Dez 162012
 

Hans Ulrich Gumbrecht hat in seinem FAZ-Blog Digital/Pausen einen bemerkenswerten Beitrag zum Thema Segen geschrieben. Er geht von seiner persönlichen Erfahrung als „durchschnittlicher Agnostiker“ und Großvater aus. Am Ende eines Besuches bei seinen Enkelkindern möchte er ihnen beim Abschied etwas mitgeben. Er ertappt sich bei einem eigentümlichen Gefühl:

…  dann möchte ich immer gerne eine Geste haben, eine körperliche Geste und eine Formel aus Wörtern, welche die beiden bis zur nächsten Begegnung beschützen könnte – ganz so wie mir mein Vor-Bewusstsein einflüstert, dass ihnen nichts passieren kann, solange ich bei Ihnen bin … Problematisch zumindest erscheint der Glaube, es ließe sich in Abwesenheit irgendetwas ausrichten für die Sicherheit meiner Enkelkinder; wie eine Illusion fühlt sich der Gedanke an, dass dies durch eine kombinierte Form aus einer Geste und Worten bewirkt werden könnte; und peinlich vor allem ist mir, wie sehr diese Vorstellung an die religiöse Institution des Segnens erinnert.  So bleibt es dann, aus Gründen akkumulierter potentieller Peinlichkeit eben, stets bei einer – bis zum nächsten Mal – letzten Umarmung, die allerdings etwas enger und länger ausfällt als sonst, und von der ich auch tatsächlich möchte, dass sie als besonders intensiv wahrgenommen wird.

Und er fragt sich „Wie sollte ein Segen mir, dem Agnostiker, helfen, und wie könnte es meinen Enkelkindern nutzen, wenn ich Agnostiker sie segnete?“ und fragt dies auch seine „Pastoren-Freundin Antje Lewitz-Danguillier“. Er gibt im Blog ihre ausführliche Antwort wieder. Man kann es an Ort und Stelle nachlesen. Es ist eine typische modern-evangelische Antwort, wie man sie so oder ähnlich auch hier bei uns von vielen jüngeren Pastorinnen (junge evangelische Pastoren gibt es kaum noch) zu hören bekommen könnte, sehr gefühlvoll, sehr „ganzheitlich“, manchmal etwas nach Yoga klingend, auf jeden Fall recht konservativ spirituell: Segen als „Erfahrungsform für Gottes lebendigen Geist im Leben“, als „spürbare Energie“, als „tieferes Berührtwerden“, als „körperliche Erfahrung“ der Gegenwart und „besonderen Energie“ (so mehrfach) Gottes und ihrer „Resonanz“ in mir, usw. Man kann dem glaubend zustimmen oder auch nicht. Man könnte es auch anders beschreiben. Aber einen Satz aus der Antwort der Pastorin möchte ich noch festhalten, wenn sie über die Wirkung ihres Segnens schreibt: „Dabei geht es um tief empfundene, manchmal schon vergessen geglaubte Gefühle.“

Christus in Rio

Hier interessiert mich nun, wie Hans Ulrich Gumbrecht, der umfassend gebildete Literaturwissenschaftler, Literat und Philosoph, mit seinem Gefühl und mit dieser Antwort umgeht, soweit er uns davon in seinem Blog wissen lässt. Er wägt die erhaltene Antwort ab im Zusammenhang der katholischen Tradition, der er selber entstammt, und seiner eigenen Haltung der Agnostik: „Denn ich selbst habe keinen Gott, den ich verkörpern oder dessen Kraft ich wenigstens vermitteln könnte.“ Die „Geste des Segnens“ beeindruckt ihn, drängt sich ihm auch gegenüber seinen Enkeln auf, wiewohl sie „nichts mit Magie zu tun“ hat, wie er betont, keine „unmittelbare Heraufbeschwörung“ ist. Dennoch fühlt er sich positiv eingenommen gegenüber einer solchen Segenshandlung:

Einem so starken Gefühl nun eine von mehreren möglichen Formen, eine von mehreren möglichen rituellen Formen zu geben (nicht unbedingt „seine eigene“ rituelle Form), das gelingt offenbar vor allem dann, wenn diese Formen eine ansonsten wenig konturierte Sequenz des Verhaltens sichtbar beschließen  (wie es der Segen am Ende des Gottesdienstes tut). Natürlich, ich habe kein Recht zu hoffen, dass ein säkularer Segen (mehr kann ich ja nicht beanspruchen) meine Enkel beschützen wird, während ich abwesend bin. Aber er würde meine Liebe und meine Sorge für sie vielleicht zu einem spürbaren Geschenk machen – und mich damit in einer Weise für sie gegenwärtig halten. So könnte ihnen tatsächlich der Segen ihres ungläubigen Großvaters nutzen.

Dies ist beeindruckend ehrlich und sensibel geurteilt. Aus meiner Sicht brauchte sich Gumbrecht aber keineswegs zu entschuldigen, wenn er sich nun seinerseits beinahe peinlich berührt wiederholt als „Agnostiker“ bezeichnet, der mit der Realität Gottes hadert. Warum dies? Warum die entschiedene Abwehr des Gedankens, es könnte sich um eine magische Vorstellung handeln? Denn natürlich ist die Segenshandlung religionsgeschichtlich eine sublime Form der Magie, der Beschwörung. Warum sonst haben Priester aller Religionen immer auch gerne die in die Schlacht ziehenden Heere gesegnet? Ist es dem aufgeklärten Agnostiker Gumbrecht zuwider, bei sich selbst ein so archaisches Motiv zu entdecken, wie es die Spendung eines Segens, die Beschwörung guter Geister, eben auch ist?

Gott-los in theistischer oder in deistischer Form muss nun wirklich nicht gleichbedeutend sein mit religionslos. Betrachten wir an der Religion die subjektive Seite (nur über diese sind verlässliche Aussagen möglich), so finden wir Bedürfnisse, Gefühle und Handlungsebenen, die offenbar tief im Menschen verankert sind, also die Mentalität im vor- und unbewussten Bereich prägen. Das Gefühl der Abhängigkeit (Ohnmacht) gegenüber dem „Schicksal“ gehört dazu, die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Trost und Vergebung, der Zuspruch von Güte und Heil (Segen). Ich habe das Wort „Zuspruch“ absichtlich verwandt, denn vieles im Kultisch-Rituellen ist „Wortgeschehen“, ist „performative Rede“, die der „Zeichenhandlung“ (symbolischer Realität) zur Seite steht. Performative Rede oder Akte sind unmittelbares Wirksamwerden des Gesagten bzw. Getanen. Der Richterspruch ist solch ein performativer Akt, der neue Wirklichkeit im Aussprechen setzt. Vergleichbar ist das Segnen mit der Segensformel ein performativer Sprechakt: Das Wort tut, was es sagt. So der Glaube.

Und genau dies ist der entscheidende Faktor in allem religiösem Tun und Reden: Der Glaube, dem das Tun gilt bzw. der das Wort hört und annimmt. Ihm wird dann das Wort zur Realität, der Segen erfahrbar, wirksam. „Glaubst du, so hast du.“ ist einer der Kernsätze des Reformators Martin Luther, dem ich ansonsten in Wenigem, dafür in diesem Punkt gerne folge. Der Satz lässt sich auch umkehren: Glaubst du nicht, so hast du nichts. „So ist es nun der Glaube, der Gott und Abgott macht.“ (Luther). Ein wahres Wort, weil man für Abgott auch Nicht-Gott setzen kann. Die Subjektivität, das glaubende Ich, ist im religösen, im kultischen und rituellen Vollzug der entscheidende Träger aller religiösen Wirklichkeit. Alles andere ist nur Folklore.

Darum stimme ich diesem einen Satz der befreundeten Pastorin Gumbrechts zu: Beim Segen „geht es um tief empfundene, manchmal schon vergessen geglaubte Gefühle.“ Der religiöse Mensch ist in all den Formen des modernen Menschseins eben nicht so leicht tot zu schlagen. – Und der Schlussbemerkung Gumbrechts stimme ich zu, dass seine Segensworte zum Abschied „meine Liebe und meine Sorge für sie vielleicht zu einem spürbaren Geschenk machen“. Das allein ist wichtig, das allein ist entscheidend und aller Grund, es so zu tun, nämlich das, was seine Enkelkinder dabei empfinden, was sie als ihres Großvaters „Geschenk“ spüren können: seine Hand, den Atem seiner Seele. So kann die performative Geste des Abschieds, sein Segenswort, der „Segen des ungläubigen Großvaters“, sehr wohl bei seinen Enkelkindern wirken, und insofern auch „tatsächlich nutzen“. Das ist dann keine „Illusion“.

 

Natürlich weiß dies alles auch Hans Ulrich Gumbrecht. Ich brauche den kundigen Literaturwissenschaftler nicht über „Sprechakte“ zu belehren. Ich wollte es in diesem Zusammenhang nur in Erinnerung rufen. Es ist kein Umweg über den Theismus nötig, und Magie und „Wirk-Worte“ sind uns im Alltag oft viel gegenwärtiger, als wir meinen.

Und außerdem „wirkt“ natürlich immer eine ausgefeilte frühkindliche Imprägnierung, wie sie katholische Erziehung in Jahrhunderten erprobt und verfeinert hat. Das wirkt lebenslänglich, da hilft auch kein Bekenntnis als Agnostiker. Also doch auch ein Beispiel für „einmal katholisch, immer katholisch“?

 16. Dezember 2012  Posted by at 12:12 Religion, Symbole Tagged with: , , ,  Kommentare deaktiviert für Der Segen des Agnostikers
Jun 272012
 

Überlegungen zum Urteil des Kölner Landgerichts, Beschneidung von Jungen als unerlaubte Körperverletzung einzustufen.

Das Landgericht Köln hat ein bemerkenswertes Urteil zur Beschneidung eines vierjährigen muslimischen Jungen gefällt. Der auf Wunsch seiner Eltern durch einen muslimischen Arzt erfolgte operative Eingriff („blutige“ Entfernung der Vorhaut des Penis bei örtlicher Betäubung) wurde vom Kölner Landgericht in zweiter Instanz als Körperverletzung und bleibende Beeinträchtigung der Unversehrtheit des Jungen gewertet, nachdem das Amtsgericht zuvor den ausführenden Arzt frei gesprochen hatte. Der operierende Arzt ging diesmal nur straffrei aus, weil ihm Verbotsirrtum unterstellt wurde, er also nicht von einer strafbaren Handlung ausging. Das ist nun mit diesem Urteil für jeden anderen Arzt vorbei: Jeder eine Beschneidung vollziehende Arzt muss nun gewärtig sein, wegen Körperverletzung betraft zu werden.

Rainer Burger für die FAZ und Matthias Drobinski für die SZ haben den Fall sachlich ausführlich dargestellt. Am deutlichsten wird von Drobinski heraus gestellt, dass in der säkularen Gesellschaft mit diesem Urteil die bisherige Rechtssprechung qualitativ verändert wird: „Entscheidend ist nicht das Recht der Eltern auf Religions- und Erziehungsfreiheit, auch nicht das angenommene Wohl des Kindes, das nun im Schoße einer Religionsgemeinschaft aufwachsen kann. Entscheidend ist das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit.“ Drobinski sieht hierdurch den Rechtsfrieden und den bisherigen gesellschaftlichen Konsens in einer multireligiösen Gesellschaft gefährdet:

Es ist eine positivistische Argumentation unberührt und unbeeindruckt von Tradition und Geschichte des Abendlands und Orients – und das wahrhaft Bemerkenswerte an ihr ist, dass das Kölner Landgericht ihr folgt. Das Urteil vom Rhein spiegelt, wie sich das Verhältnis von Recht und Religion in einer Gesellschaft wandelt, die säkular und multireligiös wird. Irgendwann wird sich wohl Karlsruhe mit religiösen Beschneidungen befassen… Der Sinn für die eigenen christlichen Rituale geht verloren, die der anderen Religionen bleiben erst recht unverstanden, werden bestritten, bekämpft, die Gerichte werden angerufen – und zum Schiedsrichter… Manchmal zu Recht, wenn es zum Beispiel um dramatische Menschenrechtsverletzungen geht wie die Frauenbeschneidung, die nicht mehr ist als eine Gewalttat zum Zeichen dafür, dass Frauen nicht Herrinnen ihrer Sexualität sein dürfen. Manchmal aber ist es überhaupt nicht gut, wenn sich Richter zu Schiedsrichtern der Religion machen, sich über sie stellen, einen Rechtspositivismus quasi zur Ersatzreligion machen. Wo diese Grenze zwischen legitimem Einspruch im Namen des Grundgesetzes und Grenzüberschreitung liegt, das werden in den kommenden Jahren viele Urteile von vielen Gerichten neu justieren müssen, bis hin zum Verfassungsgericht.

Richter als Schiedsrichter über die Religion, das klingt nach unerlaubter „Grenzüberschreitung“, und so sieht es Drobinski zusammen mit dem Zentralrat der Juden auch. Die rechtswissenschaftliche Diskussion scheint aber, glaubt man der Einschätzung des in dieser Sache besonders engagierten Strafrechtlers Holm Putzke (Uni Passau), sich in dieser Richtung zu entwickeln. Putzke sieht in der Kölner Entscheidung ein „mutiges und richtiges Urteil“. Mein erster Gedanke ging in dieselbe Richtung wie Matthias Drobinski: Da ist ein Gericht selbstherrlich über eine lange abend- und morgenländische Tradition hinweg gegangen, eine typisch säkularistische, meinetwegen auch rechtspositivistisch vertretbare, aber gesellschaftlich und kulturell ignorante Arroganz. Aber so einfach liegt die Sache denn nach einigem Nachdenken doch nicht.

Genau die Frage der Grenzziehung zwischen den Ansprüchen positiven Rechts auf dem Hintergrund eines gesellschaftlich gewandelten, säkularen Wertekonsenses und dem Anspruch von Religionsgemeinschaften auf weiterhin ungehinderte und straffreie Ausübung ihrer traditionellen Riten und Gebräuche ist das Problem, und dies ist äußerst schwierig zu entscheiden. Wo ist das Kriterium dafür, die eine Beschneidung (von Mädchen) als inhumane und sexistische Körperverletzung zu brandmarken, die andere Beschneidung (von Jungen) als zwar blutigen und möglicherweise traumatischen, aber durch traditionelles religiöses Selbstverständnis gerechtfertigten Eingriff in die kindliche Unversehrtheit unbesehen hinzunehmen? Welche Kriterien gibt es, das traditionelle betäubungslose Schächten als dem Tierschutz widersprechende Grausamkeit der Tiertötung generell zu verbieten bzw. nur mit Ausnahmegenehmigung aus religiösen Gründen bisher (!) straffrei zu lassen (BVerfG Urteil von 2002 und BVerwG Urteil von 2006, siehe hier und auch Wikipedia), aber andererseits aus wirtschaftlichen Gründen (Akkordschlachtung) hinzunehmen, dass in unseren Schlachthöfen bis zu 12 % der Tiere ohne wirksame Betäubung getötet bzw. ausgeweidet werden? Aber selbst bei einer fachlich und rechtlich einwandfreien Schlachtpraxis wirkt die Grenzziehung zum Schächten willkürlich bzw. kulturell vorurteilsbehaftet. Weitere bekannte Themen dieser Grenzziehung zwischen säkularer Gesellschaft und ihren rechtlichen geronnenen Werten und religiösen Abweichungen und Eigenrechten betreffen den koedukativen Schwimmunterricht, Klassenfahrten, ja sogar das Kopftuchtragen. Doch ohne Zweifel geht das neue Urteil entschieden tiefer und greift eine wesentliche und identitätsstiftende Praxis von Religionsgemeinschaften, vor allem von Juden und Muslimen, an. Der Hinweis, das Kind solle sich später selber entscheiden können, ob es sich beschneiden lassen wolle, ist nur vordergründig ein „liberaler“ Ausweg, stellt doch die frühkindliche Beschneidung den religiösen Regelfall dar.

Knackpunkt bei all diesen Fragen bleibt die Grenzziehung zwischen gesellschaftlichen Werten und ihrem Anspruch auf rechtliche Durchsetzung und andererseits dem Eigenrecht religiöser Traditionen. Dabei lässt die Argumentation von Holm Putzke gegenüber diesem „archaischen Ritual“ an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig:

Männliche Beschneidungen sind im Islam und Judentum üblich. Diese religiöse Verwurzelung bot bisher einen gewissen Schutz gegenüber Kritikern und ihren Einwänden, so dass das archaische Ritual noch bis vor wenigen Jahren relativ ungestört vollzogen werden konnte. Dabei weisen gerade Ärzte schon lange darauf hin, dass der Eingriff bei Kindern keine medizinischen Vorteile mit sich bringe, er mit anderen Worten medizinisch sinnlos und unnötig sei. … Auf die Berufung der Staatsanwaltschaft hin setzt sich die Strafkammer am LG ausführlich und mustergültig mit dem juristischen Diskussionsstand auseinander. Zunächst verneint sie die Sozialadäquanz religiöser Beschneidungen, sagt also, dass der Eingriff den Tatbestand der Körperverletzung erfülle. Auch die elterliche Einwilligung rechtfertigt den Eingriff nicht, so die Kölner Richter, weil er dem Kindeswohl widerspreche. Zudem lassen sie das Argument nicht gelten, die Eltern wollten mit der Beschneidung verhindern, dass ihr Kind sozial ausgegrenzt werde. Dieser Aspekt wiege die irreversible Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit nicht auf. Den Grundrechten der Eltern auf freie Religionsausübung und ihr Erziehungsrecht stellt das Gericht das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung gegenüber. Seine Rechte zögen den elterlichen Befugnissen eine verfassungsimmanente Schranke. Die Beschneidung mit ihren dauerhaften und irreparablen Folgen laufe dem Interesse des Kindes zuwider, später selber über seine Religionszugehörigkeit zu entscheiden.

Immerhin wird in dem Urteil die „Sozialadäquanz“ bedacht – und verworfen. Dies öffnet allerdings die Tür für eine recht subjektiv geltende, zumindest vom jeweiligen „Zeitgeist“ beeinflusste Wertung. Denn was als jeweils „sozialadäquat“ zu gelten hat, ist durchaus strittig und erheblichen Veränderungen und persönlichen Standpunkten unterworfen. Mit diesem Hinweis scheint mir das Urteil hintergründig ein wenig Unwohlsein über den eigenen „Mut“ zu signalisieren. Denn es dürfte weder Professor Putzke noch den Kölner Richtern gelingen, die soziale Bedeutung, also Adäquanz, bestimmter religiöser Riten und identitätsstiftender Handlungen (Beschneidung, Taufe) für die Angehörigen einer Religionsgemeinschaft gegenwärtig angemessen zu beurteilen. Die Verwerfung der Sozialadäquanz, d.h. der fundamentalen sozialen Integration des Kindes in seinen religiös-kulturellen Zusammenhang, halte ich demnach für den Schwachpunkt des Urteils. Aber auch das reicht noch nicht für eine umfassende Beurteilung.

Es wird sehr deutlich, dass mit dieser Entscheidung des Kölner Gerichtes ein geeigneter Anlass für einen intensiven gesellschaftlich Diskurs gegeben sein sollte, für den juristische Grundfragen ebenso bedeutsam sein müssen wie das Gespräch über die Festlegung unseres Wertekanons, über die inhaltliche Grenzziehung zwischen säkularen und traditionell-religiösen Ansprüchen, über den Wert von Religion,Religionsfreiheit und Toleranzfähigkeit in unserer Gesellschaft überhaupt. Gerade das Bewusstsein, man vertrete die „richtigen“, universell gültigen Werte, muss immer fragwürdig bleiben, denn das taten die Kolonialisten und Sklavenhändler zu ihrer Zeit und in ihren Gesellschaften auch. Hier gilt es also sehr sorgsam zu unterscheiden und äußerst umsichtig zu argumentieren und zu entscheiden. Ob die Kölner Richter umsichtig genug waren, sei dahin gestellt. Dass sie aber der Gesellschaft insofern einen Dienst erwiesen haben, dass sie eine wichtige gesellschaftliche Diskussion auf die Tagesordnung bringen, das sei hier auch gesagt.

UPDATE: Die SZ bietet zu dem Artikel von M. Drobinski auch gleich einen Gegen-Kommentar von Markus C. Schulte von Drach.

Mrz 222009
 

>Nur eine kleine Beobachtung am Rande der eindrucksvollen Trauerfeier in der St. Borromäuskirche zu Winnenden. Profis hatten hier die Regie geführt. Maßgeblich war auch die Schulleiterin der Albertville-Realschule, Astrid Hahn. Der Gottesdienst sei wichtiger Teil der Trauerarbeit, hatte sie zuvor erklärt. In ihm müsse es vor allem darum gehen, dass die Schüler wieder Mut zur Zukunft fänden. Deshalb das von ihr ausgewählte Motto Martin Luther Kings „Ich habe einen Traum“ auf allen T-Shirts der Schülerinnen und Schüler. Deswegen ihre Ermutigung zum Weiterleben, gute Worte. Worte und Ansprachen waren aufs Äußerste begrenzt worden. Die Psychologen hätten dringend dazu geraten, auf Wortbeiträge zugunsten von Symbolen zu verzichten. Darum dann das sinnlich-konzentrierte Kerzenanzünden mit den gelben Rosen. Nichts war dem Zufall überlassen; hier hatten Profis eine „Gedenkmesse“als Staatsakt inszeniert, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Die gesamte politische Prominenz war zum Ritual erschienen.

Ach ja, Pfarrer und Kirchenleute kamen auch vor, am Rande. Gebetet wurde auch. Das hatte man erlaubt.
 22. März 2009  Posted by at 07:05 Kirchen, Symbole, Winnenden Kommentare deaktiviert für >Funktionales Mosaik