Apr 272014
 

[Mensch]

Die Frage, warum der Mensch immer wieder bereit ist, gegeneinander Krieg zu führen, zu bedrohen, zu bekämpfen, zu töten, ist offenbar so alt wie die Menschheit. Der Homo sapiens ist stets auch der Homo bellicus. Eine endgültige Antwort auf diese Menschheitsfrage gibt es nicht, kann es nicht geben. Der Mensch ist ein sehr vielseitiges, zugleich widersprüchliches und konsequentes Wesen. Seine Lebensverhältnisse wandeln sich ständig und erfordern Anpassung sowohl des Einzelnen als auch einer menschlichen Gemeinschaft. Versuche einer Antwort gibt es aber viele.

Man könnte diese Versuche, die Frage nach dem kriegerischen Menschen zu beantworten, in drei Kategorien einteilen: Es werden metaphysische, gesellschaftliche oder individuelle Gründe angeführt. Wohlgemerkt, es geht um Voraussetzungen, Ursachen und Gründe der Bereitschaft und Fähigkeit des Homo bellicus, es geht hier nicht um die Ursachen und Gründe einzelner Kriege oder gewaltsamer Auseinandersetzungen. Das wäre ein anderes, eigenständiges Thema.

Metaphysische Voraussetzungen für die menschliche Kriegsfähigkeit nenne ich solche, die Streit und Krieg unter Menschen unabhängig von ihren konkreten Anlässen und Bedingungen auf einen Krieg auf höherer Ebene zurückführen. Das können Kriege unter Göttern sein, die sich in Kriegen von Königen und Priestern und ihrem Volk widerspiegeln (Babylon, Altes Ägypten, Israel). Es kann ein metaphysisches Prinzip als Ursache angeführt werden, zum Beispiel der Kampf zwischen den Mächten des Lichtes und den Mächten der Finsternis, aber auch der Zwiespalt zwischen gleichsam gegensätzlichen, dualistischen Weltprinzipien wie Ying und Yang, Himmel und Hölle, göttlichen Lichtfunken und finsterer Materie oder als Ausdruck dialektischer Geschichtsmetaphysik. Schließlich kann der Krieg als Ausfluss des Kampfes zwischen Gott und Seele interpretiert werden, dann geht es um den großen und kleinen Dschihad sozusagen, ein Gedanke, den auch schon der Kirchenlehrer Augustin vorgeprägt hat als Kampf und Krieg der reinen, wahren Gläubigen der Kirche gegen die gottfeindlichen Mächte des Antichrist. All diesen metaphysischen Begründungen des Krieges ist einiges gemeinsam: Der kriegerische Mensch ist nur Spiegelbild, Werkzeug gar eines viel größeren und umfassenderen Krieges der übernatürlichen Welt. Er kann letztlich „nichts dafür“, dass er in Kriege verwickelt wird. Es geht vielmehr um die Erkenntnis des gerechten Krieges und des notwendigen Kampfes, den der Mensch aufgrund seiner (vorausgesetzten) Bestimmung halt auch mit irdisch-gewaltsamen Mitteln auszufechten hat. Jahrhunderte lang wurden und werden in verschiedensten Kulturen die unterschiedlichsten Arten solcher metaphysischer Begründungs- und Rechtfertigungsstrategien für den Homo bellicus entwickelt. Mir scheinen es Versuche zu sein, das ebenso Unleugbare wie Unvermeidliche des Krieges ‚Mensch(en) gegen Mensch(en)‘ irgendwie zu entschärfen und in eine höhere Notwendigkeit einzubetten.

Der in der westeuropäischen Aufklärung gewählte Weg des Verzichtes auf eine jenseitige Welt und damit auf überweltliche Metaphysik musste auch zu anderen Begründungen für den Homo bellicus, also für das kriegerische Wesen des Menschen führen. An die Stelle der Metaphysik traten (meist in der Nachfolge Hegels) große Geschichtsentwürfe, die einmal das Bürgertum, ein andermal das Proletariat zu treibenden, auch Krieg treibenden Kräften der Entwicklung der menschlichen Geschichte auf dem Weg zu einem höheren Status erklärten. Die Idee des Fortschritts der Menschheit, der stetig aufwärts gerichteten Entwicklung der Geschichte als Geschichte der Selbstvervollkommnung des Menschen schloss und schließt notwendig auch Kampf und Krieg ein: gegen die beharrenden Kräfte des Alten, gegen Widerstände überholter Strukturen und ihrer Profiteure im Interesse des allgemeinen Fortschritts. Man denke nicht, die Zeit dieser großen alten, gewissermaßen klassischen Ideologien sei vorbei. Wir erleben sie heute nur in neuem Gewand. Die Idee der durch Kämpfe herzustellenden „großen Harmonie“ seitens der chinesischen Machtelite gehört ebenso hierher wie die notwendig und im Interesse des Fortschritts agierenden zerstörerischen Kräfte des Kapitalismus (Schumpeter) und seiner Erneuerung und Umgestaltung der Welt zu einem einzigen allumfassenden „freien Markt“, – und ebenso die heutige Silicon-Valley-Ideologie der andauernden „disruptiven Innovation“. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ – mit „uns“ ist damit die jeweils unterschiedlich akzentuierte Vorhut der fortschrittlichen Menschheit gemeint – ehemals in Moskau, heute mehr in San Francisco. Sie gilt als so unaufhaltsam, dass Krieg und Kampf (ökonomisch, kulturell und eben auch militärisch) nur der Preis für uferlos freie Märkte und schrankenlosen Gewinn ist. Allmählich werden die Petro-Kriege durch Daten-Kriege (verharmlosend Cyber-War genannt, als wäre es ein Spiel) (1) und ihre mächtigen globalen Akteure ersetzt. In jedem Falle geht es um Ressourcen, um die künftige Verfügungsmacht, um den unaufhaltsamen Fortschritt mit Glücksverheißung für alle: „Don’t be evil!“. Russlands derzeitige militärische Aggressivität scheint da auf verlorenem Posten zu stehen – irgendwie von gestern, was nicht weniger gefährlich sein kann (2). – Diesen geschichtsmetaphyischen, gesellschaftsideologischen Begründungs- und Rechtfertigungsmodellen des Homo bellicius ist das Bewusstsein gemeinsam, Teilnehmer an einer grandiosen Geschichte zu sein, die sich unaufhaltsam verwirklicht und einem Glückszustand entgegen strebt, der zwar allen verheißen, für den aber nur wenige auserwählt sind. Dieser Fortschrittsidee ist als Bewusstsein, auf der „richtigen“ Seite der Geschichte zu leben, nahezu jedes Mittel recht. Kriege, Vernichtung der Gegner und Beseitigung von Widerständen gehören unvermeidlich dazu. Bisweilen wirkt diese Strategie der Rechtfertigung wie ein Ansporn.

Krieg oder Frieden

Krieg oder Frieden (bykst, pixabay)

Bei der dritten Kategorie geht es um Begründungsmodelle des Homo bellicus, die im einzelnen Menschen selber fest gemacht werden. Es kann dabei auf die animalische Basis des Menschen verwiesen werden, auf seine evolutionäre Naturgeschichte, die für das Individuum den Kampf ums Überleben und Anpassung um jeden Preis notwendig und unausweichlich macht. Es kann die Triebstruktur des Menschen heran gezogen werden, seine unvermeidliche Aggressivität, die auf Konkurrenz oder Frustration reagiert; auf Neidkomplexe, Habgier, Egoismus, sexuelle Gewalt usw. Hier könnten all die Tugend- und als Umkehrung davon, die Lasterkataloge früherer Jahrhunderte beigezogen werden. Nach diesen individualistischen Erklärungsmodellen ist der Mensch ein zutiefst durch seine unbewusste Natur geprägtes gewalttätiges Lebewesen, das gefährlichste Raubtier auf der Erde. Gegenstrategien dienen dann der Aufdeckung und Umlenkung latenter Gewaltphantasien in produktive, selbstheilende und gemeinschaftsfördernde Verhaltensweisen. Das Übel des Krieges wird im unbewältigten Dunkel der eigenen Persönlichkeit gesehen, die es aufzuklären und zum Beispiel durch meditative Praktiken aufzulösen gilt. Findet der Einzelne seinen Frieden, wird auch die Menschheit friedlich und glücklich sein. Viele Religionen verfolgen diesen Weg.

Es gibt noch viel mehr Erklärungsversuche, warum der Krieg in die Welt kommt und der Mensch als Homo sapiens eben immer auch ein Homo bellicus ist. Ich bin einigen Haupttypen nachgegangen, die Liste ist natürlich nicht vollständig. Es sind Beispiele, die zeigen, wie die Tatsächlichkeit von Streit, Krieg, Tod und Vernichtung unter Menschen doch immer wieder als rätselhaft, als erklärungsbedürftig empfunden wird. Denn eigentlich wollen doch alle nur zufrieden sein, – wenn da nicht der böse Nachbar wäre… Alle diese Modelle der Ursachen und Gründe einer weithin kriegerischen Welt, in der gewaltsames Leiden und Tod täglich gegenwärtig sind, haben vielleicht jeweils etwas Richtiges im Blick. Auf jeden Fall ist es aber wahr, dass die Verwicklung des Menschen und der Menschen in Krieg, Gewalt, Foltern, Töten unüberschaubar vielfältig und insofern „multikausal“ verursacht ist. Es bleibt dennoch als etwas letztlich Unerklärliches, Unbewältigtes bestehen. Noch unerklärlicher erscheint dann besonders die Lust am Töten, der Rausch des Blutes, die exzessive Gewalt, die keine Grenzen kennt. Ebenso unbegreiflich ist es, dass es immer wieder gerade auch vormals friedliche „normale“ Menschen überkommt – wenn die Umstände danach sind. Jeder Völkermord hat Täter, die – auch nur Menschen sind. Das ist ein Erratum: ein unauflösliches Faktum.

Die Rätselhaftigkeit dieser Struktur des Menschen als Homo bellicus anzuerkennen erscheint mir jedenfalls angemessener als all die verschiedenen Erklärungsversuche für sich genommen. Andererseits ist die Suche nach Erklärungen unvermeidlich; sie drängt sich auf. Vielleicht kommt man dennoch zum Ergebnis, dass diese Frage nach der Möglichkeit und Fähigkeit des Menschen zum Krieg, zu Vernichtung und Töten anderer Menschen letztlich unbeantwortbar bleibt. Kriege werden von Menschen geführt, „gemacht“. Dass es sie gibt, scheint zu unserer conditio humana, zu unserem Dransein als Menschen zu gehören – eine Erkenntnis, die zu selbstkritischer Mäßigung und zu rationaler Bescheidenheit zwingt.

Anmerkungen

1) Wer wissen will, worum es geht, schaue The Netwars-Project.

2) Man lese Viktor Jerofejew, Russland in der Offensive, FAZ Dez 2013

 27. April 2014  Posted by at 11:47 Gesellschaft, Mensch Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Das Rätsel des Homo bellicus
Jul 192013
 

I. In der letzten Zeit beschäftigt mich die Analytische Philosophie des Geistes und der Stand der Kognitions- und Neurowissenschaften einerseits und der technische, soziale, kulturelle Prozess der Transformation der digitalen Wirklichkeit andererseits. Die aktuellen Diskussionen um die „Hegemonie des digital-industriellen Komplexes“ (Schirrmacher), also um Überwachung, Auswertung von Dig Data, Datenschutz und Freiheitsrechten / Bürgerrechten stehen in einem offenkundigen Hiatus zur akademischen Diskussionslage über die Möglichkeiten der Neuro- und Kognitionswissenschaften hinsichtlich der Bewusstseinsforschung und „machbarer“ Bewusstseinsveränderung. Auf der einen Seite ein (hoffentlich heilsamer) Schock in der Öffentlichkeit, den Edward Snowden herbei geführt hat (das ist sein Verdienst), auf der anderen Seite eine unbedarft optimistische Vorwärtsstrategie der Bewusstseinsforschung (der im Übrigen auch schon eine entsprechende „Bewusstseinsindustrie“ / Pharmaindustrie zur Seite steht), deren Ziele in der Erklärung und möglichen Manipulation des menschlichen Bewusstseins unverändert und von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet verfolgt werden. Hier wie dort gilt ein „Gemacht wird, was machbar ist.“ Aber die fröhliche Unbedarftheit der bisherigen Apostel des Internets und der ihnen bereitwillig folgenden Internetgemeinde hat einen spürbaren Knax bekommen. Zwar muss hier zwischen der medialen und teilweise auch dem Wahlkampf geschuldeten Aufgeregtheit der veröffentlichten Meinung einerseits und dem tatsächlichen Verhalten der Internetnutzer andererseits unterschieden werden. Solange sich die derzeitige Diskussion um Big Data und #PRISM auf die Verkaufszahlen von Apple, Samsung, der Nutzerzahlen von Google, Facebook, Amazon nicht auswirkt, so lange kratzt die Diskussion offenbar nur an der gesellschaftlichen Oberfläche. Erst ein verändertes Nutzerverhalten würde hier ein gestiegenes Problembewusstsein und eine ernsthafte Sorge erkennen lassen. Dies fest zu stellen ist es noch zu früh. Vermuten kann man allerdings, dass die aktuelle Diskussion kaum dazu beitragen wird, den digitalen Graben zwischen den Techies und den eher Reservierten zu verringern. Vielleicht ist das ja auch gut so. Jedenfalls ist in der Öffentlichkeit die Diskussion über das neue Menschenbild der digitalen Welt – der verhaltenstransparente Konsument und der sicherheitsriskante Bürger – eröffnet.

II. Ganz anders ist die Lage in dem anderen, mindestens ebenso brisanten Themenfeld. Auf welche Weise die modernen Humanwissenschaften auf naturalistischer Grundlage ein neues Menschenbild, mehr noch einen neuen Menschen schaffen, dessen Gehirn in seiner Funktionsweise immer verständlicher und dessen geistige Fähigkeiten und individuelles Verhalten dementsprechend neurologisch erklärbar, kognitiv transparent und psychiatrisch manipulierbar werden, das interessiert nur am Rande gelegentlich das Feuilleton. Populärer sind allemal Bücher mit Anleitungen zum Glücklichsein oder zur „richtigen“ Entfaltung der eignen Potentiale. Dabei beruhen die Methoden der Neurowissenschaften immer stärker auf Computermodellen, die ebenfalls big data erfassen und verarbeiten. „Bildgebende Verfahren“ klingt da etwas naiv und harmlos, denn das ist ja nur die bunte, anschauliche Oberfläche neurologischer Forschung. Andere Verfahren erheben den gesamten elektrischen Zustand eines Gehirns und übersetzen ihn in ein algorithmengestütztes, selbstlernendes Computermodell, das, so die Erwartung, dann schlicht ein Spiegelbild eines menschlichen Gehirns ist. Ob es sich wirklich so verhält und ob es funktioniert, wird sich zeigen, aber die Fortschritte in den Neurowissenschaften sind gerade in den letzten Jahren mit wachsender Rechenpower gewaltig. Jedenfalls wachsen die Bemühungen um eine Modellierung des menschlichen Geistes bzw. des Bewusstseins weit über bloße Theorien hinaus. Es wäre leichtfertig, hier nur Spekulation und technische Phantasien am Werk zu sehen. Was bisher als science fiction erscheint, könnte schneller als gedacht science technics werden. Nachdem die Diskussion vor einigen Jahren die Frage des „freien Willens“ (ein Nebenkriegsschauplatz) publikumswirksam thematisiert hat, ist die Hirnforschung mit ihren Strategien, menschliches Gehirn und menschlichen Geist endlich in den Griff zu bekommen, weitgehend öffentlich unbeobachtet. Nur über die Stammzellenforschung hat man sich eine Zeit lang aufgeregt, auch dies aus meiner Sicht eine sehr deutsche Nebenbühne.

Faust spricht mit dem Erdgeist, Margret Hofheinz-Döring, Öl, 1969 (Wikimedia Commons)

Faust spricht mit dem Erdgeist, Margret Hofheinz-Döring, Öl, 1969 (Wikimedia Commons)

III. Im Blick auf die Neurowissenschaften und die durch sie gemeinsam mit der Biogenetik nachhaltig veränderten Humanwissenschaften hinkt eine öffentliche Diskussion, ja überhaupt Wahrnehmung der Tragweite und Auswirkungen, also der ethischen Herausforderungen und Handlungsbegleitung der Wirklichkeit auffallend hinterher. Was die digitale Transformation betrifft, haben wir soeben die Chance bekommen (Snowden sei Dank), die Diskussion um Mittel und Wege, Rechte und Grenzen, Wollen und Sollen breit und öffentlich, hoffentlich ausführlich und begründet zu führen, praktische politische und persönliche Konsequenzen eingeschlossen. Auch dies hat ethische Aspekte in der Frage, welches Menschenbild der Digitalisierung zu Grunde liegt oder liegen sollte. Es zeigt sich, dass die großen Themengebiete Digitalisierung und Hirnforschung, erweitert um das Thema der Biogenetik, uns an die Schwelle einer kulturellen Transformation ungeahnten Ausmaßes bringen. Diese Transformation wird zwar zunächst in den industrialisierten Ländern beginnen, aber kaum vor irgend einem Kontinent halt machen. Die Möglichkeit, diesen Transformationsprozess zu steuern, wird schwierig sein, weil der ihn antreibende Strom der Ereignisse und Interessen fast übermächtig ist. Umso mehr und kraftvoller muss das Bemühen um öffentliche Diskussion und Gestaltung sein. Neue ethische Maßstäbe und rechtliche Rahmenbedingungen sind nötig. „Alles was wir einmal Bürgerrechte oder Privatsphäre nannten: Das ist alles weg.“ (Leyendecker). Damit nicht noch mehr von dem „weg“ ist, was uns lieb und teuer ist, sollten wir uns kundig machen und einmischen, in jedem der neuen Wissensgebiete, vor allem gegenüber den politisch-industriellen Machtkomplexen. Die Zeiten eines Nelson Mandela, der gestern seinen 95. Geburtstag beging, könnten andernfalls im Rückblick noch als rosig erscheinen. Wir brauchen nicht weniger als eine neue Ethik und Politik der kulturellen Transformation.

 19. Juli 2013  Posted by at 11:15 Gesellschaft, Mensch, Wissenschaft Tagged with: , , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ethik der digitalen Transformation
Jun 012013
 

„Arme sterben früher“ titelte die Süddeutsche Zeitung gestern. „Die Lebenserwartung sinkt mit dem Einkommen“ hieß es bei derwesten.de. Schlussfolgerung des Ärztetages laut Süddeutscher Zeitung: „Die Ärzteschaft will Verantwortung für die schlechter gestellten Patienten übernehmen – handeln müsse aber zunächst einmal die Bundesregierung.“ Klarer Fall von Ungleichheit, von Ungerechtigkeit. Menschen der sozialen Unterschichten rauchen mehr. Rauchen sei besonders unter Jugendlichen ein „Unterschichtsproblem“ geworden: „Arme Raucher im Abseits – Nichtrauchergesetze sind erfolgreich, Rauchen ist nicht mehr schick. Doch die weiter qualmende Unterschicht fühlt sich nicht angesprochen – und wird sozial ausgegrenzt.“ So formuliert  Die Zeit den ‚Skandal‘. Fettleibigkeit, Fehlernährung, mangelnde Bewegung, Diabetes, hohes Infarktrisiko, Alkohol, psychische Störungen, – all dies tritt in der Unterschicht geballt auf. „Rauchen und Fettleibigkeit sind inzwischen Schichten- und somit Bildungsprobleme“, sagt Ärztevertreter Montgomery.  Darum sterben dann Arme eben früher. Die negative Entwicklung beginne meist schon in der Schwangerschaft, wenn Unterschichts-Mütter sich nicht „gesund“ genug verhalten, betont die Ärzteschaft. Um diesem Skandal abzuhelfen, muss die Gesellschaft her, ist die Politik gefragt, natürlich auch die Ärzteschaft, die sich dabei ihrer „besonderen“ Verantwortung bewusst sei.

Die diskriminierte Unterschicht war bislang meist ein Skandalthema hinsichtlich der Bildungschancen. Schlechte Lese- und Schreibfähigkeiten, fehlende Förderung durch die Eltern, Konzentrationsschwächen, unterdurchschnittliche Schulleistungen – all dies wurde und wird als spezifisches Unterschichtsproblem gekennzeichnet und skandalisiert. Eine schreiende Ungerechtigkeit, die sich unsere reiche und auf Wissen angewiesene Gesellschaft nicht leisten dürfe. Wenigstens Chancengleichheit muss für alle erreichbar sein. Nun wird der Skandal auf die Spitze getrieben: Arme müssen früher sterben, also mit dem Leben für ihre unverschuldete Armut bezahlen. So tönt es aus den Medien – und die Faust des Gerechtigkeitssinns ballt sich in der Tasche und formuliert zumindest zeitweise mediale Entrüstung, die von Sozialpolitikern, die es ja schon immer besser wussten, dankbar aufgegriffen und in Wahlkampfrhetorik umgemünzt wird. Die Gesellschaft, die Politik, die Ärzteschaft, Sozialarbeiter: MACHT endlich was! Diese Ungleichheit, diese Ungerechtigkeit hält doch keiner mehr aus!

Nichtraucher Kampagne 1984

Nichtraucher Kampagne 1984

Arme Menschen, insbesondere Jugendliche, werden übrigens nicht so groß wie der Durchschnitt. Auch die Tendenz zur Kleinwüchsigkeit ist klar ein diskriminierendes Kennzeichen der Unterschicht. Kinder aus dem „Prekariat“ sind doch schlecht ernährt und bewegen sich zu wenig, klar. Davon haben Sie noch nie gehört? Nun, von einem Zusammenhang zwischen Körpergröße und Sozialschicht habe ich bisher tatsächlich auch noch nichts gelesen, aber es wäre doch denkbare. Welcher Aufschrei wäre da fällig.

Es beleidigt heutzutage offenbar unsere „Gerechtigkeitskultur“, in der Natur wie im normalen Leben so viel Ungleichheit anzutreffen. Nicht einmal zwei Individuen können restlos gleich sein! Untersuchungen und Statistiken suggerieren dagegen, dass all diese Ungleichheiten sozial bedingt und von Menschen verursacht sind. Nur sind Korrelationen noch lange keine Kausalitäten. Mit Statistiken kann ich vieles so manipulieren, wie ich es gerne lesen möchte. In der Bildungspolitik, in der Gesundheitspolitik sind solche Statistiken wohlfeile Anlässe für Entrüstung und Bestätigung des vorgefassten Weltbildes, dass die Gesellschaft wenn nicht schuld, so doch verantwortlich ist für die Herstellung von möglichst viel Gleichheit und Gerechtigkeit. Die „Diskriminierung“ der „sozial Benachteiligten“ ist das Dogma gesellschaftlich „korrekten“ Denkens. Ich halte das für den Wahn unserer Zeit.

Natürlich weiß ich, dass der Mensch kein Wesen ist, dass sich aus eigenen Willen und Möglichkeiten heraus selbst erschafft. Jeder Einzelne ist von Geburt an eingebunden in vielfältige soziale und naturhafte Zusammenhänge. Man könnte zu recht von unserer „sozialen Natur“ sprechen, die uns prägt, ausstattet und uns Möglichkeiten eröffnet und Grenzen setzt. Pure Natur gibts beim Menschen nicht, alles ist sozial vermittelt. Das heißt aber noch lange nicht, dass der Einzelnen darum alle Verantwortung auf das „Soziale“, auf die Gesellschaft, auf die Umstände, auf die schlechten Startbedingungen abschieben darf. Betrachtet man den Menschen als ein zur Freiheit und Selbstverantwortung bestimmtes soziales Wesen, so ist jeder zu aller erst für sich selbst verantwortlich, und zwar in jeder Hinsicht. Was mich selber als Individuum innerhalb einer Gemeinschaft angeht, so muss ich stets zuerst fragen, was ich selber tun kann, um meine Lage zu verbessern und um meine Ziele zu erreichen im Kontext der Gemeinschaft, ehe ich die umgekehrte Frage stelle, was denn die Gemeinschaft, die „Gesellschaft und Politik“, für mich tun können. Ich erkenne auch an, dass beide Fragerichtungen wohl entgegen gesetzt, aber nicht gegensätzlich, i.e. widersprüchlich sind; sie ergänzen einander in der dargestellten Reihenfolge.

Zuerst aber sollte es in Bildung und Erziehung darauf ankommen, jeden Einzelnen und jede Einzelne zu ermutigen, zu unterstützen und zu ermahnen, für sich selber Verantwortung zu übernehmen, also kurz: sein / ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Selbstbewusstsein und Mut sind dafür die wichtigsten Tugenden, die gilt es zu fördern. Nur wer immer darauf wartet, dass andere ihm helfen, dass andere für ihn denken und entscheiden, dass sich andere schon um ihn kümmern werden, dass ihm „der Staat“ oder „die Gesellschaft“ schon seinen rechten Platz zuweisen würden, dass eben auch „die Schule“ für die eigene Bildung und „die Ärzte“ für die eigene Gesundheit verantwortlich sind, nur ein solcher Mensch braucht lebenslang paternalistische Begleitung und Führung. Unser Sozialstaat hat bisweilen solche paternalistische Bestrebungen. Sie widersprechen jeglicher Freiheit, gerade auch der Freiheit zur Ungleichheit, zur Verschiedenheit, zur „Diversität“. Nur derjenige ist zu bedauern, der meint, nichts für sich selber tun zu müssen und alles von anderen erwarten zu sollen. Dass es Hilfe und Unterstützung geben sollte für die, die danach suchen, ist auch klar, aber nur die Hilfe zum Selbergehen, den Anschub also. Wie dann jeder lebt, ob auf der Couch vorm Computer oder TV oder draußen auf dem Mountainbike, das ist schlicht eines jeden private Entscheidung (Jaja, ich lese und höre schon: „Gesundheitsaufklärung ist nur von der Mittelschicht für die Mittelschicht.“ Man muss die Info-Häppchen also hübsch kindgerecht verpacken für den sozialen HonK sprich Trottel. Welche Anmaßung und Bevormundung!) Und jeder wird natürlich auch die Konsequenzen für sein eigenes Verhalten bzw. für seine eigene Bequemlichkeit zu tragen haben.

Don Alphonso bringt es in seinem Wochenend-Blog schön auf den Punkt:

„Jeder kann arm bleiben.
Jeder kann ärmer werden.
Aber nicht jeder kann reich werden.

So isses. Die Frage ist nur, ob es ein veränderbarer Skandal ist, oder eine Gegebenheit, die so alt ist wie die Menschheit. Dass auch der Reichtum sozial verpflichtet, steht dabei außer Frage.

 

UPDATE 03.06.2013

Gestern erschien in der FAS ein längerer Artikel zum Thema Chancengerechtigkeit „Die neue Klassengesellschaft„. Die Tendenz des Artikels entspricht heute bekannten Positionen und ist ein recht diffuser Mix aus dünnen Daten und einseitigen Interpretationen, – für mich kein Beispiel von „Qualitätsjournalismus“. Man lese und bilde sich sein eigenes Urteil.

 1. Juni 2013  Posted by at 12:22 Gesellschaft, Individuum, Mensch Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Mut zur Un-Gleichheit
Mrz 272013
 

Im vorigen Blogpost über die Ethik der Tiere ist ein Aspekt denn doch zu kurz gekommen. Bei der Frage nach einer „Würde aller Lebewesen“ habe ich auf die „brutale“ Distanzierung des Menschen vom Tier hingewiesen. Nicht als Objekt sollte das Tier behandelt werden, sondern als Subjekt, als „Mitgeschöpf“, als ‚beseeltes Lebewesen‘ muss es in den Blick einer ethischen Betrachtung genommen werden. Dies gilt nicht nur nach der negativen Seite hin (Tierquälerei, Massentierhaltung), sondern auch nach der positiven Seite: Das Tier als ‚bester Freund des Menschen‘.

Tiere hatten zu allen Zeiten eine ganz besondere Rolle in der Entwicklung und Ausgestaltung der menschlichen Kultur. In den verschiedensten Kulturen und religiösen Kulten spielen „heilige“ Tiere eine ausgezeichnete Rolle. Bei Löwen und Stieren mag man das ja noch leicht verstehen als lebendige Symbole der Kraft, aber erstens ist das, schaut man näher hin, doch nicht so einfach mit der Deutung als simples Kraftsymbol, zweitens tauchen da noch ganz andere Tiere auf: die Schlange, der Affe, bestimmte Vögel, Kühe, Gänse, der Wolf, der Wal, der Reiher – die Reihe ließe sich noch lang fortsetzen. Gemeinsam sind nicht bestimmte, gleichartige Eigenschaften dieser Tiere, sondern ihre besondere Bedeutung. Sie sind Träger des Göttlichen; in ihrer Gleichartigkeit und Unterschiedenheit vom Menschlichen stehen sie für die geheimnisvolle Macht der Götter und Geister, die auf eigentümliche Weise in die Lebenswelt der Menschen hinein wirken und sich dem Menschen zugleich entziehen. Tiere gehören damit zu dem, was den Alltag und die eigene Natur des Menschen transzendiert; bestimmte „heilige“ Tiere haben dafür eine besondere Symbolkraft gewonnen. Symbol ist mehr als bloßes Zeichen: Das Symbol wirkt, wofür es steht. Mir scheint, hier ist das Wissen kondensiert, dass Mensch und Tier zwar besonders zusammen gehören, aber ebenso eigentümlich von einander unterschieden sind, so wie es auch für das Göttliche, die Geister und Ahnen gilt.

Grotte Chauvet (Wikipedia)

Grotte Chauvet (Wikipedia)

In anderer Weise sind Tiere zu lebensnotwendigen Partnern geworden: bei der Jagd, als Wächter, als Last- und Zugtiere, als Hilfen zur Fortbewegung wie Pferde, Kamele, Huskies. Hier ergänzt das Tier mit seinen Fähigkeiten das, was der Mensch nicht so gut oder gar nicht kann. Eine Kulturgeschichte zu schreiben ist ohne eine Geschichte der „Kultivierung“ der Tiere nicht möglich. Erst durch Mechanisierung und Technisierung haben die Tiere ihre wichtige Funktion als Helfer des Menschen weitgehend verloren. Der Mensch hat damit aber auch das lebendige Gegenüber verloren, das ihm seine Grenzen gezeigt und sich mit seinen ganz eigenen Fähigkeiten besondere Wertschätzung, ja Respekt, erworben hat. Heute sind viele Tierarten nur noch auf den „Nutzen“ für die Ernährung des Menschen zusammen geschrumpft. Das ist kulturgeschichtlich eine recht neue Entwicklung, die mit der Industrialisierung zusammen hängt. Sie ist offenbar auch die Ursache für eine massive Veränderung des Verhaltens der Menschen gegenüber den Tieren.

Zu dieser Veränderung gehört auch das Phänomen der Haus- und Lieblingstiere. Tiere als des Menschen bester Freund gab es zu allen Zeiten (der treue Hund, das anhängliche Pferd). Nie zuvor allerdings hat das Tier als Haus-, besser Wohnungstier eine solche Rolle gespielt wie heute bei den Stadtmenschen. Es gibt in Deutschland Millionen von Hunden, Katzen („Stubentiger“), Vögeln, die die Wohnungen bevölkern. Sie sind Teil der Familie und Begleiter im Alter und bei Einsamkeit. Sie sind der Mode unterworfen und gehören bisweilen zu den Statussymbolen. Sie werden geliebt, verhätschelt, – und immer wieder auch vernachlässigt und ausgesetzt. Die Hersteller und Verkäufer von (Haus-)  Tiernahrung und Tierartikeln sind eine wichtige Branche geworden, die Tiermedizin nicht zu vergessen. In den städtischen Parks laufen oft mehr Menschen mit Hunden als mit Kindern herum. Bei manchen mag tatsächlich der Hund als „Investition“ besser zu kalkulieren sein als ein Kind. Dies alles zeigt, wie sehr der Mensch sich immer wieder zum Tier hingezogen fühlt, wie sehr er in ihm etwas Gleichartiges erkennen kann. Oft ist hier die Grenze der Vermenschlichung überschritten, und auch dies ist dann ein Fall von Missachtung der Würde des Tieres. Es gibt Beispiele von einseitigen Zucht-„erfolgen“, von Tier-Modenschauen und Wettbewerben, in denen nur scheinbar das Tier, in Wirklichkeit aber „sein“ Mensch im Mittelpunkt steht, der es für sich zugerichtet und vereinnahmt hat.

Man kann also die Würde des Tieres nach beiden Seiten hin verletzen: durch Vergegenständlichung (Tier als Sache) und durch Vermenschlichung (Tier als Ersatzmensch). Die Würde des Tieres ist nur da gewahrt, wo es als Tier, in seiner eigentümlichen Subjektivität, mit seinem Eigensinn und Eigenwillen ernst genommen und respektiert wird. Dann aber kann ein Tier als ein beeindruckendes Mitgeschöpf wahrgenommen werden, das seinen Charakter und seine Sensibilität umso mehr zeigen kann, je mehr nicht nur der Mensch das jeweilige Tier, sondern ebenso sehr das Tier den jeweiligen Menschen als seinen „Partner“ erwählt hat. Wenn dies gelingt, ist es immer wieder überraschend zu sehen, wie sehr das Tier zum besten Freund des Menschen werden kann.

Dies gilt auch in einem letzten Bereich, den ich nur noch erwähnen möchte: nämlich den Bereich der „wilden“, in freier Natur lebenden Tiere. Es ist eine ganz eigene Überlegung wert, inwiefern hier das Tier zum Spiegel für den Menschen wird: Wo kein Tier mehr leben kann, wird es auch mit dem Menschen nicht mehr weit her sein. Umgekehrt gilt aber: Wo kein Mensch mehr leben kann, da können Paradiese für Tiere sein! Die Bedeutung der Tiere für die Ökologie des Menschen wäre also noch einmal ein ganz neues Thema. Aber kehren wir zurück zu unserem Thema, der Würde der Tiere, der Würde aller Lebewesen. Sie gilt es, in einer „Ethik aller Lebewesen“ zu beschreiben und in ihren Konsequenzen für den Alltag aufzuzeigen. Auch der Mensch als „Mitgeschöpf“ kann dabei nur gewinnen.

 27. März 2013  Posted by at 11:05 Ethik, Mensch, Tier Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Tierethik II
Mrz 232013
 

Der Titel dieser Problemskizze formuliert das Thema, muss aber noch erklärt werden. Gemeint ist eine Ethik, die sich auf Tiere bezieht (im Titel also ein genetivus objectivus), näherhin  geht es um eine Ethik aller Lebewesen, also um eine Ethik gegenüber aller Kreatur. Wenn man dazu googeln möchte, sollte man als Suchworte „Würde der Tiere“ verwenden. Zu „Ethik der Tiere“ findet man wenig im deutschsprachigen Raum, zu „Würde der Tiere“ schon sehr viel mehr, besonder aus der Schweiz. Das hat seinen Grund.

Bekannt ist die Formulierung Artikel 1 Abs. 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. “ Weniger bekannt ist, dass von Tieren im Grundgesetz erst seit 2002 im Artikel 20a  über die Schutzziele des Staates die Rede ist: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“ Damit hat der Tierschutz in Deutschland Verfassungsrang erlangt. „Allerdings ist die Staatszielbestimmung Tierschutz … eine verfassungsrechtliche Wertentscheidung, die von der Politik bei der Gesetzgebung und von den Verwaltungsbehörden und Gerichten bei der Auslegung und Anwendung des geltenden Rechts zu beachten ist. Aus einer Staatszielbestimmung können die Bürger allerdings keine individuellen Ansprüche herleiten.“ (Erläuterung des BMELV) Von einer „Würde der Tiere“ wird dagegen nirgendwo gesprochen, nicht einmal im Tierschutzgesetz (2006). Dort heißt es als erster Grundsatz: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Immerhin „Mitgeschöpf“ wird das Tier genannt, das, wie im Folgenden ausgeführt wird, „artgerecht“ oder „gemäß seiner Art“ zu behandeln ist. Von „Würde “ zu sprechen hat man vermieden.

Geht es auch anders? Ja, in der Schweiz – darum in der Google-Suche auch die zahlreichen Links auf Schweizer Texte einer breiten gesellschaftliche Diskussion. In der schweizerischen Bundesverfassung heißt es seit 1992 (Volksabstimmung vom 17. Mai) in Art. 120 zum Thema Gentechnologie: „Der Bund erlässt Vorschriften über den Umgang mit Keim- und Erbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Er trägt dabei der Würde der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung…“ Das Tierschutzgesetz der Schweiz (2008) formuliert als Gesetzeszweck, dass „die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen” sei. Das ist schon recht weit gehend, auch wenn Oliver Tolmein in der FAZ im Jahre 2010 resümmiert: „Was das heißt, inwieweit sich die Würde des Tieres von der des Menschen unterscheidet und warum, ist offenbar auch bei den Eidgenossen umstritten.“ Inzwischen gibt es, angeregt durch die schweizerische Gesetzgebung und die dortige Diskussion und Stellungnahmen von Ethik-Kommissionen, auch bei uns eine wenig beachtete Debatte darüber, was „Würde aller Kreatur“, „Würde aller Lebewesen“ und speziell die „Würde der Tiere“ bedeuten soll. Tierschutzkreise wünschen sich, die Würde der Tiere bzw. der Kreatur insgesamt in den Grundwertekatalog des Grundgesetzes aufzunehmen. Eine Umsetzung ist bisher ohne Chance, im Gegenteil, die jüngste Novelle des Tierschutzgesetzes von 2012 kann auch als Verwässerung verstanden werden, siehe die Stellungsnahme der Albert-Schweitzer-Stiftung.

Tierschutz_Bläßhuhn_Küken-640

Tierschutz Briefmarke 1981

Landwirtschaft und Industrie warnen regelmäßig vor einem „übertriebenen“ Schutz der Tiere. In der Öffentlichkeit kommt es nur dann zu Diskussionen, wenn es aktuellen Anlass zu Berichten über Tierversuche gibt. Massentierhaltung dagegen wird mehr aus der Perspektive der Gefährdung unserer Nahrungsmittel, also des Menschen, wahrgenommen als aus der Perspektive der Tiere. Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen gelten oftmals als einseitig und romantisierend. Nur Aktionen gegen den Walfang und gegen die Robben-Erschlagung (Robin Wood) sind einigermaßen „populär“. Aber das ist weit weg von der eigenen Lebenswelt. Die neuere Literatur ist auch dünn, hingewiesen sei auf Peter Kunzmann sowie auf das Buch von Martin Liechti, Die Würde des Tieres, 2002. Erwähnenswert sind auch Eugen Drewermann und Julian Nida-Rümelin (siehe Wikipedia Tierethik). Symptomatisch ist allerdings die Webseite der „Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik„, die lapidar vermeldet: „Achtung! Die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Tierethik (IAT) der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ist derzeit leider inaktiv.“ Die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Tieren ist völlig disparat: Für ein verirrtes Kätzchen rückt schon mal die Feuerwehr aus, worüber die Lokalpresse berichtet; Hundebesitzer haben Narrenfreiheit; lärmende und dreckende Krähen werden dagegen, obwohl unter Schutz stehend, vergrämt – und Kormorane, ebenfalls geschützt, sind der Angler liebster Feind. So weit zur Lage.

Ich möchte grundsätzlich fragen, was Menschen berechtigt, Tiere als „Sachen“ anzusehen, die uns nach Belieben und zu unserem Nutzen zur Verfügung stehen. Tiere als Sachen zu betrachten wie es zum Beispiel konkret bei Versicherungen geschieht (Tierschäden gehören zu den Sachschäden), ist eine neuzeitliche Tradition und geht unter anderem auf René Descartes zurück. Für ihn sind Tiere mechanisch zu erklärende Wesen ohne ethische Relevanz. Das neuzeitliche Denken ist ihm darin weit gehend gefolgt, wobei die mechanische in eine naturwissenschaftliche Sichtweise übergegangen ist. Erst auf diesem Hintergrund wird es verständlich, dass man darüber diskutieren konnte, ob Tiere eine „Seele“ haben. Seit der Seelenbegriff insgesamt obsolet geworden ist, wird eher danach gefragt, wie weit Tiere ein Bewusstsein oder gar ein Selbstbewusstsein haben (können). Generell wird allerdings von einem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier ausgegangen: Der Mensch hat als „Krone der Schöpfung“ nach wie vor eine ethische Monopolstellung.

Die Naturwissenschaften (Biologie, Genetik, Evolutionsforschung) wissen aber längst, dass diese Grenzziehung recht willkürlich ist. Die Entwicklung des Menschen ist nur ein Fall, wenngleich ein besonderer, in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen, insbesondere der Säugetiere (mammals). Die genetische Gemeinsamkeit ist groß; der oft zitierte Hinweis, das Genom der Schimpansen stimme zu 98% mit dem des Menschen überein, ist allerdings wenig aussagekräftig, weil in den 2 % ja genau der wesentliche Unterschied liegen könnte. Immerhin weiß die Biologie und die Neurowissenschaften, dass die physische und mentale Ausstattung des Menschen in großen Teilen von den Tieren nicht zu unterscheiden ist, dass gerade im Bereich der unbewussten Steuerung menschlichen Verhaltens die Herkunft aus sehr „ursprünglichen“ Verhaltensweisen nicht zu übersehen ist. Wie sollte es auch anders sein, wenn Tier und Mensch eine gemeinsame Entwicklungslinie haben. Natürlich gibt es in den geistigen Fähigkeiten, also in dem, was heute dem mentalen Bereich zugerechnet wird, erhebliche Unterschiede in den Fähigkeiten und Dispositionen. Aber ob diese Unterschiede nun qualitativ differierend oder eher graduell fließend zu beschreiben sind, ist wohl eher Interpretationssache. Die neuzeitliche Herabsetzung des Tieres hat, wie mir scheint, einige Gemeinsamkeit mit der Homophobie: Die geahnte Nähe zum Tierischen bringt den Menschen dazu, sich möglichst deutlich und brutal vom Tier abzusetzen.

Vielleicht hilft es, sich über den Sprachgebrauch Gedanken zu machen. „Tierisch“ ist, wenn es nicht rein deskriptiv gebraucht wird, eher negativ konnotiert, gesteigert durch „viehisch“ und bedeutet wild, dreckig, niedrig, hinterhältig. Als früheres Modewort konnte es dagegen eine reine Steigerung ausdrücken: ‚Ich hab tierisch Appetit auf Eis.‘ – heute ungebräuchlich. Den Menschen als „Tier“ zu bezeichnen, klingt immer noch provokativ und veranlasst Illustrierten-Schlagzeilen wie „Das Tier in uns“ – und suggeriert dann einen Bericht über Wildes, Unmoralisches, Verbotenes. Das Tier in uns ist tabu. Als Menschen mit eigener Würde fühlen wir uns da meilenweit überlegen. Merkwürdig, dass dann dennoch das „Tierische“ zugleich so verlockend ist.

Viel geeigneter ist das aus dem Lateinischen stammende Wort animal (engl. und franz.) für die tierischen Lebewesen. Es enthält noch den Stamm anima = Lebensatem, Seele. Tiere sind demnach beseelte Wesen, Lebewesen, denn für Griechen und Lateiner ist die Bedeutung von ‚beseelt‘ und ‚belebt‘ gleich: Die Seele ist genau das, was den Unterschied zwischen Lebendigem und Totem kennzeichnet. Diese weite Bedeutung ist unserem Tier-Begriff nicht eigen, am ehesten kommt dem der Begriff ‚Lebewesen‘ nahe. „Animalisch“ ist gleich wieder negativ besetzt ähnlich wie ‚tierisch‘. ‚Lebewesen‘ hat aber im Deutschen einen kaum mehr differenzierten Bedeutungsgehalt im Unterschied zu animal. Pflanzen sind auch Lebewesen, aber eben keine ‚animals‘. Die Schweizer Bundesverfassung hat sich mit dem Wort „Kreatur“ aus der begrifflichen Affäre gezogen, obwohl oder gerade weil dieses Wort einen religiösen Hintergrund hat: „Geschöpf“ (Gottes) zu sein. Von da aus liegt dann auch die Frage nach der aller Kreatur eigenen Würde nahe, also eine nicht unüberlegte Wortwahl. Jedenfalls kommen die Begriffe ‚Kreatur‘ und ‚animal‚ dem Anliegen sehr viel näher, den Zusammenhang von Mensch und Tier, von kreatürlichem Mensch und kreatürlichem Tier als ‚beseelten Lebewesen‘ (ein Pleonasmus) auszudrücken. Der Begriff „Mitgeschöpfe“ aus dem deutschen Tierschutzgesetz nimmt erstaunlicherweise diesen Gedanken auf. In ihm steckt viel Potential.

Wir neuzeitlichen Menschen sollten (wieder) lernen, was in vielen Kulturen und ihren Erzählungen und Gebräuchen bewahrt wird: das Wissen von der Gemeinschaft von Menschen und Tieren als lebendigen Wesen, ‚Geschöpfen‘ auf dieser Erde, mit gemeinsamer Herkunftsgeschichte und wohl auch gemeinsamer Zukunftsperspektive. Nach wie vor höchst aktuell erscheinen mir Sätze von Albert Schweitzer, sein Konzept der „Ehrfurcht vor dem Leben“: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Dies gilt es allerdings, in unserer heutigen Zeit und auf dem Hintergrund heutiger Wissenschaft und dem damit verbundenem Problembewusstsein neu auszubuchstabieren.

  • Was bedeutet es, wenn wir biologisch keinen Anlass haben, Tieren Bewusstsein, ja sogar in einzelnen Fällen Selbstbewusstsein abzusprechen? Ist die mentale Ähnlichkeit mancher hoch entwickelter Lebewesen nicht Grund genug, Tiere als individuelle Subjekte und eben nicht nur als Objekte (Sachen) anzusehen.?
  • Was bedeutet es, dass wir uns als Menschen aufgrund unserer gattungsgemäßen Gleichartigkeit zwar vorstellen können, wie ein anderer Mensch ‚tickt‘, also denkt und fühlt, ja dass wir uns sogar in einen anderen Menschen partiell hinein versetzen können (Empathie), dass es uns aber völlig unmöglich ist, uns vorzustellen, wie es ist, ein Tier zu sein, ein Hund, eine Krähe, ein Affe? Der grundsätzliche Unterschied der Gattungen macht hier Empathie nur in einem analogen Denkmodell sinnvoll. Aber könnte diese Analogie nicht ausreichen, das Gefühl vom Schmerz, Freude, Vertrauen, Angst, Zuneigung, Todesnähe usw. beim Tier als Ausdruck seiner (nicht menschlichen, aber) geschöpflichen Gleichartigkeit (‚Seelenwesen‘) anzusehen?
  • Müssten wir dann nicht konsequenterweise auch die dem Tier wie jedem Lebewesen eigene Würde anerkennen und darüber nachdenken, was diese Würde des Tieres in ihrer Besonderheit, d.h. in Gleichheit und Unterschied zur Würde des Menschen, konkret bedeutet?
  • Könnte es sein, dass wir uns so dagegen wehren, weil wir ahnen, dass diese Überlegungen weit reichende Konsequenzen für unser alltägliches Leben haben könnten, wenn wir Menschen uns nur als „Mitgeschöpfe“ mit eingeschränkten Rechten begreifen würden, um die den Tieren eigene Würde zu achten und ihre Rechte zu respektieren?
  • Was hieße es also konkret, von Tieren als „Mitgeschöpfen“ zu sprechen, wenn es mehr sein soll als ein ungefüllter Begriff, der letztlich auf die Praxis im sogenannten „Tierschutz“ kaum Auswirkungen hat und allenfalls das Schlimmste verhütet (nämlich „ohne vernünftigen Grund“ zu quälen)?
  • Müsste eine Besinnung auf das gemeinsame Erbe und die Bestimmung als ‚Seelenwesen‘ (ich gebrauche einmal dieses alt-neue Wort), also als Teilhaber an der wunderbaren Entfaltung und Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten, nicht auch das Selbstverständnis des Menschen und seine Rolle innerhalb all dessen, was lebt, verändern?

Man muss nicht gleich zu Vegetariern werden, aber zumindest sollte auch beim Fleischkonsum das bedacht und beachtet werden, was noch in den alten Vorstellungen von Tieropfern lebendig ist: Dass es etwas besonders Wertvolles ist, wenn ein Tier geopfert und vom Menschen verzehrt wird. Man wird dadurch zwar nicht zum „Menschenfresser“, aber doch zum ‚Verbraucher‘ eines Lebewesens. Wir werden insgesamt nicht umhin können, auch den Verbrauch von Lebewesen als unserer Gattung gemäß anzusehen. Denn wo sollte die Grenze zwischen unterschiedlichen Lebensformen gezogen werden? Nur bei Mücken, wenn sie uns stechen wollen?

Es ginge also darum, über die Würde aller Lebewesen nachzudenken und diese Würde jeweils konkret und differenziert zu bestimmen, was unseren Umgang und unser Verhalten gegenüber Tieren und darüber hinaus allen Lebewesen angeht. Auch Extrem-Züchtungen und Verhätschelungen können die Würde von Lebewesen verletzen. Das Gespräch über die Würde aller Lebewesen ist deswegen so notwendig und so hilfreich, weil es auch uns Menschen zu einem neuen Selbstverständnis verhilft und uns ein Stück weit auf den“Teppich“ der natürlichen Gegebenheiten bringen kann, also unseren geschöpflichen Dünkel nivelliert. Man wird dadurch nicht gleich ein besserer Mensch, und pessimistisch kann man schon fragen, wie man erwarten kann, dass Menschen sich in ihrer Gier nach Reichtum und Macht gegenüber Tieren ‚anständig‘ verhalten sollen, wenn sie das ja nicht einmal gegenüber ihren Mitmenschen tun. Dies ist aber eine Anfrage an alle Ethik und Moral. Es wird nur Zeit, dass wir gegenüber den Tieren dasjenige Niveau der Diskussion über Würde herstellen, das wir bisher für den Menschen exklusiv gepachtet haben. Es gibt keinen „vernünftigen Grund“, diese Diskussion nicht ernsthaft und konsequent zu führen.

 23. März 2013  Posted by at 12:04 Ethik, Mensch, Tier Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ethik der Tiere
Feb 172013
 

„2012 DA14“ – So lautet die astronomische Kennzeichnung des Asteroiden, der Freitag Abend, am 15.02. gegen 20:30 h, in nur 27.500 km Entfernung an der Erde vorbei flog. Dieses Kürzel „2012 DA14“ wird man schnell wieder vergessen haben. Die Aufregung über den über Russland am Ural nieder gegangenen Meteoriten war sogar größer, weil er sichtbaren Schaden angerichtet hat – und weil es so schöne Videos von dem Feuerball auf YouTube gab. Aber ansonsten ist nichts gewesen. Das durch den Maya-Kalender am 21. Dezember vergangenen Jahres angeblich vorausgesagte Weltende hat jedenfalls sehr viel mehr und anhaltender Aufmerksamkeit erregt. Die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit, die „Voreinstellung“ unserer Psyche, ist schon sehr merkwürdig. Sie reagiert nur auf einzuordnende, also bekannte Gefahren, die man sieht. Ein mythologischer „Weltuntergang“ à la Maya scheint jedenfalls vertrauter und darum begreifbarer zu sein als der wahrlich gefährliche Vorbeiflug (besser: Beinahe-Kollision) eines Asteroiden, den man sich ohnehin nicht vorstellen und dessen Gefahrenpotential man deswegen auch gar nicht einschätzen kann. Gut, es ist nichts passiert, nur ein paar Fensterscheiben am Ural kaputt, so what?

Wer etwas mehr wissen will, kann in den Medien auf den Wissens-Seiten einiges Informative über die Möglichkeiten der Beobachtung und Abwehr von Meteoriten und Asteroiden erfahren, gut aufgemacht mit allerlei Bildchen und erläuternden Grafiken. Das klingt alles sehr seriös mit Gewährsleuten von NASA und ESA. Ja, rechtzeitig muss man es nur wissen, ja und einigermaßen erkennbar müssen die Dinger sein, das sind dann ohnehin nur größere Objekte, also so ein Klecks wie der über dem Ural, den könne man glatt vergessen, ist vorher nicht zu erkennen, ja dann könne man etwas machen, wenn man so ca. 4 Jahre Vorlaufzeit hat, kein Problem, da tauschen sich die Wissenschaftler und Techniker jetzt international aus, da gibt es ja verschiedenen Szenarien, solch einen Himmelskörper abzulenken und aus der Bahn zu werfen, wie genau wisse man natürlich noch nicht, erprobt sei da gar nichts, manches könne man sich halt vorstellen, dass es funktionieren könnte, Testmöglichkeiten gäbe es dazu ja leider keine, jaja, gleich der Ernstfall, aber der wird schon nicht so schlimm sein, ist äußerst unwahrscheinlich, Wahrscheinlichkeit etwa so groß wie vom Haifisch gebissen zu werden – ach, das passiert oft? Naja, ist eben alles relativ, und manche Ideen mögen nicht viel mehr sein als die „blanke Verzweiflung“ – uups? wie war das? Verzweiflung? Wieso das denn? Ach so, die Dinosaurier…

2012 - DA14

2012 – DA14 (NASA)

Denn das ist nirgendwo klar zu lesen, allenfalls rutscht mal am Ende eines Artikels so etwas raus wie hier im n-tv-Bericht die zitierte „blanke Verzweiflung“: Dass wir eigentlich überhaupt nicht wissen, was wir gegen eine Kollision mit einem Asteroiden machen können, – gegen Meteoriten ist absehbar schon gar nichts möglich: zu viele, zu schnell, zu klein. Wahrscheinlich muss man zugeben, derzeit über keinerlei sichere Mittel bzw. Technologie zu verfügen, um die Erde vor einem Aufprall durch einen Asteroiden von der Größe „2012 DA14“ (50 m Durchmesser) oder mehr bewahren zu können. Schwer zuzugeben: Da ist eine nicht unerhebliche Gefahr, und wir können wahrscheinlich nichts Erfolgversprechendes dagegen unternehmen. Eine solche Erkenntnis, ein solcher Satz ist für unser heutiges (Selbst-) Bewusstsein inakzeptabel, unbegreiflich, schlicht nicht nachzuvollziehen oder gar hinzunehmen. Das kanns nicht geben.

Genau das ist aber sehr problematisch. Menschliches Wissen und Können ist immer begrenzt, schon ganz besonders im Hinblick auf die universalen Kräfte in der Natur. Weil es uns seit der Neuzeit aber so gut gelungen ist, die Kräfte der Natur auf der Erde anscheinend in den Griff zu bekommen, hat sich das Bewusstsein breit gemacht, es gäbe prinzipiell nichts mehr, was nicht mit geeigneten Technologien zu bewältigen wäre. Unmöglich ist verboten. Nicht die Anerkenntnis von Grenzen und Unmöglichem, sondern Lösungen sind gefragt. Es gibt immer welche, sagt man. Dies nenne ich die Hybris der Neuzeit. Sie ist die vielleicht verderblichste Grundeinstellung des heutigen Menschen überhaupt. Verderblich ist wörtlich zu nehmen: weil sie ihn irreparabel ins Verderben führt. Dies gilt auf vielen Gebieten, der Beispiele sind Legion: Klimaveränderung, Umweltverschmutzung insbesondere der Ozeane, Vernichten der Biodiversität sind die Hauptthemen. Änderungswille ist kaum vorhanden, solange es noch irgendwie weiter geht. Typisch ist die vor allem in den USA verbreitete technizistische Auffassung zum Klima: Da wir den CO2-Ausstoß kaum vermindern können, lasst uns lieber höhere Deiche bauen.

Alles ist machbar? Es scheint nur so. Die Erfolge der technologischen Entwicklungen der vergangenen zweihundert Jahre sind so überwältigend, dass eine Grenze menschlicher Verfügungsmacht überhaupt nicht mehr in den Blick genommen wird. Es gibt sie einfach nicht. Was vom neuzeitlichen Bewusstsein nicht als real anerkannt wird, ist nicht. Natürliche Grenzen sind halt nicht „real“, denn alles ist möglich: Om – om – om. Man muss nicht ins Weltall schauen, um die Grenzen der menschlichen Fähigkeiten zu entdecken. Es reicht der Blick auf die Verhältnisse auf unserem Planeten. Sogar die viel gerühmten und oft beschworenen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters machen davor keinen Halt: Nach Aussagen einiger Fachleute haben wir zum Beispiel die Kontrolle über die selbständig in Hochgeschwindigkeit interagierenden Computersysteme an den Börsen längst verloren; selbst Insider verstehen nicht mehr, was da abläuft (siehe Schirrmacher, Mirowski).

Angesichts der möglichen Kollisionen mit größeren Himmelskörpern sind wir bis auf Weiteres völlig machtlos. Zwar hat die menschliche Kreativität bisher immer wieder Erstaunliches zu Wege gebracht, aber hier geht es um Dimensionen, gegenüber denen die Hiroshima-Bomben Kinderspielzeug waren. Schon 2029 nähert sich ein nächster Asteroid, 2040 ein noch größerer. „Auch nach der Kollision mit einem Asteroiden würde sich die Erde weiterdrehen, und es gäbe noch Leben auf dem Planeten. Doch die Zerstörungen wären mitunter großflächig.“ (n-tv) Dieser Satz ist halbwegs realistisch, klingt aber noch schönfärberisch. Ein Asteroiden-Impact von der Größe und den Zerstörungsausmaßen von Flagstaff, Arizona, würde langfristige Veränderungen des Klimas bewirken – schon die Asche bei Vulkanausbrüchen beeinträchtigt unser modernes Leben erheblich, siehe Eyafjallayökull (2010). Ein Asteroidenaufprall würde mit Gewissheit unser Leben völlig verändern, ganz abgesehen von den unmittelbaren Schäden und Toten. Da bliebe nichts mehr, wie es war.

Alles ist möglich? Ja, – aber eben nicht dem Menschen. Der sollte sich seiner Begrenztheit, gerade auch der Grenzen seines Wissens, seiner Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten immer bewusst bleiben. Das macht nüchtern und trägt dazu bei, sich mehr auf das zu konzentrieren, was wir wirklich erreichen können im Blick auf unseren Planeten. Auch im Hinblick auf die Gefahren aus dem Weltall sind alle Anstrengungen nötig, klar. Aber auch da werden Grenzen bleiben, Grenzen, die wir anerkennen und aussprechen sollten. Das macht uns vielleicht ein bisschen realistischer und bescheidener. Der Rest erledigt sich von alleine.

 17. Februar 2013  Posted by at 10:41 Mensch, Moderne, Natur, Neuzeit Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Das Unvorstellbare denken
Dez 232012
 

Wenn man sich intensiver mit einer Geschichtsepoche beschäftigt, so muss das keineswegs mit einem erwarteten oder erhofften Gegenwartsbezug verbunden sein. Wenn ich mich seit einiger Zeit genauer mit der Geschichte des Römischen Reiches befasse, insbesondere mit der Epoche seiner Transformation zur Spätantike und schließlich zu dem, was „Mittelalter“ genannt wird, so geschieht das eben nicht, um Parallelen mit irgendwelchen Erscheinungen oder Mächten unserer Gegenwart herzustellen oder aufzudecken. Es gibt sie nämlich gar nicht.

Was immer man an vermeintlichen Ähnlichkeiten in der Geschichte des „Aufstiegs und Falles“ großer Reiche / Mächte / Kulturen mit jüngeren oder gegenwärtigen Entwicklungen zu finden meint, ist weit mehr von Projektionen bestimmt, die wir aus den Fragen und Problemen unserer Gegenwart heraus in Ereignisse der Geschichte hinein verlegen, als von den geschichtlichen Gegebenheiten, Tatsachen und Ereignissen selbst. Tun wir das womöglich mit dem Ziel, aus der Geschichte Rückschlüsse auf die Gegenwart ziehen zu können, sei es um sie besser zu deuten, sei es gar um daraus Handlungsmöglichkeiten abzuleiten, so gehen wir doppelt fehl. Die Geschichte „lehrt“ nichts. Sie ist kein Steinbruch von Direktiven und Handlungsanweisungen. Sie bietet uns noch nicht einmal eine Auswahl an Optionen, die wir für die Gegenwart fruchtbar machen könnten.

Was für die Militärs oft festgestellt wurde, dass nämlich die Generalität für den nächsten Krieg stets mit den Erfahrungen des letzten Krieges plant – und dann von der völligen Andersartigkeit des nächsten Krieges überrascht wird, genau dies gilt auch für geschichtliche und gegenwärtige Ereignisse und Entwicklungen insgesamt. Die Bedingungen und Zusammenhänge eines jeden Ereignisses in Geschichte und Gegenwart sind so einzigartig, multipel kausal, verflochten und ambivalent, dass allein schon die Feststellung dessen, was „Tatsache“, also was wirklich „der Fall ist“, nie unproblematisch ist. Die Erhebung nackter distinkter Daten allein sagt ja noch überhaupt nichts über das damit gemeinte Ereignis aus: über seinen Zusammenhang, die Genese, die Komplexität, die darin zum Ausdruck kommenden Absichten und Interessen, die tatsächlichen oder vermeintlichen Folgen und Auswirkungen, erst recht nicht über die jeweilige Bedeutung eines Ereignisses. All dies nämlich setzt schon eine Einbettung eines Ereignisses in einen Sachzusammenhang voraus, der vom Beobachter nie ohne einen zugehörigen Deutungs- und Verstehenszusammenhang zu haben ist. Nicht nur für Ereignisse der Geschichte, sondern ebenso auch für solche der Gegenwart (was ist überhaupt die „Gegenwart“? wie lange erstreckt sie sich?) gilt die methodische Klärung der Herangehensweise und des damit jeweils verbundenen vorausgesetzten Verstehensrahmens des Betrachters. Sogleich kommen dann die metahistorischen, gewissermaßen geschichtsphilosophischen Fragen auf, zum Beispiel nach „Historismus“, „Konstruktivismus“ (in diversen Spielarten), dem „post-histoire“ und anderen Geschichtsbildern. Bei Ereignissen der Gegenwart liefert uns unser Weltbild und unser vorgängiges Weltverstehen („Vorurteil“) den Rahmen möglicher Deutungen, die allererst zur Bedeutung eines Ereignisses führen.

Forum Romanum (Wikipedia)

Forum Romanum (Wikipedia)

Man mag meinen, Ereignisse der Gegenwart seien doch viel leichter und besser zu erkennen und zu verstehen als solche der Geschichte, da wir doch viel „näher dran“ sind und heute viel mehr Informationen zur Verfügung haben. Das hilft jedoch nicht allzu viel, da die Menge möglicher Informationen immer unabsehbar größer ist als die gegebene Menge vorhandener Informationen. Dies gilt natürlich auch für Ereignisse in der Geschichte, in vergangenen Zeiten, nur dass uns dort mit wachsendem Abstand eine immer größere Menge von Informationen über wesentliche Zusammenhänge für immer verborgen bleibt und eben nicht mehr verfügbar ist. Zwar bietet das Urteil aus dem zeitlichen Abstand heraus den Vorteil, bestimmte Verläufe inzwischen zu kennen. Jedoch ist es bleibend schwierig, hier Verläufe als Folgen und Auswirkungen zu verstehen. Allein dies setzt gleich wieder eine bestimmte „Konstruktion“ unserer eigenen Wahrnehmung und Bewertung der früheren Ereignisse voraus. Damit ist dann die Erkenntnis und das Verstehen geschichtlicher Ereignisse gar nicht so verschieden von der Erkenntnis und dem Versuch, gegenwärtige Ereignisse und Entwicklungen zu verstehen.

Diese angedeutete Schwierigkeit mit vermeintlich „objektiven“ Beschreibungen geschichtlicher Ereignisse (abgesehen von der reinen Tatsächlichkeit begrenzter Fakten und Daten), die sie mit gegenwärtigen Ereignissen durchaus teilen, macht es schwer, zu einem abschließenden Urteil der Bedeutung, der Auswirkungen und der „Lehren“ zu kommen. Deutungen und Bewertungen, die sich möglichst genau und umfassend auf vorhandenes oder zugängliches Faktenmaterial stützen möchten, werden stets nur annäherungsweise und vorläufig möglich sein. Darum ist es auch vergebliche Mühe, aus Geschehenem außerhalb meines unmittelbaren Einflussbereiches und außerhalb meines unmittelbaren Wirkungszusammenhanges irgendwelche positiven Handlungsalternativen (und das wären „Lehren“ ja) abzuleiten. Jedenfalls wäre eine intuitive Wahl unter verschiedenen gegenwärtigen Optionen mindestens genau so „vernünftig“ wie eine vermeintlich rational begründete. Der von mir jeweils feststellbare Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bleibt in der Vergangenheit und in der Gegenwart eine Sache mit unendlich vielen Variablen.

Warum also sich überhaupt mit Geschichte beschäftigen? Um des Menschen willen, um zu sehen und zu erkennen, wie Menschen sich verhalten haben oder gerade verhalten, was ihnen möglich war oder eben nicht möglich ist. Der Mensch in der Geschichte ist das eigentlich spannende Thema. Je mehr man in geschichtliche Zusammenhänge eintaucht, Ereignisse und Gestalten zu erkennen sucht, desto mehr  wird man zu der Auffassung kommen, dass unserer Art nichts „Menschliches“ fremd ist. Die mich leitende Frage ist also weniger: Was ist warum so und nicht anders passiert? sondern vielmehr die Frage: Wie haben sich Menschen verhalten? Wie weit sind ihre Motive, Wünsche und Absichten erkennbar? Wie haben sie tatsächlich gelebt und gedacht? Wenn man so will, sind dies einerseits sozialgeschichtliche, andererseits verhaltenspsychologische Fragestellungen.

Ich möchte sie aber nicht so eng und methodisch begrenzt verstanden wissen. Mich interessiert schlicht das „Humanum“, der homo sapiens als Kultur- und Geschichtswesen, als meist etwas erleidendes und seltener aktiv handelndes Subjekt seines Lebens. Mit dieser Fragestellung rückt mir ein konkreter Mensch von vor 2000 Jahren, sofern und so weit er fassbar ist, sehr nahe: Er ist dasselbe, was ich bin, nur unter sehr anderen Umständen und Bedingungen. Auch diese Frage will nicht quasi hinten herum nach „Lehren“ fragen, eben nach den Lehren aus dem sogenannt Allzumenschlichen. Das wäre ziemlich platt und uninteressant. Natürlich haben Menschen zu allen Zeiten gelebt, geliebt, gelitten und sind erfüllt oder unerfüllt gestorben. Mein Nachfragen in die Geschichte hinein (genauso wie übrigens in andere Kulturkreise hinein) orientiert sich an den vielfältigen Facetten des Menschlichen, ihres Umgangs mit Glück und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, mit Macht und Reichtum, mit Gewalt und Stolz und und und. Und da gibt es dann in der Tat unendlich viele Unterschiede zu entdecken, Merkwürdiges, Beeindruckendes, Großartiges, Ernüchterndes, Kleinliches, Jämmerliches usw. in allen nur denkbaren Nuancierungen. Nein, eben nicht in nur „denkbaren“ Nuancen, sondern in Weisen und Facetten der Lebensgestaltung, die immer wieder anders und neu und unerwartet, weil unableitbar sind. Nur dies macht für mich Geschichte so interessant, ja so wahnsinnig aufregend: Weil einem dadurch das, was Menschen möglich ist, so erhellend, aber auch so grausam vor Augen geführt wird. Geschichte ist darum auch so spannend – und desillusionierend. Und genau diese zu gewinnende Nüchternheit ist es, die dann auch für die Orientierung in der je eigenen Gegenwart hilft. Es ist nicht das geschichtliche Beispiel, es ist die Vielfalt des dem Menschen Möglichen. Wer das ein wenig erkennt und damit zu rechnen lernt, der gewinnt tatsächlich auch eher Orientierung und Perspektiven in der Gegenwart, sei es im Großen des politischen und gesellschaftlichen Lebens, sei es im Kleinen des mir eigenen Verantwortungsbereiches. Nur insofern kann Geschichte ‚Schule des Menschlichen‘ sein.

Einer, der zu einer solch selten nüchternen und scharfsichtigen Urteilskraft über Dinge der Vergangenheit und Gegenwart im Verlaufe eines langen Lebens gefunden hat, ist Helmut Schmidt. Ich denke, das macht die eigentliche Faszination seiner Person aus.

 23. Dezember 2012  Posted by at 12:34 Geschichte, Kultur, Mensch Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Der Mensch in der Geschichte
Jul 152012
 

Schrille Töne in einer erneuerten Debatte um das Recht auf Beschneidung kleiner Jungen. Details aus dem „Fall Köln“ geraten in die Schlagzeilen und emotionalisieren. Es bleibt das Erfordernis der Sachlichkeit und der Güterabwägung über die Anerkennung des „Anderen“.

Nachdem zwei Wochen ins Land gegangen sind, seit das Kölner Landgericht die Beschneidung eines vierjährigen Jungen als Körperverletzung wertete, hatte sich die anfänglich aufgeregte Diskussion gelegt. Zuletzt gab es mehrere Verlautbarungen von Politikern unterschiedlichster Parteien (ausgenommen Die Linke), dass man jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland weiterhin ermöglichen wolle, dass darum die Rechtslage umgehend so geändert werden müsse, dass die religiös-kultische Beschneidung von kleinen Jungen straffrei möglich würde. Diese rechtliche Klärung sei im Interesse der Religionsfreiheit und der kulturellen Vielfalt in unserem Lande.  Juden und Muslime müssten nicht nur ohne Strafandrohung, sondern unter wohlwollender Akzeptanz ihrer religiös-kulturellen Eigenheiten leben dürfen und eben auch die gebotene Jungen-Beschneidung ausführen lassen dürfen – medizinisch einwandfrei, versteht sich. Schließlich bestätigte der Regierungssprecher Seibert, „verantwortungvoll durchgeführte Beschneidungen müssen in diesen Land straffrei möglich sein“, und zwar aus Sorge um den Rechtsfrieden. Das ist dann zwar kein besonders juristisch ausgezeichnetes Argument, sondern ein politisches, aber ein immerhin nachvollziehbares.

Nun werden nähere Einzelheiten aus der Vorgeschichte des Falles bekannt, der zu dem Kölner Gerichtsurteil führte. Und schon werden die Stimmen wieder lauter und vor allem schriller. Von „Beschneidung in Notaufnahme“, einem „Gemetzel in Köln“, „brisanten Komplikationen“ sowie einem „zerfressenen Penis“ ist allein schon in den Schlagzeilen die Rede. Zu den besonnenen Äußerungen gehört die gut fundierte Recherche zur Vorgeschichte und zu den bekannt gewordenen Details des in Köln verhandelten Falles, die Philip Eppelsheim heute in der FAS (FAZ.Net) vorgelegt hat. Aufgrund dieser detaillierten Schilderung des Falles und zugleich des Ursprungs der dem Urteil zugrunde liegenden Rechtsauffassung stehen weitere Informationen bereit, die zur Grundlegung eines eigenen Urteils beitragen können. Der in den reißerischen Meldungen enthaltene Generalverdacht, Beschneidung sei eine medizinisch höchst zweifelhafte, unsaubere und quälerische Angelegenheit religiöser Fundamentalisten, trägt allerdings wenig zur Versachlichung bei. Im Gegenteil, nun wird das Urteil zum Erweis eines ethisch gebotenen Verhaltens um der reinen Humanität willen gegenüber archaischen religiösen Miss-Bräuchen, die in unserer aufgeklärten Gesellschaft keinen Raum haben dürften. Gruselvorstellungen allein durch die Zusammenstellung der Begriffe „Amputation“ und „männliches Glied“ werden verbreitet und wecken Urängste vor Entmannung. Die Beschneidung zu verbieten wird so zum Gebot der Menschlichkeit, zu einer Forderung gemäß den Menschenrechten und zu einer Selbstverständlichkeit säkularer Vernunft.

Dies alles aber bestätigt zwar viele möglichen Vorurteile, hilft aber wenig zur Klärung der anstehenden Frage, ob und wie der religiöse Ritus der Beschneidung von unserer Gesellschaft als möglich und vertretbar akzeptiert und zumindest straffrei gestellt werden kann. Die Klärung dieser Frage kann nur in einer grundsätzlichen Erwägung über die Reichweite der Freiheit der Religionen zur Ausübung ihrer Gewohnheiten und Bräuche und der Reichweite des Anspruchs der Allgemeingültigkeit des Rechtes jedes Individuums auf körperliche Unversehrtheit erfolgen. Dabei geht es, das liegt auf der Hand, um eine schwierige Güterabwägung. Überlegungen der politischen Praktikabilität (Rechtsfriede, kulturelle Vielfalt, straffreie Ausnahmeregelung) dürfen dabei selbstverständlich ebenfalls eine Rolle spielen, denn Recht bildet sich nie fern der Kultur und der gelebten Lebenswirklichkeit. Zu letzterer gehört es aber eben auch, dass Religionen, religiöse Erziehung und religiöse Selbstbestimmung bei uns einen Raum haben. Bisher herrschte mehr oder weniger Konsens darüber, dass Religion im Alltag, wiewohl nicht rational begründbar, dennoch emotional und traditionell verankert einen wesentlichen Bereich menschlichen Selbstverständnisses, menschlichen Verhaltens und menschlicher Kultur darstellt. Und zu religiösem Leben gehören eine Fülle sogenannter „archaischer“ Riten wie Opfergaben, Niederknien, Anbetung vor Altären, Segnungen, Amulette und Bildnisse, Initiationsriten und Riten an den „Übergangspassagen“ (rites de passage) menschlichen Lebens. Religiöses Leben ist äußerst komplex und facettenreich, dazu später einmal mehr. Hier geht es nun aktuell darum, wieweit sich eine säkulare und humanitären Werten verpflichtete Gesellschaft „etwas“ in sich und neben sich und mit sich er-tragen, also im eigentlichen Sinne tolerieren kann und will, was vielleicht vielem, sicher jedoch manchem der heutigen Wertvorstellungen, Rechtsauffassungen und wissenschaftlich-kulturellen Erkenntnissen widerspricht. Es wäre dies ein Zeichen gelebter Liberalität, die auch die geschichtliche und soziale Bedingtheit von Werten und Ordnungen in einer Gesellschaft bedenkt und sich davor hütet, sich selber absolut zu setzen.

Ich erhoffe mir immer noch eine grundsätzliche und zugleich pragmatische Diskussion in der Öffentlichkeit darüber, welche Chancen und welche Grenzen religiöses Leben in der säkularen Gesellschaft haben darf. Vernunft ist dabei ein wesentlicher, aber nicht der alleinige Maßstab. Das tradierte „Andere“ anders sein zu lassen und dieses in den Grenzen unserer gesellschaftlichen Ordnung zuzulassen, wäre ein Merkmal einer umfassenden Humanität und einer wohlverstandenen Säkularität. Es ist die Probe darauf, was uns kulturelle Vielfalt wert ist und was sie uns in der Praxis an den Grenzen unserer Werte abverlangt. Insofern kann es ein guter und hilfreicher Diskurs sein, der die Überlegungen zu einer eventuell neuen gesetzlichen Regelung begleitet.

 15. Juli 2012  Posted by at 12:03 Aufklärung, Freiheit, Gesellschaft, Islam, Judentum, Kinder, Mensch, Menschenrechte, Moderne, Religion Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Beschneidungsurteil reloaded
Apr 262012
 
Die digitale Welt beruht auf einer mathematisch-technischen Rationalität. Als allein gültiges Denkmodell ist sie zur Ideologie der naturwissenschaftlichen Moderne geworden. Ihre digitale Radikalisierung eröffnet die Postmoderne. Mir ihr gilt es um eine umfassende Vernunft und um eine demokratische Praxis zu streiten, die der Kreativität und Unverrechenbarkeit menschlicher Persönlichkeit und Freiheit Raum gibt. Ein philosophischer Pamphlet.

Der Vernunftbegriff der digitalen Welt ist technikbestimmt. Es ist die instrumentelle Vernunft, die letztlich auf mathematischem Kalkül aufbaut. Auch die ihr innewohnende Logik ist mathematischnaturwissenschaftlich geprägt. Dass das Zeitalter der Technik von einer auf  Technik hin orientierten Vernunft geprägt ist, das ist weder etwas Neues und noch etwas Verwunderliches. Die Möglichkeiten der Technik leiten sich ab von dem neuzeitlichen  naturwissenschaftlichen Weltverständnis. Und eben dieses naturwissenschaftliche Denkmodell prägt die Welt nach ihrem Bilde, macht die Welt zum rein äußerlichen Objekt kausalbestimmten, zweckrationalen Handelns. Die Erfolge der naturwissenschaftlichen Welterklärung und der technischen Weltbewältigung scheinen dieser Methode Recht zu geben. Sie erhebt nun faktisch den Anspruch auf das Monopol der Rationalität überhaupt. Aus einem Denkmodell mit bestimmten erkenntnistheoretischen Grundannahmen und logischen Prämissen (Axiomen), das wie jedes andere Denkmodell eine durch den Ausgangspunkt und die Grenzbedingungen bestimmten und daher begrenzten Aussagewert hat, ist eine universalistische Weltanschauung auf der Basis des Technik-Paradigmas geworden: die Ideologie der naturwissenschaftlich-technischen Vernunft.

Auf den Punkt des neuzeitlichen Bewusstseins hat es Descartes gebracht durch seine strikte methodische wie ontologische Trennung von res cogitans und res extensa, von menschlichem Selbstbewusstsein („Ich“) und der dinglichen Welt. Die dingliche, ausgedehnte Welt ist aber einfach der ganze ‚Rest‘ dessen, was nicht zum unmittelbaren Bewusstsein des denkenden Ichs, der subjektiven Rationalität, gehört. Der gesamte Kosmos möglicher Welterfahrung wird so zum Objekt des denkenden und handelnden Ich, des menschlichen Subjekts. Es ist dies die neuzeitliche Version der „Gottebenbildlichkeit“ des Menschen: reines seiner selbst bewusstes Subjekt zu sein, dem die ‚objektive‘ Welt zu Füßen liegt: zum Bearbeiten, Umgestalten, In-den-Dienst-Nehmen, Ausbeuten. Wusste Descartes sich noch darin gegründet, dass Gott die Einheit von beiden res garantiert, so hat die folgende Zeit ihm diesen metaphysischen Rückbezug entschlagen und das denkende Subjekt auch an die Stelle der Einheit und Wahrheit stiftenden Universalität selber gesetzt. Die objektivierende Vernunft, die sich die Welt zum Gegen-Stande macht, bestimmt nun die Regeln, nach denen die Welt und der Mensch, sofern er als körperliches Lebewesen ebenfalls Teil dieser gegenständlichen Welt ist, gedacht, erkannt, definiert und pragmatisch behandelt wird. Eben dies nennen wir Technik: die vernunftgeleitete Bearbeitung und Verwandlung der dinglichen Welt nach dem Bilde, d.h. dem Wollen und Erkennen der menschlichen Ich und seiner objektivierenden Vernunft. Der naturalistischen Ratio wird alles unterworfen. Diese Vernunft ist per definitionem subjektivistisch begrenzt durch ihren Ausgangspunkt und objektivistisch begrenzt durch ihr vergegenständlichtes Ziel. Werden dieser Ausgangspunkt und dieses Ziel, werden also die der technischen Vernuft innewohnenden Voraussetzungen und Grenzen missachtet oder vergessen, verabsolutiert sie sich zur Vernunft schlechthin: Aus dem neuzeitlichen Denkmodell ist das Glaubensbekenntnis einer naturwissenschaftlch-technischen Weltanschauung  geworden. Die Selbstvergessenheit der eigenen relativen, bedingten Voraussetzungen  und methodischen Gültigkeitsgrenzen kennzeichnet eine Weltanschauung als ‚falsches Bewusstsein‘, Ideologie.

Die Kritik der naturwissenschaftlich-technischen Vernunft, die Kennzeichnung des mit Totalitätsanspruch auftretenden Naturalismus und Szientismus als neuzeitliche Ideologie ist nicht neu und wurde hier nur zusammen gefasst, um dem folgenden Gedanken den Weg zu bereiten. Im Siegeszug des Digitalen hat sich die instrumentelle Vernunft noch einmal überboten. Die res extensa, die Welt der Dinge, wird nun mittels einer zweiwertigen „digitalen“ Beschreibung erfasst mit dem Anspruch, die Wirklichkeit in der digitalen Abstraktionsform  komplett abzubilden, ja neu zu schaffen. Das Abbild auf der Fotoplatte kann digitalisiert wiedergegeben und mit jeder beliebigen Änderung versehen werden. Digital gibt es weder Original noch Kopie, denn die 0 und die 1 der digitalen Sprache sind in beiderlei Beschreibung absolut identische Zahlenwerte. Das Abbild wird so zum neuen Bild, das sich seine eigene Wirklichkeit schafft. Digital erzeugte Spielewelten schaffen die Annäherung an die noch naturgegebene Wirklichkeit schon täuschend gut, und es ist nur eine Frage der (kurzen) Zeit, bis die Bilder der digital erzeugten Realität von denen der ’natürlichen‘ Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden sind. Dies nur als ein Beispiel für die neue Qualität der digitalen Technik nicht nur zu Reproduktion, sondern nun zur Produktion von Wirklichkeit. Mit einem gewissen Recht wird die „digitale Revolution“ mit der Erfindung des Buchdrucks verglichen, um die qualitative Veränderung zu kennzeichnen. Uns interessiert hier aber weniger der technologische Aspekt als vielmehr der weltanschauliche. Die Digitalisierung, das weitere Vordringen von Algorithmen zur Beschreibung und Gestaltung von Wirklichkeit, von Lebenswelt, und zwar insbesondere von dynamischen Abläufen und Prozessen, lässt noch keinerlei Grenzen der Möglichkeiten digitaler Welterfassung und Weltgestaltung erkennen. Was Wunder, wenn die auf mathematischer Rationalität basierende digitale Technikwelt bzw. ihre Avantgarde ihrerseits den Anspruch erhebt, zweckrationale, formallogisch operierende Vernunft zum Maß aller Dinge zu machen: Was mit den Konstruktionsmitteln dieser Vernunft nicht erfassbar ist, ist nicht wirklich, ist zumindest nicht rational, kann also nur als emotional oder irrational oder als sonst etwas Beliebiges, bloß subjektiv Gültiges angesehen werden. Die sich in der zweiwertigen Logik digitaler Maschinensprache realisierende mathematische Vernunft dient nun nicht mehr bloß zur abstrakten Beschreibung der vorhandenen Wirklichkeit, sondern sie ist die neue Allvernunft einer einzig möglichen rationalen Wirklichkeit, bei der es auf den Unterschied zwischen „natürlich“ oder „künstlich“ gar nicht mehr ankommt: KI, künstliche Intelligenz, gilt als Intelligenz schlechthin. Der Anspruch dieser technischen Vernunft ist total.

Gegen diesen Anspruch auf absolute Allein- und Allgemeingültigkeit der mathematisch-digital-technischen Vernunft hilft nur Ideologiekritik. Auch diese Vernunft ist, wenn sie wirklich vernünftig, d.h. ihrer Grenzen und Bedingtheiten bewusst ist, nur eine partielle Vernunft, ihre Wirklichkeit ein Ausschnitt umfassenderer Wirklichkeit, ihre Rationalität eine auf den engen Raum der Technik begrenzte. Logik ist nicht gleich ‚Logos‘, Verstand nicht gleich Vernunft. Auch hier kann man eine „Dialektik der Aufklärung“ am Werke sehen, indem der Freiheitsimpuls der aufklärerischen Vernunft, sich eben des eigenen Verstandes jenseits vorgegebener Autoritäten zu bedienen, sich in einer szientistisch verkürzten und nun auch digital universalisierten instrumentellen Ratio gegen sich selber wendet. Eine solche gegenüber sich selbst und gegenüber ihren eigenen Bedingtheiten blinde Rationalität hat den Anspruch auf Freiheit und Emanzipation, auf das Überschießende und Schöpferische des freien, geistigen, aber eben auch ’natürlich‘ und personal sich entfaltenden Menschseins zugunsten der Herrschaft einer technisch-formalisierten Vernunft und ihrer digitalen Maschinensprache und mathematischen  ‚Netzlogik‘ aufgegeben. Das Welt- und Menschenbild dieser naturwissenschaftlich-technisch-digitalen Vernunft ist verkürzt und total zugleich. In Praxis umgesetzt kann sie totalitär werden.

Man nennt diese kulturelle Entwicklung auch Postmoderne. Die sogenannte „Netzgemeinde“ und ihre Avantgardisten sind ihre Repräsentanten, die Piraten ihr sichtbarer Ausdruck des Anspruchs auf Weltgestaltung. Geschichtlich schiefe Vergleiche, Arroganz im eigenen Rationalitätsbezug, eine gewisse Geschichtsvergessenheit und einseitige Realitätsbemächtigung (neues „Betriebssystem“ der Politik) kennzeichnen das Selbstbewusstsein dieser neuen Elite. Dass bei einzelnen Mitgliedern die digitale Rationalität mit dem Hang zur Esoterik oder eben auch zu individuellen ‚rechten‘ Versatzstücken Hand in Hand gehen kann, passt da nicht zufällig ins Bild: Es ist die ‚List der Vernunft‘, die sich eben nicht nur digital und mathematisch verkürzen und vereinnahmen lässt. Bedenklich bleibt der Totalitätsanspruch, zumindest das Totalitätsgehabe, das aus vielen Äußerungen dieser digitalen Netzelite spricht. Ein neues politisches „Betriebssystem“ kann man ja nur mit einer anderen Verfassung gleichsetzen, Post-Privacy zumindest als eine Option, und Liquid Democracy als Vehikel sind nicht so harmlos ‚basisdemokratisch‘, wie sie oft verkauft werden, sozusagen nur im Sinne von mehr Transparenz und Offenheit. Es ist ein anderes Weltbild, ein anderes Menschenbild und ein anderes, neues politisches System, was hier angestrebt wird mit dem Ziel der Überwindung der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie, zugleich mit dem Ziel der Ablösung eines Welt- und Menschenbildes, das nicht ausschließlich auf mathematisch-technischer Rationalität beruht. Man mag es (noch) als politisch naiv und wirtschaftlich nicht geerdet, also als wenig realistisch und subkulturell abtun („postmoderne Chaostheorie“, Robert Habeck). Ich halte das für verkehrt, sogar für eine gefährliche Illusion, denn auf der anderen Seite stehen bereits die geballte Finanzmacht und Wirtschaftskraft weltweit operierender US-Konzerne, die uns ihre ‚brave new world‘ der digitalen Vermarktung als Menschheitsbeglückung (Apple, Google: ‚don’t be evil‘ – Marketing) verkaufen und sich dabei in einer Weise der persönlichen Sphäre eines jeden „users“ bemächtigen, wie es die Algorithmen nur hergeben, mit jeder Hard- und Software-Version effektiver und tiefer: Daten erheben, vernetzen, Kategorien und Prognosen automatisieren, Verhalten erkennen und steuern, – günstigstenfalls die Integration von „brain“ und „cloud“: Meshup! Da kann dann die Algorithmen-Rationalität ihr Elysium finden. [Auf den Zusammenhang von digitaler Beschleunigung, Marktlogik, zunehmender Quantifizierung der Welt und einem dadurch verkürzten Demokratieverständnis weist Thorsten Breustedt in seinem aktuellen Blogartikel hin.]

Dem Absolutheits- und Totalitätsanspruch der mathematisch-instrumentellen Vernunft als einzig möglicher und gültiger Verwirklichung von Rationalität ist darum entschieden zu widersprechen und entgegenzutreten. Es gilt Ideologiekritik zu leisten, nämlich die Kritik dieser sogenannten postmodernen Weltanschauung, dass das digital-technisch Machbare auch das Wünschbare und allein rational Wirkliche zu sein hat. Der Mensch kann auch anders, gottseidank. Er geht nicht in die logischen Kalküle der Algorithmen auf. Der schöpferische Geist des Menschen ist allemal unbändiger, subversiver, frischer als ein szientistisch verkrüppelter Verstand, mag er sich noch so ‚modern‘ oder halt ‚postmodern‘ definieren. Die vielen Spielarten der „Dialektik der Aufklärung“ zeigen immer wieder, wie jede neue „Revolution“ ihre eigenen Kinder frisst. Nichts lässt vermuten, dass es diesmal anders sein wird. Es dauert nur noch etwas. Wir sind ja gerade erst am Anfang. Darum gilt es auch, jetzt am Anfang dem totalitären Anspruch einer verkürzten Rationalität ebenso zu widerstehen wie den Sirenenklängen einer digitalen Avantgarde, die sich anschickt, die Welt zu erobern und nach ihrem Bild zu gestalten. Wenn aus dem technischen Mittel einer vom Menschen und seiner umfassend vielfältigen Vernunft gesteuerten und beherrschten Digitalisierung der Selbstzweck einer Weltbeglückungsideologie fließender Daten, fließender (entprivatisierter) Persönlichkeiten, fließender ‚Demokratie‘ wird, dann läuft einiges falsch. Es ‚fließt‘ dann in merkwürdige Kanäle, wo sich auf einmal Protestwähler aller Länder an den politisch radikalisierten Rändern der Parteiensysteme (Griechenland, Frankreich,  Niederlande, Deutschland?) zusammen finden.

Noch ist die Entwicklung offen. Noch sind auch die Interessen der großen Menge der Netznutzer und der Avantgarde der Netzeliten zu unterschiedlich, zu individualisiert, zu wenig organisiert; die „Piraten“ decken ja nur zum Teil diese digital-revolutionäre Strömung ab. Es gilt durch das Faszinierende der digitalen Welt und ihrer technischen Möglichkeiten hindurch zu stoßen auf das, was an Potential bedrohlicher Totalisierung und ideologischer Verkürzung darin steckt, aber auch auf das, was an emanzipatorischen und partizipatorischen Chancen daraus entwickelt werden kann. Das muss nicht mit den Interessen der Netzgiganten Apple, Google usw. konform gehen, wahrscheinlich eher im Gegenteil. Aber man kann auch deren Dienste konstruktiv nutzen. Und man sollte mit der idealistischen Avantgarde der ‚Netzgemeinde‘ und der „Piraten“ den Dialog suchen, das Streitgespräch um das Erringen und Behaupten einer umfassenden menschlichen, emanzipatorischen und freiheitlichen Vernunft, welche die begrenzte und bedingte naturwissenschaftlich- technische Rationalität einschließt und überwindet.

 26. April 2012  Posted by at 10:16 Aufklärung, Demokratie, Freiheit, Internet, Kultur, Mensch, Moderne, Netzkultur, Piraten, Revolution, Vernunft Tagged with:  Kommentare deaktiviert für Die Ideologie der digitalen Vernunft
Jul 232011
 

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Anders Behring Breivik

Unfassbar – der nette junge Mann von Nebenan – ein Massenmörder. Anders Behring Breivik heisst er . Sieht doch sympathisch aus!

n-tv weiter: „Breivik bezeichnet sich selbst als „christlichen Fundamentalisten“. Als Neonazi will er jedoch nicht gelten. Anti-Terror-Einheiten hatten ihn nach dem Überfall auf die Insel Utøya festgenommen. Er hatte sich dort als Polizist ausgegeben, der einen Sicherheitscheck habe durchführen wollen. Anschließend habe er das Feuer auf die Jugendlichen eröffnet. Breivik soll in seiner Vernehmung sehr aussagebereit gewesen sein. Er sei der Leiter eines Bio-Bauernhofs, Junggeselle und interessiere sich für die Jagd sowie für Computer-Kriegsspiele. Die einzige Twitter-Nachricht, die von dem Konto mit dem genannten Namen verschickt wurde, stammt vom 17. Juli und ist ein Zitat des englischen Philosophen John Stuart Mill, wonach ein „Mensch mit Überzeugung stärker ist als 100. 000 Menschen, die nur ihre eigenen Interessen vertreten“.“

Es ist schwer zuzugeben, aber „es“ wohnt direkt nebenan, es steckt in uns drin, das Unfassbare, das abgrundtief Böse. Es müssen nur die Umstände passen. Aber es bleibt unfassbar.

Es macht sprachlos.

Jedesmal wieder.

 23. Juli 2011  Posted by at 11:10 Mensch, Terrorismus Kommentare deaktiviert für >Unfassbar – schwer zuzugeben