Sep 042019
 

Gesellschaftliche Polarisierung und Desintegration

Weltweit polarisieren sich Gesellschaften. Das scheint in stärkerem Ausmaß als früher zu geschehen. Den „Oben – unten“ – Gegensatz hat es immer gegeben. Ob Herr – Knecht, Fürst – Vasallen, Kapitalisten – Arbeiter, Establishment – Normalos, Elite – Masse, – die Gegensatzpaare sind vielfältig. Heute kommt die Polarisierung zwischen religiösen (ideologischen) Eiferern und Modernisten, zwischen nationalkonservativen Beharrungskräften und global-freiheitlichen Fortschrittsanhängern hinzu, mit den unterschiedlichsten Schattierungen. Starke Führer sind wieder gefragt, illiberale Autokraten und messianische Egomanen. Für viele scheint es keine Alternative zu geben, die auf Rationalität, Diskussion und Ausgleich setzt. Kompromiss wird verpönt, ebenso Langfristperspektiven, wenn sie dem eigenen Machtausbau entgegenstehen. All dies kann mit Namen als Symbolen benannt werden und ist sattsam bekannt.

Es türmen sich aber auch weitere gesellschaftliche Probleme auf, die offenbar nicht nur bisher bekannten Erklärungsmustern entsprechen. Fragmentierte Gesellschaften hat es immer gegeben, kann auch gar nicht anders sein, weil Menschen und Gruppen sich unterscheiden, aber das Ausmaß der Fragmentierung (Minoritäten, Majorisierung, Ausgrenzung, Rassismus) ist heute doch so erheblich, dass eine neue Qualität erreicht scheint. Auch Kriminalität hat es zu allen Zeiten gegeben, wobei auch das Verständnis dessen, was als „kriminell“ oder als „terroristisch“ gilt, von Standpunkten und Herrschaftsinteressen abhängig ist. Die Konzentration von immer mehr Menschen in wachsenden Megacities treibt anarchische Entwicklungen auf die Spitze. Aber sind es wirklich Fehlentwicklungen, wenn es keinen gesellschaftlichen Ausgleich und vor allem auch kein Ausweichen gibt? Das stetige Wachstum der Weltbevölkerung verbunden mit dem Schrumpfen nutzbarer Lebensräume führt zu etwas, was die Schweizer vor Jahren polemisch als „Dichtestress“ bezeichnet haben. Global kann man aber sehr wohl von gesellschaftlichen Verdichtungen sprechen, die trotz räumlicher Enge und Vernetzung Kommunikation zwischen verschiedenen Gruppen erschweren und zu archaischem Abwehrverhalten und fanatischen Abgrenzungen führen. Parallelgesellschaften und Subkulturen (Clans) werden da eher die Regel als die Ausnahme sein. Wieweit der demokratische Rechtsstaat dem überhaupt gewachsen ist, muss sich noch zeigen.

Natürlich verlaufen diese Entwicklungen nicht überall gleichmäßig und stetig, aber eben doch gleichzeitig und oft abrupt in unterschiedlichen Zonen und Regionen. Als Beobachter ist man oftmals erstaunt, wieviel ähnliche Entwicklungen und Herrschaftsreaktionen auf ganz unterschiedlichen Kontinenten und in gesellschaftlich und historisch völlig verschiednenen Herkunftgeschichten anzutreffen sind: Trump, Bolsonaro, Duterte zum Beispiel weisen Gemeinsamkeiten auf, die es analytisch zu beschreiben und zu erklären gilt. Da ist einfach zu viel Ähnlichkeit, als dass es nur Zufälle sein können. Der Hinweis auf globale Vernetzungen ist eine Leerformel, die mit konkretem Inhalt gefüllt werden muss, wenn sie nicht andererseits Verschwörungstheorien Vorschub leisten soll.

Wie viele Menschen erträgt die Erde? (c) watson

Ein Kennzeichen der heutigen globalen Welt ist es (im deutlichen Unterschied zu früheren Epochen), dass es kein Ausweichen, keine „Auswege“, keinen freien Raum mehr gibt. Man kann nirgenwo hingehen oder hinziehen, um den Auswirkungen des Klimawandels, der Vermüllung, der sozialen Verdichtung zu entkommen. Es gibt keine terra incognita mehr, die wie einst Australien als Ausweichlösung für gesellschaftliche Probleme (Sträflinge in England) dienen könnten. Wirkliche Wildnis, die dennoch Lebensraum für größere Menschengruppen (wie einst die Quäker in Nordamerika) bieten könnte, gibt es überhaupt nicht mehr, oder in solch geringem Maße, dass es dahin nur einzelne „Aussteiger“ schaffen können. Statt dessen ballen sich Konflikte und Interessenunterschiede in Großräumen wie Dallas, Hongkong, Kairo, oder Mexiko City. Diese Entwicklung der Verdichtung, der Abgrenzung, Ausgrenzung, der Polarisierung und Fanatisierung wird zunehmen, wenn die Klimaveränderung und das Wachstum der Weltbevölkerung so zunehmen, wie zu erwarten ist. Man muss schon gruppendynamische und gesellschaftspsychologie Betrachtungsweisen hinzuziehen, um in etwa abschätzen zu können, was der sich anbahnende Stress sozial und individual bewirken kann.

Es geht um ziemlich fundamentale, archetypische Gegensätze: Kampf um die letzten Ressourcen, (Über-)Lebensraum für die eigene Gruppe / Sippe / Clique / Familie, Entscheidung über die finalen Machtverhältnisse im globalen Wettstreit, ökonomische Vorteile, obwohl diese durch zunehmende ökologische Ungleichgewichte konterkartiert werden. Dem Klimawandel entkommt niemand. Eine wirkliche Veränderung der bisherigen Trends und Tendenzen ist bisher nirgendwo sichtbar geworden. Es ist eher erstaunlich, wie kleinkariert und engstirnig der gesellschaftliche Diskurs hierzulande geführt wird, als ob die Führungsfrage einer Partei überhaupt noch irgend eine politisch relevante Auswirkung hätte. Nicht nur die Parteien in Deutschland kreisen um sich selber, auch Europa verharrt im Kleinklein mühsamen Interessenausgleichs bzw. starrer Interessenverteidigung. Internationale Organisationen, die auf rationalen Ausgleich bedacht und verpflichtet sind, verlieren an Bedeutung. Wen interessiert derzeit noch, was gerade im UN – Sicherheitsrat verhandelt und wieder einmal nicht beschlossen wird? Auch internationale Wirtschafts- und Finanzinstitutionen (OECD, IUMF / IWF) sind davon betroffen, wenn erst einmal beliebige Gruppen sich ihre „Libra“ schaffen können.

Die Zunahme von globalen Antagonismen und die Verknappung von Ressourcen und Frei-Räumen führen jetzt schon zu Erscheinungen der Desintegration, wenn auch noch mit einigen Widerständen. Es ist mit weiter fortschreitender Desintegration und Dissoziation zu rechnen. Unter Druck reagieren Lebewesen instinktiv, und Menschen sind da keine Ausnahme. Die Instinkte werden aber nur zu weiteren archaischen Verhaltensweisen führen und der rationalen Lösungssuche weiter den Weg verbauen. Rationalität und das Bemühen um Objektivität (Sachlichkeit, Wahrhaftigkeit) hat es bekanntlich heute schon sehr schwer. Es wird vermutlich keine vorübergehende Erscheinung sein. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass es Wohlmeinende , Gutwillige, sachlich Engagierte und Verantwortliche doch noch irgendwie schaffen, Zeit und Gelegenheit für bessere Lösungen zu finden. Hierbei kann Vernetzung in der Tat helfen. Nicht die digitale Revolution entfacht Hoffnung, aber die dadurch gegebenen Möglichkeiten zur Interaktion und gemeinsamen Aktionen derer, die es nicht einfach treiben lassen wollen. Man muss nur wollen und die heutigen Möglichkeiten nutzen, dann werden sich auch Wege eröffnen, die bisher nicht sichtbar sind. Auch wenn sie klein ist: diese Hoffnung bleibt.


Nachtrag 5. September:

Gerade habe ich den Beitrag „Letzte Chance“ von Ralf Fücks zu Gesicht bekommen. Ich teile seine konzentrierte Darstellung fast uneingeschränkt. Sie bringt die hier besprochenen Dinge auf den Punkt.

Kritisch anmerken möchte ich, dass Fücks das Wachstums der Weltbevölkerung mit dem üblichen Hinweis auf Malthus und dessen Irrtum abtut. Dabei verkennt er die neue Lage, die dadurch entstanden ist, dass das Bevölkerungswachstum als Problem an die Klimaveränderung durch die Verknappung der Ressourcen gekoppelt ist.

Zum andern teile ich nicht den Optimismus, durch eine ökologische Erneuerung der Industrie und durch grüne Innovationen in Deutschland und Europa die globale Herausforderung eines grundlegenden Wandels der Produktion und Konsumption lösen zu können. Die Vorbildfunktion eines grünen Modells Europa wäre mehr als zweifelhaft. Die gegenläufigen Tendenzen zeigt er selber auf. Allerdings gebe ich zu: Einen anderen Weg sehe ich auch nicht.

art.

 4. September 2019  Posted by at 11:50 Demokratie, Gesellschaft, Gewalt, Klima, Zukunft Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Gesellschaft kaputt
Nov 192016
 
Aus deutscher und europäischer Perspektive erscheint 2016 als „annus horribilis“. Das Erstarken populistischer Bewegungen und rechtsnationaler Regierungen, der Brexit, schließlich die US – Präsidentenwahl zeigen so etwas wie eine Zeitenwende an. Darüber ist und wird derzeit viel geschrieben. Die einen sehen den Weltuntergang – zumindest der Welt, wie wir sie kennen (SPIEGEL), andere mahnen emotionslos zur Realpolitik nach dem Motto „business as usual“. Beides ist der Sache nicht angemessen. „Weltuntergang“ ist ein typisches Erregungs-Szenario an Kaffeepott und Tastatur, und die pure Realpolitik vergisst die Ziele und Ideen und nimmt alles so, wie es gerade kommt. Der Hintergedanke in beiden Haltungen ist im Grunde derselbe: Es wird hoffentlich nicht so schlimm kommen, wie es aussieht. Aber wenn man nicht die Fakten ins Auge fasst und etwas gegen fatale Entwicklungen tut, dann kommt es, wie befürchtet, – und erst recht schlimm.

Populisten

Google Bildersuche „Populisten“

Zu den Tatsachen gehört, dass es einen Stimmungsumschwung gibt, der hierzulande weniger durch eine schlechte wirtschaftliche Lage als vielmehr durch diffuse Ängste und Bedrohungsgefühle verursacht wird. Die langjährige und letztlich sehr erfolgreiche Politik der „Öffnungen“ (international, europäisch, national, gesellschaftlich, kulturell) hat etwas ins Fließen gebracht, das jetzt für viele als Bedrohung der eigenen Lokalität, Identität und Sicherheit empfunden wird. Ob das nun als Kehrseite der Globalisierung erklärt wird, als Reaktion auf die angewachsene Migration oder auf eine angestaute Frustration über die „abgehobenen Eliten“ (wer immer das sein mag), sei dahin gestellt. Ein weiteres Faktum besteht darin, dass weltweit autokratische Herrschaften Einfluss gewinnen. Wenn dann in einem Kernland der westlichen Demokratie wie in Groß Britannien nationale Kräfte mit Mehrheit eine Abschottung wollen und in den USA ein demagogischer Populist zum Präsidenten gewählt wird und sich nun anschickt, eine Lobby ultrarechter, nationalistischer und zum Teil offen rassistischer Politiker und Meinungsmacher in entscheidende Machtpositionen zu bringen, dann sollte das nicht nur zu denken geben. Die Klage, hier würde sich nur eine neue Elite installieren, um sich hemmungslos zu bereichern, ist zu oberflächlich, selbst wenn es stimmt (wofür einiges spricht). Man – also die derzeitig verantwortlichen Politikerinnen und Politiker –  sollte in Deutschland und der engeren EU die eigenen Handlungsmöglichkeiten neu abwägen, Interessen klar formulieren und Verbündete suchen. Es werden hoffentlich nicht allzu wenige übrig bleiben.

Keine Demokratie, überhaupt keine Staatsform ist davor gefeit, einer Diktatur Raum zu geben, es kommt nur auf die Umstände an. Das Vertrauen auf die demokratische Kraft der USA kann nur begrenzt sein, wenn neue Machtgruppierungen die bisherigen checks & balances aushebeln und außer Kraft setzen. Man konnte ähnliches im Kleinen bereits in Polen erkennen – oder derzeit in der Türkei. Wenn nun gar die internationalen Karten der Macht neu gemischt werden, weil alte Interessen nicht mehr ohne weiters gelten und neue Koalitionen, die bisher undenkbar waren, als politische Möglichkeiten in Sichtweite geraten, dann sind das Veränderungen, die auch uns hierzulande nicht ungeschoren lassen. Es ist also nicht nur der Zulauf für rechtspopulistische Bewegungen bei uns und unseren europäischen Nachbarn, der Anlass zur Sorge gibt, es ist das gesamte Umfeld demokratischer Konstruktionen, die ins Rutschen zu geraten drohen. „Angst ist rational“, schrieb ein Korrespondent – richtig. Darum gilt es hier sehr wachsam und auf der Hut zu sein, um Stimmen der Freiheit und der Offenheit so lange und so laut vernehmbar zu machen, wie es irgend geht. Es kann sein, dass der Protest gegen die rechts-nationale Revolution nicht nur in den „sozialen Medien“ ausgetragen werden kann, sondern auch auf die Straße getragen werden muss. Das werden die Ereignisse zeigen. Man muss gewappnet sein. Wer dabei „1933“ beschwört, sieht zu kurz. Das neue Böse kommt in ganz anderer Form. Es kann aber genauso gewalttätig sein.

Lesetipp:

Wer hat Platz in diesem Land? Polens Opposition, von Paul Ingendaay, FAZ.NET

Aug 172014
 

[Islam]

Was derzeit in Syrien und im Irak vor sich geht, ist beunruhigend und schockierend. Der Bürgerkrieg in Syrien läuft ja schon seit Jahren, blutig, grausam, ohne dass ein Ende der Gewalt abzusehen wäre. Da nichts Neues geschieht, ist es kaum mehr eine Nachricht wert. Neu waren in den vergangenen Wochen und Monaten die raschen Erfolge der ISIS – Kämpfer vor allem im Irak. Auch hier sind sie schon länger als kämpfende Terrorgruppe unterwegs. In letzter Zeit waren die Nachrichten über die schnellen Erfolge, das nahezu ungehinderte Vorrücken und die ausgeübten Grausamkeiten in den Schlagzeilen. „IS“, Islamischer Staat, nennt diese Terrorgruppe ihr Herrschaftsgebiet und erhebt den Anspruch, ein Kalifat zu errichten. Terroristen ist als Bezeichnung wenn irgendwo dann bei dieser Gruppe richtig: Sie üben ihre Macht mit Gewalt und Terror aus, verbreiten ihre Gewalttaten propagandistisch über das Internet als gerechte Strafe für alle Ungläubigen und verbreiten dadurch Angst und Schrecken. Tausende fliehen vor den Todesdrohungen dieser islamistischen „Mörderbande“, um Außenminister Steinmeier zu zitieren. Die Not der Flüchtlinge, Yeziden, Christen, Schiiten, ging durch die Medien und veranlasste letztendlich sogar Obama zu gezielten Luftangriffen.

Ich denke, den meisten von uns hier in Europa, hier in Deutschland, ist es, wenn man auch nur einmal kurz inne hält und über die Nachrichten nachdenkt, völlig unbegreiflich, was da eigentlich abgeht.

„Wir verstehen das wirklich Böse, das organisierte Böse nicht gut genug“, sagte Crocker. Leute wie Abu Bakr al Bagdadi, der den Islamischen Staat anführt, „befinden sich seit einem Jahrzehnt im Kampf. Sie haben eine messianische Vision, und sie werden nicht aufhören.“ (der frühere US-Botschafter im Irak, Ryan Crocker, FAZ.NET)

Wie unter Drogen scheinen Menschen hier im Namen ihrer Religion einen Gefallen daran zu finden, andere Menschen, die sich ihnen nicht anschließen wollen, öffentlich und mit medialer Unterstützung abzuschlachten. Wie kann man das nur tun, was bringt Menschen dazu? Inwiefern hat das etwas mit Religion, mit dem Islam zu tun? Und – was kann man dagegen tun?

Klar, dagegen kann man nur ankämpfen, und zwar zu allererst ganz direkt, Waffe gegen Waffe, Mann gegen Mann. Alles Gerede über humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge, so richtig und wichtig es für die Betroffenen ist, hilft nicht darüber weg, dass die militärisch operierenden Terrorbanden der ISIS nur mit Gewalt gestoppt und zurück gedrängt werden können. Diejenigen, die gegen sie kämpfen wollen und müssen, also vor allem die Kurden in Syrien und im Irak, brauchen unsere Unterstützung. Sie brauchen all die modernen Waffen und Waffensysteme, die die ISIS aus den dank der USA modernsten Beständen der irakischen Armee erbeutet haben. Das haben nun offenbar auch die europäischen Regierungen und auch die Bundesregierung begriffen. Sie möge nur recht bald „an die äußersten Grenzen des politisch und rechtlich Möglichen“ gehen, wie Steinmeier sich ausdrückt, wenn er Waffenlieferungen meint. Es ist die äußerste Notlage, die die Terrorgruppen herbei geführt haben, die zur Gegengewalt zwingt und darum auch Waffenlieferungen in ein „Krisengebiet“ (wie schönfärberisch das klingt) sowie weitere logistisch-strategische Unterstützung (AWACS) legitimiert. Gewalt und Gegengewalt, so notwendig das derzeit ist, löst allerdings das eigentliche Problem nicht.

Zwei Dinge sind dazu nötig, wie jedermann weiß: eine politische Lösung unter Beteiligung der verfeindeten Gruppen und Parteien in Syrien und im Irak sowie ihrer Schutzmächte im Hintergrund – das ist das Fernziel, als Problem wahrlich ein gordischer Knoten – und vor allem ein Unterbinden des Nachschubs und der finanziellen Unterstützung der ISIS – das ist das Nahziel. Nur dazu möchte ich mich hier noch äußern.

Mohammed receiving the submission of the Banu Nadir - Wikimedia

Mohammed receiving the submission of the Banu Nadir – Wikimedia

Man konnte es begrüßen, dass der Sicherheitsrat der UNO in seltener Einmütigkeit eine Resolution gegen den Terror der ISIS im Irak und der Al-Nusra-Front in Syrien beschlossen und sechs ihrer Hintermänner mit Sanktionen belegt und Geschäfte mit den Extremisten verboten hat. Diese Hintermänner sind in der Öffentlichkeit kaum bekannt, und die Verbote sind wohl kaum international zu kontrollieren. Wahrscheinlich haben deswegen auch alle zugestimmt. Denn es gibt Förderer und Unterstützer des Nährbodens für islamische Extremisten und Kalifatskämpfer, die allseits bekannt sind, an die aber niemand wirklich heran will. Das ist das Saudische Königshaus mit seiner Unterstützung des Wahhabismus weltweit, und der Emir von Katar, Hamad bin Khalifa al-Thani. Das Saudische Königshaus ist unantastbar als enger Bündnispartner des Westens und der USA, das Katarische Fürstenhaus wird mit einer Fußball-WM beglückt und darf sich internationaler Unterstützung durch Firmen und Einzelpersonen (Beckham) als Werbepartner sicher sein. Der Wahhabismus kann als Spielart des ultrakonservativen Salafismus gelten, der einen Gottesstaat nach (angeblich) altem Vorbild anstrebt. Katar unterstütz mit viel Geld mehr oder weniger offen die Muslimbrüder und die Hamas:

Dass Katar einerseits den Vermittler zwischen Israel und der arabischen Welt gibt, andererseits aber die radikalislamische Hamas-Organisation im Gazastreifen, die Muslimbrüder in Ägypten und die islamische Ennahda-Regierungspartei in Tunesien mit Geld und Sendezeit im Herrscher-TV von Al Jazeera unterstützt, ist in Paris allenfalls ein Nischenthema. Auf Hinweise, dass so genannte Hilfsorganisationen aus Katar eben jenen Islamisten in Mali logistische Hilfe andienten, gegen die Frankreichs Präsident François Hollande eigene Soldaten ins Feld schickte, reagiert Doha kühl: „Dafür soll man uns erst einmal Beweise liefern.“ (Zeit online)

Schließlich ist auch noch der Iran zu nennen, die Schutzmacht aller Schiiten und ihrer Kämpfer und Extremisten im Nahen Osten, vor allem in Syrien, im Irak und im Libanon (Hisbollah). Diese kapitalkräftigen Mächte mischen nicht nur im Kampf um Einflusszonen im Nahen Osten mit, sie tragen die Ideen des Islamismus auch unmittelbar nach Europa und in andere Teile der Welt (Indonesien). Der Kampf gegen die ISIS im Irak fängt also auch bei uns im eigenen Lande an. Es gilt viel entschlossener als bisher die islamistische Indoktrinierung und Werbung für den Dschihad in Deutschland zu bekämpfen, diesen Sumpf der Gewalt auszutrocknen: „Salafistische „Gebetsflashmobs“, massive Einschüchterungen: Von Hamburg bis Berlin gewinnen radikale Islamisten an Einfluss in den Schulen – vor allem an Brennpunkten. Die Politik muss jetzt entschlossen handeln.“ (Tagesspiegel im Juli 2014).

Und schon sind wir beim heikelsten Thema dieses ganzen Problemzusammenhangs: Was hat der Islamismus mit dem Islam zu tun? Manche möchten den Begriff Islamismus als reine propagandistische, antiislamische Erfindung des Westens am liebsten aus der Diskussion verbannen, für andere ist Islamismus der Inbegriff des Islam als einer vormodernen, gewalttätigen Religion. So zugespitzt ist beides falsch. Islam ist absolut nicht gleich Islamismus, und Islamismus als doktrinäre Ideologie zur Ausübung von politischer Macht und Herrschaft ist keine Erfindung des Westens. Die meisten Muslime in Deutschland und in der Welt wollen mit dem Islamismus als Ideologie nichts zu tun haben. Der Islam „an sich“ hat mit Gewalt ebenso viel zu tun wie jede Religion, auch wie die christliche. Dazu hat der Münchner emeritierte Theologie Friedrich Wilhelm Graf zuletzt in der FAZ unter dem Titel „Mord als Gottesdienst“ Erhellendes geschrieben. Überhaupt ist die Literatur zu diesem brisanten Thema uferlos, teilweise gut und sachlich, teilweise kämpferisch und agitatorisch im Stile eines Kulturkampfes. Doch genau darum sollte es nicht gehen; man wäre den Extremisten und Eiferern damit in die erste Falle gegangen. Man sollte sich allerdings kundig machen über den Islam und seine Geschichte, über die Vielgestaltigkeit seiner Lebensformen, gerade auch während seiner Blütezeit vom 8 . bis zum 12. Jahrhundert, seiner Fähigkeit zur Anpassung (wie beim Christentum auch) und insbesondere zu dem, was der Münsteraner Islam-Wissenschaftler Thomas Bauer als „Ambiguitätstoleranz“ bezeichnet. (Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islam, 2011).

Auf ihn weist zu Recht der Nahe-Osten-Korrespondent der FAZ, Rainer Herrmann, hin. Er hat neulich einen kleinen Artikel geschrieben, in welchem er sehr knapp und klar das Problem Islam – Islamismus benennt und erklärt: „Wer den Islam mit den Islamisten gleichsetzt, geht den Radikalen auf den Leim. Und verkennt, wie viele liberale Muslime es gibt, die ihren Glauben an die Erfordernisse der modernen Welt anpassen.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Man sollte hier nichts verharmlosen, aber auch nichts pauschal verurteilen, sondern differenziert beurteilen. Dazu gehört allerdings, dass gegenüber dem Terror der ISIS und seiner Gesinnungsgenossen nur Widerstand angebracht ist, massiv und entschlossen. Denn was immer sie mit Religion und Islam im Sinn zu haben vorgeben, es sind Mordgesellen und hoch gefährliche Terroristen. Da hilft kein Diskutieren. Da wünsche ich mir auch Eindeutigkeit und Entschlossenheit bei europäischen Regierungen und besonders auch bei der deutschen.

UPDATE 18.08.2014

Von Al Qaida redet niemand mehr. Denn eine viel größere Gefahr versetzt heute den Nahen Osten und die Welt in Angst und Schrecken: die Terrorgruppe des „Islamischen Staats“. Die arabische Welt befindet sich in der tiefsten Krise seit dem Mongolensturm des 13. Jahrhunderts und der Zerstörung von Bagdad im Jahr 1258. Das Vordringen des „Islamischen Staats“ steht für zwei Aspekte dieser Krise: für den Zerfall von Staaten und für die Konfessionalisierung der Konflikte. (Rainer Hermann in der FAZ – lesenswert.)

UPDATE 20.08.2014

Dutzende von dschihadistischen Videos liefern den Beweis für dieses brutale steinzeitliche Ritual. Die Umstehenden, die diesen entscheidenden, alle Grenzen überwindenden Moment miterleben, sind nervös, weil der Killer nicht immer sicher ist und seine Hand vielleicht noch zittert. Sie rufen „Allahu akbar“, um ihn darin zu bestärken, dass er den letzten Rest an Zweifeln, die vielleicht noch in ihm sind, endgültig über Bord wirft. Er führt das Messer und macht aus dem Gefangenen ein geschlachtetes Tier. Von nun an ist er durch nichts mehr an eine moralische Welt gebunden. Er kann jetzt töten und Befriedigung darin finden, und seine Gefährten respektieren ihn. Er hat die Fesseln der Zivilisation gesprengt. (Leon de Winter, Im Namen des Schwertes, FAZ.NET)

 

 17. August 2014  Posted by at 11:42 Gewalt, Islam, Terrorismus Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Islamismus ungleich Islam
Aug 032014
 

3. August 1914 – 2014

[Geschichte, Gegenwart]

Heute vor einhundert Jahren erklärte das Deutsche Reich Frankreich den Krieg und marschierte tags darauf in das neutrale Belgien ein. Am 2. August war bereits Luxemburg besetzt worden. Und so setzte sich dann die auf allen Seiten vorbereitete Kriegsmaschinerie in Gang: Der Erste Weltkrieg begann seine tödliche Phase. „Der Erste Weltkrieg forderte fast zehn Millionen Todesopfer und etwa 20 Millionen Verwundete unter den Soldaten. Die Anzahl der zivilen Opfer wird auf weitere sieben Millionen geschätzt.“ heißt es bei Wikipedia lapidar. Dabei dauerte er „nur“ vier Jahre. 25 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs begann der Zweite Weltkrieg. Seine Opferzahlen waren nach 6 Jahren ungleich höher, ca. 65 Millionen. Angesichts des runden Datums „100 Jahre Erster Weltkrieg“ gab und gibt es eine Vielzahl von Zeitungsartikeln, Büchern und Fernsehsendungen zum Thema. Die Wikipedia-Artikel zu beiden Weltkriegen sind umfangreich und bestens dargestellt, „L“ = lesenswert.

repro 113 zehn Wikimedia Commons

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Und was hilft uns das? Das Massenschlachten der beiden Weltkriege mit all den weiteren Folgen an Verwundeten und Gezeichneten hörte zwar in diesem Ausmaß auf – nur ein Atomkrieg, der Schrecken des Kalten Krieges („3. Weltkrieg“) könnte eine weitere Steigerung bringen. Aber all die Kriege und Gemetzel der vergangenen Jahrzehnte bringen in der Summe auch ganz „schön“ etwas zusammen: Koreakrieg, Vietnamkrieg, Irakkriege, Afghanistankrieg, Jugoslawienkriege, und die postkolonialen Kriege in Afrika sind wir aus unserer Perspektive gar nicht gewohnt, einzeln zu benennen und aufzuzählen, einzig der Kongo und der Sudan fallen einem dazu ein. In Ceylon und Indonesien gab es ebenfalls blutige Auseinandersetzungen, die teilweise Bürgerkriegen ähnelten. Immer stärker gerieten die sogenannten asymmetrischen Kriege ins Blickfeld, in denen sich „Terroristen“ und „Regierungstruppen“ gegenüber stehen. In anderer Lesart sind es Freiheitskäpfer und Unterdrücker. Jedenfalls fließt Blut, viel Blut, verbunden mit so viel Leid, dass man es sich hier zuhause im Alltag nicht vorstellen kann. Aus Syrien wird derzeit kaum mehr berichtet. Wie man das bei uns erlebt, dazu hat der Kommunikationswissenschaftler Thomas Hanitzsch im n-tv-Interview einiges erklärt: „Die Welt muss ein unangenehmer Ort sein.“

n-tv schreibt heute: „“Wir werden die Zerstörung der Tunnel beenden und unsere Politik gegenüber Gaza auf Abschreckung gründen und nicht auf Abmachungen mit der Hamas“, zitierten die „Haaretz“ und das israelische online-Portal „ynet.news“ einen hohen Regierungsbeamten.“ Das ist die Logik des Krieges: keine Abmachungen, keine Gefangenen, nur Gewalt, Zerstörung und Tod. Das gilt offenbar genau so für Donetzk und die Kriegssituation in der Ost-Ukraine. Ebenso für Syrien und die ISIS-Kämpfer im Irak. Von dort nichts zu lesen bedeutet nur, dass es dort derzeit keine außergewöhnlichen Schrecken gibt. Nur der gewöhnliche Krieg halt. In der Ukraine findet er nun nach dem Zerfall Jugoslawiens zum zweiten Mal nach 1945 direkt vor Europas Haustür statt. Hier ist Russland direkt involviert, keine guten Aussichten. Eine Niederlage der ostukrainischen „Selbstverteidigungskräfte“ bedeutet jetzt schon einen Gesichtsverlust für Moskau. Darum wird es diese Niederlage trotz aller markigen Worte des ukrainischen Präsidenten Poroschenko nicht geben. Im Zweifelsfall wird Russland direkt eingreifen. Das kann als ziemlich sicher gelten. So ist die Logik von Macht und Gewalt.

Man kann noch viel mehr aufzählen und beklagen, man kann den moralischen Zeigefinger heben und zurecht auf die europäische Friedens-Union (denn das ist die EU) verweisen. Noch ist sie es jedenfalls, zum Glück. Man mag die heutigen kriegerischen Konflikte beklagen oder analysieren, Gründe, Ursachen, Machtinteressen aufzeigen, Waffenproduktion verteufeln und Exporte verbieten (andererseits wurde noch kein Krieg durch Waffen verursacht), wirtschaftliche Sanktionen verhängen und „Drohpotential“ aufbauen. Es ist immer dieselbe Logik. Und diese ist es, die mich zunehmend verständnislos, ja fassungslos macht. Eigentlich droht sie mich auch stumm zu machen. Es scheint so sinnlos, dagegen anzuschreiben. Es geht alles so weiter, die Mühle dreht sich, an Verhandlungen und Einigungen, die Maximalpositionen immer ausschließen, also Kompromisse verlangen, ist nicht zu denken, weder in Syrien noch in Israel und Gaza und und und. Noch leben wir hier in der Mitte Europas so, als wären wir von dem allen nicht ernsthaft betroffen, es fragt sich nur wie lange noch.

Verstummen, resignieren, möchte ich dennoch nicht, wenn sich auch die Logik der Gewalt, der Macht, des Stärkeren, immer wieder durchsetzt. Sie scheint unabänderlich zu sein. Darum kann man auf das Jahrhundert-Datum zum Ersten Weltkrieg mit einiger Bitterkeit schauen. Die Menschen in Europa mögen tatsächlich einiges gelernt haben – bis auf weiteres, aber die Menschheit insgesamt hat offenbar fast nichts begriffen, nichts verändert, scheint es. Darum aber ist die Erinnerung so wichtig. Das Gedächtnis der vom Krieg nicht (mehr) betroffenen Generationen bedarf ihrer. Wenigstens die Erinnerung an die Grauen der Kriege in Europa bleibt als Mahnung, alles zu tun, um solch ein Szenario bei uns zu verhindern. Manchmal scheint es mir, als ginge auch dieser Kampf um die Erinnerung langsam verloren. Dann hoffe ich, das liegt am Alter und setze drauf: Die Jungen fechten’s besser aus! – Auch wenn der Augenschein bisweilen dagegen spricht.

 3. August 2014  Posted by at 13:32 Geschichte, Gewalt Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Gewalt und Erinnerung
Mai 012012
 
Walpurgisnacht und Hexenverfolgung, zwei Themen, die eng zusammen gehören und zeigen, dass die Kirchen ihre Schularbeiten in Sachen Bewältigung schuldvoller Vergangenheit immer noch nicht gemacht haben.

Die Nacht zum 1. Mai, „Walpurgisnacht“, ist dieses Jahr offenbar in den Großstädten friedlich abgelaufen. Sehr erfreulich, denn ausgelassenes Feiern war von jeher ein Kennzeichen der Walpurgisnächte und den losen und frivolen Tagen des Monats Mai. Erst die kirchliche Verdammung und Verleumdung dieser Frühlingsfeiern als „Hexensabbat“ hat die negative Bewertung begründet. Und in den vergangenen Jahren kam in den einschlägig bekannten Stadtvierteln der ideologische Missbrauch mit der Lust zum Krawallmachen hinzu.

Interessant ist der ausführliche Beitrag in Welt Online zur Erklärung der Herkunft des „Hexensabbat“. Das Kapitel Hexen und Hexenverfolgung gehört nun wahrlich nicht zum Ruhmesblatt der Kirchengeschichte, dabei lassen sich die Bräuche der keltisch-germanischen Walpurgisnächte ohne weiteres mit den klerikalen Usancen zu Fronleichnam vergleichen: Über Glaube und Aberglaube entscheidet bekanntlich nur der sachlich nicht aufzuklärende eigene Standpunkt.

Wie wenig sich die Kirchen mit der Skandalgeschichte der Hexenverfolgung auseinander gesetzt haben, zeigt ein kurzer Blick auf die offiziellen Webseiten: Bei der Suche auf der Webseite der Deutschen Bischofskonferenz findet sich zum Begriff „Hexenverfolgung“ nur ein Eintrag: In einer Predigt vom 23.09.2004 vertrat Erzbischof Schick die Ansicht, dass der Kritiker nur „die Hexenverfolgungen kennt – und das noch einseitig – und nichts von den Segnungen des Christentums und der Kirche im Schul- und Erziehungswesen, im Krankenhaus- und Sozialwesen, bei der Formulierung und Inkraftsetzung der Menschenrechte weiß?“ Ja, zu dumm, dass man über die Hexenverfolgungen nur „einseitig“ informiert wird. Übrigens ist es falsch, diese Verfolgungen ins „finstere Mittelalter“ zu verlegen. Sie geschahen im Zeitalter der Barock, im 17 bis ins 18. Jahrhundert hinein, also schon mitten in der glorreichen Neuzeit.

Auf den Webseiten der Evangelischen Kirche (EKD) finden sich zum Suchbegriff „Hexenverfolgung“ vierundzwanzig Einträge zu jüngeren Texten, die sich mit der (selbst)kritischen Aufarbeitung der Hexenverfolgung befassen. Immerhin, denn dieser Hexenwahn wurde auch von evangelischen Geistlichen befördert. Noch radikaler geht die Berner Pfarrerin Renate von Ballmoos mit der Walpurgisnacht um, wenn sie in diesem Jahr mit einer Kollegin dazu aufruft, die Walpurgisnacht als Fest der Frauen und der Lebensfreude zu feiern und es so begründet:

„Die Walpurgisnacht ist ein Fest, an dem man traditionellerweise die weibliche Kraft feierte. Dabei geht es um Fruchtbarkeit, Sexualität und Lebensfreude, was in jeder patriarchalisch geprägten Religion verpönt war. Deshalb ist die Walpurgisnacht, oder Beltane wie das Fest bei den Kelten hiess, auch das einzige der acht Jahreskreisfeste, das die Kirche nicht übernommen hat.“

Ja ihr Lieben, das hat was! Das unterscheidet sich wohltuend von dem etwas gequälten Umgang mit Walpurgis und Lebensfreude und Fruchtbarkeit, das noch der frühere EKD-Bischof Huber an den Tag legt, wenn er in seinen Gedanken zum 1. Mai  2007 erklärte:

„Erich Kästner nennt den Mai den „Maler des Kalenders“; denn kein anderer Monat hält schönere Farben bereit. Manche verbrämen den „Tanz in den Mai“ zu einer pseudoreligiösen „Walpurgisnacht“-Party. Als ob sie die hellen Farben des Frühlings nicht aushalten könnten!“

So schnell kommt der Klerikale nicht aus seiner weltfremden und sexfeindlichen Haut, auch nicht auf protestantischer Seite, obwohl man es hier besser wissen müsste, was das Symbol der „Fleischwerdung “ auch bedeuten könnte, siehe Frau von Ballmoos. Da kommt der frauenfeindliche Katholizismus natürlich nicht mit, der sich nach wie vor schwer tut, seine eigenen pädophilen Priester in Zaum zu halten. Gerade erst wurde wieder ein Bamberger Domkapitular, also ein höherer katholischer Amtsträger, wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen von einem Kirchengericht (!) in den Ruhestand versetzt. Warum eigentlich Kirchengericht und nicht ziviles Gericht? Ach ja, in Bayern ticken die Uhren immer noch anders – kerikal verstellt.

Es ist sehr zu unterstreichen, was der eingangs zitierte Welt-Artikel von Claudia Becker eindrucksvoll beschreibt:

„Was die verschiedenen Bürgerinitiativen und Vereine aber von den Kommunen und Kirchen verlangen, ist die Ehrenrettung der Frauen und Männer, die der Verfolgung zum Opfer gefallen sind. 1996 machte die hessische Stadt Idstein den Anfang. Eine Gedenktafel wurde am Hexenturm angebracht, bei einem ökumenischen Gottesdienst bekannte die Kirche, dass hier großes Unrecht geschehen war. … Ein Stein, das ist vielen Kämpfern für die Ehrenrettung der vermeintlichen Hexen nicht genug. Zu ihnen gehört der evangelische Theologe Hartmut Hegeler. Der pensionierte Pfarrer aus Unna, Gründer des „Arbeitskreises Hexenprozesse“, engagiert sich seit mehr als zehn Jahren mit Vorträgen, Ausstellungen und Publikationen für das Gedenken an die Opfer der Hexenverfolgung.“

Das wäre ein angemessenes Thema für kirchliche Gedanken zur Walpurgisnacht!

 1. Mai 2012  Posted by at 10:35 Hexenwahn, Katholisch, Missbrauch, Protestantismus, Sexualität, Zivilgesellschaft Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Der Pakt mit dem Teufel
Mrz 252012
 
Der Papst wird in Mexiko mit heftigen Vorwürfen der Missbrauchsopfer vergangener Jahre konfrontiert. Solange er dazu schweigt, wird jedes der salbungsvollen Papstworte unglaubwürdig, sind sie blanker Zynismus. Die Papstkirche ist systemisch krank, unbelehrbar, nicht reformierbar – organisierte Lüge und Vertuschung.

Man sollte meinen, das Thema sei nun hinreichend aufgeklärt. Zahllose Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche gegenüber ihr anvertrauten Kindern und Jugendlichen durch ihre eigenen Priester und Bischöfe weltweit und vor allem auch in Deutschland und Österreich sind vor wenigen Jahren aufgedeckt worden. Untersuchungskommissionen wurden gebildet, Berichte verfasst, Besserung gelobt, ein wenig Wiedergutmachung in Aussicht gestellt. Davon ist allerdings wenig geschehen. Die Kirche hat es weit von sich gewiesen, dass die Missbrauchsfälle etwas mit dem „System“ zu tun haben, mit dem Zölibat, mit der Sexualfeindlichkeit, mit der Verdrängung aller Aufklärung aus dem katholischen Raum. Das war zwar unaufrichtig und zeigte wenig wirkliche Einsicht in die Perversität des „Systems Kirche“, war aber kaum anders zu erwarten.

Und nun dies. Innerhalb von wenigen Tagen drei Meldungen, die so horribel sind, dass man sie kaum glauben mag. Alte Fälle zum Teil, aber auch erschreckende Heuchelei in der Gegenwart. Fangen wir mit dem letzten an. Da ist die Meldung, dass der katholische Missbrauchsbeauftragte, Bischof Ackermann (Trier), in seinem Bistum sieben als pädophil bekannte und teilweise verurteilte Priester weiterhin als Seelsorger beschäftigt:

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann beschäftigt nach SPIEGEL-Informationen in seinem Bistum sieben als pädophil aufgefallene Pfarrer. Einer von ihnen soll sexuelle Beziehungen zu einem Schüler gehabt haben, zwei weitere sind wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt. (Spiegel Online)

Da hat man offenbar den Bock zum Gärtner gemacht – in schamloser Offenheit. Noch unglaublicher sind Meldungen, dass von der katholischen Kirche in den fünfziger Jahren in den Niederlanden missbrauchte Jugendliche offenbar zur Strafe und Abschreckung, von sich aus an die Öffentlichkeit zu gehen, kastriert wurden. Einzelne Fälle können nun dokumentiert werden.

Laut dem Bericht des liberalen Handelsblad hatte Heithuis 1956 bei der Polizei Anzeige erstattet und angegeben, in dem Jungeninternat der katholischen Kirche in Harreveld in der Provinz Gelderland sexuell missbraucht worden zu sein. Statt die Vorwürfe zu untersuchen, wurde er nach seiner Aussage bei der Polizei in die psychiatrische Einrichtung „Huize Padua“ in der Provinz Nordbrabant eingeliefert. Diese Einrichtung wurde ebenfalls von katholischen Priestern geleitet. Hier wurde Henk Heithuis die Schuld am sexuellen Missbrauch angelastet. Es habe geheißen, er habe die Priester verführt, berichtet Cornelius Rogge.
Heithuis sei dann kastriert worden. Er sei total verstümmelt gewesen, berichtet Rogge. Der Eingriff sei vorgenommen worden, um Heithuis von seinen homosexuellen Neigungen zu heilen. Das Handelsblad verfügt nach eigenen Angaben über Hinweise, dass die katholische Kirche noch mindestens zehn Minderjährige in den 50er Jahren kastrieren ließ. (taz)

Es ist einfach unfasslich. Es wurde und wird totgeschwiegen. Nur mit Mühe lassen sich die alten Fälle unglaublicher Grausamkeit und eines kaum überbietbaren Zynismus aufdecken. Die römische Kirche trägt ihrerseits weiterhin zur Vertuschung bei. Informationen müssen recherchiert und der Amtskirche mühsam entlockt werden. Keine Stellungnahme. Keine Einsicht. Keine Reue. Kein Versuch der Selbstkritik. Immer sind es nur „Einzelfälle“. Die allerdings massenhaft und ebenso offensichtlich systematisch – im ursprünglichen Sinn des Wortes: vom System Kirche bedingt und verursacht.

Und nun heute die Meldungen über die Vorwürfe gegenüber dem Papst in Mexiko. Er hat als Chef der Glaubenskonkregation offenbar von den Missbrauchsfällen um den Ordensoberen Marcial Maciel (verst. 2008) genau Bescheid gewusst. Natürlich alles vertuscht und verleugnet. Heute klagen die Opfer Benedikt an, dass er so lange zu den Verbrechen dieses „Ordensbruders“ geschwiegen hat.

Opfer sexuellen Missbrauchs in Mexiko erhoben am Samstag schwere Vorwürfe gegen den Papst. Der 84-Jährige habe in seiner Zeit als Chef der Glaubenskongregation im Vatikan die Aufklärung des Missbrauchskandals um den inzwischen verstorbenen Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Marcial Maciel, behindert, heißt es in einem Manifest. Einer der Betroffenen, José Barba, beklagte, dass sie über Jahre nicht gehört worden seien. Sie kritisierten zudem, dass das Thema beim Papstbesuch nicht zur Sprache kommen soll. Treffen von Benedikt XVI. mit Opfern pädophiler katholischer Priester wie in den USA oder Irland waren in Mexiko nicht geplant. (Focus)

Der Papst meidet das Thema. Treffen mit Opfern sind nicht geplant. Die Papstkirche hat nichts dazu zu sagen. Die Papstkirche hat nichts gelernt aus all den Verbrechen, dem Missbrauch, den Täuschungen, Lügen und Abstreitereien. Solange sich die katholische Kirche so zeigt und verhält, wird jedes der salbungsvollen Papstworte unglaubwürdig, ja sind sie nur blanker Zynismus. Der Katholizismus führt sich ad absurdum und widerlegt sich selbst. Diese Papstkirche ist systemisch krank, unbelehrbar, nicht reformierbar. Das Kürzel „RK“ für „römisch katholisch“ muss eher lauten „OK“: „Organisierte Kriminalität“ – organisierte Lüge und Vertuschung eigener Verbrechen.

Nov 292011
 

Bemerkungen zu Gorleben und Stuttgart

In einem bemerkenswert deutlichen Kommentar hat Jasper von Altenbockum gestern in der FAZ  das eigentümliche Demokratieverständnis der Demonstranten im Wendland und der Grünen-Politikerin  Claudia Roth aufs Korn genommen. Der Polizeieinsatz vor Gorleben sei ein „Anschlag auf die Demokratie“, hatte Roth verkündet, obwohl die Polizei nur Recht und Gesetz durchzusetzen hatte; für die Protestler war sie zum Repressionsorgan des Atomstaats geworden, als wäre unser Staat eine „Quasi-Diktatur“. Da werden die Wertmaßstäbe völlig verkehrt. Ähnlich geschah es in der Protestbewegung gegen Stuttgart 21.

Die Demokratie, die Frau Roth meint, wurde am Sonntag in Stuttgart und Umgebung durch eine Volksabstimmung in ihre Schranken gewiesen. Dort hatte es eine Minderheit nach Jahren vergeblicher Anläufe nahezu fertiggebracht, der Mehrheit ihren Willen aufzuzwingen. Das sieht sie natürlich anders, weil es im Reich der Wendlanddemokraten – ob in Stuttgart oder Gorleben – nicht um Mehrheit oder Minderheit, sondern um die Wahrheit geht, und zwar die Wahrheit nicht der Gegenwart, sondern der vollendeten Zukunft. Dafür nahmen selbst Bahnhofsgegner ein Widerstandsrecht in Anspruch, das so tut, als durchschaue die Mehrheit nicht, wie sie belogen und betrogen wird.

Man kann es auch noch deutlicher sagen. Gegen den Castor-Transport gab es keineswegs nur „friedliche“ Demonstrationen, sondern massiven Gewalteinsatz der Protestierer. Blockieren ist eben nicht dasselbe wie ein Plakat hoch halten. Es fehlt da eine neue juristische Bewertung dieser Formen des sogenannten „Protestes“, der mit einer massiven Verhinderungsstrategie antritt. Wer blockiert, wer dazu sogar noch schwere materielle Hilfsmittel (Beton-Pyramiden) einsetzt, das Gleisbett zerstört („schottern“ = ein krimineller Akt) oder den Verkehr auf Schiene oder Straße absichtlich behindert, ja unter massivem Einsatz des eigenen Körpers zu unterbinden sucht, der ist kein Protestierer, sondern ein Gewalttäter. Der Einsatz der trägen Masse des eigenen Körpers kann in diesem konkreten Fall durchaus als Gewalt verstanden werden – nur gegenüber den Blockierern geschieht das nicht. Hier ist etwas an unserer Rechtsordnung aus dem Lot geraten. Es ist offenbar reine Angst des Staates vor den linken Populisten, hier endlich eine neue juristische Bewertung herbei zu führen (konsequente Strafverfolgung; Inkaufnahme von Klageerhebung).

Auch die Volksabstimmung in Baden-Württemberg ist aus rechtsstaatlicher Sicht zumindest zweifelhaft; hätte das Ausstiegsgesetz eine Mehrheit gefunden, wären Rechtsstreitigkeiten darüber entstanden, ob ein solches Gesetz überhaupt verfassungskonform ist. Dies wurde im Vorfeld zumindest in Frage gestellt. Letztlich hat hier der Druck der Straße, der zugleich der massive Druck einer radikalisierten Minderheit war, ein bis dahin rechtsstaatliches Verfahren zum Neubau des Stuttgarter Bahnhofs ausgehebelt. Ob dies jetzt als Triumph der Demokratie gelten kann, darf bezweifelt werden. Eher das Gegenteil scheint zuzutreffen. Wenn es künftig (weil es ja so erfolgreich ist) öfter passiert, dass nach rechtsstaatlichen Prinzipien zu Stande gekommene Legalität durch Druck einer lautstarken Minorität unglaubwürdig gemacht und aufgehoben wird, dann ist das ein Armutszeugnis für die Demokratie. Heiner Geisslers ‚Moderation‘ hatte nur den Schein des Demokratischen: Die demokratische, parlamentarisch begründete Legalität wurde in diesem Falle zu Grabe getragen.

Nachtrag am 30. November:

Günther Nonnenmacher kommentiert in der FAZ im Blick auf Stuttgart 21 in ähnlicher Richtung, gut begründet und formuliert.

 29. November 2011  Posted by at 17:44 Demokratie, Gewalt, Rechtsstaat Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Recht aus dem Lot
Sep 112011
 
>Heute am zehnten Jahrestag des Anschlages auf die Twin Towers in New York ist in den Zeitungen viel zu lesen über die Anschläge damals, über den Terrorismus und den Krieg dagegen, über Sicherheit und ständige Bedrohung, über die Veränderung, die die Anschläge in der Welt bewirkt haben. Man kann manches Überzogene lesen, wie Wolfgang Günter Lerch: „Amerika erfuhr die schlimmste Attacke seit Menschengedenken.“ Aber es werden von ihm auch möglichst genau die Linien nachgezeichnet, die zu diesen Terroranschlägen geführt haben. Direkte Vorläufer und Vorgänge aufzuzählen (der Anschlag auf das WTC in New York 1993, die Attacke auf USS Cole 2000 usw.) heißt noch nicht, die Ursachen und Gründe zu kennen, die zu diesem Ausbruch des Terrorismus islamischer Prägung führte. Da ist manchen Kritikern des verordneten Gedenkens und des medialen Hypes um 9/11 Recht zu geben. Auch die Langzeitwirkungen zu benennen, die vor allem aus der US-amerikanischen Reaktion auf die Terroranschläge im Jahre 2001 resultierten (war on terror = „von Hybris durchtränkte Gegenstrategie“, Günther Nonnenmacher), ist an diesem Tage sicher hilfreich und wichtig, weil man allzu schnell vergisst, wie anomal die normal gewordene Sicherheitsbesorgnis eigentlich ist. Reymer Klüver gibt darüber einen guten Überblick. In den ersten Jahren nach 2001 muss man von einer ausgeprägten Sicherheits-Hysterie sprechen. Aber die Terrorattacken in Madrid (2004) und London (2005) zeigen, dass man auch anders, will sagen zivilisierter und rechtsstaatlicher mit solchen Anschlägen umgehen kann, als es die USA in einem grenzenlosen Rache-Rausch (Bush’s „war on terror“) vollführten. Immerhin hat es das Land seine Wirtschaftskraft, seinen weltpolitischen Primat und seinen Vorbildcharakter gekostet. Die USA als Hort der Menschenrechte und Freiheit, dies Bild ist in den Jahren nach 2001 nahezu restlos aufgebraucht; dafür genügen heute die Stichworte Abu Ghraib und Guantánamo. Aber auch innenpolitisch haben sich die USA stark verändert: „Auch die extreme Zerrissenheit des Landes sehen manche als indirekte Folge von 9/11. Die Invasion Iraks, die Präsident Bush als Teil des Kriegs gegen den Terror rechtfertigte, hat das politische Klima in den USA vergiftet, findet der Politikprofessor Christopher Gelpi von der renommierten Duke University. Und Paul Kennedy, einer der Großhistoriker der USA, sieht Amerika steuerlos abdriften, weil die politische Führung auf den Kampf gegen den Terror fixiert war: „Das soziale Gewebe des Landes ist am Zerfasern“, schrieb er vor ein paar Tagen, und „das könnte die wahre Erblast von 9/11 sein.““ Das Ende der Supermacht USA, das könnte das wahre Erbe von 9/11 sein – ein später Triumph des toten Bin Laden.

Auf diesen Aspekt weist besonders Arundhati Roy hin in einem durchaus lesenswerten Interview-Beitrag der ZEIT. Nun darf man von Roy als Literatin keine ausgewogene politische Analyse der Vorgänge und Auswirkungen von 9/11 erwarten. Es ist vielmehr eine sehr subjektiv geprägte Momentaufnahme aus der indischen Mittelstands-Wirklichkeit. Roy schreibt leidenschaftlich und engagiert, dabei auch widersprüchlich und nicht ohne Überheblichkeit. Aber sie weist auf manches hin, was in der Diskussion über 9/11 sonst zu kurz kommt, etwa auf die Verquickung von Militärindustrie und Kriegspolitik unter Bush / Cheney, aber das gilt auch für die US Administration überhaupt, auf die Einseitigkeit westlicher Werte und Kulturvorstellungen, auf das Leiden der Armen und auf den zunehmenden weltweiten Kampf um Ressourcen. Alles richtig, alles wichtig, alles auch zu bedenken. Dennoch wird man bei Roy das Gefühl nicht los, dass sie ihre Mission sehr gut mit den Mitteln zu vermarkten weiß, die sie dann so vehement kritisiert. Wie so oft leben die schärfsten Kritiker eines Systems oft nur so sicher, weil es dieses System gibt. Nun, man mag das Interview und Frau Roy bewerten, wie man will, es ist eine Stimme zu und nach 9/11, die zu Recht gehört sein will.

Diese Beispiele zeigen schon, dass über die Anschläge vom 11. September 2001 noch lange nicht genug nachgedacht worden ist. Erst mit dem Abstand der Zeit tun sich neue Perspektiven und Draufsichten auf, die dies Ereignis angemessener zu beurteilen helfen. Insofern kann ich denen, die sich entrüstet und polemisch über die viele mediale Präsenz des Themas 9/11 in diesen Tagen äußern, nicht folgen. Vielmehr will ich zu mehr Sachlichkeit auffordern und dazu, lieber selber einmal genauer nachzudenken, als beliebte Verschwörungstheorien zu zitieren (Moore!) oder sich über die USA allgemein zu entrüsten, – ein „Ami bashing“ als recht primitive Gegenbewegung. Es gibt weiß Gott noch viel zu sagen und zu denken über die Ursachen und Gründe, aber auch über die Folgen und Wirkungen der Anschläge vom 11. September. Ein Paradigmenwechsel ist eingetreten, so viel ist sicher, nur wohin und wozu? Wir werden weiter beobachten – und darüber noch viel reden und schreiben müssen, wenn denn gilt, was Günther Nonnenmacher (s.o.) schreibt: „Die Ära der „einzig verbliebenen Supermacht“ geht zu Ende, es zeichnet sich eine Ära der Unsicherheit ab, in der die Macht in der Welt neu verteilt wird.

 11. September 2011  Posted by at 08:00 Menschenrechte, Terrorismus, USA Kommentare deaktiviert für >Noch längst nicht genug gesagt über 9/11
Jul 312011
 
>zum „Wahn und Sinn“ des Anders Breivik hat Nils Minkmar geschrieben. Das „Manifest“ von Breivik muss man genauestens lesen und studieren. Es ist eine Art „Mein Kampf“ des modernen Rechts-Terroristen.

 31. Juli 2011  Posted by at 17:42 Terrorismus Kommentare deaktiviert für >Das Beste, was zu sagen ist
Jul 252011
 
>Die Reaktionen auf den zum Killer gewordenen Breivik sind heute vielfältig und verwirrend – und vor allem selten aus meiner Sicht sachlich und angemessen. Einmal wird er für die innenpolitische Diskussion instrumentalisiert: Uhl (CDU) benutzt sie als Argument für die Vorratsdatenspeicherung, dabei war Breivik offenkundig Einzeltäter; oder in der Forderung nach einer Datei für auffällige Typen, dabei war Breivik ja gerade völlig unauffällig. Solch Gerede ist also Blech. Zum andern bedient die Abscheu über diese Tat doch recht niedrige Instinkte, wenn sogar ein Leitartikler der FAZ, Georg Paul Hefty, seine klammheimliche Enttäuschung darüber, dass es in Europa keine Todesstrafe mehr gibt, nur mühsam durch seinen politisch korrekten Hinweis verdecken kann, dass man solch „niederen Beweggründen keinen Raum geben dürfe“ – warum verweist er denn so lauthals und ausdrücklich auf die mangelhafte Gerechtigkeit „im gesellschaftsbefriedendem Sinne“? Im Übrigen kann er ohne groß nachzudenken das Geschehen nur als „Tat eines Irrsinnigen“ deuten, das sich jeder Rationalität entziehe. – Genau das tut es nicht. Es hat nur seine eigene „Rationalität“, d.h. innere Konsistenz. Sie nach zu vollziehen fällt uns nur deswegen schwer, weil wir (meistens jedenfalls) seine Auffassungen und Überzeugungen nicht teilen, die Grundlage seines Denkens und Tuns geworden sind. Man kann durchaus erschreckt feststellen, dass eine ganze Menge von Einzelgedanken und Einzelideen Breiviks durchaus von vielen geteilt werden: Antikommunismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Reinhaltung des eigenen Volkes, Abschottung der eigenen Kultur von „fremden“ Einflüssen, gegen Islamisierung  des Abendlandes usw. usw. 20 % ist das Stimmenpotential für solche rechten Denkmuster und Parteien in Europa. Breivik hat all dies nur (!) zu einer kompletten Ideologie zusammen gefügt und mystifiziert, sich dabei auf den UNA-Bomber und auf den Gewalttäter Timothy McVeigh bezogen und entsprechend radikalisiert. Ganz so „abartig“ wie oft dargestellt sind Breiviks krude Gedankenkonstrukte leider nicht. Gedacht wird so wohl ansatzweise vielerorts. Nur so konsequent handlungsleitend ist derlei Geschwätz normalerweise nicht. Zum Verbrecher wird Breivik aber erst durch sein Tun. Seine Logik mag als „hirnrissig“ bezeichnet werden, aber es steckt – leider – eine eigene Logik dahinter.

Breiviks „Manifest“ ist sehr detailliert und hoch interessant; man kann daraus das Psychogramm eines Massenmörders lesen. Man erfährt tatsächlich recht genau, wie er ‚tickt‘. Dabei fällt auf: Er glaubte, das Rechte und Gute zu tun; diese Überzeugung teilt er übrigens mit vielen führenden Nazis und auch mit terroristischen Islamisten: Die einen taten es um des „deutschen Volkes“ und der „arischen Rasse willen“, die anderen tun es „um Gottes / Allahs willen“. Das ist ja das Erschreckende: Es ist die Ideologie, es sind die Ideen, die einen Menschen zum Verbrechen führen und zum Massenmörder machen. Der Versuch, ihn zum „Monster“ zu machen und zu entmenschlichen, will nur verdecken, dass dies Tun eben auch ein „menschliches“ ist, ein Menschen mögliches. Leider wahr!

UPDATE: In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG ist ein sehr guter und wohltuend durchdachter Kommentar zu lesen. DIE WELT bringt eine aufschlussreiche Übersicht über Reaktionen aus dem „rechten Lager“ sowie eine Stellungnahme von Henryk M. Broder.

 25. Juli 2011  Posted by at 10:35 Gewalt, Terrorismus Kommentare deaktiviert für >Gewalt, Ideologie und Ideen