Jun 122013
 

Einige traditionelle Streitpunkte der Philosophie und der Wissenschaft überhaupt beruhen auf den Möglichkeiten und Grenzen der Vorstellung. Sie treten nur dann als Probleme auf, wenn ihre Begrifflichkeit wörtlich, oder besser gesagt ontologisch verstanden wird. Betrachtet man diese Probleme aber im Rahmen von Denkmodellen unter den Bedingungen repräsentationaler Vorstellungen, dann erweisen sich die Problematiken mehr als Probleme des Erkennens denn als Probleme der Dinge selbst. An drei Beispielen möchte ich dies zeigen: 1. Der Teilchen – Welle – Dualismus in der Physik; 2. der Materie – Geist – Dualismus in der Philosophie und Neuropsychologie; 3. der Mensch – Maschine – Dualismus in der neueren Kulturwissenschaft. Hinter allen drei Problemstellungen verbirgt sich die gemeinsame Frage, in welcher Weise unser Denken, unsere begriffliche Welterkenntnis, die ‚Wirklichkeit‘ erfasst, oder anders, welcher Art die Wirklichkeit ist, die der Wirklichkeit unserer Vorstellungen entspricht.

1.) Die naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt geht immer von Denkmodellen aus, denen bestimmte Weltmodelle zugrunde liegen. Stets bestimmt dabei eine Grundannahme gleichsam als Apriori den weiteren Gang der Erkenntnis. So haben sich bereits im Altertum Materialisten (Stoiker) und Geistphilosophen (Platoniker) gegenüber gestanden. Sie treten ihrerseits das Erbe der Vorsokratiker an, die sich entsprechend in die Anhänger Heraklits und Demokrits einerseits und des Parmenides andererseits entgegen gesetzt positionierten. Schon die Erkenntnis der Naturphänomene selbst beruht auf Vorannahmen dessen, was überhaupt sein kann. – Ehe sich später das kopernikanische Weltmodell durchsetzen konnte, entsprach das ptolemäische Weltbild am besten dem Augenschein: Die Erde ruht, die Sonne bewegt sich. Der Streit um diese Weltmodelle wurde allerdings überlagert von den dogmatischen Interessen der herrschenden Kirche. Darum ist ein anderes Beispiel besser geeignet, die Prägung der Erkenntnis durch Modelle der Vorstellung zu verdeutlichen: Der sogenannte Welle-Teilchen-Dualismus, der die moderne Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Unruhe versetzte. Nach dem Modell der Wellen im Wasser erwartete man auch beim Licht, sofern es nach Christiaan Huygens (17. Jahrhundert) als Welle beschreibbar war, zwingend ein Trägermedium, den Äther. Nur in einem Medium war eine Wellenbewegung vorstellbar, auch wenn dieses Postulat vielfache Schwierigkeiten bereitete. Newton setzte deswegen auf die Korpuskel-Theorie, verstand also das Licht als Teilchenstrahl. Erst aufgrund der Entdeckungen und Theorien von Max Planck und Albert Einstein wies Louis de Broglie nach, dass Lichtteilchen auch Wellencharakter besitzen. Das berühmte Doppelspalt-Experiment machte dies sichtbar. Es zeigte sich, dass dieser Effekt auch für Elektronen gilt (Compton-Effekt), ja dass elektromagnetische Wellen generell auch Teilchencharakter besitzen und umgekehrt, dass Teilchen wie Wellen zum Beispiel am Kristallgitter gebeugt werden können. Die Quantentheorie brachte für diese experimentellen Befunde eine vernünftige mathematische Beschreibung. Die Schrödinger-Gleichungen ergeben durch eine Wellenfunktion die Aufenthaltswahrscheinlichkeit des Teilchens. Die bis dahin immer wieder vor allem vom interessierten Publikum gestellte Frage: Was ist denn nun das Licht in Wirklichkeit, Welle oder Teilchen? erweist sich als falsch gestellt. Denn diese Frage beruht auf Vorstellungen der Anschauung im normalen Leben. In der Alltagssprache und -Vorstellung hat es den Anschein eines Dualismus. Mathematisch ist da nirgendwo ein Dualismus, sondern allenfalls eine Unschärfe (Heisenberg), weil im Experiment und in der Theorie Ort und Impuls prinzipiell nicht gleichzeitig fest gestellt werden können. Das Kopenhagener Standardmodell (Niels Bohr) spricht hier von Komplementarität, aber auch dies ist eigentlich ein Zugeständnis an unser Vorstellungsvermögen. Werner Heisenberg macht in seinem Buch „Der Teil und das Ganze“ auf die grundsätzliche Problematik aufmerksam, wenn er fordert, dass ein physikalisches Phänomen erst dann wirklich verstanden ist, wenn es auch in der Sprache alltäglicher Erfahrung beschrieben werden kann. Das Denkmodell der Komplementarität ist ein Beispiel solcher Übersetzung. Allerdings hilft auch dieser Begriff nicht darüber hinweg, dass in weiten Teilen der heutigen Elementarteilchen-Physik die Anschaulichkeit nahezu vollständig verloren gegangen ist. Was sich mathematisch präzise (auch in der „Unschärfe“ präzise) quantenmechanisch formulieren und beschreiben lässt, kann oft nicht mehr in Modelle der Vorstellung übersetzt werden. (Nebenbemerkung: Das gilt bisweilen auch für die „Sprache“ der Mathematik. So dauerte es eine Weile, bis die Schrödingerschen Wellengleichungen und die Feynman-Diagramme als unterschiedliche Ausdrücke desselben Sachverhaltes erkannt und aufeinander zurück geführt werden konnten.) Dies Dilemma des vorstellenden Verstehens und der sprachlichen Beschreibung betrifft die Relativitätstheorie ebenso wie die Quantentheorie: „Es gab eine Zeit, als Zeitungen sagten, nur zwölf Menschen verstünden die Relativitätstheorie. Ich glaube nicht, dass es jemals eine solche Zeit gab. Auf der anderen Seite denke ich, sicher sagen zu können, dass niemand die Quantenmechanik versteht.“ (Richard Feynman, 1967, zitiert nach Wikipedia) Dies gilt heute für weite Bereiche der Physik, wie sie zum Beispiel am CERN betrieben wird, für die Molekularbiologie (was heißt denn „Doppelhelix“?) und für die Neurowissenschaften. Die Natur des ganz Kleinen (Teilchenphysik) ebenso wie die Natur des ganz Großen (Kosmologie) bleibt für uns letztlich unanschaulich und insofern (nur insofern!) ‚unverständlich‘. Unsere Vorstellung ist immer auf ein repräsentationales Weltmodell bezogen, das die für uns normalen Größenordnungen umfasst und uns über die alltägliche Welt perfekt angepasst ins Bild setzt. Was in diesem Rahmen nicht vorstellbar ist, wird nicht anschaulich begriffen – und dann treten Widersprüche und Dualismen auf, die eben genau auf unseren Vorstellungen beruhen. In der Natur gibt es keinen Welle-Teilchen-Dualismus, es gibt so etwas allenfalls in unserer beschränkten Vorstellung.

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

Doppelspalt-Experiment (Wikipedia)

2.) Ich sehe ganz Ähnliches in dem zweiten Beispiel eines geschichtlich bedeutsamen Dualismus‘, im Dualismus von Materie und Geist. Entweder wird ein Dualismus zweier Prinzipien oder Substanzen behauptet (Substanz-Dualismus, vermeintlich in Anlehnung an Aristoteles) oder ein Monismus nur einer Seite; heute ist das durchgängig der Materialismus. In der Geistesgeschichte ist der Neuplatonismus (Plotin u.a.) ein Vertreter des entgegengesetzten Monismus, dass der Geist (Nous) alles und die Materie nichts ist, nur eine Projektionsfläche des Geistes. Dies wird, soweit ich sehe, heute nirgendwo mehr vertreten. Dagegen ist der naturwissenschaftliche Reduktionismus und daher Materialismus das gängige Denkmodell schlechthin. Speziell Deutschland und seine eigene Biografie betreffend bringt der Philosoph Thomas Metzinger die Situation auf den Punkt:

Ich hatte an einem eher traditionell orientierten philosophischen Institut studiert, an dem die politische Philosophie der Frankfurter Schule tonangebend war. Dort schien fast niemand die enormen Fortschritte in der analytischen Philosophie des Geistes zur Kenntnis genommen zu haben. Zu meiner großen Überraschung stellte ich fest, dass in den wirklich überzeugenden, substanziellen Arbeiten an der Forschungsfront der Materialismus schon lange zur herrschenden Lehre, zur orthodoxen Doktrin im Hintergrund geworden war. Niemand schien auch nur im Entferntesten die Möglichkeit der Existenz einer Seele in Betracht zu ziehen. Es gab sehr wenige Dualisten – mit Ausnahme der Philosophen auf dem europäischen Kontinent. Es war sehr ernüchternd, zu erkennen, dass, rund vier Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nachdem praktisch die gesamte deutsch-jüdische Intelligenz und andere Intellektuelle entweder ermordet oder ins Exil vertrieben worden waren, viele philosophische Traditionslinien und fast alle Lehrer-Schüler-Beziehungen zerrissen waren und dass die deutsche Philosophie weitgehend vom globalen Diskussionszusammenhang abgekoppelt war. Die meisten deutschen Philosophen lasen nicht, was in englischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde. Plötzlich erschienen mir einige der philosophischen Debatten, deren Zeuge ich in deutschen Universitäten wurde, zunehmend als schlecht informiert, ein bisschen provinziell und ohne jedes Bewusstsein dafür, wo das große Menschheitsprojekt der Entwicklung einer umfassenden Theorie des Geistes in der Gegenwart eigentlich stand. Im Verlauf meines eigenen Vordringens in die Fachliteratur wurde ich schrittweise davon überzeugt, dass es tatsächlich keinerlei schlagende empirische Belege dafür gab, dass bewusstes Erleben außerhalb des menschlichen Gehirns stattfinden könnte, und davon, dass der allgemeine Trend an der Forschungsfront und in den allerbesten Beiträgen zur Philosophie des Geistes eindeutig in die entgegengesetzte Richtung zeigte. (Thomas Metzinger, Der Ego – Tunnel, TB S. 125)

Das „große Menschheitsprojekt“, damit ist die Konzentration der Philosophie auf das einheitliche, physiologisch-materiell bestimmte Verständnis der Funktionen von Gehirn und Geist zu verstehen. Dualismus gibt es hier nicht mehr, allenfalls Epiphänomenalismus oder Supervenienz des Geistigen. Für mich stellt sich allerdings die Frage, ob diese Reduktion auf neurologische Korrelate (d. h. Rückführung auf und Erklärung durch) nicht eine Einseitigkeit ist, die nur durch die begrenzte Vorstellungsmöglichkeit unserer Erkenntnis bedingt ist. Ebenso wie wir uns Modelle in der Teilchenphysik machen, die letztlich nur abstrakt mathematisch beschreibbar sind (z.B. die „String“-Theorie, also „Saitenschwingungs“-Modelle, Symmetrie-Modelle), und Naturphänomene verstehen helfen, so sind philosophische Modelle ebenfalls nur Versuche des Verstehens von etwas, was nun uns selbst, unser Denken, Vorstellen und Begreifen, betrifft. Was ist und wie funktioniert unser Bewusstsein und unser Denken auf physiologischer, neurologischer, psychologischer, mentaler, geistiger Ebene? Schon die unterschiedlichen Disziplinen der Forschung zeigen, dass es bei aller notwendigen Kooperation und tatsächlichen Überschneidung der Problemstellungen doch sehr verschiedene Zugangsweisen zur Analyse unseres Geistes gibt. Auch die repräsentationale Theorie des phänomenalen Selbstmodells nach Metzinger ist eben ein solches Denk-Modell. Es entzieht sich dem Gehirn-Geist-Problem auf seine Weise, und zwar nicht-dualistisch. Aber auch bei diesem Thema ist es mehr ein Problem unseres Vorstellungsvermögens als der Sache des Denkens selbst, das funktional erklärt und verstanden werden soll. Menschliches Vorstellungsvermögen kommt von dem Gegensatz von Materie und Geist nicht los. Die Alltagserfahrung verfährt da ganz pragmatisch: Entweder etwas ist ‚rein geistig‘ oder eben materiell, stofflich, oder eben beides ‚irgendwie‘ zusammen. Mag auch die analytische Philosophie den Begriff der Seele längst als obsolet verworfen haben, der normale Mensch kommt im Alltag des Lebens und Sterbens kaum von der Vorstellung einer Seele los. Sie ist einfach viel zu anschaulich. Und vielleicht bewahrt sie ja doch entgegen den materialistischen Grundannahmen der Neurowissenschaftler und der analytischen Philosophen eine Erkenntnis, die an einem ‚Mehr‘ oder ‚Anderem‘ gegenüber der ‚reinen‘ Materie fest hält. Es hat nicht lange gedauert, bis Einsteins berühmte Kurzformel E=mc² in die Alltagskultur Eingang gefunden hat. Allerdings wird es noch sehr lange dauern, wenn es denn überhaupt möglich ist, bis die darin liegende Erkenntnis zum Alltagsbestand unserer Vorstellung und unseres Wissens gehört: Dass nämlich Materie und Energie zwei Erscheinungsformen sind, die wechselseitig ineinander übergehen können. Man könnte weiter fragen: Erscheinungsformen von was? von einem Dritten? des Seins? so etwas wie Seinsweisen in den Formen von Aktualität und Potentialität, womit der alte Aristoteles wiederkehrte? Und noch schwieriger: Was ist überhaupt Materie, Masse, die doch in der heutigen Theorie so sehr des Higgs-Teilchens bedarf, was ist denn überhaupt Energie, was bedeutet ihrer beider Wechselwirkung in Feldern und Dimensionen, die ihren Raum und ihre Zeit selber mit sich bringen? Je näher man hineinschaut in das Innerste der Naturphänomene, desto mehr verschwinden Abgrenzungen und eindeutige Bestimmungen. Sind es Grenzen der Natur oder wiederum eher Grenzen unserer Erkenntnis, Grenzen unseres Vorstellungsvermögens? Ist das, was da immer als Zweierlei, möglicherweise als Gegensatz, als komplementäres Miteinander, aufzutreten scheint, im Grunde nur das Eine, Ganze in seiner ungeheuer vielfältigen Dynamik, die wir immer wieder nur als Zweierlei oder Mehrerlei distinkt bestimmen und gegeneinander abgrenzen wollen – und müssen, wenn wir’s denn verstehen wollen? Materie und Energie nur Eines? Materie und Geist nur ein Ganzes aus (mindestens) zwei Seiten? Mir scheint, die Geisteswissenschaften, die Neurowissenschaften, die Analytische Philosophie, könnten sehr viel von der Wissenschaftsgeschichte der Physik lernen. Carl Friedrich von Weizsäcker ist einer derjenigen, der genau in diese Richtung gewiesen hat. Klar ist aber auch, das diese Rückfrage nach dem Einen, Ganzen, nach den Grenzen unserer Vorstellung und Theoriebildung, das peinlich genaue Nachforschen und Erklären auf der Ebene der Neurologie und der analytischen Philosophie hinsichtlich des Erklärens dessen, was unser Bewusstsein eigentlich ist und tut, nicht nur nicht überflüssig macht, sondern allererst fordert und begründet. Es kann nur innerhalb dieser Begrenzung der Erkenntnis erkannt werden. Es sollte aber der Blick über diese Grenzen hinaus auf das Gemeinsame, das Eine in der Struktur, in der Potentialität, in der umfassenden wechselwirkenden Wirklichkeit – oder wie immer man es noch nennen will – ebenso begründet und aufrecht erhalten werden. Wer weiß, vielleicht ist die Materie ‚an sich‘ ebenso wenig geistlos, wie der Geist ‚an sich‘ immateriell wäre. Unterscheidungen, die wir aus guten Gründen präzisen Denkens und Forschens treffen, müssen nicht die Grenzen des Wirklichen und Tatsächlichen sein. Vielleicht enthüllt es sich für uns immer nur auf solch bruchstückhafte Weise der Annäherung.

3.) Das dritte Beispiel braucht, da es gerade in der heutigen Zeit en vogue ist, nur noch knapp skizziert zu werden. Denn der Gegensatz von Mensch und Technik, von Mensch und Maschine, ist zwar in aller Munde und scheint auch unsere Alltagserfahrung widerzuspiegeln. Aber auch dieser Gegensatz ist womöglich nur ein scheinbarer, wiederum verankert in unserem alltäglichen Vorstellen. Das unterscheidet klar zwischen dem Mir und dem Anderen, dem Drinnen und dem Draußen. Gefühl und inneres Wesen gehören zu mir, zu meiner inneren Natur. Technik, Maschinelles, dagegen steht mir entgegen, ist weder Ich noch Natur. Netz-Enthusiasten sehen nun durch die Möglichkeiten der Digitalisierung, der Miniaturisierung und der massiven Vernetzung den Unterschied von Mensch und Maschine verschwinden. Die Mensch-Maschine ist so für die einen Verheißung, für die anderen Abschreckung. Dabei ist der Gegensatz tatsächlich nur ein scheinbarer. Schon der Gebrauch unserer Hände, der Werkzeuggebrauch als verlängerte Hände, sind etwas funktional Technisches. Sprache ist eine Technik, eine Kulturtechnik. Unser gesamtes Leben in einer vom Menschen gestalteten Welt hat etwas Artifizielles. Auch der Werkzeug nutzende Primate erschafft sich bereits vermittels Technik seine eigene Welt. Volker Gerhardt hat in seinem Buch „Öffentlichkeit“ sehr schön beschrieben, wie weit und wie sehr Öffentlichkeit – Bewusstsein – Technik, wie sehr also Natur und Kultur zusammen hängen. Sie sind mehr als nur zwei Seiten einer Medaille, sie sind die Realform unserer menschlichen Existenz. Das reine ‚Naturwesen Mensch‘ (Rousseau) ist eine Fiktion, die mit der Wirklichkeit des alltäglichen Lebens wenig bis nichts zu tun hat. Aber über die Alltagserfahrung hinaus gilt es prinzipiell, dass der Mensch mit allen seinen Leistungen, sofern er nicht bloß träumt, nach außen tritt und sich zu seiner Welt (Umwelt, Mitwelt, Mitmenschen) ‚technisch‘ in Beziehung setzt. Der Geist selber ist technisch orientiert, sofern er zum Begreifen und Bewältigen des Lebens in dieser, in seiner Welt hilft. Der Ausdruck Mensch-Maschine spitzt zu, erschrecken sollte er einen nicht. Mensch – Technik – Natur – Kultur sind unterscheidbare, aber untrennbare Aspekte der gesamten einen Lebenswelt. Der homo sapiens sapiens ist er nur, indem er homo faber, homo technicus ist. Selbst in seinen Träumen holt er die Außenwelt nach innen und gestaltet sie nach seinen seelischen Bedürfnissen. Hier ist es wiederum unsere vorstellende Alltagserfahrung, die uns Innen und Außen, Subjekt und Objekt, trennen und als Gegensätze wahrnehmen lässt, wiewohl beides Funktionen und Erscheinungsweisen mentaler Repräsentationen sind. Mensch und Technik sind sehr grundsätzlich gesehen tatsächlich eine Einheit.

An diesen drei Themenkreisen, die ja in einen gewissen Zusammenhang miteinander stehen, kann der Unterschied zwischen unseren Vorstellungsmöglichkeiten, den Möglichkeiten der abstrakten Theorie- und Modellbildung einerseits und der tatsächlichen Gegebenheit der inneren (Bewusstsein) und äußeren Natur (Physik etc.) andererseits verdeutlicht werden. Auch überzeugte Realisten werden zugeben, dass sich die reale Welt nur durch unsere Sinne, durch Vorstellungen und Begreifen vermittelt. Jedes Modell des Denkens ist eben ein Denkmodell. Ein gutes erklärt und umfasst viel, ein weniger gutes eben nur weniges. Alles in einem ist nicht erkennbar, da es keine vollständige, allumfassende Theorie und schon gar keine Anschauung von ‚Allem und Einem‘ gibt. Der wissenschaftlichen, denkenden und erkennenden Redlichkeit aber sollte es geschuldet sein, kein Modell absolut zu setzen und als „die Wahrheit“ zu verkünden. Insofern ist auch der heute verbreitete und erfolgreiche wissenschaftliche Materialismus nur eine Arbeitshypothese – bis auf weiteres.

 12. Juni 2013  Posted by at 17:01 Geist, Natur, Philosophie, Wissenschaft Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Grenzen der Vorstellung
Mrz 272013
 

Im vorigen Blogpost über die Ethik der Tiere ist ein Aspekt denn doch zu kurz gekommen. Bei der Frage nach einer „Würde aller Lebewesen“ habe ich auf die „brutale“ Distanzierung des Menschen vom Tier hingewiesen. Nicht als Objekt sollte das Tier behandelt werden, sondern als Subjekt, als „Mitgeschöpf“, als ‚beseeltes Lebewesen‘ muss es in den Blick einer ethischen Betrachtung genommen werden. Dies gilt nicht nur nach der negativen Seite hin (Tierquälerei, Massentierhaltung), sondern auch nach der positiven Seite: Das Tier als ‚bester Freund des Menschen‘.

Tiere hatten zu allen Zeiten eine ganz besondere Rolle in der Entwicklung und Ausgestaltung der menschlichen Kultur. In den verschiedensten Kulturen und religiösen Kulten spielen „heilige“ Tiere eine ausgezeichnete Rolle. Bei Löwen und Stieren mag man das ja noch leicht verstehen als lebendige Symbole der Kraft, aber erstens ist das, schaut man näher hin, doch nicht so einfach mit der Deutung als simples Kraftsymbol, zweitens tauchen da noch ganz andere Tiere auf: die Schlange, der Affe, bestimmte Vögel, Kühe, Gänse, der Wolf, der Wal, der Reiher – die Reihe ließe sich noch lang fortsetzen. Gemeinsam sind nicht bestimmte, gleichartige Eigenschaften dieser Tiere, sondern ihre besondere Bedeutung. Sie sind Träger des Göttlichen; in ihrer Gleichartigkeit und Unterschiedenheit vom Menschlichen stehen sie für die geheimnisvolle Macht der Götter und Geister, die auf eigentümliche Weise in die Lebenswelt der Menschen hinein wirken und sich dem Menschen zugleich entziehen. Tiere gehören damit zu dem, was den Alltag und die eigene Natur des Menschen transzendiert; bestimmte „heilige“ Tiere haben dafür eine besondere Symbolkraft gewonnen. Symbol ist mehr als bloßes Zeichen: Das Symbol wirkt, wofür es steht. Mir scheint, hier ist das Wissen kondensiert, dass Mensch und Tier zwar besonders zusammen gehören, aber ebenso eigentümlich von einander unterschieden sind, so wie es auch für das Göttliche, die Geister und Ahnen gilt.

Grotte Chauvet (Wikipedia)

Grotte Chauvet (Wikipedia)

In anderer Weise sind Tiere zu lebensnotwendigen Partnern geworden: bei der Jagd, als Wächter, als Last- und Zugtiere, als Hilfen zur Fortbewegung wie Pferde, Kamele, Huskies. Hier ergänzt das Tier mit seinen Fähigkeiten das, was der Mensch nicht so gut oder gar nicht kann. Eine Kulturgeschichte zu schreiben ist ohne eine Geschichte der „Kultivierung“ der Tiere nicht möglich. Erst durch Mechanisierung und Technisierung haben die Tiere ihre wichtige Funktion als Helfer des Menschen weitgehend verloren. Der Mensch hat damit aber auch das lebendige Gegenüber verloren, das ihm seine Grenzen gezeigt und sich mit seinen ganz eigenen Fähigkeiten besondere Wertschätzung, ja Respekt, erworben hat. Heute sind viele Tierarten nur noch auf den „Nutzen“ für die Ernährung des Menschen zusammen geschrumpft. Das ist kulturgeschichtlich eine recht neue Entwicklung, die mit der Industrialisierung zusammen hängt. Sie ist offenbar auch die Ursache für eine massive Veränderung des Verhaltens der Menschen gegenüber den Tieren.

Zu dieser Veränderung gehört auch das Phänomen der Haus- und Lieblingstiere. Tiere als des Menschen bester Freund gab es zu allen Zeiten (der treue Hund, das anhängliche Pferd). Nie zuvor allerdings hat das Tier als Haus-, besser Wohnungstier eine solche Rolle gespielt wie heute bei den Stadtmenschen. Es gibt in Deutschland Millionen von Hunden, Katzen („Stubentiger“), Vögeln, die die Wohnungen bevölkern. Sie sind Teil der Familie und Begleiter im Alter und bei Einsamkeit. Sie sind der Mode unterworfen und gehören bisweilen zu den Statussymbolen. Sie werden geliebt, verhätschelt, – und immer wieder auch vernachlässigt und ausgesetzt. Die Hersteller und Verkäufer von (Haus-)  Tiernahrung und Tierartikeln sind eine wichtige Branche geworden, die Tiermedizin nicht zu vergessen. In den städtischen Parks laufen oft mehr Menschen mit Hunden als mit Kindern herum. Bei manchen mag tatsächlich der Hund als „Investition“ besser zu kalkulieren sein als ein Kind. Dies alles zeigt, wie sehr der Mensch sich immer wieder zum Tier hingezogen fühlt, wie sehr er in ihm etwas Gleichartiges erkennen kann. Oft ist hier die Grenze der Vermenschlichung überschritten, und auch dies ist dann ein Fall von Missachtung der Würde des Tieres. Es gibt Beispiele von einseitigen Zucht-„erfolgen“, von Tier-Modenschauen und Wettbewerben, in denen nur scheinbar das Tier, in Wirklichkeit aber „sein“ Mensch im Mittelpunkt steht, der es für sich zugerichtet und vereinnahmt hat.

Man kann also die Würde des Tieres nach beiden Seiten hin verletzen: durch Vergegenständlichung (Tier als Sache) und durch Vermenschlichung (Tier als Ersatzmensch). Die Würde des Tieres ist nur da gewahrt, wo es als Tier, in seiner eigentümlichen Subjektivität, mit seinem Eigensinn und Eigenwillen ernst genommen und respektiert wird. Dann aber kann ein Tier als ein beeindruckendes Mitgeschöpf wahrgenommen werden, das seinen Charakter und seine Sensibilität umso mehr zeigen kann, je mehr nicht nur der Mensch das jeweilige Tier, sondern ebenso sehr das Tier den jeweiligen Menschen als seinen „Partner“ erwählt hat. Wenn dies gelingt, ist es immer wieder überraschend zu sehen, wie sehr das Tier zum besten Freund des Menschen werden kann.

Dies gilt auch in einem letzten Bereich, den ich nur noch erwähnen möchte: nämlich den Bereich der „wilden“, in freier Natur lebenden Tiere. Es ist eine ganz eigene Überlegung wert, inwiefern hier das Tier zum Spiegel für den Menschen wird: Wo kein Tier mehr leben kann, wird es auch mit dem Menschen nicht mehr weit her sein. Umgekehrt gilt aber: Wo kein Mensch mehr leben kann, da können Paradiese für Tiere sein! Die Bedeutung der Tiere für die Ökologie des Menschen wäre also noch einmal ein ganz neues Thema. Aber kehren wir zurück zu unserem Thema, der Würde der Tiere, der Würde aller Lebewesen. Sie gilt es, in einer „Ethik aller Lebewesen“ zu beschreiben und in ihren Konsequenzen für den Alltag aufzuzeigen. Auch der Mensch als „Mitgeschöpf“ kann dabei nur gewinnen.

 27. März 2013  Posted by at 11:05 Ethik, Mensch, Tier Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Tierethik II
Mrz 232013
 

Der Titel dieser Problemskizze formuliert das Thema, muss aber noch erklärt werden. Gemeint ist eine Ethik, die sich auf Tiere bezieht (im Titel also ein genetivus objectivus), näherhin  geht es um eine Ethik aller Lebewesen, also um eine Ethik gegenüber aller Kreatur. Wenn man dazu googeln möchte, sollte man als Suchworte „Würde der Tiere“ verwenden. Zu „Ethik der Tiere“ findet man wenig im deutschsprachigen Raum, zu „Würde der Tiere“ schon sehr viel mehr, besonder aus der Schweiz. Das hat seinen Grund.

Bekannt ist die Formulierung Artikel 1 Abs. 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. “ Weniger bekannt ist, dass von Tieren im Grundgesetz erst seit 2002 im Artikel 20a  über die Schutzziele des Staates die Rede ist: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“ Damit hat der Tierschutz in Deutschland Verfassungsrang erlangt. „Allerdings ist die Staatszielbestimmung Tierschutz … eine verfassungsrechtliche Wertentscheidung, die von der Politik bei der Gesetzgebung und von den Verwaltungsbehörden und Gerichten bei der Auslegung und Anwendung des geltenden Rechts zu beachten ist. Aus einer Staatszielbestimmung können die Bürger allerdings keine individuellen Ansprüche herleiten.“ (Erläuterung des BMELV) Von einer „Würde der Tiere“ wird dagegen nirgendwo gesprochen, nicht einmal im Tierschutzgesetz (2006). Dort heißt es als erster Grundsatz: „Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Immerhin „Mitgeschöpf“ wird das Tier genannt, das, wie im Folgenden ausgeführt wird, „artgerecht“ oder „gemäß seiner Art“ zu behandeln ist. Von „Würde “ zu sprechen hat man vermieden.

Geht es auch anders? Ja, in der Schweiz – darum in der Google-Suche auch die zahlreichen Links auf Schweizer Texte einer breiten gesellschaftliche Diskussion. In der schweizerischen Bundesverfassung heißt es seit 1992 (Volksabstimmung vom 17. Mai) in Art. 120 zum Thema Gentechnologie: „Der Bund erlässt Vorschriften über den Umgang mit Keim- und Erbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Er trägt dabei der Würde der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung…“ Das Tierschutzgesetz der Schweiz (2008) formuliert als Gesetzeszweck, dass „die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen” sei. Das ist schon recht weit gehend, auch wenn Oliver Tolmein in der FAZ im Jahre 2010 resümmiert: „Was das heißt, inwieweit sich die Würde des Tieres von der des Menschen unterscheidet und warum, ist offenbar auch bei den Eidgenossen umstritten.“ Inzwischen gibt es, angeregt durch die schweizerische Gesetzgebung und die dortige Diskussion und Stellungnahmen von Ethik-Kommissionen, auch bei uns eine wenig beachtete Debatte darüber, was „Würde aller Kreatur“, „Würde aller Lebewesen“ und speziell die „Würde der Tiere“ bedeuten soll. Tierschutzkreise wünschen sich, die Würde der Tiere bzw. der Kreatur insgesamt in den Grundwertekatalog des Grundgesetzes aufzunehmen. Eine Umsetzung ist bisher ohne Chance, im Gegenteil, die jüngste Novelle des Tierschutzgesetzes von 2012 kann auch als Verwässerung verstanden werden, siehe die Stellungsnahme der Albert-Schweitzer-Stiftung.

Tierschutz_Bläßhuhn_Küken-640

Tierschutz Briefmarke 1981

Landwirtschaft und Industrie warnen regelmäßig vor einem „übertriebenen“ Schutz der Tiere. In der Öffentlichkeit kommt es nur dann zu Diskussionen, wenn es aktuellen Anlass zu Berichten über Tierversuche gibt. Massentierhaltung dagegen wird mehr aus der Perspektive der Gefährdung unserer Nahrungsmittel, also des Menschen, wahrgenommen als aus der Perspektive der Tiere. Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen gelten oftmals als einseitig und romantisierend. Nur Aktionen gegen den Walfang und gegen die Robben-Erschlagung (Robin Wood) sind einigermaßen „populär“. Aber das ist weit weg von der eigenen Lebenswelt. Die neuere Literatur ist auch dünn, hingewiesen sei auf Peter Kunzmann sowie auf das Buch von Martin Liechti, Die Würde des Tieres, 2002. Erwähnenswert sind auch Eugen Drewermann und Julian Nida-Rümelin (siehe Wikipedia Tierethik). Symptomatisch ist allerdings die Webseite der „Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik„, die lapidar vermeldet: „Achtung! Die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Tierethik (IAT) der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ist derzeit leider inaktiv.“ Die gesellschaftliche Einstellung gegenüber Tieren ist völlig disparat: Für ein verirrtes Kätzchen rückt schon mal die Feuerwehr aus, worüber die Lokalpresse berichtet; Hundebesitzer haben Narrenfreiheit; lärmende und dreckende Krähen werden dagegen, obwohl unter Schutz stehend, vergrämt – und Kormorane, ebenfalls geschützt, sind der Angler liebster Feind. So weit zur Lage.

Ich möchte grundsätzlich fragen, was Menschen berechtigt, Tiere als „Sachen“ anzusehen, die uns nach Belieben und zu unserem Nutzen zur Verfügung stehen. Tiere als Sachen zu betrachten wie es zum Beispiel konkret bei Versicherungen geschieht (Tierschäden gehören zu den Sachschäden), ist eine neuzeitliche Tradition und geht unter anderem auf René Descartes zurück. Für ihn sind Tiere mechanisch zu erklärende Wesen ohne ethische Relevanz. Das neuzeitliche Denken ist ihm darin weit gehend gefolgt, wobei die mechanische in eine naturwissenschaftliche Sichtweise übergegangen ist. Erst auf diesem Hintergrund wird es verständlich, dass man darüber diskutieren konnte, ob Tiere eine „Seele“ haben. Seit der Seelenbegriff insgesamt obsolet geworden ist, wird eher danach gefragt, wie weit Tiere ein Bewusstsein oder gar ein Selbstbewusstsein haben (können). Generell wird allerdings von einem grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier ausgegangen: Der Mensch hat als „Krone der Schöpfung“ nach wie vor eine ethische Monopolstellung.

Die Naturwissenschaften (Biologie, Genetik, Evolutionsforschung) wissen aber längst, dass diese Grenzziehung recht willkürlich ist. Die Entwicklung des Menschen ist nur ein Fall, wenngleich ein besonderer, in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen, insbesondere der Säugetiere (mammals). Die genetische Gemeinsamkeit ist groß; der oft zitierte Hinweis, das Genom der Schimpansen stimme zu 98% mit dem des Menschen überein, ist allerdings wenig aussagekräftig, weil in den 2 % ja genau der wesentliche Unterschied liegen könnte. Immerhin weiß die Biologie und die Neurowissenschaften, dass die physische und mentale Ausstattung des Menschen in großen Teilen von den Tieren nicht zu unterscheiden ist, dass gerade im Bereich der unbewussten Steuerung menschlichen Verhaltens die Herkunft aus sehr „ursprünglichen“ Verhaltensweisen nicht zu übersehen ist. Wie sollte es auch anders sein, wenn Tier und Mensch eine gemeinsame Entwicklungslinie haben. Natürlich gibt es in den geistigen Fähigkeiten, also in dem, was heute dem mentalen Bereich zugerechnet wird, erhebliche Unterschiede in den Fähigkeiten und Dispositionen. Aber ob diese Unterschiede nun qualitativ differierend oder eher graduell fließend zu beschreiben sind, ist wohl eher Interpretationssache. Die neuzeitliche Herabsetzung des Tieres hat, wie mir scheint, einige Gemeinsamkeit mit der Homophobie: Die geahnte Nähe zum Tierischen bringt den Menschen dazu, sich möglichst deutlich und brutal vom Tier abzusetzen.

Vielleicht hilft es, sich über den Sprachgebrauch Gedanken zu machen. „Tierisch“ ist, wenn es nicht rein deskriptiv gebraucht wird, eher negativ konnotiert, gesteigert durch „viehisch“ und bedeutet wild, dreckig, niedrig, hinterhältig. Als früheres Modewort konnte es dagegen eine reine Steigerung ausdrücken: ‚Ich hab tierisch Appetit auf Eis.‘ – heute ungebräuchlich. Den Menschen als „Tier“ zu bezeichnen, klingt immer noch provokativ und veranlasst Illustrierten-Schlagzeilen wie „Das Tier in uns“ – und suggeriert dann einen Bericht über Wildes, Unmoralisches, Verbotenes. Das Tier in uns ist tabu. Als Menschen mit eigener Würde fühlen wir uns da meilenweit überlegen. Merkwürdig, dass dann dennoch das „Tierische“ zugleich so verlockend ist.

Viel geeigneter ist das aus dem Lateinischen stammende Wort animal (engl. und franz.) für die tierischen Lebewesen. Es enthält noch den Stamm anima = Lebensatem, Seele. Tiere sind demnach beseelte Wesen, Lebewesen, denn für Griechen und Lateiner ist die Bedeutung von ‚beseelt‘ und ‚belebt‘ gleich: Die Seele ist genau das, was den Unterschied zwischen Lebendigem und Totem kennzeichnet. Diese weite Bedeutung ist unserem Tier-Begriff nicht eigen, am ehesten kommt dem der Begriff ‚Lebewesen‘ nahe. „Animalisch“ ist gleich wieder negativ besetzt ähnlich wie ‚tierisch‘. ‚Lebewesen‘ hat aber im Deutschen einen kaum mehr differenzierten Bedeutungsgehalt im Unterschied zu animal. Pflanzen sind auch Lebewesen, aber eben keine ‚animals‘. Die Schweizer Bundesverfassung hat sich mit dem Wort „Kreatur“ aus der begrifflichen Affäre gezogen, obwohl oder gerade weil dieses Wort einen religiösen Hintergrund hat: „Geschöpf“ (Gottes) zu sein. Von da aus liegt dann auch die Frage nach der aller Kreatur eigenen Würde nahe, also eine nicht unüberlegte Wortwahl. Jedenfalls kommen die Begriffe ‚Kreatur‘ und ‚animal‚ dem Anliegen sehr viel näher, den Zusammenhang von Mensch und Tier, von kreatürlichem Mensch und kreatürlichem Tier als ‚beseelten Lebewesen‘ (ein Pleonasmus) auszudrücken. Der Begriff „Mitgeschöpfe“ aus dem deutschen Tierschutzgesetz nimmt erstaunlicherweise diesen Gedanken auf. In ihm steckt viel Potential.

Wir neuzeitlichen Menschen sollten (wieder) lernen, was in vielen Kulturen und ihren Erzählungen und Gebräuchen bewahrt wird: das Wissen von der Gemeinschaft von Menschen und Tieren als lebendigen Wesen, ‚Geschöpfen‘ auf dieser Erde, mit gemeinsamer Herkunftsgeschichte und wohl auch gemeinsamer Zukunftsperspektive. Nach wie vor höchst aktuell erscheinen mir Sätze von Albert Schweitzer, sein Konzept der „Ehrfurcht vor dem Leben“: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Dies gilt es allerdings, in unserer heutigen Zeit und auf dem Hintergrund heutiger Wissenschaft und dem damit verbundenem Problembewusstsein neu auszubuchstabieren.

  • Was bedeutet es, wenn wir biologisch keinen Anlass haben, Tieren Bewusstsein, ja sogar in einzelnen Fällen Selbstbewusstsein abzusprechen? Ist die mentale Ähnlichkeit mancher hoch entwickelter Lebewesen nicht Grund genug, Tiere als individuelle Subjekte und eben nicht nur als Objekte (Sachen) anzusehen.?
  • Was bedeutet es, dass wir uns als Menschen aufgrund unserer gattungsgemäßen Gleichartigkeit zwar vorstellen können, wie ein anderer Mensch ‚tickt‘, also denkt und fühlt, ja dass wir uns sogar in einen anderen Menschen partiell hinein versetzen können (Empathie), dass es uns aber völlig unmöglich ist, uns vorzustellen, wie es ist, ein Tier zu sein, ein Hund, eine Krähe, ein Affe? Der grundsätzliche Unterschied der Gattungen macht hier Empathie nur in einem analogen Denkmodell sinnvoll. Aber könnte diese Analogie nicht ausreichen, das Gefühl vom Schmerz, Freude, Vertrauen, Angst, Zuneigung, Todesnähe usw. beim Tier als Ausdruck seiner (nicht menschlichen, aber) geschöpflichen Gleichartigkeit (‚Seelenwesen‘) anzusehen?
  • Müssten wir dann nicht konsequenterweise auch die dem Tier wie jedem Lebewesen eigene Würde anerkennen und darüber nachdenken, was diese Würde des Tieres in ihrer Besonderheit, d.h. in Gleichheit und Unterschied zur Würde des Menschen, konkret bedeutet?
  • Könnte es sein, dass wir uns so dagegen wehren, weil wir ahnen, dass diese Überlegungen weit reichende Konsequenzen für unser alltägliches Leben haben könnten, wenn wir Menschen uns nur als „Mitgeschöpfe“ mit eingeschränkten Rechten begreifen würden, um die den Tieren eigene Würde zu achten und ihre Rechte zu respektieren?
  • Was hieße es also konkret, von Tieren als „Mitgeschöpfen“ zu sprechen, wenn es mehr sein soll als ein ungefüllter Begriff, der letztlich auf die Praxis im sogenannten „Tierschutz“ kaum Auswirkungen hat und allenfalls das Schlimmste verhütet (nämlich „ohne vernünftigen Grund“ zu quälen)?
  • Müsste eine Besinnung auf das gemeinsame Erbe und die Bestimmung als ‚Seelenwesen‘ (ich gebrauche einmal dieses alt-neue Wort), also als Teilhaber an der wunderbaren Entfaltung und Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten, nicht auch das Selbstverständnis des Menschen und seine Rolle innerhalb all dessen, was lebt, verändern?

Man muss nicht gleich zu Vegetariern werden, aber zumindest sollte auch beim Fleischkonsum das bedacht und beachtet werden, was noch in den alten Vorstellungen von Tieropfern lebendig ist: Dass es etwas besonders Wertvolles ist, wenn ein Tier geopfert und vom Menschen verzehrt wird. Man wird dadurch zwar nicht zum „Menschenfresser“, aber doch zum ‚Verbraucher‘ eines Lebewesens. Wir werden insgesamt nicht umhin können, auch den Verbrauch von Lebewesen als unserer Gattung gemäß anzusehen. Denn wo sollte die Grenze zwischen unterschiedlichen Lebensformen gezogen werden? Nur bei Mücken, wenn sie uns stechen wollen?

Es ginge also darum, über die Würde aller Lebewesen nachzudenken und diese Würde jeweils konkret und differenziert zu bestimmen, was unseren Umgang und unser Verhalten gegenüber Tieren und darüber hinaus allen Lebewesen angeht. Auch Extrem-Züchtungen und Verhätschelungen können die Würde von Lebewesen verletzen. Das Gespräch über die Würde aller Lebewesen ist deswegen so notwendig und so hilfreich, weil es auch uns Menschen zu einem neuen Selbstverständnis verhilft und uns ein Stück weit auf den“Teppich“ der natürlichen Gegebenheiten bringen kann, also unseren geschöpflichen Dünkel nivelliert. Man wird dadurch nicht gleich ein besserer Mensch, und pessimistisch kann man schon fragen, wie man erwarten kann, dass Menschen sich in ihrer Gier nach Reichtum und Macht gegenüber Tieren ‚anständig‘ verhalten sollen, wenn sie das ja nicht einmal gegenüber ihren Mitmenschen tun. Dies ist aber eine Anfrage an alle Ethik und Moral. Es wird nur Zeit, dass wir gegenüber den Tieren dasjenige Niveau der Diskussion über Würde herstellen, das wir bisher für den Menschen exklusiv gepachtet haben. Es gibt keinen „vernünftigen Grund“, diese Diskussion nicht ernsthaft und konsequent zu führen.

 23. März 2013  Posted by at 12:04 Ethik, Mensch, Tier Tagged with: , , , , ,  Kommentare deaktiviert für Ethik der Tiere
Feb 172013
 

„2012 DA14“ – So lautet die astronomische Kennzeichnung des Asteroiden, der Freitag Abend, am 15.02. gegen 20:30 h, in nur 27.500 km Entfernung an der Erde vorbei flog. Dieses Kürzel „2012 DA14“ wird man schnell wieder vergessen haben. Die Aufregung über den über Russland am Ural nieder gegangenen Meteoriten war sogar größer, weil er sichtbaren Schaden angerichtet hat – und weil es so schöne Videos von dem Feuerball auf YouTube gab. Aber ansonsten ist nichts gewesen. Das durch den Maya-Kalender am 21. Dezember vergangenen Jahres angeblich vorausgesagte Weltende hat jedenfalls sehr viel mehr und anhaltender Aufmerksamkeit erregt. Die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit, die „Voreinstellung“ unserer Psyche, ist schon sehr merkwürdig. Sie reagiert nur auf einzuordnende, also bekannte Gefahren, die man sieht. Ein mythologischer „Weltuntergang“ à la Maya scheint jedenfalls vertrauter und darum begreifbarer zu sein als der wahrlich gefährliche Vorbeiflug (besser: Beinahe-Kollision) eines Asteroiden, den man sich ohnehin nicht vorstellen und dessen Gefahrenpotential man deswegen auch gar nicht einschätzen kann. Gut, es ist nichts passiert, nur ein paar Fensterscheiben am Ural kaputt, so what?

Wer etwas mehr wissen will, kann in den Medien auf den Wissens-Seiten einiges Informative über die Möglichkeiten der Beobachtung und Abwehr von Meteoriten und Asteroiden erfahren, gut aufgemacht mit allerlei Bildchen und erläuternden Grafiken. Das klingt alles sehr seriös mit Gewährsleuten von NASA und ESA. Ja, rechtzeitig muss man es nur wissen, ja und einigermaßen erkennbar müssen die Dinger sein, das sind dann ohnehin nur größere Objekte, also so ein Klecks wie der über dem Ural, den könne man glatt vergessen, ist vorher nicht zu erkennen, ja dann könne man etwas machen, wenn man so ca. 4 Jahre Vorlaufzeit hat, kein Problem, da tauschen sich die Wissenschaftler und Techniker jetzt international aus, da gibt es ja verschiedenen Szenarien, solch einen Himmelskörper abzulenken und aus der Bahn zu werfen, wie genau wisse man natürlich noch nicht, erprobt sei da gar nichts, manches könne man sich halt vorstellen, dass es funktionieren könnte, Testmöglichkeiten gäbe es dazu ja leider keine, jaja, gleich der Ernstfall, aber der wird schon nicht so schlimm sein, ist äußerst unwahrscheinlich, Wahrscheinlichkeit etwa so groß wie vom Haifisch gebissen zu werden – ach, das passiert oft? Naja, ist eben alles relativ, und manche Ideen mögen nicht viel mehr sein als die „blanke Verzweiflung“ – uups? wie war das? Verzweiflung? Wieso das denn? Ach so, die Dinosaurier…

2012 - DA14

2012 – DA14 (NASA)

Denn das ist nirgendwo klar zu lesen, allenfalls rutscht mal am Ende eines Artikels so etwas raus wie hier im n-tv-Bericht die zitierte „blanke Verzweiflung“: Dass wir eigentlich überhaupt nicht wissen, was wir gegen eine Kollision mit einem Asteroiden machen können, – gegen Meteoriten ist absehbar schon gar nichts möglich: zu viele, zu schnell, zu klein. Wahrscheinlich muss man zugeben, derzeit über keinerlei sichere Mittel bzw. Technologie zu verfügen, um die Erde vor einem Aufprall durch einen Asteroiden von der Größe „2012 DA14“ (50 m Durchmesser) oder mehr bewahren zu können. Schwer zuzugeben: Da ist eine nicht unerhebliche Gefahr, und wir können wahrscheinlich nichts Erfolgversprechendes dagegen unternehmen. Eine solche Erkenntnis, ein solcher Satz ist für unser heutiges (Selbst-) Bewusstsein inakzeptabel, unbegreiflich, schlicht nicht nachzuvollziehen oder gar hinzunehmen. Das kanns nicht geben.

Genau das ist aber sehr problematisch. Menschliches Wissen und Können ist immer begrenzt, schon ganz besonders im Hinblick auf die universalen Kräfte in der Natur. Weil es uns seit der Neuzeit aber so gut gelungen ist, die Kräfte der Natur auf der Erde anscheinend in den Griff zu bekommen, hat sich das Bewusstsein breit gemacht, es gäbe prinzipiell nichts mehr, was nicht mit geeigneten Technologien zu bewältigen wäre. Unmöglich ist verboten. Nicht die Anerkenntnis von Grenzen und Unmöglichem, sondern Lösungen sind gefragt. Es gibt immer welche, sagt man. Dies nenne ich die Hybris der Neuzeit. Sie ist die vielleicht verderblichste Grundeinstellung des heutigen Menschen überhaupt. Verderblich ist wörtlich zu nehmen: weil sie ihn irreparabel ins Verderben führt. Dies gilt auf vielen Gebieten, der Beispiele sind Legion: Klimaveränderung, Umweltverschmutzung insbesondere der Ozeane, Vernichten der Biodiversität sind die Hauptthemen. Änderungswille ist kaum vorhanden, solange es noch irgendwie weiter geht. Typisch ist die vor allem in den USA verbreitete technizistische Auffassung zum Klima: Da wir den CO2-Ausstoß kaum vermindern können, lasst uns lieber höhere Deiche bauen.

Alles ist machbar? Es scheint nur so. Die Erfolge der technologischen Entwicklungen der vergangenen zweihundert Jahre sind so überwältigend, dass eine Grenze menschlicher Verfügungsmacht überhaupt nicht mehr in den Blick genommen wird. Es gibt sie einfach nicht. Was vom neuzeitlichen Bewusstsein nicht als real anerkannt wird, ist nicht. Natürliche Grenzen sind halt nicht „real“, denn alles ist möglich: Om – om – om. Man muss nicht ins Weltall schauen, um die Grenzen der menschlichen Fähigkeiten zu entdecken. Es reicht der Blick auf die Verhältnisse auf unserem Planeten. Sogar die viel gerühmten und oft beschworenen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters machen davor keinen Halt: Nach Aussagen einiger Fachleute haben wir zum Beispiel die Kontrolle über die selbständig in Hochgeschwindigkeit interagierenden Computersysteme an den Börsen längst verloren; selbst Insider verstehen nicht mehr, was da abläuft (siehe Schirrmacher, Mirowski).

Angesichts der möglichen Kollisionen mit größeren Himmelskörpern sind wir bis auf Weiteres völlig machtlos. Zwar hat die menschliche Kreativität bisher immer wieder Erstaunliches zu Wege gebracht, aber hier geht es um Dimensionen, gegenüber denen die Hiroshima-Bomben Kinderspielzeug waren. Schon 2029 nähert sich ein nächster Asteroid, 2040 ein noch größerer. „Auch nach der Kollision mit einem Asteroiden würde sich die Erde weiterdrehen, und es gäbe noch Leben auf dem Planeten. Doch die Zerstörungen wären mitunter großflächig.“ (n-tv) Dieser Satz ist halbwegs realistisch, klingt aber noch schönfärberisch. Ein Asteroiden-Impact von der Größe und den Zerstörungsausmaßen von Flagstaff, Arizona, würde langfristige Veränderungen des Klimas bewirken – schon die Asche bei Vulkanausbrüchen beeinträchtigt unser modernes Leben erheblich, siehe Eyafjallayökull (2010). Ein Asteroidenaufprall würde mit Gewissheit unser Leben völlig verändern, ganz abgesehen von den unmittelbaren Schäden und Toten. Da bliebe nichts mehr, wie es war.

Alles ist möglich? Ja, – aber eben nicht dem Menschen. Der sollte sich seiner Begrenztheit, gerade auch der Grenzen seines Wissens, seiner Fähigkeiten und Handlungsmöglichkeiten immer bewusst bleiben. Das macht nüchtern und trägt dazu bei, sich mehr auf das zu konzentrieren, was wir wirklich erreichen können im Blick auf unseren Planeten. Auch im Hinblick auf die Gefahren aus dem Weltall sind alle Anstrengungen nötig, klar. Aber auch da werden Grenzen bleiben, Grenzen, die wir anerkennen und aussprechen sollten. Das macht uns vielleicht ein bisschen realistischer und bescheidener. Der Rest erledigt sich von alleine.

 17. Februar 2013  Posted by at 10:41 Mensch, Moderne, Natur, Neuzeit Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Das Unvorstellbare denken
Dez 132012
 

Ich lese des öfteren vom Problem einer „Mensch-Technik-Dichotomie“, ihrem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein. In der Mehrzahl sind es Beiträge, die eine solche Dichotomie, also einen Gegensatz zwischen Mensch und Technik, bestreiten. Ich kenne allerdings niemanden, der einen solchen Gegensatz ernsthaft behauptet. Ein Streit um Worte, ein Kampf gegen Windmühlen? Es scheint so.

Technik ist eine Kulturleistung, und jede Kulturleistung ist ein Produkt des Menschen. Nimmt man „den Menschen“ weg, verschwindet auch die Technik (spätestens wenn die Energieversorgung zusammen bricht). Hier von einer Dichotomie zu sprechen ist ebenso abwegig, wie wenn man eine Dichotomie zwischen Mensch und Musik behaupten oder bestreiten würde. Auch Musik wie alle Bereiche der Kultur ist ein Produkt des Menschen. Nimmt man den Menschen weg, ist auch die Musik verschwunden. Zurück bleiben allenfalls Töne.

Bisweilen habe ich den Eindruck, manche wenden sich deswegen so energisch gegen eine „Mensch-Technik-Dichotomie“, weil man sich grundsätzlich gegen bestimmte Warnungen oder Vorwürfe wehren will wie zum Beispiel gegen die der „Technikgläubigkeit“, der „Technikverliebtheit“ oder des „Machbarkeitswahns“. Letzterer ist nicht spezifisch auf Technik bezogen, und die ersten beiden Vorwürfe beziehen sich auf ein Gefühl der Übertreibung, wie die Wortbestandteile „Gläubigkeit“ und „Verliebtheit“ zeigen. Auch solche Gefühle sind nicht spezifisch gegen Technik gerichtet, es gibt sie in allen Bereichen menschlicher Betätigung: übertriebene Sportbegeisterung, Star-Kult und anderes mehr. Solche Gefühle der Übertreibung mögen zu Recht oder zu Unrecht eine Abneigung anzeigen, sind aber selten begründete Argumente. Schon gar nicht enthalten sie eine grundsätzliche Kritik. Allerdings kann sich darin eine ideologische Position spiegeln; dann wäre diese Position erst zu erheben. Das behauptete Problem „Mensch-Technik-Dichotomie“ ist also eine Chimäre.

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Dahinter verschwindet ein wirklich grundsätzlicher Unterschied, und das ist der Unterschied zwischen Mensch und Natur. Natur ist kein Produkt des Menschen, sondern umgekehrt: Der Mensch ist ein „Produkt“ der Natur. Die Anführungszeichen sind deswegen gesetzt, weil hier der Begriff Produkt nur in einem übertragenen Sinne gebraucht wird. Streng genommen ist der Mensch kein Produkt der Natur, sondern Teil der Natur. Der Mensch ist Natur. Eine Unterscheidung zwischen Mensch und Natur ergibt sich nur im Hinblick auf die originär menschlichen Hervorbringungen, also auf das, was wir Kultur nennen, seine materiellen (Artefakte) und geistigen Werke. In alledem bleibt der Mensch aber Naturwesen. Kultur wird zum Teil seiner Natur, meinetwegen zu seiner „zweiten Natur“.

Der Unterschied zur Technik liegt auf der Hand. Technik kann der Mensch machen, verändern, beherrschen. Die Regeln des Gebrauches der Technik setzt der Mensch selbst. Die Natur aber beherrscht den Menschen. Er kann sich Natur immer nur sehr partiell „dienstbar“ machen, sie seinen Bedingungen anpassen und in ihrer Auswirkung verändern. Die Naturgesetze (es bleibe hier unerörtert, was das eigentlich ist) kann der Mensch aber nicht verändern. Sie sind so, wie sie sind, und der Mensch ist ihnen unterworfen. Das hindert den Menschen „natürlich“ nicht daran, sie so weit es geht zu seinem (vermeintlichen) Nutzen zu manipulieren. Auch dieser Eingriff in den Naturverlauf und ihre Nutzbarmachung gehört zur Natur des Menschen, zu seinen natürlich gegebenen schöpferischen Fähigkeiten. Natur zu verändern ist unsere Natur.

Diese Fähigkeiten sind allerdings sehr weitreichend. Ohne dass dem Menschen alle Zusammenhänge schon bekannt sind oder jemals bekannt sein können bzw. werden, beeinflusst und verändert er Faktoren in den Naturzusammenhängen, so dass sich andere zum Teil erwünschte, zum Teil unerwünschte Folgen ergeben. Energiegewinnung aus Kohlenstoff-Ressourcen ist erwünscht, die dadurch beschleunigte Klimaerwärmung ist unerwünscht. So ist es in vielen, um nicht zu sagen in allen Bereichen der menschlichen Eingriffe in Naturzusammenhänge. Wie das Wort schon sagt: Es sind Zusammenhänge, also äußerst komplexe Strukturen, Regelkreise, labile (Un-) Gleichgewichte („Strömungsgleichgewichte“), die zu erkennen und zu durchschauen wir Menschen in vielen grundlegenden Bereichen noch weit entfernt sind, siehe das Wettergeschehen, das Klimageschehen, die Funktionsweise des Gehirns und vieles andere. Optimisten werden sagen: Noch nicht, aber absehbar bald. Skeptiker werden zu bedenken geben, dass es aufgrund unserer eigenen Verwicklung in Natur, weil wir also selber Natur sind, vielleicht manche grundsätzlichen Hindernisse gibt, bestimmte Zusammenhänge zu durchschauen. Es ist immer schwierig, wenn der Beobachter sich selber beobachtet (Rückkopplungen, Beeinträchtigungen eines objektiven Ergebnisses).

Also auch als Produzent erstaunlicher Technik bleibt der Mensch Natur, ist er ein Naturwesen. Dieses zu verkennen und außer Acht zu lassen, ist ein sehr schwerwiegender methodischer und sachlicher Mangel, wenn wir uns über den Zusammenhang von Mensch und Technik Gedanken machen wollen. Es geht nur im Zusammenhang von Natur, Mensch und Technik (Kultur). Als „Techniker“ sind wir geneigt, unsere natürlichen Rahmenbedingungen und Konstitutionsmerkmale zu vernachlässigen. Denn nur dann bleibt Technik vollständig machbar und einigermaßen kontrollierbar. Das ist sie dann aber ganz und gar nicht, wenn wir den Menschen einmal als Gefühlswesen, also als von seiner natürlichen Ausstattung bestimmtes und begrenztes Lebewesen zugrunde legen. Das sogenannte Limbische System ist allemal mächtiger als all unsere Bewusstseinsprozesse – unbewusste Natur tief in uns drin.

Dass es nicht zum Atomkrieg gekommen ist (bisher nicht), verdanken wir weniger der menschlichen Fähigkeit, seine Technik zu beherrschen, als der Urangst vor Selbstvernichtung, die zumindest 1962 die entscheidenden Politiker in den USA und der UdSSR bestimmt hat. Das Zeitalter der Drohnen setzt allerdings ganz andere Maßstäbe und Möglichkeiten frei. Umso wichtiger, vielleicht sogar überlebenswichtig, bleibt es, uns Menschen als Natur zu begreifen. Bisher bedeutet das: Wir begreifen alles Mögliche, nur uns selbst, unser eigenes Leben nicht.

 13. Dezember 2012  Posted by at 12:14 Kultur, Natur, Technik Tagged with: , , , ,  Kommentare deaktiviert für Technik – Mensch – Natur
Mai 272012
 
Feiertage sind zum Entspannen da? Falsch gedacht! Action ist angesagt, von wegen Muße!

Ein langes Wochenende im Spätfrühling oder schon Frühsommer, Feiertage, die in Süddeutschland den Auftakt zu den ‚kleinen Sommerferien‘ bilden, in denen man gerne ‚in den Süden‘, zur Sonne, fährt und fliegt – was sonst außer Freude, Muße, Entspannung und Aufmerksamkeit für im Alltag Übersehenes sollte sich da ausdrücken: Freizeit und Spaß gewiss auch, aber ebenso gewiss doch auch eine zeit-oder zumindest terminvergessene Leichtigkeit und Unbekümmertheit, eine Offenheit und Schaulust an all dem, was außerhalb von Alltag und Beruf um einen herum auch noch da ist, die Sinne lockt und einfach so ‚passiert‘.

Dachte ich.

Auf meiner fröhlichen Fahrt zu einer sonnigen Frühlingswanderung in den Bergen befinde ich mich alsbald im Stau, nicht auf der Autobahn, sondern auf einer ’normalen‘ Bundesstraße am Feiertags-Samstag um 9 Uhr morgens. ‚Stop and Go‘ bis zum Zielort. Das Radio meldet lange Staus auf den Südautobahnen nach Österreich, Slowenien und Italien, der Moderator verspricht, einem die Zeit im Auto durch passende Musik zu verkürzen: „So kommen Sie viel schneller zum Ziel.“ Wie das funktionieren soll, bleibt schleierhaft.

Parkplatz. Noch gibts hier kein Parkraumproblem. Autoschilder aus der Nähe und aus allen Teilen Deutschlands. Neben mir werden die Fahrräder (Mountainbikes, also technisch hochentwickelte Zweirad-Maschinen) entstaut und fahrbereit gemacht, die Radfahr-Montur gerichtet, das richtige ‚Dressing‘ (heißt das so? ich meine nicht die Salatsauce, sondern den ‚Dress‘, die Kleidung) in Form gebracht. Bunte Wurstpellen mit Schaumstoff unterm Hintern. Rucksack mit Trinkschlauch geschultert. Ab gehts.

Daneben das rüstige Rentnerpaar mit Hund, Rucksack (ER), Stöcken und passender Wanderkleidung. Die kleine Frauengruppe ein paar Autos weiter, die sich mit mächtigen Walking-Stöcken zum Abmarsch bereit macht, alles frisch gestylt: Dress von Mammut, Schöffel oder Wolfskin (eine Antiklimax, Aldi kommt nicht vor), kurze Haare lässig geföhnt, Schweißband um die Stirn; die schon gut gebräunte Haut verrät um diese Jahreszeit die aktiven Outdoor-Aktivistinnen. Es wird geschnattert, als habe man sich gerade wieder seit langer Zeit das erste Mal getroffen. Los gehts.

Zum Glück ist es dennoch kein ‚Run‘ auf die Berge, man bleibt im Tal, es geht wegen des vielen Schnees oben noch nicht anders. Einerseits sammelt sich alles auf wenigen Wegen in den Tälern, andererseits ist die Menge derer, die da draußen mit mir unterwegs ist, trotz des Staus auf den Straßen noch überschaubar. Das Wandern eine Lust. Hinauf gibt es wie meist die Alternative Fahrweg oder steilerer Fußpfad. Die wenigsten wählen den steinigen Steig. Keine Mountain-Biker. Erstaunlich. Oben, wo die Wege zusammentreffen, um dann auf einem zweispurigen Schotterweg weiter taleinwärts zu führen, finden sich dann alle wieder zusammen. Die ersten rasten gleich am Berggasthof, andere hasten gleich weiter zum ‚Ziel‘. (Was ist da eigentlich das ‚Ziel‘?)

Auch Wandern ist für die meisten eine gesellige Sache, warum auch nicht. Ins Gespräch vertieft (Wortfetzen beim Passieren: „Oma“, „Kollegin“, Hotelqualität, letztes Shopping-Erlebnis) wandert man unverdrossen weiter durch eine in dieser Höhe gerade durchgrünte einmalig schöne Bergahorn-Allee, weiter oben stehen die Bäume erst in Knospen. Die Ausblicke (Achtung! Dazu muss man stehen bleiben!) und Rückblicke ins Tal hinab (Achtung! Dazu muss man sich umdrehen!) zeigen die Pracht des unterschiedlich getönten frischen Grüns zwischen dem Dunkel der Fichten (Achtung! Dazu muss man Baumarten unterscheiden können!). Die noch weithin schneebedeckte Bergkulisse ist atemberaubend – und wenn das nicht nur eine Leerformel ist, das sollte man tatsächlich stehen bleiben, um zu schauen und Atem zu holen, auch wenn einem die Puste noch längst nicht ausgegangen ist.

Die paarweisen und gruppengebündelten Wanderer wandern weiter, ins Gespräch vertieft. Der Fotoapparat, – ach ja ein Gruppenbild mit Waldi! Da klacken auch schon über den steinigen Weg die Walkerinnen heran, große Schritte, selbst die kurze Mähne fliegt, die weißen Zähne blecken beim Schnattern werbegerecht in nicht vorhandene Kameras. Links – rechts – klack – klack – kicher – schnauf – sabbelsabbelsabbel… Nun, die Sonne scheint, und das ist wohl die Hauptsache, wo auch immer man sich gerade befindet.

Neben dem Weg auf der noch kuhfreien Alpwiese blüht es über und über: Küchenschelle, Pippau, verschiedene Steinbreche und -wurze, die duftigen lila Kugelblümchen, die hohen gelben Rispen des Klappertopf und –  ja und Enzian! Der kleine sternenförmige Frühlingsenzian streckt sich aus dem Gras, und etwas weiter auf einer Lichtung finden sich verstreut, aber zahlreich die wunderschönen Kelche des großen, blau leuchtenden stängellosen Enzian. Viele Knospen dieses Enzian liegen noch ungeöffnet im Grase und warten auf die Sonnenstrahlen. Ich kann von dieser Pracht kaum genug bekommen, fotografiere hingerissen (zum wievielten Male diese immer gleichen Fotos?), steige die Bergwiese ein wenig hinauf, weil weiter oben ja noch schönere Exemplare stehen könnten. Ach, es sind alle gleich schön und doch eine schöner als die andere!

Unten auf dem Weg geht die Karawane ungestört weiter, die Senioren und Junioren, Wanderer und Radler, ins Gespräch, Wandern und Radfahren vertieft. Klar, die Mountainbiker müssen bei diesem steinigen Wegen höllisch aufpassen, da kann man schlecht nach links oder rechts gucken. Dann kommen auch schon die ersten zurück, in rasanter Fahrt talabwärts, die müssen erst recht aufpassen – und damit rechnen, dass die anderen schon rechtzeitig zur Seite springen. Wie, die Walkerinnen sind schon auf dem Rückweg? Können die fliegen? Nein, es ist eine andere Gruppe fast identisch herausgeputzter Outdoor-Aktivisten.

Zum Talende hin wird es rauer, Schneefelder reichen bis an den Fahrweg heran, ein Wunder, dass die Alphütte geöffnet hat und bewirtschaftet ist. Ein Glück auch, denn  man kann sich sonst noch nirgendwo niederlassen als auf der frei geräumten Terrasse. Ich komme neben einer Gruppe zum Sitzen, dynamische Mittdreißger, drei Paare, Biker, die jetzt „zünftig“ ein Bier zu sich nehmen, die stylischen Sonnenbrillen zurecht rücken und sich vor ihren Begleiterinnen  muskelspielend so recht in Positur rücken. Naja, es ist doch Frühling! Statt der kahlen und schmutzigen Schneefelder und den Resten von Wächten um die Hütte herum könnte die Terrasse auch auf einen See im Flachland gehen, es machte scheinbar auf das Verhalten der Besucher kaum einen Unterschied. Hauptsache Sonne, Ziel erreicht, wieder mal der Erste gewesen – gleich gehts in eiliger Sturzfahrt zurück ins Tal!

Einen Tisch weiter schaufelt ein wohlbeleibter Rentier mit seiner Angetrauten (vermute ich in jener Generation) eine deftige Brotzeit in sich hinein, Flasche Bier inklusive, und auf drei aufgetürmten Sitzpolstern sich verbreitend. Die halbe Maß gehört in Bayern sowieso dazu. Als Norddeutscher bevorzuge ich ganz stillos um diese Uhrzeit Kaffee. Bergdohlen kreisen um uns herum und warten auf einen Happen bzw. auf die krümeligen Reste. Die Ersten gehen wieder, Neue kommen jetzt erst an. Hallo und Halli, man ist am Ziel, ein schöner Tag auch, wunderbar, nicht wahr? Diese Berge also… ein Traum. Sonnencreme heraus und frisch eingeschmiert. Klar, besser ist das.

Es geht wieder zurück. Ich komme erneut an der Blumen- und Enzianwiese vorbei, bleibe stehen und beobachte eine Weile, fotografiert habe ich ja schon. Solange ich da stehe und schaue, einige Minuten, bleibt niemand stehen, niemand schaut, bückt sich, selbst die Kompaktkameras taugen wohl nur für Personen. Als eine weitere kleine Gruppe vorbei ist, mache ich mich wieder auf den Weg, sauge die dufterfüllte Luft auf, die mich mit jedem Schritt talab wärmer umspielt. Man kann dann auch ganz still und ganz für sich gehen und schauen, auch mal stehen bleiben und schauen, all die Herrlichkeit in sich aufnehmen.

Der Parkplatz unten ist bei der Rückkehr dicht gefüllt, kein Plätzchen frei. Ich bin früh dran. Hier ist tatsächlich Ruhe. Oben geht die Hetze weiter. Feiertagsausflug, Wanderziel erreicht, die vorgegebene Walking-Zeit eingehalten, erstmals in diesem Jahr wieder einen anstrengenden (boah ei!) Berganstieg per Rad geschafft. Das Triezen macht Vergnügen. Offenbar.

Nur Schauen ist viel zu langweilig.

[Den „schönen“ Fotobericht gibts in meinem Wanderblog „bergehoch und länderweit“.]

 27. Mai 2012  Posted by at 11:12 Berge, Wandern Tagged with: ,  Kommentare deaktiviert für Feiertags – Hetze
Mrz 082012
 
Das Allgäu – ein Ferienland aus dem Bilderbuch. Damit wird gern geworben. Im Frühjahr heißt es aber auch: Allgäuland = Gülleland. Denn es stinkt wieder zum Himmel. Und nicht nur das. In der Idylle gibt es mancherlei Flurschaden. Darüber spricht man seltener.

Das Allgäu ist schön. Besonders das obere Allgäu mit den grünen Wiesen, verstreuten Wäldern und funkelnden Seen vor der imposanten Alpenkulisse begeistert immer wieder des Urlaubers Herz. Jedes Jahr werden es mehr. Im vergangenen Jahr waren es 2,8 Millionen Gäste mit fast 11 Millionen Übernachtungen, eine Steigerung innerhalb eines Jahres um 5 %. Das lässt sich sehen. Postkarten und Fotos aus dem Allgäu passen alle ins Bilderbuch mit saftigen Wiesen und braunen Kühen darauf. Herrlich. Die Landwirtschaft ist Teil der Allgäuer Tradition und eine Attraktion für den Tourismus, heißt es. Familien aus den Städten können hier in malerischer Landschaft ursprüngliche Natur erleben mit Bauernhof, Stall und vielen Tieren. So liest man es in den Prospekten, und bei den bäuerlichen Ferienhöfen stimmt das ja auch. Ziege, Schaf und Kaninchen werden extra für die Touristenkinder gehalten. Und dann die gute Allgäuer Milch und der Allgäuer Bergkäse! Die Milchwirtschaft hat eine starke Lobby und ist tatsächlich so etwas wie die „heilige Kuh“ des Allgäu.

Denn diese malerische  Bilderbuchlandschaft hat auch eine Kehrseite. Über die spricht die Tourismusabteilung der Kurorte natürlich nicht. Selbst in den Zeitungen findet man selten Kritisches. Man muss schon genau hinschauen. In einem Bericht in der Allgäuer Zeitung über die jüngste Vogelzählung fand sich (im gedruckten Text) in einem Satz der Hinweis, dass immer mehr heimische Vögel wegen Nahrungsmangels aus den freien Fluren verschwinden und in den städtischen und dörflichen Gärten ein Auskommen suchen. In einer anderen Ausgabe der AZ (06.03.2012) ist von einem „dramatischen Rückgang von … Grünland und damit verbundenem Artenverlust“ die Rede. Als Ursache wird der hohe Flächenverbrauch für Wohnen und Infrastruktur genannt, der in Bayern während der letzten 40 Jahre zu einer Schrumpfung des Grünlandes von 1,6 Mio. auf 1,1 Mio. Hektar geführt habe. Dass ungefähr im selben Zeitraum die Bevölkerung in Bayern von 8,5 Millionen auf heute knapp 12,6 Millionen Menschen, also um mehr als 40 %, gewachsen ist, wird nicht erklärt. Nur in einem Satz wird erwähnt, dass die „intensivierte Bewirtschaftung des Grünlandes …einen Qualitätsverlust“ bedeute. Mehr an Kritik ist der Allgäuer Milchlobby wohl nicht zuzumuten. Dabei trägt die intensive Landwirtschaft und hier besonders die Milchwirtschaft einen Hauptanteil daran, dass die Allgäuer Wiesen zu „Grünfutter-Monokulturen“ veröden, die Wildtieren kaum Lebensraum bieten. Und deren Gülle stinkt nicht nur im Frühjahr, sondern praktisch ganzjährig zum Himmel. Blumenwiesen? Bütenpracht? Vogelgezwitscher? Artenvielfalt? – Fehlanzeige.

Das alles findet man nur im Hochgebirge, dort, wo keine intensive Nutzung möglich ist. Die Blumen der Grünfutter-Wiesen bestehen überwiegend aus Klee, Löwenzahn und Kerbel, den Liebhabern von reichlich Stickstoff. Genau dies trägt zur Monotonie der Allgäuer Wiesenlandschaft bei. Die kleinen Waldgebiete dazwischen bestehen zudem noch überwiegend aus des Waldbesitzers „Brotbaum“, der Fichte – finstere „Spaghetti-Wälder“ also. Gäbe es da nicht die Alpenkulisse, wäre es eine sehr triste und langweilige Landschaft, dies Allgäuer Voralpenland! Das eintönige Grün gaukelt „buntes“ Leben nur noch vor. Auch die typischen braunen Allgäuer Kühe tragen fast nur noch in den Fotokalendern Hörner. Den so verunstalteten Rinderköpfen wird der Hornansatz aus Gründen der Effektivität (kleinere Stallplätze, mehr Vieh je Stall) frühzeitig weg gebrannt. Die derart zurecht gestutzten Kälber passen nicht so recht zur besungenen Idylle. Und die berühmte Allgäuer Kuh – ist schon längst gar kein Allgäuer Rind mehr. Überhaupt ist die Milchviehhaltung eine recht junge Erscheinung. Schauen wir mal kurz in die Geschichte.

Im Allgäu-Museum in Kempten wird die Geschichte des Allgäu sehr anschaulich dargestellt. Verwundert erfährt man dort, dass die typische Farbe des Allgäu lange Zeit blau war: Das „blaue“ Allgäu, denn das Allgäu war über Jahrhunderte geprägt vom Flachsanbau. Und der Flachs blüht blau! Er passte als genügsame Pflanze zu den mageren Böden des Alpenvorlandes. Die Eiszeiten haben hier in verschiedenen Schüben große Moränen vor sich und unter sich hergeschoben, besonders der Iller-Gletscher. Er hat vom Allgäuer Hauptkamm Geröll, zu Kies und Sand gemahlen und in riesigen Schutthügeln im Vorland abgelagert. Man sieht diese Endmoränen und teilweise auch die darunter liegernde Molasse überall, wo die Graskrume abgebaggert oder abgerutscht ist wie in zahlreichen Tobeln (=Geländeeinschnitte). Das komprimierte Material ist zu „Nagelfluh“ verdichtet. In jedem Falle ist dies ein sehr wasserdurchlässiger Boden, der kaum Humus gebildet hat, also nährstoffarm ist. Man sieht es deutlich, wenn man heute auf der A7 von Memmingen aus den Ausläufern der Donauebene nach Kempten „herauf“ kommt: Hinter Bad Grönenbach hört die Feldwirtschaft abrupt auf und die Wiesenwirtschaft dominiert. Grund dafür ist nicht nur die Meereshöhe, die zwischen etwa 600 und 800 m keine Feldwirtschaft mehr erlauben würde, sondern vor allem der magere Boden, der kaum Nährstoffe enthält und dessen Humusschicht dünn ist. Magerwiesen würden hier also dominieren, wie sie es Jahrhunderte taten dort, wo kein Flachs angebaut wurde. Diese Magerwiesen waren naturgemäß blütenreich, aber eine dürre Grundlage für die Bauern. Bergbauer im Allgäu zu sein bedeutete ein hartes Leben knapp über der absoluten Armutsgrenze. Von Milchvieh keine Spur, bestenfalls ein paar Ziegen bevölkerten den Stall des einfachen Allgäuer Bauern. Und Flachs hielt ihn am Leben neben Holz und, wo es das gab, Erz (wie die Erzgruben im Grünten zeigen).

In einer beeindruckenden Fotoausstellung im Kemptener Alpin-Museum „BergLeben“ (2010) der Allgäuer Fotografin Erika Groth-Schmachtenberger (1906 – 1992) wird das harte und entbehrungsreiche Leben der Allgäuer Bergbauern bildhaft deutlich. Wenn auch noch in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts von den steilsten Hängen des Grünten unter äußerster körperlicher Anstrengung Heu geerntet wurde, dann nicht wegen der „Landschaftspflege“ oder irgendwelcher Extrem-Gelüste, sondern weil die schlichte Not dazu trieb, jede nur erreichbare Wiese zu ernten, denn die Winter waren lang und kalt, und die Weiden brachten nur wenig Ertrag. Als Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der billige Baumwoll-Import mit Dampfschiffen aus Übersee den Flachsanbau gänzlich zum Erliegen brachte, fingen im Allgäu Notzeiten an. Die Waldwirtschaft und ehedem der Erzabbau  konnten keine ausreichende Lebensgrundlage mehrbieten, und die Viehwirtschaft war ohne neue Impulse noch zu gering. Das Bäuerliche blieb lange Zeit abgesehen von wenigen Großbauern in begünstigten Tallagen karge Subsistenzwirtschaft. Welcher Bauer sich dann neben den Ziegen und Schafen ein paar Kühe leisten konnte (und sie auch im Winter ernähren konnte!), der gehörte schon zu den Glücklicheren. Noch war die Allgäuer Milch kein Begriff! Die Umstellung auf Viehhaltung und Milchwirtschaft war aus dieser Not geboren, und bedurfte einiger Pioniere wie des Schweizer Sennermeisters Johann Althaus in Sonthofen.

Auch die Anfänge des Tourismus waren eher bedächtig, in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts ging es dann allmählich richtig los: „Sommerfrische“ für die Städter. Und so blieb es dann für viele Jahrzehnte bei mehreren Standbeinen für das Allgäu: Vermehrte Viehhaltung mit Milchwirtschaft (braunes Allgäuer Rind; Alp-Bewirtschaftung), Holzwirtschaft und Fremdenverkehr. Zwischen den Weltkriegen, in den „Goldenen Zwanzigern“, wuchs Oberstdorf bereits zu einem ansehnlichen Kurort mit Wintersportbetrieb heran; die erste Sprungschanze am Schattenberg wird 1924 errichtet. 1929 zählt der dortige Fremdenverkehrsverband 600.000 Übernachtungen! Aber der richtige Schub erreichte das Allgäu erst nach dem 2. Weltkrieg ab Mitte des vorigen Jahrhunderts, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Und damit kommen wir auch langsam zu den heutigen Flurschäden.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist in der Landwirtschaft geprägt durch eine massive Intensivierung und eine auf größere Betriebe und höhere Produktionsleistungen zielende Agrarpolitik der EWG / EG / EU. Für das Allgäu bedeutete dies, dass die Wiesenwirtschaft nahezu vollständig intensiviert betrieben wurde, also durch den Einsatz von mineralischer Düngung und vor allem Gülle (Stickstoff). Die Grasleistung konnte so erheblich erhöht werden; auch im oberen Allgäu sind heute 4 – 5 Grasschnitte (Heuernten) möglich und üblich. Der zweite wichtige Faktor war die nahezu vollständige Ersetzung des traditionellen Allgäu-Rindes durch die auf Hochleistung in der Milchproduktion getrimmte Zuchtrasse „brown-swiss“. Diese ursprünglich schweizerische, dann in den USA gezüchtete und ab 1960 in Europa eingekreuzte Rinderrasse ist deutlich größer und vor allem sehr viel schwerer als das ursprängliche Allgäurind. Dafür ist seine Milchleistung nahezu verdoppelt: von 6-7000 Liter pro Kuh und Jahr auf heute 12 – 14000 Liter Jahresleistung je Milchkuh „swiss-brown“. Solche Hochleistungkühe kommen mit einfachem Gras und Heu längst nicht mehr aus und müssen mit ergänzendem Kraftfutter versorgt werden. Dies ist teuer – und so sind die Allgäuer Milchbauern natürlich daran interessiert, die Leistungsfähigkeit ihrer Wiesen so hoch wie möglich zu steigern. Der massive Einsatz von Gülle gehört dazu. So konnte bei ungefähr gleichbleibendem Viehbestand die Produktionsleistung verdoppelt werden. Allerdings fressen Hochleistungskühe nicht nur sehr viel mehr bzw. Hochwertiges, sondern produzieren auch entsprechend mehr Mist und Gülle. Und diese landet auf den Allgäuer Wiesen, fast während des ganzen Jahres. Und so stinkt es denn gen Himmel…

Die intensive Nutzung des Graslandes („Grünfutter-Monokultur“) hat nicht nur Hecken und Buschwerk von den Wiesenrändern verbannt, sondern die „fetten“ Wiesen bringen nur noch eine Pflanzenwelt hervor, die solche nährstoffreichen Grundlage verträgt; in der Folge gilt das ebenso für die Tierwelt. Von einer artenreichen, bunten Flora und Fauna kann in der typisch „grünen“ Allgäuer Wiesenlandschaft schon längst nicht mehr die Rede sein. Wer  monotones Grün und Gülle-Luft für „natürlich“ und eben typisch für die Landwirtschaft hält, der kommt hier auf seine Kosten. Natürlich ist das aber keineswegs, sondern Ergebnis einer quasi industriellen Milchwirtschaft; es ist so gewollt. Der Münchener inzwischen emeritierte Biologe Josef H. Reichholf hat in seinen Büchern wiederholt auf diese Zusammenhänge hingewiesen und sie mit Datenmaterial belegt (so z.B. in: Ende der Artenvielfalt? 2008) Die Gärten in den (Groß-) Städten sind heute zum Rückzugsort vieler Arten geworden. Die intensive Landwirtschaft ist im Gegensatz zur offiziellen Propaganda wenig am Erhalt der Artenvielfalt und einer der Allgäuer Landschaft besser entsprechenden Produktionsweise interessiert; sie trägt maßgeblich zum Schwund der Arten und zur Eintönigkeit des „grünen“ Allgäu bei.

Der Landschafts- und vor allem Alpenschutz, den die Milchwirtschaft stets betont, ist auch mit Vorsicht zu genießen. Die größeren und entsprechend schwereren Tiere sind für die Alpwirtschaft keineswegs unproblematisch. Auch die normalerweise auf den Bergweiden während des Sommers gehaltenen Jungtiere sind schon erheblich größer und schwerer als die früheren Allgäu-Rinder – und erst recht als Schafe und Ziegen. Wenn dann, wie heute im Allgäu üblich, die Jungtiere in großen Herden auf wenigen Alpen zusammengefasst werden, so kann man das Ergebnis beim Wandern sehr leicht zu Gesicht bekommen: völlig zertrampelte, aufgerissene und nach Regen verschlammte Bergwiesen dort, wo die großen Herden (200 – 300 Stück Vieh) den Sommer über gehalten werden. Schutz der Berglandschaft sieht anders aus.

Über diese und andere Zusammenhänge und Grundlagen hat Andreas Moser in seiner ausgezeichneten Sendereihe „NetzNatur“ des Schweizer Fernsehens jüngst hingewiesen: „Kuh sein“ (derzeit ist die Sendung noch im Archiv). Gerade der Liebhaber der Allgäuer und überhaupt alpinen Berg- und Wiesenwelt, zu der Kühe seit Jahrhunderten (in Maßen, nicht in Massen!) dazu gehören, erfährt dort viel Wissenswertes über die Probleme und künftigen Möglichkeiten der Milchwirtschaft in den Alpen. Um des Tourismus willen ist man sogar im Allgäu mit seiner starken Milch-Lobby zu Kompromissen bereit. So wird in den Erholungsgebieten des höheren Illertales nur eingeschränkt Gülle ausgebracht, allerdings noch genug, dass die Illerwiesen viel zu fett sind, als dass sie wirklich Blumenvielfalt hervorbringen könnten. Und auch das traditionelle Allgäu-Rind soll wieder eine Chance haben; einige Allgäuer Bauern haben sich der erneuten Züchtung dieser fast völlig verschwundenen Rinderrasse gewidmet. Und sogar gehörntes Milchvieh gibt es noch? wieder? zu sehen!

Welcher Artenreichtum, welche bunte Bergblumenpracht sich auf Talwiesen, die mager belassen werden, entfalten kann, das kann man im benachbarten Tannheimer Tal (Tirol) sehen. Die Wiesen dort bringen im Frühsommer eine unglaubliche Vielfalt an Blumen hervor, dass es eine Freude ist – und dieser Genuss ist zudem (und nur!) ohne die stinkende Gülle zu haben. Es geht also auch anders, wenn man nur will. Es bleibt daher zu hoffen, dass auch im Allgäu mehr und mehr Milchwirte von intensiv auf extensiv umschalten und, wenn sie ihre Produktion als biologisch nachhaltig zertifizieren lassen („Bio-Höfe“), eine sehr viel hochwertigere und wohlschmeckendere Milch plus Milchprodukte auf den Markt bringen können, als es die nur auf Masse angelegte intensive Landwirtschaft ermöglicht. Dann sollte es vielleicht auch wieder möglich sein, auch in einem normalen Lebensmittelgeschäft in Kempten (zum Beispiel) Milch Allgäuer Herkunft kaufen zu können. Es ist ein schlechter Witz, dass die hiesigen Molkereien der früheren Betriebe „Allgäuland“, nun im Besitz des schwedischen Lebensmittelkonzerns ARLA, nur noch Käse produzieren. Das klingt zwar fast wie ein Schildbürgerstreich, ist aber nur das geringste Problem. Es wäre schon viel gewonnen, wenn über das Spannungsverhältnis von intensiver Milchwirtschaft, Artenvielfalt, sanftem Tourismus und Erhaltung der besonderen alpinen Kulturlandschaft wenigstens offen und frei von Lobby-Interessen gesprochen und diskutiert werden könnte. Landwirtschaft, Tourismus und Naturschutz stehen seit langem in einem Widerstreit, der eigentlich nur gemeinsam zu lösen ist. Es geschieht schon vieles, und es ist zu hoffen, dass das Biodiversitäts-Programm des Bayrischen Staatsministeriums für Umwelt wirklich zu messbaren Erfolgen führen wird.

„Flurschaden“ habe ich diesen Artikel überschrieben, aber aus Schaden kann man doch klug werden. Ich hoffe und wünsche es sehr für dies doch eigentlich wunderschöne Allgäu!

 8. März 2012  Posted by at 18:01 Landwirtschaft, Natur Tagged with: , ,  Kommentare deaktiviert für Flurschaden
Apr 182010
 

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„Wohl noch nie hat eine Naturgewalt Mensch und Maschinen so in die Schranken gewiesen.“ schreibt n-tv heute. Dass immer erst so etwas passieren muss, bis der Mensch endlich zähneknirschend anerkennt, dass die Natur ihm immer noch und bis auf (endlos) weiteres „über“ ist. Von wegen „die Kräfte der Natur gebannt“ – Wunschtraum. Es gibt wohl beeindruckende Leistungen der Ingenieure beim Kanalbau, Gewässerschutz, Staudamm- und Brückenbauten. Unser Flugverkehrssystem ist auch bewundernswert perfektioniert. Dann kommt ein etwas größerer Vulkanausbruch in Island (das Inselland ist derzeit reichlich gestraft: erst seine exorbitante Bankenpleiten, dann auch noch der Vulkan mit schmelzendem Gletschereis…), und vorbei ist es mit all unserer Herrlichkeit, „Beherrscher“ der Natur zu sein. Das Erbeben von Haiti war ja auch schon schrecklich, aber weit weg. Da sind wir wie Kinder: Die lernen auch erst, wenn sie fühlen. Wenn der Mensch aus diesen Ereignissen lernen würde, die Natur mit ihren Wundern und Gewalten als respektvoll zu behandelnden und sehr eigenständigen Partner zu sehen, dann wäre schon viel gewonnen.

 18. April 2010  Posted by at 07:04 Natur, Vulkan Kommentare deaktiviert für >Vulkan
Dez 062009
 

>Nun beginnt also morgen in Kopenhagen die Rettung der Welt. Es geht um nicht weniger als „die Prüfung der Menschlichkeit„, liest man. In hoch dramatischen Tönen werden noch einmal in den Zeitungen und Medien die bevorstehenden Katastrophen ausgemalt: „Erwärmung von bis zu sechs Grad im weltweiten Durchschnitt … würde mit großer Wahrscheinlichkeit zu unbeherrschbaren Folgen führen.“ – „Meeresspiegelanstieg von sieben Meter“ – „Destabilisierung des indischen Sommermonsuns“ – „Austrocknen der Subtropen“ – „Trinkwasserknappheit“ – „Überschwemmungen infolge extremer Niederschläge“ – “ Versauerung der Ozeane“ – “ (würden) langfristig sogar große „Sauerstofflöcher“ entstehen, also gewissermaßen Todeszonen“ – Fazit: „für Millionen von Menschen existenzbedrohend“ (alles ebd.). Nun, ein solches Weltuntergangsszenario möchte man doch lieber vermeiden, zumal dies alles „die Meinung der überwältigenden Mehrheit der Wissenschaftler“ ist, also vom Realitätswert her nahe bei 100% („Größenordnung neunzig Prozent“) liegt und damit vernunftmäßig sakrosankt wird. Zum Glück wird von den Klimawissenschaftlern auch gleich „Heil“ angekündigt und die Perspektive für eine Lösung mitgeliefert, denn: „Wir Menschen sind zweifellos imstande, das schier Unmögliche zu erreichen, wenn wir es wirklich wollen. Das Klimaproblem ist immer noch lösbar.“ Wie beruhigend. Mojib Latif kriegt das Klimaproblem schon in den Griff, mit Schellnhubers Assistenz. Wie gut, wieder einmal kann ‚die Welt am deutschen Wesen genesen‘. Dem teutonischen Deutschen und dem geschickten Ingeniör ist bekanntlich nichts zu schwör. Da wird man auch „das Klima“, wie es in großen und kleineren Perioden in Jahrtausenden und Jahrmillionen sich entwickelt, mal eben als Problem in den nächsten 20 Jahren „lösen“: „müsste der weltweite Ausstoß an Treibhausgasen … deutlich vor 2020 seinen Scheitelpunkt überschritten haben“. Toll.

Kein Zweifel, es gibt unstrittig einen durch Menschen verursachten Anteil an den Veränderungen der klimatischen Bedingungen auf unserem Planeten. Das begann schon durch das Abholzen der Wälder des Libanon durch die Phönizier und dann durch die Römer. Die industrielle Welt hat die früher stets lokal begrenzeten Eingriffe in das Natur- und Klimageschehen radikal „globalisiert“. Es geht inzwischen auch um ganz andere Größenordnungen, alles unstrittig. Aber, liebe „Klima-Gurus“ (denn als ideologische Fanatiker, „Alarmisten“ genannt, treten manche Klimaforscher auf), alle eure Vorhersagen sind gar keine, sondern sind Ergebnisse von computergestützten Modellrechnungen. Solche beeindruckenden Rechenwerke werden „modelliert“, d.h. die Basisdaten und Bedingungen / Verknüpfungen werden entsprechend den Vorgaben eingegeben, und diese Vorgaben entsprechen (hoffentlich) immer wahrheitsgemäß und nachprüfbar dem derzeitigen Stand der Wissenschaft. Fehlerhaft sind und bleiben alle diese Modelle; sie dürfen das eigene Denken und Urteilen allenfalls flankieren, aber nicht ersetzen. So können aus solchen Modellen auch keine Handlungsanweisungen abgeleitet werden. Das müssen denkende und verantwortungsvolle Menschen schon selber tun in Kenntnis möglichst vieler Faktoren ihrer jeweiligen Lebenswirklichkeit. Manchmal kann es da durchaus sinnvoller sein, Finanzmittel in Schutzmaßnahmen gegen Fluten oder Dürre zu investieren, statt einem „Zwei-Grad-Erwärmungsziel“ wie einem Glaubenssatz hinterher zu laufen, der sich möglicherweise schon bald als irrig oder unzureichend erweist.

Vor rund 100 Jahren, im Jahre 1912, versammelte sich die wissenschaftliche und politische Welt (mit dem jungen Churchill an der Spitze und unter der wissenschaftlichen Leitung eines Darwin-Sohnes) in London zu einer ersten großen Weltkonferenz zur Rettung der Menschheit. Es ging programmatisch um die Verbesserung der Lebensumstände und der Überlebensfähigkeit der Menschheit insgesamt. In teilweise erbitterten Kampfschriften und weit verbreiteten Publikationen hatten Befürworter wie Gegner ihre Positionen dargelegt; die Befürworter einer strikteren Politik konnten sich auf diesem ersten Weltkongress durchsetzen, flankiert und angetrieben durch damals aktuelle „eindeutige“ wissenschaftliche Befunde und Lehrmeinungen. Die aus diesem und dem 9 Jahre später in New York folgenden 2. Weltkongress abgeleiteten sozialen und politischen Folgerungen wurden in vielen der großen Länder der damaligen „zivilisierten“ Welt mit gesetzlichen Regelungen umgesetzt, so in England, in den USA, Kanada, Deutschland, Schweden. Erst 1975 hob Schweden das letzte diesbezügliche Gesetz auf.

Ich meine die „International Eugenics Conferences„, deren es drei gab: 1912, 1921 und 1932. Eugenik und Rassenhygiene waren damals die anerkannten Schlagworte in der teilweise wissenschaftlichen, auf jeden Fall populärwissenschaftlen und politischen Welt. – Nach 1945 hatte sich das Thema weitestgehend erledigt. Die Opfer dieser ideologisierten Politik, die von den Nazis dann auf die Spitze getrieben wurde, fanden keine Entschuldigung; sie wurden nie rehabilitiert.

 6. Dezember 2009  Posted by at 17:00 Ideologie, Klima, Politik Kommentare deaktiviert für >Die Weltrettung beginnt
Nov 222009
 

>Im inzwischen zu Ende gehenden Darwin-Jahr 2009, in dem des 200. Geburtstages von Charles Darwin gedacht wird, waren zahlreiche Fernsehsendungen zu sehen und Radiobeiträge zu hören und Internetseiten zu lesen, in denen Darwin als „Begründer der Evolutionstheorie“ gefeiert wurde. Noch gestern Abend gab es in Bayern Alpha zwei Beiträge über Darwins „Reise ans Ende der Schöpfung“ und über „Galápagos, den Garten Eden“. Auf der Webseite „BR-Online“ findet sich eine ausführliche Übersicht und Würdigung von Charles Darwin und seiner „Evolutionstheorie“, durchaus gut und informativ gestaltet. Dort findet man auch einen eigenen Abschnitt über die „Evolutionslehre: „Survival of the Fittest“ – Die Evolutionstheorie.“ Die Darstellung beginnt mit dem „biblischen Schöpfungsbericht“, der „im jüdisch-christlich geprägten Kulturkreis viele Jahrhunderte lang als Tatsache“ gegolten habe. Weiter unten auf der Webseite folgt eine Darstellung der Position der „Kreationisten“ und eine kritische Auseinandersetzung mit der US-amerikanischen Ideologie des „Intelligent Design“ – ich erwähne das der Vollständigkeit halber, um keinen falschen Eindruck meiner nachfolgenden Kritik zu erwecken. Denn diese Beiträge sind gut gemeint, meist gut gemacht und typisch für die mediale Öffentlichkeit der letzten Monate zum Thema Darwin.

Problematisch ist die Bezeichnung „Begründer“ oder „Schöpfer“ der Evolutionstheorie. Problematisch ist die Gegenüberstellung und Abgrenzung zum „biblischen Schöpfungsbericht“. Problematisch und bezeichnend ist die sogleich und fast gleichwertig, wenn auch kritisch präsentierte „Lehre“ des Kreationismus unter dem modernen Titel des „Intelligent Design“. Man beachte die Terminologie: Die Evolution ist nur eine „Theorie“, wenngleich eine weithin anerkannte; der biblische Schöpfungsmythos ist ein Jahrhunderte lang akzeptierter „Bericht“; der Kreationismus ist eine verbreitete, aber nicht allgemein anerkannte Theorie. Was ist allein aus dieser Terminologie zu schließen? Ein Bericht beschreibt Dinge, die als Tatsachen gelten, geht also von der Tatsächlichkeit seiner „Fakten“ aus, dies umso mehr, wenn die Geltung und Deutung eines solchen „Berichtes“ über Jahrhunderte verbürgt zu sein scheint. Ganz anders eine „Theorie“ mit dem fast immer mitschwingenden Unterton „bloß“ eine Theorie. Denn eine Theorie ist dem Wortsinne nach eine Anschauung über Fakten, eine Deutung von Gegebenheiten, deren Wahrheitsgehalt noch und immer wieder zu überprüfen ist, also zu verifizieren oder genauer nach Popper zu falsifizieren ist. Über Gegebenheiten kann es verschiedene Theorien geben, die dann Ausdruck unterschiedlicher Anschauungen und experimentell erhärteter Beweise sind. Ein Bericht dagegen suggeriert Augenscheinlichkeit und selbstverständliche Authentizität. Eine Theorie interpretiert und deutet, ein Bericht nennt „Fakten“. Eine Theorie ist nur eine vorläufige Annäherung an die Wahrheit, ein Bericht beruht auf evidenter Tatsächlichkeit. „Theorie“ und „Bericht“ sind eigentlich keine Gegensätze, sondern unterschiedliche Gattungen von Aussagen. Eine Theorie ist die wissenschaftliche Beschreibung der Annäherung an die Wirklichkeit, wie sie auch jenseits des Augenscheins „wirklich“ ist. Ein Bericht aber will den eigenen Augenschein wiedergeben und beschreiben. Er setzt die Tatsächlichkeit des Beschriebenen voraus, wie immer es sich dann mit dem Wahrheitsgehalt und der Objektivität des Beschrieben verhält. Im Rahmen wissenschaftlicher Erkenntnis kann ein Bericht zum Beispiel von der Anordnung eines Experiments und dessen Verlauf gegeben werden. Wie das Ergebnis des Experiments zu deuten ist, beschreibt dann die Theorie. Umgangssprachlich allerdings erhebt ein „Bericht“ eher den Anspruch der Faktizität als eine bloße „Theorie“, die Subjektivität und bloße Meinung suggeriert.

Zurück zu den medialen Würdigungen Darwins. Sind die dort verwendeten Termini also eher streng erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch gemeint oder mehr umgangssprachlich? Als aufklärende Informationen der öffentlich-rechtlichen Medien ist hier wohl die umgangssprachliche und allgemein verständliche Bedeutung der Terminologie vorherrschend und auch gewollt, schließlich sollen und wollen die Infos „aufklären“. Genau das tun sie aber nicht.

Kein Redakteur oder Autor populärwissenschaftlicher Beiträge käme auf die Idee, den Umsturz des Weltbildes im 15. und 16. Jahrhundert als „Galileis Meinung“ oder „Keplers Theorie“ oder als „Theorie des Kopernikus“ darzustellen; stets ist von der „Kopernikanischen Wende“ des Weltbildes die Rede. Dass die Sonne im Mittelpunkt der in elliptischen Bahnen um sie kreisenden Planeten steht, gilt seit dem als gewisse Tatsache. Niemand würde hier von „bloßer Theorie“ sprechen, wenngleich sie gut belegt und experimentell (Raumflüge!) bestätigt ist. Tatsächlich ist auch dieses moderne Weltbild „nur“ ein Bild, also eine wissenschaftliche Theorie, deren Einzelheiten immer wieder überprüft und an die experimentellen Befunde angepasst werden müssen. Wie sehr sich auch heutige Weltbilder verändern, zeigt die Entwicklung der populär sog. „Atomtheorie“, deren Grundlagen derzeit mit den Experimenten am LHC im CERN (Genf) überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden (müssen). Im Allgemeinverständnis aber sind die Erkenntnisse eines Galilei, eines Kopernikus und eines Kepler gleichsam Grundlagen unseres Welt- und Wirklichkeitsverständnisses geworden. Über den Mars kann man nun „berichten“, aber eben keine „Theorie“ mehr erstellen. Die Fakten gelten als selbst evident und allgemein bekannt und anerkannt.

Erstaunlicherweise ist das bei der Beschreibung dessen, was wir „Evolution“ nennen, noch immer ganz anders. Vielleicht sind 150 Jahre einfach zu kurz, um die tiefgreifende Veränderung, die die Entdeckung der Evolutionsgeschichte und der Mechanismen der Evolution eigentlich bedeuten, in das allgemeine Bewusstsein und Weltverständnis eindringen zu lassen. Selbst informative Beiträge im Darwin-Jahr betrachten die Gegebenheit der Evolution noch immer als eine „bloße“ Theorie, das ist schon befremdlich. Man kann Charles Darwin und Alfred Russel Wallace als Entdecker der Evolution würdigen, und die wissenschaftliche Abgrenzung zu ihnen ist nicht ein religiöser Schöpfungsmythos, sondern zum Beispiel die bis dahin mehr verbreitete Theorie des ersten modernen „Biologen“ Jean-Baptiste de Lamarck. Vieles muss die heutige Evolutionsforschung anders und neu schreiben. Darwins „Origin of Species“ ist zwar nach wie vor ein wissenschaftsgeschichtliches Fundament, aber die moderne Evolutionsbiologie und Genetik führt mit ihren Experimenten und Erkenntnisses doch schon recht weit über Charles Darwin und sogar über den vor wenigen Jahren verstorbenen Großmeister der Evolutionswissenschaft, Ernst Mayr, hinaus. Heute (siehe das sehr gute Interview mit Eve-Marie Engels im SWR2) spielen spontane, etwa durch Umweltbedingungen induzierte Mutationen eine viel größere und wichtigere Rolle, als es das ursprüngliche Verständnis der Evolution vermuten ließ, wie die Erforschung der Genfaktoren in der Populationsgenetik und der Forschungsbereich der Epigenetik ergeben haben. Bei aller Veränderung im Detail und bei aller Ausdifferenzierung in der heutigen Evolutionsforschung besteht doch darin keinerlei Zweifel: dass es sich bei dem, was wir Evolution nennen, um einen tatsächlichen Vorgang handelt, dessen Gegebenheit und Nachweisbarkeit ebenso selbstverständlich und evident ist wie das Weltbild Keplers. Evolution kann man entdecken, beschreiben, differenzieren, erforschen, darüber berichten, ihre Folgen und Auswirkungen diskutieren, die Zukunft prognostizieren, man kann auf der Gegebenheit der Evolution Artenbeschutzprogramme und Naturschutzsysteme entwickeln und auch zu Ideologien missbrauchen, aber man kann eines definitiv nicht: das Geschehen der Evolution als „bloße Theorie“ in Frage stellen. Es gilt das Wort des großen Evolutionsbiologen Theodosius Dobzhansky: “Nothing in Biology makes sense, except in the light of evolution.” „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution.“

Darum sollten wir aufhören, eine missverständliche Terminologie zu verwenden und falsche Alternativen aufzumachen. Die religiösen Schöpfungsmythen sind ebenso defintiv, d.h. auch im Selbstverständnis der Religionen, keine Alternative zu wissenschaftlicher Theoriebildung und zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Den Unsinn dieses „Gegensatzes“ sollte man endlich auch im „ÖRRTVI“, im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen und Internet, beenden. Charles Darwin aber und die Geschichte seiner Forschungen und Schriften können uns auch heute noch unser Weltverständnis erhellen, wenn und weil wir unsere Welt nun „im Lichte der Evolution“ betrachten können.

 22. November 2009  Posted by at 08:16 Evolution, Gesellschaft, Naturwissenschaft Kommentare deaktiviert für >Darwin – Entdecker der Evolution