Jan 162019
 

Auch ARD – Faktenfinder ist einseitig.

Kürzlich rauschte diese Meldung durch die Medien: Ältere und Konservative teilen öfter Fake News. Hängen blieb vor allem das Verhalten „Älterer“. Der ARD – Faktenfinder hob nur noch den auffälligen Aspekt des Alters hervor. Die meisten Presseartikel bezogen sich auf den Bericht der Washington Post vom 09.01.2019 über eine Studie von Wissenschaftlern der Princeton University und der New York University, veröffentlich in der Zeitschrift Science Advances am selben Tag. Die deutschsprachigen Presseberichte haben allerdings die Studie selber kaum eingehender zur Kenntnis genommen und analysiert.

Der ARD – Faktenfinder sticht an Ungenauigkeit und tendenziöser Vereinfachung heraus. In den Mittelpunkt wird hier gestellt, dass es besonders Ältere, über 65 Jährige sind, die laut Studie besonders häufig Fake News teilen. In der Überschrift werden zwar noch „und Konservative“ ergänzt, in der weiteren Zusammenfassung kommen sie aber kaum mehr vor. Dieser oberflächliche und verzerrende „Faktenfinder“ wird im Blog ScienceFiles – Kritische Sozialwissenschaft gründlich auseinandergenommen und zudem die zugrunde liegende US-Studie bei ScienceAdvances als methodisch mangelhaft kritisiert. Die Kritik ist stichhaltig und überzeugend – lies dort.

fakenews
(C) Associated Press

Ähnlich einseitig nimmt Dirk von Gehlen in einem Post auf Twitter und in einem Blogbeitrag „Der Typ, der nie übt“ auf das angeblich signifikante Ergebnis der Studie Bezug. Sein Interesse daran formuliert er so: „Mir geht es darum, dass man stets weiter lernt. Medienkompetenz ist nicht nur ein Thema für Schulen“ (Twitter). Das ist uneingeschränkt zu begrüßen. Fragwürdig ist der vorletzte Absatz in seinem Blog:

Das ist deshalb schade, weil ich Ende der Woche gelesen habe, wer in Sachen Medienkompetenz offenbar besonderen Nachholbedarf hat: Nicht diese vermeintlich problematischen jungen Leute, sondern Menschen über 65 Jahre. Die Typen, die nie nicht mehr üben. Denn: „Nutzer im Alter von 65 Jahren oder älter teilen „fast sieben Mal mehr“ Artikel von Falschmeldungen verbreitenden Internetadressen als 18- bis 29-Jährige, wie aus einer Studie der Universitäten Princeton und New York hervorgeht“, schrieb der Faktenfinder der Tagesschau und ergänzte: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen.“

(Digitale Notizen, 11.01.2019)

Gehen wir einmal davon aus. die Studie hätte recht und würde als ein allgemeingültiges Ergebnis haben, was der Faktenfinder so formuliert: „Nutzer sozialer Medien ab 65 Jahren teilen fast sieben Mal mehr Falschmeldungen im Netz als Jüngere.“ Lassen wir die methodischen Mängel, die geringe statistische Basis (Von 1191 Facebook – Nutzern haben nur 8,5 % = 101 Nutzer überhaupt ein- oder mehrmals auf Webseiten verlinkt, die potentiell Fake News verbreiten, und nur davon waren die meisten älter und konservativ.) und den besonderen Untersuchungszeitraum (Sommer 2016 während des US – Wahlkampfes Trump – Clinton) außer Acht, dann sind doch die Schlussfolgerungen der Autoren umso bemerkenswerter. Hier fasst der Faktenfinder korrekt zusammen: „Die Autoren begründeten das Ergebnis mit der mangelnden digitalen Medienkompetenz älterer Menschen sowie mit einem schlechteren Erinnerungsvermögen.“ Kurz gesagt: Ältere Internetnutzer sind dumm und blöd. Schauen wir uns dies diskriminierende „Ergebnis“ genauer an.

Zunächst räumen die Autoren der Studie ein, dass trotz der sehr geringen Teilen – Aktivität es erwartbar ist, dass besonders konservative Facebook – Nutzer von Fake News Websites angesprochen werden und sie gelegentlich teilen, und zwar angesichts der „overwhelming pro-Trump orientation in both the supply and consumption of fake news during that period“ – „is perhaps expected“. Sie fragen weiter, warum die ältere Generation so anfällig für Fake News sei, allerdings ohne die Möglichkeit zu erwägen, dass ohnehin eher die Älteren zur Gruppe der Konservativen und sehr Konservativen (Selbsteinschätzung) gehören, und ohne ferner zu erwägen, dass vielleicht die beobachteten Webseiten ohnehin speziell auf die Sorgen und Ängste Älterer, Abgehängter bzw. sich abgehängt Fühlender ausgerichtet sind. Das könnte ja dazu führen, dass man genau das Ergebnis herausbekommt, das man vorausgesetzt hat: Wer besucht Webseiten, die sich an Ältere und Konservative, potentielle Trump-Wähler richten? – Ältere und Konservative. Allerdings äußern sich die Autoren auch hier vorsichtig: „Given the general lack of attention paid to the oldest generations in the study of political behavior thus far, more research is needed to better understand and contextualize the interaction of age and online political content.“

Dann nennen sie aber doch zwei „potential explanations“, die ausdrücklich weiter untersucht werden sollten. Es handelt sich also um mögliche Interpretationen des Ergebnisses, wie sie die Autoren vermuten, aber nicht belegen können. Ich zitiere:

First, following research in sociology and media studies, it is possible that an entire cohort of Americans, now in their 60s and beyond, lacks the level of digital media literacy necessary to reliably determine the trustworthiness of news encountered online .

A second possibility, drawn from cognitive and social psychology, suggests a general effect of aging on memory. Under this account, memory deteriorates with age in a way that particularly undermines resistance to “illusions of truth” and other effects related to belief persistence“.

Even if our models are correctly specified, we use observational data that cannot provide causal evidence on the determinants of fake news sharing.

„Lack of digital literacy“ und „the effect of aging memory … memory detoriates“, also fehlende digitale Kompetenz und Gedächtnisschwäche mit der Unfähigkeit, wahr von falsch zu unterscheiden (!) – sind die beiden Kernpunkte der „Erklärung“. Die Autoren räumen am Ende der Studie aber ein, dass hier nicht von einer kausalen Verknüpfung die Rede sein kann, immerhin.

Dagegen führt schon der im Übrigen ausführlich berichtende Artikel der Washington Post eine Stellungnahme eines weiteren, nicht an der Studie beteiligten Forschers an:

Harvard public policy and communication professor Matthew Baum, who was not part of the study but praised it, said he thinks sharing false information is “less about beliefs in the facts of a story than about signaling one’s partisan identity.” That’s why efforts to correct fakery don’t really change attitudes and one reason why few people share false information, he said.

However, Baum said in an email that conservatives post more false information because they tend to be more extreme, with less ideological variation than their liberal counterparts and they take their lead from President Trump, who “advocates, supports, shares and produces fake news/misinformation on a regular basis.”

Washington Post, 09.01.2019

Baums Auffassung klingt schon sehr viel überzeugender. Der Washington Post – Artikel weist ferner auf das verstärkte Bemühen von Facebook hin, Fake News einzudämmen.

After much criticism, Facebook made changes to fight false information, including de-emphasizing proven false stories in people’s feeds so others are less likely to see them. It seems to be working, Guess said. Facebook officials declined to comment.

So muss denn der Princeton – Professor Andrew Guess zugeben: „“I think if we were to run this study again, we might not get the same results.” Das bedeutet dann aber wohl, dass einer der Autoren die Relevanz ihrer Studie für äußerst begrenzt hält. Sie kann keinesfalls dazu dienen, pauschal eine Altersgruppe für den wachsenden Zuspruch von Fake News Websites oder Facebook – Links veranwortlich zu machen. Die Interpretation, die sie liefern, sagt tatsächlich mehr über die Voreinstellungen der Forscher aus als über valide Erkenntnisse aus einer (noch dazu problematischen) sozialwissenschaftlichen Untersuchung. Hier äußern sich Mitglieder der US-amerikanischen Ostküsten – Elite; sie können mit ihren „explanations“ allenfalls das Vorurteil der Voreingenommenheit bestätigen. Und das liegt sicherlich nicht in ihrem ausdrücklichen Interesse.

Die Washington Post dagegen zeigt durch ihren gründlich recherchierten und sachlich argumentierenden Beitrag, wie Qualitätsjournalismus funktionieren sollte. Da können sich einige deutsche Medien und Journalisten eine Scheibe von abschneiden.

Reinhart Gruhn

 16. Januar 2019  Posted by at 14:00 Daten, digital, facebook, Konservative, Medien, News, social media, USA Tagged with: , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Social Media und Fake News
Dez 092012
 
Hoch oben über dem Norden in einer Cloud. Tim Apfelbutz, Eric Findetalles und Jeff Hatalles, die Glorreichen Drei, sitzen gemütlich zusammen und trinken heißen Cyberwein. Vor ihnen liegen Adventspäckchen. „Na mach schon auf“, drängt Eric Findetalles, und Tim Apfelbutz nestelt am Papier. „Ein kleiner Androide, wow!“ schnieft er, nicht ganz sicher, ob er sich darüber wirklich freuen soll. „Aber für dich habe ich auch etwas“, meint er, und schiebt Jeff Hatalles ein Päckchen rüber. Der: „Oh toll, ein oPid, wie schick das aussieht“, lügt er lachend, „aber hier kommt mein Knüller“, und damit reicht er sein Päckchen zu Eric. „Geil, ein Findle, wie weißpapier!“ – „Na dann Prost auf das erfolgreiche Jahr!“ – „War galaxtisch!“ – „Eher !fontastisch!“ – „Auf jeden Fall firelich.“ „Prost auf Digitalien!“

 

„Ja wenn doch alles so einfach wäre wie da unten rechts in akiremA. Die Leute sind einfach begeistert von all den Gadgets, kaufen unser Spielzeug wie wild und sind ganz schnell überzeugt, dass sie ohne das alles nicht mehr leben können. Unsere Fan-Shops brummen!“ Tim popelt in seinem Apfelloch. Aber die beiden anderen nicken. „Jedenfalls nicht so kompliziert wie dort links, in aporuE. Einerseits toll. Da gibts richtige Jünger-Gemeinden, die glauben an uns und feiern das Groosle-Reich.“ – „Stimmt, Eric, aber wo’s um Glauben geht und wo Jünger sind, da ist auch der Ketzer nicht fern. Da gibts welche, die glauben einfach nicht, dass du nie böse bist!“ – „Dabei wollen wir doch nur ihr Bestes, ihre niedlichen kleinen, für sie völlig unbedeutenden data!“ fällt Jeff ein. „Und sie geben sie uns ja auch meist freiwillig gerne. Guck nur auf den Zauberberg!“ Andächtiges Nicken. – „Wenn da nicht die Grauen Männer aus der analogen Steinzeit wären“, seufzt Eric. „Faseln was von Persönlichkeit und Kontrolle, sogar DATENSCHUTZ“ – „Igitt – furchtbar – antigalaktisch – der analoge Billseibeiuns!“

Clouds

 

Eine Weile herrscht Stille. Nachdenken. Das Fire knistert, Eric summt vor sich hin: „Summ, sung sung, Bienchen sam herum.“ – „Das ist doch kein Weihnachtslied. Lieber dieses: Leise pieselt der Schnee…“ – „Nix da, gekokst wird hier nicht. Wir haben noch eine Aufgabe. Wir dürfen niemals so werden wie DIEDA.“ Alle zucken zusammen. Sie schauen sich vorsichtig um. Richtig, dort hinten, fern der großen Cloud, sitzen zwei Gestalten, ergraut, etwas zusammen gesunken, versuchen irgendwelche Fäden zusammen zu halten, schielen bisweilen hinüber zu den Glorreichen Drei. Ihr ahnt schon, wer es ist. Da hocken Steve Winzigweich und St. Paul, genannt Otello. „Seit ihr eherner Moor nichts mehr einbringt, sind die richtig verzweifelt geworden“, meint Jeff Hatalles mitleidig. „Jetzt hat Steve sogar seine Fenster zum Fenster raus geworfen.“ – „Bedauernswerte Gestalten“, grunzt Eric, „die kriegen keinen mehr hoch, keinen ARM meine ich.“ Tim Apfelbutz kichert. „Zu denen sollte mal Knecht Fuchscenn kommen mit Sack und Rute! Der bringt unartige Kinder erfolgreich zur Raison.“ Der Lacher bleibt aus. „Nicht gut fürs Image“, knurrt Jeff. „Pass du lieber auf Sina Copyconn auf.“ – „Hört auf euch anzugiften!“ geht Eric Findetalles dazwischen. „Wir haben Wichtigeres zu tun.“ Ein wenig ratloses Schweigen. „Crowd sourcing“, flüstert Eric, „WIR SIND doch die CROWD! Das NET! Die DATA!“

 

 

„Vielleicht sollten wir uns bei denen da drüben ein Beispiel nehmen. Die Dreieinigkeit dort.“ unterbricht Tim Apfelbutz die Stille. – „Wohl wahr, ein erfolgreiches Geschäftsmodell, hat schon über 2000 Jahre auf dem Buckel und funktioniert immer noch.“ – „Eine Gelddruckmaschine: GLAUBEN.“ – Wir müssen Glauben erzeugen.“ – „Glauben an uns. Vertrauen auf die Daten. Das Netz als Evangelium.“ – „Wir müssen es ihnen eintrichtern: Wir bringen die Freiheit. Allwissenheit. Fortschritt. Ewige Seligkeit. Amen.“ – „Nicht so dick, nicht so dick!“ – „Doch, mit der Hammermethode ‘Abhängigkeit’.“ – „Aber werden sie es schlucken, wenn wir so dick auftragen?“ – „Tun sie doch schon! Und merken es nicht einmal. Das Glaubensbekenntnis heißt: KAUFEN! Und sie kaufen, in kleinen oder großen Häppchen, sie nehmen alles, reißen es uns doch aus den Händen!“ – „Stimmt, das NETZ vermehrt sich wunderbar von selbst. Und wir halten bloß die Hände auf.“ – „Also was solls? Keine Probleme auf der Andrea Doria – weitermachen!“ – „Es wird ein glorreiches neues Jahr werden.“ – „Ja, Algo sei Dank – und Rithmo auch!“ – Die Glorreichen Drei prusten vor Lachen und prosten sich zu, der etwas schüchterne Tim Apfelbutz, der freundliche Eric Findetalles und der listige Jeff Hatalles: Stille Pracht, heilige Macht in der Cloud.

 

Unter der Cloud breitet sich eine herrliche neue Welt aus. DigItalien, DigItalien…

 9. Dezember 2012  Posted by at 13:48 digital, Satire Tagged with:  Kommentare deaktiviert für Himmlisches .dotpourri
Okt 152011
 
Manchmal bin ich erstaunt, wie unterschiedlich offenbar die Welten sind, in denen wir einzelne leben, oder anders gesagt, wie unterschiedlich wir unsere Um- und Mitwelt wahrnehmen. Auf der einen Seite liest man in Blogs, Foren, auf einschlägigen Webseiten im weiten Umfeld von CCC und Piraten, Datenschützern und Gesellschaftskritikern, wie sehr sich unsere Welt durch das „Netz“ bereits verwandelt habe. Um ein neues Wirklichkeitsverständnis scheint es da zu gehen, um eine völlig neue Dimension sozialer Kontakte und sozial-medialen Verhaltens. Die begriffliche Unterscheidung von „online“ Kontakten und „echten“ Kontakten wird kritisiert, da reale Welt und Internet eben eines seien: Das Netz ist Teil der realen Welt. Zweifelsohne. Aber die  Überlegungen, die nun darüber hinaus angestellt werden, und die Schlüsse, die gezogen werden, gehen doch in eine sehr viel grundsätzlichere Richtung. Die Foren der Piraten geben drüber gut Aufschluss, aber auch Diskussionen bei Google+, und natürlich die Berichte über Tagungen und Barcamps wie gerade an diesem Wochenende „#om11„, also die „open mind“ – Wochenendtagung in Kassel. Die Themen dort klingen sehr interessant, und ich lese gerade die aktuellsten Kurzberichte dazu bei Twitter. Die Wirklichkeit der „Netzwelt“ ist bereits eine andere geworden als die „analoge“ Welt vorher und ohne Netz. Das stimmt schon. Dass das Internet neben veränderten Produktionsweisen auch ein verändertes Kommunikationsverhalten hervor bringt, steht auch außer Zweifel. Aber wie weit ist es damit her? Und wie ist es bisher zu bewerten? Muss ich da gleich eine neue Gesellschaftstheorie bemühen (Kommunitarismus?) oder neue Strukturen der Kommunikation erkennen, die das menschlich-soziale Verhalten grundlegend verändern würden? Ich bin da vorsichtiger und beobachte erst einmal. Viele der vollmundig propagierten neuen Sichtweisen und Theorien sind doch arg marktschreierisch und auf Effekte der medialen Beachtung hin ausgerichtet. Sascha Lobos Kolumne gehört auf jeden Fall zu Letzterem. Andere bemühen in enorm aufgeblasener intellektueller Attitüde Theorien des Strukturalismus, sehen Niklas Luhman als neuen / alten Leitstern der Netzkultur, entdecken die Transpositionsgrammatik Chomskys als Erklärungsmuster des neuartigen Kommunikationsverhaltens oder flüchten sich gleich in die Bewusstseinserweiterung durch NLP. Was Wunder, wenn einem da die sozialen Webseiten oft eher als digitale Spielwiesen vorkommen.Ok, neue Entwicklungen, neue Medien, neue Möglichkeiten, die durch Techniken wie Internet und Kommunikationsplattformen wie Twitter (Frage: wieviel wird nur getweetet, wieviel replies?), facebook, G+ u.a.m. bereit gestellt werden, erfordern auch neue Antworten. Schon richtig.

Aber die „reale“ Welt, die ich im Alltag erlebe, sieht doch noch sehr anders aus. Da gehe ich ein den Supermarkt einer großen süddeutschen Lebensmittelkette einkaufen und freue mich, dass ich hier die
Waren in meinem Korb selber einscannen kann und dann am Kassenterminal nur zu bezahlen brauche – und wieder einmal ist das System abgestürzt und eine lokale Fachfrau versucht, das Programm wieder neu zu starten. Gelingt nicht – es ist Wochenende. Das war schon öfter so. Also wieder an der Fließbandkasse anstehen. Beim Reifenwechsel später kann ich in dieser Filiale einer Reifenkette heute nicht mit Karte bezahlen, da das Kartenlesegerät defekt ist – oder die Verbindung nicht klappt oder was auch immer. Vor ein paar Tagen wird vermeldet, dass ein regionales Catering-Unternehmen erheblichen Schaden hatte, da seine Steuerungssoftware ausgefallen war und Schulen und Kindergärten nicht rechtzeitig mit Essen versorgt werden konnten. In der hiesigen VHS steht zwar Internet zur Verfügung, man könnte es als Dozent prima einsetzen, wenigstens das Netzwerk im eigenen Hause, wenn es denn problemlos funktionieren würde und wenn die Teilnehmer bereit wären, vom geliebten „Arbeitspapier“ in gedruckter Form abzulassen. Und das ist nicht nur bei Älteren so. In der Arztpraxis arbeitet man mit einem recht alten Datensystem auf Win2000-Basis – ‚bloß keine Änderung, das läuft wenigstens‚. Alles nur Anfangsfehler, Anfangsschwierigkeiten, technische Unzulänglichkeiten? Oder ist unsere Welt einfach noch gar nicht so weit, wie die Avantgarden in den Universitäten und entsprechenden IT-Firmen uns glauben machen wollen. Und wenn dann großartig gemeldet wird, endlich seien auch die Politiker, wenigstens einige, aufgewacht: „Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier ist der erste Unionspolitiker, der direkten Anschluss an die digitale Welt sucht“ (FAZ) und dieser dann im zitierten Teaser erklärt:

 „Bis vor kurzem wusste ich nichts vom Netz. Mir war die gesellschaftliche und politische Dramatik, die von der rasanten Evolution des Internet ausgeht, bislang nicht einmal im Ansatz klar.“ Erste Erfahrungen mit Twitter machte er vor drei Wochen: „Als ich in einem Tweet bekannte, dass ich nicht wisse, wie man auf dem Blackberry Umlaute schreibt, dauerte es keine vier Minuten, bis mich von allen Seiten Tweets erreichten, in denen das prompt erklärt wurde.“

dann zeigt das doch eher eine Banalität als eine Kulturrevolution. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich glaube sehr wohl, dass die Entwicklungen, die durch das Internet bisher angestoßen werden und teilweise schon realisiert wurden, sehr weit reichende Folgen haben und noch mehr haben werden. Es besteht aller Grund, sich über die „Netzwelt“ Gedanken zu machen. Aber dabei geht es doch in der Regel um Zukunft, um eine sich allmählich vollziehende Veränderung, die sehr viel langsamer in die Alltagswelt und in unser Alltagsverhalten eindringt, als viele Nerds und IT-Profis meinen. Man darf halt seine eigene digitale Welt nicht für die allgemeine halten. Das gilt natürlich auch für mich. Aber ich halte die Augen offen, beobachte, lese, frage nach – und denke mir vorläufig meinen Teil.

 15. Oktober 2011  Posted by at 09:14 Bewusstsein, digital, Internet Kommentare deaktiviert für Leben wir schon digital?
Apr 172011
 
>Unter diesem Titel (ohne das Fragezeichen) ist in der Wochenendausgabe der FAZ vom 16.04.2011 ein Auszug aus dem Buch „Die Datenfresser“ von Constanze Kurz und Frank Rieger, das in diesen Tagen im S. Fischer Verlag erscheint, veröffentlicht (und einen Tag später auch einen weiteren Auszug in FAZ.NET): sehr gut erklärend, sehr sachlich urteilend, ohne jede Hysterie gegenüber irgendwelchen allseits so beliebten „Datenkraken“. Im letzten Absatz der Vor-Veröffentlichung heißt es: „Der wichtigste Schritt zur Rückeroberung der eigenen digitalen Mündigkeit ist daher: kritisch hinterfragen, welche Daten über uns wirklich erfasst, preisgegeben und womöglich für die digitale Ewigkeit irgendwo gespeichert werden müssen. Daten sind nicht nur Futter für die Algorithmen, die unser Leben immer weiter bestimmen, sie sind auch Macht über unser eigenes Schicksal. Es aus der Hand zu geben, indem wir alles leichtsinnig und bedenkenlos dem digitalen Gedächtnis anvertrauen, ist sicherlich nicht weise.“

Zwei ergänzende Aspekte möchte ich nennen – vielleicht sind sie ja im Buch berücksichtigt. Einmal ein Blick zurück. Schützenswerte persönliche Daten gibt es nicht erst, seit es Computer gibt. Wer um 1960 herum bei der  „Deutschen Post“ (ein Bundesamt, es gab sogar ein Bundespostministerium) einen Telefonanschluss beantragte, wurde automatisch in das „Öffentliche Fernsprechbuch“ aufgenommen, das, wie der Name sagt, öffentlich war, und zwar sehr öffentlich: Es lag zumindest für die eigene Region in jeder Telefonzelle aus. Jeder Telefonteilnehmer musste darin aufgenommen werden, und zwar mit Vor- und Zunamen sowie voller Anschrift. Ausnahmen davon, etwa bei Prominenten, bedurften besonderer Genehmigung. Das alles hat absolut niemanden aufgeregt, im Gegenteil, es gab unter uns Jugendlichen durchaus einen „Sport“ darin, „geheime Telefonnummern“ ausfindig zu machen. „Unrechtsbewusstsein“: null.

Dieser lockere Umgang mit den persönlichen Daten des Telefonanschlusses änderte sich etwas, als mit dem Personal Computer die Möglichkeit der „Rückwärtssuche“ aufkam. Das war zwar in Deutschland offiziell nicht erlaubt, aber es gab völlig legal CD’s aus Holland mit dem deutschen Telefonbuch zu kaufen, die die Rückwärtssuche (also über die Nummer Namen und Adresse ausfindig machen) zuließen. Da der Telefonbucheintrag inzwischen nicht mehr Pflicht ist und außerdem auf den bloßen Nachnamen beschränkt werden kann, hat sich dieser Fall der „Datenschnüffelei“ von selbst erledigt.

Noch etwas anderes war in der Zeit des nur „analogen“ Telefonanschlusses bei der Post möglich: das Mithören am Schaltkasten. In Spielfilmen jener Zeit kam dieses Mittel der durch das Fernmeldegeheimnis zwar verbotenen, aber technisch völlig leicht möglichen Praxis zu Hauf vor, sei es als Mittel der „Guten“ (= Polizei), sei es als infames Werk der „Bösen“ ( = Gangster). Ich erinnere mich an einen Kumpel jener Zeit, der eine Ausbildung bei der Post machte, Fernmeldewesen, und der davon erzählte, dass man gerne einmal, wenn der Meister bzw. Ingenieur, weg war, sich einen „Spaß“ machte und am Schaltkasten draußen an der Straße in das eine oder andere Ferngespräch hinein hörte – eine klassische „man in the middle“ – Attacke. Als „Datenschutz“ gab es nur das Vertrauen, das man haben musste, dass schon niemand von dieser leichten Möglichkeit unrühmlichen Gebrauch machen würde. Es war aber nie ein öffentliches Thema und hat niemanden aufgeregt.

Datenschutzgesetze gibt es erst ab den siebziger Jahren, zuerst übrigens im Land Hessen. Aber so richtig zum gesellschaftlichen Thema wurde es erst mit der Volkszählung und dem dazu ergangenen Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Dezember 1983. Das darin umschriebene „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ musste dann in der weiteren Gesetzgebung und Rechtsprechung Gestalt gewinnen, so wie es für das gerade beginnende Computer-Zeitalter angemessen war. Seit dem gibt es zu Recht Datenschutzgesetze für den Bürger (leider oftmals immer noch praktiziert als Datenschutz der Behörden gegenüber dem Bürger…), aber auch eine zunehmende Datenschutz-Hysterie. Das Thema ist immer wieder „in“ und eignet sich für Gruppen und Grüppchen ausgezeichnet dazu, irgendwelche politischen Interessen zu verbrämen, vor allem sich lauthals zu entrüsten. Eine besondere Note erhielt der „Streit“ um facebook, als die Verbraucherministerin Ilse Aigner im vorigen Jahr damit drohte, facebook nicht mehr zu benutzen oder gar ein entsprechendes, Google gleich mit bedrohendes Gesetz vorzubereiten. Dabei werden dem „Datenkraken“ (CCC) Facebook alle Daten seiner Mitglieder freiwillig und offenbar auch sehr unbedarft, auf jeden Fall sehr gerne und bereitwillig zur Verfügung gestellt. Da müsste der Datenschutz also beim bzw. durch den Nutzer selber anfangen! Genau auf diesen verantwortlichen Umgang mit den eigenen Daten weisen Kurz und Rieger völlig zu Recht hin.

Noch eine Überlegung zur „Macht des Schicksals“: Was ist eigentlich, wenn die Internetnutzer sterben? Leben deren Daten dann ewig weiter, sozusagen eine „digitale Ewigkeit“, wie Kurz / Rieger formulieren? Kein Spaß – im Ernst. Noch ist das kaum ein Problem, da das Internet und seine Nutzer noch jung sind. Das wird sich in 60 Jahren aber ändern, wenn die erste „Internet-Generation“ ins Sterbealter kommt. Kostenpflichtige Accounts (Email, Webspace, Handy) werden spätestens dann beendet, wenn nichts mehr bezahlt wird; es muss künftig also mehr abgemeldet werden als Strom und Wasser, wenn einer „abgemeldet“ ist. Dann sind die Datensätze der Verstorbenen aber bei Facebook, Google, Yahoo, Twitter, – bei Visa und Mastercard und allen weiteren „Daten-Dienstleistern“ und „Daten-Profilern“ noch immer da, verknüpft und vernetzt für immer … – wohl kaum. Spätestens dann, wenn die Datensammlungen mehr Datenleichen als Daten von Lebenden enthalten (in Deutschland dürfte das spätestens ab 2090 der Fall sein, denn die Zahl der Social-Web-Toten wächst nach der ersten Generation kontinuierlich) werden sich auch die Datensammler und Datenhändler etwas einfallen lassen müssen, wie sie die „toten“ Daten und ihre Verlinkungen aus den Systemen heraus bekommen. Wem soll das Verkaufsverhalten eines Kunden aus dem Jahr 2011 in 50 Jahren noch nützen?  Daten eines älteren Menschen wie mir sind dann jedenfalls nur noch „Dateileichen“ … 🙂

 17. April 2011  Posted by at 17:37 Daten, digital, facebook Kommentare deaktiviert für >Trau keinem Facebook – Freund — ?
Mrz 112009
 
>Ich musste selber staunen: 20 Jahre World Wide Web! 20 Jahre erst? Tatsächlich, erst 20 Jahre ist es her, dass ein damals unbekannter junger Wissenschaftler am CERN namens Tim Berners-Lee ein Thesenpapier zum besseren Informationsaustausch an diesem Institut und zwischen den in der Welt verstreuten Atomphysikern verfasste: eine Skizze dessen, was dann als WWW bekannt wurde. Auf dieses Dokument gehen die Definition der Internetsprache HTML, des Internetprotokolls HTTP und der Internetadressen URI und URL zurück. Drei Jahre später stellte das CERN diese neu geschaffenen Grundlagen eines weltweiten Computernetzwerkes der Öffentlichkeit unentgeltlich zur Verfügung. Ein Jahr später, 1994, wurde in den USA das World Wide Web Consortium „W3C“ zur Standardisierung und Überwachung der Regeln des WWW gegründet. Erst danach konnte das beginnen, was wir in den letzten Jahren als Internetboom erlebten. Ich reibe mir die Augen: Keine 20 Jahre ist das erst her?

Das eigene Erstaunen macht deutlich, wie sehr das Internet und seine Möglichkeiten in wenigen Jahren in unsere Lebenswirklichkeit eingedrungen ist und den Alltag verändert hat. Vieles ist gar nicht mehr weg zu denken: Emails, schnell verfügbare Infos, Online-Bestellungen und -Käufe, Finanzgeschäfte und Transaktionen mit einem „Mausklick„. Zu einem erheblichen Teil ist das, was wir auch Globalisierung nennen, erst durch das weltweite Netz und seine Verzweigungen möglich geworden. Eine Googlesuche mit dem Stichwort „Wirtschaftsnetze“ zeigt, wie sehr der Netzwerkgedanke in den Alltag der Wirtschaftsläufe Eingang gefunden hat, beispielhaft zu Geld und Erfolg gebracht durch das größte „Wirtschaftsnetzwerk“ Bloomberg. Natürlich gibt es Schattenseiten des Internetbooms , natürlich gibt es Missbräuche und erhebliche kriminelle Energie im Internet, aber das ist bei einer derart umfassenden Erfindung kaum vermeidbar, schließlich ist es Menschenwerk. Das Internet schafft aber eine digitale Welt, in die unsere junge Generation wie selbstverständlich hineinwächst und die den Älteren oft immer noch Schwierigkeiten bereitet. Inzwischen nutzen Alltagsdinge wie Telefone, Radio und Fernsehen, Kinos, Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und nicht zuletzt Computerspiele immer stärker und ausschließlicher die vernetzte digitale Form: Die digitale Netzwelt legt sich als ein alle Lebensbereiche durchdringendes Feld der Wirklichkeit über unsere „Realwelt“ – allein dieser Begriff macht den fundamentalen Wandel deutlich. Es ist eine zweite Welt in unserer Wirklichkeit entstanden, besser gesagt eine völlig neue Weise, an unsere Welt heranzugehen, sie zu betrachten und zu gestalten. Wenn dies keine kulturelle Revolution ist, dann weiß ich nicht, was dieses Wort sonst bedeuten soll. 
Dabei stehen wir erst am Anfang. Das Internet ist noch keine 20 Jahre alt und hat doch schon solch eine Revolution der Lebens- Arbeits- und Denkweise hervorgebracht: nicht absichtlich und programmatisch, sondern automatisch und allmählich. Man kann nur staunen, was in einer derart kurzen Zeit in und mit dem Internet bewegt worden ist. Was mag noch kommen? Das intelligente Netz? das semantische Netz? das superschnelle Hypernetz? Aufmerksam wird man zum Beispiel bei der Ankündigung einer ganz neuen Präsentation von Anfragen im Netz, bisher die Domäne von Google. „Wolfram Alpha“ verspricht manches, wovon der Internetnutzer bisher vergeblich träumt. Es zeigt, wie sehr wir da noch am Anfang stehen, wie sehr noch alles im Fluss ist: 20 Jahre nach Erfindung des Automobils war die Autowelt auch noch nicht perfekt!
 Das World Wide Web ist ein unverzichtbarer Teil unserer Lebenswelt geworden, auch meiner – sonst könnten Sie dieses Blog nicht lesen! Ist es gut? Ist es schlecht? Es ist genau das, was wir daraus machen. Es hat in jedem Falle das Potential, unsere Welt und unsere Lebensweise dauerhaft so zu verändern, wie es kaum eine andere  Entwicklung seit Erfindung des Buchdrucks vermocht hat. Ich bin gespannt und neugierig, was da noch kommt – und wie immer: think positive!
 11. März 2009  Posted by at 07:24 digital, Internet, Revolution, WWW Kommentare deaktiviert für >Eine erfolgreiche Revolution