immer mehr selbst zu einer Ware, die vermarktet wird“ (Verbraucherberatung Rheinland-Pfalz), so klingt das überraschend naiv. Der ganze Sinn und Zweck der großen Internetkonzerne besteht in nichts anderem als darin, sich die Daten der Nutzer so umfassend wie möglich anzueignen und zu vermarkten. Das ist die bisher fast einzige und allumfassende Geschäftsidee im Internet. Microsoft folgt diesem Modell nun mit Windows 10 ebenfalls sehr konsequent.

Man wird vielleicht in einem Nebengedanken an die „Schnüffelpraxis“ der staatlichen „Sicherheitsorgane“ denken. Es tun dies ja nicht nur die NSA, sondern alle Nachrichtendienste der Welt, die größten aus den USA, China und Russland erwartungsgemäß am umfassendsten – und nur über die Praxis der NSA gibt es dank Edward Snowden genauere Kenntnisse. Hier dient die „Vermarktung“ weniger dem unmittelbaren Generieren von Gewinn, als der Machtdurchsetzung, Machtabsicherung, Machterweiterung des jeweiligen Herrschaftsbereiches und seiner darin implizierten ökonomischen Interessen – unter anderem gewiss auch der Gefahrenabwehr. Der Unterschied von Google und der NSA liegt in den unmittelbaren Konzernzielen, nicht in der Unterscheidung von privatwirtschaftlich und staatlich – und auch nicht in der Anwendung der eingesetzten Mittel. Weltweite Hacker-Angriffe dienen ebenso sehr wirtschaftlichen wie militärischen Zwecken. Auch wenn sich Apple und Google im Gefolge der Snowden-Enthüllungen etwas von den unmittelbaren US-amerikanischen Staatseingriffen distanzieren möchten, ziehen beide Seiten doch letztlich am selben Strang, und der heißt: Big Data.

Um welche Daten geht es überhaupt? Was macht Daten so wertvoll – und wie wertvoll sind sie eigentlich? Daten sind alles, was man digital darstellen kann. Ein altes Papierfoto gehört nicht dazu, aber neue Fotoabzüge schon: Es ist nur der Ausdruck einer Bilddatei, die auf dem Chip der Kamera gespeichert wurde. Bislang wurden Bild und Ton nahezu vollständig digitalisiert. „Analoge“ (als Gegenbegriff zu digital) Schallplatten sind eine inzwischen exklusive Randerscheinung, und auch Filmstudios und Kinos verbreiten die „Filme“ digital. Bei Texten dürfte das ebenso gelten, weil auch Printmedien wie Zeitung, Plakat und gedrucktes Buch inzwischen komplett digital erstellt (Texterfassung und Satz) und zum immer größeren Teil digital verbreitet werden (Online-Ausgaben, eBooks). Das ist bisher nur der Anfang. Wertvoll werden die Daten aber erst auf der Seite des Nutzers. Konnte man bei einer gedruckten Zeitung nie wissen, ob sie gelesen oder nur zum Müllverpacken benutzt wurde, so weiß die Redaktion heute sehr genau, welche Artikel angeklickt und gelesen (Verweildauer) werden. Das gilt genau so für Musik-Streaming und für eBooks. In beiden Fällen übrigens erwirbt man keine „Ware“ mehr im Sinne eines Tonträgers oder eben Buches, sondern nur noch ein Nutzungsrecht an einem digitalen Inhalt, für den es keinen Unterschied mehr zwischen Original, Streaming oder millionenfacher Kopie gibt. Praktische Folge zum Beispiel: Ein gelesenes Buch kann ich weiter verschenken oder verkaufen, ein eBook nicht. An diesem kleinen Beispiel wird sehr schön deutlich, wie die Verfügungsmacht über die Daten und ihre Bereitstellung zur alleinigen Ursache der Wertschöpfung von Internetkonzernen wird. Wird diese Verfügungsmacht auch noch an ein bestimmtes Gerät (in diesem Falle ein Lesegerät wie z.B. das Kindle) gekoppelt, dann hat der Nutzer nicht einmal mehr die Kontrolle darüber, was auf seinem Lesegerät drauf ist: Die digitalen Inhalte können jederzeit vom Datendienstleister / Dateninhaber verändert oder gelöscht werden. Zugespitzt als Ergänzungsfrage: Gehören „die Daten“ eigentlich überhaupt jemandem? Oder geht es immer nur um die Bereitstellung und um die Regeln der Nutzung? Nullen und Einsen als solche sind ja recht frei verfügbar.

Es wird schnell kompliziert. So erklären alle Internetfirmen, dass die von ihnen erhobenen Daten fortan ihr Eigentum wären. Jetzt geht es um die eigentlich spannenden, weil besonders wertvollen Daten: Nämlich um alles, was unsere Identität und unser Verhalten digital erfassbar, bearbeitbar und voraussagbar macht. Genau daum geht es bei Big Data eigentlich, nicht um die digitalisierte Enzyklopedia Britannica – das wäre nur ein Fliegenschiss. Durch unsere allgegenwärtigen Internetgeräte wird alles erfasst, was wir alleine und gemeinsam tun. Es entstehen komplette Nutzerprofile: Wann, wo, was, wer, mit wem, wann, wie lange, wie oft, worüber, warum, wozu usw. [Seit kurzem kann man bei Google Maps die komplette eigene Bewegungshistorie aufrufen!] Das ist der eigentliche Schatz von Big Data. Wir kaufen  im Internet ein, bestellen Konzertkarten, buchen eine Reise, ein Hotel oder einen Flug, bestellen ein Taxi oder eine Pizza, tragen ein Armband, um unsere Köperwerte („Gesundheitswerte“) zu messen, lassen mittels ‚Smart Home‘ unsere Heizungs- und Elektro-Verbrauchswerte online erfassen – und unser Verhalten im Straßenverkehr zumindest als Autofahrer ist gerade dabei, komplett digital erfasst zu werden: Das neue Auto tut das ohne unser Zutun und Wissen. Es ist unser nahezu gesamtes Verhalten als lebendige soziale Personen, das wir mittels Daten ‚anderen‘ zur Verfügung stellen. Wer sind diese anderen? Weiß einer vom anderen? Werden diese Daten verknüpft? Möglich ist es, und wir dürfen getrost davon ausgehen, dass das, was möglich ist, auch längst getan wird. Die jeweils zugewiesenen IDs der großen Internetkonzerne machen sonst überhaupt keinen Sinn. Man müsste nun nur noch die ID-A samt damit verbundenen Daten mit der ID-B und ihren Daten verknüpfen… Die Rechenkapazität dafür ist vorhanden dank Moore’s Law, die Server-Farmen vermehren sich ständig. Wenn es vor vielen Jahren einen Aufschrei (so würde man heute sagen) wegen einer Volkszählung gab, so ist das aus heutiger Sicht Pippifax im Vergleich zu dem, was Internetkonzerne und staatliche Organe über einen jeden als Daten zur Verfügung haben und nutzen oder nutzen können.

Ganz abgesehen von der Frage, ob man sich dieser umfassenden Datenerfassung überhaupt noch entziehen kann, sei noch einmal die Frage gestellt, wem denn eigentlich diese Daten aus dem persönlichen ‚Nutzerverhalten‘ eigentlich gehören. Dies ist eigentlich die wichtigste Frage. Nur mit ihrer Beantwortung könnte man zum Beispiel auf europäischer Ebene die bisherige Tendenz von ‚Big Data‘ in eine andere Richtung lenken. Theoretisch ist sie rechtlich klar: „Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist im bundesdeutschen Recht das Recht des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten zu bestimmen.“ (Wikipedia). De facto aber verzichtet jeder Nutzer darauf in dem Moment, wo er / sie auch nur ein Handy in Betrieb nimmt: Dabei muss er nämlich den Geschäftbedingungen von Apple oder Google zustimmen, sonst läuft gar nichts. Mit dieser Zustimmung erhält der jeweilige Konzern das Recht an den persönlichen Daten: sie zu nutzen zum Beispiel zu Werbezwecken oder sie an Dritte zu verkaufen, wer immer das sein mag und was immer der damit machen will. Auch Windows 10 lässt sich nur in Betrieb nehmen, wenn man vorher den Geschäftsbedingungen von Microsoft zugestimmt hat – ein zig Seiten langer Text, den bestimmt niemand liest, der aber Microsoft wie den anderen Netzgiganten alle Nutzungsrechte der personenbezogenen Daten überträgt. Solange sich hieran nichts ändert, wird sich auch an der ökonomischen Macht der Konzerne nichts ändern – und an ihren Fähigkeiten, das Nutzerverhalten vorherzusagen und in ihrem Sinne zu beeinflussen. Manipulieren hätte man früher gesagt. Die staatlichen Sicherheits- und Informationsorgane fragen den Nutzer naturgemäß überhaupt erst gar nicht.

Die Macht der Daten, also von Big Data, liegt darin, dass wir, jeder und jede einzelne von uns, sich mit unseren Lebensvollzügen und Verhalten, mit Vorlieben und Schwächen, Wünschen und Träumen, Gefühlen und Absichten, darin exakt widerspiegeln. Es ist so etwas wie unser digitales Ich. Das Recht an diesem zweiten Ich haben wir derzeit faktisch an riesige Netzkonzerne und Staatsorgane (in USA, Russland, China usw.) abgegeben, die daraus unglaublichen Gewinn generieren und Macht über uns gewinnen. Daran sollte, daran muss sich etwas ändern. Es muss gewährleistet sein, dass jeder Nutzer das Recht an seinen Daten behält, so wie auch jeder Kulturschaffende darauf besteht und bestehen muss, das Recht auf seine kulturellen Erzeugnisse auch in der digitalen Welt zu behalten. Ein einfacher pauschaler Klick auf „Zustimmung zu den Allgemeinen Geschäftsbedingen“ dürfte da keinesfalls reichen. Man muss es nur vom Kopf auf die Füße stellen, das Recht auf die Nutzung an den Daten: Auch die Freigabe zur Nutzung der persönlichen Daten sollte klar eingegrenzt und rechtlich bestimmt sein, zeitlich befristet gelten und jederzeit wiederrufen werden können – und entsprechend vergütet werden! Das ist die wirklich geniale Idee, die Jaron Lanier als Rezept für eine „humanistische Internetökonomie“ vorschlägt (siehe sein Buch Wem gehört die Zukunft? 2014). Dass dies nur im transnationalen Rahmen funktionieren kann, ist klar. Die Europäische Union hätte darin ein notwendiges und wirkungsvolles Handlungsfeld. Das frühere Regulierungsverfahren gegenüber Microsoft betreffs der freien Browserwahl ist zwar heute obsolet, stellt aber immerhin ein Modell bereit, an dem man sich gegenüber den mächtigen Internetkonzernen heute orientieren könnte. Nationale Gesetzgebung jedenfalls greift zu kurz. Allerdings kann und sollte man auf nationaler Ebene den Anstoß dazu geben. Dann würden auch die vielen sich verzettelnden und teilweise abstrusen Ziele der diversen Internet-Aktivisten klarer ausgerichtet und wirkungsvoller in der Öffentlichkeit vertreten werden können.

Und – wenn schon nicht die ellenlangen, unverständlichen Geschäftsbedingungen lesen (tue ich auch nicht), dann wenigstens die jeweils verfügbaren Datenschutzeinstellungen so restriktiv wie mit der eigenen Bequemlichkeit vereinbar einstellen. Das gilt übrigens auch für Windows 10 – siehe hier!

 11. August 2015  Posted by at 17:23 Gesellschaft, Internet, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Der Wert der Daten
Feb 212014
 

[Netzkultur]

Kann man nach #internetkaputt „social media als Kulturraum erhalten“ (+Thorsten Breustedt)? Welche Frage – natürlich kann man. Dabei verstehe ich unter Kulturraum einen Sinn-, Kommunikations- und Handlungszusammenhang einer bestimmten Gruppe von Menschen ähnlich wie bei dem Begriff Musikkultur, aber auch bei den Begriffen Integrations- oder Willkommenskultur oder bei der Rede von einer Kultur der Offenheit und Transparenz. Als partielle Kulturräume innerhalb einer Gesellschaft können sie nur selten Allgemeinverbindlichkeit oder auch nur allgemeines Interesse beanspruchen. Natürlich wäre es schön, wenn eine „Kultur des Hinschauens“ die Zivilcourage aller Bürger stärken würde, aber de facto betrifft das immer nur einen kleinen engagierten Teil. So in etwa verhält es sich auch im „Kulturraum social media“.

Trotz der Millionen Nutzer von sozialen Medien / Plattformen ist es für die meisten doch nur ein weiterer Kommunikationskanal, der die vergleichsweise spärlichen, aber weit verbreiteten Möglichkeiten des SMS abgelöst bzw. ergänzt hat. Typisch dafür ist der Boom von WhatsApp und die Stagnation der Selbstvermarktungsplattform Facebook. In Zeiten von SMS-Flatrates, Twitter, WhatsApp und Facebook sind die meisten Äußerungen doch „Geblubber und Rauschen„, also unverbindliche und an sich belanglose situative Gelegenheitsäußerungen. Eben darum können sie auch so schnell vergessen werden – oder zu einem Shitstorm anwachsen – ‚Fliegen-auf-Sch…‘-Verhalten. Derjenige Teil der social media Kommunikation, der an themenbezogenen Äußerungen und Austausch von Meinungen interessiert ist, beschränkt sich weitgehend auf die Gruppe, die mit „Netzgemeinde“ recht unscharf, aber gleichwohl treffend beschrieben wird. Blogger gehören natürlich dazu, die vielen kleinen und größeren „Portale“ der Internet-Diskussion (netzpolitik.org, netzpiloten.de, carta.info uvam.) und gelegentlich auch die selten gewordenen offenen Diskussionen auf Google+. Noch einmal: Warum sollte diese Kommunikation innerhalb der Netzgemeinde gefährdet sein?

Vernetzung

Vernetzung (pixabay / geralt)

Wegen der Überwachung und also der Schere im Kopf? Oder wegen der Enttäuschung à la Sascha Lobo? Oder weil anderes wichtiger (geworden) ist? Ich denke, zur Aufrechterhaltung eines freien Kummunikationsortes im Netz gehört der Mut zur freien Rede und Meinungsäußerung, unabhängig davon, wer möglicherweise zuhört und sammelt. Das ist eigentlich eine Grundregel innerhalb eines jeden Totalitarismus. Warum sollte das nicht auch für die totale Netzüberwachung gelten? Wer sich selber zensiert oder zurück zieht, hat schon verloren.

Enttäuschung kann nur eine Folge der Selbstüberschätzung sein. Sie kann gut sein, wenn sie auf den Boden der Tatsachen zurück führt. Für sehr viele unter uns Heutigen ist das Netz entweder noch immer „Neuland“ oder eben ein Gebrauchsgegenstand wie Telefon und Fernsehen, nur bunter und präsenter. Internet-Einkauf macht auch mehr Spaß als einen Verkaufssender zu gucken. Für diesen großen Teil der Bevölkerung wäre es vermutlich gleichgültig, ob sie Kurznachrichten und Mitteilungen über ein geschlossenes Subsystem versenden  (z. B. Apple, Telekom) und Wetter-, Klatsch- und Börsenberichte über geschlossene Apps (z. B. Flipboard) erhalten und Einkäufe ebenfalls über ein geschlossenes System tätigen (z. B. Amazons Kindle) – oder eben im „freien Netz“. Ein großer Teil der heftigen Diskussion über „Netzneutralität“ geht aus meiner Sicht am Interesse der meisten Menschen schlicht vorbei, ist de facto nebensächlich. Hauptsache gewisse bequeme Dienste funktionieren zuverlässig.

Für andere (ich zähle mich dazu) ist das freie Netz zwar ein hohes Gut, Medienkompetenz eine Grundkompetenz jeder und besonders der jungen Generation und die Vielfalt und Offenheit sozialer Kommunikation im Netz eine sehr gute und wichtige Sache. Aber anderes ist ebenso wichtig oder wichtiger. Ich denke nicht einmal in erster Linie an private Verhältnisse, sondern an das Interesse an Öffentlichkeit, Politik und gesellschaftlichen Entwicklungen. Was derzeit in der Ukraine geschieht, ist tatsächlich von solcher Bedeutung, dass man das kaum wichtig genug nehmen kann. Hier kündigt sich eine wesentliche Korrektur der Zeiten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90 an. Für Europa wird das weit reichende Folgen haben, wie auch immer die Situation in der Ukraine ausgehen wird. Woher bzw. über welches Medium ich Nachrichten darüber beziehe, ist zweitrangig – zuverlässig müssen sie sein. Das nur als ein Beispiel (siehe auch Venezuela oder noch anderswo).

Die Welt der Machtpolitik, der wild-globalen Wirtschaft, der neuen Ideologien ist derartig stark in Bewegung geraten (so kommt es mir vor), dass man schon Verständnis haben kann, wenn ein kleines Land wie die Schweiz am liebsten die Schotten dicht machen möchte – oder wie die (rl) Schotten künftig möglicherweise für sich alleine sorgen wollen. Im Augenblick fühlen wir uns hier in Deutschland wirtschaftlich stark und sozial gelassen (-> Allensbach-Umfrage, FAZ v. 20.02.2014), aber das kann sich schnell wieder ändern, und dann treten sogleich andere Sorgen in den Vordergrund: um den Arbeitsplatz, um die Zukunft der Kinder usw. Manche treibt gar die Sehnsucht nach einem Leben ohne Internet um. Kurzum: Der „Kulturraum social media“ ist weitgehend eine schöne und interessante Spielwiese, die man nutzen und genießen, die man aber nicht zu wichtig nehmen sollte – selbst der Hype um MOOC ebbt gerade wieder ab.

Kultur im weiteren Sinne, als Interesse und Fähigkeit zur Information, Diskussion, Kommunikation; als Phantasie und Kreativität; als Literatur, Kunst und Musik, ist wohl kaum auf ein einziges Medium angewiesen.

22. P. S.: Künftig wird der Fokus der Beiträge in diesem Blog wieder auf Politik, Geschichte und Kultur liegen.

 21. Februar 2014  Posted by at 14:59 Gesellschaft, Internet, Netzkultur Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Wichtiger als Netz
Jan 212014
 

[Netzkultur]

Jeanette Hofmann hat im Tagesspiegel vom 20.01.2014 einen bemerkenswerten Beitrag geschrieben: „Das Internet ist nicht kaputt, aber die Tradition des Privaten“. Dazu hat es bei Google+ Thorsten Breustedt eine interessante Diskussion gegeben, auf die ich mich als Hintergrund beziehe.

J. Hofmann fasst ihre Ansichten zum Thema Internet, privat und öffentlich, so zusammen:

Unser aktueller Großbrand [die NSA -. Affäre], der uns, knapp 350 Jahre nach dem verheerenden Feuer von London, dazu auffordert, die Privatsphäre neu zu denken, besteht in der Erkenntnis, dass die traditionellen Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem, auf die wir uns lange verlassen haben, nicht mehr gelten. Die Wohnung, das private Gespräch, die persönlichen Daten, nichts ist mehr sicher vor der Ausspähung durch Dritte im Namen unser aller nationaler Sicherheit. Traditionelle Kulturtechniken wie Schlösser, Vorhänge und Benimmregeln, die uns helfen, zwischen Privatem und Öffentlichem zu trennen, sind mit dem digitalen Fortschritt unsicher, wenn nicht komplett hinfällig geworden. …

Sascha Lobo tat Unrecht mit der Behauptung, das Internet sei kaputt. Ein zentrales Prinzip des Internets besteht ja in seiner diskriminierungsfreien Innovationsoffenheit, die gerade nicht zwischen gesellschaftlich gut und böse unterscheidet. Von dieser Innovationsfreiheit profitieren alle, staatliche Überwachungstechniken, die sich ironischerweise kaum von kriminellen Machenschaften unterscheiden ebenso wie nutzerfreundliche Kommunikationsdienste. Das Netz selbst ist intakt, unsere Traditionen des Privaten sind es, die einer Revision bedürfen.

Es ist zum einen bemerkenswert, wie J. Hofmann als Google-Lobbyistin (sie ist Direktorin des von Google finanzierten Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft in Berlin) hier sehr schnell, zudem mit fragwürdigen historischen Vergleichen, zu einer Revision der Privatsphäre aufruft. Die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichen gelten nicht mehr, stellt sie fest. Interessant, dass sie das als Parteigängerin Googles so offen erklärt, was immerhin sämtlichen Datenschutz-Versicherungen des offiziellen Google Hohn spricht. Grund sei die Innovationskraft der Internetindustrie und die faktische Hinfälligkeit des Privaten insgesamt, das leichthin als „bürgerliche Konstruktion“ abgetan wird. Hier gilt offenbar: Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing. Wenn man so zum Spaß einmal überall dort, wo sie vom Privaten schreibt, das Urheber- und Autorenrecht einsetzt, dann wird eine ganz andere Melodie daraus. Sie müsste dann erstaunlicherweise eine Revision des Urheberrechts fordern (das ist nun wirklich eine „Konstruktion“ der bürgerlichen Gesellschaft, Autoren des Mittelalters und der frühen Neuzeit hätten sich darüber scheckig gelacht), da diese der „Innovationsoffenheit“ des Internets doch stracks zuwider läuft. Da hört und liest man aber von der Internet-Industrie mit ihren Kopierschutztechniken und ACTA derzeit noch etwas ganz anderes. Also das Anlegen von zweierlei Maß fällt auf.

Zum anderen wird von Hofmann das Private zum bürgerlichen Zerrbild gemacht. Es geht immerhin um eine Rechtssphäre, deren Wurzeln mit der Unterscheidung von Öffentlich und Privat im Römischen Recht liegen. Ohne hier einen langen historischen Exkurs zu schreiben kann man knapp sagen, dass die Privatsphäre einen Schutzraum für die eigene Person geschaffen hat (das bedeutet ja privat) sowohl gegenüber dem Mitmenschen als auch gegenüber dem Staat. Dieser Schutzraum dient der ungehinderten Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, der freien Verfügung über die eigenen Möglichkeiten und vor allem auch der Unversehrtheit von Leben, Wohnung und Eigentum. Dazu gehört auch der Schutz der persönlichen Kommunikation, kodifiziert im „Briefgeheimnis“ (so schon in der Allg. Preußischen Postordnung von 1712). Die Unterscheidung von Öffentlich und Privat im heutigen Verständnis hat natürlich eine neuzeitliche, meinetwegen auch bürgerliche Prägung erhalten, die Sache selbst ist uralt und geht mindestens bis zu den Griechen und ihrer Unterscheidung von Haus (Oikos) und Rat-Platz (Agora) zurück. Das Privatrecht regelt darum die Konfliktfälle im zwischenmenschlichen Bereich, also zwischen Privat und Privat. Seine Grenze findet der Privatbereich und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit naturgemäß am gleichen Recht des Mitmenschen.

Wohnung, Michel Verjux

Installation „o.T.“ des Künstlers Michel Verjux aus dem Jahr 2005. Foto Matthias Wagner K. (Wikimedia)

Das Öffentliche Recht regelt die Streitfälle zwischen Privat und Öffentlichkeit, insbesondere dem Staat. In der heutigen demokratischen Verfassung dient dieser Rechtsbereich vor allem dem Schutz der einzelnen Privatperson vor dem unrechtmäßigen Zugriff des Staates, gerade auch dort, wo der nicht öffentlich, sondern mit Polizeigewalt oder im Geheimen agiert. Das beinhaltet aber zugleich auch ein rechtmäßiges Zugreifen des Staates aufgrund seines Gewaltmonopols zum Schutz vor Rechtsbruch. Hier gilt es auf dem Hintergrund der aktuellen und künftig zu erwartenden technischen Möglichkeiten, die Grenzlinien zwischen rechtmäßigem und nicht rechtmäßigem Zugriff des Staates neu zu bestimmen und auszubuchstabieren. Das Bundesverfassungsgericht hat dieses Recht der Privatperson bzw. der Persönlichkeit gegenüber dem Staat und der Öffentlichkeit gestärkt und konkretisiert, z. B. durch das Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“, das heute allerdings wieder neu zu definieren wäre.

Ebenso muss aber auch die Linie zwischen Privat und Privat, insbesondere zwischen dem Einzelnen und privaten Korporationen und Unternehmen neu bestimmt werden, und zwar sowohl intellektuell (eine solche öffentliche Diskussion fordert zurecht Evgeny Morozov) als auch rechtlich. Das Urheberrecht ist da nur ein Feld unter vielen, das Recht der einzelnen Person auf die Unverletzlichkeit der Privatsphäre, und zwar heute besonders im Hinblick auf die informationelle Unverletzlichkeit, ist ein viel wichtigerer Bereich, um dessen Erhalt heute gestritten und dessen enormen Freiheitswert man heute verteidigen muss.

Wenn wie von der jeweiligen (Medien-) Industrie behauptet und gefordert, das digitale Eigentumsrecht dem physischen Eigentumsrecht gleichzuordnen ist, dann ist digitaler „Einbruch“ (Hacken, Phishing usw.) und digitale „Sachbeschädigung“ (Viren, Trojaner) und digitale „Verletzung der Persönlichkeit“ (Abhören und Belauschen) dem physischen Einbruch, der physischen Sachbeschädigung und der physischen Verletzung der Persönlichkeit gleichzusetzen. Dasselbe gilt für das Briefgeheimnis, das heute zu einem „Kommunikationsgeheimnis“ erweitert werden müsste.

Neu ist der gesamte Bereich Big Data, weil es in der Vergangenheit weder eine Wirklichkeit noch überhaupt eine Vorstellung davon gab, was heute alles an Datensammeln und Datenauswertung und darauf gestützte Verhaltensprognose möglich ist und bereits angewendet wird. Dieses ist ein ganz neues Feld (wirklich „Neuland“), das unbedingt intellektuell zu bearbeiten und gesellschaftlich zu diskutieren ist, und ebenso ein ganz neuer Rechtsbereich, der national und international kodifiziert werden müsste. Ja, ich weiß, ein langer Weg, aber daran führt eben kein Weg vorbei. Klar ist, das man es sich nicht so einfach machen kann, wie es J. Hofmann, offenbar ihrem Arbeitgeber verpflichtet, tut. Im Gegenteil, wer hier vorschnell nivelliert („Schlösser, Vorhänge und Benimmregeln … sind komplett hinfällig geworden“) und resigniert, leistet nicht nur Vorarbeit für die Interessen von Google, Amazon, …, NSA usw., sondern gibt Freiheitsrechte des Einzelnen leichtfertig auf, die in der Neuzeit mühsam errungen werden mussten. Private Verschlüsselung ist gut, löst aber nicht das Problem. Das tut nur gesellschaftlicher Protest, öffentliche Diskussion und neue Rechtssetzung betreffs digitaler Persönlichkeitsrechte.

Um es knapp auf eine Formel zu bringen: Privat muss auch digital privat bleiben.

 21. Januar 2014  Posted by at 14:18 Bürgerrechte, Internet, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Vorsicht – Privat!
Dez 202013
 

[Netzkultur]

Bundestagswahl und GroKo sind nun endlich durch. AIDA (Ausschuss für Internet und digitale Agenda) erwies sich als Schnellschuss und Flop – vorerst. Und dann der Shitstrom über Sexismus, der Shitstorm über – über – über. Danach die NSA. Und immer wieder Snowden. War nicht stark, eher breit wie Quark. Bei Twitter nichts Neues.

Ach ja, der NSA-Skandal – „Geheimdienste arbeiten ja – – – G E H E I M !!“ (Dieter Nuhr). Unglaublich. Da werden ohne Anlass und Ende Daten erfasst. Auch deine und meine. Handy-Telefon, Email, soziale Medien, einfach alles. Also alles im Netz bzw. den diversen Netzen, Blasen, Kreisen, Timelines. Sogar VISA – Transaktionen werden erfasst. Uah, unglaublich. Beispielloser Skandal. Bürgerrechte im Eimer. Privatsphäre sowieso. Vom Intertnet-Paradies direkt in die NSA-Hölle. Grrmpf.

Netz. Warum wird das von der Netzgemeinde stets mit Kommunikation und Freiheit assoziiert? Das Spinnennetz ist eine Falle zum Fangen. Das Fischernetz ebenso. Fangnetze, Mittel zum Beutemachen. Wenn einem etwas ins Netz geht, hat man es – gefangen. Der neu erklärte Netzbürger – im Netz verfangen. Eigentlich klar. Neuland ist abgebrannt.

Google hat das längst verstanden, Amazon sowieso, Microsoft brauchte etwas länger. Der Verbraucher im Netz wird umgarnt. Und oft geleimt. Wie bei allen Schnäppchen. Dabei gibts im Netz weit mehr als Billiges. Interessantes, Gutes, Tolles, das man nicht missen möchte. Der Köder für die Daten. Sex sells.

Dies Inter-Netz ist dabei sehr offen mit seinen Ansprüchen. Ganz anders als das fast unsichtbare Spinnennetz. Darin verfängt sich die Beute unerwartet. Das Internet zeigt seine Prinzipien offen: „Wer tauscht denn heute keine Daten aus? Das ist doch das Geschäftsmodell des Internet.“ sagt ein „Datenbroker“. Ein Geben und Nehmen. Umsonst und kostenlos ist nichts im Netz.

Eigene Daten für Kommunikation, für Freunde, für „Likes“ oder „Plusse“. Daten für Waren und Dienste. Daten für Digitales und Reales. Nicht Bitcoin ist die neue Währung. Daten sind es.

Wir haben Daten ja massenhaft zur Verfügung. Eine Währung, die uns nie ausgeht. Daten darüber, wer wir sind, was wir tun, wo wir uns bewegen, was wir lieben, wen wir hassen, was wir wünschen, was wir denken, wohin wir wollen, was wir planen. Algorithmen verarbeiten sie zu Profilen, der Schatzkiste des Inter-Netzes.

Profile kennen uns besser, als wir selbst uns kennen. Algorithmen aus unseren Daten sagen zutreffend voraus, was wir als nächstes machen werden. Bei Einkäufen ist das schon fast trivial. Wir glauben, wir kaufen, was wir wollen, einfach so. Dabei verhalten wir uns nach genauem „Beuteschema“. Daten verratens.

Daten zum „daten“. Den passenden Partner trifft man leichter im Netz als auf der Straße. Unsere Daten machen uns bekannt. Daten erleichtern die Auswahl, weil sie längst das passende Profil ausgesucht haben. Dating-Plattformen boomen. Einfach weil sie erfolgreich sind. Zumindest kurzfristig.

Das Netz besteht aus einem Geben und Nehmen. Wir geben unsere Daten, wir bekommen Waren, Dienste, Freunde, Partner. Wir geben uns preis. Der Preis sind unsere Daten. Das scheint billig. Darum ist das Internet solch ein Wahnsinns Erfolgsmodell. Geld wird alle, unsere Daten nie. Ein nicht versiegender Schatz.

Was Amazon, Facebook, Google als die Aushängeschilder und Acxiom, Epsilon und Experian als die unbekannten Datenbroker längst wissen und können, kann und tut auch der Staat. Es nützt ihm. Für Geheimdienste sind Daten das gefundene Fressen. Und alles nahezu kostenlos und und überall verfügbar. Nur Speichern und Verarbeiten kostet. Das Anzapfen der Daten ist noch die geringste Arbeit.

Wundern über den BND, GCHQ, NSA, „Five Eyes“, China, Russland usw? Verwunderlich wäre es, wenn sie nichts täten. Geheimdienste und Bürgerrechte haben noch nie recht zusammen gepasst. Ich muss es nicht gut finden. Aber das ist so in der Welt der Macht. Entrüstung ist nur naiv.

Mit den Mitteln wachsen die Möglichkeiten. Gemacht wird, was möglich ist. Grenzen zu setzen ist nötig, kommt aber meist zu spät. Das ist die Sache mit dem Geist aus der Flasche. Dennoch ist jetzt das Recht gefragt.

Gibt es also kein Entrinnen aus dem Fangnetz? Nun, zunächst einmal hole ich mir aus dem Netz Informationen, Dinge die ich lesen, anschauen, wissen will. Andererseits teile ich einiges mit anderen. Ich schreibe und lese Blogs, Tweets, News. Kaufe ein. Hinterlasse Spuren, gebe meine Daten, wahrscheinlich mehr als ich ahne.

Ich schreibe sogar Emails, unverschlüsselt. Die meisten Empfänger kennen keine Verschlüsselung. Also bleibts bei der elektronischen „Postkarte“. Die meisten „Mitteilungen“ im Netz sind auch nicht mehr wert als irgendein Zettel auf irgendeiner Pinwand. Rauschen.

Ich habe nichts zu verbergen? Blödsinn. Natürlich habe ich etwas zu verbergen. Viele Dinge, die ich tue und denke, gehen niemanden etwas an. Das allerdings geht nur außerhalb des Netzes. Das soll nicht öffentlich sein. Das war schon immer so.

Rudolf Epp, Der Liebesbrief

Rudolf Epp, Der Liebesbrief (Wikimedia)

Ein wichtiges Gespräch führt man persönlich, nicht am Telefon (wo man in analogen Zeiten gelegentlich plötzlich in einer fremden Leitung war) und schon gar nicht über das Internet. Wo Firmen dennoch Wichtiges in Online-Konferenzen klären, gibt es hoch abgesicherte Verfahren. Meine „Ich“ – Firma kommt ohne das aus.

Im Zweifelsfalle schreibe ich einen Brief, richtig auf Papier mit der Post. Ist auch nicht sicher, läuft aber wenigstens nicht über Fort Mead oder Palo Alto. Das alte Analoge ist digital schlecht zu handhaben. Kann ein Vorteil sein.

Daten sind die Währung des Netzes. Man kann sie sammeln und auswerten. Das ist wie wenn man einen Schatz hebt. Man kann sich im Netz gut aufgehoben fühlen, mit Freunden, Lesern, Unterhaltung. Man kann sich im Netz verfangen. Man kann sich ihm ausliefern, wenn man zu viel preis gibt. Das aber liegt an einem selber.

Auch wenn es schwer fällt, gelegentlich ohne Netz zu sein. Man kann. Selbst wenn auch das noch der NSA auffällt. Sch..ß drauf.

Im Übrigen: Asyl für Snowden!

 20. Dezember 2013  Posted by at 14:29 Gesellschaft, Internet, Netzkultur Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Daten, Daten, daten
Nov 202013
 

[Netzkultur]

In einem taz-Interview gestern hat Herfried Münkler formuliert:

95 Prozent unserer Handykommunikation ist Informationsmüll. All die Gespräche, die ich in der U-Bahn höre, muss kein Mensch verschlüsseln. Die Leute sprechen so laut, dass der ganze Waggon es versteht. Und was die Leute da sagen, ist zumeist banal, überflüssig und Zeitverschwendung. Jeder Euro zum Schutz dieser ausgetauschten Informationen wäre rausgeschmissenes Geld. Wir würden in einen teuren Rüstungswettlauf eintreten für nichts. Strategisches Denken ist Konzentration auf zentrale Ziele bei begrenztem Ressourceneinsatz. Wir sollten das schützen, was als Geheimnis wirklich wertvoll ist. (taz 19.11.2013)

Mir geht es jetzt nicht darum, ob Münklers Beurteilung insgesamt zutreffend ist oder nicht (NB: Ich halte sowohl die Analyse als auch die Folgerungen für richtig), sondern um die Beurteilung, um welche Kommunikation es sich bei den fraglichen Abhöraktionen überhaupt handelt. Seine Aussage über den 95 % Handy-Informationsmüll ist provozierend, aber wahrscheinlich (SMS!) zutreffend. Wenn man auf die Sozialen Medien insgesamt schaut (Facebook, Twitter, Google+), dann dürfte ebenfalls zutreffen, dass das Meiste einfach Gelegenheitsäußerungen sind, emotionale Feedbacks, überflüssige Mitteilungen, die eigentlich niemanden interessieren („esse gerade Pizza“), spontane Reaktionen aus dem Bauch heraus, also insgesamt ohne viel Gehalt, Sinn und Verstand. Ich würde es das soziale Geblubber oder Rauschen nennen, zum großen Teil ohne wirklichen Informationswert und ohne festen Adressaten. Es ist jedenfalls weniger, als es ein zufälliges Gespräch beim Treffen eines Bekannten auf dem Markt hat.

Rauschen

Weißes Rauschen (wikimedia)

Es ist dieses Blubber-Phänomen, das mir die Kommunikation auf sozialen Plattformen immer wieder verleidet. Ich schließe die häufig gelobten Communities bei Google+ ausdrücklich ein. Jedenfalls was die nicht rein technisch orientierten betrifft. Ebenso die Masse der Kommentare bei Zeitungsartikeln wie bei der FAZ oder SZ – und die sind sogar moderiert. Sie bringen selten eine neue Information oder auch nur einen neuen Gedanken. Meist drücken sie subjektive Befindlichkeit, Vorurteile,  Zustimmung oder Ärger aus.

Auch viele Blogs und Blogbeiträge gehören zu dem informationsarmen „Datenmüll“, und ich will selbstkritisch dieses eigene Blog nicht von der Prüfung ausschließen, ob das, was ich hier schreibe, nun wirklich gehaltvoll und lesenswert ist. Das möge der Leser beurteilen. Manchmal reicht es ja schon, ein Gegengewicht zu sein. Jedenfalls ist vieles, was ich andernorts lese, völlig belanglos und bringt einen, wenn man es denn gelesen hat, nicht wirklich weiter. Anders gesagt: Wenn ich es nicht gelesen hätte, wäre es genauso gut.

Münkler führt dieser „Befund“ (wenn diese provokante Formulierung denn ein solcher ist) zu einer bestimmten Einschätzung der NSA-Schnüffelei bzw. dem Erfordernis, eigene Kommunikation zu verschlüsseln. Darüber könnte man nun diskutieren, ob nicht gerade auch dieser „Müll“ für die komplexen Analysen der NSA (profiling) äußerst ergiebig ist. Jedenfalls ist es richtig, die Art der Kommunikation im Internet zu differenzieren, zu gewichten und nach bestimmten Kriterien zu bewerten. Dabei dürfte, so meine Vermutung, heraus kommen, dass ein großer Teil der privaten Netz-Kommunikation eher unter sozialpsychologischen Kategorien zu fassen ist („Psychohygiene“) als unter sachlich-inhaltlichen. Man tauscht aus („share“) und fühlt sich dabei gut. Insofern trüge das Netz viel weniger zu Bildung und Information bei als oft behauptet, sondern, zumindest in den sozialen Medien, zu einem kommunikativen Wohlfühl-Rauschen. Das ist nicht nichts und auch nicht weniger wert, sondern es hat nur eine ganz andere Funktion als die oft behauptete.

Aus meiner Sicht ist dies ein Hinweis auf die verbreitete Überschätzung der Netz-Kommunikation und des Internet im Alltag. Abgesehen von den Nerds und Freaks lebt niemand „im Internet“. Die Wichtigkeit des Gebrauchsmittels Internet ist unbestritten. Aber die hervor gerufenen Veränderungen sind doch sehr viel zäher und langwieriger als oft beschrieben. So hat das eBook bisher zwar fabelhafte Zuwächse (ich nutze es in bestimmten Fällen gerne), kann das gedruckte Buch aber keineswegs in allen Bereichen ersetzen. Mir fehlt z.B. die Möglichkeit, ein eBook weiter zu verschenken oder antiquarisch zu verkaufen. Ich nutze also nur dann ein eBook, wenn ich den Preis dafür als reinen Leasing-Preis für angemessen halte. Das ist aber meist, zumal bei Neuerscheinungen, nicht der Fall. Interessante wissenschaftliche Literatur ist als eBook überhaupt nicht verfügbar.

Ebenso wenig teile ich Martin Weigerts  jüngst geäußerten Enthusiasmus über die bargeldlose Gesellschaft und das Ende von Geld, wie wir es kennen – eine typische Überschätzung oder Fehleinschätzung. In den USA ist bargeldloses Zahlen längst Standard. Dass es bei uns anders ist, liegt nicht an den fehlenden technischen Möglichkeiten, sondern schlicht am Verhalten der Käufer in Deutschland / Europa, die bisher im Alltag Bargeld vorziehen. Ob das durch „Coin“ oder ähnliche Dienste anders wird, wage ich zu bezweifeln. Zu sehr hat gerade durch die NSA-Schnüffelei der Vorzug anonymen Bezahlens mittels Bargeld wieder an Bedeutung gewonnen. Darauf weist Weigert auch selber hin. „Bitcoin“ andererseits ist eine völlig eigene Geschichte und hat zunächst mit normalem Geld nicht viel zu tun, eher mit einem Spekulationsobjekt wie einem Hedgefond.

Bis dato haben auch Musik- und Video-Streamingdienste die Lust am „monologen“ Fernsehen kaum gemindert. Wie so viele andere Unterhaltungsangebote sind die neuen Streamingdienste einfach hinzu gekommen, eher zu Lasten der CD / DVD. Damit wird eine weitere Funktion des Mittels Internet deutlich: Es schafft andere Verteilwege. Es schafft neue Möglichkeiten des Audio- und Videokonsums, aber es schafft aus sich heraus keine neuen Inhalte. Auch neue Formate sind nur in sehr geringem Maße zum Transport wirklich neuer Inhalte geeignet. Auf YouTube und Vine ist davon gelegentlich etwas zu sehen.

Trotz sehr parteilicher und vorurteilsbehafteter Fragen seitens Martin Kaul hat sich Münkler in dem taz-Interview nicht beirren lassen, seine Beurteilung des Verhaltens der US-Geheimdienste und eventuell zu ziehender Folgerungen aus der NSA-Affäre nüchtern darzustellen. Diese Nüchternheit ist auch der Beurteilung der politischen Konsequenzen nicht nur der gängigen Abhörpraxis, sondern auch des Internets insgesamt mit Brauch und Missbrauch (Cyber-Kriminalität) anzuempfehlen. Wir sollten es geschickt nutzen („Industrie 4.0“) und seine Grenzen erkennen. Der produktive Nutzen ist groß und wird allenfalls unterschätzt. Die Bedeutung der Netzkommunikation aber ist meist genauso groß wie das, was wir sonst jeden Tag zu sagen haben. Im Grunde ist das nicht viel. Nicht viel Wichtiges und Wesentliches jedenfalls. Geblubber und Rauschen.

 20. November 2013  Posted by at 14:42 Internet Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Geblubber und Rauschen
Nov 132013
 

1. Die Euphorie der letzten Jahre ist vorbei. Die Digitalisierung und das Internet haben den Glorienschein purer Glücksverheißung verloren. Mittels der Always on – Kommunikation in sozialen Netzwerken, durch allfällige Statusmeldungen auf Twitter oder Facebook, durch unmittelbare Kommunikation mit vielen ‚Freunden‘ überall auf der Welt ist weder das Glück des Einzelnen realisiert noch Gerechtigkeit und Demokratie verwirklicht worden. Die „Piraten“ sind dafür ein schon fast vergessenes Symbol: Die Luft ist raus, der NSA-Ballon geplatzt.

2. Man könnte altklug bemerken, das kommt davon, wenn man eine Technik glorifiziert und als solche zur Trägerin einer Glücksverheißung macht. Die Digitalisierung und Vernetzung der Welt bringt aus sich heraus keinerlei positive oder negative Bedeutung mit sich. Es handelt sich um Techniken, Instrumente. Techniken wollen genutzt werden, ihr Gebrauch kann im Blick auf bestimmte Werte nützlich oder schädlich sein. Sie sind Instrumente der menschlichen Vernunft und der öffentlichen, politisch-kulturellen Praxis. Als solche tragen sie zwar bestimmte Möglichkeiten und Potentiale in sich, die sich allerdings auch erst innerhalb konkreter Praktiken und Anwendungen zeigen und entfalten. Techniken stellen Funktionen und Mittel bereit, die so nur schwer auf anderem Wege oder überhaupt nicht zu haben sind. Das ist die innovative Kraft, die Technologien inne wohnt.

3. Gemeinhin wird die Erfindung der Dampfmaschine oder besser ihre Einführung in den produktiven Prozess als Beginn der ersten industriellen Revolution bezeichnet. Sie begann Mitte des 18. Jahrhunderts zuerst in England. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert weitete sich die industrielle Produktion unter anderem durch Elektrifizierung zur durchgehenden Mechanisierung und Massenproduktion aus. Die Einführung und Nutzung neuer Technologien (Dampfkraft, Elektrizität, Mechanik) bewirkte einen gesellschaftlichen Wandel ungeahnten Ausmaßes. Die Folgen waren aber nicht der verheißene allgemeiner Reichtum und neues Glück durch Befreiung des Einzelnen von erniedrigender Arbeit mittels Maschinen, sondern eine breite Verelendung der Bevölkerung und die Ausbildung eines Industrieproletariats. Der Reichtum akkumulierte sich in den Händen ganz weniger, und zwar in einem Ausmaß, wie es die frühere agrarische Gesellschaft nicht gekannt hatte. Es dauerte viele Jahrzehnte, beinahe eineinhalb Jahrhunderte, es brauchte viele Kämpfe und Opfer, um die gesellschaftlichen und kulturellen Folgen der industriellen Revolution und ihrer einseitigen Nutzung durch Kapitalinteressen einigermaßen sozial verträglich einzudämmen. Wir sind heute im Grunde immer noch mit eben diesem Bemühen beschäftigt.

4. Es zeigt sich, dass die neuen Techniken der industriellen Produktion als solche keinerlei Automatismus zur Entwicklung von mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie mit sich brachten. Um die Potentiale der neuen Technologien für die Verbesserung der Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten zu nutzen, bedurfte es eine politischen Rahmens für die Nutzung und Anwendung der Techniken im gesellschaftlichen Produktionsprozess. Die Errungenschaften der modernen Industriegesellschaft sind weniger Ergebnisse neuer Techniken als Ergebnis eines gesellschaftlichen Prozesses, der die Möglichkeiten und den Nutzen dieser neuen Techniken möglichst breiten Schichten in der Gesellschaft zugänglich machen will. Dies ist aber ein eminent politischer, ein insgesamt betrachtet sozio-kultureller Prozess, der sich der Instrumente neuer Technologien zum Zwecke breiterer Nutzung und besserer Lebensverhältnisse bedient. Sie zu einem positiven Nutzen zu führen bedarf also einer gesellschaftspolitischen Gestaltung. Erst diese kann die Möglichkeiten industrieller Produktionstechnik in eine neue Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens überführen und die Ausgestaltung einer Industriekultur entwickeln.

5. Kurz gesagt: Die Technik allein macht noch gar nichts, sie stellt lediglich neue oder vielleicht nur erweiterte, verbesserte Mittel, Instrumente bereit. Ihr Gebrauch, ihre Nutzung und ihr gesellschaftlicher Einsatz sind das Entscheidende dafür, wie weit neue Techniken zu einer allgemeinen Verbesserung der Lebensverhältnisse und somit auch zu einem größeren individuellen Glück beitragen können. Die Werte, die das technologisch orientierte Handeln leiten, sind für eine Beurteilung des Nutzens von Techniken maßgeblich. Die politische Praxis machts, diese Instrumente recht zu nutzen.

6. Heute besteht in unserer Gesellschaft weitgehend Konsens darüber, dass Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Nachhaltigkeit zu den wichtigsten gesellschaftlichen Werten und Zielen gehören, wie auch immer man diese Begriffe nun im Einzelnen genauer bestimmt. Daran müssen sich auch die heutzutage „neuen“ Techniken der Digitalisierung und der weltweiten Vernetzung messen lassen. Diese Techniken, vor allem die umfassende Digitalisierung der „Welt der Dinge“, bergen ohne Zweifel enorme Potentiale zur Veränderung der Lebensverhältnisse. Das gilt insbesondere für die Verbindung von Digitalisierung und weltweiter Vernetzung. Je größer das Veränderungspotential einer Technologie ist, desto größer ist auch das kombinierte Potential an Risiken und Chancen. Will man nicht all die Fehler der ersten industriellen Revolution wiederholen, tut man gut daran, diese Techniken möglichst nüchtern als Instrumente menschlicher Vernunft und Interessen (!) sowie als Mittel zu einer möglichen Verbesserung der Lebensverhältnisse aller einzuschätzen. Dieser nüchterne Bewertungsprozess scheint nun die Ebene gesellschaftlicher Öffentlichkeit und Diskussion erreicht zu haben. Die Abhöraffären (NSA usw.) könnten dafür so etwas wie ein Katalysator sein.

7. Dafür ist zunächst einmal der Abschied von allen Ideologien der Glücksverheißung seitens der Technik-Freaks die Voraussetzung. Weder eine ideologische Beschwörung einer Mensch-Maschine-Evolution noch die Inszenierung einer Post-Privacy-Transformation können bei einer sachlich bewertenden Einschätzung der Potentiale und Risiken der neuen Technologien helfen – im Gegenteil. Sie verschleiern nur die jeweiligen Interessen hinter dem Gebrauch dieser Technologien. Technik-Freaks und Netz-Avantgarde, Google und Amazon können nicht als Maßstab für eine sachlich-neutrale Bewertung gelten. Die einen träumen vom digitalen Paradies, die anderen setzen unterdessen ihre Kapitalinteressen rigoros um. Es wird höchste Zeit, die Technikrevolution der Digitalisierung und der Vernetzung in einen gesellschaftlichen und politischen Prozess zu überführen, der ihre Risiken klar benennt, die Potentiale sozial und kulturell verträglich erschließt und somit den allgemeinen Nutzen allererst herstellt.

8. Bisher ist der Nutzen sehr einseitig bei der NSA (und Konsorten), Google, Amazon & Co. kumuliert. Der Einzelne wird mit technischen Spielereien beglückt. Man darf dies ruhig als perfekte Verschleierung und Ablenkung bezeichnen. So langsam dämmert es, dass Verfügung über Daten Macht bedeutet – und Macht zu Geld wird. Den Machtkampf dieser digitalen Revolution gilt es allererst aufzunehmen. Die digitale Dividende sind eben nicht einfach nur mehr preiswerte Breitbandanschlüsse; das ist das Geschäftsmodell der Digital-Konzerne. Die digitale Dividende kann in mehr Beteiligung, besserer Bildung, öffentlich einfacherer Diskussion und kultureller Bereicherung bestehen. Das fällt nicht vom Himmel, das bringen die Technologien schon gar nicht von alleine mit. Das muss erkämpft, erstritten werden. Dazu bedarf es der Information und Aufklärung, der Setzung internationaler wie nationaler Rahmenbedingungen und der Beschränkung der Macht reiner Kapitalinteressen. Google ist nicht „dein Freund“, Google ist ein großartiger Verkäufer, der alles will: unsere Daten, unser Geld, unser digitales Ich. Googles staatliches Ebenbild ist die NSA; sie steht hier stellvertretend für alle anderen ähnlich operierenden Dienste. Es ist müssig zu fragen, was da früher war. Der militärisch-industrielle Komplex hat stets bestens funktioniert.

9. Es wird Zeit, dass wir dagegen Grenzen setzen und nach dem wirklichen Nutzen der digitalen Technologien fragen für uns, für unsere Gesellschaft und für die Menschheit insgesamt. Es ist Zeit, die gesellschaftliche Debatte über die Auswirkungen der digitalen Revolution breit zu führen und politisch wirksam zu gestalten. Neue Techniken können großartige Instrumente sein, um die Lebensverhältnisse zu verbessern, unsere humanitären Werte angemessener umzusetzen und Bildung und Kultur allen zugänglich zu machen. So könnte sich so etwas wie „Weltkultur“ entwickeln. Ob digitale Techniken dann zum individuellen Glück beitragen, steht ohnehin auf einem anderen Blatt.

 13. November 2013  Posted by at 14:45 Gesellschaft, Internet, Technik Tagged with:  Kommentare deaktiviert für Instrumentelle Praxis statt digitale Glücksverheißung
Sep 272013
 

„Neuland ist abgebrannt“ titelt heute Richard Gutjahr in seinem Blog und beschreibt das Desaster der digital natives und des social web bei der Bundestagswahl. Er greift etwas gründlicher auf („Oder ist am Ende doch alles komplizierter?“), was an zynischen, enttäuschten und bissigen Kommentaren zur Wahl am vergangenen Sonntag durchs Netz geisterte und von einzelnen Exponenten der Netzelite in Talkshows zugespitzt wurde. Tenor: Der Wähler ist zu dumm. Der Wähler wurde eingelullt. Die Mehrheit wusste nicht, was sie tat. Merkelland ist Dummerland.

Michael Hanfeld hatte dagegen schon am Montag nach der Wahl in der FAZ sehr bissig und pointiert (es gab entsprechendes Aufjaulen) auf die faktische Bedeutungslosigkeit von Twitter gezeigt. „Motzkis der Republik“ bewegten sich dort nur in der eigenen Filter-Bubble. Sein Fazit: „In den Netzwerken schweigen die Wähler.“ Das wäre in der Tat bemerkenswert, auf jeden Fall scharf beobachtet. „Informationsgewinn gleich Null.“ Tweets seien weder informativ noch aussagekräftig noch repräsentativ. Das „Twitter-Gewitter“ – nur eine Blase.

Dem schließt sich Gutjahr nicht an. Er analysiert genauer, schaut näher hin auf das (fehlende) Zusammenspiel von Online und Offline im Wahlkampf und fragt sich, woran die Wirkungslosigkeit des Netzes und der Netzelite bei der Wahl wohl liegen könnte:

Was also bleibt übrig vom Gedöns rund um Liquid Democracy, 2.0-Kampagnen, dem Wunsch nach mehr Transparenz und Mitbestimmung durch das Netz? Wo genau verläuft die Linie zwischen (Selbst-) Anspruch und Wirklichkeit dieser neuen Kommunikationswege? Haben wir uns alle getäuscht, ist das Internet in Wahrheit irrelevant für den Ausgang von Wahlen? – Am mangelnden Interesse jedenfalls hat es nicht gelegen.

Und auch nicht an den Themen, betont Gutjahr. Die Netzgemeinde habe nämlich durchaus die richtig wichtigen Themen artikuliert: „Zukunftsthemen wie Netzneutralität, Netzsperren und Datenschutz werden uns schon bald einholen, so wie Waldsterben, Klimaerwärmung und Tsunami das getan haben.“ Also was war es dann, das zur Ignoranz des Wählers geführt hat? Gutjahr hat eine andere Antwort parat: Das Alter ist es. Die Bevölkerungspyramide. Die „Zwischendrin-Generationen 50- und 60-plus“. Sie haben kein Interesse an Experimenten. Sie haben keine Kinder. Ihnen ist das Netz fremd, Neuland halt. Sie sind an Zukunft und neuen Technologien nicht interessiert. Sein Gewährsmann ist Thomas Knüwer. Der hatte schon am Montag in seinem Blog noch schärfer formuliert, „die Wahl in Deutschland [ist] faktisch eine Wahl der Älteren bis Alten“ gewesen, d.h. der über 50 Jährigen. Dagegen: „Das wichtigste Lebensumfeld im Alltag junger Menschen wurde nicht abgebildet.“ Welches ist das „wichtigste Lebensumfeld“? Familie? Freunde? Sportverein? Nein – das Surfen im Netz natürlich. So strickt man neue Legenden.

Schauen wir zunächst die Thesen von Thomas Knüwer genauer an. Abgesehen davon, dass der Ärger über den Wahlausgang fast in jeder Zeile seines Blogposts zu spüren ist, hält er es mit den Daten nicht so genau. Schon die Aussage, mehr als 50 % der Wähler sei über 50 Jahre, stimmt so nicht. Laut Bundeswahlleiter sind es nicht ganz 50 % der Wahlberechtigten. Richtig ist: Es ist mit fast der Hälfte die mit Abstand größte Wählergruppe. Dies mag nur als kleine Ungenauigkeit und Übertreibung durchgehen. Weniger genau ist sein Bezug auf die Zahlen, was die Parteipräferenzen der Jungen (Altersgruppe 18 – 29) angeht. Er verweist auf Daten der Forschungsgruppe Wahlen , die belegen sollen, dass die Themen der jungen Generation, ihre Interessen und ihr Lebensumfeld, keine Rolle spielen.

Dieses Sache mit den jungen Wählern wird umso unwohler, je weiter man ins Detail schaut. Denn welche Parteien haben laut der Forschungsgruppe Wahlen mehr Prozentpunkte in der Altersgruppe 18 – 29 als in der Sektion über 60 Jahren?

Die Grünen. OK.

Die FDP. Ups.

Die AFD. Ups.

Nicht erfasst wurden die Piraten – wir dürfen aber davon ausgehen, dass es dort ebenfalls so aussieht. Sprich: Überdurchschnittlich viele junge Wähler, die ihre Stimme abgaben, sehen diese nicht im Bundestag repräsentiert. Gab es das so schon einmal in der Geschichte der Bundesrepublik?

Fakt ist laut eben dieser Zahlen, dass 34 % der jungen Wähler die CDU gewählt haben, nimmt man die nächste Altersgruppe der 30 – 44 jährigen hinzu, sind es gar 38 %, das liegt gar nicht so weit vom Gesamtwert 41,5 % entfernt. 58 % der jüngsten Altersgruppe haben CDU oder SPD gewählt. CDU und SPD weisen als einzige Parteien einen überproportionalen Anteil älterer Wähler auf. Was die Grünen, Linke, FDP und Afd betrifft, so unterscheiden sich die Prozentzahlen der jungen Altersgruppe von den Älteren gar nicht (alle anderen Altersgruppen) oder nur um 1 Prozentpunkt (über 60). Ein besonderes Wahlverhalten der jungen Wähler im Unterschied zu den Älteren ist hier also gerade nicht zu erkennen. Wie Knüwer zu seiner Schlussfolgerung (Zitat oben) kommt, ist mir schleierhaft.

Offenbar wird hier ein Generationenkonflikt herbei geredet, um einer Auseinandersetzung um Sachthemen auszuweichen. Diesen Eindruck verstärkt Gutjahrs pointierte Weiterführung des Themas Generationenkonflikt: Schuld ist die „Zwischendrin-Generation“. Was meint er damit?

Das Neuland wird nicht von den Digital Natives beherrscht, sondern, wie Thomas Knüwer es bereits in seinem Blog pointiert auf den Punkt gebracht hat, von jenen Alten, die noch überwiegend ohne Internet aufgewachsen sind. Ein Blick auf die Bevölkerungspyramide zeigt, dass das vermutlich auch noch für die nächsten beiden Bundestagswahlen der Fall sein wird. Dieses Klientel sitzt auf Vermögen, das es zu verteidigen gilt. Die „Zwischendrin“-Generationen 50- und 60-plus haben kein Interesse an Experimenten. Sie wissen, sie werden von den Vorzügen der neuen Technologien nicht mehr profitieren, zumindest nicht aktiv. Da immer weniger von ihnen Kinder haben, interessieren sie sich auch nur bedingt dafür, was nach ihnen kommt.

Mal abgesehen davon, dass das mit dem Keine-Kinder-haben weniger die Jahrgänge nach 1960 betrifft (nach dem Pillenknick geht es mit der Geburtenrate Ende der 70er Jahre erst einmal wieder aufwärts), sondern in weitaus stärkerem Maße für die nach 1970 Geborenen zutrifft (in deren Fertilitätsphase sackt die Geburtenrate noch einmal kräftig nach unten), ist das unterstellte Desinteresse an Zukunft doch reichlich infam.

Google zum 15. Geb.

Google Doodle zum 15. Geb.

Es wäre interessant zu erfahren, auf welche Erfahrungen sich Gutjahrs Zuspitzung stützt, die „Zwischendrin-Generation“ 50- und 60 plus sei nur an der Verteidigung ihres Besitzstandes interessiert, wolle keine Experimente und sei an den „Vorzügen“ der neuen Technologien und an dem, „was nach ihnen kommt“, schlicht nicht mehr interessiert. Es soll ja tatsächlich noch Großeltern geben, die sich für die Zukunft ihrer Enkel interessieren und sogar zunehmend fleißig „Internet“ lernen und in sozialen Medien kommunizieren. Zunächst klingt das aber sehr vorurteilsbehaftet und sehr pauschal nach dem Stereotyp der sauertöpfischen Alten, die nur noch an sich selbst und ihre bescheidene Lebenserwartung denken. Da soll Richard Gutjahr doch einfach mal einige dieser „Alten“ fragen, was sie von seinen Thesen halten! Wirtschaft und Einzelhandel haben dagegen die Zielgruppe der gut situierten, lebenslustigen Senioren-Konsumenten längst äußerst ertragreich ins Visier genommen.

Es spricht schon eine ganze Menge Unkenntnis und Unverfrorenheit gegenüber dem Zusammenspiel und den Unterschieden der Generationen aus diesen  Thesen. Jedenfalls wirken sie doch arg konstruiert und an den Haaren herbei gezogen, weil einem offenbar sonst nichts Gescheites dazu einfällt. Diffamierung ist auch eine Art von Wählerbeschimpfung, und zwar keine noble und schon gar keine begründete.

„Dazu“ – damit meine ich das Thema Netz und digitale Wirklichkeit, also das, was Gutjahr recht euphorisch mit den „Vorzügen der neuen Technologien“ meint. Ob er dabei heute, am 15. Geburtstag von Google, an die „asymmetrischen Mächte“ der „Informationsökonomie“ denkt? Frank Schirrmacher weiß dazu einiges zu sagen an Chancen, aber auch gewaltigen (asymmetrischen) Risiken. Oder denkt er dabei an Apples schöne neue (geschlossene) Welt? Oder an die NSA, die sich laut ihres Chefs Alexander damit brüstet, Amerika habe das Internet geschaffen, jetzt könne es dieses auch ausnutzen wie es wolle? Oder meint Gutjahr mit den wichtigen Zukunftsthemen auch das (zitierte) Thema Netzneutralität, aber bitteschön doch so genau und ausführlich als Problem dargelegt und erfasst (siehe Richard Sietmann bei Heise), dass man hier schwerlich nur zu einer Schwarz-Weiß-Malerei kommen kann? Immerhin, Datenschutz wird von Gutjahr als wichtiges Zukunftthema wenigstens erwähnt. Manche Älteren dürften in dieser Hinsicht sehr viel sensibler und (begründet) zurückhaltender sein als manche Junge, die (angeblich) alles Technische geil finden. Aber wahrscheinlich ist auch dies nur ein gerne bemühtes, dennoch falsches Stereotyp. Stereotypen und Vorurteile – und erst recht primitive Schuldzuweisungen bringen einen hier kaum weiter.

Vielleicht wäre es tatsächlich angesagt, inhaltlich zu diskutieren, in welcher Welt wir in der digitalen Gegenwart und Zukunft eigentlich leben wollen. Es ist die einfache Begründung Edward Snowdens für sein Tun, dass er in einer Welt, wie er sie in seiner beruflichen geheimdienstlichen Praxis kennen gelernt hat, nicht leben möchte. Darüber wäre es sinnvoll zu diskutieren. Welche Welt wollen wir für uns und unsere Nachkommen? Welche Bürgerrechte sollen gelten? Wieviel Privatheit, wieviel Respekt gegenüber der Person ist unerlässlich? Wie kann man die Asymmetrie von big data ausgleichen und unter Kontrolle bringen? Wie kann nun nachträglich verhindert werden, dass „die schöne neue Welt der NSA nichts anderes [ist] als Wal Mart plus staatlichen Gewaltmonopols minus politischer Kontrolle“, wie Schirrmacher treffend formuliert? Wie also lassen sich die gewaltigen Potentiale der neuen Techniken demokratisch einhegen und zum Nutzen aller (Bildung!) einsetzen, und zwar unter der Geltung des Rechts und der Freiheit, national wie international?

Fragen über Fragen, und wahrlich genug wichtige Zukunftsthemen. Ich bin sicher, dass daran sehr viele Menschen, Bürger, Wählerinnen, egal welchen Alters, interessiert sind. Diese Themen sind bisher kaum ausreichend und über die Grenzen der digital natives hinaus kommuniziert worden. Dafür wird es aber höchste Zeit. Das ist nicht nur ein Problem für die großen Parteien wie die SPD, das ist schon gar nicht bloß ein Problem für Randgruppen wie die Piraten, und das ist erst recht kein Problem, das nur die Jungen interessiert und die Älteren ausschließt. Das alles ist als gesellschaftliches Thema dran und gehört in die Öffentlichkeit, in Diskussion, Information, Rede und Gegenrede. Raus aus dem Käfig der „Netzgemeinde“ !

Lieber Thomas Knüwer, lieber Richard Gutjahr, liebe N.N., ihr habt es euch einfach zu leicht gemacht. Ihr seid zu oberflächlich. Das war nicht ausreichend. Setzen. Noch einmal neu nachdenken.

 27. September 2013  Posted by at 16:14 Gesellschaft, Internet Tagged with: , , , ,  1 Response »
Aug 252013
 

Letztens ging ein #aufschrei durchs Netz. Es war zwar fast nur ein Twitter-Hype, aber er schaffte es sogar, kurzzeitig in die Aufmerksamkeitszone der herkömmlichen Medien zu gelangen. Diese Protestaktion gegen Sexismus im Alltag hat den Grimme-Online-Preis gewonnen. Das wars dann aber auch. Der unerwartete Aufschrei fiel glatt ins Sommerloch.

Der eine oder andere erwartbare Aufschrei fand dagegen überhaupt nicht erst statt. Das Abschlachten in Syrien geht unvermindert weiter, und niemand weiß, wie es mit halbwegs kalkulierbarem Risiko zu stoppen ist. Ganz abgesehen von den politischen Verwicklungen und divergenten Interessenlagen (immerhin findet in Syrien derzeit ein Stellvertreterkrieg statt mit Iran / Russland auf der einen Seite, Saudiarabien und dem Irak auf der anderen Seite, den USA recht hilflos irgendwo dazwischen) – also ganz abgesehen von dem menschlichen Elend, der völligen humanitären Katastrophe hält sich in unserer Öffentlichkeit ein Protest, ja nur ein näheres Interesse deutlich in Grenzen. Es ist hier jetzt wie zu allen Zeiten: Was einem nicht auf die Pelle rückt, betrifft uns nicht wirklich. Da gilt wie ehedem das Zitat aus Goethes Faust (1. Teil Kap 5 Vor dem Tor):

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

Von Aufschrei keine Spur. Allenfalls die steigenden Zahlen von Asylbewerbern beunruhigen – wieder einmal. Ansonsten ernste, wortreiche Erklärungen des / der Außenminister – das wars. Business as usual.

Journalisten und viele im Netz Aktive (um den elenden Begriff Netzgemeinde zu vermeiden) sind von #PRISM, #SNOWDEN und #NSA, zuletzt gar dem Vorgehen der britischen Behörden gegen den #GUARDIAN aufgewühlt und empört. Ich selber schrieb vor einigen Tagen, die erste Veröffentlichung des Guardian über #XKEYSCORE am 31. Juli („7/31“) könnte so etwas wie ein Menetekel, wie eine Zeitenwende bedeuten. Offenbar habe ich mich getäuscht, zumindest was das öffentliche Interesse betrifft. Es gibt nämlich keines, nur das Interesse einer Minderheit. Von einem Aufschrei keine Spur.

Schlacht vor Wien 1683

Schlacht vor Wien 1683 (Fr. Geffels, Wikimedia)

Das Thema Datenschnüffeln und Datensicherheit bewegt weder den Normalbürger noch ist es im Wahlkampf von irgend einer Relevanz. Das zeigt zumindest alle bisherige Meinungsforschung dazu. Auch hier wird offenbar nur dasjenige in die eigene Meinungsbildung übernommen, was unmittelbare Bedeutung für den Alltag hat: Die Reserviertheit gegenüber dem Online-Banking wächst wieder. Kein Wunder. Aber die Willkürmaßnahmen gegenüber Whistleblowern (Manning, Snowden) und Journalisten (Greenwald, Miranda, Rusbridger), das Außerkraftsetzen des Rechtes auf freie Meinung durch Sicherheitsbehörden, das Umdeuten von Aufklärern über Rechtsverletzungen durch Staaten zu nationalen Verrätern und Kriminellen berührt tatsächlich nur die Interessen und die Aufmerksamkeit einer Minderheit. Keinerlei Aufschrei, wie von vielen erhofft.

Dass Google, Yahoo, Amazon und Facebook, dass aller Emailverkehr erklärtermaßen der lückenlosen geheimdienstlichen Nachforschung und gegebenenfalls Zensur unterliegen, wird irgendwie als schicksalhaft und unabwendbar, wenn nicht als erwartbar / befürchtbar und für den Alltag irrelevant hingenommen. Dieses Faktum als solches ist irritierend. Dass bei hochkomplexen Zusammenhängen nicht alles verstanden und erklärt werden will, sondern man sich allenfalls auf die unmittelbaren Auswirkungen auf das eigene alltägliche Leben beschränkt, ist eine nachvollziehbare und praktisch erfolgreiche Reaktion. Ehe man dagegen den moralischen Zeigefinger erhebt, möge man im Blick auf die jeweiligen Lebensverhältnisse prüfen, ob man sich das anders überhaupt zeitlich und existenziell leisten kann und will. Die im Faust beschriebene Haltung des „anderen Bürgers“ ist lebenspraktischer Alltag. Ich möchte es wohl anders, aufgeklärter, engagierter und mutiger, kanns aber durchaus verstehen, dass es so ist, wie es ist.

Weniger Verständnis habe ich allerdings für Äußerungen und Positionen, die die ersichtliche Gleichgültigkeit zumindest einer Mehrheit in der Bevölkerung nun wiederum ideologisch interpretiert und der Verdummungsstrategie des Staates / des Kapitals / der Mächtigen / der Medien zuschreibt. Da wird die erlebte Ohnmacht umgedeutet in eine infame Strategie der Einlullung durch „Brot und Spiele“. Als ob die Menschen gezwungenermaßen zu Tausenden in die Fußballstadien gingen oder SKY guckten. Die seltsamste Blüte ist es, wenn dafür nun ganz unkritisch und wenig soziologisch begründet der angeblich themenlose, konturlose Wahlkampf Merkels verantwortlich gemacht wird. Psychologisch könnte man dies Verhalten als Verschiebung vom nicht greifbaren, anonymen Big Brother (NSA und Big Data) auf eine konkrete Einzelperson bezeichnen. Das ist allzu durchsichtig und wirklich keinerlei Beachtung wert.

Es bleibt das mulmige Gefühl, dass da in der Welt derzeit einiges vor sich geht, das wenig zu fassen, zu begreifen, zu kontrollieren und in seinen Folgen abzusehen ist. Die natürliche Reaktion darauf ist Verunsicherung. Verunsicherung kann aber nur dann den Status einer intellektuellen Haltung verlassen, wenn bestimmte Verhältnisse als für den Alltag bedrohlich eingeschätzt werden. Das gilt für die Stabilität des EURO und die Schuldenkrise offenbar in viel stärkerem Maße als für alle anderen bisher behandelten Themen. Und auch dabei kann man ja fest stellen: So lange das eigene Konto und die eigenen Kredite sicher und unter Kontrolle bleiben, ist auch hier nur mäßige Aufregung angebracht. Das bekommt die AfD zu spüren. Kein Aufreger, ganz zu schweigen von Aufschrei.

Als Hintergrund dieser Grundhaltung in der mehrheitlichen Öffentlichkeit kann ich weniger die private Desinteressiertheit des „deutschen Michel“ entdecken, als einen sehr pragmatischen Umgang mit sogenannten Aufreger-Themen. Katastrophenalarme gibt es ja zuhauf: Energie, CO2, Klima, Fleisch, Grippe usw. Da ist es durchaus rational, statt jeweils dem Aufschrei einer Gruppe von Aktivisten, Netzgemeinde oder intellektueller Öffentlichkeit zu folgen (und seien deren Motive wie die der Menschenrechtsgruppen noch so ehrenwert), sich ganz pragmatisch auf das zu besinnen, was man vor Augen hat: Es geht wirtschaftlich gut, die Löhne steigen, der Export brummt, die Wirtschaftsaussichten sind gut. Natürlich, es könnte alles ganz schnell ganz anders sein. Aber jetzt ist es nun einmal so, Wahlkampf hin, Wahlkampf her. Keine Veränderung angesagt. So what?

Und – wer wollte diesen Pragmatismus und diese Gelassenheit verdammen? Allzu viel Aufschrei macht eher gleichgültig. Auch wenn man dann vielleicht den Moment, wo es wirklich einen Aufschrei geben müsste, verpasst.

 25. August 2013  Posted by at 11:44 Gesellschaft, Internet Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Der fehlende Aufschrei
Aug 092013
 

Zwei Themen sind es, die in den Medien / Blogs / Communities mehr oder weniger nachdrücklich verfolgt werden. Der Springer – Funke – Deal und der Verkauf der „Washington Post“ an Jeff Bezos (Amazon) befördern enthusiastisch zustimmende oder apokalytisch kopfschüttelnde Reaktionen und Voraussagen über das große Zeitungssterben oder eben die digitale Wende / Dividende eines netztauglichen Journalismus.

Don Alphonso (Rainer Meyer) hat dazu heute eine bitterböse Glosse geschrieben: „Internet – Opas erzählen vom Zeitungskrieg“.

Man sieht recht klar, wie sich die Zeitungslandschaft verändert, welche unternehmerischen Reaktionen es gibt (Paywalls bei der BILD („premium“), WELT und NZZ bis hin zu einem offenen hochwertigen Internet-Angebot bei der FAZ und SÜDDEUTSCHEN). Bezos hat nüchtern fest gestellt: „Im Web zahlen die Menschen nicht für Nachrichten, das wird sich auch nicht mehr ändern.“ Wer weiß? Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist die Bewertung dieser Entwicklung. Da gehen die Meinungen weit auseinander, vom völligen Verschwinden der Tageszeitungen bis zur Vision eines neuen Online-Journalismus der Zeitungen im Netz. Zwischen Döpfner (Springer), Bezos, Sixtus schwimmen da die unterschiedlichen Meinungen. Klar ist hier nur so viel, dass noch gar nichts klar ist. So lange die Entwicklung im Fluss ist, sind Prognosen Ratespiele.

Das andere Thema, das immer wieder mit neuen Details in den Vordergrund gerät, ist der massenhaften Datenabgriff durch #NSA, #BND, #GHCQ und andere. Sicherheit und der Schutz der Privatsphäre im Netz stehen auf dem Spiel. Hier ist die Verunsicherung noch größer. Die Frage nach der Rechtmäßigkeit von Schnüffeln, Lauschen, Überwachen ist ja nur die eine Seite. Da geht es um die Beachtung und Gewährleistung des nationalen Rechts. Aber das Internet ist nun einmal nicht national, und das Recht gilt allenfalls bei dem unrechtmäßigen Datenzugriff auf die eigenen Bürger.

Senate House, UoL

Orwells „Ministerien“ – London (Wikimedia)

In der Bewertung gehen auch hier die Meinungen weit auseinander. Einigkeit besteht nur darin, einen Rechtsbruch, so er denn vorliegt, anzuprangern, gerichtlich zu verfolgen und abzustellen. Dass hier grundlegende Freiheitsrechte des Bürgers und Grundrechte unserer Verfassung auf dem Spiel stehen, ist deutlich (siehe vorigen Blogbeitrag zu XKEYSCORE). Darüber aber, wie denn diese Durchsichtigkeit des Einzelnen im Internet zu bewerten ist, gehen die Meinungen auseinander.

Datenspuren müssen nicht nur heimlich aufgezeichnet und verarbeitet werden. Vieles, vielleicht sogar das Meiste über sich selber gibt jeder freiwillig preis, sei es in Onlineshops, Foren oder Communities wie Facebook. Dass die Websuche bei Google Nutzerverhalten auswertet, wird bei zielgenauerer Suche als ein Komfortmerkmal wahr genommen. Nun geht aber die Datenerfassung weit über gezielte Werbung hinaus. Für den, der will und über die Infrastruktur verfügt (Sicherheitsorgane, private Unternehmen) bleibt kaum mehr etwas verborgen. Wir sind gläsern, und unsere Vorlieben sind erkennbar und unser Verhalten ist ziemlich sicher vorhersagbar. Was bedeutet das?

Dazu gibt es grundsätzlich verschiedene Einstellungen. Die einen fühlen sich nackt und entblößt und in ihrer Privatsphäre verletzt – und darum verunsichert und beschämt. Dem Schutz der Privatsphäre wird ein hoher Stellenwert eingeräumt. Wenn es schon staatlichen Organen und dem nationalen Recht nicht gelingen sollte, hier Schutzschranken zu errichten, dann muss der Einzelnen selber Vorsorge treffen. Anonymisierungsdienste und Verschlüsselung sind dann erforderlich, selbst wenn es noch wenig verbreitet und unbequem im Einsatz ist. Hierhin gehört auch das Stichwort der „Datensparsamkeit“ (Evgeny Mozorov) oder Netzenthaltsamkeit.

Andere halten das für überzogen, gar überkandidelt und für die meisten wenig praktikabel. Wahrscheinlich wird sich der Normalnutzer im Netz sowieso weiterhin verhalten wie bisher. Heimlich ausgeforscht zu werden tut ja nicht weh. Oder ist hier doch eine größere Betroffenheitsreaktion zu erwarten, nicht nur von kleinen, sach- und netzkundigen Bürgerrechtskreisen?

Noch andere sehen ganz gelassen etwas Wirklichkeit werden / sein, was sie längst erwartet haben und begrüßen: Das Ende der bürgerlichen, postmodernen Privatheit. Hiernach ist der Netizen die Avantgarde einer neuen Netzpersönlichkeit, die über oder jenseits der Unterscheidung von privat und öffentlich steht. Es ist nicht weniger als die Vision eines neuen Menschen, des homo reticulatus, des netzförmigen Menschen. Hier ergeben sich viele Weiterungen hin auf die Menschmaschine, die schon dem 18. Jahrhundert vorschwebte, oder auf Mensch-Computer-Hybriden eines Ray Kurzweil. Wer leichthin über die Mensch-Maschine-Einheit redet, sollte sich dieses zum Teil totalitären Zusammenhangs bewusst sein. Denn Kennzeichnen dieser Netz-Mensch-Maschine ist die völlige Kontrollierbarkeit.

Der Einzelne gilt nichts, das Netz weiß und kontrolliert alles. Es scheint manchen, wir seien nah dran.

Man könnte meinen, die Diskussion über diese unterschiedlichen Grundeinstellungen würde nun richtig ausbrechen angesichts der Brisanz des Netzes und big data. Doch nichts geschieht. Die Internetszene, gerade in ihren lautstarken und meinungsführenden Verfechtern, hält sich auffällig bedeckt. Das Piraten-Stichwort „Transparenz“ ist aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Diese NSA-Transparenz hatte man wohl nicht im Sinn.

Darum kann man mit gutem Grund fest stellen, dass die allgemeine Verunsicherung gerade in der Netzgemeinde groß ist, größer als in der breiteren Öffentlichkeit. Bisher gab es da viel Spielerisches, Unernstes, nur scheinbar Politisches. Auf einmal hat die Wirklichkeit das schöne Internet mit seinen vielen Möglichkeiten und Spielwiesen eingeholt. Andere haben sich des Netzes bemächtigt. Kann man sich da über die allgemeine Verunsicherung wundern?

Sie sollte uns produktiv und realistisch werden lassen.

 9. August 2013  Posted by at 11:34 Gesellschaft, Internet Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Allgemeine Verunsicherung