Sep 292019
 

Umwelt – Leben – Technik

Panik ist ein schlechter Ratgeber, da hat Boris Palmer schon recht – unter vielen anderen ähnlichen Meinungen. Auch Pessimismus mag vorerst eine naheliegende Reaktion sein auf die Fülle der Probleme, mit denen die Menschheit heute konfrontiert ist, aber echte Lösungen, wirkliche praktisch umsetzbare und gangbare Wege der Politik wird es nur geben können mit ruhiger Vernunft, Augenmaß und einer guten Portion Optimismus: Neben der menschlichen Dummheit ist sicher auch der menschliche Einfallsreichtum grenzenlos.

Es ist schwierig, aus der Vielzahl der Herausforderungen diejenige zu benennen, welche aktuell die größte ist. „Klima“ wird sofort gerufen, weil ein Endzeit-Drama drohe. Die Klima – Katastrophe bekommt apokalyptische Ausmaße, vom Ende des Planeten gar ist die Rede. Für einen Planeten, der schon mehrere Phasen völliger Verwandlung und beinahe Totalvernichtungen des Lebens durchgemacht hat, dürfte die derzeitige Situation recht belanglos sein. Die Zukunft der Erde hängt zum geringsten Teil vom menschlichen Handeln ab, vielmehr von astro- und geophysikalischen Entwicklungen und Ereignissen. Das ‚Leben‘ hat sich schon in der Vergangenheit unter völlig gewandelten planetarischen Verhältnissen neu erfunden. Aber es steht durchaus die „Zukunft der Welt“ auf dem Spiel, wenn man mit „Welt“ die Menschenwelt, unseren globalen Lebensraum, meint: die Welt, wie wir sie bisher kennen.

Die rasante Erderwärmung ist offenkundig wesentlich vom Menschen verursacht, darauf jedenfalls weisen alle bekannten wissenschaftlichen Fakten und Daten hin. Prognosen aufgrund der bestehenden Datenlage sind zwar von hoher Wahrscheinlichkeit, auch darin sind sich die Wissenschaftler einig, aber es sind dennoch Aussagen über Wahrscheinlichkeiten; kleine Änderungen in der Datenbasis können in der Berechnung große Auswirkungen haben (Schmetterlingseffekt). Nichtsdestoweniger müssen wir, also die Menschheit insgesamt, eine globale Anstrengung unternehmen, und zwar gemeinsam, jede Gruppe und Nation da, wo sie handlungsfähig ist, um den weiteren Temperaturanstieg wenigstens zu bremsen, soweit und solange das noch möglich ist (vgl. die „Kipppunkte“ in vorigen Beiträgen). Diese Anstrengung wird sich darauf konzentrieren müssen, den Anstieg von temperaturrelevanten Stoffen in der Atmosphäre (Kohlendioxid, Methan, Aerosole) drastisch zu vermindern. Um das zu erreichen, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Verringerung des Ausstoßes ist nur eine davon, natürliche oder technologische Reduktionen sind andere Möglichkeiten. Jedenfalls brauchen wir mehr und nicht weniger geeignete Technologie, mehr Einfallsreichtum und technologie- und lösungsoffene Förderung entsprechender wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung, und zwar rasch.

[Nebenmerkung: Wissenschaft ist keine Religion. Auch Wissenschaftler können irren (Beispiele: Phrenologie, Kraniometrie), und haben es schon oft getan. Nur die Daten sind objektiv innerhalb ihres Erhebungsrahmens. Schon ihre Auswertung, Bewertung und dann Extrapolation für künftige Szenarien enthält eine Menge variabler Elemente und unvermeidlich subjektiver Faktoren – sonst würde es ja nicht so viel Streit unter den Wissenschaftlern geben. Hier in der Klimafrage ist sich allerdings die überwältigende Mehrheit der internationalen Wissenschaft bemerkenswert einig. Darum ist davon als derzeit gültiger Faktenlage auszugehen.]

Das andere ist: Wir brauchen sehr viel mehr Vorsorge für die jetzt schon absehbaren Folgen der Klimaerwärmung in unseren Lebensräumen. Küsten- und Deichschutz, Wassermanagement, insbesondere bezüglich des Grundwasserspiegels, Luftreinigung von Feinstaub und Aerosolen, Waldmanagement im Blick auf Trockenheiten und klimagerechter Pflanzenauswahl (auch Neuzüchtungen), weitaus mehr als heute üblich ressourcenschonende landwirtschaftliche und industrielle Produktion, regenerative und schadstoffarme Energieerzeugung, intelligente Vernetzung und Nutzung vorhandener Energie, ein Recycling von Wertstoffen, das den Namen verdient (Verbrennen oder Exportieren ist kein ‚recycling‘, siehe unter Nachträge) und schon bei der Produktion von Gütern Beachtung finden muss (Zertifizierung), forcierte Entwicklung klimaneutraler synthetischer Kraftstoffe für Verbrennungsmotoren, emissionsfreie Mobilität, wirksame Regulierung der Finanzmärkte (Vermeidung von ökonomisch und sozial schädlichen Fehlallokationen, Beispiel Immobilienmarkt) – und vieles andere mehr. Dieser kleine unvollständige Überblick soll zeigen, dass es keineswegs um rückwärtsgewandte Vernichtung von Industrie und Abbau von Arbeitsplätzen geht, sondern um deren weitreichenden Umbau und globale Weiterentwicklung gemäß den Erfordernissen des Klimawandels, wirtschaftlicher Anreize und sozialer Teilhabe. Wenn man auf diesen gesamten Bereich schaut, kann man mit Sicherheit sagen, das hier noch viel zu wenig umgedacht und entsprechend gehandelt wird. Hier wäre viel mehr vorausschauende Politik und weitsichtige Verantwortung nötig, welche die Menschen „mitnimmt“.

Bio Urban 2.0 (c) BiomiTech

Es bleiben aber weitere wesentliche globale „Baustellen“ offen. In vorigen Beiträgen hier im Blog ist schon die Rede von der weltweiten Migration, beschleunigt durch Kriege um Ressourcen, Bevölkerungswachstum durch Bildungsmangel und gleichzeitiger Verknappung landwirtschaftlich geeigneter Flächen, obwohl auch dafür weiterführende neue Entwicklungen denkbar sind. Eine weitere Herausforderung stellt das Eindringen von Mikroplastik in die Nahrungskette dar, wie es sich gerade vollzieht. Schon jetzt ist im Menschen (sogar Säuglingen) die Anreicherung von Mikroplastik im Körper nachweisbar. Die Auswirkungen sind bisher noch kaum bekannt und erforscht, bergen aber unabsehbare gesundheitliche Risiken. Weitere globale Problemanzeigen sind das erneute Anwachsen von Infektionskrankheiten durch multiresistente Keime, also durch das Versagen der klassischen Antibiotika-Medizin. Ein Spezialfall sind die bei uns bisher wenig beachteten, aber bedrohlich zunehmenden Fälle von Sepsis. Von weiteren Krankheitserregern, die wir keineswegs im Griff haben, von Malaria oder viralen Erregern mit Seuchenpotential könnte man viele Blogs füllen, ganz zu schweigen von der weiteren Ausbreitung von Krebs (auch bedingt durch höhere Lebenserwartung). Will sagen: Es gibt wirklich sehr vieles, was auf sehr vielfältige Weise den Lebensraum und die Lebensweise der Menschheit bedroht – und damit die Menschheit insgesamt. Zynisch und ironisch zugespitzt könnte man sagen: Vielleicht hat uns noch vor dem Klimatod eine Grippeseuche dahingerafft.

Von einer schwerwiegenden Bedrohung anderer Art ist nun noch zu reden: Von dem weltweiten Verlust des Vertrauens in Institutionen und Regierungen, vom Zerfall internationaler Zusammenarbeit, vom Vordringen nationalistischer Partikularisierung, vom Angriff auf Menschen- und Freiheitsrechte an vielen Orten der Erde, vom Anwachsen von Verschwörungstheorien, Gewaltbereitschaft, Radikalisierung, Terror und einer Wiedergeburt von Rassismus, Antisemitismus und ‚Faschismus‘ (siehe „Volksverhexer“) – ausgestorben war das freilich nie. Gerade der Antisemitismus ist so etwas wie der Lackmustest für den Grad von Humanismus und aufgeklärter Moral. Damit steht es nicht gut. In einer Epoche, in der wir eigentlich sehr viel mehr Vernunft, wissenschaftlichen Verstand, rechtsstaatliche Institutionen, weltweite Zusammenarbeit, Verständigungsbereitschaft und Kompromissfähigkeit nötig haben, darüber hinaus aufgeschlossen sein sollten gegenüber technischer Innovation und vielfältigen Lösungsansätzen, – genau in dieser Situation, wo alles nach Zusammenarbeit und phantasievollem Neustart schreit, wenden wir uns ab und altbekannten Mustern der Vereinfachung, der Feindbilder, der nationalen und religiösen Ideologien zu, die vorhandene Probleme und Herausforderungen eher noch verschlimmern, weil sie nun auch noch Teil des Problems und nicht Teil der Lösung sind.

Nötig ist in der Tat eine politische, ökonomische und ökologische, klimagerechte und sozialverträgliche, phantasievolle und innovationsfreudige (Digitalisierung) Neuausrichtung der gesellschaftspolitischen Agenda. Da fehlt noch viel, aber da zeigen sich auch neue Wege. Jugend ist nicht nur auf der Straße aus Lust an der Revolte oder Klima-Fanatismus, sondern weil sie sich von der gegenwärtigen Art, wie Politik funktioniert, ausgeschlossen und nicht ernst genommen sieht. Das, was „Rezo“ ausgelöst hat, gibt davon ausreichend Zeugnis. Jakob von Lindern hat dazu jüngst Beherzigenswertes und Treffendes geschrieben über die „Rezolution der Politik“. Recht hat er, und von guten neuen Chancen schreibt er, wenn man das Anliegen junger Menschen, die sich um ihre Zukunft betrogen sehen, ernst nimmt – sei es bei YouTube, sei es bei vielen Aktivisten von #FridaysForFuture. Gerade hier ist viel mehr Optimismus angesagt und Bereitschaft, neue Formen der Kommunikation für ein neues Gespräch der Generationen zu erproben. So könnte sich Politik jenseits der Parteien erneuern und etwas Neues ‚ausbrüten‘. Das wäre gut, eine wirkliche Chance zur Veränderung. Denn die, darin sind sich eigentlich alle einig, tut bitter not. „Gegen den Wandel des Klimas hilft nur der Wandel des Systems.“ (siehe Maja Göpel „Gebt die Privilegien auf!“).

Nachträge:

  1. In einem Artikel in der FAZ vom 30.09.2019 beleuchten die Ökonomen Prof. Dr. Kai Carstensen und Prof. Dr. Stefan Kooths in hervorragender Weise die Aufgabe einer vernünftigen Klimapolitik aus wissenschaftlicher Sicht: So geht vernünftige Klimapolitik – gut auf den Punkt gebracht.
  2. „Bei Circular Economy geht es nicht um Recycling, es geht nicht um Müllmanagement“, erklärte Antonia Gawel, die beim World Economic Forum die gleichnamige Initiative leitet. „Es geht darum, ein ganzes System neu zu designen und neu darüber nachzudenken, wie wir Produkte designen, nutzen, wiederverwenden, länger behalten und ihr Material weiterverwerten.“ Lies den Beitrag über Bits & Pretzels im Handelsblatt.

.art

 29. September 2019  Posted by at 18:06 Gesellschaft, Klima, Oekologie, Ökologie Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Moderne Klimapolitik
Sep 042019
 

Gesellschaftliche Polarisierung und Desintegration

Weltweit polarisieren sich Gesellschaften. Das scheint in stärkerem Ausmaß als früher zu geschehen. Den „Oben – unten“ – Gegensatz hat es immer gegeben. Ob Herr – Knecht, Fürst – Vasallen, Kapitalisten – Arbeiter, Establishment – Normalos, Elite – Masse, – die Gegensatzpaare sind vielfältig. Heute kommt die Polarisierung zwischen religiösen (ideologischen) Eiferern und Modernisten, zwischen nationalkonservativen Beharrungskräften und global-freiheitlichen Fortschrittsanhängern hinzu, mit den unterschiedlichsten Schattierungen. Starke Führer sind wieder gefragt, illiberale Autokraten und messianische Egomanen. Für viele scheint es keine Alternative zu geben, die auf Rationalität, Diskussion und Ausgleich setzt. Kompromiss wird verpönt, ebenso Langfristperspektiven, wenn sie dem eigenen Machtausbau entgegenstehen. All dies kann mit Namen als Symbolen benannt werden und ist sattsam bekannt.

Es türmen sich aber auch weitere gesellschaftliche Probleme auf, die offenbar nicht nur bisher bekannten Erklärungsmustern entsprechen. Fragmentierte Gesellschaften hat es immer gegeben, kann auch gar nicht anders sein, weil Menschen und Gruppen sich unterscheiden, aber das Ausmaß der Fragmentierung (Minoritäten, Majorisierung, Ausgrenzung, Rassismus) ist heute doch so erheblich, dass eine neue Qualität erreicht scheint. Auch Kriminalität hat es zu allen Zeiten gegeben, wobei auch das Verständnis dessen, was als „kriminell“ oder als „terroristisch“ gilt, von Standpunkten und Herrschaftsinteressen abhängig ist. Die Konzentration von immer mehr Menschen in wachsenden Megacities treibt anarchische Entwicklungen auf die Spitze. Aber sind es wirklich Fehlentwicklungen, wenn es keinen gesellschaftlichen Ausgleich und vor allem auch kein Ausweichen gibt? Das stetige Wachstum der Weltbevölkerung verbunden mit dem Schrumpfen nutzbarer Lebensräume führt zu etwas, was die Schweizer vor Jahren polemisch als „Dichtestress“ bezeichnet haben. Global kann man aber sehr wohl von gesellschaftlichen Verdichtungen sprechen, die trotz räumlicher Enge und Vernetzung Kommunikation zwischen verschiedenen Gruppen erschweren und zu archaischem Abwehrverhalten und fanatischen Abgrenzungen führen. Parallelgesellschaften und Subkulturen (Clans) werden da eher die Regel als die Ausnahme sein. Wieweit der demokratische Rechtsstaat dem überhaupt gewachsen ist, muss sich noch zeigen.

Natürlich verlaufen diese Entwicklungen nicht überall gleichmäßig und stetig, aber eben doch gleichzeitig und oft abrupt in unterschiedlichen Zonen und Regionen. Als Beobachter ist man oftmals erstaunt, wieviel ähnliche Entwicklungen und Herrschaftsreaktionen auf ganz unterschiedlichen Kontinenten und in gesellschaftlich und historisch völlig verschiednenen Herkunftgeschichten anzutreffen sind: Trump, Bolsonaro, Duterte zum Beispiel weisen Gemeinsamkeiten auf, die es analytisch zu beschreiben und zu erklären gilt. Da ist einfach zu viel Ähnlichkeit, als dass es nur Zufälle sein können. Der Hinweis auf globale Vernetzungen ist eine Leerformel, die mit konkretem Inhalt gefüllt werden muss, wenn sie nicht andererseits Verschwörungstheorien Vorschub leisten soll.

Wie viele Menschen erträgt die Erde? (c) watson

Ein Kennzeichen der heutigen globalen Welt ist es (im deutlichen Unterschied zu früheren Epochen), dass es kein Ausweichen, keine „Auswege“, keinen freien Raum mehr gibt. Man kann nirgenwo hingehen oder hinziehen, um den Auswirkungen des Klimawandels, der Vermüllung, der sozialen Verdichtung zu entkommen. Es gibt keine terra incognita mehr, die wie einst Australien als Ausweichlösung für gesellschaftliche Probleme (Sträflinge in England) dienen könnten. Wirkliche Wildnis, die dennoch Lebensraum für größere Menschengruppen (wie einst die Quäker in Nordamerika) bieten könnte, gibt es überhaupt nicht mehr, oder in solch geringem Maße, dass es dahin nur einzelne „Aussteiger“ schaffen können. Statt dessen ballen sich Konflikte und Interessenunterschiede in Großräumen wie Dallas, Hongkong, Kairo, oder Mexiko City. Diese Entwicklung der Verdichtung, der Abgrenzung, Ausgrenzung, der Polarisierung und Fanatisierung wird zunehmen, wenn die Klimaveränderung und das Wachstum der Weltbevölkerung so zunehmen, wie zu erwarten ist. Man muss schon gruppendynamische und gesellschaftspsychologie Betrachtungsweisen hinzuziehen, um in etwa abschätzen zu können, was der sich anbahnende Stress sozial und individual bewirken kann.

Es geht um ziemlich fundamentale, archetypische Gegensätze: Kampf um die letzten Ressourcen, (Über-)Lebensraum für die eigene Gruppe / Sippe / Clique / Familie, Entscheidung über die finalen Machtverhältnisse im globalen Wettstreit, ökonomische Vorteile, obwohl diese durch zunehmende ökologische Ungleichgewichte konterkartiert werden. Dem Klimawandel entkommt niemand. Eine wirkliche Veränderung der bisherigen Trends und Tendenzen ist bisher nirgendwo sichtbar geworden. Es ist eher erstaunlich, wie kleinkariert und engstirnig der gesellschaftliche Diskurs hierzulande geführt wird, als ob die Führungsfrage einer Partei überhaupt noch irgend eine politisch relevante Auswirkung hätte. Nicht nur die Parteien in Deutschland kreisen um sich selber, auch Europa verharrt im Kleinklein mühsamen Interessenausgleichs bzw. starrer Interessenverteidigung. Internationale Organisationen, die auf rationalen Ausgleich bedacht und verpflichtet sind, verlieren an Bedeutung. Wen interessiert derzeit noch, was gerade im UN – Sicherheitsrat verhandelt und wieder einmal nicht beschlossen wird? Auch internationale Wirtschafts- und Finanzinstitutionen (OECD, IUMF / IWF) sind davon betroffen, wenn erst einmal beliebige Gruppen sich ihre „Libra“ schaffen können.

Die Zunahme von globalen Antagonismen und die Verknappung von Ressourcen und Frei-Räumen führen jetzt schon zu Erscheinungen der Desintegration, wenn auch noch mit einigen Widerständen. Es ist mit weiter fortschreitender Desintegration und Dissoziation zu rechnen. Unter Druck reagieren Lebewesen instinktiv, und Menschen sind da keine Ausnahme. Die Instinkte werden aber nur zu weiteren archaischen Verhaltensweisen führen und der rationalen Lösungssuche weiter den Weg verbauen. Rationalität und das Bemühen um Objektivität (Sachlichkeit, Wahrhaftigkeit) hat es bekanntlich heute schon sehr schwer. Es wird vermutlich keine vorübergehende Erscheinung sein. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass es Wohlmeinende , Gutwillige, sachlich Engagierte und Verantwortliche doch noch irgendwie schaffen, Zeit und Gelegenheit für bessere Lösungen zu finden. Hierbei kann Vernetzung in der Tat helfen. Nicht die digitale Revolution entfacht Hoffnung, aber die dadurch gegebenen Möglichkeiten zur Interaktion und gemeinsamen Aktionen derer, die es nicht einfach treiben lassen wollen. Man muss nur wollen und die heutigen Möglichkeiten nutzen, dann werden sich auch Wege eröffnen, die bisher nicht sichtbar sind. Auch wenn sie klein ist: diese Hoffnung bleibt.


Nachtrag 5. September:

Gerade habe ich den Beitrag „Letzte Chance“ von Ralf Fücks zu Gesicht bekommen. Ich teile seine konzentrierte Darstellung fast uneingeschränkt. Sie bringt die hier besprochenen Dinge auf den Punkt.

Kritisch anmerken möchte ich, dass Fücks das Wachstums der Weltbevölkerung mit dem üblichen Hinweis auf Malthus und dessen Irrtum abtut. Dabei verkennt er die neue Lage, die dadurch entstanden ist, dass das Bevölkerungswachstum als Problem an die Klimaveränderung durch die Verknappung der Ressourcen gekoppelt ist.

Zum andern teile ich nicht den Optimismus, durch eine ökologische Erneuerung der Industrie und durch grüne Innovationen in Deutschland und Europa die globale Herausforderung eines grundlegenden Wandels der Produktion und Konsumption lösen zu können. Die Vorbildfunktion eines grünen Modells Europa wäre mehr als zweifelhaft. Die gegenläufigen Tendenzen zeigt er selber auf. Allerdings gebe ich zu: Einen anderen Weg sehe ich auch nicht.

art.

 4. September 2019  Posted by at 11:50 Demokratie, Gesellschaft, Gewalt, Klima, Zukunft Tagged with: , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Gesellschaft kaputt
Sep 022019
 

Das Finale der Menschheit

Für die Zukunft der Menschen auf diesem Planeten sieht es düster aus. Es gibt zwei große Probleme, die sich sogar teilweise auf eines zurückführen lassen: Die weitere Zunahme der Weltbevölkerung und die rasante Veränderung des Klimas, verursacht durch steigende Erwärmung. Diese Erwärmung des Planeten hat direkt mit der wachsenden Weltbevölkerung zu tun durch die Art und Weise, wie Menschen leben und ihre Energie erzeugen.

Es könnte so einfach sein. Man müsste nur die fortwährende Einstrahlung der Sonne, zumindest einen winzig kleinen Teil davon, unmittelbar in nutzbare Energie umwandeln können. Das scheint aber in wirklich großem Maße unmöglich zu sein. Also beziehen wir unsere Energie indirekt von der Sonne: durch Nutzung vom Holz der Bäume, sei es aktuell durch Verbrennen, sei es in Form ihrer fossilen Formen Kohle, Öl, Gas. Nur die Solarenergie wandelt Sonnenlicht in nutzbare Energie um, allerdings ist der Maßstab, in dem das geschieht, verschwindend gering. Auch Windenergie ist indirekte Sonnenenergie, wird doch das Wettergeschehen, das zu Winden führt, durch die Sonneneinstrahlung erzeugt. An der Art der Energiegewinnung hängt aber alles.

Menschen haben zu allen Zeiten das, was sie in der Natur vorfanden, zur Erzeugung von Energie genutzt: Holz, Wasser, Thermen. Schon im Altertum wurden darüber hinaus die Wälder ganzer Gebirge abgeholzt, um Baustoff für Schiffe zu haben (Libanon, Appenin). Mehr noch: Der neugierige, erfindungsreiche homo sapiens ist nicht nur ‚einfach so‘ aus Afrika ausgewandert, sondern womöglich schon damals durch klimatische Veränderungen motiviert, um anderswo neuen Lebensraum zu finden bzw. für sich zu erobern. So hat sich die wachsende Population des homo sapiens schließlich über die ganze Erde verbreitet, und soweit wir heute wissen, gibt es nur sehr wenige Bereiche (wie die Antarktis), in die nicht schon der ‚alte Mensch‘ vorgedrungen wäre.

Planet Erde vom Mond aus (pd pxhere)

Dann aber kam der Mensch der Neuzeit! Ich fasse Neuzeit weit als den Zeitabschnitt, in dem Kontakte und Austausch von Menschengruppen und Zivilisationen / Kulturen über Kontinente hinweg institutionalisiert wurden. Handelswege, neue Waren und Erzeugnisse, neues Wissen. Es gehört zum Menschen hinzu, seine Neugier, seinen Wissensdurst, seinen Einfallsreichtum und seine Erfindungsgabe zum eigenen Vorteil zu nutzen. Soweit wir wissen, sind alle älteren Zivilisationen, von denen städtische Ansammlungen zeugen, hierarchisch gegliedert gewesen. Einer war immer da als Stärkster, als Anführer – König – Gott, der sich andere Abhängige zu Diensten machen konnte. Ungleichheit war stets weit verbreitet, und die Kunde von egalitären Gesellschaften ist auf sehr isolierte Gemeinschaften (Inseln, Urwälder) beschränkt geblieben. Speziell in Europa bedeutete spätestens seit der Rennaissance Wissen Macht. Wissen konnte die Wirkung der Gewalt durch „Schwerter“ exponentiell steigern. Wissen bedeutete zugleich, sich die „Schätze der Natur“ nutzbar zu machen zur Ausdehnung der eigenen Macht und Herrschaft. Es war immer eine unmittelbare, gewalttätige und, wenn man so will, ‚räuberische‘ Aneignung der Natur, was Marx später im Hinblick auf das Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft als „ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnet hat. Im Grunde genommen war es dasselbe Vorgehen, das alle Eroberer angetrieben hat von Alexander über Karl bis zu Dschingis Khan und darüber hinaus. Nur einige dieser Eroberer sind geblieben, um sich das Land mit seinen „Schätzen“ anzueignen und die vorherigen Völker als Besitzer zu vertreiben oder zu vernichten. Die Eroberung der „Neuen Welt“ (Amerika) und des Schwarzen Kontinents (Afrika) verlief nach diesem Muster; für Asien trifft das nur teilweise zu, weil Asien mit seinen unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften einfach zu groß und widerständig war, um von Europa einfach einverleibt zu werden. In der Geschichte des Kolonialismus kommt es allerdings ebenso gut vor.

Diese gewaltsame Aneignung von Menschen (Sklaverei), Ländern und Kontinenten fand ihre Entsprechung oder auch Fortsetzung in der zielgerichteten Ausbeutung der Natur. Durch die Entdeckung neuer Formen der Energiegewinnung konnten in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß Naturschätze gehoben und ausgebeutet werden. Die Industrialisierung setzte dafür enorme Kräfte frei, wie sie andererseits selber durch das Heben neuer Ressourcen ein ungeahntes Potential aufbauen und entfalten konnte. Zum erste Mal in der Menschheitsgeschichte wurde mit der Elektrifizierung Energie zu einem andauernden, möglichst unterbrechungslosen Angebot rund um den Erdball. Ein Blackout gehört heute zu den Schreckensszenarien unserer globalen Industriegesellschaft. Die ständig wachsende Nachfrage nach omnipräsenter Energie schuf ein Angebot, das die Ausbeutung und Erzeugung von Energie auf ein Höchstmaß erweiterte. Erst dadurch wurden auch moderne Produktionsweisen möglich, die schließlich nicht nur Mensch und Maschinen umfassten, sondern die gesamte belebte Natur zum verwertbaren Angebot in Besitz nahm. Ohne die ständige Zufuhr von Energie keine industrielle Produktion, keine Massentierhaltung, keine Megacities. Heute sind wir an einem Punkt, an dem allein die Kommunikation mittels Internet mehr Energie verschlingt als alle normalen Haushalte zusammengenommen.

Wir sind aber auch an einem Punkt, an dem es nicht mehr so einfach weitergeht. Der Raum des Erdballs ist begrenzt, Ressourcen sind begrenzt, die Erzeugung und Verteilung von Energie ist begrenzt (bisher nur dadurch verdeckt, dass noch Teile ganzer Kontinente nicht auf dieser intensivsten Ausbeutungsstufe stehen). Aber die weitere Zunahme der Weltbevölkerung allein ist schon Anlass genug, noch mehr zu produzieren, Mensch und Natur noch weiter auszubeuten, für noch mehr Energiefluss zu sorgen – und noch mehr Reichtum für wenige zu erschaffen. Die Entwicklung ist dabei, sich zu überhitzen – und zugleich den Erdball aufzuheizen, wie wir es bisher noch nicht kannten. Nur am Rande sei erwähnt, dass die Probleme der Migration, der Vemüllung, der Kriminalität und unmittelbaren Gewalt wegen Drogen und Menschenhandel nur Auswirkungen der bisher skizzierten massiven Ausbeutung und Nutzung von Mensch, Tier und Natur als Mittel zum Zweck sind. Das Wachstum von Reichtum und Herrschaft aber ist dasselbe nach Art der „Raubritter“ geblieben.

Wendepunkt oder Endpunkt, das ist heute die Frage. Denn die Natur schlägt zurück: Das Klima verändert sich durch die menschlichen Einwirkungen rasant, Gletscher schmelzen, Ozeane steigen, Unwetter nehmen zu, Hitzeperioden und Trockenheit machen zunehmend weite Regionen erschwert oder gar nicht mehr bewohnbar. Migration ist die unmittelbare Folge und treibt den negativen Kreislauf weiter an. Es scheint, als trennten uns nur noch wenige Generationen vom Kipppunkt, vom Point of no Return. In welcher Weise die Menschheit das überstehen wird, wer überleben wird, wie überlebt werden kann – alles offen. Dem Planeten ist das sogar völlig egal. Er mag aus anthropogener Sicht „kaputt“ gehen, aber „Natur“ geht niemals kaputt, sie wird nur transformiert, geht in andere Zustände neuer Gleichgewichte über. Ob darin noch Menschen vorkommen, ist von außen betrachtet unerheblich. Dumm nur, dass wir keinen Punkt haben, den Planeten, unsere „Welt“, von einem Standpunkt außerhalb zu betrachten und zu beeinflussen. Wir sind und bleiben mitten drin. Und hier in diesem planetarischen Schlamassel, den wir als Menschen angerichtet haben, rettet uns in der Tat kein höheres Wesen. Wir müssten es schon selber tun.


Nachtrag 5. September:

Gerade habe ich den Beitrag „Letzte Chance“ von Ralf Fücks zu Gesicht bekommen. Ich teile seine konzentrierte Darstellung fast uneingeschränkt. Sie bringt die hier besprochenen Dinge auf den Punkt.

Kritisch anmerken möchte ich, dass Fücks das Wachstums der Weltbevölkerung mit dem üblichen Hinweis auf Malthus und dessen Irrtum abtut. Dabei verkennt er die neue Lage, die dadurch entstanden ist, dass das Bevölkerungswachstum als Problem an die Klimaveränderung durch die Verknappung der Ressourcen gekoppelt ist.

Zum andern teile ich nicht den Optimismus, durch eine ökologische Erneuerung der Industrie und durch grüne Innovationen in Deutschland und Europa die globale Herausforderung eines grundlegenden Wandels der Produktion und Konsumption lösen zu können. Die Vorbildfunktion eines grünen Modells Europa wäre mehr als zweifelhaft. Die gegenläufigen Tendenzen zeigt er selber auf. Allerdings gebe ich zu: Einen anderen Weg sehe ich auch nicht.

art.

 2. September 2019  Posted by at 18:49 Gesellschaft, Klima, Zukunft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Planet kaputt
Jun 302019
 

Mehr als das Drehen an Stellschrauben

Auch nach den vorsichtigeren Modellen des Weltklimarates (IPCC) wird sich die Klimaveränderung fortsetzen und die Temperaturkurve des Weltklimas weiter ansteigen. Es ist durchaus richtig, von Klimakrise zu sprechen und nicht nur von Klimaveränderung. Denn man muss davon ausgehen, dass der kritische Punkt erreicht, wenn nicht gar überschritten ist. Der kritische Punkt bezeichnet ein Verhalten des Klimas, das bereits jetzt erhebliche Veränderungen und nachhaltige Schäden hervorruft (Eisschmelze, Dürrezonen, Meereserwärmung). Wenn der Temperaturanstieg nicht gestoppt wird, ist mit einer Zunahme von sogar kurzfristig beobachtbaren Klimaveränderungen und gravierenden Wetterereignissen zu rechnen. Darum gilt die Forderung nach einer Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2°, besser 1,5° (Pariser Klimabkommen) im Vergleich zum vorindustriellen Niveau.

Etwas Besonderes ist der Kipp-Punkt: Er ist dann erreicht, wenn trotz aller menschlichen Maßnahmen die Klimaveränderung eine Eigendynamik entwickelt, die nicht mehr zu stoppen ist ( irreversible Rückkopplungen durch Kippelemente im Erdsystem ). Die Liste solcher Kippelemente ist lang und wird länger. Einzelne Punkte daraus sind uns durchaus aus der öffentlichen Diskussion geläufig wie das Schmelzen der Gletscher und des Polareises, das Verschwinden der Korallenriffe, Verringerung der Waldflächen, Auftauen der Permafrostböden usw. Wann ein solcher globaler Kipppunkt erreicht ist, lässt sich wohl erst im Nachhinein feststellen, – dass wir nahe daran sind und ihn eventuell bereits überschritten haben, ist eine begründete Vermutung. Darum ist das Wort „Klimakrise“ angemessen und zutreffend. Die Menschheit steht an einem Scheideweg.

#Showyourstripes

Zunächst erscheint die Alternative zwischen „weiter so“ und „Handlungen ändern“ einleuchtend und einfach zu sein. „Weiter so“ wollen nur noch die harten ‚Klimaleugner‘ (Kurzform, es müsste ja heißen Klimaveränderungsleugner), sei es dass sie das Reden über eine Klimakrise für Unsinn oder gar eine Verschwörung halten, sei es dass sie nicht gewillt sind, ihre nationale Politik gegenüber Industrie, Energieerzeugung und Arbeitsplätzen zu ändern bzw. ihr „zu schaden“ (so US-Präsident Trump jüngst auf dem Osaka-Gipfel). Keine Veränderung bedeutet „komme, was da wolle“. Die Hoffnung ist: Irgendwie schaffen ‚wir‘ das schon (Bolsonaro). Das mag stimmen, nur werden die vermutlich immensen Kosten (finanziell, sozial, humanitär) einer solchen Haltung ausgeblendet. Abgesehen davon ist diese Haltung aber deswegen abwegig und unvernünftig, weil sie nicht unterscheidet zwischen vielen einzelnen womöglich ungünstigen Faktoren und dem Basissystem unserer Lebensgrundlagen insgesamt. Werden diese Lebensgrundlagen angegriffen, ist „alles“ gefährdet. Ich komme darauf zurück. [siehe unten]

Also bleibt der zweite Weg „Handeln ändern“. Politisch scheint das gegenwärtig der einzig gangbare Weg zu sein, auch wenn die meisten weitreichenden Änderungen bloße Absichtserklärungen sind: Beendigung der Kohleverstromung, CO2-Bepreisung, erneuerbare Energien (derzeit bei 40 %), emissionsfreie Mobilität. Jede einzelne Maßnahme ist äußerst komplex und wäre eine eigene Diskussion wert – und sie wird in der Öffentlichkeit durchaus kontrovers geführt. Der „Kohlekompromiss“ lässt wenigstens den Willen zur Einigung erkennen. Vorausgesetzt, wir setzen das alles erfolgreich und zeitnah in Deutschland um, wäre das Klima dann „gerettet“? Wohl kaum, und das nicht einmal, weil der deutsche Beitrag zum Klimaschutz international gesehen zahlenmäßig äußerst gering ist. Beispielhaft zu handeln wäre ja auch schon ein Pluspunkt.

Es geht aber eigentlich um viel mehr und um etwas ganz anderes. Denn all diese und weitere Handlungsoptionen für ein ‚klimabewussteres‘ Handeln und Gestalten auf allen politischen Ebenen ist auf nahe Sicht ohne Zweifel gut und richtig, aber es ist bei allen guten Absichten ein unzureichender Ansatz auf sekundären Ebenen. Nicht nur veränderte Handlungen sind zu bewerkstelligen, sondern ein anderes Verhalten ist zu üben. An konkreten „Stellschrauben“ Veränderungen in Angriff zu nehmen, um „Klimaschutz“ zu betreiben, ist wahrscheinlich politisch die einzige realistische Möglichkeit. Es steht aber zu befürchten, dass die Maßnahmen allesamt zu kurz greifen. Das kommt in den Blick, wenn man auf die Kette der Ursachen und die Ausmaße der Wirkungen schaut.

Der Maßstab des IPCC gibt einen Hinweis auf die Ursachen: das vorindustrielle Niveau der Klimadaten – die Industrialisierung. Ein oft gebrauchtes Bild zeigt die Auswirkungen plastisch: Wir verbrauchen die Ressourcen von 2 Planeten („Welterschöpfungstag“ WWF). Innerhalb der EU verbrauchen wir schon die Ressourcen von 2,8 Planeten, wenn alle so leben würden wie wir. Das eine weist auf den ungefähren Zeitpunkt einer Produktionsveränderung als Ursache (Industrialisierung), ohne genau aufzulisten, welcher Art diese Auswirkungen sind. Auf jeden Fall gehört die enorme Steigerung des Ausstoßes von Treibhausgasen dazu, die durch den massiven Einsatz von fossilen Brennstoffen (Kohle, Erdöl, Erdgas) freigesetzt werden. Zu den Folgen der Industrialisierung gehört dann eine Wirtschaftweise, die Ressourcen von Jahrmillionen ausbeutet und sie binnen vergleichsweise kürzester Zeit in einen globalen Produktions- und Wirtschaftskreislauf einbringt und ‚verbraucht‘. Die Annahme eines Ressourcenverbrauches von „mehr als einem Planeten“ beruht auf der Einsicht, dass für ein stabiles Gleichgewicht von Klima und Umwelt nur so viel Ressourcen verbrauchen werden dürfen, wie unser Planet nachhaltig zur Verfügung stellt. Beide Blickrichtungen, die auf die Ursachen und die auf die Folgen, müssten nun im Einzelnen erörtert werden – die dazu vorhandene Literatur ist nahezu uferlos, beginnend mit dem Bericht des Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ 1972 bis hin zu den jüngsten Veröffentlichungen des IPCC, des WWF und anderer.

Hier nur einige Hinweise. Die Industrialisierung ist eine zunächst lokale Veränderung der Produktionsweise durch den Einsatz von Maschinen (Dampfmaschine) als Ersatz bzw. Ergänzung menschlicher Arbeitskraft. Dieser Prozess hat sich zum einen global ausgeweitet, zum anderen als eine gesellschaftliche Transformation verwirklicht (Kapitalismus, Liberalismus, Marxismus). Auswirkungen auf die Umwelt waren ursprünglich überhaupt nicht im Blick: Umwelt gab es einfach immer. Kolonialisierung, Vernetzung und Digitalisierung haben diesen Prozess in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten exponentiell erweitert („Industrie 4.0“) Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Sowjetunion und dem staatskapitalistischen Aufstieg Chinas ist der Kapitalismus das wesentliche Paradigma der globalisierten internationalen Wirtschaften geworden. Er beruht nach wie vor auf „Wachstum“ von Ressourcen, Produktion und Kapital. Auch die Landwirtschaft hat sich weltweit längst zu einer hochintensiven Agroindustrie gewandelt. Wir leben vom Öl, wir arbeiten mit Öl, unser (einseitiger) Wohlstand beruht auf Öl, – sofern Öl hier einmal für fossile Energie und Rohstoffe insgesamt stehen mag. Das Anthropozän ist immer zugleich Petrozän + Kapitalismus.

Die Auswirkungen reichen weiter, als auf den ersten Blick ersichtlich. Es sind ja nicht nur „Schadstoffe“ wie Abgase, Gülle und Pestizide, die die Umwelt belasten. Der gesamte Ausstoß von Plastik müsste als Eintrag in die Umwelt gewertet werden, sofern er nicht wirklich nachhaltig abgebaut wird; Export und Verbrennen („thermische Verwertung“) gehören definitiv nicht zu einem nachhaltigen Abbau. Erst allmählich ist es in das Bewusstsein gerückt, dass unsere Erde tatsächlich endlich ist, und auch Mond und Mars absehbar keinen Ausweg versprechen. In diesen Tagen jährt es sich zum 50. Mal, dass ein Mensch seinen Fuß auf die Mondoberfläche setzte. Die Mondfahrer bemerkten aus der Ferne, wie klein und zerbrechlich der Planet Erde ihnen erschienen ist. Aber eine wirkliche Konsequenz wurde aus dieser Einsicht bis heute nicht gezogen. Wir leben, arbeiten, produzieren und verbrauchen weiter, als gäbe es kein Morgen, als gäbe es keine Endlichkeit. Insbesondere die digitalen Megakonzerne behaupten, die Grenzenlosigkeit der menschlichen Möglichkeiten zu verwirklichen (siehe dazu aktuell Evgeny Morozov). Doch im Grunde heben sie nur den Kapitalismus auf seine nächste, digitale und globale Stufe – damit alles (Machtverhältnisse) bleibt, wie es ist.

Wenn der Satz richtig ist, dass wir nach wie vor von fossilen und anderen endlichen Ressourcen leben; wenn es ferner zutrifft, das die Weltbevölkerung demnächst die 10 Milliardengrenze erreichen wird (2050), wenn außerdem richtig ist, dass unsere gesamte Lebensweise auf einer massiven Überbeanspruchung der natürlichen, d.h. planetarisch vorhandenen Ressourcen beruht, wenn außerdem berücksichtigt wird, dass unser Wohlstand sehr einseitig von der Ausbeutung des größten Teiles der nicht so weit entwickelten Länder abhängt (durch Export von Rohstoffen und Billiglöhnen); wenn in einem weiteren Blick zahlreiche Konflikte um Selbstbehauptung, Macht und Vorherrschaft aus der Sicherung und Einverleibung von Ressourcen bestehen, teilweise im Zusammenhang mit Spätfolgen des Kolonialismus, …. – dann kann man eigentlich nur eine wesentliche Schlussfolgerung ziehen: Es geht nicht mehr nur um das Abarbeiten von „Stellschrauben“ und Einzelmaßnahmen. Es geht gar nicht um einzelne Maßnahmen oder Maßnahmepakete, – es geht um eine grundlegende Änderung des Verhaltens.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich. Wie oben bereits angedeutet: Wird das Basissystem unserer Lebensgrundlagen insgesamt angegriffen, ist „alles“ gefährdet. Wenn alles gefährdet ist, ist alles zu ändern. Dass dies geschieht, ist sehr unwahrscheinlich. Aber genau das müsste passieren. Niko Paech beschreibt es, hier und hier. Es klingt sehr radikal, weil es sehr radikal ist. Wollen wir das wirklich? Will ich das? Eigentlich nicht, nicht wirklich. Der Verstand sagt vielleicht Ja, aber das Grummeln im Bauch meint: Muss das wirklich sein? Kein schönes Auto mehr? Keine fernen Weltreisen, keine Urlaubsflüge? Kein einfaches Einkaufen im Supermarkt, kein Fleisch, kein Soja (Tofu!), keine Haustiere, – nur heimische Produkte, nur Bio, nur Fahrrad, – und was ist mit dem Energieverbrauch für Internet, digitale Produkte, mein geliebtes Smartphone? Alles weg? Was Niko Paech einen „graduellen Rückbau“ nennt, bedeutet schlicht eine Revolution. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich, wirklich will. Aber ist es nicht konsequent? Gibt es eine Alternative? Es hilft ja wenig, sich damit zu trösten, dass man mit diesem Unwillen zur effektiven Veränderung nicht alleine steht, sondern eine große Mehrheit wohl auch nicht „will“: „Europäer wollen keine Elektroautos kaufen“, sagte gerade der Entwicklungschef von BMW. Ich bleibe etwas ratlos. Das Umdenken, Umgewöhnen braucht Zeit. Aber genau die haben wir nicht, nicht wirklich. Die Möglichkeit einer „Ökodiktatur“ möchte ich ausschließen, und die Populisten allerorten machen es nur schlimmer. Aber reicht es, nur auf Einsicht zu setzen, wenn es selbst schon für kleine Schritte einiger „incentives“ bedarf? Vielleicht ist das aber der Anfang. Vielleicht ist nun doch #fridaysforfuture im Recht, und zwar gerade wegen ihrer Radikalität und Kompromisslosigkeit. Wahrscheinlich brauchen wir diesen Stachel der Jugend, weil sich sonst nichts bewegt und nichts ändert. Noch einmal: Es ist und bleibt sehr, sehr unwahrscheinlich, dass diese Änderung geschieht und ein Erfolg wird.

Es muss sich aber etwas ändern. Es muss sich um unserer Welt willen sehr viel ändern. Es muss sich um unseres Menschseins, unserer Kinder und Kindeskinder willen alles ändern. Und wenn es zuletzt das Klima, seine rasante Veränderung ist, das uns dazu zwingt: zur Klima – Revolution. Zuerst revoltiert „das Klima“, dann revoltiert der Mensch. Vielleicht so – wenn überhaupt. Sonst bleibt nämlich nur die oben ausgeschlossene Möglichkeit: Weiter machen wie bisher – koste es, was es wolle. Mit ein paar Korrekturen vielleicht.

art.

Update:

Eine alarmierende Sicht gibt es hier zu lesen – bitte die Einleitung zur Bedeutung von Worst-Case-Szenarien beachten!
Klimaprognose 2050

Ebenso alarmierend, weil auf konkrete Pläne verwiesen wird, ist dieser Bericht über derzeit noch geplante oder in Bau befindliche fossile Kraftwerke.
Geplante Kraftwerke sprengen Klimaziele

 30. Juni 2019  Posted by at 15:25 Allgemein, Gesellschaft, Klima, Oekologie Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Klima – Revolution
Feb 282019
 

Der globale Blick über den lokalen Tellerrand

Wir denken immer in Zusammenhängen, es geht gar nicht anders. Es sind in der Regel alltägliche, soziale, pragmatische Zusammenhänge: Wenn ich überlege, welchen Weg zur Arbeit ich wähle angesichts aktueller Baustellen; wenn ich mir Erledigungen auf dem Heimweg vornehme; wenn ich mich darauf einstelle, was mich in der morgendlichen Teamsitzung erwarten wird. Bei der Urlaubsplanung sind die Zusammenhänge schon etwas weiter gefasst: Urlaubspläne abstimmen und beantragen, Ziele aussuchen, Hotels und Flüge buchen usw. Zeitlich noch weiter greifen die Zusammenhänge aus, die ich bei meiner Karriereplanung zu berücksichtigen habe, oder bei der Auswahl der Schulen für meine Kinder. Wir können uns ganz gut in Zusammenhängen orientieren, in denen wir Erfahrungen haben, die unsere alltägliche Welt von Beruf, Familie und Freizeit abdecken. Auch der Umgang mit einem Garten, wenn wir denn einen haben, ist uns vertraut: pflanzen, jäten, mähen, mal einen Busch zurückschneiden. Das wars dann schon.

Da fängt es allerdings an, dass größere Zusammenhänge eine Rolle spielen. Verhalte ich mich so wie bisher, den angenehmsten Effekt mit dem geringsten Aufwand zu verbinden oder beziehe ich zum Beispiel ökologische Gesichtspunkte ein? Düngen – womit? Spritzen – ja oder nein? Viel einfach zu pflegender Rasen oder mehr abwechslungsreiche Büsche und Stauden, die natürlich mehr Pflege und also Arbeit erfordern? Im Grunde sind diese größeren Zusammenhänge auch schon vorher im Hintergrund vorhanden: Welches Verkehrsmittel nutze ich auf dem Weg zur Arbeit? Welche Art Urlaub möchte ich verwirklichen? Spielt bei den Überlegungen auch das Transportmittel eine Rolle? Bei all diesen Zusammenhängen und den Fragen, die sich daraus ergeben, werde ich entweder der eingespielten Gewohnheit entsprechen (das geht wie von selbst) oder eine Ziel – Aufwand – Nutzen – Überlegung anstellen: Wie kann ich mein Ziel am besten erreichen – und was ist das jeweils Beste? Das Schnellste oder Einfachste? Das Bequemste? Das, worüber ich nicht zu viel nachdenken muss? Wenn ich bereit bin, größere Zusammenhänge zu berücksichtigen, wieviel Aufwand erlaube ich mir dafür, was darf es zusätzlich kosten? Zu welchen Alternativen und Umwegen bin ich gegebenenfalls bereit?

Das muss nicht allein die Ökologie sein, die mich zum Nachdenken bringt, es kann sich auch um bildungspolitische Zusammenhänge handeln, die ich bei der Auswahl der Schule für meine KInder zu berücksichtigen bereit bin – und dafür eventuell weitere Wege und höheren Zeitaufwand in Kauf nehme. Sobald die Zusammenhänge weiter und größer werden im Vergleich zu den Zusammenhängen des alltäglichen Lebens, wird es komplizierter und aufwändiger. Es sind mehr Informationen nötig, unbekannte oder unerwartete Entscheidungen, Meinungsaustausch, Diskussionen mit Familienangehörigen oder Kollegen. Größere Zusammenhänge lassen sich nicht so leicht überblicken. Was auf den ersten Blick als gute Idee erscheint, erweist sich vielleicht beim zweiten Hinschauen als gar nicht so gut oder zumindest zwiespältig. Der Vorteil des Gewohnten ist es, dass all diese Probleme oder Auswahlen aufgeblendet werden. Das macht das Leben einfacher und den Alltag erträglich. Bei jedem Schritt, den ich tatsächlich mache, an den „ökologischen Fußabdruck“ zu denken, macht das Leben schwierig bis unerträglich.

Ich suche also einen gangbaren Weg zwischen den einfachen Lösungen aus Gewohnheit und den komplizierten Abwägungen und Entscheidungen, wenn ich große Zusammenhänge einbeziehe. Eine dafür bewährte Methode ist die des Vergleichs und der Vereinfachung. Beim Vergleichen versuche ich, den größeren Zusammenhang auf meinen Erfahrungsbereich abzubilden. Dies bedeutet oft eine erhebliche Vereinfachung. Außerdem mache ich mir dadurch etwas Unbekanntes, Neues vertrauter und zugänglicher, weil ich es direkt mit meinem Erfahrungswissen verbinde. Das führt manchmal zu pragmatischen Lösungen, oft aber auch zu Kurzschlüssen. „Externe Kosten“ werden dabei leicht außer Acht gelassen. Selbst das Fahrrad als Verkehrsmittel hat nicht nur die positiven Aspekte umweltpolitischer Sorgsamkeit, sondern auch die gesundheitlichen Aspekte erhöhter Unfall- und Verletzungsgefahr in Innenstädten, die keine gute Fahrrad-Infrastruktur haben. Es mag sehr vernünftig sein, im Garten mehr Büsche und Sträucher anzupflanzen, aber die Angebote der Gärtnereien beinhalten oft exotische Gewächse, die kurzlebig und / oder mit der heimischen Fauna wenig kompatibel sind. Der praktische Sack Blumenerde mag bei seiner Herstellung und seinem Transport einige ökologische Sünden mit sich schleppen. Und die Bio-Trauben aus Südafrika sind vielleicht doch nicht ganz so unbedenklich, wie die Vorsilbe Bio- glauben macht. Kurz: Größere Zusammenhänge enthalten viel mehr Daten, Informationen und weitere Verknüpfungen als alles, was mir aus meiner unmittelbaren Erfahrung vertraut ist. Darum ist die Verbindung der Erkenntnisse aus größeren Zusammenhängen mit meiner Alltagserfahrung so schwierig.

Um einen gangbaren Weg zu finden, muss ich mich also umfassend informieren, und das ist ziemlich aufwendig. Zudem gilt: Je mehr Informationen über Zusammenhänge ich bekomme, desto schwieriger wird die Beurteilung. Es gilt nicht nur, einzelne Fakten zu gewichten, sondern auch bestimmte Abhängigkeiten und Folgewirkungen einzubeziehen. Dabei bin ich normalerweise kein Fachmann, sondern muss mir geeignete Quellen suchen, denen ich vertrauen kann. Zum Glück gibt es (auch dank Internet und Google) fast zu allen Gebieten gute Darstellungen und journalistisch aufbereitete Fakten. Ich kann mir also sehr wohl aus unterschiedlichen Quellen und aufgrund verschiedener Auffassungen ein eigenes Urteil bilden. Das muss dann allerdings noch zu Entscheidungen über Handlungsmöglichkeiten führen, die es in meine eigene Lebenswirklichkeit zu übersetzen und zu konkretisieren gilt. Das wird nur durch Gespräche mit anderen Familienmitgliedern und Freunden gelingen. Social media dürfte dabei nur wenig helfen: zu viel Übertreibung, zu viel Zuspitzung und Verzerrung. Die dann für mich und meine Lebenspraxis infrage kommende Lösung wird ein Kompromiss sein, gewonnen aus unterschiedlichen Optionen, eingebettet in eine Praxis dessen, was ich mir an Verhaltensänderung zutraue und / oder zumuten möchte. An drei Komplexen von großen Zusammenhängen möchte ich das verdeutlichen.

A. Plastik ist in aller Munde. Das gilt sogar wörtlich, wenn ich an Fastfood, Snacks und Getränke denke, die mir in der Stadt unterwegs so angeboten werden. Plastik umgibt uns fast überall, und das Problem ist, wie wir es wieder loswerden. Immer noch finde ich viel Müll, insbesondere Plastikmüll, in der Landschaft wieder, besonders an Straßenrändern und an Autobahnauffahrten. Aber der meiste Plastikmüll aus Betrieben und Haushalten wird inzwischen brav eingesammelt. Er sollte recycelt werden. Das klappt bislang nur sehr unzureichend, weil auch Verbrennung („thermische Verwertung“) und Verschiffung als „recyceln“ gelten. In Wirklichkeit wird erst rund ein Drittel des Plastikabfalls als Wertstoff einer neuen Verwertung zugeführt. Vom Plastikmüll in den Meeren und Ozeanen haben wir schon oft gehört, gelesen oder sogar beim Urlaub selbst etwas davon gesehen. Was also tun? Vor unsrer Haustür können wir einfach aufsammeln, was da liegt, und den Verpackungsmüll in die gelbe Tonne entsorgen – eben damit wir die Sorge mit dem Plastik los sind. Dem ist aber nicht so, wir sehen den Plastikmüll nur nicht mehr. Vermeidung wäre sicher eine bessere Strategie, also erst gar nicht so viel Plastik in Umlauf bringen. Aber von unserer chemischen Industrie, die Kunststoffe herstellt, leben wir mit zig tausend Arbeitsplätzen. Zudem ist es mit Alternativen auch nicht besonders gut bestellt. Das Wuppertaler Institut für Umwelt, Klima und Energie hat sehr genau geschaut und gerechnet und festgestellt, dass zum Beispiel Papiertüten eine höhere Energie- und Umweltbelastung darstellen als Plastiktüten. Das liegt hauptsächlich am hohen Wasserverbrauch und Klärbedarf bei der Papierherstellung. Nun ist Wasser hierzulande (noch) keine sehr begrenzte Ressource. Mir persönlich ist eine Papiertüte lieber, die schnell verrottet und in der ich sogar meine Küchenabfälle in der Biotonne entsorgen kann. Aber wohlgemerkt: Diese Schlussfolgerung entspringt schon einer persönlichen Abwägung und Wertung der Faktenlage. Die manchmal vorgeschlagene Möglichkeit, Lebensmittel öfter „lose“ zu kaufen und in eigene Gefäße füllen zu lassen, führt zu erheblichen hygienischen Bedenken. Unbestreitbar ist, dass Plastik über die Flüsse und Weltmeere in den Nahrungskreislauf gerät und am Ende in Mikropartikeln wieder auf unserem Teller landet. Das zeigt deutlich, dass die betrachteten Zusammenhänge nicht nur räumlich global sind, sondern auch eine große zeitliche Dimension haben. Was Mikroplastik in unserem Organismus alles verursachen kann, wissen wir noch gar nicht.

B. Heftig diskutiert wurde und wird die Schädlichkeit von Stickoxid und Feinstaub, vor allem beim Autoverkehr. Die Fakten dazu hat der SPIEGEL einmal gut und knapp zusammengefasst. Feinstaub und Stickoxid müssen genau unterschieden werden, da die Verursacher nicht immer dieselben sind. Feinstaub entsteht bei allen möglichen Tätigkeiten und Prozessen. Nicht nur bei der Verbrennung entsteht Feinstaub durch Asche, sondern immer wenn es Reibung gibt, gibt es auch Abrieb und damit Feinstaub. Der Autoverkehr trägt rund ein Drittel zur Feinstaubbelastung bei, am meisten durch Reifen und Bremsen. Zu Stickoxiden kann man noch viel mehr Informationen finden. Die Schädlichkeit wird in standardisierten statistischen Verfahren berechnet, an deren Ende so etwas wie ‚verlorene Lebenszeit‘ in Monaten herauskommt. Das auf reale Todesfälle umzurechnen ist zwar publizistisch beliebt, aber wissenschaftlich kaum gerechtfertigt. Egal, Feinstaub und Stickoxide sind gesundheitlich äußerst schädlich. Es ist darum richtig, dass die Politik aufgrund eigenen Ermessens dazu Grenzwerte festlegt. Aber dies ist bezüglich des Kraftfahrzeugverkehrs nicht das einzige Problem. Es bleibt der klimaschädliche CO2-Ausstoß, der bei fossilen Verbrennungsmotoren zwangsläufig entsteht. Hierbei steht zwar die Technik des Dieselmotors als besonders günstig da, aber auch bei allen Filtern und technischen Abgas-Nachbehandlungen bleibt noch ein Rest CO2, der in die Atmosphäre abgegeben wird. Emissionsfreie Automobile (und überhaupt Verkehrsmittel) wird es zwar nie geben, siehe Feinstaub, aber fossile Emissionen können durch neuartige Antriebe (Elektro, Brennstoffzelle, synthetische Kraftstoffe) abgelöst werden. Dadurch hätte man schon einiges hinsichtlich Klima und Luftbelastung verbessert, aber noch keineswegs alle Probleme gelöst. Die Tatsache, dass der Strom, um aus der Steckdose herauszukommen, erst einmal hineinkommen, also hergestellt und zur Verbrauchsstelle geleitet werden muss, ist eine Aufgabe, die erst langfristig ökologisch und ökonomisch zufriedenstellend gelöst werden kann (siehe erneuerbare Energien, Gleichstromtrassen, Sonnenkraftwerke). – Die Batterieproduktion ist noch einmal ein eigenes sehr kompliziertes und problematisches Kapitel komplexer Zusammenhänge (Rohstoffe- Herstellung – Recycling).

So viel ist jedenfalls klar: Die Verkehrspolitik grundlegend emissionsarm zu gestalten, ist eine Mammutaufgabe, deren Erfolg keineswegs garantiert ist. Es gibt einfach zu viele Aspekte und Variablen, die bisher noch nicht berücksichtigt oder überhaupt bekannt sind. Was also soll ich tun? Es bleibt nur, sich so umweltbewusst wie möglich zu verhalten, was die eigene Nutzung von Verkehrsmitteln angeht. Dabei spielen auch andere Faktoren eine Rolle, die zur Lebensqualität, wie wir sie heute kennen, beitragen: zum Beispiel Fernreisen. Ich perönlich möchte darauf nicht verzichten, weil sie meinen Horizont im Blick auf andere Länder, Menschen und Kulturen enorm erweitert haben. Dabei gehört der rasant zunehmende Flugverkehr (ganz zu schweigen von den Kreuzfahrtschiffen) zu den größten Umweltbelastungen und ‚Klimakillern‘ überhaupt. Wie soll man das gegen Reiselust und Weltoffenheit abwägen? Da bin ich derzeit ratlos.

Kohlekraftwerk RWE
Kohlekraftwerk RWE (c) dpa

C. Letztes Beispiel: Kohlekraftwerke – Kohleausstieg. Hier scheint die Sache sehr einach zu sein: Verbrennung von Stein- und insbesondere von Braunkohle setzt jede Menge von Schadstoffen frei, die zwar zum großen Teil ausgefiltert werden können, die aber als CO2 zum großen Teil in die Atmosphäre abgegeben werden. Kohleverstromung ist damit als bedeutender ‚Klimakiller‘ identifiziert. Die Folgerung, Kohleverstromung einzustellen und auf erneuerbare Energien umzusteigen. ist da nur naheliegend. Die Frage ist nur, auf welche Weise und in welchem Zeitraum dies geschehen kann und welche Alternativen dann bereitstehen. Da ist trotz des anvisierten Ausstiegsjahres 2035 noch vieles unklar und offen. Vorausgesetzt, die Stilllegung der Kohlekraftwerke bei uns im Land gelingt auf eine sozialverträgliche und ökonomisch sinnvolle Weise, so bleibt doch der internationale Zusammenhang: Strom fließt in europäischen Verbundnetzen, und es wäre eine kaum erwünschte Auswirkung, fehlenden Strom nach 2035 aus osteuropäischen Kohlekraftwerken oder aus französischem Atomstrom zu importieren. Hier sind eigentlich nur europäische Lösungen möglich. Und auch diese Ebene greift noch zu kurz. Kürzlich bei meiner Reise nach Südafrika habe ich die Bedeutung der Kohle und der Kohleverstromung für dies aufstrebende Industrieland kennengelernt. Südafrika hat reichlich eigene Kohle im Tagebau, es fehlen derzeit nur die modernisierten und erweiterten Kraftwerke, um den Energiebedarf des Landes zu decken. Noch gibt es fast tägliche Stromabschaltungen („powershed“). Angesichts der bestehenden Infrastruktur kommt energiepolitisch für Südafrika schon aus Kostengründen derzeit kaum etwas anderes infrage als neue und größere Kohlekraftwerke. Ich weiß, Südafrika steht damit in einer Reihe mit vielen anderen Schwellenländern (Brasilien, Indien, China). Erneuerbare Energien können hier auf absehbare Zeit allenfalls eine ergänzende Rolle spielen. So haben wir die absonderliche Lage, dass wir als altes Industrieland zusammen mit den anderen Industrieländern Europas aus der Kohle aussteigen wollen, aber in den Schwellenländern der übrigen Welt Kohleverstromung ausgebaut wird, zusätzlich zur Kernenergie.

Derzeit ist die globale energiepopolitische Entwicklung also völlig gegenläufig. Die Symbolpolitik um den „Hambacher Forst“ wirkt dagegen geradezu grotesk: nur lokal , nicht global gedacht. Was soll man angesichts dieser Lage nun tun? Klimapolitik lokal als symbolische Stellvertretung für das, was „richtig“ wäre? WIR steigen aus? Auch die Klimakonferenzen haben trotz der Bekräftigung des inzwischen nahezu unerreichbaren 2-Grad-Ziels wenig Konkretes erbracht außer Absichtserklärungen. Konservative Regierungen in den USA und in Brasilien forcieren statt dessen fossile Energieproduktion und das weitere Abholzen des Regenwaldes. [„Regenwald“ wäre übrigens eine weiteres Thema für einen globalen Zusammenhang.] Was tun? Die globalen Zusammenhänge aufklären und zur Kenntnis nehmen und damit anerkennen, dass es keine einfachen, schnellen und effektiven Lösungen für alle gibt.

So zeigt sich am Ende unserer Betrachtung globaler Zusammenhänge ein nur wenig ermutigender Ausblick. Die Verflechtungen sind enorm, eins greift ins andere, und nach all den Informationen, die man heranziehen und aufnehmen kann, bleibt einem die Ratlosigkeit, an welchem Faden des Knäuels man denn anfangen müsste. Es geht tatsächlich immer nur im Kleinen und im Praktischen, dieses Anfangen. Denn eines muss sich am allermeisten und am allerersten wandeln: unser Bewusstsein. Man konnte gelegentlich lesen, dass Wissenschaftler vorschlagen, unsere Weltperiode „Anthropozän“ zu nennen: Zeitalter des Menschen und seiner Um-Welt-Gestaltung. Das klingt zwar einleuchtend und hat etwas für sich, nivelliert aber auch. Zum Anthropozän gehören auch bereits die Pyramiden und die Bewässerungssysteme im frühen Zweistromland. Seit der neolithischen Umwälzung ist der Mensch aufgebrochen, um die Welt für sich umzugestalten. Zunächst ging das bei vergleichsweise geringen Bevölkerungszahlen auch nur in jeweils kleinen Maßstäben, – was auch immer für Wunderwerke damals schon und weiterhin vollbracht wurden. Es gibt aber eine weitere Wende, die zu einer Umgestaltung der Welt von ungeahnten Ausmaßen geführt hat und noch weiterhin führt: Die Anwendung von Wissenschaft und Technik ca. seit dem 16. Jahrhundert (übrigens auch in China) und daraufhin die Entdeckung und industrielle Nutzung von Kohle und Erdöl. Was wir seit gut eineinhalb Jahrhunderten haben, ist eigentlich das „Petrozän“: Nicht nur Produktion und Produkte selbst wurden durch fossile Brenntoffe wie Kohle, Erdöl und Erdgas revolutioniert, sondern unsere ganze Lebensweise. Unser Verkehrs-, Transport- und Kommunikationswesen, die gesamte bisherige Energieproduktion beruht auf fossiler Energie. ÖL ist das moderne Geheimnis von allem. Es ist ein Zaubermittel, dessen Auswirkungen (zum Beispiel Plastik) wir kaum mehr aus der Welt schaffen können, selbst wenn wir es wollten.

Um diese Grundlage und Grundstruktur der Neuzeit zu verändern und durch eine neue Energie-, Produktions- und Lebensweise zu ersetzen, bedarf es der Anstrengung von einer Art, die die Menschheit so noch nie geleistet hat. Selbst wenn man diese Zusammenhänge erkennt – ich weiß nicht, ob unser lokales Bewusstsein jemals für einen solch globalen Sinneswandel bereit und in der Lage ist. Die sozialen, ökonomischen und kulturellen Veränderungen wären gravierend. Vielleicht, vielleicht kommen da technische Lösungen wie „Künstliche Intelligenz“ in einer vernetzten Welt gerade zum rechten Zeitpunkt.
Vielleicht wird es allerdings auch erst sehr viel dramatischer werden, ehe es (wenn überhaupt) besser werden kann.

Reinhart Gruhn

Nachtrag:
Klimagerecheter Waldumbau dauert 100 Jahre, Westfalenpost

 28. Februar 2019  Posted by at 18:19 Energiewende, Klima, Oekologie, Ökologie, Politik, Technik, Wirtschaft, Wissenschaft Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für In Zusammenhängen denken
Jul 152017
 
Es ist viel in Bewegung geraten in letzter Zeit. Bisweilen hat man den Eindruck, die Welt sei unruhiger geworden als vor 20 Jahren. Vielleicht täuscht man sich auch, weil manche Tendenzen erst nach und nach deutlicher werden und anderes schon wieder verblasst ist. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Faktoren, die den ‚Weltlauf‘ besonders beeinflussen, natürlich aus europäischer / deutscher Sicht. Die Reihenfolge ist keine Wertungs-Skala.

Die Digitalisierung schreitet weiter voran und durchdringt immer mehr Lebensbereiche. Ein Ende ist nicht abzusehen, denn wir befinden uns immer noch ganz am Anfang einer Umwälzung, für die bisher Begriffe stehen wie Vernetzung, Internet, Algorithmen, Robotik, Selbstlernende Systeme, KI (was immer im Einzelnen unter „künstlicher Intelligenz“ definiert und verstanden wird), Industrie 4.0, Smart Phone, Smart Home, Smart Production. Dass dieser Prozess Auswirkungen auf alle Lebensbereiche, insbesondere die Wirtschaft, die Produktion, die Arbeitsverhältnisse und das Konsumverhalten hat, ist jetzt schon deutlich. Wohin es führen wird, ist noch nicht abzusehen.

Globalisierung ist ein schillernder Begriff, der alles mögliche bezeichnen kann. Es sind ja nicht nur die Warenströme und die modulare Produktion am günstigsten Standort gemeint, sondern immer deutlicher auch die Menschenströme: Migration ist ein immer stärkerer Bestandteil dessen, was als globalisierte Wirtschafts- und Handelsverhältnisse begonnen hat. Kommen bessere Lebensverhältnisse nicht zu den Menschen, dann kommen die Menschen in die Wohlstandsregionen. Urbanisierung ist ein weiterer Teilaspekt, wenn ländliche Subsistenzwirtschaft immer mehr von kapitalintensiver Agrotechnik verdrängt wird. Damit verbunden ist oftmals der Verlust kultureller und sozialer Bindungen. Die Auswirkungen sind enorm und werden von einer Vielzahl von Kultur- und Traditionsbrüchen begleitet, – Ende offen.

Toronto

Toronto (C) R.G.

Entgegen den Verheißungen haben die globalen Märkte keineswegs ‚automatisch‘ zu mehr Wohlstand in allen Teilen der Welt geführt. Die Globalisierung hat nicht nur Gewinner hervorgebracht, sondern ebenso Verlierer, die man bisher nur aus den Augen verloren hatte. Sie melden sich unter anderem als „Wirtschaftsflüchtlinge“ in den westlichen Metropolen und an Europas Grenzen zurück. Die Ungleichheit hat insofern zugenommen, als zwar einerseits die absolute Armut gesunken ist, andererseits der ‚absolute Reichtum‘ ins Unermessliche gestiegen ist. Selbst hierzulande, wo ein umfassendes Sozial- und Transfersystem die wirtschaftliche Ungleichheit mildert, wird dieses Auseinanderdriften zumindest von relativer Armut und gewaltigem Reichtum als „Gerechtigkeitslücke“ thematisiert. Nimmt gleichzeitig der Druck und die Unsicherheit bei den Arbeitsverhältnissen zu, entsteht in den Bevölkerungen ein explosives Potential, das sich Ventile sucht in Protest, Populismus und Radikalisierung. Auch hier ist kein Ende der Entwicklung abzusehen.

Mit der wachsenden Unsicherheit und erlebten Ungleichheit (was immer Statistiken und Gini-Koeffizienten anders sagen mögen) wächst die Chance für autoritäre Entwicklungen, von einigen als ‚Lösungen‘ begrüßt. Der Autoritarismus hat eine zunehmende Bedeutung erlangt, die Bindungskraft parlamentarischer, rechtsstaatlicher Demokratien scheint abzunehmen. Dass dadurch zugleich Gegenbewegungen liberaler und demokratischer Kräfte auf den Plan gerufen werden, macht das Lagebild schwer einschätzbar. Dass politische Strukturen in Staat und Gesellschaft auf wirtschaftliche und soziale Umwälzungen reagieren, dürfte allerdings wenig überraschend sein, – ob die Anpassungen immer wünschenswert und planbar sind, steht auf einem anderen Blatt. Ob dann für Regierungen konkret mehr möglich ist als relativ kurzfristige Reaktionen auf fortwährende ‚Krisen‘, ist eine offene Frage. Die gelegentlich vermissten „Visionen“ bleiben bisher den radikalen Aussteigern (wie den „Reichsbürgern“) vorbehalten.

In all diese Problemanzeigen hinein spielen dann, zumeist verstärkend, die globalen Veränderungen hinsichtlich des Klimas, der natürlichen Ressourcen und der Biodiversität eine wachsende Rolle. Ein Hauptopfer der sich exponentiell ausbreitenden Kapitalisierung, Industrialisierung und Digitalisierung ist die Natur. Sie verändert sich reaktiv und ‚planlos‘ durch alles, was Milliarden von Menschen tun oder unterlassen. Die Auswirkungen und Folgen zeigen sich erst mit Verzögerung, so dass der Wandel in den natürlichen Lebensgrundlagen umso gravierender ist. Klimaerwärmung ist ja nur ein Faktor von vielen. Pestizid-Belastung und das Eindringen von Nanopartikeln aus Plastik in die Nahrungskette sind vielleicht noch schwerwiegendere, aber weniger beachtete Faktoren der Umweltbeeinträchtigung. Auch der medizinische Fortschritt ist bedroht, wenn Antibiotika ihre Wirksamkeit verlieren: Besiegte Geißeln der Menschheit (z.B. Tuberkulose, Tripper, Pest) drohen von neuem. Solche Entwicklungen werden unter dem Stichwort Pandemien erst allmählich in der Öffentlichkeit wahrgenommen – mit unabsehbaren Folgen.

Was bedeutet dies alles für Freiheit und Selbstbestimmung, für moralische Werte, für Kultur im weitesten Sinne? Wir wissen es nicht, auch nicht, ob die Zunahme von Rücksichtslosigkeit, Rechtlosigkeit und Gewalt nur gefühlt ist oder einen realen Bezug hat. Unsicherheiten in den wirtschaftlichen Lebensverhältnissen spiegeln sich sehr rasch in sozialen und kulturellen Veränderungen. Denn sicher ist in jedem Falle: Es hängt alles mit allem zusammen. Diese Komplexität kann einerseits Gefahren und Risiken verstärken, andererseits aber auch als „Trägheitsdämpfer“ dienen. Vieles von dem, was heute aufgeregt durch die Medien gejagt wird, ist der Erwähnung kaum wert – und auch ebenso schnell wieder vergessen. In mancher Hinsicht lässt tatsächlich die menschliche Trägheit, positiv formuliert: die menschliche Sehnsucht nach Beständigkeit hoffen. Auch wenn es sie so, wie gewünscht, nicht gibt, kann sie Handeln und Verhalten als subjektiven Hintergrund prägen. Es wäre nicht das Schlechteste. Schlecht ist es nur, wenn die Augen verschlossen werden und die Informationen ignoriert werden gegenüber dem, was sich unaufhaltsam verändert. Manches kann eben doch beeinflusst und in seinem Lauf verändert werden – zum Glück. Man muss es nur mit anderen zusammen versuchen.

 15. Juli 2017  Posted by at 12:13 Gesellschaft, Kultur, Natur, Politik Tagged with: , , , , , , , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Zeit – Tendenzen
Jun 122013
 
Einige traditionelle Streitpunkte der Philosophie und der Wissenschaft überhaupt beruhen auf den Möglichkeiten und Grenzen der Vorstellung. Sie treten nur dann als Probleme auf, wenn ihre Begrifflichkeit wörtlich, oder besser gesagt ontologisch verstanden wird. Betrachtet man diese Probleme aber im Rahmen von Denkmodellen unter den Bedingungen repräsentationaler Vorstellungen, dann erweisen sich die Problematiken mehr als Probleme des Erkennens denn als Probleme der Dinge selbst. An drei Beispielen möchte ich dies zeigen: 1. Der Teilchen – Welle – Dualismus in der Physik; 2. der Materie – Geist – Dualismus in der Philosophie und Neuropsychologie; 3. der Mensch – Maschine – Dualismus in der neueren Kulturwissenschaft. Hinter allen drei Problemstellungen verbirgt sich die gemeinsame Frage, in welcher Weise unser Denken, unsere begriffliche Welterkenntnis, die ‚Wirklichkeit‘ erfasst, oder anders, welcher Art die Wirklichkeit ist, die der Wirklichkeit unserer Vorstellungen entspricht.

1.) Die naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt geht immer von Denkmodellen aus, denen bestimmte Weltmodelle zugrunde liegen. Stets bestimmt dabei eine Grundannahme gleichsam als Apriori den weiteren Gang der Erkenntnis. So haben sich bereits im Altertum Materialisten (Stoiker) und Geistphilosophen (Platoniker) gegenüber gestanden. Sie treten ihrerseits das Erbe der Vorsokratiker an, die sich entsprechend in die Anhänger Heraklits und Demokrits einerseits und des Parmenides andererseits entgegen gesetzt positionierten. Schon die Erkenntnis der Naturphänomene selbst beruht auf Vorannahmen dessen, was überhaupt sein kann. – Ehe sich später das kopernikanische Weltmodell durchsetzen konnte, entsprach das ptolemäische Weltbild am besten dem Augenschein: Die Erde ruht, die Sonne bewegt sich. Der Streit um diese Weltmodelle wurde allerdings überlagert von den dogmatischen Interessen der herrschenden Kirche. Darum ist ein anderes Beispiel besser geeignet, die Prägung der Erkenntnis durch Modelle der Vorstellung zu verdeutlichen: Der sogenannte Welle-Teilchen-Dualismus, der die moderne Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Unruhe versetzte. Nach dem Modell der Wellen im Wasser erwartete man auch beim Licht, sofern es nach Christiaan Huygens (17. Jahrhundert) als Welle beschreibbar war, zwingend ein Trägermedium, den Äther. Nur in einem Medium war eine Wellenbewegung vorstellbar, auch wenn dieses Postulat vielfache Schwierigkeiten bereitete. Newton setzte deswegen auf die Korpuskel-Theorie, verstand also das Licht als Teilchenstrahl. Erst aufgrund der Entdeckungen und Theorien von Max Planck und Albert Einstein wies Louis de Broglie nach, dass Lichtteilchen auch Wellencharakter besitzen. Das berühmte Doppelspalt-Experiment machte dies sichtbar. Es zeigte sich, dass dieser Effekt auch für Elektronen gilt (Compton-Effekt), ja dass elektromagnetische Wellen generell auch Teilchencharakter besitzen und umgekehrt, dass Teilchen wie Wellen zum Beispiel am Kristallgitter gebeugt werden können. Die Quantentheorie brachte für diese experimentellen Befunde eine vernünftige mathematische Beschreibung. Die Schrödinger-Gleichungen ergeben durch eine Wellenfunktion die Aufenthaltswahrscheinlichkeit des Teilchens. Die bis dahin immer wieder vor allem vom interessierten Publikum gestellte Frage: Was ist denn nun das Licht in Wirklichkeit, Welle oder Teilchen? erweist sich als falsch gestellt. Denn diese Frage beruht auf Vorstellungen der Anschauung im normalen Leben. In der Alltagssprache und -Vorstellung hat es den Anschein eines Dualismus. Mathematisch ist da nirgendwo ein Dualismus, sondern allenfalls eine Unschärfe (Heisenberg), weil im Experiment und in der Theorie Ort und Impuls prinzipiell nicht gleichzeitig fest gestellt werden können. Das Kopenhagener Standardmodell (Niels Bohr) spricht hier von Komplementarität, aber auch dies ist eigentlich ein Zugeständnis an unser Vorstellungsvermögen. Werner Heisenberg macht in seinem Buch „Der Teil und das Ganze“ auf die grundsätzliche Problematik aufmerksam, wenn er fordert, dass ein physikalisches Phänomen erst dann wirklich verstanden ist, wenn es auch in der Sprache alltäglicher Erfahrung beschrieben werden kann. Das Denkmodell der Komplementarität ist ein Beispiel solcher Übersetzung. Allerdings hilft auch dieser Begriff nicht darüber hinweg, dass in weiten Teilen der heutigen Elementarteilchen-Physik die Anschaulichkeit nahezu vollständig verloren gegangen ist. Was sich mathematisch präzise (auch in der „Unschärfe“ präzise) quantenmechanisch formulieren und beschreiben lässt, kann oft nicht mehr in Modelle der Vorstellung übersetzt werden. (Nebenbemerkung: Das gilt bisweilen auch für die „Sprache“ der Mathematik. So dauerte es eine Weile, bis die Schrödingerschen Wellengleichungen und die Feynman-Diagramme als unterschiedliche Ausdrücke desselben Sachverhaltes erkannt und aufeinander zurück geführt werden konnten.) Dies Dilemma des vorstellenden Verstehens und der sprachlichen Beschreibung betrifft die Relativitätstheorie ebenso wie die Quantentheorie: „Es gab eine Zeit, als Zeitungen sagten, nur zwölf Menschen verstünden die Relativitätstheorie. Ich glaube nicht, dass es jemals eine solche Zeit gab. Auf der anderen Seite denke ich, sicher sagen zu können, dass niemand die Quantenmechanik versteht.“ (Richard Feynman, 1967, zitiert nach Wikipedia) Dies gilt heute für weite Bereiche der Physik, wie sie zum Beispiel am CERN betrieben wird, für die Molekularbiologie (was heißt denn „Doppelhelix“?) und für die Neurowissenschaften. Die Natur des ganz Kleinen (Teilchenphysik) ebenso wie die Natur des ganz Großen (Kosmologie) bleibt für uns letztlich unanschaulich und insofern (nur insofern!) ‚unverständlich‘. Unsere Vorstellung ist immer auf ein repräsentationales Weltmodell bezogen, das die für uns normalen Größenordnungen umfasst und uns über die alltägliche Welt perfekt angepasst ins Bild setzt. Was in diesem Rahmen nicht vorstellbar ist, wird nicht anschaulich begriffen – und dann treten Widersprüche und Dualismen auf, die eben genau auf unseren Vorstellungen beruhen. In der Natur gibt es keinen Welle-Teilchen-Dualismus, es gibt so etwas allenfalls in unserer beschränkten Vorstellung.

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

2.) Ich sehe ganz Ähnliches in dem zweiten Beispiel eines geschichtlich bedeutsamen Dualismus‘, im Dualismus von Materie und Geist. Entweder wird ein Dualismus zweier Prinzipien oder Substanzen behauptet (Substanz-Dualismus, vermeintlich in Anlehnung an Aristoteles) oder ein Monismus nur einer Seite; heute ist das durchgängig der Materialismus. In der Geistesgeschichte ist der Neuplatonismus (Plotin u.a.) ein Vertreter des entgegengesetzten Monismus, dass der Geist (Nous) alles und die Materie nichts ist, nur eine Projektionsfläche des Geistes. Dies wird, soweit ich sehe, heute nirgendwo mehr vertreten. Dagegen ist der naturwissenschaftliche Reduktionismus und daher Materialismus das gängige Denkmodell schlechthin. Speziell Deutschland und seine eigene Biografie betreffend bringt der Philosoph Thomas Metzinger die Situation auf den Punkt:

Ich hatte an einem eher traditionell orientierten philosophischen Institut studiert, an dem die politische Philosophie der Frankfurter Schule tonangebend war. Dort schien fast niemand die enormen Fortschritte in der analytischen Philosophie des Geistes zur Kenntnis genommen zu haben. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass in den wirklich überzeugenden, substanziellen Arbeiten an der Forschungsfront der Materialismus schon lange zur herrschenden Lehre, zur orthodoxen Doktrin im Hintergrund geworden war. Niemand schien auch nur im Entferntesten die Möglichkeit der Existenz einer Seele in Betracht zu ziehen. Es gab sehr wenige Dualisten – mit Ausnahme der Philosophen auf dem europäischen Kontinent. Es war sehr ernüchternd, zu erkennen, dass, rund vier Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nachdem praktisch die gesamte deutsch-jüdische Intelligenz und andere Intellektuelle entweder ermordet oder ins Exil vertrieben worden waren, viele philosophische Traditionslinien und fast alle Lehrer-Schüler-Beziehungen zerrissen waren und dass die deutsche Philosophie weitgehend vom globalen Diskussionszusammenhang abgekoppelt war. Die meisten deutschen Philosophen lasen nicht, was in englischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde. Plötzlich erschienen mir einige der philosophischen Debatten, deren Zeuge ich in deutschen Universitäten wurde, zunehmend als schlecht informiert, ein bisschen provinziell und ohne jedes Bewusstsein dafür, wo das große Menschheitsprojekt der Entwicklung einer umfassenden Theorie des Geistes in der Gegenwart eigentlich stand. Im Verlauf meines eigenen Vordringens in die Fachliteratur wurde ich schrittweise davon überzeugt, dass es tatsächlich keinerlei schlagende empirische Belege dafür gab, dass bewusstes Erleben außerhalb des menschlichen Gehirns stattfinden könnte, und davon, dass der allgemeine Trend an der Forschungsfront und in den allerbesten Beiträgen zur Philosophie des Geistes eindeutig in die entgegengesetzte Richtung zeigte. (Thomas Metzinger, Der Ego – Tunnel, TB S. 125)

Das „große Menschheitsprojekt“, damit ist die Konzentration der Philosophie auf das einheitliche, physiologisch-materiell bestimmte Verständnis der Funktionen von Gehirn und Geist zu verstehen. Dualismus gibt es hier nicht mehr, allenfalls Epiphänomenalismus oder Supervenienz des Geistigen. Für mich stellt sich allerdings die Frage, ob diese Reduktion auf neurologische Korrelate (d. h. Rückführung auf und Erklärung durch) nicht eine Einseitigkeit ist, die nur durch die begrenzte Vorstellungsmöglichkeit unserer Erkenntnis bedingt ist. Ebenso wie wir uns Modelle in der Teilchenphysik machen, die letztlich nur abstrakt mathematisch beschreibbar sind (z.B. die „String“-Theorie, also „Saitenschwingungs“-Modelle, Symmetrie-Modelle), und Naturphänomene verstehen helfen, so sind philosophische Modelle ebenfalls nur Versuche des Verstehens von etwas, was nun uns selbst, unser Denken, Vorstellen und Begreifen, betrifft. Was ist und wie funktioniert unser Bewusstsein und unser Denken auf physiologischer, neurologischer, psychologischer, mentaler, geistiger Ebene? Schon die unterschiedlichen Disziplinen der Forschung zeigen, dass es bei aller notwendigen Kooperation und tatsächlichen Überschneidung der Problemstellungen doch sehr verschiedene Zugangsweisen zur Analyse unseres Geistes gibt. Auch die repräsentationale Theorie des phänomenalen Selbstmodells nach Metzinger ist eben ein solches Denk-Modell. Es entzieht sich dem Gehirn-Geist-Problem auf seine Weise, und zwar nicht-dualistisch. Aber auch bei diesem Thema ist es mehr ein Problem unseres Vorstellungsvermögens als der Sache des Denkens selbst, das funktional erklärt und verstanden werden soll. Menschliches Vorstellungsvermögen kommt von dem Gegensatz von Materie und Geist nicht los. Die Alltagserfahrung verfährt da ganz pragmatisch: Entweder etwas ist ‚rein geistig‘ oder eben materiell, stofflich, oder eben beides ‚irgendwie‘ zusammen. Mag auch die analytische Philosophie den Begriff der Seele längst als obsolet verworfen haben, der normale Mensch kommt im Alltag des Lebens und Sterbens kaum von der Vorstellung einer Seele los. Sie ist einfach viel zu anschaulich. Und vielleicht bewahrt sie ja doch entgegen den materialistischen Grundannahmen der Neurowissenschaftler und der analytischen Philosophen eine Erkenntnis, die an einem ‚Mehr‘ oder ‚Anderem‘ gegenüber der ‚reinen‘ Materie fest hält. Es hat nicht lange gedauert, bis Einsteins berühmte Kurzformel E=mc² in die Alltagskultur Eingang gefunden hat. Allerdings wird es noch sehr lange dauern, wenn es denn überhaupt möglich ist, bis die darin liegende Erkenntnis zum Alltagsbestand unserer Vorstellung und unseres Wissens gehört: Dass nämlich Materie und Energie zwei Erscheinungsformen sind, die wechselseitig ineinander übergehen können. Man könnte weiter fragen: Erscheinungsformen von was? von einem Dritten? des Seins? so etwas wie Seinsweisen in den Formen von Aktualität und Potentialität, womit der alte Aristoteles wiederkehrte? Und noch schwieriger: Was ist überhaupt Materie, Masse, die doch in der heutigen Theorie so sehr des Higgs-Teilchens bedarf, was ist denn überhaupt Energie, was bedeutet ihrer beider Wechselwirkung in Feldern und Dimensionen, die ihren Raum und ihre Zeit selber mit sich bringen? Je näher man hineinschaut in das Innerste der Naturphänomene, desto mehr verschwinden Abgrenzungen und eindeutige Bestimmungen. Sind es Grenzen der Natur oder wiederum eher Grenzen unserer Erkenntnis, Grenzen unseres Vorstellungsvermögens? Ist das, was da immer als Zweierlei, möglicherweise als Gegensatz, als komplementäres Miteinander, aufzutreten scheint, im Grunde nur das Eine, Ganze in seiner ungeheuer vielfältigen Dynamik, die wir immer wieder nur als Zweierlei oder Mehrerlei distinkt bestimmen und gegeneinander abgrenzen wollen – und müssen, wenn wir’s denn verstehen wollen? Materie und Energie nur Eines? Materie und Geist nur ein Ganzes aus (mindestens) zwei Seiten? Mir scheint, die Geisteswissenschaften, die Neurowissenschaften, die Analytische Philosophie, könnten sehr viel von der Wissenschaftsgeschichte der Physik lernen. Carl Friedrich von Weizsäcker ist einer derjenigen, der genau in diese Richtung gewiesen hat. Klar ist aber auch, das diese Rückfrage nach dem Einen, Ganzen, nach den Grenzen unserer Vorstellung und Theoriebildung, das peinlich genaue Nachforschen und Erklären auf der Ebene der Neurologie und der analytischen Philosophie hinsichtlich des Erklärens dessen, was unser Bewusstsein eigentlich ist und tut, nicht nur nicht überflüssig macht, sondern allererst fordert und begründet. Es kann nur innerhalb dieser Begrenzung der Erkenntnis erkannt werden. Es sollte aber der Blick über diese Grenzen hinaus auf das Gemeinsame, das Eine in der Struktur, in der Potentialität, in der umfassenden wechselwirkenden Wirklichkeit – oder wie immer man es noch nennen will – ebenso begründet und aufrecht erhalten werden. Wer weiß, vielleicht ist die Materie ‚an sich‘ ebenso wenig geistlos, wie der Geist ‚an sich‘ immateriell wäre. Unterscheidungen, die wir aus guten Gründen präzisen Denkens und Forschens treffen, müssen nicht die Grenzen des Wirklichen und Tatsächlichen sein. Vielleicht enthüllt es sich für uns immer nur auf solch bruchstückhafte Weise der Annäherung.

3.) Das dritte Beispiel braucht, da es gerade in der heutigen Zeit en vogue ist, nur noch knapp skizziert zu werden. Denn der Gegensatz von Mensch und Technik, von Mensch und Maschine, ist zwar in aller Munde und scheint auch unsere Alltagserfahrung widerzuspiegeln. Aber auch dieser Gegensatz ist womöglich nur ein scheinbarer, wiederum verankert in unserem alltäglichen Vorstellen. Das unterscheidet klar zwischen dem Mir und dem Anderen, dem Drinnen und dem Draußen. Gefühl und inneres Wesen gehören zu mir, zu meiner inneren Natur. Technik, Maschinelles, dagegen steht mir entgegen, ist weder Ich noch Natur. Netz-Enthusiasten sehen nun durch die Möglichkeiten der Digitalisierung, der Miniaturisierung und der massiven Vernetzung den Unterschied von Mensch und Maschine verschwinden. Die Mensch-Maschine ist so für die einen Verheißung, für die anderen Abschreckung. Dabei ist der Gegensatz tatsächlich nur ein scheinbarer. Schon der Gebrauch unserer Hände, der Werkzeuggebrauch als verlängerte Hände, sind etwas funktional Technisches. Sprache ist eine Technik, eine Kulturtechnik. Unser gesamtes Leben in einer vom Menschen gestalteten Welt hat etwas Artifizielles. Auch der Werkzeug nutzende Primate erschafft sich bereits vermittels Technik seine eigene Welt. Volker Gerhardt hat in seinem Buch „Öffentlichkeit“ sehr schön beschrieben, wie weit und wie sehr Öffentlichkeit – Bewusstsein – Technik, wie sehr also Natur und Kultur zusammen hängen. Sie sind mehr als nur zwei Seiten einer Medaille, sie sind die Realform unserer menschlichen Existenz. Das reine ‚Naturwesen Mensch‘ (Rousseau) ist eine Fiktion, die mit der Wirklichkeit des alltäglichen Lebens wenig bis nichts zu tun hat. Aber über die Alltagserfahrung hinaus gilt es prinzipiell, dass der Mensch mit allen seinen Leistungen, sofern er nicht bloß träumt, nach außen tritt und sich zu seiner Welt (Umwelt, Mitwelt, Mitmenschen) ‚technisch‘ in Beziehung setzt. Der Geist selber ist technisch orientiert, sofern er zum Begreifen und Bewältigen des Lebens in dieser, in seiner Welt hilft. Der Ausdruck Mensch-Maschine spitzt zu, erschrecken sollte er einen nicht. Mensch – Technik – Natur – Kultur sind unterscheidbare, aber untrennbare Aspekte der gesamten einen Lebenswelt. Der homo sapiens sapiens ist er nur, indem er homo faber, homo technicus ist. Selbst in seinen Träumen holt er die Außenwelt nach innen und gestaltet sie nach seinen seelischen Bedürfnissen. Hier ist es wiederum unsere vorstellende Alltagserfahrung, die uns Innen und Außen, Subjekt und Objekt, trennen und als Gegensätze wahrnehmen lässt, wiewohl beides Funktionen und Erscheinungsweisen mentaler Repräsentationen sind. Mensch und Technik sind sehr grundsätzlich gesehen tatsächlich eine Einheit.

An diesen drei Themenkreisen, die ja in einen gewissen Zusammenhang miteinander stehen, kann der Unterschied zwischen unseren Vorstellungsmöglichkeiten, den Möglichkeiten der abstrakten Theorie- und Modellbildung einerseits und der tatsächlichen Gegebenheit der inneren (Bewusstsein) und äußeren Natur (Physik etc.) andererseits verdeutlicht werden. Auch überzeugte Realisten werden zugeben, dass sich die reale Welt nur durch unsere Sinne, durch Vorstellungen und Begreifen vermittelt. Jedes Modell des Denkens ist eben ein Denkmodell. Ein gutes erklärt und umfasst viel, ein weniger gutes eben nur weniges. Alles in einem ist nicht erkennbar, da es keine vollständige, allumfassende Theorie und schon gar keine Anschauung von ‚Allem und Einem‘ gibt. Der wissenschaftlichen, denkenden und erkennenden Redlichkeit aber sollte es geschuldet sein, kein Modell absolut zu setzen und als „die Wahrheit“ zu verkünden. Insofern ist auch der heute verbreitete und erfolgreiche wissenschaftliche Materialismus nur eine Arbeitshypothese – bis auf weiteres.

 12. Juni 2013  Posted by at 17:01 Geist, Natur, Philosophie, Wissenschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Grenzen der Vorstellung
Mrz 272013
 
Im vorigen Blogpost über die Ethik der Tiere ist ein Aspekt denn doch zu kurz gekommen. Bei der Frage nach einer „Würde aller Lebewesen“ habe ich auf die „brutale“ Distanzierung des Menschen vom Tier hingewiesen. Nicht als Objekt sollte das Tier behandelt werden, sondern als Subjekt, als „Mitgeschöpf“, als ‚beseeltes Lebewesen‘ muss es in den Blick einer ethischen Betrachtung genommen werden. Dies gilt nicht nur nach der negativen Seite hin (Tierquälerei, Massentierhaltung), sondern auch nach der positiven Seite: Das Tier als ‚bester Freund des Menschen‘.

Tiere hatten zu allen Zeiten eine ganz besondere Rolle in der Entwicklung und Ausgestaltung der menschlichen Kultur. In den verschiedensten Kulturen und religiösen Kulten spielen „heilige“ Tiere eine ausgezeichnete Rolle. Bei Löwen und Stieren mag man das ja noch leicht verstehen als lebendige Symbole der Kraft, aber erstens ist das, schaut man näher hin, doch nicht so einfach mit der Deutung als simples Kraftsymbol, zweitens tauchen da noch ganz andere Tiere auf: die Schlange, der Affe, bestimmte Vögel, Kühe, Gänse, der Wolf, der Wal, der Reiher – die Reihe ließe sich noch lang fortsetzen. Gemeinsam sind nicht bestimmte, gleichartige Eigenschaften dieser Tiere, sondern ihre besondere Bedeutung. Sie sind Träger des Göttlichen; in ihrer Gleichartigkeit und Unterschiedenheit vom Menschlichen stehen sie für die geheimnisvolle Macht der Götter und Geister, die auf eigentümliche Weise in die Lebenswelt der Menschen hinein wirken und sich dem Menschen zugleich entziehen. Tiere gehören damit zu dem, was den Alltag und die eigene Natur des Menschen transzendiert; bestimmte „heilige“ Tiere haben dafür eine besondere Symbolkraft gewonnen. Symbol ist mehr als bloßes Zeichen: Das Symbol wirkt, wofür es steht. Mir scheint, hier ist das Wissen kondensiert, dass Mensch und Tier zwar besonders zusammen gehören, aber ebenso eigentümlich von einander unterschieden sind, so wie es auch für das Göttliche, die Geister und Ahnen gilt.

Grotte Chauvet (Wikipedia)

Grotte Chauvet (Wikipedia)

In anderer Weise sind Tiere zu lebensnotwendigen Partnern geworden: bei der Jagd, als Wächter, als Last- und Zugtiere, als Hilfen zur Fortbewegung wie Pferde, Kamele, Huskies. Hier ergänzt das Tier mit seinen Fähigkeiten das, was der Mensch nicht so gut oder gar nicht kann. Eine Kulturgeschichte zu schreiben ist ohne eine Geschichte der „Kultivierung“ der Tiere nicht möglich. Erst durch Mechanisierung und Technisierung haben die Tiere ihre wichtige Funktion als Helfer des Menschen weitgehend verloren. Der Mensch hat damit aber auch das lebendige Gegenüber verloren, das ihm seine Grenzen gezeigt und sich mit seinen ganz eigenen Fähigkeiten besondere Wertschätzung, ja Respekt, erworben hat. Heute sind viele Tierarten nur noch auf den „Nutzen“ für die Ernährung des Menschen zusammen geschrumpft. Das ist kulturgeschichtlich eine recht neue Entwicklung, die mit der Industrialisierung zusammen hängt. Sie ist offenbar auch die Ursache für eine massive Veränderung des Verhaltens der Menschen gegenüber den Tieren.

Zu dieser Veränderung gehört auch das Phänomen der Haus- und Lieblingstiere. Tiere als des Menschen bester Freund gab es zu allen Zeiten (der treue Hund, das anhängliche Pferd). Nie zuvor allerdings hat das Tier als Haus-, besser Wohnungstier eine solche Rolle gespielt wie heute bei den Stadtmenschen. Es gibt in Deutschland Millionen von Hunden, Katzen („Stubentiger“), Vögeln, die die Wohnungen bevölkern. Sie sind Teil der Familie und Begleiter im Alter und bei Einsamkeit. Sie sind der Mode unterworfen und gehören bisweilen zu den Statussymbolen. Sie werden geliebt, verhätschelt, – und immer wieder auch vernachlässigt und ausgesetzt. Die Hersteller und Verkäufer von (Haus-)  Tiernahrung und Tierartikeln sind eine wichtige Branche geworden, die Tiermedizin nicht zu vergessen. In den städtischen Parks laufen oft mehr Menschen mit Hunden als mit Kindern herum. Bei manchen mag tatsächlich der Hund als „Investition“ besser zu kalkulieren sein als ein Kind. Dies alles zeigt, wie sehr der Mensch sich immer wieder zum Tier hingezogen fühlt, wie sehr er in ihm etwas Gleichartiges erkennen kann. Oft ist hier die Grenze der Vermenschlichung überschritten, und auch dies ist dann ein Fall von Missachtung der Würde des Tieres. Es gibt Beispiele von einseitigen Zucht-„erfolgen“, von Tier-Modenschauen und Wettbewerben, in denen nur scheinbar das Tier, in Wirklichkeit aber „sein“ Mensch im Mittelpunkt steht, der es für sich zugerichtet und vereinnahmt hat.

Man kann also die Würde des Tieres nach beiden Seiten hin verletzen: durch Vergegenständlichung (Tier als Sache) und durch Vermenschlichung (Tier als Ersatzmensch). Die Würde des Tieres ist nur da gewahrt, wo es als Tier, in seiner eigentümlichen Subjektivität, mit seinem Eigensinn und Eigenwillen ernst genommen und respektiert wird. Dann aber kann ein Tier als ein beeindruckendes Mitgeschöpf wahrgenommen werden, das seinen Charakter und seine Sensibilität umso mehr zeigen kann, je mehr nicht nur der Mensch das jeweilige Tier, sondern ebenso sehr das Tier den jeweiligen Menschen als seinen „Partner“ erwählt hat. Wenn dies gelingt, ist es immer wieder überraschend zu sehen, wie sehr das Tier zum besten Freund des Menschen werden kann.

Dies gilt auch in einem letzten Bereich, den ich nur noch erwähnen möchte: nämlich den Bereich der „wilden“, in freier Natur lebenden Tiere. Es ist eine ganz eigene Überlegung wert, inwiefern hier das Tier zum Spiegel für den Menschen wird: Wo kein Tier mehr leben kann, wird es auch mit dem Menschen nicht mehr weit her sein. Umgekehrt gilt aber: Wo kein Mensch mehr leben kann, da können Paradiese für Tiere sein! Die Bedeutung der Tiere für die Ökologie des Menschen wäre also noch einmal ein ganz neues Thema. Aber kehren wir zurück zu unserem Thema, der Würde der Tiere, der Würde aller Lebewesen. Sie gilt es, in einer „Ethik aller Lebewesen“ zu beschreiben und in ihren Konsequenzen für den Alltag aufzuzeigen. Auch der Mensch als „Mitgeschöpf“ kann dabei nur gewinnen.

 27. März 2013  Posted by at 11:05 Ethik, Mensch, Tier Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Tierethik II
Mrz 232013
 
Der Titel dieser Problemskizze formuliert das Thema, muss aber noch erklärt werden. Gemeint ist eine Ethik, die sich auf Tiere bezieht (im Titel also ein genetivus objectivus), näherhin  geht es um eine Ethik aller Lebewesen, also um eine Ethik gegenüber aller Kreatur. Wenn man dazu googeln möchte, sollte man als Suchworte „Würde der Tiere“ verwenden. Zu „Ethik der Tiere“ findet man wenig im deutschsprachigen Raum, zu „Würde der Tiere“ schon sehr viel mehr, besonder aus der Schweiz. Das hat seinen Grund.

Bekannt ist die Formulierung Artikel 1 Abs. 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. “ Weniger bekannt ist, dass von Tieren im Grundgesetz erst seit 2002 im Artikel 20a  über die Schutzziele des Staates die Rede ist: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“ Damit hat der Tierschutz in Deutschland Verfassungsrang erlangt. „Allerdings ist die Staatszielbestimmung Tierschutz … eine verfassungsrechtliche Wertentscheidung, die von der Politik bei der Gesetzgebung und von den Verwaltungsbehörden und Gerichten bei der Auslegung und Anwendung des geltenden Rechts zu beachten ist. Aus einer Staatszielbestimmung können die Bürger allerdings keine individuellen Ansprüche herleiten.“ (Erläuterung des BMELV) Von einer „Würde der Tiere“ wird dagegen nirgendwo gesprochen, nicht einmal im Tierschutzgesetz (2006). Dort heißt es als erster Grundsatz: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Immerhin „Mitgeschöpf“ wird das Tier genannt, das, wie im Folgenden ausgeführt wird, „artgerecht“ oder „gemäß seiner Art“ zu behandeln ist. Von „Würde “ zu sprechen hat man vermieden.

Geht es auch anders? Ja, in der Schweiz – darum in der Google-Suche auch die zahlreichen Links auf Schweizer Texte einer breiten gesellschaftliche Diskussion. In der schweizerischen Bundesverfassung heißt es seit 1992 (Volksabstimmung vom 17. Mai) in Art. 120 zum Thema Gentechnologie: „Der Bund erlässt Vorschriften über den Umgang mit Keim- und Erbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Er trägt dabei der Würde der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung…“ Das Tierschutzgesetz der Schweiz (2008) formuliert als Gesetzeszweck, dass „die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen” sei. Das ist schon recht weit gehend, auch wenn Oliver Tolmein in der FAZ im Jahre 2010 resümmiert: „Was das heißt, inwieweit sich die Würde des Tieres von der des Menschen unterscheidet und warum, ist offenbar auch bei den Eidgenossen umstritten.“ Inzwischen gibt es, angeregt durch die schweizerische Gesetzgebung und die dortige Diskussion und Stellungnahmen von Ethik-Kommissionen, auch bei uns eine wenig beachtete Debatte darüber, was „Würde aller Kreatur“, „Würde aller Lebewesen“ und speziell die „Würde der Tiere“ bedeuten soll. Tierschutzkreise wünschen sich, die Würde der Tiere bzw. der Kreatur insgesamt in den Grundwertekatalog des Grundgesetzes aufzunehmen. Eine Umsetzung ist bisher ohne Chance, im Gegenteil, die jüngste Novelle des Tierschutzgesetzes von 2012 kann auch als Verwässerung verstanden werden, siehe die Stellungsnahme der Albert-Schweitzer-Stiftung.

Tierschutz_Bläßhuhn_Küken-640

Tierschutz Briefmarke 1981

Landwirtschaft und Industrie warnen regelmäßig vor einem „übertriebenen“ Schutz der Tiere. In der Öffentlichkeit kommt es nur dann zu Diskussionen, wenn es aktuellen Anlass zu Berichten über Tierversuche gibt. Massentierhaltung dagegen wird mehr aus der Perspektive der Gefährdung unserer Nahrungsmittel, also des Menschen, wahrgenommen als aus der Perspektive der Tiere. Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen gelten oftmals als einseitig und romantisierend. Nur Aktionen gegen den Walfang und gegen die Robben-Erschlagung (Robin Wood) sind einigermaßen „populär“. Aber das ist weit weg von der eigenen Lebenswelt. Die neuere Literatur ist auch dünn, hingewiesen sei auf Peter Kunzmann sowie auf das Buch von Martin Liechti, Die Würde des Tieres, 2002. Erwähnenswert sind auch Eugen Drewermann und Julian Nida-Rümelin (siehe Wikipedia Tierethik). Symptomatisch ist allerdings die Webseite der „Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik„, die lapidar vermeldet: „Achtung! Die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Tierethik (IAT) der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ist derzeit leider inaktiv.“ Die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Tieren ist völlig disparat: Für ein verirrtes Kätzchen rückt schon mal die Feuerwehr aus, worüber die Lokalpresse berichtet; Hundebesitzer haben Narrenfreiheit; lärmende und dreckende Krähen werden dagegen, obwohl unter Schutz stehend, vergrämt – und Kormorane, ebenfalls geschützt, sind der Angler liebster Feind. So weit zur Lage.

Ich möchte grundsätzlich fragen, was Menschen berechtigt, Tiere als „Sachen“ anzusehen, die uns nach Belieben und zu unserem Nutzen zur Verfügung stehen. Tiere als Sachen zu betrachten wie es zum Beispiel konkret bei Versicherungen geschieht (Tierschäden gehören zu den Sachschäden), ist eine neuzeitliche Tradition und geht unter anderem auf René Descartes zurück. Für ihn sind Tiere mechanisch zu erklärende Wesen ohne ethische Relevanz. Das neuzeitliche Denken ist ihm darin weit gehend gefolgt, wobei die mechanische in eine naturwissenschaftliche Sichtweise übergegangen ist. Erst auf diesem Hintergrund wird es verständlich, dass man darüber diskutieren konnte, ob Tiere eine „Seele“ haben. Seit der Seelenbegriff insgesamt obsolet geworden ist, wird eher danach gefragt, wie weit Tiere ein Bewusstsein oder gar ein Selbstbewusstsein haben (können). Generell wird allerdings von einem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier ausgegangen: Der Mensch hat als „Krone der Schöpfung“ nach wie vor eine ethische Monopolstellung.

Die Naturwissenschaften (Biologie, Genetik, Evolutionsforschung) wissen aber längst, dass diese Grenzziehung recht willkürlich ist. Die Entwicklung des Menschen ist nur ein Fall, wenngleich ein besonderer, in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen, insbesondere der Säugetiere (mammals). Die genetische Gemeinsamkeit ist groß; der oft zitierte Hinweis, das Genom der Schimpansen stimme zu 98% mit dem des Menschen überein, ist allerdings wenig aussagekräftig, weil in den 2 % ja genau der wesentliche Unterschied liegen könnte. Immerhin weiß die Biologie und die Neurowissenschaften, dass die physische und mentale Ausstattung des Menschen in großen Teilen von den Tieren nicht zu unterscheiden ist, dass gerade im Bereich der unbewussten Steuerung menschlichen Verhaltens die Herkunft aus sehr „ursprünglichen“ Verhaltensweisen nicht zu übersehen ist. Wie sollte es auch anders sein, wenn Tier und Mensch eine gemeinsame Entwicklungslinie haben. Natürlich gibt es in den geistigen Fähigkeiten, also in dem, was heute dem mentalen Bereich zugerechnet wird, erhebliche Unterschiede in den Fähigkeiten und Dispositionen. Aber ob diese Unterschiede nun qualitativ differierend oder eher graduell fließend zu beschreiben sind, ist wohl eher Interpretationssache. Die neuzeitliche Herabsetzung des Tieres hat, wie mir scheint, einige Gemeinsamkeit mit der Homophobie: Die geahnte Nähe zum Tierischen bringt den Menschen dazu, sich möglichst deutlich und brutal vom Tier abzusetzen.

Vielleicht hilft es, sich über den Sprachgebrauch Gedanken zu machen. „Tierisch“ ist, wenn es nicht rein deskriptiv gebraucht wird, eher negativ konnotiert, gesteigert durch „viehisch“ und bedeutet wild, dreckig, niedrig, hinterhältig. Als früheres Modewort konnte es dagegen eine reine Steigerung ausdrücken: ‚Ich hab tierisch Appetit auf Eis.‘ – heute ungebräuchlich. Den Menschen als „Tier“ zu bezeichnen, klingt immer noch provokativ und veranlasst Illustrierten-Schlagzeilen wie „Das Tier in uns“ – und suggeriert dann einen Bericht über Wildes, Unmoralisches, Verbotenes. Das Tier in uns ist tabu. Als Menschen mit eigener Würde fühlen wir uns da meilenweit überlegen. Merkwürdig, dass dann dennoch das „Tierische“ zugleich so verlockend ist.

Viel geeigneter ist das aus dem Lateinischen stammende Wort animal (engl. und franz.) für die tierischen Lebewesen. Es enthält noch den Stamm anima = Lebensatem, Seele. Tiere sind demnach beseelte Wesen, Lebewesen, denn für Griechen und Lateiner ist die Bedeutung von ‚beseelt‘ und ‚belebt‘ gleich: Die Seele ist genau das, was den Unterschied zwischen Lebendigem und Totem kennzeichnet. Diese weite Bedeutung ist unserem Tier-Begriff nicht eigen, am ehesten kommt dem der Begriff ‚Lebewesen‘ nahe. „Animalisch“ ist gleich wieder negativ besetzt ähnlich wie ‚tierisch‘. ‚Lebewesen‘ hat aber im Deutschen einen kaum mehr differenzierten Bedeutungsgehalt im Unterschied zu animal. Pflanzen sind auch Lebewesen, aber eben keine ‚animals‘. Die Schweizer Bundesverfassung hat sich mit dem Wort „Kreatur“ aus der begrifflichen Affäre gezogen, obwohl oder gerade weil dieses Wort einen religiösen Hintergrund hat: „Geschöpf“ (Gottes) zu sein. Von da aus liegt dann auch die Frage nach der aller Kreatur eigenen Würde nahe, also eine nicht unüberlegte Wortwahl. Jedenfalls kommen die Begriffe ‚Kreatur‘ und ‚animal‚ dem Anliegen sehr viel näher, den Zusammenhang von Mensch und Tier, von kreatürlichem Mensch und kreatürlichem Tier als ‚beseelten Lebewesen‘ (ein Pleonasmus) auszudrücken. Der Begriff „Mitgeschöpfe“ aus dem deutschen Tierschutzgesetz nimmt erstaunlicherweise diesen Gedanken auf. In ihm steckt viel Potential.

Wir neuzeitlichen Menschen sollten (wieder) lernen, was in vielen Kulturen und ihren Erzählungen und Gebräuchen bewahrt wird: das Wissen von der Gemeinschaft von Menschen und Tieren als lebendigen Wesen, ‚Geschöpfen‘ auf dieser Erde, mit gemeinsamer Herkunftsgeschichte und wohl auch gemeinsamer Zukunftsperspektive. Nach wie vor höchst aktuell erscheinen mir Sätze von Albert Schweitzer, sein Konzept der „Ehrfurcht vor dem Leben“: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Dies gilt es allerdings, in unserer heutigen Zeit und auf dem Hintergrund heutiger Wissenschaft und dem damit verbundenem Problembewusstsein neu auszubuchstabieren.

  • Was bedeutet es, wenn wir biologisch keinen Anlass haben, Tieren Bewusstsein, ja sogar in einzelnen Fällen Selbstbewusstsein abzusprechen? Ist die mentale Ähnlichkeit mancher hoch entwickelter Lebewesen nicht Grund genug, Tiere als individuelle Subjekte und eben nicht nur als Objekte (Sachen) anzusehen.?
  • Was bedeutet es, dass wir uns als Menschen aufgrund unserer gattungsgemäßen Gleichartigkeit zwar vorstellen können, wie ein anderer Mensch ‚tickt‘, also denkt und fühlt, ja dass wir uns sogar in einen anderen Menschen partiell hinein versetzen können (Empathie), dass es uns aber völlig unmöglich ist, uns vorzustellen, wie es ist, ein Tier zu sein, ein Hund, eine Krähe, ein Affe? Der grundsätzliche Unterschied der Gattungen macht hier Empathie nur in einem analogen Denkmodell sinnvoll. Aber könnte diese Analogie nicht ausreichen, das Gefühl vom Schmerz, Freude, Vertrauen, Angst, Zuneigung, Todesnähe usw. beim Tier als Ausdruck seiner (nicht menschlichen, aber) geschöpflichen Gleichartigkeit (‚Seelenwesen‘) anzusehen?
  • Müssten wir dann nicht konsequenterweise auch die dem Tier wie jedem Lebewesen eigene Würde anerkennen und darüber nachdenken, was diese Würde des Tieres in ihrer Besonderheit, d.h. in Gleichheit und Unterschied zur Würde des Menschen, konkret bedeutet?
  • Könnte es sein, dass wir uns so dagegen wehren, weil wir ahnen, dass diese Überlegungen weit reichende Konsequenzen für unser alltägliches Leben haben könnten, wenn wir Menschen uns nur als „Mitgeschöpfe“ mit eingeschränkten Rechten begreifen würden, um die den Tieren eigene Würde zu achten und ihre Rechte zu respektieren?
  • Was hieße es also konkret, von Tieren als „Mitgeschöpfen“ zu sprechen, wenn es mehr sein soll als ein ungefüllter Begriff, der letztlich auf die Praxis im sogenannten „Tierschutz“ kaum Auswirkungen hat und allenfalls das Schlimmste verhütet (nämlich „ohne vernünftigen Grund“ zu quälen)?
  • Müsste eine Besinnung auf das gemeinsame Erbe und die Bestimmung als ‚Seelenwesen‘ (ich gebrauche einmal dieses alt-neue Wort), also als Teilhaber an der wunderbaren Entfaltung und Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten, nicht auch das Selbstverständnis des Menschen und seine Rolle innerhalb all dessen, was lebt, verändern?

Man muss nicht gleich zu Vegetariern werden, aber zumindest sollte auch beim Fleischkonsum das bedacht und beachtet werden, was noch in den alten Vorstellungen von Tieropfern lebendig ist: Dass es etwas besonders Wertvolles ist, wenn ein Tier geopfert und vom Menschen verzehrt wird. Man wird dadurch zwar nicht zum „Menschenfresser“, aber doch zum ‚Verbraucher‘ eines Lebewesens. Wir werden insgesamt nicht umhin können, auch den Verbrauch von Lebewesen als unserer Gattung gemäß anzusehen. Denn wo sollte die Grenze zwischen unterschiedlichen Lebensformen gezogen werden? Nur bei Mücken, wenn sie uns stechen wollen?

Es ginge also darum, über die Würde aller Lebewesen nachzudenken und diese Würde jeweils konkret und differenziert zu bestimmen, was unseren Umgang und unser Verhalten gegenüber Tieren und darüber hinaus allen Lebewesen angeht. Auch Extrem-Züchtungen und Verhätschelungen können die Würde von Lebewesen verletzen. Das Gespräch über die Würde aller Lebewesen ist deswegen so notwendig und so hilfreich, weil es auch uns Menschen zu einem neuen Selbstverständnis verhilft und uns ein Stück weit auf den“Teppich“ der natürlichen Gegebenheiten bringen kann, also unseren geschöpflichen Dünkel nivelliert. Man wird dadurch nicht gleich ein besserer Mensch, und pessimistisch kann man schon fragen, wie man erwarten kann, dass Menschen sich in ihrer Gier nach Reichtum und Macht gegenüber Tieren ‚anständig‘ verhalten sollen, wenn sie das ja nicht einmal gegenüber ihren Mitmenschen tun. Dies ist aber eine Anfrage an alle Ethik und Moral. Es wird nur Zeit, dass wir gegenüber den Tieren dasjenige Niveau der Diskussion über Würde herstellen, das wir bisher für den Menschen exklusiv gepachtet haben. Es gibt keinen „vernünftigen Grund“, diese Diskussion nicht ernsthaft und konsequent zu führen.

 23. März 2013  Posted by at 12:04 Ethik, Mensch, Tier Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ethik der Tiere
Feb 172013
 
„2012 DA14“ – So lautet die astronomische Kennzeichnung des Asteroiden, der Freitag Abend, am 15.02. gegen 20:30 h, in nur 27.500 km Entfernung an der Erde vorbei flog. Dieses Kürzel „2012 DA14“ wird man schnell wieder vergessen haben. Die Aufregung über den über Russland am Ural nieder gegangenen Meteoriten war sogar größer, weil er sichtbaren Schaden angerichtet hat – und weil es so schöne Videos von dem Feuerball auf YouTube gab. Aber ansonsten ist nichts gewesen. Das durch den Maya-Kalender am 21. Dezember vergangenen Jahres angeblich vorausgesagte Weltende hat jedenfalls sehr viel mehr und anhaltender Aufmerksamkeit erregt. Die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit, die „Voreinstellung“ unserer Psyche, ist schon sehr merkwürdig. Sie reagiert nur auf einzuordnende, also bekannte Gefahren, die man sieht. Ein mythologischer „Weltuntergang“ à la Maya scheint jedenfalls vertrauter und darum begreifbarer zu sein als der wahrlich gefährliche Vorbeiflug (besser: Beinahe-Kollision) eines Asteroiden, den man sich ohnehin nicht vorstellen und dessen Gefahrenpotential man deswegen auch gar nicht einschätzen kann. Gut, es ist nichts passiert, nur ein paar Fensterscheiben am Ural kaputt, so what?

Wer etwas mehr wissen will, kann in den Medien auf den Wissens-Seiten einiges Informative über die Möglichkeiten der Beobachtung und Abwehr von Meteoriten und Asteroiden erfahren, gut aufgemacht mit allerlei Bildchen und erläuternden Grafiken. Das klingt alles sehr seriös mit Gewährsleuten von NASA und ESA. Ja, rechtzeitig muss man es nur wissen, ja und einigermaßen erkennbar müssen die Dinger sein, das sind dann ohnehin nur größere Objekte, also so ein Klecks wie der über dem Ural, den könne man glatt vergessen, ist vorher nicht zu erkennen, ja dann könne man etwas machen, wenn man so ca. 4 Jahre Vorlaufzeit hat, kein Problem, da tauschen sich die Wissenschaftler und Techniker jetzt international aus, da gibt es ja verschiedenen Szenarien, solch einen Himmelskörper abzulenken und aus der Bahn zu werfen, wie genau wisse man natürlich noch nicht, erprobt sei da gar nichts, manches könne man sich halt vorstellen, dass es funktionieren könnte, Testmöglichkeiten gäbe es dazu ja leider keine, jaja, gleich der Ernstfall, aber der wird schon nicht so schlimm sein, ist äußerst unwahrscheinlich, Wahrscheinlichkeit etwa so groß wie vom Haifisch gebissen zu werden – ach, das passiert oft? Naja, ist eben alles relativ, und manche Ideen mögen nicht viel mehr sein als die „blanke Verzweiflung“ – uups? wie war das? Verzweiflung? Wieso das denn? Ach so, die Dinosaurier…

2012 - DA14

2012 – DA14 (NASA)

Denn das ist nirgendwo klar zu lesen, allenfalls rutscht mal am Ende eines Artikels so etwas raus wie hier im n-tv-Bericht die zitierte „blanke Verzweiflung“: Dass wir eigentlich überhaupt nicht wissen, was wir gegen eine Kollision mit einem Asteroiden machen können, – gegen Meteoriten ist absehbar schon gar nichts möglich: zu viele, zu schnell, zu klein. Wahrscheinlich muss man zugeben, derzeit über keinerlei sichere Mittel bzw. Technologie zu verfügen, um die Erde vor einem Aufprall durch einen Asteroiden von der Größe „2012 DA14“ (50 m Durchmesser) oder mehr bewahren zu können. Schwer zuzugeben: Da ist eine nicht unerhebliche Gefahr, und wir können wahrscheinlich nichts Erfolgversprechendes dagegen unternehmen. Eine solche Erkenntnis, ein solcher Satz ist für unser heutiges (Selbst-) Bewusstsein inakzeptabel, unbegreiflich, schlicht nicht nachzuvollziehen oder gar hinzunehmen. Das kanns nicht geben.

Genau das ist aber sehr problematisch. Menschliches Wissen und Können ist immer begrenzt, schon ganz besonders im Hinblick auf die universalen Kräfte in der Natur. Weil es uns seit der Neuzeit aber so gut gelungen ist, die Kräfte der Natur auf der Erde anscheinend in den Griff zu bekommen, hat sich das Bewusstsein breit gemacht, es gäbe prinzipiell nichts mehr, was nicht mit geeigneten Technologien zu bewältigen wäre. Unmöglich ist verboten. Nicht die Anerkenntnis von Grenzen und Unmöglichem, sondern Lösungen sind gefragt. Es gibt immer welche, sagt man. Dies nenne ich die Hybris der Neuzeit. Sie ist die vielleicht verderblichste Grundeinstellung des heutigen Menschen überhaupt. Verderblich ist wörtlich zu nehmen: weil sie ihn irreparabel ins Verderben führt. Dies gilt auf vielen Gebieten, der Beispiele sind Legion: Klimaveränderung, Umweltverschmutzung insbesondere der Ozeane, Vernichten der Biodiversität sind die Hauptthemen. Änderungswille ist kaum vorhanden, solange es noch irgendwie weiter geht. Typisch ist die vor allem in den USA verbreitete technizistische Auffassung zum Klima: Da wir den CO2-Ausstoß kaum vermindern können, lasst uns lieber höhere Deiche bauen.

Alles ist machbar? Es scheint nur so. Die Erfolge der technologischen Entwicklungen der vergangenen zweihundert Jahre sind so überwältigend, dass eine Grenze menschlicher Verfügungsmacht überhaupt nicht mehr in den Blick genommen wird. Es gibt sie einfach nicht. Was vom neuzeitlichen Bewusstsein nicht als real anerkannt wird, ist nicht. Natürliche Grenzen sind halt nicht „real“, denn alles ist möglich: Om – om – om. Man muss nicht ins Weltall schauen, um die Grenzen der menschlichen Fähigkeiten zu entdecken. Es reicht der Blick auf die Verhältnisse auf unserem Planeten. Sogar die viel gerühmten und oft beschworenen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters machen davor keinen Halt: Nach Aussagen einiger Fachleute haben wir zum Beispiel die Kontrolle über die selbständig in Hochgeschwindigkeit interagierenden Computersysteme an den Börsen längst verloren; selbst Insider verstehen nicht mehr, was da abläuft (siehe Schirrmacher, Mirowski).

Angesichts der möglichen Kollisionen mit größeren Himmelskörpern sind wir bis auf Weiteres völlig machtlos. Zwar hat die menschliche Kreativität bisher immer wieder Erstaunliches zu Wege gebracht, aber hier geht es um Dimensionen, gegenüber denen die Hiroshima-Bomben Kinderspielzeug waren. Schon 2029 nähert sich ein nächster Asteroid, 2040 ein noch größerer. „Auch nach der Kollision mit einem Asteroiden würde sich die Erde weiterdrehen, und es gäbe noch Leben auf dem Planeten. Doch die Zerstörungen wären mitunter großflächig.“ (n-tv) Dieser Satz ist halbwegs realistisch, klingt aber noch schönfärberisch. Ein Asteroiden-Impact von der Größe und den Zerstörungsausmaßen von Flagstaff, Arizona, würde langfristige Veränderungen des Klimas bewirken – schon die Asche bei Vulkanausbrüchen beeinträchtigt unser modernes Leben erheblich, siehe Eyafjallayökull (2010). Ein Asteroidenaufprall würde mit Gewissheit unser Leben völlig verändern, ganz abgesehen von den unmittelbaren Schäden und Toten. Da bliebe nichts mehr, wie es war.

Alles ist möglich? Ja, – aber eben nicht dem Menschen. Der sollte sich seiner Begrenztheit, gerade auch der Grenzen seines Wissens, seiner Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten immer bewusst bleiben. Das macht nüchtern und trägt dazu bei, sich mehr auf das zu konzentrieren, was wir wirklich erreichen können im Blick auf unseren Planeten. Auch im Hinblick auf die Gefahren aus dem Weltall sind alle Anstrengungen nötig, klar. Aber auch da werden Grenzen bleiben, Grenzen, die wir anerkennen und aussprechen sollten. Das macht uns vielleicht ein bisschen realistischer und bescheidener. Der Rest erledigt sich von alleine.

 17. Februar 2013  Posted by at 10:41 Mensch, Moderne, Natur, Neuzeit Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Das Unvorstellbare denken